Acharakkovai

Aus Yogawiki

Acharakkovai (Tamil: ஆசாரக்கோவை, Ācārakkōvai, „Kranz des rechten Verhaltens“; auch Asarakkovai) ist ein tamilisches Lehrgedicht über gutes Verhalten, Reinheit und die rechte Lebensführung im Alltag. Es gehört zu den Patinenkilkanakku, den „achtzehn kleineren Werken“ der klassischen tamilischen Literatur, und wird dem Dichter Peruvayil Mulliyar zugeschrieben. Das Werk entstand in der Zeit nach der Sangam-Zeit, wahrscheinlich etwa im 5. oder 6. Jahrhundert.

In rund hundert kurzen Strophen beschreibt das Acharakkovai, wie ein Mensch seinen Tag gestalten, sich rein halten, essen, schlafen, andere Menschen ehren und sich in der Gemeinschaft verhalten soll. Es ist damit eines der frühesten tamilischen Zeugnisse einer Lehre der täglichen Lebensführung, wie sie im Sanskrit als Achara oder Sadachara bekannt ist. Für Yoga-Übende ist es besonders interessant, weil es viele Gedanken enthält, die an Shaucha, die Reinheit als ersten Niyama, und an die ayurvedische Tagesroutine (Dinacharya) erinnern.

Der Tag beginnt mit Sammlung: Das Acharakkovai empfiehlt, früh aufzustehen und den Tag bewusst zu gestalten.

Acharakkovai auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Titel Acharakkovai; auch Asarakkovai
Tamil ஆசாரக்கோவை (Ācārakkōvai)
Bedeutung „Kranz (Girlande) des rechten Verhaltens“
Verfasser Peruvayil Mulliyar
Entstehung Nach-Sangam-Zeit, wahrscheinlich etwa 5. oder 6. Jahrhundert; die Datierung ist umstritten
Umfang Rund hundert kurze Strophen
Versmaß Venba in verschiedenen Formen
Zugehörigkeit Eines der achtzehn kleineren Werke (Patinenkilkanakku)
Thema Rechtes Verhalten, Reinheit, Tagesablauf, Umgang mit anderen
Vorbilder Sanskrit-Lehrtexte über rechtes Verhalten (Dharmasutras und Smritis)

Name und Bedeutung

Der Titel setzt sich aus zwei Wörtern zusammen. Achara (Sanskrit ācāra) bedeutet „Verhalten, Brauch, rechte Lebensweise“. Das Wort bezeichnet in der indischen Tradition die Regeln des guten Lebens, die über das bloß Erlaubte hinaus das Schöne und Heilsame im Alltag betreffen. Kovai bedeutet im Tamil „Girlande, Kranz, Aneinanderreihung“. Das Acharakkovai ist also ein „Kranz“, in dem einzelne Regeln des guten Verhaltens wie Blumen aneinandergereiht sind.

Der Verfasser

Das Werk wird dem Dichter Peruvayil Mulliyar zugeschrieben, benannt nach seinem Heimatort Peruvayil. Über sein Leben ist kaum etwas bekannt. Er war offenbar mit den Sanskrit-Lehrtexten über rechtes Verhalten vertraut und übertrug viele ihrer Regeln in tamilische Verse. Anders als manche anderen Werke der achtzehn kleineren Werke, die stark vom Jainismus geprägt sind, steht das Acharakkovai der brahmanischen Tradition der Veden und Smritis nahe.

Inhalt

Die acht Samen des guten Verhaltens

Das Werk beginnt mit einem Vers, der die Grundlage allen guten Verhaltens nennt. Er zählt acht Eigenschaften auf, die als „Samen“ des rechten Lebens gelten:

  1. Dankbarkeit
  2. Geduld und Nachsicht
  3. freundliche, sanfte Rede
  4. keinem Lebewesen Leid zuzufügen
  5. Bildung und Lernen
  6. Hilfsbereitschaft gegenüber anderen
  7. Weisheit und Unterscheidungskraft
  8. Freundschaft mit guten Menschen

Aus diesen acht Samen wächst nach dem Acharakkovai alles gute Verhalten. Sie zeigen, dass das Werk die äußeren Regeln des Alltags nicht als Selbstzweck versteht, sondern als Ausdruck einer inneren Haltung.

Der Tagesablauf

Ein großer Teil des Werkes widmet sich dem Tagesablauf. Das Acharakkovai empfiehlt unter anderem:

  • früh am Morgen vor Sonnenaufgang aufzustehen und den Tag mit Gedanken an das Göttliche und an die Pflichten zu beginnen,
  • sich am Morgen zu waschen und zu baden, bevor man andere Tätigkeiten beginnt,
  • die Morgen- und Abendgebete zu verrichten,
  • die Nahrung in Ruhe, mit gereinigten Händen und in gesammelter Haltung einzunehmen, zuerst Gäste und Ältere zu versorgen,
  • nicht zu schlafen, wenn der Tag noch nicht vorüber ist, und zur rechten Zeit zur Ruhe zu gehen.

Reinheit

Viele Verse handeln von körperlicher Reinheit und dem Schutz der Umwelt. Das Acharakkovai mahnt etwa, Wasserquellen, Wege, schattige Plätze und Orte, an denen Menschen zusammenkommen, nicht zu verunreinigen. Diese Regeln zeugen von einem frühen Bewusstsein für Hygiene und für die gemeinsame Verantwortung für die Umgebung.

Umgang mit anderen Menschen

Weitere Verse beschreiben den respektvollen Umgang mit Eltern, Lehrern, Älteren, Gästen und Königen, das rechte Verhalten im Gespräch und in Gesellschaft sowie Formen der Höflichkeit. Achtung vor den Lehrern und vor den Älteren nimmt dabei einen besonderen Platz ein.

Rituelle Regeln

Daneben enthält das Werk zahlreiche Regeln zur rituellen Reinheit, zu Opfern, Festtagen und zu Verhaltensweisen, die in der brahmanischen Tradition als glückbringend oder unheilvoll galten, etwa zur Richtung beim Essen oder Schlafen. Diese Regeln spiegeln die Vorstellungen ihrer Zeit wider.

Einordnung

Ein Werk seiner Zeit

Das Acharakkovai verbindet zeitlose Lebensweisheit mit Regeln, die an die Gesellschaft und die religiösen Vorstellungen des frühen Mittelalters gebunden sind. Manche Vorschriften, etwa zur rituellen Reinheit oder zu gesellschaftlichen Rangordnungen, entsprechen nicht mehr heutigen Werten. Für eine heutige Lektüre ist es deshalb hilfreich, zwischen dem Kern der Lehre und ihren zeitgebundenen Formen zu unterscheiden. Der Kern, der sich in den acht Samen des guten Verhaltens zeigt, hat seine Gültigkeit behalten: Dankbarkeit, Geduld, freundliche Rede, Gewaltlosigkeit, Lernen, Hilfsbereitschaft, Weisheit und gute Gemeinschaft.

Das Acharakkovai und das Tirukkural

Wie das Tirukkural gehört das Acharakkovai zu den ethischen Werken der achtzehn kleineren Werke. Während das Tirukkural vor allem die innere Haltung, die Tugenden und die großen Lebensfragen behandelt, geht das Acharakkovai stärker in die Einzelheiten des täglichen Lebens. Beide Werke ergänzen sich: das eine lehrt, was ein gutes Leben ausmacht, das andere, wie es sich im Alltag verwirklichen lässt.

Acharakkovai und Yoga

Shaucha: Reinheit als Niyama

Im Raja Yoga nach Patanjali ist Shaucha, die Reinheit, der erste der fünf Niyamas. Sie umfasst die Reinheit des Körpers, der Umgebung und des Geistes. Das Acharakkovai zeigt, wie diese Reinheit im Alltag konkret aussehen kann: vom morgendlichen Bad über die Sauberkeit beim Essen bis zum Schutz gemeinsamer Orte. Zugleich macht es mit den acht Samen des guten Verhaltens deutlich, dass äußere Reinheit ihren Sinn erst durch innere Reinheit erhält.

Die Tagesroutine im Ayurveda und Yoga

Viele Empfehlungen des Acharakkovai ähneln der ayurvedischen Tagesroutine (Dinacharya): früh aufstehen, sich reinigen, zu regelmäßigen Zeiten essen und schlafen. Auch Swami Sivananda gab in seinen „Zwanzig wichtigen spirituellen Anweisungen“ den Rat, früh am Morgen in der Brahmamuhurta, der Stunde vor Sonnenaufgang, aufzustehen und diese stille Zeit für Meditation und Gebet zu nutzen. Ein geregelter, bewusst gestalteter Tag gilt in der Yoga-Tradition als Grundlage für ein ruhiges, klares Gemüt.

Ahimsa und freundliche Rede

Unter den acht Samen des guten Verhaltens stehen die freundliche Rede und das Nicht-Verletzen aller Lebewesen. Sie entsprechen Ahimsa und Satya, den ersten beiden Yamas. Die Yoga-Tradition betont, dass Gewaltlosigkeit nicht nur das Handeln betrifft, sondern auch die Worte und Gedanken.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Die acht Samen pflegen: Wähle jeden Tag der Woche eine der acht Eigenschaften, etwa Dankbarkeit oder freundliche Rede, und übe sie bewusst. Am Abend kannst du in einer kurzen Rückschau betrachten, wie es dir gelungen ist.
  • Ein bewusster Morgen: Stehe einige Tage lang etwas früher auf als gewöhnlich und beginne den Tag mit einigen Minuten Meditation, einem Gebet oder einem Mantra. Spüre, wie sich die Qualität des ganzen Tages verändert.
  • Achtsames Essen: Iss eine Mahlzeit in Ruhe und Stille, mit Dankbarkeit für die Nahrung. So wird das Essen selbst zu einer Übung des Yoga.
  • Reinheit der Umgebung: Räume deinen Übungsplatz oder deine Wohnung bewusst auf und gestalte ihn schön. Eine reine Umgebung unterstützt einen klaren Geist.
Äußere und innere Reinheit gehören zusammen.

Häufige Fragen zum Acharakkovai

Was ist das Acharakkovai?
Das Acharakkovai ist ein tamilisches Lehrgedicht über rechtes Verhalten, Reinheit und die Gestaltung des Alltags. Es gehört zu den achtzehn kleineren Werken der klassischen tamilischen Literatur.

Wer hat das Acharakkovai verfasst?
Es wird dem Dichter Peruvayil Mulliyar zugeschrieben, über dessen Leben kaum etwas bekannt ist.

Was sind die acht Samen des guten Verhaltens?
Dankbarkeit, Geduld, freundliche Rede, keinem Lebewesen Leid zuzufügen, Bildung, Hilfsbereitschaft, Weisheit und Freundschaft mit guten Menschen.

Was hat das Acharakkovai mit Yoga zu tun?
Das Werk beschreibt Reinheit und einen geregelten Tagesablauf, die im Yoga als Shaucha, der erste Niyama, und in der ayurvedischen Tagesroutine wiederkehren. Seine acht Samen des guten Verhaltens entsprechen in vielem den Yamas und Niyamas.

Videos zur Vertiefung

Diese Videos von Yoga Vidya laden dazu ein, die angesprochenen Themen durch eigene Praxis zu vertiefen.

Satsang "Anekdoten" mit Sukadev - Yoga Vidya Live, 10.06.2023, 20:00 Uhr

Licht-Meditation mit Sukadev

Siehe auch

Quellen und Literatur

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