Dakshina Kali
Dakshina Kali (Sanskrit: दक्षिणकाली, dakṣiṇakālī), auch Dakshinakalika, ist die bekannteste und am meisten verehrte Erscheinungsform der Göttin Kali. Sie wird besonders in Bengalen verehrt und ist die Gestalt Kalis, die man von unzähligen Bildern kennt: eine dunkle, nackte Göttin mit vier Armen, aufgelöstem Haar und herausgestreckter Zunge, mit einer Kette aus Köpfen um den Hals, die mit dem rechten Fuß voran auf dem liegenden Shiva steht.
So furchterregend ihre Gestalt wirkt, so liebevoll ist ihr Wesen für ihre Verehrer. Mit der einen Hand hält sie das Schwert der Erkenntnis und einen abgeschlagenen Kopf, Sinnbild des überwundenen Ichs; mit den beiden anderen Händen gewährt sie Schutz und Segen. Für ihre Verehrer ist sie die Mutter, die alle Angst nimmt, die das Ego zerstört und die Seele zur Befreiung führt.
Ihr berühmtester Verehrer war Ramakrishna im Tempel von Dakshineswar bei Kolkata, für den sie die lebendige Mutter des Universums war. In der Yoga-Tradition wird Kali als Kraft der Reinigung und Verwandlung verehrt, etwa im Kirtan Kali Durge Namo Namah, der auch in der Tradition von Swami Sivananda und bei Yoga Vidya gesungen wird.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Merkmal | Einordnung |
|---|---|
| Name | Dakshina Kali, Dakshinakalika |
| Sanskrit | दक्षिणकाली, dakṣiṇakālī |
| Bedeutung | „Die südliche“ oder „die rechte“ Kali; auch „die Gebende“ |
| Gestalt | Dunkel, nackt, vier Arme, aufgelöstes Haar, herausgestreckte Zunge, Kette aus Köpfen, Rock aus Armen |
| Haltung | Steht mit dem rechten Fuß voran auf dem liegenden Shiva |
| Attribute | Schwert, abgeschlagener Kopf; Gesten der Furchtlosigkeit (Abhaya) und des Segens (Varada) |
| Tradition | Shaktismus, Tantra; erste der zehn Mahavidyas |
| Wichtige Tempel | Dakshineswar und Kalighat (Kolkata) |
| Berühmte Verehrer | Ramakrishna, Ramprasad Sen, Swami Vivekananda |
| Feste | Kali Puja (Neumond im Oktober/November), Navaratri |
| Keimsilbe | Krim |
Der Name
Das Wort Dakshina hat mehrere Bedeutungen, und die Tradition kennt verschiedene Erklärungen für den Namen:
- Die Rechte: Dakshina bedeutet „rechts“. Dakshina Kali setzt ihren rechten Fuß voran auf Shiva. Die Form, die den linken Fuß voransetzt, heißt Vama Kali und wird eher in den esoterischen Linken-Hand-Richtungen des Tantra verehrt. Dakshina Kali gilt als die mildere, für Hausleute geeignete Form.
- Die Südliche: Dakshina bedeutet auch „Süden“. Der Süden ist die Richtung Yamas, des Todesgottes. Nach einer Deutung flieht Yama, wenn er den Namen Kalis hört; sie ist also die, die selbst den Tod besiegt.
- Die Gebende: Dakshina ist auch die Gabe, die man einem Lehrer oder Priester nach einem Ritual darreicht. Dakshina Kali ist die, die die Frucht aller Verehrung schenkt, die höchste Gabe: die Befreiung.
Kali selbst bedeutet „die Schwarze“ und hängt mit Kala, „Zeit“, zusammen. Kali ist die Macht der Zeit, die alles verschlingt, und zugleich die, die jenseits der Zeit steht.
Die Gestalt und ihre Symbolik
Die klassische Meditationsstrophe (Dhyana Shloka) beschreibt Dakshina Kali so:
- करालवदनां घोरां मुक्तकेशीं चतुर्भुजाम्।
- कालिकां दक्षिणां दिव्यां मुण्डमालाविभूषिताम्॥
- karāla-vadanāṃ ghorāṃ mukta-keśīṃ catur-bhujām
- kālikāṃ dakṣiṇāṃ divyāṃ muṇḍa-mālā-vibhūṣitām
Mit furchterregendem Antlitz, schrecklich, mit gelöstem Haar und vier Armen,
die göttliche Dakshina Kalika, geschmückt mit einer Kette aus Köpfen.
Eigene Übersetzung.
Jedes Merkmal ihrer Gestalt hat eine tiefe Bedeutung:
| Merkmal | Bedeutung |
|---|---|
| Schwarze oder tiefblaue Farbe | Wie Schwarz alle Farben in sich aufnimmt, so nimmt Kali alle Formen und Namen in sich auf. Sie ist das grenzenlose, formlose Absolute, wie der Nachthimmel oder die Tiefe des Ozeans. |
| Nacktheit | Sie ist von keinem Gewand der Täuschung (Maya) bedeckt. Ihr „Kleid“ ist der Raum selbst; sie wird deshalb auch Digambari genannt, „die mit dem Himmel Bekleidete“. |
| Aufgelöstes Haar | Freiheit von allen Bindungen und Konventionen |
| Schwert (obere linke Hand) | Das Schwert der Erkenntnis, das die Unwissenheit und die Fesseln des Ichs durchtrennt |
| Abgeschlagener Kopf (untere linke Hand) | Das überwundene Ego, das falsche Ich, das sie dem Verehrer abnimmt |
| Geste der Furchtlosigkeit (Abhaya Mudra, obere rechte Hand) | „Fürchte dich nicht“: Schutz für ihre Verehrer |
| Geste des Segens (Varada Mudra, untere rechte Hand) | Sie gewährt Segen und Befreiung |
| Kette aus 50 Köpfen | Die 50 Buchstaben des Sanskrit-Alphabets, aus denen alle Worte und Klänge entstehen: Kali ist die Mutter des Klanges, Shabda Brahman. Zugleich die überwundenen Ich-Identifikationen. |
| Rock aus abgeschlagenen Armen | Die Arme stehen für das Handeln. Kali nimmt die Früchte des Handelns, das Karma, von ihren Verehrern. |
| Herausgestreckte Zunge | Nach einer volkstümlichen Deutung Ausdruck der Überraschung und Scham, als sie merkt, dass sie auf Shiva steht. Nach anderer Deutung ist die rote Zunge (Rajas) von den weißen Zähnen (Sattva) gehalten: die Leidenschaft wird durch Reinheit beherrscht. |
| Drei Augen | Sie sieht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; das dritte Auge ist das Auge der Weisheit. |
| Der Leichenverbrennungsplatz | Ihr Aufenthaltsort, wo alles Vergängliche verbrennt. Spirituell ist es das Herz des Verehrers, in dem alle Wünsche und Anhaftungen verbrannt sind. |
Kali und Shiva
Das Bild der Göttin, die auf dem liegenden Shiva steht, ist eines der bekanntesten Bilder Indiens und hat mehrere Deutungen.
Die Legende
Nach einer volkstümlichen Legende geriet Kali nach dem Sieg über die Dämonen in einen wilden Tanz der Zerstörung, der die ganze Welt bedrohte. Niemand konnte sie aufhalten. Da legte sich Shiva vor ihr auf den Boden. Als sie auf ihn trat und ihren Gatten unter ihren Füßen erkannte, hielt sie inne, streckte erschrocken die Zunge heraus und ihr Zorn verwandelte sich in Liebe.
Die philosophische Deutung
In der Philosophie des Tantra steht Shiva für das reine, unbewegte Bewusstsein, Kali für die dynamische Kraft, die Shakti. Shiva liegt still da, oft weiß und wie ein Leichnam (Shava); erst durch die Shakti wird er lebendig. Ohne Shakti ist Shiva Shava, ein Leichnam; mit ihr ist er Shiva, der Glückverheißende. Das Bild zeigt, dass Bewusstsein und Energie untrennbar zusammengehören: Das Bewusstsein ist der Grund, auf dem die Energie tanzt. In manchen Darstellungen liegen zwei Gestalten Shivas übereinander: Der untere ist das formlose Absolute, der obere das Absolute, das zur Schöpfung erwacht.
Kali in der Mythologie
Die Geburt aus Durgas Stirn
Das Devi Mahatmya erzählt, wie die Göttin Durga gegen die Dämonen Chanda und Munda kämpfte. Als ihr Zorn wuchs, wurde ihre Stirn dunkel, und aus ihr trat Kali hervor, furchterregend und unbesiegbar. Sie besiegte Chanda und Munda und erhielt dafür den Namen Chamunda.
Der Sieg über Raktabija
Später kämpfte die Göttin gegen den Dämon Raktabija, dessen Name „Blutsame“ bedeutet: Aus jedem Tropfen seines Blutes, der zu Boden fiel, entstand ein neuer Dämon. Kali streckte ihre Zunge weit aus und fing jeden Tropfen auf, bevor er die Erde berührte, bis Raktabija besiegt war.
Spirituell wird dies so gedeutet: Raktabija steht für die Wünsche und Gedanken, aus denen immer neue Wünsche entstehen. Nur die Kraft der göttlichen Mutter kann diesen Kreislauf durchbrechen, indem sie die Gedanken an der Wurzel auflöst.
Die erste der zehn Mahavidyas
In der tantrischen Tradition gilt Kali als die erste der zehn Mahavidyas, der zehn „großen Weisheitsgöttinnen“, die verschiedene Aspekte der einen Göttlichen Mutter darstellen. Zu ihnen gehören auch Tara, Tripurasundari (Lalita), Bhuvaneshvari, Bhairavi, Chinnamasta, Dhumavati, Bagalamukhi, Matangi und Kamala. Kali steht am Anfang, weil sie die höchste, alles umfassende Wirklichkeit verkörpert, aus der alle anderen Formen hervorgehen.

Ramakrishna und die Kali von Dakshineswar
Die berühmteste Verehrung der Dakshina Kali ist mit Ramakrishna (1836–1886) verbunden. Ramakrishna war Priester im Kali-Tempel von Dakshineswar am Ufer des Ganges bei Kolkata, wo die Göttin als Bhavatarini verehrt wird, „die über den Ozean des Daseins Hinüberführende“. Der Tempel wurde 1855 von der Wohltäterin Rani Rashmoni errichtet.
Ramakrishna sehnte sich mit solcher Leidenschaft danach, die Mutter zu sehen, dass er Tag und Nacht weinte und betete. Als er, verzweifelt über ihr Schweigen, nach dem Schwert im Tempel griff, um seinem Leben ein Ende zu setzen, hatte er nach seinem eigenen Bericht eine überwältigende Schau: Ein Ozean aus Licht und Glückseligkeit überflutete alles. Von da an war Kali für ihn die lebendige Mutter, mit der er sprach, scherzte und betete, die ihn führte und lehrte. Später verehrte er seine Frau Sarada Devi als Verkörperung der Göttin.
Ramakrishnas Schüler Swami Vivekananda schrieb das berühmte Gedicht Kali the Mother und trug die Lehre seines Meisters in die Welt.
Weitere Verehrer
- Ramprasad Sen (18. Jahrhundert): Der bengalische Dichter schrieb zahlreiche innige Lieder an Kali, die bis heute in Bengalen gesungen werden. In ihnen spricht er mit der Göttin wie ein Kind mit seiner Mutter, mal zärtlich, mal fordernd, mal klagend.
- Kamalakanta: Ein weiterer bengalischer Dichter der Kali-Verehrung in der Tradition Ramprasads.
- Sri Aurobindo und die Mutter sahen in Kali eine der großen Kräfte der göttlichen Shakti.
- In der Tradition von Swami Sivananda wird Kali zusammen mit Durga als Aspekt der Göttlichen Mutter verehrt, besonders während Navaratri.
Verehrung
Kali Puja
Das wichtigste Fest der Dakshina Kali ist die Kali Puja in der Neumondnacht des Monats Kartik (Oktober/November), zur Zeit des Lichterfestes Diwali. Besonders in Bengalen wird sie die ganze Nacht hindurch mit Gebeten, Liedern und Lichtern gefeiert.
Tempel
Neben Dakshineswar ist der Tempel von Kalighat in Kolkata eines der wichtigsten Heiligtümer der Kali. Kolkata soll seinen Namen von Kalighat haben. Auch in vielen anderen Orten Indiens und weltweit gibt es Kali-Tempel.
Mantra und Kirtan
Die Keimsilbe (Bija Mantra) Kalis ist Krim. Ein bekanntes Mantra ist Om Krim Kalikayai Namaha („Om, Verehrung Kali“). Die umfassenderen Mantras der Dakshina Kali werden in der tantrischen Tradition durch Einweihung vom Lehrer weitergegeben.
In der Tradition von Swami Sivananda und bei Yoga Vidya wird Kali vor allem im Kirtan verehrt, etwa:
- Kali Durge Namo Namah
- Uma Durge Namo Namah
Die Bedeutung Kalis für Yoga-Übende
Die Mutter, die das Ego zerstört
Für den spirituellen Weg ist Kali die Kraft, die das falsche Ich zerstört. Der abgeschlagene Kopf in ihrer Hand ist der Kopf des Egos. Was als Zerstörung erscheint, ist in Wahrheit Befreiung: Das Vergängliche wird genommen, damit das Ewige sichtbar wird.
Furchtlosigkeit
Kali ist furchterregend für das Ego, aber sie schenkt dem Verehrer Furchtlosigkeit. Ihre erhobene Hand sagt: „Fürchte dich nicht.“ Wer die Angst vor Vergänglichkeit, Verlust und Tod ansieht und Zuflucht bei der Mutter sucht, findet inneren Frieden.
Die Annahme des Ganzen
Kali lehrt, das Leben in seiner Ganzheit anzunehmen: Licht und Dunkel, Geburt und Tod, Schönes und Schreckliches. Sie ist nicht nur die liebliche Göttin, sondern auch die Kraft der Vergänglichkeit. Wer sie als Mutter in allem erkennt, kann auch die schweren Seiten des Lebens mit Vertrauen tragen.
Shakti und Kundalini
Im Kundalini Yoga und im Tantra wird Kali als die erwachte Shakti verstanden, die die Hindernisse auf dem Weg der Kundalini beseitigt und zur Vereinigung mit Shiva führt.
Hingabe wie ein Kind
Ramakrishna und Ramprasad zeigen eine Hingabe, die von kindlichem Vertrauen getragen ist. Sie sprachen mit Kali wie mit ihrer Mutter. Diese Haltung ist eine schöne Form des Bhakti Yoga.
Ein Hinweis
Die Gestalt der Dakshina Kali ist ein religiöses Symbol, das in einer langen Tradition gedeutet wird. Ihre Darstellung mit abgeschlagenen Köpfen und am Verbrennungsplatz ist symbolisch zu verstehen: als Bild für das Überwinden des Egos und der Todesangst, nicht als Verherrlichung von Gewalt.
Beziehungen zu anderen Gottheiten und Persönlichkeiten
Shiva ist ihr Gatte und das Bewusstsein, auf dem sie steht. Durga ist die Göttin, aus deren Stirn sie nach dem Devi Mahatmya hervorging. Parvati und Lalita sind weitere Erscheinungsformen der einen Göttlichen Mutter. Ramakrishna, Ramprasad Sen und Swami Vivekananda gehören zu ihren großen Verehrern. Die Mahavidyas sind die zehn Weisheitsgöttinnen, deren erste sie ist. Mit der Kamakala der Shri Vidya teilt sie den Gedanken der Einheit von Shiva und Shakti.
Anregungen für Yoga und Meditation
- Das Ego übergeben: Stelle dir in der Meditation vor, du übergibst der Göttlichen Mutter eine Last, eine Angst oder eine Gewohnheit, die dich bindet. Lass sie mit dem Schwert der Erkenntnis durchtrennen.
- Furchtlosigkeit üben: Denke an etwas, das dir Angst macht, und wiederhole innerlich: „Mutter, ich nehme Zuflucht bei dir. Fürchte dich nicht.“
- Kirtan singen: Singe Kali Durge Namo Namah mit Hingabe und spüre die reinigende Kraft des Klanges.
- Wie ein Kind beten: Sprich wie Ramakrishna einfach und vertrauensvoll mit der Göttlichen Mutter über das, was dich bewegt.
- Die Dunkelheit annehmen: Setze dich in einen dunklen Raum oder schließe die Augen und verweile in der Dunkelheit als dem Schoß, aus dem alles Licht hervorgeht, auch als Abschluss deiner Yogapraxis.

Die dunkle Mutter
Dakshina Kali ist die Göttin, vor der das Ego erschrickt und in deren Armen die Seele Ruhe findet. Sie ist dunkel wie die Nacht, aus der der Morgen geboren wird, und furchterregend wie der Tod, der doch nur das Vergängliche nimmt. Für ihre Verehrer ist sie vor allem eines: die Mutter, die liebt, schützt und befreit.
Siehe auch
- Kali
- Durga
- Parvati
- Shiva
- Shakti
- Mahavidya
- Devi Mahatmya
- Navaratri
- Ramakrishna
- Ramprasad Sen
- Swami Vivekananda
- Tantra
- Kundalini Yoga
- Kamakala
- Bhakti Yoga
- Kirtan
Quellen und Literatur
- Devi Mahatmya (Teil des Markandeya Purana), Kapitel 7 und 8.
- David Kinsley: Hindu Goddesses. Visions of the Divine Feminine in the Hindu Religious Tradition. Berkeley 1986.
- David Kinsley: Tantric Visions of the Divine Feminine. The Ten Mahavidyas. Berkeley 1997.
- Rachel Fell McDermott, Jeffrey J. Kripal (Hg.): Encountering Kali. In the Margins, at the Center, in the West. Berkeley 2003.
- Swami Nikhilananda (Übers.): The Gospel of Sri Ramakrishna. New York 1942.
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