Dietrich Bonhoeffer

Aus Yogawiki

Dietrich Bonhoeffer (4. Februar 1906 in Breslau – 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg) war ein deutscher evangelischer Theologe, Pastor und Gegner des Nationalsozialismus. Sein Leben und Denken verbinden christliche Spiritualität, Meditation, Gemeinschaft, Gewissen, ethische Verantwortung und schließlich den aktiven Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur.

Dietrich Bonhoeffer 1939 auf dem Sigurdshof in Pommern – Theologe, Vertreter der Bekennenden Kirche und später Beteiligter am Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Dietrich Bonhoeffer – Theologe, Spiritualität und Widerstand

Kindheit, Familie und Studium

Das Bonhoeffer-Haus in Berlin – hier lebte die Familie Bonhoeffer; das Haus erinnert heute an Dietrich Bonhoeffer und den Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester Sabine in Breslau, dem heutigen Wrocław in Polen, geboren. Er wuchs als eines von acht Kindern in einer akademisch geprägten Familie auf. Sein Vater Karl Bonhoeffer war ein bedeutender Psychiater und Neurologe.

1912 zog die Familie nach Berlin. Dietrich Bonhoeffer entschied sich früh für die Theologie und studierte in Tübingen, Rom und Berlin. Bereits 1927 wurde er mit der theologischen Arbeit Sanctorum Communio promoviert. Wenige Jahre später habilitierte er sich.

Nach einem Vikariat in Barcelona verbrachte Bonhoeffer 1930/31 ein Studienjahr am Union Theological Seminary in New York. Besonders prägend wurde für ihn die Begegnung mit der Abyssinian Baptist Church in Harlem. Dort erlebte er die Spiritualität einer afroamerikanischen Gemeinde und wurde zugleich unmittelbar mit dem Rassismus und der gesellschaftlichen Ausgrenzung schwarzer Menschen in den Vereinigten Staaten konfrontiert.

Seine internationalen Kontakte stärkten außerdem sein Interesse an der ökumenischen Bewegung und an der Frage, welche Verantwortung Christen angesichts von Krieg, Gewalt und gesellschaftlichem Unrecht tragen.

Bonhoeffer als Theologe

Im Mittelpunkt von Bonhoeffers Theologie stand nicht eine vom Leben getrennte religiöse Theorie. Christlicher Glaube sollte sich nach seinem Verständnis im konkreten Leben bewähren.

In Werken wie Nachfolge, Gemeinsames Leben und den später entstandenen Manuskripten zur Ethik beschäftigte er sich mit der Frage, was verantwortliches christliches Handeln bedeutet.

Besonders wichtig war ihm die Orientierung an Jesus Christus und an der Bergpredigt. Glaube bedeutete für Bonhoeffer nicht nur Zustimmung zu bestimmten Lehren, sondern hatte Konsequenzen für die Art, wie ein Mensch lebt, entscheidet und anderen Menschen begegnet.

Nationalsozialismus und Bekennende Kirche

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 gerieten auch die evangelischen Kirchen zunehmend unter politischen und ideologischen Druck. Die Bewegung der sogenannten „Deutschen Christen“ versuchte, nationalsozialistische und rassistische Vorstellungen mit dem Christentum zu verbinden und die evangelische Kirche entsprechend umzugestalten.

Bonhoeffer gehörte früh zu den Kritikern dieser Entwicklung. Bereits 1933 setzte er sich mit der Frage auseinander, wie die Kirche auf staatliches Unrecht und insbesondere auf die Ausgrenzung von Menschen jüdischer Herkunft reagieren müsse.

Aus dem kirchlichen Konflikt entstand 1934 die Bekennende Kirche. Sie widersetzte sich vor allem der ideologischen Gleichschaltung der evangelischen Kirche. Dabei sollte jedoch zwischen kirchlichem und politischem Widerstand unterschieden werden: Die Bekennende Kirche als Ganzes war keine politische Widerstandsorganisation gegen das NS-Regime. Bonhoeffers eigener Widerstand ging im Laufe der folgenden Jahre deutlich darüber hinaus.

Finkenwalde – Gemeinschaft, Gebet und Meditation

Gedenkstein in Finkenwalde – Dietrich Bonhoeffer leitete hier von 1935 bis 1937 das Predigerseminar der Bekennenden Kirche.

1935 übernahm Bonhoeffer die Leitung eines Predigerseminars der Bekennenden Kirche, das schließlich in Finkenwalde bei Stettin eingerichtet wurde. Dort entstand eine besondere Form gemeinschaftlichen geistlichen Lebens.

Zum Tagesablauf gehörten gemeinsames Gebet, das Lesen der Bibel, Stille und Meditation. Bonhoeffer und seine Mitstreiter entwickelten eine Anleitung zur täglichen Meditation. Dabei wurde ein Bibeltext nicht lediglich wissenschaftlich analysiert, sondern über einen längeren Zeitraum in der Stille betrachtet und innerlich aufgenommen.

Die Meditationszeit wurde zu einem zentralen Bestandteil des Lebens in Finkenwalde. Für Bonhoeffer gehörten persönliche Stille und Gemeinschaft zusammen: Der Einzelne sollte Zeit des Schweigens und der Sammlung haben, zugleich aber in eine Gemeinschaft eingebunden bleiben.

Aus den Erfahrungen dieser Zeit entstand später das Buch Gemeinsames Leben. Darin beschreibt Bonhoeffer Grundlagen christlicher Gemeinschaft und geistlicher Praxis.

1937 schloss die Gestapo das Predigerseminar. Bonhoeffer setzte die Ausbildung angehender Pastoren zeitweise im Untergrund fort.

Meditation bei Dietrich Bonhoeffer

Der Begriff Meditation bezeichnet bei Bonhoeffer eine ausdrücklich christliche Praxis. Im Mittelpunkt steht die konzentrierte Betrachtung eines biblischen Textes und die Offenheit dafür, was dieser Text für das eigene Leben bedeutet.

Damit unterscheidet sich seine Meditation in Grundlage und Ziel von vielen Formen der Meditation innerhalb des Yoga und der indischen Religionen. Dennoch lassen sich Berührungspunkte erkennen: die bewusste Zeit der Stille, Sammlung, regelmäßige Übung und die Überzeugung, dass spirituelle Erkenntnis nicht allein durch intellektuelles Nachdenken entsteht.

Für Bonhoeffer durfte die innere Sammlung jedoch nicht zur Flucht aus der Welt werden. Gebet und Meditation sollten den Menschen auch dazu befähigen, verantwortlich zu leben und zu handeln.

Widerstand und Verantwortung

Bonhoeffers Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus entwickelte sich zunehmend von kirchlicher Opposition zu politischem Widerstand.

Über seinen Schwager Hans von Dohnanyi erhielt er Verbindung zu Widerstandskreisen innerhalb der militärischen Abwehr. Bonhoeffer wurde selbst Mitarbeiter der Abwehr und nutzte seine internationalen ökumenischen Kontakte unter anderem dazu, Vertreter im Ausland über den deutschen Widerstand zu informieren.

Gemeinsam mit Friedrich Justus Perels übermittelte er zudem Informationen über die Deportation von Juden aus Berlin. Bonhoeffer war außerdem in das sogenannte Unternehmen U7 eingebunden, durch das eine Gruppe von Juden mit Hilfe der Abwehr aus Deutschland in die Schweiz gebracht wurde.

Sein Weg führte ihn damit zu einer schwierigen ethischen Frage: Was bedeutet verantwortliches Handeln, wenn ein Mensch in ein System von Gewalt und Unrecht gestellt ist und auch durch Widerstand nicht vollkommen schuldlos bleiben kann?

Diese Auseinandersetzung prägte seine Ethik. Verantwortung bedeutete für Bonhoeffer nicht, sich um jeden Preis die eigene moralische Reinheit zu bewahren. Entscheidend war für ihn das konkrete verantwortliche Handeln für andere Menschen.

Verhaftung und Gefängnis

Am 5. April 1943 wurde Dietrich Bonhoeffer verhaftet und zunächst im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel inhaftiert.

Auch während der Haft setzte er seine theologische und persönliche Arbeit fort. Er schrieb Briefe an seine Familie, seine Verlobte Maria von Wedemeyer und seinen Freund Eberhard Bethge. Viele seiner Briefe und Aufzeichnungen wurden nach dem Krieg unter dem Titel Widerstand und Ergebung veröffentlicht.

Die Gefängnisbriefe zeigen einen Menschen, der angesichts von Ungewissheit, Isolation und Gefahr grundlegende Fragen neu durchdenkt:

  • Was bedeutet Glaube in einer mündig gewordenen Welt?
  • Wie kann von Gott gesprochen werden?
  • Was trägt einen Menschen, wenn vertraute Sicherheiten wegfallen?

Dabei blieb Bonhoeffers Spiritualität nicht auf abstrakte theologische Fragen beschränkt. Musik, Erinnerungen, Freundschaft, Gebet und die geistige Verbundenheit mit anderen Menschen gewannen während der Haft besondere Bedeutung.

Von guten Mächten

Zu den bekanntesten Texten Dietrich Bonhoeffers gehört das Gedicht „Von guten Mächten“. Er schrieb es im Dezember 1944 während seiner Haft im Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin und fügte es seinem Weihnachtsbrief vom 19. Dezember an seine Verlobte Maria von Wedemeyer bei.

Bonhoeffer befand sich zu diesem Zeitpunkt seit mehr als anderthalb Jahren in Haft und musste mit einem ungewissen Ausgang seines Verfahrens rechnen. Dennoch spricht das Gedicht von Vertrauen und einer inneren Verbundenheit mit den Menschen, die ihm nahestanden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Text vielfach vertont und entwickelte sich zu einem der bekanntesten geistlichen Lieder des 20. Jahrhunderts. Besonders häufig wird er zum Jahreswechsel, in Zeiten des Abschieds und in schwierigen Lebenssituationen gesungen.

Auch bei Yoga Vidya gehört Von guten Mächten zu den spirituellen Liedern. Es ist im Yoga Vidya Kirtanheft unter der Nummer 512 aufgenommen und wird auch im Satsang gesungen. Ein Mitschnitt aus dem Jahr 2019 zeigt Lisa mit „Von guten Mächten“ während eines Satsangs bei Yoga Vidya.

Die Aufnahme in das Kirtanheft ist zugleich ein Beispiel dafür, wie ein ursprünglich aus einer konkreten christlichen Lebens- und Glaubenssituation entstandener Text Menschen über seine ursprüngliche Umgebung hinaus ansprechen kann. Vertrauen, Geborgenheit und die Hoffnung, auch in einer unsicheren Situation getragen zu sein, sind Erfahrungen, die Menschen unterschiedlicher spiritueller Traditionen miteinander verbinden können.

„Von guten Mächten“ von Dietrich Bonhoeffer – gesungen von Lisa 2019 in einem Satsang bei Yoga Vidya.

Seine besondere Wirkung erhält das Lied auch aus dem Spannungsverhältnis zwischen der bedrängenden Situation seiner Entstehung und dem darin ausgedrückten Vertrauen. Das Leid wird nicht geleugnet. Gleichzeitig bleibt die Hoffnung bestehen, auch durch das Ungewisse hindurch getragen zu sein.

Letzte Monate und Ermordung

KZ Flossenbürg – hier wurde Dietrich Bonhoeffer am 9. April 1945, wenige Wochen vor Kriegsende, ermordet.

Nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 wurden weitere Unterlagen gefunden, die Bonhoeffers Verbindung zum politischen Widerstand deutlicher erkennen ließen. Seine Haftbedingungen verschärften sich.

Im Februar 1945 wurde er in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Während der letzten Wochen des Krieges transportierte die SS Bonhoeffer gemeinsam mit anderen Gefangenen weiter.

Am 8. April 1945 hielt Bonhoeffer im Schulhaus von Schönberg, wo eine Gruppe von Sonderhäftlingen untergebracht war, noch eine Morgenandacht. Anschließend wurde er abgeholt und in das Konzentrationslager Flossenbürg gebracht.

Dort fand am Abend ein von der SS organisiertes Standgerichtsverfahren statt. Am frühen Morgen des 9. April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer gemeinsam mit weiteren Angehörigen des Widerstands im Arresthof des Konzentrationslagers Flossenbürg erhängt.

Nur wenige Wochen später endete der Zweite Weltkrieg in Europa.

Ethik, Gewissen und Schuld

Ein besonders anspruchsvoller Aspekt von Bonhoeffers Denken betrifft die Frage nach Schuld und Verantwortung.

In einer Diktatur konnte es Situationen geben, in denen die bloße Befolgung bestehender Gesetze selbst zur Beteiligung am Unrecht führte. Bonhoeffer beschäftigte deshalb die Frage, ob ein verantwortlicher Mensch bereit sein müsse, handelnd in eine Situation einzutreten, obwohl er dabei nicht mit der Gewissheit rechnen könne, vollkommen schuldlos zu bleiben.

Damit unterscheidet sich Verantwortung von einer Haltung, die vor allem darauf bedacht ist, die eigene moralische Reinheit zu bewahren. Für Bonhoeffer musste sich Ethik an der konkreten Wirklichkeit und am Mitmenschen bewähren.

Sein eigenes Leben verlieh dieser Frage besondere Schärfe. Aus dem Theologen, der sich intensiv mit Frieden und der Bergpredigt beschäftigt hatte, wurde ein Beteiligter am politischen Widerstand gegen eine verbrecherische Diktatur.

Gemeinschaft und Dienst am Menschen

Ein wiederkehrendes Thema Bonhoeffers ist die Gemeinschaft. Spiritualität sollte für ihn nicht zu einer ausschließlich privaten Angelegenheit werden.

In Finkenwalde verband er persönliche Meditation und Stille mit gemeinsamem Gebet, Arbeit und gegenseitiger Unterstützung. Auch später blieb die Frage zentral, wie christlicher Glaube dem anderen Menschen dienen kann.

Hier lässt sich eine vorsichtige Brücke zum yogischen Begriff des Seva, des selbstlosen Dienens, ziehen. Die theologischen Grundlagen sind verschieden, doch beide Perspektiven stellen die Frage, wie sich Spiritualität im Umgang mit anderen Menschen und im konkreten Handeln ausdrückt.

Dietrich Bonhoeffer aus der Sicht des Yoga

Dietrich Bonhoeffer war christlicher Theologe und sollte nicht nachträglich zu einem Vertreter yogischer oder hinduistischer Spiritualität gemacht werden. Dennoch können einige Aspekte seines Lebens für Menschen interessant sein, die sich mit Yoga, Meditation und vergleichender Spiritualität beschäftigen.

Dazu gehört zunächst seine Erfahrung regelmäßiger Meditation. Bonhoeffer kannte die Bedeutung von Stille, Sammlung und kontinuierlicher spiritueller Praxis. Gleichzeitig betonte er Gemeinschaft und verantwortliches Handeln.

Auch die Verbindung von innerer Haltung und äußerem Tun bietet einen Berührungspunkt. Im Yoga wird spirituelle Entwicklung nicht nur mit Meditation verbunden. Karma Yoga stellt beispielsweise die Frage, wie Handeln ohne egoistische Verhaftung und im Dienst an anderen zu einem spirituellen Weg werden kann.

Bonhoeffers Leben stellt diese Verbindung von Spiritualität und Handeln unter extremen historischen Bedingungen vor Augen. Seine Meditation führte nicht zum Rückzug aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Sein Glaube stellte ihn vielmehr immer stärker vor die Frage, welche Verantwortung er gegenüber anderen Menschen übernehmen musste.

Die Traditionen bleiben dabei verschieden. Gerade deshalb kann der Vergleich fruchtbar sein: Nicht indem Unterschiede verwischt werden, sondern indem sichtbar wird, dass Menschen in unterschiedlichen spirituellen Traditionen nach dem Verhältnis von innerer Sammlung, ethischer Verantwortung, Mitgefühl, Gemeinschaft und Handeln fragen.

Bedeutung und Wirkung

Dietrich Bonhoeffer gehört heute zu den international bekanntesten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Seine Werke werden weit über den deutschsprachigen Protestantismus hinaus gelesen.

Seine Bedeutung beruht dabei nicht allein auf seinem Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seiner Ermordung. Bücher wie Nachfolge und Gemeinsames Leben, die unvollendet gebliebene Ethik sowie die Gefängnisbriefe aus Widerstand und Ergebung beschäftigen sich mit Fragen, die über ihre historische Entstehungssituation hinausreichen.

Wie kann ein Mensch verantwortlich handeln? Welche Bedeutung haben Gemeinschaft und Stille? Wie verhält sich persönlicher Glaube zu gesellschaftlichem Unrecht? Was trägt einen Menschen in einer Situation, die er nicht kontrollieren kann?

Bonhoeffers Leben gibt auf diese Fragen keine einfachen Antworten. Es zeigt jedoch, dass Spiritualität und Verantwortung füreinander nicht getrennt werden müssen.

Siehe auch