Nishvasa Tattva Samhita

Aus Yogawiki
Version vom 12. September 2026, 09:17 Uhr von Yoga Vidya (Diskussion | Beiträge) (Die Seite wurde neu angelegt: „'''Nishvasa Tattva Samhita''' (Sanskrit: निश्वासतत्त्वसंहिता, IAST: ''Niśvāsatattvasaṃhitā'') ist ein umfangreiches Werk des frühen shivaitischen Tantra. Es verbindet Shiva-Verehrung, Mantra, Einweihung, Yoga, Erkenntnis und eine vielschichtige Vorstellung des Kosmos. In den Gesprächen zwischen dem göttlichen Lehrer, der Göttin und den Weisen geht es um eine grundlegende Fra…“)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Nishvasa Tattva Samhita (Sanskrit: निश्वासतत्त्वसंहिता, IAST: Niśvāsatattvasaṃhitā) ist ein umfangreiches Werk des frühen shivaitischen Tantra. Es verbindet Shiva-Verehrung, Mantra, Einweihung, Yoga, Erkenntnis und eine vielschichtige Vorstellung des Kosmos. In den Gesprächen zwischen dem göttlichen Lehrer, der Göttin und den Weisen geht es um eine grundlegende Frage: Wie kann ein gebundenes Wesen frei werden?

Für Yoga-Aspiranten ist das Werk besonders dort anregend, wo es Hingabe mit sorgfältigem Lernen, Meditation mit Unterscheidung und spirituelle Erkenntnis mit Mitgefühl verbindet. Zugleich führt es in eine fremde religiöse Welt: Einweihungsrituale, asketische Lebensformen und das Streben nach außergewöhnlichen Fähigkeiten nehmen breiten Raum ein. Diese Eigenart gehört zu seiner Aussage und wird in der Übersetzung bewahrt.

Die Forschung betrachtet das Korpus als wahrscheinlich älteste vollständig überlieferte Schrift des shivaitischen Mantramarga, des „Weges der Mantras“. Damit ist nicht behauptet, es sei der älteste tantrische Text überhaupt. Auch „vollständig überliefert“ bedeutet nicht, dass jede einzelne Stelle unbeschädigt erhalten wäre.[1]

Umfang dieser Teilausgabe: Niśvāsamukha, Mūlasūtra, Uttarasūtra und Nayasūtra werden in sämtlichen 21 Kapiteln nach den kritischen Ausgaben von 2020 beziehungsweise 2015 wiedergegeben; hinzu kommen 167 belegte Zitateinheiten des Guhyasūtra. Insgesamt enthält die Ausgabe 1.731 Texteinheiten mit IAST und deutscher Wiedergabe, einschließlich Sprecherangaben, Formeln und Kolophonen. Beschädigte oder unverständliche Stellen bleiben kenntlich. Die entsprechende Devanagari-Umschrift steht wegen des Umfangs auf einer eigenen Seite. Die 108 Verse für die Yoga Praxis bieten einen kürzeren Zugang.

Shiva in einer verbreiteten bildlichen Darstellung. Das Bild veranschaulicht die Verehrung; es stammt nicht aus der Handschrift der Nishvasa Tattva Samhita.

Name und Bedeutung

Die belegte Namensform lautet Niśvāsatattvasaṃhitā, in Devanagari निश्वासतत्त्वसंहिता. Die Zusammenschreibung wird in der wissenschaftlichen Literatur verwendet. Die lesefreundliche deutsche Titelform „Nishvasa Tattva Samhita“ gliedert denselben Namen in drei Bestandteile. Niśvāsa wird hier mit śv geschrieben; der Titel wird nicht nach einer vermuteten Etymologie zu einer anderen Sanskritform umgeschrieben.

Niśvāsa bezeichnet ein Ausatmen oder Seufzen, tattva das Wesen, die Wirklichkeit oder ein grundlegendes Prinzip, saṃhitā eine Zusammenstellung beziehungsweise ein Kompendium. Als erläuternde, nicht einzig mögliche Übersetzung lässt sich „Kompendium vom Wesen des Ausatmens“ verwenden. „Wirklichkeitsprinzipien“ ist zudem eine wichtige Bedeutung von tattva im Inhalt des Werkes; an anderen Stellen bezeichnet Tattva gerade das zentrale Shiva-Mantra.

Eine innertextliche Deutung findet sich im Uttarasūtra 5.50–51: Wer die Nishvasa nicht studiert hat, „seufzt immer wieder“; wer sie verstanden hat, soll aus der Bindung des Wiederwerdens frei werden. Der Titel wird damit auf das Ende leidvollen Seufzens bezogen. Die allgemeine Vorstellung von Offenbarung als göttlichem Atem ist als religiöses Deutungsbild verständlich, ersetzt aber diesen konkreten Textbeleg nicht. Die Titeluntersuchung Kafles bespricht die Namensgestalt ausdrücklich.[2]

Das Einleitungsbuch hat den eigenständigen Kolophontitel Niśvāsamukhatattvasaṃhitā (निश्वासमुखतत्त्वसंहिता), meist kurz Niśvāsamukha. Mukha bedeutet Gesicht, Mund, Vorderseite oder Eingang. Es bildet gewissermaßen den Zugang zum übrigen Korpus. Die anderen Bücher heißen Mūlasūtra, „Grund-Sutra“, Uttarasūtra, „anschließendes Sutra“, Nayasūtra, etwa „Sutra der Unterweisung“, und Guhyasūtra, „geheimes Sutra“. Diese Erläuterungen dienen der Orientierung; sie ersetzen die überlieferten Eigennamen nicht. Das Mūlasūtra wird im Uttarasūtra 1.2–3 auch Adi, Prathama und Purvasutra genannt.

Hintergrund, Tradition und Überlieferung

Offenbarung und Sprecher

Die Schrift versteht sich als Offenbarung Shivas. Dieser spricht als Ishvara oder Maheshvara, der Herr beziehungsweise große Herr, zur Göttin Devi. Die Übermittlung ist jedoch mehrstufig. Im Niśvāsamukha fragt Richika den Weisen Matanga; Matanga erzählt von den Weisen und Nandikeshvara. Nandin berichtet seinerseits von dem Gespräch zwischen Shiva und der Göttin. In die Rahmenerzählung tritt außerdem der Streit Brahmas und Vishnus um den Ursprung des feurigen Lingas ein (Niśvāsamukha 1.1–29, 1.171–185). Der teilweise beschädigte Rahmen darf nicht zu einem durchgehend gleichförmigen Zweiergespräch vereinfacht werden.

Das Mūlasūtra setzt mit einer Frage der Seher und der Szene auf dem Kailasa ein (Mūlasūtra 1.1–12). Im Guhyasūtra wird Nandikeshvara ausdrücklich als Lehrer angesprochen (Guhyasūtra 12.1–2). Historisch lässt sich daraus kein einzelner menschlicher Verfasser bestimmen. Göttliche Urheberschaft ist das Selbstverständnis der Überlieferung; die Textgeschichte erschließt dagegen Wachstum, Überarbeitung und Zusammenstellung verschiedener Schichten.

Entstehung und Stellung im frühen Tantra

Für frühe Schichten der Nishvasa, besonders den älteren Kern des Mūlasūtra, wird ein Zeitraum um 450–550 n. Chr. vorgeschlagen. Es handelt sich um eine historische Annäherung, nicht um ein überliefertes Abfassungsdatum. Die anschließenden Bücher erweitern und verändern die Lehre. Das umfangreiche Guhyasūtra enthält wiederum mehrere erkennbare Schichten. Das einleitende Niśvāsamukha gilt als spätere Ergänzung und wird von Kafle vorsichtig ungefähr dem 7. Jahrhundert zugeordnet. Entstehung des älteren Kerns, Zusammenstellung des fünfteiligen Korpus und Niederschrift des erhaltenen Textzeugen sind daher zu unterscheiden.[1][3]

Der shivaitische Mantramarga verbindet befreiende Einweihung, überlieferte Mantras und eine rituell geordnete Beziehung zwischen Gott, Guru und Schüler. Die Nishvasa zeigt diesen Weg in einer frühen Entwicklungsphase. Sie ist deshalb grundlegend für die Vorgeschichte des Shaiva Siddhanta, lässt sich jedoch nicht in allen Punkten mit dessen später ausgebildeten Lehrsystemen gleichsetzen. Besonders die Zahl und Anordnung der Tattvas, die Lautgestalten der Mantras und Aussagen über die Einheit von Shiva und Seele sind innerhalb des Korpus beweglich.

Ein gemeinsamer Wortschatz mit späteren Richtungen belegt keine Zugehörigkeit zur Nath-Tradition, zum späteren Hatha Yoga, zu Kaula, Trika oder Shri Vidya. Ebenso wenig darf ein modernes Schema aus sieben Körperchakras zur Ordnung aller hier beschriebenen Meditationen gemacht werden. Entscheidend bleibt jeweils die konkrete Stelle und ihre Textschicht.

Shiva-Statue in Bangalore. Eine heutige Veranschaulichung der Gottesverehrung, kein Zeugnis für die Entstehungszeit des Textes.

Atimarga, Pashupata- und Lakula-Traditionen

Das Niśvāsamukha ordnet religiöses Wissen in fünf „Ströme“: den weltlichen beziehungsweise allgemeinreligiösen, den vedischen, den auf das Selbst bezogenen, den Atimarga und den Mantra-Strom. „Weltlich“ meint dabei keine religionslose Lebensweise: Gerade Linga-Verehrung, Stiftungen, Gaben und Gelübde füllen diesen umfangreichsten Teil des Einleitungsbuches (Niśvāsamukha 1.26–28, 1.51–56, 4.131–137).

Der Atimarga umfasst ältere, stark asketisch geprägte Shiva-Wege. Niśvāsamukha 4.70–88 beschreibt eine mit den Pashupatas verbundene Lebensform: Asche, Rezitation, Gesang, Tanz, kultische Rufe und ein später absichtlich verborgenes religiöses Kennzeichen. 4.89–98 behandelt den Lokatita-Weg, den „weltübersteigenden“ Weg, der in der Forschung mit Lakula-Traditionen verbunden wird. Das Guhyasūtra nennt außerdem Pramana-, Vaimala-, Karuka- und Lakulisha-Lehren und ordnet sie den fünf Mantras beziehungsweise Gesichtern Shivas zu (Guhyasūtra 12.13–18).[4]

Solche Einordnungen sind wertvolle historische Zeugnisse, zugleich aber die Systematisierung eines bestimmten Textes. Sie sind keine neutrale Aufzählung aller damaligen Gemeinschaften. Auch im Kernkorpus ist die Verbindung sichtbar: Das Uttarasūtra 3.21 integriert eine Pashupata-Observanz in den Einweihungsablauf.

Handschriften und Ausgaben

Der wichtigste Textzeuge ist die nepalesische Palmblatthandschrift NAK 1-277, NGMPP A 41/14. Sie umfasst 114 Blätter von etwa 50 × 4 cm, gewöhnlich mit sechs, gelegentlich fünf Zeilen je Seite. Die alte nepalesische Schrift wird in der Forschung als Licchavi-Schrift beziehungsweise als Übergangsform beschrieben. Kafle datiert den Zeugen paläographisch etwa auf 850–900 n. Chr. Dies ist das Alter der erhaltenen Abschrift, nicht das Abfassungsdatum sämtlicher Texte. Beschädigte Ränder und verlorene Schriftzeichen prägen die editorische Arbeit.[5]

Die jüngeren Zeugen sind von dieser älteren Überlieferung abhängig:

Zeuge Nachweis Gestalt und Datierung Bedeutung für die Ausgabe
N NAK 1-277; NGMPP A 41/14 114 Palmblätter; alte nepalesische Schrift; etwa 850–900 Ältester maßgeblicher Zeuge
W Wellcome Sanskrit MS I.33 114 Blätter; Devanagari; Vikrama-Samvat 1969, entsprechend 1912 Jüngere Abschrift; kann heute beschädigte Stellen des alten Zeugen bewahren
K NAK 5-2406; NGMPP A 159/18 114 Blätter; etwa 49 × 13 cm; Devanagari; Vikrama-Samvat 1982, entsprechend 1925 Jüngere Abschrift; in den kritischen Editionen berücksichtigt
T Tucci 3:7:1 94 erhaltene Blätter; unvollständige jüngere Abschrift Von Kafle 2020 wegen ihrer geringen zusätzlichen Aussagekraft nicht für die Edition herangezogen

Die Ausgabe von 2015 ediert acht Kapitel Mūlasūtra, fünf Kapitel Uttarasūtra und vier Kapitel Nayasūtra. Kafles Ausgabe von 2020 erschließt die vier Kapitel des Niśvāsamukha. Seine zuvor eingereichte Leidener Dissertation von 2015 ist eine frühere Bearbeitung; ihre Seiten- und teilweise Verszählung sind nicht mit der Ausgabe von 2020 identisch. Beide Kafle-Veröffentlichungen enthalten Vergleichsmaterial aus dem Śivadharmasaṅgraha. Dieses ist kein sechstes Buch der Nishvasa und wird hier nicht als zusätzlicher Grundtext aufgenommen.[6]

Für das Guhyasūtra konnte keine durchgehend zugängliche veröffentlichte kritische Gesamtausgabe nachgewiesen werden. Wissenschaftliche Teileditionen und Zitate erschließen jedoch wichtige Abschnitte. Goodalls Strukturstudie zählt 18 Kapitel; sie nehmen 74 der 114 Blätter des alten Korpuszeugen ein. Die Bezeichnung „Band 1“ der Ausgabe von 2015 belegt für sich allein keinen erschienenen Folgeband.[7]

Die Hamburger Projektbeschreibung ist ein wichtiger Einstieg in die Forschung. Ihr älterer Aktualisierungsstand erklärt, warum sie Dissertationen und Editionen noch als Vorhaben ankündigt. Für den heutigen Publikationsstand sind die erschienenen Bände von 2015 und 2020 maßgeblich.

Aufbau und Kapitelübersicht

Das überlieferte Korpus besteht aus fünf Büchern mit insgesamt 39 Kapiteln. Moderne Druckbände sind davon zu unterscheiden. Die folgende Tabelle nennt für alle Kapitel den tatsächlichen Bearbeitungsstatus. Ihre Inhaltsbezeichnungen sind redaktionelle Orientierung, keine erfundenen Sanskritüberschriften. Bei nur auszugsweise erschlossenen Guhya-Kapiteln folgt die größere thematische Zuordnung Goodalls Strukturstudie; sie ersetzt keine vollständige Kapitelprüfung.

Buch Kapitel Redaktionelle Inhaltsorientierung Zentrale Themen Textgrundlage und Bearbeitungsstatus
Niśvāsamukha 1 Offenbarung und Shiva-Verehrung Rahmenerzählung, fünf Ströme, Achtgestalten-Lobpreis, Gaben, Linga-Erzählung Kafle 2020, S. 153–177; 185 nummerierte und 19 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Niśvāsamukha 2 Linga, Gaben und Schutz des Lebens Herstellung und Verehrung von Lingas, Stiftungen, Futtergabe, Wissen und Lebensschutz Kafle 2020, S. 179–196; 122 nummerierte und 7 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Niśvāsamukha 3 Heilige Orte und religiöse Observanzen Pilgerstätten, Fasten, Monatszyklen, Götternamen, Ahnenverehrung Kafle 2020, S. 197–222; 196 nummerierte und 7 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Niśvāsamukha 4 Vedischer Weg, Erkenntnis und Atimarga Lebensstände, Samkhya, Yoga, Pashupata- und Lokatita-Weg, fünf Offenbarungsströme Kafle 2020, S. 223–239; 137 nummerierte und 7 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Mūlasūtra 1 Lehrer, Schüler und Vorbereitung Offenbarung, Qualifikation des Guru, Hingabe, Verehrungsort Goodall u. a. 2015, S. 137–139; 21 nummerierte und 3 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Mūlasūtra 2 Ordnung der Verehrung Thron, Navatman, Brahma-Mantras, Gaben und Verabschiedung Goodall u. a. 2015, S. 139–140; 10 nummerierte und 1 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Mūlasūtra 3 Feuer und vorbereitende Riten Feuergrube, Opfer, Fesseln, Charu, Träume Goodall u. a. 2015, S. 140–142; 17 nummerierte und 1 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Mūlasūtra 4 Vidya-Einweihung Mandala, symbolische Neugeburt, Shiva-Hand, Verpflichtungen Goodall u. a. 2015, S. 142–144; 18 nummerierte und 1 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Mūlasūtra 5 Befreiende Einweihung Kosmischer Weg, Reinigung der Bindungen, Chandisha Goodall u. a. 2015, S. 144–147; 26 nummerierte und 1 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Mūlasūtra 6 Lautgestalten und Mantrachiffren Acht Formen des Tattva, Brahma- und Gliedmantras, Bija-Folgen Goodall u. a. 2015, S. 147–151; 26 nummerierte und 1 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Mūlasūtra 7 Erkenntnis und Verwirklichung Lob des Tattva, transgressive Heilsrhetorik, Siddhis und Yoga Goodall u. a. 2015, S. 151–153; 27 nummerierte und 1 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Mūlasūtra 8 Weitergabe der Lehre Schülerprüfung, Aufrichtigkeit, Lehrerweihe, Gründe der Weitergabe Goodall u. a. 2015, S. 154–156; 20 nummerierte und 1 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Uttarasūtra 1 Entstehung von Welt, Lauten und Lehre Shiva und Shakti, kosmische Mantrakomponenten, Matrika, Tantra-Übermittlung Goodall u. a. 2015, S. 157–161; 41 nummerierte und 8 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Uttarasūtra 2 Vorbereitung der Matrika-Verehrung Lautgruppen, Mandala, Feuer, Traumzeichen Goodall u. a. 2015, S. 161–166; 41 nummerierte und 3 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Uttarasūtra 3 Einweihungsfolge Rituelle Lebensstationen, Pashupata-Observanz, Fessellösung Goodall u. a. 2015, S. 166–169; 23 nummerierte und 2 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Uttarasūtra 4 Sadhana und befreiende Einweihung Vorbereitung, Mantra-Hemmnisse, Materialien, Lautalphabet Goodall u. a. 2015, S. 169–174; 51 nummerierte und 2 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Uttarasūtra 5 Meditation über die Wirklichkeitsebenen Natur, Selbst, Zeit, Klang, Shakti, einheitlicher Geschmack, Studium Goodall u. a. 2015, S. 174–180; 54 nummerierte und 4 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Nayasūtra 1 Seele, Fesseln und Körperalphabet Buchstabengestalten, Matrika-Erkenntnis, religiöse und kosmische Bindungen Goodall u. a. 2015, S. 181–194; 112 nummerierte und 9 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Nayasūtra 2 Natur und innere Vermögen Elemente, Sinne, Geist, Ich-Prinzip, Intellekt, Gunas, Samkhya-Kritik Goodall u. a. 2015, S. 194–206; 102 nummerierte und 7 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Nayasūtra 3 Meditationsgestalten des Kosmos Elemente, Gottheiten, Seele, kosmische Ebenen und Farben Goodall u. a. 2015, S. 206–214; 72 nummerierte und 2 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Nayasūtra 4 Yoga, Shakti und Guru Sitzweisen, Meditation ohne Halt, Einheitsbetrachtung, Pranava, Atemkräfte, Unterweisung Goodall u. a. 2015, S. 214–233; 161 nummerierte und 15 weitere Einheiten; fortlaufend erfasst und übersetzt, Unsicherheiten markiert
Guhyasūtra 1 Sadhakas und Linga-Arten Einordnung des Korpus; größere Kapitelthematik nach Goodall 2020 Goodall u. a. 2015; 5 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 2 Linga-Aufstellung Sockel, Linga, Mantra-Anfänge und Vorzeichen Goodall u. a. 2015; 5 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 3 Vorbereitung und Siddhis Traum und Divination, Observanzen, Mantras und magische Anwendungen Goodall u. a. 2015, Vasudeva 2014, Goodall 2020; 34 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 4 Kosmographie I Frage nach dem kosmischen Weg; Kapitelgruppe 4–7 Goodall u. a. 2015; 1 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 5 Kosmographie II Einzelner Beleg zur Unterwelt; Kapitelgruppe 4–7 Goodall u. a. 2015; 1 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 6 Kosmographie III Nur Gruppenzuordnung 4–7 belegt; kein Grundtext dieser Ausgabe Goodall 2020, Strukturübersicht; hier kein Sanskritgrundtext
Guhyasūtra 7 Kosmographie IV Shiva-Stätten, höhere Ebenen, Matrika und Shaktis Kafle 2020, Goodall u. a. 2015, Törzsök 2016, Sanderson 2001; 48 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 8 Kosmischer Einweihungsritus Mandala-Folge nach Strukturstudie; Auszüge zu vier Wegen und Shiva/Shakti Goodall u. a. 2015, Goodall 2020, Törzsök 2016; 16 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 9 Vyomavyapin-System I Ardhanarishvara-Observanz; Matrika-Shiva Goodall 2020, Törzsök 2016, Sanderson 2001; 16 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 10 Vyomavyapin-System II Vorbereitung, Schutzanrufung, magische Stoffe, Mantrareinigung Goodall u. a. 2015, Goodall 2020; 8 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 11 Vyomavyapin-System III Unterscheidung von Mantravollendung und Befreiung Goodall u. a. 2015; 1 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 12 Fünf Brahma-Mantras I Atimarga-Traditionen, Lebensführung und Erkenntnis; Matrika/Kutila Acri 2014, Törzsök 2016; 25 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 13 Fünf Brahma-Mantras II Einzelne Buchstabenchiffren; größere Zuordnung nach Strukturstudie Goodall u. a. 2015; 2 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 14 Fünf Brahma-Mantras III Einzelner Prosabeleg; größere Zuordnung nach Strukturstudie Goodall u. a. 2015; 1 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 15 Lange Gliedmantras Nur bibliographisch und durch Strukturstudie erschlossen Goodall 2020, Strukturübersicht; hier kein Sanskritgrundtext
Guhyasūtra 16 Zehnsilbige Vidya I Rahmen und sieben Gefolgswesen; größere Zuordnung nach Strukturstudie Kafle 2020, Goodall u. a. 2015; 3 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel
Guhyasūtra 17 Zehnsilbige Vidya II Nur bibliographisch und durch Strukturstudie erschlossen Goodall 2020, Strukturübersicht; hier kein Sanskritgrundtext
Guhyasūtra 18 Zehnsilbige Vidya III Schlusszitat zur weiteren Unterweisung; größere Zuordnung nach Strukturstudie Goodall u. a. 2015; 1 Zitateinheiten erfasst; kein vollständiges Kapitel

Zentrale Lehren

Shiva, Seele und Befreiung

Shiva ist im Offenbarungsrahmen der Lehrer, der über die gewöhnlichen Grenzen von Geburt und Tod hinausführt. Die Göttin nennt ihn das rettende Schiff im Meer des Daseins (Mūlasūtra 1.8). Die Texte fragen jedoch nicht nur nach Verehrung, sondern danach, was eine Seele bindet und wie eine Einweihung diese Bindung lösen kann.

Pashu bezeichnet im shivaitischen Zusammenhang das gebundene Wesen, pasha seine Fessel. Das Nayasūtra verwendet anschauliche Vergleiche: Ein Netz fängt Fische, ohne das Wasser zu fangen; beim Reinigen des Goldes verbrennen die Beimengungen, nicht das Gold; beim Zerteilen eines Gefäßes wird der Raum nicht zerteilt (Nayasūtra 1.5–12). So soll verständlich werden, weshalb die rituelle Behandlung der Fesseln nicht die Seele selbst zerstört.

Das Verhältnis von Seele und Shiva wird nicht überall gleich beschrieben. Mūlasūtra 4.7 unterscheidet Shiva jenseits des Mantras und Shiva als Mantra; auch die Seele erscheint in mantrischer und bewusster Gestalt. Uttarasūtra 5.42–45 und Nayasūtra 4.53–56 leiten dagegen zur Betrachtung der Einheit an. Samarasa, der „gleiche Geschmack“, bezeichnet hier eine Erfahrung gemeinsamen Wesens. Daraus lässt sich keine einfache, für alle Schichten identische Lehrformel gewinnen.

Tattvas und kosmische Ordnung

Die Wirklichkeitsprinzipien, Tattvas, umfassen körperliche, seelische und göttliche Ebenen. Prakriti ist die Urnatur, Purusha das bewusste Selbst; Niyati bezeichnet eine bindende Ordnung oder Festlegung, Kala die Zeit, Maya eine weitere begrenzende kosmische Ebene. Vidya, Ishvara, Sadashiva und Shakti gehören zur darüber hinausführenden Ordnung. Die genaue Gliederung wächst innerhalb des Korpus.

Das Nayasūtra beschreibt zunächst Sinnesvermögen, Geist, Ich-Prinzip, Intellekt und Natur. Es bespricht auch die drei Grundqualitäten Sattva, Rajas und Tamas: Klarheit, Regsamkeit und Dunkelheit (Nayasūtra 2.62–102). Die Samkhya-Erkenntnis wird aufgenommen, zugleich aus shivaitischer Sicht begrenzt: Eine vorläufige Lösung von der Natur ist dort noch nicht das endgültige Befreiungsziel (2.99–102). Diese Position steht neben anders akzentuierten Aussagen über die befreiende Naturmeditation.

Kosmologie ist für den Text keine bloße Weltbeschreibung. Bei der Einweihung werden die Bindungen durch die Weltstufen hindurch behandelt; in der Meditation werden dieselben Ebenen als innere Gestalten, Laute oder Lichtformen betrachtet. Die im Nayasūtra 4.98 genannte Zahl von 32 Tattvas zeigt, warum eine spätere Standardliste mit 36 Tattvas nicht stillschweigend eingesetzt werden darf.

Guru, Diksha und Verpflichtung

Ein Guru muss nach dem Mūlasūtra Einweihung und Wirklichkeit verstehen, mitfühlend sein und Shiva verehren. Äußerliche Vorzüge allein genügen nicht (Mūlasūtra 1.13–16). Noch deutlicher stellt Mūlasūtra 8.8 die Aufrichtigkeit eines Fremden über die Geburt eines unaufrichtigen Brahmanen. Andere Stellen enthalten jedoch historische Standesunterschiede und lange Prüfungsfristen; die Übersetzung beseitigt diese Spannungen nicht.

Diksha bedeutet hier einen religiösen Einweihungsvollzug, der den Schüler in die Ordnung Shivas einführt. Ein besonders eindringliches Bild ist die Neugeburt im Feuer: Vyomavyapin ist der Vater, Vageshi die Mutter; der Einzuweihende begrüßt sich als neugeborenes Kind (Mūlasūtra 4.8–12). Dieses Ritualbild ist nicht mit einer gewöhnlichen menschlichen Geburt oder einer an dieser Stelle angeordneten sexuellen Handlung gleichzusetzen.

Die Schrift unterscheidet eine auf Mantravollendung gerichtete Vidya-Diksha und eine befreiende Einweihung (Mūlasūtra 4.16, Guhyasūtra 11.28). Hinzu kommen Samayas, mit der Einweihung verbundene Verpflichtungen. Die Verantwortung betrifft auch den Lehrer: Er soll die Lehre nicht aus Gier, wegen Verwandtschaft oder als Gegenleistung weitergeben (Mūlasūtra 8.14–15, Nayasūtra 4.159–160).

Mantra, Alphabet, Puja und Linga

Die Schrift versteht Mantra als göttliche Gegenwart im Laut. Das Alphabet, Matrika, gilt als Quelle von Lehren und Mantras (Uttarasūtra 1.21–25, 1.41). Im Nayasūtra werden Schriftzeichen mit Körperformen in Beziehung gesetzt. Dabei geht es um die Erkenntnis ihrer mantrischen Gestalt; die beschriebenen Buchstabenbilder sind kein moderner Asana-Lehrgang.

Das Mūlasūtra nennt acht Formen des zentralen Shiva-Tattva und erläutert sie teilweise durch Buchstabenchiffren, teilweise durch Atem und Klang (Mūlasūtra 6.5–15). Solche Chiffren sind nicht überall sicher auflösbar. Die Mantra-Sammlung zeigt deshalb, was offen ausgeschrieben, nur benannt oder erschlossen ist.

Im Guhyasūtra wird Matrika deutlicher als Göttin beschrieben und mit Vagishi verbunden (Guhyasūtra 7.251cd–252). Ein beschädigter Vers nennt die „gewundene, aufwärtsgehende“ Kutila. Judit Törzsök bringt diese Stelle mit Kundalini als feiner Klangkraft in Verbindung. Der Sanskritvers selbst hat kuṭilā, nicht kuṇḍalinī; er liefert keinen ausgeführten Lehrgang eines modernen Kundalini-Yoga-Systems (Guhyasūtra 12.41).[8]

Puja, die Verehrung durch Gaben und Aufmerksamkeit, umfasst Wasser, Blumen, Düfte, Speisen, Gesang und Licht. Das Linga ist eine zentrale Gestalt der Shiva-Verehrung. Niśvāsamukha 1–3 entfaltet ihre Verdienstzusagen in großer Breite und bezieht ausdrücklich auch Menschen ohne Shiva-Einweihung ein (Niśvāsamukha 1.72). Daraus folgt nicht, dass jede anderswo genannte Mantra-Praxis dieselben Voraussetzungen hat.

Meditation, Atem und innere Verehrung

Der Yoga der Nishvasa kennt bequeme Sitzhaltungen, aufrechte Körperhaltung, das Zurücknehmen der Sinne, Sammlung auf bestimmte Gegenstände und Meditation ohne gegenständlichen Halt. Acht wichtige Sitzweisen werden in Nayasūtra 4.14–15 genannt; Niśvāsamukha 4.50 bietet eine entsprechende Reihe. Die Zähne sollen nach Niśvāsamukha 4.51 nicht aufeinandergepresst werden. Solche konkreten Einzelheiten sind verständlicher, wenn man sie zunächst in ihrem Wortlaut wahrnimmt.

Pranayama umfasst Ausleeren, Füllen und Anhalten des Atems; das Nayasūtra unterscheidet äußere und innere Formen sowie eine weitere „vollkommen beruhigte“ Form (Nayasūtra 4.111–114). Die Zuordnungen der Atemkräfte und Elemente sind eigenständig. Beispielsweise verbindet Uttarasūtra 5.37 Sushumna mit dem nördlichen und Ida mit dem südlichen Sonnenlauf. Eine spätere Dreikanal-Lehre wird dort nicht vollständig dargelegt.

Eine weitere Gestalt der Meditation zeigt das Guhyasūtra: Die Göttin Sushumna erscheint als weiß und fein wie eine Lotusfaser, von Shaktis umgeben. Sie trägt die Welten wie ein Baum seine Früchte. Über ihr beschreibt der Text Shiva als teilelos und gestaltlos. Diese Bilder verbinden die Vielfalt des Kosmos mit dem Ziel der Befreiung; Sushumna ist hier eine kosmologische Göttin, deren Rolle nicht einfach mit einem späteren Modell von Körperkanälen gleichgesetzt werden darf (Guhyasūtra 7.301–307, Zählung Sanderson 2001).[9]

Neben bildhaften Meditationen stehen Klang, Zeitbetrachtung und die Einsicht in das nicht handelnde Selbst. Die Schrift lehrt, die Zeit zu jeder Zeit als dahinschwindend zu sehen (Uttarasūtra 5.22). Sie verbindet inneres Erkennen mit Verehrung und Handeln: Wer sein Tun auf Shiva gründet, soll auch handelnd unbefleckt bleiben (5.45).

Swami Sivananda in Meditation. Ein modernes Beispiel gesammelten Sitzens; keine Rekonstruktion eines Nishvasa-Rituals.

Ritual, Siddhi und Moksha

Siddhi kann Vollendung, Gelingen oder eine außergewöhnliche Fähigkeit bezeichnen; Moksha ist Befreiung. Der Text verheißt unter anderem Fernwahrnehmung, Fliegen und das Durchschreiten großer Entfernungen. Solche Aussagen werden als religiöse Ansprüche der Schrift übersetzt. Sie sind keine wissenschaftlich bestätigten Wirkungen.

Gerade das Guhyasūtra enthält umfangreiche magische Anwendungen. Daneben unterscheidet es vier Wege zu Shiva: Einweihung, Erkenntnis, Yoga und die Ausübung besonderer Observanzen (Guhyasūtra 8.111–114). Diese Vierheit ist keine überlieferte Einteilung des Korpus in vier Bücher. Das Mūlasūtra kann Yoga außerdem als Mittel empfehlen, nach empfangener Unterweisung zur eigenen Gewissheit zu gelangen (Mūlasūtra 7.18).

Die Behauptung, ein Kenner des Tattva werde selbst durch schwere Verfehlungen nicht befleckt (Mūlasūtra 7.3–5), gehört zur radikalen Heilsrhetorik bestimmter Abschnitte. Sie steht neben ausdrücklichem Lob des Mitgefühls und Lebensschutzes. Für heutige Leser bleibt die Unterscheidung wesentlich: Eine historische Aussage über Befreiung hebt die Folgen einer Handlung für andere Menschen nicht auf.

Allgemeines Yoga-Vidya-Angebot zur Meditation; keine unmittelbare Auslegung der Nishvasa Tattva Samhita:

Sanskrit in IAST und deutsche Übersetzung

Die folgenden Texte bewahren die Nummerierung der jeweiligen kritischen Ausgabe. Jede nummerierte Einheit erhält ihre eigene deutsche Übersetzung. Halbverse, Prosa, Sprecherangaben, Kolophone und Zählvermerke sind eigens gekennzeichnet. Die Buchnamen vor den Zahlen und die Linkanker sind redaktionelle Hilfen.

Der Sanskritwortlaut wurde an den Druckseiten der kritischen Ausgaben beziehungsweise der jeweils bezeichneten wissenschaftlichen Guhya-Zitate gelesen. Auch die zunächst nur an einer wissenschaftlichen Textansicht geprüften Goodall-Zitate von 2020 wurden inzwischen am vollständigen Druckscan kontrolliert. Die deutsche Übersetzung ist eine eigene Übertragung; die kommentierten englischen Übersetzungen dienen der Kontrolle. Unregelmäßiges Sanskrit wird nicht stillschweigend zu klassischem Sanskrit geglättet.

Zeichen: Lückenzeichen, Unterbögen und eingeklammerte Silbenzahlen stehen für verlorenen oder unleserlichen Text. †…† markiert eine verderbte Stelle. In den Kernbüchern folgen {…}, […] und (…) unterschiedlichen Wiederherstellungen beziehungsweise Abschriften der Ausgabe von 2015; die ursprünglich spitzen Ergänzungsklammern für W sind hier typographisch als runde Klammern wiedergegeben. Im Niśvāsamukha stehen [[…]] für nur in K, ((…)) für nur in W und [[((…))]] für in beiden Abschriften erhaltenen Wortlaut; ⟪…⟫ bezeichnet dort die aus der Shivadharma-Parallele ergänzten Strecken. Eine solche Klammer kann über eine Versgrenze weiterlaufen. Bei Guhya-Zitaten gelten die jeweiligen Quellenzeichen und die Anmerkung zur Stelle. In den Sanderson-Zitaten von 2001 kennzeichnen ⟨…⟩ ergänzte Zeichen, […] wiederhergestellten Wortlaut und + eine unlesbare Silbe; dies unterscheidet sich vom Gebrauch einzelner Pluszeichen für Ergänzungen in anderen Quellen. Klammern in der deutschen Übersetzung kennzeichnen eigene Verständnishilfen oder Textverluste.

Ein beschädigter Text wird nur im erhaltenen verständlichen Umfang übersetzt. Historische Atem-, Askese-, Heil- und Ritualvorschriften werden als Textdokumente wiedergegeben. Die nachfolgenden modernen Studienimpulse sind davon getrennt.

Niśvāsamukha

Dieser Teil enthält alle 4 Kapitel des Nishvasamukha. Die kommentierte kritische Ausgabe ist die Textgrundlage.[3]

Niśvāsamukha, Kapitel 1: Offenbarung und Shiva-Verehrung

Grundtext: Kafle 2020, S. 153–177. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Niśvāsamukha 1 – Eingangsformel

oṃ namaḥ śivāya |

Om. Verehrung sei Shiva.

Anmerkung: Diese Eingangsformel steht laut Apparat in der Palmblatthandschrift und den Abschriften K und W. Sie wird hier ausdrücklich aus diesem Nachweis übernommen, nicht als nummerierter Vers ausgegeben.

Niśvāsamukha 1 – Titel

niśvāsamukhatattvasaṃhitāyāṃ prathamaḥ paṭalaḥ ||

Erstes Kapitel der Nishvasamukhatattvasamhita.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.1

ricīka uvāca |

Richika sprach:

Anmerkung: Die Edition schreibt den Namen mit ri, nicht mit dem vokalischen ṛ. Diese Namensgestalt wird beibehalten.

Niśvāsamukha 1.1

gato ’haṃ pūrvvam āśāyāṃ puṣpāṇāṃ samidhais tathā |
apūrvvan dṛṣṭam āścaryyan tan dṛṣṭvā kautukānvitaḥ || 1:1 ||

Ich ging nach Osten, um Blumen und Opferholz zu sammeln. Dort sah ich ein nie zuvor gesehenes Wunder; als ich es erblickte, wurde ich von Neugier erfüllt.

Anmerkung: Die unregelmäßige Konstruktion der Zweckangabe wird sinngemäß wiedergegeben, nicht im Sanskrit geglättet.

Niśvāsamukha 1.2

aṣṭāśītisahasrāṇi ṛṣīṇām ūrddhvaretasām |
naimiṣāraṇya ⏑ ⏑ ⏑ ⏑ ⏑ ⏑ ⏑ ⏑ ⏑ ⏑ ⏑ || 1:2 ||

Achtundachtzigtausend Weise, deren Samen aufwärts gerichtet ist, im Naimisha-Wald … [Der weitere Wortlaut ist nicht lesbar.]

Anmerkung: Urdhvaretas bezeichnet hier sexuell enthaltsame Asketen. Die Zeichen markieren die unlesbaren Silben der Ausgabe, keine von uns ergänzten Wörter.

Niśvāsamukha 1.3

--- [16] --- |
bhagavan sarvvam etat tu kathaya mama pṛcchataḥ || 1:3 ||

[Der erste Halbvers ist verloren.] Erhabener, erkläre mir all dies, wonach ich dich frage.

Anmerkung: Zahlen zwischen Auslassungsstrichen geben die von der Edition angegebene Zahl fehlender Schriftzeichen an; sie sind keine Versnummern.

Niśvāsamukha 1.4

tvaṃ vettā sarvvaśāstrāṇāṃ vedānāñ ca viśeṣataḥ |
tena pṛcchāmi bhagavan yena vetsi mataṅga tvam || 1:4 ||

Du bist ein Kenner aller Lehrschriften, besonders der Veden. Deshalb frage ich dich, erhabener Matanga: Denn du weißt es.

Anmerkung: Vedānām, ‚der Veden‘, ist eine Konjektur der Edition; die Handschriften bieten devānām, ‚der Götter‘.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.5

mataṅga uvāca |

Matanga sprach:

Niśvāsamukha 1.5

śṛṇu vatsa samāsena pravakṣyāmi tavākhilam |
naimiṣe vasamānais tu śrutaṃ ((sa)) --- [5] --- || 1:5 ||

Höre, mein Kind, ich werde dir alles kurz erzählen. Die im Naimisha-Wald Lebenden hatten gehört … [Der Satz bricht ab.]

Niśvāsamukha 1.6

--- [16] --- |
--- [8] --- naimiṣāraṇyavāsibhiḥ || 1:6 ||

[Drei Versfüße fehlen.] … von den Bewohnern des Naimisha-Waldes.

Niśvāsamukha 1.7

tatraiva dīkṣito brahmā keśavaś ca ricīkaka |
kautūhalānvitās sarvve vismayaṃ paramaṅ gatāḥ || 1:7 ||

Dort waren Brahma und Keshava eingeweiht worden, o Richika. Alle wurden von Neugier erfüllt und gerieten in höchstes Erstaunen.

Anmerkung: Keshava ist Vishnu. Die Einweihung der Götter ist Teil des Offenbarungsrahmens, keine historische Datierungsangabe.

Niśvāsamukha 1.8

parasparaṃ vadanty evaṃ sarvvaśāstraviśāradāḥ |
kathan dīkṣāṃ prapadyeta muktvā vedoktam āgamam || 1:8 ||

Die in allen Lehrschriften Bewanderten sprachen miteinander: ‚Wie kann jemand eine Einweihung empfangen, nachdem er die im Veda gelehrte Überlieferung verlassen hat?‘

Niśvāsamukha 1.9

na hi vedāt parañ cānyad yoga --- [6] --- |
--- [13] --- [[pa]]dyate || 1:9 ||

‚Denn es gibt nichts anderes, das höher wäre als der Veda. Yoga …‘ [Der weitere Satz ist bis auf das Ende eines Verbs verloren.]

Anmerkung: Der beschädigte Abschnitt wird nicht durch eine vermutete Frage nach Brahmas Einweihung ersetzt.

Niśvāsamukha 1.10

sāṅkhyayogasya vettāsau kathaṃ viṣṇuś ca dīkṣitaḥ |
taṃ śrutvā āgatās sarvve ṛṣayaḥ saṃśitavratāḥ || 1:10 ||

‚Wie wurde auch Vishnu eingeweiht, der doch Samkhya und Yoga kennt?‘ Als sie dies gehört hatten, kamen alle Weisen mit ihren strengen Gelübden herbei.

Niśvāsamukha 1.11

te dṛṣṭā tvayi māyāntā devadārukaṃ vanam |
praviṣṭās tatra te sarvve brahmāviṣṇumaheśvarāḥ || 1:11 ||

Diejenigen, die du beim Herannahen gesehen hattest, betraten alle den Deodar-Wald. Dort [dachten sie an] Brahma, Vishnu und Maheshvara …

Anmerkung: Die Syntax ist schwer gestört. Die Übersetzung verbindet die Götternamen versuchsweise mit ‚wir sehen‘ in Vers 12; sie ist keine sichere Wiederherstellung des Satzes. Die ungewöhnliche Wortfolge tvayi māyāntā bleibt stehen.

Niśvāsamukha 1.12

samudāyena paśyāmo dīkṣā --- [6] --- |
--- [16] --- || 1:12 ||

‚Wir werden sie zusammen sehen. Einweihung …‘ [Der übrige Wortlaut fehlt.]

Niśvāsamukha 1.13

--- [4] --- tatas te tu brahmāviṣṇumaheśvarāḥ |
svasthānan tu gatās sarvve ājñān datvā tu nandine || 1:13 ||

[Der Anfang fehlt.] Dann gingen sie alle, Brahma, Vishnu und Maheshvara, an ihre eigenen Wohnstätten, nachdem sie Nandin einen Auftrag erteilt hatten:

Niśvāsamukha 1.14

tvam anugrahakarttā tu ṛṣīṇāṃ sarvvaprāṇinām |
devyāyās tu tathā pūrvvam adhikāras samarpitaḥ || 1:14 ||

‚Du bist derjenige, der den Weisen und allen Lebewesen Gnade erweist. Auch die Göttin hat dir zuvor diese Vollmacht übertragen.‘

Anmerkung: Devyāyās ist eine unregelmäßige Form. Wie die Ausgabe verstehen wir sie hier im Sinne von ‚von der Göttin‘; die Übertragung der Vollmacht wird nicht näher erzählt.

Niśvāsamukha 1.15

dī --- [15] --- |
--- [16] --- || 1:15 ||

[Bis auf die Anfangssilbe dī ist der Vers verloren; ein zusammenhängender Sinn lässt sich nicht übersetzen.]

Niśvāsamukha 1.16

--- [16] --- |
asmākaṃ kathaya sarvvaṃ brahmāviṣṇū tu dīkṣitau || 1:16 ||

[Der erste Halbvers fehlt.] ‚Erzähle uns alles darüber, wie Brahma und Vishnu eingeweiht wurden …‘

Anmerkung: Hier sprechen offenbar die Weisen zu Nandikeshvara. Eine verlorene Sprecherformel wird nicht ergänzt.

Niśvāsamukha 1.17

yathā te sarvvaśāstrāṇi dīkṣājñānasya vedakau |
tathā kathaya sarvvan tu sarvvajña nandikeśvara |
((evaṃ te)) --- [13] --- || 1:17 ||

‚… die beiden, die alle Lehrschriften und das Wissen um die Einweihung kennen. Erzähle uns alles so, wie es geschah, allwissender Nandikeshvara!‘ So sie … [Der Abschluss fehlt.]

Anmerkung: Der Vers umfasst sechs Versfüße. Die Zuordnung von ‚alle Lehrschriften‘ und ‚Einweihungswissen‘ ist wegen der ungewöhnlichen Konstruktion nicht völlig sicher.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.18

ricīka uvāca |

Richika sprach:

Anmerkung: Die Sprecherangabe ist eine Konjektur der Edition; sie fehlt in den Handschriften.

Niśvāsamukha 1.18

((kathaṃ va))ktā bhavet eṣām bhagavān nandikeśvaraḥ |
dīkṣitās tu kathan te tu śāstre ’smiñ chivasanmate || 1:18 ||

Wie konnte der erhabene Nandikeshvara ihr Lehrer sein? Und wie wurden sie in diese Lehrschrift eingeweiht, die Shivas wahre Lehre enthält?

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.19

mataṅga u |

Matanga sprach:

Anmerkung: Die abgekürzte Sprecherform der Ausgabe wird im Grundtext bewahrt.

Niśvāsamukha 1.19

te stunvanti yathā nandiṃ dīkṣājñānasya cārthinaḥ |
tathā vakṣyāmi viprendra śṛṇuṣvekamanādhunā || 1:19 ||

Wie sie Nandin priesen, als sie Einweihung und Erkenntnis begehrten, das werde ich dir erzählen, bester der Brahmanen. Höre jetzt mit gesammeltem Geist.

Niśvāsamukha 1.20

devadāruvane ramye --- [8] --- |
--- [16] --- || 1:20 ||

Im lieblichen Deodar-Wald … [Die übrigen drei Versfüße fehlen.]

Anmerkung: Guhyasūtra 16.1–2ab bietet verwandten Text, der aber nicht in den Umfang dieser Lücke passt. Er wird deshalb nicht hier eingefügt.

Niśvāsamukha 1.21

[[su]]((mahā))tapa rudrāṃśa sarvvajña śivatejasā |
devyāśaṅkarasaṃvādaṃ śrutam pūrvvan tvayānagha || 1:21 ||

‚Du von sehr großer Askesekraft, Rudra zugewandt und durch Shivas Macht allwissend! Makelloser, du hast einst das Gespräch zwischen der Göttin und Shankara gehört …‘

Anmerkung: Rudrāṃśa kann wörtlich ‚Anteil Rudras‘ heißen; im shivaitischen Sprachgebrauch bezeichnet es auch einen Menschen mit besonderer Hinwendung zu Rudra. Die Übersetzung legt sich nicht auf eine Verkörperungslehre fest.

Niśvāsamukha 1.22

saṃsārocchittikaraṇaṃ sarvvajñānāmṛtottamam |
dīkṣāmātreṇa kathitaṃ śivenāśivahāriṇā || 1:22 ||

‚… das den Kreislauf des Daseins abschneidet und der höchste Nektar unter allem Wissen ist. Shiva, der alles Unheil entfernt, hat es durch die Einweihung allein verkündet.‘

Anmerkung: Gemeint sein kann auch, dass die Belehrung allein aufgrund empfangener Einweihung zugänglich wird. Der Text erklärt das Verhältnis von Einweihung und Wissensvermittlung hier nicht weiter.

Niśvāsamukha 1.23

tvatprasādād yathā sarvve mucyante ṛṣisattamāḥ |
tathā kuru [[prasā]]dā vā ku? --- [7] --- || 1:23 ||

‚Handle in deiner Gnade so, dass alle diese vortrefflichen Weisen durch deine Gunst befreit werden …‘ [Der Schluss ist beschädigt.]

Anmerkung: Auch die Ausgabe lässt ku? als unsicheres Zeichen stehen; daraus wird kein vollständiges Wort gebildet.

Niśvāsamukha 1.24

--- [13] --- rūpiṇe |
namas te śūlahastāya tryakṣāya ṛṣisambhave || 1:24 ||

‚[Der Anfang fehlt.] … dir, der diese Gestalt trägt. Verehrung dir, der du den Speer in der Hand hältst, drei Augen hast und aus einem Weisen hervorgegangen bist …‘

Anmerkung: Shula kann hier auch den Dreizack bezeichnen. Der Lobpreis gilt im Erzählzusammenhang Nandikeshvara.

Niśvāsamukha 1.25

tapaḥsveditagātrāya uddharasva prasādataḥ |
nānyas trātā bhaved eva tvadṛte nandikeśvara || 1:25 ||

‚… dessen Leib von der Askese in Schweiß gebadet ist. Hebe uns durch deine Gnade empor! Außer dir kann es keinen anderen Retter geben, Nandikeshvara.‘

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.26

nandikeśvara uvāca |

Nandikeshvara sprach:

Niśvāsamukha 1.26

śṛṇvantu ṛṣayas sarvve pañcadhā yat prakīrttitam |
laukikaṃ vaidikañ caiva tathādhyātmikam eva ca || 1:26 ||

Hört alle, ihr Weisen, was als fünffach verkündet wird: das weltliche, das vedische und das auf das Selbst bezogene Wissen …

Anmerkung: Es beginnt die für das Einleitungsbuch maßgebliche Einteilung der religiösen Überlieferung in fünf Ströme.

Niśvāsamukha 1.27

a[[timārgañ ca mantrākhyaṃ]] --- [8] --- |
dīkṣitā nandinā sarvve nirvvāṇe yojitāḥ pare || 1:27 ||

… der über die Welt hinausführende Weg und das als Mantra bezeichnete Wissen … [Ein Versfuß fehlt.] Alle wurden von Nandin eingeweiht; einige wurden mit der Befreiung verbunden …

Anmerkung: Der zweite Halbvers gehört wieder zur Rahmenerzählung Matangas. Der Wortlaut enthält dafür keine neue Sprecherformel.

Niśvāsamukha 1.28

vidyābhikāṅkṣiṇaś cānye vidyāyāṃ te tu yojitāḥ |
dīkṣayitvā yathānyāyam pravaktum upacakrame || 1:28 ||

… andere, die nach Vidya verlangten, wurden mit Vidya verbunden. Nachdem er sie nach der Regel eingeweiht hatte, begann er zu lehren.

Anmerkung: Vidya bezeichnet hier ein von bloßer Befreiung unterschiedenes Einweihungsziel. Die genaue Bedeutung – etwa Zugang zu Mantramacht oder zur kosmischen Vidya-Ebene – ist nicht eindeutig.

Niśvāsamukha 1.29

mahādevyā yathā pṛṣṭas sarvvaduḥkhaharo haraḥ |
tathā vakṣyāmi viprendrāḥ praṇipatya śivaṃ śuciḥ || 1:29 ||

‚Ich werde es lehren, ihr Besten der Brahmanen, so wie Hara, der alles Leiden nimmt, von der großen Göttin befragt wurde.‘ Rein und vor Shiva niedergebeugt …

Anmerkung: Der Übergang zum folgenden Lobpreis ist nicht glatt. Die Reinheit und Verneigung können bereits zur anschließenden Rezitationsanweisung gehören.

Niśvāsamukha 1.30

praṇamya śirasā devañ candrārddhakṛtaśekha[[((ram))]] |
mūrddhni kṛtvāñjaliṃ bhaktyā stotram evam udīrayet || 1:30 ||

… soll man sich mit dem Haupt vor dem Gott verneigen, dessen Krone die Mondsichel bildet, die Hände voll Hingabe über der Stirn zusammenlegen und diesen Lobpreis sprechen:

Anmerkung: Der Hymnus wird ausdrücklich zur Rezitation bestimmt. Er ist als Lobpreis der acht Gestalten Shivas zu dokumentieren, nicht als acht voneinander unabhängige Bija-Mantras.

Niśvāsamukha 1.31

sagaṇāya namas tubhyaṃ sapatnīka namo ’stu te |
sadāśiva namas te ’stu paramātma śive namaḥ || 1:31 ||

Verehrung dir mit deinem Gefolge! Verehrung dir, der du mit deiner Gemahlin vereint bist! Sadashiva, Verehrung sei dir! Höchstes Selbst, Verehrung sei Shiva!

Anmerkung: Die wechselnden und zum Teil unregelmäßigen Kasusformen werden im Sanskrit beibehalten.

Niśvāsamukha 1.32

kṣitir ddhārayate lokāṃ lokāḥ kṣitimayāḥ smṛtāḥ |
sarvvagaṃ kṣitirūpan tu kṣitimūrtti namo ’stu te || 1:32 ||

Die Erde trägt die Menschen; als aus Erde bestehend gelten die Menschen. Deine Erdgestalt ist allgegenwärtig. Du, dessen Gestalt die Erde ist, Verehrung sei dir!

Anmerkung: ‚Deine‘ wird aus der Anrede erschlossen; es steht nicht ausdrücklich im Sanskrit. Loka kann Menschen oder Welten bezeichnen; hier wird einheitlich ‚Menschen‘ gewählt.

Niśvāsamukha 1.33

jalan dhārayate lokāṃ lokā jalamayāḥ smṛ[[((tāḥ))]] |
[[sarvvagaṃ ja]]larūpan tu jalamūrtti namo ’stu te || 1:33 ||

Das Wasser trägt die Menschen; als aus Wasser bestehend gelten die Menschen. Deine Wassergestalt ist allgegenwärtig. Du, dessen Gestalt das Wasser ist, Verehrung sei dir!

Niśvāsamukha 1.34

[[vāyur ddhārayate lokāṃ lokā vāyumayāḥ smṛ]]tāḥ |
sarvvagaṃ vāyurūpan tu vāyumūrtti namo ’stu te || 1:34 ||

Der Wind trägt die Menschen; als aus Wind bestehend gelten die Menschen. Deine Windgestalt ist allgegenwärtig. Du, dessen Gestalt der Wind ist, Verehrung sei dir!

Niśvāsamukha 1.35

agnir ddhārayate lokā lokā agnimayāḥ smṛtāḥ |
sarvvāgnirūpaṃ tu agnimūrtti namo ’stu te || 1:35 ||

Das Feuer trägt die Menschen; als aus Feuer bestehend gelten die Menschen. Deine Feuergestalt ist allgegenwärtig. Du, dessen Gestalt das Feuer ist, Verehrung sei dir!

Anmerkung: Der Sanskritausdruck sarvvāgnirūpaṃ weicht von der wiederholten Form der übrigen Anreden ab; die Übersetzung folgt ihrem parallelen Sinn. Der englische Übersetzungstext druckt in der letzten Anrede irrtümlich ‚wind‘; agnimūrtti bedeutet eindeutig ‚Feuergestalt‘.

Niśvāsamukha 1.36

ātmā yajati yajñāni lokā yajñamayāḥ smṛ[[((tāḥ))]] |
[[((sarvvagaṃ yajñarūpaṃ tu yajñamūrtti namo ’stu te))]] || 1:36 ||

Das Selbst vollzieht die Opfer; als aus Opfer bestehend gelten die Menschen. Deine Opfergestalt ist allgegenwärtig. Du, dessen Gestalt das Opfer ist, Verehrung sei dir!

Anmerkung: Diese Fassung nennt ausdrücklich das Opfer als Gestalt. Sie wird nicht stillschweigend durch den ‚Opferherrn‘ anderer Achtgestalten-Listen ersetzt.

Niśvāsamukha 1.37

[[ākāśaṃ dhārayate lokā lokā vyomamayāḥ smṛtāḥ ||]]
ākāśaṃ sarvvagaṃ rūpaṃ mūrttyā[[((kāśa namo ’stu))]] te || 1:37 ||

Der Raum trägt die Menschen; als aus Raum bestehend gelten die Menschen. Deine Raumgestalt ist allgegenwärtig. Du, dessen Gestalt der Raum ist, Verehrung sei dir!

Anmerkung: Der überlange Vers und das ungewöhnliche Kompositum mūrttyākāśa werden nicht metrisch geglättet. Auch das Doppel-Danda innerhalb des Verses folgt der Druckfassung.

Niśvāsamukha 1.38

somo dhārayate lokāṃ lokāḥ somamayāḥ smṛtāḥ |
sarvvagaṃ somarūpaṃ tu somamūrtti namo ’stu te || 1:38 ||

Der Mond trägt die Menschen; als aus Mond bestehend gelten die Menschen. Deine Mondgestalt ist allgegenwärtig. Du, dessen Gestalt der Mond ist, Verehrung sei dir!

Niśvāsamukha 1.39

sū[[((ryo dhārayate lokāṃ lokāḥ sūryamayāḥ smṛtāḥ |
sarvvagaṃ sūryarūpaṃ tu sūryamūrtti namo ’stu te))]] || 1:39 ||

Die Sonne trägt die Menschen; als aus Sonne bestehend gelten die Menschen. Deine Sonnengestalt ist allgegenwärtig. Du, dessen Gestalt die Sonne ist, Verehrung sei dir!

Niśvāsamukha 1.40

aṣṭamūrtti --- [12] --- |
[[((ane))]]na satyavākyena saṃsārād uddharasva mām || 1:40 ||

Achtgestaltiger … [Zwölf Schriftzeichen fehlen.] Durch dieses wahre Wort hebe mich aus dem Kreislauf des Daseins empor!

Anmerkung: Die Lücke wird nicht mit einer aus anderen Texten bekannten Liste der acht Namen Shivas gefüllt.

Niśvāsamukha 1.41

aṣṭamūrttim idaṃ stotraṃ yaḥ paṭhet satataṃ śuciḥ |
sarvvapāpavinirmmuktaḥ śivasāyojyatām vrajet || 1:41 ||

Wer diesen Lobpreis der acht Gestalten beständig in Reinheit rezitiert, soll von aller Schuld frei werden und zur Vereinigung mit Shiva gelangen.

Anmerkung: Die Wirkungszusage ist diejenige der Schrift. Sāyojyatā steht als auffällige Form anstelle des geläufigeren sāyujya.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.42

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Niśvāsamukha 1.42

anādinidhano devo hy aja-m-akṣaram avyayaḥ |
sarvvagas sarvvarūpo ’si sarvvajñaś caikakāraṇaḥ || 1:42 ||

Du bist der Gott ohne Anfang und Ende, ungeboren, unvergänglich und unwandelbar. Du bist allgegenwärtig, von jeder Gestalt, allwissend und die einzige Ursache.

Anmerkung: Das verbindende m nach aja und die unregelmäßige Kasusfolge werden bewahrt; sie ändern nicht die Reihe der göttlichen Eigenschaften.

Niśvāsamukha 1.43

sraṣṭā dharttā ca harttā ca parameṣṭhī mahe[[((śvaraḥ))]] |
--- [11] --- [[ga]]tir uttamā || 1:43 ||

Du bist Schöpfer, Erhalter und Auflöser, der Höchste und der große Herr … [Ein Teil des Lobpreises fehlt.] … das höchste Ziel.

Niśvāsamukha 1.44

tvām āśritya gatās sarvve siddhim ṛṣisurāsurāḥ |
nāgagandharvvayakṣāś ca piśācāpsararākṣasāḥ || 1:44 ||

Bei dir Zuflucht suchend haben sie alle Vollendung erreicht: Weise, Götter und Gegengötter, Nagas, Gandharvas und Yakshas, Pishachas, Apsaras und Rakshasas.

Anmerkung: Die Aufzählung umfasst verschiedene menschliche und übermenschliche Wesen der religiösen Welt des Textes.

Niśvāsamukha 1.45

tvatprasādād varaṃ labdhvā krīḍante ca gatiṅ gatāḥ |
apunarbhavanirvvāṇaṃ yad gatvā na nivarttate || 1:45 ||

Nachdem sie durch deine Gnade einen Segen empfangen haben, wirken sie spielend, ans Ziel gelangt: an die Befreiung ohne erneute Geburt, von der man, einmal hingelangt, nicht zurückkehrt.

Anmerkung: Das ‚Spielen‘ kann die freie Entfaltung außerordentlicher Kräfte meinen. Der Vers verbindet dies auffällig mit der endgültigen Befreiung.

Niśvāsamukha 1.46

ahaṃ hi śokasaṃtaptān dṛṣṭvā lokān supīḍitān |
paśyāmi parivarttantaṃ [[((kālacakraṃ suda))ruṇam]] || 1:46 ||

Wenn ich die Menschen sehe, von Kummer verzehrt und schwer gequält, dann sehe ich das furchtbare Rad der Zeit sich drehen.

Niśvāsamukha 1.47

--- [3] --- deva deveśa lokānugrahakāraṇāt |
yathā mucyanti te martyā janmamṛtyujarādibhiḥ || 1:47 ||

[Der Satzanfang fehlt.] O Gott, Herr der Götter, aus Erbarmen mit der Welt: Wie können diese Sterblichen von Geburt, Tod, Alter und den übrigen Leiden frei werden …

Niśvāsamukha 1.48

kṣuttṛṣṇāśītatoṣṇena kāmakrodhabhayena ca |
iṣṭānāṃ viprayogaiś ca sarvvarogasamāvṛtāḥ || 1:48 ||

… von Hunger, Durst, Kälte und Hitze, Begehren, Zorn und Furcht, von der Trennung von ihren Lieben – sie, die von allen Krankheiten bedrängt werden?

Anmerkung: Der Vers führt die Frage aus Vers 47 fort. Śītatoṣṇena ist die überlieferte ungewöhnliche Verbindung für Kälte und Hitze.

Niśvāsamukha 1.49

anāthāśaraṇā deva dambhamāyāsamanvitāḥ |
parahiṃsāratā duṣṭā trāhi tān parameśvara || 1:49 ||

Ohne Schutz und Zuflucht sind sie, o Gott, voll Heuchelei und Täuschung, böswillig und darauf aus, anderen zu schaden. Rette sie, höchster Herr!

Anmerkung: Das Erbarmen der Göttin richtet sich ausdrücklich auch auf Menschen mit schädlichem Verhalten.

Niśvāsamukha 1.50

katham ete durācārāḥ śuddhyante --- [5] --- |
[[yeno]]pāyena deveśa tadupāyaṃ vadasva me || 1:50 ||

Wie werden diese Menschen mit schlechtem Lebenswandel gereinigt … [Fünf Schriftzeichen fehlen.] Durch welches Mittel, Herr der Götter? Dieses Mittel erkläre mir.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.51

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Niśvāsamukha 1.51

pañca srotā mayā khyātā lokānāṃ hitakāmyayā |
tān pravakṣyāmi sarvvāṃs tu śṛṇuṣv avahitā priye || 1:51 ||

Aus dem Wunsch nach dem Wohl der Menschen habe ich fünf Ströme verkündet. Ich werde sie alle erklären. Höre aufmerksam, Geliebte.

Niśvāsamukha 1.52

svargāpavargahetoś ca tan nibodha yathārthataḥ |
laukikaṃ sampravakṣyāmi yena svargaṃ vrajanti te || 1:52 ||

Verstehe dies genau, damit Himmel und Befreiung erlangt werden. Ich werde das weltliche Wissen lehren, durch das die Menschen zum Himmel gelangen.

Anmerkung: ‚Weltlich‘ bedeutet hier nicht religionslos, sondern den auf Wohltaten und Verehrung beruhenden ersten Strom.

Niśvāsamukha 1.53

kūpavāpīgṛhodyāna --- [8] --- |
--- [12] --- tha maṇḍapāḥ |
dānatīrthopavāsāni vratāni niyamāni ca || 1:53 ||

Brunnen, Teiche, Häuser, Gärten … [Zwanzig Schriftzeichen fehlen.] … und Hallen; Gaben, Pilgerstätten und Fasten, religiöse Observanzen und Selbstbeschränkungen …

Anmerkung: Der nummerierte Vers enthält sechs Versfüße. Die ersten zusammengesetzten Wörter sind teilweise konjektural hergestellt.

Niśvāsamukha 1.54

bhakṣyābhakṣyaparīhārañ japahoman tathārccanām |
jalāgnibhṛgupāto hi tathānaśanam eva ca || 1:54 ||

… zulässige Nahrung und das Meiden unzulässiger Nahrung, Rezitation, Feueropfer und Verehrung; sich in Wasser oder Feuer oder von einem Abhang stürzen sowie das Unterlassen der Nahrung …

Anmerkung: Die Liste enthält historische Formen religiöser Selbsttötung und tödlicher Askese. Sie wird als Textaussage übersetzt, keinesfalls als heutige Praxisanregung. Die unregelmäßige Verbindung bhakṣyābhakṣyaparīhāra wird aus dem Zusammenhang erschlossen.

Niśvāsamukha 1.55

vidyamānanivṛttiś ca guruvṛddhābhipūjanam |
laukikaṃ kathitaṃ hy etad vaidikañ cāturā[[((śramam))]] || 1:55 ||

… das Aufgeben des vorhandenen Besitzes und die Ehrung der Lehrer und Alten: Dies wird als das weltliche Wissen bezeichnet. Das vedische Wissen betrifft die vier Lebensstände …

Anmerkung: Vidyamānanivṛtti ist nicht ganz eindeutig; hier im Sinne des Verzichts auf das verstanden, was man besitzt.

Niśvāsamukha 1.56

--- [16] --- |
--- [6] --- | [[((proktā))]] lokātītā mahāvratāḥ |
mantrākhyāś ca tathā śaivā ato ’nye kupathe sthitāḥ || 1:56 ||

[Zweiundzwanzig Schriftzeichen fehlen.] Die über die Welt Hinausgehenden werden Mahavratins genannt; diejenigen des Mantra-Weges sind die Shaivas. Andere als diese stehen auf einem falschen Weg.

Anmerkung: Sechs Versfüße mit erheblichen Lücken. Die polemische Ausschließlichkeit des letzten Satzes ist eine Aussage dieser Schrift, kein Urteil der heutigen Ausgabe über andere Religionen.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.57

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Niśvāsamukha 1.57

pañca srotās tvayā deva sūcitā na tu varṇṇitāḥ |
tāṃs tu vistarato me ’dya prasādād vaktum arhasi || 1:57 ||

Die fünf Ströme hast du, o Gott, angedeutet, aber noch nicht beschrieben. Bitte erkläre sie mir jetzt ausführlich in deiner Gnade.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.58

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Niśvāsamukha 1.58

utpānaṃ kurute yas tu pāpātmā duṣṭacetasaḥ |
sa vidhūya --- pitṛbhis saha modate || 1:58 ||

Auch ein schuldiger Mensch mit verdorbenem Denken, der eine Trinkwasserstelle anlegt, wird … abschütteln [hier fehlt das Objekt] und sich mit seinen Ahnen freuen.

Anmerkung: Utpāna wird mit der Ausgabe als unregelmäßige Form von udapāna, Trinkwasserstelle oder Brunnen, verstanden. Die vermutete ‚Schuld‘ in der Lücke wird nicht als überlieferter Wortlaut eingesetzt.

Niśvāsamukha 1.59

⟪puṣkariṇyāś ca yaḥ karttā⟫ divaṃ vrajed vikalmaṣaḥ |
kulais tu saptabhir yukto yāvat kīrttir na naśyate || 1:59 ||

Wer einen Lotosteich anlegt, soll frei von Befleckung zum Himmel gelangen, zusammen mit sieben Generationen seiner Familie, solange sein guter Ruf nicht vergeht.

Anmerkung: Der erste Versfuß ist in der Edition aus dem Shivadharmasangraha ergänzt; divaṃ vrajed vikalmaṣaḥ ist eine Konjektur. Beide Eingriffe betreffen in der alten Handschrift verlorenen Wortlaut.

Niśvāsamukha 1.60

gṛhan dravyasamopetaṅ kṛtvā viprāya yo dadet |
tasya hemamayan divyaṅ gṛhaṃ svargge prajāyate || 1:60 ||

Wer ein mit Gütern ausgestattetes Haus errichtet und einem Brahmanen schenkt, dem entsteht im Himmel ein göttliches Haus aus Gold.

Anmerkung: Eine traditionelle religiöse Verdienstzusage, keine Zusicherung der Redaktion.

Niśvāsamukha 1.61

udyānaṅ kurute yas tu devadevasya cālaye |
tasya puṇyaphalaṃ yat tu puṣpe puṣpe nibodha me || 1:61 ||

Wer beim Heiligtum des Gottes der Götter einen Garten anlegt: Höre von mir, welche Verdienstfrucht er für jede einzelne Blume erhält.

Niśvāsamukha 1.62

daśasauvarṇṇikaṃ puṣpaṃ mālā lakṣeṇa saṃmitā |
koṭimālā⟪śatenāhur anantaṃ liṅga⟫pūraṇe || 1:62 ||

Eine Blume entspricht zehn Goldmünzen, eine Girlande hunderttausend. Für hundert Girlanden, heißt es, werden zehn Millionen angerechnet; beim vollständigen Bedecken des Linga ist die Frucht unendlich.

Anmerkung: Ein Teil der Zahlenfolge und die Bezeichnung Linga sind aus dem Paralleltext ergänzt. Es handelt sich um religiöse Verdienstvergleiche, nicht um Preisangaben.

Niśvāsamukha 1.63

evaṅ kurvvanti ye nityan te gaṇā mama cākṣayāḥ |
na teṣām martyabhāvo ’sti kalpakoṭiśatair api || 1:63 ||

Diejenigen, die dies beständig tun, werden meine unvergänglichen Gefolgsleute. Auch nach hundertmal zehn Millionen Weltaltern fallen sie nicht in die Sterblichkeit zurück.

Niśvāsamukha 1.64

evaṃ śrutam mayā pūrvvaṃ devyāḥ kathayato harāt |
tat sarvvaṅ kathitan tubhyaṃ yat phalaṃ liṅgapūraṇe || 1:64 ||

So habe ich es einst von Hara gehört, als er es der Göttin erklärte. Das alles habe ich euch erzählt: welche Frucht das Bedecken des Linga trägt.

Anmerkung: Nun spricht wieder Nandikeshvara zu den Weisen. Tubhyam steht ungewöhnlich im Singular, obwohl die Hörer eine Gruppe sind. Liṅgapūraṇe ist eine Konjektur; die Handschriften haben liṅgapūjane, ‚bei der Verehrung des Linga‘.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.65

ṛṣaya ūcuḥ |

Die Weisen sprachen:

Niśvāsamukha 1.65

pṛcchanti ṛṣayo bhītās saṃsārabhayapīḍitāḥ |
tuṣyate ca kathan deva arccitasya ca ⟪kiṃ phalam⟫ || 1:65 ||

Voller Furcht fragen die Weisen, bedrängt von der Angst vor dem Kreislauf des Daseins: Wie wird der Gott zufriedengestellt? Welche Frucht trägt seine Verehrung?

Anmerkung: Die einleitende Erzählerzeile steht tatsächlich innerhalb des nummerierten Verses und wird nicht entfernt.

Niśvāsamukha 1.66

⟪kṣīrājyada⟫dhitoyena snāpitasya ca kim phalam |
puṣpāṇāñ caiva sarvveṣāṅ gandhadhūpasya kiṃ phalam || 1:66 ||

Welche Frucht trägt es, ihn mit Milch, Ghee, Dickmilch und Wasser zu baden? Welche Frucht tragen alle Arten von Blumen, Duftstoffen und Räucherwerk?

Anmerkung: Der Beginn der Aufzählung ist aus dem Shivadharmasangraha ergänzt. Ghee ist geklärte Butter.

Niśvāsamukha 1.67

vastrālaṅkāranaivedyadhvajādarśavitānakaiḥ |
dīpacchatraphalam brūhi gojāvimahiṣīṣu ca || 1:67 ||

Und was bewirken Gewänder, Schmuck, Speisegaben, Banner, Spiegel und Baldachine? Erkläre die Frucht von Lampen und Schirmen sowie von Kühen, Ziegen, Schafen und Büffelkühen.

Anmerkung: Gemeint sind Gaben an das Heiligtum. Die ungewöhnliche Form der Viehliste wird nicht durch eine neue Liste ersetzt.

Niśvāsamukha 1.68

aśvadantipradānasya dāsīdāsasya yat phalam |
sammārjjane phalaṃ kiṃ syāt tathā caivopalepane || 1:68 ||

Welche Frucht hat das Schenken von Pferden und Elefanten, von Dienerinnen und Dienern? Welche Frucht hat das Reinigen und das Bestreichen des Heiligtums?

Anmerkung: Die historische Aufzählung behandelt auch Menschen als Gaben; sie ist keine heutige Billigung solcher Abhängigkeiten.

Niśvāsamukha 1.69

gītanṛtyaphalam brūhi tantrī⟪vādyaphalañ ca yat⟫ |
jāgarasya phalam brūhi kṛṣṇāṣṭamicaturddaśī || 1:69 ||

Erkläre die Frucht von Gesang und Tanz, von Saitenspiel und anderen Instrumenten. Erkläre auch die Frucht des Wachens in der achten und vierzehnten Nacht der dunklen Mondhälfte.

Anmerkung: Die Mondtage stehen in einer unregelmäßigen Zusammensetzung. Der Text spricht von religiösen Nachtwachen, nicht von einer allgemeinen Empfehlung zum Schlafentzug.

Niśvāsamukha 1.70

upavāsasya yat puṇyan devadevāśritasya ca |
etat sarvvaṃ samākhyāhi upasannāḥ sma te vayam || 1:70 ||

Welches Verdienst bringt das Fasten und die Zuflucht beim Gott der Götter? Erkläre uns dies alles; wir haben uns dir zugewandt.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.71

nandīśa u |

Nandisha sprach:

Niśvāsamukha 1.71

śataṃ sammārjjane puṇyaṃ sahasram upalepane |
niṣkāṇām prāpnuyāc caiva śivabhaktisamanvitaḥ || 1:71 ||

Wer von Hingabe an Shiva erfüllt ist, soll beim Reinigen das Verdienst von hundert Goldstücken und beim Bestreichen das von tausend erlangen.

Anmerkung: Wahrscheinlich ist das Verdienst gemeint, das dem Schenken solcher Goldmengen entspricht. Die folgenden Zahlen sind religiöse Verdienstangaben, keine wirtschaftliche Bewertung von Verehrung.

Niśvāsamukha 1.72

upalipya śivāgāraṃ śucir bhūtvā samāhitaḥ |
⟪arccayet satatan devaṃ⟫ śivadīkṣāvivarjjitaḥ || 1:72 ||

Wer keine Shiva-Einweihung empfangen hat, soll, nachdem er Shivas Heiligtum bestrichen und sich gereinigt hat, gesammelt den Gott beständig verehren.

Anmerkung: Der Vers bezieht ausdrücklich Nichteingeweihte in die Verehrung ein. Ob ausschließlich eine Mantramarga-Einweihung oder auch eine ältere shivaitische Einweihung gemeint ist, lässt sich hier nicht sicher entscheiden.

Niśvāsamukha 1.73

patrapuṣpaphalaiś caiva dadhikṣīraghṛtādibhiḥ |
pavitrair bhaktipūtaiś ca yaḥ pūjayati nityaśaḥ || 1:73 ||

Wer täglich verehrt mit Blättern, Blumen und Früchten, Dickmilch, Milch, Ghee und anderem, mit durch Hingabe gereinigten Pavitra-Gegenständen …

Anmerkung: Pavitra kann einen rituellen Kusha-Grasring oder eine am Linga verwendete Reinigungsschnur bezeichnen. Die Stelle bestimmt den Gegenstand nicht genauer.

Niśvāsamukha 1.74

vastranaivedyacchatraiś ca dhvajādarśavitānakaiḥ |
ghaṇṭācāmaradāmaiś ca alaṅkārodakena ca || 1:74 ||

… mit Gewändern, Speisegaben und Schirmen, mit Bannern, Spiegeln und Baldachinen, mit Glocken, Yakschweifwedeln und Girlanden, mit Schmuck und Wasser …

Niśvāsamukha 1.75

⟪suvarṇṇamaṇivastraiś ca gandhadhūpopalepanaiḥ |
gītavāditranṛtaiś ca huḍḍuṅkārastavena ca || 1:75 ||

… mit Gold, Edelsteinen und Gewändern, mit Duftstoffen, Räucherwerk und Salbungen, mit Gesang, Instrumentalmusik und Tanz, mit dem Hudduṅ-Ruf und Lobpreis …

Anmerkung: Dieser ganze Vers wird von der Ausgabe aus dem Paralleltext ergänzt. Die Wiedergabe des Hudduṅ-Rufs beruht zusätzlich auf dem Vergleich mit Nishvasamukha 4.72; es ist ein kultischer Laut, kein hier offen ausgeschriebenes Bija-Mantra.

Niśvāsamukha 1.76

vakṣyāmi sarvvam evan tu⟫ aparijñātakāraṇe |
kevalām bhaktim āpannāḥ śṛṇudhvaṃ pūjanāt phalam || 1:76 ||

Alles werde ich euch erklären. Ihr, die ihr euch mit ungeteilter Hingabe dem zugewandt habt, dessen Ursprung nicht erkannt wird: Hört die Frucht, die aus der Verehrung entsteht.

Anmerkung: Aparijñātakāraṇe ist mehrdeutig. Die Übersetzung bezieht es mit der Ausgabe auf Shiva; eine andere Deutung wäre das Nichtkennen des richtigen Verfahrens. Der Satz bleibt ungewöhnlich.

Niśvāsamukha 1.77

toyena snāpayel liṅgaṅ gandhadigdhena caiva hi |
ekarātreṇa mucyante mānasā⟪t kilbiṣān narāḥ || 1:77 ||

Man soll das Linga mit duftstoffvermischtem Wasser baden. Innerhalb einer Nacht sollen die Menschen von geistiger Verfehlung frei werden …

Anmerkung: Die folgenden Zeit- und Wirkungsangaben sind traditionelle Aussagen des Textes.

Niśvāsamukha 1.78

daśarātrāt tu kāyikena mahāpāpena pakṣataḥ |
māsena svargam āpnoti abdād gāṇeśvarīṅ gatim || 1:78 ||

… nach zehn Nächten von körperlicher Verfehlung und nach einer halben Mondperiode von schwerer Schuld. Nach einem Monat erreicht man den Himmel, nach einem Jahr den Daseinsrang eines Herrn der Ganas …

Anmerkung: Die verschiedenen Kasus der Schuldbezeichnungen bleiben im Grundtext stehen. Ganeshvara ist hier ein Rang unter Shivas Gefolgsleuten, nicht notwendig der Gott Ganesha.

Niśvāsamukha 1.79

tryabdena pitṛtāṃ yāti pañcabhiḥ kulam u⟫ddharet |
dviṣaḍdādīśasāyojyaṃ yāvajjīvaṃ śivam vrajet || 1:79 ||

… nach drei Jahren den Zustand der vergöttlichten Ahnen; nach fünf Jahren soll man die Familie emporheben, nach zwölf Jahren die Vereinigung mit Ishvara erreichen und nach lebenslangem Vollzug zu Shiva gelangen.

Anmerkung: Die verkürzte Zahlen- und Zeitangabe dviṣaḍdād wird als ‚nach zweimal sechs Jahren‘ verstanden. Die Satzglieder sind elliptisch; fehlende Verben werden nur im Deutschen ergänzt.

Niśvāsamukha 1.80

sudadhnā snāpayel liṅgaṅ kṛṣṇāṣṭamicaturddaśī |
yāvajjīvakṛtāt pāpān mucyate nātra saṃśayaḥ || 1:80 ||

Wer das Linga an der achten und vierzehnten Nacht der dunklen Mondhälfte mit guter Dickmilch badet, soll von der im ganzen Leben begangenen Schuld frei werden; daran besteht nach dem Text kein Zweifel.

Niśvāsamukha 1.81

satataṃ snāpayed yas tu māsam ekaṃ śucir naraḥ |
pratyahaṃ kratum āpnoti bhinne dehe śivālayam || 1:81 ||

Wer es als reiner Mensch einen Monat lang beständig badet, erlangt täglich die Frucht eines Opfers und beim Zerfall des Körpers Shivas Wohnstatt.

Anmerkung: Welches vedische Opfer kratu hier genau bezeichnet, wird nicht gesagt.

Niśvāsamukha 1.82

ṣaṇmāsaṃ snāpayed yas tu sa gaṇaś cottamo bhavet |
⟪abdasnā⟫nena pitaras tasya yānti śivālayam || 1:82 ||

Wer es sechs Monate lang badet, wird ein hervorragender Gana. Durch ein Jahr dieser Badung gelangen seine Ahnen zu Shivas Wohnstatt.

Niśvāsamukha 1.83

tryabdena rudrasāyojyaṃ dvādaśābdaiḥ svakaṅ kulam |
ghṛtena snāpayel liṅgam ekāhaṃ yadi mānavaḥ || 1:83 ||

Nach drei Jahren erlangt er die Vereinigung mit Rudra, nach zwölf Jahren seine eigene Familie. Wenn ein Mensch das Linga einen Tag lang mit Ghee badet …

Anmerkung: Mit dem zweiten Halbvers beginnt eine neue Reihe von Zusagen zur Badung mit Ghee.

Niśvāsamukha 1.84

dagdhvā tu sarvvapāpāni aśvamedhaphalaṃ labhet |
daśarātrāt svarggatim māsād gāṇeśvarīṅ gatim || 1:84 ||

… soll er, nachdem alle Schuld verbrannt ist, die Frucht eines Pferdeopfers empfangen; nach zehn Nächten den Himmel, nach einem Monat den Daseinsrang eines Herrn der Ganas …

Anmerkung: Der Text vergleicht die Verehrung mit dem Verdienst eines vedischen Pferdeopfers; er fordert hier kein solches Opfer.

Niśvāsamukha 1.85

narakasthāś ca pitara uddhṛtās tu na saṃśayaḥ |
ṣaṇmāsaṃ ⟪snāpayed yas tu nityaṃ cābhagna⟫yogataḥ || 1:85 ||

… und die in der Hölle befindlichen Ahnen werden emporgehoben – daran besteht kein Zweifel. Wer es sechs Monate lang täglich mit ununterbrochener Sammlung badet …

Niśvāsamukha 1.86

tasyāpi pitaro yānti nityaṅ gāṇeśvarīṅ gatim |
dvirabdenaiva sāyojyaṅ gacchate pitṛbhis saha || 1:86 ||

… dessen Ahnen erlangen ebenfalls bleibend den Daseinsrang eines Herrn der Ganas. Nach zwei Jahren geht er zusammen mit seinen Ahnen in die Vereinigung ein.

Anmerkung: Die Vereinigung mit Shiva ist aus dem Zusammenhang verstanden; ein neuer Gottesname wird nicht in den Sanskrittext eingefügt.

Niśvāsamukha 1.87

ghṛtasnānāt paran nāsti yoddharet kulasaptakam |
trinetrāḥ śūlahastāś ca vṛṣāṅkāś candrasekharāḥ || 1:87 ||

Nichts ist höher als die Badung mit Ghee, durch die man sieben Generationen der Familie emporheben kann. Sie werden dreiäugig, halten den Dreizack, tragen das Stierzeichen und die Mondsichel als Kopfschmuck.

Anmerkung: Der zweite Satz hat im Sanskrit kein Verb und wohl die Ahnen zum Subjekt. Candrasekhara wird mit dem gedruckten s bewahrt, nicht zu candraśekhara normalisiert.

Niśvāsamukha 1.88

kṣīreṇa snāpayel liṅgaṅ kṛṣṇāṣṭamicaturddaśī |
yāvajjīvakṛtāt pāpān mucyate nātra saṃśayaḥ || 1:88 ||

Wer das Linga an der achten und vierzehnten Nacht der dunklen Mondhälfte mit Milch badet, soll von der im ganzen Leben begangenen Schuld frei werden; daran besteht nach dem Text kein Zweifel.

Niśvāsamukha 1.89

māsaikaṃ [[((snāpa))]]yed yas tu sarvvapāpasamanvitaḥ |
mucyate tais tu pāpais tu śivasāyojyatāṃ vrajet || 1:89 ||

Wer, mit aller Art von Schuld beladen, es einen Monat lang badet, wird von diesen Verfehlungen befreit und soll zur Vereinigung mit Shiva gelangen.

Niśvāsamukha 1.90

ṣaṇmāsān snāpayed yas tu sa gaṇaś cottamo bhavet |
abdasnānena tasyaiva uddharet kulasaptakam || 1:90 ||

Wer es sechs Monate lang badet, wird ein hervorragender Gana. Durch ein Jahr dieser Badung soll er sieben Generationen seiner Familie emporheben.

Niśvāsamukha 1.91

tryabdena rudrasāyojyam †uddhareṇa śivātmakam† |
dvādaśābdān snayed yas tu satatam bhaktisaṃyutaḥ || 1:91 ||

Nach drei Jahren erlangt er die Vereinigung mit Rudra; [die anschließenden Wörter über das Emporheben und das Shiva-Sein sind nicht sicher übersetzbar]. Wer es zwölf Jahre lang beständig voller Hingabe badet …

Anmerkung: Die Ausgabe markiert uddhareṇa śivātmakam als verderbt. Eine vorgeschlagene Änderung zu ‚Shiva-Sein‘ oder zu einer weiteren Jahreszahl wird nicht in den Grundtext übernommen.

Niśvāsamukha 1.92

kulakoṭiśataṃ sāgraṃ narakāt tārayiṣyati |
kṣīrasnānaphalaṃ hy etad ghṛtasnānopari sthitam || 1:92 ||

… wird mehr als hundertmal zehn Millionen seiner Familienangehörigen aus der Hölle retten. Dies ist die Frucht der Badung mit Milch; sie steht über derjenigen der Badung mit Ghee.

Anmerkung: Die Rangfolge wirkt nach Vers 87 überraschend, wird aber nicht harmonisiert. Der erste Halbvers ist konjektural hergestellt.

Niśvāsamukha 1.93

madhunā snāpayel liṅgaṅ kṛṣṇāṣṭamicaturddaśī |
rājasūyasya yajñasya phalam prāpnoti mānavaḥ || 1:93 ||

Wer das Linga an der achten und vierzehnten Nacht der dunklen Mondhälfte mit Honig badet, empfängt die Frucht des Rajasuya-Opfers.

Anmerkung: Rajasuya ist das vedische Königsweiheopfer. Madhu wird im Zusammenhang dieser Badung als Honig verstanden.

Niśvāsamukha 1.94

pratyaham phalam āpnoti abdenaiva gaṇeśvaraḥ |
pañcābdenaiva sāyojyaṅ gacchate pitṛbhiḥ saha || 1:94 ||

Täglich empfängt er die Frucht; nach einem Jahr wird er ein Herr der Ganas. Nach fünf Jahren geht er zusammen mit seinen Ahnen in die Vereinigung ein.

Anmerkung: Die erste Zeile ist elliptisch und möglicherweise gestört: Es bleibt unklar, worauf ‚die Frucht‘ im Einzelnen verweist. Keine fehlende Monatsangabe wird hinzugefügt.

Niśvāsamukha 1.95

[[((pañcagavyena snānaṃ tu pratyaham))]] --- |
⟪na tasya dṛśyate cāntaṃ devalokañ ca⟫ gacchati || 1:95 ||

Die tägliche Badung mit den fünf Erzeugnissen der Kuh … [Der Satz ist lückenhaft.] Ein Ende wird für ihn nicht sichtbar; er gelangt in die Welt der Götter.

Anmerkung: Der Beginn ist aus den späteren Abschriften bekannt; ein großer Teil der zweiten Zeile wurde aus dem Shivadharmasangraha ergänzt. Die fünf Kuhprodukte werden hier nicht einzeln aufgezählt.

Niśvāsamukha 1.96

saṃvatsareṇa śuddhātmā śivasāyojyatām vrajet |
varṣadvayena pitaraḥ sapta caivoddhṛtāḥ smṛtāḥ || 1:96 ||

Nach einem Jahr soll er, innerlich gereinigt, zur Vereinigung mit Shiva gelangen. Nach zwei Jahren gelten sieben Generationen seiner Ahnen als emporgehoben.

Niśvāsamukha 1.97

gandhaiś ca lepayel liṅgan divyaiś caiva sugandhakaiḥ |
vājapeyasya yajñasya phalam prāpnoti mānavaḥ || 1:97 ||

Wer das Linga mit göttlichen, wohlriechenden Duftstoffen bestreicht, empfängt die Frucht des Vajapeya-Opfers.

Anmerkung: Vajapeya ist der Name eines vedischen Opfers; der Name wird nicht als Mantra behandelt.

Niśvāsamukha 1.98

karppūravyatimiśreṇa candanena ⟪tu lepayet⟫ |
aśvamedhaphalañ caiva daśarātreṇa prāpnuyāt || 1:98 ||

Er soll es mit Sandelholzpaste bestreichen, die mit Kampfer vermischt ist. Nach zehn Nächten soll er die Frucht eines Pferdeopfers empfangen.

Niśvāsamukha 1.99

māsena gaṇatāṃ yāti abdāt sāyojyam āpnuyāt |
ananyayogo yo dadyāt pratyahaṃ liṅgalepanam || 1:99 ||

Nach einem Monat erreicht er den Gana-Zustand, nach einem Jahr soll er Vereinigung erlangen. Wer täglich mit ungeteilter Sammlung das Linga bestreicht …

Niśvāsamukha 1.100

pitaras tasya te sarvve gatiṃ yāsyanti cottamām |
guggulun dahate yas tu devadevasya sannidhau || 1:100 ||

… dessen Ahnen werden alle zum höchsten Daseinsziel gelangen. Wer in Gegenwart des Gottes der Götter Guggulu-Harz verbrennt …

Niśvāsamukha 1.101

sakṛddhūpena prāpnoti agniṣṭomasya yat phalam |
satatan dahate yas tu ⟪dhūpaṅ guggulum⟫ uttamam || 1:101 ||

… empfängt durch eine einzige Räucherdarbringung die Frucht eines Agnishtoma-Opfers. Wer beständig das vorzügliche Guggulu-Räucherwerk verbrennt …

Anmerkung: Agnishtoma bezeichnet ein vedisches Soma-Opfer. Der Text setzt rituelle Verdienste zueinander in Beziehung.

Niśvāsamukha 1.102

māsaikena prāpnoti kratūnāṃ śatam eva tu |
ṣaṇmāsan tu dahed yas tu sa gaṇaś cottamo bhavet || 1:102 ||

… empfängt nach einem Monat die Frucht von hundert Opfern. Wer es sechs Monate lang verbrennt, wird ein hervorragender Gana.

Niśvāsamukha 1.103

na tasya sambhavo martye pitṛbhis saha modate |
abdam ekan dahed yas tu śucir bhūtvā dine dine || 1:103 ||

Für ihn gibt es keine Wiedergeburt in der sterblichen Welt; er freut sich mit seinen Ahnen. Wer es ein Jahr lang Tag für Tag in Reinheit verbrennt …

Niśvāsamukha 1.104

svakulañ coddhṛtan tena śivabhaktena dhīmatā |
vastradhvajavitānaṃ vā yo dadyāl liṅgasannidhau || 1:104 ||

… durch diesen einsichtigen Shiva-Verehrer wird seine eigene Familie emporgehoben. Wer beim Linga ein Gewand, ein Banner oder einen Baldachin darbringt …

Niśvāsamukha 1.105

sa labhet paramaiśvaryaṃ jāyate cottame kule |
sakṛddānaphalaṃ hy etad dvis tridhā gatir uttamā || 1:105 ||

… soll höchste Herrschaft erlangen und in einer hervorragenden Familie geboren werden. Dies ist die Frucht einer einmaligen Gabe; bei zwei- oder dreimaliger Gabe ist das Daseinsziel vorzüglich …

Anmerkung: Der erste Halbvers ist eine Konjektur auf beschädigter Grundlage.

Niśvāsamukha 1.106

prāpnuyān mānavaḥ śīghraṃ somalokan na saṃśayaḥ |
śatasāhasradānena gatir gāṇeśvarī bhavet || 1:106 ||

… der Mensch soll rasch die Mondwelt erreichen; daran besteht kein Zweifel. Bei hunderten oder tausenden Gaben soll er den Daseinsrang eines Herrn der Ganas erlangen …

Anmerkung: Śatasāhasra könnte als eine einzige Zahl gelesen werden; wegen der ausdrücklich folgenden hunderttausend Gaben in Vers 107 versteht die Ausgabe hier ‚hunderte oder tausende‘. Die schwierige Form bleibt im Grundtext erhalten.

Niśvāsamukha 1.107

pitṛbhis saṃyutaiś caiva lakṣadānān na saṃśayaḥ |
ghaṇṭāṃ hemamayāṅ kṛtvā yo dadāti śivasya tu || 1:107 ||

… und nach hunderttausend Gaben zusammen mit seinen Ahnen, daran besteht kein Zweifel. Wer eine goldene Glocke anfertigt und Shiva darbringt …

Niśvāsamukha 1.108

tena puṇyaphalenaiva śivaloke mahīyate |
raupyān tāmran tathā kāṃsyāṃ raityāṃ vā trāpuṣām api || 1:108 ||

… wird durch die Frucht dieses Verdienstes in Shivas Welt geehrt. Ebenso eine Glocke aus Silber, Kupfer, Bronze, Messing oder Zinn …

Anmerkung: Die Metallbezeichnungen werden nach dem Kommentar unterschieden; ihre genaue historische Materialzusammensetzung wird dadurch nicht behauptet.

Niśvāsamukha 1.109

mṛnmayāṃ vā tathā kuryāt sulolāṃ susvarām punaḥ |
śivāgāre tu yo dadyāt sa sarvvaḥ svarggagocaraḥ || 1:109 ||

… oder aus Ton soll er anfertigen, mit gut beweglichem Klöppel und schönem Klang. Wer sie in Shivas Heiligtum darbringt, wird ganz im Himmel heimisch.

Anmerkung: Sulolā wird hier als Hinweis auf einen gut schwingenden Klöppel verstanden; die Formulierung ist nicht eindeutig. Auch sarvvaḥ, ‚ganz‘, bleibt auffällig.

Niśvāsamukha 1.110

svarggalokāt paribhraṣṭo jāyate pṛthivīpatiḥ |
śvetaṃ raktaṃ tathā pītaṅ kṛṣṇaṃ vā cāmaraṃ dadet || 1:110 ||

Wenn er aus der Himmelswelt herabsinkt, wird er als König der Erde geboren. Wer einen weißen, roten, gelben oder schwarzen Yakschweifwedel darbringt …

Niśvāsamukha 1.111

hemadaṇḍan tu raupyaṃ vā raityan trāpuṣam eva vā |
īdṛśañ cāmaraṃ datvā rudraloke [[((mahīyate || 1:111 ||

… mit einem Griff aus Gold, Silber, Messing oder Zinn – wer einen solchen Wedel schenkt, wird in Rudras Welt geehrt.

Anmerkung: Die aus beiden späteren Abschriften übernommene Textstrecke läuft über die Versgrenze in Vers 112 weiter; ihre Klammer wird nicht künstlich hier geschlossen.

Niśvāsamukha 1.112

rudralokā))]]t paribhraṣṭo vāyulokam u[[((pāga))]]taḥ |
vāyulokāt paribhraṣṭo vahnilokam upāgataḥ || 1:112 ||

Aus Rudras Welt herabgesunken gelangt er in die Welt des Windes; aus der Welt des Windes herabgesunken gelangt er in die Welt des Feuers.

Anmerkung: Die erste Klammer schließt die in Vers 111 begonnene Textstrecke. Der Vers beschreibt eine Folge von Daseinswelten, nicht die endgültige Befreiung.

Niśvāsamukha 1.113

vahnilokāt paribhraṣṭo jāyate pṛthivīpatiḥ |
brāhmaṇo rājyasampanno vidvāṃś ca jñānapāragaḥ || 1:113 ||

Aus der Feuerwelt herabgesunken wird er als König der Erde geboren, als Brahmane, mit einem Königreich ausgestattet, gelehrt und bis ans Ende des Wissens gelangt.

Anmerkung: Ob König und Brahmane hier zwei mögliche Geburten oder Merkmale einer einzigen Person bezeichnen, bleibt im Text offen.

Niśvāsamukha 1.114

tena puṇyaphalenaiva sarvvam etad bhaved iha |
mekhalāṃ kaṭisūtrañ ca yo dadyāl liṅgamūrddhani || 1:114 ||

Durch die Frucht eben dieses Verdienstes soll all dies hier zustande kommen. Wer einen Gürtel und eine Hüftschnur auf dem Haupt des Linga darbringt …

Niśvāsamukha 1.115

catussāgarasaṃyuktapṛthivyā bhavatīśvaraḥ |
mukuṭaṅ kuṇḍalañ caiva citrapaṭṭapradāyinaḥ || 1:115 ||

… wird zum Herrn der von vier Meeren umgebenen Erde. Wer eine Krone, einen Ohrring und ein buntes Stirn- oder Turbantuch schenkt …

Anmerkung: Pradāyinaḥ ist der Form nach ein Plural, wird im Zusammenhang aber als Singular gebraucht.

Niśvāsamukha 1.116

sakalān tu mahīm bhuṅkte aṅgābharaṇadāyakaḥ |
mukhakośe tatheveha paṭṭe prādeśiko nṛpaḥ || 1:116 ||

… genießt als Geber solchen Körperschmucks die ganze Erde. Bei einem Tuch für die Gesichtshülle wird er hier ebenso ein regionaler König …

Anmerkung: Die zweite Zeile ist elliptisch und nur versuchsweise übersetzt. Mukhakosha bezeichnet eine mit einem Gesicht gestaltete Hülle über dem Linga; der Text erklärt ihre Herstellung nicht.

Niśvāsamukha 1.117

vicitraiś citrabhogāni niḥsapatnāni bhuñjate |
punaḥ punaś ca yo [[da]]dyād ratnābharaṇabhūṣaṇam || 1:117 ||

… bei vielfarbigen Tüchern genießt er vielfältige Freuden ohne Nebenbuhler. Wer immer wieder Edelsteine, Schmuck und Zierat darbringt …

Anmerkung: Der Bezug auf Tücher wird aus Vers 116 fortgeführt. Die überlieferte Singular-Plural-Folge bleibt erhalten.

Niśvāsamukha 1.118

gāṇapatyam avāpnoti akṣayaṃ dhruvam avyayam |
muktimaṇḍapadānena bhaktyā tu yo ’rccayec chivam || 1:118 ||

… erlangt den unzerstörbaren, beständigen und unwandelbaren Rang eines Herrn der Ganas. Wer Shiva voller Hingabe durch die Stiftung einer Befreiungshalle verehrt …

Anmerkung: Muktimandapa, hier ‚Befreiungshalle‘, ist ein Bau oder Pavillon. Seine Lage und nähere Funktion sind nicht sicher; er ist nicht mit einem Mukti-Mandala gleichzusetzen.

Niśvāsamukha 1.119

na tasya punarāvṛttir gaṇaiś cottamo bhavet |
rocanākuṅkumaiś caiva liṅgasyopari yo naraḥ || 1:119 ||

… für den gibt es keine Wiederkehr, und er wird ein hervorragender Gana. Ein Mensch, der auf dem Linga mit Rochana und Safran …

Anmerkung: Rochana ist ein gelber Farbstoff. Die genaue Zusammensetzung wird hier nicht angegeben; die auffällige Form gaṇaiś bleibt stehen.

Niśvāsamukha 1.120

pratyahaṃ lepanan dadyāt sa vidyādharatāṃ vrajet |
dvādaśābdena gaṇatāṅ karppūrāgarulepanaiḥ || 1:120 ||

… täglich eine Salbung darbringt, soll in den Zustand eines Vidyadhara gelangen. Durch zwölf Jahre der Salbung mit Kampfer und Agaru erlangt man den Gana-Zustand.

Anmerkung: Vidyadharas sind übermenschliche Wissensträger der religiösen Kosmologie; Agaru ist aromatisches Adlerholz.

Niśvāsamukha 1.121

kaṭakeyūradānena ādhipatyaṃ manomatam |
prāpnuvanti narā loke śivabhaktiparāyaṇāḥ || 1:121 ||

Durch das Schenken von Arm- und Oberarmreifen erlangen Menschen in dieser Welt, die sich ganz der Hingabe an Shiva widmen, die ihrem Herzen erwünschte Herrschaft.

Anmerkung: Ob die zwölf Jahre aus Vers 120 auch für diese Gabe gelten, ist nicht ausdrücklich gesagt und wird deshalb nicht in die Übersetzung eingefügt.

Niśvāsamukha 1.122

[[((ratnada))]] --- [3] --- kan tu yo dadāti śivasya tu |
daśasauvarṇṇikaṃ puṣpan nirggandhaiś caiva yad bhavet || 1:122 ||

Wer Shiva eine Edelstein-… [Das Wort ist beschädigt] … darbringt. Auch eine Blume ohne Duft entspricht zehn Goldstücken …

Anmerkung: Nach der Edelsteingabe fehlt vermutlich mindestens eine Aussage über ihre Frucht. Der abrupte Übergang zur Blume wird nicht durch einen erfundenen Halbvers ausgefüllt.

Niśvāsamukha 1.123

śatasāhasrikā mālā anantaṃ liṅgapūraṇe |
nirggandhaiḥ kusumair eṣa vidhiḥ khyāto dvijottamāḥ || 1:123 ||

… eine Girlande hunderttausend; beim vollständigen Bedecken des Linga ist die Frucht unendlich. Dies ist die erklärte Regel für duftlose Blumen, ihr Besten der Zweimalgeborenen.

Anmerkung: Dvija, ‚zweimalgeboren‘, bezeichnet im historischen Sprachgebrauch die durch vedische Initiation Zugehörigen bestimmter sozialer Gruppen; hier werden die Weisen angeredet.

Niśvāsamukha 1.124

śobhanair divyagandhāḍhyaiḥ śṛṇu tasyāpi yat phalam |
ekapuṣpapradānena aśītikalpakoṭayaḥ || 1:124 ||

Höre nun auch die Frucht schöner Blumen, die reich an göttlichem Duft sind. Durch die Gabe einer einzigen solchen Blume wird man achtzigmal zehn Millionen Weltalter lang …

Anmerkung: Die überlieferte Zeitangabe nennt ausdrücklich Kalpas, Weltalter, nicht gewöhnliche Jahre.

Niśvāsamukha 1.125

durgatin nābhijāyeta liṅgārccāyās tu tat phalam |
akāmād arccite liṅge hy etad uktam mahat phalam || 1:125 ||

… nicht in einem leidvollen Dasein geboren. Dies ist die Frucht der Linga-Verehrung. Diese große Frucht ist für den Fall verkündet, dass man das Linga ohne eigennützigen Wunsch verehrt.

Anmerkung: Die Unterscheidung zwischen wunschloser und zweckgerichteter Verehrung leitet die folgende Blumenliste ein.

Niśvāsamukha 1.126

kāmenābhyarccyamānasya śṛṇu tasyāpi yat phalam |
bukasya karavīrasya arkkasyonmattakasya ca || 1:126 ||

Höre auch die Frucht seiner Verehrung mit einem bestimmten Wunsch. Buka, Karavira, Arka und Unmattaka …

Anmerkung: Die Pflanzen heißen in geläufiger Identifizierung Agati, Oleander, eine Seidenpflanzenart und Stechapfel. Die Liste handelt von rituellen Gaben, nicht von essbaren oder medizinisch anzuwendenden Pflanzen; mehrere sind giftig.

Niśvāsamukha 1.127

caturṇṇām puṣpajātīnāṃ sarvvam āyāti śaṅkaraḥ |
bukena varado devaḥ karavīrair ddhanapradaḥ || 1:127 ||

… zu allen vier Blumenarten wendet sich Shankara. Durch Buka wird der Gott zum Segensspender, durch Karavira zum Spender von Reichtum …

Anmerkung: Sarvvam āyāti, ‚er kommt zu allen‘, ist eine schwierige Lesung. Der Kommentar versteht sie im Zusammenhang als Wahrnehmen des Duftes; eine Lesung ‚er riecht‘ steht erst in der Parallele und wird nicht in den Grundtext eingesetzt.

Niśvāsamukha 1.128

arkkeṇa priyam anvicchan mokṣaṃ dhuttūrakeṇa tu |
nīlotpalair bha(([[ved yogī]])) yo ⟪’rccayel li⟫ṅgam uttamam || 1:128 ||

… durch Arka sucht er das dem Verehrer Liebe zu gewähren, durch Stechapfel die Befreiung. Wer das vorzügliche Linga mit blauen Wasserlilien verehrt, soll ein Yogi werden.

Anmerkung: Die seltene ineinander gesetzte Klammerform folgt der Ausgabe. Die Zusagen werden hier historisch dokumentiert; insbesondere Stechapfel ist keine Empfehlung zum Konsum oder zu berauschender Praxis.

Niśvāsamukha 1.129

padmena tu tathā rājyaṃ puṇḍarīkaiś ca cakriṇaḥ |
campakaiḥ sarvvakāmāni punnāgair nnāgakeśaraiḥ || 1:129 ||

Durch Lotusse erhält man ein Königreich, durch weiße Lotusse die Stellung eines Weltherrschers, durch Champaka alle gewünschten Genüsse, durch Punnaga und Nagakeshara …

Anmerkung: Die einzelnen Verben werden aus dem Zusammenhang ergänzt. Cakriṇaḥ kann auch Vishnu bezeichnen; hier ist die Bedeutung ‚Weltherrscher‘ plausibler.

Niśvāsamukha 1.130

īpsitāṃ labhate kāmāṃs tathā kesaradāmakaiḥ |
mantrasiddhim avāpnoti bṛhatyāgastipuṣpakaiḥ || 1:130 ||

… und ebenso durch Kesara-Girlanden erlangt man die ersehnten Wünsche. Durch Blüten von Brihati und Agasti erlangt man die Vollendung des Mantras …

Anmerkung: Der Text benennt Mantra-Vollendung, gibt an dieser Stelle aber keinen Mantrawortlaut. Die Trennung der Pflanzennamen ist trotz der unregelmäßigen Zusammensetzung beibehalten.

Niśvāsamukha 1.131

yo ’rccayet parameśānaṃ siddhakena samāhitaḥ |
sarvvakāmān avāpnoti yo ’rccayed gandhapuṣpakaiḥ || 1:131 ||

… wenn man den höchsten Herrn gesammelt mit Siddhaka verehrt. Wer ihn mit duftenden Blumen verehrt, erlangt alle Wünsche.

Anmerkung: Wie siddhakena genau zum vorangehenden Satz gehört, ist unklar; die botanische Deutung bleibt unsicher. Die Übersetzung macht den Satzanschluss sichtbar, ohne eine neue Pflanze sicher zu bestimmen.

Niśvāsamukha 1.132

⟪kubjakair vipulo lābhaḥ⟫ saubhāgyāya ca vāruṇī |
kanyākāmas tu jātībhir yo ’rccayet parameśvaram || 1:132 ||

Durch Kubjaka erhält man großen Gewinn; Varuni dient dem guten Geschick. Wer sich eine Tochter wünscht und den höchsten Herrn mit Jati-Blüten verehrt …

Anmerkung: Kubjaka wird versuchsweise als eine Rosenart, Jati als Jasmin verstanden. Welche Pflanze Varuni bezeichnet, ist nicht sicher.

Niśvāsamukha 1.133

sa labhed uttamāṅ kanyāṃ ṣaṇmāsena na saṃśayaḥ |
mallikair jjñānakāmāya arccayed yo maheśvaram || 1:133 ||

… soll innerhalb von sechs Monaten eine vortreffliche Tochter bekommen, daran besteht nach dem Text kein Zweifel. Wer Maheshvara mit Mallika-Blüten verehrt und dabei Erkenntnis erstrebt …

Anmerkung: Mallika ist eine Jasminbezeichnung. Die Zusage über Nachwuchs wird nicht als medizinische Tatsache oder Verlässlichkeitsgarantie ausgegeben.

Niśvāsamukha 1.134

labheta paramajñānaṃ saṃsārabhayanāśanam |
putrakāmāya kundais tu ⟪arccayīta śucir naraḥ⟫ || 1:134 ||

… soll die höchste Erkenntnis erlangen, die die Furcht vor dem Kreislauf des Daseins vernichtet. Wer sich einen Sohn wünscht, soll in Reinheit mit Kunda-Blüten verehren …

Niśvāsamukha 1.135

⟪labhate bahuputratvaṃ dhanavantāñ cirāyuṣam⟫ |
ārogyaṅ kuśapuṣpais tu aśokaiḥ priyasaṅgamam || 1:135 ||

… und soll viele wohlhabende und langlebige Söhne bekommen. Durch Kusha-Blüten erlangt man Gesundheit, durch Ashoka die Vereinigung mit geliebten Menschen …

Anmerkung: Die erste Zeile ist vollständig aus dem Paralleltext ergänzt und grammatisch unregelmäßig. Die Aussagen zu Gesundheit und Familie sind rituelle Verheißungen, keine heutige Behandlungsempfehlung.

Niśvāsamukha 1.136

karṇṇikārair ddhanaṃ vindyād vaśyārthaṃ droṇapuṣpikā |
kadambenārccayel liṅgaṃ satatan niyatavrataḥ || 1:136 ||

… durch Karnikara soll man Reichtum finden; Dronapushpika dient dem Unterwerfen anderer. Fest in seinen Observanzen soll man das Linga beständig mit Kadamba verehren …

Anmerkung: Die nachfolgenden Angaben zu Unterwerfung und Feindschädigung werden als historische Ritualziele dokumentiert, nicht als heutige Übungsimpulse empfohlen.

Niśvāsamukha 1.137

śatrūṇāṃ vaśakāmāya nityam eva pradāpayet |
naśyanti vyādhayas tasya yo ’rccayed ⟪risustakaiḥ⟫ || 1:137 ||

… und täglich solche Blüten darbringen, wenn man die Unterwerfung von Feinden wünscht. Wer mit Risustaka verehrt, dessen Krankheiten sollen vergehen.

Anmerkung: Der Pflanzenname ist aus dem Paralleltext ergänzt und bleibt unsicher; der Kommentar verbindet ihn mit Musta-Gras. Eine gesicherte botanische Identität oder Heilwirkung wird nicht behauptet.

Niśvāsamukha 1.138

⟪sindhuvārasya puṣpeṇa baddho mucyeta bandhanāt⟫ |
aṅkoṭakāś ca nirggandhyāḥ kṛṣṇāś caiva tu ye smṛtāḥ || 1:138 ||

Durch eine Sindhuvara-Blüte soll ein Gefesselter aus seinen Fesseln frei werden. Ankotaka-Blüten sowie diejenigen, die als duftlos und schwarz gelten …

Anmerkung: Die erste Zeile ist vollständig aus dem Shivadharmasangraha ergänzt. Die zweite ist teilweise konjektural hergestellt.

Niśvāsamukha 1.139

tān puṣpāñ chatrunāśāya devadevāya kalpayet |
pītakāni tu puṣpāṇi puṣṭyarthe vijayāya ca || 1:139 ||

… soll man dem Gott der Götter zur Vernichtung von Feinden darbringen. Gelbe Blumen dienen dem Gedeihen und dem Sieg …

Niśvāsamukha 1.140

nityam evan tu yo dadyāt sarvvakāmān avāpnuyāt |
saugandhikādyā jalajā vaśyārthe tu prakalpayet || 1:140 ||

… wer sie so täglich darbringt, soll alle Wünsche erlangen. Duftende Wasserblumen und ähnliche soll man zur Unterwerfung verwenden.

Anmerkung: Saugandhika kann eine bestimmte duftende Wasserblume oder allgemein eine duftende Blume bezeichnen.

Niśvāsamukha 1.141

nīlaraktāni puṣpāṇi nityākarṣakarāṇi tu |
sarvvakāmaprado bilvo dāridryasya praṇāśakaḥ || 1:141 ||

Blaue und rote Blumen bewirken stets Anziehung. Bilva erfüllt alle Wünsche und vernichtet Armut …

Anmerkung: Auch diese Zuordnungen gehören zur Rituallehre des Textes, nicht zu einem modernen Chakramodell.

Niśvāsamukha 1.142

bilvapatrāt paran nāsti yena tuṣyati śaṅkaraḥ |
jayārthan damanakaṃ syād yo ’rccayet parameśvaram || 1:142 ||

… nichts steht über dem Bilva-Blatt, durch das Shankara erfreut wird. Wer den höchsten Herrn verehrt, soll Damanaka für den Sieg verwenden …

Anmerkung: Damanaka ist eine Konjektur der Ausgabe anstelle des handschriftlichen madanaka. Sie folgt hier dem Paralleltext und der Bedeutung ‚bändigend‘.

Niśvāsamukha 1.143

nirjjitāḥ śatravas tena yo ’rccayeta vṛṣadhvajam |
maruvaḥ sarvvasaukhyāni jambutaḥ sarvvakāmadaḥ || 1:143 ||

… seine Feinde werden besiegt, wenn er den mit dem Stierbanner verehrt. Maruva gewährt alle Freuden, Jambuta erfüllt alle Wünsche.

Anmerkung: Die zweite Zeile enthält Pflanzennamen. Insbesondere Jambuta ist in dieser Form nicht sicher bestimmt.

Niśvāsamukha 1.144

tilako dhanakāmāya gokāmāya ca āṅkulī |
saubhāgyadaś ca tagaraḥ kiṅkirāṭaś ca kāmadaḥ || 1:144 ||

Tilaka dient dem Wunsch nach Reichtum, Ankuli dem Wunsch nach Kühen. Tagara gibt gutes Geschick; Kinkirata erfüllt Wünsche …

Anmerkung: Ankuli und Kinkirata lassen sich nicht sicher botanisch bestimmen. Der Grundtext wird nicht an geläufigere Pflanzennamen angeglichen.

Niśvāsamukha 1.145

ārogyañ ca dhanañ caiva priyaṅkuś caiva īpsitam |
śālaḥ priyaṅkaraś caiva kiṃśuko hy āyuvarddhanaḥ || 1:145 ||

… Gesundheit und Reichtum; Priyanku gewährt das Ersehnte. Shala bringt Liebes und Angenehmes, Kimshuka verlängert das Leben.

Anmerkung: Die Form priyaṅku wird wie im Druck bewahrt. Gesundheit und Lebensverlängerung sind hier Wirkungszuschreibungen der Schrift.

Niśvāsamukha 1.146

hastyaśvapaśukāmāya kuṭajenārccayed dharam |
karppūradamakau yojyau śatrūṇāñ ca vināśane || 1:146 ||

Wer Elefanten, Pferde und Vieh begehrt, soll Hara mit Kutaja verehren. Kampfer und Damaka werden zur Vernichtung von Feinden eingesetzt …

Anmerkung: Die gedruckte Verbindung arccayed dharam ist sprachlich auffällig; der Kommentar versteht die Gottesanrede Hara. Damaka ist keine hier sicher bestimmte Pflanzenart.

Niśvāsamukha 1.147

naśyanti śatravaḥ śīghran devadevasya pūjanāt |
śyāmā cārogyadā nityaṃ javapuṣpas tathaiva ca || 1:147 ||

… durch die Verehrung des Gottes der Götter sollen die Feinde rasch zugrunde gehen. Shyama verleiht stets Gesundheit, ebenso die Java-Blüte.

Anmerkung: Java wird gewöhnlich mit Hibiskus verbunden; eine medizinische Anwendung wird hier nicht beschrieben.

Niśvāsamukha 1.148

kerajakaś ca vaśyārthe nityaṃ liṅgam prapūjayet |
vidveṣe yūthikā proktā arccāyām parameśvare || 1:148 ||

Mit Kerajaka soll man das Linga täglich verehren, um andere zu unterwerfen. Yuthika ist bei der Verehrung des höchsten Herrn für das Stiften von Zwietracht bestimmt.

Anmerkung: Kerajaka ist nicht sicher bestimmt; der Paralleltext hat einen abweichenden Namen. Diese feindseligen Ritualziele werden nicht in harmonisierende Sinnsprüche umgedeutet.

Niśvāsamukha 1.149

ketakī śatrunāśāya kruddho liṅgan tu yo ’rccayet |
sarvvakāmaprado hy eṣa vyāghro devi prakīrttitaḥ || 1:149 ||

Ketaki dient der Vernichtung von Feinden, wenn ein Zorniger damit das Linga verehrt. Diese Vyaghra-Blüte, o Göttin, wird als Erfüllerin aller Wünsche verkündet …

Anmerkung: Vyaghra ist hier ein Pflanzenname, nicht ein tatsächlicher Tiger. Die Anrede der Göttin steht innerhalb der von Nandin wiedergegebenen Lehre.

Niśvāsamukha 1.150

jyotsnākārī tatheveha nityam eva hi kāmadā |
vāsakenārccayed devaṃ balam āyuś ca varddhate || 1:150 ||

… ebenso gewährt Jyotsnakari stets das Gewünschte. Verehrt man den Gott mit Vasaka, so sollen Kraft und Lebensdauer zunehmen.

Anmerkung: Jyotsnakari ist in dieser Namensform botanisch unsicher. Die Behauptung betrifft die rituelle Darbringung, nicht eine medizinische Einnahme.

Niśvāsamukha 1.151

jhaṇṭikā sukhadā nityan tathā cāpsaracampakam |
ḍitvākṣī vyādhināśāya aśvakarṇṇas tathaiva ca || 1:151 ||

Jhantika gibt stets Wohlergehen, ebenso Apsara und Champaka. Ditvakshi dient der Vernichtung von Krankheiten, ebenso Ashvakarna.

Anmerkung: Mehrere Namen sind auch in der Edition nicht sicher bestimmt; die auffällige Form ḍitvākṣī folgt deren Sanskritdruck.

Niśvāsamukha 1.152

jayantī jayakāmāya śvetā ca girikarṇṇikā |
vidveṣoccāṭanārthāya nimbapuṣpais tu yo ’rccayet || 1:152 ||

Jayanti und die weiße Girikarnika dienen dem Wunsch nach Sieg. Mit Nimba-Blüten verehrt man, um Zwietracht zu stiften und andere zu vertreiben.

Anmerkung: Der Satz des zweiten Halbverses ist grammatisch unvollständig; sein Ritualzweck ist gleichwohl ausdrücklich benannt.

Niśvāsamukha 1.153

bhaṭīm ākarṣaṇe proktā madayantī ca yā bhavet |
ṛṣipuṣpo rudrajaṭā nāśayeta upadravān || 1:153 ||

Bhati und Madayanti sind für das Heranziehen bestimmt. Rishipushpa und Rudrajata sollen Störungen und Unheil beseitigen …

Anmerkung: Das m in bhaṭīm kann lediglich ein verbindender Laut sein. Die Pflanzenbezeichnungen werden mangels sicherer Bestimmung nicht als deutsche Artnamen ausgegeben.

Niśvāsamukha 1.154

śaṇapuṣpī ca yā proktā kokilākṣā tathaiva ca |
sarvve śuklās tu śāntyarthe sarvve pītās tu pauṣṭike || 1:154 ||

… ebenso die als Shanapushpi bezeichnete Pflanze und Kokilaksha. Alle weißen Blumen dienen dem Frieden, alle gelben dem Gedeihen.

Anmerkung: Die letzte Zeile fasst rituelle Farbzuordnungen zusammen. Sie begründet weder Heilgarantien noch eine allgemeine Farblehre des Yoga.

Niśvāsamukha 1.155

nīlaraktās tu ye puṣpā arccane parikalpitāḥ |
vaśyākarṣaṇam evaṃ hi sarvvai taiḥ parikalpayet || 1:155 ||

Die blauen und roten Blumen, die zur Verehrung bestimmt sind, dienen der Unterwerfung und dem Heranziehen. So soll man mit ihnen allen diese Ziele verfolgen.

Anmerkung: Die Farben werden den beiden Ritualzielen in der genannten Reihenfolge zugeordnet. Das ist historische Rituallehre, keine heutige Empfehlung zur Manipulation anderer Menschen.

Niśvāsamukha 1.156

kṛṣṇāś caivābhicāre tu devadevāya kalpayet |
patrapuṣpaṃ phalatoyan tṛṇañ caiva tathā payaḥ || 1:156 ||

Schwarze Blumen soll man dem Gott der Götter für schädigende Riten darbringen. Blätter und Blumen, Früchte und Wasser, Gras und Milch …

Anmerkung: Mit dem zweiten Halbvers wechselt der Text wieder zu allgemeinen Gaben. Abhichara wird nicht beschönigend als gewöhnliche Meditation übersetzt.

Niśvāsamukha 1.157

pratyahaṃ śaṅkare dadyāt nāsau durgatim āpnuyāt |
yasya vṛkṣasya patrāṇi puṣpāṇi ca phalāni ca || 1:157 ||

… wer sie Shankara täglich darbringt, soll nicht in ein leidvolles Dasein gelangen. Auch derjenige, von dessen Baum Blätter, Blumen und Früchte …

Anmerkung: Der Bezug auf den Besitzer eines Baumes wird aus dem Anschluss in Vers 158 erschlossen; wörtlich steht ‚dessen Baum‘.

Niśvāsamukha 1.158

mahādevāya yuktāni so ’pi yāti parāṅ gatim |
karavīrāc chataguṇam arkkabilvas tathaiva ca || 1:158 ||

… für Mahadeva verwendet werden, erreicht das höchste Daseinsziel. Arka ist hundertmal vorzüglicher als Karavira; ebenso ist es mit Bilva im Verhältnis zu Arka …

Anmerkung: Die knappe Vergleichsreihe wird mit der Ausgabe als aufsteigende Staffelung verstanden. Das letzte Vergleichsglied ist im Sanskrit nicht ausdrücklich wiederholt.

Niśvāsamukha 1.159

bilvād bukaṃ sahasreṇa bukād dhuttūrako varaḥ |
evam abhyarccya deveśaṃ naivedyañ ca prakalpayet || 1:159 ||

… Buka tausendmal vorzüglicher als Bilva und Stechapfel vorzüglicher als Buka. Nachdem man den Herrn der Götter so verehrt hat, soll man auch eine Speisegabe darbringen.

Anmerkung: Für den letzten Vergleich kann die Zahl tausend aus dem vorherigen Glied mitverstanden werden; sie steht dort nicht nochmals ausdrücklich. Giftige Pflanzen werden lediglich als historische Ritualgaben erwähnt.

Niśvāsamukha 1.160

annanaivedyadānena labhate sukham akṣayam |
devalokam anuprāptir bhakṣadānāt tathaiva ca || 1:160 ||

Durch die Gabe von Nahrung als Speiseopfer erlangt man unvergängliches Glück; durch die Gabe kaubarer Speisen ebenso das Erreichen der Götterwelt.

Niśvāsamukha 1.161

labhate śivam aiśvaryaṃ [[((bha))]]kṣanaivedyadāyakaḥ |
saghṛtam pāyasan dadyān naivedyaṃ śambhave sadā || 1:161 ||

Wer kaubare Speisen als Opfergabe darbringt, erlangt heilvolles Wohlergehen und Macht. Wer Shambhu stets Milchreis mit Ghee als Speisegabe darbringt …

Anmerkung: Śivam aiśvaryam ist konjektural hergestellt und kann auch enger ‚heilvolle Herrschaft‘ heißen. Shambhu ist ein Name Shivas.

Niśvāsamukha 1.162

gāṇapatyaṃ labhec chīghraṃ dvādaśābdaṅ kulais saha |
khaṇḍakhādyakṛtan dadyāt prāpnuyād gatim uttamām || 1:162 ||

… soll rasch den Rang eines Herrn der Ganas erlangen und nach zwölf Jahren zusammen mit seiner Familie. Wer eine aus süßen Bissen bereitete Gabe darbringt, soll das höchste Daseinsziel erreichen.

Anmerkung: Die genaue Bedeutung von khaṇḍakhādyakṛtam ist unsicher; möglicherweise ist eine Süßspeise aus Rohrzuckerstücken gemeint. Die Zahl zwölf steht ausdrücklich im Grundtext.

Niśvāsamukha 1.163

bhakṣyabhojyāni dattvā vai sarvvakāmān avāpnuyāt |
yavāgūkṛsaram pūpān dattvā tu sukhabhāg bhavet || 1:163 ||

Durch die Gabe kaubarer und weicher Speisen soll man alle Wünsche erlangen. Wer dünnen Getreidebrei, Krisara und Kuchen darbringt, soll am Glück teilhaben.

Anmerkung: Krisara ist eine Breispeise, deren genaue Zubereitung hier nicht beschrieben wird.

Niśvāsamukha 1.164

maṇḍakāṃ susumālāṃś ca śaṣkulyāmodakāni ca |
anyāni phalamūlāni lehyacoṣyāṇi yāni ca || 1:164 ||

Mandaka, Susumala, Shashkulya und Modaka, weitere Früchte und Wurzeln sowie alles, was man leckt oder aussaugt …

Anmerkung: Die Namen bezeichnen Speisen beziehungsweise Gebäck. Susumala ist nicht sicher bestimmt; der ungewöhnliche gedruckte Name śaṣkulyā wird nicht zu einer vertrauteren Form normalisiert.

Niśvāsamukha 1.165

dattvā sarvvasukhāvāptir anantaṅ gītavādite |
sakṛtkṛtvā phalaṃ hy etat tantrīvādyasya me śṛṇu || 1:165 ||

… darbringend erlangt man alle Freuden; bei Gesang und Instrumentalmusik ist die Frucht unendlich. Dies ist die Frucht eines einmaligen Vollzugs. Höre nun von mir die Frucht des Saitenspiels.

Niśvāsamukha 1.166

kṛtvāsau gaṇatāṃ yāti tantrīvādyasya vādakaḥ |
huḍuṅkārasya nṛtyasya mukhavādyāṭṭahāsayoḥ || 1:166 ||

Wer das Saiteninstrument spielt, gelangt durch dieses Spiel in den Gana-Zustand. Wer den Hudung-Ruf, Tanz, mit dem Mund erzeugte Musik und lautes Lachen …

Anmerkung: Der Ruf ist hier anders geschrieben als der Hudduṅ-Ruf in Vers 75. Mukhavadya kann mundgemachte Klänge oder Blasinstrumentalmusik meinen; die genaue Ausführung ist nicht sicher. Der Abschnitt berührt ältere Pashupata-Formen der Verehrung.

Niśvāsamukha 1.167

trikālañ caiva kurvvāṇo bhaved gaṇaḥ sa cottamaḥ |
ekakālaṃ dvikālaṃ vā trikālaṃ vāpi nityaśaḥ || 1:167 ||

… dreimal am Tag vollzieht, wird ein hervorragender Gana. Diejenigen, die beständig einmal, zweimal oder dreimal am Tag …

Anmerkung: Der zweite Halbvers beginnt den folgenden Satz. Die Zeitangaben werden nicht als ein ununterbrochenes Ausführen missverstanden.

Niśvāsamukha 1.168

ye smaranti virūpākṣaṃ vijñeyās te gaṇeśvarāḥ |
ṣaṣṭitīrthasahasrāṇi ṣaṣṭikoṭis tathaiva ca || 1:168 ||

… des ungleichäugigen Gottes gedenken, die sind als Herren der Ganas zu erkennen. Sechzigtausend heilige Stätten und sogar sechzigmal zehn Millionen …

Anmerkung: Virupaksha, der ‚Ungleichäugige‘, ist Shiva. Der Vers geht vom Gottesgedenken zum Vergleich mit Pilgerstätten über.

Niśvāsamukha 1.169

liṅgapraṇāmam ekasya kalān nārhati ṣoḍaśīm |
evaṃ yaḥ pūjayed ajñaḥ śivadīkṣāvivarjjitaḥ |
tasyedaṃ phalam uddiṣṭam apavarggāya dīkṣite || 1:169 ||

… erreichen nicht ein Sechzehntel einer einzigen Verneigung vor dem Linga. Wer so verehrt, ohne die Lehre zu kennen und ohne Shiva-Einweihung, für den sind diese Früchte genannt. Beim Eingeweihten dient dieselbe Verehrung der Befreiung.

Anmerkung: Der sechsfüßige Vers unterscheidet ausdrücklich die Ziele nichteingeweihter und eingeweihter Verehrer. Die traditionelle Überbietung der Pilgerfahrt ist keine redaktionelle Abwertung anderer Praxiswege.

Niśvāsamukha 1.170

⟪śrutam etan mayā viprā devyai kathayato⟫ harāt |
mayāpi kathitan tubhyaṃ satyam īśānabhāṣitam || 1:170 ||

Ihr Brahmanen, dies habe ich von Hara gehört, als er es der Göttin erklärte. Ich habe es euch nun ebenfalls erzählt: die Wahrheit, die Ishana ausgesprochen hat.

Anmerkung: Der Anfang wurde aus dem Paralleltext ergänzt. Hier redet Nandikeshvara; Ishana bezeichnet Shiva als Urheber der Lehre.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.171

ṛṣaya ū ||

Die Weisen sprachen:

Niśvāsamukha 1.171

kiṃ liṅgasyeha māhātmyaṃ yat tvayā cātivarṇṇitam |
kṛtvā caiva phalam brūhi yaḥ karoti dine dine || 1:171 ||

Worin besteht die Größe dieses Linga, die du so eindringlich gerühmt hast? Erkläre die Frucht seiner Anfertigung und die Frucht für jemanden, der es Tag für Tag anfertigt.

Anmerkung: Die Frage wird zunächst durch die Ursprungserzählung des Linga beantwortet; Kapitel 2 greift dann die Anfertigung ausdrücklich wieder auf.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.172

nandikeśvara ū ||

Nandikeshvara sprach:

Niśvāsamukha 1.172

[[((brahmāviṣṇuvādan tu pū))]]rvvavṛttaṃ hi yad bhavet |
ahaṅ kāraṇakartteti jale tejassamutthitam || 1:172 ||

Einst ereignete sich ein Streit zwischen Brahma und Vishnu, in dem jeder sagte: ‚Ich bin die schöpferische Ursache!‘ Da erhob sich im Wasser ein feuriger Glanz.

Anmerkung: Die Lesung des ersten Halbverses ist zum Teil nur in den späteren Abschriften erhalten. Karanakarta wird sinngemäß als Anspruch auf die alleinige schöpferische Ursächlichkeit verstanden.

Niśvāsamukha 1.173

tejomadhye sthitaṃ liṅgam parvvāṅguṣṭhapramāṇataḥ |
ubhau tau vismitau tatra kim etac cādbhutam bhavet || 1:173 ||

Mitten in diesem Glanz stand ein Linga von der Größe eines Daumengliedes. Beide staunten darüber: ‚Was ist dies für ein Wunder?‘

Anmerkung: Der Text sagt zunächst Daumenglied, nicht eine von Anfang an unendlich hohe Säule. Das Wachstum folgt in Vers 174.

Niśvāsamukha 1.174

ubhau tau dṛṣṭum ārabdhau tato liṅgaṃ vivarddhitam |
āścaryam iti sañcintya adhaś corddhvaṅ gatāv ubhau || 1:174 ||

Beide begannen zuzusehen, wie das Linga anwuchs. ‚Ein Wunder!‘, dachten sie, und beide machten sich auf den Weg, der eine nach unten und der andere nach oben.

Anmerkung: Die gedruckte Form corddhvaṅ wird bewahrt; die Richtungen werden im nächsten Vers einzelnen Göttern zugeordnet.

Niśvāsamukha 1.175

⟪adho gatas tato viṣṇur⟫ ūrdhvam brahmā tato gataḥ |
antañ cāsya na paśyantau khinnāv etāv ubhāv api || 1:175 ||

Vishnu ging nach unten, Brahma ging nach oben. Weil sie sein Ende nicht erblickten, wurden beide müde und erschöpft.

Anmerkung: Die Angabe über Vishnus Richtung ist aus dem Paralleltext ergänzt; die Sanskritfassung kennzeichnet diesen Eingriff.

Niśvāsamukha 1.176

punaś caiva samāgamya stotreṇa tuṣṭuve haram |
tatas tuṣṭo mahādevo varan dattvā ubhāv api || 1:176 ||

Wieder zusammengekommen priesen beide Hara mit einem Hymnus. Da war Mahadeva erfreut und wollte beiden einen Segen gewähren …

Anmerkung: Die Form dattvā, normalerweise ‚nachdem er gegeben hatte‘, steht hier in einer schwierigen Konstruktion und wird wie in der Ausgabe zielbezogen verstanden.

Niśvāsamukha 1.177

puruṣarūpī sthito bhūtvā yad abhīṣṭan dadāmi te |
brahmā vadati punas tu tvam eva bhava suvrata || 1:177 ||

… trat in menschlicher Gestalt vor sie und sprach: ‚Was du dir wünschst, das gebe ich dir.‘ Brahma antwortete: ‚Werde du selbst mein Sohn, du von guten Observanzen!‘

Anmerkung: ‚Mein Sohn‘ wird aus dem Erzählzusammenhang und der folgenden Antwort erschlossen; der Sanskritvers enthält wörtlich nur ‚werde du selbst‘.

Niśvāsamukha 1.178

evam astv abravīd devaḥ ⟪kin tv apūjyo bhaviṣyasi⟫ |
ananurūpaṃ yasmād dhi varan te kāṅkṣitaṃ dvija || 1:178 ||

‚So sei es‘, sprach der Gott. ‚Doch du wirst nicht verehrt werden; denn der Segen, den du dir gewünscht hast, ist unangemessen, du Zweimalgeborener.‘

Anmerkung: Die Aussage über Brahmas Nichtverehrung ist aus dem Paralleltext ergänzt; auch der Beginn des Verses ist konjektural hergestellt.

Niśvāsamukha 1.179

viṣṇo dadāmi te hy adya varam iṣṭaṃ vadasva me |
mama vākyam amithyaṃ hi brūhi yat te ’bhikāṅkṣitam || 1:179 ||

‚Vishnu, ich gebe dir heute den ersehnten Segen. Sage ihn mir! Mein Wort ist nicht unwahr. Sprich aus, was du dir wünschst.‘

Anmerkung: Amithyam bedeutet ausdrücklich ‚nicht unwahr‘. Die Verneinung liegt im Wortanfang a-; sie darf bei der Worttrennung nicht verloren gehen.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.180

viṣṇur uvāca |

Vishnu sprach:

Niśvāsamukha 1.180

yadi tuṣṭo ’si me deva varaṃ me dātum icchasi |
tvadbhaktas tvatpriyaś caiva bhaviṣyāmi na saṃśayaḥ || 1:180 ||

Wenn du mit mir zufrieden bist, o Gott, und mir einen Segen geben willst, dann will ich dein Verehrer und dir lieb sein – daran soll kein Zweifel bestehen.

Anmerkung: Tvatpriya kann sowohl ‚dir lieb‘ als auch ‚dir zugetan‘ bedeuten. Beide Bedeutungen passen zu Vishnus Wunsch nach Hingabe.

Niśvāsamukha 1 – Sprecherangabe vor 1.181

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Niśvāsamukha 1.181

evam bhavatu ⟪bhadran te⟫ rudranārāyaṇī prajā |
ubhayor antaran nāsti keśavasya harasya ca || 1:181 ||

So soll es sein; Heil sei dir! Die Geschöpfe gehören zu Rudra und Narayana. Zwischen beiden besteht kein Unterschied, zwischen Keshava und Hara.

Anmerkung: Narayana und Keshava bezeichnen Vishnu, Rudra und Hara Shiva. Die Einheit beider wird hier ausdrücklich behauptet; sie hebt die vorausgegangene erzählerische Rangordnung nicht stillschweigend auf.

Niśvāsamukha 1.182

eṣa eva hi liṅgan tu sthāpitam brahmaviṣṇunā |
sendrair devaiś ca asuraiḥ sayakṣoragarākṣasaiḥ || 1:182 ||

Eben dieses Linga wurde von Brahma und Vishnu aufgestellt, von den Göttern mit Indra, den Asuras, Yakshas, Schlangenwesen und Rakshasas …

Anmerkung: Das Kompositum brahmaviṣṇunā steht ungewöhnlich im Singular für die beiden Götter.

Niśvāsamukha 1.183

siddhair vidyādharair bhūtair apsaroragakinnaraiḥ |
piśācair grahanakṣatrais tathā ca munisattamaiḥ || 1:183 ||

… von Siddhas, Vidyadharas und Geisterwesen, Apsaras, Schlangenwesen und Kinnaras, von Pishachas, Planetenmächten und Mondstationen sowie von den vortrefflichsten Weisen.

Anmerkung: Die Schlangenwesen werden tatsächlich zweimal genannt. Die Wiederholung wird nicht entfernt.

Niśvāsamukha 1.184

saṃpūjya varadan devaṃ varaṃ labdhvā tu remire |
sarvvakāmapradaṃ liṅgam etad ukto mayānaghāḥ || 1:184 ||

Nachdem sie den segenspendenden Gott verehrt und ihren Segen empfangen hatten, freuten sie sich. Ich habe euch dieses Linga als Erfüller aller Wünsche beschrieben, ihr Makellosen.

Anmerkung: Hier spricht wieder Nandikeshvara zu den Weisen. Die unregelmäßige Verbindung etad ukto wird nach dem Kommentar verstanden.

Niśvāsamukha 1.185

brahmāviṣṇumahendranāgamunayo yakṣās savidyādharāḥ
saṃsārārṇṇavaduḥkhabhītamanaso liṅgārccane tatparāḥ |
stunvante ca varārthino -r- aharahaḥ kṛtvāñjalim mastake
ye martyā na namanti īdṛśam ajaṅ kṣeman tu teṣāṃ kutaḥ || 1:185 ||

Brahma, Vishnu, Mahendra, die Schlangenwesen und Weisen, Yakshas und Vidyadharas – im Herzen erschrocken vor dem Leiden des Daseinsozeans – widmen sich ganz der Verehrung des Linga. Nach Segen verlangend preisen sie es Tag für Tag, die Hände über dem Haupt zusammengelegt. Woher sollte für jene Sterblichen Heil kommen, die sich vor dem Ungeborenen in solcher Gestalt nicht verneigen?

Anmerkung: Der Schlussvers hat ein längeres Versmaß und wird vierzeilig wiedergegeben. Das unregelmäßige verbindende r vor aharahaḥ ist im Druck überliefert und bleibt kenntlich. Die ausschließliche Heilsbehauptung ist die Stimme der Schrift.

Niśvāsamukha 1 – Kolophon

|| ⊗ || [[((iti))]] niśvāsamukhatattvasaṃhitāyāṃ laukike dharmme prathamaḥ paṭalaḥ || ⊗ ||

Damit endet in der Nishvasamukhatattvasamhita das erste Kapitel über den weltlichen religiösen Weg.

Anmerkung: Die Trennzeichen werden typographisch durch ⊗ wiedergegeben. Der Titel ist hier ausdrücklich als Nishvasamukhatattvasamhita überliefert.

Niśvāsamukha 1 – Zählvermerk

ślokaśataṃ saptāśītyadhikam || ⊗ ||

Einhundert Verse und siebenundachtzig dazu.

Anmerkung: Der überlieferte Zählvermerk nennt 187, die moderne Ausgabe nummeriert dagegen 185 Verse. Die Differenz wird nicht durch künstlich hinzugefügte Verse ausgeglichen.
Eine stille Pause kann das Schriftstudium begleiten. Moderne Praxisdarstellung.

Niśvāsamukha, Kapitel 2: Linga, Gaben und Schutz des Lebens

Grundtext: Kafle 2020, S. 179–196. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Niśvāsamukha 2 – Titel

niśvāsamukhatattvasaṃhitāyāṃ dvitīyaḥ paṭalaḥ ||

Zweites Kapitel der Nishvasamukhatattvasamhita.

Niśvāsamukha 2 – Sprecherangabe vor 2.1

ṛṣaya ū ||

Die Weisen sprachen:

Niśvāsamukha 2.1

kṛtasyaiva tu liṅgasya sthāpitasya tu yat phalam |
pratyahaṅ kurute yas tu kiṃ vā tasya phalam bhavet || 2:1 ||

Welche Frucht hat es, ein Linga anzufertigen und es aufzustellen? Und welche Frucht hat jemand zu erwarten, der es täglich anfertigt?

Anmerkung: Die Frage greift Nishvasamukha 1.171 wieder auf. Anfertigung und rituelle Aufstellung sind voneinander zu unterscheiden.

Niśvāsamukha 2 – Sprecherangabe vor 2.2

nandir uvāca |

Nandin sprach:

Niśvāsamukha 2.2

krīḍamānās tu ye bālā liṅgaṅ kurvvanti pāṃśunā |
labhyanty ekāntato rājyaṃ nissapatnam akaṇṭakam || 2:2 ||

Kinder, die beim Spielen aus Staub ein Linga formen, sollen gewiss ein Königreich ohne Rivalen und ohne Bedrängnis erlangen.

Anmerkung: Die Schrift hebt hier schon eine spielerische Berührung mit dem Verehrungszeichen hervor. Die königliche Belohnung ist ihre traditionelle Verdienstzusage.

Niśvāsamukha 2.3

pratyahaṅ kurute yas tu vidhim etad ajānatā |
kevalām bhaktim ālambya śṛṇu tasyāpi yat phalam || 2:3 ||

Wer täglich eines anfertigt, ohne diese Regel zu kennen, allein auf Hingabe gestützt: Höre auch, welche Frucht ihm daraus erwächst.

Anmerkung: Der Verweis auf ‚diese Regel‘ hat im unmittelbar vorangehenden Text keinen klaren Bezug. Die unregelmäßige Konstruktion ajānatā wird nicht stillschweigend verbessert.

Niśvāsamukha 2.4

dhanam bhogāṃ tathā rājyaṃ yaḥ kṛtvā pūjayec chivam |
liṅgapūjayitā nityaṃ mahatīṃ śriyam aśnute || 2:4 ||

Wer eines anfertigt und Shiva verehrt, erlangt Reichtum, Genüsse und Herrschaft. Der Verehrer des Linga genießt stets großes Wohlergehen.

Anmerkung: Die erste Zeile ist elliptisch; das deutsche Verb ‚erlangt‘ wird aus dem Zusammenhang ergänzt.

Niśvāsamukha 2.5

sahasram arccayan vidyān nirayan tu paśyati |
rudralokam avāpnoti bhuktvā bhogān aninditān || 2:5 ||

Wer tausend verehrt, soll wissen: Er sieht die Hölle nicht. Nachdem er untadelige Genüsse erfahren hat, erlangt er Rudras Welt.

Anmerkung: Der Druck bietet vidyān nirayan tu paśyati. Der von der Ausgabe angenommene verneinende Sinn ist in dieser Wortfolge nicht regelrecht ausgedrückt und bleibt textkritisch problematisch; ein na wird nicht als überliefertes Wort eingesetzt.

Niśvāsamukha 2.6

lakṣan tu kurute yas tu tasyaikañ jvalate dhruvam |
dṛṣṭvā liṅgañ jvalan tan tu siddho devatvam āpnuyāt || 2:6 ||

Wer hunderttausend anfertigt, bei dem wird gewiss eines aufleuchten. Wenn er dieses flammende Linga gesehen hat, soll er als Vollendeter den Zustand eines Gottes erlangen.

Anmerkung: Die Flammenerscheinung und Vergöttlichung sind religiöse Aussagen der Schrift.

Niśvāsamukha 2.7

lakṣair daśabhir indratvaṃ brahmatvaṃ viṃśabhiḥ smṛtam |
viṣṇutvan triṃśabhir lakṣai rudratvan tu caturguṇaiḥ || 2:7 ||

Durch zehnmal hunderttausend erlangt man den Indra-Zustand, durch zwanzigmal hunderttausend, so heißt es, den Brahma-Zustand, durch dreißigmal hunderttausend den Vishnu-Zustand und durch das Vierfache den Rudra-Zustand.

Anmerkung: ‚Das Vierfache‘ wird im Kommentar auf die erste Million bezogen, also als vier Millionen verstanden. Wörtlich steht caturguṇaiḥ; es wird nicht zu einer ausgeschriebenen Zahl vierzig emendiert.

Niśvāsamukha 2.8

pañcagavyena saṃmārjjya mṛdā liṅgan tu kārayet |
annaliṅgan tu kurvvāṇo labhate īpsitaṃ phalam || 2:8 ||

Nachdem man den Platz mit den fünf Erzeugnissen der Kuh gereinigt hat, soll man ein Linga aus Lehm anfertigen. Wer ein Linga aus gekochter Nahrung formt, erlangt die gewünschte Frucht.

Anmerkung: Der Ort des Reinigens ist im Sanskrit nicht ausdrücklich genannt. Für das Lehm-Linga fehlt hier eine eigene Wirkungsangabe; sie wird nicht ergänzt.

Niśvāsamukha 2.9

guḍaliṅgaṃ samabhyarccya labhet saubhāgyam uttamam |
kanyāśatapatiś caiva prātirājyeśvaro bhavet || 2:9 ||

Wer ein Linga aus Rohzucker verehrt, soll höchstes Glück erlangen, Herr über hundert junge Frauen und Herrscher über die untergeordneten Königreiche werden.

Anmerkung: Die Verheißung von Herrschaft über Frauen spiegelt eine historische männliche Perspektive; sie ist keine heutige Vorstellung verantwortlicher Partnerschaft.

Niśvāsamukha 2.10

nārī ca strīsahasreṇa samantāt parivāritā |
labhet saubhāgyam atulaṃ sarvveṣām upari sthitā || 2:10 ||

Eine Frau soll dabei unvergleichliches Glück erlangen, von tausend Frauen rings umgeben und über allen stehend.

Anmerkung: Der Bezug auf die Verehrung des Rohzucker-Linga wird aus Vers 9 fortgeführt. Sarvveṣām ist im Zusammenhang trotz seiner Form auf die Frauen bezogen.

Niśvāsamukha 2.11

nandate putrapautraiś ca sukhañ cātyantam aśnute |
arccayen naranārī vā guḍaliṅgan tu nityaśaḥ || 2:11 ||

Wer als Mann oder Frau täglich ein Linga aus Rohzucker verehrt, freut sich an Kindern und Enkeln und genießt sehr großes Glück.

Anmerkung: Die Reihenfolge der deutschen Satzglieder ist für die Verständlichkeit umgestellt; beide Sanskritzeilen sind vollständig berücksichtigt.

Niśvāsamukha 2.12

sitena kṛtvā liṅgan tu pratyahaṃ yas samarccayet |
sarvvakāmān avāpnoti māsaiḥ ṣaḍbhir na saṃśayaḥ || 2:12 ||

Wer ein Linga aus weißem Zucker anfertigt und es täglich verehrt, erlangt nach sechs Monaten alle Wünsche; daran besteht nach dem Text kein Zweifel.

Niśvāsamukha 2.13

navanītamaye liṅge labhate īpsitaṃ phalam |
ṣaṇmāsenaiva yuktātmā śivalokaṃ sa gacchati || 2:13 ||

Bei einem Linga aus frischer Butter erlangt man die gewünschte Frucht. Nach sechs Monaten gelangt der innerlich Gesammelte in Shivas Welt.

Anmerkung: Yuktātmā, ‚innerlich gesammelt‘, ist die Lesung von K und der Parallele; der alte Zeuge und W haben die hier problematische Form muktyātmā.

Niśvāsamukha 2.14

pra⟪tyaham patrali⟫ṅgan tu tu yaḥ kṛtvā tu samarccayet |
labhen mahāntam aiśvaryam bhuṅkte ca nirujaḥ sadā || 2:14 ||

Wer täglich ein Linga aus Blättern anfertigt und verehrt, soll große Macht erlangen und sie stets frei von Krankheit genießen.

Anmerkung: Ein Teil der ersten Zeile ist aus dem Paralleltext ergänzt. Die mehrfachen Partikeln tu sind in der Druckfassung tatsächlich vorhanden.

Niśvāsamukha 2.15

pṛthivyā ādhipatyan tu puṣpaliṅgasya pūjanāt |
labhate nissapatnas tu bhuṅkte caiva dadāti ca || 2:15 ||

Durch die Verehrung eines Linga aus Blumen erlangt man Herrschaft über die Erde. Ohne Rivalen genießt man sie und gibt auch davon weiter.

Anmerkung: Was genau ‚gibt‘ zum Objekt hat – die Herrschaft oder deren Güter –, bleibt offen.

Niśvāsamukha 2.16

lāvaṇena tu liṅgena labhet saubhāgyam uttamam |
nityaiśvaryam akhaṇḍañ ca pratyahaṃ yo ’bhipūjayet || 2:16 ||

Durch ein Linga aus Salz soll man höchstes Glück erlangen; wer es täglich verehrt, dazu beständige, ungeschmälerte Herrschaft.

Niśvāsamukha 2.17

saccakena ⟪tu liṅgāni⟫ pārthivāni tu kārayet |
sahasrapūjanāt so hi labhate īpsitaṃ phalam || 2:17 ||

Man soll mit einer Form Erd-Lingas anfertigen. Durch die Verehrung von tausend solchen Lingas erlangt man die gewünschte Frucht.

Anmerkung: Saccaka wird als Guss- oder Pressform verstanden; die seltene Bezeichnung wird nicht zu einem geläufigeren Wort geändert.

Niśvāsamukha 2.18

lakṣeṇaikena gaṇatāṃ koṭim abhyarccya gacchati |
svaśarīreṇa sāyojyam punaś ca na nivarttate || 2:18 ||

Durch hunderttausend gelangt man in den Gana-Zustand; nachdem man zehn Millionen verehrt hat, gelangt man im eigenen Körper zur Vereinigung und kehrt nicht wieder zurück.

Anmerkung: Im englischen Übersetzungsteil stehen abweichend zehntausend und hunderttausend. Der hier geprüfte Sanskritdruck hat lakṣa, hunderttausend, und koṭi, zehn Millionen; diese Zahlen werden übernommen.

Niśvāsamukha 2.19

etāny eva samabhyarccya sadevāsuramānuṣāḥ |
sarvvakāmasamṛddhāś ca sukhaduḥkhavivarjjitāḥ || 2:19 ||

Nachdem Götter, Asuras und Menschen eben diese Lingas verehrt haben, sind sie mit allen Wünschen erfüllt und frei von Freude und Leid …

Anmerkung: Der zweite Halbvers verbindet Wunscherfüllung mit dem Überschreiten des Gegensatzes von Freude und Leid; dieser eigentümliche Zusammenhang wird nicht aufgelöst.

Niśvāsamukha 2.20

īśvarasya prasādena krīḍante aṇimādibhiḥ |
aṣṭeṣṭakasamāyuktaṃ ye kurvvanti śivālayam || 2:20 ||

… und entfalten durch die Gnade des Herrn spielend Kräfte wie das Winzigwerden. Diejenigen, die ein Shiva-Heiligtum mit besonderen Ziegeln errichten …

Anmerkung: Aṇiman ist eine traditionelle Siddhi, keine nachgewiesene körperliche Fähigkeit. Aṣṭeṣṭaka wird im Kommentar als ‚gekennzeichnete Ziegel‘ erklärt; die genaue Bedeutung und Art der Kennzeichnung sind unsicher.

Niśvāsamukha 2.21

tāvanto divi tiṣṭhanti yāvad indrāś caturddaśa |
maṇiratnapravālāni sphaṭir marakatāni ca || 2:21 ||

… bleiben so lange im Himmel, wie vierzehn Indras herrschen. Lingas aus Edelsteinen, kostbaren Steinen und Koralle, aus Kristall und Smaragd …

Anmerkung: Die Zeit wird in aufeinanderfolgenden kosmischen Indra-Herrschaften ausgedrückt. Sphaṭiḥ beziehungsweise die Sandhiform sphaṭir ist die ungewöhnliche Bezeichnung für Kristall.

Niśvāsamukha 2.22

kācahema⟪jaraupyāṇi⟫ tāmrakāṃsyāni ⟪yāni tu |
raityalohaka⟫sīsyāni trāpuṣāṇi tathaiva ca || 2:22 ||

… aus Glas, Gold und Silber, aus Kupfer und Bronze, aus Messing, Eisen und Blei sowie aus Zinn …

Anmerkung: Ein Teil der Materialliste ist aus dem Shivadharmasangraha ergänzt. Die ungewöhnliche Form sīsya für Blei bleibt im Grundtext stehen.

Niśvāsamukha 2.23

punaś caitāni cābhyarccya bhuktvā kāmāñ chivam vrajet |
na tasya punarāvṛttir yo liṅgaṃ sthāpayed bhuvi || 2:23 ||

… wer sie sodann verehrt, soll nach dem Genuss des Gewünschten zu Shiva gelangen. Wer ein Linga auf der Erde aufstellt, für den gibt es keine Wiederkehr.

Niśvāsamukha 2.24

kṛtvā prāsādamadhye tu sa śivo nātra saṃśayaḥ |
daśāmravāpī ghorāṇi narakāṇi na paśyati || 2:24 ||

Wer es jedoch mitten in einem Tempel aufstellt, ist Shiva – daran besteht nach dem Text kein Zweifel. Wer zehn Mangobäume pflanzt, sieht die schrecklichen Höllen nicht.

Anmerkung: Mit dem zweiten Halbvers beginnt eine Reihe gemeinnütziger Wohltaten. Die Verneinung vor ‚sieht‘ steht ausdrücklich im Sanskrit.

Niśvāsamukha 2.25

ārāmasyaiva yaḥ karttā svargge modati cendravat |
lakṣādīṃś ca tathā vṛkṣāṃ pathi kurvvanti ye narāḥ || 2:25 ||

Wer einen Garten anlegt, freut sich im Himmel wie Indra. Die Menschen, die Bäume wie Laksha an einem Weg pflanzen …

Anmerkung: Laksha ist in dieser Form eine unsichere Baumbezeichnung; der Kommentar versteht einen Feigenbaum. Ein bestimmter botanischer Artname wird nicht als gesichert ausgegeben.

Niśvāsamukha 2.26

chāyābhiḥ śītalābhiś ca te yānti yamasādanam |
yāmyaduḥkhāni ghorāṇi na ca teṣām bhavanti hi || 2:26 ||

… gelangen, von kühlem Schatten begleitet, zu Yamas Wohnstatt. Die schrecklichen Leiden im Bereich Yamas widerfahren ihnen nicht.

Anmerkung: Der Text sagt ausdrücklich, dass sie zu Yama gelangen, aber nicht dessen Leiden erfahren. Die abweichende Verneinung der Reise im Paralleltext wird nicht übernommen.

Niśvāsamukha 2.27

vṛkṣavāpanadharmmo ’yam eṣa te parikīrttitaḥ |
prāsādaṅ kārayitvā tu viṣṇuṃ ye sthāpayanti hi || 2:27 ||

Damit ist dir die religiöse Wohltat des Baumpflanzens erklärt. Diejenigen, die einen Tempel errichten lassen und Vishnu darin aufstellen …

Niśvāsamukha 2.28

viṣṇulokam vrajanty ete modante viṣṇunā saha |
brahmāṇaṃ skandaṃ rudrāṇīṅ gaṇeśam mātaraṃ ravim || 2:28 ||

… gelangen in Vishnus Welt und freuen sich mit Vishnu. Brahma, Skanda, Rudrani, Ganesha, die Muttergottheiten, die Sonne …

Anmerkung: Mātaram, wörtlich ‚die Mutter‘, wird hier wie im Kommentar als Sammelbezeichnung verstanden. Die Namen belegen Verehrungsobjekte, keine an dieser Stelle ausgesprochenen Mantras.

Niśvāsamukha 2.29

vahniṃ śatakratuṃ yakṣaṃ vāyuṃ dharmmañ jaleśvaram |
yo yasya sthāpanaṅ kuryāt prāsāde tu suśobhane || 2:29 ||

… Feuer, Indra, die Yakshas, Wind, Dharma oder den Herrn des Wassers: Wer eine dieser Gottheiten in einem schönen Tempel aufstellt …

Anmerkung: Shatakratu ist Indra, Jaleshvara hier Varuna. Der Satz endet erst in Vers 30; die Liste wird nicht mit zusätzlichen Gottheiten erweitert.

Niśvāsamukha 2.30

pūjaye parayā bhaktyā so ’mṛto hy asya lokatām |
asaṅkramapathe yastu saṅkramaṅ kārayiṣyati || 2:30 ||

… und sie mit höchster Hingabe verehrt, wird unsterblich und erlangt die Welt dieser Gottheit. Wer an einem schwer passierbaren Weg einen Übergang bauen lässt …

Anmerkung: Die erste Zeile setzt die Aufzählung der Gottheiten aus den Versen 28–29 fort. Der Sanskritsatz bleibt elliptisch; ein Verb des Erlangens ist sinngemäß ergänzt.

Niśvāsamukha 2.31

dharmmarājapathe so hi supathenaiva gacchati |
nadīṃ vaitaraṇīñ caiva -m- uṣṇatoyām mahāravām || 2:31 ||

… geht den Weg zu Dharmaraja, dem Totenrichter, auf gutem Pfad. Den Fluss Vaitarani mit seinem heißen Wasser, seinem gewaltigen Tosen …

Anmerkung: Das zusätzliche m zwischen Vokalen steht im Text; es trägt keine eigene Wortbedeutung.

Niśvāsamukha 2.32

gambhīrāvarttadustārāṃ santaret saṅkrameṇa tu |
setubandhan tu yaḥ kuryāt karddame pathi dāruṇe || 2:32 ||

… und seinen tiefen, schwer zu überquerenden Strudeln soll er auf einer Brücke überschreiten. Wer auf einem furchtbaren, schlammigen Weg einen Dammweg anlegt …

Niśvāsamukha 2.33

dharmmarājapure so hi durggame sukhayāty asau |
paṅkalepaś ca narakas taptatrapujatuś ca yaḥ || 2:33 ||

… gelangt bequem in die schwer erreichbare Stadt Dharmarajas. Die Höllen Pankalepa, Taptatrapu und Taptajatu …

Anmerkung: Die Höllennamen bedeuten ungefähr ‚Schlammbelag‘, ‚glühendes Zinn‘ und ‚glühendes Harz‘. Die ungewöhnliche Verbindung sukhayāti wird im Sinn von ‚geht bequem‘ verstanden.

Niśvāsamukha 2.34

santaren narakān ghorān nālīmārgaprayāyinaḥ |
maṭhasyāvasathy asyaiva maṇḍapasya ca kāriṇaḥ || 2:34 ||

… sollen diejenigen durchqueren, die Wasserkanälen freien Lauf verschaffen. Wer eine Hütte, eine Unterkunft oder einen Pavillon errichtet …

Anmerkung: Die Konstruktion nālīmārgaprayāyinaḥ ist nicht regelrecht. Die Ausgabe versteht sie als Förderung eines ungehinderten Wasserlaufs. Maṭha kann hier eine Unterkunft für Asketen bezeichnen.

Niśvāsamukha 2.35

dharmmarājapuraṅ gatvā svargge hemamayaṅ gṛham |
taptāṅgāraśilāvarṣe na bhayan tasya vidyate || 2:35 ||

… erhält, nachdem er in die Stadt Dharmarajas gelangt ist, im Himmel ein goldenes Haus. Er braucht die Höllen Glühende Kohlen und Steinregen nicht zu fürchten.

Anmerkung: Das Verb des Erhaltens ist im Sanskrit nicht ausgesprochen. Die Verneinung na gehört ausdrücklich zum zweiten Halbvers.

Niśvāsamukha 2.36

maṭhasyāvasathy asyaiva maṇḍapasya ca yat phalam |
kathitaṃ sarvvam etan tu dānasya tu phalaṃ śṛṇu || 2:36 ||

Die Frucht, die das Errichten einer Hütte, einer Unterkunft oder eines Pavillons bringt, habe ich dir nun ganz erklärt. Höre jetzt die Frucht des Gebens.

Niśvāsamukha 2.37

annadātā naro yo hi nāsau durggatim āpnuyāt |
akṣayaṃ sukham āpnoti brahmalokagato bhavet || 2:37 ||

Ein Mensch, der Nahrung gibt, soll keine leidvolle Wiedergeburt erfahren. Er erlangt unvergängliches Glück und gelangt in Brahmas Welt.

Anmerkung: Die Zukunftsaussagen sind Verdienstverheißungen der Schrift. Als heutige Anregung lässt sich daraus die aufmerksame Sorge für Hungernde aufnehmen, ohne eine jenseitige Gegenleistung zu beanspruchen.

Niśvāsamukha 2.38

na tasya sambhavo marttye yāvad brahmā na naśyati |
yas tu grīṣme prapān dadyāt tṛṣṇārtte pathike jane || 2:38 ||

Er wird nicht unter Sterblichen wiedergeboren, solange Brahma nicht vergeht. Wer im heißen Sommer für durstige Reisende eine Wasserstelle bereitstellt …

Niśvāsamukha 2.39

te tṛptāḥ pretabhavane tṛṣādvandvavivarjjitāḥ |
devān pitṝn samuddiśya yo dadāti tilodakān || 2:39 ||

… dessen Durst wird im Haus der Verstorbenen gestillt; dort ist er frei von Durst und den gegensätzlichen Bedrängnissen. Wer den Göttern und den Ahnen Wasser mit Sesam darbringt …

Anmerkung: Der Sanskrittext wechselt vom Singular zum Plural. Die deutsche Fassung hält den Satzanschluss zu Vers 38 aufrecht. Mit den Gegensätzen sind nach dem Kommentar etwa Hitze und Kälte gemeint.

Niśvāsamukha 2.40

tṛptās tu pitaras tasya varjjitā narakais tribhiḥ |
sapūyāsṛgmedahrade na nimajjanti te narāḥ || 2:40 ||

… dessen Ahnen sind gesättigt und von drei Höllen verschont. Diese Menschen versinken nicht in den Teichen von Eiter, Blut und Fett.

Anmerkung: Die drei Stoffe bezeichnen hier drei Höllen. Die Schilderung dokumentiert die religiöse Vorstellungswelt des Textes.

Niśvāsamukha 2.41

pitaras tu ⟪vimuktāḥ syuḥ⟫ tilodakaphalena tu |
ajinaṃ tilapūrṇan tu raupyakhurasamanvitam || 2:41 ||

Die Ahnen sollen durch die Frucht dieser Sesamwasser-Gabe befreit sein. Wer eine mit Sesam gefüllte Antilopenhaut darbringt, mit silbernen Hufen …

Anmerkung: ‚Sollen befreit sein‘ ist aus der Parallele ergänzt. Mit dem zweiten Halbvers beginnt die Beschreibung einer rituellen Kuhgestalt aus gefüllter Tierhaut; das Gebeverb folgt in Vers 42.

Niśvāsamukha 2.42

hemaśṛṅgaṃ sacailāṅgaṅ kānsadohan tu yo dadet |
akṣayāṃ labhate lokāṃs tiladhenupradāyasau || 2:42 ||

… goldenen Hörnern, einem mit Tuch bekleideten Körper und einem metallenen Melkgefäß: Dieser Geber einer Sesamkuh erlangt unvergängliche Welten.

Anmerkung: Kānsa wird im Kommentar als Bronze verstanden; seine Form ist ungewöhnlich. Die historische rituelle Sachgabe wird beschrieben, nicht als heutige Praxis empfohlen.

Niśvāsamukha 2.43

yugānte ca paribhraṣṭo jāyate vipule kule |
śrāddhaṅ kurvvanti ye nityaṃ pitṛbhaktā hi mānavāḥ || 2:43 ||

Fällt er am Ende des Weltzeitalters von dort herab, wird er in einer angesehenen Familie geboren. Menschen, die ihren Ahnen ergeben sind und regelmäßig die Ahnenzeremonie Shraddha vollziehen …

Niśvāsamukha 2.44

teṣān tṛptā hi pitaraḥ sa ca tṛpto yamālaye |
kumbhīpākan tu nirayañ ca tasya bhaviṣyati || 2:44 ||

… deren Ahnen sind gesättigt, und auch der Handelnde selbst ist in Yamas Wohnstatt zufrieden. [Der gedruckte zweite Halbvers besagt:] Auch die Hölle Kumbhipaka wird ihm zuteilwerden.

Anmerkung: Hier liegt eine erhebliche Unstimmigkeit vor: Der Haupttext druckt ca tasya bhaviṣyati ohne Verneinung. Der englische Übersetzungsteil verneint die Höllenfolge; die Shivadharma-Parallele liest na teṣāṃ bhaviṣyati. Die Verneinung wird nicht unbemerkt in den Sanskritgrundtext oder als sichere Textaussage in die Übersetzung eingefügt.

Niśvāsamukha 2.45

pitṛlokañ ca yāsyanti śrāddhakārayitā narāḥ |
pitṝn devān samuddiśya nityan dīpapradāyinaḥ || 2:45 ||

Die Menschen, die Shraddha vollziehen lassen, werden in die Welt der Ahnen gehen. Für diejenigen, die täglich den Ahnen und den Göttern ein Licht darbringen …

Niśvāsamukha 2.46

tāmisram andhatāmisrau narakā na bhavanti hi |
locane śobhane tasya dṛkchaktiś ca na naśyate || 2:46 ||

… gibt es die Höllen Finsternis und Blinde Finsternis nicht. Ihre Augen werden schön, und ihre Sehkraft vergeht nicht.

Anmerkung: Die ungewöhnliche Bildung dṛkchakti steht im Druck. Das Versprechen bleibender Sehkraft ist eine religiöse Aussage, kein medizinischer Nachweis.

Niśvāsamukha 2.47

raupyakhurāṃ hemaśṛṅgāṃ ratāṅgīṅ kāṃsyadohanīm |
cailagaṇḍān tu yo dadyād bhūyo bhūyo guṇānvitām || 2:47 ||

Wer eine gute Kuh gibt, deren Hufe mit Silber und deren Hörner mit Gold geschmückt sind, die einen schönen Körper, ein bronzenes Melkgefäß und einen immer wieder mit Tuch geschmückten Hals hat …

Anmerkung: Das Wort ‚Kuh‘ folgt erst im Zusammenhang von Vers 48. Ratāṅgī ist in der Ausgabe nicht überzeugend erklärt; die Wiedergabe ‚schöner Körper‘ bleibt annähernd.

Niśvāsamukha 2.48

goloke svarggaloke vā vāsas teṣām bhaviṣyati |
sarvvadvandvavinirmukto vasate gopradāyakaḥ || 2:48 ||

… wird in der Welt der Kühe oder im Himmel wohnen. Frei von allen gegensätzlichen Bedrängnissen lebt der Geber einer Kuh.

Niśvāsamukha 2.49

prasavantīṃ yo gān dadyād vaktrobhayasusaṃsthitām |
pṛthvīdānaphalaṃ hy etat svarggalokañ ca gacchati || 2:49 ||

Wer eine gebärende Kuh gibt, an der beide Gesichter schön hervortreten, erhält die Frucht einer Landgabe und gelangt in den Himmel.

Anmerkung: ‚Beide Gesichter‘ meint nach dem Kommentar wahrscheinlich das Gesicht der Kuh und das bereits sichtbare Gesicht ihres Kalbes. Diese Deutung ist nicht im Vers selbst ausgeführt.

Niśvāsamukha 2.50

anaḍvāhāni bahuśo yaḥ prayacched dvijottame |
tena puṇyaphalenaiva svarggaloke mahīyate || 2:50 ||

Wer den Besten der Zweimalgeborenen wiederholt Zugochsen gibt, wird durch die Frucht dieses Verdienstes im Himmel geehrt.

Anmerkung: Mit dem Besten der Zweimalgeborenen ist hier ein Brahmane als Empfänger der Gabe gemeint; die Kasusform ist nicht klassisch.

Niśvāsamukha 2.51

ajām suvarṇṇaromāñ ca yaḥ prayacchati nityaśaḥ |
agnilokam avāpnoti bahupātakiko ’pi yaḥ || 2:51 ||

Wer regelmäßig eine goldhaarige Ziege gibt, erlangt die Welt des Feuers, selbst wenn er viele schwere Verfehlungen begangen hat.

Anmerkung: Die Verheißung betrifft eine Gabe; eine Tötung des Tieres wird an dieser Stelle nicht vorgeschrieben.

Niśvāsamukha 2.52

śvetāṃ raktān tathā pītāṅ kṛṣṇāṃ vā āvikan dadet |
devān pitṝn samuddiśya somalokaṃ sa gacchati || 2:52 ||

Wer zu Ehren der Götter und der Ahnen ein weißes, rotes, gelbes oder schwarzes Wollgewand gibt, gelangt in die Welt des Mondes.

Niśvāsamukha 2.53

pitṝn devān samuddiśya mahiṣīṃ yo dade dvije |
tena puṇya[[((phalenaiva))]] [[viṣṇuloke ma]]hīyate || 2:53 ||

Wer zu Ehren der Ahnen und der Götter einem Brahmanen eine Büffelkuh gibt, wird durch eben die Frucht dieses Verdienstes in Vishnus Welt geehrt.

Anmerkung: Ein Teil der zweiten Zeile ist nur in den späteren Abschriften bewahrt; die Rekonstruktion viṣṇuloke mahīyate ist eine editorische Herstellung aus ihnen.

Niśvāsamukha 2.54

śvetāṅ kṛṣṇāṃ suśīlāñ ca sudhenum bhramarākṛtim |
devānāṃ yaḥ prayaccheta athavāpi dvijottame || 2:54 ||

Wer den Göttern oder einem vorzüglichen Brahmanen eine gute, sanftmütige Milchkuh gibt, weiß, schwarz oder von bienenähnlicher Farbe …

Anmerkung: Sudhenu bezeichnet normalerweise eine gute Milchkuh; Vers 55 nennt das Tier jedoch ausdrücklich Büffelkuh. Der Widerspruch bleibt kenntlich. ‚Bienenähnlich‘ kann dunkel oder bunt gefleckt meinen.

Niśvāsamukha 2.55

īdṛśīm mahiṣīn dattvā śivaloke mahīyate |
śivalokāt paribhraṣṭo jāyate ca mahīpatiḥ || 2:55 ||

… wer eine solche Büffelkuh gibt, wird in Shivas Welt geehrt. Nachdem er aus Shivas Welt herabgefallen ist, wird er als König wiedergeboren.

Niśvāsamukha 2.56

phālakṛṣṭāṃ mahīn dadyāt sabījāṃ sasyamālinīm |
[[yā]]vat sūryakṛtāṃ lokāṃ tāvat tiṣṭhati sūryavat || 2:56 ||

Wer gepflügtes Land gibt, mit Saat versehen und von Getreide bedeckt, bleibt der Sonne gleich, solange die von der Sonne geschaffenen Welten bestehen.

Anmerkung: Die unregelmäßigen Endungen und die Wendung ‚von der Sonne geschaffene Welten‘ machen die zweite Zeile unsicher. Die Ausgabe erwägt als gemeinten Sinn ‚solange die Sonne besteht‘, stellt diesen Wortlaut aber nicht her.

Niśvāsamukha 2.57

bhūmidānād bhavet svarggī ratnadānād raveḥ puram |
vastradaḥ śaśiloke tu tārado vaiṣṇave pure || 2:57 ||

Durch eine Landgabe gelangt man in den Himmel, durch eine Edelsteingabe in die Welt der Sonne. Wer Gewänder gibt, gelangt in die Welt des Mondes; wer Silber gibt, in die Welt Vishnus.

Niśvāsamukha 2.58

tilakāñcanadātāro yānti rudrasya cālayam |
kāṃsatāmrapravālāni dattvā yānti vasoḥ puram || 2:58 ||

Wer Sesam und Gold gibt, gelangt in Rudras Wohnstatt. Durch Gaben von Bronze, Kupfer und Koralle gelangt man in Indras Stadt.

Anmerkung: Vasu, ‚der Gute‘, wird hier von der Ausgabe als Bezeichnung Indras verstanden.

Niśvāsamukha 2.59

muktāmaṇivicitrāṇi hārajātāni yāny api |
dattvā somapuraṃ yāti tilahomāc ca saṃśayaḥ || 2:59 ||

Wer irgendwelche mit Perlen und Edelsteinen bunt geschmückten Halsketten gibt, gelangt in die Stadt des Mondes; ebenso durch ein Sesam-Feueropfer – daran besteht nach dem gemeinten Sinn kein Zweifel.

Anmerkung: Der Druck liest tilahomāc ca saṃśayaḥ, wörtlich etwa ‚und aus dem Sesamopfer Zweifel‘. Der englische Übersetzungsteil setzt den verneinenden Sinn voraus. Eine ausdrückliche Verneinung ist im gedruckten Grundtext jedoch nicht vorhanden; die Stelle bleibt unsicher.

Niśvāsamukha 2.60

guḍakṣīradadhisarpir yaḥ prayacchati nityaśaḥ |
yakṣalokapuraṃ yāti madhudānāt tathaiva ca || 2:60 ||

Wer regelmäßig Rohzucker, Milch, Sauermilch und geklärte Butter gibt, gelangt in die Stadt der Yaksha-Welt; ebenso durch eine Honiggabe.

Anmerkung: Die ungewöhnliche Doppelbezeichnung ‚Welt-Stadt‘ wird nicht zu einem einzigen Sanskritwort normalisiert.

Niśvāsamukha 2.61

candanāgarukarpūrakakkolalavaṅgakān |
dattvānyāni sugandhāni vrajed gandharvvatāṃ naraḥ || 2:61 ||

Ein Mensch, der Sandelholz, Aloeholz, Kampfer, Kakkola, Gewürznelken und andere duftende Stoffe gibt, soll den Zustand eines Gandharva erlangen.

Anmerkung: Kakkola ist ein aromatisches Pflanzenprodukt; eine genaue botanische Gleichsetzung wird hier nicht als gesichert vorausgesetzt. Gandharvas sind himmlische Wesen, unter anderem mit Musik verbunden.

Niśvāsamukha 2.62

alaṅkṛtvā tu yo dadyāt kanyāñ caiva ayācitām |
sa naraḥ svargam āyāti yaś ca dhānyapradāyakaḥ || 2:62 ||

Wer ein Mädchen schmückt und unaufgefordert als Gabe übergibt, gelangt in den Himmel; ebenso der Mensch, der Getreide gibt.

Anmerkung: Die Ausgabe erwägt den Brautgabe-Kontext einer Eheschließung, doch der Vers nennt ihn nicht ausdrücklich. Die historische Verfügung über Mädchen wird dokumentiert, nicht als heutige Handlungsnorm übernommen.

Niśvāsamukha 2.63

māṣamudgādikāṃ vrīhīn nityam eva pradāyinaḥ |
te ’pi svargam prayāsyanti ye cānye abhayapradāḥ || 2:63 ||

Auch diejenigen, die regelmäßig Nahrungskörner wie Uradbohnen, Mungbohnen und Reis geben, werden in den Himmel gehen, ebenso andere, die Schutz vor Furcht gewähren.

Anmerkung: Die Formen der Aufzählung sind nicht klassisch. Abhaya, Furchtlosigkeit beziehungsweise Schutz vor Bedrohung, wird in den Versen 107–109 nochmals besonders hervorgehoben.

Niśvāsamukha 2.64

rūpayauvanasampannāṃ vastrālaṅkārabhūṣitām |
striyañ caiva prayacchanti yānti vaidyādharaṃ padam || 2:64 ||

Diejenigen, die eine mit Schönheit und Jugend begabte, mit Gewändern und Schmuck geschmückte Frau übergeben, gelangen in den Zustand eines Vidyadhara.

Anmerkung: Dies ist eine historische Verdienstvorstellung innerhalb einer Gabe-Liste. Sie rechtfertigt weder Menschenhandel noch die Verfügung über die Selbstbestimmung einer Frau.

Niśvāsamukha 2.65

ratisatran tu satataṃ varanārīṣu dāpayet |
te ’py apsarasāṃ saṅgheṣu modante divi mānavāḥ || 2:65 ||

Menschen, die fortwährend unter schönen Frauen ein Fest erotischen Genusses ausrichten lassen, erfreuen sich im Himmel in Scharen von Apsaras.

Anmerkung: Ratisatra bezeichnet hier ein ‚Fest der Liebeslust‘. Der Vers ist keine Anweisung zu einer tantrischen Sexualmeditation; die Syntax wechselt unregelmäßig zwischen Singular und Plural.

Niśvāsamukha 2.66

vetrāsanañ ca śayyāñ ca prativarṣapradāyinaḥ |
yakṣaloke tu modante yakṣiṇībhis sahasraśaḥ || 2:66 ||

Diejenigen, die alljährlich einen Rohrgeflechtsitz und ein Lager geben, freuen sich in der Yaksha-Welt mit Tausenden von Yakshinis.

Niśvāsamukha 2.67

indhanāni tu yo dadyād viprebhyaḥ śiśirāgame |
dhanavān rūpasampanno jāyate subhagas tathā || 2:67 ||

Wer Brahmanen beim Anbruch der kalten Jahreszeit Brennmaterial gibt, wird reich, schön und vom Glück begünstigt wiedergeboren.

Niśvāsamukha 2.68

pratiśrayan tṛṇaṃ śayyāṃ prāvarānnaṃ hutāśanam |
pratidinam prayacchante te narāḥ svargagāminaḥ || 2:68 ||

Die Menschen, die täglich Unterkunft, Stroh, ein Lager, eine Decke, Nahrung und Feuer bereitstellen, werden in den Himmel gehen.

Anmerkung: Prāvarānna wird als Zusammenfassung von Decke und Nahrung verstanden. Die Verdienstlehre knüpft hier an elementare Bedürfnisse von Gästen und Schutzsuchenden an.

Niśvāsamukha 2.69

gītavāditrayānāni devānān nityadāyinaḥ |
te jāyante mahābhogā gītavāditrabodhitāḥ || 2:69 ||

Diejenigen, die den Göttern regelmäßig Gesang, Instrumentalmusik und Fahrzeuge darbringen, werden mit reichen Genüssen wiedergeboren und von Gesang und Instrumentalmusik geweckt.

Niśvāsamukha 2.70

rūpayauvanasampannaṃ saptiṃ hemavibhūṣitam |
prayacched dvijamukhyebhyo bradhnasyāpnoti viṣṭapam || 2:70 ||

Wer vorzüglichen Brahmanen ein schönes, junges, mit Gold geschmücktes Pferd gibt, erlangt die Himmelswelt der Sonne.

Anmerkung: Bradhna ist hier die Sonne. Die Parallele hat statt ‚Schönheit‘ eine Wendung, die Schnelligkeit bezeichnen kann; diese wird nicht in den Grundtext übernommen.

Niśvāsamukha 2.71

śārīsaṃyogasaṃyuktam ibhaṅ kāñcanamālinam |
dattvā śakrapuraṃ yāti bhraṣṭo jāyati bhogavān || 2:71 ||

Wer einen mit Ausrüstung und goldenen Gehängen versehenen Elefanten gibt, gelangt in Indras Stadt. Nach dem Herabfallen von dort wird er als Herrscher mit reichen Genüssen wiedergeboren.

Anmerkung: Śārī bezeichnet die Elefantenausrüstung beziehungsweise Schabracke. Bhogavān ist wörtlich jemand, der reich an Besitz oder Genuss ist; die Ausgabe versteht hier einen König.

Niśvāsamukha 2.72

ātapatrapradānena śrīmāñ jāyaty asau naraḥ |
dharmmarājapuraṅ gacchan nātapena tu pīḍyate || 2:72 ||

Durch das Schenken eines Sonnenschirms wird ein Mensch vom Glück begünstigt geboren. Auf dem Weg zur Stadt Dharmarajas wird er nicht von der Hitze gequält.

Anmerkung: Die verbundene Druckfolge gacchannātapena wird entsprechend der englischen Auslegung als gacchan na ātapena, ‚gehend, nicht durch die Hitze‘, getrennt.

Niśvāsamukha 2.73

upānahau tu yo dadyāt sarvvān mucyati kilbiṣāt |
dharmmarājapathe tasya aśvo jāyati śobhanaḥ || 2:73 ||

Wer ein Paar Schuhe gibt, wird von aller Schuld befreit. Auf dem Weg zu Dharmaraja erhält er ein schönes Pferd.

Anmerkung: Sarvvān mucyati und die Verbform jāyati sind ungewöhnlich, werden aber nach dem Druck beibehalten.

Niśvāsamukha 2.74

taptavālukaduḥkhais tu kaṇṭakaiś ca sudāruṇaiḥ |
na ca tasya bhavet pīḍā yo dadāti upānahau || 2:74 ||

Wer ein Paar Schuhe gibt, soll weder unter dem Leiden heißen Sandes noch unter furchtbaren Dornen gequält werden.

Niśvāsamukha 2.75

gajarathan tu yo dadyād brāhmaṇāya guṇānvite |
tena puṇyaphalenaiva svarggaloke mahīyate || 2:75 ||

Wer einem tugendhaften Brahmanen einen Elefantenwagen gibt, wird durch die Frucht dieses Verdienstes im Himmel geehrt.

Anmerkung: Die Kasusverbindung brāhmaṇāya guṇānvite ist unregelmäßig. Gajaratha wird als ein von Elefanten gezogener Wagen verstanden.

Niśvāsamukha 2.76

tāvan na cyavate ⟪svarggād yāvad devās savāsavāḥ⟫ |
tataś caiva paribhraṣṭo rājā bhavati dhārmmikaḥ || 2:76 ||

Er fällt nicht aus dem Himmel herab, solange die Götter mit Indra dort bleiben. Wenn er dann doch von dort herabfällt, wird er ein rechtschaffener König.

Anmerkung: Ein erheblicher Teil der ersten Zeile wird aus der Shivadharma-Parallele ergänzt. Das Verbleiben der Götter ist im Deutschen aus dem Zusammenhang hinzugefügt.

Niśvāsamukha 2.77

dattvā cāśvarathan divyam bahudravyasamanvitam |
sūryalokam avāpnoti tenaiva saha modate || 2:77 ||

Wer einen prächtigen Pferdewagen mit vielerlei Zubehör gibt, erlangt die Welt der Sonne und erfreut sich dort mit ihr.

Niśvāsamukha 2.78

yāvat sūryakṛtāṃ lokāṃ tāvat tiṣṭhati sūryavat |
tatra caiva paribhraṣṭo dhanavāñ jāyate punaḥ || 2:78 ||

Solange die von der Sonne geschaffenen Welten bestehen, bleibt er der Sonne gleich. Nachdem er von dort herabgefallen ist, wird er wiederum reich geboren.

Anmerkung: Die schwierige Zeitformel entspricht Vers 56. ‚Solange die Sonne besteht‘ wäre eine sinngemäße Deutung, ist aber nicht der gedruckte Sanskritwortlaut.

Niśvāsamukha 2.79

anaḍvāharathan dattvā ⟪sarvvadravyasamanvitam |
dāsīdāsasamopetaḥ svarggam⟫ āpnoti mānavaḥ || 2:79 ||

Wer einen Ochsenwagen mit allem Zubehör gibt, erlangt den Himmel, von Dienerinnen und Dienern begleitet.

Anmerkung: Ein großer Teil des Verses ist aus der Parallele ergänzt. Die Gabe-Liste setzt historische soziale Abhängigkeiten voraus; sie sind keine heutige Empfehlung.

Niśvāsamukha 2.80

paribhraṣṭo hato bhūyo dhanavāñ jāyate sadā |
gavāṅ grāsan tu yo dadyāt prātar utthāya mānavaḥ || 2:80 ||

Nachdem er herabgefallen und gestorben ist, wird er immer wieder reich geboren. Ein Mensch, der morgens aufsteht und den Kühen einen Bissen Futter gibt …

Anmerkung: Hataḥ heißt wörtlich ‚erschlagen‘ oder ‚getötet‘; im Zusammenhang wird es als Tod beim Herabfallen verstanden. Der Kommentar lässt dieses Wort in seiner flüssigen Übersetzung unausgesprochen.

Niśvāsamukha 2.81

mantreṇaiva samāyuktam mucyate sarvvakilbiṣaiḥ |
svargagāmī ca bhavate paribhraṣṭo mahādhanaḥ || 2:81 ||

… und dies mit dem Mantra verbindet, wird von allen Verfehlungen befreit und geht in den Himmel. Fällt er von dort herab, wird er sehr reich …

Anmerkung: Der nachfolgende Spruch in 82cd–83ab ist ausdrücklich durch das Wort Mantra mit der Futtergabe verbunden. Die deutsche Übersetzung berücksichtigt auch das im englischen Fließtext übersprungene mucyate sarvvakilbiṣaiḥ.

Niśvāsamukha 2.82

gavāḍhye tu kule janma gavāḍhyaś ca bhaviṣyati |
amṛtamathanotpannā surabhī lokadhāriṇī || 2:82 ||

… und in einer Familie mit vielen Kühen geboren; auch er selbst wird reich an Kühen sein. ‚Surabhi, aus dem Quirlen des Unsterblichkeitstranks entstanden, Trägerin der Welt …‘

Anmerkung: Mit der zweiten Zeile beginnt die Mantraformel an die göttliche Kuh Surabhi. Die Nominativformen werden als Anrede verstanden; die überlieferte unregelmäßige Metrik bleibt erhalten.

Niśvāsamukha 2.83

idan grāsaṅ gṛhāṇa tvam idam me vratam uttamam |
gavāṅ grāsaṃ yathā deyaṃ saurabheye tathaiva ca || 2:83 ||

‚… nimm diesen Bissen an! Dies ist meine vorzügliche Gelübdehandlung.‘ Wie den Kühen ein Bissen gegeben werden soll, ebenso auch dem Stier.

Anmerkung: Hier endet die in Vers 82 begonnene Formel. Saurabheya, ‚Nachkomme Surabhis‘, bezeichnet den Stier.

Niśvāsamukha 2.84

tulyam etat phalan dṛṣṭaṅ kintu mantram pṛthak pṛthak |
sarvvalokadharā hy ete jīvitānnapradāyakāḥ || 2:84 ||

Die Frucht wird als gleich angesehen, doch das Mantra ist jeweils ein anderes: ‚Diese tragen die ganze Welt und geben den Lebewesen Nahrung …‘

Anmerkung: Die neue Formel für Stiere setzt sich in Vers 85ab fort. Mantram steht hier ungewöhnlich im Neutrum. Jīvitānna wird mit der Ausgabe als Nahrung für Lebende verstanden.

Niśvāsamukha 2.85

grāsaṅ gṛhṇantu hṛṣṭās tu etan me vratam uttamam |
nityam paragave dadyād gṛhītvā durlabhaṃ vratam || 2:85 ||

‚… mögen sie erfreut den Bissen annehmen! Dies ist meine vorzügliche Gelübdehandlung.‘ Wer das schwer zu verwirklichende Gelübde auf sich nimmt, gebe täglich einer fremden Kuh Futter.

Anmerkung: Mit ‚Gelübdehandlung‘ wird vrata im konkreten Zusammenhang wiedergegeben. Der historische Wortlaut wird dokumentiert; eine allgemeine Initiationsfreigabe wird daraus nicht abgeleitet.

Niśvāsamukha 2.86

rakṣanti ca bhayāghorāt sparśane pāpanāśanāḥ |
puṇyakāle tu samprāpte vṛṣotsargaṅ karoti yaḥ || 2:86 ||

Die Tiere schützen vor Furcht und Schrecknissen; bei ihrer Berührung tilgen sie Schuld. Wer, wenn eine heilige Zeit gekommen ist, einen Stier freilässt …

Anmerkung: Bhayāghora ist sprachlich schwierig. Der Kommentar versteht hier Gefahr und Krankheit; die näher am Wortlaut bleibende Übersetzung gibt ‚Furcht und Schrecknisse‘ wieder. Es handelt sich um traditionelle Schutzvorstellungen.

Niśvāsamukha 2.87

sa yāti rudralokan tu yadi nīlo bhaviṣyati |
nīlasyaiva alābhe tu pitṛbhis saha saṃyutaḥ || 2:87 ||

… gelangt in Rudras Welt, sofern es ein dunkler Stier ist. Ist ein dunkler Stier nicht zu bekommen, gelangt er zusammen mit seinen Ahnen …

Anmerkung: Nīla bezeichnet hier eine dunkle beziehungsweise schwarzblaue Färbung; weitere Einzelheiten der Stierweihe werden an dieser Stelle nicht genannt.

Niśvāsamukha 2.88

svarggalokam avāpnoti bhraṣṭo jāyati bhogavān |
kapitthan dāḍimañ cāmraṃ jambūm bilvan tathaiva ca || 2:88 ||

… in den Himmel; fällt er von dort herab, wird er als wohlhabender Herrscher geboren. Wer Kapittha-Früchte, Granatäpfel und Mangos, Jambu-Früchte und Bilva-Früchte …

Niśvāsamukha 2.89

panasam mātuluṅgañ ca nārikelaṃ samocakam |
prācīnāmalanāraṅgaṅ drākṣā kharjjūram eva ca || 2:89 ||

… Jackfrucht und Zitronatzitrone, Kokosnuss samt Banane, Prachina- und Amala-Früchte, Orangen, Weintrauben und Datteln …

Anmerkung: Die erste Zeile ist editorisch hergestellt. Prachina wird in der Ausgabe botanisch gedeutet, ist aber als Identifizierung unsicher; Amala ist die indische Stachelbeere. Die unregelmäßigen Kasusformen der Liste bleiben im Sanskrit bestehen.

Niśvāsamukha 2.90

anyāmṛtaphalā ye ca dattvā tu subhago bhavet |
bahuputraś ca rūpāḍhyaḥ subhagaś caiva jāyate || 2:90 ||

… und andere nektargleiche Früchte gibt, soll vom Glück begünstigt werden. Er wird mit vielen Söhnen, reich an Schönheit und vom Glück begünstigt wiedergeboren.

Anmerkung: Die Wiederholung von subhaga, ‚vom Glück begünstigt‘, steht tatsächlich im Text und wird nicht getilgt.

Niśvāsamukha 2.91

sampūrṇāṅgaś ca nirujo bhavet phalapradāyakaḥ |
dantadhāvanadātā ca bhāryyāṃ labhati śobhanām || 2:91 ||

Wer Früchte gibt, soll mit unversehrten Gliedern und frei von Krankheit geboren werden. Wer Zahnreinigungshölzchen gibt, erhält eine schöne Ehefrau.

Anmerkung: Die Schrift verbindet Sachgaben mit körperlichem Wohlergehen und familiärem Glück. Das ist ihre religiöse Verdienstlogik, keine gesundheitliche Wirkgarantie.

Niśvāsamukha 2.92

tāmbūlaṃ surabhiṃ puṣpān dattvā jāyati paṇḍitaḥ |
sugandhāsya⟪ś ca bhavati⟫ vāgmī gandhapradāyakaḥ || 2:92 ||

Wer Betel und duftende Blumen gibt, wird als Gelehrter geboren. Der Geber von Duftstoffen erhält wohlriechenden Atem und wird beredt.

Anmerkung: Die Verbindung ‚und wird‘ ist aus der Parallele ergänzt. Der Kommentar erwägt, ob die ganze Strophe eine einzige Spendergruppe oder zwei Gruppen meint; die deutsche Fassung wahrt die beiden Halbverse.

Niśvāsamukha 2.93

upavītam bṛsīn dattvā jāyate brahmayoniṣu |
khaḍgacakrāyudhan dattvā śaktikuntaparaśvadhān || 2:93 ||

Wer eine heilige Schnur und ein Gras-Sitzpolster gibt, wird in brahmanischen Familien geboren. Wer Schwerter, Diskuswaffen, Speere, Lanzen und Äxte gibt …

Anmerkung: Bṛsī bezeichnet ein Sitzpolster für Asketen, gewöhnlich aus heiligem Gras. Die anschließende Waffenliste ist Bestandteil der historischen Gabenkunde, keine heutige Handlungsempfehlung.

Niśvāsamukha 2.94

asipatravanād ghorān na bhayan tasya jāyate |
asaṃskṛtasya lohasya dānād bandhabhayañ ca na || 2:94 ||

… braucht den schrecklichen Schwertblätterwald nicht zu fürchten. Durch die Gabe unbearbeiteten Eisens entsteht auch keine Furcht vor Fesselung.

Anmerkung: Der Schwertblätterwald ist eine Höllenvorstellung. Die Kasus- und Sandhiform ghorān na wird nicht nach klassischer Grammatik geglättet.

Niśvāsamukha 2.95

ghaṭitopaskaraṃ lohaṃ dattvā śastrabhayaṃ na ca |
lohakāraś ca narako na kadācid bhaviṣyati || 2:95 ||

Wer zu Geräten verarbeitetes Eisen gibt, braucht Waffen nicht zu fürchten. Auch die Hölle Lohakara wird ihm niemals zuteilwerden.

Anmerkung: Lohakara ist eine editorische Herstellung aus den beschädigten Lesungen. Die Parallele nennt Lohapaka; dieser andere Name wird nicht stillschweigend eingesetzt.

Niśvāsamukha 2.96

mṛnmayāni kapālāni dattvā caiva kamaṇḍalum |
yatidānam idaṃ śreṣṭhaṃ dattvā sukham avāpnuyāt || 2:96 ||

Tönerne Schalen und einen Wasserkrug zu geben, ist eine vorzügliche Gabe an Asketen. Wer sie gibt, soll Glück erlangen.

Niśvāsamukha 2.97

⟪kāñcanaṃ rajatan tāmram bhāṇḍam āyasa⟫trāpuṣam |
akṣayan tad bhaved dānan dīrgham āyuś ca jāyate || 2:97 ||

Die Gabe eines Gefäßes aus Gold, Silber, Kupfer, Eisen oder Zinn soll unvergänglich sein; zugleich erwächst dem Geber ein langes Leben.

Anmerkung: Fast die ganze erste Zeile stammt aus der Shivadharma-Parallele. Das abschließende ‚aus Zinn‘ ist die Lesung der Nishvasa-Zeugen; die Parallele nennt Blei. ‚Unvergänglich‘ bezeichnet hier wohl die fortwirkende Verdienstkraft der Gabe.

Niśvāsamukha 2.98

⟪devatābhyo dvijātibhyo⟫ dāsīdāsāñ ca yo dadet ||
bhavati sa mahābhāgaḥ bahubhṛtyajanāvṛtaḥ || 2:98 ||

Wer den Gottheiten oder den Zweimalgeborenen Sklavinnen und Sklaven übergibt, wird sehr vom Glück begünstigt und von vielen Bediensteten umgeben.

Anmerkung: Die Empfänger sind aus der Parallele ergänzt; auch die zweite Zeile enthält editorische Eingriffe. Die historische Versklavung von Menschen wird hier genau wiedergegeben und keinesfalls zur heutigen Praxisanregung erklärt.

Niśvāsamukha 2.99

sindhūtthaṃ lavaṇan dattvā rūpavān subhago bhavet |
pippalīṃ śṛṅgaverañ ca maricaṃ viśvabheṣajam || 2:99 ||

Wer Salz aus Sindh gibt, soll schön und vom Glück begünstigt werden. Wer langen Pfeffer, frischen Ingwer, Pfeffer und getrockneten Ingwer …

Anmerkung: Viśvabheṣaja, wörtlich ‚Allheilmittel‘, ist hier eine Pflanzenproduktbezeichnung für getrockneten Ingwer. Daraus folgt kein Versprechen, sämtliche Krankheiten heilen zu können.

Niśvāsamukha 2.100

dattvā nirujatāṃ yāti āture auṣadhāni ca |
āturaṃ nirujaṅ kṛtvā nirvvyādhir dīrgham āyuṣam || 2:100 ||

… gibt, erlangt Gesundheit, ebenso durch das Geben von Heilmitteln an einen Kranken. Wer einem Kranken zur Genesung verhilft, wird selbst frei von Krankheit und erhält ein langes Leben.

Anmerkung: Das ist eine Verdienstverheißung für Hilfe an Kranken. Der Vers bietet weder eine konkrete Behandlung noch eine medizinisch überprüfte Wirkungsregel; die Schlusskonstruktion bleibt elliptisch.

Niśvāsamukha 2.101

madhurāmlakaṭutikāni kaṣāyalavaṇāni ca |
sarvvakrīḍārasābhijño jāyate paṇḍito naraḥ || 2:101 ||

Wer Süßes, Saures, Scharfes, Bitteres, Herbes und Salziges gibt, wird als Mensch geboren, der den Geschmack aller Vergnügungen kennt und gelehrt ist.

Anmerkung: Das Gebeverb wird aus der Folge der Gabenvorschriften ergänzt. Die verkürzte Form tika für bitteres tikta bleibt im Grundtext erhalten.

Niśvāsamukha 2.102

tailāt sarvvādhikaṃ teja āyuḥ śarkarakhaṇḍayoḥ |
marjjitātakradānena gavāḍhyo goprapūjane || 2:102 ||

Durch eine Ölgabe erlangt man überragende Kraft, durch Zucker und Zuckerbrocken langes Leben. Durch die Gabe eingedickter Sauermilch und Buttermilch wird man reich an Kühen, wenn man zugleich Kühe verehrt.

Anmerkung: Marjjitā ist die gedruckte, unsichere Bezeichnung des ersten Milchprodukts; der Kommentar vergleicht mārjita. Die Wirkungsangaben gehören zur religiösen Gabenkunde.

Niśvāsamukha 2.103

mauktikaṃ śaṅkhaśuktīni dattvā bahusuto bhavet |
kaparddakāni yo dadyād darppaṇaṃ vimalaṃ śubham || 2:103 ||

Wer Perlen und Perlmutterschalen gibt, soll viele Söhne haben. Wer Kaurischnecken und einen makellosen, schönen Spiegel gibt …

Anmerkung: Śaṅkhaśukti wird entsprechend dem Kommentar als Perlmutterschale verstanden; die Form ist ungewöhnlich.

Niśvāsamukha 2.104

rūpavān dhanasampanno jāyate strīṣu vallabhaḥ |
poṣaṇaṃ hantatiñ caiva bhikṣāṃ vā pratyahan dadet || 2:104 ||

… wird schön und reich geboren, beliebt bei Frauen. Wer täglich Nahrung, einen Ausdruck des Mitgefühls oder Almosen gibt …

Anmerkung: Hantati ist sonst nicht sicher belegt; die Ausgabe versteht es durch Vergleich als Äußerung des Mitgefühls. Diese Deutung ist annähernd und ersetzt das Sanskritwort nicht.

Niśvāsamukha 2.105

dhanavān sa tu jāyeta anyathā durggatim bhavet |
eṣa dānavidhiḥ khyātas tv atidānañ ca me śṛṇu || 2:105 ||

… soll reich geboren werden; andernfalls soll ihm eine leidvolle Wiedergeburt widerfahren. Damit ist die Ordnung des Gebens erklärt. Höre nun von mir auch die höchste Gabe.

Anmerkung: Atidāna bezeichnet hier die überragende Gabe. Welche das ist, wird erst in 107–109 ausdrücklich entwickelt.

Niśvāsamukha 2.106

annapānaṃ sadā dadyād vastraśayyāpratiśrayam |
gāṃ suvarṇṇañ ca bhūmiñ ca dharmmāṇāṅ kim ataḥ param || 2:106 ||

Stets soll man Nahrung und Trank geben, Gewänder, ein Lager, Unterkunft, eine Kuh, Gold und Land. Was könnte unter den verdienstvollen Handlungen darüber hinausgehen?

Anmerkung: Die rhetorische Frage bereitet die Steigerung zur Wissensgabe und zum Schutz des Lebens im nächsten Vers vor.

Niśvāsamukha 2.107

vidyādānan tathā śreṣṭham atiśreṣṭhañ ca rakṣaṇam |
jīvaṃ rakṣayate yo hi sa ca dātā paraḥ smṛtaḥ || 2:107 ||

Ebenso ist die Gabe von Wissen vorzüglich; noch vorzüglicher ist der Schutz. Wer ein lebendes Wesen schützt, der gilt als der höchste Geber.

Anmerkung: Vidyadana, die Gabe von Wissen, kann Unterweisung und die Weitergabe von Texten einschließen. Der Vers legt sich nicht auf eine einzige Form fest. Der Vorrang des Lebensschutzes steht ausdrücklich im Text.

Niśvāsamukha 2.108

sarvveṣām eva dānānām bhūteṣv abhayadakṣiṇā |
yo dadāti sa dātā hi anye kāmavimohitāḥ || 2:108 ||

Unter allen Gaben steht die Gabe der Furchtlosigkeit an die Lebewesen voran. Wer sie gibt, ist wahrhaft ein Geber; die anderen sind von Wünschen verblendet.

Anmerkung: Abhayadakshina meint hier die Gewährung von Sicherheit vor Bedrohung. Der Rang als höchste Gabe ergibt sich aus dem unmittelbar vorangehenden Vers.

Niśvāsamukha 2.109

tasmād rakṣeta sarvvāṇi prāṇināñ jīvitātyaye |
sa dātā sa tapasvī ca sa yāti paramaṃ padam || 2:109 ||

Darum soll man alle Lebewesen schützen, wenn ihr Leben in Gefahr ist. Wer dies tut, ist ein Geber und ein wahrer Asket; er gelangt zum höchsten Ziel.

Anmerkung: Als heutige Reflexion kann diese Stelle dazu anregen, spirituelle Übung mit konkreter Hilfe für bedrohtes Leben zu verbinden. Sie ist keine bloß allgemeine Zusammenfassung, sondern die ausdrückliche Aussage des Verses.

Niśvāsamukha 2.110

atidānavidhiḥ khyāto lokānāṃ hitakāmyayā |
dine dine ca yo dadyād dānan tañ ca nibodha me || 2:110 ||

Die Ordnung der höchsten Gabe ist aus dem Wunsch nach dem Wohl der Menschen erklärt. Höre von mir auch von der Gabe dessen, der Tag für Tag gibt.

Anmerkung: Die Formulierung kann die Frucht des täglichen Gebens einschließen. Der Kommentar vermutet im folgenden Abschnitt tägliche Tempelgaben; der Text nennt hier noch keinen Empfänger.

Niśvāsamukha 2.111

dantadhāvanatāmbūlaṃ sragdhūpañ ca vilepanam |
rocanā⟪ñjanavastrā⟫ṇi divyālaṅkāramaṇḍanam || 2:111 ||

Wer Zahnreinigungshölzchen und Betel, Girlanden, Weihrauch und Salben gibt, gelbes Farbpigment, Augenschminke und Gewänder sowie prächtigen Schmuck …

Anmerkung: Die Reihe setzt sich bis Vers 114 fort. Ein Teil der Materialliste ist aus der Parallele ergänzt. Es handelt sich um historische Kosmetika und Ritualgegenstände, nicht um eine heutige Anwendungsempfehlung.

Niśvāsamukha 2.112

gajāśvārohaṇaṃ yānam abhyaṅgodvarttanan tathā |
snānan divyasugandhaiś ca candanāgarukuṅkumaiḥ || 2:112 ||

… Reiten auf Elefanten und Pferden, Fahrzeuge, Einölung und Einreibung, ein Bad mit erlesenen Duftstoffen, mit Sandelholz, Aloeholz und Safran …

Anmerkung: Die Gabe-Liste umfasst hier Gegenstände und bereitgestellte Leistungen. Das regierende Gebeverb steht im Zusammenhang von 110 und 114.

Niśvāsamukha 2.113

karpūravyatimiśraiś ca lepan dhūpaṃ sapuṣpakam |
mṛṣṭānnapānadānañ ca †sukhaśayyāniśītavān† || 2:113 ||

… mit Kampfer vermischte Salbe, Weihrauch samt Blumen, wohlschmeckende Speisen und Getränke sowie [unsicher:] ein angenehmes Lager zur Nacht …

Anmerkung: Der Schlussausdruck ist mit einer Crux markiert. Die deutsche Wiedergabe gibt den vermuteten Zusammenhang wieder; das Wortende vān bleibt ungeklärt. Möglich ist auch ein Bezug auf den nächtlichen Genuss eines guten Lagers im folgenden Vers.

Niśvāsamukha 2.114

varanārīrati⟪sukhaṃ yo dadāti sa cāśnute⟫ |
ada⟪ttvā yo ’bhikāṅkṣeta sa ca⟫ duḥkhī paro bhavet || 2:114 ||

… wer dies gibt, genießt die Freude der Liebe mit schönen Frauen. Wer sie begehrt, ohne gegeben zu haben, soll hingegen äußerst unglücklich werden.

Anmerkung: Weite Teile des Verses sind aus der Parallele ergänzt. Er beschreibt eine historische, männlich geprägte Verdienst- und Genussvorstellung; er ist kein Beleg für eine besondere Sexualtechnik dieses Werkes.

Niśvāsamukha 2 – Sprecherangabe vor 2.115

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Niśvāsamukha 2.115

kin tat pātram bhavec chreṣṭhaṃ yasya datte mahat phalam |
akṣayan tu bhaved dānan tan me brūhi maheśvara || 2:115 ||

Wer ist der vorzüglichste Empfänger, bei dem eine Gabe große Frucht trägt und das Gegebene unvergänglich wird? Das sage mir, Maheshvara!

Anmerkung: Patra, wörtlich ‚Gefäß‘, bezeichnet hier einen würdigen Empfänger. Maheshvara, der große Herr, ist Shiva.

Niśvāsamukha 2 – Sprecherangabe vor 2.116

īśvara u |

Der Herr sprach:

Anmerkung: Die Sprecherformel ist in der Druckfassung abgekürzt.

Niśvāsamukha 2.116

mātāpitṛṣu yad dānaṅ gurubandhuṣu kanyayaḥ |
dīnārttāndhakṛpaṇinān tad ānantyāya kalpate || 2:116 ||

Eine Gabe an Mutter und Vater, an Lehrer und Verwandte, an ein Mädchen, an Unglückliche, Bedrängte, Blinde und Arme entfaltet eine unermessliche Wirkung.

Anmerkung: Mehrere Endungen sind unregelmäßig. Anantya kann Unendlichkeit oder ein unabsehbares Fortwirken der Verdienstfrucht ausdrücken; eine mathematisch unendliche Belohnung wird nicht als überprüfbare Tatsache behauptet.

Niśvāsamukha 2.117

mūrkhaviprasahasrebhyo vedādhyāyī paraḥ smṛtaḥ |
vedādhyāyisahasrebhyo hy āhitāgnis tato ’dhikaḥ || 2:117 ||

Ein Veda-Kundiger gilt als höherstehend als tausend ungelehrte Brahmanen. Höher als tausend Veda-Kundige steht wiederum derjenige, der die vedischen Opferfeuer eingerichtet hat.

Anmerkung: Dies ist eine historische Rangordnung von Gabenempfängern. Sie wird nicht als Maßstab für den heutigen Wert eines Menschen übernommen.

Niśvāsamukha 2.118

āhitāgnisahasreṣu agnihotrī varaḥ smṛtaḥ |
agnihotrīsahasreṣu brahmavettā tato ’dhikaḥ || 2:118 ||

Unter tausend Menschen, die die Opferfeuer eingerichtet haben, gilt derjenige als vorzüglicher, der das Agnihotra regelmäßig vollzieht. Höher als tausend Agnihotra-Opfernde steht wiederum der Kenner des Brahman.

Anmerkung: Agnihotra ist das regelmäßige vedische Feueropfer. Der Text unterscheidet die bloße Einrichtung der Feuer von ihrer fortgesetzten rituellen Betreuung.

Niśvāsamukha 2.119

tasya dattam bhave ’nantaṃ sa vai trātā paraḥ smṛtaḥ |
eṣāṃ lakṣaguṇān dadyād ekan dadyāt tu jñānine || 2:119 ||

Eine ihm gegebene Gabe soll unbegrenzte Frucht tragen; er gilt als höchster Retter. Doch selbst wenn man diesen Brahman-Kennern hunderttausendfach gäbe und dem Erkennenden nur eine einzige Gabe …

Anmerkung: Lakṣa bedeutet hunderttausend; der englische Fließtext nennt abweichend zehntausend. Die höhere Zahl ist am Sanskritdruck kontrolliert. Trātā heißt ‚Beschützer/Retter‘; der Kommentar erwägt hier einen funktionalen Sinn als Verdienstvermittler. Mit dem Erkennenden ist nach Vers 121 ein Kenner Shivas gemeint.

Niśvāsamukha 2.120

na teṣān tulyam etat tu sa vai trātā varo varaḥ |
yasya dāne na duḥkhāni narakapretasambhavāḥ || 2:120 ||

… wäre deren Gabe dieser einen nicht gleich. Er ist der vorzüglichste Retter. Beim Geben an ihn gibt es keine Leiden; die Geber werden nicht in Höllen oder als ruhelose Totengeister geboren …

Anmerkung: Die zweite Zeile wird mit Vers 121ab verbunden. Wegen des grammatischen Geschlechts bezieht die Ausgabe narakapretasambhavāḥ auf die Geber, nicht auf die Leiden. Die Satzfolge ist schwierig und bleibt als solche kenntlich.

Niśvāsamukha 2.121

na bhavanti hi dātāro vipāpāḥ svargagāminaḥ |
tasmāt sarvveṣu pātreṣu śivajñānī varo varaḥ || 2:121 ||

… denn die Geber sind frei von Schuld und gehen in den Himmel. Darum ist unter allen Empfängern der Kenner Shivas der vorzüglichste.

Anmerkung: Na bhavanti vervollständigt die Verneinung des Geborenwerdens in den beiden genannten Daseinsformen aus Vers 120. Die deutsche Satzteilung hält beide Originalverse getrennt, ohne diesen Anschluss zu verlieren.

Niśvāsamukha 2.122

tasmin pātre sadā deyam ātmanaḥ śreya icchatā |
akṣayan tad bhaved dānaṃ yad dattaṃ svalpam alpāpi || 2:122 ||

Wer sein eigenes Heil wünscht, soll stets diesem Empfänger geben. Diese Gabe soll unvergänglich sein, selbst wenn das Gegebene nur ganz gering ist.

Anmerkung: Svalpam alpāpi ist eine ungewöhnliche, im Haupttext beibehaltene Formulierung. K bietet die einfachere Lesung svalpam api; sie wird nicht stillschweigend eingesetzt.

Niśvāsamukha 2 – Kolophon

|| ⊗ || iti niśvāsamukhatattvasaṃhitāyāṃ laukike dvitīyaḥ paṭalaḥ || ⊗ ||

Hier endet das zweite Kapitel über den weltlichen religiösen Bereich in der Nishvasamukhatattvasamhita.

Niśvāsamukha 2 – Zählvermerk

ślo 122

122 Shlokas.

Anmerkung: Der gedruckte Zählvermerk stimmt hier mit den 122 nummerierten Versen überein. Ślo ist die im Druck bewahrte Abkürzung für Shloka.
Arati nach einer Puja bei Yoga Vidya. Moderne Veranschaulichung ritueller Verehrung.

Niśvāsamukha, Kapitel 3: Heilige Orte und religiöse Observanzen

Grundtext: Kafle 2020, S. 197–222. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Niśvāsamukha 3 – Titel

niśvāsamukhatattvasaṃhitāyāṃ tṛtīyaḥ paṭalaḥ ||

Drittes Kapitel der Nishvasamukhatattvasamhita.

Niśvāsamukha 3 – Sprecherangabe vor 3.1

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Niśvāsamukha 3.1

dānadharmmas tvayā khyātas tīrthadharmmañ ca me vada |
snāne puṇyaphalaṃ yat syāt tīrthe tīrthe bhaviṣyati || 3:1 ||

Du hast die religiöse Ordnung des Gebens erklärt. Sage mir nun auch die religiöse Bedeutung der heiligen Badeplätze: Welche Verdienstfrucht bringt das Baden an jedem einzelnen heiligen Ort?

Anmerkung: Tirtha bedeutet zunächst Furt oder Übergang und bezeichnet hier einen heiligen Besuchs- und Badeort. Die doppelte Verbkonstruktion der zweiten Zeile ist sprachlich unregelmäßig.

Niśvāsamukha 3 – Sprecherangabe vor 3.2

īśvara u |

Der Herr sprach:

Niśvāsamukha 3.2

gaṅgā sarasvatī puṇyā yamunā gomatī tathā |
carmmilā candrabhāgā ca sarayyur ggaṇḍakī tathā || 3:2 ||

Ganga, Sarasvati, Punya, Yamuna und Gomati, Charmila, Chandrabhaga, Sarayu und Gandaki …

Anmerkung: Die Aufzählung der Flüsse reicht bis Vers 8; die Aussage über das Baden folgt in Vers 9. Punya kann auch ‚heilig‘ als Beiwort bedeuten. Nicht alle Namen der Liste lassen sich geographisch sicher identifizieren.

Niśvāsamukha 3.3

jambukā ca śatadrū ca kālikā suprabhā tathā |
vitastī ca vipāśā ca narmmadā ca punaḥpunā || 3:3 ||

… Jambuka, Shatadru, Kalika und Suprabha, Vitasti, Vipasha, Narmada und Punahpuna …

Niśvāsamukha 3.4

godāvarī mahāvarttā śarkkarāvarttam arjjunī |
kāverī kauśikī caiva tṛtīyā ca mahānadī || 3:4 ||

… Godavari, Mahavarta, Sharkaravarta und Arjuni, Kaveri und Kaushiki, Tritiya und Mahanadi …

Anmerkung: Das m zwischen Sharkaravarta und Arjuni dient nach dem Kommentar zur Trennung zweier Vokale. Mahanadi kann auch ‚großer Fluss‘ als Beiwort zu Tritiya verstanden werden; die Aufzählung wird daher nicht als sichere Gesamtzahl von Flüssen ausgegeben.

Niśvāsamukha 3.5

viṭaṅkā pratikūlā ca somanandā ca viśrutā |
karatoyā vetravatī reṇukā veṇukā ca yā || 3:5 ||

… Vitanka, Pratikula, Somananda und Vishruta, Karatoya, Vetravati, Renuka und Venuka …

Anmerkung: Vishruta kann auch einfach ‚berühmt‘ als Beiwort der Somananda sein. Die Namensliste bleibt an solchen Stellen mehrdeutig.

Niśvāsamukha 3.6

ātreyagaṅgā vaitaraṇī karmmārī hlādanī tathā |
plāvanī ca savarṇṇā sā kalmāṣā saṃsinī śubhā || 3:6 ||

… Atreyaganga, Vaitarani, Karmari und Hladani, Plavani, Savarna, Kalmasha, Samsini und Shubha …

Anmerkung: Der gedruckte Name saṃsinī unterscheidet sich von der englischen Umschrift Śramsinī; die Devanagari-Lesung wird beibehalten. Shubha kann zugleich das Beiwort ‚heilvoll‘ sein.

Niśvāsamukha 3.7

vasiṣṭhā ca vipāpā ca sindhuvatyāruṇī tathā |
tāmrā caiva trisandhyā ca mandākinyaḥ parāḥ smṛtāḥ || 3:7 ||

… Vasishtha, Vipapa, Sindhuvati und Aruni, Tamra und Trisandhya sowie die als vorzüglich geltende Mandakini …

Anmerkung: Sindhuvatyāruṇī und die Pluralformen bei Mandakini sind grammatisch ungewöhnlich. Der Kommentar versteht darin die beiden Namen Sindhuvati und Aruni beziehungsweise einen einzelnen Fluss Mandakini.

Niśvāsamukha 3.8

tailakośī ca pārā ca dundubhī nalinī tathā |
nīlagaṅgā ca godhā ca pūrṇṇacandrā śaśiprabhā || 3:8 ||

… Tailakoshi, Para, Dundubhi und Nalini, Nilaganga, Godha, Purnachandra und Shashiprabha.

Anmerkung: Die feminine Namensform Tailakośī wird nach dem Sanskritdruck wiedergegeben.

Niśvāsamukha 3.9

upavāsaratas tāsu yaḥ snāyā tu saridvarām |
samabhyarccya pitṝn devān sa tu mucyeta kilbiṣāt || 3:9 ||

Wer an diesen vorzüglichen Flüssen fastend badet, nachdem er Ahnen und Götter verehrt hat, soll von Schuld befreit werden.

Anmerkung: Saridvarām steht in einer unregelmäßigen Form anstelle eines erwartbaren Ortskasus. Die Verheißung bezieht sich auf religiöse Reinigung; daraus folgt keine Aussage über die hygienische Qualität eines Gewässers.

Niśvāsamukha 3.10

⟪nadyeṣā⟫ pūtasalilā haramūrttivinissṛtā |
snāto yais tu vimucyeta jalamūrtte namo ’stu te || 3:10 ||

‚Dieser Fluss hat reines Wasser und ist aus Haras Gestalt hervorgegangen. Wer in diesen Wassern badet, soll befreit werden. Verehrung sei dir, dessen Gestalt das Wasser ist!‘

Anmerkung: Der Anfang ‚dieser Fluss‘ ist aus der Parallele ergänzt. Vers 11 bezeichnet den ganzen Spruch ausdrücklich als Mantra. Hara ist Shiva; die wechselnde grammatische Beziehung von Fluss, Wassern und Wassergestalt wird nicht geglättet.

Niśvāsamukha 3.11

ayaṃ mantram anusmṛtya kuryān nadyavagāhanam |
sarvvapāpaviśuddhātmā dehatyāge divaṃ yayau || 3:11 ||

An dieses Mantra denkend soll man in den Fluss eintauchen. Von aller Schuld gereinigt gelangt man beim Verlassen des Körpers in den Himmel.

Anmerkung: Der Druck verbindet ayaṃ mit dem Akkusativ mantram und verwendet yayau, eigentlich eine Vergangenheitsform, mit Zukunftssinn. Die historische Badehandlung ist keine Aufforderung, unsichere Gewässer aufzusuchen.

Niśvāsamukha 3.12

śoṇapuṣkaralohitye mānase sindhusāgare |
brahmāvartte karddamāle snātvā ca lavaṇodadhau || 3:12 ||

Wer im Shona, in Pushkara, im Lohitya, im Manasa-See, am Zusammentreffen des Indus mit dem Meer, in Brahmavarta, Kardamala und im Salzmeer badet …

Anmerkung: Lohitya ist eine Bezeichnung des Brahmaputra. Die Deutung von Sindhusagara als Indusmündung folgt dem Kommentar; Brahmavarta bezeichnet hier einen Pilgerort, nicht notwendig das gleichnamige Großgebiet der Rechtsliteratur. Die genaue Lokalisierung aller Orte ist nicht gesichert.

Niśvāsamukha 3.13

sarvvapāpaviśuddhātmā pitṝn devāñ ca pūjayet |
agnir yyonir bhaven nityaṃ viṣṇu retaḥ prakīrttitaḥ || 3:13 ||

… soll, von aller Schuld gereinigt, die Ahnen und Götter verehren. Das Feuer gilt stets als Mutterschoß, Vishnu wird als Samen bezeichnet.

Anmerkung: Die zweite Zeile beginnt eine kosmologische Deutung des Wasserrituals. Sie beschreibt keine körperliche Sexualpraktik.

Niśvāsamukha 3.14

brahmāṇam pitaraṃ vindyād rudramūrttir jalaṃ smṛtam |
etānusmṛtya yaḥ snāyāt sa yāti paramāṅ gatim || 3:14 ||

Brahma soll man als Vater erkennen; Wasser gilt als Rudras Gestalt. Wer badet und dabei an diese denkt, gelangt zum höchsten Ziel.

Anmerkung: Etānusmṛtya ist eine editorische Herstellung. Die Namen und Zuordnungen aus Vers 13–14 sollen vergegenwärtigt werden; eine weitere ausgeschriebene Mantraformel steht hier nicht.

Niśvāsamukha 3.15

nadīnadeṣu yo dehaṅ kāmato vāpy akāmataḥ |
samutsṛjya viśuddhātmā svarggalokam vrajed iha || 3:15 ||

Wer in Flüssen – weiblich oder männlich benannten – den Körper aufgibt, mit Wunsch oder ohne Wunsch, soll mit gereinigtem Selbst von hier in die Himmelswelt gelangen.

Anmerkung: Die Stelle gehört zu historischen Vorstellungen vom religiös verdienstvollen Sterben; sie darf nicht als heutige Aufforderung zur Selbsttötung oder zu einem gefährlichen Bad gelesen werden. Die genaue Funktion von iha, ‚hier‘, bleibt unsicher.

Niśvāsamukha 3.16

svarggalokāt paribhraṣṭo jāyate vipule kule |
yas tīrthaṃ smarate nityam maraṇañ cābhikāṅkṣate || 3:16 ||

Nach dem Herabfallen aus der Himmelswelt wird er in einer angesehenen Familie geboren. Wer stets an einen heiligen Ort denkt und dort zu sterben wünscht …

Anmerkung: ‚Dort‘ ist aus dem Zusammenhang gedeutet, nicht ausdrücklich gesagt. Die zweite Zeile leitet den folgenden historischen Bericht über Selbstverbrennung ein; sie ist keine Praxisanregung.

Niśvāsamukha 3.17

agnipraveśaṃ yaḥ kuryān mānavo niyame sthitaḥ |
rudralokam avāpnoti tenaiva saha modate || 3:17 ||

… und als Mensch, an die vorgeschriebene Observanz gebunden, ins Feuer eintritt, erlangt nach dieser Lehre Rudras Welt und erfreut sich dort mit ihm.

Anmerkung: Der Vers beschreibt die historische religiöse Selbstverbrennung. Er wird zur Dokumentation übersetzt und nicht als zulässige oder hilfreiche heutige Sadhana vermittelt. Der genaue Anschluss von 16–18 ist in der Forschung umstritten.

Niśvāsamukha 3.18

rudralokāt paribhraṣṭo vahnilokam avāpnuyāt |
bhuktvā vahnimayān bhogāñ jāyate pṛthivīpatiḥ || 3:18 ||

Nach dem Herabfallen aus Rudras Welt soll er die Welt des Feuers erlangen. Nachdem er deren Genüsse erfahren hat, wird er als König der Erde geboren.

Anmerkung: Die Wiedergeburtenfolge gehört zur historischen Aussage der vorangehenden Stelle; sie ist kein tatsächlicher Nachweis einer Wirkung selbstschädigender Handlungen.

Niśvāsamukha 3.19

amareśam prabhāsañ ca naimiṣaṃ puṣkaran tathā |
āṣāḍhan diṇḍimuṇḍiñ ca bhārabhūtiñ ca lakulim || 3:19 ||

Amareshvara, Prabhasa, Naimisha und Pushkara, Ashadha, Dindimundi, Bharabhuti und Lakuli …

Anmerkung: Hier beginnt eine Aufzählung von fünf Gruppen zu je acht heiligen Orten. Im Sanskrit steht Amareśa; die deutsche Form Amareshvara erläutert den Gottesnamen, ohne den Grundtext zu ändern. Die Fußnote der Ausgabe zitiert dazu Guhyasūtra 7.112–121.

Niśvāsamukha 3.20

hariścandram paraṅ guhyaṅ guhyaṃ madhyamakeśvaram |
śrīparvvataṃ samākhyātañ jalpeśvaram ataḥ param || 3:20 ||

… Harishchandra, das höchste Geheimnis, und das geheime Madhyamakeshvara; genannt werden Shriparvata und danach Jalpeshvara …

Anmerkung: ‚Geheim‘ bezeichnet hier den besonderen heiligen Rang der Orte. Die erste Zeile ist auf Grundlage der Parallele hergestellt.

Niśvāsamukha 3.21

amrātikeśvarañ caiva mahākālan tathaiva ca |
kedāram uttamaṅ guhyam mahābhairavam eva ca || 3:21 ||

… Amratikeshvara und Mahakala, Kedara, das vorzügliche Geheimnis, sowie Mahabhairava …

Anmerkung: Der Name Amratikeshvara hat in Parallelüberlieferungen abweichende Formen. Die Namensgestalt des Haupttextes wird beibehalten.

Niśvāsamukha 3.22

gayāñ caiva kurukṣetraṃ nakhalaṅ kanakhalan tathā |
vimalañ cāṭṭahāsañ ca māhendraṃ bhīmam aṣṭamam || 3:22 ||

… Gaya, Kurukshetra, Nakhala und Kanakhala, Vimala, Attahasa, Mahendra und als achten Ort dieser Gruppe Bhima …

Anmerkung: ‚Als achten‘ bezieht sich auf diese Achtergruppe, nicht auf die Gesamtzahl der zuvor genannten Orte.

Niśvāsamukha 3.23

vastrāpadaṃ rudrakoṭim avimuktam mahābalam |
gokarṇṇam bhadrakarṇṇañ ca svarṇṇākṣaṃ sthāṇum aṣṭamam || 3:23 ||

… Vastrapada, Rudrakoti, Avimukta, Mahabala, Gokarna, Bhadrakarna, Svarnaksha und als achten Sthanu …

Anmerkung: Die erste Zeile enthält editorische Herstellung. Andere Listen nennen an entsprechender Stelle Mahalaya; hier steht Mahabala. Avimukta ist der besonders heilige Bereich von Varanasi.

Niśvāsamukha 3.24

chagalāṇḍaṃ dviraṇḍañ ca mākoṭam maṇḍaleśvaram |
kālañjaraṃ samākhyātaṃ devadāruvanan tathā || 3:24 ||

… Chagalanda, Dviranda, Makota, Mandaleshvara, das genannte Kalanjara und den Deodar-Wald …

Anmerkung: Die ungewöhnlichen Ortsnamen werden ohne unbelegte moderne Lokalisierung bewahrt. Devadaruvana bedeutet einen Wald von Deodar-Zedern.

Niśvāsamukha 3.25

śaṅkukarṇṇan tathaiveha thaleśvaram ataḥ param |
snānadarśanapūjābhir mucyate sarvvakilbiṣaiḥ || 3:25 ||

… ferner hier Shankukarna und danach Thaleshvara: Durch Baden, Schauen und Verehrung an diesen Orten wird man von allen Verfehlungen befreit.

Anmerkung: Thaleśvara steht im Haupttext ohne anlautendes s; K und die Guhya-Parallele haben Sthaleśvara. Darshana meint hier das ehrfürchtige Schauen beziehungsweise Besuchen des Heiligtums.

Niśvāsamukha 3.26

gacchanti bhitvā brahmāṇḍam eṣu sthāneṣu ye mṛtāḥ |
pañcāṣṭakam idan divyaṃ ⟪yaṅ gatvā⟫ na nivarttate || 3:26 ||

Diejenigen, die an diesen Orten sterben, durchdringen das Weltenei Brahmas und gelangen zu diesen göttlichen fünf Achtergruppen. Wer dorthin gelangt, kehrt nicht zurück.

Anmerkung: ‚Wer dorthin gelangt‘ ist aus der Parallele ergänzt. Die himmlischen Ebenen tragen hier die Namen der irdischen Heiligtümer; der Text verbindet heilige Geographie mit einer Vorstellung jenseitiger Welten.

Niśvāsamukha 3.27

mahāpralayasthāyī ca sraṣṭānugrahakārakaḥ |
darśanād eva gacchante padan divyam mahālaye || 3:27 ||

Er, der beim großen Weltuntergang bestehen bleibt, ist Schöpfer und Spender der Gnade. Durch sein bloßes Schauen in Mahalaya gelangen die Menschen zur göttlichen Stätte.

Anmerkung: Der Kommentar deutet das Schauen auf Shivas dort verehrten Fußabdruck; der Vers nennt diesen nicht eindeutig getrennt. Mahapralayasthayin kann zugleich auf den heiligen Ort Maha(pra)laya anspielen. Die Konstruktion wechselt zwischen Singular und Plural.

Niśvāsamukha 3.28

kedārodakapānāc ca gatim pañcāṣṭamīṅ dhruvam |
vidyayā saṃyutā ye tu pibante ca jalaṃ śubham || 3:28 ||

Durch das Trinken von Kedaras Wasser erlangt man gewiss den Daseinsbereich der fünf Achtergruppen. Diejenigen aber, die mit Vidya verbunden sind und das heilige Wasser trinken …

Anmerkung: Vidya kann hier Wissen oder ein eingeweiht empfangenes Mantra bedeuten. Der Kommentar erwägt besonders die zehnsilbige Vidya des Guhyasūtra; der Vers nennt deren Wortlaut nicht. Die historische Verheißung sagt nichts über die heutige Trinkwasserqualität aus.

Niśvāsamukha 3.29

śivasāyojyatāṃ yānti sarvvāvasthāpi mānavāḥ |
guhyāny anyāny api devasya dṛṣṭvā mucyanti kilbiṣaiḥ || 3:29 ||

… gelangen zur Vereinigung mit Shiva. Menschen aller Lebenslagen werden auch durch das Schauen anderer geheimer Heiligtümer des Gottes von Verfehlungen befreit.

Anmerkung: Die unregelmäßige Form sarvvāvasthāpi wird entsprechend dem Kommentar auf Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen bezogen.

Niśvāsamukha 3.30

prāpnuvanti gaṇatvaṃ hi ye ye tatra nidhanaṅ gatāḥ |
uktaṃ harasya māhātmyaṃ harer api nibodha me || 3:30 ||

Alle, die an diesen Orten sterben, erlangen den Gana-Zustand. Damit ist Haras Größe erklärt; höre von mir nun auch die Größe Haris.

Anmerkung: Hara bezeichnet Shiva, Hari hier Vishnu. Die Aussage über das Sterben an heiligen Orten wird historisch wiedergegeben, nicht als Aufforderung, das eigene Leben zu verkürzen.

Niśvāsamukha 3.31

śālagrāme mallakūpe nityaṃ ⟪saukarave⟫ hariḥ |
sannidhāne mathurāyāṃ śvetadvīpe tathaiva ca || 3:31 ||

Hari ist beständig in Shalagrama, Mallakupa, Saukarava, Sannidhana, Mathura und ebenso auf Shvetadvipa gegenwärtig.

Anmerkung: Saukarava ist aus der Parallele ergänzt. Shalagrama ist hier ein heiliger Ort, nicht der gleichnamige Verehrungsstein. Sannidhana könnte statt eines eigenen Ortsnamens auch die Gegenwart Haris in Mathura ausdrücken; eine eindeutige Lokalisierung von Shvetadvipa ist nicht möglich.

Niśvāsamukha 3.32

dṛṣṭvā ⏑ ⏑ va(?)ṭe(?) viṣṇum mucyate sarvvakilbiṣaiḥ |
sthāneṣv eṣu mṛtā yānti viṣṇos tat paramam padam || 3:32 ||

Nachdem man Vishnu [an einem nicht lesbar erhaltenen Ort] geschaut hat, wird man von allen Verfehlungen befreit. Wer an diesen Orten stirbt, gelangt zu Vishnus höchster Stätte.

Anmerkung: Im ersten Halbvers fehlen Zeichen; auch die erhaltene Endung des Ortsnamens ist unsicher. Die im Kommentar erwogenen Namen werden nicht in den Grundtext eingesetzt.

Niśvāsamukha 3.33

brahmaskandagaṇeśasya lokapālagraheṣu ca |
devyāmātarayakṣeṣu piśācoragarākṣasām || 3:33 ||

Brahma, Skanda, Ganesha, die Welthüter und die Planetenmächte, die Göttin, die Muttergottheiten und die Yakshas, die Pishachas, Schlangenwesen und Rakshasas …

Anmerkung: Die Liste verbindet verschiedene Kasus und ungewöhnliche Zusammensetzungen. Die Aussage über ihre Verehrer folgt im nächsten Vers. Die Nennung einer Gottheit allein belegt noch kein ausgeschriebenes Mantra.

Niśvāsamukha 3.34

tadbhaktās tadgatiṃ yānti japahomādyapūjanaiḥ |
anāśakaṃ yaḥ kurute pāpātmā pāpasaṃyutaḥ || 3:34 ||

… ihre Verehrer gelangen durch Mantrawiederholung, Feueropfer und weitere Verehrungsformen in deren jeweiligen Daseinsbereich. Ein Mensch mit schuldhaftem Inneren, von Verfehlungen belastet, der ein Fasten bis zum Tod vollzieht …

Anmerkung: Anashaka bezeichnet in diesem Zusammenhang das Aufgeben der Nahrung bis zum Tod. Diese historische Askese wird dokumentiert und nicht als heutige spirituelle Übung empfohlen.

Niśvāsamukha 3.35

sarvvapāpavinirmmu[[kto]] viṣṇulokañ ca gacchati |
viṣṇulokāc cyutaś caiva brāhmaṇaḥ paṇḍito bhavet || 3:35 ||

… wird nach dieser Lehre von allen Verfehlungen befreit und gelangt in Vishnus Welt. Fällt er aus Vishnus Welt herab, soll er als gelehrter Brahmane geboren werden.

Anmerkung: Der Vers setzt die historische Aussage über das tödliche Fasten fort. Die Endung kto ist im alten Zeugen beschädigt und aus K übernommen.

Niśvāsamukha 3.36

tenaivābhyāsayogena tac caivābhyasyate punaḥ |
evan te sarvvam ākhyātam upavāsavidhiṃ śṛṇu || 3:36 ||

Durch eben diese Verbindung mit der Gewohnheit wird dasselbe erneut geübt. So habe ich dir dies alles erklärt; höre nun die Ordnung des Fastens.

Anmerkung: Der Bezug der ersten Zeile ist unklar. Gemeint sein könnte das Fortwirken religiöser Gewohnheiten über Wiedergeburten hinweg. Eine verlorene oder eingeschobene Textfolge wird in der Ausgabe erwogen, aber nicht sicher nachgewiesen.

Niśvāsamukha 3.37

māse māse tu yaḥ kuryād ekarātram upoṣitam |
pañcagavyaṃ śucir bhūtvā pītvā sāntapanam bhavet || 3:37 ||

Wer Monat für Monat eine Nacht fastet und zuvor, rituell gereinigt, die fünf Erzeugnisse der Kuh trinkt, vollzieht das Santapana-Gelübde.

Anmerkung: Dies ist eine historische Fasten- und Reinigungsregel. Panchagavya umfasst auch Ausscheidungsprodukte; die Beschreibung ist keine Empfehlung zum Trinken einer solchen Mischung. Die folgenden Fastenregeln werden ebenfalls als historische Texte wiedergegeben.

Niśvāsamukha 3.38

saṃvatsareṇa śuddhātmā brahmaloke mahīyate |
kṛtvā sāntapanañ cānyo dvādaśāham abhojanam || 3:38 ||

Nach einem Jahr wird der so Gereinigte in Brahmas Welt geehrt. Ein anderes Santapana besteht darin, zwölf Tage ohne Nahrung zu verbringen …

Anmerkung: Die Bezeichnung dieser zweiten Form weicht von manchen Dharma-Texten ab, die sie Paraka nennen. Die alte Fastenregel wird nicht in ein modernes Gesundheitsprogramm umgedeutet.

Niśvāsamukha 3.39

taṅ kṛtvā mucyate pāpair vipratvāc ca na hīyate |
dvādaśaitāni kṛtvā vai sadgatim prāpnuyān naraḥ || 3:39 ||

… wer es vollzieht, wird von Verfehlungen befreit und verliert seinen Brahmanenstand nicht. Nachdem er dies zwölfmal vollzogen hat, soll der Mensch eine gute Wiedergeburt erlangen.

Anmerkung: Der Brahmanenstand ist hier Teil einer historischen sozialen und rituellen Ordnung, kein allgemeiner Maßstab spirituellen Wertes.

Niśvāsamukha 3.40

ekaikam bhakṣayed grāsan trīṇy ahāni jitendriyaḥ |
trirātropavasañ caiva atikṛcchraṃ viśodhane || 3:40 ||

Mit beherrschten Sinnen soll man drei Tage lang jeweils einen einzigen Bissen essen und drei Nächte fasten. Das ist das Atikrichchhra zur Reinigung.

Anmerkung: Atikrichchhra heißt ‚äußerst beschwerlich‘ und bezeichnet eine Bußobservanz. Vishodhane kann auch als Anrede an die Göttin verstanden werden: ‚du Reine‘. Die Verse sind keine Anleitung zu unbegleitetem längerem Fasten.

Niśvāsamukha 3.41

pratipakṣan tu yaḥ kuryāt sa svarggaphalabhāg bhavet |
jalaṃ kṣīraṃ ghṛtañ coṣṇam ekaikan tu tryaham pibet || 3:41 ||

Wer dies in jeder Monatshälfte vollzieht, soll an der Frucht des Himmels teilhaben. Bei einer weiteren Observanz trinkt man heißes Wasser, heiße Milch und heißes Ghee, jedes davon drei Tage lang.

Anmerkung: Die zweite Zeile eröffnet eine andere Fastenform. Ihr Name Taptakrichchhra wird im Kommentar aus der Dharma-Literatur erschlossen, steht hier aber nicht ausdrücklich im Grundtext.

Niśvāsamukha 3.42

triḥsnāyī ca viśuddhātmā sarvvapāpavivarjjitaḥ |
prāpnuyāt svargatiṃ vipraḥ pāpātmā ca viśudhyati || 3:42 ||

Ein Brahmane, der dreimal täglich badet, innerlich gereinigt und frei von aller Schuld ist, soll in den Himmel gelangen; ist er schuldbeladen, wird er gereinigt.

Niśvāsamukha 3.43

ekaikan varddhayed grāsaṃ śukle kṛṣṇe ca hrāsayet |
trikālasnāyī māsan tu candravṛddhyā vratañ caret || 3:43 ||

In der hellen Monatshälfte soll man die Nahrung täglich um einen Bissen vermehren und sie in der dunklen Hälfte um einen Bissen vermindern. Dreimal täglich badend soll man einen Monat lang das Gelübde entsprechend dem Zu- und Abnehmen des Mondes halten.

Anmerkung: Der zweite Halbvers nennt wörtlich das Anwachsen des Mondes; das Abnehmen ist aus der ersten Zeile hinzugenommen. Dies beschreibt eine historische Bußobservanz.

Niśvāsamukha 3.44

cāndrāyaṇam idaṃ śreṣṭhaṃ sarvvapāpāpanodanam |
pāpī mucyeta pāpena apāpaḥ svarggago bhavet || 3:44 ||

Dies ist das vorzügliche Chandrayana, das alle Verfehlungen beseitigen soll. Ein Schuldiger soll von Schuld befreit werden; ein Schuldloser soll in den Himmel gelangen.

Anmerkung: Chandrayana bedeutet eine dem Mondlauf folgende Observanz. Die moralische Reinigung ist eine Aussage der Schrift.

Niśvāsamukha 3.45

aṣṭāv aṣṭau samaśnīyāt piṇḍān madhyandine sthite |
haviṣyeṇa samāyuktān mucyate sarvvapātakaiḥ || 3:45 ||

Zur Mittagszeit soll man jeweils acht Bissen opfergeeigneter Nahrung essen. Dadurch wird man nach dieser Lehre von allen schweren Verfehlungen befreit.

Anmerkung: Havishya bezeichnet Nahrung, die für ein Opfer geeignet ist; ein tatsächliches vorausgehendes Opfer ist mit diesem Wort allein nicht bewiesen.

Niśvāsamukha 3.46

apāpī svarggam āyāti yaticāndrāyaṇena tu |
caturo bhakṣayet piṇḍān pūrvvāhṇe tu vicakṣaṇaḥ || 3:46 ||

Ein Schuldloser gelangt durch dieses Yati-Chandrayana in den Himmel. Bei einer weiteren Form soll der Verständige vormittags vier Bissen essen …

Anmerkung: Yati-Chandrayana ist die für Asketen benannte Variante. Mit der zweiten Zeile beginnt die Beschreibung der nächsten Form.

Niśvāsamukha 3.47

sūryyasyāstamane vāpi caturo bhakṣayet punaḥ |
śiśucāndrāyaṇaṃ hy etad upapātakanāśanam || 3:47 ||

… und beim Untergang der Sonne nochmals vier Bissen. Dies ist das Shishu-Chandrayana, das geringere Verfehlungen beseitigen soll.

Anmerkung: Shishu bedeutet ‚Kind‘; die historische Benennung ist keine Empfehlung, Kindern eine solche Fastenregel aufzuerlegen.

Niśvāsamukha 3.48

⟪māsenaikena⟫ śuddhātmā apāpī svargatiṃ vrajet |
trirātrāṇi tu yaḥ kuryāt ⟪sarvvakālaṃ⟫ śucivrataḥ || 3:48 ||

Nach einem Monat soll der innerlich Gereinigte, von Schuld Freie, in den Himmel gelangen. Wer aber fortwährend dreitägige Fasten einhält und sein Gelübde rein bewahrt …

Anmerkung: ‚Nach einem Monat‘ und ‚fortwährend‘ sind aus der Parallele ergänzt. Die Satzgliederung von 48–50 ist unsicher; die Ausgabe erwägt auch eine engere Verbindung der drei Nächte mit dem vorausgehenden Himmelsversprechen.

Niśvāsamukha 3.49

śatenaikena pūrṇṇena mucyate sarvvakilbiṣāt |
sahasreṇa mahāpāpān mucyate japasaṃyutaḥ || 3:49 ||

… wird nach hundert vollständigen Wiederholungen von allen Verfehlungen befreit. Nach tausend, verbunden mit Mantrawiederholung, wird er von schweren Verfehlungen befreit.

Anmerkung: Was bei ‚tausend‘ genau gezählt wird – Nächte oder Wiederholungen –, ist nicht ausgesprochen. Der Kommentar ergänzt Nächte. Diese Ergänzung wird nicht als gesicherte Zahleneinheit ausgegeben.

Niśvāsamukha 3.50

apāpī svargam āpnoti cyutaś ca dhanabhāg bhavet |
ekāntaropavāsāni dvādaśābdaṅ karoti yaḥ || 3:50 ||

Ein Schuldloser erlangt den Himmel; fällt er von dort herab, soll ihm Reichtum zuteilwerden. Wer zwölf Jahre lang an jedem zweiten Tag fastet …

Niśvāsamukha 3.51

mahato mucyate pāpāc chuddhātmā svargam āpnuyāt |
pakṣopavāsaṃ yaḥ kuryād dvādaśābdāni vikalmaṣaḥ || 3:51 ||

… wird von schwerer Schuld befreit; innerlich rein soll er den Himmel erlangen. Wer ohne Schuld zwölf Jahre lang jeweils eine Monatshälfte fastet …

Anmerkung: Die Ausgabe versteht das halbmonatige Fasten als jährlich wiederkehrend. Der Rhythmus steht erst in Vers 52 ausdrücklich; er wird hier nicht in den Sanskrittext ergänzt.

Niśvāsamukha 3.52

sa svargatim avāpnoti pāpātmā tu vikalmaṣaḥ |
prativarṣan tu yaḥ kuryān māsaikaṃ saṃyatendriyaḥ || 3:52 ||

… erlangt den Himmel; ein Schuldbeladener wird hingegen frei von Schuld. Wer mit gezügelten Sinnen jedes Jahr einen Monat …

Anmerkung: Die zweite Zeile leitet das einmonatige jährliche Fasten ein. Die schwierige Wortfolge ist im Druck editorisch hergestellt.

Niśvāsamukha 3.53

upavāsan naro loke sa gatim uttamām vrajet |
mahāpāpād viśudhyeta dhanavān api jāyate || 3:53 ||

… fastet, soll einen vorzüglichen Daseinsbereich erlangen. Er soll von schwerer Schuld gereinigt werden und wird auch reich geboren.

Niśvāsamukha 3.54

ekānnañ caiva bhuñjāno dhanavāñ jāyate naraḥ |
nakte ’nnam bhuñjate yastu yāvajjīvan narottamaḥ |
dhanadhānyasamṛddhātmā uttamo jāyate naraḥ || 3:54 ||

Ein Mensch, der nur eine Mahlzeit am Tag isst, wird reich geboren. Ein vorzüglicher Mensch, der sein Leben lang nur am Abend Nahrung zu sich nimmt, wird als vorzüglicher Mensch geboren, reich ausgestattet mit Geld und Getreide.

Anmerkung: Dieser Originalvers hat sechs Versfüße und zählt dennoch als eine nummerierte Einheit. Die Wiederholung des Wortes ‚vorzüglich‘ bleibt erhalten.

Niśvāsamukha 3.55

ayācitan tu bhuñjāno yāvajjīvaṃ ⟪vrate naraḥ⟫ |
mṛto devatvam āpnoti pāpān mucyati pātakī || 3:55 ||

Ein Mensch, der sein Leben lang als Gelübde nur ungebetene Nahrung annimmt, erlangt nach dem Tod den Zustand eines Gottes. Ein Schuldiger wird von Schuld befreit.

Anmerkung: ‚Ein Mensch im Gelübde‘ ist aus der Parallele ergänzt. Ungebetene Nahrung meint freiwillig angebotene Speise, um die man nicht selbst gebeten hat.

Niśvāsamukha 3.56

madhu mānsan na bhakṣeta vratam etad anuttamam |
evaṃ yo varttate nityaṃ sa yāti paramāṅ gatim || 3:56 ||

Man soll Madhu und Fleisch nicht zu sich nehmen; dies ist ein unübertreffliches Gelübde. Wer stets so lebt, gelangt zum höchsten Ziel.

Anmerkung: Madhu kann Honig oder ein berauschendes Getränk bezeichnen. Der englische Kommentar übersetzt hier berauschendes Getränk; die im Apparat angeführte Manu-Parallele erlaubt auch das Verständnis Honig. Die Mehrdeutigkeit wird nicht verdeckt.

Niśvāsamukha 3.57

brahmacaryavrataṅ kaṣṭaṃ yaś caret strīsamanvitaḥ |
ihāmutra ca siddhyeta gatiṃ yāsyati cottamām || 3:57 ||

Wer gemeinsam mit seiner Frau das strenge Gelübde sexueller Enthaltsamkeit hält, soll in dieser und in der anderen Welt Vollendung erlangen und zu einem vorzüglichen Ziel gelangen.

Anmerkung: Brahmacharya bedeutet hier sexuelle Enthaltsamkeit. Ein bestimmter Lebensabschnitt oder eine Sexualtechnik ist nicht genannt. Der Wortlaut spricht von siddhyeta, ‚soll vollendet werden‘; die Parallele nennt stattdessen das Wirksamwerden von Mantras.

Niśvāsamukha 3.58

dravyasya vidyamānasya nivṛttiṅ kuruteti yaḥ |
sa mahāphalam āpnoti tac cānantam bhaviṣyati || 3:58 ||

Wer sich vom vorhandenen Besitz abwendet, erlangt eine große Frucht, die ohne Ende sein soll.

Anmerkung: Die genaue Form des Besitzverzichts wird nicht ausgeführt. Kuruteti ist eine ungewöhnliche Wortverbindung mit dem Sinn ‚tut‘ beziehungsweise ‚vollzieht‘.

Niśvāsamukha 3.59

matsyam mānsaṃ surā sīdhu rākṣasānnam idaṃ smṛtam |
tad brāhmaṇe na dātavyaṅ gatim icchan mahātmanām || 3:59 ||

Fisch, Fleisch, berauschender Trank und Zuckerrohrwein gelten als Nahrung der Rakshasas. Wer den Daseinsbereich der Edlen wünscht, soll dies einem Brahmanen nicht geben.

Anmerkung: Die zweite Zeile ist grammatisch schwierig. Die Abwertung bestimmter Speisen gehört zur historischen rituellen Norm dieses Abschnitts, nicht zu einer Aussage über den Wert heutiger Menschen oder Kulturen.

Niśvāsamukha 3 – Sprecherangabe vor 3.60

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Niśvāsamukha 3.60

kataraṃ devam āśritya upavāsaphalam mahat |
kathaṃ vā pūjanīyaś ca kathayasva prasādataḥ || 3:60 ||

Bei der Hinwendung zu welchem Gott bringt das Fasten eine große Frucht? Und wie soll er verehrt werden? Erkläre es mir in deiner Gnade.

Niśvāsamukha 3 – Sprecherangabe vor 3.61

īśvara u |

Der Herr sprach:

Niśvāsamukha 3.61

pratipat tūpavāsī ca brahmāṇam pūjayīta yaḥ |
brahmaṇe namo mantreṇa ubhayor api pakṣayoḥ || 3:61 ||

Wer jeweils am ersten Tag beider Monatshälften fastet und Brahma mit dem Mantra ‚Verehrung dem Brahma‘ verehrt …

Anmerkung: Die ausgeschriebene Formel brahmaṇe namo ist eine editorische Herstellung aufgrund der Shivadharma-Parallele. Ein Om steht an dieser Stelle nicht. Die Quelle markiert die Herstellung im Apparat, nicht durch Klammern im Haupttext.

Niśvāsamukha 3.62

gandhaiḥ puṣpaiś ca dhūpaiś ca bhakṣyabhojyasamanvitaiḥ |
abdam ekaṃ samabhyarccya kratūnām prāpnuyāt phalam || 3:62 ||

… mit Duftstoffen, Blumen und Weihrauch, zusammen mit festen und weicheren Speisen, und dies ein ganzes Jahr lang tut, soll die Frucht der Opfer erlangen …

Anmerkung: Bhakshya und bhojya unterscheiden Arten von Speisen; die genaue kulinarische Abgrenzung ist nicht überall einheitlich. Die Opfernamen folgen in Vers 63.

Niśvāsamukha 3.63

aśvamedhaṃ rājasūyaṃ sauvarṇṇañ ca gavāmayam |
saptabhiḥ somasaṃsthaiś ca naramedhasamanvitaiḥ || 3:63 ||

… des Pferdeopfers Ashvamedha, der Königsweihe Rajasuya, des Sauvarna und des Gavamaya, dazu der sieben Soma-Opferformen und des Menschenopfers Naramedha.

Anmerkung: Die Strophe verheißt entsprechende Opferverdienste durch Verehrung; sie fordert nicht zur Durchführung dieser Opfer auf. Die sieben Soma-Opfer werden im Grundtext hier nicht einzeln genannt.

Niśvāsamukha 3.64

brahmā svayambhūr vviriñciḥ padmayoniḥ prajāpatiḥ |
caturmmukhaḥ padmahasta om ity ekākṣaras tu yaḥ || 3:64 ||

Brahma, der Aus-sich-selbst-Entstandene, Virinchi, der Lotusgeborene, der Herr der Geschöpfe, der Viergesichtige, der einen Lotus in der Hand hält, und der die eine Silbe Om ist …

Anmerkung: Hier beginnt eine zur Verehrung verwendete Namensreihe. Die ersten Namen und Padmahasta sind in erheblichem Umfang aus der Parallele und durch Konjektur hergestellt. Om ist ausdrücklich genannt; ein aus jedem Namen zu bildendes Om-namah-Mantra wird nicht ausgeschrieben.

Niśvāsamukha 3.65

caturvvedadharaḥ sraṣṭā gīrvvāṇaḥ parameṣṭhinaḥ |
sañjñābhiḥ pūjayed ābhir brahmāṇam amitadyutim || 3:65 ||

… der Träger der vier Veden, der Schöpfer, der Himmlische und Parameshthin, der am höchsten Ort Stehende: Mit diesen Namen soll man Brahma von unermesslichem Glanz verehren.

Anmerkung: Parameṣṭhinaḥ wird trotz seiner ungewöhnlichen Form als Name im Nominativ verstanden. Die Namensreihe umfasst zusammen mit Vers 64 zwölf Bezeichnungen.

Niśvāsamukha 3.66

saṃvatsareṇa yuktātmā svarggaloke mahīyate |
yāvajjīvan tu kurvvāṇo brahmalokaṃ sa gacchati || 3:66 ||

Wer dies mit gesammeltem Inneren ein Jahr lang tut, wird im Himmel geehrt. Wer es sein Leben lang tut, gelangt in Brahmas Welt.

Niśvāsamukha 3.67

dvitīyāyām pūjayed agnim ājyenaiva tu tarpayet |
vaiśvānaraṃ jātavedaṃ hutabhug ghavyavāhanam || 3:67 ||

Am zweiten Tag soll man Agni verehren und ihn mit Ghee sättigen: Vaishvanara, Jatavedas, den Verzehrer des Geopferten und den Träger der Opfergaben …

Anmerkung: Die Namen der Feuergottheit werden in Vers 68 fortgesetzt. Ghavyavāhana ist die durch Lautverbindung bedingte Form von Havyavāhana nach hutabhuk; die verbundene Druckfolge wird bewahrt.

Niśvāsamukha 3.68

devavaktraṃ sarvvabhakṣaṅ ghṛṇī ca jagadāhakam |
vibhāvasuṃ saptajihvaṃ varanāmeti kīrttitam || 3:68 ||

… den Mund der Götter, den Allesverzehrenden, den Glühenden, den Verbrenner der Welt, Vibhavasu und den Siebenzungen: So werden seine vorzüglichen Namen genannt.

Anmerkung: Die Reihe bietet zehn ausdrückliche Namen; Agni aus Vers 67 wäre eine weitere Bezeichnung. Die Ausgabe erwägt, ob Varanama als Name mitgezählt werden könnte. Eine sichere Zwölferliste wird daraus hier nicht gemacht.

Niśvāsamukha 3.69

pratimāsaṃ samabhyarccya ubhayor api pakṣayoḥ |
varṣeṇaikena śuddhātmā yāvajjīvāgnilokatā || 3:69 ||

Wer ihn Monat für Monat in beiden Monatshälften verehrt, wird nach einem Jahr innerlich rein; lebenslange Verehrung führt in die Welt des Feuers.

Anmerkung: Die Schlussfügung yāvajjīvāgnilokatā ist stark verkürzt. Der Sinn folgt der Reihe der Verdienstzusagen.

Niśvāsamukha 3.70

tṛtīyāyām pūjayed yakṣaṅ gandhadhūpanivedanaiḥ |
ubhābhyām api pakṣābhyāṃ yāva⟪d abdam bhaved iha⟫ || 3:70 ||

Am dritten Tag soll man den Yaksha in beiden Monatshälften mit Duftstoffen, Weihrauch und Speisegaben verehren, bis hier ein Jahr vollendet ist …

Anmerkung: Der Abschluss ist aus der Parallele ergänzt. Yaksha meint hier nach den folgenden Namen Kubera, den Herrn der Yakshas, nicht irgendeinen beliebigen Naturgeist.

Niśvāsamukha 3.71

dhanan dāsyati yakṣo hi bhaktiyuktaṃ supūjitaḥ |
yāvajjīvam prakurvvāṇo dhanadasya padam vrajet || 3:71 ||

… denn der Yaksha wird Reichtum schenken, wenn er hingebungsvoll und gebührend verehrt wird. Wer dies sein Leben lang tut, soll Dhanadas Stätte erlangen.

Anmerkung: Dhanada, ‚Geber des Reichtums‘, ist Kubera. Bhaktiyuktaṃ wird trotz seiner unregelmäßigen Verbindung auf die Hingabe bei der Verehrung bezogen.

Niśvāsamukha 3.72

dhanadaś ca yakṣapatir vitteśo nidhipālakaḥ |
rākṣasādhipatiś caiva piṅgalākṣo vimānagaḥ || 3:72 ||

Dhanada, Geber des Reichtums; Yakshapati, Herr der Yakshas; Vittesha, Herr des Vermögens; Nidhipalaka, Hüter der Schätze; Herr der Rakshasas, der Gelbbraunäugige und der im Himmelswagen Fahrende …

Anmerkung: Diese und die folgenden Namen gehören zur Anrufungsreihe Kuberas. Eine aus ihnen neu gebildete vollständige Mantraformel wird nicht als Originaltext ausgegeben.

Niśvāsamukha 3.73

rudrasakhā kuberaś ca paulastyakulanandanaḥ |
lokapāleśvaraś caiva yakṣendraḥ parikīrttitaḥ || 3:73 ||

… Freund Rudras, Kubera, Freude des Geschlechts des Pulastya, Herr der Welthüter und König der Yakshas: So wird er genannt.

Anmerkung: Zusammen mit Vers 72 ergibt dies zwölf Namen beziehungsweise Beinamen. Die Abstammungsbezeichnung Paulastya verweist auf Pulastya.

Niśvāsamukha 3.74

abdam pūjayate yastu yakṣam bhaktisamanvitaḥ |
dhanadhānyasamṛddhaś ca yāvajjīvena yakṣarāṭ || 3:74 ||

Wer den Yaksha ein Jahr lang mit Hingabe verehrt, wird reich an Geld und Getreide; durch lebenslange Verehrung erlangt er den Zustand eines Yaksha-Königs.

Anmerkung: Der erste Halbvers ist teilweise editorisch hergestellt. Die Wiederholung der in 70–71 genannten Verehrung wird nicht ausgelassen.

Niśvāsamukha 3.75

gaṇeśam pūjayed yastu gandhapuṣpasamanvitaḥ |
bhakṣabhojyasamākīrṇṇaś caturthy ubhayapakṣayoḥ || 3:75 ||

Wer Ganesha jeweils am vierten Tag beider Monatshälften verehrt, mit Duftstoffen und Blumen sowie einer Fülle fester und weicher Speisen …

Anmerkung: Die Gottheit wird hier ausdrücklich Ganesha genannt. Daraus folgt jedoch nicht, dass ein heute bekanntes Ganesha-Mantra ohne weiteren Nachweis eingesetzt werden darf.

Niśvāsamukha 3.76

abdenaikena śuddhātmā yāvajjīve gaṇottamaḥ |
vināyakair nābhibhūyed yo ’rccayeta gaṇādhipam || 3:76 ||

… wird nach einem Jahr innerlich rein; durch lebenslange Verehrung wird er ein vorzüglicher Gana. Wer den Herrn der Ganas verehrt, soll nicht von den Vinayakas überwältigt werden.

Anmerkung: Vinayakas bezeichnet im Plural hier hindernde Mächte. Die passive Bedeutung von nābhibhūyet ist grammatisch ungewöhnlich. Der Name Vinayaka erscheint zugleich in Vers 78 als Beiname Ganeshas.

Niśvāsamukha 3.77

vighneśvaraṅ gaṇapatim ekadantan gajānanam |
gajakarṇṇan tathā tryakṣan nāgayajñopavītinam || 3:77 ||

Vighneshvara, Herr der Hindernisse; Ganapati, Herr der Scharen; der Einzahnige, der Elefantengesichtige, der Elefantenohrige, der Dreiäugige und der eine Schlange als heilige Schnur trägt …

Anmerkung: Der Beginn der Namensreihe ist aus der Parallele hergestellt. Tryaksha, ‚dreiäugig‘, und die Schlangen-Schnur sind hier ausdrücklich belegt.

Niśvāsamukha 3.78

caturbhujaś ca dhūmrākṣaṃ vajratuṇḍaṃ vināyakam |
mahodaraś ca sañjñābhis sādhakaḥ saṃyatendriyaḥ || 3:78 ||

… der Vierarmige, der Rauchäugige, der mit dem diamantenharten Rüssel, Vinayaka und der Großbäuchige: Wenn ein Sadhaka mit beherrschten Sinnen ihn unter diesen Namen …

Anmerkung: Der Druck liest Vajratunda, nicht das bekanntere Vakratunda. Dhumraksha ist ebenfalls ein ungewöhnlicher, hier aber überlieferter Beiname Ganeshas. Sadhaka bedeutet einen religiös Übenden.

Niśvāsamukha 3.79

modakair laḍḍukaiś caiva mūlakair vāpi śobhanaiḥ |
na tasya durlabhaṅ kiñcit pūjayed yo gaṇādhipam || 3:79 ||

… mit Modaka-Süßigkeiten, Laddu-Kugeln oder schönen essbaren Wurzeln verehrt, ist für diesen Verehrer des Herrn der Ganas nichts schwer zu erlangen.

Anmerkung: Die Namensreihe in 77–78 und ihre Verwendung zur Verehrung sind ausdrücklich verbunden. Der Vers verheißt religiösen Erfolg; er bietet keine überprüfbare Erfolgsgarantie.

Niśvāsamukha 3.80

pañcamyām pūjayen nāgān puṣpaiḥ surabhiśobhanaiḥ |
dhūpaiś caiva sugandhaiś tu guḍakṣīrasapāyasaiḥ || 3:80 ||

Am fünften Tag soll man die Nagas mit schönen, duftenden Blumen, mit wohlriechendem Weihrauch, Rohzucker, Milch und Milchreis verehren …

Anmerkung: Nagas sind Schlangenwesen. Die Zusammensetzung guḍakṣīrasapāyasa enthält ein ungewöhnliches verbindendes sa.

Niśvāsamukha 3.81

puṣpaiḥ śarkkaramadhvābhir ubhayor api pakṣayoḥ |
saṃvatsareṇa kāmāni labhate ⟪kāṅkṣitāni⟫ tu |
yāvajjīvaṃ samabhyarccya nāgalokam avāpnuyāt || 3:81 ||

… in beiden Monatshälften mit Blumen, Zucker und Honig. Nach einem Jahr erlangt man die ersehnten Wünsche. Wer sie ein Leben lang verehrt, soll die Welt der Nagas erlangen.

Anmerkung: Dieser Vers hat sechs Versfüße. Die zweite Erwähnung der Blumen ist überliefert; ‚ersehnt‘ ist aus der Parallele ergänzt. Die ungewöhnlichen Formen der ersten Zeile bleiben stehen.

Niśvāsamukha 3.82

skandaṃ ṣaṣṭhyām pūjayatu upavāsasamanvitaḥ |
gandhapuṣpasadhūpena bhakṣabhojyena saṃyutaḥ || 3:82 ||

Am sechsten Tag soll man Skanda fastend verehren, mit Duftstoffen, Blumen und Weihrauch sowie festen und weichen Speisen …

Anmerkung: Der erste Halbvers ist in den Zeugen beschädigt und nach K hergestellt. Skanda ist der göttliche Heerführer und Sohn Shivas.

Niśvāsamukha 3.83

ubhābhyām api pakṣābhyām pūjayitvā samāhitaḥ |
skandaṃ viśākhan trivarṇṇam umānandan tv agnigarbhajam || 3:83 ||

… in beiden Monatshälften, gesammelt in der Verehrung: Skanda, Vishakha, der Dreifarbige, die Freude Umas, der aus dem Schoß des Feuers Geborene …

Anmerkung: Skanda ist hier der verehrte Gott; die übrigen Namen setzen seine Anrufungsreihe ein. Trivarna, ‚dreifarbig‘, ist als Skanda-Name ungewöhnlich. Der Kommentar zählt zwölf besondere Namen zusätzlich zur Nennung Skandas.

Niśvāsamukha 3.84

gaṅgāgarbhaṃ śaradgarbhaṅ kṛttikāsutam eva ca |
ṣaṇmukhaṃ śaktihastañ ca mayūravaravāhanam || 3:84 ||

… der aus Gangas Schoß Geborene, der aus dem herbstlichen Schoß Geborene, der Sohn der Krittikas, der Sechsgesichtige, der den Speer in der Hand hält und den vorzüglichen Pfau als Reittier hat …

Anmerkung: Śaradgarbha ist die gedruckte Form. Der Kommentar erwägt einen Zusammenhang mit dem häufigeren Namen Sharajanman, ‚im Schilf geboren‘, ersetzt das Wort aber nicht. Die Krittikas sind seine göttlichen Ammen.

Niśvāsamukha 3.85

pañcachaṭaḥ kumāraś ca pūja[[((yen nāma))]]bhiḥ śubhaiḥ |
pratimāsan tu yuktātmā mārgaśīrṣe samāhitaḥ || 3:85 ||

… Panchachata und Kumara: Unter diesen glückverheißenden Namen soll man ihn Monat für Monat verehren, mit gesammeltem Inneren, beginnend im Monat Margashirsha.

Anmerkung: Panchachata ist die auffällige Namensform dieses Textes; die Parallele hat Panchashikha. Der mittlere Wortlaut von pūjayen nāmabhiḥ ist aus den beiden späteren Abschriften hergestellt. ‚Beginnend‘ erläutert den Zusammenhang der Monatsfolge.

Niśvāsamukha 3.86

sarvvakāmān avāpnoti varṣeṇaikena mānavaḥ |
yāvajjīvaṃ samabhyarccya skandasāyojyam āpnuyāt || 3:86 ||

Innerhalb eines Jahres erlangt der Mensch alle Wünsche. Wer ihn ein Leben lang verehrt, soll die Vereinigung mit Skanda erlangen.

Niśvāsamukha 3.87

saptamyām mārgaśīrṣādau cādityaṃ yastu pūjayet |
upavāsena yuktātmā puṣpadhūpavilepanaiḥ || 3:87 ||

Wer am siebten Tag, mit Margashirsha beginnend, Aditya fastend und innerlich gesammelt mit Blumen, Weihrauch und Salben verehrt …

Anmerkung: Aditya ist hier die Sonne als Gottheit. ‚Mit Margashirsha beginnend‘ bezeichnet den Anfang des Jahreszyklus dieser Verehrung.

Niśvāsamukha 3.88

bhakṣabhojyaiś ca bahubhis tathā homajapādibhiḥ |
saṃvatsareṇa śuddhātmā apāpī kāmam uttamam || 3:88 ||

… mit vielerlei festen und weichen Speisen sowie mit Feueropfer, Mantrawiederholung und Weiterem, wird nach einem Jahr innerlich rein; ist er frei von Schuld, erlangt er seinen höchsten Wunsch.

Anmerkung: Das Verb des Erlangens fehlt in der zweiten Zeile und ist für das Deutsche aus dem Zusammenhang ergänzt.

Niśvāsamukha 3.89

sūryyalokam vrajaty eṣa yāvajjīvan tu pūjanāt |
cyuto dhanāḍhyo jāyeta nirujo dīrghajīvinaḥ || 3:89 ||

Durch lebenslange Verehrung gelangt er in die Welt der Sonne. Fällt er von dort herab, soll er reich, gesund und langlebig geboren werden.

Anmerkung: Dīrghajīvinaḥ ist eine ungewöhnliche Pluralform beim singularischen Subjekt. Gesundheit und langes Leben sind hier traditionelle Verdienstzusagen.

Niśvāsamukha 3.90

ādityas savitā sūryyo khagaḥ pūṣā gabhastimān |
hiraṇyagarbhas triśirās tapano bhāskaro raviḥ || 3:90 ||

Aditya, Savita, Surya, der Himmelswanderer, Pushan, der Strahlenreiche, der Goldkeimige, der Dreiköpfige, der Wärmespender, der Lichtmacher und Ravi …

Anmerkung: Trishiras, ‚dreiköpfig‘, ist hier als Sonnenname überliefert, aber nicht sicher erklärt. Eine Zuordnung zu drei Tageszeiten wäre eine Vermutung, keine ausdrückliche Aussage dieses Verses.

Niśvāsamukha 3.91

lokasākṣir jagannetro nāmabhis tu prapūjayet |
sarvvakāmān avāpnoti pūjayed yo divākaram || 3:91 ||

… der Zeuge der Welt, das Auge der Welt: Unter diesen Namen soll man ihn verehren. Wer den Tagmacher verehrt, erlangt alle Wünsche.

Anmerkung: Der Kommentar zählt Jagannetra als zwölften Namen und versteht Lokasakshi als dessen Beiwort; beide können auch als eigene Bezeichnungen gelesen werden. Der Grundtext selbst nummeriert die Namen nicht.

Niśvāsamukha 3.92

aṣṭamyāṃ śaṅkaram pūjya māse mārgaśire śubhe |
upavāsena yuktātmā gomūtraprāśanena tu || 3:92 ||

Wer am achten Tag im heiligen Monat Margashirsha Shankara verehrt, fastend und gesammelt, und dabei Kuhurin zu sich nimmt …

Anmerkung: Shankara ist Shiva. Hier beginnt eine historische Folge monatlicher Fasten- und Stoffvorschriften. Sie wird genau dokumentiert und nicht als heutige Empfehlung zum Verzehr solcher Stoffe weitergegeben.

Niśvāsamukha 3.93

atirātraphalaṃ labhed ubhayor api pakṣayoḥ |
bhakṣabhojyānnapānaiś ca etat phalam avāpnuyāt || 3:93 ||

… soll in beiden Monatshälften die Frucht des Atiratra-Opfers erlangen. Auch mit festen und weichen Speisen, Nahrung und Getränken soll man diese Frucht erlangen.

Anmerkung: Atiratra ist eine vedische, über Nacht fortgesetzte Soma-Opferform. Der zweite Halbvers lässt eine entsprechende Verehrung mit gewöhnlichen Speisegaben erkennen; seine genaue Beziehung zur vorangehenden Fastenregel bleibt offen.

Niśvāsamukha 3.94

devadevan tu pauṣe ca arccayeta hy upoṣitaḥ |
vājapeyaphalaṃ labhed gośakṛtprāśanena tu || 3:94 ||

Im Monat Pausha soll man fastend Devadeva, den Gott der Götter, verehren. Durch das Einnehmen von Kuhdung soll man die Frucht des Vajapeya-Opfers erlangen.

Anmerkung: Devadeva ist der für Pausha genannte Name Shivas. Gośakṛt bedeutet Kuhdung. Die Vorschrift wird historisch dokumentiert, nicht zur Anwendung empfohlen.

Niśvāsamukha 3.95

tryambakam pūjayitvā tu māghe kṛṣṇa upoṣitaḥ |
aśvamedhaphalaṃ lebhe payasā prāśanena tu || 3:95 ||

Wer Tryambaka in der dunklen Monatshälfte des Magha fastend verehrt und nur Milch zu sich nimmt, erlangt die Frucht des Pferdeopfers.

Anmerkung: Tryambaka, ‚der Dreiäugige‘, bezeichnet Shiva. Der Sanskrittext verwendet payasā, ‚durch Milch‘, und die Vergangenheitsform lebhe mit dem Sinn einer Verdienstzusage.

Niśvāsamukha 3.96

sthāṇum phālgunakṛṣṇe tu upavāsena pūjayet |
dadhi prāśya viśuddhātmā naramedhaphalaṃ labhet || 3:96 ||

In der dunklen Monatshälfte des Phalguna soll man Sthanu fastend verehren. Nachdem man Sauermilch zu sich genommen hat, soll man, innerlich gereinigt, die Frucht des Menschenopfers erlangen.

Anmerkung: Sthanu, ‚der Unbewegliche‘, ist Shiva. Verheißen wird der einem Opfer zugeschriebene Verdienst, keine Durchführung eines Menschenopfers.

Niśvāsamukha 3.97

harañ caitre tu sampūjya kṛṣṇāṣṭamyām upoṣitaḥ |
ājyam prāśya śucir bhūtvā rājasūyaphalaṃ labhet || 3:97 ||

Wer Hara am achten Tag der dunklen Monatshälfte des Chaitra fastend verehrt, Ghee zu sich nimmt und sich rituell rein hält, soll die Frucht der Königsweihe Rajasuya erlangen.

Niśvāsamukha 3.98

vaiśākhe tu śivam pūjya upavāsī kuśodakam |
prāśayitvā jitātmāsau sautrāmaṇiphalaṃ labhet || 3:98 ||

Wer im Monat Vaishakha Shiva fastend verehrt und Wasser mit Kusha-Gras zu sich nimmt, soll mit beherrschtem Inneren die Frucht des Sautramani-Opfers erlangen.

Anmerkung: Die Form prāśayitvā ist ungewöhnlich; sie wird im Zusammenhang als eigene Einnahme verstanden. Der Vers nennt keine Zubereitungsdetails des Kusha-Wassers.

Niśvāsamukha 3.99

bhavañ jyeṣṭhe tu sampūjya upavāsī śucivrataḥ |
prāśya śṛṅgodakaṅ gos tu sarvvayajñaphalaṃ labhet || 3:99 ||

Wer im Monat Jyeshtha Bhava fastend und mit reiner Observanz verehrt und Wasser aus einem Kuhhorn trinkt, soll die Frucht aller Opfer erlangen.

Anmerkung: Bhava ist hier ein Name Shivas. ‚Wasser aus einem Kuhhorn‘ folgt der Erklärung des Kommentars; der Sanskritausdruck lautet wörtlich ‚Hornwasser einer Kuh‘.

Niśvāsamukha 3.100

āṣāḍhe nīlakaṇṭhaś ca kṛṣṇāṣṭamyāṃ samarccayet |
śaṅkhasyāpaṃ sa pītvā tu gomedhasya phalaṃ labhet || 3:100 ||

Im Monat Ashadha soll man Nilakantha am achten Tag der dunklen Monatshälfte verehren. Wer dabei Wasser aus einer Muschel trinkt, soll die Frucht des Rinderopfers erlangen.

Anmerkung: Nilakantha bedeutet „der Blaukehlige“ und bezeichnet Shiva. Śaṅkhasyāpaṃ heißt „Wasser der Muschel“. Die ungewöhnliche Akkusativform āpam für Wasser wird im Kommentar eigens besprochen und nicht normalisiert.

Niśvāsamukha 3.101

piṅgalaṃ śrāvaṇe pūjya kṛṣṇāṣṭamyām upoṣitaḥ |
siddhārtham udakam pītvā kanyādānaphalaṃ labhet || 3:101 ||

Wer im Monat Shravana Pingala am achten Tag der dunklen Monatshälfte fastend verehrt und Wasser mit Senfsamen trinkt, soll die Frucht einer Brautgabe erlangen.

Anmerkung: Pingala, ‚der Gelbbraune‘, ist hier Shiva, nicht der Name eines Atemkanals. Kanyadana bezeichnet die historische Übergabe einer Tochter bei der Eheschließung; der Vers lehrt kein modernes Partnerschaftsmodell.

Niśvāsamukha 3.102

māse bhādrapade rudram pūjayitvā upoṣitaḥ |
yavodakam prāśayitvā rudraloke mahīyate || 3:102 ||

Wer im Monat Bhadrapada fastet, Rudra verehrt und Gerstenwasser zu sich nimmt, wird in Rudras Welt geehrt.

Niśvāsamukha 3.103

īśānañ ⟪cāśvine⟫ māse kṛṣṇāṣṭamyān tu pūjayet |
tilodakam prāśayitvā bahurugmaphalaṃ labhet || 3:103 ||

Im Monat Ashvina soll man Ishana am achten Tag der dunklen Monatshälfte verehren. Nimmt man Sesamwasser zu sich, erlangt man als Frucht viel Gold.

Anmerkung: Die Monatsangabe ist aus der Parallelüberlieferung ergänzt. Die Edition bewahrt rugma für das gewöhnlich rukma genannte Gold.

Niśvāsamukha 3.104

ugran tu kārttike māse kṛṣṇāṣṭamyām upoṣitaḥ |
suvarṇṇamudakam pītvā gāṇāpatyam avāpnuyāt || 3:104 ||

Wer im Monat Karttika am achten Tag der dunklen Monatshälfte fastet und Ugra [verehrt], erlangt die Stellung eines Herrn der Ganas, indem er mit Gold verbundenes Wasser trinkt.

Anmerkung: Die Verehrung ist aus dem Satzanschluss zu ergänzen. Die genannten Getränke gehören zu historischen Gelübden; die Übersetzung empfiehlt ihre Einnahme nicht.

Niśvāsamukha 3.105

samvatsaran tataḥ kṛtvā iṣṭakāmāṃl labhen naraḥ |
akāmataḥ kratuphalaṃ gāṇāpatyañ ca kāmataḥ || 3:105 ||

Hat ein Mensch dies ein Jahr lang vollzogen, erlangt er seine ersehnten Wünsche. Ohne Begehren [vollzogen, bringt es] die Frucht der Opfer; mit Begehren dagegen die Stellung eines Herrn der Ganas.

Anmerkung: Die Zuordnung von Wunschlosigkeit und Opferfrucht steht tatsächlich so im Text. Sie wird nicht nach der anders geordneten Aussage in Vers 150 umgekehrt.

Niśvāsamukha 3.106

ubhābhyām api pakṣābhyāṃ vidhir eṣa prakīrttitaḥ |
navamyāṃ sampravakṣyāmi mahādevyās tu pūjanam || 3:106 ||

Diese Vorschrift ist für beide Monatshälften verkündet worden. Nun will ich die Verehrung der Großen Göttin am neunten Tag erklären.

Niśvāsamukha 3.107

upavāsena saṃyuktaḥ pūjayen nāmabhiḥ śubhaiḥ |
umā kātyāyinī devī durggā rudrā subhadrikā || 3:107 ||

Mit einem Fasten verbunden soll man sie unter ihren glückverheißenden Namen verehren: Uma, die Göttin Katyayini, Durga, Rudra, Subhadrika …

Anmerkung: Die Namensreihe setzt sich in Vers 108 fort. Devī wird mit Kafle als Beiwort zu Katyayini gelesen; dadurch ergibt sich eine Reihe von zwölf Namen.

Niśvāsamukha 3.108

kālarātrī mahāgaurī revatī bhūtanāyikā |
āryā prakṛtirūpā ca gaṇānāñ caiva nāyikā || 3:108 ||

… Kalaratri, Mahagauri, Revati, Führerin der Wesen, Arya, diejenige, deren Gestalt die Urnatur ist, und Führerin der Ganas.

Niśvāsamukha 3.109

nāmabhiḥ pūjayed ebhiḥ pakṣayor ubhayor api |
gandhaiḥ puṣpaiś ca dhūpaiś ca vastrālaṅkārabhūṣaṇaiḥ || 3:109 ||

Unter diesen Namen soll man sie in beiden Monatshälften verehren: mit Düften, Blumen, Räucherwerk, Gewändern, Schmuck und Zierden …

Niśvāsamukha 3.110

naivedyaiś copahāraiś ca kandamūlaphalais tathā |
prāśanaiś ca vividhaiś ca varadām pūjayet sadā || 3:110 ||

… mit Speiseopfern und Gaben, mit Knollen, Wurzeln und Früchten und mit verschiedenartigen Speisen. So soll man die Gabenspendende stets verehren.

Niśvāsamukha 3.111

udakaṃ kusumam prāśya saktuṃ lājāṃ sadhānakām |
kṛsarāñ ca payo mūlam phalam parṇṇan tathaiva ca || 3:111 ||

Als Nahrung nehme man Wasser, Blumen, geröstetes Getreidemehl, gepufften Reis zusammen mit einer Sesam-Getreide-Speise, ferner Reisbrei, Milch, Wurzeln, Früchte und Blätter …

Anmerkung: Die Nahrungsreihe reicht bis Vers 113. Die englische Übersetzung gibt sadhānakām als ‚mit Hülsen‘ wieder; ihre Anmerkung 816 verweist jedoch auf eine Speise aus Sesam und Getreide. Die genaue Zuordnung der einzelnen Nahrungen zu den wiederholten Verehrungen bleibt hier unausgesprochen.

Niśvāsamukha 3.112

śākāni ca tilāś caiva tilānāñ ca khalin tathā |
mudgāni ca samaśnīyāt tathā caiva nirannatā || 3:112 ||

… Gemüse und Sesam sowie den Rückstand der Sesamölgewinnung. Auch Mungbohnen soll man essen; im Übrigen gilt der Verzicht auf Nahrung.

Anmerkung: Khalin bezeichnet hier einen Pressrückstand. Die Schlusswendung nirannatā ist eine nominale, sprachlich ungleich gebaute Fortsetzung der Speisenliste.

Niśvāsamukha 3.113

prāśayitvā tathaitāni sarvvakāmān avāpnuyāt |
ārdrakam prāśayitvā tu śuklabhojī niśākṣaye || 3:113 ||

Indem man diese [Nahrungen] so zu sich nimmt, erlangt man alle Wünsche. Wer aber bei Tagesanbruch frischen Ingwer zu sich nimmt und weiße beziehungsweise reine Nahrung isst …

Anmerkung: Śuklabhojin lässt beide Verständnisse zu. Die Stelle legt kein ausgearbeitetes späteres Ernährungssystem dar. Der Satz wird in Vers 114 fortgesetzt.

Niśvāsamukha 3.114

labhate sarvvakāmāṃs tu navamīnavamoṣitaḥ |
maricaprāśanaṃ kṛtvā navamīnava yo ’rccayet || 3:114 ||

… erlangt alle Wünsche, wenn er neunmal am neunten Tag fastet. Wer [die Göttin] neunmal am neunten Tag verehrt und dabei Pfeffer zu sich nimmt …

Anmerkung: Navamīnavamoṣitaḥ ist eine ungewöhnliche Verbindung für das neunmalige Fasten am neunten Tag. Die Edition weist auf die sprachliche Unsicherheit hin. Auch der zweite Satz reicht in den folgenden Vers.

Niśvāsamukha 3.115

sarvvakāmān avāpnoti devī ca varadā ⟪bhavet⟫ |
kuśaprastaraṇāśāyī pañcagavyakṛtāśanaḥ || 3:115 ||

… erlangt alle Wünsche, und die Göttin wird ihm Gaben gewähren. Wer auf einer Unterlage aus Kusha-Gras schläft und die fünf Kuhprodukte als Nahrung nimmt …

Anmerkung: Bhavet ist aus der Parallelüberlieferung ergänzt. Die fünf Kuhprodukte umfassen auch Ausscheidungen; diese historische Gelübdepraxis ist keine heutige Ernährungsempfehlung.

Niśvāsamukha 3.116

navamīs tu nava pūjya devī dadyād varottamam |
yaman daśamyāṃ sampūjya māsi mārgaśire śubhe || 3:116 ||

… und [die Göttin] an neun neunten Tagen verehrt, dem möge sie eine vorzügliche Gabe schenken. Yama soll man am zehnten Tag im glückverheißenden Monat Margashira verehren …

Anmerkung: Der Vers wechselt in seiner zweiten Hälfte zur Verehrung Yamas, des Herrn über Tod und Gericht.

Niśvāsamukha 3.117

puṣpair gandhaiś ca dhūpaiś ca bhakṣyabhojyasamanvitaiḥ |
yamāya dharmmarājāya mṛtyave cāntakāya ca || 3:117 ||

… mit Blumen, Düften und Räucherwerk, verbunden mit Speisen zum Kauen und Essen: ‚Dem Yama, dem König der Rechtsordnung, dem Tod und dem Beender …‘

Anmerkung: Die Anrufung reicht bis Vers 119; das dortige ‚Verehrung‘ gilt auch für die hier beginnende Namensreihe.

Niśvāsamukha 3.118

vaivasvatāya kālāya sarvvalokakṣayāya ca |
ugradaṇḍadhṛte nityam mahiṣāsanayāyine || 3:118 ||

‚… dem Sohn des Vivasvat, der Zeit, dem Vernichter aller Welten, stets dem Träger des furchtbaren Strafstabes, dem auf einem Büffel Dahinziehenden …‘

Anmerkung: Nityam bedeutet ‚stets‘ und wird nicht zu einem zusätzlichen Gottesnamen gemacht.

Niśvāsamukha 3.119

śāsitre ca namas tubhyaṃ narakādhipate namaḥ |
nāmabhiḥ pūjayed ebhis tarppayec ca ⟪tilodakaiḥ⟫ || 3:119 ||

‚… und dem Gebieter: Dir Verehrung! Herr der Hölle, Verehrung!‘ Unter diesen Namen soll man ihn verehren und mit Sesamwasser eine Sättigungsgabe darbringen.

Anmerkung: Die Reihe enthält elf deutlich erkennbare Namen oder Benennungen; ein zwölfter wird nicht ergänzt. Narakādhipate ist eine Anrede, obwohl die übrige Reihe überwiegend im Dativ steht. Tilodakaiḥ ist aus dem Paralleltext ergänzt.

Niśvāsamukha 3.120

⟪ubhābhyām api⟫ pakṣābhyām abdam ekaṃ suyantritaḥ |
mucyate sarvvapāpais tu na duḥkhaṃ narakodbhavam || 3:120 ||

Wer dies ein Jahr lang in beiden Monatshälften in guter Selbstbeherrschung vollzieht, wird von allen Verfehlungen frei; kein aus der Hölle hervorgehendes Leid [trifft ihn].

Anmerkung: Der Versanfang ist aus der Parallelüberlieferung ergänzt. Das Wirkungsversprechen gehört zur religiösen Aussage des Textes.

Niśvāsamukha 3.121

yāvajjīvārccanan kṛtvā sa gacchet paramāṅ gatim |
ekādaśyān tu yo dharmmam pūjayeta śucivrataḥ || 3:121 ||

Wer ihn lebenslang verehrt, gelangt zum höchsten Ziel. Wer aber am elften Tag mit reinem Gelübde Dharma verehrt …

Anmerkung: Dharma erscheint im folgenden Abschnitt als personifizierte religiöse und sittliche Ordnung.

Niśvāsamukha 3.122

gandhaiḥ puṣpaiś ca dhūpaiś ca bhakṣyair nnānāvidhais tathā |
dharmmas satyan dayā kṣāntiḥ śaucam ācāram eva ca || 3:122 ||

… mit Düften, Blumen, Räucherwerk und verschiedenartigen Speisen [und mit den Namen]: Dharma, Wahrheit, Mitgefühl, Geduld, Reinheit und rechtes Verhalten …

Anmerkung: Die Namensliste verkörpert sittliche Qualitäten; der Satz und die Anrufung werden in den folgenden Versen fortgeführt.

Niśvāsamukha 3.123

ahiṃsā ca adambhaś ca rakṣā lokasya sākṣiṇe |
vṛṣabhāya namas tubhyam adṛṣṭāya namo namaḥ || 3:123 ||

‚… Nichtverletzen, Aufrichtigkeit, Schutz, dem Zeugen der Welt, dem Stier: Dir Verehrung! Dem Unsichtbaren wieder und wieder Verehrung!‘

Anmerkung: Die erste Vershälfte beruht auf einer Konjektur der Edition; die Mischung der grammatischen Fälle bleibt im Sanskrit stehen. Adambha meint Freiheit von Heuchelei oder Selbstdarstellung. Der Stier ist eine Gestalt des Dharma.

Niśvāsamukha 3.124

nāmabhiḥ pūjayed ebhir dharmmaṃ satyaṃ parākramam |
ubhayoḥ pakṣayor eva varṣam ekaṃ suyantritaḥ || 3:124 ||

Unter diesen Namen soll man Dharma, die Wahrheit, die Tatkraft, ein Jahr lang in beiden Monatshälften verehren, in guter Selbstbeherrschung.

Anmerkung: Satya und Parakrama werden hier als weitere Bezeichnungen des verehrten Dharma verstanden. Der versprochene Erfolg folgt in Vers 125.

Niśvāsamukha 3.125

yāmyaduḥkhair vimuktas tu jāyate pṛthivīśvaraḥ |
yāvajjīvaṃ samarccantaṃ tarppayec ca tilodakaiḥ || 3:125 ||

Von den Leiden Yamas befreit, wird man als Herrscher der Erde geboren. Wer ihn lebenslang verehrt und mit Sesamwasser Sättigungsgaben darbringt …

Anmerkung: Samarccantam wird entsprechend der Satzabsicht als ‚ihn verehrend‘ verstanden; die überlieferte Form ist grammatisch unregelmäßig.

Niśvāsamukha 3.126

uttamāṅ gatim āpnoti ⟪yāṅ gatvā na nivarttate⟫ |
⟪keśavam pūja⟫yitvā tu māse mārgaśire naraḥ || 3:126 ||

… erlangt eine vorzügliche Daseinsstätte, von der man, einmal dorthin gelangt, nicht zurückkehrt. Wenn ein Mensch im Monat Margashira Keshava verehrt …

Anmerkung: Die eingeklammerten Sanskritteile sind aus der Parallelüberlieferung ergänzt. Die zweite Hälfte beginnt den Jahreszyklus der Vishnu-Verehrung.

Niśvāsamukha 3.127

dvādaśyām prāśya gomūtram agniṣṭomaphalaṃ labhet |
puṣye nārāyaṇam pūjya dvādaśyān tu upoṣitaḥ || 3:127 ||

… am zwölften Tag Kuhurin zu sich nimmt, erlangt er die Frucht des Agnishtoma-Opfers. Wer im Monat Pausha am zwölften Tag fastet und Narayana verehrt …

Anmerkung: Puṣya bezeichnet hier den mit Pausha verbundenen Monat. Eine astronomische Sonnenstellung wird nicht in den Vers hineingelesen. Der zweite Satz wird im nächsten Vers fortgesetzt.

Niśvāsamukha 3.128

phalañ caivāgniṣṭomasya kṛtvā gomayabhakṣaṇam |
mādhavam māghamāse tu dvādaśyān tu upoṣitaḥ || 3:128 ||

… erlangt durch den Verzehr von Kuhdung ebenfalls die Frucht des Agnishtoma. Wer im Monat Magha am zwölften Tag fastet und Madhava …

Anmerkung: Die Wiederholung des Agnishtoma steht so in den Handschriften; die Edition erwägt einen Überlieferungsfehler, setzt aber kein anderes Opfer in den Grundtext. Der Satzanschluss reicht über die Versgrenze.

Niśvāsamukha 3.129

pūjayitvā payaḥ prāśya ukthyamedhaphalaṃ labhet |
govindam phālgune ’bhyarccya dvādaśyān tu upoṣitaḥ || 3:129 ||

… verehrt und Milch zu sich nimmt, erlangt die Frucht des Ukthyamedha. Wer im Monat Phalguna am zwölften Tag fastet und Govinda verehrt …

Anmerkung: Der Name Ukthyamedha und die zweite Vershälfte beruhen auf Konjekturen der Edition. Gemeint ist vermutlich das Ukthya-Opfer; die ungewöhnliche Namensform wird bewahrt.

Niśvāsamukha 3.130

ṣoḍaśīphalam āpnoti kṛtvā tu dadhibhakṣaṇam |
caitre viṣṇuṃ samabhyarccya dvādaśyān tu upoṣitaḥ || 3:130 ||

… erlangt die Frucht des Shodashi-Opfers, indem er Dickmilch isst. Wer im Monat Chaitra am zwölften Tag fastet und Vishnu verehrt …

Niśvāsamukha 3.131

ājyam vai prāśayitvā tu vājapeyaphalaṃ labhet |
upoṣitas tu vaiśākhe pūjayen madhusūdanam || 3:131 ||

… erlangt durch den Genuss von geklärter Butter die Frucht des Vajapeya. Im Monat Vaishakha soll man fasten und Madhusudana verehren …

Niśvāsamukha 3.132

kuśāmbu prāśya dvādaśyām ⟪atirātraphalaṃ labhet⟫ |
jyeṣṭhe trivikramam pūjya dvādaśyān tu upoṣitaḥ || 3:132 ||

… am zwölften Tag Wasser mit Kusha-Gras trinken und so die Frucht des Atiratra erlangen. Wer im Monat Jyeshtha am zwölften Tag fastet und Trivikrama verehrt …

Anmerkung: Die Opferfrucht ist aus der Parallelüberlieferung ergänzt; die zweite Vershälfte ist eine Konjektur der Edition.

Niśvāsamukha 3.133

⟪tilodakam prāśayitvā⟫ ātoryāmaphalaṃ labhet |
āṣāḍhe vāmanam pūjya dvādaśyāṃ susamāhitaḥ || 3:133 ||

… erlangt durch den Genuss von Sesamwasser die Frucht des Aptoryama. Wer im Monat Ashadha am zwölften Tag mit guter Sammlung Vamana verehrt …

Anmerkung: Die erste Halbstrophe ist teilweise aus dem Paralleltext ergänzt. Ātoryāma ist die hier gedruckte Form des gewöhnlich Āptoryāma genannten Opfers.

Niśvāsamukha 3.134

phalam prāśya viśuddhātmā aśvamedhaphalaṃ labhet |
śrāvaṇe śrīdharam pūjya dvādaśyān tu upoṣitaḥ || 3:134 ||

… erlangt, innerlich gereinigt und Früchte essend, die Frucht des Pferdeopfers. Wer im Monat Shravana am zwölften Tag fastet und Shridhara verehrt …

Niśvāsamukha 3.135

⟪parṇṇam prāśya viśuddhātmā rājasūyaphalaṃ labhet |
tathā bhādre hṛṣīkeśaṃ sampūjya vidhivad budhaḥ || 3:135 ||

… erlangt, innerlich gereinigt und Blätter essend, die Frucht des Rajasuya. Ebenso erlangt der Einsichtige, wenn er im Monat Bhadra Hrishikesha vorschriftsgemäß verehrt …

Anmerkung: Dieser Vers und die erste Hälfte von Vers 136 sind aus der Parallelüberlieferung ergänzt; die Sanskritklammer schließt erst dort.

Niśvāsamukha 3.136

gavāmayasya yajñasya tataḥ ⟫phalam avāpnuyāt |
māse tv āśvayuje devam padmanābhan tu pūjayet || 3:136 ||

… die Frucht des Gavamaya-Opfers. Im Monat Ashvayuja soll man den Gott Padmanabha verehren.

Anmerkung: Gavamaya bezeichnet hier ein Opfer, das sonst als Gavāmayana bekannt ist. Ashvayuja ist eine andere Bezeichnung des Monats Ashvina.

Niśvāsamukha 3.137

naramedhasya yajñasya phalaṃ labhati mānavaḥ |
⟪dāmodaran tu sampūjya kārttike māsi yo naraḥ || 3:137 ||

Der Mensch erlangt die Frucht des Naramedha-Opfers. Wer im Monat Karttika Damodara verehrt …

Anmerkung: Die Ergänzung aus dem Paralleltext beginnt in der zweiten Vershälfte und reicht bis in Vers 139. Naramedha ist dem Namen nach ein Menschenopfer; hier wird dessen religiöse Frucht durch Verehrung versprochen, kein solches Opfer angeordnet.

Niśvāsamukha 3.138

upoṣitas tu dvādaśyām bahusauvarṇṇikam phalam |
samvatsaran tu sampūjya sarvvakāmān avāpnuyāt || 3:138 ||

… und am zwölften Tag fastet, [erlangt] die Frucht des Bahusauvarnika. Wenn er [Vishnu auf diese Weise] ein Jahr lang verehrt, erlangt er alle Wünsche.

Anmerkung: Der gesamte Vers ist aus der Parallelüberlieferung ergänzt. Bahusauvarnika bezeichnet ein mit reichen Goldgaben verbundenes Opfer; der Grundtext gebraucht hier die entsprechende Eigenschaftsform.

Niśvāsamukha 3.139

apāpī kratum āpnoti pāpātmā⟫ mucyate naśāt |
yāvajjīvaṃ samabhyarccya puṣpair gandhaiḥ sugandhakaiḥ || 3:139 ||

Der Schuldlose erlangt [die Frucht] des Opfers, der mit Verfehlungen Belastete wird vor dem Untergang bewahrt. Wer [Vishnu] lebenslang verehrt, mit Blumen und wohlriechenden Düften …

Anmerkung: Die Ergänzung aus dem Paralleltext endet nach pāpātmā. Naśāt wird entsprechend dem Kontext als ‚vor Untergang‘ verstanden; die Form ist ungewöhnlich.

Niśvāsamukha 3.140

bhakṣyabhojyaiś ca dhūpaiś ca cchatradhvajavitānakaiḥ |
hemajair bhūṣaṇair divyair mmaṇiratnavicitrakaiḥ || 3:140 ||

… mit Speisen zum Kauen und Essen, mit Räucherwerk, Schirmen, Bannern und Baldachinen, mit herrlichem Goldschmuck und mannigfaltigen Edelsteinen und Juwelen …

Niśvāsamukha 3.141

vastraiḥ pūjāṃ vicitrāñ ca kṛtvā viṣṇupadam vrajet |
anaṅgan tu trayodaśyām pū⟪jayed yo vidhānavit || 3:141 ||

… mit Gewändern und einer vielfältig ausgestalteten Verehrung, gelangt zu Vishnus Stätte. Wer die Vorschrift kennt und Ananga am dreizehnten Tag verehrt …

Anmerkung: Die Ergänzung aus dem Paralleltext beginnt mitten im Wort pūjayet und reicht bis in Vers 142. Ananga, ‚der Körperlose‘, ist hier der Liebesgott Kama.

Niśvāsamukha 3.142

bhakṣyabhojyānnapānaiś ca gandha⟫dhūpasragādibhiḥ |
anaṅgam manmathaṃ kāmam īśvaram mohanan tathā || 3:142 ||

… mit Speisen, gekochter Nahrung und Getränken, mit Duftstoffen, Räucherwerk, Kränzen und dergleichen [und unter den Namen]: Ananga, Manmatha, Kama, Herr, Betörer …

Niśvāsamukha 3.143

pañcabāṇan dhanurhastam unmādañ ca vaśaṅkaram |
ratipriyam prītikaraṃ hṛdayasyāpahāriṇam || 3:143 ||

… Fünfpfeiliger, Bogenträger, Berauscher, Bezwinger, Liebhaber der Rati, Freudenspender und Herzensräuber …

Anmerkung: Dies sind Bezeichnungen des Liebesgottes im Kontext seiner Verehrung; der Vers beschreibt kein Verfahren zur Manipulation anderer Menschen.

Niśvāsamukha 3.144

nāmabhiḥ pūjayed ebhiḥ kāmadevam mahābalam |
māse mārgaśirasya ādau yāvat kārttikam eva ca || 3:144 ||

… unter diesen Namen soll man den mächtigen Liebesgott verehren, beginnend mit dem Monat Margashira bis zum Monat Karttika.

Niśvāsamukha 3.145

⟪saubhāgyaṃ dhanadhānyañ ca putradārā ⟫bhavanti ca |
kāmadevasya sāyojyaṃ yāvajjīvasya pūjanāt || 3:145 ||

Daraus entstehen Liebesglück, Reichtum, Getreide, Söhne und Ehefrauen. Durch lebenslange Verehrung [erlangt man] die Vereinigung mit dem Liebesgott.

Anmerkung: Die erste Vershälfte ist weitgehend aus dem Paralleltext ergänzt. Sāyojya ist die überlieferte Form für die Vereinigung mit einer Gottheit. Die Aufzählung spricht aus der Perspektive eines männlichen Haushalters.

Niśvāsamukha 3.146

caturddaśyām punar devam pūjayet parameśvaram |
haraṃ śarvvam bhavan tryakṣaṃ śambhuñ caiva vibhuṃ śivam || 3:146 ||

Am vierzehnten Tag soll man wiederum den Gott, den höchsten Herrn, verehren: Hara, Sharva, Bhava, den Dreiäugigen, Shambhu, den Allgegenwärtigen, Shiva …

Niśvāsamukha 3.147

sthāṇum paśupatiṃ rudram īśānaṃ śaṅkaran tathā |
pūjayed ebhis saṃjñābhir vidhivat parameśvaram || 3:147 ||

… Sthanu, den Herrn der gebundenen Seelen, Rudra, Ishana und Shankara. Unter diesen Bezeichnungen soll man den höchsten Herrn vorschriftsgemäß verehren.

Anmerkung: Pashupati bedeutet wörtlich ‚Herr der Tiere‘; im shivaitischen Kontext kann pashu zugleich die gebundene Seele bezeichnen.

Niśvāsamukha 3.148

mārgaśīrṣasya māsādau yāvad abdaṃ ⟪vratañ caret⟫ |
puṣpair gandhaiś ca dhūpaiś ca bhakṣyabhojyais tathaiva ca || 3:148 ||

Am Anfang des Monats Margashirsha beginnend soll man ein Jahr lang das Gelübde ausüben: mit Blumen, Düften, Räucherwerk und Speisen zum Kauen und Essen …

Anmerkung: ‚Das Gelübde ausüben‘ ist aus dem Paralleltext ergänzt. Die Monatsnamensvarianten werden im Sanskrit nicht vereinheitlicht.

Niśvāsamukha 3.149

alaṅkāraiś ca vividhaiś chatradhvajavitānakaiḥ |
ubhayoḥ pakṣayor eva sarvvakāmān avāpnuyāt || 3:149 ||

… mit verschiedenem Schmuck, Schirmen, Bannern und Baldachinen in beiden Monatshälften. So erlangt man alle Wünsche.

Niśvāsamukha 3.150

samvatsareṇa yuktātmā niṣkāmas tu gaṇo bhavet |
yāvajjīvena sāyojyam pāpī mucyati kilbiṣāt || 3:150 ||

Wer gesammelt und ohne Begehren ist, wird innerhalb eines Jahres ein Gana. Durch lebenslange [Verehrung erlangt er] die Vereinigung [mit Shiva]; der Schuldige wird von seiner Verfehlung frei.

Anmerkung: Hier wird die wunschlose Verehrung ausdrücklich mit dem Gana-Zustand verbunden. Vers 105 hatte die Erfolge anders zugeordnet. Mucyati ist die im Text stehende ungewöhnliche Verbform.

Niśvāsamukha 3.151

amāvāsyām mārgaśire ((pitṝṃs tarpya)) --- [4] --- |
karmmaṇā śrāddhayuktena piṇḍena ca tilodakaiḥ || 3:151 ||

Am Neumondtag im Monat Margashira, nachdem man die Ahnen gesättigt hat [Lücke von vier Silben], durch eine mit dem Ahnenopfer verbundene Handlung, durch einen Reiskloß und Sesamwasser …

Anmerkung: Die Wendung ‚die Ahnen gesättigt‘ ist nur in W teilweise bezeugt und von der Edition berichtigt. Der Satz bleibt wegen der Lücke unvollständig; seine Absicht wird durch die folgenden Verse verständlich.

Niśvāsamukha 3.152

paurṇṇamāsyān tathaiveha kurvvatas tu phalaṃ śṛṇu |
satilodakapiṇḍena yaḥ śrāddhe tarppayet pitṝn || 3:152 ||

Höre nun die Frucht dessen, der hier ebenso am Vollmondtag handelt: Wer beim Ahnenopfer die Ahnen mit einem Reiskloß, Sesam und Wasser sättigt …

Niśvāsamukha 3.153

te tṛptāḥ pitaras tasya ye vasanti yamālaye |
samvatsareṇa pitaro mucyante yamayātanāt || 3:153 ||

… dessen Ahnen, die in Yamas Wohnstätte leben, werden gesättigt. Innerhalb eines Jahres werden die Ahnen von Yamas Peinigung frei.

Anmerkung: Der Sanskrittext bewahrt die unregelmäßige Singularform yamayātanāt.

Niśvāsamukha 3.154

yāvajjīvan tu kurvvāṇo pakṣayor ubhayor api |
pāpātmā mucyate pāpād apāpī svarggago bhavet || 3:154 ||

Wer dies lebenslang in beiden Monatshälften vollzieht, wird, wenn er mit Verfehlungen belastet ist, davon frei; wer schuldlos ist, gelangt in den Himmel.

Niśvāsamukha 3.155

pitaras somapā vipre kṣatriye tu havirbhujāḥ |
ājyapā vaiśyayonī tu śūdrāṇān tu sukālinaḥ || 3:155 ||

Bei einem Brahmanen heißen die Ahnen Somatrinker, bei einem Kshatriya Opfergabengenießer, bei einem Vaishya Buttertrinker und bei den Shudras Sukalins.

Anmerkung: Die Aufzählung gehört zur historischen Ordnung der vier gesellschaftlichen Stände. Vaiśyayonī ist eine unregelmäßige Form; Sukālin wird als Gruppenname bewahrt.

Niśvāsamukha 3.156

[[((paurṇṇamāsyām puna)) agnim pū]]jayeta --- [4] --- |
--- [3] --- upavāsena agnilokam avāpnuyāt || 3:156 ||

Am Vollmondtag soll man wiederum Agni verehren [Lücke von vier Silben; weitere Lücke von drei Silben]. Durch Fasten erlangt man die Welt des Feuers.

Anmerkung: Der Versanfang ist in den späteren Abschriften teilweise erhalten; auch pūjayeta und upavāsena enthalten Eingriffe der Edition. Die fehlenden sieben Silben werden nicht aus einer Parallele frei ergänzt.

Niśvāsamukha 3.157

pāpī mucyati pāpena dhanavān sañ ca jāyate |
ubhayoḥ pakṣayor eṣa vidhir ukto mayā dvijāḥ || 3:157 ||

Der Schuldige wird von seiner Verfehlung frei und wird als Wohlhabender geboren. Für beide Monatshälften habe ich diese Vorschrift erklärt, ihr Zweimalgeborenen …

Anmerkung: Die Anrede an Brahmanen passt nicht ohne Weiteres zum Gespräch Shivas mit der Göttin. Kafle erwägt einen Einschub aus Nandikeshvaras Rahmenrede; der Grundtext setzt hier keine neue Sprecherangabe. ‚Und‘ bleibt erhalten, obwohl die englische Übersetzung verschiedene Personengruppen unterscheidet.

Niśvāsamukha 3.158

upavāsasya devānām pūjanaṃ sāmprataṃ śṛṇu |
pratipad bhojayed viprān pūjayitvā prajāpatim || 3:158 ||

… die Vorschrift des Fastens. Höre nun von der Verehrung der Götter. Am ersten Tag [der Monatshälfte] soll man Prajapati verehren und danach Brahmanen bewirten.

Anmerkung: Die Satzgrenze liegt nach upavāsasya, das noch zu Vers 157 gehört. Pratipad ist der erste Mondtag; die englische Übersetzung nennt hier ungenau den Neumondtag.

Niśvāsamukha 3.159

sauvarṇṇañ cāravindan tu kuryān nāmāṅkitan tataḥ |
⟪tāmrapātre ghṛtapūrṇṇe ⟫kṣiptvā viprāya dāpayet || 3:159 ||

Dann soll man einen goldenen Lotus herstellen, ihn mit den Namen [Prajapatis] versehen, in ein mit geklärter Butter gefülltes Kupfergefäß legen und einem Brahmanen schenken lassen.

Anmerkung: Die Namen werden hier nicht ausgeschrieben; als Bezug kommt die Reihe in 3.64–65 infrage. Die Angabe des Kupfergefäßes ist aus der Parallelüberlieferung ergänzt.

Niśvāsamukha 3.160

īpsitāṃl labhate kāmān niṣkāmo brahmalokatām |
agnim pūjya dvitīyāyām brāhmaṇāṃs tarppayen naraḥ || 3:160 ||

So erlangt man die ersehnten Wünsche; ohne Begehren erlangt man den Aufenthalt in Brahmas Welt. Am zweiten Tag soll ein Mensch Agni verehren und Brahmanen sättigen.

Niśvāsamukha 3.161

sauvarṇṇavaste nāmāni vahner ālikhya yatnataḥ |
udumbare jyapūrṇṇe tu bhājane prakṣipet tu tam || 3:161 ||

Sorgfältig soll man die Namen des Feuers auf einen goldenen Ziegenbock schreiben und diesen in ein mit geklärter Butter gefülltes Gefäß aus Udumbara-Holz setzen.

Anmerkung: Die unregelmäßige Fügung udumbare jyapūrṇṇe wird im Sinne von ‚im Udumbara-Gefäß, mit Butter gefüllt‘ verstanden. Gemeint ist ein goldenes Bild des Tieres.

Niśvāsamukha 3.162

toyapūrṇṇe ghaṭe sthāpya bhakṣyabhojyasamanvite |
ubhābhyām api pakṣābhyān dadyād viprāya śobhane || 3:162 ||

Nachdem man zwei mit Wasser gefüllte Töpfe zusammen mit Speisen zum Kauen und Essen aufgestellt hat, soll man [dies] in beiden Monatshälften einem trefflichen Brahmanen geben.

Anmerkung: Toyapūrṇṇe bedeutet ‚mit Wasser gefüllt‘; die englische Übersetzung nennt hier Milch. Śobhane steht in einem ungewöhnlichen Kasus zu viprāya. Die Zweizahl ergibt sich aus den Dualformen.

Niśvāsamukha 3.163

sarvvakāmaprado vahnir abdaikena bhaviṣyati |
yāvajjīvaṃ kṛtenaiva tv agnilokaṃ sa gacchati || 3:163 ||

Innerhalb eines Jahres wird der Feuergott ihm alle Wünsche gewähren. Vollzieht er dies lebenslang, gelangt er in die Welt des Feuers.

Niśvāsamukha 3.164

tṛtīyāyān tu sampūjya yakṣaṃ hemamayīṅ gadām |
nāmāny ālikhya dātavyā bhājane ghṛtapūrite || 3:164 ||

Am dritten Tag soll man den Yaksha verehren, seine Namen auf eine goldene Keule schreiben und diese in einem mit geklärter Butter gefüllten Gefäß verschenken.

Anmerkung: Der Yaksha ist hier Kubera. Die grammatische Konstruktion wechselt im Vers; ein besonderes Wirkungsversprechen für diese Gabe ist nicht überliefert.

Niśvāsamukha 3.165

caturthyān dantinan dadyāt sauvarṇṇanāma-cāṅkitam |
vighneśvarasya devasya ghṛtapūrṇṇodumbare sthitam || 3:165 ||

Am vierten Tag soll man einen goldenen Elefanten schenken, der mit den Namen des Gottes Vighneshvara versehen und in einem mit geklärter Butter gefüllten Udumbara-Gefäß aufgestellt ist.

Anmerkung: Die Wortfügung sauvarṇṇanāma-cāṅkitam ist sprachlich unregelmäßig; das eingeschobene ca bleibt erhalten. Der Grundtext nennt einen Elefanten, nicht den in einer Parallelfassung stehenden Stoßzahn.

Niśvāsamukha 3.166

vipraṃ subhojitāṅ kṛtvā dattvā bhakṣān ghaṭāny api |
samvatsareṇa siddhiḥ syād yāvajjīve gaṇeśatā || 3:166 ||

Zuvor soll man die Brahmanen gut bewirtet und ihnen Speisen und auch Töpfe geschenkt haben. Innerhalb eines Jahres stellt sich Vollendung ein; bei lebenslangem Vollzug die Stellung eines Herrn der Ganas.

Anmerkung: Die Kasus- und Numerusformen der ersten Hälfte sind unregelmäßig. ‚Vollendung‘ gibt siddhi wieder; eine näher bestimmte einzelne Fähigkeit nennt der Vers nicht.

Niśvāsamukha 3.167

pañcamyāṃ hemajam padmaṃ dattvā viprāya bhojite |
ghṛtaplutaṃ sanāmāṅkan tāmrabhājanasaṃsthitam || 3:167 ||

Am fünften Tag soll man einem zuvor bewirteten Brahmanen einen goldenen Lotus schenken, mit einem Namen versehen, von geklärter Butter umgeben und in einem Kupfergefäß aufgestellt.

Anmerkung: Die Namen folgen in Vers 168. Padma, ‚Lotus‘, wird bewahrt; der Paralleltext hat an dieser Stelle ‚Schlange‘. Dattvā steht ungewöhnlich in der Funktion einer Anweisung.

Niśvāsamukha 3.168

anantam vāsukiṃ vāpi takṣakaṃ vā trirekhiṇam |
padmam mahābjaṃ śaṅkhaṃ vā kulikaṃ vā mahoragam || 3:168 ||

Ananta oder Vasuki, Takshaka oder Trirekhin, Padma, Mahabja, Shankha oder die große Schlange Kulika …

Anmerkung: Die Reihe enthält acht Schlangennamen. Trirekhin bedeutet ‚mit drei Linien‘; Mahabja entspricht dem bekannteren Namen Mahapadma. Die im Grundtext stehenden Namen werden nicht durch eine spätere Standardliste ersetzt.

Niśvāsamukha 3.169

sampūjyānyataman teṣāṃ gandhadhūpasragādibhiḥ |
bhakṣyabhojyānnapānaiś ca kāmadam pāpahāriṇam || 3:169 ||

… irgendeinen von ihnen soll man verehren, mit Düften, Räucherwerk, Kränzen und dergleichen, mit Speisen, gekochter Nahrung und Getränken: als einen, der Wünsche gewährt und Verfehlungen hinwegnimmt.

Niśvāsamukha 3.170

mayūraṃ hemajaṅ kṛtvā skandanāmāṅkitaṃ śubham |
ṣaṣṭhyān dadyāt tu viprāya ghṛtapūrṇṇodumbare sthitam || 3:170 ||

Man soll einen schönen goldenen Pfau herstellen, mit den Namen Skandas versehen und am sechsten Tag einem Brahmanen schenken, aufgestellt in einem mit geklärter Butter gefüllten Udumbara-Gefäß.

Niśvāsamukha 3.171

toyapūrṇṇāś ca kalaśān bhakṣyabhojyasamanvitān |
⟪dattvā kāmān avāpnoti ⟫pakṣayor ubhayor api || 3:171 ||

Auch mit Wasser gefüllte Krüge, zusammen mit Speisen zum Kauen und Essen, soll man schenken. Wer dies in beiden Monatshälften tut, erlangt seine Wünsche.

Anmerkung: Die Wendung ‚durch Schenken erlangt er Wünsche‘ ist aus der Parallelüberlieferung ergänzt. Toya bedeutet Wasser; die englische Übersetzung nennt hier Milch.

Niśvāsamukha 3.172

samvatsareṇa kāmāṃs tu cintitāṃ labhate naraḥ |
pāpī mucyati pāpena śuddhātmā skandam āpnuyāt || 3:172 ||

Innerhalb eines Jahres erlangt ein Mensch die Wünsche, an die er gedacht hat. Der Schuldige wird von seiner Verfehlung frei; wer innerlich rein ist, gelangt zu Skanda.

Anmerkung: Die ungewöhnlichen Formen cintitām und mucyati bleiben im Sanskrit stehen. ‚Zu Skanda‘ kann im Zusammenhang den Aufenthalt in dessen Welt meinen.

Niśvāsamukha 3.173

aśvaṃ hemamayan dadyād raver nnāmāṅkitam budhaḥ |
pakṣayor ubhayor eva saghṛte tāmrabhājane || 3:173 ||

Der Einsichtige soll in beiden Monatshälften ein goldenes Pferd schenken, mit dem Namen der Sonne versehen, in einem Kupfergefäß mit geklärter Butter.

Anmerkung: Der siebte Mondtag ist aus der fortlaufenden Reihe zu erschließen, steht aber nicht ausdrücklich in diesem Vers.

Niśvāsamukha 3.174

varṣeṇaikena pāpātmā mucyate bahukilbiṣāt |
yāvajjīvakṛtenaiva ādityapadam āpnuyāt || 3:174 ||

Innerhalb eines Jahres wird der mit Verfehlungen Belastete von vieler Schuld frei. Vollzieht man dies lebenslang, erlangt man die Stätte des Sonnengottes.

Niśvāsamukha 3.175

aṣṭamyāṃ vṛṣabhan dadyād bhavanāmāṅkitan dvije |
ubhābhyām api pakṣābhyāṃ saghṛte tāmrabhājane || 3:175 ||

Am achten Tag soll man in beiden Monatshälften einem Brahmanen einen Stier schenken, mit den Namen Bhavas versehen, in einem Kupfergefäß mit geklärter Butter …

Anmerkung: Das goldene Bild ergibt sich aus dem fortlaufenden Zusammenhang. Die Form dvije ist ein ungewöhnlicher Kasus beim Empfänger der Gabe.

Niśvāsamukha 3.176

kalaśair bhakṣasaṃyuktaiḥ payasā ca supūritaiḥ |
samvatsareṇa śuddhātmā īpsitaṃ labhate phalam || 3:176 ||

… zusammen mit Krügen, die mit Speisen verbunden und gut mit Milch gefüllt sind. Innerhalb eines Jahres erlangt man, innerlich gereinigt, die gewünschte Frucht.

Anmerkung: Anders als in Vers 162 und 171 steht hier ausdrücklich payas, Milch.

Niśvāsamukha 3.177

yāvajjīvena gaṇatāṃ yo ’rccayen nāmabhir haram |
navamyāṃ siṃhaṃ nāmena devyāś cābhyarcite[[((na ca))]] || 3:177 ||

Wer Hara lebenslang unter seinen Namen verehrt, [erlangt] den Zustand eines Gana. Am neunten Tag [schenke man] einen Löwen, mit dem Namen der Göttin versehen, nachdem man sie verehrt hat …

Anmerkung: Die zweite Hälfte ist sprachlich gestört; ihre Übersetzung bleibt vorläufig. Die Ergänzung na ca beendet hier das Wort abhyarcitena und fügt ‚und‘ an: Sie ist keine Verneinung. Die Anweisung setzt sich in Vers 178 fort, ohne einen sicher erhaltenen Erfolgssatz.

Niśvāsamukha 3.178

ghṛtatāmrasya dānāñ ca bhakṣaiḥ payaghaṭānvitaiḥ |
yamāya mahiṣan dadyān nāmāṅkan tu ghṛtaplutam || 3:178 ||

… und durch die Gabe von Butter und einem Kupfergefäß, zusammen mit Speisen und Milchkrügen. Dem Yama soll man einen Büffel schenken, mit [seinen] Namen versehen und von geklärter Butter umgeben …

Anmerkung: Der Beginn schließt an die schwierige Göttinnen-Gabe in Vers 177 an; auch ghṛtatāmrasya ist eine ungewöhnliche Wortverbindung. Der zweite Satz beginnt die Verehrung Yamas.

Niśvāsamukha 3.179

tāmrabhājanasaṃsthan tu payoghaṭasamanvitam |
bhakṣair yuktaṃ daśamyān tu viprān sambhojya dāpayet || 3:179 ||

… aufgestellt in einem Kupfergefäß, zusammen mit einem Milchkrug und mit Speisen. Am zehnten Tag soll man die Brahmanen bewirten und ihnen [dies] schenken lassen.

Niśvāsamukha 3.180

yāmyaduḥkhena mucyante mahāpātakino ’pi ye |
saṃvatsareṇa śuddhātmā jīvānte gatir uttamā || 3:180 ||

Auch diejenigen, die schwere Verfehlungen begangen haben, werden von Yamas Leiden frei. Innerhalb eines Jahres [wird man] innerlich rein; am Lebensende [erlangt man] eine vorzügliche Daseinsstätte.

Anmerkung: Der Vers wechselt zwischen Mehrzahl und Einzahl und endet nominal. Die in der Übersetzung ergänzten Verben sind deshalb in Klammern gesetzt.

Niśvāsamukha 3.181

ekādaśyān tu dharmmasya vṛṣan dadyād dvijottame |
nāmāṅkaṃ saghṛtan tāmraṃ ghaṭam bhakṣasamāyutam || 3:181 ||

Am elften Tag soll man einem ausgezeichneten Brahmanen einen Stier des Dharma schenken, mit [dessen] Namen versehen, dazu ein Kupfergefäß mit geklärter Butter und Speisen.

Anmerkung: Die Verbindung der Gegenstände ist im Sanskrit gedrängt und grammatisch ungleich gebaut; im fortlaufenden Zusammenhang steht das Stierbild in dem Gefäß. Der zweite Halbvers enthält eine Emendation der Edition.

Niśvāsamukha 3.182

sa dharmmagatim āpnoti śuddhaḥ saṃvatsareṇa tu |
kāmī labhati kāmāñ ca niṣkāmo dharmmalokatām || 3:182 ||

Innerhalb eines Jahres erlangt er, gereinigt, eine dem Dharma entsprechende Daseinsstätte. Wer Wünsche hegt, erlangt seine Wünsche; wer ohne Begehren ist, den Aufenthalt in Dharmas Welt.

Niśvāsamukha 3.183

dvādaśyāṅ garuḍan dadyān nāmāṅkaṅ ghaṭam eva vā |
tāmrabhājanasaṃsthan tu ghaṭān toyena pūritān || 3:183 ||

Am zwölften Tag soll man einen Garuda schenken, mit [Vishnus] Namen versehen und in einem Kupfergefäß aufgestellt; auch ein Gefäß beziehungsweise mit Wasser gefüllte Töpfe [soll man geben].

Anmerkung: Die Konstruktion ghaṭam eva vā ist unsicher; die Edition erwägt zwei Töpfe nach Vers 162, doch der Wortlaut bietet keine sichere Zweizahl. Die zweite Hälfte ist konjiziert. Das goldene Vogelbild ist aus dem Zusammenhang zu verstehen.

Niśvāsamukha 3.184

viṣṇor nnāmnā tu dātavyā pakṣayor ubhayor api |
saṃvatsareṇa śuddhātmā ’pāpī kratuphalaṃ labhet || 3:184 ||

Im Namen Vishnus sind [diese Gaben] in beiden Monatshälften zu geben. Innerhalb eines Jahres erlangt man, innerlich gereinigt und schuldlos, die Frucht eines Opfers.

Anmerkung: Die Edition liest apāpī, ‚schuldlos‘; die nur schwach erkennbare Worttrennung lässt auch pāpī, ‚schuldig‘, erwägen. Ihre gewählte Lesung wird hier beibehalten.

Niśvāsamukha 3.185

yāvajjīvan tu sampūjya bhojanaiś ca sadakṣiṇaiḥ |
viṣṇulokam avāpnoti viṣṇunā saha modate || 3:185 ||

Wer [Vishnu] lebenslang verehrt, mit Bewirtungen und den dazugehörigen Gaben an die Ausführenden, erlangt Vishnus Welt und freut sich dort zusammen mit Vishnu.

Anmerkung: Dakshina bezeichnet die Gabe an einen Priester oder anderen Empfänger, der am Ritual beteiligt ist.

Niśvāsamukha 3.186

sauvarṇṇan dhanuṣan dadyāt pañcabāṇasamanvitam |
kāmadevaṃ samabhyarccya saghṛte ⟪tāmrabhājane⟫ || 3:186 ||

Nachdem man den Liebesgott verehrt hat, soll man einen goldenen Bogen mit fünf Pfeilen schenken, in einem Kupfergefäß mit geklärter Butter.

Anmerkung: Der erste Halbvers ist konjiziert, die Gefäßangabe aus dem Paralleltext ergänzt. Der dreizehnte Mondtag ergibt sich aus der Reihe, ist hier aber nicht ausgeschrieben.

Niśvāsamukha 3.187

bhakṣāmbupūrṇṇaghaṭakāṃ viprāṃ sambhojya dāpayet |
saubhāgyan dhanadhānyañ ca apāpī labhate dhruvam || 3:187 ||

Man soll Brahmanen bewirten und ihnen mit Speisen und Wasser gefüllte Töpfe schenken lassen. Der Schuldlose erlangt gewiss Liebesglück, Reichtum und Getreide.

Anmerkung: Die Kasusformen der ersten Hälfte sind unregelmäßig. Saubhagya hat im Zusammenhang der Verehrung Kamas besonders mit Glück und Anziehung im Liebesleben zu tun.

Niśvāsamukha 3.188

yāvajjīvan tu sampūjya kāmadevapadam vrajet |
caturddaśyāṃ vṛṣan dadyāt sampūjya parameśvaram || 3:188 ||

Wer ihn lebenslang verehrt, gelangt zur Stätte des Liebesgottes. Am vierzehnten Tag soll man den höchsten Herrn verehren und einen Stier schenken …

Niśvāsamukha 3.189

tasya nāmāṅkitaṅ kṛtvā tāmrabhājanasaṃsthitam |
pradadyād vipramukhyebhyo bhojayitvā yathāvidhi || 3:189 ||

… mit seinen Namen versehen und in einem Kupfergefäß aufgestellt. Man soll ihn vorzüglichen Brahmanen geben, nachdem man sie vorschriftsgemäß bewirtet hat …

Niśvāsamukha 3.190

ubhābhyām api pakṣābhyāṅ ghaṭām bhakṣāmbupūritām |
abdāt pāpaviśuddhas tu dvādaśābde gaṇeśvaraḥ || 3:190 ||

… in beiden Monatshälften, dazu Töpfe, gefüllt mit Speisen und Wasser. Nach einem Jahr ist man von Verfehlungen gereinigt; im zwölften Jahr [wird man] ein Herr der Ganas.

Anmerkung: Die überlieferten Formen ghaṭām und pūritām sind unregelmäßig; die Übersetzung folgt dem Zusammenhang der Gefäßgaben.

Niśvāsamukha 3.191

yāvajjīvakṛtenaiva sāyojyas tu maheśvare |
amāvāsyām paurṇṇamāsyāṃ pakṣayor ubhayor api || 3:191 ||

Durch lebenslangen Vollzug [erlangt man] die Vereinigung mit Maheshvara. Am Neumond- und am Vollmondtag, in beiden Monatshälften …

Anmerkung: Sāyojyaḥ wird hier im Sinn von sāyujyam, Vereinigung, verwendet. Der zweite Halbvers leitet erneut zur Ahnenverehrung über.

Niśvāsamukha 3.192

śrāddhapiṇḍāpsudānena pitṝn yas tu samarccayet |
sauvarṇṇam puruṣaṅ kṛtvā pitṛnāmāṅkitan naraḥ || 3:192 ||

… soll man die Ahnen durch die Gabe von Reisklößen des Ahnenopfers ins Wasser verehren. Ein Mensch soll eine goldene Menschengestalt herstellen, mit dem Namen eines Ahnen versehen …

Anmerkung: Die ungewöhnliche Wortverbindung enthält apsu, ‚im Wasser‘, als Teil eines Kompositums. Die goldene Figur ist eine Ritualgabe.

Niśvāsamukha 3.193

pradadyād vipramukhyebhyo tāmrasthaṃ ghṛtasaṃplutam |
bhakṣāmbupūrṇṇaghaṭakān dattvā caiva vikalmaṣaḥ || 3:193 ||

… und sie vorzüglichen Brahmanen schenken, in einem Kupfergefäß stehend und von geklärter Butter umgeben. Indem er auch mit Speisen und Wasser gefüllte Töpfe schenkt, wird er frei von Verfehlungen.

Anmerkung: Die Beschreibung des Kupfergefäßes und der Butter beruht auf einer Konjektur der Edition; im Apparat steht für den letzten Ausdruck die abweichende Druckform sampulutam.

Niśvāsamukha 3.194

abdenaikena yuktātmā vipāpī kāmam īpsitam |
yāvajjīvam pitṛpadam bhraṣṭo bhavati bhogavān || 3:194 ||

Innerhalb eines Jahres [erlangt er], gesammelt und von Verfehlungen frei, seinen ersehnten Wunsch; durch lebenslangen [Vollzug] die Stätte der Ahnen. Fällt er von dort wieder herab, wird er als Wohlhabender geboren.

Anmerkung: Das Verb ‚erlangen‘ ist in der ersten Hälfte mitzudenken. Das Herabfallen bezeichnet das Ende eines himmlischen Aufenthalts, keine körperliche Übung.

Niśvāsamukha 3.195

dhanadhānyasamṛddhas tu bahuputraś ca so bhavet |
devānām pūjane hy eṣa vidhir ukto mayā dvijāḥ || 3:195 ||

Reich an Vermögen und Getreide wird er sein und viele Söhne haben. Diese Vorschrift für die Verehrung der Götter habe ich euch erklärt, ihr Zweimalgeborenen.

Anmerkung: Die Anrede an die Brahmanen verweist wieder auf den Erzählrahmen mit Nandikeshvara. Die Schlussrede ist nicht durch eine eigene Sprecherformel abgesetzt.

Niśvāsamukha 3.196

devyāśaṅkarasaṃvāde tan mayā parikīrttitam |
[[((paścime))]]naiva vaktreṇa laukikaṅ gaditaṃ sadā || 3:196 ||

Was im Gespräch der Göttin mit Shankara [gelehrt wurde], habe ich wiedergegeben: die weltbezogene religiöse Ordnung, die stets durch sein westliches Gesicht verkündet wird.

Anmerkung: Paścimena, ‚durch das westliche‘, ist am Anfang teilweise nur in den späteren Abschriften bezeugt. Laukika bezeichnet hier den Strom allgemein zugänglicher religiöser Pflichten. Die künstliche Trennung naiva als Verneinung wäre falsch: na gehört zum Instrumental paścimena, darauf folgt eva.

Niśvāsamukha 3 – Kolophon

|| ⊗ || iti niśvāsamukhatattvasaṃhitāyāṃ laukike tṛtīyaḥ paṭalaḥ |

Damit endet das dritte Kapitel über die weltbezogene religiöse Ordnung in der Nishvasamukhatattvasamhita.

Anmerkung: Das Zierzeichen des Drucks wird mit ⊗ wiedergegeben.

Niśvāsamukha 3 – Zählvermerk

ślo 197 || ⊗ ||

[Zählvermerk:] 197 Verse.

Anmerkung: Der Zählvermerk nennt 197, die kritische Edition nummeriert jedoch 196 Verse. Es wird kein zusätzlicher Vers erfunden, um beide Zahlen anzugleichen.
Shiva-Darstellung am Ganges. Die Stättenverehrung des Einleitungsbuches hat eine eigene historische Geographie.

Niśvāsamukha, Kapitel 4: Vedischer Weg, Erkenntnis und Atimarga

Grundtext: Kafle 2020, S. 223–239. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Niśvāsamukha 4 – Sprecherangabe vor 4.1

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Niśvāsamukha 4.1

vedadharmmaḥ kathan deva karttavyo gatim icchatā |
svargāpavargahetoś ca prasādād vaktum arhasi || 4:1 ||

Wie, o Gott, soll derjenige, der ein gutes Daseinsziel erstrebt, die vedische Lebensordnung befolgen, um Himmel und Befreiung zu erlangen? Bitte erkläre es in deiner Gnade.

Anmerkung: Dharma bezeichnet hier ausdrücklich die vedische religiöse Lebensordnung. Gati kann den Weg, das erreichte Daseinsziel oder die nächste Existenz bezeichnen.

Niśvāsamukha 4 – Sprecherangabe vor 4.2

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Niśvāsamukha 4.2

mekhalī daṇḍadhārī ca saṃdhyopāsanatatparaḥ |
⟪svādhyāyī⟫ homajāpī ca bhaikṣāśī ca amaithunī || 4:2 ||

Er soll einen Gürtel tragen und einen Stab halten, sich ganz der Verehrung an den Übergängen des Tages widmen, den Veda rezitieren, Feueropfer und Mantrarezitation vollziehen, von Almosen leben und sexuell enthaltsam sein.

Anmerkung: Es folgen Vorschriften für den vedischen Schüler, nicht allgemeine Regeln für jeden heutigen Yoga-Übenden. ⟪…⟫ bezeichnet in diesem Kapitel Ergänzungen der Ausgabe aus dem Shivadharmasangraha; sie sind gegenüber dem verlorenen Wortlaut nicht sicher.

Niśvāsamukha 4.3

madhumāṃsanivṛttaś ca sakṣāralavaṇāni ca |
vṛkṣarohaṇam ekāntan tāmbūlañ ca na bhakṣayet || 4:3 ||

Er soll sich berauschenden Getränks und Fleisches enthalten, ebenso scharf-alkalischer und salziger Nahrung; das Besteigen von Bäumen und die Absonderung soll er meiden und keinen Betel kauen.

Anmerkung: Madhu kann auch Honig bedeuten; die Ausgabe versteht hier berauschendes Getränk. Der unregelmäßige Satz verbindet Essensverbote mit Tätigkeiten, für die im Deutschen ein eigenes Verb ergänzt werden muss.

Niśvāsamukha 4.4

varjanam prekṣaṇaṃ kūpe na nagnasnānam ācaret |
strīprekṣaṇan na kurvīta mālyadhūpañ ca varjayet || 4:4 ||

Er soll es vermeiden, in einen Brunnen zu schauen, und nicht nackt baden. Er soll Frauen nicht anschauen und auf Blumengirlanden und Räucherwerk verzichten.

Anmerkung: Historische Reinheits- und Enthaltsamkeitsregeln des hier beschriebenen Schülerstandes.

Niśvāsamukha 4.5

varjayed añjanaṃ ⟪gandhan tathā viṣamalaṃghanam⟫ |
⟪ṣaṭtriṃśadābdikaṃ caryā⟫ guros traivedikaṃ vratam || 4:5 ||

Er soll Augensalbe und Duftstoffe meiden, ebenso das Überqueren unebenen Geländes. Die auf den drei Veden beruhende Observanz beim Lehrer soll sechsunddreißig Jahre dauern …

Anmerkung: Der Satz über die Studiendauer setzt sich in Vers 6 fort. Die ungewöhnliche Form caryā wird nicht stillschweigend zu caryām verbessert.

Niśvāsamukha 4.6

tadardhikaṃ pādikaṃ vā grahaṇāntikam eva vā |
brahmacārivrataṃ hy etad uktan devi mayā purā || 4:6 ||

… oder die Hälfte davon, ein Viertel davon oder nur bis zum Abschluss des Lernens. Dies ist die Observanz des enthaltsamen Schülers, o Göttin, die ich zuvor gelehrt habe.

Niśvāsamukha 4.7

vibhraṣṭo narakaṃ yāti svācaran svargagatim brajet |
brahmacārividhiḥ khyāto gṛhasthasya pracakṣyate || 4:7 ||

Wer davon abfällt, gelangt in die Hölle; wer sie gut befolgt, gelangt zum Himmel. Die Lebensregel des enthaltsamen Schülers ist erklärt. Nun wird die des Haushälters dargelegt.

Anmerkung: Himmel und Hölle sind hier religiöse Aussagen der Schrift, keine überprüften Wirkungszusagen.

Niśvāsamukha 4.8

kṛtadāro gṛhe yas tu yajed yajñāṃ sadakṣiṇāṃ |
svādhyāyam pratyahaṃ kuryāt sāyaṃ ⟪prātaś ca hāvanam⟫ || 4:8 ||

Wer verheiratet im Haus lebt, soll Opfer mit Gaben für die Opferpriester darbringen. Er soll täglich den Veda studieren und abends sowie morgens Feuerdarbringungen vollziehen.

Anmerkung: Die Formen yajñāṃ sadakṣiṇāṃ und hāvanam sind sprachlich unregelmäßig. Die Übersetzung folgt ihrem Sinn im Zusammenhang.

Niśvāsamukha 4.9

baliñ ca vaiśvadevañ ca atitheś caiva pūjanam |
darśaṃ ca paurṇṇamāsañ ca paśubandheṣṭim eva ca || 4:9 ||

Er soll Speisegaben darbringen, das Opfer für alle Götter vollziehen und den unverhofft kommenden Gast ehren, ebenso das Neu- und Vollmondopfer sowie das Tieropfer ausrichten …

Anmerkung: Der Satz führt die Verpflichtungen des Haushälters aus Vers 8 fort. Die historische Erwähnung des Tieropfers ist keine heutige Praxisempfehlung.

Niśvāsamukha 4.10

śrāddhaṃ sadakṣiṇaṅ kuryād ṛtukāle vrajet striyam |
varjayet paradārāṃś ca ācārāṅ gatim āpnuyāt || 4:10 ||

… und die Ahnenfeier mit Gaben für die Priester vollziehen. Zur fruchtbaren Zeit soll er mit seiner Frau zusammenkommen und die Frauen anderer Männer meiden. Durch die rechte Lebensführung soll er ein gutes Daseinsziel erreichen.

Anmerkung: Die Regel spricht aus der Perspektive eines verheirateten Mannes. Die unregelmäßige Lesung ācārāṅ bleibt im Grundtext stehen.

Niśvāsamukha 4.11

ahiṃsā nirmamatvaṃ ca bādhasteyavivarjitaḥ |
kāmakrodhanivṛttiś ca gurupūjābhivādanam || 4:11 ||

Gewaltlosigkeit und Freiheit vom besitzergreifenden Mein-Sagen; niemanden bedrängen und nicht stehlen; sich von Begehren und Zorn abwenden; den Lehrern Verehrung und ehrerbietigen Gruß erweisen …

Anmerkung: Die Aufzählung wird in Vers 12 abgeschlossen. Bādhasteyavivarjitaḥ ist eine Konjektur der Ausgabe.

Niśvāsamukha 4.12

kṣamā damo dayā dānaṃ satyaṃ śaucan dhṛtir ghṛṇā |
vidyā vijñānam āstikyam etad brāhmaṇalakṣaṇam || 4:12 ||

… Geduld, Selbstbeherrschung, Mitgefühl, Freigebigkeit, Wahrhaftigkeit, Reinheit, Standhaftigkeit, menschliche Anteilnahme, Lernen, Einsicht und Vertrauen in die religiöse Überlieferung: Dies kennzeichnet einen Brahmanen.

Anmerkung: Die Schrift beschreibt hier ein religiös-soziales Ideal ihrer Zeit. Ghṛṇā wird im Zusammenhang als Anteilnahme verstanden, nicht in seiner möglichen Bedeutung ‚Abscheu‘.

Niśvāsamukha 4.13

pratyahaṃ saṃhitājāpī tv abdenaikena sidhyati |
tryabdāṅ gāyatrisiddhis tu brahmalokam avāpnuyāt || 4:13 ||

Wer täglich die vedischen Sammlungen rezitiert, erlangt innerhalb eines Jahres Vollendung. Nach drei Jahren tritt die Vollendung der Gayatri ein; er soll die Welt Brahmas erreichen.

Anmerkung: Gayatri wird benannt, ihr Wortlaut aber nicht mitgeteilt. Welche Vollendung genau gemeint ist, bleibt offen. Eine lebenslange Dauer vor dem letzten Satz ist nur eine Erwägung des englischen Kommentars und wird nicht in den Sanskrittext eingefügt.

Niśvāsamukha 4.14

ṛgyajuḥsāmatharvāṇāṃ pratyahaṃ saṃhitāñ japet |
jitendriyo ’pratigrahī brahmalokaṃ sa gacchati || 4:14 ||

Er soll täglich die Sammlungen von Rig-, Yajur-, Sama- und Atharvaveda rezitieren. Hat er seine Sinne bezähmt und nimmt keine Gaben an, so gelangt er in die Welt Brahmas.

Anmerkung: Die Zusammenfügung der Veda-Namen ist eine Konjektur der Ausgabe. Apratigrahin bedeutet hier enger ‚keine Gaben annehmend‘, nicht einfach allgemeine Besitzlosigkeit.

Niśvāsamukha 4.15

śiloñchenaiva jīveta pramṛtenaiva vā punaḥ |
asvayaṅkṛtavāṇijye bhūtādroheṇa jīvate || 4:15 ||

Er soll vom Auflesen liegen gebliebener Ähren und Körner oder vom Ackerbau leben. Ohne selbst Handel zu treiben, lebt er, ohne den Lebewesen Schaden zuzufügen.

Anmerkung: Pramṛta wird mit Hilfe der angeführten Parallele Manusmriti 4.4–5 als Ackerbau verstanden. Der Grundtext bleibt trotz seiner unregelmäßigen Konstruktion unverändert.

Niśvāsamukha 4.16

japti juhoti vā nityaṃ sa svargaphalabhāg bhavet |
pañcayajñam akurvāṇo narakaṃ yāti so dhruvam || 4:16 ||

Er rezitiert und bringt regelmäßig Feueropfer dar; so soll er an der Frucht des Himmels teilhaben. Wer die fünf Opfer nicht vollzieht, gelangt gewiss in die Hölle.

Anmerkung: Japti ist eine ungewöhnliche Verbform. Die fünf Opfer werden in Vers 17 benannt; die Folgewirkungen sind Aussagen der Schrift.

Niśvāsamukha 4.17

adhyāpanam brahmayajñaṃ pitṛyajñan tu tarpaṇam |
homo daivo balir bhauto nṛyajño ’tithipūja[[nam]] || 4:17 ||

Das Lehren ist das Opfer für das heilige Wissen; die Wasserspende ist das Opfer für die Ahnen. Das Feueropfer gilt den Göttern, die Speisegabe den Wesen, und die Ehrung des Gastes ist das Opfer für die Menschen.

Anmerkung: [[…]] kennzeichnet Text, der an der verlorenen Stelle der alten Handschrift nur in der Abschrift K erhalten ist.

Niśvāsamukha 4.18

pañcaitāṃs tu mahāyajñān na hāpayati śaktitaḥ |
svagṛhe ’pi vasan nityaṃ sūnādoṣair na lipyate || 4:18 ||

Wer diese fünf großen Opfer nach seinen Kräften niemals ausfallen lässt, wird auch dann, wenn er beständig im eigenen Haus lebt, von der Schuld der Tötungsstätten nicht befleckt.

Anmerkung: Gemeint sind die alltäglichen Orte und Geräte, bei deren Gebrauch kleine Lebewesen unbeabsichtigt getötet werden können; Vers 19 zählt sie auf.

Niśvāsamukha 4.19

peṣaṇī kaṇḍanī cullī udakumbhaḥ pramārjjanī |
pañca sūnā bhavanty ete kathitās tava śobhane || 4:19 ||

Mahlstein, Stampfgerät, Herd, Wasserkrug und Besen: Dies sind die fünf Tötungsstätten, die ich dir, du Schöne, genannt habe.

Niśvāsamukha 4.20

yas tu brahmārppaṇenaiva yajed yajñān sadakṣiṇān |
ātmadhyānarataś caiva sa vidvān vedadharmmavit || 4:20 ||

Wer allein durch die Darbringung des heiligen Wissens Opfer mit ihren Priestergaben vollzieht und sich freudig der Betrachtung des Selbst widmet, der ist ein Einsichtiger, der die vedische Lebensordnung kennt.

Niśvāsamukha 4.21

dhyāyan praṇavayogena sarvagatvaṃ sa cāpnuyāt |
⟪ṣoḍaśāreṇa⟫ cakreṇa yadīcchet siddhim ātmanaḥ || 4:21 ||

Indem er durch die Verbindung mit dem Pranava meditiert, kann er Allgegenwart erreichen: durch das sechzehnspeichige Rad, wenn er für sich diese Vollendung erstrebt.

Anmerkung: Pranava bezeichnet Om. Die Stelle nennt ein sechzehnspeichiges Chakra, bestimmt aber dessen Körperort nicht. Eine Gleichsetzung mit einem heutigen Kehlchakra-Modell wäre eine unbelegte Ergänzung.

Niśvāsamukha 4.22

śraddhayā ekacittena sarvadvandvasahena ca |
nityañ cālubdhacittena sarvam ekatvadarśinā || 4:22 ||

Mit Vertrauen, mit auf ein Ziel gesammeltem Geist, alle Gegensätze ertragend, stets frei von gierigem Denken und in allem Einheit schauend soll er dies üben.

Anmerkung: Der Sanskritvers nennt Eigenschaften des Übenden und schließt grammatisch an die Meditation in Vers 21 an.

Niśvāsamukha 4.23

evaṃ yo varttate nityaṃ japadhyānārcahomasu |
na cāsau durggatiṃ yāti brahmalokaṃ sa gacchati || 4:23 ||

Wer so beständig in Rezitation, Meditation, Verehrung und Feueropfer lebt, gelangt nicht zu einem leidvollen Daseinsziel; er geht in die Welt Brahmas ein.

Niśvāsamukha 4.24

kevalaṃ karmmakārī syād ātmadhyānavivarjitaḥ |
agatvā ⟪sarvagaṃ brahma svargamātra⟫ phalaṃ labhet || 4:24 ||

Wer dagegen nur rituelle Handlungen vollzieht und die Meditation über das Selbst unterlässt, erreicht das allgegenwärtige Brahman nicht; er erlangt als Frucht lediglich den Himmel.

Anmerkung: Ein wesentlicher Teil des zweiten Halbverses ist aus dem Paralleltext ergänzt. Brahman, das höchste Wirkliche, ist sprachlich von Brahma, dem Schöpfergott, zu unterscheiden.

Niśvāsamukha 4.25

ata ūrdhvaṃ vanevāsī sabhāryas tu jitendriyaḥ |
vased vanagato vidvān varttanaṃ kuśabindunā || 4:25 ||

Danach soll der Einsichtige, nachdem er seine Sinne bezähmt hat, mit seiner Frau als Waldbewohner leben. Er soll in den Wald gehen und dort seinen Lebensunterhalt aus den Wassertropfen auf Kusha-Gras bestreiten.

Anmerkung: Die letzten Wörter sind konjektural hergestellt. Diese äußerst strenge Askese wird historisch beschrieben und nicht als Ernährungsempfehlung weitergegeben.

Niśvāsamukha 4.26

kandamūlaphalaiḥ śākaiḥ śyāmanīvārakāṅgubhiḥ |
sāyam prātaś ca tair eva homayej jātavedasam || 4:26 ||

Er soll sich von Knollen, Wurzeln, Früchten, Gemüse, dunklem Wildreis und Kangu-Korn ernähren und eben diese Dinge abends und morgens dem Feuer darbringen.

Anmerkung: Jatavedas ist ein Name des Feuergottes. Die botanische Bestimmung aller aufgezählten Körner ist nicht gesichert.

Niśvāsamukha 4.27

aphālakṛṣṭair vanajair devabrāhmaṇatarppaṇam |
((pitṝṇāṃ tarppaṇaṃ kāryaṃ)) ⟪japahomarataḥ sadā⟫ || 4:27 ||

Mit wild im Wald Gewachsenem, das nicht durch den Pflug angebaut wurde, soll er Götter und Brahmanen bewirten. Die Ahnen soll er durch Spenden zufriedenstellen und sich stets Rezitation und Feueropfer widmen.

Anmerkung: ((…)) bezeichnet Text, der an der verlorenen Stelle nur in der Abschrift W erhalten ist. Der letzte Versfuß stammt aus dem Paralleltext.

Niśvāsamukha 4.28

sarvabhūtahite yuktas sarvaduḥkhasahiṣṇuś ca |
śītātapāvakāśādi pañcāgnir jalaśāyitā || 4:28 ||

Er soll dem Wohl aller Wesen zugewandt sein und jedes Leiden ertragen: der Kälte und Sonnenhitze ausgesetzt, zwischen fünf Feuern und im Wasser liegend.

Anmerkung: Der Vers verbindet eine ethische Ausrichtung mit gefährlichen historischen Bußübungen. Letztere sind keine unbegleitete heutige Yogapraxis.

Niśvāsamukha 4.29

kuśavalkalavāsaḥ syāt kṛṣṇājinadharas sadā |
kṛcchrātikṛcchrataptādiparākcāndrāyaṇais sadā || 4:29 ||

Er soll sich mit Kusha-Gras und Baumrinde kleiden und stets ein schwarzes Antilopenfell tragen; beständig soll er die Bußübungen Krichchhra, Atikrichchhra, Tapta und andere, Paraka und Chandrayana einhalten.

Anmerkung: Die Namen bezeichnen strenge, zum Teil durch Fasten bestimmte Observanzen; ihre konkrete Durchführung wird hier nicht erklärt.

Niśvāsamukha 4.30

śīrṇṇaparṇṇāmbubhojī ca ātmānam pariśoṣayet |
mṛgacārī sahāvāsaḥ kaṣṭāṃ vṛttiṃ samāśritaḥ || 4:30 ||

Von abgefallenen Blättern und Wasser lebend soll er seinen Körper auszehren. Wie ein Wildtier soll er umherziehen, mit anderen zusammenleben und eine entbehrungsreiche Lebensweise auf sich nehmen.

Anmerkung: Sahāvāsaḥ, ‚mit anderen zusammenlebend‘, ist die schwierige überlieferte Lesung. Die Selbstkasteiung wird nicht als gesundheitsfördernde Praxis dargestellt.

Niśvāsamukha 4.31

brāhmaṇaḥ ⟪svargagāmī syād vibhraṣṭo⟫ narakaṃ vrajet |
vānaprasthavrataṃ khyātañ caturthañ cāśramaṃ śṛṇu || 4:31 ||

Ein solcher Brahmane gelangt zum Himmel; fällt er von der Observanz ab, gelangt er in die Hölle. Die Lebensordnung des Waldeinsiedlers ist erklärt. Höre nun vom vierten Lebensstand.

Niśvāsamukha 4.32

kāyastham agniṅ kṛtvā tu kham ākāśe tu vinyaset |
vinyased vāyum anile tv anale ’gnim payo ’mbhasi || 4:32 ||

Nachdem er das Opferfeuer in den eigenen Körper aufgenommen hat, soll er den Raum im universalen Raum niederlegen, den Atemwind im Wind, das Feuer im Feuer und das Wasser im Wasser.

Anmerkung: Der Übergang zum entsagenden Lebensstand wird als Verinnerlichung des Opferfeuers und geistige Rückgabe der körperlichen Bestandteile beschrieben.

Niśvāsamukha 4.33

kāyam bhūmau manaś candre dikṣu śrotrāṇi vinyaset |
viṣṇau pādau balaṃ rudre agnau vācaṃ vinikṣipet || 4:33 ||

Den Körper soll er in der Erde niederlegen, den Geist im Mond und das Gehör in den Himmelsrichtungen; die Füße in Vishnu, die Kraft in Rudra und die Rede im Feuer.

Anmerkung: Rudra ist ein Name Shivas. Die Zuordnungen gehören zu dieser konkreten Rückgabe-Meditation; sie sind keine anatomischen Aussagen.

Niśvāsamukha 4.34

mitre pāyv indriyaṃ nyasya śisnañ caiva prajāpatau |
saṃnyāsaṃ tu kramaṅ kṛtvā krodhalobhavivarjjitaḥ || 4:34 ||

Das Ausscheidungsorgan soll er in Mitra und das Geschlechtsorgan in Prajapati niederlegen. Nachdem er dieses Niederlegen in der gehörigen Reihenfolge vollzogen hat, frei von Zorn und Gier …

Anmerkung: Mitra und Prajapati sind vedische Gottheiten. Der Satz wird in Vers 35 abgeschlossen.

Niśvāsamukha 4.35

adrohī sarvabhūtānāṃ sarvam ātmani paśyati |
tridaṇḍakuṇḍī cakrī ca naikānnādas sa bhaikṣabhuk || 4:35 ||

… und ohne irgendeinem Wesen feindlich zu sein, sieht er alles im Selbst. Mit Dreifachstab und Wassergefäß soll er umherwandern und von Almosen leben, ohne seine Nahrung nur von einer einzigen Person zu beziehen.

Niśvāsamukha 4.36

na tv asvam upabhuñjīta bhaikṣavṛttisamāśritaḥ |
grāmaikarātram uṣito nagare pañcarātrakam || 4:36 ||

Er soll sich nichts aneignen, was ihm nicht gehört, sondern seinen Lebensunterhalt durch Almosen bestreiten. In einem Dorf soll er eine Nacht, in einer Stadt fünf Nächte bleiben.

Niśvāsamukha 4.37

varṣāsv ekatra nivased dambhakalkavivarjjitaḥ |
⟪grāmasaṅgavivarjjī⟫ syāt saṅgadoṣavivarjjitaḥ || 4:37 ||

Während der Regenzeit soll er an einem Ort wohnen, frei von Heuchelei und Unlauterkeit. Er soll die Bindung an das Dorf meiden und sich von den Fehlern des Anhaftens freihalten.

Niśvāsamukha 4.38

samas sarveṣu bhūteṣu anāraṃbhī ahiṃsakaḥ |
ātmadhyānarato nityam brāhmyabhāvasamanvitaḥ || 4:38 ||

Allen Wesen gleich zugewandt, ohne weltliche Unternehmungen und ohne Gewalt soll er sich stets der Meditation über das Selbst widmen und von der auf Brahman gerichteten Haltung erfüllt sein.

Anmerkung: Die Ausgabe bewahrt eine ungewöhnliche Form des Ausdrucks für die Brahman-Haltung.

Niśvāsamukha 4.39

evaṃ yo varttate nityaṃ sa yāti brahmalaukikam |
brahmaṇā saha modeta brahmaṇi sa tu līyate || 4:39 ||

Wer beständig so lebt, gelangt zur Welt Brahmas. Er soll sich mit Brahma freuen; schließlich geht er in Brahman ein.

Niśvāsamukha 4.40

vibhraṣṭo narakaṃ yāti kāmalobhasamanvitaḥ |
yathoktakārī brahmātmā brahmalokaṃ sa gacchati || 4:40 ||

Wer von dieser Lebensordnung abfällt und von Begehren und Gier erfüllt ist, gelangt in die Hölle. Wer so handelt, wie es gelehrt wurde, und sein Selbst auf Brahman richtet, geht in die Welt Brahmas ein.

Niśvāsamukha 4.41

vedadharmmo mayā proktaḥ svarganaiḥśreyasaḥ paraḥ |
uttareṇaiva vaktreṇa vyākhyātaś ca samāsataḥ || 4:41 ||

Ich habe die vedische Lebensordnung gelehrt, deren höchstes Ziel Himmel und endgültiges Heil sind; durch das nördliche Gesicht habe ich sie in Kürze erklärt.

Niśvāsamukha 4.42

ādhyātmikam pravakṣyāmi dakṣiṇāsyena kīrttitam |
sāṅkhyañ caiva mahājñānaṃ yogañ cāpi mahāvrate || 4:42 ||

Nun werde ich die Lehre vom Selbst darlegen, die durch das südliche Gesicht verkündet wurde: das große Wissen des Sankhya und auch den Yoga, o du mit der großen Observanz.

Anmerkung: Die Anrede gilt der Göttin. Sankhya ist hier eine Lehre von Wirklichkeitsprinzipien und der Unterscheidung zwischen Natur und bewusstem Selbst.

Niśvāsamukha 4.43

prakṛtim puruṣañ caiva ubhāv ekatra yojitau |
[--- 5 akṣara ---] hetuś ca yatas sarvam pravarttate || 4:43 ||

Natur und bewusstes Selbst sind miteinander verbunden. [Fünf Schriftzeichen fehlen] und die Ursache, aus der alles hervorgeht …

Anmerkung: Die Lücke wird nicht durch eine moderne Rekonstruktion gefüllt. Akshara bezeichnet die im Sanskrit-Schriftbild gezählte Silbeneinheit; die eckige Verlustangabe ist redaktionelle Umschreibung des Druckzeichens.

Niśvāsamukha 4.44

--- bhūte tu rajaḥsattvau prajāyate |
etat triguṇasaṃyuktaṃ tato buddhiś ca jāyate || 4:44 ||

Wenn [Textverlust] geworden ist, entstehen Rajas und Sattva. Dieses ist mit den drei Grundqualitäten verbunden; daraus entsteht die unterscheidende Erkenntniskraft.

Anmerkung: Rajas bezeichnet die bewegte, Sattva die klare Qualität der Natur. Das dritte Prinzip Tamas ist an dieser Stelle im erhaltenen Grundtext ausgefallen; die Ausgabe bespricht eine mögliche Ergänzung, setzt sie aber nicht in den laufenden Text.

Niśvāsamukha 4.45

buddhyahaṃkāras sambhūtas tanmātrāṇi tato ’bhavan |
indriyāṇi tathaiveha bhūtas tanmātrasambhavaḥ || 4:45 ||

Aus der Erkenntniskraft entsteht das Ich-Bewusstsein; daraus entstanden die feinen Sinnesqualitäten, ebenso hier die Sinnesvermögen. Die groben Elemente gehen aus den feinen Sinnesqualitäten hervor.

Anmerkung: Der Vers verwendet stark verkürzte und grammatisch unregelmäßige Formen. Tanmatras sind die feinen Grundlagen von Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Geruch.

Niśvāsamukha 4.46

acetanāni sarvāṇi puruṣaś cetanaḥ smṛtaḥ |
yāvan mamatvaṃ kurute [[tāvad da(ddhas tva)sau pumān]] || 4:46 ||

All dies gilt als ohne Bewusstsein; das bewusste Selbst dagegen ist bewusst. Solange es ein besitzergreifendes ‚mein‘ bildet, so lange ist dieser Mensch gebunden.

Anmerkung: Der letzte Versfuß ist nur in K vollständig überliefert; die runden Klammern bewahren die Unsicherheitsmarkierung dieses Schreibers. Der sinngebende Ausdruck für ‚gebunden‘ ist textlich unsicher.

Niśvāsamukha 4.47

prakṛtyā sarvakarmmāṇi sa --- [3] --- sukhī bhavet |
asaṃnyāsī tu badhyeta yāvan māyān na vindati || 4:47 ||

Alle Handlungen geschehen durch die Natur; er [drei Schriftzeichen fehlen] soll glücklich sein. Wer aber nicht entsagt, bleibt gebunden, solange er Maya nicht erkennt.

Anmerkung: Maya bezeichnet hier das bindende Erscheinungsgefüge; ihre genaue Beziehung zur Sankhya-Natur wird nicht erklärt. Das Wort sukhī, ‚glücklich‘, ist eine editorische Wiederherstellung.

Niśvāsamukha 4.48

sāṅkhyajñānam mayākhyātaṃ yogajñānañ ca me śṛṇu |
sarvadvandvasaho dhīras sarvadoṣavivarjjitaḥ || 4:48 ||

Ich habe das Wissen des Sankhya erklärt. Höre nun von mir das Wissen des Yoga. Wer alle Gegensätze erträgt, standhaft und von allen Fehlern frei ist …

Niśvāsamukha 4.49

saṃsārodvignacittas tu sa yogī parikīrttitaḥ |
uttarābhimukho bhūtvā baddhvā yogāsanan tataḥ || 4:49 ||

… und dessen Geist von der Unruhe des Daseinskreislaufs ergriffen ist, der wird ein Yogi genannt. Er soll sich nach Norden wenden und dann eine Yogasitzhaltung einnehmen …

Anmerkung: Die ersten beiden Versfüße schließen die Beschreibung aus Vers 48 ab; die folgenden eröffnen die Sitzanweisung in Vers 50.

Niśvāsamukha 4.50

svastikam padmakaṃ bhadraṃ tv arddhacandram prasāritam |
sāpāśrayam añjalikaṃ yogapaṭṭaṃ yathāsukham || 4:50 ||

… Svastika, den Lotussitz, Bhadra, den Halbmondsitz, Prasarita, Sapashraya, Anjalika oder den Sitz mit Yogagurt – so, wie es bequem ist.

Anmerkung: Die Aufzählung belegt Sitzhaltungen, nicht ein späteres Hatha-Yoga-Übungsprogramm. Mehrere Namen lassen ohne weitere Quellen keine eindeutige körperliche Rekonstruktion zu. Die auffällige Form sāpāśraya bleibt erhalten.

Niśvāsamukha 4.51

baddhvā yogāsanaṃ samyag ṛjukāyas samāhitaḥ |
jihvān tu tāluke nyasya dantair dantān na saṃspṛśet || 4:51 ||

Hat er die Yogasitzhaltung richtig eingenommen, soll er mit aufrechtem Körper gesammelt sein, die Zunge an den Gaumen legen und die oberen und unteren Zähne nicht aufeinanderpressen.

Anmerkung: Wörtlich: ‚mit den Zähnen die Zähne nicht berühren‘. Die Verneinung gehört ausdrücklich zum Text.

Niśvāsamukha 4.52

śabde sparśe ca rūpe ca rase gandhe ca pañcasu |
avaśaś cendriyagrāmaṃ saṃnirundhyāt prayatnataḥ || 4:52 ||

Bei den fünf Gegenständen Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Geruch ist die Schar der Sinne ungebändigt; er soll sie mit beharrlicher Bemühung zurückhalten.

Anmerkung: Der Sanskritsatz ist grammatisch unregelmäßig. Gemeint ist das Sammeln der Sinne, nicht ihre gewaltsame Unterdrückung als heutige Praxisanweisung.

Niśvāsamukha 4.53

pratipratinirodhāc ca pratyāhāraḥ prakīrttitaḥ |
sarvagame --- [3] --- tu dhyānarūpam arūpakam || 4:53 ||

Weil sie jeweils einzeln zurückgehalten werden, wird dies Pratyahara genannt. Beim Allgegenwärtigen [drei Schriftzeichen fehlen] jedoch: von der Gestalt der Meditation und gestaltlos.

Anmerkung: Pratyahara ist das Zurücknehmen der Sinne. Der beschädigte zweite Halbvers lässt sich nicht zu einem sicheren vollständigen Satz verbinden.

Niśvāsamukha 4.54

rāgadveṣavināśāya cintayed dhyānam eva tu |
prāṇāyāmam pravakṣyāmi triṣprakāraṃ samabhyaset || 4:54 ||

Um Zuneigung aus Begierde und Abneigung aufzulösen, soll er sich der Meditation widmen. Nun werde ich die Atemregelung erklären; er soll ihre drei Arten üben.

Anmerkung: Die folgenden Verse dokumentieren historische Atempraktiken. Sie ersetzen keine individuell angepasste Unterweisung; insbesondere Atemanhalten soll nicht erzwungen werden.

Niśvāsamukha 4.55

virecyāpūrya saṃruddhaṃ kumbhakam parikīrttitam |
pūrayec ca svakan dehaṃ yāvad āpūritam bhavet || 4:55 ||

Das Zurückhalten nach dem Aus- und Einatmen wird Kumbhaka genannt. Er soll den eigenen Körper mit Atem füllen, bis er gefüllt ist …

Anmerkung: Der zweite Halbvers beginnt die Erklärung von Puraka in Vers 56. Der Text gibt hier keine Dauer und kein Atemverhältnis an.

Niśvāsamukha 4.56

pūrakas tu samākhyāto prāṇāyāmo dvitīyakaḥ |
niṣkrāmayati yo vāyuṃ sva[[dehā]] --- [5] --- || 4:56 ||

… dies wird Puraka genannt, die zweite Art der Atemregelung. Wenn jemand den Atem aus dem eigenen Körper hinausgehen lässt [fünf Schriftzeichen fehlen] …

Niśvāsamukha 4.57

sa recakas samākhyātaḥ prāṇāyāmas tṛtīyakaḥ |
aṅguṣṭhāgre tu dhyāyīta vāyuṃ sarvagatañ calam || 4:57 ||

… so wird dies Rechaka genannt, die dritte Art der Atemregelung. An der Spitze der großen Zehe soll er über den allgegenwärtigen, beweglichen Wind meditieren.

Anmerkung: Mit dem zweiten Halbvers beginnt eine Folge von Elementmeditationen. Angushtha wird im Zusammenhang als große Zehe verstanden.

Niśvāsamukha 4.58

vāyunā pūrayed viśvaṃ kṛṣṇareṇvākulena tu |
evam abhyasamānas tu vāyurūpaḥ pravarttate || 4:58 ||

Mit Wind, erfüllt von dunklem Staub, soll er das All in seiner Vorstellung durchdringen. Wer so übt, tritt in der Gestalt des Windes hervor.

Anmerkung: Die behauptete Verwandlung ist eine Aussage der yogischen Bild- und Vorstellungswelt des Textes.

Niśvāsamukha 4.59

jvalantañ cintayed vahniṃ dahantaṃ sarvatodiśām |
evam abhyasatas tasya vahnirūpam prajāyate || 4:59 ||

Er soll sich ein loderndes Feuer vorstellen, das nach allen Richtungen brennt. Bei dem, der so übt, entsteht die Gestalt des Feuers.

Niśvāsamukha 4.60

pṛthvī kaṭhinarūpe(([[ṇa]])) śṛṇu dehe yathā sthitā |
dhyātavyā sā samudrāntā pītā niścalalakṣaṇā || 4:60 ||

Höre, wie die Erde in fester Gestalt im Körper vorhanden ist. Man soll über sie meditieren: bis zum Meer reichend, gelb und durch Unbeweglichkeit gekennzeichnet.

Anmerkung: Die verschachtelte Klammerung der Endsilbe bewahrt die Markierung der Ausgabe; die Silbe ist in den Abschriften erhalten, in der alten Handschrift jedoch verloren.

Niśvāsamukha 4.61

ghaṇṭikāyāṃ sravantan tu varuṇañ cintayed yadi |
āparūpaḥ prajāyeta dhāraṇādagdhakilbiṣaḥ || 4:61 ||

Wenn er am Gaumenzäpfchen das fließende Wasser betrachtet, wird er von der Gestalt des Wassers; seine Verfehlungen sind durch diese Konzentration verbrannt.

Anmerkung: Varuna, der Wassergott, steht hier für das Wasserelement. Dharana bezeichnet das feste Halten der inneren Aufmerksamkeit.

Niśvāsamukha 4.62

āgamais tarkayet tarkā yogavijñānakāraṇām |
svaparijñānam utpattau aviṣaṇṇas tu lakṣayet || 4:62 ||

Anhand der überlieferten Lehren soll er prüfend über die Gründe von Yoga und Einsicht nachdenken. Unverzagt soll er auf das Aufkommen der Erkenntnis des eigenen Selbst achten.

Anmerkung: Der Wortlaut ist grammatisch unregelmäßig. Agamas sind hier maßgebliche Überlieferungen; welche konkreten Texte gemeint sind, bleibt unbestimmt.

Niśvāsamukha 4.63

samādhau saṃsthitasyāsya [[vicitradarśanā]] --- [2] --- |
--- [6] --- vyeta yāvat tanmayatāṃ gataḥ || 4:63 ||

Bei dem, der in tiefer Sammlung verweilt, [erscheinen] vielfältige Visionen [zwei Schriftzeichen fehlen]. [Sechs Schriftzeichen fehlen] er soll [unverständliche Verbform] … bis er ganz darin aufgegangen ist.

Anmerkung: Der Vers ist mehrfach beschädigt; auch das erhaltene vyeta ist unsicher. Die eckige Ergänzung ‚erscheinen‘ ist eine sinngemäße Hilfe, kein rekonstruierter Grundtext.

Niśvāsamukha 4.64

śabdaṃ sparśaṃ ca rūpañ ca rasaṃ gandhañ ca pañcamam |
sarvāṇy etāny ajānāti yadā tanmayatāṅ gataḥ || 4:64 ||

Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und als Fünftes Geruch – all dies nimmt er nicht mehr wahr, wenn er ganz in jener Sammlung aufgegangen ist.

Anmerkung: Die unklassische Form ajānāti hat hier verneinenden Sinn. Dies ist eine Zustandsbeschreibung, keine Aufforderung, Warnsignale des Körpers zu ignorieren.

Niśvāsamukha 4.65

tāḍitañ ca na vindeta cakṣuṣā na ca paśyati |
divyadṛṣṭiḥ prajāyeta yadā tanmayatāṅ gataḥ || 4:65 ||

Auch das Schlagen nimmt er nicht wahr, und er sieht nicht mit dem leiblichen Auge. Göttliche Schau soll entstehen, wenn er ganz in jener Sammlung aufgegangen ist.

Anmerkung: Was geschlagen wird, bleibt im Sanskrit ungenannt; Kafle versteht das Schlagen von Instrumenten. Der Vers beschreibt eine Versenkung jenseits gewöhnlicher Sinneswahrnehmung, keine heutige Aufforderung, körperliche Warnsignale zu übergehen.

Niśvāsamukha 4.66

sarvavidyāḥ pravarttante sarvam prat[[((ya))]]kṣato bhavet |
((siddhaiś ca saha saṃbhāṣaṃ yadā)) tanmayatāṅ gataḥ || 4:66 ||

Alle Wissenskräfte entfalten sich, alles soll unmittelbar anschaulich werden, und es kommt zum Gespräch mit den Vollendeten, wenn er ganz in jener Sammlung aufgegangen ist.

Anmerkung: Große Teile sind nur in Abschriften erhalten. Siddhas sind nach der religiösen Vorstellung des Textes vollendete Wesen; ihre Begegnung ist kein zugesichertes Übungsergebnis.

Niśvāsamukha 4.67

--- [8] --- sarvajñaś caiva jāyate |
anenaiva śarīreṇa sa sṛjec caiva saṃharet || 4:67 ||

[Acht Schriftzeichen fehlen] und er wird allwissend. Mit eben diesem Körper soll er erschaffen und wieder auflösen können.

Anmerkung: Eine weitreichende traditionelle Machtzuschreibung, kein empirisch belegtes Versprechen.

Niśvāsamukha 4.68

īśvaraṃ dhyāyamānasya sarvam etat pravarttate |
īśvaram padam āpnoti brahmadhyānāc ca tatpadam || 4:68 ||

All dies entfaltet sich bei dem, der über den Herrn meditiert. Er erreicht den Zustand des Herrn; durch Meditation über Brahma erreicht er dessen Zustand.

Niśvāsamukha 4.69

viṣṇudhyānād viṣṇupadam anyeṣām eva tatpadam |
yena yena hi bhāvena tat tat padam avāpnuyāt || 4:69 ||

Durch Meditation über Vishnu erreicht er Vishnus Zustand, durch die über andere deren jeweiligen Zustand. Je nachdem, worauf er sein inneres Sein richtet, soll er den entsprechenden Zustand erreichen.

Niśvāsamukha 4.70

adhyātmikaṃ samākhyātam atimārggañ ca me śṛṇu |
bhasma((nā)) --- [5] --- bhasmaśāyī jitendriyaḥ || 4:70 ||

Die Lehre vom Selbst ist erklärt. Höre nun von mir den Atimarga. Mit Asche [fünf Schriftzeichen fehlen], auf Asche ruhend und mit bezähmten Sinnen …

Anmerkung: Atimarga ist hier der ‚über das gewöhnliche religiöse Leben hinausführende Weg‘ älterer Shiva-Asketen. Die Lücke wird nicht aus dem darunter zitierten Pashupatasutra aufgefüllt.

Niśvāsamukha 4.71

nirmmālyadhārī bhikṣāśī guhyasthānam paribrajet |
darśanārthan tu īśasya pūjān tatraiva kalpayet || 4:71 ||

… soll er abgelegte Opfergaben tragen, von erbettelter Nahrung leben und die geheimen heiligen Stätten aufsuchen. Um den Herrn zu schauen, soll er gerade dort Verehrung ausrichten.

Anmerkung: Nirmalya sind Dinge, die zuvor der Gottheit dargebracht wurden, etwa Blumen. Der Ausdruck bezeichnet hier eine besondere asketische Observanz.

Niśvāsamukha 4.72

liṅgasyāyatane vāso huḍḍuṅkārastavais tathā |
gītanṛtyanamaskārair brahmajapasaṃyutaḥ || 4:72 ||

Er soll im Heiligtum des Lingas wohnen, mit Hudduṅ-Rufen und Lobpreisungen, mit Gesang, Tanz und Verneigungen, verbunden mit der Rezitation der Brahma-Mantras.

Anmerkung: Hudduṅ bezeichnet einen charakteristischen vokalen Ruf dieser Observanz. Die Brahma-Mantras werden hier nur benannt, nicht ausgeschrieben; Gesang und Tanz gehören ausdrücklich zur beschriebenen Verehrung.

Niśvāsamukha 4.73

ekavāso hy avāso vā dakṣiṇāmūrttim āśritaḥ |
suśīrṇṇapatitaiḥ puṣpair devadevaṃ samarcca[[((yet))]] || 4:73 ||

Mit einem einzigen Gewand oder unbekleidet soll er sich an der südlichen Erscheinungsseite des Gottes aufhalten und den Gott der Götter mit ganz verwelkten, abgefallenen Blumen verehren.

Anmerkung: Dakshinamurti bezeichnet hier nicht nachweislich die später bekannte Lehrer-Ikonographie Shivas. Die genaue Bestimmung der ‚südlichen Gestalt‘ wird in der Forschung diskutiert.

Niśvāsamukha 4.74

mūtrāmedhyan na paśyeta strīśūdrān nābhibhāṣayet |
prāṇāyāmañ ca dṛṣṭvā vai bahurūpan tato japet || 4:74 ||

Er soll Urin und Unrat nicht ansehen und Frauen und Shudras nicht ansprechen. Hat er es dennoch gesehen, soll er Atemregelung vollziehen und danach das Bahurupa-Mantra rezitieren.

Anmerkung: Die historische Ausschlussregel wird wiedergegeben, nicht befürwortet. Der grammatisch schwierige zweite Halbvers wird mit Hilfe seiner Pashupatasutra-Parallele verstanden. Bahurupa wird in der Ausgabe als Aghora-Mantra identifiziert; sein Wortlaut steht hier nicht.

Niśvāsamukha 4.75

akāluṣyeṇa bhāvena jantum paśyeta sarvvataḥ |
amaṅgalam maṅgalañ ca apasavyam pradakṣiṇam || 4:75 ||

Mit ungetrübter innerer Haltung soll er die Lebewesen überall betrachten. Das Unheilvolle wird hier zum Heilvollen, und die Umkreisung nach links wird zur Umkreisung nach rechts.

Anmerkung: Der zweite Halbvers beschreibt die Umwertung gewöhnlicher Ritualkonventionen innerhalb dieser Observanz, nicht die allgemeine Aufhebung ethischer Verantwortung.

Niśvāsamukha 4.76

pitṛpūjāṃ devapūjām ubhe devāya kalpayet |
ananyabhaktinā kāryaṃ tapa ugram mahātmanā || 4:76 ||

Sowohl die Verehrung der Ahnen als auch die der Götter soll er dem einen Gott darbringen. Der großgesinnte Mensch soll strenge Askese mit ungeteilter Hingabe vollziehen.

Niśvāsamukha 4.77

śītātapaparikleśair jalamabhrū --- [2] --- sibhiḥ |
japadhyānaparo nityaṃ sarvadvandvasahiṣṇutā || 4:77 ||

Durch die Mühen von Kälte und Hitze, Wasser [beschädigter und unklarer Wortlaut] soll er beständig auf Rezitation und Meditation ausgerichtet sein und alle Gegensätze geduldig ertragen.

Anmerkung: Die Wortgruppe um die Lücke ist nicht sicher deutbar; sie wird nicht durch eine vermutete Liste von Bußübungen ersetzt.

Niśvāsamukha 4.78

japaniṣṭhaikāntaratir vyaktāvyaktaikaliṅginaḥ |
viparītāni karmmāṇi kurvval lokajugupsitaḥ || 4:78 ||

In der Rezitation gefestigt und die Einsamkeit liebend soll er durch auffälliges Verhalten, aber ohne erkennbares religiöses Kennzeichen leben. Indem er gegen die Gewohnheit handelt, soll er von den Leuten verachtet werden.

Anmerkung: Der stark verdichtete erste Halbvers wird im Licht der Pashupata-Regeln vom sichtbaren Verhalten und verborgenen religiösen Kennzeichen verstanden. Dies ist eine besondere historische Askese, kein Rat, Ablehnung oder Misshandlung zu suchen.

Niśvāsamukha 4.79

paribhūyamānaś cared vratam pāśupatam mahat |
tebhyo duṣkṛtam ādatte sukṛtañ cāpakarṣate || 4:79 ||

Verachtet soll er die große Pashupata-Observanz vollziehen. Von jenen nimmt er das schlechte Handeln an und zieht auch das gute Handeln an sich.

Anmerkung: So lautet der erhaltene Sanskrittext. Erwartet wäre nach der zugrunde liegenden Pashupata-Lehre, dass er eigene Schuld abgibt und fremdes Verdienst übernimmt. Die Ausgabe weist auf den Widerspruch hin; hier wird er nicht durch eine stillschweigende Umkehr von ādatte beseitigt.

Niśvāsamukha 4.80

spandamānas tu vikrośen maṇṭe kuṇṭeti vā punaḥ |
viruddhaceṣṭitaṃ vākyaṃ viruddhañ cāñjanaṃ sadā || 4:80 ||

Er soll zittern, laut schreien, hinken oder sich töricht gebärden, sich unpassend bewegen und reden und stets unpassende Schminke verwenden …

Anmerkung: Mehrere Verbformen sind unregelmäßig und zum Teil konjektural hergestellt. Der Satz setzt sich in Vers 81 fort.

Niśvāsamukha 4.81

viruddhamaṇḍanaṅ gātre sarvvadā samupakramet |
paribhūtaḥ kṛcchratapā sarvvalokeṣu ninditaḥ || 4:81 ||

… und immer unpassenden Schmuck am Körper anlegen. Verachtet, strenge Askese übend und überall unter den Menschen getadelt …

Niśvāsamukha 4.82

mahātapā ca bhavate pūjālābhavivarjjitaḥ |
gūḍhavratonmattaceṣṭī vilomī laukike vrate || 4:82 ||

… wird er ein Mensch großer Askese, ohne Ehrungen und Vorteile. Er verbirgt seine Observanz, verhält sich wie ein Verrückter und handelt den weltlichen Lebensregeln entgegen.

Anmerkung: Der Text beschreibt bewusst gespieltes, nicht diagnostiziertes Verhalten. Daraus folgt kein heutiger Anspruch, Grenzen anderer Menschen zu missachten.

Niśvāsamukha 4.83

jitendriyaś ca dāntaś ca kṣamī kāmavivarjjitaḥ |
godharmmā mṛgadharmmā vā naikānnādaḥ kadācana || 4:83 ||

Er soll seine Sinne bezähmt haben, beherrscht, geduldig und frei von Begehren sein. Nach der Art einer Kuh oder eines Wildtiers soll er leben und niemals nur die Nahrung eines einzigen Gebers essen.

Anmerkung: Die Tiervergleiche gehören zur asketischen Lebensweise und sind nicht als vollständige Nachahmung tierischen Verhaltens erklärt.

Niśvāsamukha 4.84

lavaṇa --- [4] --- ca bhikṣāyām patitaṃ sadā |
na duṣyeta tad aśnāti sanmārggavratacāriṇe || 4:84 ||

Salz und [vier Schriftzeichen fehlen], die in seine Almosenspeise gelangt sind: Wer die Observanz des rechten Weges einhält, wird nicht verunreinigt, wenn er davon isst.

Anmerkung: Die beschädigte Speiseliste wird nicht aus dem Pashupatasutra ergänzt. Der Schluss des Verses ist grammatisch unregelmäßig.

Niśvāsamukha 4.85

prāṇāyāmair dhāraṇābhir oṅkāran tu vicintayet |
śūnyāgāraguhāvāsī nityam eva śmaśānagaḥ || 4:85 ||

Mit Atemregelung und gesammelter innerer Aufmerksamkeit soll er über Om meditieren. Er soll in verlassenen Häusern oder Höhlen wohnen und beständig den Leichenverbrennungsplatz aufsuchen.

Anmerkung: Om wird ausdrücklich als Meditationsgegenstand genannt. Der Aufenthaltsort gehört zur historischen Pashupata-Askese, nicht zu einer allgemeinen Voraussetzung der Meditation.

Niśvāsamukha 4.86

evaṃ yo varttate nityaṃ dambhalobhavivarjjitaḥ |
sarvajñātā ca bhavate śravaṇan darśanan tathā || 4:86 ||

Wer beständig so lebt, frei von Heuchelei und Gier, wird allwissend; Hören und Schauen …

Anmerkung: Die Aufzählung der zugeschriebenen Fähigkeiten läuft in Vers 87 weiter. Sarvajñātā ist eine ungewöhnliche Form.

Niśvāsamukha 4.87

mananaṃ śodhanañ caiva vijñānaṃ ca yathepsitam |
((mahā)) [--- 3 akṣara ---] caivāsau rudrasāyojyatām brajet || 4:87 ||

… Denken, Läuterung und Erkennen geschehen nach seinem Wunsch. Der große [drei Schriftzeichen fehlen] soll zur Vereinigung mit Rudra gelangen.

Anmerkung: Die Lücke verhindert eine sichere Bestimmung des vollständigen Ausdrucks nach mahā. Sayojya ist die hier überlieferte Form für die Verbindung mit der Gottheit.

Niśvāsamukha 4.88

siddhas tu na nivartteta vibhraṣṭo narakam brajet |
atyāśramavrataṃ khyātaṃ lokātītañ ca me śṛṇu || 4:88 ||

Der Vollendete kehrt nicht zurück; wer von der Observanz abfällt, gelangt in die Hölle. Die Observanz jenseits der Lebensstände ist erklärt. Höre nun von mir den weltübersteigenden Weg.

Anmerkung: Atyashrama und Lokatita sind die beiden hier unterschiedenen Formen des Atimarga; Lokatita wird in der Forschung mit Lakula-Traditionen verbunden.

Niśvāsamukha 4.89

ālabdhaḥ pañcabhir guhyair dīkṣitaś caiva so bhramet |
khaṭvāṅgī ca kapālī ca sa jaṭī muṇḍam eva vā || 4:89 ||

Von den fünf geheimen Mantras berührt und eingeweiht soll er umherwandern, mit Schädelstab und Schädelschale, mit verfilzten Haaren oder mit geschorenem Kopf.

Anmerkung: Die fünf geheimen Mantras werden in der Ausgabe als die fünf Brahma-Mantras erklärt. Der Vers schreibt sie nicht aus. Die Ritualgegenstände kennzeichnen diese historische asketische Richtung.

Niśvāsamukha 4.90

vālayajñopavītī ca śiromuṇḍaiś ca maṇḍitaḥ |
kaupīnavāso bhasmāṅgī divyābharaṇa[[bhūṣitaḥ]] || 4:90 ||

Er soll eine heilige Schnur aus Haaren tragen, mit Schädeln geschmückt sein, einen Lendenschurz tragen, den Körper mit Asche bedecken und mit göttlichen Schmuckstücken geziert sein.

Anmerkung: Die nähere Deutung der Haare als Totenhaar und der Schmuckstücke ergibt sich aus der asketischen Tradition; diese Angaben stehen nicht ausdrücklich im Vers.

Niśvāsamukha 4.91

jagad rudramayam matvā rudrabhakto dṛḍhavrataḥ |
sarvādas sarvvaceṣṭaś ca rudradhyānaparāyaṇaḥ || 4:91 ||

Die Welt als ganz von Rudra erfüllt erkennend, soll er Rudra ergeben und fest in seiner Observanz sein. Er darf alles essen und alle Handlungen vollziehen und soll ganz in der Meditation über Rudra aufgehen.

Anmerkung: Die Erlaubnisse sind Bestandteil einer bestimmten eingeweihten Lebensform. Sie werden hier nicht als allgemeine Freigabe schädlicher Handlungen verstanden.

Niśvāsamukha 4.92

rudram muktvā na cānyo ’sti trātā me devatam param |
viditvaikādaśādhvānaṃ nirviśaṅkas samācaret || 4:92 ||

‚Außer Rudra gibt es keinen anderen Retter für mich; er ist die höchste Gottheit.‘ Nachdem er die elf Stufen des kosmischen Weges erkannt hat, soll er seine Observanz ohne Zweifel vollziehen.

Niśvāsamukha 4.93

prathame jālam etat tu dvitīye mūrttisañjñakam |
tṛtīye paśur ākhyātam pāśāś caiva caturthake || 4:93 ||

Auf der ersten Stufe liegt dieses Netz; die zweite trägt den Namen ‚Verkörperung‘. Als dritte wird die gebundene Seele genannt, auf der vierten liegen die Fesseln …

Anmerkung: Die hier zunächst nur genannten Stufen werden ab Vers 100 näher ausgeführt. Pashu bedeutet wörtlich ‚gebundenes Wesen‘ beziehungsweise ‚Tier‘, technisch die gebundene Seele.

Niśvāsamukha 4.94

pañcame vigrahaḥ khyātaḥ aśuddhās te prakīrttitāḥ |
aśuddhamārggo vyākhyātaḥ śuddhamārggañ ca me śṛṇu || 4:94 ||

… die fünfte wird Vigraha genannt. Diese Stufen heißen unrein. Der unreine Weg ist erklärt; höre nun von mir den reinen Weg.

Anmerkung: Vigraha bedeutet hier eine besondere Stufe der kosmischen Verkörperung; die technische Bedeutung wird in Vers 124 entfaltet.

Niśvāsamukha 4.95

yonir vāgīśvarī devī praṇavo yatra jāyate |
tṛtīyañ caiva dhātāraṃ dhyānañ caiva caturthakam || 4:95 ||

Zuerst ist der Mutterschoß, die Göttin Vagishvari, wo der Pranava geboren wird. Als Drittes folgt Dhatr und als Viertes Dhyana.

Anmerkung: Pranava ist in dieser Stufenfolge die zweite reine Ebene. Die Stufenbezeichnungen werden nicht ohne Weiteres mit späteren gleichnamigen Gottheiten oder Systemen gleichgesetzt.

Niśvāsamukha 4.96

tejīśam pañcamam khyātan dhruvaṃ ṣaṣṭham prakīrttitam |
avīcyādi dhruvāntañ ca etaj jñātvā vimucyate || 4:96 ||

Als Fünftes wird Tejisha genannt, als Sechstes Dhruva. Wer dies vom untersten Avichi-Bereich bis hinauf zu Dhruva erkennt, wird befreit.

Niśvāsamukha 4.97

krīḍārthasiddhaye caiva prakriyādhyānam āśritaḥ |
śodhya vai prakriyādhvānam athaśabdena dīkṣayet || 4:97 ||

Damit das Ziel des freien Wirkens erreicht wird, soll der Einweihende sich auf die Meditation über die kosmische Ordnung stützen. Nachdem er den Weg dieser Ordnung gereinigt hat, soll er mit dem Wort ‚atha‘ einweihen.

Anmerkung: Atha, gewöhnlich ‚nun‘ oder ‚darauf‘, hat hier eine ausdrücklich initiatorische Funktion. Die Satzgestalt ist teilweise konjektural hergestellt; der Vers allein ist keine vollständige Einweihungsanleitung.

Niśvāsamukha 4.98

athaśabdanipātena dīkṣitaś cāpaśur bhavet |
kriyāvāṃś ca durācāro mucyate nātra saṃśayaḥ |
lokātītaṃ samākhyātaṃ kim anyat paripṛcchasi || 4:98 ||

Durch das Herabkommen des Wortes ‚atha‘ eingeweiht, soll er nicht länger eine gebundene Seele sein. Wenn er die vorgeschriebenen Handlungen vollzieht, wird er selbst bei schlechtem Lebenswandel befreit; daran besteht kein Zweifel. Der weltübersteigende Weg ist erklärt. Was möchtest du sonst noch erfragen?

Anmerkung: Dieser Originalvers hat sechs Versfüße und zählt dennoch nur einmal. Die starke Heilszusage der Einweihung wird als Aussage des Textes wiedergegeben, nicht als Entbindung von heutiger Verantwortung.

Niśvāsamukha 4 – Sprecherangabe vor 4.99

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Niśvāsamukha 4.99

ekādaśaite tattvās tu nāmamātreṇa me śrutāḥ |
punar vistaraśo brūhi yathā vedmi maheśvara || 4:99 ||

Von diesen elf Wirklichkeitsstufen habe ich bisher nur die Namen gehört. Erkläre sie noch einmal ausführlich, o großer Herr, damit ich sie verstehe.

Niśvāsamukha 4 – Sprecherangabe vor 4.100

maheśvara uvāca |

Der große Herr sprach:

Niśvāsamukha 4.100

[[((a))]]vīcī kṛminicayo vaitaraṇī kūṭaśālmalī |
girir yamala ucchuvāso nirucchuvāso hy athāparaḥ || 4:100 ||

Avichi, die Ansammlung von Würmern, Vaitarani, Kutashalmali, das Bergpaar, Ucchuvasa und dann als weiterer Nirucchuvasa …

Anmerkung: Hier beginnt eine Liste von Höllenbereichen. Die Eigennamen bleiben in einfacher Umschrift stehen; Kriminichaya bedeutet ‚Ansammlung von Würmern‘, Giri Yamala ‚Bergpaar‘. Die auffälligen Formen ucchuvāsa und nirucchuvāsa werden bewahrt.

Niśvāsamukha 4.101

pūtimānsadravaś caiva trapus taptajatus tathā |
paṅkālayo ’sthibhaṅgaś ca krakacacchedam eva ca || 4:101 ||

… Putimansadrava, Trapu und Taptajatu, Pankalaya, Asthibhanga und Krakachachchheda …

Anmerkung: Die Namen verweisen unter anderem auf faulendes Fleisch, Zinn, heißes Harz, Schlamm, Knochenbruch und Zersägen. Sie gehören zur religiösen Jenseitsdarstellung.

Niśvāsamukha 4.102

medo ’sṛkpūyahradaś ca tīkṣṇāyastuṇḍam eva ca |
aṅgārarāśibhuvanaḥ śakuniś cāmbarī[[ṣakaḥ]] || 4:102 ||

… der See aus Fett, Blut und Eiter, Tikshnayastunda, die Welt der Gluthaufen, Shakuni und Ambarishaka …

Niśvāsamukha 4.103

--- nyā hy asitālavanas tathā |
sūcīmukhaḥ kṣuradhāraḥ kālasūtro ’tha parvvataḥ || 4:103 ||

… [verlorener Namensanfang] und Asitalavana, Suchimukha, Kshuradhara, Kalasutra und Parvata …

Anmerkung: Der erste Name ist beschädigt. Asitalavana wird mit dem Schwert-Palmwald verbunden; die übrigen Namen enthalten Bilder wie Nadelspitze, Rasiermesserschneide, schwarze Schnur und Berg. Der Grundtext wird nicht an eine andere Höllenliste angeglichen.

Niśvāsamukha 4.104

padmaś caiva samākhyāto mahāpadmas tathaiva ca |
apāko sāra uṣṇaś ca sañjīvanasujīvanau || 4:104 ||

… ferner Padma und Mahapadma, Apaka, Sara und Ushna, Sanjivana und Sujivana …

Anmerkung: Ob Apaka und Sara zwei Namen oder einen zusammengesetzten Namen bilden, ist unsicher.

Niśvāsamukha 4.105

śītatamo ’ndhyatamasau mahārauravarauravau |
dvātriṃśad ete narakā mayā devi prakīrttitāḥ || 4:105 ||

… Shitatamas und Andhyatamas, Maharaurava und Raurava. Diese zweiunddreißig Höllen habe ich dir, o Göttin, genannt.

Anmerkung: Die überlieferte Zahl 32 stimmt nicht ohne Weiteres mit der Namensliste überein: Die Ausgabe zählt bei getrennter Auffassung der Namen 35. Diese Diskrepanz wird nicht beseitigt.

Niśvāsamukha 4.106

śatādhā((dhikasaṃyu))ktāḥ --- [5] --- saṃyutāḥ |
catālīsaśataṃ hy etan narakāṇām prakīrttitam || 4:106 ||

Mit hundert weiteren verbunden [fünf Schriftzeichen fehlen], versehen mit … Als einhundertvierzig wird diese Zahl der Höllen bezeichnet.

Anmerkung: Der erste Halbvers ist beschädigt und sprachlich unsicher. Catālīsaśatam ist eine editorisch hergestellte, mittelindisch beeinflusste Zahlform für 140; die Ausgabe begründet sie durch Guhyasūtra 4.33–34.

Niśvāsamukha 4.107

pātālāni pravakṣyāmi nibodhaya yaśasvini |
ādau mahātalannāma kṛṣṇabhaumam prakīrttitam || 4:107 ||

Ich werde die Unterwelten erklären; vernimm sie, du Ruhmreiche. Zuerst wird die Mahatala genannte Unterwelt mit schwarzem Boden beschrieben.

Niśvāsamukha 4.108

rasātalan dvitīyan tu sphāṭikan tat prakīrttitam |
talātalan tṛtīyan tu raityabhaumam prakīrttitam || 4:108 ||

Die zweite ist Rasatala; sie wird als kristallen beschrieben. Die dritte ist Talatala; ihr Boden wird als aus Messing bestehend bezeichnet.

Niśvāsamukha 4.109

tāmrabhauman tu nitalaś caturthan tu nigadyate |
raupyabhauman tu sutalam pañcamam paripaṭhate || 4:109 ||

Als vierte wird Nitala mit kupfernem Boden genannt; als fünfte führt man Sutala mit silbernem Boden auf.

Anmerkung: Die Lesung für den silbernen Boden ist eine Konjektur der Ausgabe.

Niśvāsamukha 4.110

ṣaṣṭhaṃ vitalasañjñan tu ratnaśarkkarasahitam |
saptamañ citalannāma sauvarṇṇan tad udāhṛtam || 4:110 ||

Die sechste heißt Vitala und ist mit Edelsteinkies versehen. Die siebte trägt den Namen Citala; sie wird als golden beschrieben.

Anmerkung: Die auffällige Namensform citala bleibt stehen und wird nicht stillschweigend zu einer bekannteren Unterweltbezeichnung geändert.

Niśvāsamukha 4.111

krameṇa kathitās sapta pātālādhipatīṃ śṛṇu |
nāgāś ca garuḍāś caiva tathā kimpuruṣāṇḍajāḥ || 4:111 ||

Der Reihe nach sind die sieben genannt. Höre nun von den Herren der Unterwelten: Nagas, Garudas und die aus Eiern geborenen Kimpurushas …

Anmerkung: Nagas sind Schlangenwesen, Garudas mythische Vogelwesen. Die Verbindung von Kimpurushas und Ei-Geburt ist textlich unsicher; die Ausgabe stellt sie konjektural her.

Niśvāsamukha 4.112

agnir vāyuś ca varuṇo hy asurāṃ patayas tathā |
kathitās tu nivāsinyo bhūloka[[((m adhunā śṛ))]]ṇu || 4:112 ||

… Agni, Vayu und Varuna, ebenso die Herren der Asuras. Die Bewohner sind genannt. Höre nun von der Erdenwelt.

Anmerkung: Die Aufzählung wechselt zwischen ‚Herren‘ und ‚Bewohnern‘; ihre genaue Zuordnung zu den sieben Unterwelten bleibt offen. Asuras sind eine Klasse göttlicher Gegenspieler.

Niśvāsamukha 4.113

saptadvīpasamudrāntaṃ varṣavṛkṣanagair yutam |
vanopavanagūḍhañ ca nadībhis sāgarair yutam || 4:113 ||

Sie umfasst sieben Inselkontinente und Meere, ist mit Landgebieten, Bäumen und Bergen versehen, von Wäldern und Hainen bedeckt und von Flüssen und Ozeanen durchzogen …

Niśvāsamukha 4.114

ṛṣidevagaṇākīrṇṇaṃ gandharvāpsarasevitam |
dharmmārthakāmamokṣan tu sarvam asmin pratiṣṭhitam || 4:114 ||

… erfüllt von Scharen von Sehern und Göttern und von Gandharvas und Apsaras besucht. Rechte Lebensführung, Lebensunterhalt, Wunscherfüllung und Befreiung – alles ist in ihr gegründet.

Anmerkung: Gandharvas und Apsaras sind himmlische Wesen. Die vier genannten Ziele sind Dharma, Artha, Kama und Moksha.

Niśvāsamukha 4.115

bhūlokaḥ kathito hy eṣa bhuvalokam ataḥ param |
svarlokan tu tatordhvan tu maharlokañ janan tapaḥ || 4:115 ||

Dies ist die erklärte Erdenwelt. Darüber liegt Bhuvarloka, darüber Svarloka, sodann Maharloka, Jana und Tapas …

Niśvāsamukha 4.116

satyañ caiva tatordhvaṃ tu [[brahma]]lokan tatopari |
viṣṇoś caiva niketan tu śivasya tu puran tathā || 4:116 ||

… und darüber Satya, darüber die Welt Brahmas, sodann die Wohnstätte Vishnus und ebenso die Stadt Shivas.

Niśvāsamukha 4.117

brahmāṇḍa eṣa vikhyātaḥ kapālā[[((va))]]raṇair yutaḥ |
śatarudrāś ca pañcāṣṭau devayony aṣṭakan tataḥ || 4:117 ||

Dies ist das bekannte Weltei, von Schalenhüllen umgeben. Darauf folgen die hundert Rudras, die fünf Achtergruppen und die acht göttlichen Herkunftsklassen …

Anmerkung: Die ausführlichen Namenslisten dieser Gruppen stehen hier nicht. Das Weltei gehört zur überlieferten Kosmologie, nicht zu einer naturwissenschaftlichen Beschreibung.

Niśvāsamukha 4.118

yogāṣṭakaś ca suśivaṃ gurupaṅktitrayan tataḥ |
tattvasargam atordhvan tu kathyamānañ ca me śṛṇu || 4:118 ||

… die acht Yoga-Gruppen, Sushiva und danach die drei Lehrerreihen. Darüber liegt die Entfaltung der Wirklichkeitsprinzipien; höre nun meine Erklärung davon.

Anmerkung: Yogashtaka bezeichnet hier eine kosmologische Achtergruppe, nicht acht Übungsglieder.

Niśvāsamukha 4.119

pradhānabuddhyahaṅkāratanmātrāṇīndriyāṇi ca |
bhūtāni ca tathā pañca manaś caivobhayātmakam || 4:119 ||

Urnatur, Erkenntniskraft, Ich-Bewusstsein, die feinen Sinnesqualitäten und die Sinnesvermögen, ebenso die fünf groben Elemente und der Geist, der an beiden Arten von Vermögen teilhat …

Anmerkung: Die doppelte Funktion des Geistes bezieht sich hier auf Wahrnehmungs- und Handlungsvermögen.

Niśvāsamukha 4.120

caturvviṃśati tattvā[[ni pu]]ruṣaḥ pañcaviṃśakaḥ |
pañcaviṃśakam etat tu ṣaḍḍhauśikasamudbhavam || 4:120 ||

… dies sind vierundzwanzig Wirklichkeitsprinzipien; das bewusste Selbst ist das fünfundzwanzigste. Dieses fünfundzwanzigste erscheint in einem aus sechs körperlichen Bestandteilen entstandenen Leib …

Anmerkung: Die ungewöhnliche Drucklesung ṣaḍḍhauśika ist mit dem üblichen Ausdruck shatkaushika, ‚aus sechs Hüllen beziehungsweise Bestandteilen‘, zu verstehen. Gemeint ist das verkörperte Selbst, nicht dass Bewusstsein materiell erzeugt werde.

Niśvāsamukha 4.121

mātṛjaiḥ pitṛjaiś caiva annapānavivarddhitam |
gahanañ ca tatordhvan tu vigraheśaṃ tatordhvataḥ || 4:121 ||

… aus mütterlichen und väterlichen Bestandteilen, durch Speise und Trank genährt. Darüber liegt Gahana, und darüber Vigrahesha …

Anmerkung: Die genaue Einordnung einzelner kosmischer Namen bleibt in dieser knappen Darstellung unsicher.

Niśvāsamukha 4.122

śivaśaṅkaram asādhyaṃ harirudradaśeśakam |
pañca śiṣyās tathācāryā mahādevatrayan tataḥ || 4:122 ||

… Shiva und Shankara, Asadhya, Hari und Rudra sowie die zehn Herren; fünf Schüler und ebenso Lehrer, und danach die drei großen Götter …

Niśvāsamukha 4.123

gopater granthir ūrdhvan tu mūrdhnābhibhavapañcakam |
anantaś caiva pāśāś ca jālam etat prakīrttitam || 4:123 ||

… darüber Gopatis Knoten, an seiner Spitze die fünf Überwältigenden, ferner Ananta und die Fesseln: Dies wird als das Netz bezeichnet.

Anmerkung: Wörtlich steht ‚Gopatis Knoten‘; andere Stellen legen nahe, dass Gopati im Knoten der Maya gemeint ist. Die genaue Reichweite des abschließenden Wortes ‚Netz‘ ist ebenfalls unsicher.

Niśvāsamukha 4.124

kāryaṃ duḥkhaṃ tathā jñānaṃ sādhanan tattvam eva ca |
ṣaṣṭhaṃ sādhyaṃ tathaiśvaryaṃ kāraṇañ ca tathāṣṭamam || 4:124 ||

Wirkung, Leiden, Wissen, Mittel und Wirklichkeitsprinzip; als Sechstes das zu Erreichende, dann Herrschaftsmacht und als Achtes die Ursache …

Anmerkung: Diese acht technischen Kategorien werden hier aufgezählt, aber nicht einzeln definiert.

Niśvāsamukha 4.125

proktaṃ viṣayam ajñānaṃ kāraṇordhvī ca kathyate |
aśuddhādhvā samākhyātaḥ śuddhādhvānañ ca me śṛṇu || 4:125 ||

… damit ist der Bereich des Nichtwissens benannt. Nun wird das oberhalb der Ursache Liegende erklärt. Der unreine Weg ist beschrieben; höre von mir den reinen Weg.

Anmerkung: Die erste Satzverbindung ist grammatisch unsicher. Die Übersetzung versteht viṣayam ajñānam als den Bereich des Nichtwissens und bewahrt diese Unsicherheit.

Niśvāsamukha 4.126

mukta ṛṣikulebhyas tu saṃsārāc ca duratyayāt |
yonyāñ cāpy atha vāgeśyāṃ jātaḥ praṇava ucyate || 4:126 ||

Von den Familien der Seher und vom schwer zu überwindenden Daseinskreislauf befreit, wird er im Mutterschoß der Vageshvari geboren und Pranava genannt.

Niśvāsamukha 4.127

dhātāran damanañ caiva īśvaraṃ dhyānam eva ca |
bhasmīśaś ca samākhyātam pramāṇāṣṭakam eva ca || 4:127 ||

Darauf werden Dhatara, Damana, Ishvara und Dhyana genannt, ebenso Bhasmisha und die acht Pramanas …

Anmerkung: Pramanas bezeichnet hier eine kosmologische Achtergruppe mit Beziehungen zu maßgeblichen Schriften der Lakula-Tradition. Es ist nicht ohne Weiteres die philosophische Liste der Erkenntnismittel.

Niśvāsamukha 4.128

vidyāṣṭakaṃ ca mūrtty aṣṭau tejīśaś ca dhruvas tathā |
iti saṅkhyāḥ samāsena śuddhādhvānaḥ prakīrttitāḥ || 4:128 ||

… die acht Vidyas und die acht Verkörperungen, Tejisha und Dhruva. So sind die Glieder des reinen Weges in knapper Aufzählung genannt.

Anmerkung: Diese Vidyas sind hier keine ausgeschriebenen Mantraformeln. Ihre genaue Identität lässt sich aus dem Vers allein nicht bestimmen.

Niśvāsamukha 4.129

kapālavratam āśritya dhruvaṃ gacchanti tatpadam |
lokātītaṃ samākhyātam mahāpāśupataṃ vratam || 4:129 ||

Indem sie die Schädel-Observanz auf sich nehmen, gelangen sie zu jenem Ziel Dhruva. Damit ist die weltübersteigende, große Pashupata-Observanz erklärt.

Anmerkung: Kapala-Vrata ist eine besondere historische asketische Verpflichtung. Ihre Erwähnung ordnet das Werk nicht pauschal jeder späteren Kapalika- oder Kaula-Tradition zu.

Niśvāsamukha 4.130

prakriyācaryasaṃyukto dhruvaṃ gacchati tatpadam |
vibhraṣṭo narakaṃ yāti prakriyācaryavarjjitaḥ || 4:130 ||

Wer Kenntnis der kosmischen Ordnung und entsprechende Lebensführung verbindet, gelangt gewiss zu jenem Ziel. Wer davon abfällt und beides entbehrt, gelangt in die Hölle.

Niśvāsamukha 4.131

atimārggaṃ samākhyātaṃ dviḥpra[[kāraṃ va(rā)]]nane |
pūrveṇaiva [[(tu)]] vaktreṇa sarahasyaṃ prakīrttitam |
ata ūrdhvam mahādevi kiṃ vakṣye parameśvari || 4:131 ||

Der Atimarga ist in zwei Formen erklärt, du mit dem schönen Antlitz. Durch das östliche Gesicht wurde er mit seinem Geheimnis verkündet. Was soll ich dir nun noch sagen, o große Göttin, o höchste Herrin?

Anmerkung: Ein Originalvers mit sechs Versfüßen. Dviḥprakāram ist eine ungewöhnliche Bildung für ‚in zwei Arten‘; die Abschriftenmarkierungen bleiben sichtbar.

Niśvāsamukha 4 – Sprecherangabe vor 4.132

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Niśvāsamukha 4.132

mantramārggaṃ tvayā deva sūcitan na tu varṇṇitam |
saṃsārocchittikaraṇan tam ācakṣva maheśvara || 4:132 ||

Den Mantramarga hast du, o Gott, angedeutet, aber noch nicht beschrieben. Erkläre diesen Weg, der den Daseinskreislauf abschneidet, o großer Herr.

Niśvāsamukha 4.133

evam uktas tu pārvatyā sarvvapāpaharo haraḥ |
uvāca madhurāṃ vāṇīm mantratantrārthaniścitam || 4:133 ||

So von Parvati angesprochen, sprach Hara, der alle Verfehlungen hinwegnimmt, mit freundlicher Stimme Worte, die den Sinn der Mantra-Lehre bestimmten.

Anmerkung: Hara und Parvati sind Namen Shivas und der Göttin. Der Erzähler tritt hier aus dem unmittelbaren Gespräch hervor; die genaue Zusammensetzung mantratantrārthaniścitam ist mehrdeutig.

Niśvāsamukha 4.134

adhunā [[tad ato]] viprās saṃvādam umayā saha |
īśvarasya +tu+ devasya mantramārggavyavasthitam || 4:134 ||

Nun also, ihr Brahmanen, werde ich das Gespräch des göttlichen Herrn mit Uma erzählen, das im Mantramarga seinen Ort hat …

Anmerkung: Das Erzählverb steht in Vers 135. +…+ kennzeichnet eine im Manuskript nachträglich eingetragene Silbe. Die Ansprache an Brahmanen gehört zum äußeren Erzählrahmen.

Niśvāsamukha 4.135

pañcamenaiva vaktreṇa īśānena dvijottamāḥ |
mantrākhyaṃ kathayiṣyāmi devyāyā gaditam purā || 4:135 ||

… die Mantra genannte Lehre, ihr Besten der Zweimalgeborenen, die einst durch das fünfte Gesicht, Ishana, der Göttin mitgeteilt wurde.

Anmerkung: ‚Zweimalgeborene‘ ist eine traditionelle Bezeichnung für die entsprechend initiierten Angehörigen bestimmter vedischer Sozialstände.

Niśvāsamukha 4.136

catuḥsrotā mayā pūrvvaṃ śrutā devyāḥ prasādataḥ |
te sarvve kathitās tubhyaṃ nissandigdhā dvijottamāḥ || 4:136 ||

Die vier Ströme habe ich zuvor durch die Gnade der Göttin gehört. Sie alle sind euch zuverlässig erzählt worden, ihr Besten der Zweimalgeborenen.

Anmerkung: Die ungewöhnlichen Numerus- und Kasuswechsel bleiben im Grundtext stehen. Die vier Ströme sind die bisher erklärten religiösen Lehrwege.

Niśvāsamukha 4.137

pañcaman tu paraṃ srotaṃ [[śi]] --- |
kathitaṃ devadevena kim bhūyaḥ śrotum icchatha || 4:137 ||

Der fünfte aber ist der höchste Strom [Textverlust nach śi], vom Gott der Götter verkündet. Was möchtet ihr noch hören?

Anmerkung: Das Wort nach der erhaltenen Silbe śi wird nicht ergänzt. Der Schluss führt zum anschließenden Kernkorpus über.

Niśvāsamukha 4 – Kolophon

|| ⊗ || iti niśvāsamukhatattvasaṃhitāyāṃ caturthaḥ paṭalaḥ || ° ||

Hier endet das vierte Kapitel der Nishvasamukha Tattva Samhita.

Anmerkung: ⊗ und ° geben die gedruckten ornamentalen Schlusszeichen wieder.

Niśvāsamukha 4 – Zählvermerk

ślokaśataṃ saptatriṃśottaram | catuḥsrotāḥ ślo 643 || ⊗ ||

Einhundert und siebenunddreißig Verse. Die vier Ströme: 643 Verse.

Anmerkung: Der erste Zahlenausdruck ist in der Ausgabe konjektural hergestellt. Die Gesamtangabe 643 ist ein überlieferter Zählvermerk und darf nicht ungeprüft mit der Summe der modernen Versnummern gleichgesetzt werden.

Allgemeines Yoga-Vidya-Video: Licht-Meditation mit Sukadev. Es erläutert nicht unmittelbar die Nishvasa Tattva Samhita.

Mūlasūtra

Dieser Teil enthält alle 8 Kapitel des Mulasutra. Die kommentierte kritische Ausgabe ist die Textgrundlage.[1]

Mūlasūtra, Kapitel 1: Lehrer, Schüler und Vorbereitung

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 137–139. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Mūlasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.1

ṛṣaya ūcuḥ ||

Die Seher sprachen:

Mūlasūtra 1.1

śivajñānaṃ paraṃ guhyaṃ katham uktaṃ svayambhuvā |
kasmiṃ sthāne śrutan devyā [prasādā]d{vaktum arhasi} || 1:1 ||

Wie wurde die höchste, geheime Erkenntnis Shivas vom Selbstentstandenen verkündet? An welchem Ort hat die Göttin sie gehört? Aus deiner Güte mögest du es uns erzählen.

Anmerkung: Der Versschluss ist teilweise aus einer Abschrift übernommen, teilweise von den Herausgebern wiederhergestellt.

Mūlasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.2

{nandir uvāca} |

[Nandi sprach:]

Anmerkung: Die Sprecherangabe Nandi ist eine ausdrücklich gekennzeichnete Vermutung der Herausgeber, kein unbeschädigter Handschriftenbefund.

Mūlasūtra 1.2

kailāsaśikharāsīnan devadevaṃ jagadgurum |
brahmaviṣṇusurāḥ sarvve gaṇāḥ skandapurogamāḥ || 1:2 ||

Vor dem Gott der Götter, dem Lehrer der Welt, der auf dem Gipfel des Kailasa saß, [versammelten sich] alle Götter mit Brahma und Vishnu, die Scharen mit Skanda an der Spitze …

Anmerkung: Der Sanskritsatz nennt keine eigene Verbform für die Versammlung. Die in eckigen Klammern ergänzte deutsche Form dient dem Satzanschluss.

Mūlasūtra 1.3

ṛṣayo ’psaraso yakṣā nāgagandharvvakinnarāḥ |
daityā vidyādharās siddhās tathānye puravāsinaḥ || 1:3 ||

… Seher, himmlische Nymphen, Yakshas, Nagas, Gandharvas und Kinnaras, Daityas, Träger magischen Wissens, Vollendete und andere Bewohner der göttlichen Stadt.

Anmerkung: Die Aufzählung vereint unterschiedliche Klassen übermenschlicher Wesen. Die göttliche Stadt ist hier als Shivas Stadt zu verstehen.

Mūlasūtra 1.4

kecit stunvanti deveśaṃ kecin nṛtyanti cāgrataḥ |
kecid gāyanti hṛṣṭās tu kecit praṇata mūrddhani || 1:4 ||

Einige preisen den Herrn der Götter, andere tanzen vor ihm. Einige singen voller Freude, andere neigen das Haupt.

Anmerkung: Die unregelmäßige Form praṇata mūrddhani bleibt im Sanskrit erhalten.

Mūlasūtra 1.5

kecit {sāmāni} gāyanti kecit puṣpāṃ kṣipanti ca |
kecid dhyāyanti niratā vādyaṃ vādayanti cāpare || 1:5 ||

Einige singen Lieder des Samaveda, andere streuen Blumen. Einige sind ganz in Meditation vertieft; wieder andere spielen Instrumente.

Anmerkung: Sāmāni ist eine Wiederherstellung der Herausgeber.

Mūlasūtra 1.6

siṃhanādam pramuñcanti garjjante hy utpatanti ca |
hasante kilakilāyante nityapramuditendriyāḥ || 1:6 ||

Sie stoßen Löwenrufe aus, dröhnen und springen auf. Sie lachen und jubeln laut; ihre Sinne sind beständig von Freude erfüllt.

Mūlasūtra 1.7

na tatra mṛtyur nna jarā na vyādhir nna duḥkhitā |
evam pramuditan dṛṣṭvā devī vacanam abravīt || 1:7 ||

Dort gibt es weder Tod noch Alter, weder Krankheit noch Leid. Als die Göttin ihn so erfreut sah, sprach sie diese Worte:

Anmerkung: Die Leidfreiheit gehört zur geschilderten göttlichen Welt. Sie ist keine medizinische Aussage über heutige Übende.

Mūlasūtra 1.8

saṃ[sā(rasāgare)] ghore janmamṛtyubhayāvahe |
tvam eva potabhūtas tu nānyas trātā sureśvara || 1:8 ||

Im furchtbaren Meer des Daseinskreislaufs, das die Angst vor Geburt und Tod mit sich bringt, bist du allein das rettende Schiff. Es gibt keinen anderen Retter, o Herr der Götter.

Anmerkung: Eine Aussage der Hingabe innerhalb des Offenbarungsdialogs; keine heutige Abwertung anderer religiöser Wege.

Mūlasūtra 1.9

vedāntaṃ viditaṃ deva sāṅkhyaṃ vai pañcaviṃśakam |
na ca tṛptiṃ gamiṣyāmo hy ṛte śaivād anugrahāt || 1:9 ||

Wir kennen den Vedanta, o Gott, und das Sankhya mit seinen fünfundzwanzig Prinzipien. Doch ohne Shivas Gnade werden wir keine Erfüllung finden.

Anmerkung: Anugraha ist Gnade beziehungsweise gnädige Zuwendung; hier kann auch ihre rituelle Vermittlung durch Einweihung mitschwingen.

Mūlasūtra 1.10

ācāryañ ca tathā śiṣyaṃ bhū kālaṃ raja eva ca |
adhivāsaś caruś caiva maṇḍalaṃ pūjanan tathā || 1:10 ||

Den Lehrer und den Schüler, den Boden, die Zeit und das Pulver, die vorbereitende Übernachtung, die gekochte Opfergabe, das Mandala und die Verehrung …

Anmerkung: Die Themenaufzählung wird im nächsten Vers abgeschlossen. Rajas wird hier als Pulver, vermutlich für das Mandala, verstanden; die Deutung ist nicht sicher. Charu bezeichnet eine gekochte Speiseopfergabe.

Mūlasūtra 1.11

ācakṣva devadeve[(śa) (dī)]kṣāṃ nirvvāṇagāminīm |
śivatattvaṃ parañ caiva yaṃ viditvāmṛtībhavet || 1:11 ||

… erkläre sie, o Gott der Götter, ebenso die Einweihung, die zur Befreiung führt, und die höchste Shiva-Wirklichkeit, durch deren Erkenntnis man unsterblich wird.

Anmerkung: Die Anrede und der Beginn von dīkṣā sind nur unsicher aus der Abschrift ergänzt. Shiva-Tattva kann in diesem Ritualzusammenhang das grundlegende Mantra bezeichnen; ‚Wirklichkeit‘ erschöpft den Begriff nicht.

Mūlasūtra 1.12

preṣayitvā samayajñā devo vacanam abravīt |
śṛṇu devi paraṃ guhyaṃ yat tvayā codito hy aham || 1:12 ||

Nachdem er diejenigen fortgeschickt hatte, die die religiösen Verpflichtungen nicht kannten, sprach der Gott: Höre, o Göttin, das höchste Geheimnis, nach dem du mich gefragt hast.

Anmerkung: Sa-mayajñā ist hier als sandhi-verbundenes asamayajñā, ‚die Verpflichtungen nicht Kennende‘, zu lesen. Die Wiedergabe darf die Verneinung nicht verlieren.

Mūlasūtra 1.13

śivatattvam avijñāya dīkṣāṃ kurvvanti ye narāḥ |
dīkṣitās te na mucyante deśiko narakaṃ vrajet || 1:13 ||

Wenn Menschen eine Einweihung vollziehen, ohne das Shiva-Tattva zu kennen, werden die von ihnen Eingeweihten nicht befreit; der Lehrer soll in die Hölle gelangen.

Anmerkung: Der Vers unterstreicht die Verantwortung des einweihenden Lehrers mit einer traditionellen Strafandrohung.

Mūlasūtra 1.14

dīkṣābhijño ’tha ta[(tvajño da)]yāluḥ śivapūjakaḥ |
sarvvalakṣaṇahīno ’pi sa guruḥ śivatulyagaḥ || 1:14 ||

Wer die Einweihung kennt, das Tattva versteht, mitfühlend ist und Shiva verehrt, der ist ein Guru, der Shiva gleichkommt – auch wenn ihm alle sonst geforderten Merkmale fehlen.

Anmerkung: Die innere und fachliche Eignung steht hier über äußeren Merkmalen. Teile von ‚das Tattva kennend‘ und ‚mitfühlend‘ sind in der Abschrift ergänzt.

Mūlasūtra 1.15

śraddadhāno ’nusūyaś ca gurudevāgnipūjakaḥ |
antyajāto ’pi deveśe sa tu śiṣyas tu mokṣabhāk || 1:15 ||

Ein vertrauensvoller, nicht missgünstiger Mensch, der Guru, Gott und Feuer verehrt, ist ein Schüler, der der Befreiung teilhaftig werden kann – auch wenn er von niedrigster Geburt ist, o Herrin der Götter.

Anmerkung: Die ungewöhnliche Form anusūya steht hier für anasūya, ‚nicht missgünstig‘. Die traditionelle soziale Wertung wird wiedergegeben, nicht übernommen.

Mūlasūtra 1.16

dīkṣito jñāninaś caiva śivabhaktivivarjjitaḥ |
nindate guravaṃ yas tu brāhmaṇo ’pi na mokṣabhāk || 1:16 ||

Wer zwar eingeweiht und wissend ist, aber ohne Hingabe an Shiva bleibt und den Lehrer herabsetzt, wird der Befreiung nicht teilhaftig – auch wenn er ein Brahmane ist.

Anmerkung: Lehrerverehrung darf heute nicht mit dem Verzicht auf begründete Kritik oder auf Schutz vor Missbrauch verwechselt werden.

Mūlasūtra 1.17

śivālaye nadī(tīre) {parvva}te catvare tathā |
śmaśāne vā gṛhe vāpi yatra vā ramate manaḥ || 1:17 ||

[Ein geeigneter Ort liegt] in einem Shiva-Heiligtum, am Flussufer, auf einem Berg, auf einem Vorplatz, an einer Verbrennungsstätte, im eigenen Haus oder dort, wo das Herz gern verweilt.

Anmerkung: Die Ortsangabe gehört zur rituellen Vorbereitung. Sie ist keine Empfehlung, heute Verbrennungsstätten für private Übungen aufzusuchen.

Mūlasūtra 1.18

sitaraktakṛṣṇapītā īśānasravaṇī mahī |
śuddhā śalyavihīnā tu madhurādau caturvvidhā || 1:18 ||

Die Erde sei weiß, rot, schwarz oder gelb und nach Nordosten geneigt. Rein ist sie, wenn sie frei von störenden Einschlüssen ist; nach dem Geschmack, beginnend mit süß, unterscheidet man vier Arten.

Anmerkung: Die Geschmacksprüfung wird historisch dokumentiert; Erde zu kosten ist keine heutige Praxisanregung. Weitere Geschmacksarten werden in diesem Vers nicht genannt.

Mūlasūtra 1.19

aśuddhā viparītā ca yā ca urvvī bhaviṣyati |
tattvajaptena toyena siktā bhavati śobhanā || 1:19 ||

Erde mit den gegenteiligen Eigenschaften ist unrein. Wird sie jedoch mit Wasser besprengt, über dem das Tattva-Mantra rezitiert wurde, so wird sie geeignet.

Mūlasūtra 1.20

sandhyākāle tu sama[(prāpte)] {kṛtakṛtyo vicakṣa}{ṇaḥ} |
tattvāṅgaiś ca susannaddhaḥ paścāt karmma samārabhet || 1:20 ||

Wenn die Zeit der Morgendämmerung gekommen ist, soll der kundige Ausübende seine notwendigen Verrichtungen erledigt haben und mit dem Tattva-Mantra und den Gliedmantras gut gerüstet sein. Dann beginne er den Ritus …

Anmerkung: Der erste Halbvers ist stark wiederhergestellt. Die genaue Abgrenzung von morgendlicher Reinigung und täglichen Pflichtriten bleibt offen.

Mūlasūtra 1.21

yāgabhūmim pralipyādau gomayena śubhena tu |
pañcagavyena cābhyukṣya gandhatoyena vā punaḥ || 1:21 ||

… nachdem er zuerst den Verehrungsplatz mit reinem Kuhdung bestrichen und mit den fünf Produkten der Kuh besprengt hat, gegebenenfalls anschließend mit duftendem Wasser.

Anmerkung: Dies beschreibt historische Ritualreinheit, nicht hygienische Unbedenklichkeit. Die fünf Kuhprodukte werden hier nur unter ihrem Sammelnamen genannt.

Mūlasūtra 1 – Kolophon

iti niśvāsatattvasaṃhitāyām mūlasūtre prathamaḥ paṭalaḥ ślo 23 |

So endet in der Nishvasa Tattva Samhita, im Mulasutra, das erste Kapitel. Verse: 23.

Anmerkung: Der überlieferte Zählvermerk 23 weicht von den 21 modern nummerierten Versen ab. Die Titelgestalt wird nach dem Druck wiedergegeben.

Mūlasūtra, Kapitel 2: Ordnung der Verehrung

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 139–140. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Mūlasūtra 2.1

athātas sampravakṣyāmi śivārccenavi[(dhikramam)] |
{yoga}{pīṭhaṃ sa}{mādhyā caturbhiś caraṇai}r yyutam || 2:1 ||

Nun werde ich die Reihenfolge des Verfahrens zur Verehrung Shivas erklären: [Man richte] einen Verehrungsthron her, der mit vier Beinen versehen ist …

Anmerkung: Der zweite Halbvers ist weitgehend eine Wiederherstellung der Herausgeber. Yogapitha bezeichnet hier den Verehrungsthron, nicht eine Körperhaltung.

Mūlasūtra 2.2

sitaraktapītakṛṣṇair varttulaṃ tejasannibham |
tasyopari sitaṃ padmaṃ navaśaktisamanvitam || 2:2 ||

… mit weißen, roten, gelben und schwarzen [Beinen], rund und leuchtend. Darüber befindet sich ein weißer Lotus mit neun Shaktis.

Anmerkung: Die Farbe wird auf die vier Beine bezogen. Die neun göttlichen Kräfte werden hier nicht namentlich aufgezählt.

Mūlasūtra 2.3

anantapūjāṃ nirvarttya navātmānaṃ tatopari |
pañcabrahmasamāyuktaṃ sāṅgaṃ gāyatrisamyutam || 2:3 ||

Nachdem man Ananta verehrt hat, [verehre man] darüber den Navatman, verbunden mit den fünf Brahma-Mantras, den Gliedmantras und der Gayatri.

Anmerkung: Ananta gehört zum göttlichen Thron. Navatman ist eine Mantragestalt; die bloße Nennung legt ihren Lautbestand hier noch nicht offen. Gayatri meint die im Werk verwendete Shiva-Gayatri, nicht ungeprüft die bekannte Savitri-Formel.

Mūlasūtra 2.4

sakalan tu bhaved devaṃ tasya pūjām prakalpayet |
evam pūjya yathānyāyan niṣkalañ ca tatopari || 2:4 ||

So ist der Gott mit Gestalt; ihm bringe man Verehrung dar. Hat man ihn auf diese Weise vorschriftsgemäß verehrt, [verehre man] darüber auch den Gestaltlosen.

Anmerkung: Sakala und Nishkala bezeichnen hier den gestalthaften und den gestalthaften Grenzen entzogenen Aspekt. Die maskuline Akkusativform wird im Sanskrit beibehalten.

Mūlasūtra 2.5

svāgata{ñcārghyapāda}ñ ca snānam ācamanan tathā |
pañcagavyena payasā dadhikṣīraghṛtādibhiḥ || 2:5 ||

Willkommensgruß, Ehrengabe aus Wasser, Fußwasser, Bad und Wasser zum Nippen [bringe man dar] mit den fünf Produkten der Kuh, mit Flüssigkeit aus Dickmilch, Milch, geklärter Butter und Weiterem.

Anmerkung: Die Ausgabe ergänzt ñcārghyapāda für die Ehrengabe und das Fußwasser. Arghyapāda ist die hier gedruckte Wortstellung, nicht eine stillschweigende Korrektur zu arghapādya. Die historischen Kuhprodukte werden nicht als heutige Einnahmeempfehlung dargestellt.

Mūlasūtra 2.6

gandhopavītaṃ dhūpañ ca puṣpāṇi surabhīṇi ca |
mukuṭakuṇḍalaś caiva keyūraṃ kaṭisūtrakam || 2:6 ||

[Man bringe dar:] eine duftende heilige Schnur, Räucherwerk und wohlriechende Blumen, eine Krone und Ohrringe, Oberarmschmuck und eine Schnur für die Hüfte …

Mūlasūtra 2.7

ratnāni vividhārhāṇi vastrāṇi vividhāni ca |
dhvajādarśapatākāni cāmarañ ca vitānakam || 2:7 ||

… verschiedenartige kostbare Juwelen, unterschiedliche Gewänder, Fahnen, einen Spiegel und Wimpel, einen Yakschweifwedel und einen Baldachin.

Mūlasūtra 2.8

ṣaḍvidhañ ca baliṃ dadyāt kalaśaṃ ra[(tnapūritam)] |
vidhinānena pūjyeta pañcabhir brahmabhir budhaḥ || 2:8 ||

Er soll eine sechsfache Bali-Gabe und einen mit Juwelen gefüllten Krug darbringen. Der Kundige soll auf diese Weise mit den fünf Brahma-Mantras verehren.

Anmerkung: Bali ist eine rituelle Gabe. Woraus ihre sechs Bestandteile hier bestehen, sagt dieser Vers nicht; Angaben anderer Texte werden nicht eingeschoben.

Mūlasūtra 2.9

vidyeśvaraṃ tataḥ pūjya tataḥ pūjya digīśvaram |
astrāṇi ca samabhyarccya karmmānte digbaliṃ kṣipet || 2:9 ||

Dann verehre er die Herren des Mantrawissens und danach die Herren der Himmelsrichtungen. Hat er auch deren Waffen verehrt, streue er am Ende des Ritus Bali-Gaben in die Richtungen.

Anmerkung: Die Singularformen werden im Zusammenhang kollektiv verstanden. Die Zahl der jeweiligen Gottheiten ist im Vers nicht genannt.

Mūlasūtra 2.10

samāpte karmmaṇi caiva kṛtvā caiva pradakṣiṇam |
vādyaṃ gītan tataḥ kṛtvā brahmabhis tu visarjjayet || 2:10 ||

Wenn der Ritus beendet ist, umschreite er [den Verehrungsplatz] nach rechts. Danach lasse er Instrumentalmusik und Gesang erklingen und verabschiede [die Gottheit] mit den Brahma-Mantras.

Mūlasūtra 2 – Kolophon

iti mūlasūtre dvitīyaḥ paṭalaḥ || ○ || ślo 10 ||

So endet im Mulasutra das zweite Kapitel. Verse: 10.

Mūlasūtra, Kapitel 3: Feuer und vorbereitende Riten

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 140–142. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Mūlasūtra 3.1

agni[(kāryaṃ pra)]vakṣyāmi tan me nigadataḥ śṛṇu |
ullikhya tūddhared vidvān uddhatyābhyukṣayet punaḥ || 3:1 ||

Ich werde die Feuerriten erklären. Höre mich an, während ich davon spreche. Der Kundige markiere [die Feuerstelle], hebe [Erde] aus, entferne sie und besprenge [die Stelle] anschließend.

Mūlasūtra 3.2

catuṣpayan tataḥ kṛtvā vahniṃ sthāpya samūhayet |
brahmāṇaṃ sthāpya yāmye kuśair āstaraṇaṃ kuru || 3:2 ||

Dann lege er eine Kreuzung an, setze das Feuer ein und kehre es zusammen. Nachdem Brahma im Süden eingesetzt ist, breite Kusha-Gras aus.

Anmerkung: Catuṣpaya ist die überlieferte ungewöhnliche Form für eine Kreuzung. Die Ausführung mit gekreuzten Grashalmen und das Einsetzen Brahmas werden im Text nur knapp angedeutet.

Mūlasūtra 3.3

kuśān āstīryya pūrvvāgrān arccanan tatra kārayet |
hutvedhmāṃ paridhiṃ sthāpya praṇītāñ cottare nyaset || 3:3 ||

Er breite die Grashalme mit den Spitzen nach Osten aus und vollziehe dort die Verehrung. Nachdem er Brennholz dargebracht hat, lege er die Einfassung an und stelle das Pranita-Wassergefäß im Norden auf.

Anmerkung: Pranita kann hier das bereitgestellte Ritualwasser oder dessen Gefäß bezeichnen; die Übersetzung entscheidet sich für das Gefäß.

Mūlasūtra 3.4

abhyukṣaye ca pātrāṇi tāpye[(c ca)] {sruvaṃ} srucīm |
ghṛtaṃ tāpya tatodvāsya sthāpayitvotplavet punaḥ || 3:4 ||

Er besprenge die Gefäße und erhitze die beiden Opferlöffel, Sruva und Sruk. Er erwärme die geklärte Butter, nehme sie vom Feuer, stelle sie ab und schöpfe sie anschließend oben ab.

Anmerkung: Die Bezeichnung des ersten Löffels ist wiederhergestellt; sruci ist die im Text verwendete ungewöhnliche Form für den zweiten.

Mūlasūtra 3.5

dakṣiṇottaram āghārau ājyabhāgan tu homayet |
pūrṇṇāhutiṃ tato dadyāc cintayitvā hutāśanam || 3:5 ||

Nach Süden und Norden [vollziehe er] die beiden Butterspenden und bringe die Butterportionen im Feuer dar. Dann gebe er die volle Opfergabe, nachdem er das Feuer innerlich betrachtet hat …

Anmerkung: Die Gestalt dieser Betrachtung folgt in Vers 6. Die genauen Einzelheiten der beiden technischen Opferriten sind hier nicht ausgeschrieben.

Mūlasūtra 3.6

sitottānam ūrddhavaktraṃ trinetrañ ca caturbhujam |
niṣkalaṃ hṛdaye tasya dhyātvā pūrṇṇāhutin dadet || 3:6 ||

… mit weißem, nach oben gewandtem oberen Gesicht, drei Augen und vier Armen. Nachdem er in dessen Herzen den Gestaltlosen meditiert hat, gebe er die volle Opfergabe.

Anmerkung: Die Gesamtzahl der Gesichter bleibt hier ungenannt. Eine spätere fünffache Standardikonographie wird deshalb nicht ergänzt.

Mūlasūtra 3.7

pūrṇṇāhutyān tu dattāyāṃ śivāgnir iti (si){dhyati} |
{paś}cimāsyena deveśo havir gṛhṇāti nityaśaḥ || 3:7 ||

Wenn die volle Opfergabe dargebracht ist, ist [das Feuer] als Shiva-Feuer eingesetzt. Der Herr der Götter nimmt bei den täglichen Riten die Opfergabe mit dem westlichen Gesicht entgegen.

Anmerkung: Der Anfang des zweiten Halbverses und das Ende des ersten sind wiederhergestellt. Die Ergänzung paś ist in geschweiften Klammern sichtbar.

Mūlasūtra 3.8

agnibījena tat sarvvam agnikarmmañ ca kārayet |
yatheṣṭan tu tato homaṃ karttavyaṃ siddhim icchatā || 3:8 ||

All diese Feuerriten vollziehe er mit der Feuersilbe. Danach soll derjenige, der eine besondere Vollendung erstrebt, das Feueropfer seinem jeweiligen Ziel entsprechend ausführen.

Anmerkung: Das Feuer-Bija wird hier nur benannt. Die Deutung als ra beziehungsweise raṃ wird von Goodall erläutert; ob und wie es in eine längere Formel einzufügen ist, bleibt offen.

Mūlasūtra 3.9

ta[(ttve)]na tu ṣaḍaṅgena pañcabrahmayutena ca |
adhvānaṃ sakalīkṛtvā pāśāṃ tattvena bandhayet || 3:9 ||

Mit dem Tattva-Mantra, den sechs Gliedmantras und den fünf Brahma-Mantras stelle er den gesamten kosmischen Weg her und binde die Fesseln mit dem Tattva-Mantra.

Anmerkung: Wahrscheinlich sind rituelle Fäden gemeint, die Bindungen und Weltstufen verkörpern. Die Deutung ist nicht sicher. Die Zahl sechs ist im Druck enthalten, obwohl die später aufgezählten Gliedmantras des Mulasutra keine zweifelsfreie Sechsergruppe ergeben.

Mūlasūtra 3.10

caruś ca śrapayet paścāc chāli[ṣaṣṭikataṇḍulaiḥ |]
--- prasṛtisaṃyutaiḥ || 3:10 ||

Danach koche er die Charu-Opferspeise mit Shali-Reis und Reis, der in sechzig Tagen reift, zusammen mit Handvollmengen von [fehlender Text].

Anmerkung: Ein größerer Abschnitt fehlt. Ob weitere Zutaten oder Mengenangaben verloren sind, ist ungewiss; es wird keine Rezeptur ergänzt.

Mūlasūtra 3.11

ghṛtakṣīrasamopetaṃ brahmabhis sādhayec carum |
sādhayitvā tato hy ekaṃ hutvā devāya kalpayet || 3:11 ||

Mit geklärter Butter und Milch bereite er die Charu-Speise unter Verwendung der Brahma-Mantras. Ist sie zubereitet, opfere er einen [Teil] im Feuer und bestimme [einen weiteren] für die Gottheit …

Anmerkung: Die Aufteilung ist im Sanskrit knapp ausgedrückt; die deutschen Ergänzungen machen den Anschluss an den dritten Teil in Vers 12 sichtbar.

Mūlasūtra 3.12

tṛtīyaṃ sādhakeyaś ca pañcagavyapuraḥsaram |
dantadhāvana sakṣīraṃ prāśya kṣiptvā nirīkṣayet || 3:12 ||

… und den dritten für die Ausübenden, nachdem sie die fünf Kuhprodukte eingenommen haben. Er lasse sie an einem Zahnstäbchen aus milchsaftführendem Holz kauen und es fortwerfen; dann betrachte er es.

Anmerkung: Die historische Einnahmevorschrift wird dokumentiert, nicht zur heutigen Ausführung empfohlen. Der zweite Halbvers leitet die Omenprüfung ein.

Mūlasūtra 3.13

pūrvvapaścima īśorddha uttarasyān tu śobhanam |
anyasyām aśubhañ caiva homaṃ (tasya) {śataṃ bhavet} || 3:13 ||

[Zeigt das Stäbchen] nach Osten, Westen, Nordosten, oben oder Norden, ist dies günstig; in einer anderen Richtung ist es ungünstig. Dafür sollen hundert Opfergaben [zur Abhilfe] erfolgen.

Anmerkung: Die Zahl und der Versschluss sind wiederhergestellt. Die Omenlehre ist eine religiöse Vorstellung des Textes, keine verlässliche Zukunftsdiagnose.

Mūlasūtra 3.14

evaṃ homapavitraiś ca duḥsvapnasya ca darśane |
bhasmaśayyāsamārūḍho yāgabhūmau svaped budhaḥ || 3:14 ||

Ebenso [verfahre man] mit Feueropfern und reinigenden Mantras beim Auftreten eines schlechten Traumes. Der Kundige lege sich auf ein Aschebett am Verehrungsplatz und schlafe dort.

Anmerkung: Die reinigenden Mantras sind im Zusammenhang wohl die Brahma-Mantras. Der Vers nennt ihren Wortlaut nicht.

Mūlasūtra 3.15

prabhāte kṛtajāpyaś ca guroḥ svapnān nivedayet |
svapnāś caiva pravakṣyāmi aśubhāni śubhāni ca || 3:15 ||

Am Morgen, nachdem er seine Rezitation vollzogen hat, teile er dem Guru seine Träume mit. Ich werde nun die Träume erklären, die ungünstigen und die günstigen.

Anmerkung: Welche Rezitation der noch nicht vollständig Eingeweihte hier ausführt, bleibt ungenannt.

Mūlasūtra 3.16

devācāryadvijā gāvo narendraṃ śvetavāsasam |
dṛṣṭvā siddhyati svapnānte gajaparvvatarohaṇam || 3:16 ||

Sieht er am Ende seines Traumes eine Gottheit, einen Lehrer, Brahmanen, Kühe, einen König, einen weiß Gekleideten oder das Besteigen eines Elefanten oder Berges, so gelingt ihm [das Vorhaben].

Anmerkung: Eine überlieferte Deutung günstiger Träume, kein zugesichertes Ergebnis.

Mūlasūtra 3.17

kharoṣṭra[(rohaṇam)] {caiva pā}tālaṃ viśate yadā |
tailābhyaṅgaṃ tathodvāhaṃ dṛṣṭvā caiva na siddhyati || 3:17 ||

Wenn er [im Traum] einen Esel oder ein Kamel besteigt, in eine Unterwelt eintritt oder eine Ölsalbung beziehungsweise eine Heirat sieht, so gelingt ihm [das Vorhaben] nicht.

Anmerkung: Die Aussage betrifft Traumzeichen im Einweihungsritual, nicht eine allgemeine Verurteilung von Heirat oder Ölanwendungen.

Mūlasūtra 3 – Kolophon

iti mūlasūtre tṛtīyaḥ paṭalaḥ ślo 17 || ○ ||

So endet im Mulasutra das dritte Kapitel. Verse: 17.

Linga und rituelle Geräte bei einer heutigen Shiva-Verehrung.

Mūlasūtra, Kapitel 4: Vidya-Einweihung

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 142–144. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Mūlasūtra 4.1

ataḥ paraṃ pravakṣyāmi muktimaṇḍalam uttamam |
yan dṛṣṭvā mucyate jantur aśeṣapaśubandhanāt || 4:1 ||

Als Nächstes werde ich das vorzügliche Befreiungsmandala erklären. Wer es sieht, wird von sämtlichen Fesseln des gebundenen Daseins befreit.

Anmerkung: Das ist eine traditionelle Wirkungszuschreibung. Pashu bedeutet hier das gebundene Lebewesen, nicht lediglich ein Tier.

Mūlasūtra 4.2

varttulaṃ caturasraṃ vā sarvvakāmaphalapradam |
ekahastāt samārabhya yathākāmaṃ samālikhet || 4:2 ||

Rund oder viereckig [sei es], alle ersehnten Früchte gewährend. Beginnend mit einer Elle zeichne man es in der gewünschten Größe.

Mūlasūtra 4.3

[(catu)]rasrañ caturddvāram madhye paṅkajabhūṣitam |
trirekham pañcarekhaṃ vā ālikhet tattvamaṇḍalam || 4:3 ||

Viereckig, mit vier Toren und in der Mitte mit einem Lotus geschmückt, zeichne man das Tattva-Mandala mit drei oder fünf Linien.

Anmerkung: Die runde Alternative des vorigen Verses wird an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt.

Mūlasūtra 4.4

trivarṇṇakais trirekhaṃ syāt pañcabhiḥ pañcavarṇṇakam |
pūrvvoktena vidhānena madhye devan tu pūjayet || 4:4 ||

Das dreilinige [Mandala] bestehe aus drei Farben; das fünffarbige aus fünf [Linien]. Nach dem zuvor erklärten Verfahren verehre man in der Mitte die Gottheit.

Mūlasūtra 4.5

vidyeśvarān dvitīye tu lokapālāṃs tṛtīyake |
caturthe pūjaye ’strāṇi gandhapuṣpair yathākramam || 4:5 ||

Im zweiten [Kreis] verehre man die Herren des Mantrawissens, im dritten die Hüter der Welt, im vierten ihre Waffen, der Reihenfolge nach mit Duftstoffen und Blumen.

Anmerkung: Ein innerster Kreis wird vorausgesetzt, aber hier nicht einzeln beschrieben; seine Besetzung darf nicht aus späteren Mandala-Schemata ergänzt werden.

Mūlasūtra 4.6

evam pūjya yathā[(nyāyaṃ dvā)]ram astreṇa ghaṭṭayet |
pūrvvoktena vidhānena kṛtvā vahniṃ śivātmakam || 4:6 ||

Nachdem man so vorschriftsgemäß verehrt hat, verschließe man das Tor mit dem Waffenmantra und mache das Feuer nach dem zuvor erklärten Verfahren zu Shiva.

Anmerkung: Der ergänzte Ausdruck ‚Tor‘ ist nicht sicher. Gemeint sein kann auch das rituelle Verschließen des Mandalas insgesamt.

Mūlasūtra 4.7

mantrātītaś ca mantraś ca dvidhāvasthaḥ paraḥ śivaḥ |
mantrātmā cetanaś caiva dvidhā ca puruṣaḥ smṛtaḥ || 4:7 ||

Der höchste Shiva hat zwei Zustände: jenseits des Mantras und als Mantra. Auch die Seele wird zweifach beschrieben: als Mantra verkörpert und als bewusstes Wesen.

Anmerkung: Diese knappe Unterscheidung ist nicht mit einem vollständig ausgearbeiteten späteren System gleichzusetzen. Die genaue Stellung des ‚Mantra-Selbst‘ bleibt auslegungsbedürftig.

Mūlasūtra 4.8

dīkṣākarmma bhavet tasya yoniṃ sthāpyāgnimadhyataḥ |
śivotsarggaṃ kṣipet tatra dhyātvā liṅge tu sādhakam || 4:8 ||

Für ihn [die zu befreiende Seele] ist der Einweihungsritus zu vollziehen. Man setze den Mutterschoß in die Mitte des Feuers, stelle sich den Einzuweihenden in Shivas Zeugungsorgan vor und gebe Shivas Samenerguss dort hinein.

Anmerkung: Das ist eine rituelle Visualisierung der Neugeburt, keine Aufforderung zu einem sexuellen Akt. Schoß und Samen werden im Mantrasystem verkörpert.

Mūlasūtra 4.9

garbbhādhānam puṃsavanaṃ sīmantam [jātakarmma] ca |
niṣkrāmanan tathā nāmam prāśanañ cūḍam eva ca || 4:9 ||

[Es folgen die Riten] der Empfängnis, der Herbeiführung männlicher Nachkommenschaft, des Scheitelteilens, der Geburt, des ersten Hinaustragens, der Namensgebung, des ersten Speisens und des ersten Haarschneidens.

Anmerkung: Die Lebensriten werden für den symbolisch Neugeborgenen zusammengezogen. Die historische Bevorzugung männlicher Nachkommenschaft wird nicht als heutiger Wert übernommen.

Mūlasūtra 4.10

mekhalājinavāsāṃsi pavitran daṇḍadhāraṇam |
sandhyājāpaś ca homaś ca tripuṇḍrañ cābhivādanam || 4:10 ||

[Dazu gehören] Gürtel, Antilopenfell und Gewänder, die reinigende Schnur, das Tragen des Stabes, Rezitation zur Dämmerung, Feueropfer, das dreifache Aschezeichen und der förmliche Gruß.

Anmerkung: Pavitra wird hier als heilige Schnur verstanden; möglich ist auch ein ritueller Grasring. Das Aschezeichen heißt Tripundra.

Mūlasūtra 4.11

vyomavyāpī pitā mahyaṃ vāgeśī jananī mama |
sadyojātaḥ kumāro ’ham agnistham abhivādayet || 4:11 ||

‚Der den Raum Durchdringende ist mein Vater; die Herrin der Rede ist meine Mutter. Ich bin das neugeborene Kind.‘ So grüße er den im Feuer Befindlichen.

Anmerkung: Der Wortlaut ist ausdrücklich als ritueller Gruß eingesetzt. Sadyojata kann auch als Name verstanden werden; ‚neugeboren‘ wahrt hier den unmittelbaren Sinn. Vyomavyapin und Vageshi sind göttliche Namen.

Mūlasūtra 4.12

abhivādya guruṃ hy evaṃ vratantyaktvā {tu snāpa}yet |
snā{tvā co}dvāha{yed bhāryāṃ} jñānasiddhikumārikām || 4:12 ||

Nachdem er so den Guru gegrüßt und seine Schülerobservanz abgelegt hat, lasse [der Guru] ihn baden. Nach dem Bad vermähle er ihn mit Jnanasiddhikumarika als Gattin.

Anmerkung: Der Name bezeichnet eine rituelle weibliche Gestalt: etwa ‚Jungfrau der Vollendung der Erkenntnis‘. Es geht um eine symbolische Vermählung innerhalb der Einweihung, nicht um eine hier angeordnete menschliche Ehe.

Mūlasūtra 4.13

tayā saha yajed yajñāṃ pākādyāṃ āsahasrikāṃ |
tāpasyañ ca parivrājyaṃ śodhanam prokṣaṇan tathā || 4:13 ||

Mit ihr vollziehe er die Opfer, beginnend mit den gekochten Speiseopfern bis hin zu den ‚tausendfachen‘. [Danach folgen] Waldaskese, Weltentsagung, Reinigung und Besprengung.

Anmerkung: Der genaue Umfang des als ‚tausendfach‘ bezeichneten Opferkomplexes ist unsicher. Er wird nicht durch eine aus anderen Schriften entnommene Liste ersetzt.

Mūlasūtra 4.14

nyāsam ālambhanañ caiva śivahastam pāśakṛntanam |
pañcabhir brahmabhiś caiva sarvvāṇy etāni kārayet || 4:14 ||

Das Auflegen [der Mantras], das Ergreifen [des Schülers], die Shiva-Hand und das Durchschneiden der Fesseln: All dies vollziehe er mit den fünf Brahma-Mantras.

Anmerkung: Die Shiva-Hand ist die mit Mantras versehene Hand des Lehrers, die dem Schüler aufgelegt wird. Einzelheiten von Nyasa und Ergreifen sind im knappen Text nicht eindeutig ausgeführt.

Mūlasūtra 4.15

śivena cchindayet pāśaṃ hutvā pūrṇṇāhutin dadet |
tāḍanañ ca śikhācchedaṃ śi{kha}yā kārayed budhaḥ || 4:15 ||

Mit dem Shiva-Mantra schneide er die Fessel durch, opfere sie im Feuer und gebe eine volle Opfergabe. Der Kundige vollziehe die rituelle Berührung und das Abschneiden der Haarlocke mit dem Shikha-Mantra.

Anmerkung: Tadana bedeutet wörtlich ein Anschlagen oder Antippen. Wie es hier auszuführen ist, wird nicht beschrieben; spätere Verfahrensdetails werden nicht eingeschoben.

Mūlasūtra 4.16

vidyādīkṣā bhaved eṣā sakale yojyadāyikā |
vidyādīkṣāsamāptau tu kalaśenābhiṣecayet || 4:16 ||

Dies ist die Vidya-Einweihung, die eine Verbindung mit dem gestalthaften [Shiva] gewährt. Am Abschluss dieser Einweihung besprenge man [den Ausübenden] aus einem Krug …

Anmerkung: Vidya-Diksha erschließt den Bereich des Mantrawissens und seiner Verwirklichung. Die gesondert behandelte Befreiungseinweihung folgt in Kapitel 5.

Mūlasūtra 4.17

śatāṣṭādhikajaptena iṣṭamantreṇa sādhakam |
sthānaṃ kālaṃ sahāyañ ca liṅgaṃ vedī japan tathā || 4:17 ||

… [aus einem Krug, der] durch hundertundacht Rezitationen des gewählten Mantras [geweiht wurde]. Ort, Zeit, Helfer, Linga, Altar und Rezitation …

Anmerkung: Die Liste der für die Praxis zu kennenden Themen reicht in Vers 18 hinein. Die hier überlieferte Zahl 108 begründet keine ursprüngliche Liste von 108 ausgewählten Lehrversen.

Mūlasūtra 4.18

prāyaścittākṣamālā ca vidyāṃśā homam eva ca |
bhakṣābhakṣaṃ tathā śaucaṃ siddhyasi[(ddhi)] balābalam |
vratāni samyag buddhvā tu tataḥ sādhanam ārabhet || 4:18 ||

… Sühneriten, Gebetskette, Mantra-Bestandteile und Feueropfer, Erlaubtes und Unerlaubtes beim Essen, Reinheit, Erfolg und Misserfolg, Stärke und Schwäche sowie die Observanzen: Erst nachdem er dies richtig verstanden hat, beginne er mit der Sadhana.

Anmerkung: Dieser nummerierte Vers hat sechs Versviertel. Vidyamsha ist in seiner genauen Bedeutung unsicher; es kann sich um Teile oder Zugehörigkeiten des Mantrawissens handeln.

Mūlasūtra 4 – Kolophon

iti mūlasūtre caturthaḥ paṭalaḥ ślo ⟦?⟧ || ○ ||

So endet im Mulasutra das vierte Kapitel. [Es folgen Zählzeichen.]

Anmerkung: Die ungewöhnlichen gedruckten Zahlzeichen nach ślo sind hier nicht sicher entziffert. Die moderne Zählung umfasst 18 Einheiten, davon die letzte mit sechs Versvierteln. Die markierte Stelle ist keine Sanskritrekonstruktion.

Mūlasūtra, Kapitel 5: Befreiende Einweihung

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 144–147. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Mūlasūtra 5.1

muktidīkṣām ato vakṣye tāṃ samāsena me śṛṇu |
yām avāpya vimucyante janmamṛtyubhayādibhiḥ || 5:1 ||

Nun werde ich die Befreiungseinweihung erklären. Höre sie von mir in Kürze: Wer sie erlangt, wird von Geburt, Tod, Angst und Weiterem befreit.

Mūlasūtra 5.2

kālāgnirudrād ārabhya yāvat tattvaṃ nirāmayam |
yojya yojya punas tattvād uddharen mati{mān} --- || 5:2 ||

Beginnend mit Kalagnirudra bis hin zu jener Wirklichkeit, die frei von allem Übel ist, verbinde der Einsichtige [den Einzuweihenden] jeweils erneut [mit einer Weltstufe] und hebe ihn aus ihr empor. [Die Vorlage zeigt anschließend eine Lücke.]

Anmerkung: Tattva hat in dieser kosmologischen Aufzählung einen weiteren Sinn als das einzelne Prinzip einer festgelegten philosophischen Liste.

Mūlasūtra 5.3

kālāgnirudre saṃyojya vāmayā sādhakaṃ budhaḥ |
sāṅgena devadevena pañcabrahmayutena ca || 5:3 ||

Nachdem der Kundige den Ausübenden durch Vama mit Kalagnirudra verbunden hat, [verwende er] den Gott der Götter samt Gliedmantras und den fünf Brahma-Mantras …

Anmerkung: Der Gott der Götter steht hier für das zentrale Mantra; der Vollzug des Feueropfers folgt im nächsten Vers.

Mūlasūtra 5.4

homan tu kārayed vidvān jyeṣṭhayā tu viśodhayet |
raudryā caivoddharitvā tu narakeṣu tu yojayet || 5:4 ||

… und vollziehe als Kundiger das Feueropfer. Durch Jyeshtha reinige er [die Bindungen dieser Stufe]; durch Raudri hebe er [die Seele] heraus und verbinde sie dann mit den Höllenwelten.

Anmerkung: Vama, Jyeshtha und Raudri begleiten Verbinden, Reinigen und Herausheben. Ihre hier zu verwendenden vollständigen Formeln werden nicht ausdrücklich angegeben.

Mūlasūtra 5.5

ābhāsatālam uttāle śrītāle ca gabhastike |
śiloccaye ca taṃ nītvā tathā vai śarkkaroccaye || 5:5 ||

Er führe ihn durch Abhasatala, Uttala, Shritala und Gabhastika, durch Shiloccaya und ebenso durch Sharkaroccaya …

Anmerkung: Dies sind Namen unterirdischer Weltstufen. Die Liste weicht von derjenigen im Nishvasamukha ab und wird nicht an sie angeglichen.

Mūlasūtra 5.6

sauvarṇṇeṣu [ca] {tam prāpya} bhūrloke ca bhuve tathā |
svarloke maharloke ca janaloke tathaiva ca || 5:6 ||

… und lasse ihn in die goldenen [Welten] eintreten, dann in die Erdenwelt, Bhuvar, Svar, Mahar und ebenso Jana …

Anmerkung: Die ungewöhnliche Mehrzahl ‚in den goldenen‘ bleibt in der Übersetzung sichtbar.

Mūlasūtra 5.7

tapolokan tataḥ prāpya satyalokaṃ nayet punaḥ |
brahmaviṣṇupuraṃ nītvā punaḥ śivapuraṃ nayet || 5:7 ||

… danach in die Welt Tapas. Anschließend führe er ihn nach Satya; nachdem er ihn in die Städte Brahmas und Vishnus geführt hat, führe er ihn in die Stadt Shivas.

Mūlasūtra 5.8

evaṃ vai homayitvā tu brahmāṇḍaṃ bhedayet tataḥ |
huṃphaṭkārāntena mantreṇa bhedanam paramaṃ smṛtam || 5:8 ||

Hat er auf diese Weise die Feueropfer vollzogen, durchbreche er das kosmische Ei. Dieses höchste Durchbrechen wird durch ein Mantra bewirkt, das auf hum phat endet.

Anmerkung: Belegt ist hier die Endformel huṃ phaṭ, nicht der vollständige Wortlaut des gemeinten Mantras.

Mūlasūtra 5.9

tam bhi{ttvā} --- {śatarudre}ṣu suvrate |
tatopariṣṭāt pañcāṣṭaṃ devayonyāṣṭakan tataḥ || 5:9 ||

Nachdem er es durchbrochen hat, [fehlender Text] unter den hundert Rudras, o Treue in den Gelübden. Darüber [führe er ihn] durch die fünf Achtergruppen und danach durch die acht Arten göttlicher Herkunft.

Anmerkung: ‚Unter den hundert Rudras‘ ist eine Konjektur. Der beschädigte Halbvers enthält keine vollständig erhaltene Bewegungsanweisung.

Mūlasūtra 5.10

yogāṣṭakañ ca suśivaṃ gurupaṅktitrayaṃ nayet |
tattvasargge ca saṃyojya gahane vigrahe tathā || 5:10 ||

Er führe ihn durch die Yoga-Achtergruppe, Sushiva und die drei Lehrerreihen. Dann verbinde er ihn mit der Entfaltung der Prinzipien, mit Gahana und ebenso mit Vigraha …

Anmerkung: Die Namen bezeichnen hier Abschnitte der kosmischen Hierarchie. Die genaue innere Aufgliederung wird in diesem Vers nicht ausgeführt.

Mūlasūtra 5.11

śivaśaṅkare hy asādhye harirudre daśeśake |
pañcaśiṣye tathācāryye mahādevatrayeṣu ca || 5:11 ||

… mit Shiva und Shankara, Asadhya, Hari und Rudra, den zehn Herren, den fünf Schülern und den Lehrern sowie den drei Mahadevas …

Mūlasūtra 5.12

gopatau ca mahāgranthau viśve {ca} trikāle tathā |
kṣemīśe {ca tato nītvā} yojya brahmapatau śive || 5:12 ||

… mit Gopati im großen Knoten, mit Vishva und ebenso Trikala. Nachdem er ihn zu Kshemisha geführt hat, verbinde er ihn mit dem Shiva namens Brahmapati …

Anmerkung: Der große Knoten ist eine kosmische Grenze. Er wird hier nicht als einer der drei Körperknoten eines späteren Yoga-Systems beschrieben.

Mūlasūtra 5.13

madamoheṣu saṃyojya tathā riṣikuleṣu ca |
yoniṣu ca tatoddhṛtya vāgīśvaryyān niyojayet || 5:13 ||

… und mit den Bereichen von Berauschung und Verblendung, mit den Sehergeschlechtern und den Mutterschößen. Dann hebe er ihn heraus und setze ihn in Vageshvari ein.

Anmerkung: Die ungewöhnliche Form riṣi bleibt im Sanskrit erhalten. Vageshvari ist die Herrin der Rede.

Mūlasūtra 5.14

praṇave ca vinikṣipya sādhyauṅkāre ca yojayet |
dhātāre damanīśe ca bhasmadehe tatoddharet || 5:14 ||

Er setze ihn in Pranava ein und verbinde ihn mit Sadhyonkara, mit Dhatara, Damanisha und Bhasmadeha; anschließend hebe er ihn [weiter] empor.

Anmerkung: Sadhyonkara ist eine schwierige Namensgestalt; eine Zerlegung in ‚hervorgebrachtes Om‘ ist möglich, aber nicht als gesicherte Übersetzung eingesetzt.

Mūlasūtra 5.15

pramāṇāṣṭakavidyāṣṭau mūrttiṣv aṣṭāsu yojayet |
†rūpe dvitīyas tu dhruve tasyorddhe [tu] --- punaḥ† || 5:15 ||

Er verbinde ihn mit den acht Pramanas, den acht Vidyas und den acht Gestalten. [Der zweite Halbvers ist beschädigt und im Zusammenhang unklar:] ‚in Rupa, der zweite aber in Dhruva, darüber … wiederum‘.

Anmerkung: Rupa und Dhruva erscheinen unmittelbar danach erneut. Eine sichere Ordnung lässt sich für den zweiten Halbvers nicht herstellen.

Mūlasūtra 5.16

rūpe śaktiṣu taṃ nītvā dve vidye tejasi dhruve |
atorddha rudrapratodamanaveṣu ca taṃ nayet || 5:16 ||

Er führe ihn durch Rupa, die Shaktis, die beiden Vidyas, Tejas und Dhruva. Darüber führe er ihn zu Rudra, Pratoda und Manava …

Anmerkung: Die Reihenfolge wird beibehalten, ohne fehlende Gruppenzahlen aus anderen Werken in den Vers einzufügen.

Mūlasūtra 5.17

ekākṣaḥ piṅgalo haṃsaḥ saumye caiva dhruve tathā |
brahmādarkaṃ diṇḍimuṇḍiḥ saurabho pāvanas tathā || 5:17 ||

… zu Ekaksha, Pingala und Hamsa im Saumya-Bereich und ebenso zu Dhruva; [danach folgen] Brahma und Darka, Dindi und Mundi, Saurabha und Pavana …

Anmerkung: Saumya kann auch ein eigener Listenname sein. Dhruva wird in dieser Hierarchie wiederholt genannt; die Wiederholung ist nicht gelöscht.

Mūlasūtra 5.18

janmaharaś ca rudraś ca praṇītaḥ sukhaduḥkhadaḥ |
vijṛmbhitaḥ punaś cāpi upariṣṭād bhaved iha || 5:18 ||

… Janmahara, Rudra, Pranita und Sukhaduhkhada; noch darüber befindet sich hier Vijrimbhita.

Mūlasūtra 5.19

eteṣāṃ yoja[(yi)]tvā tu tṛtīye ca dhruve tathā |
nirañjane ca saṃyojya śaktisaṃskāramodite || 5:19 ||

Nachdem er ihn mit diesen verbunden hat, [verbinde er ihn] ebenso mit dem dritten Dhruva, dann mit Niranjana, Shakti, Samskara und Modita …

Anmerkung: Die Teilung des letzten Kompositums in drei Namen wird durch den kosmologischen Zusammenhang nahegelegt.

Mūlasūtra 5.20

pralambe caiva viṣṇau tu mandare gahane tathā |
pravitate prabhāte ca samaye kṣudram eva ca || 5:20 ||

… mit Pralamba, Vishnu, Mandara und Gahana, mit Pravitata, Prabhata, Samaya und Kshudra …

Anmerkung: Prabhata wird nicht nach parallelen Listen zu Prabhava geändert.

Mūlasūtra 5.21

vimale ca tato yojya śive caiva ghane tathā |
rudrauṅkāre ca sakale tattve caiva sadāśive || 5:21 ||

… dann verbinde er ihn mit Vimala, Shiva und Ghana, mit Rudronkara und schließlich mit dem gestalthaften Prinzip, Sadashiva.

Mūlasūtra 5.22

anuccāryye tathātmānaṃ sa tu yojyeta niṣkale |
a[(pa)(re)]dyur yaje devaṃ caṇḍīśaṃ ṭaṅkadhāriṇam || 5:22 ||

Darauf verbinde er die Seele mit dem Unaussprechlichen, dem Gestaltlosen. Am folgenden Tag verehre er den Gott Chandisha, den Träger der Axt …

Anmerkung: Der Vers wechselt von der Vollendung des Aufstiegs zur Verehrung des Hüters religiöser Verpflichtungen.

Mūlasūtra 5.23

pañcāṅgena samāyuktaṃ kṛtvā vai maṇḍalottamam |
prakrāntahomaṃ hutvā vai śatāny aṣṭau tu homayet || 5:23 ||

… zusammen mit seinen fünf Gliedmantras, nachdem er ein vorzügliches Mandala hergestellt hat. Nach dem begonnenen Feueropfer bringe er achthundert Opfergaben dar.

Anmerkung: Prakranta-Homa ist nicht eindeutig erklärt. Śatāny aṣṭau heißt wörtlich ‚acht Hunderte‘; Goodall erwägt eine unregelmäßige Verwendung für 108. Die Übersetzung hält die wörtliche Zahl fest.

Mūlasūtra 5.24

hutvā vijñāpayed devaṃ kṣantavyaṃ tu tvayā vibho |
samayāṣṭakadoṣeṇa sādhako naiva lipyate || 5:24 ||

Nach dem Opfer wende er sich an die Gottheit: ‚Du mögest vergeben, o Allgegenwärtiger. Der Ausübende werde durch Verfehlungen gegen die acht Verpflichtungen nicht befleckt …‘

Anmerkung: Dies ist ausdrücklich eine rituelle Bitte. Die acht Verpflichtungen werden an dieser Stelle nicht aufgezählt.

Mūlasūtra 5.25

teṣāṃ doṣaviśuddhyartthaṃ kṛtaṃ homaṃ mayā tava |
kṣamate †pūrvvam ekan tu† {caṇḍīśa ya}[(stu)] pūjayet || 5:25 ||

‚… um die dabei begangenen Verfehlungen zu reinigen, habe ich dir dieses Feueropfer dargebracht.‘ Wer Chandisha verehrt, dem wird [vorausgehend?] vergeben. [Ein Ausdruck im zweiten Halbvers ist nicht sicher verständlich.]

Anmerkung: Die Edition markiert pūrvam ekaṃ tu als unklar. Auch die Namensergänzung im zweiten Halbvers ist hypothetisch.

Mūlasūtra 5.26

{--------------------} |
dīkṣādagdhā na rohanti bhinnadehe śivaṃ vrajet || 5:26 ||

[Ein Halbvers fehlt nach Vermutung der Herausgeber.] Was durch die Einweihung verbrannt wurde, wächst nicht wieder auf. Wenn der Körper zerfällt, soll er zu Shiva gelangen.

Anmerkung: Das Subjekt des ersten Satzes ist verloren; vermutlich sind die Bindungen gemeint. Die Halbverslücke selbst ist eine editorische Annahme zur Erklärung des Satzabbruchs.

Mūlasūtra 5 – Kolophon

iti mūlasūtre pañcamaḥ paṭalaḥ | ślo ⟦?⟧ 5 || ○ ||

So endet im Mulasutra das fünfte Kapitel. [Zählvermerk mit hier nicht sicher entzifferten Zeichen und der Ziffer 5.]

Anmerkung: Die besonderen gedruckten Zahlzeichen werden nicht als verlässlich entziffert ausgegeben. Die moderne Kapitelzählung endet bei Vers 26.
Ein heutiges Feuerritual bei Yoga Vidya. Ergänzende Veranschaulichung; die genaue Nishvasa-Ritualfolge ist damit nicht dargestellt.

Mūlasūtra, Kapitel 6: Lautgestalten und Mantrachiffren

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 147–151. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Mūlasūtra 6.1

ataḥ param pravakṣyāmi mantrāṇāṃ tattvalakṣaṇam |
yaṃ viditvā vimucyante narās saṃsārabandhanāt || 6:1 ||

Nun werde ich unter den Mantras die Kennzeichen des Tattva erklären. Wer es erkennt, wird von der Fessel des Daseinskreislaufs befreit.

Anmerkung: Auch möglich: ‚die Kennzeichen des Wesens der Mantras‘. Tattva ist hier zugleich Bezeichnung des grundlegenden Shiva-Mantras.

Mūlasūtra 6.2

aṣṭāntam eka pūrvvan tu [(dvā)]daśāntan tatopari |
ṣaḍantena samāyuktam anantaṃ hy āsanottamam || 6:2 ||

Zuerst steht das Ende der achten [Buchstabengruppe], darüber das auf den zwölften [Vokal] Folgende, verbunden mit dem Ende der sechsten [Gruppe]. Das ist Ananta, der vorzügliche Thron.

Anmerkung: Die in der Edition begründete Auflösung lautet h + o + m, also hoṃ. Die Zahlen beziehen sich auf eine bestimmte Gliederung des Sanskritalphabets.

Mūlasūtra 6.3

prakṛtisthaṃ bhaved dharmmaṃ dvibhinnaṃ jñānam ucyate |
tricaturthasya bhedena vairāgaiśvaryyam ucyate || 6:3 ||

Auf dem natürlichen [Vokal] stehend wird [dieselbe Grundlage] Dharma genannt; mit dem zweiten verbunden heißt sie Erkenntnis. Durch die Verbindung mit dem dritten und vierten entstehen Loslösung und Herrschaftskraft.

Anmerkung: Gemeint sind die vier Thronbeine. Goodall erschließt ha, hā, hi, hī, gewöhnlich nasalisiert als haṃ, hāṃ, hiṃ, hīṃ. Die Nasalierung ist in diesem Vers nicht eigens angeordnet; längere Anrufungsformeln werden nicht ergänzt.

Mūlasūtra 6.4

savisarggaṃ bhavet padmaṃ pañcadaśākrānta karṇṇikā |
tripañcakāntasaptādau bhittvā tattvan tu śaktayaḥ || 6:4 ||

Mit Visarga wird [die Grundlage] zum Lotus; mit dem fünfzehnten [Vokal] versehen zur Lotusmitte. Die Shaktis entstehen, indem die Grundlage mit [den Vokalen] vom siebenten bis zum fünfzehnten verbunden wird.

Anmerkung: Für Lotus und Mitte ergeben sich haḥ und haṃ. Die neun weiteren Lautgestalten sind hṛ, hṝ, hḷ, hḹ, he, hai, ho, hau, haṃ; die letzten neun Vokale zählen rückwärts im Ausdruck der Vorlage.

Mūlasūtra 6.5

śivatattvam paraṃ vakṣye ’ṣṭabhedāṅgasamyu[tam |]
[(ye)]na vijñātamātreṇa na punar gṛhyate tanum || 6:5 ||

Ich werde das höchste Shiva-Tattva mit seinen acht Formen und seinen Gliedern erklären. Allein durch seine Erkenntnis nimmt man nicht erneut einen Körper an.

Mūlasūtra 6.6

sakalaṃ niṣkalaṃ śūnyaṃ kalāḍhyaṃ kham alaṅkṛtam |
kṣapaṇaṃ kṣayam antasthaṃ kaṇṭhyoṣṭhāṣṭamaṃ smṛtam || 6:6 ||

[Die acht Formen heißen:] Sakala, Nishkala, Shunya, Kaladhya, Khamalankrita, Kshapana-Kshaya, Antastha und als achte Kanthyoshtha.

Anmerkung: Die Bezeichnung Kshapana-Kshaya wird als eine Form verstanden, damit sich die angekündigte Achtergruppe ergibt. Die Namensgestalt Kanthyoshtha wird nicht stillschweigend zum üblicheren Kanthaushthya normalisiert.

Mūlasūtra 6.7

aṣṭāntaṃ ṣaṭkasamyuktaṃ ṣaḍantena samanvitam |
sakalaṃ sarvvadehasthaṃ śivatattvam prakīrttitam || 6:7 ||

Das Ende der achten [Gruppe], verbunden mit der Sechsheit und dem Ende der sechsten [Gruppe], wird Sakala genannt: das in allen Körpern befindliche Shiva-Tattva.

Anmerkung: Ṣaṭka kann die sechs ersten Vokale oder unregelmäßig den sechsten, ū, meinen. Die Edition bevorzugt als Möglichkeit hūṃ, hält die Auflösung jedoch ausdrücklich nicht für zweifelsfrei.

Mūlasūtra 6.8

svayaṃ niṣkramate devo dehan tyaktvā samārutaḥ |
niṣkalaṃ taṃ vijānīyāt ṣaḍvarṇṇarahitaḥ śivaḥ || 6:8 ||

Von selbst tritt die Gottheit hinaus und verlässt den Körper zusammen mit dem Atem. Dies erkenne man als Nishkala: Shiva ohne den sechsten Laut beziehungsweise ohne die sechs Laute.

Anmerkung: Beide Deutungen der Zahl bleiben möglich. Eine sichere aussprechbare Rezitationsform wird hier nicht hergestellt; erwogen werden h oder hm.

Mūlasūtra 6.9

niśvāsocchvasanaṃ bhittvā sthitan dehe tu kāṣṭhavat |
śūnyaṃ taṃ tu vijānīyād dhṛdayena tu bhāvayet || 6:9 ||

Was nach dem Unterbrechen von Aus- und Einatmung im Körper wie ein Stück Holz stillsteht, erkenne man als Shunya; man vergegenwärtige es im Herzen.

Anmerkung: Die Stelle beschreibt ein historisches Verfahren des Atemstillstands. Sie ist keine Anleitung, Atemstillstand oder Bewusstseinsverlust herbeizuführen. Eine gewöhnliche Wortübersetzung für eine vermeintliche Keimsilbe wird nicht erfunden.

Mūlasūtra 6.10

cumbākāreṇa vaktreṇa yat tattvaṃ śrūyate †bhuvi† |
kalāḍhyan taṃ vijānīyād ākāśasthañ ca me śṛṇu || 6:10 ||

Was von diesem Tattva mit kussförmig gerundetem Mund ‚auf Erden‘ hörbar wird, erkenne man als Kaladhya. Und höre von mir [nun] das im Raum Befindliche.

Anmerkung: Bhuvi, ‚auf Erden‘, ist in der Edition als zweifelhaft markiert. Die Beschreibung erlaubt keine sichere Festlegung einer geschriebenen Bija-Folge.

Mūlasūtra 6.11

ūrddhvanādasya kṣīṇasya yad antaṃ parikīrttitam |
tatra sthan taṃ vijānīyā[(d ā)]kāśena tv alaṅkṛtam || 6:11 ||

Was als das Ende des verklungenen oberen Tones bezeichnet wird und dort verweilt, erkenne man als das mit Raum Geschmückte.

Anmerkung: Dies erläutert Khamalankrita. Spätere Kommentatoren geben verschiedene Lautauflösungen; keine davon wird hier ungekennzeichnet in den Grundtext übernommen.

Mūlasūtra 6.12

vyāvṛtena tu vaktreṇa śrutvā devaṃ jagadgurum |
duḥkhakṣapaṇam ity uktan tat kṣayāt kṣapaṇaṃ smṛtam || 6:12 ||

Hört man mit geöffnetem Mund die Gottheit, den Lehrer der Welt, so wird dies ‚Vernichtung des Leidens‘ genannt; es gilt als Kshayat Kshapana, ‚Tilgung aus dem Schwinden‘.

Anmerkung: Die Bezeichnung und ihr Verhältnis zu Kshapana-Kshaya in Vers 6 sind nicht eindeutig. Der Laut wird als Atemklang beschrieben, nicht direkt ausgeschrieben.

Mūlasūtra 6.13

adhonādasya kṣīṇasya yad antaṃ parikīrttitam |
antasthaṃ taṃ vijānīyād anuccāryyam prakīrttitam || 6:13 ||

Was als das Ende des verklungenen unteren Tones bezeichnet wird, erkenne man als Antastha. Es wird als unaussprechlich gelehrt.

Mūlasūtra 6.14

aṣṭavarggāṣṭamaṃ koṭi saptamasya dvitīyakam |
varggātītaṃ ṣaḍantañ ca saptame {tri}caturthakam || 6:14 ||

Der achte der achten Gruppe, die Spitze; der zweite der siebten; das jenseits der Gruppen Befindliche; das Ende der sechsten sowie der dritte und vierte der siebten …

Anmerkung: Die verschlüsselte Buchstabenfolge setzt sich in Vers 15 fort. Koṭi, ‚Spitze‘, kann entweder h näher bestimmen oder als zusätzlicher Laut s aufgefasst werden.

Mūlasūtra 6.15

ādimaś ca punar yojyaṃ ṣaṣṭhaṃ vai prathamasya tu |
khaśekharasamāyuktaṃ kaṇṭhyoṣṭhāṣṭamaṃ smṛtam || 6:15 ||

… ferner der erste [der siebten Gruppe]; dann füge man den sechsten der ersten Gruppe hinzu, verbunden mit der Krone des Raumes. Dies gilt als die achte Form, Kanthyoshtha.

Anmerkung: Goodall erwägt nach Uttarasutra 1.10–11 h-r-kṣ-m-l-v-y-ū mit Nasalierung; eine spätere Kommentarauflösung enthält zusätzlich s. Der genaue Lautbestand und die Nasalierungsform bleiben deshalb als Auslegungsfragen sichtbar.

Mūlasūtra 6.16

varggāntaṃ pañcakenaiva bhedayet parameśvaram |
pañcabrahmās samākhyātā haḥkāro reta ucyate || 6:16 ||

Man verbinde den Höchsten Herrn, das Ende der Buchstabengruppen, mit der Fünfergruppe. Diese werden die fünf Brahma-Mantras genannt. Die Silbe haḥ heißt der Same.

Anmerkung: Haḥ ist ausdrücklich ausgeschrieben. Die fünf Brahma-Bijas werden über h mit fünf Vokalen erschlossen, wahrscheinlich haṃ, hiṃ, huṃ, heṃ, hoṃ; die Nasalierung wird im Vers nicht eigens genannt.

Mūlasūtra 6.17

vāmā tu bindusamyuktā vāgīśīti nigadyate |
retobhūtaḥ praviṣṭas tu sadya eva prajā[(yate)] || 6:17 ||

Vama, mit dem Punkt verbunden, wird Vagishi genannt. Nachdem [der Einzuweihende] zur Samengestalt geworden und eingetreten ist, wird er sogleich geboren.

Anmerkung: Die Edition bevorzugt hṛṃ als Auflösung der Vagishi-Silbe, aus der Vama-Form hṛ und Bindu. Der zweite Halbvers erinnert an die symbolische Neugeburt der Einweihung.

Mūlasūtra 6.18

tattvam īkārasambhinnaṃ jñānasiddhikumārikā |
udvāhayitvā tām patnīṃ yajed yajñāṃ sadakṣiṇām || 6:18 ||

Die mit dem Vokal ī verbundene Tattva-Grundlage ist Jnanasiddhikumarika. Nachdem er sie zur Gattin genommen hat, vollziehe er Opfer samt den dazugehörigen Gaben für die Offizianten.

Anmerkung: Die erschließbare Lautgestalt ist hī beziehungsweise bei ergänzter Nasalierung hīṃ. Der Vers bezieht sich auf die rituelle Gattin aus Mulasutra 4.12.

Mūlasūtra 6.19

tripañcakena samyuktaṃ hṛdayan tat prakīrttitam |
⏑ ⏑ varggādisamyuktaṃ śiro devasya kīrttitam || 6:19 ||

Mit dem fünfzehnten [Vokal] verbunden wird dies das Herz genannt. [Zwei Silben unleserlich] mit dem Anfang der [genannten] Gruppe verbunden heißt es der Kopf der Gottheit.

Anmerkung: Die Unterbögen vertreten hier unleserliche Silben des Drucks, keine gesprochenen Laute. Die Edition erwägt sapta als Ergänzung; daraus ergäbe sich für den Kopf hyaṃ. Die Lesung wird nicht in den Grundtext eingesetzt.

Mūlasūtra 6.20

ubhayor api [saṃ]yogāt svaraiḥ pañcabhir bheditam |
śiraḥ śikhā kavacāstraṃ gāyatrīha tatheśvarāḥ || 6:20 ||

Durch die Verbindung beider [Buchstaben], mit fünf Vokalen unterschieden, [entstehen] Kopf, Haarspitze, Schutzpanzer, Waffenmantra und Gayatri. Ebenso [werden nun] die Herren [behandelt].

Anmerkung: Unter der vorausgehenden unsicheren Deutung von h und y erschließt die Edition hyaṃ, hyiṃ, hyuṃ, hyeṃ und hyoṃ. Diese Formen stehen im Vers nicht als offene Silbenliste.

Mūlasūtra 6.21

varggeṇa saptamenaiva caturddhā yojayec chivam |
vāyur agni ⏑ ⏑ prā ⏑ caturddhā tan tu yojayet || 6:21 ||

Mit der siebten Buchstabengruppe verbinde man Shiva vierfach. Wind, Feuer [unleserliche und abgebrochene Silben] – man verbinde ihn vierfach.

Anmerkung: Wahrscheinlich geht es um die acht Vidyeshvaras. Die erste Vierergruppe lässt sich als hyūṃ, hrūṃ, hlūṃ, hvūṃ deuten; die zweite ist aus dem beschädigten Wortlaut nicht sicher herzustellen.

Mūlasūtra 6.22

dvādaśādisamāyuktam ukārāntapratiṣṭhitam |
--- {savisar}ggās tv astrayonayaḥ |
saptamasya dvitīyena yuktaṃ vai parameśvaram || 6:22 ||

Verbunden mit [den Vokalen] vom zwölften abwärts bis zum u [entstehen die Richtungshüter]. [Text fehlt.] Mit Visarga [entstehen] die Ursprünge der Waffen. Den Höchsten Herrn, mit dem zweiten der siebten [Gruppe] verbunden …

Anmerkung: Dieser Vers hat sechs Versviertel und eine Lücke. Die Richtungshüter sind aus dem Zusammenhang ergänzt; die wörtliche Vokalfolge wird in der Mantra-Sammlung getrennt von gesicherten offenen Formeln behandelt.

Mūlasūtra 6.23

āsanaṃ caṇḍanāthasya devadevasya kīrttitam |
tripañcakena bhittvā vai [(caṇḍī)]śas tu svayaṃ bhavet || 6:23 ||

… nennt man den Thron des Chandanatha, des Gottes der Götter. Verbindet man [die Grundlage] mit dem fünfzehnten [Vokal], so entsteht Chandisha selbst.

Anmerkung: Der Zusammenhang erschließt hr als Grundlage und hraṃ für Chandisha. Die genaue Vokalisierung des Thronmantras ist in der Edition ausdrücklich nicht abschließend entschieden.

Mūlasūtra 6.24

āṃ īṃ ūṃ aṃ aḥ | pañca aṅgā tasya vinirdiśet |
vāmāṅguṣṭhāt samārabhya navātmānaṃ niyojayet || 6:24 || (?)

Ām, īm, ūm, am, aḥ: Als diese fünf bestimme man seine Gliedmantras. Beginnend mit dem linken großen Zeh ordne man den Navatman [am Körper] an.

Anmerkung: Die fünf Silben sind ausdrücklich überliefert: āṃ īṃ ūṃ aṃ aḥ. Die deutsche Lautannäherung ersetzt nicht ihre genaue IAST-Form. Das Fragezeichen nach der Versnummer gehört zum Druck und zeigt die unsichere Abgrenzung an.

Mūlasūtra 6.25

(sakala) --- saṃskāram ucyate |
bījamudrān tathā baddhvā āsanārthe prayojayet || 6:25 ||

[Beschädigter Text:] ‚Sakala …‘ wird der vorbereitende Weihevollzug genannt. Dann bilde man die Bija-Mudra und verwende sie für den Thron.

Anmerkung: Die Beschreibung der Körperzuordnung und ihrer Vorbereitung ist unvollständig. Die Mudra wird hier nur benannt, nicht in ihrer Handhaltung erklärt.

Mūlasūtra 6.26

sakale niṣkale caiva sā tu mudrā bhaviṣyati |
anyeṣān tu namaskāro ’mṛtāṃ vāpi yojayet |
hīnasya pūraṇī hy eṣā koṭimudrā visarjjane || 6:26 ||

Diese Mudra wird auch für Sakala und Nishkala verwendet. Für die anderen [Gottheiten] dient der Grußgestus; man kann auch die Amrita-Mudra einsetzen. Diese vervollständigt das Fehlende. Beim Verabschieden [verwende man] die Koti-Mudra.

Anmerkung: Dieser nummerierte Vers hat sechs Versviertel. Bija-, Namaskara-, Amrita- und Koti-Mudra sind Gestenbezeichnungen, keine zusätzlichen Mantras.

Mūlasūtra 6 – Kolophon

iti mūlasūtre ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ || ○ || ślo [25]

So endet im Mulasutra das sechste Kapitel. Verse: [25].

Anmerkung: Die Zahl 25 ist in der Edition aus einer Abschrift ergänzt. Die moderne Nummerierung reicht bis 26 und enthält Einheiten mit abweichendem Versbau.

Mūlasūtra, Kapitel 7: Erkenntnis und Verwirklichung

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 151–153. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Mūlasūtra 7.1

([etat] tu ta){t param} tattvam anuccāryyaṃ śivam param |
etat tat param brahma etat tat param ākṣaram || 7:1 ||

Dies ist jene höchste Wirklichkeit, der unaussprechliche höchste Shiva. Dies ist jenes höchste Brahman; dies ist das höchste Unvergängliche.

Anmerkung: Der Anfang ist aus Abschriften und durch Ergänzung wiederhergestellt. Akshara kann auch ‚Silbe‘ bedeuten: Die Verbindung von Wirklichkeit und Mantra bleibt im Wortspiel gegenwärtig.

Mūlasūtra 7.2

viditvā bahubhir bhedair bhūyo janman na vrajet |
naiva pāpam bhavet tasya naiva puṇyaṃ tathaiva ca || 7:2 ||

Wer sie in ihren vielfältigen Formen erkannt hat, gelangt nicht wieder zur Geburt. Für ihn gibt es weder schlechtes Karma noch ebenso verdienstvolles Karma.

Anmerkung: Der folgende Abschnitt steigert diese Aussage zur radikalen Verherrlichung des Tattva. Er ist nicht als heutige Freistellung von Verantwortung zu verstehen.

Mūlasūtra 7.3

steyena kanakādīnāṃ gomāṃsasya ca bhakṣaṇe |
brahmavadhyāsahasreṇa tattvavin naiva lipyate || 7:3 ||

Durch den Diebstahl von Gold und anderem, durch das Essen von Rindfleisch oder durch tausendfache Tötung von Brahmanen wird der Kenner des Tattva nicht befleckt.

Anmerkung: Die Schrift behauptet eine grenzenlose reinigende Kraft der Erkenntnis. Diese historisch anstößige Behauptung wird textnah wiedergegeben, nicht gebilligt.

Mūlasūtra 7.4

agamyāgamanaṃ kṛtvā {hatvā lokāṃś} carācarān |
surāpānādibhir doṣais tattvavin naiva lipyate || 7:4 ||

Auch wenn er verbotene sexuelle Verbindungen eingegangen wäre oder die Welten mit ihren beweglichen und unbeweglichen Wesen getötet hätte: Durch Verfehlungen wie das Trinken berauschenden Getränks wird der Kenner des Tattva nicht befleckt.

Anmerkung: Ein Teil der extremen Gegenüberstellung ist ergänzt. Der Vers erklärt solche Handlungen nicht zu notwendigen Bestandteilen der Praxis.

Mūlasūtra 7.5

māyānṛtasahasreṣu parahiṃsārato ’pi yaḥ |
nityaśuddho bhaved devi yasya tattvaṃ hṛdi sthitam || 7:5 ||

Selbst wenn jemand tausendfach Täuschung und Unwahrheit betreibt und anderen Schaden zufügt: In wessen Herzen das Tattva wohnt, der soll beständig rein sein, o Göttin.

Anmerkung: Diese Überbietungsrhetorik steht in Spannung zu den ausdrücklich verlangten Eigenschaften Mitgefühl und Aufrichtigkeit, etwa Mulasutra 8.7–8 und 8.15. Sie rechtfertigt heute keinen Missbrauch.

Mūlasūtra 7.6

phalāhāro pañcatapo yas tiṣṭheta śataṃ samāḥ |
sakṛd uccārite tattve tat sarvvam phalam āpnuyāt || 7:6 ||

Den gesamten Ertrag dessen, der hundert Jahre von Früchten lebt und die Askese der fünf Feuer übt, soll man erlangen, wenn das Tattva nur einmal ausgesprochen wird.

Anmerkung: Die fünf Feuer meinen eine extreme Hitzeaskese. Sie wird hier als Vergleichsgröße genannt, nicht als heutiger Übungsvorschlag.

Mūlasūtra 7.7

yakṣā kratusahasraṃ tu ya --- |
sakṛd uccārite tattve tat sarvvam phalam āpnuyāt || 7:7 ||

[Wer] tausend Opfer vollzogen hat [fehlender Text] – deren gesamten Ertrag soll man erlangen, wenn das Tattva nur einmal ausgesprochen wird.

Anmerkung: Der erste Halbvers ist beschädigt; die Form yakṣā ist unregelmäßig und wird nicht geglättet.

Mūlasūtra 7.8

śivārccanāgnikāryyañ ca dvādaśābdāṃ karoti yaḥ |
sakṛd uccārite tattve tat sarvvam phalam āpnuyāt || 7:8 ||

Den gesamten Ertrag dessen, der zwölf Jahre Shiva-Verehrung und Feuerriten vollzieht, soll man erlangen, wenn das Tattva nur einmal ausgesprochen wird.

Mūlasūtra 7.9

tena dattaṃ tapas taptaṃ yaṣṭā yajñā sadakṣiṇa |
kṛtas tīrthābhiṣekaś ca yasya tattvaṃ hṛdi sthitam || 7:9 ||

Wer das Tattva im Herzen trägt, hat damit [alle] Gaben gegeben, Askese geübt, Opfer samt ihren Begleitgaben dargebracht und die Bäder an den heiligen Pilgerstätten vollzogen.

Anmerkung: Die behauptete Gleichwertigkeit ist religiöse Selbstauslegung des Mantras, keine Abrechnung messbarer Leistungen.

Mūlasūtra 7.10

ārogyaṃ dhanam aiśvaryyaṃ kāmāś ca vividhās tathā |
sarvvaṃ sampadyate tasya yas tattvaṃ japate sadā || 7:10 ||

Gesundheit, Besitz, Macht und die Erfüllung vielfältiger Wünsche – all dies soll dem zuteilwerden, der beständig das Tattva rezitiert.

Anmerkung: Traditionelles Wirkungsversprechen, keine medizinische oder wirtschaftliche Zusicherung.

Mūlasūtra 7.11

pādapracāraṃ khaḍgañ ca rocanā pāduke tathā |
guḍikākāśagamanaṃ dantakāṣṭhapavitrakam || 7:11 ||

[Er erlangt] das Durchmessen großer Strecken zu Fuß, das magische Schwert, Rochana, wunderwirkende Sandalen, Zauberpillen, das Gehen im Luftraum, magische Zahnstäbchen und heilige Schnüre …

Anmerkung: Rochana bezeichnet hier einen rituell verwendeten Stoff tierischer Herkunft. Die Liste nennt Ziele magischer Praxis, keine geprüften Wirkungen.

Mūlasūtra 7.12

antarddhānāñjanākarṣavidveṣoccāṭamāraṇam |
nirbbījaṃ viṣasaṅkrāmaṃ --- || 7:12 ||

… Augensalbe zum Unsichtbarwerden, Herbeiziehen, Entzweiung, Vertreibung und Tötung, Unfruchtbarmachen und das Übertragen von Giftwirkungen [fehlender Text].

Anmerkung: Die historischen Schadensziele werden dokumentiert. Der Vers enthält hier keine ausgeführten Verfahrensanweisungen; es wird keine praktische Ergänzung hinzugefügt.

Mūlasūtra 7.13

⏑ la vṛ (?) --- yāṇān tu śuṣkadāruprarohaṇam |
nirviṣāgnikaraṇaṃ graharakṣasanāśanam || 7:13 ||

[Der Versanfang ist unverständlich.] Trockenes Holz zum Sprießen bringen, Gift und Feuer unwirksam machen, besitzergreifende Geister und Rakshasas vernichten …

Anmerkung: Die wenigen unklaren Schriftreste am Anfang werden nach dem Druck mit Fragezeichen bewahrt. Die Wunderbehauptungen begründen keine Sicherheit gegenüber Gift oder Feuer.

Mūlasūtra 7.14

paramantraprabhedañ ca parasainyasya stambhanam |
nagoddharaṇam āveśaṃ sarvvaduṣṭanibandhanam || 7:14 ||

… fremde Mantras durchbrechen, ein gegnerisches Heer lähmen, Berge emporheben, Besessenheit hervorrufen und alle Böswilligen binden …

Anmerkung: Die Lesung nagoddharaṇa, ‚Berge emporheben‘, ist eine Konjektur. Die Alternative nāgoddharaṇa würde sich auf Schlangenwesen beziehen.

Mūlasūtra 7.15

tulayā śodhayet pāpam ātmanaḥ parasya vā |
paramantraprayogeṇa sarvvakarmmāṇi kārayet || 7:15 ||

… mit einer Waage die eigenen oder fremden Verfehlungen reinigen. Durch die Anwendung des höchsten Mantras soll er alle [magischen] Handlungen vollbringen können.

Anmerkung: Die Waage gehört offenbar zu einem Reinigungsritus; genaue Einzelheiten fehlen hier.

Mūlasūtra 7.16

pa --- (--ce) ⊔ bījāntena samālabhet |
phaṭkāreṇa samāyuktaṃ sadya evotkramanti te || 7:16 ||

[Beschädigter Anfang:] Er berühre [jemanden] mit [einem Mantra], das in einer Keimsilbe endet und mit phat verbunden ist; sogleich treten sie hinaus.

Anmerkung: Die Deutung ist unsicher. Gemeint sein kann das tödliche Austreten der Lebenskräfte als vermeintlich befreiender Ritus. Dies ist historische Textdokumentation, ausdrücklich keine heutige Praxisanregung. Die Formel ist unvollständig.

Mūlasūtra 7.17

yaṃ yaṃ spṛśati hastena yaṃ yaṃ paśyati cakṣuṣā |
dhyātvā tattvaṃ tu medhāvī dīkṣitaṃ taṃ vinirdiśet || 7:17 ||

Wen der Einsichtige mit der Hand berührt oder mit den Augen anschaut, nachdem er das Tattva meditiert hat, den soll man als eingeweiht betrachten.

Anmerkung: Die Stelle behauptet eine besondere Macht des eingeweihten Lehrers. Sie ist keine allgemeine Freigabe, ohne Zustimmung Einweihungen vorzunehmen.

Mūlasūtra 7.18

viditvā tu paraṃ tattvaṃ yadi syāt saṃśayo bhavet |
yoga eva tadā sevyo ātmapratyayakāraṇāt || 7:18 ||

Wenn nach dem Kennenlernen des höchsten Tattva noch Zweifel entstehen sollten, dann ist Yoga zu üben, um zur eigenen Gewissheit zu gelangen.

Anmerkung: Pratyaya kann Vertrauen, Überzeugung oder einen tragfähigen Erfahrungsgrund meinen. Der Vers verbindet übernommene Lehre mit eigener Prüfung durch Übung.

Mūlasūtra 7.19

dhyāyate yas tu yukta {tmā dvāda}śābdāṃ suyantritaḥ |
aṇimādiguṇaiśvaryyaṃ sarvvajñatvam prajāyate || 7:19 ||

Wer gesammelt und gut beherrscht zwölf Jahre meditiert, bei dem sollen Herrschaftskräfte wie das Sich-klein-Machen und Allwissenheit entstehen …

Anmerkung: Die Zeitangabe ist teilweise wiederhergestellt; es handelt sich um eine traditionelle Verheißung, nicht um einen Trainingsplan mit zugesichertem Ergebnis.

Mūlasūtra 7.20

dūrāc chravaṇavijñānaṃ darśanam mananan tathā |
jāyate sarvvakāmitvaṃ dehenānena sādhakaḥ || 7:20 ||

… ferner Hören und Erkennen aus der Ferne, Fernschau und geistiges Wahrnehmen. Alle Wünsche sollen sich erfüllen, während der Ausübende noch diesen Körper besitzt.

Anmerkung: Der Sanskritsatz ist unregelmäßig gebaut; der Anschluss von ‚Ausübender‘ ist nicht grammatisch glatt.

Mūlasūtra 7.21

saṅkramet paradeheṣu kṣuttṛṣābhyāṃ na bādhyate |
śastratoyaviṣāgnibhyo śītoṣṇena na bādhyate || 7:21 ||

Er soll in fremde Körper übergehen können und nicht von Hunger und Durst bedrängt werden. Waffen, Wasser, Gift und Feuer sowie Kälte und Hitze sollen ihm nichts anhaben.

Anmerkung: Diese behauptete Unverletzlichkeit darf niemals erprobt oder als Schutzversprechen verstanden werden.

Mūlasūtra 7.22

atītānāgatañ caiva trailokye yat pravarttate |
pratyakṣaṃ tad bhavet tasya śivasvacchandatāṃ vrajet || 7:22 ||

Was in den drei Welten vergangen ist, künftig sein wird oder sich gegenwärtig ereignet, soll ihm unmittelbar anschaulich sein. Er soll zu Shivas freier Selbstbestimmung gelangen.

Mūlasūtra 7.23

susiddhas tattvavic caiva gṛhe yasya samabhyeti |
koṭir vvedavidāṃ tena bhojitā tu bhaviṣyati || 7:23 ||

Wessen Haus ein vollendeter Kenner des Tattva betritt, der soll damit so viel bewirkt haben, als hätte er zehn Millionen Kenner des Veda gespeist.

Anmerkung: Koti wird hier als Zahl zehn Millionen wiedergegeben; die Gleichsetzung ist eine religiöse Verherrlichung der Gastfreundschaft gegenüber einem solchen Lehrer.

Mūlasūtra 7.24

yatra deśe vrajet so hi sa deśaḥ pūtatāṃ vrajet |
bhikṣāṃ yasya tu gṛhṇāti sakulaś coddhṛto bhavet || 7:24 ||

Wohin er auch geht, dieser Ort soll rein werden. Von wem er eine Almosengabe annimmt, der soll mitsamt seiner Familie emporgehoben werden.

Mūlasūtra 7.25

lakṣāṃ lakṣan tu niṣkasya yo dadyād vedapārago |
śiva --- ntaś ca tāni ca tatsamam || 7:25 ||

Wer Hunderttausende von Goldstücken [einem] in den Veden Vollendeten gäbe [beschädigter Satz] – Shiva [fehlender Text] und jene … dem gleich.

Anmerkung: Der erhaltene Wortlaut trägt nur eine fragmentarische Übersetzung. Vermutlich wird eine Gabe an einen Tattva-Kenner mit großen anderen Gaben verglichen; diese Inhaltsvermutung ersetzt keinen fehlenden Halbvers.

Mūlasūtra 7.26

viditvā hy aṣṭabhir bhedair devadevaṃ jagadgurum |
tat kim artthaṃ gṛhaṃ tyaktvā vane tiṣṭhanti mānavāḥ || 7:26 ||

Wenn Menschen den Gott der Götter, den Lehrer der Welt, in seinen acht Formen erkannt haben, warum sollten sie dann ihr Haus verlassen und im Wald leben?

Anmerkung: Der Vers macht spirituelle Verwirklichung nicht pauschal vom Wechsel in eine asketische Lebensform abhängig.

Mūlasūtra 7.27

brahmacaryyādibhir dehan tāpayanti tapādibhiḥ |
parijñānena te muktā na teṣāṃ yantraṇā bhavet || 7:27 ||

[Andere] quälen den Körper mit Enthaltsamkeit und ähnlichen Regeln, mit Askese und Weiterem. Diese aber sind durch vollständige Erkenntnis befreit; für sie soll solche Bedrängung nicht bestehen.

Anmerkung: Das Lob der Erkenntnis ist keine Aufhebung von Mitgefühl und Aufrichtigkeit. Der Gegensatz richtet sich hier gegen körperliche Selbstpeinigung als notwendige Befreiungsbedingung.

Mūlasūtra 7 – Kolophon

iti mūlasūtre saptamaḥ paṭalaḥ ślo ⟦?⟧

So endet im Mulasutra das siebte Kapitel. [Zählzeichen.]

Anmerkung: Das besondere gedruckte Zählzeichen wird nicht mit einem ungeprüften Zahlenwert wiedergegeben. Die moderne Nummerierung reicht bis 27.

Mūlasūtra, Kapitel 8: Weitergabe der Lehre

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 154–156. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Mūlasūtra 8.1

etat te paramaṃ tattvam asandigdham avistaram |
tvatpriyārtthaṃ samākhyātaṃ na deyam paradīkṣite || 8:1 ||

Dir zuliebe ist dir dieses höchste Tattva ohne Zweifel und in Kürze erklärt worden. Es soll nicht einem in einem anderen [Lehrsystem] Eingeweihten mitgeteilt werden.

Anmerkung: Paradikshita kann auch einen von einem anderen Lehrer Eingeweihten meinen. Die historische Weitergabebeschränkung wird nicht als heutiges Leseverbot ausgegeben.

Mūlasūtra 8.2

marttyā bahuvidhā duṣṭāḥ parasiddhāntavādinaḥ |
dravyeṇa māyayā vāpi sevādharmmeṇa vā punaḥ || 8:2 ||

Es gibt allerlei unredliche Menschen, die fremde Lehrsysteme vertreten. Mit Geld, Täuschung oder auch durch [vorgeblichen] Dienst …

Anmerkung: Die polemische Perspektive des Textes richtet sich auf vermeintlich unaufrichtige Empfänger. Sie ist keine pauschale heutige Aussage über Angehörige anderer Traditionen.

Mūlasūtra 8.3

tattvāpahartum uḍḍuvanti nābhinandanti gṛhya ca |
pūrvvam eva mayā jñātam asmiṃs tantre ca paṭhyate || 8:3 ||

… versuchen sie, das Tattva an sich zu bringen. Haben sie es erlangt, freuen sie sich nicht daran, [sondern sagen:] ‚Das wusste ich schon vorher; hier in diesem Tantra wird es [nur erneut] vorgetragen.‘

Anmerkung: Die ungewöhnliche Verbform uḍḍuvanti wird nicht klassizistisch umgeschrieben.

Mūlasūtra 8.4

evaṃ jñātvā tu medhāvī na ca tattvam prakāśayet |
bhrāmayan mantramudrābhir dīkṣāmaṇḍalayojanaiḥ || 8:4 ||

Dies wissend, soll der Einsichtige das Tattva nicht offenbaren, sondern [solche Menschen zunächst] mit Mantras, Mudras und dem Einsetzen in Einweihungsmandalas umherführen …

Anmerkung: Bhramayan ist hier eine problematische Anweisung zum Hinhalten beziehungsweise Irreführen. Sie wird nicht in eine uneingeschränkt wohlwollende moderne Lehrpädagogik umgedeutet.

Mūlasūtra 8.5

sādhanai yogacaryyābhis tapodhyānajapā[(di)]bhiḥ |
yadā śāntam prabudhyeta tadā tattvam prabhedayet || 8:5 ||

… mit Verwirklichungspraktiken, Yoga und Observanzen, mit Askese, Meditation, Rezitation und Weiterem. Wenn er erkennt, dass [der Schüler] zur Ruhe gekommen ist, dann offenbare er ihm das Tattva.

Anmerkung: Die Beziehung des ersten Halbverses zum vorhergehenden Vers ist auslegungsbedürftig. Die Übersetzung wahrt den von der Edition bevorzugten Satzanschluss.

Mūlasūtra 8.6

tricatuḥpañcabhir vipre ṣaṭsaptāṣṭabhiḥ kṣatriye |
dvādaśadaśabhir vvaiśye viṃśac chūdreṣu dāpayet || 8:6 ||

Einem Brahmanen teile er es nach drei, vier oder fünf [Jahren] mit, einem Kshatriya nach sechs, sieben oder acht, einem Vaishya nach zwölf oder zehn, Shudras nach zwanzig.

Anmerkung: Die Vorlage stellt zwölf vor zehn; diese Reihenfolge bleibt erhalten. Die standesabhängigen Fristen sind historisch, keine heutigen Zugangsvoraussetzungen.

Mūlasūtra 8.7

suparīkṣya ca dātavyaṃ na ca nāstikanindake |
māyāvine śaṭhe caiva na deyaṃ tattvam uttamam || 8:7 ||

Erst nach gründlicher Prüfung soll es mitgeteilt werden. Einem, der nicht vertraut und herabsetzt, einem Täuscher oder einem Unaufrichtigen soll das höchste Tattva nicht gegeben werden.

Anmerkung: Nastika bezeichnet in diesem Zusammenhang fehlende Zustimmung zur religiösen Lehre, nicht zwingend modernen philosophischen Atheismus.

Mūlasūtra 8.8

brāhmaṇo māyavāṃ yas tu mlecchaś caiva tv amāyavān |
mlecchasyaiva tu dātavyaṃ na tu viprāya dāpayet || 8:8 ||

Wenn ein Brahmane täuschend ist, ein Fremder dagegen ohne Täuschung, soll man es eben dem Fremden geben und nicht dem Brahmanen.

Anmerkung: Mleccha ist die traditionelle, häufig abwertende Bezeichnung für Menschen außerhalb der eigenen Sanskritkultur. Der Vers gewichtet Aufrichtigkeit höher als soziale Herkunft.

Mūlasūtra 8.9

buddhvā bhaktimayaṃ śiṣyaṃ yadi tuṣyati vai guruḥ |
na tasya kālam ākhyātaṃ sadya eva tu bhedayet || 8:9 ||

Wenn der Guru erkennt, dass ein Schüler ganz von Hingabe erfüllt ist, und darüber erfreut ist, gilt für diesen keine vorgeschriebene Wartezeit: Er darf ihm [das Tattva] sogleich offenbaren.

Mūlasūtra 8.10

adhyāpayitvā etaṃ (tu) [tattva]saṃhitam uttamam |
buddhvā bhaktimayaṃ śiṣyam ācāryyatve niyojayet || 8:10 ||

Nachdem er ihn diese höchste Tattva-Samhita gelehrt und den Schüler als von Hingabe erfüllt erkannt hat, setze er ihn in das Amt eines Lehrers ein.

Anmerkung: Tattva-Samhita kann hier die Schrift, zugleich aber auch die zusammengehörige Mantralehre bezeichnen.

Mūlasūtra 8.11

ālikhya tattvabhuvanam pūrvvoktavidhinā budhaḥ |
abhiṣicyāṣṭakalaśair aṣṭatattvābhimantritaiḥ || 8:11 ||

Der Kundige zeichne das Tattva-Mandala nach dem zuvor erklärten Verfahren und übergieße [den Schüler] mit Wasser aus acht Krügen, die durch die acht Tattva-Formen geweiht sind.

Anmerkung: Das Wort bhuvana wird hier im rituellen Zusammenhang als Mandala verstanden; die acht Formen beziehen sich auf Mulasutra 6.

Mūlasūtra 8.12

īśānīn tu diśaṃ nītvā īśānyābhimukhaḥ sthitaḥ |
gītavāditranirghoṣair vvedaśabdasamanvitam || 8:12 ||

Er führe ihn nach Nordosten und stelle sich selbst nach Nordosten gewandt auf, begleitet vom Klang der Veda-Rezitation und vom Schall des Gesangs und der Instrumente.

Mūlasūtra 8.13

pīṭhan dattvā tathā chatram uṣṇīṣaṃ karttarin tathā |
śivatulyas tvam ācāryyo loke cānugrahaṅ kuru || 8:13 ||

Er gebe ihm einen Thron, einen Schirm, einen Turban und eine Schere [und spreche]: ‚Du bist Lehrer und Shiva gleich. Erweise der Welt gnädige Zuwendung.‘

Anmerkung: Die Formel gehört zur Einsetzung des Lehrers. Anugraha meint im Zusammenhang auch die befreiende Einweihung; der Vergleich mit Shiva hebt menschliche Verantwortlichkeit nicht auf.

Mūlasūtra 8.14

dravyalābhe paripraśne na ca bandhujane tathā |
kṛtopakāre kalahe na dadyāc chivaśāsanam || 8:14 ||

Nicht um Besitz zu erlangen, nicht auf bloßes Drängen hin, nicht aus Verwandtschaft, als Gegenleistung für einen Gefallen oder wegen eines Streites soll man Shivas Lehre weitergeben.

Anmerkung: Die genaue Bedeutung von kalahe, ‚im Streit‘, bleibt knapp und mehrdeutig. Der Vers warnt deutlich vor sachfremden Motiven der Weitergabe.

Mūlasūtra 8.15

śāntāya śivabhaktāya śraddhadhānānusūyave |
kṛtajñe ca dayāyukte dātavyaṃ śivaśāsanam || 8:15 ||

Einem friedvollen, Shiva hingegebenen, vertrauensvollen und nicht missgünstigen Menschen, der dankbar und voller Mitgefühl ist, soll Shivas Lehre mitgeteilt werden.

Anmerkung: Die unregelmäßige Form anusuyave wird im Zusammenhang als ‚nicht missgünstig‘ verstanden.

Mūlasūtra 8.16

guravasya samīpastho na kuryāc chiṣyasaṅgraham |
adhyāpanañ ca vyā[(khyānaṃ guru)]{śiṣya}prabodhanam || 8:16 ||

Solange er sich in der Nähe seines eigenen Guru befindet, soll er nicht selbst Schüler aufnehmen, unterrichten oder auslegen und auch nicht die Schüler des Guru belehren.

Anmerkung: Eine historische Regel des Respekts und der Zuständigkeit zwischen Lehrern, keine allgemeine Einschränkung heutiger Bildungsfreiheit.

Mūlasūtra 8.17

apūrvvañ ca śivajñānan dṛṣṭvā ca suciraṃ guroḥ |
nivedayed dhṛṣṭamanāḥ pūjayec ca yathā śivam || 8:17 ||

Nachdem er über lange Zeit die unvergleichliche Shiva-Erkenntnis seines Guru wahrgenommen hat, teile er es ihm freudigen Herzens mit und verehre ihn wie Shiva.

Anmerkung: Die Rollenverteilung des Satzes ist nicht sicher. Möglich ist auch eine Mitteilung an den eigenen Guru über die Eignung eines weiteren Schülers. Die Übersetzung folgt nur einer der in der Edition erörterten Deutungen.

Mūlasūtra 8.18

anyathā kurute yas tu vilomaṃ guruṇā saha |
dīkṣājñānaṃ gurutvañ ca hitvā narakam āpnuyāt || 8:18 ||

Wer anders handelt und sich gegenüber seinem Guru verkehrt verhält, soll Einweihung, Erkenntnis und Lehrerwürde verlieren und in die Hölle gelangen.

Anmerkung: Traditionelle Sanktion innerhalb der Lehrerordnung. Sie darf heute nicht dazu dienen, berechtigte Kritik oder den Schutz vor Übergriffen zu unterdrücken.

Mūlasūtra 8.19

vācanāc chravaṇāt puṇyaṃ dhāraṇād atulam phalam |
yo ’dhīte sa mahādevo yo ’rtthajñaḥ sa śivaḥ svayam || 8:19 ||

Aus Vortragen und Hören entsteht Verdienst, aus dem Behalten ein unvergleichlicher Ertrag. Wer [die Schrift] rezitiert, ist Mahadeva; wer ihren Sinn kennt, ist Shiva selbst.

Anmerkung: Dharana meint hier das Behalten beziehungsweise Auswendiglernen, nicht ohne Weiteres die yogische Konzentrationsstufe gleichen Namens.

Mūlasūtra 8.20

samyag eṣa samākhyāto tattvasaṃhita-m-uttamaḥ |
sagotrā eva mucyante yasya lekhye ’pi tiṣṭhati || 8:20 ||

So ist diese höchste Tattva-Samhita vollständig dargelegt. Wer sie auch nur in geschriebener Form besitzt, dessen ganzes Geschlecht soll befreit werden.

Anmerkung: Der eingeschobene Laut -m- und die ungewöhnliche Genusverwendung bleiben wie im Druck erhalten. Die Befreiung des ganzen Geschlechts ist ein traditionelles Schlussversprechen.

Mūlasūtra 8 – Kolophon

iti mūlasūtre ’ṣṭamaḥ paṭalaḥ | ślo ⟦?⟧ || ··· ||

So endet im Mulasutra das achte Kapitel. [Zählzeichen; abschließendes Ornament.]

Anmerkung: Das besondere Zählzeichen wird nicht mit einem ungeprüften Zahlenwert wiedergegeben. Die moderne Kapitelzählung reicht bis 20.

Allgemeines Yoga-Vidya-Video: Sukadev über Samadhi und den spirituellen Weg. Es erläutert nicht unmittelbar die Nishvasa Tattva Samhita.

Uttarasūtra

Dieser Teil enthält alle 5 Kapitel des Uttarasutra. Die kommentierte kritische Ausgabe ist die Textgrundlage.[1]

Uttarasūtra, Kapitel 1: Entstehung von Welt, Lauten und Lehre

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 157–161. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Uttarasūtra 1 – Titel

niśvāsatattvasaṃhitāyām uttarasūtram ||

In der Nishvasa Tattva Samhita: das Uttarasutra.

Anmerkung: Buchtitel wie in der verwendeten Druckausgabe. Uttara bedeutet hier ‚nachfolgend‘: Es folgt auf das Mulasutra.

Uttarasūtra 1.1

mantrākhye pañcame srote mūlasūtran tu nāmataḥ |
---n tu ślokāś caiva trayodaśa || 1:1 ||

Im fünften Strom, der ‚Mantra‘ genannt wird, [liegt das Werk] mit Namen Mulasutra. [Beschädigte Zahlenangabe:] … und dreizehn Verse.

Anmerkung: Die Edition vermutet für die Lücke die Zahl 150, sodass ursprünglich 163 Texteinheiten gemeint gewesen sein könnten. Dies wird nicht als erhaltene Zahl in den Grundtext eingefügt. Die moderne Verszählung des Mulasutra umfasst 165 nummerierte Einheiten.

Uttarasūtra 1.2

sañjñācatuṣṭayenaiva nāmabhiḥ parikīrtyate |
prathamam mūlasūtran tu dvitīyam ādisañjñitam || 1:2 ||

Es wird mit vier Benennungen bezeichnet: Die erste ist Mulasutra; die zweite trägt den Namen Adi …

Anmerkung: Mulasutra heißt ‚Wurzel-Sutra‘, Adi ‚Anfang‘. Die Namensliste setzt sich im folgenden Vers fort.

Uttarasūtra 1.3

tṛtīyam prathaman nāma caturtham pūrvvasūtrakam |
tasmin samāpta sūtre tu dvitīyaṃ sūtram ucyate || 1:3 ||

… die dritte lautet Prathama, die vierte Purvasutra. Nachdem jenes Sutra abgeschlossen ist, wird nun das zweite Sutra gelehrt.

Anmerkung: Prathama bedeutet ‚das erste‘, Purvasutra ‚das frühere Sutra‘. Diese sind Bezeichnungen des Mulasutra, keine zusätzlichen Bücher. Die nichtklassische Kasusform samāpta bleibt stehen.

Uttarasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.4

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Uttarasūtra 1.4

sadāśivo ’ṣṭabhedas tu yas tvayokto hi mokṣadaḥ |
kiṃ svayambhur bhave[(t tv eṣa)] utpanno vā maheśvara || 1:4 ||

Dieser achtfach gegliederte Sadashiva, den du als befreiend gelehrt hast: Besteht er aus sich selbst, oder ist er entstanden, o Maheshvara?

Anmerkung: Die acht Formen beziehen sich auf die im Mulasutra 6 behandelte Mantralehre. Die Ergänzung in der Abschrift K ist dort selbst als Vermutung gekennzeichnet.

Uttarasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.5

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Uttarasūtra 1.5

suśāntaṃ niṣkalaṃ devaṃ śivaṃ sarvvajagatpatim |
tasya śaktiḥ śivāni yā śivatejopabṛṃhitā || 1:5 ||

Shiva, der Gott, ist vollkommen still, teilelos und Herr der ganzen Welt. Seine Shakti ist Shivani, die von Shivas Strahlkraft erfüllt ist.

Anmerkung: Die ungewöhnliche Form śivāni wird als Name der Gefährtin Shivas verstanden. Die alternative Konjektur ‚die ewige Shiva‘ wird nicht anstelle des edierten Wortlauts eingesetzt.

Uttarasūtra 1.6

śivatejena saṃyuktā śakter jāyati bindukaḥ |
ādityamaṇivahnīva niṣkāmāḥ śivaśaktayaḥ || 1:6 ||

Aus der Shakti, wenn sie mit Shivas Strahlkraft verbunden ist, entsteht Bindu – wie Sonne, Sonnenstein und Feuer [zusammenwirken]. Shiva und Shakti sind ohne Begehren.

Anmerkung: Bindu ist hier ein feiner Ursprungspunkt der Manifestation. Das Bild bezieht sich auf einen durch Sonnenlicht Feuer erzeugenden Stein; die Erklärung setzt keine körperliche Zeugung voraus. Mehrere grammatische Formen sind nichtklassisch.

Uttarasūtra 1.7

eṣā sṛṣṭir jagīśasya sadāśivasamudbhavā |
sa cāṣṭabhedo vyākhyāto navatattvavyavasthitaḥ || 1:7 ||

Dies ist die Schöpfung des Herrn der Welt, die aus Sadashiva hervorgeht. Er wurde als achtfach erklärt und ist in neun Tattvas gegenwärtig.

Anmerkung: Acht Mantraformen und neun Tattvas sind verschiedene Gliederungen. Sie dürfen nicht als widersprüchliche Zählung derselben Gegenstände behandelt werden.

Uttarasūtra 1.8

śaktiś ca daśamā jñeyā śakteḥ parataraḥ śivaḥ |
evaṃ jñātvā ca buddhvā ca deśikaḥ pāśahā bhavet || 1:8 ||

Als zehnte soll Shakti erkannt werden; jenseits der Shakti ist Shiva. Wer dies erkennt und versteht, wird als Lehrer fähig, die Fesseln zu lösen.

Uttarasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.9

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Uttarasūtra 1.9

sa kathaṃ daśadhā jñeyo devadevo sadāśivaḥ |
prakriyādhvānamantrāś ca noktāḥ pūrvvaṃ hi me vada || 1:9 ||

Wie soll dieser Sadashiva, der Gott der Götter, als zehnfach verstanden werden? Auch die Mantras des kosmischen Weges wurden mir noch nicht genannt; erkläre sie mir.

Anmerkung: Der Vers leitet die Zuordnung der Mantralaute zu den kosmischen Ebenen ein. Er gibt keine neue Körperchakra-Liste.

Uttarasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.10

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Uttarasūtra 1.10

ūkāraḥ prakṛtir jñeyā yakāraḥ puruṣaḥ smṛtaḥ |
vakāro niyatir vvidyāl lakāraḥ kāla ucyate || 1:10 ||

Der Laut Ū soll als Prakriti erkannt werden; Ya gilt als Purusha. Va soll man als Niyati verstehen; La wird als Zeit bezeichnet.

Anmerkung: Prakriti ist die Urnatur, Purusha das Bewusstseinssubjekt, Niyati die begrenzende Ordnung. Der Sanskritdruck hat ausdrücklich langes ū; die englische Erläuterung bezeichnet es vereinfacht als U. Die Länge bleibt hier erhalten.

Uttarasūtra 1.11

māyātattvam makāras tu kṣakāro vidya eva tu |
rakāra īśvaro jñeyo hakāras tu sadāśivaḥ || 1:11 ||

Ma ist das Maya-Tattva, Ksha ist Vidya. Ra soll als Ishvara erkannt werden, Ha als Sadashiva.

Anmerkung: Diese Laute sind Bestandteile des Navatman-Mantra, nicht acht eigenständige vollständige Rezitationsformeln. Vidya ist hier eine kosmologische Wissensebene.

Uttarasūtra 1.12

dehavyāpī ca navamo śaktiś ca daśamā smṛtā |
akathyaś ca arūpī ca kāraṇaḥ sa śivaḥ paraḥ || 1:12 ||

Als neunter [Bestandteil] kommt der ‚den Leib Durchdringende‘ hinzu; als zehnte gilt Shakti. Unaussprechbar, gestaltlos und Ursache ist der höchste Shiva.

Anmerkung: Dehavyapin wird von der Edition mit hoher Wahrscheinlichkeit als die Nasalierung des Mantra verstanden. Shakti und der höchste Shiva sind nicht ohne Weiteres als zwei weitere hörbare Silben aufzufassen.

Uttarasūtra 1.13

ete tattvāḥ samākhyātāḥ sadāśivasamudbhavāḥ |
{etai}(reva) jagat sarvvaṃ dṛśyādṛśyañ carācaram || 1:13 ||

Diese Tattvas sind als aus Sadashiva hervorgehend erklärt worden. Aus ihnen [besteht] die ganze Welt, das Sichtbare und Unsichtbare, das Bewegliche und Unbewegliche.

Anmerkung: Die Entstehungsaussage betrifft zugleich die Mantraformen Sadashivas. Sie lässt sich nicht ohne Weiteres in eine spätere, vollständig festgelegte Tattva-Hierarchie übersetzen.

Uttarasūtra 1.14

prakriyāvyāpino mantrā yathādhvāne vyavasthitāḥ |
tāni caiva pravakṣyāmi yāthātathyena me śṛṇu || 1:14 ||

Wie die Mantras, die die kosmische Ordnung durchdringen, auf dem Weg [durch diese Ordnung] angeordnet sind, werde ich erklären. Höre es von mir genau so, wie es ist.

Uttarasūtra 1.15

brahmāṇḍe caiva ūkāras tattvasargge ca yaḥ smṛtaḥ |
gahane ca [(va)]kāro vai gopatyante ca laḥ smṛtaḥ || 1:15 ||

Ū befindet sich im Weltei Brahmas, Ya in der Entfaltung der Tattvas. Va befindet sich in Gahana, und La wird dem Bereich bis hin zu Gopati zugeordnet.

Anmerkung: Gahana und Gopati sind hier kosmologische Bereiche. Ihre Zuordnung weicht teilweise von späteren Schichten des Korpus ab; die Bezeichnungen werden deshalb nicht durch spätere Namen ersetzt.

Uttarasūtra 1.16

makāraḥ saṃsthito māyāṃ vidyāyāñ caiva kṣaḥ prabhuḥ |
rakāra īśvarānte tu hakāraḥ sakalāvadheḥ || 1:16 ||

Ma befindet sich in Maya; Ksha herrscht in Vidya. Ra liegt im Bereich Ishvaras, Ha reicht bis zum Sakala [Shiva].

Anmerkung: Sakala bezeichnet hier Shiva mit Teilen beziehungsweise Gestalt, im Zusammenhang Sadashiva. Die ungewöhnliche Kasusverwendung des Sanskrit bleibt erhalten.

Uttarasūtra 1.17

dehavyāpī tu śaktyante śaktyā yojyeta niṣkale |
adhvānavyāpino hy ete kathitā hi samāsataḥ || 1:17 ||

Der ‚den Leib Durchdringende‘ befindet sich im Bereich der Shakti; durch Shakti soll [die Seele] mit dem Teilelosen verbunden werden. So sind diese den kosmischen Weg durchdringenden [Mantrabestandteile] kurz erklärt.

Anmerkung: Die Einfügung ‚die Seele‘ erläutert den rituellen Bezug der Verbindung. Der Vers stützt die mantrische, nicht nur anatomische Bedeutung von dehavyapin.

Uttarasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.18

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Uttarasūtra 1.18

akṣarāṇāṃ kutotpattiḥ sarvvavarṇṇa ... |
{tantrāṇāṃ kiyatī saṃ}khyā guravaś ca kati smṛtāḥ || 1:18 ||

Woher entstehen die Laute, alle Lautzeichen … [Lücke]? Wie groß ist die Zahl der Tantras, und wie viele Lehrer werden genannt?

Anmerkung: Die Frage nach der Tantra-Zahl ist eine editorische Ergänzung. Der beschädigte Rest des ersten Halbverses wird nicht durch eine erfundene Lautliste ersetzt.

Uttarasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.19

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Uttarasūtra 1.19

piṇḍākṣarasya cādyante svayan devas sadāśivaḥ |
niṣkale ca tathā śūnye kalāḍhye kham alaṅkṛte || 1:19 ||

Am Anfang und Ende des zusammengesetzten Lautes [steht] der Gott Sadashiva selbst. Mit Nishkala, Shunya, Kaladhya und Khamalankrita …

Anmerkung: Pindakshara wird hier als der zusammengesetzte Navatman-Mantra verstanden. Die folgende Zuordnung der übrigen Mantraformen zu Lautgruppen wird erst im nächsten Vers abgeschlossen.

Uttarasūtra 1.20

kṣapaṇe kṣayam antasthe varṇṇaṣaṭkan niyojayet |
tāny eva cāṣṭavarggāṇi mātṛkā yais tu kathyate || 1:20 ||

… mit Kshapane Kshaya und Antastha soll man die sechs Lautgruppen verbinden. Dies sind die acht Gruppen, aus denen die Matrika gelehrt wird.

Anmerkung: Die sechs hier zugeordneten Gruppen kommen zu den im vorherigen Vers angedeuteten Anfangs- und Endgruppen hinzu. Matrika heißt hier die ‚Mutter‘ der Mantras, das gegliederte Lautalphabet; die nichtklassische Namensform Kshapane Kshaya bleibt erkennbar.

Uttarasūtra 1.21

anukrameṇa jātāni yataḥ śāstrāṇi vāṅmayam |
divyādivya{niba}ddhāni mantrabhāṣapadāni tu || 1:21 ||

Aus ihnen entstehen der Reihe nach die Lehren und die sprachlichen Äußerungen, alles in göttlicher und nichtgöttlicher Sprache Gefasste sowie die Wörter der Mantrasprache.

Anmerkung: Der mittlere Teil des zweiten Halbverses ist ergänzt. Es wird keine moderne Sprache als ausschließliche Trägerin spiritueller Wirksamkeit behauptet.

Uttarasūtra 1.22

eṣākṣarasamutpattir vyākhyātā hi varānane |
śivatantrasya cotpattiṃ kīrttyamānān nibodha me || 1:22 ||

So ist dir, o Schönangesichtige, die Entstehung der Laute erklärt worden. Höre nun, wie ich die Entstehung von Shivas Tantra darlege.

Uttarasūtra 1.23

adṛṣṭavigrahe śānte śive paramakāraṇe |
nādarūpaṃ viniṣkrāntaṃ śāstram paramadurllabham || 1:23 ||

Aus Shiva, der höchsten Ursache, dessen Gestalt nicht gesehen wird und der vollkommen still ist, ging die äußerst schwer zugängliche Lehre in der Gestalt feinen Klanges hervor.

Anmerkung: Die Lokativformen werden im Sinn eines Ursprungszusammenhangs übersetzt. Nada bezeichnet hier die vor einer menschlichen Niederschrift liegende Klanggestalt der Offenbarung.

Uttarasūtra 1.24

sadāśivas tu vettā vai sa ca mām prati bodhakaḥ |
nādarūpasya śāstrasya ahaṃ gra(nthanibandhakaḥ)] || 1:24 ||

Sadashiva ist derjenige, der sie kennt, und er hat mich darüber belehrt. Ich bin es, der die klangförmige Lehre in Bücher gefasst hat.

Anmerkung: Nimmt man die Sprecherangaben ernst, sagt dies Ishvara, der demnach selbst von Sadashiva unterwiesen wurde. Die Rollen dürfen nicht ungeprüft zu einem einzigen undifferenzierten Sprecher ‚Shiva‘ zusammengezogen werden. Die auffällige Klammerung wird zunächst wie im Druck dokumentiert.

Uttarasūtra 1.25

anuṣṭupchandabandhena devebhyaḥ pratipāditam |
riṣibhiś ca punaḥ prāptaṃ tebhyo marttyeṣu santatiḥ || 1:25 ||

In gebundener Anushtubh-Versform wurde sie den Göttern mitgeteilt; dann gelangte sie zu den Sehern und von ihnen als Überlieferung zu den Sterblichen.

Anmerkung: Anushtubh bezeichnet das gewöhnliche Versmaß mit vier acht-silbigen Versgliedern. Die Form riṣi statt ṛṣi bleibt wie im Druck erhalten.

Uttarasūtra 1.26

kāmikaṃ yogadaṃ divyaṃ kāraṇam ajitan tathā |
dīptaṃ sūkṣmañ ca sāhasram aṃśumān suprabhedi ca || 1:26 ||

Kamika, Yogada, Divya, Karana, Ajita, Dipta, Sukshma, Sahasra, Amshumat und Suprabhedin …

Anmerkung: Dies ist die erste Gruppe von zehn Schriftentiteln, keine Mantraliste. Überlieferte Namensformen wie Yogada werden nicht stillschweigend in bekanntere spätere Formen umgeschrieben.

Uttarasūtra 1.27

anantaṃ śivaśāstran tu daśadhā parikīrttitam |
punaś cāṣṭādaśair bhedai rudreṇa parikīrttitam || 1:27 ||

… in diesen zehn Formen wurde Shivas grenzenlose Lehre verkündet. Danach wurde sie von Rudra in achtzehn weiteren Fassungen verkündet …

Anmerkung: Die beiden Gruppen ergeben achtundzwanzig Titel. Der Vers bezeichnet sie nicht ausdrücklich als exklusiven Kanon einer bereits vollständig ausgebildeten Schule des Shaiva Siddhanta.

Uttarasūtra 1.28

vijayam prathamā[(ṃ te)]ṣān niśvāsaṃ tadanantaram |
svāyambhuvamatañ caiva vāthulaṃ tadanantaram || 1:28 ||

… Vijaya als erstes unter ihnen, danach Nishvasa, dann die Lehre Svayambhuva und darauf Vathula …

Anmerkung: Vathula ist die hier gedruckte Namensform; sie wird nicht ungeprüft zu Vatula normalisiert. Nishvasa erscheint ausdrücklich als Titel einer der Schriften.

Uttarasūtra 1.29

vīrabhadram iti khyātaṃ rauravaṃ mākuṭan tathā |
virasañ candrahasañ ca jñānañ ca mukhabimbakam || 1:29 ||

… das als Virabhadra bekannte [Tantra], Raurava, Makuta, Virasa, Candrahasa, Jnana und Mukhabimbaka …

Anmerkung: Die Sanskritlängen mākuṭa und candrahasa werden wie in der Edition erhalten. Die einfache deutsche Titelumschrift ist keine zusätzliche Textvariante.

Uttarasūtra 1.30

prodgītaṃ lalitañ caiva siddhaṃ santānam eva ca |
sarvvodgītañ ca vijñeyaṃ kiraṇam pārameśvaram || 1:30 ||

… Prodgita, Lalita, Siddha, Santana, ferner Sarvodgita, Kirana und Parameshvara sollen [als diese Fassungen] bekannt sein.

Uttarasūtra 1.31

pārameśvaratantro ’yaṃ riṣideveṣu kīrttitaḥ |
[(a)]ṣṭāviṃśati tantrāṇi prabhinnāni sahasraśaḥ || 1:31 ||

Dieses Tantra des höchsten Herrn wurde den Sehern und Göttern gelehrt. Die achtundzwanzig Tantras wurden wiederum in Tausende von Fassungen unterteilt.

Anmerkung: Die Zahl ist Teil einer traditionellen Offenbarungs- und Überlieferungserzählung, kein Nachweis, dass alle so gezählten Fassungen historisch als Bücher vorlagen.

Uttarasūtra 1.32

yo ’nyaḥ parataro bhedo śivatantreṣu paṭhyate |
saṅgrahaḥ sa tu vijñeyo riṣidevagaṇāṅ girām || 1:32 ||

Jede andere, spätere Fassung, die unter Shivas Tantras überliefert wird, soll als Zusammenfassung der Worte der Seher und Götterscharen verstanden werden.

Uttarasūtra 1.33

yena yena śrutan tantraṃ yena yenāvadhāritam |
tasya tasya hi nāmena tat tantram parigīyate || 1:33 ||

Wer ein Tantra gehört und wer es im Gedächtnis bewahrt hat, nach dessen Namen wird dieses Tantra bezeichnet.

Anmerkung: Der Vers erklärt Namen und weitere Überlieferungsfassungen. Er beweist nicht, dass jeder der zuvor genannten Titel ursprünglich der Name eines menschlichen Autors war.

Uttarasūtra 1.34

śivaṃ sadāśivañ caiva vidyeśāś ca umā[(sutaḥ)] |
{bhairavādi gaṇā} mukhyā vijayā kālir eva ca || 1:34 ||

Shiva, Sadashiva, die Herren des Wissens, Umas Sohn, die führenden Ganas mit Bhairava an der Spitze, Vijaya und Kali …

Anmerkung: Die Nennung von Umas Sohn beruht auf einer unsicheren Ergänzung der Abschrift K. Auch die Gana-Liste ist rekonstruiert; Bhairava könnte hier Mahakala bezeichnen. Daraus wird keine Zugehörigkeit des Werkes zu einer späteren Bhairava-Schule abgeleitet.

Uttarasūtra 1.35

brahmā viṣṇus tathā vahnivāyuḥ sūryyaś ca candramāḥ |
dharmmendro varuṇaś caiva yakṣarakṣamahoragāḥ || 1:35 ||

… Brahma, Vishnu, Feuer und Wind, Sonne und Mond, Dharma, Indra und Varuna, Yakshas, Rakshasas und große Schlangenwesen …

Anmerkung: Die Aufzählung setzt Vers 34 fort und wird mit dem Verb in Vers 36 abgeschlossen.

Uttarasūtra 1.36

mātṛbhir guhyakaiś caiva garuḍena ca dhīmatā |
koṭiśaś cāpy adhītāni lakṣāyutaśatāni ca || 1:36 ||

… die Muttergottheiten, die Guhyakas und der weise Garuda: Von ihnen wurden [die Lehren] in Koti-Mengen, in Hunderttausenden, Zehntausenden und Hunderten studiert.

Anmerkung: Ein Koti ist zehn Millionen. Was genau jeweils gezählt wird, ist nicht ausdrücklich genannt; die Edition erwägt Texteinheiten. Die Formulierung lakṣāyutaśatāni lässt auch andere Gruppierungen der großen Zahlen zu.

Uttarasūtra 1.37

śukraś caiva dadhīciś ca durvvāso ’tha ruruḥ kacaḥ |
vasi(ṣṭha) --- ś ca sanandanaḥ || 1:37 ||

Und Shukra, Dadhichi, Durvasas, Ruru, Kacha, Vasishtha, [verlorene Namen] und Sanandana …

Anmerkung: Die verlorenen Namen werden nicht aus anderen Seherlisten ergänzt.

Uttarasūtra 1.38

ricīkaurvvāṅgirāntaś ca śveto rāmaś ca vāhlikaḥ (?) |
marīci copamanyuś ca mārkkaṇḍo ’gāsti kāśyapaḥ || 1:38 ||

… Richika, Urva, Angiras, Anta, Shveta, Rama und Vahlika [?], Marichi, Upamanyu, Markanda, Agasti und Kashyapa …

Anmerkung: Die Trennung einzelner Namen und die Lesung Vahlika sind nicht sicher. Die nichtklassischen Namensformen werden nicht durch bekannte Normalformen ersetzt.

Uttarasūtra 1.39

tantrasya pāragā hy ete śataśo ’tha sahasraśaḥ |
tebhyo manujamukhyānān tatra kiñ cid ihāgatam || 1:39 ||

… diese haben Hunderte und Tausende von Tantras vollkommen gemeistert. Von ihnen ist ein gewisser Teil hier zu den hervorragenden Menschen gelangt.

Uttarasūtra 1.40

alpāyuṣaḥ smṛtā marttyā alpavīryyālpabuddhayaḥ |
ato ’rtthasaṅgrahoktan tu marttyebhyaś ca {prakā}śitam || 1:40 ||

Sterbliche gelten als kurzlebig, von geringer Kraft und begrenztem Verständnis. Deshalb wurde eine Zusammenfassung des Sinnes gelehrt und den Sterblichen offenbart.

Anmerkung: Die Beschränkung menschlicher Aufnahmefähigkeit begründet hier die verkürzte Lehre. Sie ist keine Aufforderung, auf eigenes Verstehen zu verzichten.

Uttarasūtra 1.41

śāstrakoṭisahasrāṇi mantrakoṭyā hy anekaśaḥ |
mātṛkāsambhavāḥ sarvve nāsti mantram ataḥ param || 1:41 ||

Tausende von Koti an Lehren und viele Koti an Mantras entstehen sämtlich aus der Matrika. Einen höheren Mantra als sie gibt es nicht.

Anmerkung: Der Vers leitet zur Verehrung des Lautalphabets im zweiten Kapitel über. Er ist eine Aussage über die Grundlage aller Mantras, nicht selbst eine Aufzählung konkreter Formeln.

Uttarasūtra 1 – Kolophon

|| ° || iti niśvāsatattvasaṃhitāyām uttarasūtre prathamaḥ paṭalaḥ ślo 41 || ° ||

So endet in der Nishvasa Tattva Samhita, im Uttarasutra, das erste Kapitel. Verse: 41.

Anmerkung: Die überlieferte Schlusszählung stimmt hier mit den 41 modernen Versnummern überein. Kleine Kreisornamente werden typographisch als ° wiedergegeben.

Uttarasūtra, Kapitel 2: Vorbereitung der Matrika-Verehrung

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 161–166. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Uttarasūtra 2 – Sprecherangabe vor 2.1

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Uttarasūtra 2.1

mātṛkā paramo mantro yadi deva nigadyate |
mātṛkāyāgam ākhyāhi mūlāñ chākhā praroha(te) || 2:1 ||

Wenn die Matrika als höchster Mantra bezeichnet wird, o Gott, dann erkläre die Verehrung der Matrika. Aus der Wurzel wächst der Zweig hervor.

Anmerkung: Matrika, wörtlich ‚Mütterchen‘, bezeichnet hier das Lautalphabet als Ursprung der Mantras. Das Wurzelbild begründet seine Verehrung.

Uttarasūtra 2 – Sprecherangabe vor 2.2

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Uttarasūtra 2.2

mūlayāgaṃ pravakṣyāmi yena yaṣṭena suvrate |
saptakoṭyas tu mantrāṇāṃ yaṣṭā caiva bhavanti hi || 2:2 ||

Ich werde die Verehrung der Wurzel erklären, o du mit den guten Gelübden. Wird sie vollzogen, so sind damit auch sieben Koti von Mantras verehrt.

Anmerkung: Sieben Koti sind siebzig Millionen. Die große Zahl bezeichnet den umfassenden Anspruch des Rituals; sie ist keine Zählung hier einzeln ausgeschriebener Mantras.

Uttarasūtra 2.3

pūrvvottaraplave deśe sarvvaśalyavivarjjite |
kṣīravṛkṣasamopete nadīsarastaṭeṣu vā || 2:3 ||

An einem Ort, der nach Nordosten abfällt, von allen störenden Einschlüssen frei und mit Bäumen versehen ist, die milchigen Saft führen, oder an den Ufern von Flüssen und Teichen …

Anmerkung: Shalya bezeichnet hier störende Einschlüsse im Ritualboden. Die Ortsliste setzt sich bis Vers 5 fort.

Uttarasūtra 2.4

mahāgirivare ramye udyāne ca śivālaye |
devyāmātṛgṛhe vāpi catvare tu catuṣpathe || 2:4 ||

… auf einem schönen, hervorragenden großen Berg, in einem Garten, in einer Shiva-Stätte, im Heiligtum der Göttin oder der Muttergottheiten, auf einem freien Platz oder an einer Kreuzung …

Uttarasūtra 2.5

padmaṣaṇḍataṭe caiva prāsāde vā manorame |
yatra vā rucitaṃ sthāne sarvvadoṣavivarjjite || 2:5 ||

… am Rand eines Lotusbestandes oder in einem anmutigen Gebäude – oder an einem beliebigen Ort, der gefällt und von allen Mängeln frei ist [soll die Verehrung stattfinden].

Uttarasūtra 2.6

śuklā raktā tathā pītā kṛṣṇā varṇakrameṇa tu |
sukuṭṭimāntataḥ kṛtvā gomayenopalepayet || 2:6 ||

Weiß, rot, gelb und schwarz [sei die Erde], entsprechend der Reihenfolge der sozialen Stände. Nachdem er sie gründlich festgestampft hat, soll er sie mit Kuhdung bestreichen.

Anmerkung: Die Farbreihe gehört zur historischen Zuordnung der vier Varnas. Sie ist keine allgemeine heutige Bewertung von Menschen oder Böden.

Uttarasūtra 2.7

pañcagavyena cābhyukṣya pañcavarggābhimantritaiḥ |
sakalenodakaṃ dadyād devaṃ tu pūjayet || 2:7 ||

Er soll [den Platz] mit den fünf Produkten der Kuh besprengen, die durch die fünf Lautgruppen besprochen worden sind. Mit Sakala soll er Wasser darbringen und den Gott verehren.

Anmerkung: Gemeint sind die fünf Konsonantengruppen des Alphabets von ka bis ma, nicht fünf Vokale. Sakala ist eine Mantraform. Der Vers gibt keine vollständig ausgeschriebene Formel.

Uttarasūtra 2.8

dakṣiṇe yojayed bījāṃ vāme yo(nin tu) kalpayet |
śivībhūtaḥ prasannātmā śivasyārccanam ārabhet || 2:8 ||

Auf der rechten Seite soll er die Keime anordnen, auf der linken den Mutterschoß vorstellen. Zu Shiva geworden und von klarem Geist soll er die Verehrung Shivas beginnen.

Anmerkung: Die Edition bezieht die Keime auf die Konsonanten, den Mutterschoß auf die Vokale; die Körperzuordnung ist aus dem Ritualzusammenhang erschlossen. Das Bild bezeichnet hier Lautgruppen, keine Anweisung zu körperlichem Geschlechtsverkehr.

Uttarasūtra 2.9

hrasvākṣaraḥ smṛto ’nanto dīrghas tu sakalo bhavet |
śabdānte niṣkalaḥ prokto dīrgha sarvvārtthakarmmasu || 2:9 ||

Der kurze Laut gilt als Ananta; der lange ist Sakala. Am Ende des Klanges wird Nishkala gelehrt. Der lange [Laut dient] zu Handlungen für alle Zwecke.

Anmerkung: Ananta ist hier der Träger beziehungsweise Sitz der Verehrung. Der Text beschreibt Lautlängen und das Ausklingen; er schreibt an dieser Stelle keinen bestimmten Grundkonsonanten aus.

Uttarasūtra 2.10

yasyākṣarasya yāgo ’yaṃ so ’ṣṭadhā pluta kalpayet |
dvitīyāvaraṇe yojyā te tu vidyeśvarāḥ smṛtāḥ || 2:10 ||

Den Laut, dem diese Verehrung gilt, soll er achtfach in gedehnter Form anordnen. Diese [acht] sind im zweiten Umkreis einzusetzen; sie gelten als die Herren des Wissens.

Anmerkung: Pluta bedeutet eine über den gewöhnlichen langen Vokal hinausgehende, dreizeitige Dehnung. Die acht Formen sind hier kodiert beschrieben, nicht als acht offene Mantras ausgeschrieben.

Uttarasūtra 2.11

dīrghā vai lokapālās tu hrasvā vai cāstrayonayaḥ |
evaṃ pūjya yathānyāyaṃ homaṃ tatraiva kārayet || 2:11 ||

Die langen [Formen] sind die Welthüter, die kurzen die Ursprünge ihrer Waffen. Nachdem er so der Regel gemäß verehrt hat, soll er ebendort das Feueropfer vollziehen.

Anmerkung: Die Lesung ‚Welthüter‘ ist eine Konjektur der Edition zu einer beschädigten Stelle.

Uttarasūtra 2.12

agnyāgārās tu catvāras tan me nigadataḥ śṛṇu |
varttulañ caturasraṃ vā trikoṇaṃ dhanuṣākṛtim || 2:12 ||

Es gibt vier Formen des Feuerraums; höre, wie ich sie nenne: rund, viereckig, dreieckig und bogenförmig.

Uttarasūtra 2.13

hastamātran tu karttavyaṃ caturaṅgulamu[cchritam] |
⏑ ⏑ ka? ta ka ⏑ ⏑ ⏑ karttavyaṃ dīkṣāhomayoḥ || 2:13 ||

Er soll eine Elle messen und vier Fingerbreiten hoch sein. [Mehrere Silben unleserlich:] … soll bei Einweihung und Feueropfer hergestellt werden.

Anmerkung: Die beschädigte zweite Vershälfte erlaubt keine sichere Ergänzung der Bauvorschrift. Die lesbaren Silbenreste bleiben im Sanskrit stehen; sie ergeben keinen übersetzbaren Satz.

Uttarasūtra 2.14

nityahomañ ca {tanmānaṃ lakṣahome catur}guṇam |
aṣṭadhā guṇitaṃ hy evaṃ koṭihome prakalpayet || 2:14 ||

Für das regelmäßige Feueropfer [gilt] dieses Maß; bei einem Feueropfer mit hunderttausend Darbringungen ist es zu vervierfachen. Bei einem Feueropfer mit einem Koti soll er es entsprechend achtfach ansetzen.

Anmerkung: Der erste Halbvers ist teilweise rekonstruiert. Ein Koti bezeichnet zehn Millionen; aus diesen historischen Großritualen wird hier keine heutige Übungsanweisung abgeleitet.

Uttarasūtra 2.15

varttule janito hy agniḥ paścimena purasya tu |
†anirvvāṇaś caturyyāmye† pūrvve homaṃ tu kārayet || 2:15 ||

In einer runden [Grube], westlich des Mandala, wird das Feuer hervorgebracht. [Der folgende Ausdruck ist unverständlich.] Im Osten soll er das Feueropfer vollziehen.

Anmerkung: Die mit Kreuzen markierte Stelle ist auch in der Edition ungelöst. Ihre Wörter werden nicht zu einer vermeintlich sicheren Ritualanordnung ergänzt.

Uttarasūtra 2.16

dakṣiṇe paścime caiva uttareśānayos tathā |
śāntike pauṣṭike caiva homaḥ siddhikaro bhavet || 2:16 ||

Im Süden, im Westen, im Norden und im Nordosten soll das Feueropfer bei befriedenden und stärkenden Riten zum Erfolg führen.

Anmerkung: Dies ist eine traditionelle Erfolgszusage des Textes. ‚Befriedend‘ und ‚stärkend‘ bezeichnen zwei rituelle Zweckklassen.

Uttarasūtra 2.17

agnir nnaiṛtivāyavye abhicāre prasiddhidaḥ |
(ca)turasre nityahome śāntike pauṣṭike tathā || 2:17 ||

Im Südwesten und Nordwesten verleiht das Feuer bei schädigenden Riten Erfolg. In einer viereckigen [Grube wird es verwendet] beim regelmäßigen Feueropfer sowie bei befriedenden und stärkenden Riten.

Anmerkung: Abhichara bezeichnet gegen andere gerichtete schädigende Ritualhandlungen. Ihre historische Erwähnung ist keine Empfehlung, sie auszuführen.

Uttarasūtra 2.18

araṇī hastamātrān tu pālāśīṃ kārayed budhaḥ |
aśvatthaprabhavāṃ vāpi kuryyāc chāntikapauṣṭike || 2:18 ||

Der Kundige soll das untere Reibholz eine Elle lang aus Palasha-Holz herstellen. Bei befriedenden und stärkenden Riten kann er es auch aus Ashvattha-Holz fertigen.

Anmerkung: Arani bezeichnet die Hölzer, mit denen Feuer durch Reibung erzeugt wird. Palasha und Ashvattha sind Baumarten; das Kapitel beschreibt historische Ritualtechnik.

Uttarasūtra 2.19

aṣṭāṅgulaṃ tu vistāram ucchrayaṃ caturaṅgulam |
manthānañ ca tatheha triguṇā cottarāraṇī || 2:19 ||

Acht Fingerbreiten beträgt die Breite, vier Fingerbreiten die Höhe. Der Drehstab, das obere Reibholz, [ist] hier dreimal so lang.

Anmerkung: Die Zuordnung des letzten Ausdrucks beruht auf der Lesung der Edition. Es werden keine modernen Maßumrechnungen hinzugefügt.

Uttarasūtra 2.20

netrakaṃ vyāmamātran tu mastakaṃ ṣoḍaśāṅgulam |
yoniṃ vai kalpayitvā tu yonyāṃ manthe ca suvrate || 2:20 ||

Die Schnur misst eine Armspanne, das Kopfstück sechzehn Fingerbreiten. Nachdem er den Mutterschoß [im unteren Holz] hergerichtet hat, soll er am Mutterschoß und am Drehstab, o du mit den guten Gelübden, …

Anmerkung: Das Verb der folgenden Vorschrift wird in Vers 21 fortgeführt. Vyama bedeutet die Spannweite der ausgestreckten Arme; diese Lesung ist eine Konjektur für überliefertes vyoma.

Uttarasūtra 2.21

śodhanam prokṣaṇam pūjā yojanaṃ jananan tathā |
pañcasaṃskārasaṃśuddhaṃ kṛtvā kuṇḍe praveśayet || 2:21 ||

… Reinigung, Besprengung, Verehrung, Verbindung und Hervorbringung [vollziehen]. Nachdem er [das Feuer] durch diese fünf Weihehandlungen gereinigt hat, soll er es in die Feuergrube einsetzen.

Anmerkung: Der Text verbindet die technische Feuererzeugung mit einem rituellen Zeugungs- und Geburtsbild. Die fünf Begriffe sind Handlungen, keine fünf ausgeschriebenen Mantras.

Uttarasūtra 2.22

alābhāc cāraṇer vvahnau gṛhṇīyān maṇisambhavam |
vajrāgniñ caiva dāvāgnir agnihotrāgnir eva ca || 2:22 ||

Wenn kein Feuer aus den Reibhölzern zu gewinnen ist, soll er Feuer nehmen, das aus einem Kristall entsteht, ferner Blitzfeuer, Waldbrandfeuer oder das Feuer eines Agnihotra.

Anmerkung: Agnihotra ist ein vedisches Feueropfer. Dies ist die Übersetzung einer alten Ersatzregel, keine Empfehlung, gefährliche Feuerquellen aufzusuchen.

Uttarasūtra 2.23

eteṣām apy alābhena laukikāgnin tu gṛhṇayet |
pūrvvasaṃskāraśuddhe tu vahnau homaṃ tu kārayet || 2:23 ||

Wenn auch diese nicht verfügbar sind, soll er gewöhnliches Feuer nehmen. In dem durch die zuvor [genannten] Weihehandlungen gereinigten Feuer soll er das Opfer vollziehen.

Uttarasūtra 2.24

ullikhitvā tu tatkuṇḍam uddhṛtyābhyukṣayet punaḥ |
catuṣpathākṣapāṭan tu brahmāṇaṃ dakṣiṇe nyaset || 2:24 ||

Er soll die Feuergrube auskratzen, [die Erde] herausnehmen und sie erneut besprengen. [Er soll] ein Kreuz und einen Akshapata [anordnen] und Brahma im Süden einsetzen.

Anmerkung: Die Edition versteht das Kreuz und Akshapata als aus Gras gebildete Ritualelemente; die knappe Wortfolge nennt das Material nicht ausdrücklich. Akshapata wird dort als eine Art Abschirmung erklärt.

Uttarasūtra 2.25

pūjayitvā tato ’gnin tu praṇītāñ cottare nyaset |
abhyukṣyec ca pātrāṇi paridhīṣmāni tāpayet || 2:25 ||

Nachdem er dann das Feuer verehrt hat, soll er die Pranita-Gefäße im Norden aufstellen. Er soll die Gefäße besprengen und die Umlegehölzer erhitzen.

Anmerkung: Pranita sind die für das Ritual bereitgestellten Wassergefäße. Die ungewöhnliche Sanskritform paridhīṣmāni bleibt unverändert.

Uttarasūtra 2.26

pavitram ājyasaṃskāraṃ sruvādīnām pratāpanam |
ājyasaṃskāram āghāryya ājyabhāgan tu homayet || 2:26 ||

[Es folgen] das Reinigungsgerät, die Zubereitung der geklärten Butter und das Erhitzen der kleinen Opferkelle und der übrigen Geräte. Nach der Zubereitung der Butter und der Aghara-Darbringung soll er die Butteranteile opfern.

Anmerkung: Pavitra, Aghara und Ajyabhaga gehören zum Fachwortschatz des Feueropfers. Die elliptische Aufzählung wird nicht zu einer ausführlichen modernen Ritualanleitung erweitert.

Uttarasūtra 2.27

pūrṇāhutin tato dattvā caruñ ca śrāpayet tataḥ |
hutvā caruñ ca devāya kalpayet sādhakes tataḥ || 2:27 ||

Nachdem er die volle Darbringung gegeben hat, soll er den Opferbrei kochen. Nachdem er [einen Anteil] des Breis geopfert hat, soll er [weitere Anteile] für den Gott und dann für die Sadhakas bereitstellen.

Anmerkung: Die Verteilung auf Feuer, Gott und Übende folgt der Lesung der Edition. Das Sanskrit sādhakes ist nichtklassisch und wird nicht stillschweigend geglättet.

Uttarasūtra 2.28

śivīkṛtvā vidhānena pāśān tattvena bandhayet |
prakṛtim puruṣañ caiva niyatiṃ {kālam eva ca} || 2:28 ||

Nachdem er die Fesseln nach der Vorschrift zu Shiva gemacht hat, soll er sie nach den Tattvas anbinden: Prakriti, Purusha, Niyati und Zeit …

Anmerkung: Die Fesseln werden rituell durch Fäden dargestellt. Die Liste setzt sich bis Vers 31 fort; ‚zu Shiva machen‘ bezeichnet die rituelle Transformation, nicht das Leugnen der Bindung.

Uttarasūtra 2.29

māyā vidyāś ca pāśo ’yam īśvaras tu sadāśivaḥ |
gaṇapāśās tathā cānye dharmmādharmmamayā pare || 2:29 ||

… Maya, Vidya, diese Fessel, Ishvara und Sadashiva; ferner die Fesseln der Ganas und andere, die aus rechtem und unrechtem Handeln bestehen …

Anmerkung: Der überlieferte Satzbau ist uneben. Auch die höheren kosmologischen Ebenen erscheinen hier innerhalb einer Aufzählung dessen, was im Einweihungsritual zu überwinden ist.

Uttarasūtra 2.30

kāmaḥ krodhaś ca lobhaś ca janma mṛtyus tathaiva ca |
jarā vyādhiś ca śokaś ca kṣuttṛṣṇā moha eva ca || 2:30 ||

… Begehren, Zorn und Gier, Geburt und Tod, Alter, Krankheit und Kummer, Hunger, Durst und Verblendung …

Uttarasūtra 2.31

viṣādaś ca bhayaś caiva madamātsaryyadāruṇaḥ |
sthūlās sūkṣmās tathā cānye samayākhyā nirodhakāḥ || 2:31 ||

… Niedergeschlagenheit und Furcht, Überheblichkeit, Neid und Grausamkeit; ferner grobe, feine und andere hemmende [Fesseln], die Samaya genannt werden.

Anmerkung: Die Worttrennung im ersten Halbvers und die genaue Bedeutung der ‚Samaya genannten‘ Fesseln sind nicht völlig gesichert. Samaya kann sonst die religiösen Verpflichtungen eines Initiierten bezeichnen; diese Stelle erlaubt keine einfache Gleichsetzung von Verpflichtung und Verfehlung.

Uttarasūtra 2.32

---{śi}ṣyaṃ pañcagavyaṃ tu pāyayet |
caruṃ teṣām pradātavyaṃ dantadhāva[(na)]m eva ca || 2:32 ||

[Beschädigter Anfang:] … den Schüler soll er die fünf Produkte der Kuh trinken lassen. Ihnen sind der Opferbrei und ein Zahnreinigungszweig zu geben.

Anmerkung: Die Wechsel zwischen Einzahl und Mehrzahl bleiben im Sinn erkennbar. Die Passage dokumentiert eine historische Einweihungsvorbereitung; sie ist keine Ernährungs- oder Gesundheitsempfehlung.

Uttarasūtra 2.33

pūrvvāsyo bhakṣayed viddvān dantadhāvanam uttamam |
sakṣīraṃ nirvraṇāvakraṃ sadalandvādaśāṅgulam || 2:33 ||

Nach Osten gewandt soll der Kundige einen vorzüglichen Zahnreinigungszweig kauen: von einem Baum mit milchigem Saft, ohne Beschädigung, nicht krumm, mit unversehrter Rinde und zwölf Fingerbreiten lang.

Anmerkung: Sadala bedeutet wörtlich ‚mit Blatt‘. Die Übersetzung ‚mit unversehrter Rinde‘ folgt der begründeten Deutung der Edition; eine sichere wörtliche Parallelvorschrift ist dort nicht nachgewiesen.

Uttarasūtra 2.34

pūrvvāsyaṃ dakṣiṇāsyaṃ tu uttarāsyaṃ tathaiva ca |
ūrddhvam īśānavakran tu sarvvakāmaphalapradam || 2:34 ||

Zeigt [der weggeworfene Zweig] nach Osten, Süden oder Norden, nach oben oder nach Nordosten, so gewährt dies [als Vorzeichen] die Erfüllung aller Wünsche.

Anmerkung: Die Richtungsfolge weicht von Mulasutra 3.15 ab, wo Westen statt Süden als günstig genannt ist. Die beiden Stellen werden nicht harmonisiert.

Uttarasūtra 2.35

anyāsyam aśubhaṃ viddhi homaṃ tasya śataṃ bhavet |
vaset tatraiva śuddhātmā svapnāṃ vakṣyeti niśikṣaye || 2:35 ||

Wisse: Eine andere Ausrichtung ist ungünstig; dafür sollen hundert Opferdarbringungen stattfinden. Gereinigt soll er ebendort übernachten und am Ende der Nacht seine Träume mitteilen.

Anmerkung: Der Sanskrittext nennt hundert, nicht ausdrücklich hundertacht Darbringungen. Der Traumbericht ist an den Einweihungslehrer gerichtet.

Uttarasūtra 2.36

nadīnadasamudre vā taraṇaṃ girirohaṇam |
siṃhāsane vimāne vā gajagovṛṣarohaṇam || 2:36 ||

[Träumt er davon,] einen Fluss, Nebenfluss oder das Meer zu überqueren, einen Berg zu besteigen, einen Löwenthron oder ein Himmelsfahrzeug zu besteigen oder auf Elefant, Kuh oder Stier zu steigen …

Anmerkung: Die Reihe günstiger Traumzeichen läuft bis Vers 38. Die Aussagen beziehen sich auf den erwarteten Erfolg der Einweihung, nicht auf nachgewiesene Traumprognostik.

Uttarasūtra 2.37

chatradhvajagavāṃ lābhaṃ sragdāmadhānyavāsasām |
kumudotpalapadmāni bhūlambhaṃ dadhibhakṣaṇam || 2:37 ||

… einen Schirm, eine Standarte, Kühe, Blumengewinde, Getreide und Gewänder zu erlangen, weiße und blaue Wasserlilien und Lotusblumen [zu erhalten], Land zu gewinnen oder Dickmilch zu essen …

Anmerkung: ‚Land gewinnen‘ beruht auf der Konjektur bhūlambham und auf dem Vergleich mit anderen Traumlisten. Es heißt hier nicht ‚Schlamm‘.

Uttarasūtra 2.38

madyāsṛkpānalepañ ca amedhyasya ca bhakṣaṇam |
agnidāhaṃ śiraśchedaṃ dṛṣṭā si{ddhyati} mānavaḥ || 2:38 ||

… berauschendes Getränk oder Blut zu trinken oder damit bestrichen zu werden, Unreines zu essen, im Feuer zu verbrennen oder eine Enthauptung [zu sehen]: Wer [solches im Traum] sieht, wird Erfolg haben.

Anmerkung: Es handelt sich ausdrücklich um Traumzeichen, nicht um Handlungen, die man ausführen soll. Ob Verbrennung und Enthauptung den Träumenden selbst oder eine andere Person betreffen, bleibt sprachlich offen.

Uttarasūtra 2.39

tailābhyaṅgañ ca-m-udvāhaṃ putralambhaṃ pranarttanam |
raktamālyāni vastrāṇi mahiṣoṣṭraprarohaṇam || 2:39 ||

[Träumt er hingegen davon,] mit Öl gesalbt zu werden, zu heiraten, einen Sohn zu erhalten, zu tanzen, rote Kränze und Gewänder [zu tragen] oder auf Büffel und Kamel zu steigen …

Anmerkung: Das eingeschobene m in ca-m-udvāham wird wie in der Edition als mögliche lautliche Verbindung bewahrt. Die Reihe ungünstiger Traumzeichen wird im nächsten Vers abgeschlossen.

Uttarasūtra 2.40

kalaham muṇḍataṃ nagnaṃ paṅke caiva nimajjanam |
yānaṃ chatraṃ gṛhaṃ śayyā bhidyamānai na siddhyati || 2:40 ||

… [oder sieht er] Streit, einen Kahlgeschorenen, einen Nackten, das Versinken im Schlamm oder das Zerbrechen eines Fahrzeugs, Schirms, Hauses oder Bettes: Bei diesen [Zeichen] wird er keinen Erfolg haben.

Anmerkung: Die Verneinung na ist ausdrücklich im Grundtext vorhanden. Die grammatisch unebene Form bhidyamānai wird nicht zu einer klassischen Form verbessert.

Uttarasūtra 2.41

araṇyādau tu dusvapnaṃ yatkarmma parikīrttitam |
ādyakṣareṇa hrasvena sarvvakarmmāṇi kārayet || 2:41 ||

Alle Handlungen, die von [den Riten an] den Reibhölzern bis zu den schlechten Träumen beschrieben worden sind, soll er mit der kurzen Form des ersten Lautes vollziehen.

Anmerkung: Die Edition versteht dusvapnam hier verkürzt im Sinne von ‚bis zum schlechten Traum‘ und vergleicht Uttarasutra 3.23. Der erste kurze Laut ist a; eine Nasalierung ist wahrscheinlich, aber hier nicht ausgeschrieben. Deshalb wird keine vollständig überlieferte Formel aṃ behauptet.

Uttarasūtra 2 – Kolophon

⊗ uttarasū[tre] dvitīyaḥ paṭalaś ślo 41 || ⊗ ||

Im Uttarasutra: zweites Kapitel. Verse: 41.

Anmerkung: Die überlieferte Schlusszahl stimmt mit den 41 nummerierten Versen überein. Das Ornament ist typographisch als ⊗ wiedergegeben.

Uttarasūtra, Kapitel 3: Einweihungsfolge

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 166–169. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Uttarasūtra 3.1

dvisnātas tu śucir bhūtvā sūtrayed bhuvanaṃ śubham |
citrāsvātyantare prācī pratīcī tena siddhyati || 3:1 ||

Nachdem er zweimal gebadet hat und rein geworden ist, soll er das schöne Mandala mit Schnüren abmessen. Zwischen Chitra und Svati [bestimmt er eine Linie]; dadurch ergibt sich die Ost-West-Richtung.

Anmerkung: Chitra und Svati sind Sternbezeichnungen. Die Edition versteht das zweimalige Baden als äußere Reinigung und anschließendes rituelles Bad. Bhuvana, gewöhnlich ‚Welt‘, bezeichnet hier das Mandala.

Uttarasūtra 3.2

udīcīdakṣiṇe caiva dhruvenaiva prasiddhyati |
prākpratīcī smṛtā rekhā aparā dakṣiṇottarā || 3:2 ||

Norden und Süden werden anhand des Polarsterns bestimmt. Als [erste] Linie gilt die Ost-West-Linie, als weitere die Süd-Nord-Linie.

Uttarasūtra 3.3

bhrāmayec caturo vṛttāś caturaṅgulasammitā |
dalādyopadalāś caiva ka(rṇṇikā)keśarāntathā || 3:3 ||

Er soll vier Kreise ziehen, jeweils vier Fingerbreiten voneinander entfernt: [für] die Blütenblätter, die inneren Blütenblätter, den Fruchtboden und die Staubfäden.

Anmerkung: Die Zuordnung der inneren Blütenblätter ist nicht ganz klar; gemeint sein könnten auch die Schnittpunkte benachbarter Blätter. Es ist ein gezeichnetes Ritualmandala, keine Körperchakra-Anweisung.

Uttarasūtra 3.4

tulyamānāḥ smṛtā hy ete pīṭhaṃ dvātriṃśadaṅgulam |
pīṭhānte sūtrayed rekhām ekaikān tu caturddiśa || 3:4 ||

Diese gelten als gleich bemessen. Die Grundfläche misst zweiunddreißig Fingerbreiten. An ihrem Rand soll er mit der Schnur jede einzelne Linie in den vier Richtungen abstecken.

Anmerkung: Worauf sich ‚diese‘ genau bezieht, ist nicht ausdrücklich gesagt; die Edition erwägt die Blütenblätter. Der quadratische Grundriss ist aus dem Zusammenhang erschlossen.

Uttarasūtra 3.5

koṇāntareṣu yā rekhā [dvābhyā ... tu] siddhyati |
pañcaviṃśo ’tha pañcāśad dvātriṃśac catuṣaṣṭi vā || 3:5 ||

Die Linie zwischen den Ecken, die durch zwei … entsteht … [Der Zusammenhang ist beschädigt.] Fünfundzwanzig, fünfzig, zweiunddreißig oder vierundsechzig.

Anmerkung: Die Zahlen sind lesbar, doch ihre Funktion in der Bauvorschrift lässt sich nicht zuverlässig bestimmen. Auch die Edition verzichtet auf eine geschlossene Deutung dieses Verses.

Uttarasūtra 3.6

eṣā(nto)--- (vyā) deśikena tu |
koṇe bindūni cānyāni kuryyād āvaraṇāni tu || 3:6 ||

[Beschädigter Anfang:] … durch den Lehrer … An der Ecke soll er weitere Punkte und die Umkreise anlegen.

Anmerkung: Die erste Vershälfte ist nicht als ganzer Satz übersetzbar. Die Wiedergabe der zweiten Hälfte bleibt vorläufig; die Beziehung zwischen Punkten, Ecken und Umkreisen ist unklar.

Uttarasūtra 3.7

svatantramānasiddhāni dvārāṇi tu yathāvidhi |
garbhatulyam bhaved dvāraṃ śobhā dvārārddhalambitā || 3:7 ||

[Die Umkreise sollen] nach den Maßen des eigenen Tantra festgelegt sein [?], die Tore hingegen nach der Vorschrift. Das Tor soll so breit wie der innere Bereich sein; die Shobha erstreckt sich über die halbe Torbreite.

Anmerkung: Die Deutung von svatantramānasiddhāni ist unsicher. Garbha könnte hier den Fruchtboden des Lotus bezeichnen. Shobha ist eine seitliche Zierform des Mandala; die knappe Vorschrift setzt deren Kenntnis voraus.

Uttarasūtra 3.8

śobhā dviguṇakapolaṃ upaśobhā tu --- |
paścimaṃ vāhayed dvāraṃ trīṇy anyāni tu rundhayet || 3:8 ||

Die Shobha [hat] die doppelte Breite des Kapola; die Upashobha hingegen … [Textverlust]. Das westliche Tor soll er offen halten, die drei anderen verschließen.

Anmerkung: Kapola und Upashobha sind weitere Bauelemente des Mandala. Der verlorene Satzteil wird nicht aus späteren Mandala-Handbüchern ergänzt.

Uttarasūtra 3.9

pauṣṭike dakṣiṇaṃ dvāram abhicāre tathottaram |
caturasraṃ samākhyātaṃ varttulañ ca nibodha me || 3:9 ||

Bei stärkenden Riten [benutzt man] das südliche Tor, bei schädigenden entsprechend das nördliche. Das viereckige [Mandala] ist erklärt; höre nun von mir über das runde.

Anmerkung: Die unterschiedlichen Tore gehören zu historischen Ritualzwecken. Der Text empfiehlt damit nicht die heutige Ausführung schädigender Riten.

Uttarasūtra 3.10

caturasran tataḥ kṛtvā hastād dhastapravarddhanam |
dvyaṅgulena tu vṛddhyāyā tato vṛtan tu bhrāmayet || 3:10 ||

Nachdem er dann ein Quadrat hergestellt hat, [soll er] von einer Elle aus eine weitere Elle vergrößern; durch eine Erweiterung um zwei Fingerbreiten soll er danach einen Kreis ziehen.

Anmerkung: Der geometrische Vorgang ist nicht sicher rekonstruierbar. Die Edition erwägt verschiedene Verfahren, durch die ein Kreis um ein Quadrat gezeichnet werden könnte. Die deutsche Wiedergabe bleibt bewusst nahe an den unklaren Maßangaben.

Uttarasūtra 3.11

vṛta eṣa samākhyāto dvārāḥ pūrvvoktikāḥ smṛtāḥ |
vṛtārddhan tu parityajya arddhacandram bhaviṣyati || 3:11 ||

Damit ist das runde [Mandala] erklärt; seine Tore gelten als zuvor beschrieben. Lässt man die Hälfte des Kreises weg, so entsteht ein Halbmond.

Uttarasūtra 3.12

ekadvārārddhacandran tu trikoṇaṃ sāmprataṃ śṛṇu |
bindutrayena siddhyeta triṣkoṇan nātra saṃśayaḥ || 3:12 ||

Das halbmondförmige [Mandala] hat ein Tor. Höre nun vom dreieckigen: Das Dreieck entsteht durch drei Punkte; daran besteht kein Zweifel.

Anmerkung: Die nichtklassische Form triṣkoṇa bleibt wie gedruckt erhalten. Wie die drei Ausgangspunkte zu bestimmen sind, wird hier nicht erläutert.

Uttarasūtra 3.13

tridvāraṃ vā trikoṇan tu madhye śūnyena siddhyati |
varttulañ caturasraṃ vā śāntike pauṣṭike tathā || 3:13 ||

Das dreieckige [Mandala] kann auch drei Tore haben; in der Mitte soll es leer sein [?]. Runde und viereckige [Mandalas dienen] befriedenden und stärkenden Riten.

Anmerkung: Śūnya könnte hier statt einer leeren Mitte auch einen Punkt bezeichnen. Die Edition lässt die Deutung offen; es wird daraus keine sichere Lehre von einer ‚Leere im Herzen‘ abgeleitet.

Uttarasūtra 3.14

arddhacandran tu caṇḍīśe abhicāre trikoṇakam |
evaṃ vai sūtrayitvā tu yena yat karmma vāñchitam || 3:14 ||

Das halbmondförmige [Mandala gehört] zu Chandisha, das dreieckige zu schädigenden Riten. Nachdem er so mit Schnüren abgesteckt hat, entsprechend der jeweils beabsichtigten Handlung, …

Anmerkung: Chandisha ist die im Werk besonders verehrte Gottheit, der unter anderem Überreste von Opfergaben zukommen. Die Formzuordnung ist kein Beleg für ein späteres einheitliches Yantra-System.

Uttarasūtra 3.15

trirekham pañcarekhaṃ vā ālikhed bhuvanaṃ śubham |
trirekhan tu tridaivatyaṃ dvābhyāṃ śivasadāśivau || 3:15 ||

… soll er das schöne Mandala mit drei oder fünf Linien ausfüllen. Die drei Linien haben drei Gottheiten; die beiden [weiteren stehen für] Shiva und Sadashiva.

Anmerkung: Die Edition versteht die Linien wahrscheinlich als farbige Linien und vergleicht Mulasutra 4.3–4. Die ersten drei Gottheiten sind hier nicht ausdrücklich benannt.

Uttarasūtra 3.16

evam ālikhya yatnena pūrvvoktam arccanambhavet |
bhakṣyabhojyasamākīrṇṇaṃ vitānadhvajaśobhitam || 3:16 ||

Nachdem er es so sorgfältig gezeichnet hat, soll die zuvor beschriebene Verehrung stattfinden, umgeben von festen und weichen Speisen und geschmückt mit Baldachin und Fahnen.

Anmerkung: Ob sich die Ausschmückung grammatisch auf das Mandala oder auf die Verehrung bezieht, bleibt offen; der rituelle Zusammenhang ist derselbe.

Uttarasūtra 3.17

sampūjya ca yathānyāyan tato dīkṣāṃ samārabhet |
garbhapunsavasīmantajanma niṣkramaṇan tathā || 3:17 ||

Nachdem er vorschriftsgemäß verehrt hat, soll er die Einweihung beginnen: [rituell zu vollziehen sind] Empfängnis, die Feier zur Erlangung eines Sohnes, das Scheiteln des Haares, Geburt und das erste Hinausgehen …

Anmerkung: Die folgenden Lebensriten werden im Einweihungsritual symbolisch an der Seele des Einzuweihenden vollzogen. Sie sind keine Aufforderung, in diesem Moment eine reale Schwangerschaft oder Geburt herbeizuführen.

Uttarasūtra 3.18

prāśanañ cūḍakarmmaś ca ajinaṃ vratamekhalam |
vāsasaś copavītaś ca daṇḍaṃ sandhyām upāsanam || 3:18 ||

… die erste feste Speise, die Herstellung des Haarknotens, [die Übergabe von] Fell, Gelübdegürtel, Gewand, heiliger Schnur und Stab sowie die Verehrung zu den Tagesübergängen …

Anmerkung: Der Sanskrittext reiht Handlungen und ihre Gegenstände in unregelmäßigen Kasusformen aneinander. Die Übersetzung ergänzt nur die für das Verständnis nötige Übergabehandlung.

Uttarasūtra 3.19

japahoman tathā cānyat tryāyuṣañ cābhivādanam |
snātavrataparityāgo daṇḍādīnāñ ca homanam || 3:19 ||

… ferner Rezitation und Feueropfer, das Zeichen der drei Lebensalter und die ehrerbietige Begrüßung; dann, nach dem abschließenden Bad, das Ablegen des Gelübdes und die Darbringung des Stabes und der übrigen Gegenstände im Feuer …

Anmerkung: Tryayusha wird von der Edition als Anlegen von drei Aschestrichen verstanden. Beim letzten Ausdruck ist auch ein Feueropfer für Stab und übrige Gegenstände möglich; die Gegenstände selbst ins Feuer zu geben ist nicht die einzig denkbare Deutung.

Uttarasūtra 3.20

vivāhapākayajñāś ca haviryajñāś ca somakāḥ |
āsahasrās tu karttavyā vānaprasthāntabhaikṣukam || 3:20 ||

… Heirat, häusliche Opfer, Opfergabenriten und Soma-Opfer bis hin zur [Ritengruppe] ‚Tausend‘ sind zu vollziehen; [danach folgen] Waldleben und schließlich das Leben als bettelnder Entsager.

Anmerkung: ‚Tausend‘ bezeichnet nach der Edition eine benannte vedische Ritengruppe. Es wird nicht als Anweisung zu exakt tausend Wiederholungen dieser ganzen Liste übersetzt.

Uttarasūtra 3.21

vratam pāśupataṃ kṛtvā śodhanam prokṣaṇan tathā |
nyāsaś ca śivahastaś ca pāśānāṅ kṛntanan tathā || 3:21 ||

Nachdem er das Pashupata-Gelübde [symbolisch] vollzogen hat, [folgen] Reinigung und Besprengung, das Auflegen [der Mantras], die Shiva-Hand und das Durchtrennen der Fesseln.

Anmerkung: Hier wird ausdrücklich eine Pashupata-Observanz zwischen den vedischen Lebensriten und den shivaitischen Einweihungshandlungen eingefügt. Dies ist ein wichtiger Textbeleg für das Verhältnis von Atimarga und Mantramarga. Die Shiva-Hand bezeichnet die rituell verwandelte Hand des Lehrers.

Uttarasūtra 3.22

tāḍanam pūjanañ caiva kuryyāc chāstravidhānataḥ |
śikhācchedavidhānan tu vidyādīkṣāsamāsike || 3:22 ||

Das [rituelle] Schlagen und die Verehrung soll er nach der Vorschrift der Schrift vollziehen; das Abschneiden des Haarknotens jedoch am Abschluss der Vidya-Einweihung.

Anmerkung: Die genaue Funktion des Schlagens ist hier nicht erklärt. Der Sanskritdruck liest pūjana ‚Verehrung‘; die Edition erwägt yojana ‚Verbindung‘ nur als mögliche Korrektur. Diese Vermutung ersetzt den Grundtext nicht.

Uttarasūtra 3.23

sūtraṇādau śikhāntañ ca yat karmma parikīrttitam |
dīrghākṣareṇa tat sarvvaṃ karttavyaṃ deśikena tu || 3:23 ||

Alle Handlungen, die vom Abmessen mit Schnüren bis [zum Abschneiden] des Haarknotens beschrieben worden sind, soll der Lehrer mit dem langen Laut vollziehen.

Anmerkung: Gemeint ist die lange Form des für das Ritual gewählten Mantralautes. Der Vers nennt keine eigenständige offene Formel; zu den kurzen Formen vgl. Uttarasutra 2.41.

Uttarasūtra 3 – unnummerierter Schluss-Halbvers

{sā}dhyamantrābhiṣekañ ca karttavyaṃ siddhim icchatā || ⊗ ||

Wer besondere Vollendung erlangen möchte, soll außerdem eine Weihebegießung mit dem dafür gewählten Mantra vollziehen.

Anmerkung: Dieser abschließende Halbvers trägt im Sanskrit-Textblock keine Versnummer, wird aber im Apparat und Übersetzungsteil als 3.24 bezeichnet. Er zählt für die Auswahl nicht als vollständiger Originalvers. Sadhyamantra ist eine Funktionsbezeichnung, keine ausgeschriebene Mantraformel.

Uttarasūtra 3 – Kolophon

uttarasūtre tṛtīyaḥ paṭalaḥ ślo 24 (?)

Im Uttarasutra: drittes Kapitel. Verse: 24 [?].

Anmerkung: Die Edition setzt ein Fragezeichen zur Zählung. Vorliegen 23 nummerierte Ganzverse und ein abschließender Halbvers; die Schlusszahl allein belegt keinen zusätzlichen vollständigen Vers.

Uttarasūtra, Kapitel 4: Sadhana und befreiende Einweihung

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 169–174. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Uttarasūtra 4.1

siddhikṣetreṣu puṇyeṣu siddhibhūmim parīkṣayet |
devaṃ saṃsthāpya vidhinā snātvā trikālam arccayet || 4:1 ||

An heiligen Stätten der Vollendung soll er einen Platz für seine Sadhana prüfen. Nachdem er dort den Gott vorschriftsgemäß eingesetzt hat, soll er baden und ihn zu den drei Tageszeiten verehren.

Uttarasūtra 4.2

navātmena mṛdāñ japtvā sarvvadikṣu vinikṣipet |
dvitīyan toyamadhye tu tṛtīyāṅgāni cālabhet || 4:2 ||

Nachdem er über [drei Portionen] Erde den Navatman rezitiert hat, soll er [die erste] in alle Richtungen streuen, die zweite ins Wasser geben und mit der dritten die Glieder berühren.

Anmerkung: Die Dreiteilung ist aus den folgenden Ordnungszahlen erschlossen. Navatman ist ein benannter Mantra; seine Lautbestandteile werden in Uttarasutra 1.10–12 behandelt.

Uttarasūtra 4.3

--- vandayet sandhyām prāṇāyāman tu mūrttinā |
upasthānan tu vaktreṇa vāmena pitṛtarppaṇam || 4:3 ||

[Beschädigter Anfang:] … soll er die Tagesübergänge verehren; die Atemzügelung [vollzieht er] mit Murti, die Hinwendung [zur Sonne] mit Vaktra, die Sättigung der Ahnen mit Vama.

Anmerkung: Murti, Vaktra und Vama werden von der Edition als Sadyojata-, Tatpurusha- und Vamadeva-Mantra verstanden. Der verlorene Anfang könnte einen weiteren Mantranamen oder eine Handlung enthalten; er wird nicht ergänzt.

Uttarasūtra 4.4

pṛthivyāṃ yāni tīrtthāni saritaḥ sāgarāṇi ca |
snāto bhavati sarvveṣu yaḥ snāyīta śivāmbhasā || 4:4 ||

Wer mit Shiva-Wasser badet, hat damit in allen heiligen Badeorten, Flüssen und Meeren auf Erden gebadet.

Anmerkung: ‚Shiva-Wasser‘ meint das durch den beschriebenen Ritus geweihte Wasser. Der Vers spricht von religiöser Gleichwertigkeit, nicht von einer naturwissenschaftlichen Eigenschaft des Wassers.

Uttarasūtra 4.5

pavitrāṇi tato japtvā prāṇāyāmās tu dhāraṇaiḥ |
śivadhyānaṃ samālambya arccayīta yathāvidhi || 4:5 ||

Nachdem er die reinigenden [Mantras] rezitiert hat, [folgen] Atemzügelungen mit Konzentrationsübungen. In Meditation auf Shiva gesammelt soll er ihn nach der Vorschrift verehren.

Anmerkung: Die Edition versteht pavitrāṇi als die Brahma-Mantras. Dharana bezeichnet hier das Festhalten der Aufmerksamkeit; der Vers selbst enthält noch keine ausführliche Atemtechnik.

Uttarasūtra 4.6

sitāni caiva pu(ṣpāṇi) pītaraktasugandhinaḥ |
śāntike pauṣṭike puṣpā viparītābhicārake || 4:6 ||

Weiße Blumen [sind] für befriedende Riten, wohlriechende gelbe und rote Blumen für stärkende Riten [bestimmt]; die entgegengesetzten [Arten] für schädigende Riten.

Anmerkung: Die Zuordnung folgt der Deutung der Edition im Vergleich mit Nishvasamukha 1.147–148. Der knappe Satz lässt auch eine andere Verteilung der Farben zu.

Uttarasūtra 4.7

guggalvādīni dhūpāni surabhīṇi viśeṣataḥ |
śāntike pauṣṭike dhūpā abhicāre vilomakāḥ || 4:7 ||

Räucherstoffe wie Guggulu, besonders angenehm duftende, [dienen] befriedenden und stärkenden Riten; die gegenteiligen Räucherstoffe schädigenden Riten.

Uttarasūtra 4.8

candanādīni gandhāni surabhīṇi viśeṣataḥ |
śāntike pauṣṭike gandhā viparītābhicārake || 4:8 ||

Duftstoffe wie Sandelholz, besonders angenehm riechende, [dienen] befriedenden und stärkenden Riten; die gegenteiligen Duftstoffe schädigenden Riten.

Uttarasūtra 4.9

ghṛtapakvāni divyāni bhakṣyabhojyāni (cai){va} hi |
śāntike pauṣṭike deyā viparītābhicārake || 4:9 ||

In geklärter Butter zubereitete, köstliche feste und weiche Speisen sollen bei befriedenden und stärkenden Riten gegeben werden, die entgegengesetzten bei schädigenden Riten.

Anmerkung: Die wiederkehrende Dreiteilung beschreibt den historischen Ritualwortschatz. Die schädigenden Anwendungen werden dokumentiert, nicht als heutige Praxis empfohlen.

Uttarasūtra 4.10

veṇībandhan tataḥ kṛtvā hastayor ubhayor api |
kaniṣṭhike sṛte lagne aṅguṣṭhau madhyagopitau || 4:10 ||

Nachdem er beide Hände an den Handgelenken miteinander verbunden hat, [halte er] die kleinen Finger ausgestreckt und aneinandergelegt, die Daumen aber in der Mitte verborgen.

Anmerkung: Die genaue Deutung von venibandha ist kontextabhängig. Die Beschreibung gehört zur folgenden Bija-Mudra, nicht zu einem Bija-Mantra.

Uttarasūtra 4.11

bījamudreti vikhyātā asmin tantre prakīrttitā |
ekatas tu karau kṛtvā sṛtās sarvvās tu yamakāḥ || 4:11 ||

Diese ist als Bija-Mudra bekannt und wird in diesem Tantra gelehrt. [Bei einer weiteren Geste] soll er die Hände zusammenlegen und alle Fingerpaare gerade ausstrecken.

Anmerkung: Der zweite Halbvers beginnt die Beschreibung der Namaskara-Geste; der Name folgt im nächsten Vers.

Uttarasūtra 4.12

namaskāraḥ samākhyātas sarvvadevatavand[(ne)] |
madhyame ’nāmike dve dve anyonyāntarite kṛte || 4:12 ||

Das wird Namaskara genannt, [die Geste] zur Verehrung aller Gottheiten. [Bei der nächsten Geste werden] die beiden Mittelfinger mit den beiden Ringfingern gegenseitig verschränkt …

Anmerkung: Namaskara bezeichnet hier eine Handgeste. In Vers 32 wird derselbe Ausdruck als Bezeichnung der Formel namah gebraucht; beides ist auseinanderzuhalten.

Uttarasūtra 4.13

tarjjanīmadhyame yukte viparīte parasparam |
kaniṣṭhānāmike ’py evaṃ viparītā tathaiva hi || 4:13 ||

… Zeige- und Mittelfinger werden jeweils mit denen der gegenüberliegenden Hand verbunden; ebenso die kleinen Finger und die Ringfinger in entsprechender Gegenüberstellung …

Uttarasūtra 4.14

adhogatau tathāṅguṣṭhau mudraiṣā amṛtā smṛtā |
pṛṣṭhe pṛṣṭhe karau yojya anyonyāntaritāṅgulī || 4:14 ||

… und die Daumen zeigen nach unten: Diese Geste gilt als Amrita. [Für die nächste] lege er die Hände Rücken an Rücken und verschränke die Finger beider Hände miteinander …

Anmerkung: Amrita heißt ‚Unsterblichkeitsnektar‘. Der Name der Geste belegt für sich weder eine medizinische Wirkung noch die Herstellung einer besonderen körperlichen Flüssigkeit.

Uttarasūtra 4.15

varttulīkṛtya bhrāmeta koṭimudrā vidhī[(yate)] |
{ataḥ param prā}vakṣyāmi dravyamudrā tu lakṣaṇam || 4:15 ||

… dann drehe er sie, indem er sie rund formt: So wird die Koti-Mudra bestimmt. Nun werde ich die Kennzeichen der Dravya-Mudra erklären.

Anmerkung: Dravya bedeutet hier den für die Verehrung benötigten Gegenstand beziehungsweise die Opfergabe. Die Geste wird in den nächsten Versen erläutert.

Uttarasūtra 4.16

yad eva yādṛśan dravyaṃ sādhake manasi sthitam |
tādṛśan tu sadā kuryyāt karayugmavikārakam || 4:16 ||

Welchen Gegenstand der Sadhaka auch in seinem Geist hat: Er soll jeweils eine entsprechende Gestaltung mit beiden Händen bilden.

Uttarasūtra 4.17

ucchṛtau tu karau kṛtvā anyonyāntaraśākhakau |
cālanād darśayec caiva sañjñāmātreṇa uttare || 4:17 ||

Er soll beide Hände mit ineinander verschränkten Fingern erheben und sie durch Bewegung dem Ritualhelfer zeigen, allein als Zeichen.

Anmerkung: Die Deutung von uttare als Ritualhelfer folgt der Edition und dem Vergleich mit Vers 34. Sowohl diese Wortdeutung als auch der Anschluss an die Dravya-Mudra sind unsicher; möglich ist die Beschreibung einer weiteren, unbenannten Geste.

Uttarasūtra 4.18

tenaiva jāyate sarvvaṃ nirvvighnakaraṇaṃ tathā |
adhomukhau karau kṛtvā anyonyāntaritāṅgulī || 4:18 ||

Dadurch allein kommt alles zustande, und so werden Hindernisse beseitigt. [Für die nächste Geste] soll er beide Hände nach unten wenden und ihre Finger miteinander verschränken …

Anmerkung: Im Anschluss an Vers 17 kann dies die Bereitstellung fehlender Opfergaben durch Zeichen bedeuten. Es wird nicht als allgemeines Versprechen verstanden, durch Handbewegungen beliebige Dinge erschaffen zu können.

Uttarasūtra 4.19

anantāsanamudraiṣā kaniṣṭhāṅguṣṭhalambitau |
karadvaye tu muṣṭin tu ekaikāntaritāṅgulī || 4:19 ||

… wobei kleine Finger und Daumen herabhängen: Dies ist die Geste des Ananta-Sitzes. [Für die nächste Geste] bildet er mit beiden Händen eine Faust, wobei die Finger abwechselnd ineinandergreifen …

Anmerkung: Die herabhängenden Finger könnten nach der Edition die vier Füße des Thrones darstellen. Diese Erklärung ist eine Deutung, kein zusätzlicher Sanskrittext.

Uttarasūtra 4.20

sakalasya bhaven mudrā (sṛtāya --- madhyataḥ |
kaniṣṭhānāmike dve dve anyonyāntarite kṛte || 4:20 ||

… dies ist die Geste des Sakala. [Beschädigter Ausdruck:] … in der Mitte. [Für die nächste Geste werden] beide kleinen Finger und beide Ringfinger gegenseitig ineinander verschränkt …

Anmerkung: Die offene Ergänzungsklammer und der Textverlust werden wie in der Druckgrundlage sichtbar belassen. Die vollständige Handstellung lässt sich nicht sicher rekonstruieren.

Uttarasūtra 4.21

tarjjanyāgre --- prasṛte madhyame yute |
tanmadhye prasṛtāṅguṣṭhau adhokṛtvā tu kuñcayet || 4:21 ||

An den Spitzen der Zeigefinger … [Textverlust]; die Mittelfinger sind ausgestreckt und verbunden. In ihrer Mitte soll er die ausgestreckten Daumen nach unten bringen und beugen.

Anmerkung: Auch mit dem folgenden Vers ergibt sich keine sichere ausführbare Beschreibung der Geste. Die Lücke wird nicht durch eine Handstellung aus anderen Traditionen ersetzt.

Uttarasūtra 4.22

niṣkalasya bhaven mudrā savyāṅguṣṭhena tarjjanī |
dṛṣṭvaitān tu vimucyante baddhvā śivapadaṃ vrajet || 4:22 ||

Dies ist die Geste des Nishkala: der Zeigefinger mit dem linken Daumen [?]. Wer sie sieht, wird befreit; wer sie formt, gelangt zur Stätte Shivas.

Anmerkung: Die Fingerbeschreibung ist auch in der Edition nicht schlüssig erklärt. Das Befreiungsversprechen wird als Aussage des Textes wiedergegeben, nicht als garantierte Wirkung einer nachgeahmten Handhaltung.

Uttarasūtra 4.23

anyeṣān tu namaskāro koṭimudrā visarjjane |
śāntike mānaso jāpya upāṃśuḥ pauṣṭike smṛtaḥ || 4:23 ||

Für die anderen [Gottheiten dient] die Namaskara-Geste, beim Entlassen die Koti-Mudra. Bei befriedenden Riten soll im Geist rezitiert werden; bei stärkenden gilt die leise murmelnde Rezitation.

Anmerkung: Der Vers unterscheidet mentale und leise hörbare Formen von Japa. Das Ziel der Sammlung ist hier in konkrete Ritualzwecke eingebettet.

Uttarasūtra 4.24

saśabdaś cābhicāre tu {prāgudag}dakṣiṇāmukhaḥ |
rudrākṣaśaṅkhapadmākṣāḥ putrajīvāś ca mauktikāḥ || 4:24 ||

Bei schädigenden Riten hingegen [rezitiert man] hörbar. Man wendet sich [bei diesen drei Zwecken der Reihe nach] nach Osten, Norden und Süden. [Gebetsketten bestehen aus] Rudraksha, Muscheln, Lotussamen, Putrajiva-Samen und Perlen …

Anmerkung: Die drei Richtungen sind teilweise rekonstruiert. Rudraksha und Putrajiva sind als Perlen verwendete pflanzliche Materialien; die Materialliste setzt sich im folgenden Vers fort.

Uttarasūtra 4.25

sphāṭikā maṇiratnāś ca sauvarṇṇā vaidrumās tathā |
śāntike pauṣṭike caiva etā mālāḥ prakīrttitāḥ || 4:25 ||

… aus Bergkristall, kostbaren Steinen, Gold und Koralle: Diese Gebetsketten werden für befriedende und stärkende Riten gelehrt.

Anmerkung: Die Edition ordnet die Materialien des vorherigen Verses der Befriedung und die dieses Verses der Stärkung zu. Der Sanskritsatz selbst nennt die beiden Zweckklassen erst hier gemeinsam.

Uttarasūtra 4.26

lohaś ca trapusīsaś ca asthimālābhicārake |
ekādhikaśataṃ kuryyād athavā pañcaviṃśatiḥ || 4:26 ||

Eine Kette aus Eisen, Zinn, Blei oder Knochen [gehört] zu schädigenden Riten. [Für die zuvor genannten friedlichen Zwecke] soll er eine Kette mit hundertundeiner oder fünfundzwanzig Perlen herstellen …

Anmerkung: Die Zahl 101 wird nicht zu 108 geändert. Der Zweckwechsel ergibt sich aus dem Satzanschluss an Vers 27; die alte Vorschrift wird nicht als heutige Materialempfehlung übernommen.

Uttarasūtra 4.27

ekapañcāśikaṃ [vāpi mā(lā śānti)]kapauṣṭike |
saptādhikaśataṃ kuryyād athavā saptaviṃśati || 4:27 ||

… oder eine Kette mit einundfünfzig [Perlen] für befriedende und stärkende Riten. [Für Tötungsriten] soll er eine mit hundertsieben oder siebenundzwanzig [Perlen] herstellen …

Anmerkung: Die teilweise ergänzte erste Hälfte schließt Vers 26 ab. Die zweite beginnt die bis Vers 28 fortgesetzte Liste. Die Zahl lautet 107, nicht 108. Tötungsriten werden als historische Textaussage dokumentiert und nicht zur Ausführung empfohlen.

Uttarasūtra 4.28

trayodaśaikūnapañcāśad ūnaviṃśati māraṇe |
aṅguṣṭhamadhyatarjjanyā mālām ākarṣayed budhaḥ || 4:28 ||

… mit dreizehn, neunundvierzig oder neunzehn [Perlen] für Tötungsriten. Der Kundige soll die Kette mit Daumen, Mittelfinger beziehungsweise Zeigefinger weiterziehen …

Anmerkung: Die Zuordnung der drei Finger wird erst im folgenden Vers ausdrücklich an die Reihenfolge der drei Ritualzwecke angeschlossen.

Uttarasūtra 4.29

śāntikādikrameṇaiva japas sarvvaphalapradaḥ |
na siddhyate yadā mantro vighnaṃ saṃlakṣayed budhaḥ || 4:29 ||

… entsprechend der Reihenfolge von befriedenden [und den weiteren] Riten. So verleiht die Rezitation alle Früchte. Wenn ein Mantra nicht wirksam wird, soll der Kundige das Hindernis erkennen.

Anmerkung: Die behauptete Wirksamkeit ist Teil des historischen Mantraverständnisses. Der Vers eröffnet die folgenden Verfahren zur rituellen Behandlung eines als gehemmt betrachteten Mantra.

Uttarasūtra 4.30

abhiṣekendhanaṃ chedaṃ bodhanāmaladī[(panam)] |
--- mekhalaṃ kṛtvā pratimauśīrajān nyaset || 4:30 ||

[Dazu dienen] Weihebegießung, Entfachen, Durchtrennen, Erwecken, Reinigen und Zum-Leuchten-Bringen. Nachdem er etwas mit einem Rand hergestellt hat [der Gegenstand ist im Text verloren], soll er ein Bildnis aus Ushira darauf setzen.

Anmerkung: Ushira ist Vetiver. Ob das Bildnis den Übenden oder den gehemmten Mantra vertritt, ist nicht eindeutig. Die Edition erwägt eine Badeplattform, setzt sie aber nicht als erhaltenen Text ein.

Uttarasūtra 4.31

sahasrajaptatoyena abhiṣiñce †tamātmanaḥ† |
juṃkāro bodhayen mantrāṃ oṃkāreṇa tu indhayet || 4:31 ||

Mit Wasser, über dem tausendmal rezitiert worden ist, soll er [das Bildnis] begießen – [der folgende Bezug ist unklar]. Der Laut Jum erweckt die Mantras; mit Om soll er sie entfachen.

Anmerkung: Die Stelle tamātmanaḥ ist als ungelöster Textfehler markiert. Die Laute juṃ und oṃ wurden gesondert am vergrößerten Druckbild geprüft; juṃ hat hier kurzes u. Die Funktion ist rituell, nicht als wörtliche Bedeutung einer Keimsilbe zu verstehen.

Uttarasūtra 4.32

namaskārāmalaṃ kuryyāt svāhākāreṇa dīpayet |
saḥkāraś chedane yojya ādyante ca pratiṣṭhitaḥ || 4:32 ||

Mit Namah soll er [die Mantras] reinigen, mit Svaha sie zum Leuchten bringen. Der Laut Sah ist zum Durchtrennen einzusetzen, indem er an Anfang und Ende gestellt wird.

Anmerkung: Die Edition versteht namaskāra hier als Bezeichnung der Formel namaḥ. Die offen genannten Formen sind svāhā und saḥ. Die gemeinsame Nennung dieser Bestandteile ist noch keine ausgeschriebene Gesamtformel ‚Om Jum Sah‘.

Uttarasūtra 4.33

sarvvakāmān prayacchanti yathokte karmmaṇā kṛte |
satyasa{ndho ’pratigrā}hī śaucācārasamanvitaḥ || 4:33 ||

Wenn die Handlung wie beschrieben vollzogen ist, gewähren [die Mantras] alle gewünschten Ziele. Wer seinem Wort treu bleibt, keine Geschenke annimmt und Reinheit sowie guten Wandel wahrt, …

Anmerkung: Die zweite Vershälfte beginnt eine ethische Aussage, deren Satz im folgenden Vers weiterläuft. Das Nichtannehmen von Geschenken gehört zur hier beschriebenen Lebensweise eines Sadhaka.

Uttarasūtra 4.34

siddhyate acireṇaiva krodhalobhavivarjjitaḥ |
mudrāṃ dravyākṛtiñ caiva dadyād uttarasādhake || 4:34 ||

… und frei von Zorn und Gier ist, gelangt bald zur Vollendung. Dem Ritualhelfer soll er eine Geste zeigen, die die Gestalt des [gewünschten] Gegenstandes hat.

Anmerkung: Der erste Halbvers schließt die Aussage über Wahrhaftigkeit und Lebensführung aus Vers 33 ab; der zweite kehrt zur Verständigung durch Handzeichen zurück.

Uttarasūtra 4.35

tena sampādayed dravyāṃ maunakāle tu sādhakaḥ |
pratigrahe prāyaścittī samayasya ca laṅghane || 4:35 ||

Auf diese Weise soll sich der Sadhaka während des Schweigens die benötigten Dinge beschaffen. Wenn er Geschenke annimmt oder eine religiöse Verpflichtung übertritt, ist eine Sühnehandlung erforderlich.

Anmerkung: Die Annahme von Geschenken ist hier vor dem Hintergrund des Gelübdes in Vers 33 zu verstehen. Samaya bezeichnet eine mit der Einweihung verbundene Verpflichtung, keine beliebige gesellschaftliche Regel.

Uttarasūtra 4.36

⏑ ⏑ ⏑ vā haviṣan dravyaj? ---
{agra}madhyamūlaś ca satvacāsphāṭitās tathā || 4:36 ||

[Beschädigter Anfang:] … Opferstoff … [Bei den Brennhölzern sind] Spitze, Mitte und Wurzelende … mit Rinde und ungespalten.

Anmerkung: Der Satz ist nur teilweise verständlich. Die Übersetzung nennt die erkennbaren Bestandteile, ohne aus Parallelstellen eine vollständige Holzvorschrift in den Grundtext einzusetzen.

Uttarasūtra 4.37

śāntike pauṣṭike hy etās samidhā dvādaśāṅgulāḥ |
dalahīnāṣṭāṅgulā vakrā sphāṭitāś cābhicārake || 4:37 ||

Bei befriedenden und stärkenden Riten sind diese Brennhölzer zwölf Fingerbreiten lang. Bei schädigenden Riten sind sie ohne Rinde, acht Fingerbreiten lang, krumm und gespalten.

Anmerkung: Dalahina wird im Kontext der Holzbeschaffenheit als ‚ohne Rinde‘ verstanden. Die Alternative ‚ohne Blätter‘ bleibt die nähere gewöhnliche Wortbedeutung.

Uttarasūtra 4.38

haviṣyādīni dravyāṇi śāntike pauṣṭike ’pi vā |
homyeta tato mantrī viparītābhicārake || 4:38 ||

Bei befriedenden oder stärkenden Riten soll der Mantrakundige Stoffe darbringen, die als Opfergaben geeignet sind; bei schädigenden Riten die entgegengesetzten.

Uttarasūtra 4.39

sruvaṃ hastapramāṇan tu ādhāraṅgula ---
⏑ srucīṃ kuryyāt puṣkaraṃ hastasammitam || 4:39 ||

Die kleine Opferkelle soll eine Elle lang sein; ihr Behälter … Fingerbreiten [Textverlust]. Die große Opferkelle soll er … herstellen; ihre lotusförmige Schale sei handgroß.

Anmerkung: Hasta wird bei der Länge als Maß, bei der Schale im Sinn einer menschlichen Hand verstanden. Die beschädigten Maße werden nicht nach dem ähnlichen Sarvajnanottara ergänzt.

Uttarasūtra 4.40

palāśāśvatthajāv etau śāntike pauṣṭike viduḥ |
viparītābhicāre tu karttavyā deśikena tu || 4:40 ||

Man weiß, dass diese beiden [Kellen] bei befriedenden und stärkenden Riten aus Palasha- und Ashvattha-Holz bestehen sollen. Für schädigende Riten soll der Lehrer die entgegengesetzten [Materialien] verwenden.

Uttarasūtra 4.41

ataḥ paran tu yad dravyaṃ viparītābhicārake |
paridhīṣmāṃ tu gṛhṇīta yājñikāṃ sarvvakarmmasu || 4:41 ||

Andere Stoffe als diese sind die ‚entgegengesetzten‘ für schädigende Riten. Als Umlegehölzer soll er bei allen Handlungen jedoch solche aus den üblichen Opferhölzern nehmen.

Anmerkung: Der erste Halbvers ist ungewöhnlich formuliert; die Übersetzung folgt der vorsichtigen Deutung der Edition. Die Vorschrift zu den Umlegehölzern beruht teilweise auf Konjektur.

Uttarasūtra 4.42

kuśāgradvayasaṃyuktam prādeśamadhyagranthitam |
pavitraṃ vihitan tantre {ājya}syotplavanāya vai || 4:42 ||

Zwei Kusha-Grashalme von einer kleinen Spanne Länge, an den Spitzen zusammengelegt und in der Mitte verknotet: Das ist in diesem Tantra als Reinigungsgerät zum Abschöpfen der geklärten Butter vorgeschrieben.

Anmerkung: Der zusammengesetzte Ausdruck ist syntaktisch uneben. Die Edition versteht ihn als eine Beschreibung des Pavitra-Geräts; er bezeichnet hier keinen Mantra.

Uttarasūtra 4.43

puṇyadarśanasaṃvādanarendrajanavarddhanam |
ātmotkarṣabalan dṛṣṭvā siddhyate nātra saṃśayaḥ || 4:43 ||

Wenn er verdienstvolle Menschen sieht und mit ihnen spricht, Gedeihen unter den Leuten des Königs und ein Anwachsen seiner eigenen Kraft wahrnimmt, wird er Erfolg haben; daran besteht kein Zweifel.

Anmerkung: Die Edition versteht die Aufzählung als günstige Vorzeichen der Sadhana. Der letzte zusammengesetzte Ausdruck ist grammatisch uneben. Die Vorzeichenlehre ist keine wissenschaftliche Erfolgsprognose.

Uttarasūtra 4.44

apuṇyajanasaṃvādanarendrajanavibhramam |
ātmahāniñ ca satatan dṛṣṭvā caiva na siddhyati || 4:44 ||

Wenn er mit unverdienstvollen Menschen spricht, Unruhe unter den Leuten des Königs und ein Nachlassen der eigenen [Kraft] wahrnimmt, wird er keinen Erfolg haben.

Anmerkung: Satatam kann sich auf das anhaltende Nachlassen oder auf das Ausbleiben des Erfolgs beziehen. Diese Unsicherheit wird nicht durch eine absolute heutige Vorhersage aufgelöst.

Uttarasūtra 4.45

sādhakasya vidhiḥ proktas sarvvakāmārtthasādhakaḥ |
mantracaryyāsamāyuktā yena siddhyanti sādhakāḥ || 4:45 ||

Die Vorschrift für den Sadhaka ist erklärt, die alle gewünschten Ziele verwirklicht. Durch sie erlangen Sadhakas, die Mantra und die dazugehörige Lebensführung verbinden, Vollendung.

Anmerkung: Mantra und Charya, die geregelte Lebensführung, werden ausdrücklich zusammen genannt. Der Vers reduziert die Praxis nicht auf eine bloße Zahl von Wiederholungen.

Uttarasūtra 4.46

saṃyuktā ye[(na)] siddhyanti ajñānād api mānavāḥ |
nirvvāṇadīkṣāṃ vakṣyāmi tan me nigadataḥ śṛṇu || 4:46 ||

Mit ihr ausgestattet gelangen Menschen selbst trotz Unwissenheit zur Vollendung. Ich werde nun die befreiende Einweihung erklären; höre, während ich sie darlege.

Anmerkung: Ajñānād api heißt formal ‚selbst aus Unwissenheit‘; die Edition versteht es als ‚selbst trotz Unwissenheit‘. Die Verneinung im Wort ajñāna bleibt ausdrücklich erhalten.

Uttarasūtra 4.47

kṣakārādim akārāntaṃ homaṅ kṛtvā yathākramam |
anuccāryye tu saṃyojya śaktyā yojyeta niṣkale || 4:47 ||

Nachdem er das Feueropfer in der Reihenfolge vom Laut Ksha bis zum Laut A vollzogen hat, soll er [die Seele] mit dem Unaussprechlichen verbinden und sie durch Shakti in das Teilelose eingehen lassen.

Anmerkung: Das Alphabet wird rückwärts durchschritten. Die genaue Ebene des ‚Unaussprechlichen‘ und die Bedeutung von Shakti in dieser Verbindung sind nicht sicher geklärt; Shakti darf hier nicht ungeprüft als ein bestimmter körperlicher Energiekanal übersetzt werden.

Uttarasūtra 4.48

śaktyā niṣkalatāṃ yāti śivampadam anāmayam |
atha piṇḍākṣareṇaiva prakriyāṃ śodhayed budhaḥ || 4:48 ||

Durch Shakti gelangt er zur Teilelosigkeit, zur leidfreien Stätte Shivas. Oder der Kundige soll die kosmische Ordnung allein mit dem verdichteten Laut reinigen.

Anmerkung: Piṇḍākṣara, der ‚verdichtete Laut‘, wird von der Edition als Navatman verstanden. Die Reinigung betrifft die Bindungen der Seele in den kosmischen Ebenen, nicht das physische Reinigen des Universums.

Uttarasūtra 4.49

piṇḍākṣarāṣṭavarggaś ca dvāv etau e(ka) eva ca |
sadāśivasya śakteś ca dvābhyām parataraḥ śivaḥ || 4:49 ||

Der verdichtete Laut und das in acht Gruppen gegliederte [Alphabet] sind beide tatsächlich eins. Höher als diese beiden, Sadashiva und Shakti, ist Shiva.

Anmerkung: Die erste Hälfte setzt zwei Mantrasysteme gleich, die zweite unterscheidet kosmologische Ebenen. Die Edition warnt davor, aus der bloßen Nachbarschaft beider Sätze eine eindeutige Eins-zu-eins-Zuordnung abzuleiten.

Uttarasūtra 4.50

tatra saṃyojito marttyo na bhūyo janmatāṃ vrajet |
dharmmādharmmavinirmmuktas sarvvapāpavivarjjitaḥ || 4:50 ||

Ein Sterblicher, der dort verbunden ist, kehrt nicht mehr zur Geburt zurück. Von Verdienst und Verfehlung befreit und von allem Unheil gelöst, …

Anmerkung: Der Satz führt in den nächsten Vers. Die Überwindung von Verdienst und Verfehlung beschreibt hier Befreiung aus karmischer Bindung; sie ist keine Aufforderung, im gegenwärtigen Leben ohne Verantwortung zu handeln.

Uttarasūtra 4.51

vyomeva nirmmalaś śuddhaḥ śivasāyojyatāṃ vrajet |
nāsti dīkṣāsamo mokṣo na vidyā mātṛkāparā || 4:51 ||

… makellos wie der Raum und rein, gelangt er zur Vereinigung mit Shiva. Keine Befreiung gleicht der [durch] Einweihung; keinen Mantra gibt es über der Matrika.

Anmerkung: Die Wertung der Einweihung ist eine zentrale Aussage dieser Schrift. Sie wird nicht in eine pauschale Abwertung anderer heutiger spiritueller Wege umgedeutet.

Uttarasūtra 4 – unnummerierter Schluss-Halbvers

prakriyā na paraṃ jñānaṃ nāsti yogam ala{kṣakam} ||

Es gibt keine Erkenntnis über [die Erkenntnis] der kosmischen Ordnung hinaus und keinen Yoga ohne Ziel.

Anmerkung: Der abschließende Halbvers ist im Sanskrit-Textblock unnummeriert, im Übersetzungsteil als 4.52ab behandelt. Die Ergänzung und Deutung folgen der Edition im Vergleich mit Svacchanda 11.399. Dieser Halbvers wird nicht als vollständiger Vers für die 108er-Auswahl gezählt.

Uttarasūtra 4 – Kolophon

uttarasūtre caturtthaḥ paṭalaḥ ||

Im Uttarasutra: viertes Kapitel.

Mantrawiederholung mit einer Mala. Die historischen Lautformen und ihre Voraussetzungen stehen im jeweiligen Textzusammenhang.

Uttarasūtra, Kapitel 5: Meditation über die Wirklichkeitsebenen

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 174–180. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Uttarasūtra 5 – Sprecherangabe vor 5.1

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Uttarasūtra 5.1

piṇḍākṣarāṣṭabhedan tu mātṛkāyāṣṭakañ ca yat |
sadāśiva śivaś caiva prakriyā gaditā tvayā || 5:1 ||

Du hast die acht Formen des zusammengesetzten Mantralautes, die acht Gruppen des Alphabets, Sadashiva, Shiva und die kosmische Ordnung erklärt.

Anmerkung: Pindakshara, der ‚zusammengesetzte Laut‘, bezeichnet hier das zentrale Mantra. Die acht Alphabetgruppen und die acht Mantraformen sind verschiedene Gliederungen.

Uttarasūtra 5.2

śaktim brūhi mahādeva prakriyāyogam eva ca |
lakṣyālakṣyaṃ ca deveśa atra me saṃśayo mahān || 5:2 ||

Erkläre mir Shakti, o großer Gott, und den Yoga der kosmischen Ordnung, ebenso das, was als Ziel erfasst wird, und das Ziel jenseits des Erfassbaren, o Herr der Götter. Hier bestehen große Zweifel für mich.

Anmerkung: Lakshyalakshya ist mehrdeutig: Es kann auch Meditation mit und ohne gegenständlichen Fokus meinen. Die Übersetzung legt keinen späteren technischen Sinn fest.

Uttarasūtra 5 – Sprecherangabe vor 5.3

īśvara uvāca

Der Herr sprach:

Uttarasūtra 5.3

prakṛtiḥ puruṣaś caiva niyatiḥ kāla eva ca |
māyā vidyā ca īśaś ca dhyātavyāni pṛthakpṛthak || 5:3 ||

Über die Natur, das bewusste Selbst, die bindende Bestimmung und die Zeit, über Maya, Vidya und Isha soll man einzeln meditieren.

Anmerkung: Niyati ist die bindende Bestimmung, Kala die Zeit. Maya, Vidya und Isha sind hier Stufen der kosmischen Hierarchie; ihre Namen sollten nicht nur mit den Alltagsbedeutungen ‚Illusion‘, ‚Wissen‘ und ‚Herr‘ gelesen werden.

Uttarasūtra 5.4

sadāśivo ’ṣṭabhedaś ca ahorātrāyanāni ca |
saṅkrāntiviṣuvac caiva śaktisamarasan tathā || 5:4 ||

Ebenso über Sadashiva in seinen acht Formen, über Tag und Nacht, die Sonnenhalbjahre, den Übergang und die Tagundnachtgleiche sowie den Zustand des einheitlichen Geschmacks der Shakti …

Anmerkung: Die Zeitbegriffe werden in 5.36–39 auf den Atem bezogen. Shaktisamarasa bezeichnet eine Erfahrung des Durchdrungenseins von göttlicher Kraft; die ungewöhnliche Wortform wird bewahrt.

Uttarasūtra 5.5

sarvān etān viditvā tu śivasāyojyatām brajet |
dhyānāt siddhim avāpnoti sarvajñatvam prajāyate || 5:5 ||

… wer all dies erkennt, soll zur Vereinigung mit Shiva gelangen. Durch Meditation erlangt er Vollendung; Allwissenheit soll entstehen.

Anmerkung: Die zugesprochenen Fähigkeiten sind traditionelle Aussagen der Schrift.

Uttarasūtra 5.6

[tattva]dhyā[nam prathamakaṃ chāyādhyānaṃ] dvitīyakam |
ghoṣadhyānan tṛtīyan tu lakṣadhyānañ caturthakam || 5:6 ||

Die erste ist die Meditation über das eigentliche Wesen, die zweite die Meditation über seine Erscheinung, die dritte die Meditation über seinen Klang und die vierte die Meditation über seinen sichtbaren Zielpunkt.

Anmerkung: Die vier Begriffe sind nicht in allen folgenden Beispielen eindeutig auseinanderzuhalten. Eckige Klammern bewahren in diesem Band aus K ergänzten Text; sie sind keine Wiki-Links.

Uttarasūtra 5.7

caturviṃśati tattvāni dhyātvā bījena cintayet |
prākṛtena tu bījena tad dhyānaṃ tāttvikaṃ smṛtam || 5:7 ||

Nachdem er über die vierundzwanzig Wirklichkeitsprinzipien meditiert hat, soll er sie mit der Keimsilbe betrachten. Diese Meditation mit der Keimsilbe der Natur gilt als Meditation über das eigentliche Wesen.

Anmerkung: Die Edition bezieht die Keimsilbe auf U; in diesem Vers wird sie nur funktional benannt. Bija bedeutet eine als Mantra wirkende Keimsilbe, nicht ein gewöhnliches Wort.

Uttarasūtra 5.8

chāyācittaṃ samāveśya tāvad dhyāyed vicakṣaṇaḥ |
yāvac chuklā bhavec chāyā tato sidhyati mānavaḥ || 5:8 ||

Der Einsichtige soll sein Bewusstsein in die Erscheinung versenken und so lange darüber meditieren, bis diese Erscheinung weiß wird. Dann gelangt der Mensch zur Vollendung.

Anmerkung: Chaya kann ‚Schatten‘, ‚Abbild‘ oder ‚Erscheinung‘ heißen. Was genau hier gesehen werden soll, bleibt unsicher.

Uttarasūtra 5.9

ghoṣadhyānan tṛtīyan tu prākṛtīsiddhidāyakam |
[(sa ca)] sarvajñatāṃ yāti svatantraś caiva jāyate || 5:9 ||

Die dritte, die Klangmeditation, verleiht die mit der Natur verbundene Vollendung. Der Übende gelangt zur Allwissenheit und wird selbstmächtig.

Anmerkung: Der konkrete Klang wird in diesem Vers nicht ausdrücklich genannt. Die verschachtelte Klammer bewahrt eine unsicher gelesene Ergänzung aus K.

Uttarasūtra 5.10

ākāśe vīkṣamāṇasya ukāraṃ kuṭilā[(kṛ)]tim |
sa vai prakṛtilakṣan tu dṛṣṭvā mucyati bandhanāt || 5:10 ||

Dem, der in den Himmelsraum blickt, erscheint der Laut U in geschwungener Gestalt. Wenn er dieses Zeichen der Natur sieht, wird er von der Bindung gelöst.

Anmerkung: Ukara benennt ausdrücklich U. Die geschwungene Gestalt bezieht sich auf ein Schriftzeichen; sie ist nicht ohne Prüfung mit einer heutigen Devanagari-Schreibform gleichzusetzen.

Uttarasūtra 5.11

dhyāyate yas tu yuktātmā yogasiddhim avāpnuyāt |
eṣa te prākṛto yoga ukto mokṣakaraḥ paraḥ || 5:11 ||

Wer mit gesammeltem Selbst darüber meditiert, soll Vollendung im Yoga erlangen. Dieser höchste, befreiende Yoga der Natur ist dir erklärt worden.

Uttarasūtra 5.12

cetā vai {’}kartṛvijñānan dvitīyañ ciñciṇīyakam |
dhūmalakṣan tṛtī[(ya)]n tu chāyālakṣaṃ caturthakam || 5:12 ||

Die erste Betrachtung ist die Erkenntnis: ‚Ich bin bewusst, aber kein Handelnder.‘ Die zweite ist der summende Klang, die dritte das Rauchzeichen und die vierte das Schattenzeichen.

Anmerkung: Die Formulierung des ersten Versfußes ist unsicher; die Verneinung wird von der Edition ergänzt. Geschweifte Klammern markieren Ergänzungen der Herausgeber. Die Einteilung betrifft jetzt das bewusste Selbst.

Uttarasūtra 5.13

akarttā nirguṇaś cāham prakṛtyā karmma kāritam |
vijñānadhyānam evan tu vāsanād eva mucyate || 5:13 ||

‚Ich bin nicht der Handelnde und bin frei von den Grundqualitäten; das Handeln wird durch die Natur bewirkt.‘ So lautet diese Meditation der Einsicht. Dadurch wird man von den eingeprägten Neigungen gelöst.

Anmerkung: Der letzte Versfuß kann auch bedeuten: ‚Allein durch die Einprägung dieser Meditation wird man befreit.‘ Beide Deutungen sind sprachlich möglich; die erste bleibt Leitübersetzung.

Uttarasūtra 5.14

ciñciṇī pauruṣaṃ śabdaṃ dhyāyed yuktena cetasā |
dhyānāt siddhim avāpnoti viṣṇusāyojyatām brajet || 5:14 ||

Über den summenden Klang des bewussten Selbst soll er mit gesammeltem Geist meditieren. Durch diese Meditation erlangt er Vollendung und soll zur Vereinigung mit Vishnu gelangen.

Anmerkung: Chinchini bezeichnet hier einen Klang, keine ausgeschriebene Mantraformel.

Uttarasūtra 5.15

turyadvāraviniṣkrāntaṃ dhūma lakṣan tu pauruṣam |
dhyānāj jvalati tad dhūmaṃ tejo dṛṣṭvā <tu si>{dhyate} || 5:15 ||

Der Rauch, der aus dem Tor zum vierten Zustand hervortritt, ist das Zeichen des bewussten Selbst. Durch die Meditation beginnt dieser Rauch zu leuchten. Sieht er das Licht, so gelangt er zur Vollendung.

Anmerkung: Das ‚Tor zum vierten Zustand‘ ist ein erklärungsbedürftiger yogischer Ausdruck; die Edition verbindet ihn mit der Scheitelöffnung, ohne eine körperliche Öffnung anzunehmen. <…> bewahrt hier aus W ergänzte Silben.

Uttarasūtra 5.16

[chā]yācittaṃ samālambya viyatstham paśyate pumān |
evam abhyasyamānas tu siddhyate ca śivo bhavet || 5:16 ||

Indem er die Wahrnehmung des Schattenbildes als Stütze nimmt, sieht er das bewusste Selbst im Himmelsraum. Wer so übt, gelangt zur Vollendung und soll Shiva werden.

Anmerkung: Die Konstruktion mit puman ist unregelmäßig; auch ‚das Selbst wird im Himmelsraum gesehen‘ ist möglich. Das genaue Verfahren lässt sich aus diesen Worten nicht sicher rekonstruieren.

Uttarasūtra 5.17

mahālābhavipattau ca udakādiraseṣu ca |
darppaṇe dhyānam ālambya niyatyājayasiddhiṣu || 5:17 ||

Bei großem Gewinn und Verlust soll er zur Erlangung der Meisterschaft über die bindende Bestimmung eine Meditation in Flüssigkeiten wie Wasser oder in einem Spiegel aufnehmen …

Anmerkung: Der Vers eröffnet die Betrachtung der Niyati. Die reflektierenden Flächen gehören zu dieser historischen Meditationsform.

Uttarasūtra 5.18

mahālābhavipattau ca na tuṣyen naiva codvijet |
jñātvā niyatisadbhāvan nirjjitā sā bhaviṣyati || 5:18 ||

… bei großem Gewinn und Verlust soll er weder frohlocken noch verzagen. Ist das Wesen der bindenden Bestimmung erkannt, wird sie überwunden sein.

Anmerkung: Als heutiger Reflexionsimpuls lässt sich daraus Gelassenheit gegenüber wechselnden Lebensumständen gewinnen; die kosmologische Aussage bleibt die des Textes.

Uttarasūtra 5.19

udake vā ghṛte {vāpi niyati}lakṣam abhyaset |
toyātmako hi bhavati niyatin dṛṣṭvā tu sidhyate || 5:19 ||

In Wasser oder in geklärter Butter soll er sich auf das Zeichen der bindenden Bestimmung sammeln; es erscheint von der Natur des Wassers. Wenn er die Bestimmung sieht, gelingt die Übung.

Anmerkung: Der Bezug des zweiten Halbverses ist nicht ganz sicher: Auch die Wassergestalt des Übenden selbst ist sprachlich denkbar.

Uttarasūtra 5.20

darppaṇe niyatin dhyāyed vahnirūpam prajāyate |
niyatiñ ca tataḥ paśyan niyatyā sidhyate dhruvam || 5:20 ||

Er soll im Spiegel über die bindende Bestimmung meditieren; eine feurige Gestalt entsteht. Indem er darauf die Bestimmung sieht, erlangt er durch sie gewiss Vollendung.

Anmerkung: Alternativ kann der Schluss heißen: ‚Die bindende Bestimmung wird sicher gemeistert.‘ Die grammatische Form lässt beide Deutungen zu.

Uttarasūtra 5.21

muhūrttasandhyatithayaḥ pakṣamāsārttaveṣu ca |
puṇyakāleṣu sarvveṣu kālam evam upāsyate || 5:21 ||

In den Stunden, den Tagesübergängen und Mondtagen, in den Monatshälften, Monaten und Jahreszeiten, in allen heiligen Zeiten wird so die Zeit verehrt.

Anmerkung: Die Satzglieder haben unregelmäßige Kasus. Die Übersetzung fasst sie als Zeitangaben auf.

Uttarasūtra 5.22

[sarvva]kālan tu kālaṃ hi hīya{mā}naṃ tu {dṛśyate} |
{kālābhidhyā}tacittas tu sa kālam paśyate ’cirāt || 5:22 ||

Zu jeder Zeit soll er die Zeit als dahinschwindend sehen. Wessen Geist so in der Betrachtung der Zeit verweilt, der sieht die Zeit bald in ihrem Wesen.

Anmerkung: Die Satzherstellung beruht teilweise auf Konjekturen. Als heutige Betrachtung kann der Vers zur Wahrnehmung der Vergänglichkeit anregen.

Uttarasūtra 5.23

jāyate kālarūpī tu siddhyate kālayoginaḥ |
sarvajñaḥ kāmarūpī ca śivavat svacchatām brajet || 5:23 ||

Er nimmt die Gestalt der Zeit an; als Yogi der Zeit gelangt er zur Vollendung. Allwissend und fähig, jede gewünschte Gestalt anzunehmen, soll er rein und klar wie Shiva werden.

Anmerkung: Die ungewöhnliche Form kālayoginaḥ wird nicht geglättet; die übernatürlichen Fähigkeiten sind Textaussagen.

Uttarasūtra 5.24

snehe tu nispṛho yas tu jñānānveṣaṇatatparaḥ |
saṃsārodvignamokṣārthī māyā tena vilaṅghitā || 5:24 ||

Wer nicht nach Zuneigung verlangt, ganz der Suche nach Erkenntnis zugewandt ist, die Unruhe des Daseinskreislaufs empfindet und Befreiung sucht, der hat Maya überschritten.

Anmerkung: Sneha kann Zuneigung und anhängliche Bindung meinen. Die Stelle ist kein heutiger Rat zu Gefühllosigkeit oder zur Auflösung tragender Beziehungen.

Uttarasūtra 5.25

tarujām mṛnmayīṃ vāpi [(māyā)]pratima kārayet | (?)
tatra dhyāna{m prakurvīta jvalite} sidhyateti ca || 5:25 ||

Er soll eine Darstellung der Maya aus Holz oder aus Ton herstellen lassen. Darauf soll er meditieren; wenn sie aufleuchtet, gelangt er zur Vollendung.

Anmerkung: Die Darstellung der Maya wird nicht näher beschrieben. ‚Aufleuchten‘ gehört hier zur geschilderten meditativen Vision; ein wirkliches Entzünden des Gegenstands ist damit nicht als praktische Anweisung festgelegt.

Uttarasūtra 5.26

maṇiratnapradīpeṣu māyādhyānaṃ samādadhet |
jvalite siddhyate caiva māyādhyānena sādhakaḥ || 5:26 ||

An Edelsteinen, kostbaren Steinen oder Lampen soll er die Meditation über Maya aufnehmen. Wenn ein Leuchten entsteht, gelangt der Sadhaka durch die Meditation über Maya zur Vollendung.

Uttarasūtra 5.27

ekaikākṣarayogena abhyasen mātṛkāśivam |
vidyāsiddhim avāpnoti śivatulyaś ca jāyate || 5:27 ||

Indem er sich nacheinander mit jedem einzelnen Laut verbindet, soll er Shiva in Gestalt des Alphabets betrachten. Er erlangt die Vollendung der Vidya und wird Shiva gleich.

Anmerkung: Matrika ist die als heilige Lautordnung betrachtete Reihe der Sanskritlaute. Der Vers selbst schreibt das Alphabet nicht aus.

Uttarasūtra 5.28

ekaikan tu layan dhyāyed athavā vahnirūpiṇam |
vāyurūpamahendrāpakharūpa --- cintayet || 5:28 ||

Er soll über jedes einzelne Aufgehen meditieren; oder er soll sich [das Gemeinte] in der Gestalt des Feuers, des Windes, der Erde, des Wassers und des Raumes vorstellen [Textverlust].

Anmerkung: Der Gegenstand der Auflösung ist unsicher. Mahendra wird nach den verglichenen Elementmeditationen als Erde verstanden, nicht als zusätzliches sechstes Element.

Uttarasūtra 5.29

siddhyate tena rūpeṇa śivasāyojyatām brajet |
vidyāyogaṃ samākhyātan dhyānañ caiveśvaraṃ śṛṇu || 5:29 ||

Durch diese Gestalt gelangt er zur Vollendung und soll die Vereinigung mit Shiva erreichen. Der Yoga der Vidya ist erklärt. Höre nun die Meditation über Ishvara.

Uttarasūtra 5.30

ghaṇṭānādaṃ sadā dhyāyed īśvarīsiddhikāṅkṣiṇaḥ |
īśvarañ ca tataḥ paśyet siddhyate śivatām brajet || 5:30 ||

Wer die Vollendung der Ishvara-Stufe erstrebt, soll stets über den Klang einer Glocke meditieren. Dann schaut er Ishvara, gelangt zur Vollendung und soll Shiva werden.

Uttarasūtra 5.31

†ākāśe liṅgaliṅge vā cakṣurdhyānaṃ† samārabhet |
sūkṣmaliṅgan tataḥ paśyej jvalite siddhyateti ca || 5:31 ||

Oder er soll eine schauende Meditation über die beiden Lingas im Himmelsraum beginnen. Danach soll er ein feines Linga sehen; wenn ein Leuchten entsteht, gelangt er zur Vollendung.

Anmerkung: Die Edition setzt die Wortgruppe zwischen Kreuzzeichen als verderbt. ‚Zwei Lingas‘ ist eine vorsichtige Deutung mit Hilfe des Nayasūtra 3.55–56, kein zweifelsfreier Wortlaut.

Uttarasūtra 5.32

<mo>kṣadas sakalo jāpya arccādīkṣāsu niṣkalaḥ |
yojakas tu bhavet so hi śūnyo dhyeyas sa[dā] budhaiḥ || 5:32 ||

Sakala soll als Befreiung verleihende Mantraform rezitiert werden; Nishkala wird bei Verehrung und Einweihung verwendet. Shunya verbindet die Seele mit dem höheren Ziel; die Weisen sollen stets darüber meditieren.

Anmerkung: Sakala, Nishkala und Shunya sind hier Namen von Formen des Grundmantras, nicht bloß die Adjektive ‚mit Teilen‘, ‚ohne Teile‘ und ‚leer‘. Ihre vollständigen Lautgestalten stehen nicht in diesem Vers.

Uttarasūtra 5.33

divyasiddhipradānāc ca kalāḍhyo japahomasu |
śivapathapraṇetā ca yogināṃ khamalaṅkṛtaḥ || 5:33 ||

Kaladhya wird bei Rezitation und Feueropfer verwendet, weil diese Mantraform göttliche Fähigkeiten verleiht. Khamalankrita führt die Yogis auf den Weg Shivas.

Anmerkung: Zwei weitere benannte Formen desselben Grundmantras.

Uttarasūtra 5.34

pātālamarttyasiddhīnāñ japeta kṣapaṇāt kṣayam |
jarāvyādhikṣudhāmṛtyuṃ dhyāto ’ntasthas tu nāśayet || 5:34 ||

Für Fähigkeiten in den Unterwelten und in der Welt der Sterblichen soll er Kshapanat-Kshaya rezitieren. Antastha soll, wenn darüber meditiert wird, Alter, Krankheit, Hunger und Tod vernichten.

Anmerkung: Die Namensgestalt Kshapanat-Kshaya ist schwierig und variiert im Korpus. Das Heilungs- und Unsterblichkeitsversprechen ist eine religiöse Aussage, keine medizinische Empfehlung.

Uttarasūtra 5.35

†navā<tmā> --- tulāgnibhyo nirbījeṣu ca saṅkramet† |
dṛṣṭapratyayasiddhīni japahomena siddhyate || 5:35 ||

Navatman [Textverlust] von Waagen und Feuern … soll in samenlose Dinge übergehen [unsicher]. Durch Rezitation und Feueropfer verwirklicht er Fähigkeiten, deren sichtbare Wirkungen Vertrauen hervorrufen.

Anmerkung: Der erste Halbvers ist beschädigt und als verderbt markiert. Vermutlich sind rituelle Machterweise gemeint; eine sichere geschlossene Übersetzung oder praktische Rekonstruktion ist nicht möglich.

Uttarasūtra 5.36

sadāśivoṣṭadhā prokta ahorātrāyanāni ca |
saṅkrānti viṣuvac caiva śaktisamarasaṃ śṛṇu || 5:36 ||

Sadashiva ist in acht Formen erklärt. Höre nun von Tag und Nacht, den Sonnenhalbjahren, dem Übergang und der Tagundnachtgleiche sowie dem einheitlichen Geschmack der Shakti.

Uttarasūtra 5.37

ūrdhvaprāṇo hy ahaś caiva apāno rātrir eva ca |
suṣumṇā uttaraṃ jñeyam iḍā vai dakṣiṇāyanam || 5:37 ||

Der aufsteigende Atem ist der Tag, der absteigende Atem die Nacht. Sushumna ist als der nördliche Sonnenlauf zu verstehen, Ida als der südliche.

Anmerkung: Hier werden zwei Kanäle genannt. Der Vers präsentiert Sushumna nicht ausdrücklich als mittleren Kanal eines späteren Drei-Kanal-Systems; Pingala wird hier nicht genannt.

Uttarasūtra 5.38

madhyadeśe yadā hy ātmā viṣuvaṃ taṃ vidur budhāḥ |
calate gacchate caiva madhyadeśe yadā pumān || 5:38 ||

Wenn das Selbst sich im mittleren Bereich befindet, nennen die Weisen dies Tagundnachtgleiche. Wenn dieses Selbst sich bewegt und in den mittleren Bereich geht …

Anmerkung: Das Selbst wird hier im Zusammenhang mit dem Leben tragenden Atem betrachtet; die Mitte liegt zwischen den zuvor genannten Bahnen.

Uttarasūtra 5.39

saṅkrāntir iti vikhyātā śaktiñ caiva nibodha me |
tṛtīye caiva āyāme dvipūrvvaṃ ṣaṣṭhabindukam || 5:39 || (?)

… wird dies Übergang genannt. Vernimm nun von mir Shakti: Im dritten Ausdehnen – oder in der dritten Reihe – das sechste mit dem Punkt, dem zweiten vorausgehend [unsicher].

Anmerkung: Der zweite Halbvers enthält eine nicht zuverlässig entschlüsselte Lautbeschreibung. Die Edition erwägt verschiedene Auflösungen, entscheidet aber keine. Deshalb wird hier kein daraus konstruiertes Mantra angeboten.

Uttarasūtra 5.40

śrūyate ca yadā śaktiḥ śrutvā budhvā ca mānavaḥ |
līyate ca śive devi bhinnadehe na saṃśayaḥ || 5:40 ||

Wenn Shakti gehört wird und ein Mensch sie, nachdem er sie gehört hat, versteht, geht er beim Zerfall des Leibes in Shiva ein, o Göttin; daran besteht kein Zweifel.

Anmerkung: Der Vers setzt die unsichere mantrische Beschreibung aus 5.39 fort; der Heilsanspruch wird als Aussage der Schrift wiedergegeben.

Uttarasūtra 5.41

na śaktirahitā marttyā dīkṣānugrahakārakāḥ |
[śakti]hīnā na siddhyanti na ca yānti parāṅ gatim || 5:41 ||

Menschen ohne Shakti können die Gnade der Einweihung nicht vermitteln. Ohne Shakti gelangen sie weder zur Vollendung noch zum höchsten Ziel.

Anmerkung: Die Stelle verbindet Einweihung mit göttlicher Kraft; sie ist keine Aussage über die Würde oder den Wert eines Menschen.

Uttarasūtra 5.42

śivaṃ sarvvagataṃ viddhi nāmarūpavivarjjitam |
cinmātraḥ puruṣaś caiva śivo vyāpya vyavasthitaḥ || 5:42 ||

Erkenne Shiva als allgegenwärtig, frei von Name und Gestalt. Shiva ist auch das bewusste Selbst als reines Bewusstsein; alles durchdringend ist er gegenwärtig.

Anmerkung: Der erste Teil des zweiten Halbverses ist eine Konjektur der Edition. Die Einheitssprache dieser Stelle darf nicht mit einer pauschalen Zuordnung des gesamten Korpus zu einer späteren nichtdualistischen Schule verwechselt werden.

Uttarasūtra 5.43

vāsayet samarasaś cāhaṃ śivena saha saṃyutaḥ |
evaṃ samaraso bhūtvā gacchate śivam avyayam || 5:43 ||

Er soll die innere Gewissheit entfalten: ‚Mit Shiva verbunden bin auch ich von demselben Geschmack wie alles.‘ So zur Gleichheit dieses Geschmacks gelangt, geht er zum unvergänglichen Shiva.

Anmerkung: ‚Derselbe Geschmack‘ ist ein Bild für eine durchgehende Einheitserfahrung; die charakteristische Metapher wird nicht durch ein modernes Psychologiemodell ersetzt.

Uttarasūtra 5.44

athavā tu nirālambam mūrdhni mālambya yatnataḥ |
yāgaṃ yogaṃ {japaṃ dhyānaṃ sarvvakarmmā}ṇi kārayet || 5:44 ||

Oder er soll sich am Scheitel mit Sorgfalt auf den Stützelosen ausrichten und Verehrung, Yoga, Rezitation, Meditation und alle rituellen Handlungen vollziehen.

Anmerkung: Niralamba, ‚ohne Stütze‘, bezeichnet Shiva jenseits eines äußeren Haltes. Der Lauftext ergänzt dhyānam, ‚Meditation‘; der Apparat formuliert die Konjektur an dieser Stelle mit homam, ‚Feueropfer‘. Hier folgt der Grundtext dem gedruckten Lauftext.

Uttarasūtra 5.45

śivam ādhāya karmmāṇi kurvvann api na lipyate |
yogasiddhim avāpnoti śivasāyojyatāṃ vrajet || 5:45 ||

Wer sein Handeln auf Shiva gründet, wird auch im Handeln nicht befleckt. Er erlangt Vollendung im Yoga und soll zur Vereinigung mit Shiva gelangen.

Uttarasūtra 5.46

jñānayogo mayā khyāta akleśāt siddhimokṣadaḥ |
suparīkṣya pradātavyam abdatrayanivāsine || 5:46 ||

Ich habe den Yoga der Erkenntnis erklärt, der ohne Mühsal Vollendung und Befreiung verleiht. Nach gründlicher Prüfung soll er einem Schüler mitgeteilt werden, der drei Jahre beim Lehrer gelebt hat …

Anmerkung: Die Weitergaberegel setzt sich in Vers 47 fort. Es handelt sich um die historische Überlieferungsordnung dieser Lehre.

Uttarasūtra 5.47

brāhmaṇe vṛttisampanne kṣatriye dharmmaśīline |
vaiśye caiva dayāyukte śūdre {śuśrūṣatatpa}re || 5:47 ||

… einem Brahmanen von gutem Lebenswandel, einem Kshatriya, der nach dem Dharma lebt, einem Vaishya voller Mitgefühl oder einem Shudra, der sich dem Lernen und Dienen widmet.

Anmerkung: Alle vier traditionellen Sozialstände werden als mögliche Empfänger genannt, jedoch mit standesbezogenen Anforderungen. Die historische Einteilung ist keine heutige Zugangsvoraussetzung.

Uttarasūtra 5.48

anyathā duṣṭamarttyānān nindātarkānuvarttinām |
na deyaṃ śivasadbhāvam anyāyapathavarttinām || 5:48 ||

Nicht mitgeteilt werden soll dagegen das wahre Wesen Shivas verderbten Menschen, die Verleumdung und rechthaberischem Streit nachgehen und auf unrechten Wegen handeln.

Anmerkung: Tarka wird hier im abwertenden Zusammenhang verstanden. Das ist von prüfender Einsicht als Yoga-Glied zu unterscheiden.

Uttarasūtra 5.49

śivabhaktivihīnā ye gurubhaktivivarjjitāḥ |
jijñāsākautukālīnā na deyan tattvam uttamam || 5:49 ||

Denen, die ohne Hingabe an Shiva und ohne Verbundenheit mit dem Lehrer sind und nur neugierig nach Besonderheiten forschen, soll die höchste Wirklichkeit nicht mitgeteilt werden.

Anmerkung: Die Schrift verlangt eine tragfähige innere Ausrichtung. Heutige verantwortliche Lehrbeziehungen schließen kritische Fragen und persönliche Grenzen nicht aus.

Uttarasūtra 5.50

anadhītyātha niśvāsaṃ niśvasanti punaḥ punaḥ |
adhītvā caiva niśvāsan na punar nniśvasanti [(te)] || 5:50 ||

Wer die Nishvasa nicht studiert hat, seufzt immer wieder. Haben sie aber die Nishvasa studiert, so seufzen sie nicht wieder.

Anmerkung: Eine traditionelle Titelauslegung durch das Wortspiel zwischen dem Werknamen und niśvasanti, ‚sie seufzen‘. Sie erklärt nicht die historische Entstehung des Titels und ist keine Atemanweisung.

Uttarasūtra 5.51

[(niśvāsa)] eva vikhyātas sarvvatantrasamuccayaḥ |
yaṃ jñātvā mucyate jantu saṃsārabhavabandhanāt || 5:51 ||

Die Nishvasa ist als Zusammenfassung aller Tantras bekannt. Wer sie erkennt, wird von der Bindung an das Werden im Daseinskreislauf befreit.

Anmerkung: ‚Alle Tantras‘ ist die Selbstaussage der Schrift, keine moderne bibliografische Behauptung.

Uttarasūtra 5.52

mūlasūtreṇa yat khyātam uttareṇa nigadyate |
tenaiva sarvvam ākhyātan nirmmalīkaraṇas tu saḥ || 5:52 ||

Was durch das Mulasutra gelehrt wurde, wird durch das Uttara weiter erklärt. Dadurch ist alles dargelegt; es dient der Klärung.

Anmerkung: Der Vers belegt ausdrücklich das Verhältnis des ergänzenden Uttarasutra zum Mulasutra. Nirmalikarana wird hier auf die Klärung des Textsinnes bezogen.

Uttarasūtra 5.53

aṣṭāviṃśati yā proktā saṃhitāḥ parameṣṭhinā |
teṣāṃ vyākhyā tu karttavyā upariṣṭāt samantataḥ || 5:53 ||

Die achtundzwanzig Samhitas, die der Höchste verkündet hat, müssen danach umfassend erläutert werden.

Anmerkung: Die 28 Samhitas werden hier nicht namentlich aufgezählt. Die Aussage belegt keine unveränderte spätere Liste von 28 Agamas.

Uttarasūtra 5.54

{śate dve daśa ślokānāṃ} niśvāsottarasaṃhitā |
ekaviṃśat kulān devi adhītya hy uddhariṣyati || 5:54 ||

Zweihundertundzehn Verse umfasst die Nishvasottara Samhita. Wer sie studiert, wird einundzwanzig Familienlinien emporheben, o Göttin.

Anmerkung: Die Zahl des ersten Halbverses ist aus dem Schlussvermerk wiederhergestellt. Sie ist nicht mit der Summe der modernen Versnummern gleichzusetzen. Der zweite Halbvers ist eine traditionelle Verheißung.

Uttarasūtra 5 – Kolophon

uttarasūtre pañcamaḥ paṭalaḥ ślo 52 sūtrottaraślo 210 samāptañ ca ||

Im Uttarasutra das fünfte Kapitel: 52 Verse. Uttarasutra insgesamt: 210 Verse. Es ist abgeschlossen.

Anmerkung: Die gedruckten Zählvermerke 52 und 210 weichen von der modernen Zählung des Kapitels bis 54 ab. Sie bleiben als gesonderte Textbestandteile erhalten.

Uttarasūtra 5 – Schlussformel

oṃ namaḥ śivāya |

Om. Verehrung sei Shiva.

Anmerkung: Die Verehrungsformel steht nach dem Schlusskolophon. Sie ist damit in dieser Textgrundlage ausdrücklich belegt, nicht wegen der shivaitischen Einordnung ergänzt.

Allgemeines Yoga-Vidya-Video: kombinierte Mantra-Meditation mit Shanti. Es erläutert nicht unmittelbar die Nishvasa Tattva Samhita.

Nayasūtra

Dieser Teil enthält alle 4 Kapitel des Nayasutra. Die kommentierte kritische Ausgabe ist die Textgrundlage.[1]

Nayasūtra, Kapitel 1: Seele, Fesseln und Körperalphabet

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 181–194. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Nayasūtra 1 – Titel

niśvāsatattvasaṃhitāyāṃ nayasūtram ||

In der Nishvasa Tattva Samhita: das Nayasutra.

Nayasūtra 1 – Eingangsformel

oṃ namaḥ śivāya |

Om. Verehrung sei Shiva.

Anmerkung: Unnummerierte Eingangsformel, vor der Sprecherangabe. Das besondere Om-Zeichen des Drucks wird als oṃ transliteriert.

Nayasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.1

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Nayasūtra 1.1

navātmake sthitās tattvāḥ pāśāś caiva maheśvara |
chedako yojakaś caiva mokṣada(s sa prakīrttitaḥ) || 1:1 ||

Im Navatman befinden sich die Tattvas und die Fesseln, o Maheshvara. Er wird als derjenige bezeichnet, der [die Fesseln] durchtrennt, [die Seele mit höheren Ebenen] verbindet und Befreiung verleiht.

Anmerkung: Navatman ist hier der neungliedrige Mantra. Die ergänzten Objekte in der Übersetzung erschließen sich aus der Einweihungslehre; sie sind keine zusätzlichen Sanskritwörter.

Nayasūtra 1.2

⊔ (yoge tu) ye pāśā kathaṃ jñeyākṣare ’kṣare |
etan me [(sa)]ṃśayam brūhi pāśadāhanibandhanam || 1:2 ||

[Beschädigter Anfang:] … wie sollen die Fesseln in jedem einzelnen Laut erkannt werden? Dies ist mein Zweifel. Gib mir [die Antwort], die zum Verbrennen der Fesseln führt.

Anmerkung: Die Edition kann den Anfang nicht sicher wiederherstellen. Die mögliche Ergänzung ‚bei der Einweihungsverehrung‘ wird nicht als Grundtext eingesetzt.

Nayasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.3

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Nayasūtra 1.3

akāre sarvvatattvāni saṃsthitāni yaśasvini |
bandhyate dahate caiva sa eṣa parameśvaraḥ || 1:3 ||

Im Laut A befinden sich alle Tattvas, o Ruhmreiche. Er bindet und verbrennt; er selbst ist der höchste Herr.

Anmerkung: Die Bindung und Verbrennung beziehen sich im Zusammenhang auf die im Einweihungsritual behandelten Fesseln. Die ungewöhnliche Form bandhyate wird entsprechend der Deutung der Edition aktiv wiedergegeben.

Nayasūtra 1.4

akāre tv akṣarās sarvve sa ca sarvveṣu saṃsthitaḥ |
evan te sarvva[(varṇṇās tu pā)]śadāhakṣamāḥ smṛtāḥ || 1:4 ||

Alle Laute befinden sich im A, und dieses befindet sich in ihnen allen. So gelten all diese Laute als fähig, die Fesseln zu verbrennen.

Anmerkung: Die Aussage behandelt die religiöse Bedeutung des Lautalphabets; sie ist nicht mit einer modernen physikalischen Wirkung von Schall gleichzusetzen.

Nayasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.5

de[(vy uvāca)] |

Die Göttin sprach:

Nayasūtra 1.5

{sthūlarūpāḥ smṛ}tāḥ pāśā jīvas sūkṣmas sa ucyate |
ekībhāvagatau etau tāmre kālikavad yathā || 1:5 ||

Die Fesseln gelten als grobstofflich, die Seele hingegen wird als feinstofflich bezeichnet. Beide sind eins geworden, wie Grünspan mit Kupfer.

Anmerkung: Jiva bezeichnet hier die individuelle Seele. ‚Feinstofflich‘ gibt die relative Unterscheidung sūkṣma wieder; es bedeutet nicht, dass der Text eine moderne messbare Substanz behauptet.

Nayasūtra 1.6

badhyamāneṣu pāśeṣu kathaṃ jīvo na badhyate |
na dāho dahyamāneṣu cchedo vā nāsti cchidyataḥ || 1:6 ||

Wie kommt es, dass die Seele nicht gebunden wird, wenn die Fesseln gebunden werden? Warum verbrennt sie nicht, wenn diese verbrannt werden, und wird nicht zerschnitten, wenn diese zerschnitten werden?

Anmerkung: Die Frage der Göttin nimmt die scheinbare Einheit von Seele und Fessel ernst. Die nichtklassische Schlussform chidyataḥ wird sinngemäß auf die Fesseln bezogen.

Nayasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.7

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Nayasūtra 1.7

jalamadhye [ya]thā matsyā badhyante jālayogataḥ |
salilan na [(ca)] ba[(dhyeta) tad]vaj jīvo na badhyate || 1:7 ||

Wie Fische im Wasser durch ein Netz gebunden werden, das Wasser aber nicht gebunden wird, so wird auch die Seele nicht gebunden.

Anmerkung: Der zweite Halbvers ist teilweise ergänzt. Die Verneinung na nach salilan wurde am vergrößerten Druckbild eigens kontrolliert: Das Wasser wird nicht gebunden. Die ungewöhnliche Sandhiform salilan bleibt erhalten.

Nayasūtra 1.8

hemakarttā {dahed do}ṣāṅ kanakan na ca dahyate |
dahyamāneṣu pāśeṣu tadvaj jīvo na dahyate || 1:8 ||

Der Goldschmied verbrennt die Verunreinigungen, das Gold aber wird nicht verbrannt. Ebenso wird die Seele nicht verbrannt, wenn die Fesseln verbrannt werden.

Anmerkung: Der Anfang ist teilweise rekonstruiert. Das Bild erklärt die Trennung von Seele und Bindung; es ist keine technische Aussage über heutige Metallverarbeitung.

Nayasūtra 1.9

ayaspiṇḍo yathā dhmātaś chidyamānas tu khaṇḍaśaḥ |
na ca chinatty asau vahnis tadvaj jīvo na cchidyate || 1:9 ||

Wie bei einer erhitzten Eisenkugel, die in Stücke zerteilt wird, das Feuer selbst nicht zerteilt wird, so wird auch die Seele nicht zerteilt.

Nayasūtra 1.10

ākāśaṃ sarvvagaṃ yadvat sarvvadravyeṣv avasthitam |
dravyeṣu chidyamāneṣu nākāśaṃ cchedam arhati || 1:10 ||

Wie der Raum alles durchdringt und in allen Dingen gegenwärtig ist: Werden die Dinge zerteilt, so kann der Raum doch nicht zerteilt werden.

Nayasūtra 1.11

evam pāśagaṇās sarvve sthūla(sūkṣmavibhā)gaśaḥ |
dahyamāneṣu pāśeṣu dīkṣākāle śivādhvare || 1:11 ||

So sind alle Gruppen von Fesseln nach groben und feinen [Arten zu unterscheiden]. Wenn die Fesseln während der Einweihung in Shivas Opfer verbrannt werden, …

Anmerkung: Die erste Hälfte ist in Deutung und Wortlaut unsicher: Nach dem vorherigen Vergleich würde man eher die Seele als fein und die Fesseln als grob erwarten. Die Edition setzt diese erwartete Aussage jedoch nicht in den Text ein.

Nayasūtra 1.12

na ca cchidyaty asau hy ātmā ākāśeva vyavasthitaḥ |
bandhadāhan tu mantrajñāḥ kurvvanti śivaśāsane || 1:12 ||

… wird die Seele nicht zerteilt, sondern bleibt bestehen wie der Raum. Nach Shivas Lehre vollziehen die Mantrakundigen das Binden und Verbrennen [der Fesseln].

Anmerkung: Bandhadaha kann auch einfach ‚Verbrennen der Bindung‘ bedeuten. Der Bezug auf Binden und Verbrennen als zwei Ritualhandlungen folgt der Hauptdeutung der Edition.

Nayasūtra 1.13

janmabandhañ ca pāśānāṃ dagdhvā caiva śivāgninā |
tejībhūtā viśanty ete svatattvam punar eva hi || 1:13 ||

Nachdem durch Shivas Feuer die an Geburt bindende Kraft der Fesseln verbrannt worden ist, werden diese [Seelen] zu Strahlkraft und gehen wieder in ihren eigenen Wesenszustand ein.

Anmerkung: Das Subjekt ist nicht ausdrücklich genannt. Die Edition erwägt neben den Seelen auch die Fesseln, die in ihren Ursprung zurückkehren. Die Aussage einer ursprünglichen, wieder offenbar werdenden Seelennatur bleibt deshalb eine begründete, aber nicht alternativlose Deutung.

Nayasūtra 1.14

sarvvapāśanivṛttās tu kathitāḥ śivaśāsane |
na mucyante ’nyatantrajñā ye pāśair na vimocitāḥ || 1:14 ||

In Shivas Lehre werden sie als von allen Fesseln gelöst bezeichnet. Die Kenner anderer Lehren, die nicht von den Fesseln befreit worden sind, werden nicht befreit.

Anmerkung: Dies ist der exklusive Befreiungsanspruch des Werkes. Die Übersetzung bewahrt ihn, ohne ihn als heutiges Urteil über Menschen anderer spiritueller Wege zu übernehmen.

Nayasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.15

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Nayasūtra 1.15

navatattvā akāre tu kathan deva vyavasthitāḥ |
sa ca ekaḥ sthito vyāpī kathaṃ varṇṇās tu saṃsthitāḥ || 1:15 ||

Wie, o Gott, befinden sich die neun Tattvas im A? Wie durchdringt dieser eine [Laut die anderen], und wie sind die [anderen] Laute [in ihm] enthalten?

Nayasūtra 1.16

bhagavañ śarvva sarvvajña sarvvanātha jagatpate |
akṣare akṣare jñānam akāre vada suvrata || 1:16 ||

Erhabener, Sharva, Allwissender, Herr über alles, Herr der Welt! Erkläre das Wissen um jeden einzelnen Laut und um A, o du, der seine Gelübde wahrt.

Anmerkung: Das an Shiva gerichtete suvrata ist eine ehrende Anrede. Der Vers ist eine Bitte um Unterweisung, nicht als selbstständiger Mantra vorgeschrieben.

Nayasūtra 1 – Sprecherangabe vor 1.17

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Nayasūtra 1.17

akāras tv akṣaro jñeya +:+ pañcāśat tatra saṃsthitāḥ |
[(ya)]thā tasya śarīre tu tathātmani nirīkṣayet || 1:17 ||

A soll als unvergänglich erkannt werden; in ihm befinden sich die fünfzig [Laute]. Wie [sie] im Körper dieses [Schriftzeichens stehen], so soll er sie in sich selbst betrachten.

Anmerkung: Das Zeichen +:+ gehört zur kritischen Darstellung der Edition und wird nicht als Laut gelesen. Das Kapitel bezieht sich nun auf geschriebene Buchstabenformen. Die verwendete alte Schrift ist nicht mit heutiger Devanagari gleichzusetzen.

Nayasūtra 1.18

śikhāgrāvasthito deva anāmā śaktisaṃyutaḥ |
śikhāgrantthau ca deveśo sadāśiva iti smṛtaḥ || 1:18 ||

An der Spitze des oberen Fortsatzes steht der Gott Anaman, ‚der Namenlose‘, mit seiner Shakti. Im Knoten dieses Fortsatzes gilt der Gottesherr als Sadashiva.

Anmerkung: Shikha bezeichnet hier zunächst den oberen Fortsatz des Schriftzeichens, nicht schon einen modernen Körperchakra. Die Übertragung auf den menschlichen Leib folgt in Vers 25 ff.

Nayasūtra 1.19

īśvaras tu śire nityaṃ vidyā dakṣiṇarekhiṇī |
savyarekhā tu māyā vai adhaḥ kālaḥ pralambitaḥ |
akuṭī niyatīṃ viddhi puruṣaś cārddhacandrake || 1:19 ||

Ishvara befindet sich stets im Kopf [des Zeichens]; Vidya ist die rechte Linie, Maya die linke, und die Zeit hängt unten herab. Wisse, dass die Biegung des A Niyati ist und Purusha sich im Halbmond befindet.

Anmerkung: Dieser Originalvers besitzt sechs Versglieder. Die Zuordnung betrifft eine historische Buchstabenform; die genaue Gestalt dieses A kann auch die Edition nicht zweifelsfrei bestimmen.

Nayasūtra 1.20

adha ūrddhaṅgatā yā tu prakṛtir dhvajarūpiṇī |
etāni nava tattvāni akāre saṃsthitāni tu || 1:20 ||

Was aber nach unten und oben verläuft, ist Prakriti in Gestalt einer Standarte. Diese neun Tattvas befinden sich im A.

Anmerkung: Gemeint ist nach der Edition der lange senkrechte Strich des Zeichens. Die Zahl neun bezieht sich auf diese kosmologische Zuordnung, nicht auf neun moderne Chakras.

Nayasūtra 1.21

akāras sarvvavarṇṇānāṃ śiram ākramya saṃsthitaḥ |
evan te sarvvavarṇṇās tu sarvvatattvasamanvitāḥ || 1:21 ||

A steht an der Spitze aller Laute. So enthalten alle diese Laute sämtliche Tattvas.

Anmerkung: Das Bild kann zugleich die erste Stellung im Alphabet und den mit den Konsonanten verbundenen Grundvokal a ansprechen. Diese Erklärung ist eine Deutung der Edition.

Nayasūtra 1.22

dahate sarvvapāśāni dīkṣākāle śivādhvare |
pañca bindūṃs tataḥ kṛtvā akāran tu samālikhet || 1:22 ||

Es verbrennt zur Zeit der Einweihung in Shivas Opfer alle Fesseln. Nachdem er dann fünf Punkte gesetzt hat, soll er das A zeichnen.

Nayasūtra 1.23

--- [(lyaṃ)] tu tato vi[(dvā)]n varṇṇaikaikaṃ nirīkṣayet |
yatra varṇṇo na dṛśyeta †tatraikāśan tu† kārayet || 1:23 ||

[Beschädigter Anfang:] … dann soll der Kundige jeden einzelnen Buchstaben betrachten. Wo ein Buchstabe nicht zu sehen ist, soll er dort … [unverständlicher Ausdruck] herstellen.

Anmerkung: Die verlorene oder verderbte Zeichenanweisung wird nicht durch eine selbst entworfene Form ersetzt.

Nayasūtra 1.24

śatārddhaṃ tatra dṛśyeta akārasya śarīrataḥ |
svadehe deśikendreṇa draṣṭavyāni punaḥ punaḥ || 1:24 ||

Die fünfzig [Laute] sollen dort im Körper des A sichtbar werden. Der hervorragende Lehrer soll sie immer wieder im eigenen Leib betrachten.

Nayasūtra 1.25

anāmā kāraṇo devaḥ śikhāgrāvasthitaḥ paraḥ |
śaktiś ca ---tapayā (?) (jñeyā bi(ndu) mūr(ddhni saṃsthitaḥ) || 1:25 ||

Der höchste Gott Anaman, die Ursache, befindet sich an der Spitze des Haarknotens. Shakti soll als … erkannt werden [Textverlust]; Bindu befindet sich im Kopf.

Anmerkung: Der Aufenthaltsort der Shakti ist nicht lesbar. Bindu wird im Zusammenhang möglicherweise Sadashiva zugeordnet, doch der Vers nennt diesen Namen hier nicht.

Nayasūtra 1.26

(lalāṭa) {īśvara jñeyo vidyā ca tāluma}dhyataḥ |
ghaṇṭikāyām mahāmāyā kālaḥ kaṇṭhe samāśritaḥ || 1:26 ||

An der Stirn soll Ishvara erkannt werden, Vidya in der Mitte des Gaumens. Mahamaya befindet sich im Zäpfchen, die Zeit im Hals.

Anmerkung: Die erste Vershälfte ist weitgehend rekonstruiert. Die Körperorte werden genau wie in dieser Stelle wiedergegeben, ohne sie einer späteren Standard-Chakraliste anzugleichen.

Nayasūtra 1.27

hṛdisthā niyatir jñeyā puruṣaḥ padmamadhyataḥ |
prakṛtir nābhimadhyasthā jñātvā tattvān navaiva tu || 1:27 ||

Niyati soll als im Herzen befindlich erkannt werden, Purusha in der Mitte des Lotus. Prakriti befindet sich im Nabel. Wer diese neun Tattvas erkannt hat, …

Anmerkung: Der Lotus wird von der Edition im Zusammenhang als Herzlotus verstanden. Das Verb zur Kenntnis der neun Tattvas führt zum folgenden Vers.

Nayasūtra 1.28

dīkṣakas tu guruśreṣṭhaḥ śivatattvasya pāragaḥ |
anyathā na gurur jñeyo na dīkṣā na ca muktidā || 1:28 ||

… ist als Einweihender ein hervorragender Guru, der die Wahrheit Shivas ganz durchdrungen hat. Andernfalls soll er nicht als Guru gelten; [seine Handlung ist] keine [wahre] Einweihung und verleiht keine Befreiung.

Anmerkung: Der Text knüpft die Befähigung des Gurus an Wissen, nicht allein an seinen Titel. Der exklusive rituelle Anspruch wird als Aussage dieser Schrift bewahrt.

Nayasūtra 1.29

śarīrasthāni tattvāni ajñātvā na tu mucyate |
(akṣarāṇi ca) {sarvvā}ṇi śarīre tu yathā sthitāḥ || 1:29 ||

Ohne die im Körper befindlichen Tattvas zu erkennen, wird man nicht befreit – und [ohne zu erkennen,] wie sämtliche Laute im Körper angeordnet sind.

Anmerkung: Die zweite Hälfte ist teilweise ergänzt; sie ist syntaktisch mit der ersten verbunden, keine eigene vollständige Aussage.

Nayasūtra 1.30

tāni sarvvāṇi vakṣyāmi pratyakṣalikhitāni tu |
kecit pratyaṅgarūpāṇi kecit tv aṅgākṛtīni tu || 1:30 ||

Ich werde sie alle in ihrer sichtbar geschriebenen Gestalt erklären. Einige haben die Form einzelner Körperteile, andere die Form des [ganzen] Körpers.

Anmerkung: Die folgenden Körperstellungen ahmen Schriftzeichen nach. Das ist ein eigenständiges frühes Verfahren und keine Benennung späterer Hatha-Yoga-Asanas.

Nayasūtra 1.31

dehalīnau karau kṛtvā jaṅghau cānyonyasaṃsthitau |
prasṛtaṃ sarvvakāyan tu niṣkalākāravigraham || 1:31 ||

Er soll die Arme an den Leib legen, die Unterschenkel nebeneinanderstellen und den ganzen Körper gerade ausstrecken: [So bildet er] die Gestalt des teilelosen A.

Anmerkung: Die Deutung als ‚teileloses A‘ folgt der Edition. Möglich ist auch allgemeiner ‚gestaltlose Form‘. Anders als bei den folgenden Beschreibungen ist hier keine konkrete geschriebene Buchstabenform eindeutig vorausgesetzt.

Nayasūtra 1.32

dharaṇyavasthitajjānuṃ vāmabāhum pralambitam |
tiryagūrddhāpasavyan tu madhyagranthy upari sthi(tam || 1:32 ||

Ein Knie steht auf dem Boden, der linke Arm hängt herab; der rechte wird quer und aufwärts gehalten [?], oberhalb des mittleren Gelenks beziehungsweise Knotens [?] …

Anmerkung: Die Stellung ist nicht zuverlässig rekonstruierbar. Die offene Ergänzungsklammer wird im folgenden Vers geschlossen.

Nayasūtra 1.33

sa)kalaṃ vigrahaṃ hy etad akārasya vinirddiśet |
tiryagvāmakaṅ kṛtvā ākāras tu viśiṣyate || 1:33 ||

… diese Körpergestalt soll er als das mit Teilen versehene A zeigen. Hält er die linke Hand waagerecht, so unterscheidet sich davon das lange A.

Anmerkung: Die Edition kann die Beschreibung nicht eindeutig einer alten Schriftform zuordnen. Die deutsche einfache Umschrift unterscheidet hier kurzes und langes A ausdrücklich; im Sanskrit stehen a und ā.

Nayasūtra 1.34

bhruvoḥ sandhiṃ śiraḥ kṛtvā netratārau tu bindukau |
ikāra eṣa vikhyāto nāsāvaṃśena dīrghikā || 1:34 ||

Macht man die Verbindung der Brauen zum Kopf [des Zeichens] und die beiden Augensterne zu seinen Punkten, so ist dies als I bekannt; zusammen mit dem Nasenrücken wird es zum langen I.

Anmerkung: Augensterne bezeichnet die Pupillen. Das beschriebene I passt zu einer alten Form aus drei Punkten, nicht zur heutigen Devanagari-Gestalt इ.

Nayasūtra 1.35

u ū śravaṇamadhyasthau ṛkāraṃ bāhukāritam |
saṃhatau ca smṛtau jaṅghau ūrddhakāyaṃ prasāritam || 1:35 ||

Kurzes und langes U befinden sich im Inneren des Ohrs. Das vokalische R wird mit den Armen gebildet [?]: Die Unterschenkel sollen zusammenstehen und der Oberkörper gerade ausgestreckt sein …

Anmerkung: Der Vers wechselt von Formen, die an Körperteilen erkannt werden, zu einer Form, die mit dem Körper dargestellt wird. Die Beschreibung des vokalischen r ist unsicher.

Nayasūtra 1.36

dakṣiṇaṃ kāryyet tiryagbāhuñ coparisaṃsthitam |
karāgraṃ vinyaset tatra vāmabāhus tu madhyataḥ || 1:36 ||

… den rechten Arm soll er waagerecht und oben liegend halten [?]; dort setzt er den vorderen Teil der Hand hin, den linken Arm aber in die Mitte [?].

Anmerkung: Die räumlichen Beziehungen sind auch in der Edition nicht sicher verstanden. Die Fragezeichen sind keine Aufforderung, die Stellung versuchsweise körperlich zu erzwingen.

Nayasūtra 1.37

vāmabāhuṃ tatorddhan tu kṛtvā rī ca bhaviṣyati |
caraṇau kāryyet tiryag ṛkāras sampradṛśyate || 1:37 ||

Setzt er den linken Arm darüber [?], entsteht das lange vokalische R. Hält er die Füße waagerecht [?], wird das [kurze] vokalische R sichtbar.

Anmerkung: Der Druck schreibt rī als Ersatzbezeichnung für ṝ; diese ungewöhnliche Schreibweise bleibt im Sanskrit bestehen. Die genaue Stellung ist unklar.

Nayasūtra 1.38

likāran tu rasāsvādi līkāraṃ ghaṇṭikā saha |
e ai daśanapaṅktis tu rekhā dantāntareṣu ca || 1:38 ||

Das vokalische L ist das, was Geschmack wahrnimmt [die Zunge]; das lange vokalische L ist [die Zunge] zusammen mit dem Zäpfchen. E und Ai bilden die Zahnreihe, mit einer Linie zwischen den Zähnen.

Anmerkung: Der Druck verwendet li und lī als Bezeichnungen für die vokalischen l-Laute; sie werden nicht stillschweigend in ḷ und ḹ geändert. Die genaue Zuordnung von E und Ai zur Linie bleibt deutungsbedürftig.

Nayasūtra 1.39

viditvā mucyate jantu annapānasya bhakṣaṇe |
(na -gata) --- para ⏑ ⏑ mo aukāre nirīkṣayet || 1:39 ||

Wer [dies] erkennt, wird beim Essen und Trinken befreit. [Beschädigte zweite Hälfte:] … soll er bei O und Au betrachten.

Anmerkung: Die erste Hälfte kann nach der Edition auch bedeuten, dass der Mensch vom Bedürfnis nach Essen und Trinken befreit wird. Die Buchstabenbeschreibung der zweiten Hälfte ist nicht rekonstruierbar. Daraus wird keine Empfehlung zum Verzicht auf Nahrung oder Flüssigkeit abgeleitet.

Nayasūtra 1.40

mastakaṃ bindurūpan tu akāram pūrvvacoditam |
vṛṣaṇendriyasaṃyogād aḥkāro dṛśyate dhruvam || 1:40 ||

Der Kopf [wird] zur Gestalt des Punktes, das A [bleibt] wie zuvor beschrieben. Durch die Verbindung mit den Hoden wird das Zeichen Ah gewiss sichtbar.

Anmerkung: Die erste Hälfte beschreibt die Ergänzung des A um Bindu, also aṃ; die zweite aḥ mit den zwei Visarga-Punkten. Das ist eine bildliche Buchstabenbetrachtung anhand des Körpers, keine sexuelle Ritualhandlung.

Nayasūtra 1.41

nābhyopari samākhyātaṃ kakāram puruṣākṛtim |
śiraḥ śiran tu kṛ[(tvā vai)] grīvāskandhe dvirekhiṇī || 1:41 ||

Ka wird als menschliche Gestalt oberhalb des Nabels erklärt. Der Kopf wird zum Kopf [des Zeichens]; Hals und Schultern bilden seine beiden Linien.

Anmerkung: Die alte Ka-Form war kreuzartig. Dvirekhini wird hier trotz seiner ungewöhnlichen grammatischen Form als ‚zwei Linien‘ verstanden.

Nayasūtra 1.42

ucchṛtaṃ kārayed bāhun tiryyagma (?) ⏑---[pā]ṇinā |
{khakāra} [(e)]ṣa vikhyāto śṛtapāṇis tu ga smṛtaḥ || 1:42 ||

Er soll den Arm ausgestreckt waagerecht halten … mit der Hand [?]. [Die Beschreibung ist beschädigt.] Dies ist als Kha bekannt. Mit ausgestreckten Händen gilt [die Gestalt] als Ga.

Anmerkung: Die Stellung für Kha ist nicht rekonstruierbar. Bei Ga ist die Lesung śṛta statt sṛta nicht völlig gesichert; die Edition erläutert die Verwechslungsmöglichkeit in der Handschrift. Das Sanskrit wird wie im Druck wiedergegeben.

Nayasūtra 1.43

ūrddhvabāhukarau kṛtvā muṣṭin dakṣiṇapāṇinā |
ghakāraḥ śirasā yuktaṃ ṅakāraṃ hīnabāhunā || 1:43 ||

Hebt er die Arme mit den Händen und bildet mit der rechten Hand eine Faust, so ergibt dies zusammen mit dem Kopf Gha; lässt man einen Arm weg, [ergibt sich] Nga.

Anmerkung: Welcher Arm für Nga nicht mitgerechnet wird, nennt der Vers nicht. Die Edition versteht die Buchstabenform aus der Sicht eines Gegenübers, nicht notwendig aus dem Spiegelbild des Übenden.

Nayasūtra 1.44

cakāraṃ vaktramārgge tu chakāraṃ nāsike sthitaḥ |
ūrddhvabāhukarau kṛtvā śi[ro]yuktan tu ja smṛtaḥ || 1:44 ||

Cha [ca] befindet sich in der Öffnung des Mundes, Chha [cha] in der Nase. Hebt er die Arme mit den Händen, so gilt dies zusammen mit dem Kopf als Ja.

Anmerkung: Die einfache deutsche Lautumschrift unterscheidet hier ca als Cha und cha als Chha. Die eckigen Erläuterungen sind nur eine Lautzuordnung, keine zusätzliche Formel.

Nayasūtra 1.45

jhakāraṃ sampravakṣyāmi yaṃ viditvā śivo bhavet |
piṇḍitam prasṛtaṅ kāyaṃ bhujañ caivorddhvadakṣiṇam || 1:45 ||

Ich werde Jha erklären; wer es erkennt, wird zu Shiva. [Man hält] den Körper zusammen und gerade ausgestreckt, den rechten Arm aber nach oben [?].

Anmerkung: Sowohl Wortlaut als auch Stellung sind unsicher. Der Text beschreibt keine allgemein gültige Körperhaltung namens Jha-Asana.

Nayasūtra 1.46

jhakāra eṣa vikhyāto ñakārañ ca nibodha me |
bhujāntalīnajaṭharaṅ kṛtvā corddhvabhujaṃ bhavet || 1:46 ||

Dies ist als Jha bekannt. Höre nun von mir über Nya: [Man soll] den Bauch zwischen den Armen halten [?] und einen Arm nach oben [richten?].

Anmerkung: Die Beschreibung von ña in Vers 46–48 ist nicht sicher verständlich. Die Übersetzung gibt die erkennbaren Wörter wieder, ohne eine geschlossene Bewegungsfolge zu erfinden.

Nayasūtra 1.47

dviguṇīkṛtya tām bāhuṃ dakṣiṇam pāṇi yojayet |
dakṣiṇe śravaṇe yojya vāmabāhun nikuñcayet || 1:47 ||

Nachdem er jenen Arm zweifach gebeugt hat [?], soll er die rechte Hand anlegen. [Er soll sie] am rechten Ohr anlegen und den linken Arm beugen.

Anmerkung: Die grammatischen Bezüge und die Reihenfolge der Gliedmaßen bleiben unsicher. Diese wörtliche Annäherung ersetzt keine rekonstruierte Stellung.

Nayasūtra 1.48

śirasy abhimukho bhūtvā karau tau bhogasannibhau |
ñakāra viśruto hy eṣa śṛte saṃhatajaṅghayoḥ || 1:48 ||

Dem Kopf zugewandt [?] sind beide Hände wie [Schlangen-]Windungen. Dies ist als Nya bekannt. [Für das nächste Zeichen:] ausgestreckt, mit zusammengehaltenen Unterschenkeln …

Anmerkung: Die letzten Wörter beginnen die Beschreibung von ṭa, die sich im folgenden Vers fortsetzt. Der Bezug von śṛte ist unklar.

Nayasūtra 1.49

ṭakāra viddhi vicchinna yāvadandhra talaṃ gataḥ |
ṭhakāras sampradṛśyeta ṭhakāro randhravigrahaḥ || 1:49 ||

… erkenne darin das retroflexe Ta: [wie] ein unterbrochener Kreis [?], bis zum Boden reichend [?]. Das retroflexe Tha wird sichtbar; es hat die Gestalt eines offenen Kreises.

Anmerkung: Die erste Hälfte lässt sich auch von der Edition nicht sicher deuten. Randhra in der zweiten kann einen leeren beziehungsweise offenen Kreis meinen. Die beiden retroflexen Laute werden nicht mit dentalem ta und tha verwechselt.

Nayasūtra 1.50

tiryakpiṇḍīkṛtau jaṅghau pārśvalīnau tu tau bhujau |
ḍakāra eṣa vikhyāto ḍhakārañ ca nibodha me || 1:50 ||

Wenn die Unterschenkel waagerecht zusammengefaltet sind [?] und beide Arme an den Seiten liegen, ist dies als retroflexes Da bekannt. Höre nun von mir über das retroflexe Dha.

Anmerkung: Die Edition erwägt eine sitzende oder kniende Stellung, ohne sie sicher bestimmen zu können.

Nayasūtra 1.51

śiraḥ śiras tu kṛtvā vai vāmabāhun nikuñcayet |
nikucya varttulīkṛ(tvā ḍhakāraṃ grīva)yā vidhiḥ || 1:51 ||

Er soll den Kopf zum Kopf [des Zeichens] machen und den linken Arm beugen; nach dem Beugen soll er [die Hand] rund formen. Erkenne dies zusammen mit dem Hals als retroflexes Dha.

Anmerkung: Die Ergänzungsklammer reicht über mehrere Wörter. Vidhiḥ wird in diesem nichtklassischen Sprachgebrauch im Sinn von viddhi, ‚erkenne‘, verstanden.

Nayasūtra 1.52

adhaś caivorusīmāyāṃ jaṅghau manyonya darśayet |
adhorulīnaviralā kṛtvā ṇaś ca bhaviṣyati || 1:52 ||

Unten, an der Grenze der Oberschenkel, soll er die Unterschenkel gegeneinander zeigen [?]. Hält er sie unten an den Oberschenkeln anliegend und auseinander [?], entsteht das retroflexe Na.

Anmerkung: Der Satz ist grammatisch und sachlich kaum sicher verständlich. Die Edition vermutet die Form gebeugter, seitlich auseinanderliegender Beine; diese Vermutung wird nicht als sichere Körperanweisung ausgegeben.

Nayasūtra 1.53

prasṛte ca tathā jaṅghe takāraṃ kaṭinā saha |
thakāro nābhir uddiṣṭā valirekhāsamanvitā || 1:53 ||

Die ausgestreckten Unterschenkel bilden zusammen mit der Taille das dentale Ta. Als dentales Tha wird der Nabel zusammen mit der Linie einer Hautfalte bezeichnet.

Anmerkung: Die Beschreibung von Tha passt zu einer alten Ringform mit quer verlaufender Linie. Sie ist nicht auf die Gestalt des heutigen Devanagari थ zugeschnitten.

Nayasūtra 1.54

śiraḥ śiran tu vijñeyaṃ bhujamadhye nikuñcayet |
hastañ caiva nikuñceta dakāro dṛśyate budhaiḥ || 1:54 ||

Der Kopf soll als Kopf [des Zeichens] verstanden werden. Er soll den Arm in der Mitte beugen und auch die Hand krümmen; so erkennen die Kundigen das dentale Da.

Anmerkung: Die Edition versteht den nicht ausdrücklich benannten Arm als linken Arm, im Anschluss an Vers 51. Diese Ergänzung wird nicht in den Sanskrittext eingetragen.

Nayasūtra 1.55

(kaṇṭhan tu yo)jayed dhastaṃ dhakāraṃ kāyavarjjitam |
maṇibandhaṃ śiraḥ kṛtvā dakṣiṇasya karasya tu || 1:55 ||

Er soll die Hand mit dem Hals verbinden: Ohne den übrigen Körper [zu berücksichtigen, ergibt dies] das dentale Dha. [Für das folgende Zeichen] macht er das Handgelenk der rechten Hand zum Kopf …

Anmerkung: Die ersten Wörter sind teilweise ergänzt. Die Beschreibung des dentalen Na beginnt in der zweiten Hälfte und wird im nächsten Vers abgeschlossen.

Nayasūtra 1.56

saṅkucya caturo ’ṅgulyās tathā muṣṭin tu kārayet |
adhomukhaḥ smṛto ’ṅguṣṭho nakāras tu bhaviṣyati || 1:56 ||

… beugt die vier Finger und bildet so eine Faust. Der Daumen soll nach unten zeigen: Daraus entsteht das dentale Na.

Nayasūtra 1.57

karṇṇalīnau bhujau kṛtvā ūrddhvabāhau tu kārayet |
muṣṭin dakṣiṇapāṇau tu pakāran tu bhaviṣyate || 1:57 ||

Er soll die Arme an die Ohren legen und nach oben richten; mit einer Faust in der rechten Hand entsteht Pa.

Anmerkung: Die nichtklassische Form bhaviṣyate bleibt erhalten. Die Beschreibung gilt einer alten nach oben offenen Pa-Form.

Nayasūtra 1.58

asya rūpasya savyan tu bāhuṃ saṅkuñcya lakṣayet |
phakāran divyavimalaṃ bakāram urasi sthitam || 1:58 ||

Wenn er bei dieser Gestalt den linken Arm beugt, erkennt er das göttliche, reine Pha. Ba befindet sich in der Brust.

Anmerkung: Ba ist nach der Edition als die annähernd quadratische Form des Brustbereichs zu verstehen. Die Aussagen beschreiben Buchstaben, nicht eigenständige Bija-Mantras.

Nayasūtra 1.59

dakṣi[(ṇa)]m prakṣiped dhastaṃ vāmakakṣe vicakṣaṇaḥ |
saṅkucya vāmakaṃ bāhum bhakāraṃ kāyavarjjitam || 1:59 ||

Der Kundige soll die rechte Hand herabhängen lassen und den linken Arm beugen, [sodass die linke Hand] an der linken Hüfte liegt. Ohne den [übrigen] Körper [zu berücksichtigen, ergibt dies] Bha.

Anmerkung: Die genaue Verteilung der Satzteile ist elliptisch. Die Edition erläutert, dass hier die übliche Beobachterperspektive gegenüber einigen früheren Buchstaben gewechselt zu haben scheint.

Nayasūtra 1.60

prasṛtan dakṣiṇam bāhuṃ vāmañ caivorddhvakāritam |
śiraḥ śiran tu kṛtvā vai makāraṃ kakṣayā vidhiḥ || 1:60 ||

Der rechte Arm ist ausgestreckt, der linke ebenfalls nach oben gerichtet. Den Kopf zum Kopf [des Zeichens] machend, erkenne dies zusammen mit dem Taillenbereich als Ma.

Anmerkung: Die Gestalt bleibt unsicher. Kaksha kann verschiedene Körperregionen bezeichnen; die Deutung als Taillenbereich ist hier aus der vermuteten alten Ma-Form erschlossen. Vidhiḥ steht erneut im Sinn von ‚erkenne‘.

Nayasūtra 1.61

saṅkocayitvā tiryan tu bāhun dakṣiṇa[(madhyataḥ)] |
(vāma) --- rddhaṃ vāman tu kārayet || 1:61 ||

Nachdem er den rechten Arm waagerecht in der Mitte gebeugt hat [?], [beschädigter Ausdruck:] den linken … soll er den linken [Arm nach oben] richten.

Anmerkung: Die genaue Stellung des Ya ist wegen des Textverlusts nicht rekonstruierbar. Die Deutung ‚nach oben‘ wird durch den verbliebenen Silbenrest gestützt, ist aber nicht vollständig überliefert.

Nayasūtra 1.62

kakṣābādhe yakāras tu rakāraṃ sāmprataṃ śṛṇu |
jānuśiras tu pādorddhvaṃ rakārañ jaṅghasaṃyutam || 1:62 ||

Lässt man den Taillenbereich außer Betracht [?], [ergibt sich] Ya. Höre nun von Ra: Mit dem Knie als Kopf, oberhalb des Fußes, wird Ra durch den Unterschenkel gebildet.

Anmerkung: Die erste Aussage beendet die beschädigte Ya-Beschreibung. Ra als senkrechter Strich mit verdicktem Kopf ist dagegen vergleichsweise gut verständlich.

Nayasūtra 1.63

dehalīnau bhujau kṛtvā upaviśya ca lakṣayet |
saṅkuñcya vāma jaṅghau tu lakāran divyarūpiṇam || 1:63 ||

Er soll die Arme an den Körper legen, sich setzen und beide Unterschenkel nach links beugen; so erkennt er das göttlich gestaltete La.

Anmerkung: Die Edition versteht links aus der Sicht eines Gegenübers. Im Vergleich mit Vers 69 entstehen so spiegelbildliche alte Formen von La und Ha. Vāma bleibt als ungewöhnliche Form im Sanskrit erhalten.

Nayasūtra 1.64

muṣkasūtra śiraḥ kṛtvā vakāram pāyur ucyate |
śira eva śire devi vāmabāhūrddhakārite || 1:64 ||

Nimmt man die Linie bei den Hoden als Kopf [des Zeichens, ?], wird der After als Va bezeichnet. [Für das nächste Zeichen:] Der Kopf bildet den Kopf, o Göttin, während der linke Arm nach oben gerichtet ist …

Anmerkung: Die anatomische Linie ist nicht eindeutig bestimmbar. Der zweite Halbvers beginnt eine beschädigte Beschreibung von Sha (śa); es handelt sich weiterhin um Buchstabenformen, nicht um sexuelle Praxis.

Nayasūtra 1.65

---{dakṣi}(ṇa)madhye yojayitvā ca śaḥ smṛtaḥ |
pūrvvoktaṃ hi śiraḥ kṛtvā dakṣiṇam bhujam utsṛjet || 1:65 ||

… [Textverlust] den rechten [Arm?] in der Mitte anlegend, gilt dies als Sha. [Für das nächste Zeichen] macht er den Kopf wie zuvor beschrieben und streckt den rechten Arm aus …

Anmerkung: Der Text unterscheidet śa und ṣa, die in der einfachen deutschen Umschrift beide als Sha erscheinen. Die Sanskritformen und die folgende Erläuterung sichern diese Unterscheidung.

Nayasūtra 1.66

abhyantare savyabhujaṅ kṛtvā yojyeta madhyataḥ |
nirīkṣayed bahī rūpaṃ ṣakārasya mahātmanaḥ || 1:66 ||

… setzt innen den linken Arm an und verbindet ihn in der Mitte [?]. Von außen kann der Großgesinnte die Gestalt des retroflexen Sha betrachten.

Anmerkung: Die Beschreibung hängt von der beschädigten vorhergehenden Stellung ab und bleibt unsicher. Bahī wird als nichtklassisches ‚außen‘ verstanden.

Nayasūtra 1.67

sakāraṃ sampravakṣyāmi divyarūpeṇa saṃsthitam |
dakṣiṇaṃ yojayed dhastaṃ vāmaskandhe vicakṣaṇaḥ || 1:67 ||

Ich werde Sa in seiner göttlichen Gestalt erklären. Der Kundige soll die rechte Hand an die linke Schulter legen …

Nayasūtra 1.68

adholambya savyabhujaṃ arddha --- |
sakāra eṣa vikhyāto hakārañ ca nibodha me || 1:68 ||

… und den linken Arm herabhängen lassen, halb … [Textverlust]. Dies ist als Sa bekannt. Höre nun von mir über Ha.

Anmerkung: Der verlorene Ausdruck könnte eine Beugung des linken Arms beschreiben, lässt sich aber nicht sicher ergänzen.

Nayasūtra 1.69

lakārasya tu yad rūpaṃ dakṣiṇe tac ca kārayet |
hakāras tu tatoddiṣṭaḥ kṣakāraṃ sāmprataṃ śṛṇu || 1:69 ||

Dieselbe Gestalt wie bei La soll er nun nach rechts bilden; damit ist Ha erklärt. Höre jetzt von Ksha.

Anmerkung: Die Spiegelbeziehung von La und Ha bezieht sich auf eine alte nordindische Schrift. Sie ist an den heutigen Devanagari-Zeichen ल und ह nicht ohne Weiteres abzulesen.

Nayasūtra 1.70

ekarūpañ caturddhā tu dehe dṛśyati sa prabhuḥ |
hiskārandhraṃ śiran tasya rekhā yā ca madhogatā || 1:70 ||

Dieser mächtige [Laut] hat eine Gestalt und erscheint doch auf vier Arten im Leib. Die Vertiefung am Hals bildet seinen Kopf; die Linie, die von dort nach unten verläuft, …

Anmerkung: Hiskarandhra wird von der Edition als Vertiefung am unteren Hals verstanden. Die nichtklassische Form madhogatā bleibt unverändert.

Nayasūtra 1.71

kaṭyā rekhā tu samprāptā stanarekhena kaḥ smṛtaḥ |
kaṭirekhā ca tiryyañ ca nābhire(khā ca madhyataḥ) || 1:71 ||

… bis sie die Taillenlinie erreicht, ergibt zusammen mit der Brustlinie Ka. Die Taillenlinie, die waagerechte Linie vom Nabel aus und die von der Mitte ausgehende [Linie] …

Anmerkung: Die Konstruktion ist knapp und teilweise ergänzt. Die Edition erklärt eine kreuzförmige Ka-Komponente oberhalb und eine darunter seitlich anschließende Sha-Komponente.

Nayasūtra 1.72

pārśve ca yā bhaved rekhā kṣakāraḥ prathamaḥ smṛtaḥ |
hastasandhiṃ śiraḥ kṛtvā prasṛtā trīṇi cāṅgulīṃ || 1:72 ||

… und die Linie an der Körperseite: Das gilt als das erste Ksha. [Für das zweite] macht er das Handgelenk zum Kopf und streckt drei Finger aus …

Anmerkung: Die drei Finger werden im folgenden Vers weiter angeordnet. Die grammatisch unregelmäßigen Zahl- und Kasusformen bleiben im Sanskrit stehen.

Nayasūtra 1.73

madhyamāṃ yojaye ’ṅguṣṭha tarjjanī varttulā tataḥ |
ūrddhvan tu madhyamaṅ kṛtvā kṣakāras tu dvitīyakaḥ || 1:73 ||

… verbindet den Mittelfinger mit dem Daumen, hält dann den Zeigefinger rund und richtet den [anderen] Mittelfinger nach oben: Dies ist das zweite Ksha.

Anmerkung: Die Edition versteht die linke Hand als obere, die rechte als untere Hälfte des Zeichens. Diese Händeverteilung ist aus der gesamten Beschreibung erschlossen, nicht in jedem einzelnen Satz ausdrücklich genannt.

Nayasūtra 1.74

sa eva dakṣiṇe haste kṣakāras tu tṛtīyakaḥ |
ūrddhakāyakakāras tu jaṅghau saṅkuñcya piṇḍitau || 1:74 ||

Dieselbe [Gestalt] an der rechten Hand ist das dritte Ksha. [Für das vierte bildet] der Oberkörper Ka; beide Unterschenkel werden gebeugt und zusammengehalten …

Anmerkung: Die Erklärung des vierten Ksha setzt sich in einer verderbten Stelle des folgenden Verses fort.

Nayasūtra 1.75

†kāyorddhakā +ra+ yet tatra† kṣakāraḥ spaṣṭalakṣitaḥ |
mātṛkāvigrahaṃ hy etac charīre yas tu vindati || 1:75 ||

… [Der erste Ausdruck ist verderbt.] So ist Ksha deutlich erkennbar. Wer diese Gestalt der Matrika in seinem Körper findet, …

Anmerkung: Der unverständliche Ausdruck wird nicht durch eine selbst entworfene Körperstellung ersetzt. Die zweite Hälfte beginnt einen Satz über die Bedeutung des Verfahrens; er wird im folgenden Vers abgeschlossen.

Nayasūtra 1.76

akāre ca tathaiveha sa saṃsārād vimucyate |
etaj jñānaṃ paraṃ śreṣṭhaṃ sarvvaguhyottamottamam || 1:76 ||

… und ebenso in A, wird hier vom Kreislauf der Wiedergeburten frei. Dies ist die höchste, vorzüglichste Erkenntnis, das Allerhöchste unter allem Geheimen.

Anmerkung: Der Satz beginnt in 1.75. Das Wort ‚hier‘ kann sich auf diese Lehre oder dieses Leben beziehen; eine vollständig ausgearbeitete Lehre der Befreiung zu Lebzeiten lässt sich daraus allein nicht ableiten.

Nayasūtra 1.77

jñātvā mātṛkasadbhāvaṃ gurur bhavati pāśahā |
mantrās tasya vaśās sarvve ājñāṃ kurvvanti coditāḥ || 1:77 ||

Wer das wahre Wesen der Matrika erkannt hat, wird ein Guru, der die Fesseln löst. Alle Mantras stehen unter seiner Gewalt; von ihm angetrieben, führen sie seinen Auftrag aus.

Anmerkung: Matrika bezeichnet hier die Gesamtheit der Sanskritlaute, deren Gestalten zuvor mit dem Körper verbunden wurden. Die Aussage über Mantramacht gehört zum religiösen Anspruch des Textes.

Nayasūtra 1.78

śivavad bhūtale so hi mocakas tu guruḥ smṛtaḥ |
na [dānasnā]natīrthena na japadhyānaho[(mabhiḥ)] || 1:78 ||

Er gilt auf Erden als ein befreiender Guru, Shiva gleich. Weder durch Geben, Baden und heilige Stätten noch durch Rezitation, Meditation und Feueropfer …

Nayasūtra 1.79

{prāpno}ti paramaṃ sthānaṃ yathā mātṛkavedane |
sarvvasiddhāntavādinyo kathayanti mumu[(kṣa)]vaḥ || 1:79 ||

… erreicht man den höchsten Zustand so, wie durch das Erkennen der Matrika. Die nach Befreiung strebenden Lehrer der verschiedenen Lehrsysteme, die ihre Lehren verkünden, …

Anmerkung: Die Verneinungen aus 1.78 gelten weiter. Der Vergleich hebt diese besondere Erkenntnis hervor; er ist keine allgemeine Verwerfung der andernorts ausführlich gelehrten Rituale.

Nayasūtra 1.80

muktvā mātṛkavijñānan tuṣāṃ kṣodanti mohitāḥ |
evan te akṣarās sarvve tattvasampūrṇṇasaṃsthitāḥ || 1:80 ||

… dabei aber die Erkenntnis der Matrika beiseitelassen, stampfen in ihrer Verblendung bloße Spreu. So sind alle diese Laute, erfüllt von den Wirklichkeitsebenen, gegenwärtig …

Anmerkung: Die erste Hälfte setzt die Polemik aus 1.79 fort. Die zweite beginnt den Satz, den 1.81 abschließt.

Nayasūtra 1.81

dahante sarvvapāśāni mokṣadāni bhavanti ca |
ajasaḥ siddhyate mantro ahutas tu phalapradaḥ || 1:81 ||

… und verbrennen sämtliche Fesseln; sie schenken Befreiung. Ein Mantra gelangt auch ohne wiederholte Rezitation zur Vollendung und bringt Frucht, auch ohne dass ihm Feueropfer dargebracht werden.

Anmerkung: Gemeint ist im Zusammenhang die Wirksamkeit aufgrund der Erkenntnis des Lautwesens. Der Sanskritdruck liest ajasaḥ, eine schwierige Form. Die englische Übersetzung versteht hier ajaptaḥ, ‚ohne rezitiert zu werden‘. Die deutsche Übersetzung folgt dieser ausdrücklich als Deutung gekennzeichneten Auffassung, ohne den Sanskritdruck stillschweigend umzuschreiben.

Nayasūtra 1.82

†yathā vihāyāṃsaphalaṃ adhyā(to mātṛ) --- |
{devyuvā}(ca) |
kathaṃ badhyanti te pāśās tattvarūpeṇa saṃsthitāḥ || 1:82 ||

[Die erste Vershälfte ist verderbt und am Ende lückenhaft; ihr Sinn lässt sich nicht zuverlässig wiedergeben.] Die Göttin sprach: Wie binden diese Fesseln, die in Gestalt der Wirklichkeitsebenen bestehen?

Anmerkung: Die ergänzte Sprecherangabe steht innerhalb der nummerierten Einheit. Auch die Frage ist mehrdeutig: Möglich ist ‚Wie werden diese Fesseln gebunden?‘ oder ‚Wie binden sie, und wie sind sie als Wirklichkeitsebenen angeordnet?‘ Die Lücke wird nicht ergänzt.

Nayasūtra 1.83

pāśadharmmaṃ vada śīghram atra me saṃśayo mahān |
īśvara uvāca |
anugrahatirobhāvau dvau pāśau tu sadāśive || 1:83 ||

Erkläre mir rasch die Beschaffenheit der Fesseln; hierin habe ich große Zweifel. Der Herr sprach: Gnade und Verhüllung sind die beiden Fesseln bei Sadashiva.

Anmerkung: Der Sprecherwechsel gehört zur selben Versnummer. ‚Bei Sadashiva‘ lässt offen, ob nur seine Verfügung über diese Kräfte gemeint ist oder auch eine Bindung an ihre Ausübung; die anschließenden Verse beschreiben ihr Wirken.

Nayasūtra 1.84

nāstikyañ ca tirobhāvaḥ śuṣkatarkkāvalambanam |
tarkkabhāvasamāyukta ayuktaṃ kurute bahum || 1:84 ||

Verhüllung ist Unglaube, der sich auf dürre Logik stützt. Wer von solchem Vertrauen auf das Argumentieren erfüllt ist, tut viel Unrechtes.

Anmerkung: Hier spricht der Text polemisch gegen eine von religiöser Einsicht losgelöste Argumentation. Eine heutige Aufforderung, vernünftige Prüfung oder eigenständige Fragen aufzugeben, ist damit nicht verbunden.

Nayasūtra 1.85

ayuktakārī puruṣo narakeṣu prapacyate |
tiryagyo{nim anuprāptaḥ} [(paśu)yo]niṣu jāyate || 1:85 ||

Ein Mensch, der Unrechtes tut, wird in Höllen gekocht; nachdem er eine tierische Geburt erreicht hat, wird er unter [Haus-]Tieren geboren.

Anmerkung: Die Wiederherstellung und die Unterscheidung zweier Arten tierischer Geburt bleiben unsicher. Die Höllenfolge ist eine traditionelle Aussage der Schrift, keine überprüfbare Wirkungsprognose.

Nayasūtra 1.86

janme janme vimūḍhātmā tirobhāvagatiṃ vrajet |
tirobhāvaś ca kathito ’nugrahañ ca nibodha me || 1:86 ||

Geburt um Geburt geht das verblendete Selbst den Weg der Verhüllung. Damit ist Verhüllung erklärt; höre nun von mir über die Gnade.

Nayasūtra 1.87

śraddadhāno dharmmarataḥ śubhakarmmasu ceṣṭate |
vidyānveṣī svarggagatiḥ svarggaloke tu krīḍate || 1:87 ||

Wer Vertrauen hat und dem rechten Leben zugewandt ist, bemüht sich um gute Taten und sucht Erkenntnis. Er geht zum Himmel und erfreut sich in der Himmelswelt.

Nayasūtra 1.88

tatraiva tu paribhraṣṭo jāyate cottame kule |
śivaśaktinipātena dīkṣā [(jñā)]nam prayacchati || 1:88 ||

Wenn er von dort wieder herabsinkt, wird er in einer hervorragenden Familie geboren. Durch das Herabkommen von Shivas Kraft verleiht die Einweihung Erkenntnis.

Anmerkung: Auch eine Verbindung ‚Einweihungswissen‘ ist möglich. Der folgende Vers nennt Sadashiva als Geber. Das Herabkommen göttlicher Kraft ist nicht gleichbedeutend mit einem hier ausgeführten modernen Kundalini-System.

Nayasūtra 1.89

so ’nugrahaḥ smṛto [(hyevaṃ dā)]tā caiva sadāśivaḥ |
īśvaras sṛṣṭipāśena yojayet sarvvajantavān || 1:89 ||

So wird die Gnade beschrieben; ihr Geber ist Sadashiva. Ishvara verbindet alle Lebewesen mit der Fessel der Schöpfung.

Nayasūtra 1.90

prerakaḥ puṇyapāpābhyāṃ sarvvasya hṛdi saṃsthitaḥ |
vratam pāśupatam proktam anugrahanimittaye || 1:90 ||

In jedem Herzen gegenwärtig, treibt er zu verdienstlichem und schlechtem Handeln an. Die Pashupata-Lebensregel ist gelehrt worden, um seine Gnade zu erlangen.

Anmerkung: Die Nennung des Pashupata-Gelübdes belegt eine Beziehung zu älteren shivaitischen Lebensformen; sie macht nicht sämtliche Bücher zu Pashupata-Schriften.

Nayasūtra 1.91

dadāti ca parāniṣṭhāṃ jñānamokṣam prayacchati |
akṣayaṃ hi gaṇatvañ ca bhūloke liṅgarūpiṇaḥ || 1:91 ||

Er schenkt die höchste Vollendung und gewährt Erkenntnis und Befreiung sowie unvergängliche Zugehörigkeit zu seinem Gefolge. In der Erdenwelt hat er die Gestalt des Lingas …

Anmerkung: Die unregelmäßige Form liṅgarūpiṇaḥ wird auf den Herrn bezogen; der Satz läuft in 1.92 weiter. Die Zugehörigkeit zum göttlichen Gefolge ist ein eigenes religiöses Heilsziel und wird nicht stillschweigend mit Moksha gleichgesetzt.

Nayasūtra 1.92

saṃsthita īśvaro bhūtvā dadāti ca hareti ca |
śāstrārtham anyathā [(satya)m a]nyathā yaḥ prabhāṣate || 1:92 ||

… und ist dort als Ishvara gegenwärtig: Er gibt und nimmt. Wer den Sinn der Schrift anders darstellt, wer Wahrheit verkehrt verkündet, …

Anmerkung: Hareti ist eine unregelmäßige Form für ‚er nimmt‘. Was gegeben oder genommen wird, bleibt im Sanskrit unausgesprochen; der Zusammenhang nennt Erkenntnis, Befreiung und den Rang im Gefolge.

Nayasūtra 1.93

anyārthabhāṣaṇe vidyā bandhyate tarkkavādināṃ |
mātāpitṛsutān dārāṃ gṛhavāhana yad vasu (?) || 1:93 ||

… solche Wortstreiter bindet Vidya wegen ihrer verkehrten Auslegung. [Wer an] Mutter, Vater, Kindern und Frau, an Haus, Fahrzeugen und allem Besitz …

Anmerkung: Die erste Hälfte folgt einer Wiederherstellung der Edition und enthält unregelmäßige Formen. Vidya erscheint hier als bindende Wirklichkeitsebene. Auch die Konstruktion der folgenden Aufzählung ist unsicher.

Nayasūtra 1.94

atisnehasamāpanno māyāpāśas taducchidaḥ |
nāsti dharmmo na ca svargga adharmmanirayo na ca || 1:94 ||

… übermäßig hängt, den schlägt die Fessel der Maya nieder. ‚Es gibt kein rechtes Handeln und keinen Himmel, kein Unrecht und keine Hölle‘ — …

Anmerkung: Taducchidaḥ wird hier mit der Edition als ‚niederschlagend/abschneidend‘ verstanden; dass eine Fessel abschneidet statt bindet, bleibt auffällig. Die Behauptung in der zweiten Hälfte wird dem im folgenden Vers kritisierten Standpunkt zugeschrieben.

Nayasūtra 1.95

duḥkhitāś ca mṛtyanty ete jñānamokṣa na vidyate |
māyāpāśas samākhyātaṃ kālapāśañ ca me śṛṇu || 1:95 ||

… solche Menschen sterben unglücklich; Erkenntnis und Befreiung werden ihnen nicht zuteil. Damit ist die Fessel der Maya erklärt. Höre nun von mir über die Fessel der Zeit.

Nayasūtra 1.96

kālo gaṇana saṃkhyāyā āyuś caiva prakurvvate |
niyatiś ca dadāty āyuḥ kaumāraṃ yauvanaṃ jarā || 1:96 ||

Die Zeit bewirkt das Zählen ihrer Abschnitte und die Lebensspanne. Die Schicksalsbindung verleiht die Lebensspanne, Kindheit, Jugend und Alter …

Anmerkung: Die syntaktische Zuordnung bleibt unsicher. Mit Niyati ist die bindende Bestimmung des Lebens gemeint. In der hier gewählten Deutung wirken sie und die Zeit zusammen; andere Konstruktionen lassen mehr der genannten Vorgänge allein von der Zeit abhängen.

Nayasūtra 1.97

vyādhimṛtyuś ca kālena sa vai saṃharate prajā |
śubhaṃ vāpy aśubhaṃ yac ca anyajanmārjitam bhavet || 1:97 ||

… und, zusammen mit der Zeit, Krankheit und Tod. Diese [Zeit] nimmt die Geschöpfe wieder in sich zurück. Was an Gutem oder Schlechtem in anderen Geburten angesammelt worden ist, …

Anmerkung: Der Anschluss der ersten Hälfte folgt der in 1.96 erläuterten Deutung. Die zweite Hälfte beginnt die Aussage über die Wirkung früherer Handlungen.

Nayasūtra 1.98

tasya bhogapradā hy eṣā niyatir yojayed balāt |
puruṣas triguṇair baddho buddhyā vaikārikeṇa ca || 1:98 ||

… dessen Frucht lässt diese Schicksalsbindung erfahren; mit ihr verbindet sie [das Selbst] unausweichlich. Die Seele ist durch die drei Grundqualitäten gebunden, durch den Intellekt und durch das umgebildete [Ich-Prinzip] …

Anmerkung: Die drei Gunas heißen Sattva, Rajas und Tamas. Vaikarika wird im Zusammenhang als eine Form des Ich-Prinzips verstanden; der Ausdruck selbst nennt hier nicht ausdrücklich Ahamkara.

Nayasūtra 1.99

tanmātrendriyabandhena dṛḍham bhūtais tu veṣṭitaḥ || 1:99 ||

… durch die Bindung der feinen Sinnesgegenstände und der Wahrnehmungs- und Handlungsvermögen; fest ist sie von den groben Elementen umhüllt.

Anmerkung: Die Ausgabe zählt diesen einzelnen Halbvers als 1.99. Er wird nicht künstlich zu einem Ganzvers ergänzt.

Nayasūtra 1.100

[de]hapāśāḥ smṛtā hy ete gaṇapāśāni me śṛṇu |
labdhānujño [(na)] saṅkrāme vidyeśas tena badhyate || 1:100 ||

Diese gelten als Fesseln des Leibes. Höre nun von mir über die Fesseln des göttlichen Gefolges: Wer die Lehrbefugnis empfangen hat, das Wissen aber nicht weitergibt, den bindet Vidyesha deswegen.

Anmerkung: Die entscheidende Verneinung na ist im Druck als ergänzte Lesung markiert. Vidyeshas genaue Identität wird hier nicht erläutert. ‚Binden‘ bezeichnet im folgenden Abschnitt zugleich eine göttliche Bestrafung bei Pflichtverletzungen.

Nayasūtra 1.101

mūlyaṅ kṛtvā vadej jñānaṃ ṣaṇmukhas tena badhyate |
alabdhānujño [va]de jñānaṃ dadāti ca adīkṣite || 1:101 ||

Wer einen Preis festsetzt und die Lehre verkündet, den bindet Shanmukha deswegen. Wer ohne empfangene Lehrbefugnis Wissen lehrt oder es einem Nicht-Eingeweihten mitteilt, …

Anmerkung: Shanmukha, der ‚Sechsgesichtige‘, ist ein Name Skandas. Der Vers beschreibt Regeln einer initiatorisch gebundenen Überlieferung, keine von dieser Ausgabe neu erteilte oder entzogene Lehrbefugnis.

Nayasūtra 1.102

siddhiṃ gaṇapatir hanyāc chidran dṛṣṭvā tu sādhake |
parivarttayati yas tantraṃ paśujñānena mohitaḥ || 1:102 ||

… dessen Vollendung zerstört Ganapati, sobald er beim Übenden eine Schwachstelle findet. Wer die tantrische Lehre verdreht, verblendet vom Wissen der gebundenen Seelen, …

Anmerkung: Die Nennung Ganapatis belegt hier eine Gottheit des Gefolges, aber keinen ausgeschriebenen Ganesha-Mantra. Die zweite Hälfte setzt die Abgrenzung gegenüber anderen Lehren fort.

Nayasūtra 1.103

nandibadhyāti vai śīghra [(caṇḍīśaḥ sa)]mayāṣṭasu |
yo nindati śivadevan tadbhaktan deśikan tathā || 1:103 ||

… den bindet Nandi rasch. Bei [Verstößen gegen] die acht religiösen Verpflichtungen [bindet] Chandisha: Wer Shiva, den Gott, seinen Verehrer oder einen Lehrer schmäht, …

Anmerkung: Die unregelmäßigen Sanskritformen bleiben erhalten. Die acht Verpflichtungen verteilen sich auf 1.103–105; es sind keine acht Glieder eines Yogasystems.

Nayasūtra 1.104

nir[(mā)]lyabhakṣaṇe vāpi balidāne paśor api |
ādate ārtavispṛṣṭaṃ śāstranindāṃ karoti ca || 1:104 ||

… wer abgelegte Opfergaben verzehrt oder sie als Gabe einem Ungeweihten [oder einem Tier] überlässt, wer von einer menstruierenden Frau Berührtes zu sich nimmt oder die Schrift schmäht, …

Anmerkung: Nirmalya sind bereits der Gottheit dargebrachte Gaben. Paśu kann hier eine gebundene, nicht eingeweihte Seele oder ein Tier bezeichnen. Die menstruationsbezogene Regel folgt der textkritischen Deutung der Edition und gehört zu historischen Reinheitsvorstellungen; sie ist keine heutige Abwertung menstruierender Menschen.

Nayasūtra 1.105

liṅgacchāyāvilaṅghī ca caṇḍīśo bandhyate bhṛśam |
pratijñāvratam ārūḍho punas tyaktvā śivaṃ vratam || 1:105 ||

… und wer den Schatten eines Lingas überschreitet: Den bindet Chandisha mit Nachdruck. Wer eine gelobte Lebensregel aufgenommen hat und dann das Shiva-Gelübde aufgibt, …

Nayasūtra 1.106

anyatantravrataṅ gṛhṇed devī tena nibandhati |
śivatantram adhītvā tu śivayajñaṃ (praku)]rvvate || 1:106 ||

… um ein Gelübde aus einem anderen Lehrsystem anzunehmen, den bindet Devi deswegen. Wer die Shiva-Schrift studiert und Shiva-Opfer vollzieht, …

Anmerkung: Die zweite Hälfte hat einen ergänzten Wortteil und im Druck eine schließende eckige Klammer ohne entsprechende öffnende Klammer in dieser Einheit. Die Stellung wird dokumentiert, nicht stillschweigend geglättet.

Nayasūtra 1.107

yajate vaidikair yajñaiḥ śivabhaktāṃś ca nindate |
viprāṃś caivānyaliṅgasthyāṃ pūjayet stunateti ca || 1:107 ||

… vedische Opfer darbringt, dann aber Shiva-Verehrer schmäht und Brahmanen anderer religiöser Zugehörigkeit verehrt und preist, …

Anmerkung: Der Vers gehört zur konfessionellen Abgrenzung dieser Schrift. Er wird nicht als heutige Empfehlung religiöser Geringschätzung übernommen. Stunateti ist eine auffällige, in der Edition beibehaltene Verbalform.

Nayasūtra 1.108

hāṭhakuṣmāṇḍarudras tu taṃ vai badhyāti durmmatim |
gaṇapāśāni badhnanti dīkṣitan tu tathā dṛḍham || 1:108 ||

… diesen fehlgeleiteten Menschen bindet Hathakushmanda-Rudra. So binden die Fesseln des göttlichen Gefolges den Eingeweihten fest.

Anmerkung: Der Gottesname bezeichnet hier einen strafenden Angehörigen des Gefolges. Aus seinem Namen folgt keine Verbindung zum späteren Hatha Yoga.

Nayasūtra 1.109

kāmakrodhaś ca lobhaś ca janmamṛtyus tathaiva ca |
jarā vyādhiś ca śokaś ca kṣutṛṣṇā ca madas tathā || 1:109 ||

Begehren, Zorn und Gier, Geburt und Tod, Alter, Krankheit und Kummer, Hunger und Durst sowie Berauschtheit, …

Nayasūtra 1.110

viṣādaś ca bhayañ caiva mahāmohaś ca dāruṇaṃ |
dambho rāgaś ca mohaś ca [mada]mātsaryyam eva ca || 1:110 ||

… Niedergeschlagenheit und Furcht, große Verblendung und Grausamkeit, Heuchelei, Leidenschaft und Täuschung, Hochmut und Neid, …

Anmerkung: Dāruṇam könnte statt eines eigenen Listenglieds auch die große Verblendung als ‚furchtbar‘ bestimmen. Mada erscheint bereits im vorigen Vers; die Wiederholung wird nicht beseitigt.

Nayasūtra 1.111

unmādaś caiva śoṣaś ca paiśunyaṃ kruddhatā [(tathā)] |
dharmmādharmmaś ca hiṃsā ca asvatantrā sadā tanuḥ || 1:111 ||

… Wahnsinn und Auszehrung [oder Geiz?], Verleumdung und Reizbarkeit, rechtes und unrechtes Handeln, Gewalt und ein stets unfreier Leib [— dies alles bindet].

Anmerkung: Śoṣa bleibt in dieser unsystematischen Liste mehrdeutig. Die Ergänzung in der Übersetzung macht nur ihren Zusammenhang als Aufzählung von Fesseln deutlich. Dass auch Dharma genannt wird, hebt die Unterscheidung von gutem und schlechtem Handeln im vorangehenden Text nicht auf.

Nayasūtra 1.112

ebhiḥ pāśais subaddhāś ca na mucyante ’nyaśāsanāt |
paśutantrapraṇetārair na dṛṣṭam paśubandhanam |
tasmāt te tu na mucyante paśujñānaratā narāḥ || 1:112 ||

Von diesen Fesseln fest gebunden, werden die Menschen durch andere Lehren nicht befreit. Die Verfasser der Schriften gebundener Seelen haben deren Bindung nicht erkannt. Daher werden jene Menschen nicht frei, die dem Wissen gebundener Seelen zugewandt bleiben.

Anmerkung: Dies ist ein sechsfüßiger, als eine Einheit gezählter Vers. Die erste Zeile kann auch heißen, dass die Menschen ‚von anderen Lehren nicht loskommen‘. Der exklusive Heilsanspruch wird als Aussage dieser Schrift wiedergegeben, nicht als Urteil über heutige andere Religionen.

Nayasūtra 1 – Kolophon

|| ⊗ || iti niśvāsatattvasaṃ(hitāyāṃ) {naya}sūtre pāśaprakaraṇaṃ prathamaḥ paṭalaḥ ślo ⟦?⟧ || ⊗ ||

Damit endet in der Nishvasa Tattva Samhita, im Nayasūtra, das erste Kapitel, die Darlegung der Fesseln. Verse: [Zählzeichen nicht sicher aufgelöst].

Anmerkung: Die besonderen Zählzeichen hinter dem abgekürzten ślo werden hier nicht mit einer geratenen Zahl wiedergegeben. Die moderne Ausgabe nummeriert bis 1.112; 1.99 ist ein Halbvers.

Nayasūtra, Kapitel 2: Natur und innere Vermögen

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 194–206. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Nayasūtra 2 – Sprecherangabe vor 2.1

devyuvāca |

Die Göttin sprach:

Nayasūtra 2.1

nāman tattvī ca yogaś ca lakṣā proktā maheśvara |
kramotpattiś ca tattvānāṃ rūpakañ caiva me vada || 2:1 ||

Namen, das Bestehen aus Wirklichkeitsebenen, die Vereinigung und die Ziele [der Betrachtung] wurden genannt, großer Herr. Erkläre mir auch die stufenweise Entstehung der Wirklichkeitsebenen und ihre Gestalt.

Anmerkung: Die knappe Frage kündigt den folgenden Lehrgang an. Tattvi bleibt mehrdeutig; möglich sind das aus Tattvas bestehende Ganze oder der Herr in seiner Beziehung zu diesen Ebenen. Laksha kann Betrachtungsziel oder bestimmendes Merkmal bedeuten.

Nayasūtra 2 – Sprecherangabe vor 2.2

īśvara u |

Der Herr sprach:

Anmerkung: Die Sprecherformel ist im Druck abgekürzt.

Nayasūtra 2.2

sūkṣmaṃ sarvvagatan devaṃ kāraṇaṃ jagataḥ patim |
anirddeśyam anaupamyam akṣaram parameśvaram || 2:2 ||

[Er ist] fein, allgegenwärtig, göttlich, die Ursache, der Herr der Welt, nicht zu bezeichnen, unvergleichlich, unvergänglich, der höchste Herr, …

Anmerkung: Die Prädikate in 2.2–4 stehen im Sanskrit in wechselnden grammatischen Formen ohne übergeordnetes Verb. Die deutsche Fassung ergänzt nur den Satzrahmen.

Nayasūtra 2.3

niṣprapañcanirālambaṃ vāgviśuddham anakṣaram |
vyoma{vyāpi} nirābhāsam prapañcātītagocaram || 2:3 ||

… ohne entfaltete Vielheit und ohne Stütze, rein jenseits der Rede, jenseits der Laute, den Raum durchdringend, ohne täuschende Erscheinung, mit einem Bereich jenseits der entfalteten Welt, …

Nayasūtra 2.4

śaktimūrddhni sthitaṃ śāntaṃ yogagamyaṃ sanātanam |
sarvvajñaṃ sarvvakarttāraṃ sarvvatokṣiśiromukham || 2:4 ||

… am Haupt der Shakti gegenwärtig, still, durch Yoga zugänglich, ewig, allwissend, alles bewirkend, mit Augen, Häuptern und Gesichtern überall.

Anmerkung: ‚Am Haupt der Shakti‘ kann eine Stellung oberhalb ihrer kosmischen Ebene bezeichnen. Es wird hier kein körperliches Chakra festgelegt.

Nayasūtra 2.5

anāmā nāmakoṭībhis śivaḥ parigīyate |
tena sarvvam idaṃ viśvaṃ kāritan na ca kāmataḥ || 2:5 ||

Namenlos wird Shiva mit unzähligen Namen besungen. Dieses ganze All ist durch ihn hervorgebracht, jedoch nicht aus einem Begehren heraus.

Anmerkung: Koti bezeichnet wörtlich zehn Millionen; der Plural unterstreicht die unermessliche Vielzahl der Namen, ohne hier eine feste Namensliste zu geben.

Nayasūtra 2 – Sprecherangabe vor 2.6

devyuvāca |

Die Göttin sprach:

Nayasūtra 2.6

akāmasya kriyā nāsti niṣkāmaḥ sṛjate katham |
etat praśnavaraṃ gu[hyaṃ kathayasva] prasādataḥ || 2:6 ||

Wer kein Begehren hat, handelt nicht. Wie kann der Begehrenslose erschaffen? Beantworte aus deiner Gnade diese vorzügliche, geheime Frage.

Nayasūtra 2 – Sprecherangabe vor 2.7

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Nayasūtra 2.7

ādityasya maṇir yadvat tāpito raviraśmibhiḥ |
vahnis sañjāyate tatra na rave tatra kāmatā || 2:7 ||

Wie beim Sonnenstein, der von den Sonnenstrahlen erhitzt wird, Feuer entsteht, ohne dass die Sonne danach verlangt, …

Anmerkung: Der Sonnenstein dient als Vergleich für Wirksamkeit ohne persönlichen Wunsch. Die unregelmäßige Form rave bleibt unverändert.

Nayasūtra 2.8

maṇer api na kāmitvan tad vad devasya ceṣṭitam |
ādityavac chivo jñeyaḥ śaktir maṇir iva sthitā || 2:8 ||

… und ohne dass auch der Stein danach verlangt: So verhält es sich mit dem Wirken Gottes. Shiva ist dabei wie die Sonne zu verstehen; Shakti nimmt die Stellung des Steins ein.

Nayasūtra 2.9

ritukālam anuprāpya kālas tatra niyoja[yet] |
śivatejena saṃyuktā [śa]{kter jjāyati bindukaḥ} || 2:9 ||

Wenn die rechte Zeit gekommen ist, setzt die Zeit dort den Vorgang in Gang. Aus der Shakti, verbunden mit Shivas Strahlkraft, entsteht Bindu.

Anmerkung: Die zweite Hälfte ist nach Uttarasūtra 1.6 wiederhergestellt. Bindu ist hier ein kosmisches Prinzip, nicht bloß ein Schreibzeichen. Dass ‚Zeit‘ bereits vor ihrer im nächsten Vers beschriebenen Entstehung auftritt, wird nicht durch Umformulierung verdeckt. Ritukāla ist die gedruckte nichtklassische Form.

Nayasūtra 2.10

{bi}(ndo)ś ceśvara vidyā ca māyā kālas tathaiva ca |
niyatiḥ puruṣaś caiva prakṛtiś ca samāsataḥ || 2:10 ||

Aus Bindu [entstehen] Ishvara, Vidya, Maya und ebenso die Zeit, die Schicksalsbindung, die Seele und, zusammenfassend, die Urnatur.

Anmerkung: Die Liste beginnt mit kosmischen Ebenen und führt zur Prakriti, aus der im Folgenden die körperlich-geistige Welt hervorgeht. ‚Zusammenfassend‘ kann sich auch auf die gesamte Aufzählung beziehen.

Nayasūtra 2.11

prakṛter ddhiṣaṇā jātā bhūtādir ddhiṣaṇād api |
bhūtādeś śabdatanmātraṃ sparśatanmātrasaṃyutam || 2:11 ||

Aus der Urnatur entsteht der Intellekt und aus dem Intellekt Bhutadi, das Ich-Prinzip als Ursprung der Elemente. Aus Bhutadi [entsteht] der feine Klanggrund zusammen mit dem feinen Berührungsgrund, …

Anmerkung: Tanmātra bezeichnet die feine Grundlage eines Sinnesbereichs. Die Entstehungsfolge wird nicht nach einem späteren einheitlichen Samkhya-Schema verändert.

Nayasūtra 2.12

rūpatanmātram evāhu rasatanmātrakan tataḥ |
gandhatanmātrasaṃyuktaṃ jāyate cendriyeṇa ca |
{śrotraṃ tvakcakṣuṣī jihvā nāsikā ca yathākramam} || 2:12 ||

… sodann, so sagt man, der feine Formgrund und der feine Geschmacksgrund, verbunden mit dem feinen Geruchsgrund. Dazu entstehen die Sinnesvermögen: der Reihe nach Gehör, Haut, Augen, Zunge und Nase.

Anmerkung: Dieser Vers umfasst sechs Versfüße. Die letzte Zeile ist eine in der Edition gekennzeichnete Wiederherstellung aus einer Parallelstelle; sie wird nicht als unbeschädigter Handschriftenwortlaut ausgegeben.

Nayasūtra 2.13

[(bu)]ddhīndriyāṇi pañcaiva viddhi karmmendriyāṇi ca |
vākpāṇipādapāyuś ca upastheti ca pañcamam || 2:13 ||

Dies sind die fünf Erkenntnisvermögen. Lerne auch die Handlungsvermögen kennen: Rede, Hände, Füße, After und als fünftes das Geschlechtsorgan.

Nayasūtra 2.14

manaś caikādaśo jñeyam ubhayor api dhāvati |
ahaṅkārodbhavā hy ete ṣoḍaśaite prakīrttitāḥ || 2:14 ||

Der Geist gilt als elftes [Vermögen]; er bewegt sich in beide Richtungen. Diese gehen aus dem Ich-Prinzip hervor und werden als sechzehn bezeichnet.

Anmerkung: Die sechzehn umfassen fünf feine Sinnesgrundlagen und elf Vermögen einschließlich Manas. Die beiden Richtungen des Geistes beziehen sich im Zusammenhang auf Wahrnehmen und Handeln; vgl. 2.52–53.

Nayasūtra 2.15

śabdatanmātrasambhūtam ākāśaṃ śabdalakṣaṇam |
sparśatanmātrasambhūtaṃ vāyur dviguṇalakṣaṇam || 2:15 ||

Aus dem feinen Klanggrund entsteht der Raum, dessen Merkmal Klang ist. Aus dem feinen Berührungsgrund entsteht der Wind, gekennzeichnet durch zwei Eigenschaften.

Anmerkung: Die zwei Eigenschaften sind Klang und Berührung. Die folgende Elementenreihe erweitert diese Eigenschaften jeweils um Form, Geschmack und Geruch.

Nayasūtra 2.16

rūpatanmātrato jñeyan teja[s] triguṇalakṣaṇam |
rasatanmātrasambhūtā āpaś caiva caturgguṇāḥ || 2:16 ||

Aus dem feinen Formgrund ist das Feuer zu verstehen, gekennzeichnet durch drei Eigenschaften. Aus dem feinen Geschmacksgrund entsteht das Wasser mit vier Eigenschaften.

Nayasūtra 2.17

gandhatanmātrasambhūtā pṛthvī pañca[(gu)]ṇānvitā |
tattvair etair jjagat sarvvañ jātaṃ sthāvarajaṅgamam || 2:17 ||

Aus dem feinen Geruchsgrund entsteht die Erde mit fünf Eigenschaften. Durch diese Wirklichkeitsebenen ist die ganze Welt entstanden, das Unbewegliche und das Bewegliche, …

Nayasūtra 2.18

bhuvanāni vicitrāṇi śataśo ’tha sahasraśaḥ |
tattvābhyantarasaṃsthāni śāstrāṇi vividhāni ca || 2:18 ||

… die mannigfaltigen Welten zu Hunderten und Tausenden. Innerhalb dieser Wirklichkeitsebenen bestehen auch die verschiedenen Lehrschriften, …

Anmerkung: Der Text ordnet Wissen und religiöse Überlieferung in den Kosmos ein. Eine genaue Stufenleiter einzelner Religionsgemeinschaften wird an dieser Stelle nicht genannt.

Nayasūtra 2.19

vijñānaṃ kuhakaṃ śilpa siddhisandohalakṣaṇam |
prakriyā śivadīkṣā ca tattvair e[(tai)s tu] labhyate || 2:19 ||

… Kenntnisse, Zauberkunst, Handwerkskunst und die Lehre vom Inbegriff der besonderen Kräfte. Die kosmische Ordnung und die Shiva-Einweihung werden durch diese Wirklichkeitsebenen [und ihre Kenntnis] erschlossen.

Anmerkung: Der genaue Bezug von ‚erschlossen‘ ist unsicher. Die Edition erwägt vor allem, dass ein einweihender Lehrer die kosmische Ordnung verstehen muss. Eine an dieser Stelle neu beschriebene Einweihungstechnik wird nicht ergänzt.

Nayasūtra 2.20

sarvvaṃ tattveṣu boddhavyaṃ sarvvaṃ tattveṣu dṛśyate |
na ca vastvantaraṅ kiñ cid yat tattvād atiricyate || 2:20 ||

Alles ist in den Wirklichkeitsebenen zu verstehen; alles zeigt sich in ihnen. Es gibt nichts anderes, das über diese Wirklichkeitsebenen hinausginge.

Nayasūtra 2 – Sprecherangabe vor 2.21

devyuvāca |

Die Göttin sprach:

Nayasūtra 2.21

tattvasṛṣṭis tvayā proktā jagatsambhavakāriṇī |
tattvavijñānam ākhyāhi siddhiś caiva katham bhavet || 2:21 ||

Du hast die Entstehung der Wirklichkeitsebenen gelehrt, aus der die Welt hervorgeht. Erkläre nun die Erkenntnis dieser Ebenen und wie besondere Vollendung entsteht.

Nayasūtra 2.22

prakriyā ca kathan teṣu dīkṣā nirvvāṇagāminī |
punar vvistaraśo brūhi praśnaṃ guhyataraṃ vibho || 2:22 ||

Wie sind in ihnen die kosmische Ordnung und die zur Befreiung führende Einweihung begründet? Beantworte diese noch geheimere Frage nun ausführlich, Allgegenwärtiger.

Nayasūtra 2 – Sprecherangabe vor 2.23

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Nayasūtra 2.23

pṛthivyā[(di)] {śi}vāntañ ca pravakṣyāmi nibodhataḥ |
pṛthvī kaṭhinarūpeṇa śṛṇu dehe yathā sthitā || 2:23 ||

Ich werde [die Ebenen] von der Erde bis zu Shiva erklären; höre zu. Höre, wie die Erde in fester Gestalt im Körper gegenwärtig ist.

Anmerkung: Die nun folgende Zuordnung ist eine historische Elementen- und Körperlehre. Ihre Aussagen werden nicht als heutige medizinische Befunde dargestellt.

Nayasūtra 2.24

māṃse caiva tathāsthiyo snāyulomanakheṣu ca |
antre majje ca vijñeyā pṛthvī pañcaguṇotkaṭā || 2:24 ||

Im Fleisch, in den Knochen, Sehnen, Haaren und Nägeln, im Darm und im Knochenmark ist die Erde zu erkennen, in der die fünf Eigenschaften ausgeprägt sind.

Nayasūtra 2.25

kaphāsṛkmūtramedeṣu rasasvedavaseṣu ca |
śukre ca saṅgrahe caiva sthitā hy āpaś caturgguṇāḥ || 2:25 ||

In Schleim, Blut, Urin, Fett, Nährsaft, Schweiß und Fleischmark, im Samen sowie im Zusammenhalt [des Körpers] ist das Wasser mit seinen vier Eigenschaften gegenwärtig.

Anmerkung: Die historischen Bezeichnungen der Körpersäfte decken sich nicht genau mit modernen anatomischen Kategorien; Rasa wird hier als Nährsaft, Vasa als Fleischmark wiedergegeben.

Nayasūtra 2.26

pacane darśane caiva pittoṣme teja saṃsthitam |
{teja}s {tathā} samākhyāto sa ca jñeyas trilakṣaṇaḥ || 2:26 ||

Beim Verdauen und Sehen, in Galle und Wärme ist Feuer gegenwärtig. So ist das Feuer beschrieben; es ist an drei Merkmalen zu erkennen.

Anmerkung: Pittoṣma kann auch die Wärme der Galle bezeichnen. Die Zuordnung des Sehens zum Feuer gehört zur historischen Wahrnehmungslehre.

Nayasūtra 2.27

vāyucchvāse nirucchvāse ceṣṭane sparśaneti ca |
mūtroccāravisargge ca annapānapraveśane || 2:27 ||

Der Wind [wirkt] beim Ein- und Ausatmen, bei Bewegung und Berührung, beim Ausscheiden von Urin und Kot sowie bei der Aufnahme von Speise und Trank.

Anmerkung: Nirucchvāsa kann auch als Nichtatmen verstanden werden. Der Vers beschreibt körperliche Funktionen, keine Anleitung zum Luftanhalten.

Nayasūtra 2.28

vāyur ebhiḥ sthito dehe vijñeyas tu dvilakṣaṇaḥ |
ekalakṣaṇam ākāśan tad dhi vakṣyāmi tattvataḥ || 2:28 ||

In diesen [Funktionen] ist der Wind im Körper gegenwärtig; er besitzt zwei Merkmale. Der Raum hat ein Merkmal; das werde ich dir wahrheitsgemäß erklären.

Nayasūtra 2.29

suṣirātmakan tu vijñeyaṃ navadhā chidralakṣaṇam |
śabdātmakaguṇo hy eṣa tenāsau hy ekalakṣaṇaḥ || 2:29 ||

Er ist als Hohlraum zu verstehen, gekennzeichnet durch die neun Öffnungen [des Körpers]. Seine Eigenschaft ist Klang; deshalb besitzt er dieses eine Merkmal.

Nayasūtra 2.30

vāgindriyaṃ vaded vāṇīṃ sā ca vāṇī caturvvidhā |
saṃskṛtā prākṛtā caiva apabhraṃśānunāsikā || 2:30 ||

Das Sprachvermögen äußert Rede; diese Rede ist vierfach: Sanskrit, Prakrit, Apabhramsha und die nasale [Rede].

Anmerkung: Die ersten drei Ausdrücke bezeichnen sprachliche Register beziehungsweise Literatursprachen. Was die vierte Kategorie hier genau umfasst, bleibt unklar; sie wird nicht kurzerhand mit einem Mantra oder einer Atemtechnik gleichgesetzt.

Nayasūtra 2.31

uktā vāgindriye dharmmā hastendriyam ataḥ śṛṇu |
chedanam bhedanaṃ dānaṃ vedhanaṃ śilpakāritam || 2:31 ||

Die Funktionen des Sprachvermögens sind erklärt. Höre nun über das Handvermögen: Schneiden, Spalten, Geben, Durchbohren, handwerkliches Schaffen, …

Nayasūtra 2.32

grahaṇaṃ vijayaś caiva sarvvaṃ hastendriye sthitam |
samanimnonnatānīha kaṇṭaloṣṭakavālukā || 2:32 ||

… Greifen und Bezwingen — all dies beruht im Handvermögen. Hier [führt der Weg über] ebenen, niedrigen und erhöhten Boden, Dornen, Erdklumpen und Sand, …

Anmerkung: Die zweite Hälfte beginnt die Beschreibung des Fußvermögens, die 2.33 abschließt. Der knappe Satzbau wird im Deutschen durch eingeklammerte Anschlusswörter verständlich gemacht.

Nayasūtra 2.33

karddamajaladurggāṇi [parvvatā]ṭṭālara{thyakāḥ} |
{pāde}ndriye guṇāḥ proktā deśāntaragamāgame || 2:33 ||

… Schlamm, Wasser und unwegsame Stellen, Berge, hohe Gebäude und Straßen. Diese Eigenschaften sind dem Fußvermögen zugeordnet, beim Gehen in andere Gegenden und beim Zurückkommen.

Nayasūtra 2.34

utsargge charddite caiva pāyuś ceṣṭati sarvvataḥ |
gamyāgamye pravartteta upastho nandakārakaḥ || 2:34 ||

Beim Ausscheiden und Erbrechen ist jeweils das Ausscheidungsvermögen tätig. Das Geschlechtsvermögen, das Lust hervorbringt, wirkt in Bezug auf erlaubte und unerlaubte Geschlechtspartner.

Anmerkung: Payu bezeichnet hier ein Ausscheidungsvermögen, dessen Hauptsitz der After ist, nicht ausschließlich dieses anatomische Organ. Die zweite Hälfte beschreibt eine Funktion und deren historische soziale Bewertung; sie enthält keine spezifische tantrische Sexualpraxis.

Nayasūtra 2.35

ete karmmāḥ pravarttante tena karmmendriyāḥ smṛtāḥ |
buddhīndriyās tathā pañca varttante buddhiyogataḥ || 2:35 ||

Diese [Vorgänge] vollziehen Handlungen; daher heißen sie Handlungsvermögen. Die fünf Erkenntnisvermögen wiederum wirken in Verbindung mit dem Intellekt.

Nayasūtra 2.36

śrotre śravaṇadharmmitvaṃ yāni śabdāni gṛhṇate |
tāni vakṣyāmi tattvena yathāvad anu[pū(rvvaśaḥ)] || 2:36 ||

Das Gehör hat das Hören zur Funktion. Die Klänge, die es aufnimmt, werde ich nun wahrheitsgemäß und der Reihe nach erklären.

Nayasūtra 2.37

ṣaḍjañ ca ṛṣabhañ caiva gāndhāram madhyaman tathā |
pañcaman dhaivataṃ ṣaṣṭhaṃ niṣādaś caiva saptamaḥ || 2:37 ||

Shadja, Rishabha, Gandhara, Madhyama und Panchama, als sechster Dhaivata und als siebter Nishada: …

Anmerkung: Dies sind Bezeichnungen der sieben musikalischen Grundtöne. Sie werden hier nicht als sieben Bijas gelehrt.

Nayasūtra 2.38

sapta svarās trayo grāmā ekaviṃśati mūrcchanāḥ |
tānāny ekonapañcāśa ity etat svaralakṣaṇam || 2:38 ||

… sieben Töne, drei Grundskalen, einundzwanzig abgeleitete Skalen und neunundvierzig Tonfolgen — das ist die Beschreibung des musikalischen Klangs.

Nayasūtra 2.39

sūkṣmāś śabdāḥ smṛtā hy ete sarvvajantuṣv avasthitāḥ |
sthūlāny api pravakṣyāmi yathāvan nibodhataḥ || 2:39 ||

Diese gelten als feine Klänge, die in allen Lebewesen gegenwärtig sind. Ich werde auch die groben erklären; höre sie genau.

Nayasūtra 2.40

bherīśaṅkhamṛdaṅ[(gañ ca)] {paṭahaṃ} [pa]ṇavan tathā |
marddalan dardduraṃ veṇuṃ gomukhatālam eva ca || 2:40 ||

Kesselpauke, Muschelhorn, Mridanga, Pataha und Panava, Marddala, Dardura, Bambusflöte, Trompete und Zimbeln, …

Anmerkung: Mehrere traditionelle Trommelbezeichnungen lassen sich nicht sicher einem einzigen heutigen Instrument zuordnen; deshalb bleiben ihre Namen erhalten.

Nayasūtra 2.41

tantrīvādyavicitrāṇi karavādyāni yāni ca |
mukhavādyāni ramyāṇi kāṣṭhāyuktāni caiva hi || 2:41 ||

… die mannigfaltigen Saiteninstrumente und die mit den Händen erzeugten Klänge, die lieblichen mit dem Mund erzeugten Klänge und solche, die mit Holz verbunden sind, …

Anmerkung: Die letzte Wendung meint wahrscheinlich Klangerzeugung durch Holz; die genaue Instrumentengruppe ist nicht genannt.

Nayasūtra 2.42

saṃskṛtaṃ prākṛtañ caiva apabhraṃśānunāsikam |
saptasvarapratiṣṭhāni vyaktāvyaktāni yāni ca || 2:42 ||

… Sanskrit, Prakrit, Apabhramsha und nasale Rede, die auf den sieben Tönen beruhenden, deutlichen und undeutlichen Äußerungen [— all dies gehört zum Hörbaren].

Anmerkung: Die Sprachkategorien entsprechen 2.30. Der Bezug auf die Töne kann hier gesungene Sprache einschließen.

Nayasūtra 2.43

uktād anuktaśabdāni gṛhṇāti śravaṇendriya[(:)] |
śabdasya viṣayo hy eṣa puruṣo yena badhyate || 2:43 ||

Aus dem Gesprochenen erfasst das Hörvermögen auch ungesprochene Worte. Dies ist der Bereich des Klanges, durch den die Seele gebunden wird.

Anmerkung: Der erste Satz ist unsicher. Die Edition erwägt als Alternative eine beschädigte Formulierung für ‚die genannten und die nicht genannten Klänge‘, übernimmt diese Änderung aber nicht. Die Übersetzung folgt dem gedruckten Wortlaut.

Nayasūtra 2.44

mṛduś ca kaṭhinañ caiva karkkaśaṃ śītalan tathā |
uṣṇañ ca picchilaṃ loṣṭu kaṇṭakaṃ vālukarddamam || 2:44 ||

Weiches, Hartes, Raues und Kühles, Heißes, Schlüpfriges, Klumpiges, Dorniges, Sandiges und Schlammiges, …

Nayasūtra 2.45

śarakuntāsighātāni tāḍanacchedanañ ca yat |
etāny anyāni jānāti sparśena tu tvagindriyaḥ || 2:45 ||

… Treffer von Pfeilen, Speeren und Schwertern sowie Schläge und Schnitte aller Art: Diese und andere [Berührungen] erkennt das Hautvermögen durch Tasten.

Nayasūtra 2.46

sparśasya viṣayo hy eṣa yenātmā tu nibadhyate |
cakṣuṣaś caiva karmmāṇi kathya{mānā}ni me śṛṇu || 2:46 ||

Dies ist der Bereich der Berührung, durch den das Selbst gebunden wird. Höre nun von mir die Beschreibung der Tätigkeiten des Auges:

Nayasūtra 2.47

sitaṃ raktañ ca pītañ ca kṛṣṇaṃ haritapāṇḍuram |
kapilaṃ piṅgalaṃ babhru anyāny api viśeṣataḥ || 2:47 ||

Weiß, Rot, Gelb, Schwarz, Grün und Blass, Hellbraun, Goldbraun, Rotbraun und weitere einzelne Farben, …

Anmerkung: Die deutschen Farbwörter sind Annäherungen; die historischen Farbbezeichnungen haben teilweise breitere Bedeutungsbereiche.

Nayasūtra 2.48

naranārīpaśumṛgaṃ jyoti sthāvarajaṅgamam |
rūpākṛtivibhaktāni cakṣuḥ paśyati sarvvataḥ || 2:48 ||

… Männer, Frauen, Haustiere und Wildtiere, Licht, Unbewegliches und Bewegliches, nach Farbe und Gestalt unterschiedene Dinge: Das Auge sieht all dies.

Nayasūtra 2.49

rūpasya viṣayo hy eṣa yena badhyati pudgalaḥ |
madhu{rāmlarasañ caiva lavaṇaṃ kaṭu tiktakam} || 2:49 ||

Dies ist der Bereich der sichtbaren Form, durch den die Person gebunden wird. Süßer und saurer Geschmack, salziger, scharfer und bitterer, …

Anmerkung: Für die Person steht hier Pudgala. Die Verwendung dieses Ausdrucks allein begründet keine buddhistische Zugehörigkeit des Textes. Die Geschmacksliste ist im Druck zum großen Teil wiederhergestellt.

Nayasūtra 2.50

{kaṣāya}[(mi)]śraṃ svāduñ ca jihvā vedayate rasam |
rasasya viṣayo hy eṣa yena badhyati sa pumān || 2:50 ||

… zusammenziehender, gemischter und wohlschmeckender: Die Zunge nimmt Geschmack wahr. Dies ist der Bereich des Geschmacks, durch den der Mensch gebunden wird.

Nayasūtra 2.51

surabhīṇi sugandhyāni durggandhyāś -m- aśobhanāḥ |
ubhābhyāṃ jighrate nāsā viṣayo gandhalakṣaṇaḥ || 2:51 ||

Wohlriechende Düfte und hässlicher Gestank — die Nase riecht aus beiden [Gruppen]. Dies ist der durch Geruch gekennzeichnete Bereich, …

Anmerkung: Das eingeschobene -m- steht im Sanskritdruck und bleibt als lautlicher Übergang erhalten; es wird nicht als eigenes Wort oder Mantra verstanden.

Nayasūtra 2.52

yenāsau badhyate kṣetrī ahaṅkāreṇa mohitaḥ |
saṅkalpāś ca vikalpāś ca {daśadhākṣe}ṣu dhāvati || 2:52 ||

… durch den der im Körper Wohnende gebunden wird, verblendet vom Ich-Prinzip. Für Absichten und Unterscheidungen eilt [der Geist] auf zehnfache Weise durch die Vermögen …

Anmerkung: Die zweite Hälfte ist syntaktisch schwierig und teilweise wiederhergestellt. Die zehn Vermögen sind die fünf Wahrnehmungs- und fünf Handlungsvermögen.

Nayasūtra 2.53

anir{vāritasammohī ajayyaḥ} (sarvvajantuṣu) |
{mana}s tu kathitaṃ hy etad dharmmādharmmanibandhakaṃ |
svarūpadharmmaṃ vakṣyāmi tanmātrāṇāṃ yathārthataḥ || 2:53 ||

… und führt ungehemmt in Verblendung, unbezwingbar in allen Lebewesen. So ist der Geist beschrieben, der an verdienstliches und schlechtes Handeln bindet. Nun werde ich die Eigenart der feinen Sinnesgrundlagen ihrem Wesen gemäß erklären.

Anmerkung: Der Vers hat sechs Versfüße; der Anfang ist weitgehend textkritisch wiederhergestellt. Die Aussage über den ungebändigten Geist steht im Zusammenhang seiner bindenden Funktionen, nicht als Behauptung, geistige Übung sei unmöglich.

Nayasūtra 2.54

gandhatanmātra gandhan tu nāsikāgreṇa gṛhṇate |
rasatanmātra jihvāyāṃ rasaṃ gṛhṇāti saṃsthitaḥ || 2:54 ||

Der feine Geruchsgrund erfasst Geruch durch die Nasenspitze. Der feine Geschmacksgrund, in der Zunge gegenwärtig, erfasst Geschmack.

Anmerkung: Hier werden die feinen Sinnesgrundlagen nicht nur als Gegenstände, sondern auch als im Wahrnehmungsvermögen wirksam beschrieben. Diese besondere Auffassung wird nicht nach einem anderen Lehrsystem vereinheitlicht.

Nayasūtra 2.55

rūpatanmātra cakṣubhyāṃ rūpaṃ gṛhṇāty upāgatam |
sparśatanmātra sparśan tu gṛhṇate tvacam āśṛtaḥ || 2:55 ||

Der feine Formgrund erfasst durch die Augen die sich darbietende Form. Der feine Berührungsgrund, der in der Haut seinen Sitz hat, erfasst Berührung.

Nayasūtra 2.56

grāhakaṃ śabdatanmātraṃ śrotraśabdatvam āgataḥ |
{sūkṣmas ta}nmātradharmmā hi bhūtānām prabhṛtikramāt || 2:56 ||

Der feine Klanggrund nimmt wahr, indem er zum Klang im Gehör wird. Die Elemente haben, vom Anfang der Reihe an, die feinen Sinnesgrundlagen als ihre subtilen Eigenschaften.

Anmerkung: Der zweite Satz bleibt in seiner Konstruktion und Deutung unsicher. Die Aussage wird mit der Edition als Zuordnung der feinen Eigenschaften zu den Elementen verstanden.

Nayasūtra 2.57

vaikārikas tadūrddhan tu yena badhyati pudgalaḥ |
ahaṃ vidvān ahaṃ bhogī ahañ jāto mahatkule || 2:57 ||

Darüber steht Vaikarika, das Ich-Prinzip, durch das die Person gebunden wird: ‚Ich bin gelehrt, ich genieße Besitz, ich bin in einer großen Familie geboren, …‘

Anmerkung: Die folgende Reihe führt typische Selbstzuschreibungen vor. Die Verknüpfung von ‚Ich‘ und ‚Mein‘ wird sowohl in stolzen als auch in abwertenden Gedanken gezeigt.

Nayasūtra 2.58

ahan dātā ca bhoktā ca rūpavī bāhuśālinaḥ |
mayā jitāś ca saṅgrāme śatruś caiva parājitaḥ || 2:58 ||

‚… ich bin ein Geber und ein Genießer, schön und stark an Armen. Im Kampf habe ich andere besiegt, der Feind ist von mir überwunden.‘

Nayasūtra 2.59

dharmmaśīlaś ca guṇavān mama tvayy adhiko kutaḥ |
aham pāpī durācāro mūrkhaś cāhaṃ virākṛti[(:)] || 2:59 ||

‚Ich lebe rechtschaffen und bin tugendhaft — wo wäre jemand größer als ich?‘ Oder: ‚Ich bin schlecht und führe einen schlechten Lebenswandel, ich bin töricht und hässlich, …‘

Anmerkung: Die Pronomenfolge der ersten Hälfte ist grammatisch auffällig. Die Übersetzung folgt dem Zusammenhang der Selbstüberhöhung, ohne den Sanskritwortlaut zu verbessern.

Nayasūtra 2.60

(na datātra) ca me bhuktam matsamo nāsti duḥkhitaḥ |
ity ahaṅkāracittānāṃ mamatvam anuvarttinām || 2:60 ||

‚… ich gebe nicht und genieße nicht; niemand ist so unglücklich wie ich.‘ Menschen, deren Denken auf diese Weise vom Ich-Prinzip bestimmt ist und die dem Gedanken ‚mein‘ folgen, …

Anmerkung: Die erste Hälfte ist teilweise ergänzt und unregelmäßig formuliert. Entscheidend für den Zusammenhang ist, dass auch verzweifelte Selbstabwertung als Ich-Bindung erscheint, nicht nur Überheblichkeit.

Nayasūtra 2.61

saṃsāragṛhabandhena ahaṅkāras tu bandhyate |
uktāhaṅkāradharmmās tu dhīguṇāñ ca nibodha me || 2:61 ||

… bindet das Ich-Prinzip mit der Fessel des Hauses der Wiedergeburt. Die Funktionen des Ich-Prinzips sind erklärt; höre nun von mir die Eigenschaften des Intellekts.

Anmerkung: ‚Haus‘ steht hier bildlich für einen einschließenden Lebenszusammenhang. Das Sanskrit verwendet bandhyate unregelmäßig in aktivem Sinn.

Nayasūtra 2.62

dharmmaṃ jñānañ ca vairāgyam aiśvaryyañ ca caturthakam |
adharmmañ ca tathājñānam avairāgyam anaiśvaram || 2:62 ||

Rechtes Handeln, Erkenntnis, Leidenschaftslosigkeit und als viertes Herrschaftskraft; ferner Unrecht, Unwissenheit, fehlende Leidenschaftslosigkeit und mangelnde Herrschaftskraft.

Anmerkung: Dies sind acht Zustände oder Eigenschaften der Buddhi. Aishvarya bezeichnet hier eine Form von Macht oder Verfügung, nicht unmittelbar die höchste Befreiung.

Nayasūtra 2.63

bandhyate saptadhā sā tu jñānabhāvena mokṣate |
bu[ddhi(r a)]dhyavasāyena karoti vikaroti ca || 2:63 ||

Auf siebenfache Weise bindet sie; durch den Zustand der Erkenntnis befreit sie. Der Intellekt schafft und verändert durch sein bestimmendes Urteil.

Anmerkung: Von den acht Zuständen wird hier allein Erkenntnis als befreiend herausgehoben. In 2.69–71 wird diese zunächst als Samkhya-Erkenntnis erläutert und aus Sicht der Schrift wiederum begrenzt. Was der Intellekt ‚schafft und verändert‘, bleibt unausgesprochen.

Nayasūtra 2.64

dharmmādīnāñ ca aṣṭānāṃ lakṣaṇāni nibodha me |
upa[(vāsaṃ)] japamaunam akrodham asteyavarjjitam || 2:64 ||

Höre von mir die Merkmale der acht [Zustände], beginnend mit rechtem Handeln: Fasten, Rezitation, Schweigen, Freiheit von Zorn und Verzicht auf Diebstahl, …

Anmerkung: Die etwas widersprüchlich klingende Wortverbindung asteyavarjitam wird im Kontext als Meiden des Diebstahls verstanden. Der Vers ist keine Aufforderung zu gesundheitlich belastendem Fasten.

Nayasūtra 2.65

satyaṃ śaucañ ca dānañ ca dayā kṣāntiś ca sarvvadā |
vidyābhyāsaś ca lajjā ca indriyāṇāñ ca nigrahaḥ || 2:65 ||

… Wahrhaftigkeit, Reinheit, Geben, Mitgefühl und beständige Geduld, das Einüben von Wissen, Bescheidenheit und die Zügelung der Sinne, …

Nayasūtra 2.66

iṣṭāpūrttañ ca tīrthañ ca pitṝṇāñ caiva tarppaṇam |
abhayaṃ sarvvabhūtānāṃ jīvitasya (tu) rakṣaṇam || 2:66 ||

… Opfer und gemeinnützige Werke, Pilgerfahrt und die Labung der Ahnen, allen Wesen Sicherheit gewähren und das Leben schützen.

Anmerkung: Iṣṭāpūrta verbindet Opferhandlungen mit wohltätigen, dem Gemeinwohl dienenden Werken. Abhaya bedeutet hier, dass andere Wesen von einem keine Gefahr zu befürchten haben.

Nayasūtra 2.67

dhīguṇaḥ prathamo hy eṣa dharmma ity abhiśabditaḥ |
dharmmakarmmanibaddhānāṃ saṃsāram anuvarttinām || 2:67 ||

Dies ist die erste Eigenschaft des Intellekts, die ‚rechtes Handeln‘ genannt wird. Für jene, die durch verdienstliches Handeln gebunden sind und dem Kreislauf der Wiedergeburt folgen, …

Nayasūtra 2.68

punas svarggaḥ punar mmarttyais tiryyaktvañ ca punaḥ punaḥ |
dharmmasya bhāvam ākhyātaṃ jñānabhāvaṃ nibodha me || 2:68 ||

… gibt es wieder Himmel, wieder menschliche Sterblichkeit und wieder tierisches Dasein, immer aufs Neue. Der Zustand des rechten Handelns ist erklärt; höre von mir den Zustand der Erkenntnis.

Anmerkung: Der Text unterscheidet verdienstliches Handeln von endgültiger Befreiung. Damit wird die zuvor gelehrte Rücksicht auf Lebewesen nicht widerrufen.

Nayasūtra 2.69

piṇḍa eṣa caturvviṃśat karaṇendriyasaṃyutaḥ |
prākṛtas sa tu vijñeyo dharmmādharmmapravarttakaḥ || 2:69 ||

Dieses aus vierundzwanzig [Prinzipien] bestehende Körpergebilde, versehen mit inneren Werkzeugen und Sinnesvermögen, ist als aus der Urnatur hervorgegangen zu verstehen; es setzt verdienstliches und schlechtes Handeln in Gang.

Anmerkung: Die vierundzwanzig Prinzipien beziehen sich auf die aus Prakriti entfaltete Natur. Diese Teilzählung ist nicht mit der gesamten Tattva-Zahl des Werkes gleichzusetzen.

Nayasūtra 2.70

akarttā {nirgguṇaś cāhaṃ na} me bandho ’sti prākṛtaḥ |
sāṅkhyajñānam mayā proktam prakṛtyā yena mucyate || 2:70 ||

‚Ich bin kein Handelnder, ich bin ohne Eigenschaften; eine Bindung durch die Urnatur besteht für mich nicht.‘ Damit habe ich die Erkenntnis des Samkhya erklärt, durch die man von der Urnatur frei wird.

Anmerkung: Die erste Hälfte ist teilweise wiederhergestellt. Der nächste Vers schränkt die Reichweite dieser Freiheit aus Sicht der Schrift ein; die Aussage darf nicht aus ihrem kritischen Zusammenhang gelöst werden.

Nayasūtra 2.71

muktaḥ prakṛtisṛṣṭyā tu punar bbandhyāti ceśvaraḥ |
punas saṃsarate bhūyo yāva devañ ca vindati || 2:71 ||

Doch auch wenn er von der Entfaltung der Urnatur frei ist, bindet ihn Ishvara wieder. Er durchläuft erneut die Wiedergeburten, bis er Gott findet, …

Anmerkung: Die letzte Wendung folgt der Konjektur des gedruckten Haupttextes, nicht den im Apparat angeführten Lesungen mit na. Die Schrift beansprucht damit einen über die von ihr beschriebene Samkhya-Erkenntnis hinausführenden Heilsweg.

Nayasūtra 2.72

īśvaraṃ sṛṣṭikarttāraṃ sarvvajantunibandhakam |
vairāgyāt tyajate bhogān dārāñ cāpsarasopamān || 2:72 ||

… den Herrn, den Schöpfer, der alle Lebewesen bindet. Aus Leidenschaftslosigkeit gibt man Genüsse auf und eine Frau, die einer himmlischen Nymphe gleicht, …

Anmerkung: Die Perspektive auf Ehe und Besitz entspricht hier dem männlichen Adressaten des historischen Textes. Die zweite Hälfte beginnt die Beschreibung von Vairagya als einem Zustand des Intellekts.

Nayasūtra 2.73

hastyaśvarathayānāni suhṛnmitradhanāni ca |
{upavā}saṃ japantīrtham pañcāgniṃ jalaśāyinam || 2:73 ||

… Elefanten, Pferde, Wagen und Fahrzeuge, Freunde, Gefährten und Reichtümer. Fasten, Rezitation, Pilgerfahrt, das Sitzen zwischen fünf Feuern und das Liegen im Wasser …

Anmerkung: Die Aufzählung führt zu extremen Formen der Askese im nächsten Vers. Sie wird historisch dokumentiert und nicht als heutiges Übungsprogramm empfohlen.

Nayasūtra 2.74

tapaṃ sevanti ghorāṇi dehaḥ santyajyate kṣaṇāt |
giritoyaviṣāgnibhyo prahāroddhbandhanāśakaiḥ || 2:74 ||

… werden als furchtbare Askesen ausgeübt. Der Leib wird in einem Augenblick aufgegeben — durch [Sturz vom] Berg, Wasser, Gift oder Feuer, durch tödliche Verletzung oder Erhängen.

Anmerkung: Die genaue Wortgestalt und Deutung der zweiten Hälfte sind unsicher. Der Text nennt hier auch selbsttötende religiöse Handlungen. Diese historische Passage ist keine Praxisanregung; Schutz des Lebens ist ausdrücklich in 2.66 genannt.

Nayasūtra 2.75

vairāgyan tu samāśṛtya kurute sāhasāny api |
aiśvaryyabhāvam āpanno dravye tṛptiṃ na gacchate || 2:75 ||

Auf Leidenschaftslosigkeit gestützt, begeht man sogar solche Gewalttaten. Wer in den Zustand des Machtstrebens geraten ist, findet an Besitz keine Sättigung, …

Anmerkung: Der Übergang macht deutlich, dass die zuvor beschriebene Loslösung auch in gefährliche Extreme führen kann. Die zweite Hälfte beginnt die Erörterung von Aishvarya.

Nayasūtra 2.76

na rājyena ca bhogaiś ca parivārāyudhavāhanaiḥ |
tapaṃ vratañ ca mantrāñ ca aiśvaryyārthī tu sādhayet || 2:76 ||

… auch nicht an Königsherrschaft, Genüssen, Gefolge, Waffen oder Fahrzeugen. Wer nach Herrschaftskraft verlangt, widmet sich Askese, religiösen Gelübden und Mantras.

Anmerkung: Das Kapitel beschreibt die Beweggründe solcher Praxis, ohne das Streben nach Macht mit dem endgültigen Befreiungsziel gleichzusetzen.

Nayasūtra 2.77

yuddhaṃ dyūtañ ca māyā ca caurikānṛtahiṃsanam |
anyāny api ayuktāni viśrambhac chalayātanam || 2:77 ||

Kampf, Würfelspiel, Täuschung, Diebstahl, Lüge und Gewalt, weitere unrechte Taten und betrügerischer Missbrauch von Vertrauen — …

Nayasūtra 2.78

†aiśvaryyabhāvam āpanno† karoti ca vihanyate |
prāṇihiṃsārato nityaṃ caurikānṛtaḍambhanam || 2:78 ||

… wer im Zustand des Machtstrebens so handelt, geht zugrunde. Beständiges Gefallen am Verletzen von Lebewesen, Diebstahl, Lüge und Täuschung, …

Anmerkung: Die Edition markiert den Beginn als problematisch; möglicherweise ist die Wendung über Aishvarya versehentlich aus 2.75 wiederholt. Die folgende Beschreibung betrifft Adharma, unrechtes Handeln.

Nayasūtra 2.79

vañcako duḥkhadātā ca bhavec cādharmmaceṣṭitam |
nāsti dharmmo na cādharmmo svarggamokṣañ ca ko gataḥ || 2:79 ||

… Betrügen und anderen Leid zufügen: Das ist die Tätigkeit des Unrechts. ‚Es gibt kein rechtes und kein unrechtes Handeln; wer wäre je in den Himmel oder zur Befreiung gelangt?‘ — …

Nayasūtra 2.80

ajñānabhāvam āpanno (sarvvaṃ mithye)ti vakṣyate |
nityaduḥkhī parapreṣyo bhārayānaṃ vahaty api || 2:80 ||

… so spricht einer im Zustand der Unwissenheit: ‚Alles ist falsch.‘ Ständig leidend, von anderen befehligt, trägt [der Unentsagende] Lasten und zieht Fahrzeuge, …

Anmerkung: Die zweite Hälfte beginnt einen neuen Gedanken über fehlende Loslösung. Der Sanskrittext nennt dessen Gegenstand erst im nächsten Vers ausdrücklich.

Nayasūtra 2.81

kṛcchrajīvī ca satatam avairāgyān na khidyate |
rājyaṅ kṛtvā tu sāmantas sāmantād grāmiko bhavet || 2:81 ||

… und fristet immer mühsam sein Leben; weil ihm Loslösung fehlt, wird er dessen dennoch nicht überdrüssig. Wer einst ein Königreich regiert hat, wird [bei mangelnder Herrschaftskraft] zum Vasallen und vom Vasallen zum Dorfvorsteher, …

Anmerkung: Die zweite Hälfte beginnt die Beschreibung von Anaishvarya, mangelnder Verfügungsmacht. Die gesellschaftlichen Rangstufen sind historische Beispiele, keine Bewertung heutiger Berufe.

Nayasūtra 2.82

grāmabhraṣṭas tu labdhena varttate sa tv anīśvaraḥ |
na śocate na codvegaḥ pūrvvarājyeva krīḍate || 2:82 ||

… und wenn er auch das Dorf verloren hat, lebt er von dem, was er findet, ohne Macht. Doch er trauert nicht und ist nicht bekümmert; er vergnügt sich wie zuvor als König.

Anmerkung: Die Gelassenheit innerhalb dieser Beschreibung wirkt überraschend; sie wird nicht zugunsten eines durchgehend negativen Bildes von Machtverlust verändert.

Nayasūtra 2.83

anaiśvaryyasya bhāvo ’yam eṣa te samudāhṛtaḥ |
avyaktan triguṇaṃ (vakṣye) (saṃsārasya pravarttakam || 2:83 ||

Damit ist dir der Zustand fehlender Herrschaftskraft erläutert. Nun werde ich das Unentfaltete erklären, das aus drei Grundqualitäten besteht und den Kreislauf der Wiedergeburt in Gang setzt.

Anmerkung: Eine im Druck geöffnete Ergänzungsklammer läuft über diesen Vers hinaus; sie wird nicht auf die Einzelversgrenze zugeschnitten. Das Unentfaltete ist hier Prakriti.

Nayasūtra 2.84

yatas sarvvajagotpattiḥ prakṛtis tena socyate |
tasya dharmmāñ pravakṣyāmi sattvarajas tamotkaṭān || 2:84 ||

Weil aus ihr die gesamte Welt hervorgeht, heißt sie Urnatur. Ich werde ihre Wirkungen erklären, in denen Klarheit, Regsamkeit und Dunkelheit jeweils hervortreten.

Anmerkung: Die drei Gunas Sattva, Rajas und Tamas werden hier mit gut lesbaren Bedeutungsannäherungen eingeführt. Ihre Mischungen prägen die folgenden Charakterbeschreibungen.

Nayasūtra 2.85

prakāśan tu bhavet sattvaṃ dharmmasatyasamanvitam |
saṃvibhāgī ca satataṃ anṛśaṃsatvakāritam || 2:85 ||

Sattva ist licht und mit rechtem Handeln und Wahrhaftigkeit verbunden. [Der davon geprägte Mensch] unterscheidet beständig und handelt mit Menschlichkeit, …

Anmerkung: Saṃvibhāgī kann auch ‚teilend, freigebig‘ bedeuten. Hier folgt die Übersetzung der in der Edition gewählten Bedeutung des Unterscheidens.

Nayasūtra 2.86

kṣamādayāsamāyukto jñānavijñānapāragaḥ |
prītidānan dhṛtimedhā tapaḥ śauca damas tathā || 2:86 ||

… ist von Geduld und Mitgefühl erfüllt und in Wissen und Einsicht zur Reife gelangt. Zuneigung, Freigebigkeit, Standhaftigkeit und Verständnis, Askese, Reinheit und Selbstbeherrschung, …

Nayasūtra 2.87

adṛṣṭeṣu samadṛṣṭir ddivyabuddhiprabodhakaḥ |
yasminn etāni dharmmāṇi bhavanti puruṣottame || 2:87 ||

… Gleichmut gegenüber den unsichtbaren [Wirkungen früherer Taten] und das Erwecken göttlicher Einsicht: Ein vorzüglicher Mensch, in dem diese Eigenschaften vorhanden sind, …

Anmerkung: Die Ergänzung ‚Wirkungen früherer Taten‘ erläutert Adrishta im Sinn der Edition; wörtlich steht ‚gegenüber dem Unsichtbaren‘. Samadṛṣṭi ist eine textkritische Wiederherstellung.

Nayasūtra 2.88

sa sāttvikas tu vijñeyo rajodharmmañ ca me śṛṇu |
nistriṃśaś cātilobhī ca vidveṣī krodhanas tathā || 2:88 ||

… ist als von Sattva geprägt zu erkennen. Höre nun von mir die Eigenschaften von Rajas: grausam, übermäßig gierig, voller Abneigung und zornig, …

Nayasūtra 2.89

kāmī harṣasamāviṣṭo duḥkhārtto -m- aṭate sadā |
mānī dambhasamāyukto hy ahaṅkāre vyavasthitaḥ || 2:89 ||

… begehrlich, von erregter Freude erfüllt, von Leiden bedrängt, wandert er beständig umher; stolz und voller Heuchelei, im Ich-Gefühl verhaftet, …

Anmerkung: Das -m- ist wie in 2.51 ein im Druck beibehaltener lautlicher Übergang, keine weitere Texteinheit.

Nayasūtra 2.90

nityaṃ yuddharataḥ {śūraḥ} rājasaṃ guṇalakṣaṇam} |
(kāma){krodhā}[(bhi)]bhūtaś ca lobhena ca samanvitaḥ || 2:90 ||

… stets dem Kampf zugewandt, ein Krieger: Das sind die Kennzeichen von Rajas. Von Begehren und Zorn überwältigt und voller Gier, …

Anmerkung: Die zweite Hälfte beginnt die Kennzeichen von Tamas. Sich überschneidende Merkmale beider Gunas werden nicht bereinigt. Die schließende Klammer nach der ersten Hälfte steht so im Druck.

Nayasūtra 2.91

īrṣyāluś ca viṣādī ca madam unmādaceṣṭavān |
nidrālasyam akarmmitvan durmmedhyājñānam eva ca || 2:91 ||

… neidisch und niedergeschlagen, berauscht und in verwirrtem Handeln befangen; Schläfrigkeit, Trägheit, Untätigkeit, Unverstand und Unwissen, …

Nayasūtra 2.92

adharmmatābuddhimato nāstikyañ calacittatā |
tamas y etāni cihnāni yasmin dṛśyati jantave || 2:92 ||

… ein auf Unrecht gerichteter Sinn, Unglaube und Unbeständigkeit des Geistes: Dies sind die Zeichen von Tamas. Das Lebewesen, an dem sie zu sehen sind, …

Anmerkung: Die Kennzeichnungen gehören zur religiösen Charakterlehre des Textes, nicht zur Diagnose psychischer Erkrankungen. Die wechselnden Satzformen werden im Deutschen als Aufzählung verbunden.

Nayasūtra 2.93

tāmaso hi sa vijñeyo puruṣaḥ [(ka)]luṣātmakaḥ |
etat triguṇa{m avyaktaṃ triguṇaṃ samudā}hṛtam || 2:93 ||

… ist als ein von Tamas geprägter Mensch mit getrübtem Wesen zu verstehen. Da das Unentfaltete diese drei Qualitäten besitzt, wird es ‚dreifach qualifiziert‘ genannt.

Anmerkung: Die zweite Hälfte ist weitgehend wiederhergestellt. Sie fasst die drei Grundqualitäten zusammen, statt eine zusätzliche vierte Qualität einzuführen.

Nayasūtra 2.94

viditvā prākṛtair bbandhair mmucyate na ca mucyate |
guṇadharmmā na cāvyaktaṃ dhīhaṅkāraguṇo na hi || 2:94 ||

Wer [das Folgende] erkannt hat, wird von den Fesseln der Urnatur frei — und ist doch nicht frei: [Die Seele hat] nicht die Eigenschaften der Gunas, nicht [die Eigenschaften] des Unentfalteten und auch nicht die Eigenschaften von Intellekt und Ich-Prinzip, …

Anmerkung: Beide Aussagen ‚wird frei‘ und ‚ist nicht frei‘ stehen ausdrücklich im Text. Die Schrift unterscheidet hier die begrenzte, von ihr dem Samkhya zugeschriebene Loslösung von endgültiger Befreiung.

Nayasūtra 2.95

†tanmātrendriyadharmmeṇa mahābhūtaguṇena ca† |
karaṇendriyahīnatvād bhūtatanmātravarjjitaḥ || 2:95 ||

… [die erste Hälfte nennt die Natur der feinen Sinnesgrundlagen und der Vermögen sowie die Eigenschaften der groben Elemente, lässt sich aber nicht sicher an den Satz anschließen]. Weil sie ohne innere Werkzeuge und Sinnesvermögen ist, ist sie frei von groben und feinen Elementen, …

Anmerkung: Der Wortlaut der ersten Hälfte ist syntaktisch verderbt. Eine Änderung zu ausdrücklichen Verneinungen wäre inhaltlich naheliegend, wird von der Edition aber gerade nicht vorgenommen; auch diese Ausgabe fügt kein unbelegtes na ein.

Nayasūtra 2.96

akarttā nirgguṇaś caiva cinmātraḥ puruṣaḥ smṛtaḥ |
mānasaṃ vācikañ caiva śārīraṃ karmma yat kṛtam || 2:96 ||

… und so gilt die Seele als nicht handelnd, ohne Eigenschaften, als reines Bewusstsein. Alles Handeln, das geistig, sprachlich oder körperlich vollzogen wird, …

Anmerkung: Die Beschreibung steht innerhalb der kritischen Darstellung des Samkhya und darf nicht ohne diesen Rahmen als alleinige Lehre aller Werkteile ausgegeben werden.

Nayasūtra 2.97

prakṛtyā kāritam manye akarttā puruṣocyā[(te)] |
[e]vaṃ sannyasya karmmāṇi pravarttantāni sarvvataḥ || 2:97 ||

… wird, so verstehe ich es, von der Urnatur bewirkt; die Seele wird als nicht handelnd bezeichnet. ‚So gebe ich die [Aneignung der] Handlungen auf, während sie sich auf jede Weise weiter vollziehen; …‘

Anmerkung: ‚Aneignung‘ erklärt hier das Aufgeben von Handlungen bei ihrem gleichzeitigen Weitergehen. Die Edition versteht vergleichbar einen Verzicht auf die Früchte des Handelns. Diese Ergänzung steht nicht wörtlich im Sanskrit.

Nayasūtra 2.98

nāhaṅ karttā na me bandho hyevaṃ budhyanti ye narāḥ |
prakṛtyā te vimucyante yāvan na sṛjateśvaraḥ || 2:98 ||

‚… ich bin nicht der Handelnde und für mich besteht keine Bindung.‘ Menschen, die so verstehen, werden von der Urnatur frei, solange Ishvara nicht wieder erschafft.

Nayasūtra 2.99

sāṅkhyajñānam mayā proktam muktir ity abhiśabditā |
na hi muktir bhavet tasya kiñ cit kālaṃ videhatā || 2:99 ||

Ich habe die Erkenntnis des Samkhya erklärt, die als ‚Befreiung‘ bezeichnet wird. Doch wirkliche Befreiung ist dies für ihn nicht, sondern nur Körperlosigkeit für eine gewisse Zeit.

Anmerkung: Dies ist die Bewertung der Schrift. Sie wird nicht als neutrale Darstellung sämtlicher historischer Samkhya-Lehren ausgegeben.

Nayasūtra 2.100

tiṣṭhet prakṛtinirmmuktaḥ sṛṣṭisaṃhāravarjjitaḥ |
yāvan na sṛjate sṛṣṭim īśva[(raḥ)] parameśvaraḥ || 2:100 ||

Er bleibt von der Urnatur gelöst, von Schöpfung und Auflösung unberührt, solange Ishvara, der höchste Herr, keine neue Schöpfung hervorbringt.

Anmerkung: Die vorübergehende Unberührtheit von Schöpfung und Auflösung wird durch den Nachsatz begrenzt. Der Text löst diese Spannung nicht weiter auf.

Nayasūtra 2.101

tāvat prakṛtibandhena saṃsāre kṣipyate punaḥ |
kṣiptas tu jāyate bhūyo jātas saṃsarate punaḥ || 2:101 ||

Dann wird er durch die Fessel der Urnatur erneut in den Kreislauf der Wiedergeburt geworfen. Hineingeworfen, wird er wieder geboren; geboren, durchwandert er ihn aufs Neue.

Anmerkung: Das anlautende tāvat bedeutet gewöhnlich ‚solange‘ oder ‚so weit‘; die hier gewählte Bedeutung ‚dann‘ folgt dem Kontext und der mit Vorbehalt gegebenen Deutung der Edition.

Nayasūtra 2.102

dharmmādharmmanibaddhas tu sāṅkhyajñānena mohitaḥ |
ahaṅ karttā aham bhoktā īśvaro balavān aham |
mamatvenaiva saṃmūḍho bhramate ghaṭiyantravat || 2:102 || ⊗ ||

An verdienstliches und schlechtes Handeln gebunden, durch die Samkhya-Erkenntnis irregeführt, [denkt er wieder:] ‚Ich handle, ich genieße, ich bin mächtig und stark.‘ Vom Gedanken ‚mein‘ verblendet, dreht er sich umher wie ein Wasserschöpfrad.

Anmerkung: Der sechsfüßige Schlussvers verwendet das Bild eines Rades, dessen Gefäße immer wieder ins Wasser tauchen. Seine konfessionelle Kritik wird als historische Textaussage dokumentiert.

Nayasūtra 2 – Kolophon

nayasūtre prakṛtivicāro dvitīyaḥ paṭalaḥ ślo ⟦?⟧ ||

Im Nayasūtra endet das zweite Kapitel: die Untersuchung der Urnatur. Verse: [Zählzeichen nicht sicher aufgelöst].

Anmerkung: Die moderne Ausgabe nummeriert bis 2.102. Das besondere Zählzeichen nach der Abkürzung ślo wird nicht durch eine vermutete Zahl ersetzt.
Sukadev im Lotussitz. Eine moderne Illustration; die Schrift nennt mehrere bequeme Sitzweisen.

Nayasūtra, Kapitel 3: Meditationsgestalten des Kosmos

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 206–214. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Nayasūtra 3 – Sprecherangabe vor 3.1

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Nayasūtra 3.1

sāṅkhyajñānam mayā proktaṃ śṛṇu dhyānādhidaivatam |
pṛthvī kaṭhinarūpeṇa catussāgaramekhalā || 3:1 ||

Ich habe die Erkenntnis des Samkhya erklärt. Höre nun über die Meditation und die jeweils leitende Gottheit. Die Erde [ist vorzustellen] in fester Gestalt, von den vier Meeren umgürtet, …

Anmerkung: Der folgende Lehrgang verbindet Wirklichkeitsebenen, Gottheiten und innere Bilder. Die dabei genannten Siddhis sind traditionelle Wirkungsversprechen, keine medizinisch oder naturwissenschaftlich bestätigten Folgen.

Nayasūtra 3.2

saparvvatavanākīrṇṇā mṛgapakṣisamākulā |
sthirā pītakavarṇṇābhā pūrvvabījasamutthitā || 3:2 ||

… bedeckt von Bergen und Wäldern, erfüllt von Wildtieren und Vögeln, fest, gelb leuchtend, aus der zuvor genannten Keimsilbe hervorgegangen.

Anmerkung: Die Edition bezieht die Keimsilbe auf die Prakriti-Komponente des Navatman, U. Sie ergänzt hier nicht das aus späteren Elementenmeditationen vertraute Lam. Die Formel ist im Vers nur durch Verweis bezeichnet.

Nayasūtra 3.3

dhyāyataḥ siddhim ayeti viṣasattvāni stambhayet |
acālyas sarvvabhūtānāṃ yathaiva vasudhā bhavet || 3:3 ||

Wer so meditiert, gelangt zur Vollendung: Er kann giftige Wesen stillstellen und wird für alle Wesen unerschütterlich, gleich der Erde selbst.

Anmerkung: Dies ist keine Empfehlung, sich giftigen Tieren auszusetzen oder auf Schutz- und Behandlungsmaßnahmen zu verzichten.

Nayasūtra 3.4

jalapūritasarvvāṅgo jaladhyānena pūrayet |
evam abhyasamānas tu viṣasattvāni nāśayet || 3:4 ||

Mit allen Gliedern von Wasser erfüllt, soll er durch die Wassermeditation [das Ganze] erfüllen. Indem er so übt, kann er giftige Wesen vernichten.

Anmerkung: Das Erfüllen ist eine Visualisation. Der Gegenstand ‚das Ganze‘ steht im Zusammenhang, aber nicht ausdrücklich im ersten Satz; die behauptete Vernichtung ist eine historische Siddhi-Aussage.

Nayasūtra 3.5

tṛpto dāhavinirmmuktas sarvva-m-ītivivarjjitaḥ |
jagad āpūrayet sarvvam pūrvvabījavicintakaḥ || 3:5 ||

Gestillt, frei von Brennen und von allen Plagen, erfüllt er die gesamte Welt, indem er die zuvor genannte Keimsilbe betrachtet.

Anmerkung: Das eingeschobene -m- verhindert den Vokalzusammenstoß und wird nicht als Mantrabestandteil verselbständigt. Dāha kann Hitze, Brennen oder brennenden Durst bezeichnen.

Nayasūtra 3.6

svaśarīrotthito vahni jjvalanto jagadāhakaḥ |
kuryyāt karmmasahasrāṇi svabījena tu cintakaḥ || 3:6 ||

[Er stellt sich] ein aus seinem eigenen Körper aufsteigendes Feuer [vor], das flammend die Welt verbrennt. Indem er mit der zugehörigen Keimsilbe meditiert, kann er Tausende besonderer Handlungen vollbringen.

Anmerkung: Die Edition versteht auch hier die zuvor genannte Prakriti-Silbe. Ein ausdrücklich ausgeschriebenes Ram steht nicht im Vers. Gemeint ist ein inneres Bild, kein reales Entzünden von Feuer am Körper.

Nayasūtra 3.7

{kṛṣṇare}ṇvākulo vāyur dhyāyed bījena saṃyutaḥ |
pūrayanto jagaddehaṃ siddhiś cāścaryyakarmmakṛt || 3:7 ||

Als Wind, erfüllt von dunklem Staub und mit der Keimsilbe verbunden, soll er meditieren und den Weltleib erfüllen. [Daraus erwächst] Vollendung, die wunderbare Taten bewirkt.

Anmerkung: Der Sanskritsatz wechselt seine grammatische Konstruktion. Die Übersetzung folgt dem Zusammenhang der Identifikation mit dem jeweiligen Element, ohne die Formen zu normalisieren.

Nayasūtra 3.8

suṣirātmakaṃ svadehañ ca jagac ca suṣirātmakam |
dhyāyet prakṛtibījena citrakarmmāṇi kārayet || 3:8 ||

Den eigenen Leib und auch die Welt soll er als Hohlraum betrachten, mit der Keimsilbe der Urnatur. So kann er mannigfaltige besondere Handlungen bewirken.

Nayasūtra 3.9

vāgindriye tathā vahnir dhyāto vāksiddhidāyakaḥ |
indraḥ pāṇāv abhidhyāta ajayaḥ bāhuśālinaḥ || 3:9 ||

Feuer, im Sprachvermögen betrachtet, verleiht Vollendung der Rede. Wenn Indra in der Hand betrachtet wird, [wird der Übende] unbesiegbar und stark an Armen.

Nayasūtra 3.10

pādapra{cā}ram padbhyān tu {dhyāto viṣṇuḥ} [(pra)]dāyakaḥ |
pāyau mitraṃ sitan dhyātaḥ pāyuvyādhivināśanaḥ || 3:10 ||

Vishnu, in den Füßen betrachtet, verleiht die Fähigkeit zu weitem Gehen. Mitra, weiß im After betrachtet, vernichtet Erkrankungen des Afters.

Anmerkung: Der erste Satz ist teilweise wiederhergestellt. Der zweite dokumentiert eine historische Heilserwartung, keine Behandlungsempfehlung.

Nayasūtra 3.11

śiśne prajāpatiḥ śyāmo dhyāyed yuktena cetasā |
jitendriyaś ca bhavate icchayā ramate śatam || 3:11 ||

Mit gesammeltem Geist soll er den dunklen Prajapati im Geschlechtsorgan betrachten. Er beherrscht dann seine Sinne und kann nach Wunsch hundert [Frauen erfreuen oder hundert Jahre genießen].

Anmerkung: Die Bezugsgröße von ‚hundert‘ fehlt; die Edition nennt beide Deutungen. Die Visualisation und ihr sexuelles beziehungsweise zeitliches Wirkungsversprechen sind historische Textaussagen, keine moderne Übungsanweisung.

Nayasūtra 3.12

śrotrendriye diśāś citrā dhyāyed bījena saṃyutāḥ |
sakṛduktaṃ śrutaṅ gṛhṇe diśāyātrā ca siddhate || 3:12 ||

Im Gehörvermögen soll er die verschiedenfarbigen Himmelsrichtungen betrachten, verbunden mit der Keimsilbe. Was ihm einmal gesagt wird, behält er beim Hören; auch das Reisen in alle Richtungen gelingt ihm.

Nayasūtra 3.13

marutaṃ kṛṣṇarūpeṇa dhyāye tvacasi saṃsthitam |
śastradaṃṣṭrā{bhedaiś ca na} tvago jāyate vyathā || 3:13 ||

Er soll den Windgott in schwarzer Gestalt in der Haut betrachten. Durch verschiedene Waffen und Zähne entsteht dann kein Schmerz in seiner Haut.

Anmerkung: Die Übersetzung folgt der wiederhergestellten Haut-Zuordnung. Das Unverletzlichkeitsversprechen darf nicht als körperlicher Schutz verstanden oder erprobt werden.

Nayasūtra 3.14

ādityaṃ cakṣuṣi dhyāyej jihvāyāṃ varuṇa sthitaḥ |
nāsike pṛthivī pītā dhyāyec candraṃ mane sthitam || 3:14 ||

Die Sonne soll er im Auge betrachten, Varuna in der Zunge, die gelbe Erde in der Nase und den Mond im Geist.

Anmerkung: Dies sind die hier belegten Zuordnungen. Sie werden nicht durch ein späteres Chakra- oder Gottheitenschema ersetzt.

Nayasūtra 3.15

pītakaṃ gandhatanmātraṃ rasatanmātra śuklakam |
rūpatanmātra raktan tu sparśatanmātra kṛṣṇakam || 3:15 ||

Der feine Geruchsgrund ist gelb, der feine Geschmacksgrund weiß, der feine Formgrund rot und der feine Berührungsgrund schwarz.

Nayasūtra 3.16

arūpaṃ śabdatanmātraṃ dhyātavyaṃ bindurūpiṇaṃ |
viṣaye cepsitāṃ siddhiñ cintitañ ca vijānate || 3:16 ||

Der feine Klanggrund ist ohne Farbe, in Gestalt eines Punktes zu betrachten. [So erlangt er] die gewünschte Vollendung im jeweiligen Sinnesbereich und erkennt, woran er denkt.

Anmerkung: Arupa kann Formlosigkeit bedeuten; hier folgt die Übersetzung der Farbreihe und der zugleich ausdrücklich genannten Punktgestalt.

Nayasūtra 3.17

vaikārike tathā rudro dhyātavyo siddhim icchatā |
dhyānāt siddhim avāpnoti mukto ’haṅkārabandhanāt || 3:17 ||

Wer Vollendung wünscht, soll ebenso Rudra im Ich-Prinzip betrachten. Durch die Meditation erlangt er Vollendung und wird von der Fessel des Ich-Prinzips frei.

Nayasūtra 3.18

brahmāṇaṃ buddhisaṃsthan tu dhyāyed yuktena cetasā |
pūrvvabījam abhidhyānāj jñānaughas sampravarttate || 3:18 ||

Mit gesammeltem Geist soll er Brahma betrachten, der im Intellekt gegenwärtig ist. Durch die Betrachtung der zuvor genannten Keimsilbe kommt ein Strom von Erkenntnis hervor.

Nayasūtra 3.19

divyabuddhiś ca bhavate saṃśayacchedakāriṇī |
bhūtam bhavyam bhaviṣyañ ca pratyakṣan tasya jāyate || 3:19 ||

Eine göttliche Einsicht entsteht, die Zweifel durchschneidet. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden für ihn unmittelbar wahrnehmbar.

Anmerkung: Die letzte Aussage ist ein übernatürliches Erkenntnisversprechen des Textes, nicht eine Zusicherung an heutige Meditierende.

Nayasūtra 3.20

prakṛtiḥ kṛṣṇavarṇṇā tu śuklaraktā virājate |
raktañ ca hṛdayan tasya bahupādabhujānanā || 3:20 ||

Die Urnatur leuchtet schwarz, weiß und rot. Ihr Herz ist rot; sie hat viele Füße, Arme und Gesichter.

Anmerkung: Die Edition deutet das unregelmäßige tasya auf die weiblich vorgestellte Prakriti. Eine genauere räumliche Verteilung der Farben wird hier nicht ergänzt.

Nayasūtra 3.21

dhyātvā prakṛtibījena yad icchet siddhim ātmanaḥ |
siddhaś caiva svatantraś ca divyasṛṣṭiḥ prajāyate || 3:21 ||

Mit der Keimsilbe der Urnatur soll er sie betrachten, wenn er für sich Vollendung wünscht. Er wird vollendet und selbstmächtig; eine göttliche Schöpfungskraft entsteht.

Anmerkung: Der gedruckte Text hat divyasṛṣṭi, ‚göttliches Schaffen‘, nicht das vertrautere divyadṛṣṭi, ‚göttliches Sehen‘. Diese Lesart wird bewahrt.

Nayasūtra 3.22

ṣaṇmāsād dhyānayogena divyasiddhiḥ prajāyate |
trailokye yaḥ pravartteta pratyakṣan tasya jāyate || 3:22 ||

Durch diesen Yoga der Meditation entsteht nach sechs Monaten göttliche Vollendung. Was in den drei Welten vor sich geht, wird für ihn unmittelbar wahrnehmbar.

Anmerkung: Die Zeitangabe ist ein traditionelles Wirkungsversprechen und keine verlässliche Dauerangabe für heutige Übungswege.

Nayasūtra 3.23

eṣa te prākṛto yoga ukto mokṣakaraḥ paraḥ |
puruṣas tatparatvena hṛdipadme ([vya]vasthitaḥ) || 3:23 ||

Damit ist dir der Yoga der Urnatur gelehrt, der höchste, der Befreiung bewirkt. Jenseits dieser [Ebene] ist die Seele im Lotus des Herzens gegenwärtig.

Anmerkung: Die erste Hälfte steht in Spannung zur Kritik der bloßen Naturbefreiung in Kapitel 2. Die Edition diskutiert sie ausdrücklich; die Übersetzung beseitigt die Spannung nicht durch eine Umdeutung von ‚Befreiung‘.

Nayasūtra 3.24

citsvarūpeṇa piṇḍena deham āpūryya yat sthitam |
sa jīva iti vikhyāto yena jīvati tat puram || 3:24 ||

Was als eine Fülle von Bewusstsein den Körper erfüllt und in ihm gegenwärtig ist, heißt das Lebendige, Jiva: Durch es lebt diese Körperstadt.

Anmerkung: Die Lesung jīva ist eine in der Edition begründete Korrektur gegenüber bīja der Textzeugen. Puram, ‚Stadt‘, bezeichnet hier den Körper.

Nayasūtra 3.25

nirggatena mṛtañ caiva acetā śīryyate punaḥ |
badhyate mucyate so hi sukhaduḥkhañ ca vindate || 3:25 ||

Wenn es fortgegangen ist, ist [der Körper] tot und zerfällt, ohne Bewusstsein. Dieses [Selbst] wird gebunden und befreit; es erfährt Glück und Leid.

Nayasūtra 3.26

na tasya rūpa varṇṇaṃ vā pramāṇam paśyate kvacit |
aśakyaḥ kathituṃ vāpi {sūkṣmaś ca deha}dhā[ri]ṇaḥ || 3:26 ||

Nirgends sieht man seine Gestalt, Farbe oder sein Maß. Es lässt sich nicht einmal beschreiben; fein ist es und doch Träger des Körpers.

Nayasūtra 3.27

bālāgraśatabhāgasya śatadhā kalpitasya ca |
tasya sūkṣmataro jīvas sa cānantāya kalpate || 3:27 ||

Feiner als ein Hundertstel einer Haarspitze, das nochmals hundertfach geteilt ist, ist Jiva — und doch vermag es am Unendlichen teilzuhaben.

Anmerkung: Das Bild ist mit Shvetashvatara-Upanishad 5.9 verwandt. Es ist keine physikalische Größenmessung der Seele.

Nayasūtra 3.28

ādityavarṇṇa rukmābham āpabindv eva puṣkare |
tārakeva tu lakṣeta yogī divyena cakṣuṣā || 3:28 ||

Sonnenfarben, goldglänzend, wie ein Wassertropfen auf einem Lotus, wie einen Stern soll der Yogi es mit göttlichem Auge wahrnehmen.

Anmerkung: Die bildhafte Sichtbarkeit folgt unmittelbar auf die Aussage seiner gewöhnlichen Unsichtbarkeit. Gemeint ist eine besondere innere Schau.

Nayasūtra 3.29

dakṣiṇena sitāṅgā tu vāmato kṛṣṇarūpiṇī |
tadvarṇṇāni ca vastrāṇi {maṇḍanāni viśeṣataḥ || 3:29 ||

Rechts hat sie einen weißen Leib, links eine schwarze Gestalt. Ihre Gewänder und besonders ihre Schmuckstücke haben dieselben Farben.

Anmerkung: Mit ‚sie‘ ist die im nächsten Vers benannte Niyati gemeint. Die Ergänzungsklammer der Edition läuft über die Versgrenze hinaus.

Nayasūtra 3.30

karmmabandhena badhyāti sukha}duḥkhaṃ prayacchate |
niyatiṃ tāṃ vijānīyād anivāryyā surāsuraiḥ || 3:30 ||

Sie bindet mit der Fessel der Taten und teilt Glück und Leid zu. Als Niyati soll man sie erkennen, unwiderstehlich für Götter und Gegengötter.

Nayasūtra 3.31

pūrvvabījam abhidhyānād rūpeṇa ca samanvitā |
dhyānāt siddhim avāpnoti niyatyā caiva mucyate || 3:31 ||

Er soll sie, mit einer Gestalt versehen, zusammen mit der zuvor genannten Keimsilbe betrachten. Durch diese Meditation erlangt er Vollendung und wird von Niyati frei.

Anmerkung: Die Edition identifiziert die Keimsilbe anhand Uttarasūtra 1.10 als Va. Der Vers selbst verweist auf sie, statt eine vollständige Mantraformel auszuschreiben.

Nayasūtra 3.32

trinetran tu caturvvaktraṃ kṛṣṇavarṇṇañ caturbhujam |
saṃharantan durādharṣam anantaṃ kālam īśvaram || 3:32 ||

[Er betrachtet] die Zeit als Herrn: dreiäugig, viergesichtig, schwarz, vierarmig, alles verschlingend, unbezwingbar und grenzenlos.

Nayasūtra 3.33

svabījakālarūpajño na kālaḥ kalayiṣyate |
cakravat pari[(varttante)] [(kā)]ladhyānavivarjjitāḥ || 3:33 ||

Wer die Gestalt der Zeit mit ihrer Keimsilbe kennt, den wird die Zeit nicht beherrschen. Jene ohne diese Meditation über die Zeit drehen sich wie ein Rad [im Kreislauf der Wiedergeburt].

Anmerkung: Die Verneinung na ist wichtig und bleibt erhalten. Die Edition verbindet die Zeit-Keimsilbe mit La; abweichende Deutungen der Parallelüberlieferung werden nicht in den Grundtext übernommen.

Nayasūtra 3.34

evaṃ kālaṃ sadā dhyāyed yena siddhiś ca śāśvatī |
kṛṣṇavarṇṇā ca raktākṣī dīrghadantā sulomaśā || 3:34 ||

So soll er die Zeit beständig betrachten; dadurch [erlangt er] bleibende Vollendung. [Maya ist] schwarz, rotäugig, mit langen Zähnen und stark behaart, …

Anmerkung: Die zweite Hälfte beginnt ein neues inneres Bild, das in 3.36 ausdrücklich Maya zugeordnet wird.

Nayasūtra 3.35

kucorddhipiṅgakeśī ca sthūlakāyā mahodarā |
yā pātayati bhūtāni brahmādyāni punaḥ punaḥ || 3:35 ||

… mit gelbbraunen Haaren oberhalb der Brüste [?], von grobem Körperbau und mit großem Bauch. Sie lässt die Wesen, angefangen bei Brahma, immer wieder fallen.

Anmerkung: Die erste Beschreibung ist schwer zu deuten; ihre körperliche Zuordnung bleibt mit Fragezeichen versehen.

Nayasūtra 3.36

nirvvairaparipanthinyā māyā granthi duratyayā |
sāṅkhyavedapurāṇajñā anyaśāstraprayoginaḥ || 3:36 ||

Ohne Feindschaft steht sie im Weg: Maya ist ein schwer zu überwindender Knoten. Kenner des Samkhya, des Veda und der Puranas und Praktizierende anderer Lehrschriften, …

Anmerkung: Der erste Satz lässt auch die Wiedergabe ‚Maya ist eine unüberwindliche Schranke‘ zu. Die grammatische Konstruktion ist unregelmäßig. Es folgt die religiöse Abgrenzung der Schrift.

Nayasūtra 3.37

na te laṅghayituṃ śaktā ye cānye mokṣavādinaḥ |
kliśyante māyayā bhrāntā amokṣe mokṣaniścitāḥ || 3:37 ||

… sie können sie nicht überschreiten, ebenso wenig andere, die Befreiung lehren. Von Maya irregeführt, leiden sie und halten für Befreiung, was keine Befreiung ist.

Anmerkung: Diese Bewertung ist der exklusive Heilsanspruch des historischen Textes, kein redaktionelles Urteil über andere spirituelle Wege.

Nayasūtra 3.38

svabījadhyānayogena pūrvvadhyānādirūpakaiḥ |
dīkṣāsinā tu tāñ chittvā gacchate śivam avyayam || 3:38 ||

Durch den Yoga der Betrachtung ihrer Keimsilbe, mit den zuvor beschriebenen Meditationsgestalten, durchschneidet er sie mit dem Schwert der Einweihung und gelangt zum unvergänglichen Shiva.

Anmerkung: Meditation und Diksha wirken hier zusammen. Die Edition bezieht die Silbe auf Ma. Das ‚Schwert‘ ist ein Bild für die lösende Wirkung der Einweihung, keine Aufforderung zu einem körperlichen Eingriff.

Nayasūtra 3.39

caturvvarṇṇā bhaved vidyā avarṇṇā vāpi kathyate |
sitaraktapītakṛṣṇā dhyātavyā suṣirātmikā || 3:39 ||

Vidya ist vierfarbig oder wird auch als farblos bezeichnet. Sie soll weiß, rot, gelb und schwarz, [oder] als leerer Raum betrachtet werden.

Anmerkung: Varna kann auch ‚Laut‘ heißen. Die Edition erwägt deswegen weitere Deutungen, folgt im Haupttext aber der Farbbeschreibung. Kein nicht genannter Buchstabe wird eingesetzt.

Nayasūtra 3.40

ākāśavāyum ārūḍhā rūpa[(yauva)]naśālinī |
svabījena tu †sadbhāvaṃ† sādhake siddhidāyikā || 3:40 ||

Sie ruht auf Raum und Wind, erfüllt von Schönheit und Jugend. Durch ihre eigene Keimsilbe [— der folgende Ausdruck ist unklar —] verleiht sie dem Übenden Vollendung.

Anmerkung: Sadbhavam lässt sich nicht sicher einfügen; die Edition erwägt unter anderem eine beschädigte Form für ‚die Betrachtete‘. Die Keimsilbe wird dort als Ksha identifiziert. Eine spätere Deutung über einen Sushumna-Kanal wird nicht in die Übersetzung aufgenommen.

Nayasūtra 3.41

vidyāsiddhim avāpnoti siddhas sarvvatra saṅkramet |
devalokāni sarvvāṇi kāmarūpaś ca jāyate || 3:41 ||

Er erlangt Vollendung über Vidya. Vollendet, kann er überallhin gehen, in alle Götterwelten, und jede gewünschte Gestalt annehmen.

Nayasūtra 3.42

kuṅkumābhārdhanārīśan trinetran tu jaṭādharam |
pūrvvavaktram abhidhyānād vāyubh†akṣām udasthitam† || 3:42 ||

Durch Betrachtung des vorderen Gesichtes — Ardhanarisha, safranfarben, dreiäugig, mit verfilztem Haar — [erlangt er den Verdienst eines] von Luft Lebenden [?] …

Anmerkung: Die zweite Hälfte ist verderbt; der Bezug auf einen Luftasketen folgt vorsichtig der Parallelstelle, die die Edition zur Deutung heranzieht. Ardhanarisha ist der Herr, dessen Hälfte weiblich ist. Hier beginnen die Gesichter Ishvaras; eine Gleichsetzung mit den fünf Gesichtern des später üblichen Sadashiva-Bildes wird nicht vorausgesetzt.

Nayasūtra 3.43

tasya puṇyam avāpnoti aśvamedhāyutasya ca |
jagac ca vaśam ā[(yā)]ti kramate sidhyateti ca || 3:43 ||

… dessen Verdienst erlangt er und den von zehntausend Pferdeopfern. Die Welt kommt unter seine Gewalt; er durchschreitet sie und gelangt zur Vollendung, …

Anmerkung: Der Anschluss ‚dessen‘ bezieht sich auf die unsichere Schlusswendung von 3.42. Die religiösen Verdienstzahlen werden als Aussagen der Schrift wiedergegeben.

Nayasūtra 3.44

ṣaḍbhir mmāsair nna sandeho dakṣiṇan tu tathaiva hi |
nīlāmbudapratīkāśam piṅgabhrūśmaśrulocanam || 3:44 ||

… innerhalb von sechs Monaten, daran besteht [laut Text] kein Zweifel. Ebenso [betrachte er] das südliche Gesicht: einer dunklen Wolke gleich, mit gelbbraunen Brauen, Barthaaren und Augen, …

Nayasūtra 3.45

bhṛkuṭīkarālavaktraṃ kapālī sarppabhūṣitam |
bahurūpaṃ jaṭādhāran dakṣiṇāsyan tu cintayet || 3:45 ||

… mit durch gerunzelte Brauen furchtbarem Gesicht, einen Schädel tragend, mit Schlangen geschmückt, vielgestaltig, mit verfilztem Haar: So soll er das südliche Gesicht betrachten.

Anmerkung: Bahurupa bedeutet hier ‚vielgestaltig‘ und kann andernorts ein Name des Aghora-Mantras sein. Der Vers schreibt jedoch keinen Aghora-Mantra aus; eine feste Zuordnung wird deshalb nicht in die Übersetzung eingefügt.

Nayasūtra 3.46

sarvvaduṣṭavināśāya {ītijvara}vināśanam |
viṣagrahādisattvāni dhyāto nāśayate kṣaṇāt || 3:46 ||

Es dient der Vernichtung alles Schädlichen und vernichtet Plagen und Fieber. Wenn es betrachtet wird, vernichtet es augenblicklich Gift, ergreifende Geister und ähnliche Wesen.

Anmerkung: Dies dokumentiert historische Heil- und Schutzvorstellungen. Meditation ist damit nicht als Behandlung von Vergiftungen, Fieber oder Erkrankungen ausgewiesen.

Nayasūtra 3.47

agnivaj jvalate yogī jarāmṛtyuvivarjjitaḥ |
kramate sarvvalokāni sidhyate ca śivo bhavet || 3:47 ||

Der Yogi flammt wie Feuer, frei von Alter und Tod. Er durchschreitet alle Welten, gelangt zur Vollendung und wird Shiva.

Anmerkung: Die Freiheit von Alter und Tod ist Teil des religiösen Wirkungsversprechens, keine Zusage körperlicher Unsterblichkeit durch eine heutige Übung.

Nayasūtra 3.48

sitan trinayanaṃ vaktram akṣasūtrakamaṇḍalum |
paścimaṃ vadanaṃ dhyāyed divyasiddhipradāyakam || 3:48 ||

Das westliche Gesicht soll er weiß und dreiäugig betrachten, mit Gebetskette und Wassergefäß, als Verleiher göttlicher Vollendung.

Nayasūtra 3.49

{hatvā} (prāṇisahasrāṇi paradā){ra}(śatāni ca) |
(alepako viśuddhātmā) sidhyate ca śivo bhavet || 3:49 ||

Selbst wenn er Tausende Lebewesen getötet und mit Hunderten Frauen anderer Männer verkehrt hat, ist er unbefleckt und reinen Wesens, gelangt zur Vollendung und wird Shiva.

Anmerkung: Die weitgehend ergänzte Passage behauptet die außerordentliche entsühnende Macht der Meditation. Sie erteilt keine Erlaubnis zu Gewalt oder sexuellem Fehlverhalten; die Übersetzung verschweigt diesen schwierigen historischen Anspruch nicht.

Nayasūtra 3.50

dvinetram uttaraṃ vaktran nīlotpalakaran tathā |
dhyānāt tasya jagat sarvvaṃ vaśam āyāty asaṃśayaḥ || 3:50 ||

Ebenso [betrachte er] das nördliche Gesicht, zweiäugig, mit einer blauen Wasserlilie in der Hand. Durch seine Betrachtung kommt die ganze Welt unter seine Gewalt, so die Versicherung des Textes.

Anmerkung: Der Sanskrittext legt hier nicht eindeutig fest, ob das Gesicht weiblich oder männlich mit weiblichen Zügen gedacht ist.

Nayasūtra 3.51

tapate varṣate caiva sṛjate saṃhareti ca |
īpsitā tu bhavet siddhir yo ’bdam ekan tu cintayet || 3:51 ||

Er spendet Hitze und Regen, erschafft und löst auf. Wer es ein Jahr lang betrachtet, dem wird die gewünschte Vollendung zuteil.

Nayasūtra 3.52

sitam mūrddhni sadā dhyāyec chūlahast añ jaṭādharam |
vyāghrayajñopavītena akṣasū[(trakama)]ṇḍalum || 3:52 ||

Auf dem Haupt soll er stets eine weiße [Gestalt] betrachten, mit dem Dreizack in der Hand und verfilztem Haar, mit Tigerfell und heiliger Schnur, mit Gebetskette und Wassergefäß, …

Anmerkung: Die Wendung mit ‚Tiger‘ und ‚heiliger Schnur‘ ist schwierig; sie könnte auch eine Schnur aus Tigerfell bezeichnen. Die Edition beseitigt sie nicht. Beschrieben wird möglicherweise eine ganze Gestalt oberhalb der zuvor genannten Gesichter, nicht einfach ein fünftes Gesicht.

Nayasūtra 3.53

{vīṇāḍama}(ru[ka])hastan nāgayajñopavītinam |
candramūrddhorddhaliṅgan tu dhyāyen nityam maheśvaram || 3:53 ||

… mit Vina und Sanduhrtrommel in den Händen, mit einer Schlange als heiliger Schnur. Mit dem Mond auf dem Haupt und aufgerichtetem Glied soll er Maheshvara stets betrachten.

Anmerkung: Die Körpermerkmale gehören zur historischen Shiva-Ikonographie. Die wiederholte Nennung der heiligen Schnur bleibt erhalten; eine spätere vereinheitlichte Bildbeschreibung wird nicht eingesetzt.

Nayasūtra 3.54

īpsitā ca bhavet siddhir vvigrahaṃ yo ’bhyaset sadā |
anenaiva svadehena sarvvajñaḥ kāmarūpavān || 3:54 ||

Wer diese Gestalt beständig einübt, dem wird die gewünschte Vollendung zuteil. Noch mit diesem eigenen Körper [wird er] allwissend und fähig, beliebige Gestalten anzunehmen.

Nayasūtra 3.55

athavā ghaṇṭaśabdena siddhiḥ ṣāṇmāsikā bhavet |
īpsitā sarvvalokeṣu siddhir eva prajāyate || 3:55 ||

Oder durch den Klang einer Glocke entsteht innerhalb von sechs Monaten Vollendung. Die gewünschte Macht in allen Welten wird zuteil.

Anmerkung: Die Edition versteht den Glockenklang als Gegenstand der Betrachtung. Er ist hier ein Klangbild, kein ausgeschriebenes Bija.

Nayasūtra 3.56

liṅgadvayan tu yo dhyāyet pūrvvabījena saṃyuta[(m)] |
{māsai}(kena) tataḥ paśyet sūkṣmaliṅgan tato pari || 3:56 ||

Wer zwei Lingas betrachtet, verbunden mit der zuvor genannten Keimsilbe, sieht nach einem Monat darüber ein feines Linga.

Anmerkung: Das Verfahren der zwei Lingas wird nicht näher erläutert und ist auch nach der Edition unklar; vgl. Uttarasūtra 5.31. Es wird keine eigene Übungsanleitung aus dieser knappen Aussage konstruiert.

Nayasūtra 3.57

śuddhasphaṭikasaṅkāśan tad dṛṣṭvā tu vimucyate |
siddhiś ca mānuṣe loke ṣaṇmāsena tu jāyate || 3:57 ||

Wenn er dieses sieht, das reinem Kristall gleicht, wird er frei. Auch in der Menschenwelt entsteht nach sechs Monaten Vollendung.

Nayasūtra 3.58

trailokyadarśśī siddhiś ca pratyakṣan tasya jāyate |
kramate sarvvalokāni īśvareṇa samo bhavet || 3:58 ||

Es entsteht eine Vollendung, die die drei Welten sichtbar macht; [alles] wird für ihn unmittelbar wahrnehmbar. Er durchschreitet sämtliche Welten und wird Ishvara gleich.

Nayasūtra 3.59

somādityau sthitau netre cakre caikarathasya tu |
bhūta tanmātra vājīni manas sārathi [(co)]ditaḥ || 3:59 ||

Mond und Sonne sind seine Augen; die Elemente sind die Räder seines einen Wagens, die feinen Sinnesgrundlagen seine Pferde. Der Geist wird als Wagenlenker bezeichnet.

Anmerkung: Die Zuordnung der knappen Aufzählung folgt der revidierten Deutung der Edition. Eine andere Satzverbindung würde Sonne und Mond zugleich zu Augen und Rädern machen. Die Unsicherheit bleibt vermerkt.

Nayasūtra 3.60

ahaṅkāro bhaved yodhā guṇāś caiva mahādhanuḥ |
indriyāṇi śarās tasya mṛgo ’dharmmaḥ prakīrttitaḥ || 3:60 ||

Das Ich-Prinzip ist der Kämpfer, die Grundqualitäten sind sein großer Bogen. Die Sinnesvermögen sind seine Pfeile; als gejagtes Wild gilt das Unrecht.

Anmerkung: Yodha kann im Bild auch Jäger heißen. Die Lesung und Trennung mṛgo ’dharmaḥ ergibt ‚Unrecht‘; bei anderer Worttrennung wäre auch ‚Dharma‘ als zu erlangendes Ziel möglich. Es ist ein kosmisches Gleichnis, keine Jagdanleitung.

Nayasūtra 3.61

yad evaṃ krīḍate nityam īśvaro hṛdi saṃsthitaḥ |
puṇyapāpaiḥ pravarttanto icchayā parameśvaraḥ || 3:61 ||

Wenn es sich so verhält, ist es Ishvara, im Herzen gegenwärtig, der beständig sein Spiel vollzieht: Der höchste Herr wirkt nach seinem Willen durch verdienstliche und schlechte Handlungen.

Anmerkung: Möglich ist auch ein Anschluss an den Übenden als mit Ishvara vereint. Die Aussage über göttliches Wirken wird im folgenden Vers zur inneren Haltung des Handelnden entfaltet.

Nayasūtra 3.62

nāhaṅ karttā na me bandho sarvvam īśvarakāritam |
matvā ceśvaravijñānaṃ sarvvakarmmāṇi kārayet || 3:62 ||

‚Ich bin nicht der Handelnde; für mich besteht keine Bindung. Alles wird durch den Herrn bewirkt.‘ In solcher Erkenntnis Ishvaras soll er alle Handlungen vollziehen.

Anmerkung: Diese religiöse Deutung des Handelns ist kein redaktioneller Freibrief, Verantwortung für die Folgen eigener Handlungen abzulehnen. Die Schrift stellt an anderen Stellen ausdrücklich Verpflichtungen auf.

Nayasūtra 3.63

dharmmādharmmasya karttṛtve prerako hṛdi saṃsthitaḥ |
tvam eva śaraṇāpanno na me bandho ’sti karttṛtaḥ || 3:63 ||

‚Du allein bist in meinem Herzen gegenwärtig als Antrieb meines Handelns, ob verdienstlich oder unverdienstlich. Zu dir habe ich Zuflucht genommen; durch das Handeln besteht für mich keine Bindung.‘

Anmerkung: Die unregelmäßige Konstruktion wird mit der Edition als Hinwendung des Übenden zu Ishvara verstanden. Der Vers ist eine religiöse Selbstvergewisserung; er wird nicht ohne weiteren Beleg als vorgeschriebener Rezitationsmantra klassifiziert.

Nayasūtra 3.64

sadāśivo ṣṭabhedena dinarātry ayanāni ca |
dakṣiṇottarasaṅkrāntyā jñāto viṣuva mokṣadaḥ || 3:64 ||

Sadashiva, in seiner achtfachen Gliederung erkannt, in Tag, Nacht und den beiden Halbjahreswegen, im Übergang zwischen Süden und Norden und am Gleichgewichtspunkt, schenkt Befreiung.

Anmerkung: Der Satzbau ist unsicher. Die Edition bezieht die Zeitbilder auf Atem, Mantra und yogischen Körper: Tag und Nacht auf die Atemrichtungen, Vishuva auf einen Ruhe- oder Ausgleichspunkt. Ein bestimmter zentraler Kanal ist hier nicht ausdrücklich genannt.

Nayasūtra 3.65

[(vaṃ)]{śadhva}[(ni)]samaprakhyaḥ śāntanādas tu sa smṛtaḥ |
sadāśivas tu vijñeyo dhyānayogabalaṃ śṛṇu || 3:65 ||

Er erscheint wie der Ton einer Flöte und gilt als der, in dem der Klang zur Ruhe kommt. Als Sadashiva soll er erkannt werden. Höre von der Kraft des Yoga seiner Betrachtung:

Anmerkung: Die Flötenklang-Beschreibung ist teilweise wiederhergestellt. Sie bezeichnet eine Klangqualität, keinen zusätzlichen ausgeschriebenen Mantra.

Nayasūtra 3.66

māsād bhavati rūpavī vāgīśas tu dvitīyake |
tṛtīye paśyate siddhān divyadṛṣṭiś caturthake || 3:66 ||

Nach einem Monat wird er schön, im zweiten ein Meister der Rede. Im dritten sieht er vollendete Wesen; im vierten erlangt er göttliche Sicht.

Anmerkung: Die Monatsfolge wird vollständig bewahrt, jedoch als traditionelles Wirkungsversprechen, nicht als zugesicherter Übungsfortschritt.

Nayasūtra 3.67

siddhis tu mānuṣe (lo)ke {vatsarārdhān na saṃśayaḥ |
divyasiddhin tathābdena sāyojyan tu dvirabdike || 3:67 ||

Vollendung in der Menschenwelt [entsteht] nach einem halben Jahr, so die Versicherung; göttliche Vollendung nach einem Jahr und Vereinigung [mit dem Göttlichen] nach zwei Jahren.

Anmerkung: Der Vers ist zu großen Teilen textkritisch wiederhergestellt. Die im Druck geöffnete Ergänzungsklammer wird nicht durch eine erfundene neue Lesart geschlossen.

Nayasūtra 3.68

ṣaṇmukhakaraṇaṅ kṛtvā dhyāyed evaṃ sadāśivam |
daśadhā varṇṇarūpeṇa dṛśyate ca sadāśivam || 3:68 ||

Nachdem er die ‚sechsgesichtige‘ Haltung eingenommen hat, soll er Sadashiva auf diese Weise betrachten. Sadashiva wird in zehnfacher Farbgestalt sichtbar.

Anmerkung: Die Edition versteht die Haltung als Verschließen von Ohren, Augen und Nasenöffnungen mit den Fingern. Der Vers selbst erläutert ihre Ausführung nicht; deshalb wird daraus keine Atemverschluss-Anleitung gemacht.

Nayasūtra 3.69

sitaṃ raktañ ca pītañ ca kṛṣṇaṃ haritapiṅgalam |
nīlacitrukavarṇṇañ ca sphaṭikābham manoramam || 3:69 ||

Weiß, rot, gelb, schwarz, grün, gelbbraun, blau, bunt, kristallglänzend und lieblich.

Anmerkung: Der vorige Vers kündigt zehn Farben an. ‚Lieblich‘ ist jedoch keine eindeutige Farbbezeichnung; die Zehnerzahl wird nicht durch eine erfundene zusätzliche Farbe passend gemacht.

Nayasūtra 3.70

dṛṣṭvā sarvvāṇi rūpāṇi tyajetāni vicakṣaṇaḥ |
eka eva tadā gṛhyec cānye guṇarūpakāḥ || 3:70 ||

Wenn der Einsichtige all diese Gestalten gesehen hat, soll er sie loslassen. Dann soll nur eine erfasst werden; die anderen sind untergeordnete Erscheinungen.

Anmerkung: Das Ende des Kapitels führt von der Vielfalt der inneren Bilder zur Konzentration auf ein einziges Merkmal. Welche eine Erscheinung gemeint ist, beschreibt der folgende Vers.

Nayasūtra 3.71

candramaṇḍalasaṅkāśaṃ vidyutpuñjasamaprabham |
tārakācalitākāraṃ bindur ddevasya lakṣaṇam || 3:71 ||

Der Mondscheibe gleich, strahlend wie ein Bündel von Blitzen, flimmernd wie ein Stern: Bindu ist das Merkmal des Gottes.

Nayasūtra 3.72

nivṛttiś ca pratiṣṭhā ca vidyā śāntis tathaiva ca |
kalācatuṣṭayo ’py evaṃ jñātavyaṃ bindur īśvaram || 3:72 || ⊗ ||

Nivritti, Pratishtha, Vidya und ebenso Shanti: Diese vier Kräfte sind so als Bindu, als Ishvara, zu verstehen.

Anmerkung: Die vier Namen können als Rücknahme, Festigung, Erkenntnis und Ruhe erläutert werden. Der Text nennt hier vier Kalas; die in späteren Systemen verbreitete fünfte, Shantyatita, wird nicht ergänzt.

Nayasūtra 3 – Kolophon

|| ⊗ || iti niśvāsatattvasaṃhitāyāṃ nayasūtre (ta){tva}[(rū)]pavicāras tṛtīyaḥ paṭalaḥ || ⊗ || ślo 7 7 5 || ⊗ ||

Damit endet in der Nishvasa Tattva Samhita, im Nayasūtra, das dritte Kapitel: die Untersuchung der Gestalten der Wirklichkeitsebenen. Verse: [gedruckte Zeichenfolge: 7 7 5].

Anmerkung: Die Zählzeichen werden so wiedergegeben, wie die Ausgabe sie druckt, und nicht als 775 Verse dieses Kapitels verstanden. Die moderne fortlaufende Nummerierung endet bei 3.72. Die orthographisch auffällige ergänzte Titelgestalt bleibt stehen.

Nayasūtra, Kapitel 4: Yoga, Shakti und Guru

Grundtext: Goodall u. a. 2015, S. 214–233. Die Inhaltsüberschrift ist redaktionell.

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.1

devy uvāca

Die Göttin sprach:

Nayasūtra 4.1

kā nivṛttiḥ pratiṣṭhā ca vidyā śāntis tathaiva ca |
tattvaṃ sadbhāvato brūhi kalābhedaś ca kaḥ smṛtaḥ || 4:1 ||

Was sind Nivritti und Pratishtha, was Vidya und Shanti? Erkläre ihr Wesen wahrheitsgemäß. Welcher Unterschied zwischen diesen Kalas wird gelehrt?

Anmerkung: Kala bedeutet hier eine Kraftstufe beziehungsweise einen Teil der Mantrawirklichkeit. Die vier Namen bezeichnen wörtlich Rückwendung, Festigung, Wissen und Frieden; ihre genaue Zuordnung wird im folgenden, schwer verständlichen Vers behandelt.

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.2

īśvara uvāca

Der Herr sprach:

Nayasūtra 4.2

nivṛttiḥ prakṛtir jñeyā pratiṣṭhā sakalā smṛtā |
†aṃśiraśuddhā vidyā ca śānti māyāvi[(śuddhi)]kā || 4:2 ||

Nivritti soll als Prakriti verstanden werden, Pratishtha gilt als Sakala. Vidya ist durch Aṃ an ihrer Spitze gereinigt [?]; Shanti hat Maya als ihre Auflösung [?].

Anmerkung: Der Vers enthält eine nicht sicher entschlüsselte Mantracodierung. Die Edition erwägt unter anderem Hūṃ, schließt aber eine Deutung auf Om nicht aus. Die Wörter aṃśiraśuddhā und māyāviśuddhikā bleiben problematisch; die Übersetzung ist deshalb ausdrücklich vorläufig, keine gesicherte Silbenauflösung.

Nayasūtra 4.3

evaṃ sadāśivaṃ jñātvā śuddhāśuddhe vyavasthitam |
mucyate sarvvabandhais tu śivaṃ yāti nirāmayam || 4:3 ||

Wer Sadashiva so erkennt, als im Reinen und Unreinen gegenwärtig, wird von allen Bindungen befreit und gelangt zu Shiva, der frei von Leiden ist.

Anmerkung: Die Beziehung von ‚rein und unrein‘ ist nicht völlig sicher; gemeint sein kann die gesamte, beide Bereiche umfassende Wirklichkeit.

Nayasūtra 4.4

yogena ca bhavet siddhir yo dhyāyeta catuṣkalam |
sitaraktapītakṛṣṇan dhyānāt siddhir yathepsitā || 4:4 ||

Wer über den Vier-Kala-[Mantra] meditiert, dem soll durch Yoga Verwirklichung zuteilwerden. Durch die Betrachtung als weiß, rot, gelb oder schwarz soll die jeweils ersehnte Fähigkeit entstehen.

Anmerkung: Chatushkala heißt ‚aus vier Kalas bestehend‘. Es ist hier eine Mantrabezeichnung. Die Farbzuordnung und die versprochenen Fähigkeiten gehören zur historischen Ritual- und Yogalehre.

Nayasūtra 4.5

abhinnena śarīreṇa śivasāyojya[(tāṃ vrajet)] |
āścaryyāṇi ca kurute yatheṣṭam bhūtale sadā || 4:5 ||

Ohne seinen Leib aufzugeben, soll er zur Vereinigung mit Shiva gelangen und auf Erden jederzeit Wunder ganz nach seinem Wunsch vollbringen.

Nayasūtra 4.6

dānatīrthavrataṃ snānaṃ saṃyamañ japapūjanam |
agnihotrāśramādharmmā kalāṃ yaś ca na vindate || 4:6 ||

Geben, Pilgerstätten, religiöse Gelübde, Baden, Selbstbeherrschung, Rezitation und Verehrung, das Feueropfer und die Pflichten des jeweiligen Lebensstandes – [dies alles betrifft denjenigen,] der die Kala nicht erkennt.

Anmerkung: Der Satz ist elliptisch. Die Ergänzung in eckigen Klammern folgt der Deutung der Edition. Der Vers hebt die Kenntnis der Kalas über andere Observanzen; er erklärt nicht jede religiöse oder ethische Verpflichtung für bedeutungslos.

Nayasūtra 4.7

catuṣkalaparijñānī (na lipye ⊔ pāpakaiḥ) |
{prathamā tu kalā} sūkṣmā susūkṣmā ca dvitīyakā || 4:7 ||

Wer den Vier-Kala-[Mantra] gründlich kennt, wird [von] schlechten Taten [nicht befleckt; Wortlaut beschädigt]. Die erste Kala heißt Sukshma, die zweite Susukshma …

Anmerkung: Die Namen bedeuten ‚fein‘ und ‚sehr fein‘. Die Lücke im ersten Halbvers lässt mehrere Ergänzungen zu; keine wird als sicherer Grundtext eingesetzt.

Nayasūtra 4.8

amṛtā tu śirāvasthā caturthī cāmṛtāmṛtā |
catvāry etāni śaktes tu kalāni kathitāni vai || 4:8 ||

… Amrita ist [die dritte], die sich am Haupt befindet; die vierte ist Amritamrita. Diese vier werden als die Kalas der Shakti gelehrt.

Anmerkung: Amrita bedeutet ‚unsterblich‘ beziehungsweise ‚Unsterblichkeitsnektar‘; Amritamrita verstärkt den Ausdruck. Shakti ist hier die göttliche Kraft, deren vier Kalas beschrieben werden.

Nayasūtra 4.9

jñātvaitāni vimucyante kim punar dṛṣṭalakṣaṇaḥ |
sphoṭaśabdan tu tasyaiva yadi yo ’nte (?) --- |
--- || 4:9 ||

Wer diese kennt, wird befreit; wie viel mehr [gilt dies für] einen, der ihre Gestalt unmittelbar geschaut hat! [Es folgen nicht verlässlich übersetzbare Reste über einen Sphota-Laut; der weitere Wortlaut ist verloren.]

Anmerkung: Die Einheit ist länger als ein gewöhnlicher viergliedriger Vers und schwer beschädigt. Die Nennung von sphoṭa erlaubt keine sichere Rekonstruktion einer Lehre über Sprachentstehung.

Nayasūtra 4.10

--- [pa(ra)]masadbhāvaṃ yad gatvā na nivarttate |
dṛṣṭvā caiva mahāśaktiṃ guruṃ śivasamaṃ viduḥ || 4:10 ||

[Beschädigter Anfang:] … die höchste Wirklichkeit, zu der gelangt man nicht zurückkehrt. Wer die große Shakti geschaut hat, den erkennt man als Guru, Shiva gleich.

Anmerkung: Auch der zweite Halbvers ist mehrdeutig: ‚von großer Kraft‘ könnte statt der geschauten Shakti eine Eigenschaft des Guru bezeichnen.

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.11

devy uvāca

Die Göttin sprach:

Nayasūtra 4.11

śive caiva nirālambe yogañ caiva katham bhavet |
samarasañ ca punar bhūtvā śivatvaṃ labhyate katham || 4:11 ||

Wie kann es Yoga geben, der sich auf Shiva richtet, wenn dieser ohne gegenständlichen Halt ist? Und wie wird Shiva-Sein erlangt, nachdem der Zustand einheitlichen Wesens entstanden ist?

Anmerkung: Niralamba bedeutet ‚ohne Stütze‘, hier ohne greifbares Meditationsobjekt. Samarasa, wörtlich ‚von gleichem Geschmack‘, bezeichnet in diesem Zusammenhang eine Erfahrung der Einheit; es wird nicht ungeprüft mit einer späteren Schule gleichgesetzt.

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.12

īśvara uvāca

Der Herr sprach:

Nayasūtra 4.12

cakṣuṣā yac ca dṛśyeta vācayā yac ca gocaram |
manaś cintayate yāni (buddhiś caiva) {vi}[(ka)]lpayet || 4:12 ||

Was mit dem Auge gesehen werden kann, was der Sprache zugänglich ist, was der Geist denkt und die unterscheidende Einsicht gliedert …

Anmerkung: Der Satz setzt sich in Vers 13 fort. Buddhi ist die unterscheidende Erkenntnisfähigkeit; Manas bezeichnet den denkenden Geist.

Nayasūtra 4.13

ahaṅkṛtāni yāny eva yac ca rūpeṇa saṃsthitam |
yatra nāsti sa tatraiva anveṣṭavyaṃ svadehataḥ || 4:13 ||

… was als ‚Ich‘ oder ‚Mein‘ angeeignet wird und was in Gestalt besteht: Wo all dies nicht ist, gerade dort soll er [Shiva] im eigenen Leib gesucht werden.

Anmerkung: Die ungewöhnliche Grammatik wird sinngemäß wiedergegeben. Der Vers fordert keine Verachtung des Körpers; die Suche findet ausdrücklich im eigenen Leib statt.

Nayasūtra 4.14

yatra tatra sthito deśe yatra tatrāśrame rataḥ |
svastikapadmakabhadram arddhacandraprasāritam || 4:14 ||

An welchem Ort man sich auch befindet und welchem Lebensstand man auch folgt: [Als Sitzweisen werden genannt] Svastika, Lotussitz, Bhadra, Halbmond, der ausgestreckte Sitz …

Anmerkung: Die Aufzählung setzt sich in Vers 15 fort. Die Namen werden nicht mit ungeprüften heutigen Körperhaltungen identifiziert.

Nayasūtra 4.15

sāpāśrayam añjalikaṃ yogapaṭṭaṃ yathāsukham |
aṣṭāsanāni mukhyāni kīrttitāni samāsataḥ || 4:15 ||

… der Sitz mit Rückenstütze, Anjalika und der durch ein Yogaband gestützte Sitz, jeweils bequem. Damit sind die acht wichtigsten Sitzweisen kurz genannt.

Anmerkung: Yathasukham, ‚bequem‘, ist hier keine neunte Sitzhaltung. Die acht Sitzweisen begegnen auch in Nishvasamukha 4.49–50.

Nayasūtra 4.16

eṣām eka(tamaṃ ba)ddhvā pūjayitvā maheśvaram |
karmmaṇā manasā mantrī ekacittas suyantritaḥ || 4:16 ||

Der Mantrapraktizierende nehme eine dieser Sitzweisen ein und verehre Maheshvara durch Handlung und im Geist, gesammelt auf eines und gut beherrscht …

Anmerkung: Der Satz führt zu Vers 17. Möglich ist auch die Deutung ‚durch eine geistige Handlung‘, also als innere Verehrung.

Nayasūtra 4.17

pūrvvācāryyān namaskṛtvā abhāvam bhāvayet sadā |
mūrddhni cittaṃ samālambya ūrddhīkṛtvā tu cakṣuṣī || 4:17 ||

… nachdem er sich vor den früheren Lehrern verneigt hat, vergegenwärtige er sich beständig die Abwesenheit [der Gegenstände]. Er richte das Bewusstsein auf den Scheitel und wende die Augen nach oben.

Anmerkung: Abhava ist hier das Nichtvorhandensein dessen, was die Meditation gegenständlich bindet. Das historische Verfahren wird dokumentiert, nicht als unbegleitete körperliche Übungsanleitung empfohlen.

Nayasūtra 4.18

evam abhyāsamānas tu turyyadvāraṃ vibhindate |
pratyayo jāyate tatra vāyusparśasamopamaḥ || 4:18 ||

Während er so übt, wird das Tor zum vierten Zustand durchbrochen. Dabei entsteht eine Wahrnehmung, die der Berührung eines Luftzugs gleicht …

Anmerkung: Der ‚vierte‘ Zustand wird dem gewöhnlichen Wachen, Träumen und Tiefschlaf gegenübergestellt. Pratyaya kann hier Wahrnehmung, Erfahrung oder ein Anzeichen der Übung bedeuten.

Nayasūtra 4.19

pipīlikāsamo vāpi kaṇṭakā(vedha){sa}[(pra)]bhaḥ |
agnir jvalati dehe tu adhūmo dahanātmakaḥ || 4:19 ||

… oder dem Kriechen einer Ameise oder einem Stich durch einen Dorn. Im Leib soll ein rauchloses, brennendes Feuer aufflammen.

Anmerkung: Dies sind traditionelle Beschreibungen von Übungserfahrungen, keine medizinischen Erklärungen oder Aufforderungen, Schmerzen und Überhitzung zu erzeugen.

Nayasūtra 4.20

divyagandhaś ca jāyeta divyavāṇī pravarttate |
apūrvvaśāstraṃ yat kiñ cic cintitan tu vijānate || 4:20 ||

Ein göttlicher Duft soll entstehen und eine göttliche Stimme sich vernehmen lassen. Was immer er bedenkt, soll er erkennen, auch eine zuvor unbekannte Lehre.

Nayasūtra 4.21

tejasvī kāntiyuktaś ca ūrddhvagāmī tu sañcaret |
siddhaiś ca saha sambhāṣyaṃ tribhirmmāsaiḥ prajāyate || 4:21 ||

Strahlend und von Schönheit erfüllt soll er sich aufwärts [durch die Luft] bewegen. Nach drei Monaten soll sich ihm ein Gespräch mit vollendeten Wesen eröffnen.

Anmerkung: Siddhas sind hier vollendete, übermenschliche Wesen. Die Zeitangabe und die außergewöhnlichen Wirkungen sind Aussagen der Schrift, keine zugesicherten Ergebnisse heutiger Praxis.

Nayasūtra 4.22

ābrahmāstambaparyyantaṃ paśyate divyacakṣu[(ṣā)] |
[saṃva]tsareṇārddhacandraṃ paśyate ca śiropari || 4:22 ||

Mit göttlichem Auge soll er [alle Wesen] von Brahma bis zum Grashalm sehen. Innerhalb eines Jahres soll er über seinem Haupt eine Mondsichel schauen.

Nayasūtra 4.23

tatopari śivaṃ śāntan tandṛṣṭvā cāmṛtībhavet |
sarvvajñaḥ kāmarūpī ca śivatulyaś ca jāyate || 4:23 ||

Darüber [soll er] den friedvollen Shiva [sehen]; wenn er ihn geschaut hat, wird er unsterblich. Allwissend, fähig, jede gewünschte Gestalt anzunehmen, soll er Shiva gleich werden.

Nayasūtra 4.24

eṣa te dhyānasadbhāvaṃ ṣaḍaṅgadhyānavarjitam |
nirālambeti vikhyātaṃ yaṃ jñātvā na tu śocate || 4:24 ||

Dies ist für dich das eigentliche Wesen der Meditation, jenseits der Meditation mit sechs Gliedern. Es ist als ‚ohne gegenständlichen Halt‘ bekannt; wer es erkennt, trauert nicht mehr.

Anmerkung: Die Beziehung zum sechsgliedrigen Yoga bleibt mehrdeutig: Gemeint sein kann auch eine Meditation, die von dessen Meditationsglied verschieden ist. Der Vers zählt die sechs Glieder nicht auf und darf nicht mit einem modernen Standardmodell ergänzt werden.

Nayasūtra 4.25

kim punar dhyānayuktātmā asiddho ’pi [śivo bhavet] |
{saṃsā}re krīḍate caiva yathaiva parameśvaraḥ || 4:25 ||

Wie viel mehr [gilt dies für] einen, dessen Inneres mit Meditation verbunden ist! Auch wenn er noch kein Vollendeter ist, soll er Shiva werden und im Kreislauf der Welt ebenso frei spielen wie der höchste Herr.

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.26

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Nayasūtra 4.26

śakter api vaded rūpaṃ yogañ caiva maheśvara |
tattvasadbhāvam akhilaṃ subodhyam avistaram || 4:26 ||

Erkläre auch die Gestalt der Shakti und den Yoga [mit ihr], o Maheshvara: das ganze wahre Wesen der Wirklichkeit, leicht verständlich und ohne Weitschweifigkeit …

Nayasūtra 4.27

etat sarvvaṃ samāsena kathayasva prasādataḥ |
īśvara u |
[(śṛṇu devi)] --- |
{da}rśanān mocayej jantuṃ rūpaṃ śakteś caturvvidham || 4:27 ||

… dies alles erkläre in Kürze aus deiner Gnade. Der Herr sprach: ‚Höre, Göttin … [Lücke]. Durch das Schauen [soll er] ein Wesen befreien – [durch das Schauen] der vierfachen Gestalt der Shakti.‘

Anmerkung: Die moderne Versnummer umfasst hier sechs Versglieder mit einem Sprecherwechsel innerhalb der Einheit. Wegen der Textlücke ist der genaue Satzbau des zweiten Teils nicht sicher.

Nayasūtra 4.28

adṛṣṭvā śaktilakṣan tu na bhavet pāśahā guruḥ |
dṛṣṭvā caiva mahālakṣaṃ śaktibījena sādhakaḥ || 4:28 ||

Ohne den Meditationsfokus der Shakti geschaut zu haben, wird niemand ein Guru, der die Fesseln löst. Hat aber der Praktizierende den großen Meditationsfokus mit der Shakti-Keimsilbe geschaut …

Anmerkung: Die genaue Lautgestalt des hier genannten Shakti-Bija ist nicht offen ausgeschrieben. Die Edition vermutet den zu Kapitelbeginn behandelten Vier-Kala-Mantra.

Nayasūtra 4.29

sa guruś śivatulyaś ca dṛṣṭvā mocayate jagat |
anyathā sādhakās sarvve na mucyante na mokṣakāḥ || 4:29 ||

… so ist er Guru und Shiva gleich; durch dieses Schauen befreit er die Welt. Andernfalls werden sämtliche Praktizierenden weder selbst befreit noch können sie andere befreien.

Anmerkung: Der Text bindet die befreiende Einweihung an eigene yogische Erkenntnis des Lehrers. Das ist eine traditionelle theologische Aussage, kein überprüfbares Zertifikat persönlicher Unfehlbarkeit.

Nayasūtra 4.30

dhyāyate yas tu yuktātmā vatsarārddhaṃ suya{ntritaḥ} |
{siddhis tu mānuṣe} loke śivatulyaś ca jāyate || 4:30 ||

Wer mit gesammeltem Inneren und gut beherrscht ein halbes Jahr meditiert, dem soll in der Menschenwelt Verwirklichung zuteilwerden; er soll Shiva gleich werden.

Anmerkung: Der ergänzte Anfang des zweiten Halbverses ist eine Konjektur der Edition, unter Vergleich von Nayasūtra 3.67.

Nayasūtra 4.31

susnātas tu śucir bhūtvā pūjayitvā maheśvaram |
pūrvvasiddhān namaskṛtvā yukto dhyānaparāyaṇaḥ || 4:31 ||

Nachdem er gründlich gebadet hat und rein geworden ist, verehre er Maheshvara und verneige sich vor den früheren Vollendeten. Gesammelt und ganz der Meditation zugewandt …

Nayasūtra 4.32

nirlokapradeśe tu gurubhaktas samāhitaḥ |
śraddhām ālambya yatnena āsanan tu yathāsukham || 4:32 ||

… an einem menschenleeren Ort, dem Guru hingegeben und innerlich gesammelt, stütze er sich bewusst auf Vertrauen und [nehme] eine bequeme Sitzhaltung [ein].

Anmerkung: Die Ergänzung des Verbs ergibt sich aus dem Zusammenhang. Die Lesung āsanan tu ist eine Konjektur der Edition.

Nayasūtra 4.33

viyaṃ vīkṣya nimīlyākṣau bhāskarodayasannibham |
paśyate ca mahātejaṃ †śakti prahvena bhāsate† || 4:33 ||

Wenn er mit geschlossenen Augen in den Himmelsraum blickt, sieht er ein großes Licht, dem Sonnenaufgang gleich. Die Shakti erscheint [ihm, als neige sie sich vor ihm?].

Anmerkung: Die zweite Aussage steht unter einem textkritischen Zweifelzeichen. Auch eine Beschreibung der hingebungsvollen Haltung des Praktizierenden ist erwogen worden. Die ungewöhnliche Verbindung von geschlossenen Augen und Blick in den Raum bleibt stehen.

Nayasūtra 4.34

pītaraktā tathā kṛṣṇā sphaṭikābhā manoramā |
draṣṭavyā tu parā śaktis tān dṛṣṭvā tu śivaṃ vrajet || 4:34 ||

Gelb, rot, schwarz und kristallgleich, das Herz erfreuend, soll die höchste Shakti geschaut werden. Wenn er sie geschaut hat, soll er zu Shiva gelangen.

Anmerkung: Die vier Farben stehen im Zusammenhang mit den vier Kalas. Ein späteres System zusätzlicher Kraftstufen wird hier nicht in den Text eingefügt.

Nayasūtra 4.35

abhyāsān māsamātreṇa siddhiliṅgā bhavanti hi |
medhā kāntis tathārogyaṃ sakṛduktañ ca gṛhṇate || 4:35 ||

Durch Übung sollen schon nach einem Monat Anzeichen der Verwirklichung entstehen: Einsicht, Ausstrahlung und Gesundheit; auch soll er erfassen, was nur einmal gesagt worden ist.

Anmerkung: Die Gesundheits- und Zeitangaben sind traditionelle Wirkungsversprechen, keine medizinisch bestätigten Zusagen.

Nayasūtra 4.36

devadānavagandharvvā dvimāsena tu dṛśyate |
divyādivyan tu yat kiñ cid vāṅmayaṃ sampravarttate || 4:36 ||

Nach zwei Monaten sollen Götter, Danavas und Gandharvas gesehen werden. Göttliche wie nichtgöttliche sprachliche Lehre jeder Art soll [aus ihm] hervorgehen.

Anmerkung: Der zweite Halbvers ist in der Edition nach Parallelstellen rekonstruiert. Gandharvas sind himmlische Musiker; Danavas eine Klasse mächtiger Gegenspieler der Götter.

Nayasūtra 4.37

aṇimādyā bhavet siddhiḥ ṣaṇmāsābhyantareṇa tu |
siddhas sarvvajñatām eti śivatulyaś ca jāyate || 4:37 ||

Innerhalb von sechs Monaten sollen die Fähigkeiten entstehen, deren erste das Winzigwerden ist. Der Vollendete soll Allwissenheit erlangen und Shiva gleich werden.

Anmerkung: Anima ist die Fähigkeit, sich atomklein zu machen. Der Vers nennt nicht selbst eine vollständige Liste von acht Siddhis.

Nayasūtra 4.38

trailokye yaḥ pravartteta pratyakṣan tasya jāyate |
yojakas tu pare tattve śaktim evaṃ vindate tu yaḥ || 4:38 ||

Was sich in den drei Welten ereignet, soll ihm unmittelbar sichtbar sein. Wer die Shakti auf diese Weise findet, kann [andere Seelen] mit dem höchsten Tattva verbinden.

Nayasūtra 4.39

ye na paśyanti lakṣasthān dīkṣākārī na mokṣadāḥ |
tān (dṛṣṭvā deśikendras tu) lokānugrahakārakaḥ || 4:39 ||

Wer sie nicht im Meditationsfokus sieht, spendet trotz vollzogener Einweihung keine Befreiung. Hat der vortreffliche Lehrer sie aber geschaut, kann er den Menschen befreiende Gnade erweisen.

Anmerkung: Die wechselnden grammatischen Zahlenformen des Sanskrit werden sinngemäß wiedergegeben. Die Wiederaufnahme von Vers 28 ist keine Verdoppelung durch diese Ausgabe.

Nayasūtra 4.40

cakṣuṣā vācayā sparśā manasā-d-udakena vā |
dīkṣayet sarvvajantūni śivaśaktyopabṛṃhitaḥ || 4:40 ||

Von Shivas Kraft erfüllt, soll er alle Wesen durch Blick, Stimme, Berührung, Gedanken oder Wasser einweihen können.

Anmerkung: Der Bindelaut -d- und die nichtklassischen Formen bleiben im Grundtext erhalten. Historische Einweihungsarten sind gemeint, keine allgemeine Freigabe zur Einweihung durch beliebige Personen.

Nayasūtra 4.41

saṃsāratārako ’sau hi sa ca pūjyo yathā hy aham |
sādhakānye samākhyātās saṃhitāpāragā[ś ca ye] || 4:41 ||

Denn er führt über den Kreislauf der Wiedergeburten hinaus und ist so zu verehren wie ich. Die anderen, die als Praktizierende bezeichnet werden und die Samhitas gründlich beherrschen …

Nayasūtra 4.42

[(na) (te) mocayituṃ śaktāḥ] (śaktijñānavi){varjjitāḥ} |
--- || 4:42 ||

… sind [nicht] fähig zu befreien, wenn ihnen die Erkenntnis der Shakti fehlt. [Der zweite Halbvers ist verloren.]

Anmerkung: An dieser Stelle erwägt die Edition den Verlust eines oder mehrerer Blätter der alten Handschrift, hält ihn aber nicht für gesichert. Zwischen 42 und 43 wird daher keine erfundene Zahl fehlender Verse eingesetzt.

Nayasūtra 4.43

--- |
{so hy ane}naiva dehena siddhiṃ kurvvanti cepsitām || 4:43 ||

[Erster Halbvers verloren.] Denn mit eben diesem Leib soll er die jeweils gewünschte außergewöhnliche Fähigkeit verwirklichen.

Anmerkung: Die rekonstruierte Wortverbindung vor dem überlieferten naiva dehena ist unsicher. Die Übersetzung folgt der von der Edition erwogenen Bedeutung ‚mit eben diesem Leib‘; ein nicht gesicherter Textverlust vor diesem Vers bleibt offen.

Nayasūtra 4.44

sṛjet saṃharate viśvaṃ krīḍate kramatīti ca |
nānārūpadharo bhūtvā icchayā kurute kriyām || 4:44 ||

Er soll die Welt erschaffen und wieder einziehen, frei spielen und [die Welten] durchschreiten können. In vielerlei Gestalten soll er nach seinem Willen handeln.

Nayasūtra 4.45

sarvvajñabhāvam āpannaḥ śivatu{lyaś ca jāyate} |
--- --- vindate || 4:45 ||

Nachdem er den Zustand der Allwissenheit erreicht hat, soll er Shiva gleich werden. [Beschädigter zweiter Halbvers:] … er erlangt …

Nayasūtra 4.46

jijñāsur api yogasya kalān nārhanti ṣoḍaśīm |
ekāham api yogan tu abhyaset kaluṣātmakaḥ || 4:46 ||

Selbst wer nach Erkenntnis sucht, erreicht nicht den sechzehnten Teil [des Wertes] des Yoga. Wenn auch ein innerlich befleckter Mensch den Yoga nur einen Tag übt …

Anmerkung: Die ungewöhnliche Pluralform arhanti bei singularischem Bezug bleibt erhalten. Die vergleichende Wertung gehört zur Lobpreisung des Yoga und ersetzt keine ethische Prüfung des Handelns.

Nayasūtra 4.47

tatkṣaṇāt sa tu śuddho hi mahānidrā vimucyate |
eṣa yogo mayā prokta akleśāt siddhimokṣadaḥ || 4:47 ||

… soll er von diesem Augenblick an rein und aus dem großen Schlaf befreit sein. Diesen Yoga habe ich gelehrt: Er soll ohne Mühsal außergewöhnliche Fähigkeiten und Befreiung schenken.

Anmerkung: Der ‚große Schlaf‘ kann Unwissenheit oder den Tod bezeichnen. Das Heilsversprechen ist keine Zusage augenblicklicher psychischer oder körperlicher Veränderung.

Nayasūtra 4.48

kathyaṃ dvādaśabhir vvarṣais tribhiḥ śuddhena --- |
[jñānaṃ te saṃpravakṣyāmi śṛṇu] --- || 4:48 ||

Es soll nach zwölf Jahren gelehrt werden, bei einem Reinen nach drei [Jahren; Lücke]. Ich werde dir die Erkenntnis erklären; höre … [Lücke].

Anmerkung: Die Fristen beziehen sich nach dem Zusammenhang auf die Unterweisung beim Guru. Eine Ergänzung ‚bei reinem Geist‘ ist möglich, aber nicht sicher überliefert.

Nayasūtra 4.49

--- cāntato bhavet |
sthāvarajaṅgamañ caiva aṇḍajaṃ svedajan tathā || 4:49 ||

[Beschädigter Anfang:] … und schließlich werde … Unbewegliche und bewegliche Wesen, aus Eiern und aus Feuchtigkeit geborene …

Anmerkung: Der erste Halbvers ist nicht zusammenhängend übersetzbar. Der zweite beginnt eine bis Vers 51 reichende Aufzählung. Die Entstehung von Lebewesen aus Feuchtigkeit gehört zur historischen Kosmologie.

Nayasūtra 4.50

sthūlaṃ sūkṣmañ ca yac cānya dṛśyādṛśyaś ca yat sthitam |
ābrahmāstambaparyyantaṃ yac ca kiñ ci vyavasthitam || 4:50 ||

… grobe, feine und andere, alles, was sichtbar oder unsichtbar besteht, alles, was von Brahma bis zum Grashalm vorhanden ist …

Nayasūtra 4.51

tat sarvvam parameśo hi viśvarūpeṇa saṃsthitam |
{vyāpayitvā} [(jagat sarvvaṃ sthito vyo)]{meṣu vyomavat} || 4:51 ||

… all dies ist der höchste Herr, gegenwärtig in der Gestalt des Alls. Er durchdringt die ganze Welt und bleibt wie der Raum in allen Räumen.

Anmerkung: Der zweite Halbvers ist weitgehend rekonstruiert, unter Vergleich späterer Parallelstellen. Die inhaltliche Aussage ist plausibel, ihr Sanskritwortlaut aber nicht unmittelbar vollständig im ältesten Zeugen erhalten.

Nayasūtra 4.52

evaṃ sarvvagato devaḥ śivaḥ paramakāraṇaḥ |
cetāpy evaṃ sthito nityaṃ jagadvyāpī carācaram || 4:52 ||

So ist der Gott Shiva, die höchste Ursache, überall gegenwärtig. Ebenso bleibt auch die erkennende Seele ewig bestehen und durchdringt die Welt des Beweglichen und Unbeweglichen.

Anmerkung: Ceta bezeichnet hier die erkennende Seele. Der Beginn des Verses ist in der Edition ergänzt; die Aussage führt zur Betrachtung der Einheit in den folgenden Versen.

Nayasūtra 4.53

evaṃ śivan tathātmānam ekībhūtaṃ vicintayet |
evaṃ hi sarvvabhūtāni ātmānañ ca tathaiva hi || 4:53 ||

So soll man Shiva und das eigene Selbst als eins betrachten. Wenn man auf diese Weise alle Wesen und ebenso sich selbst …

Anmerkung: Der Satz schließt in Vers 54 an. Die hier gelehrte yogische Betrachtung darf nicht ohne weitere Prüfung zur unveränderlichen Lehrposition aller Schichten des Korpus erklärt werden.

Nayasūtra 4.54

śivavan manyamāno hi rāgadveṣavivarjjitaḥ |
bhavanti nirmmalāḥ śuddhāḥ śivabhāva[(samanvitāḥ)] || 4:54 ||

… als Shiva gleich ansieht, wird man frei von Anhaften und Hass. [Die so Betrachtenden] werden makellos und rein, erfüllt vom Wesen Shivas.

Anmerkung: Der Sanskrittext wechselt vom Singular in den Plural. Möglich ist auch, den zweiten Halbvers auf alle Wesen zu beziehen: Sie erscheinen dem Betrachtenden als rein und von Shiva erfüllt.

Nayasūtra 4.55

([samarasa]s tu vijñeyaḥ śivena saha) {saṃyutaḥ} |
[(śiva)]vat sarvvaviśvan tu manyamānañ carācaram || 4:55 ||

Mit Shiva verbunden, soll man [sich] als eines Wesens [mit ihm] erkennen. Die ganze Welt, das Bewegliche und Unbewegliche, wird als Shiva gleich angesehen.

Anmerkung: Der erste Halbvers ist weitgehend durch Abschriften und editorische Ergänzung gewonnen. Die grammatische Deutung des zweiten ist nicht ganz sicher; er führt die Einheitsbetrachtung fort.

Nayasūtra 4.56

samaṃ śatruṃ samam mitraṃ brāhmaṇaḥ śvapacas samau |
tulyadarśī bhavet siddho jñātvā sarvvaṃ śivātmakam || 4:56 ||

Feind und Freund sind gleich; Brahmane und ‚Hundekocher‘ sind gleich. Wer alles mit gleichem Blick sieht und als von Shivas Wesen erkennt, wird ein Vollendeter.

Anmerkung: ‚Hundekocher‘ ist eine historisch abwertende Bezeichnung für einen Menschen außerhalb der privilegierten sozialen Ordnung. Der Vers stellt gerade diese soziale Hierarchie in der yogischen Betrachtung zurück; die Bezeichnung wird nicht als heutige Wertung übernommen.

Nayasūtra 4.57

niścayī ekacittas tu śivabhāvasamanvitaḥ |
śatravo daṃṣṭriṇo vyāghrā rikṣāḥ siṃhāś ca vānarāḥ || 4:57 ||

Entschlossen, auf eines gesammelt und vom Wesen Shivas erfüllt [betrachte er]: Feinde, Tiere mit Fangzähnen, Tiger, Bären, Löwen und Affen …

Anmerkung: Die Aufzählung gehört zum in Vers 58 beschädigt überlieferten Satz über die Betrachtung als Einheit.

Nayasūtra 4.58

krūras --- pi[śitā hiṃsakā] --- |
--- (m ekaṃ vicintayet) || 4:58 ||

… grausame [Wesen; Lücke], Fleisch … schädigende [Wesen; Lücke]: [All dies] soll er als eines betrachten.

Anmerkung: Eine Aufzählung von Fleischessern oder bestimmten dämonischen Wesen ist möglich, aber nicht ausreichend erhalten, um sie sicher zu rekonstruieren.

Nayasūtra 4.59

evaṃ cintayatas tasya na te hiṃsanti hiṃsakāḥ |
samayā sama tiṣṭhante duṣṭasattvāś ca rākṣasāḥ || 4:59 ||

Während er so betrachtet, sollen ihm schädigende Wesen nichts antun. Auch bösartige Wesen und Rakshasas sollen friedlich [oder: gleichgültig] bleiben.

Anmerkung: Die Wörter samayā sama tiṣṭhante sind mehrdeutig. Der behauptete Schutz ist ein traditionelles Versprechen und kein Grund, im Umgang mit gefährlichen Menschen oder Tieren Vorsicht aufzugeben.

Nayasūtra 4.60

siddhāś caiva tathā devā vaśam āyānti bhṛtyavat |
tulyadarśī viśuddhātmā śivatulyaś ca jāyate || 4:60 ||

Vollendete Wesen und Götter sollen wie Diener unter seine Macht kommen. Wer gleich sieht und dessen Inneres rein ist, soll Shiva gleich werden.

Anmerkung: Die machtorientierte Sprache gehört zur Eigenart des Textes; sie wird nicht in eine bloße Metapher gegenseitiger Freundlichkeit umgedeutet.

Nayasūtra 4.61

krīḍate divyasid{dhaiś ca gacchec ca} sadāśivam |
śaktisamarasañ caiva yogasiddhim apekṣate || 4:61 ||

Er soll mit himmlischen Vollendeten frei spielen und zu Sadashiva gelangen. Die Verwirklichung des Yoga hängt von der Erfahrung einheitlichen Wesens mit der Shakti ab.

Anmerkung: Der erste Halbvers enthält eine Konjektur. Der zweite wird unter Annahme einer ungewöhnlichen Wortform als Aussage über die Voraussetzung der Yoga-Verwirklichung verstanden; Samarasa bleibt der Leitbegriff der Einheitsbetrachtung.

Nayasūtra 4.62

eṣa te jñānasadbhāvaṃ subodhyam avistaram |
jantūnanugrahārtthāya dātavyaṃ śivabhaktine || 4:62 ||

Dies ist für dich das wahre Wesen der Erkenntnis, leicht verständlich und ohne Weitschweifigkeit. Um den Wesen Gnade zu erweisen, soll es einem Shiva hingegebenen Menschen mitgeteilt werden.

Nayasūtra 4.63

śivād uttarī bhaktir yasya nityaṃ guros sadā |
tasya deyam idañ jñānaṃ dvādaśābdanivāsine || 4:63 ||

Wer seinem Guru jederzeit eine Hingabe entgegenbringt, die noch über seine Hingabe an Shiva hinausgeht, dem soll diese Erkenntnis gegeben werden, nachdem er zwölf Jahre [bei ihm] gelebt hat.

Anmerkung: Die Rangordnung und Wartezeit werden historisch wiedergegeben. Vers 66 formuliert eine andere Akzentsetzung; die Spannung zwischen beiden wird nicht geglättet.

Nayasūtra 4.64

--- |
{ahiṃsa}ke dayāyukte guruvākam alaṅghake || 4:64 ||

[Erster Halbvers verloren.] [Sie soll] einem Gewaltlosen, einem Mitfühlenden, einem, der das Wort des Guru nicht übertritt, [gegeben werden] …

Anmerkung: Der Beginn ahiṃsa- ist editorisch ergänzt. Die historische Gehorsamsregel hebt heute weder Gewissensverantwortung noch das Recht auf Schutz und Kritik auf.

Nayasūtra 4.65

saṃsārabhayavitraste dharmmajñe priyavādine |
japaliṅgārccanāṣṭhāya dātavyan tu jitendriye || 4:65 ||

… einem, den die Furcht vor dem Kreislauf der Wiedergeburten erschüttert, der das rechte Handeln kennt und freundlich spricht. Sie soll einem gegeben werden, der Rezitation und Linga-Verehrung treu ist und seine Sinne beherrscht.

Nayasūtra 4.66

śivavad yo gurum manyed bhaktiprahveṇa cetasā |
tasya deyam idaṃ śāstram anyathā na kadācanaḥ || 4:66 ||

Wer mit einem durch Hingabe ehrfürchtigen Herzen den Guru wie Shiva ansieht, dem soll diese Lehre gegeben werden, unter anderen Voraussetzungen aber niemals.

Anmerkung: Anders als Vers 63 stellt dieser Vers den Guru nicht über Shiva und nennt keine zwölfjährige Frist. Die Schlussform kadācanaḥ bleibt wie überliefert erhalten.

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.67

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Nayasūtra 4.67

śivaśa([ktisamudbhūtaṃ jagat sarvvaṃ carācaram |
sa caikāda]śa){paryya}ntaṃ śrutaṃ vistaraśo mayā || 4:67 ||

Die ganze Welt, das Bewegliche und Unbewegliche, ist aus Shivas Kraft hervorgegangen. Ich habe dies bis zur elften [Stufe] ausführlich gehört.

Anmerkung: Die verschachtelten Klammern zeigen die aus Abschriften und Ergänzung zusammengesetzte Lesung. Die ‚elfte‘ Stufe dürfte auf die elf Bestandteile der im Uttarasutra behandelten kosmischen Mantralehre verweisen; die Identifikation ist nicht ausdrücklich erläutert.

Nayasūtra 4.68

akṣarās tattvalakṣāś ca dīkṣāprakriyabhedanam |
dhyānañ caiva pṛthaktvena samarasañ caiva varṇṇitam || 4:68 ||

[Ich habe gehört von] den Lauten als Meditationsfokussen der Tattvas und von der Gliederung der kosmischen Ordnung bei der Einweihung. Auch die Betrachtung jedes Einzelnen und die Erfahrung einheitlichen Wesens wurden beschrieben.

Anmerkung: Prakriya bezeichnet hier die kosmologische Ordnung, nicht nur ein beliebiges praktisches Verfahren. Der Vers blickt auf vorausgegangene Unterweisungen zurück.

Nayasūtra 4.69

ekatve sarvvatattvāni upāsyante yathā hara |
ekatve darśanañ caiva prasādat prabravīhi me || 4:69 ||

Erkläre mir aus deiner Gnade, o Hara, wie alle Tattvas als Einheit verehrt werden und wie sie als Einheit geschaut werden können.

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.70

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Nayasūtra 4.70

nābhiś ca śivo jñeyaḥ śa([ktimadhye pratiṣṭhitā |
araḥ +ḥ+ sarvvatattvāni pratyarāḥ]) --- kāni ca || 4:70 ||

Als Nabe [des Rades] soll Shiva verstanden werden; die Shakti befindet sich in der Mitte. Die Speichen sind alle Tattvas; die Zwischenspeichen … [beschädigter Rest].

Anmerkung: Der zweite Halbvers ist stark beschädigt. Ergänzungen auf ‚Welten‘ oder ‚Laute‘ wurden erwogen, aber nicht sicher festgestellt. Daher wird keine von ihnen als überlieferter Wortlaut ausgegeben.

Nayasūtra 4.71

śivacakran tadā dhyānāt sarvvatattvasamanvitam |
darśanañ ca yathā tasya nimiṣārddhena me śṛṇu || 4:71 ||

Man betrachte dann das Shiva-Rad, das alle Tattvas umfasst. Höre von mir, wie es in einem halben Augenblick geschaut werden soll.

Anmerkung: Chakra bedeutet hier Rad beziehungsweise kreisförmige Meditationserscheinung. Es ist nicht ohne Weiteres eines der Körperchakras späterer Systeme.

Nayasūtra 4.72

khagasyābhimukho bhūtvā †prekṣākāntan nirīkṣayet |
paśyate bindumālān tu nānārekhāvicihnitam || 4:72 ||

Der Sonne zugewandt, soll er hinblicken [genaue Art oder Dauer unklar]. Er soll eine Reihe von Lichtpunkten sehen, die durch verschiedenartige Linien gekennzeichnet ist.

Anmerkung: Prekshakanta bleibt ungeklärt. Das historische Verfahren ist keine heutige Empfehlung, in die Sonne zu schauen; direktes Sonnenstarren kann die Augen schädigen. [10]

Nayasūtra 4.73

avyaktā kṛṣṇarekhā tu janturekhā sitā bhavet |
[pītā niyatirekhā tu dhūmrā kālātmikā smṛtā] || 4:73 ||

Die schwarze Linie ist das Unentfaltete; die Linie der Seele soll weiß sein. Gelb ist die Linie der Niyati; die rauchfarbene gilt als vom Wesen der Zeit.

Anmerkung: Das Unentfaltete wird hier als Prakriti verstanden. Niyati bezeichnet die begrenzende Ordnung beziehungsweise Festlegung; Kala in diesem Vers bedeutet Zeit, nicht Kala als Kraftteil.

Nayasūtra 4.74

{gra}nthirekhā bhaven nīlā vidyā vai raktarekhiṇī |
aiśvarī citrarekhā tu bindurekhā tu sphāṭikī || 4:74 ||

Die Linie des Knotens soll dunkelblau sein; Vidya hat eine rote Linie. Die zu Ishvara gehörende Linie ist vielfarbig, die Linie des Bindu aber kristallgleich.

Anmerkung: Der ‚Knoten‘ dürfte Maya bezeichnen. Die Farbliste wird nicht als Farbsystem heutiger Körperchakras ausgelegt.

Nayasūtra 4.75

catuṣkalā bindumālā suṣumṇāpadike sthitā |
nādaḥ pratyaravaj jñeyaḥ śakti padme virājate || 4:75 ||

Die vier Kalas sind die Reihe der Lichtpunkte, die auf der Stufe der Sushumna ruht. Der Klang soll als den Zwischenspeichen entsprechend verstanden werden; die Shakti erstrahlt im Lotus.

Anmerkung: Die Bedeutung von suṣumṇāpadike ist nicht sicher. Eine unmittelbare Gleichsetzung mit dem zentralen Energiekanal des späteren Yoga wäre unbelegt. Nada bezeichnet den feinen Klang.

Nayasūtra 4.76

jalabudbudavad devaṃ śaktimadhye pratiṣṭhitam |
tan dṛṣṭvā mucyate ([jantuḥ saṃsārabhayabandhanāt] || 4:76 ||

Wie eine Luftblase im Wasser ist der Gott inmitten der Shakti gegenwärtig. Wenn ein Wesen ihn schaut, wird es aus der Fessel der Furcht vor dem Kreislauf der Wiedergeburten befreit.

Anmerkung: Das Bild muss hier nicht Vergänglichkeit bedeuten; es kann die feine, schwer greifbare Erscheinung des Gottes veranschaulichen. Die Ergänzungsklammer setzt sich im Druck in Vers 77 fort.

Nayasūtra 4.77

dṛṣṭvā cakram bhavet ta]ttvī sa) {gu}rur brahmavedinaḥ |
sa cānugrahakarttā ca śivatulyaś ca jāyate || 4:77 ||

Hat er das Rad geschaut, soll er die Wirklichkeit beherrschen; dieser Guru kennt das Brahman. Er ist es, der Gnade erweisen kann, und er soll Shiva gleich werden.

Anmerkung: Die zu Beginn schließenden Klammern gehören zur in Vers 76 eröffneten Ergänzung. Die Einheit darf deshalb nicht ohne diesen editorischen Zusammenhang als klammerfehlerhaft korrigiert werden.

Nayasūtra 4.78

cakṣuṣā vācayā sparśā karmmaṇā manasā japā |
dhāraṇādhyānayogena karoty anugrahecchayā || 4:78 ||

Durch Blick, Stimme, Berührung, Handlung, Gedanken, Rezitation oder durch Yoga mit Konzentration und Meditation erweist er Gnade nach seinem Willen.

Anmerkung: Die Aufzählung erweitert Vers 40. Sie beschreibt die Einweihungsvollmacht des im Text qualifizierten Guru, keine allgemeinen Übertragungsrechte für heutige Leser.

Nayasūtra 4.79

tasya pādarajan devi brahmahā yadi dhā[(rayet |
tatkṣaṇād eva)] {mucyeta} {sarppa}sya kavacaṃ yathā || 4:79 ||

Wenn sogar ein Brahmanenmörder den Staub seiner Füße trägt, o Göttin, soll er in demselben Augenblick frei werden, so wie [eine Schlange] von ihrer alten Haut.

Anmerkung: Ein emphatisches Heilsversprechen, teilweise aus Parallelstellen rekonstruiert. Es erklärt Gewalttaten nicht für harmlos und hebt ihre menschlichen Folgen nicht auf.

Nayasūtra 4.80

[dhyāyate ya]s tu yuktātmā māsam ekaṃ suyantritaḥ |
prākṛtā jāyate siddhir dvimāsena tu pauruṣī || 4:80 ||

Wer mit gesammeltem Inneren und gut beherrscht einen Monat [über das Rad] meditiert, dem soll eine der Prakriti zugehörige Fähigkeit entstehen; nach zwei Monaten eine dem Purusha zugehörige.

Anmerkung: Die Stufen der Verwirklichung werden den kosmologischen Ebenen zugeordnet. Purusha ist die Seele beziehungsweise das Bewusstseinssubjekt.

Nayasūtra 4.81

niyatikālasiddhiś ca māyajā vidyajā tathā |
aiśvarī bindusiddhiś ca kalajā śaktijā tathā || 4:81 ||

[Es folgen] die Fähigkeiten der Niyati und der Zeit, die aus Maya und Vidya hervorgehenden, die zu Ishvara und Bindu gehörenden sowie die aus den Kalas und aus der Shakti hervorgehenden …

Nayasūtra 4.82

pratimā([sena siddhyante] aṣṭā) --- |
(sarvvajñaḥ) sarvvagaḥ śuddhaḥ svatantraḥ kāmarūpavān |
na cecchā hanyate tasya śivasvacchandatāṃ vrajet || 4:82 ||

… sie sollen Monat für Monat verwirklicht werden; acht … [Lücke]. [Er soll] allwissend, überall gegenwärtig, rein und unabhängig sein, jede gewünschte Gestalt annehmen können; sein Wille werde nicht vereitelt. Er soll Shivas Freiheit erlangen.

Anmerkung: Die sechs Versglieder bilden eine einzige nummerierte Einheit. Der genaue Anschluss der Zahl acht im beschädigten ersten Teil ist nicht sicher; die Edition erwägt unter anderem die acht nach Prakriti und Purusha genannten Stufen.

Nayasūtra 4.83

sthūlāt sthūlataro bhūtvā sūkṣmāt sūkṣmataraḥ paraḥ |
satanur vitanuś caiva icchayā kurute tanum || 4:83 ||

Gröber als das Grobe und feiner als das Feine soll dieser Höchste werden können, mit Leib oder ohne Leib; nach seinem Willen bildet er sich einen Körper.

Nayasūtra 4.84

eṣa te jñānasadbhāvam atiguhyam prakīrttitam |
tva([yā guptataraṃ kāryya]m amṛtaṃ na prakāśayet) || 4:84 ||

Dieses eigentliche Wesen der Erkenntnis, höchst geheim, habe ich dir dargelegt. Du sollst es besonders sorgsam bewahren und diesen Nektar nicht [beliebig] offenbaren.

Anmerkung: Das Geheimhaltungsgebot gehört zur historischen Ordnung initiatorischer Unterweisung; es wird als Textaussage dokumentiert.

Nayasūtra 4.85

{suparīkṣitaśiṣyāya deyaṃ} (dvādaśabhis samaiḥ |
anyathā duṣṭamarttyānāṃ na deyam amṛtāmṛtam || 4:85 ||

Einem Schüler, der zwölf Jahre gründlich geprüft worden ist, soll es gegeben werden. Andernfalls soll dieser Nektar des Nektars schlechten Menschen nicht gegeben werden.

Anmerkung: Der Anfang ist unter Vergleich einer Parallelstelle ergänzt. Die im Druck eröffnete Klammer setzt sich über mehrere Verse fort.

Nayasūtra 4.86

havyakavyapradā marttyā devānān tu kuṭumbinaḥ |
tattvavettā śivaṃ yāti devānāṃ hīyate haviḥ || 4:86 ||

Gewöhnliche sterbliche Haushalter geben den Gottheiten Opfergaben und Ahnenspenden. Wer aber die Wirklichkeit kennt, gelangt zu Shiva; [der Ertrag] der Opfergabe an die Götter nimmt wieder ab.

Anmerkung: Havya und kavya beziehen sich gewöhnlich auf Götter beziehungsweise Ahnen. Die Verbindung mit devānām ist hier nicht völlig glatt; die Übersetzung wahrt den Gegensatz zwischen vergänglichem Opferertrag und Befreiung.

Nayasūtra 4.87

daśād ūrddhvaṃ yadi brūyāl lobhād darppeṇa vā punaḥ |
śiracchedan tu vajreṇa kruddhaḥ kuryāc chatakratuḥ || 4:87 ||

Wenn er es aus Gier oder aus Hochmut mehr als zehn [Schülern] mitteilt, soll der erzürnte Indra ihm mit dem Donnerkeil den Kopf abschlagen.

Anmerkung: Shatakratu, ‚der hundert Opfer vollzogen hat‘, ist hier Indra. Die drastische göttliche Sanktion wird nicht als Aufforderung zu menschlicher Bestrafung verstanden.

Nayasūtra 4.88

etasmāt kāraṇā([d devi] nākhyātavya hi){taiṣiṇā} |
{śi}vaśaktisamākṛṣṭe dātavyaṃ suparīkṣite || 4:88 ||

Aus diesem Grund, o Göttin, soll ein Mensch, der sein Wohl sucht, es nicht [beliebig] weitergeben. Einem von Shivas Kraft angezogenen und gründlich geprüften Menschen soll es gegeben werden.

Anmerkung: Die Wendung ‚von Shivas Kraft angezogen‘ darf nicht ohne Kennzeichnung mit der später ausgearbeiteten Lehre vom Herabkommen der Shakti gleichgesetzt werden.

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.89

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Nayasūtra 4.89

vedādau sarvvaśāstre ca praṇavaṃ kila mokṣadam |
sa katham mokṣado deva prasādād vaktum arhasi || 4:89 ||

In den Veden und in allen anderen Lehren gilt der Pranava als befreiend. Erkläre aus deiner Gnade, o Gott, wie er Befreiung schenkt.

Anmerkung: Pranava ist die Bezeichnung der heiligen Silbe Om. Die anschließende Analyse in acht Klangmaße und kosmische Zuordnungen ist nicht in allen Einzelheiten sicher verständlich.

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.90

īśvara u |

Der Herr sprach:

Anmerkung: U ist die in der Vorlage stehende Abkürzung für uvāca, ‚sprach‘.

Nayasūtra 4.90

arddhaṣoḍaśamātras tu devāṣṭakasamanvitaḥ |
dvātriṃśatattvasaṃyuktaṃ dhyāto niṣkala mokṣadaḥ || 4:90 ||

Der Nishkala-[Mantra] hat die Hälfte von sechzehn Klangmaßen, ist mit acht Gottheiten verbunden und umfasst zweiunddreißig Tattvas. Wird über ihn meditiert, schenkt er Befreiung.

Anmerkung: Die Hälfte von sechzehn ist acht. Matra bezeichnet ein Laut- beziehungsweise Zeitmaß; Nishkala heißt ‚ohne Teile‘, wird hier aber paradoxerweise in seinen meditativen Bestandteilen beschrieben.

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.91

devy uvāca |

Die Göttin sprach:

Nayasūtra 4.91

arddhaṣoḍaśamātrā[(s tu devāṣṭakasamanvitaḥ |
dvā)]triṃśatattvasaṃyuktaḥ kathaṃ dhyeyo hi niṣkalaḥ || 4:91 ||

Wie soll über den Nishkala-[Mantra] meditiert werden, der acht Klangmaße hat, mit acht Gottheiten verbunden ist und zweiunddreißig Tattvas umfasst?

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.92

īśvara u |

Der Herr sprach:

Nayasūtra 4.92

ādipañcasvarādau tu pañcaviṃśas tu yonijaḥ |
binduṣaṇnādaśaktiś ca pañcavarṇṇatribhinnakaḥ || 4:92 ||

Am Anfang stehen der erste und der fünfte Vokal, dann der fünfundzwanzigste [Konsonant], das aus dem Ursprung Geborene, Bindu, als sechster der Nada und Shakti; [sie sind] ‚fünflautig, dreifach unterschieden‘ [?].

Anmerkung: Sicher erkennbar sind die Lautanspielungen A, U und M. Die weiteren Glieder und die Schlusswendung lassen sich nicht zu einer zweifelsfreien Liste von acht Elementen auflösen. Die deutsche Fassung übersetzt auch den unklaren Wortlaut, gibt ihn aber nicht als entschlüsseltes Mantrasystem aus.

Nayasūtra 4.93

brahmā viṣṇuś ca rudraś ca arddhacandrīśa nāda ca |
śaktiś ca saptamī jñeyā śivaś caiva tathāṣṭamaḥ || 4:93 ||

Brahma, Vishnu, Rudra, der Mondsichelträger, Isha und Nada; als siebte soll Shakti verstanden werden und als achter Shiva.

Anmerkung: Die ersten sechs Namen sind in einer grammatisch unregelmäßigen Aufzählung verbunden. Die Trennung in Mondsichelträger, Isha und Nada folgt der von der Edition bevorzugten Lesart.

Nayasūtra 4.94

bhūtāni ādibījas tu dīrgham akṣeṣu kīrtti[tāḥ] |
(trimātraṃ sa ma){naḥ} proktaṃ tanmātreṣu ca u smṛtaḥ || 4:94 ||

Die erste Keimsilbe [A] bezeichnet die Elemente; ihre lange Form [Ā] wird den Sinnesfähigkeiten zugeordnet. Die dreizeitige Form heißt Geist; U gilt als [Zeichen] der feinen Sinnesqualitäten …

Anmerkung: Trimatra bezeichnet einen gedehnten Laut von drei Zeitmaßen, nicht drei getrennte Silben. Tanmatras sind die feinen Qualitäten, auf denen die Sinneswahrnehmung beruht.

Nayasūtra 4.95

ahaṅkāre ca buddhau ca avyaktāditṛkeṣu ca |
dīrghaś caiva samākhyātaḥ plutaḥ puruṣa ucyate || 4:95 ||

… seine lange Form [Ū] wird dem Ichbildner, der unterscheidenden Einsicht und der Dreiheit vom Unentfalteten her zugeordnet. Die überlang gedehnte Form wird als Purusha bezeichnet.

Anmerkung: Die Wendung avyaktāditṛkeṣu ist unsicher: Gemeint sein können die drei Grundqualitäten der Prakriti oder die Dreiheit aus Ichbildner, Einsicht und Prakriti. Eine eindeutige Liste wird deshalb nicht vorgetäuscht.

Nayasūtra 4.96

niyati pañcaviṃśas tu dīrgha kālaś ca paṭhyate |
trimātras tu bhaven māyā saṃsāraparivarttinī || 4:96 ||

Der fünfundzwanzigste [Konsonant, M,] ist Niyati; seine lange Form wird als Zeit überliefert. Seine dreizeitige Form ist Maya, die den Kreislauf der Wiedergeburten in Bewegung hält.

Anmerkung: Auch M wird hier in kurzer, langer und dreizeitiger Gestalt gedacht. Das entspricht nicht der gewöhnlichen grammatischen Einteilung von Vokallängen und wird nicht stillschweigend korrigiert.

Nayasūtra 4.97

bindu sadāśivaṃ devam asya nāda maheśvaram |
(devī ca raśmayaḥ proktā vidyā caiva nigadyate || 4:97 ||

Bindu ist der Gott Sadashiva; sein Nada ist Maheshvara. Die Strahlen werden als die Göttin bezeichnet, und sie wird auch Vidya genannt.

Anmerkung: Die Zuordnung ist nicht völlig klar. Die Edition versteht Göttin und Vidya hier als eine einzige Ebene, damit mit Vers 98 insgesamt zweiunddreißig Tattvas gezählt werden können. Ihre Gleichsetzung bleibt eine Deutungsentscheidung.

Nayasūtra 4.98

dvātṛṃśakaḥ śivo jñeyo niṣkalaḥ parameśvaraḥ |
yaṃ dhyātvā mokṣam āyānti śivatulyā bhavanti ca || 4:98 ||

Als zweiunddreißigster soll Shiva erkannt werden, der teilelose höchste Herr. Indem sie über ihn meditieren, gelangen [die Menschen] zur Befreiung und werden Shiva gleich.

Anmerkung: Die nichtklassische Zahlenform dvātṛṃśakaḥ bleibt stehen. Die Zählung darf nicht ungeprüft in ein späteres System von sechsunddreißig Tattvas umgewandelt werden.

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.99

dev[(y uvāca |

Die Göttin sprach:

Anmerkung: Die im Druck über mehrere Einheiten laufende Ergänzungsklammer schließt im ersten Halbvers von Vers 99.

Nayasūtra 4.99

yogas tu bahudhā khyāto lakṣālakṣaṃ maheśvara |
yogasad)]bhāvam ākhyāhi atra me saṃśayo mahān || 4:99 ||

Yoga ist nun auf vielerlei Weise gelehrt worden, mit und ohne Meditationsfokus, o Maheshvara. Erkläre sein eigentliches Wesen; darüber habe ich großen Zweifel.

Nayasūtra 4.100

nāḍīsaṃśodhanañ caiva vāyūnāñ ca jayaṃ katham |
sthānaṃ rūpañ ca karmmañ ca śabdam prabrūhi śaṅkara || 4:100 ||

[Erkläre] auch die Reinigung der Nadis und wie die Atemkräfte beherrscht werden. Sage mir, o Shankara, ihre Orte, Gestalten, Tätigkeiten und Klänge.

Anmerkung: Nadis sind im historischen Yogamodell feine Leitbahnen; Vayus sind funktional unterschiedene Atem- oder Lebenskräfte. Sie werden nicht als anatomisch nachgewiesene Röhren beschrieben.

Nayasūtra 4 – Sprecherangabe vor 4.101

īśvara uvāca |

Der Herr sprach:

Nayasūtra 4.101

paramaṃ yogasadbhāvaguhyā guhyataram param |
yan na kasyacid ākhyātan tad yogaṃ śṛṇu tattvataḥ || 4:101 ||

Höre wahrheitsgemäß diesen höchsten Yoga, das eigentliche Wesen des Yoga, geheimer als das Geheime, das Höchste, das niemandem erklärt worden ist.

Anmerkung: Die Steigerung des Geheimnischarakters gehört zur Offenbarungsrhetorik. Die ungewöhnliche Verbindung der ersten Wörter bleibt im Sanskrit erhalten.

Nayasūtra 4.102

supraśaste bhūpradeśe nāgnyudakasamīpataḥ |
vālukāśarkkarāhīne śuṣkavṛkṣavivarjjite || 4:102 ||

An einem besonders geeigneten Stück Boden, nicht nahe bei Feuer oder Wasser, frei von Sand und Kieseln, ohne vertrocknete Bäume …

Nayasūtra 4.103

ni(ssarppa){kīṭa}valmīke ītibhiḥ parivarjjite |
puṇyadharmmiṣṭhasaṃvāse tatra yogaṃ samabhyaset || 4:103 ||

… ohne Schlangen, Würmer und Ameisenhügel, frei von natürlichen Gefahren, an einem heiligen Ort, an dem rechtschaffene Menschen wohnen: Dort soll man Yoga üben.

Anmerkung: Die Ortsbeschreibung setzt Vers 102 fort. Teile des ersten Halbverses sind unter Vergleich einer Parallelstelle ergänzt.

Nayasūtra 4.104

devadevaṃ samabhyarccya vighneśañ ca punaḥ punaḥ |
pūrvvācāryyān namaskṛtvā yukto dhyānaparāyaṇaḥ || 4:104 ||

Nachdem man den Gott der Götter und den Herrn der Hindernisse wiederholt verehrt und sich vor den früheren Lehrern verneigt hat, sei man gesammelt und ganz der Meditation zugewandt …

Anmerkung: Vighnesha, ‚Herr der Hindernisse‘, könnte Ganesha bezeichnen; der Vers nennt jedoch keinen Ganesha-Mantra und beschreibt keine Elefantengestalt.

Nayasūtra 4.105

āsanam padmakaṃ baddhvā svastikabhadracandrakam |
sāpāśrayaṃ yogapaṭṭam āsīnañ ca yathāsukham || 4:105 ||

… im Lotussitz, im Svastika-, Bhadra- oder Halbmondsitz, mit einer Rückenstütze oder einem Yogaband, oder so sitzend, wie es bequem ist.

Anmerkung: Anders als in Vers 14–15 werden hier nicht ausdrücklich acht Sitzweisen aufgezählt. Die fehlenden Namen werden nicht aus der früheren Liste ergänzt.

Nayasūtra 4.106

tālujihvo dantāsparśī (samako) nāsādṛṣṭigaḥ |
satyavāg a (?) na (?) hiṃsaś ca nityayuktaś ca siddhyati || 4:106 ||

Die Zunge am Gaumen, die Zahnreihen ohne Berührung, den Körper gerade und den Blick zur Nase gerichtet, wahrhaftig sprechend und ohne Gewalt [?]: Wer beständig gesammelt bleibt, soll zur Verwirklichung gelangen.

Anmerkung: Die Haltung wird aus dem beschädigten Wortlaut unter Vergleich von Nishvasamukha 4.51 verstanden. Besonders die Lesung zur Gewaltlosigkeit ist unsicher; das scheinbar doppelte Verneinungselement wird nicht als Aufforderung zu Gewalt übersetzt.

Nayasūtra 4.107

śikhāṅkurais tu nirddahya dehaṅ kṛtvā śivātmakam |
daśadhā yogamārggeṇa abhyaset parameśvaram || 4:107 ||

Nachdem er den Leib mit flammenden Sprossen [in der Vorstellung] verbrannt und ihn zu Shivas Wesen gemacht hat, soll er sich auf dem zehnfachen Yogaweg auf den höchsten Herrn ausrichten.

Anmerkung: Gemeint ist rituelle Imagination, keine wirkliche Verbrennung. Shikhankura ist eine Konjektur der Edition. Der zehnfache Weg ist vermutlich mit der Aufzählung des folgenden Verses verbunden.

Nayasūtra 4.108

mantra bindu atītañ ca nādātmā jyoti vigraham |
kalpanālakṣam akalaṃ dhyātvādvaitena sarvvagam || 4:108 ||

Man betrachte [ihn] als Mantra, Bindu, das Darüberhinausliegende, Nada, Selbst, Licht, Gestalt, Vorstellung, das ohne Meditationsfokus und das Teilelose – als den, der ohne Zweiheit alles durchdringt.

Anmerkung: Dies ist eine auslegungsbedürftige Liste, keine sicher erklärte Zehner-Methode. Nādātmā könnte auch ein einziges Glied bilden; dann müsste anders gezählt werden. Die Übersetzung folgt einer möglichen Gliederung in zehn.

Nayasūtra 4.109

prakṛtyādau śivāntañ ca yoga[: (khyāto mahāṃs tu)]{va} |
(da[śa)]dhā ca punaḥ khyāto dhyāyeta prāṇasya saṃyamāt || 4:109 ||

Der große Yoga, der bei Prakriti beginnt und bis Shiva reicht, ist dir gelehrt worden; auch er wurde als zehnfach beschrieben. Man meditiere durch die Zügelung des Atems.

Anmerkung: Der Vers verweist vermutlich auf die zehn in 4.80–82 behandelten kosmologischen Verwirklichungsstufen. Die ergänzte Lesung des ersten Halbverses bleibt sichtbar.

Nayasūtra 4.110

avasavyena pūreta savyenaiva tu recayet |
nāḍīsaṃśodhanaṃ hy etan mokṣamārgapathasya tu || 4:110 ||

Man fülle [den Leib mit Atem] durch die rechte [Nasenseite] und entleere ihn durch die linke. Dies ist die Reinigung der Nadis für denjenigen, dessen Weg auf Befreiung gerichtet ist.

Anmerkung: Die Übersetzung folgt den üblichen Bedeutungen avasavya, rechts, und savya, links. Goodall u. a. 2015, S. 489, geben dagegen Einatmen links und Ausatmen rechts; diese Abweichung bleibt dokumentiert und verlangt weitere Prüfung. Mokshamargapatha wird hier nicht ohne Textnachweis als Name eines zentralen Kanals ausgegeben. Historische Atemanweisung, keine individuell abgestimmte Praxisempfehlung.

Nayasūtra 4.111

recanāt pūraṇād rodhāt prāṇāyāmas trayaḥ smṛtaḥ |
sāmānyād bāhir etāni punaś cābhyantarāṇi ca || 4:111 ||

Durch Ausleeren, Füllen und Anhalten gilt Pranayama als dreifach. Gewöhnlich sind diese [Vorgänge] äußerlich; daneben gibt es auch innerliche.

Anmerkung: Rechana, Purana und Rodha bezeichnen Ausatmen, Einatmen und Atemhalten. Die grammatische Unregelmäßigkeit trayaḥ bei singularischem prāṇāyāmaḥ bleibt erhalten.

Nayasūtra 4.112

abhyantareṇa receta pūrec cābhya[(ntareṇa tu)] |
(ni{ṣkampyaṃ kumbhakaṃ} kuryyāt trayam ābhyantarāṇi tu || 4:112 ||

Innerlich soll man ausleeren, innerlich füllen und ein unbewegtes Anhalten vollziehen. Das sind die drei innerlichen [Formen].

Anmerkung: Die genaue technische Bedeutung von ‚innerlich‘ wird nicht erläutert. Die Edition erwägt vorgestellte innere Atemvorgänge während des äußeren Anhaltens; dies ist eine Deutung, keine offen ausgesprochene Detailanweisung des Verses.

Nayasūtra 4.113

nābhyāṃ hṛdayasañcārān manaś cendriyagocarāt |
prāṇāyāmaś caturthas tu supraśāntas tu viśrutaḥ || 4:113 ||

Durch das Überführen [der Atemkraft] vom Herzen in den Nabel und [des Geistes] fort von den Sinnesgegenständen entsteht eine vierte Form des Pranayama, bekannt als ‚vollkommen beruhigt‘.

Anmerkung: Suprashanta ist der Name dieser vierten Form. Eine Gleichsetzung mit späteren Verfahren des Hatha Yoga wird nicht in die Übersetzung aufgenommen.

Nayasūtra 4.114

prāṇarodhe tu sampūrṇṇe nābhin nītvā samucchvaset |
śanair vimuñcayed vāyuṃ vāmanāsikayā puṭe || 4:114 ||

Wenn das Anhalten des Atems vollendet ist, soll man [ihn] zum Nabel führen und ausatmen. Langsam soll die Luft durch die Öffnung der linken Nasenseite entlassen werden.

Anmerkung: Unklar bleibt, ob dies unmittelbar nach jeder Atemhaltephase oder nach der besonderen vierten Form geschehen soll. Die Übersetzung stellt keine Aufforderung zu langem oder erzwungenem Atemhalten dar.

Nayasūtra 4.115

vāyavīn dhāraye {’ṅgu}ṣṭhe āgneyāṃ nābhimadhyataḥ) |
{māhendrīṃ kaṇṭhadeśe tu vāruṇīṃ ghā}ṇṭikeṣu ca || 4:115 ||

Die Luft-Betrachtung soll man am großen Zeh halten, die Feuer-Betrachtung in der Mitte des Nabels, die Erd-Betrachtung im Halsbereich und die Wasser-Betrachtung am Zäpfchen beziehungsweise in dessen Bereich …

Anmerkung: Die genaue anatomische Bedeutung der Pluralform ghantikeshu ist unsicher. Große Teile sind ergänzt. Mahendri bezeichnet hier die Erde, Varuni das Wasser; die Reihenfolge wird nicht in ein späteres Schema umgeordnet.

Nayasūtra 4.116

ākāśadhāraṇā mūrdhni sarvvasiddhikarī smṛtā |
ekadvitṛcatuḥpañca udghātaiś ca prasiddhyati || 4:116 ||

… die Raum-Betrachtung aber am Scheitel; sie gilt als alle Fähigkeiten bewirkend. Durch ein, zwei, drei, vier und fünf Udghatas soll [die jeweilige Betrachtung] gelingen.

Anmerkung: Udghata wird im folgenden Vers beschrieben. Die Zahlen stehen in dieser Reihenfolge im Text; sie werden nicht nach späteren Elementlehren neu zugeordnet.

Nayasūtra 4.117

saṃruddhe caiva prāṇe tu mūrdhni gatvā nivarttate |
tad udghātam iti proktañ jñātavyaṃ yogibhis sadā || 4:117 ||

Wenn der Atem angehalten ist, zum Scheitel gelangt und zurückkehrt, wird dies ‚Udghata‘ genannt. So sollen es die Yogis verstehen.

Anmerkung: Udghata bedeutet etwa ‚Aufstoß‘ oder ‚Ausbruch‘ und bezeichnet hier ein als Aufsteigen erlebtes Atemgeschehen. Solche historischen Beschreibungen sind keine Empfehlung, Sauerstoffmangel oder Überdruck hervorzurufen.

Nayasūtra 4.118

rāga{dveṣau} prakṣīyete prāṇāyāmaiś ca dhā(ritaiḥ) |
dhāraṇais sarvvapāpāni (pratyāhāre ’kṣasaṃyamaḥ) || 4:118 ||

Durch beständig gehaltenen Pranayama sollen Anhaften und Hass schwinden; durch die Konzentrationsübungen alle Verfehlungen. Durch das Zurückziehen [des Geistes] entsteht Beherrschung der Sinne.

Anmerkung: Die Vokalzeichen sind im ältesten Zeugen teilweise beschädigt; der Wortlaut stützt sich daher auch auf Abschriften. Pratyahara bezeichnet hier die Abwendung von den Sinnesgegenständen.

Nayasūtra 4.119

{hṛdgude nā}bhikaṇṭhau ca sarvvasandhau tathaiva ca |
prāṇādyās saṃsthitā hy ete rūpaṃ śabdañ ca me śṛṇu || 4:119 ||

Im Herzen, am After, an Nabel und Kehle sowie in allen Gelenken befinden sich diese [fünf Atemkräfte], beginnend mit Prana. Höre von mir ihre Farben und Klänge.

Anmerkung: Die Reihenfolge lautet im Zusammenhang: Prana, Apana, Samana, Udana, Vyana. Der ergänzte Anfang stützt sich auf die anschließende Funktionsbeschreibung.

Nayasūtra 4.120

drutatāranibhaḥ pīta indragopakasannibhaḥ |
kṣīrābha sphaṭikābhaś ca pañcānāṃ rūpalakṣaṇam || 4:120 ||

Geschmolzenem Silber gleich, gelb, einem roten Indragopaka-Käfer gleich, milchweiß und kristallgleich: So werden die Farben der fünf beschrieben.

Anmerkung: Die Farben gehören in derselben Reihenfolge zu den in Vers 119 bezeichneten Atemkräften.

Nayasūtra 4.121

ghaṇṭā kāṃsaś ca madhuro gajanādo bahudhvaniḥ |
prāṇādīnān tu pañcānāṃ śabdam etad udāhṛtam || 4:121 ||

Glocke, Gong, süßer Klang, Elefantenruf und vielstimmiger Klang: So werden die Laute der fünf Atemkräfte, beginnend mit Prana, genannt.

Anmerkung: Kamsa kann auch das Glockenmetall bezeichnen; hier ist im Rahmen einer Klangliste wahrscheinlich ein Gong gemeint. Die Klangbilder sind nicht als ausgeschriebene Mantras belegt.

Nayasūtra 4.122

jalpitaṃ hasitaṃ ([gītan nṛtya] yuddhagatiḥ) {kalāḥ} |
śilpañ ca sarvvakarmmāṇi prāṇasyaiva hi ceṣṭitam || 4:122 ||

Sprechen, Lachen, Singen, Tanzen, Kampfbewegungen, Künste, Handwerk und sämtliche Tätigkeiten: Dies sind die Wirkungen des Prana.

Anmerkung: Mehrere Glieder der Aufzählung sind durch Abschriften beziehungsweise Konjektur gewonnen. Die Übersetzung wahrt alle im edierten Text stehenden Tätigkeiten.

Nayasūtra 4.123

praveśaye ’nnapānāni nṛmalaṃ srāvayed adhaḥ |
andhatvaṃ śrotrarogañ ca apānas tu kariṣyati || 4:123 ||

Apana lässt Speise und Trank eintreten und menschliche Ausscheidungen nach unten abfließen. Er soll auch Blindheit und Erkrankung des Gehörs verursachen.

Anmerkung: Die Krankheitszuordnung gehört zur historischen Körperlehre. Sie ist keine heutige Erklärung der Ursachen von Seh- oder Hörstörungen.

Nayasūtra 4.124

āśitaṃ līḍhapītañ ca samānas samatān nayet |
kṣutahikkācchardikāsa udānasya viceṣṭitam || 4:124 ||

Samana führt Gegessenes, Gelecktes und Getrunkenes zur Gleichmäßigkeit. Niesen, Schluckauf, Erbrechen und Husten sind die Wirkungen des Udana.

Anmerkung: Die nichtklassische Form līḍha bleibt im Grundtext erhalten. Samana wird als ausgleichende Atemkraft im Zusammenhang mit der Verdauung beschrieben.

Nayasūtra 4.125

romaharṣaś ca svedaś ca śūlado hy aṅgabhañjakaḥ |
vyānasye([tāni] karmmāṇi) {sparśa}tvañ caiva vindati || 4:125 ||

Aufrichten der Körperhaare, Schwitzen, das Hervorrufen stechender Schmerzen und das Beugen der Glieder sind die Tätigkeiten des Vyana; auch nimmt er Berührung wahr.

Anmerkung: Der Text ordnet alltägliche und krankhafte Vorgänge demselben Atemmodell zu. Daraus folgt keine medizinische Diagnose- oder Behandlungsanleitung.

Nayasūtra 4.126

aṅguṣṭhajānu hṛdaye locane mūrdhni saṃsthitāḥ |
nāgādyā bahurūpāś ca karmma teṣān nibodha me || 4:126 ||

An den großen Zehen, den Knien, im Herzen, an den Augen und am Scheitel befinden sich die vielgestaltigen [weiteren Atemkräfte], beginnend mit Naga. Höre von mir ihre Tätigkeiten.

Anmerkung: Der Vers schreibt die vollständige Namensliste dieser fünf zusätzlichen Atemkräfte nicht aus. Eine aus späteren Paralleltexten stammende Namenszeile wird nicht in den Grundtext eingeschoben.

Nayasūtra 4.127

āhlādanodvejanaś ca śoṣaṇatrāsakas tathā |
nidrātandrīkaras tv anyo yojako hi dhanañjayaḥ || 4:127 ||

[Sie bewirken] Freude, Erregung, Austrocknung und Erschrecken. Der weitere, Dhananjaya, der die Verbindung [zur nächsten Verkörperung] herstellt, bewirkt Schlaf und Müdigkeit.

Anmerkung: Die Deutung von yojaka, ‚verbindend‘, auf eine neue Verkörperung wird durch spätere Kommentierung gestützt, ist im Vers selbst aber nicht ausgeführt.

Nayasūtra 4.128

śvāsasaṅkocacchede ca ghurughurasyotkrameti ca (?) |
nāgādīnān tu pañcānām mṛtyukāle [(viceṣṭitam)] || 4:128 ||

[Das Entweichen] des Atems, Zusammenziehen, Durchtrennen, Röcheln und das Austreten [aus dem Körper] sind beim Tod die Tätigkeiten der fünf [Atemkräfte], beginnend mit Naga.

Anmerkung: Einzelne Vorgänge und ihre grammatische Verbindung sind unsicher; das Fragezeichen der Edition bleibt erhalten. Der Vers dokumentiert ein historisches Sterbemodell.

Nayasūtra 4.129

(na) {caiva yāti} cotkrāntyā kūrmmaś caika{kas tu} tiṣṭhati |
ākuñcayati vai kūrmmaḥ śoṣayec ca kalevaram || 4:129 ||

Kurma allein bleibt zurück und geht beim Austreten [der Seele] nicht mit hinaus. Kurma zieht den Leichnam zusammen und trocknet ihn aus.

Anmerkung: Anders als in manchen späteren Darstellungen bleibt hier Kurma, nicht Dhananjaya, im Körper zurück. Diese Eigenart wird nicht nach einem vertrauteren Schema korrigiert.

Nayasūtra 4.130

prāṇam eva jayet pūrvvañ jite prāṇe jitam manaḥ |
jite manasi śāntātmā paratattvam prakāśate || 4:130 ||

Zuerst soll man Prana beherrschen. Ist Prana beherrscht, ist der Geist beherrscht. Ist der Geist beherrscht, kommt das Selbst zur Ruhe, und die höchste Wirklichkeit leuchtet auf.

Anmerkung: Die Form śāntātmā ist grammatisch ungewöhnlich. Die Aussage verbindet Atemsammlung mit geistiger Ruhe; sie ist keine Aufforderung zu gewaltsamer Atemunterdrückung.

Nayasūtra 4.131

prāṇāpānau gude dhyāye prāṇasamānau ca nābhitaḥ |
prāṇodānaś ca kaṇṭhe ca prāṇa[vyānaś ca sa]{rvvagam} || 4:131 ||

Prana und Apana soll man gemeinsam am After betrachten, Prana und Samana am Nabel, Prana und Udana an der Kehle sowie Prana und Vyana überall [im Leib].

Anmerkung: Die im edierten Sanskrit vorhandenen metrischen Unregelmäßigkeiten bleiben erhalten. Gude dhyaye ist eine Konjektur unter Vergleich einer Parallelstelle.

Nayasūtra 4.132

{nāgādyām prāṇasaṃyuktāṃ svasthāneṣu} nirundhyet |
niruddhasya ca yat kālam pravakṣyāmi nibodhata || 4:132 ||

Naga und die weiteren [Atemkräfte] soll man zusammen mit Prana an ihren jeweiligen Orten anhalten. Welche Zeit für dieses Anhalten gilt, werde ich erklären; hört zu.

Anmerkung: Der erste Halbvers ist weitgehend ergänzt. Der folgende Zahlenwert wird nur als historische Textangabe übersetzt, nicht als sichere Atemhaltedauer empfohlen.

Nayasūtra 4.133

tālāt prabhṛti dhāryeta yāvat pañcaśatāntaḥ |
jito ’nilo bhavaty evaṃ saṅkrāntyutkrāntikarmmakṛt || 4:133 ||

Von einem Tala an soll [der Atem] gehalten werden, bis hin zu fünfhundert. So soll die Atemkraft beherrscht werden und das Übertreten [in einen anderen Körper] sowie das Austreten [aus dem eigenen] bewirken können.

Anmerkung: Tala ist hier ein nicht eindeutig bestimmtes Zeitmaß; es wird nicht in Sekunden umgerechnet. Utkranti kann die absichtliche Beendigung des verkörperten Lebens meinen. Solche gefährlichen historischen Verfahren sind keine heutigen Praxisanregungen.

Nayasūtra 4.134

divyakānti śubho gandho prajñā cāsya vivarddhate |
divyadṛṣṭiś ca śrotrañ ca divyā vācā pravar[ttate] || 4:134 ||

Göttliche Ausstrahlung, angenehmer Duft und Einsicht sollen bei ihm wachsen. Göttliches Sehen und Hören sowie eine göttliche Stimme sollen sich entfalten.

Nayasūtra 4.135

(vāyuvad) vicarel lokāṃ siddhān devāś ca paśyati |
manecchācintitaprāptiḥ pravartteta guṇāṣṭakam || 4:135 ||

Wie der Wind soll er die Welten durchschreiten, Vollendete und Götter sehen. Was sein Geist wünscht und bedenkt, soll er erlangen; die acht [außergewöhnlichen] Eigenschaften sollen sich entfalten.

Anmerkung: Die acht Eigenschaften werden hier nicht einzeln benannt. Die Wunsch- und Machtaussagen bleiben als solche erkennbar.

Nayasūtra 4.136

sarvvakāmasusampūrṇṇas sarvvadvandvavivarjjitaḥ |
saṃsārabandhanirmmuktaḥ śivatulyaś ca jāyate || 4:136 ||

Ganz erfüllt in allen Wünschen, frei von allen Gegensatzpaaren und gelöst aus den Fesseln des Wiedergeburtskreislaufs soll er Shiva gleich werden.

Anmerkung: Gemeint sein kann auch Freiheit vom Leiden unter Gegensätzen.

Nayasūtra 4.137

prāṇāpāne tu saṃyojya hrasvakoṭisamanvitam |
nābhyan dhāreta yogīn{draḥ svedakampaś ca jāyate} || 4:137 ||

Der vortreffliche Yogi soll Prana und Apana verbinden, zusammen mit der kurzen Lautphase, und [sie] im Nabel halten. Schwitzen und Zittern sollen entstehen.

Anmerkung: Die ‚kurze Lautphase‘ könnte den Beginn des Pranava meinen; dies ist nicht ausdrücklich ausgeschrieben. Schwitzen und Zittern sind hier historische Erfahrungsangaben, keine anzustrebenden Zeichen gesunder Übung.

Nayasūtra 4.138

{punar eva hṛdisthau hi prāṇāpānau} (nirundhyet |
dīrghakoṭisamāyogāt kṣaṇāt patati mūrccitaḥ || 4:138 ||

Wieder soll er die im Herzen befindlichen Kräfte Prana und Apana anhalten. Durch die Verbindung mit der langen Lautphase soll er augenblicklich ohnmächtig niederfallen.

Anmerkung: Der Text berichtet ein gefährliches Verfahren. Ohnmacht ist kein heutiges Übungsziel; dieser Vers darf nicht als Empfehlung zur Erzeugung von Bewusstlosigkeit gelesen werden.

Nayasūtra 4.139

kaṇṭhasthaṃ hi tathaiveha prāṇam ekaṃ nirundhyet |
plutakoṭisamāyogāt svapnavṛttis tato bhavet || 4:139 ||

Ebenso soll er hier Prana allein anhalten, während er sich in der Kehle befindet. Durch die Verbindung mit der überlangen Lautphase soll dann der Traumzustand entstehen.

Anmerkung: Die genaue Zuordnung der kurzen, langen und überlangen Lautphasen zum Pranava bleibt eine Deutung. Es wird keine neu erfundene Mantrafolge ergänzt.

Nayasūtra 4.140

bhrūmadhye binduyuktena prāṇarodhan tu kārayet |
suṣuptaṃ jāyate tatra kṣaṇāc caiva prabudhyati || 4:140 ||

In der Mitte zwischen den Brauen soll das Anhalten des Prana mit Bindu verbunden werden. Dabei soll Tiefschlaf entstehen, und nach einem Augenblick erwacht [der Yogi] wieder.

Anmerkung: Das Nebeneinander von Atemhalten und veränderten Bewusstseinszuständen gehört zur historischen Yogalehre und ist keine sichere Anleitung für eigenständige Versuche.

Nayasūtra 4.141

mūrdhni dvāraṃ samālambya niṣkalaṃ dhyānam ārabhet |
{evam abhyasa}[(ta)]s tasya pratyayas tu tadā bhavet || 4:141 ||

Er richte sich auf das Tor am Scheitel und beginne die Meditation über das Teilelose. Während er so übt, sollen ihm bestimmte Wahrnehmungen entstehen.

Anmerkung: Der erste Halbvers ist in der Edition unter Rückgriff auf Abschriften und Paralleltext ergänzt. Das ‚Tor‘ wird als yogischer Bezugspunkt beschrieben, nicht als anatomische Öffnung identifiziert.

Nayasūtra 4.142

pipīlakaṇṭakāvedho mūrdhni dvāraṃ vibhidyate |
jāyate tanmayatvaṃ hi dehenānena sādhake || 4:142 ||

[Es entsteht das Empfinden] von Ameisen oder Dornenstichen; das Tor am Scheitel wird durchbrochen. Im Praktizierenden soll, noch in diesem Leib, das Einssein mit ihm [Shiva] entstehen.

Anmerkung: Sadhake ist eine Konjektur statt des überlieferten Nominativs sadhakah. Die Übersetzung folgt damit der Zuordnung des ganzen Verses zum noch lebenden Praktizierenden.

Nayasūtra 4.143

saṅkramet paradeheṣu kṣuttṛṣṇābhyān na bādhyate |
atītānāgatañ caiva trailokye yat pravarttate || 4:143 ||

Er soll in fremde Körper übertreten können und von Hunger und Durst nicht bedrängt werden. Vergangenes und Zukünftiges sowie das, was sich in den drei Welten ereignet …

Anmerkung: Die außergewöhnlichen Fähigkeiten sind Heils- und Machtversprechen des Textes. Sie rechtfertigen heute weder Nahrungsentzug noch Übergriffe gegenüber anderen Menschen.

Nayasūtra 4.144

pratyakṣam bhavate tasya sarvvajñatvañ ca jāyate |
devy uvāca |
sūtran nāma mahādeva ālokyapada[(vācakam)] || 4:144 ||

… soll ihm unmittelbar sichtbar werden, und Allwissenheit soll entstehen. Die Göttin sprach: ‚Was Sutra genannt wird, o großer Gott, bezeichnet einen nach Einsicht erreichten Zustand [?] …‘

Anmerkung: Der Sprecherwechsel steht innerhalb der nummerierten Einheit. Die neue Frage zum Wort Sutra ist schwer verständlich; eine Parallelüberlieferung hat ‚Zustand der Erleuchtung‘. Diese andere Lesung wird nicht unbemerkt in den Grundtext aufgenommen.

Nayasūtra 4.145

[ta]d ahaṃ śrotum icchāmi bhagavan vaktum arhasi |
īśvara uvāca |
sūcanāt sūtram ity āha sūtran nāma padam param || 4:145 ||

‚… davon möchte ich hören. Erkläre es, Erhabener.‘ Der Herr sprach: ‚Weil es durchdringt, nennt man es Sutra. Sutra heißt das höchste Wort …‘

Anmerkung: Sutra bedeutet gewöhnlich ‚Faden‘ und dann eine verbindende Lehrform. Der Text bietet eine traditionelle Wortdeutung über sūcana, ‚Durchdringen‘ beziehungsweise ‚Anzeigen‘, keine moderne sprachgeschichtliche Ableitung.

Nayasūtra 4.146

tena sarvvam idaṃ vyāptaṃ sūtre maṇigaṇā iva |
akhaṇḍitan tu tat sūtraṃ khavyāpi-m-ajaraṃ param || 4:146 ||

‚… von ihm wird all dies durchdrungen wie eine Gruppe von Edelsteinen von einem Faden. Dieses Sutra ist ungeteilt, durchdringt den Raum, altert nicht und ist das Höchste …‘

Anmerkung: Der eingeschobene Laut -m- bleibt im Sanskrit erhalten. Die Bildsprache verbindet die Bedeutung ‚Faden‘ mit einer allgegenwärtigen geistigen Wirklichkeit.

Nayasūtra 4.147

taḍidvalayasantānaṃ khaṭikena prakāśayet |
hṛtpuṇḍarīkamadhyasthaṃ somasūryyāgnimadhyamam || 4:147 ||

‚… es lässt eine fortlaufende Folge von Blitzringen erscheinen, wie mit Kreide [gezeichnet]. [Das Höchste befindet sich] inmitten des Herzlotus, in der Mitte von Mond, Sonne und Feuer …‘

Anmerkung: Die Konstruktion und das Bild der Kreide sind unsicher. Der zweite Halbvers gehört zu dem im folgenden Vers abgeschlossenen Satz.

Nayasūtra 4.148

yaḥ pa([śye(t para)] )maṃ sūkṣmaṃ sa lekhyaṃ karttum arhasi |
devy uvāca |
tattvā devagaṇāḥ sarvve sarvvanyāse vyavasthitāḥ || 4:148 ||

‚… wer dieses feine Höchste schaut – du sollst es aufschreibbar machen [?].‘ Die Göttin sprach: ‚Alle Tattvas und Götterscharen sind in der vollständigen Einsetzung angeordnet …‘

Anmerkung: Der Wechsel von der dritten zur zweiten Person und die Bedeutung von lekhya bleiben unsicher. Auch sarvanyasa im zweiten Halbvers ist nicht ausreichend erklärt, um daraus ein bestimmtes Ritualschema abzuleiten.

Nayasūtra 4.149

teṣām mantravibhāgo ’yaṃ kathayasva prasādataḥ |
īśvara u |
sarvve mantrātmakā devās sarvve mantrāḥ śivātmakāḥ || 4:149 ||

‚… erkläre aus deiner Gnade diese Gliederung ihrer Mantras.‘ Der Herr sprach: ‚Alle Gottheiten sind ihrem Wesen nach Mantra; alle Mantras sind ihrem Wesen nach Shiva.‘

Anmerkung: Die Frage bleibt im Anschluss an Vers 148 teilweise unklar. Die Antwort ist eine zentrale Aussage über die Beziehung von Mantra und Gottheit, selbst aber keine zur Rezitation ausgeschriebene Einweihungsformel.

Nayasūtra 4.150

śivātmakaiś ca mantraiś ca śivayāgo tu pūjayet |
aprāpya śivasadbhāvam paṭhato ([pi] hi) {saṃhi}tām || 4:150 ||

‚Mit Mantras, deren Wesen Shiva ist, soll man im Shiva-Opfer verehren. Wer aber das wahre Wesen Shivas nicht erreicht hat, obwohl er die Samhita liest …‘

Anmerkung: Die ungewöhnliche Form śivayāgo bleibt im Grundtext erhalten. Der Satz setzt sich im folgenden Vers fort.

Nayasūtra 4.151

ajñātvā kurute dīkṣāṃ śiṣyācāryyau vrajet yadhaḥ |
tasmān na samānapaśoḥ śiṣyatvenopatiṣṭhate || 4:151 ||

‚… und ohne diese Erkenntnis eine Einweihung vollzieht, dessen Schüler und Lehrer gehen beide hinab [ins Unheil]. Darum soll man sich nicht einem ebenso gebundenen Menschen als Schüler anschließen.‘

Anmerkung: Die ausdrückliche Verneinung na ist überliefert: Man soll sich nicht einem ebenso gebundenen Menschen als Schüler anschließen. Die Stelle mahnt zur Prüfung eines Lehrers, nicht zu blindem Vertrauen in seine Selbstbeschreibung.

Nayasūtra 4.152

ubhayato ’pi na śivāśivam ekapaśoḥ paraḥ |
aviditvāmayaṃ samyak kriyāṃ yaḥ kurute bhiṣak || 4:152 ||

‚Auf beiden Seiten … nicht Shiva und Nicht-Shiva … jenseits eines einzelnen gebundenen Wesens [?]. Wenn ein Arzt eine Behandlung vornimmt, ohne die Krankheit richtig erkannt zu haben …‘

Anmerkung: Der erste Halbvers lässt sich nicht zu einer verlässlichen zusammenhängenden Aussage übersetzen. Bhiṣak, ‚Arzt‘, im zweiten Halbvers ist eine Konjektur unter Vergleich der Nishvasakarika.

Nayasūtra 4.153

nāturas sukham āpnoti vaidyo ’pi na pha[(laṃ la)]bhet |
jñānavijñānakuśalas sarvvāvasthāgato ’pi yaḥ || 4:153 ||

‚… findet der Kranke keine Erleichterung, und auch der Arzt erhält keinen Ertrag. Wer dagegen in Erkenntnis und unterscheidendem Verständnis kundig ist, welchen Stand er auch einnehmen mag …‘

Anmerkung: Das Arztgleichnis verdeutlicht die Verantwortung eines Lehrers: bloßes Handeln ohne richtiges Verständnis genügt nicht. Die folgende Aussage hebt Erkenntnis gegenüber sozialer Stellung hervor.

Nayasūtra 4.154

sa mocayati pāśebhyo jñānanirdhūtakilbiṣaḥ |
sarvvalakṣaṇahīno ’pi jñānavān gurur ucyate || 4:154 ||

‚… der befreit aus den Fesseln, weil seine Makel durch Erkenntnis abgeschüttelt sind. Selbst wenn ihm alle [günstigen äußeren] Merkmale fehlen, wird ein Wissender Guru genannt.‘

Anmerkung: Lakshanas sind hier traditionelle Kennzeichen der Eignung. Der Vers setzt Wissen und befreiende Fähigkeit über bloße äußere Merkmale, behauptet aber nicht, jede Wissensbehauptung mache jemanden zum Guru.

Nayasūtra 4.155

dīkṣāvidhividhānajño pāśajālavimocakaḥ |
śivaḥ śaktyā mahāśaktiḥ śaktibhāvena deśikaḥ || 4:155 ||

‚Er kennt die Ordnung der Einweihung und befreit aus dem Netz der Fesseln. Shiva ist durch seine Shakti von großer Kraft; der Lehrer [ist es] durch die Gegenwart der Shakti [in ihm].‘

Anmerkung: Die Deutung des zweiten Halbverses ist unsicher und folgt dem Zusammenhang mit Vers 156. Die erste Hälfte beschließt die Beschreibung des qualifizierten Guru.

Nayasūtra 4.156

ubhayor anta[raṃ] nāsti deśikasya śi[(vasya ca)] |
{sa caivoṅkāra} [(bindu)]ś ca sa nādo laya niṣkalaḥ || 4:156 ||

‚Zwischen beiden, dem Lehrer und Shiva, besteht kein Unterschied. Er ist Om und Bindu, er ist Nada, Auflösung und das Teilelose.‘

Anmerkung: Die Identitätsaussage gehört zum höchsten religiösen Deutungshorizont des Textes. Sie ist keine Behauptung, ein menschlicher Lehrer sei in jeder Handlung unfehlbar. Laya, ‚Auflösung‘, bleibt technisch nicht näher erklärt.

Nayasūtra 4.157

tasmiṃ sarvvāṇi vidyante sa caiva paramaśivaḥ |
sarvvavidyāsusampūrṇṇas sarvvavidyārtthakovidaḥ || 4:157 ||

‚In ihm ist alles zu finden; er ist der höchste Shiva. Er ist mit allem Wissen erfüllt und kundig im Sinn aller Wissenslehren.‘

Anmerkung: Vidya kann hier Wissen, Lehre oder auch Mantrawissen bedeuten; die Übersetzung lässt den weiten Sinn bestehen.

Nayasūtra 4.158

ācāryyasya ca mantrasya śivajñānaśivasya ca |
nānātvaṃ naiva kurvvanti ananteśādayaś śivāḥ || 4:158 ||

‚[Die Wissenden] machen keinen Unterschied zwischen Lehrer, Mantra, Shiva-Erkenntnis und Shiva. Auch Anantesha und die anderen sind Shivas.‘

Anmerkung: Die Mehrzahl ‚Shivas‘ wird nicht in einen Singular geglättet. Die Aussage betrifft göttliche beziehungsweise befreite Wesen und ist nicht als modernes pauschales ‚Alle Meinungen sind gleich‘ zu verstehen.

Nayasūtra 4.159

janmāntaraiḥ kalpasahasrakoṭibhiḥ
kathañ ci labhyec chivatattvam utta[(mam)] |
{udī}[(ra)]te cātmavimokṣahetor
dadāti lobhāya katham parasya tu || 4:159 ||

‚Durch weitere Geburten, durch tausend Koti, also zehn Milliarden Weltalter mag man irgendwann die höchste Shiva-Wirklichkeit erlangen. Nur um der Befreiung des Selbst willen soll man sie verkünden: Wie könnte man sie einem anderen aus Gier geben?‘

Anmerkung: Der Vers verwendet längere Versglieder statt des gewöhnlichen Anushtubh. Udirate ist eine unsichere Ergänzung. Die ungeheure Zeitspanne unterstreicht die Seltenheit der Erkenntnis; sie wird nicht als historische Zeitrechnung behandelt.

Nayasūtra 4.160

nūnaṃ hi so necchati mokṣam ātmano mohena lobhena ca yo hi vakṣyate |
apāyam ukto hi mayā gurūṇān na deya tattvāmṛta yasya kasyacit || 4:160 ||

‚Gewiss begehrt derjenige nicht die eigene Befreiung, der [diese Erkenntnis] aus Verblendung und Gier verkündet. Denn solchen Lehrern habe ich Untergang angekündigt. Der Nektar der Wirklichkeit soll nicht wahllos jedem gegeben werden.‘

Anmerkung: Die ungewöhnliche Grammatik und die langen Verszeilen bleiben erhalten. Der Vers warnt vor eigennütziger Weitergabe spiritueller Lehre.

Nayasūtra 4.161

catvāri caitāni śatāny adhītya
saṣaṣṭiyuktāni ṣaḍādhikāni |
uddhṛtya pañcāśa kulā[(ni yo) (vai)]
śivatvam āyāti svarūpatejasā || 4:161 ||

‚Wer diese vierhundert [Texteinheiten], mit sechzig verbunden und um sechs vermehrt, studiert und fünfzig Geschlechter [seiner Familie] emporhebt, gelangt durch die Strahlkraft seines eigenen Wesens zum Shiva-Sein.‘

Anmerkung: Der Vers nennt 466 Texteinheiten und fünfzig Geschlechter. Die Zahl 466 dürfte sich eher auf das ganze Nayasutra als auf dieses Kapitel beziehen, ist aber nicht abschließend erklärt. Das Heilsversprechen ist eine traditionelle Schlussaussage.

Nayasūtra 4 – Kolophon

|| ⊗ || iti niśvā{sa}tattvasaṃhitāyāṃ nayasūtre paramāmṛtasadbhāvavicāraś caturthaḥ paṭalaḥ ||

So endet in der Nishvasa Tattva Samhita, im Nayasutra, das vierte Kapitel: ‚Untersuchung des wahren Wesens des höchsten Nektars‘.

Anmerkung: Der Titel enthält hier das ergänzte sa. Das kreisförmige Ornament wird typographisch durch ⊗ wiedergegeben.

Nayasūtra 4 – Zählvermerk

ślo 466 (?) || ⊗ || srotre sūtratrayaṃ samāptam ||

Verse: 466 [?]. Die drei Sutras sind abgeschlossen.

Anmerkung: Die Edition versieht den Zählwert selbst mit einem Fragezeichen; die Abschrift W hat 465. Das ungewöhnliche Wort srotre bleibt im Sanskrit stehen und wird nicht stillschweigend zu einer anderen Lesung korrigiert. Die drei Sutras sind Mula-, Uttara- und Nayasutra, nicht das gesamte fünfteilige Korpus.

Allgemeines Yoga-Vidya-Video: Klangmeditation mit Heidrun. Es erläutert nicht unmittelbar die Nishvasa Tattva Samhita.

Guhyasūtra

Die folgenden Abschnitte sind belegte Auszüge aus 15 der 18 Kapitel. Auslassungen zwischen Zitatgruppen sind keine Lücken, die von der Redaktion ausgefüllt wurden. Die Quelle und Druckseite stehen bei jeder Einheit. Kapitel 6, 15 und 17 sind in dieser Grundtextauswahl nicht vertreten.

Guhyasūtra, Kapitel 1: Sadhakas und Linga-Arten

Guhyasūtra 1.1[11]

upariṣṭāc caturthan tu sūtram ārabhyate punaḥ |
tatra sūtratrayam proktam boddhavyam ānupūrvaśaḥ || 1:1 ||

Nun beginnt im Folgenden das vierte Sutra. Dabei ist zu verstehen, dass drei Sutras der Reihe nach bereits gelehrt worden sind …

Anmerkung: Upariṣṭāt, gewöhnlich ‚oberhalb‘ oder ‚später‘, bezeichnet hier den nun anschließenden Text. Die fünf zitierten Anfangseinheiten erklären die Zusammenstellung des Korpus und könnten nach Goodall einer späten redaktionellen Rahmung angehören.

Guhyasūtra 1.2[11]

mūlañ cottarasūtra[(ñ ca nayasūtraṃ tathaiva)] ca |
guhyasūtrañ caturthan tu procyamānan nibodha me || 1:2 ||

… das Mula, das Uttarasutra und ebenso das Nayasutra. Vernimm nun von mir das Guhyasutra, das als viertes gelehrt wird.

Anmerkung: Der eingeklammerte Abschnitt wird nach den späteren Abschriften ergänzt. Die Buchzählung schließt das als Einleitung behandelte Mukha zunächst nicht ein.

Guhyasūtra 1.3[11]

tenaiva saha saṃyuktā saṃhitaikā prapaṭhyate |
niśvāseti ca nāmena sampūrṇṇā tu tato bhavet || 1:3 ||

Mit eben diesem verbunden wird eine einzige Sammlung vorgetragen. Dann ist sie vollständig, unter dem Namen Nishvasa.

Anmerkung: ‚Vollständig‘ ist hier die Selbstaussage des überlieferten Redaktionsrahmens, keine Aussage über den Umfang der vorliegenden Teilausgabe.

Guhyasūtra 1.4[11]

niśvāsasaṃhitā hy eṣā mukhena saha saṃyutā |
pañcasrotās tu ye proktā mukhena parikīrtitāḥ || 1:4 ||

Dies ist die Nishvasa-Samhita, mit dem Mukha verbunden. Die fünf Ströme, von denen gesprochen wird, sind im Mukha ausführlich verkündet.

Anmerkung: Der Vers belegt die Kurzform Niśvāsasaṃhitā und die besondere Stellung des einleitenden Buches. Die unregelmäßige Form pañcasrotās bleibt erhalten.

Guhyasūtra 1.5ab[11]

tena yuktā bhavet puṣṭā sarvasūtreṣu paṭhyate |

Mit ihm verbunden wird sie voll entfaltet; in sämtlichen Sutras wird sie vorgetragen.

Anmerkung: Bhavet puṣṭā ist eine Konjektur. Nur die erste Hälfte von Vers 5 ist hier zitiert; die folgende Anrede wird nicht erfunden.

Guhyasūtra, Kapitel 2: Linga-Aufstellung

Guhyasūtra 2.116[12]

vāmadevena śvabhre tu yojayitvā gaṇāmbikām /
yonir viṣṇuḥ śivo liṅgaṃ sadya śvabhre niveśayet

Nachdem er mit dem Vamadeva-Mantra Ganambika in die Grube eingesetzt hat – die Yoni ist Vishnu, das Linga ist Shiva –, soll er [das Linga] sogleich in die Grube hinablassen.

Anmerkung: Ganambika bezeichnet hier wohl den Sockel. Die Edition erwägt, sadya statt als ‚sogleich‘ als Verweis auf das Sadyojata-Mantra zu verstehen. Die genaue Konstruktion von Sockel und Linga bleibt in diesem Abschnitt unsicher.

Guhyasūtra 2.117[13]

imāṃ rudrāya vai japtvā pṛthivyāṃ vai śive punaḥ /
calite kampite vāpi saśabde bhramite tathā

Nachdem er ‚Imam rudraya‘ rezitiert hat: Wenn Shiva [das Linga] in der Erde sich bewegt oder zittert, wenn er mit einem Geräusch verrutscht …

Anmerkung: Der Satz setzt sich im folgenden Vers fort. Der Mantra-Anfang wird in der gedruckten Sanskritstelle als imāṃ rudrāya wiedergegeben; es wird kein vollständiger vedischer Vers ergänzt.

Guhyasūtra 2.118[14]

patite ca tathā śāntiṃ divā saptaṃ yadākramet /
īśānyām āśṛte liṅge sarva[(siddhi)] —

… oder umfällt, [erfolgt] Befriedung, wenn sieben Tage vergangen sind [?]. Wenn das Linga sich nach Nordosten neigt, [gelingen] alle Vollendungen … [Textlücke].

Anmerkung: Wortlaut und Deutung der Siebentagesfrist sind unsicher. Die Ergänzung ‚gelingen‘ verdeutlicht lediglich den vermuteten Satzsinn; der Sanskritschluss fehlt.

Guhyasūtra 2.119[14]

trātāram indra japtvā tu piṇḍikāṃ bandhayet tataḥ /
adhobhāgaṃ nyase śvabhre piṇḍikasthan tu madhyataḥ

Nachdem er ‚Trataram indra‘ rezitiert hat, soll er dann die Pindika befestigen. Den unteren Teil soll er in die Grube setzen, in der Mitte auf der Pindika ruhend.

Anmerkung: Pindika ist die Bezeichnung für Sockel oder Einfassung. Ob der Text deren Befestigung oder die Befestigung des Linga an ihr beschreibt, ist nicht eindeutig. Die verkürzten Formen indra und nyase werden bewahrt.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 2.128ab[15]

liṅge rudro umā vedī ekīkṛtya ca pūjayet

Im Linga ist Rudra; Uma ist die Vedi [der Sockel]. Nachdem er beide vereint hat, soll er sie verehren.

Anmerkung: Nur der zitierte Halbvers ist zugänglich; die zweite Vershälfte wird nicht ergänzt.

Guhyasūtra, Kapitel 3: Vorbereitung und Siddhis

Guhyasūtra 3.21cd[16]

svapnamāṇavako devaḥ kathet siddhibalābalam

Der Gott Svapnamanavaka, der Traumjüngling, soll die Stärke und Schwäche der [zu erwartenden] Siddhi kundtun.

Anmerkung: Das Zitat gehört zur rituellen Traumdeutung. Es begründet keine heutige Verlässlichkeit von Träumen als Vorhersagen.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 3.24[17]

śubhāśubhaṃ na dṛṣṭaṃ tu svapne vai sādhakena tu |
prasīnāṅ kārayet tatra japtvā ayutam uttamam || 3:24 ||

Wenn der Sadhaka im Traum kein günstiges oder ungünstiges Zeichen gesehen hat, soll er dort eine Prasina-Erscheinung herbeiführen, nachdem er mindestens zehntausendmal rezitiert hat.

Anmerkung: Historische Wahrsagepraxis im Zusammenhang mit der Mantravervollkommnung. ‚Mindestens‘ folgt Vasudevas Deutung von uttamam; wörtlich kann es ‚höchstes/bestes‘ bedeuten. Die überlieferte Form prasīnāṅ bleibt erhalten.

Guhyasūtra 3.25[18]

caṇḍimantraṃ tu yo japtvā tailālaktakasaṃyutam || 3:25 ||

Nachdem er das Chandi-Mantra rezitiert hat, soll er Öl mit rotem Lackfarbstoff vermischen …

Anmerkung: Unter Nummer 3.25 steht in der benutzten Teiledition nur dieser Halbvers. Das Verb ‚vermischen‘ wird sinngemäß ergänzt; der Satz ist sprachlich unregelmäßig und setzt sich in 3.26 fort.

Guhyasūtra 3.26[18]

aṅguṣṭhaṃ mrakṣayed vāmaṃ tailaṃ caivābhimantrayet |
dārikāñ ca kumārañ ca mukhaṃ prakṣālya vīkṣayet || 3:26 ||

… und damit den linken Daumen bestreichen; auch das Öl soll er mit Mantras besprechen. Nachdem er das Gesicht eines Mädchens und eines Jungen gewaschen hat, soll er sie darauf blicken lassen.

Anmerkung: Der Text bezieht Kinder in ein Orakelritual ein. Dies ist eine historische Übersetzung und keine Empfehlung, Kinder als Orakelmedien einzusetzen.

Guhyasūtra 3.27[18]

tilataṇḍulabhakṣantau paśyantau yat tu cintitam |
tato dṛṣṭvā ca śrutvā ca sādhayen mantrasattamam || 3:27 ||

Während sie Sesam und Reis essen, sehen die beiden, woran gedacht wird. Nachdem dies gesehen und gehört worden ist, soll er das vorzüglichste Mantra zur Vollendung bringen.

Anmerkung: Die Rollen wechseln: Die beiden sehen; der Sadhaka hört ihren Bericht. Ob cintitam das gedachte Anliegen oder ein Hindernis der Praxis meint, bleibt offen. Die behauptete Schau ist keine überprüfte Erkenntnismethode.

Guhyasūtra 3 – unnummerierte Chandi-Formel[17]

oṃ caṇḍike krama 2 ṭhaṭha | caṇḍimantro ’yam |

Om. O Chandi, schreite voran, schreite voran! Svaha. Dies ist das Mantra der Chandi.

Anmerkung: Der Grundtext verwendet 2 als Wiederholungszeichen nach krama und ṭhaṭha als kodierte Endformel. Vasudeva löst die Formel ausdrücklich zu oṃ caṇḍike krama krama svāhā auf (Anm. 45–46). Om und Svaha werden nicht als gewöhnliche Satzwörter übersetzt.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 3.29cd[19]

siddhi-m-aiśvaryayogyas tu na ca hiṃsanti hinsakāḥ |

[So wird er] für Vollendung und Macht geeignet. Schädigende Wesen verletzen nicht …

Anmerkung: Nur die zweite Vershälfte ist hier zitiert. Das erste m ist ein eingeschobener Übergangslaut. Die Aussage über Schutz vor Schädigung wird im folgenden Vers vervollständigt; hinsakāḥ steht in der verwendeten Textansicht ohne Nasalierungszeichen.

Guhyasūtra 3.30[19]

siddhavidyāvratastho hi jape ca vratam ārabhet |
go mātā ca pitā bhrātā atithir mitra brāhmaṇaḥ || 3:30 ||

… denjenigen, der das vorbereitende Mantra-Gelübde erfolgreich vollzogen hat. Mit Rezitation soll er ein Gelübde beginnen. ‚Eine Kuh, Mutter, Vater, Bruder, Gast, Freund, Brahmane …‘

Anmerkung: Der Schutzsatz schließt an Vers 29cd an. Goodall 2020 berichtigt ausdrücklich seine frühere Deutung von 2015. Die zweite Hälfte beginnt eine vorgetragene Selbstbezichtigung, die als ‚Gelübde der falschen Behauptung‘ bezeichnet wird; sie berichtet nicht notwendig tatsächliche Taten.

Guhyasūtra 3.31[19]

hato me pāpa[[(cāre)]]ṇa caren mithyāvratam vratī |
⟪karasthena kapā⟫lena khaṭvāṅgī bhasmaguṇṭhitaḥ || 3:31 ||

‚… sind von mir durch mein schlechtes Handeln getötet worden.‘ So soll der Gelübdehaltende das Gelübde der falschen Behauptung ausüben. Mit einer Schädelschale in der Hand, einen Schädelstab tragend und mit Asche bedeckt …

Anmerkung: Der Text hat das singularische hato bei einer Aufzählung mehrerer Wesen. Die Formel ist im Rahmen des mithyavrata eine inszenierte Selbstbezichtigung, kein Tötungsauftrag. Die Ergänzung der Schädelschale folgt Sandersons Konjektur; die Winkelklammern geben die Zeichen << >> der Veröffentlichung wieder.

Guhyasūtra 3.32[20]

śmaśāne carate rātrau śmaśānavrata ucyate |
nṛtyate gāyate caiva unmatto hasate bruvan || 3:32 ||

… wandelt er nachts auf dem Verbrennungsplatz: Dies wird das Gelübde des Verbrennungsplatzes genannt. Wenn er tanzt und singt, wie ein Wahnsinniger lacht und redet …

Anmerkung: Die beiden Halbstrophen gehören zu verschiedenen Gelübden. Die zweite wird erst im nächsten Vers abgeschlossen. Der Text beschreibt eine rituelle Rolle, keine medizinische Diagnose.

Guhyasūtra 3.33[21]

bhasmāṅgī cīravāsaś ca gaṇavratam idaṃ smṛtam |
japayukto bhaikṣabhujo loṣṭuśāyī jitendriyaḥ || 3:33 ||

… mit Asche am Körper und in Lumpen gekleidet, gilt dies als Gana-Gelübde. Wer der Rezitation zugewandt ist, Almosen isst, auf Erdschollen schläft und seine Sinne beherrscht …

Anmerkung: Der letzte Halbvers gehört zum Erdschollen-Gelübde, dessen Benennung im folgenden Vers steht.

Guhyasūtra 3.34[21]

dhyānasaṃyamayuktaś ca loṣṭukavratam ācaret |
rikṣavyāghrasamā[[kīrṇe]] ⟪vane siṃ⟫hasamākule || 3:34 ||

… und Meditation und Selbstbeherrschung übt, vollzieht das Erdschollen-Gelübde. In einem Wald voller Bären, Tiger und Löwen …

Anmerkung: Die Waldbeschreibung ist teilweise konjiziert. Rikṣa ist die hier überlieferte Form für den Bären. Die zweite Hälfte beginnt ein weiteres historisches Gelübde; ein Aufenthalt unter Raubtieren wird nicht als heutige Übung empfohlen.

Guhyasūtra 3.35[21]

jitanidrāśano jāpī kāṣṭhavratam idañ caret |
gāyate nṛtyate jāpī strīrūpī valayabhūṣitaḥ || 3:35 ||

… soll der Rezitierende, der Schlaf und Essen überwunden hat, das Holzblock-Gelübde vollziehen. Wenn der Rezitierende singt und tanzt, in weiblicher Erscheinung und mit Armreifen geschmückt …

Anmerkung: Valayabhūṣitaḥ ist eine Konjektur, die über das reguläre Versmaß hinausgeht. Der zweite Halbvers gehört zum bunten Gelübde des folgenden Verses.

Guhyasūtra 3.36[21]

śūrppakandukaveṇībhiś citravratam idañ caret |
śastrapāṇir dayāyukta-m-aṭe trāteva †jatavān† || 3:36 ||

… mit Getreideschwinge, Ball und Haarflechte, vollzieht er das bunte Gelübde. Mit einer Waffe in der Hand, von Mitgefühl erfüllt, soll er umherziehen wie ein Beschützer [der Wesen?] …

Anmerkung: Die zweite Hälfte ist textlich unsicher. Die Deutung ‚der Wesen‘ setzt voraus, dass †jatavān† für eine unregelmäßige Form von jantu steht; sie wird deshalb ausdrücklich als fraglich markiert. Der eingeschobene m-Laut bleibt im Sanskrit erhalten.

Guhyasūtra 3.37[21]

japadhyānārccanirato vīravratam idañ caret |
varṣaśītātapair ddehan tāpayed dhi su--- || 3:37 ||

… der Rezitation, Meditation und Verehrung zugewandt: So vollzieht er das Helden-Gelübde. Durch Regen, Kälte und Hitze soll er den Körper peinigen [beschädigter Schluss: su…].

Anmerkung: Die zweite Hälfte beginnt das Große Gelübde. Sie beschreibt eine historische Askese, keine Empfehlung zu körperlicher Selbstschädigung.

Guhyasūtra 3.38[21]

japadhyānarataś caiva mahāvratas sa ucyate |
ratisaṃbhogakuśalāṃ rūpayauvanaśālinīm || 3:38 ||

… und dabei Rezitation und Meditation zugewandt sein: Dies wird das Große Gelübde genannt. Eine Frau, erfahren in den Freuden der Liebe, von Schönheit und Jugend erfüllt …

Anmerkung: Die zweite Hälfte beginnt eine historische sexuelle Gelübdepraxis, die bis Vers 40 reicht. Ihre Übersetzung dokumentiert den Text und ist keine gegenwärtige Ausübungsanleitung.

Guhyasūtra 3.39[21]

īdṛśīṃ striyam āsādya niruddhendriyagocaraḥ |
cumbanāliṅganaṅ kuryāl liṅgaṃ sthāpya bhagopari || 3:39 ||

… einer solchen Frau soll er sich nähern und dabei die Sinne von ihren Gegenständen zurückhalten. Er soll küssen und umarmen und sein Glied auf ihre Vulva legen …

Anmerkung: Liṅga bezeichnet hier das männliche Geschlechtsorgan, nicht ein Kultbild. Der Satz und seine geforderte Ausrichtung werden erst in Vers 40 abgeschlossen.

Guhyasūtra 3.40[21]

japadhyānaparo bhūtvā asidhāravratañ caret |
yadi kāmavaśaṃ gacchet patate narake dhruvam || 3:40 ||

… während er ganz auf Rezitation und Meditation ausgerichtet bleibt: So vollzieht er das Schwertschneiden-Gelübde. Gerät er jedoch unter die Macht des Begehrens, fällt er gewiss in die Hölle.

Anmerkung: Der Name veranschaulicht die vom Text behauptete Schwierigkeit des Gelübdes. Die Drohung ist eine religiöse Textaussage. Teile der zweiten Hälfte sind konjiziert.

Guhyasūtra 3.41[21]

navātmakañ japel lakṣaṃ ((tasya)) ---ddhaye |
abdaṃ ṣaṇmāsamātraṃ vā yaś cared vratam uttamam || 3:41 ||

Man soll den Navatmaka hunderttausendmal rezitieren, zu dessen [beschädigtes Wort, vermutlich: Vollendung]. Wer ein Jahr oder auch nur sechs Monate lang das vorzügliche Gelübde ausübt …

Anmerkung: Navatmaka bezeichnet den Navatman-Mantra. Tasya ist nur in W bezeugt; die Deutung der beschädigten Endung -ddhaye als siddhaye bleibt eine Vermutung. Die von der Forschung erwogenen längeren Ergänzungen werden nicht eingesetzt.

Guhyasūtra 3.42[21]

tasya siddhiḥ prajāyeta adhamā madhyamottamā |
vratasthaḥ pañcalakṣāṇi punar japtvā tu siddhyate || 3:42 ||

… bei dem entsteht eine geringe, mittlere oder höchste Vollendung. Rezitiert er, im Gelübde verbleibend, nochmals fünfhunderttausendmal, wird [der Mantra für ihn] wirksam.

Anmerkung: Die drei Ränge werden nicht einzelnen konkreten Fähigkeiten zugeordnet. Der zweite Halbvers beschreibt die behauptete Wirksamkeit des Mantras.

Guhyasūtra 3.43[22]

sarve mantrāś ca siddhyante īpsitañ ca phalaṃ bhavet |
oṃ namo vāyupathacāriṇe amitagatiparākramāya vimale kulu 2 ṭhaṭha || 3:43 ||

Alle Mantras werden wirksam, und die gewünschte Frucht stellt sich ein. [Es folgt die Formel:] Om, Verehrung dem, der auf dem Windweg wandelt, dessen Bewegung und Kraft unermesslich sind. Du Makellose, kulu, kulu, Svaha.

Anmerkung: Die unter 3.43 zitierte Einheit verbindet einen metrischen Halbvers mit einer Mantraformel; sie zählt hier nicht als gewöhnlicher Ganzvers. Die Zahl 2 fordert die Wiederholung von kulu; ṭhaṭha wird von Goodall als svāhā aufgelöst. Kulu ist konjiziert und erhält keine erfundene Wortübersetzung. Die folgende Anwendung gehört zu einem historischen magischen Rezept.

Guhyasūtra 3.44[23]

śilā suvarṇadhātuñ ca ((ka)) --- tam |
varāhavaśasaṃpiṣṭaṃ sahasraparimantritam || 3:44 ||

Arsenmineral, Gold beziehungsweise goldhaltiges Mineral und [beschädigte weitere Zutat: ka…tam], mit Schweinefett oder -mark zerrieben und tausendfach mit dem Mantra besprochen …

Anmerkung: Die Stoffliste ist beschädigt und in ihrer Gliederung unsicher. Śilā wird im Kommentar als arsenhaltiger Stoff verstanden. Dieses historische Rezept enthält giftige Materialien und wird nicht zur Anwendung empfohlen. Varāhavaśasaṃpiṣṭam ist eine Konjektur der Veröffentlichung.

Guhyasūtra 3.45[23]

navātmakam punar japtvā pādau caiva pralepaye[[t]] |
gacchate so ’pariśrānto yojanānāṃ śatadvayam || 3:45 ||

… damit soll er, nachdem er erneut den Navatmaka rezitiert hat, die Füße bestreichen. [Der Text verspricht:] Er geht zweihundert Yojanas, ohne zu ermüden.

Anmerkung: Der letzte Konsonant von pralepayet ist nur in K erhalten. Yojana ist ein historisches Entfernungsmaß; eine einheitliche Kilometerzahl wird hier nicht vorausgesetzt. Das magische Wirkungsversprechen ist kein überprüfter körperlicher Effekt.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 3.54cd[24]

nārīrajaṃ tu saṃgṛhya trilohapariveṣṭitam

Nachdem er Menstruationsblut genommen und mit drei Metallen umschlossen hat …

Anmerkung: Beginn eines nur ab Vershälfte 54cd zitierten magischen Verfahrens. Es wird als historische Textaussage dokumentiert; der Satz geht in 55 weiter.

Guhyasūtra 3.55[24]

aśvatthapatraiḥ saṃcchādya daśasāhasramantritam /
vadane tu samutkṣipya gacche yojanāśatam

… soll er es in Blätter des Ashvattha-Baumes hüllen, zehntausendmal mit dem Mantra besprechen und in den Mund nehmen; dann könne er hundert Yojanas weit gehen.

Anmerkung: Yojana ist ein altes Entfernungsmaß mit wechselndem Umfang. Die ungewöhnliche Form gacche wird nicht stillschweigend verbessert.

Guhyasūtra 3.56[24]

anastamitam āditye punar āgacchate drutam /
gṛhītvā rājakhadgaṃ tu śūrakhadgaṃ tv asambhave

Noch bevor die Sonne untergegangen ist, kehre er schnell wieder zurück. Er soll das Schwert eines Königs nehmen, oder, wenn dies nicht möglich ist, das Schwert eines Helden …

Anmerkung: Die zweite Hälfte beginnt ein neues Verfahren, das im folgenden Vers fortgesetzt wird.

Guhyasūtra 3.57[24]

puṣpalohamayaṃ vāpi pañcagavyasuśaucitam /
aśvatthapatrais sa[ñcchādya a]śvatthadalachāditam

… oder eines aus Pushpaloha-Metall, mit den fünf Erzeugnissen der Kuh gründlich gereinigt. Er soll es mit Ashvattha-Blättern bedecken, sodass es in deren Blätter gehüllt ist.

Anmerkung: Die wiederholte Bedeckung und die ergänzte, sprachlich auffällige Stelle stehen so im Zitat. Pushpaloha bezeichnet eine nicht näher bestimmte Metallart oder Legierung.

Guhyasūtra 3.58[24]

śivatattvāyutaṃ japtvā sa graheṣu prasiddhyate /
trividhā tasya siddhi syād ūṣme dhūme ca jvalite

Wenn er das Shivatattva-Mantra zehntausendmal rezitiert hat, erlange er bei Finsternissen Vollendung. Dreifach sei seine Siddhi, je nachdem, ob Hitze, Rauch oder Flammen auftreten.

Anmerkung: Die letzte Vershälfte ist eine ergänzende Lesart der Edition. Shivatattva ist hier die Bezeichnung eines Mantras, nicht die Aufforderung, den Ausdruck als Formel zu rezitieren.

Guhyasūtra 3.59[24]

ūṣme pādapracāran tu antardhānan tu dhūmake /
ākāśagāmī jvalite sarvalokeṣu saṃkramet

Bei Hitze [erhalte er] die Fähigkeit, große Strecken zu Fuß zurückzulegen; bei Rauch die Unsichtbarkeit. Bei Flammen werde er zum Himmelsgänger und könne sich durch sämtliche Welten bewegen.

Guhyasūtra 3.60[24]

siddhavidyādharo hy eṣa na kvacit pratihanyate /
ekaliṅge ekavṛkṣe śmaśāne saṃgame vane

Denn er sei ein vollendeter Vidyadhara, ein Träger der Mantramacht, und werde nirgends aufgehalten. An einem Ort mit einem einzelnen Linga, bei einem einzelnen Baum, auf einer Leichenstätte, an einem Zusammenfluss oder im Wald …

Anmerkung: Die zweite Hälfte eröffnet das folgende Leichenritual. Seine Schilderung ist keine heutige Praxisanregung.

Guhyasūtra 3.61[25]

[tatra maṇḍala]m ālikhya tattvāṅgabhuvanaṃ śubham /
akṣataṃ mṛtakaṃ gṛhya sthāpayitvāviśaṅkitaḥ

… soll er dort das Mandala zeichnen, den heilvollen Bereich des Tattva-Mantras und der Gliedmantras. Er soll eine unversehrte Leiche nehmen und sie ohne Zögern hinlegen …

Anmerkung: Der Anfang ist nach einer jüngeren Abschrift ergänzt. Der Sanskrittext sagt hier ‚hinlegen‘; die im englischen Kontrolltext erwähnte Waschung erscheint ausdrücklich erst im folgenden Vers.

Guhyasūtra 3.62[25]

susnāpitaṃ suliptāṅgaṃ puṣpasragdāmabhūṣitam /
hṛdi tasyopaviṣṭan tu tatvena sravitañ carum

… gut gewaschen, an den Gliedern gut gesalbt und mit Blumen und Girlanden geschmückt. Auf ihrer Herzgegend sitzend, [bereite er] den Opferbrei mit dem Tattva-Mantra …

Anmerkung: Die Formen tatvena und sravitañ werden bewahrt; das zweite Wort wird im Zusammenhang auf die Zubereitung des Opferbreis bezogen.

Guhyasūtra 3.63[25]

tasya vaktre tu hotavyaṃ śatasāhasramāyutam /
tato jihvā viniṣkrāmet tāṃ tu mantreṇa cchedayet

… und opfere ihn in ihren Mund, hundertmal, tausendmal, zehntausendmal. Dann trete die Zunge hervor; diese soll er unter Aussprechen des Mantras abschneiden.

Anmerkung: Die Zahlenfolge wird mit der Edition additiv als gesteigerte Wiederholungszahlen verstanden. Gemeint ist im beschriebenen magischen Ritual die Zunge der zuvor genannten Leiche.

Guhyasūtra 3.64[25]

sā jihvā bhavate khadgā gṛhya vidyā[dharo bhavet] /
[av]yāhatagatis so hi jīved ācandratārakam

Diese Zunge werde zum Schwert. Ergreife er es, werde er zum Vidyadhara. In seiner Bewegung ungehindert, lebe er so lange wie Mond und Sterne.

Anmerkung: Die eckigen Klammern kennzeichnen ergänzten Wortlaut. Die ungewöhnliche feminine Form khadgā bleibt unverändert.

Guhyasūtra, Kapitel 4: Kosmographie I

Guhyasūtra 4.5[26]

adhvānaṃ me mahādeva brūhi vistaraśo prabho |
adhvānaṃ ca parijñānaṃ śivatantreṣu gīyate || 4:5 ||

Erkläre mir ausführlich den Weltweg, Mahadeva, o Herr. Der Weltweg und seine umfassende Erkenntnis werden in den Shiva-Tantras verkündet.

Anmerkung: Die Göttin stellt diese Frage. Adhvan, wörtlich Weg, bezeichnet hier die gestufte kosmische Ordnung, die bei der Einweihung durchschritten beziehungsweise gereinigt wird. Die Kasus der zweiten Hälfte sind unregelmäßig.

Guhyasūtra, Kapitel 5: Kosmographie II

Guhyasūtra 5.3ab[27]

sauvarṇṇaṃ saptaman teṣāṃ pātālās sapta kīrttitāḥ

Sauvarna, das Goldene, ist das siebte unter ihnen. Sieben Unterwelten sind [damit] genannt.

Anmerkung: Nur die abschließende Hälfte der Aufzählung wird im verwendeten Kommentar zitiert; die vorangehenden Namen werden nicht aus anderen Büchern eingesetzt.

Guhyasūtra, Kapitel 7: Kosmographie IV

Guhyasūtra 7.112[28]

amareśaṃ prahāsañ ca naimiṣaṃ puṣkaran tathā |
āṣāḍhin diṇḍimuṇḍiñ ca bhārabhūtiṃ salākulim || 7:112 ||

Amaresha, Prahasa, Naimisha und Pushkara, Ashadhin, Dindimundin, Bharabhuti zusammen mit Lakuli …

Anmerkung: Grundlage ist das IAST-Zitat mit Apparat in Kafles Einleitung. Es nennt Prahasa, wo Nishvasamukha 3.19 Prabhasa hat. Andere Unterschiede der Ortsnamen werden ebenfalls bewahrt. Die Bereichsangabe 7.112–121 gilt für die zehn aufeinanderfolgenden Verse des Zitats; ihre Einzelzählung folgt dessen Versgrenzen.

Guhyasūtra 7.113[28]

pratyātmike mṛtā ye tu te vrajanty eva tatpadam |
hariścandraṃ paraṃ guhyaṃ guhyaṃ madhyamakeśvaram || 7:113 ||

… wer in der Pratyatmika-Gruppe stirbt, gelangt eben zu der entsprechenden Stätte. Harishchandra, das höchste Geheimnis, und das geheime Madhyamakeshvara …

Anmerkung: Pratyātmike ist eine Konjektur nach dem handschriftlichen pratyātmikā. Das Devanagari-Zitat auf S. 199 hat abweichend pratyantike. Die Aussage beschreibt den religiösen Rang heiliger Orte; sie ist keine Aufforderung, den Tod herbeizuführen.

Guhyasūtra 7.114[28]

śrīparvataṃ samākhyātañ jalpeśvaram ataḥ param |
amrātikeśvaraṃ caiva mahākālaṃ tathaiva ca || 7:114 ||

… das genannte Shriparvata, danach Jalpeshvara, Amratikeshvara und ebenso Mahakala …

Anmerkung: Amrātikeśvaram und Mahākālam sind im Vergleichszitat emendiert. Die Dissertation von 2015 las an der ersten Stelle noch Ambrātikeśvaram; die Fassung von 2020 ist hier maßgeblich.

Guhyasūtra 7.115[28]

kedāram uttamaṃ guhyaṃ mahābhairavam eva ca |
guhyāṣṭake mṛtā ye tu te vrajantīha tatpadam || 7:115 ||

… Kedara, das vorzügliche Geheimnis, und Mahabhairava. Wer in dieser geheimen Achtergruppe stirbt, gelangt hier zu der entsprechenden Stätte.

Guhyasūtra 7.116[28]

gayāñ caiva kurukṣetran nakhalaṃ kanakhalan tathā |
vimalañ cāṭṭahāsañ ca māhendraṃ bhīmam aṣṭamam || 7:116 ||

Gaya, Kurukshetra, Nakhala und Kanakhala, Vimala, Attahasa, Mahendra und als achten Bhima …

Anmerkung: Die deutlich lesbare IAST-Fassung auf S. 69 hat Nakhala; im eng gesetzten Devanagari-Zitat ist diese Wortgrenze schwer zu erkennen.

Guhyasūtra 7.117[29]

atiguhye mṛtā ye tu atiguhyaṃ vrajanti te |
bhadrāpadaṃ rudrakoṭim avimuktaṃ mahābalam || 7:117 ||

… wer in der überaus geheimen [Achtergruppe] stirbt, gelangt zum überaus geheimen Bereich. Bhadrapada, Rudrakoti, Avimukta, Mahabala …

Anmerkung: Die Fügung rudrakoṭim avimuktam ist emendiert. Nishvasamukha 3.23 nennt anstelle von Bhadrapada Vastrapada; beide Fassungen werden getrennt dokumentiert.

Guhyasūtra 7.118[30]

gokarṇaṃ rudrakarṇṇañ ca svarṇākṣaṃ sthāṇur aṣṭamam |
eteṣv api mṛtās samyag bhittvā lokam aśeṣataḥ || 7:118 ||

… Gokarna, Rudrakarna, Svarnaksha und als achten Sthanu. Auch wer an diesen Orten auf rechte Weise stirbt, durchbricht die Welt vollständig …

Anmerkung: Der Satz setzt sich in Vers 119 fort. Der Text des Vergleichszitats hat Rudrakarna, während seine Apparatüberschrift Bhadrakarna druckt. Sthāṇur aṣṭamam ist eine unregelmäßige Formulierung, die nicht grammatisch geglättet wird.

Guhyasūtra 7.119[30]

dīpyamānās tu gacchanti atra sthāneṣu ye mṛtāḥ |
chagalaṇḍaṃ dviraṇḍañ ca mākoṭaṃ maṇḍaleśvaram || 7:119 ||

… und zieht leuchtend weiter: so diejenigen, die an diesen Stätten gestorben sind. Chagalanda, Dviranda, Makota und Mandaleshvara …

Guhyasūtra 7.120[30]

kālañjaraṃ samākhyātan devadāruvanan tathā |
śaṅkukarṇṇan tathaiveha sthaleśvaram ataḥ param || 7:120 ||

… das genannte Kalanjara und den Deodar-Wald, ferner hier Shankukarna und danach Sthaleshvara …

Anmerkung: Das Devanagari-Zitat auf S. 199 lässt samākhyātam mit m auslauten; hier gilt die IAST-Fassung des Vergleichszitats. Keine dieser Namenslisten ist ein Verzeichnis von Körperchakras.

Guhyasūtra 7.121[30]

eteṣv api mṛtā ye tu bhittvā lokam aśeṣataḥ |
dīpyamānās tu gacchanti sthānāṣṭakam idaṃ priye || 7:121 ||

… auch wer an diesen Orten stirbt, durchbricht die Welt vollständig und zieht leuchtend weiter. Dies ist die Achtergruppe der Stätten, Geliebte.

Anmerkung: Sthānāṣṭakam idam ist eine Emendation beschädigter Lesungen. Das Zitat endet hier, nicht das siebte Kapitel des Guhyasutra.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 7.232ab[31]

asādhyekapadam ūrdhvaṃ tato hariharau varau

Darüber [liegt] Asadhya, ein einzelner Bereich; danach die beiden hervorragenden [Weltenherrscher] Hari und Hara.

Anmerkung: Die Gliederung asādhya-ekapadam ist die vorsichtige Deutung der Edition. Hara entspricht hier Rudra.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 7.237ab[32]

vāmo jyeṣṭhaś ca rudraś ca mahādevatrayaṃ smṛtam

Vama, Jyeshtha und Rudra gelten als die Dreiheit der Mahadevas.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 7.242cd[33]

yonir vāgeśvarī caiva yatra jāto na jāyate

Und der Mutterschoß ist Vagishvari: Wer dort geboren wird, wird nicht wieder geboren.

Anmerkung: Der Kommentar ordnet den gemeinsamen Halbvers dem Guhyasūtra 7.242 und der Svacchanda-Parallele zu. Die Fassung mit yatra bleibt erhalten; das abweichende yasyāṃ der normalisierten Svacchanda-Ausgabe wird nicht übernommen. Vagishvari ist die Herrin der Rede.

Guhyasūtra 7.243cd[34]

oṅkāraṃ sādhyadhātāraṃ damaneśas tathā smṛtam

Omkara, Sadhya-Dhatar und Damanesha werden so genannt.

Anmerkung: Die Trennung und Zahl der Eigennamen ist unsicher. Möglich sind auch ‚Omkara, Sadhya, Dhatar‘. Die kosmologischen Namen werden nicht als frei rezitierbare Mantra-Folge behandelt.

Guhyasūtra 7.244[34]

dhyānād ūrdhvaṃ tu bhasmeśaṃ krameṇa kathitāni tu /
pramāṇāni tatordhvaṃ tu procyamānāni me [śṛṇu]

Oberhalb von Dhyana [liegt] Bhasmesha. [Diese Bereiche] sind der Reihe nach genannt. Höre nun von mir die Pramanas, die darüber liegen und jetzt erklärt werden.

Anmerkung: Der Schluss śṛṇu ist ergänzt; tatordhvaṃ wird wie im Zitat bewahrt.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 7.251cd[35]

sā devī ca kalā eva [vāgī]śīti nigadyate

Und eben diese Göttin, die Kala, wird Vagishi genannt.

Anmerkung: Die erste Hälfte von vāgīśī ist in der Studie ergänzt. Die Zitatüberschrift nennt 7.251cd–252ab, druckt jedoch anschließend auch 252cd; der bereits nach Goodall erfasste Vers 252 wird nicht doppelt aufgenommen.

Guhyasūtra 7.252[36]

aṣṭabhedavibhinnā tu vidyā sā eva paṭhyate /
vāmādyaiḥ śaktibhir bhinnā punaś ca paripaṭhyate

Eben diese Vidya wird als in acht Unterteilungen gegliedert gelehrt. Wiederum wird sie als in die Shaktis, beginnend mit Vama, unterteilt beschrieben.

Anmerkung: Die erste Achtteilung wird im Zitat nicht näher bestimmt. Ihre Deutung als acht Buchstabengruppen ist eine Erklärung aus einer Parallelüberlieferung und wird nicht in den Grundtext eingesetzt. Wortlaut zusätzlich mit Törzsök 2016, S. 142, Anm. 21, verglichen.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 7.259[37]

ata ūrdhvaṃ tu vijñeyaṃ tattadrūpacatuṣṭayam /
dharmajñānaṃ ca vairāgyam aiśvaryaṃ ca catuṣṭayam

Darüber soll man die Vierheit der verschiedenen Gestalten erkennen: die Vierheit aus Dharma, Erkenntnis, Leidenschaftslosigkeit und Herrschaftsmacht.

Anmerkung: Die vier Begriffe bezeichnen hier kosmologische Gestalten oder Bereiche; sie werden nicht als neue Liste von vier Yoga-Übungen ausgegeben.

Guhyasūtra 7.260[37]

vāmā jyeṣṭhā ca raudrī ca śaktitrayam ataḥ param /
jñānaśaktiḥ kriyāśaktir dve vidye parikīrtite

Darüber [liegt] die Dreiheit der Shaktis: Vama, Jyeshtha und Raudri. Die Kraft der Erkenntnis und die Kraft des Handelns werden als die beiden Vidyas bezeichnet.

Anmerkung: Die Nummerierung dieser Stelle überschneidet sich mit dem Zitat auf S. 305. Beide Druckbelege werden sichtbar unterschieden; sie werden nicht stillschweigend zu einer vermeintlich widerspruchsfreien Versfolge vereinigt.

Guhyasūtra 7.260cd (abweichend zugeordnetes Zitat)[38]

tejīśaś ca dhruvaś caiva pramāṇādhvān akīrtitam

Und Tejisha und Dhruva, die im kosmischen Weg der Pramanas genannt sind.

Anmerkung: Goodall 2015 bezeichnet das dreizeilige Zitat hier als 7.260cd–261; seine S. 303 gibt unter 7.260 einen anderen Vers wieder. Sanderson 2006 zählt laut Fußnote 218 dasselbe dreizeilige Stück als 7.261–262ab. ‚variante‘ ist eine redaktionelle Referenzergänzung für diese offene Zähldifferenz.

Guhyasūtra 7.261[39]

kapālavratam āsthāya pramāṇāgamasi[ddhaye] /
gatā dhruvapadaṃ ye tu dīkṣājñānaviśodhitāḥ

Diejenigen, die durch Einweihung und Erkenntnis gereinigt sind und die Schädelobservanz auf sich genommen haben, um die Pramana-Überlieferung zu erfüllen, gelangen zum Bereich Dhruvas.

Anmerkung: Die Ergänzung ddhaye stammt von Sanderson. Zur abweichenden Nummerierung siehe die vorangehende Einheit. Die Schädelobservanz gehört in den historischen asketischen Kontext.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 7.263[40]

dhruvaṃ caivopariṣṭāt tu bhuvanatrayasaṃhatim /
rudrapratodamanavan trayaite bhuvaneśvarāḥ

Oberhalb von Dhruva [liegt] eine Vereinigung dreier Welten. Rudra, Pratoda und Manava: Diese drei sind die Weltenherren.

Anmerkung: Der dritte Name kann nach der Edition Manava oder möglicherweise Manu meinen; die ungewöhnliche Form manavan bleibt erhalten.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 7.265ab[40]

saumyās te tu trayo rudrā ity ete parikī[rttitāḥ]

Diese drei Rudras werden als die Saumyas, die Sanften, bezeichnet.

Anmerkung: Der Schluss ist ergänzt. Ob eine gemeinsame Welt Saumya oder drei so bezeichnete Welten gemeint sind, bleibt offen.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 7.272[41]

śaktiś caivordhvasaṃskāraṃ khyāti+ḥ+ pramuditas tathā /
[prala]mbañ ca tathā viṣṇuṃ mandaraṃ gahanan tathā

[Darüber liegen] Shakti und Samskara, ferner Pramudita, Pralamba, Vishnu, Mandara und Gahana.

Anmerkung: Die Namensgliederung ist unsicher; khyāti wird mit der Edition als Teil des Ausdrucks ‚genannt‘ verstanden. Der hinzugefügte Visarga +ḥ+ und die Ergänzung prala werden angezeigt. Die Liste geht in der folgenden Vershälfte weiter.

Guhyasūtra 7.273ab[41]

pravitataṃ ca -m- uddiṣṭam aṣṭau te parameśvarāḥ

Auch Pravitata wird genannt. Diese acht sind die höchsten Herren.

Anmerkung: Das isolierte -m- ist ein problematisches überliefertes Verbindungselement. Nur die zitierte Vershälfte wird wiedergegeben.
Weitere kosmologische Auszüge mit älterer Zählung

Die folgenden beiden Zitatgruppen sind nach Sanderson 2001 wiedergegeben. Seine Verszahlen weichen von den Zahlen der späteren Arbeiten ab und werden deshalb bei jeder Fundstelle ausdrücklich bezeichnet. Eine pauschale Umrechnung wäre irreführend. Der Anfang von 7.249 dieser älteren Zählung entspricht dem oben zitierten 7.232ab nach Goodall 2015; die Überschneidung ist gekennzeichnet. Die Sanskrittexte aus der daneben gedruckten Svacchanda-Parallele gehören nicht zur vorliegenden Ausgabe.

Guhyasūtra 7 – zitierter Halbvers vor 7.237 (Zählung Sanderson 2001)[42]

ata ūrdhva⟨ṃ⟩ sthitā vidyā
aṣṭadhā prakṛtir dhruvā

Darüber befindet sich die Vidya, die achtfach gegliederte, beständige Urnatur.

Anmerkung: Der im Zitat unnummerierte Eingangs-Halbvers wird durch seine Stellung vor 7.237 nach Sanderson 2001 bezeichnet. ⟨ṃ⟩ ist eine gekennzeichnete Ergänzung. Es handelt sich um eine kosmologische Vidya, nicht um eine ausgeschriebene Mantraformel.

Guhyasūtra 7.237 (Zählung Sanderson 2001)[42]

iḍā ca candriṇī caiva
gaurī śāntis tathāparā
mālā ca maulinī svāhā
svadhā ceti prakīrttitā⟨ḥ⟩

Ida und Chandrini, Gauri und ferner Shanti, Mala und Maulini, Svaha und Svadha: So werden sie genannt.

Anmerkung: Diese acht Namen führen die Vidya-Gliederung des vorhergehenden Halbverses aus. Svaha und Svadha stehen hier als Namen personifizierter Mächte; die Liste wird nicht zu einer zusätzlichen Rezitationsformel erklärt. Die ergänzte Pluralendung bleibt sichtbar.

Guhyasūtra 7.238 (Zählung Sanderson 2001)[42]

[athātaḥ sa]mpravakṣyāmi
vigrahān tu yathāsthitam
kāryan duḥkhan tathā jñānaṃ
sādhanaṃ tatvam eva ca

[Nun werde ich] die Gestalten so darlegen, wie sie angeordnet sind: Wirkung, Leid, Erkenntnis, Mittel und Wirklichkeit …

Anmerkung: Der Beginn ist im wissenschaftlichen Zitat ergänzt. Vigraha bedeutet hier eine kosmologische Gestalt beziehungsweise Ebene. Die acht Namen werden in Vers 239 vervollständigt. Die Druckschreibung tatvam bleibt erhalten.

Guhyasūtra 7.239 (Zählung Sanderson 2001)[42]

sādhyañ caiva tathaiśvaryan
kāraṇañ ca tathāṣṭamam
ete aṣṭavidhā jñeyā
nigrahānugrahe sthitā

… das zu Verwirklichende, Herrschaftsmacht und als achtes die Ursache. Als diese acht Formen soll man sie erkennen; sie stehen im Zusammenhang von Zurückhaltung und Begünstigung.

Anmerkung: Nigraha und Anugraha bezeichnen das hemmende beziehungsweise begünstigende Wirken göttlicher Macht. Die Aufzählung ist ein kosmologisches Ordnungsschema und keine Liste von acht Yoga-Übungen.

Guhyasūtra 7.240 (Zählung Sanderson 2001)[42]

niyatikālarāgañ ca
saṃkṣepeṇa bravīme te
sukhaduḥkhapradā devī
śubhāśubhanibandhanī

Niyati, Kala und Raga erkläre ich dir kurz. Die Göttin [Niyati] verleiht Freude und Leid; sie bindet an das Gute und das Ungute.

Anmerkung: Niyati meint die begrenzende Ordnung, Kala die Zeit und Raga das Verlangen. Niyati ist als Subjekt des zweiten Halbverses aus dem Zusammenhang ergänzt. Die eigentümliche Form bravīme wird nicht berichtigt.

Guhyasūtra 7.241 (Zählung Sanderson 2001)[42]

rāgas tu rañjakaḥ prokto
viṣayānandalakṣaṇaḥ
yena sa[ṃsā]rito jantur
narakādiṣu pacyate

Raga wird als das Färbende bezeichnet; sein Kennzeichen ist die Freude an den Sinnesgegenständen. Durch ihn in den Kreislauf des Wiederwerdens versetzt, wird das Lebewesen in Höllen und anderen Bereichen gepeinigt.

Anmerkung: „Färbend“ erläutert den Wortzusammenhang von Raga und rañjaka: Verlangen prägt die Erfahrung. Die ergänzten Silben des Zitats bleiben markiert. Die Höllenaussage gehört zur religiösen Kosmologie der Schrift.

Guhyasūtra 7.242 (Zählung Sanderson 2001)[42]

vimalaṃ sampravakṣyāmi
jñānasargam ataḥ paraṃ
bhavodbhavakaraḥ śarvo
vajradehas tṛtīyakaḥ

Nun werde ich anschließend die reine Entfaltung der Erkenntnis darlegen: Bhavodbhavakara, Sharva und als dritter Vajradeha …

Anmerkung: Es folgt eine Reihe von zehn göttlichen Shankara-Gestalten. Tṛtīyakaḥ bezeichnet den dritten Eintrag und ist kein zusätzlicher Eigenname. Der Vers wurde für diese Zahlfrage am vergrößerten Druckbild kontrolliert.

Guhyasūtra 7.243 (Zählung Sanderson 2001)[42]

prabhur dhātā vidhātā ca
kramaś ca vikramas tathā
prabheśaḥ suprabhaś caiva
daśaite śaṅkarāḥ smṛtāḥ

… Prabhu, Dhatar und Vidhatar, Krama und Vikrama, Prabhesha und Suprabha. Diese werden als die zehn Shankaras bezeichnet.

Anmerkung: Die drei Namen in 242 und die sieben Namen dieses Verses ergeben die genannten zehn Shankaras. Kramaś ca ist konjiziert. Der Apparat S. 28 ordnet diese Lesart abweichend „233a“ zu.

Guhyasūtra 7.244 (Zählung Sanderson 2001)[42]

niyatyāṃ saṃsthitā hy ete
jñātavyā deśikena tu
śaṅkarāś ca samākhyātāś
śivāś caiva nibodha me

Diese befinden sich in Niyati; der Lehrer soll sie kennen. Die Shankaras sind damit genannt. Vernimm nun von mir auch die Shivas.

Anmerkung: Shankaras und Shivas bezeichnen hier verschiedene Gruppen göttlicher Weltenherren. Sie sind keine Aufzählung verschiedener Schulen.

Guhyasūtra 7.245 (Zählung Sanderson 2001)[43]

śu[ddho] buddhaḥ prabuddhaś ca
praśāntaḥ paramākṣaraḥ
śivaś ca suśivaś caiva
dhruvaś cākṣara eva ca

Shuddha, Buddha und Prabuddha, Prashanta und Paramakshara, Shiva und Sushiva, Dhruva und Akshara …

Anmerkung: Die Namen bedeuten unter anderem „rein“, „erwacht“, „vollständig erwacht“ und „ganz ruhig“. Buddha ist in dieser Liste eine göttliche Shiva-Gestalt; der Name allein belegt keinen Bezug auf den historischen Buddha. Der zehnte Name folgt in 246.

Guhyasūtra 7.246 (Zählung Sanderson 2001)[43]

avyayaś ca samākhyātā
daśaite nirmitāḥ śivāḥ
paramākṣarajāpena
samayī labhate padam

… und Avyaya: Diese zehn sind als die hervorgebrachten Shivas genannt. Durch Rezitation der höchsten Silbe erlangt der an die Verpflichtungen gebundene Eingeweihte [ihren] Bereich.

Anmerkung: Samayin bezeichnet einen Eingeweihten, der die religiösen Verpflichtungen angenommen hat. Die „höchste Silbe“ ist hier benannt, aber nicht ausgeschrieben. Ihre Gleichsetzung mit einer bestimmten geläufigen Formel wird aus diesem Vers allein nicht abgeleitet.

Guhyasūtra 7.247 (Zählung Sanderson 2001)[43]

hemābhāś śaṅkarāḥ proktāḥ
śivās sphaṭikasannibhāḥ
ekaikasya vinirdiṣṭam
parivāre yaśasvini

Die Shankaras werden als goldglänzend beschrieben, die Shivas als kristallgleich. Für das Gefolge eines jeden ist bestimmt, Ruhmreiche: …

Anmerkung: Die Zahl des Gefolges folgt erst in 248. Das grammatisch auffällige vinirdiṣṭam parivāre bleibt erhalten; die abweichende Fügung der Svacchanda-Parallele wird nicht eingesetzt.

Guhyasūtra 7.248 (Zählung Sanderson 2001)[43]

koṭir ekā samākhyātā
sahasrāṇi tu ṣoḍaśa
kūrmākārāṇi sarveṣāṃ
proktāni bhuvanāni tu

… eine Koti und sechzehntausend werden genannt. Ihre Welten werden sämtlich als schildkrötenförmig beschrieben.

Anmerkung: Eine Koti entspricht zehn Millionen; zusammen mit sechzehntausend ergibt dies 10.016.000. Die Zahl gehört zum Gefolge, die Schildkrötenform zur kosmologischen Beschreibung der Welten.

Guhyasūtra 7.249 (Zählung Sanderson 2001)[43]

asādhyekapadam ūrdhvan
tato hariharau varau
tasmād api daśeśānāḥ
saṃsthitāḥ kāmarūpiṇaḥ

Darüber [liegt] Asadhya, ein einzelner Bereich; danach die beiden hervorragenden [Weltenherrscher] Hari und Hara. Noch darüber befinden sich die zehn Herren, die nach Belieben Gestalt annehmen.

Anmerkung: Der erste Halbvers entspricht dem bereits nach Goodall 2015 zitierten Guhyasūtra 7.232ab. Hier steht er im vollständigen Verskontext der älteren Zählung von 2001. Dies ist keine zweite ursprüngliche Textstelle. Sanderson druckt ūrdhvan, Goodall ūrdhvaṃ; beide Quellenfassungen bleiben erkennbar.

Guhyasūtra 7.250 (Zählung Sanderson 2001)[43]

suhṛṣṭas suprahṛṣṭaś ca
surūpo rūpavardhanaḥ
manonmanas samākhyātas
sumanonmana eva ca

Suhrishta und Suprahrishta, Surupa und Rupavardhana, der genannte Manonmana sowie Sumanonmana …

Anmerkung: Die Namenreihe der zehn Herren endet im folgenden Halbvers. Sumanonmana ist im Apparat nach einer späteren Abschrift wiedergegeben; der ältere Zeuge ist an dieser Stelle beschädigt. Die Apparatzuordnung „240d“ weicht von der Zählung des Zitats ab.

Guhyasūtra 7.251ab (Zählung Sanderson 2001)[43]

mahāvīras suvīraś ca
vīreśo daśamaḥ smṛtaḥ

… Mahavira und Suvira; als zehnter wird Viresha genannt.

Anmerkung: Das Zitat gibt unter der Zahl 251 nur diesen Halbvers wieder. Die vorangehende Aufzählung in 250–251ab nennt sichtbar neun Namen, obwohl Viresha als zehnter bezeichnet wird. Der fehlende oder anders zu gliedernde Name wird nicht erfunden.

Es folgt eine zweite, getrennt überlieferte Zitatgruppe aus demselben Kapitel. Zwischen den beiden Gruppen ist hier kein Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 7.301 (Zählung Sanderson 2001)[44]

tatra madhye sthitā devī
suṣumṇā nāma nāmataḥ
padmasūtrākṛtiś śuklā
śaktibhir bahubhir vṛtā

Dort in der Mitte befindet sich die Göttin, die den Namen Sushumna trägt. Sie hat die Gestalt einer Lotusfaser, ist weiß und von vielen Shaktis umgeben.

Anmerkung: Sushumna ist hier eine kosmologische Göttin. Die Lotusfaser beschreibt ihre feine Gestalt; daraus wird kein späteres System von Körperchakras abgeleitet. Sanderson bezeichnet den Textzeugen für die Folge 301–307 mit Guhyasūtra 7, Bl. 68v5–69r1.

Guhyasūtra 7.302 (Zählung Sanderson 2001)[45]

padmahastā sitāṅgī tu
padmābharaṇabhūṣitā
śaktir bhuvanapaṅktībhis
samantād avabhāsitā

Sie hält einen Lotus in der Hand, ihr Körper ist weiß und sie ist mit Lotusschmuck geschmückt. Als Shakti wird sie ringsum von den Reihen der Welten erhellt.

Anmerkung: Bhuvanapaṅkti meint Reihen beziehungsweise Anordnungen kosmischer Welten. Die Druckform paṅktībhis wird bewahrt. Diese Beschreibung setzt die Schau der Göttin Sushumna fort.

Guhyasūtra 7.303 (Zählung Sanderson 2001)[45]

nādabrahmabile līnā
catuḥśaktibhir āvṛtā
lakṣaṇākṛtirūpeṇa
catur ++ vyavasthitā

Sie ruht verborgen in der Öffnung des Nada-Brahman und ist von vier Shaktis umgeben. In einer Gestalt mit kennzeichnender Form [beschädigte Fortsetzung:] vier … befindet sie sich.

Anmerkung: Der letzte Versfuß ist beschädigt; ++ bezeichnet hier zwei unlesbare Silben, keine Addition. Catuḥśaktibhir āvṛtā ist Sandersons Konjektur. Nādabrahmabile wird nach dem Guhya-Zeugen bewahrt; die abweichende Lesung nāḍyā brahmabile des Svacchanda ist kein Grundtext dieser Ausgabe. Auch die genaue Deutung des dritten Versfußes bleibt vorläufig.

Guhyasūtra 7.304 (Zählung Sanderson 2001)[45]

mahāpadmopariṣṭāt sā
śivakāyād viniḥsṛtā
sā tu bhūtaguṇais tyaktā
māyāvayavavarjitā

Über dem großen Lotus befindet sie sich, aus Shivas Körper hervorgegangen. Sie ist frei von den Eigenschaften der Elemente und ohne Bestandteile der Maya.

Anmerkung: Mahāpadmopariṣṭāt und viniḥsṛtā sind Korrekturen des wissenschaftlichen Zitats. Maya ist hier die kosmische Grundlage begrenzter Erscheinung. Der Vers beschreibt eine ihr enthobene Shakti.

Guhyasūtra 7.305 (Zählung Sanderson 2001)[45]

dhyātavyā mokṣakāmais tu
tuṣārakaṇadhūsarā
sṛṣṭisaṃhārakarttṝṇāṃ
kartṛbhūtā vyavasthitā

Wer Befreiung ersehnt, soll über sie meditieren: Sie ist blass wie Schneekristalle. Sie besteht als die wirkende Ursache selbst derer, die Schöpfung und Auflösung vollziehen.

Anmerkung: Die Aussage bezieht sich auf die zuvor beschriebene Sushumna. Der Vergleich mit Schneekristallen folgt tuṣārakaṇa. Das im Druck als großes R mit Unterpunkt dargestellte Zeichen in karttṝṇām wird hier als langes vokalisches ṝ wiedergegeben. Es ist eine historische Meditationsbeschreibung, keine zusätzliche moderne Übungsanweisung.

Guhyasūtra 7.306 (Zählung Sanderson 2001)[45]

bibharty aṇḍāny anekāni
phalānīva vanaspatiḥ
tatordhvan niṣkal[o devo]
vartula sa + niṣṭhitaṃ

Sie trägt zahlreiche Welteneier, wie ein Baum Früchte trägt. Darüber [befindet sich der] teilelose [Gott]. [Beschädigter und nicht sicher deutbarer Versfuß:] rund … gegründet.

Anmerkung: Der Schluss bleibt unklar; das einzelne + bezeichnet eine unlesbare Silbe. Die Ergänzung o devo und die Korrektur vanaspatiḥ stammen aus dem Zitat. Die weibliche Shakti trägt die Welten; ab dem dritten Versfuß geht die Beschreibung zum teilelosen Shiva über.

Guhyasūtra 7.307 (Zählung Sanderson 2001)[45]

anaupamyam anākāram
ūhavādavivarjitam
sarvajñaṃ sarvagaṃ devaṃ
svayambhuṃ bhuvanādhipaṃ

… den unvergleichlichen, gestaltlosen Gott, der jenseits von Vermutung und begrifflicher Erörterung ist, den Allwissenden, Allgegenwärtigen, aus sich selbst Hervorgegangenen, den Herrn der Welten.

Anmerkung: Der Vers setzt die Beschreibung des teilelosen Shiva fort. Sarvajñam ist eine Korrektur, svayambhum eine Konjektur des Zitats. Die letzte Form ist sprachlich unregelmäßig und wird nicht zu svayambhuvam geglättet.

Guhyasūtra, Kapitel 8: Kosmischer Einweihungsritus

Guhyasūtra 8.26ab[27]

sauvarṇṇeṣu punar yāgo bhurloke tu bhuvas tathā

Darauf [erfolgt] die Verehrung in den Goldenen [Welten], in Bhurloka und ebenso in Bhuvas.

Anmerkung: Der Plural sauvarṇṇeṣu ist auffällig, weil andernorts eine einzelne Unterwelt Sauvarna genannt ist. bhurloke mit kurzem u steht so im Zitat.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 8.110cd[46]

etad buddhvā na dātavyaṃ śivadevāmṛtam param |

Dies bedenkend, soll man den höchsten Nektar des Gottes Shiva nicht [unbedacht] weitergeben.

Anmerkung: Nur die zweite Vershälfte ist in der verwendeten Veröffentlichung zitiert. ‚Unbedacht‘ verdeutlicht den Kontext der Auswahl geeigneter Empfänger; es ist kein zusätzliches Sanskritwort.

Guhyasūtra 8.111[46]

dīkṣājñānena yogena caryayā ca yathākramam |
pratyekaśaḥ śivāvāptis tantre ’smin pārameśvare || 8:111 ||

In diesem Tantra des höchsten Herrn wird Shiva jeweils durch Einweihung, Erkenntnis, Yoga und die Ausübung religiöser Gelübde erlangt, in der genannten Reihenfolge.

Anmerkung: Pratyekaśaḥ besagt, dass jeder der vier Wege zum Ziel führen kann. Charya meint in diesem Zusammenhang nach Goodalls Untersuchung vor allem zeitlich bestimmte Gelübde zur Vorbereitung der Mantra-Praxis; die vier Themen sind keine vier Bücher des Werkes.

Guhyasūtra 8.112[46]

dīkṣayā sukaraṃ mokṣaṃ yad gurus sādhayet sadā |
jñānañ ca gurum āsādya labhyate tat[[prasādataḥ]] || 8:112 ||

Durch die Einweihung ist Befreiung leicht zu erlangen, weil der Guru sie stets bewirkt. Erkenntnis wird gewonnen, nachdem man sich einem Guru genähert hat, durch dessen Gnade.

Anmerkung: Der Schluss prasādataḥ ist nur in der späteren Abschrift K erhalten. Die Aussage über die Wirksamkeit der Einweihung gibt die religiöse Lehre des Textes wieder.

Guhyasūtra 8.113[47]

--- te mX yo XX(?) ca gurupādataḥ |
ātmaśaktyā carec caryāṃ sarvasiddhipradāyikām || 8:113 ||

[Beschädigter Text; erkennbar sind Fragmente:] … und von den Füßen des Gurus. Mit eigener Kraft soll man die Ausübung der Gelübde vollziehen, die alle Vollendungen gewährt.

Anmerkung: X und --- sind die Unlesbarkeits- und Lückenzeichen des zitierten Textes. Vor te liegt in der Vorlage der Übergang zu Blatt 72r. Goodall erwägt yogañ ca gurupādataḥ, doch diese Konjektur wird nicht als erhaltener Grundtext eingesetzt.

Guhyasūtra 8.114[47]

etac catuṣṭayam proktaṃ saṃsārabhayanāśanam |
parasyaiva na deyan tu yadi ’cchet siddhim ātmanaḥ || 8:114 ||

Diese Vierheit ist gelehrt worden, um die Furcht vor dem Kreislauf der Wiedergeburten zu vernichten. Man soll sie einem anderen nicht [unbedacht] weitergeben, wenn man für sich Vollendung wünscht.

Anmerkung: Die Beschränkung der Weitergabe gehört zum initiatorischen Kontext. Der Satz erteilt keine allgemeine Freigabe aller im Werk genannten Mantras.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 8.128[48]

ahaṃ tvaṃ ca viśālākṣi mūlaṃ sarvajagasya tu |
mātṛkāśivarūpeṇa siddhisambhavapādapam ||

Ich und du, Großäugige, sind die Wurzel der ganzen Welt: In der Gestalt von Matrika und Shiva [sind wir] der Baum, aus dem die Vollendung hervorgeht.

Anmerkung: Die Metapher verbindet Wurzel und Baum. Die unregelmäßige Form sarvajagasya bleibt erhalten. Shiva spricht zur Göttin; Matrika bezeichnet hier die Alphabetgöttin.

Guhyasūtra 8.129[48]

ābrahmastambhaparyantaṃ jagat sarvaṃ carācaram |
mama bījodbhavaṃ sarvaṃ tava yonivinirgatam ||

Die ganze Welt, das Bewegliche und Unbewegliche, von Brahma bis zum Grashalm: Alles ist aus meinem Samen entstanden und aus deinem Schoß hervorgegangen.

Anmerkung: Samen und Schoß sind hier zugleich Bilder für Shivas und der Göttin kosmische und sprachschöpferische Kraft. Der Druck hat stambha; die gewöhnlichere Form stamba wird nicht eingesetzt.

Guhyasūtra 8.130[48]

vedādyāḥ pañca ye proktā mahājñānās tu bhūtale |
-6- dbhavā hy ete tava yonivinirgatāḥ ||

Die fünf großen Wissenslehren, beginnend mit den Veden, die auf Erden verkündet wurden, [sechs Silben fehlen] … sind aus deinem Schoß hervorgegangen.

Anmerkung: Die Lücke wird nicht nach dem gleichartigen Satz im vorigen und folgenden Vers ergänzt. Die fünf Lehren werden hier nicht einzeln aufgezählt.

Guhyasūtra 8.131[48]

riṣidevamatāny eva martyabuddhikṛtāni ca |
mama bījodbhavā hy ete tava yonivinirgatāḥ ||

Die Lehren der Seher und Götter und auch jene, die der Verstand der Sterblichen geschaffen hat: Sie sind aus meinem Samen entstanden und aus deinem Schoß hervorgegangen.

Anmerkung: Die Druckform riṣi und die wechselnde grammatische Verbindung der zweiten Zeile bleiben erhalten.

Guhyasūtra 8.132[49]

saṃskṛtaṃ prākṛtaṃ caiva apabhraṃśānunāsikam /
divyādivyan tu yat kiñcid vāṅmayaṃ samprasūyate

Sanskrit und Prakrit, Apabhramsha und nasale Rede – was immer es an göttlicher oder nichtgöttlicher Sprache gibt, entsteht [daraus].

Anmerkung: Sanskrit, Prakrit, Apabhramsha und nasale Rede sind hier historische Sprachkategorien; mit der letzten Bezeichnung wird keine bestimmte heutige Sprache identifiziert. Das vollständige Zitat auf S. 343–344 und die zweite Hälfte auf S. 473 wurden verglichen. Törzsök 2016, S. 142, Anm. 22, zitiert abweichend apatraṃsānunāsikam und erwägt apabhraṃśānunāsikam. Hier bleibt die Lesung des vollständig verglichenen Goodall-Zitats maßgeblich.

Guhyasūtra 8.133[48]

tvaṃ sadā gurṇiṇī devi ahaṃ kāmayitā sadā |
vikārās tava jāyante yat sarvaṃ sampratiṣṭhitam.

Du bist stets schwanger, Göttin, und ich bin stets der Begehrende. Aus dir entstehen die Entfaltungen – alles, was Bestand hat.

Anmerkung: Gurṇiṇī ist die gedruckte, schwierige Lesung; die Autorin erwägt gurviṇī, „schwanger“. Die deutsche Deutung folgt diesem ausdrücklich gekennzeichneten Vorschlag. Die Sanskritfassung wird nicht stillschweigend emendiert.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 8.137[46]

ahaṃ pumāṃs tvaṃ prakṛti niyati puna[[r eva ca]] |
niya--- [2] kālarūpī maheśvaraḥ || 8:137 ||

Ich bin die Seele, du bist die Urnatur und wiederum die Begrenzung. [Beschädigte Stelle, beginnend mit niya…:] Maheshvara hat die Gestalt der Zeit.

Anmerkung: Die zweite Zeile ist beschädigt; die Zahl 2 gehört zur Angabe der Lücke. Puman, Prakriti, Niyati und Kala werden hier als kosmologische Prinzipien angesprochen. Die erhaltenen unregelmäßigen Formen werden nicht normalisiert.

Guhyasūtra 8.138[46]

tvam māyā ca tathā vidyā aham punas tatheśvaraḥ |
sadāśiva ahan devi tvañ caturdhā kaleśvarī || 8:138 ||

Du bist Maya und ebenso Vidya; ich wiederum bin Ishvara. Ich bin Sadashiva, Göttin, und du bist die Herrin der Kala in ihrer vierfachen Gestalt.

Anmerkung: Maya, Vidya, Ishvara und Sadashiva sind hier zugleich Namen kosmischer Wirklichkeiten. Der Vers nennt vier Kalas, nicht das spätere verbreitete Fünferschema.

Guhyasūtra 8.139[46]

īśitvāc ca vaśitvāc ca sarvajñatvāc ca nityaśaḥ |
śāntatvān niṣkalatvāc ca samatvāc ca ahaṃ śivaḥ || 8:139 ||

Weil ich Herrschaft und Macht besitze, allwissend bin, stets in Frieden ruhe, ungeteilt und im Gleichgewicht bin, bin ich Shiva.

Anmerkung: Niṣkala bedeutet hier ohne Teile oder Gliederung. Der Vers spricht in Shivas eigener Stimme; die deutsche Ich-Form ist keine Selbstaussage des Lesers.

Guhyasūtra 8.140[46]

mama icchā na hanyā tvaṃ tvaṃ hi śaktibalodayā |
tvatsūtañ ca jagat sarvaṃ śivadā sadanugrahe || 8:140 ||

Du bist mein Wille, dem nicht entgegengewirkt werden kann; aus dir geht die Macht der Kräfte hervor. Die ganze Welt ist aus dir geboren. Du schenkst den Shiva-Zustand, du wahrhaft Gnädige.

Anmerkung: Sadanugrahe wird mit Goodall als Anrede an diejenige verstanden, deren Gnade wahrhaftig ist. Die Wendung na hanyā ist ungewöhnlich; die Übersetzung folgt dem in der Veröffentlichung erläuterten Sinn.
Ardhanarishvara, Shiva und die Göttin in einer Gestalt. Das folgende Guhya-Kapitel beschreibt eine eigene Observanz unter diesem Namen.

Guhyasūtra, Kapitel 9: Vyomavyapin-System I

Guhyasūtra 9 – Sprecherangabe vor 9.1[50]

devy uvāca—

Die Göttin sprach:

Guhyasūtra 9.1[50]

mātṛkāyā bhavet siddhir mmokṣañ caiva maheśvara |
mātṛkāsiddhim ākhyāhi mokṣañ caiva yathā bhavet || 9:1 ||

Aus der Matrika können Vollendung und Befreiung entstehen, Maheshvara. Erkläre, wie durch die Matrika Vollendung und Befreiung zustande kommen.

Anmerkung: Matrika bezeichnet hier die Buchstabenreihe als Mantra, nicht eine einzelne Göttin oder ein modernes Chakrasystem.

Guhyasūtra 9.2[50]

tatsamutthāś ca ye mantrāḥ kimarthaṅ kathitās tvayā |
etat praśnavaraṃ brūhi ((bha))---phalaṃ hi me || 9:2 ||

Und zu welchem Zweck hast du die Mantras gelehrt, die aus ihr hervorgehen? Beantworte mir diese vorzügliche Frage; [beschädigter Text:] bha… Frucht für mich.

Anmerkung: Der Schluss ist nicht sicher zu übersetzen. Das erhaltene bha wird nicht zu einem vermuteten Wort erweitert.

Guhyasūtra 9 – Sprecherangabe vor 9.3[50]

īśvara u—

Der Herr sprach:

Guhyasūtra 9.3[50]

arddhastrīveśadhārī tu arddhena puruṣas tathā |
arddhena alakaṃ kuryād arddhenaiva jaṭādharaḥ || 9:3 ||

Er soll zur Hälfte die Erscheinung einer Frau annehmen und zur anderen Hälfte die eines Mannes. Auf der einen Hälfte soll er Locken tragen, auf der anderen verfilzte Haarsträhnen.

Anmerkung: Beschrieben wird das Gelübde des Ardhanarishvara, der vereinten weiblichen und männlichen Gestalt Shivas. Es ist eine historische rituelle Darstellung, keine Aussage darüber, wie sich Menschen heute geschlechtlich einordnen müssen.

Guhyasūtra 9.4[50]

tilakārddhena netrārddhe vālikā hy ekakarṇṇake |
kuṇḍalaṃ hy ekakarṇṇe tu śūlan dakṣiṇahastataḥ || 9:4 ||

Auf der einen Hälfte [der Stirn] ein Stirnzeichen, auf der anderen ein Auge; an einem Ohr ein Ring, am anderen ein herabhängender Ohrschmuck, in der rechten Hand ein Dreizack …

Anmerkung: Die Stirn ist nach dem Bildkontext ergänzt. Der Vers beginnt nominal und setzt die Ausstattung bis Vers 7 fort.

Guhyasūtra 9.5[50]

vāmapārśve stanaṅ kuryād vāmārdhe caiva mekhalām |
valayaṃ vāmahaste tu vāmapāde tu nūpuraṃ || 9:5 ||

… an der linken Seite soll er eine Brust darstellen und an der linken Hälfte einen Gürtel, am linken Arm einen Reif und am linken Fuß einen Fußschmuck …

Guhyasūtra 9.6[50]

rucakaṃ dakṣiṇe pāde muñjamālāṃ tathā kaṭau |
kaupīnan dakṣiṇe kuryād vāme strīvastradhāritā || 9:6 ||

… am rechten Fuß einen Ruchaka-Schmuck und um die Hüfte einen Gürtel aus Munja-Gras. Rechts soll er einen Lendenschurz anlegen, links ein Frauengewand tragen.

Anmerkung: Die Angabe zum rechten Fuß und Munja-Gürtel ist in der Veröffentlichung konjiziert. Ruchaka wird als eine hier der männlichen Hälfte zugeordnete Schmuckform verstanden.

Guhyasūtra 9.7[50]

śūrppaṃ vāmakare gṛhṇed ardhanārīśvaravrate |
etad vrataṅ gṛhītvā tu bhikṣāśī tu jitendriyaḥ || 9:7 ||

Beim Gelübde des Ardhanarishvara soll er in der linken Hand eine Getreideschwinge halten. Hat er dieses Gelübde angenommen, soll er von Almosen leben, die Sinne beherrschen …

Anmerkung: Die Endung des Kompositums ardhanārīśvaravrata ist konjiziert. Eine Getreideschwinge ist ein Korb zum Trennen des Getreides von Spreu.

Guhyasūtra 9.8[50]

japahomarato nityam pratigrahavivarjjitaḥ |
triṣkālaṃ arccayed devaṃ triṣkālaṃ snānam ācaret || 9:8 ||

… stets der Rezitation und dem Feueropfer zugewandt sein und auf die Annahme von Geschenken verzichten. Dreimal täglich soll er den Gott verehren und dreimal täglich baden.

Anmerkung: Der Verzicht auf Geschenke steht neben dem Almosenleben des vorigen Verses; offenbar werden verschiedene Arten von Annahme unterschieden. Die Druckform triṣkālaṃ mit Anusvara wird bewahrt; beim Abgleich des neuen Scans gegenüber der bisherigen Textansicht berichtigt.

Guhyasūtra 9.9[50]

śākayāvakabhikṣāśī skandamūlaphalāśinaḥ |
māsam e[[ka]]---samanvitaḥ || 9:9 ||

Er lebt von Gemüse, Gerstenbrei und Almosen, von Knollen, Wurzeln und Früchten. Einen Monat lang [beschädigte Fortsetzung:] … versehen mit …

Anmerkung: Skanda wird hier im Sinn von kanda, Knolle, verwendet; K liest kanda. Der zweite Halbvers ist lückenhaft.

Guhyasūtra 9.10[50]

mucyate ’sau mahāpāpāt kṣudrasiddhiñ ca vindate |
dvimāsān madhyamā siddhir abdārddhād uttamā bhavet || 9:10 ||

Er wird von schwerer Verfehlung befreit und gewinnt geringe Vollendung. Nach zwei Monaten stellt sich mittlere Vollendung ein, nach einem halben Jahr die höchste.

Anmerkung: Die Zeitstufen folgen dem Sanskrit: mittlere Siddhi nach zwei Monaten, höchste nach einem halben Jahr. Die englische Übersetzung auf S. 77 verschiebt diese Zuordnung. Mucyate ’sau ist emendiert.

Guhyasūtra 9.11[50]

saṃvatsareṇa siddhis tu vidyāsiddhim avāpnuyāt |
aṇimādyās tu jāyante siddhaiś ca saha modate || 9:11 ||

Nach einem Jahr [stellt sich] Vollendung [ein]; er erlangt die Meisterschaft über die Vidya. Die Fähigkeit, sich winzig klein zu machen, und die weiteren Kräfte entstehen, und er freut sich zusammen mit den Vollendeten.

Anmerkung: Vidya bezeichnet hier den wirksam gewordenen Mantra. Die genannten außergewöhnlichen Kräfte sind traditionelle Wirkungsversprechen.

Guhyasūtra 9.12ab[51]

īpsitāṃ labhate kāmān akāmo mokṣam āpnuyāt |

Er erlangt die ersehnten Wünsche; ist er ohne Begehren, erlangt er Befreiung.

Anmerkung: Das Zitat endet nach dem ersten Halbvers. Dieser Text wird nicht als vollständiger Vers 9.12 gezählt.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 9.15cd[52]

kim anyair bahubhir mantrair viditvā mātṛkāśivam

Wozu bedarf es vieler anderer Mantras, wenn man Shiva in Gestalt der Matrika erkannt hat?

Anmerkung: Nur der zitierte Halbvers ist wiedergegeben. Matrika-Shiva verbindet das Alphabet mit Shiva; daraus wird kein zusätzlicher Bija-Mantra gebildet.

Guhyasūtra 9 – Zitat nach Blatt 77r4 (Sanderson 2001)[53]

garbhādhānādikarmesu yāvat pāśupatāntikam |
śatahutyā viśuddhis tu

Bei den Riten, die mit der Empfängnis beginnen und bis zur Pashupata-Observanz reichen, erfolgt die Reinigung durch hundert Opfergaben …

Anmerkung: Sanderson zitiert drei Versfüße nach Guhyasūtra, Kapitel 9, Bl. 77r4. Eine Versnummer wird dort nicht angegeben und hier nicht ergänzt. Die Druckform karmesu mit s bleibt erhalten. Der Ausschnitt bezeugt, dass die rituelle Reinigung innerhalb der Einweihung bis zur älteren Pashupata-Observanz reicht; der anschließende Versfuß liegt in diesem Zitat nicht vor.

Guhyasūtra, Kapitel 10: Vyomavyapin-System II

Guhyasūtra 10.27[54]

japamānam eva māsena pūrvasevā kṛtā bhavatīty evaṃ kṛṣṇayor ekatamena ekaliṅge yathāvibhavataḥ

Durch Rezitation während eines Monats ist die vorbereitende Verehrung vollzogen. Auf diese Weise soll er an einem der beiden dunklen Tage an einem Ort mit einem einzelnen Linga entsprechend seinen Mitteln …

Anmerkung: Die beiden dunklen Tage werden in der Edition als achter oder vierzehnter Tag der dunklen Monatshälfte erklärt. Der Satz setzt sich in Einheit 28 fort.

Guhyasūtra 10.28[55]

pūjāṃ kṛtvā devadevaṃ vijñāpayet karma siddhiṃ ca punaś ceti

… eine Puja vollziehen und dem Gott der Götter das beabsichtigte Ritual und die angestrebte Siddhi bekannt machen, und zwar so:

Guhyasūtra 10.29[56]

dikpāla rakṣāṃ me kuru mama kṛpaṇasya sahaibhiḥ sahāyāṃ. dakṣiṇāyāṃ mūrtau kuśaviṇḍopa[viṣṭaḥ]

‚Hüter der Himmelsrichtungen, gewähre mir Schutz und Beistand, mir Erbarmungswürdigem, zusammen mit diesen [Helfern].‘ An der Südgestalt auf einem Sitz aus Kusha-Gras sitzend …

Anmerkung: Die Anrufung ist wörtlich überliefert. Ihre sprachlich schwierige Wendung sahaibhiḥ sahāyāṃ wird mit der vorsichtigen Deutung der Edition wiedergegeben.

Guhyasūtra 10.30[56]

āñjanamanaḥśilāharitālagairikarocanādyānāṃ siddhadravyāṇām ekatamaṃ gṛhya kapilāghṛtasahasrasaṃpātābhihutaṃ kṛtvā pradakṣiṇāvartair aśvatthapatraiś caturbhiḥ pracchādya tribhiḥ sthāpya dakṣiṇapāṇināvaṣṭabhya japet

… soll er einen der als wirkkräftig geltenden Stoffe nehmen, etwa Augenschminke, Realgar, Auripigment, roten Ocker oder Rochana. Er soll ihn mit tausend Sampata-Opfergaben aus dem Ghee einer gelbbraunen Kuh behandeln, ihn in vier rechtsdrehende Ashvattha-Blätter hüllen, ihn auf drei [weiteren Blättern] ablegen, mit der rechten Hand halten und darüber rezitieren.

Anmerkung: Die Stoffaufzählung und °āvartair sind editorisch hergestellt. Realgar und Auripigment sind arsenhaltige Mineralien; die historische Vorschrift wird nicht als heutige Anwendung empfohlen. Die Ergänzung ‚weiteren Blättern‘ ist eine unsichere Deutung.

Guhyasūtra 10.31[56]

aṣṭasahasrahomena trividhā siddhir bhavati

Durch ein Feueropfer mit achttausend [beziehungsweise nach der Deutung der Edition: tausendundacht] Darbringungen entstehe eine dreifache Siddhi.

Anmerkung: Der gedruckte Ausdruck aṣṭasahasra lässt an 8000 denken; die englische Übersetzung versteht ihn hier additiv als 1008. Die Zähldifferenz wird nicht stillschweigend vereinheitlicht.

Guhyasūtra 10.32[56]

ūṣme pādapracārikāṃ, dhūmāyamāne’ntardhānam, jvalitenākāśagamana[m]

Bei Hitze [erlange er] die Fähigkeit, große Entfernungen zu Fuß zurückzulegen; wenn es raucht, Unsichtbarkeit; wenn es brennt, das Wandeln im Himmel.

Anmerkung: ūṣme pādapracārikāṃ ist eine Konjektur der Edition für beschädigten Wortlaut.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 10.91[57]

devaṃ pūjyāgnau juhuyād audumbarasamidhānāṃ tryaktānāṃ sahasraṃ tṛsandhyaṃ. kṣīrāśī saptā dināni juhuyāt. cīrṇṇavidyāvrato bhavati.

Nachdem er den Gott verehrt hat, soll er zu den drei Tagesübergängen tausend Stücke Udumbara-Brennholz, mit den drei [süßen Stoffen] bestrichen, im Feuer darbringen. Er soll sieben Tage lang solche Opfergaben darbringen und dabei von Milch leben. Dann hat er das Gelübde zur Vorbereitung des Mantras vollzogen.

Anmerkung: Die zitierte Einheit ist Prosa, kein zweizeiliger Vers. Tryakta bezeichnet das Bestreichen mit drei Stoffen, die hier nicht einzeln benannt sind. Die Stelle dokumentiert eine historische Ritualvorschrift. Das gleichlautende Sanskritzitat bei Goodall 2015, S. 285, wurde zusätzlich am Druckbild verglichen.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 10.126–127 (gemeinsames Prosazitat)[58]

cchinnabhinnakīlitākoṭitavitrāsitāni baddhāni sattvānāṃ mokṣayati. uśīrapratimā[ṃ] kṛtvā gandhodakena snāpayed ekaviṃśatijaptena doṣamuktaś ca siddhyati.

[Mit dem Vyomavyapin] befreit er für die Wesen [Mantras], die abgeschnitten, zerbrochen, festgenagelt, niedergehämmert oder erschreckt, also gebunden worden sind. Nachdem er ein Bild aus Vetiver hergestellt hat, soll er es mit Duftwasser baden, über dem einundzwanzigmal rezitiert wurde. Von Fehlern befreit, wird [der Mantra] wirksam.

Anmerkung: Der wissenschaftliche Kommentar zitiert die Prosa unter der gemeinsamen Referenz 10.126–127, ohne die Grenze der beiden Einheiten zu markieren. Sie wird deshalb als ein gemeinsam überlieferter Zitatausschnitt dokumentiert, nicht als zwei vermeintlich sicher getrennte Verse. Das ergänzte ṃ folgt dem Druck. Sattvānām kann auch mit den als göttliche Wesen verstandenen Mantras verbunden werden. Die bildhaften Schädigungen beziehen sich hier auf Mantras, nicht auf Verletzungen von Menschen.

Guhyasūtra, Kapitel 11: Vyomavyapin-System III

Guhyasūtra 11.28[59]

mantrasiddhipradā hy eṣā vidyādīkṣā prakīrtitā /
muktidā viparītā ca śivā sāyojyadāyikā

Diese Vidya-Diksha wird als die Einweihung gelehrt, die Vollendung im Mantra verleiht. Die andere, heilvolle [Einweihung] schenkt Befreiung und gewährt die Vereinigung [mit Shiva].

Anmerkung: Die beiden Ziele der Einweihung werden unterschieden. Ob die Befreiungseinweihung stets auf die Vidya-Diksha folgt oder beide eigenständige Wege bilden, lässt dieses Zitat offen. sāyojya ist die überlieferte Form für sāyujya.

Guhyasūtra, Kapitel 12: Fünf Brahma-Mantras I

Guhyasūtra 12 – Sprecherangabe vor 12.1[60]

ṛṣ[[ir uvāca]]

Der Seher sprach:

Anmerkung: Die in doppelten eckigen Klammern stehenden Buchstaben ergänzt Acri aus einer jüngeren Abschrift.

Guhyasūtra 12.1[60]

pañcānān tu pavitrāṇām uddhāraṃ kathayasva me /
tvaṃ vettā śivaśāstrasya bhagavan nandikeśvara // 1

Erkläre mir die Gewinnung der fünf reinigenden Formeln. Du kennst die Lehre Shivas, erhabener Nandikeshvara.

Anmerkung: ‚Gewinnung‘ meint das Herauslösen oder Zusammenstellen eines Mantras aus seinen Lauten, nicht seine moderne Erfindung. Die fünf Formeln sind die Brahmamantras.

Guhyasūtra 12.2[61]

yathā yogañ ca yāgañ ca ekaikasya pṛthakpṛthak /
samudāyena ācakṣva sandigdhaṃ niścitaṃ vada // 2

Lege mir die Methode und die rituelle Verehrung dar: für jedes einzelne gesondert und für alle gemeinsam. Sprich mit Klarheit über das, was noch zweifelhaft ist.

Anmerkung: Yoga bezeichnet hier im Zusammenhang mit den Mantras zunächst eine Anwendungsmethode; es muss nicht ausschließlich Meditation bedeuten.

Guhyasūtra 12 – Sprecherangabe vor 12.3[62]

nandikeśvara uvāca

Nandikeshvara sprach:

Guhyasūtra 12.3[62]

pañcamantramayaṃ devaṃ pañcamantraśarīriṇam /
pañcamantra †…† mantra †…† sadāśivam // 3

Den Gott, der aus fünf Mantras besteht und dessen Leib die fünf Mantras sind; die fünf Mantras … Mantra … Sadashiva …

Anmerkung: Der Satz ist durch Textverlust unterbrochen. Die übersetzbaren Wörter werden wiedergegeben; ein vollständiger Satz lässt sich nicht zuverlässig herstellen.

Guhyasūtra 12.4[62]

yat tayātrapadaṃ †haradi…† /
pramāṇe vaimale caiva śaive ca bahudhā sthitam // 4

Das, wodurch … jene Stätte …, die in der Pramana-, der Vaimala- und der Shiva-Lehre auf vielfache Weise besteht …

Anmerkung: Der erste Halbvers ist beschädigt und auch in seinen erhaltenen Silben unsicher. Die Zuordnung von ‚Stätte‘ und der Satzbau bleiben vorläufig; keine geschlossene Aussage ist gesichert.

Guhyasūtra 12.5[62]

paramantreṣu yat sādhyaṃ pañcārthajñānaniścitam /
pañcamantrā viditvā tu vidhānaṃ pratipadyate // 5

Was mit anderen Mantras zu erlangen ist, steht durch die Erkenntnis der fünf Gegenstände fest. Hat man die fünf Mantras erkannt, erschließt sich die vorgeschriebene Verfahrensweise.

Anmerkung: ‚Erkenntnis der fünf Gegenstände‘ verweist auf die Panchartha-Lehre der Pashupatas. Der schwierige Satz kann die gleiche Leistungsfähigkeit ihrer Mantras behaupten; er ist keine allgemeine Abwertung anderer Religionen.

Guhyasūtra 12.6[63]

dīkṣā jñānañ ca caryā ca mantrabhūtivinirṇayam /
mantrabhūtārthacaryā ca rudrasāyojyagāminī // 6

Einweihung, Erkenntnis und religiöse Lebensführung, die Gewissheit über die Macht der Mantras sowie eine Lebensführung, die auf diese Mantramacht zielt, führen zur Vereinigung mit Rudra.

Anmerkung: Rudra ist hier eine Gestalt Shivas. Die sprachlich unregelmäßige Form mantrabhūtārthacaryā wird sinngemäß als Lebensführung um der Mantrakräfte willen verstanden; der Sanskrittext wird nicht geglättet.

Guhyasūtra 12.7[64]

bhikṣā caryā yamādiś ca bhasmasnānajapakriyā /
aṣṭāṅgabrahmacaryañ ca ā dehapatanā<d eva> // 7

Almosengang als Lebensführung, die grundlegenden Verhaltensregeln und Weiteres, das rituelle Aschebad und die Mantrarezitation sowie die achtgliedrige Keuschheit – all dies bis zum Ende des Leibes.

Anmerkung: Beschreibung einer historischen Pashupata-Lebensform, keine heutige Praxisvorschrift. ‚Achtgliedrig‘ bezieht sich auf Brahmacharya, nicht auf die acht Glieder des Yoga. Die Ergänzung <d eva> stammt von Acri.

Guhyasūtra 12.8[65]

<ṣaḍaṅ>genopahāreṇa triṣkālam anuvarttinā /
yajñadānakriyādīni manasā vinikalpayet // 8

Indem er zu den drei Tageszeiten die sechsgliedrige Darbringung vollzieht, soll er Opferhandlungen, Gaben und dergleichen im Geist ausführen.

Anmerkung: Die sechs Glieder der Darbringung gehören zur Pashupata-Observanz. Es handelt sich hier nicht um eine Liste von sechs Yoga-Techniken. <ṣaḍaṅ> ist eine editorische Ergänzung.

Guhyasūtra 12.9[66]

mantrasūtrāṇi vidyāni rudrāś ceti catuṣṭayam /
bhasmasnānañ ca śaucañ ca upahāran tathaiva ca // 9

Mantras, Sutras, Vidyas und Rudras: Dies ist die Vierergruppe. Dazu kommen das Aschebad, die Reinigung und ebenso die Darbringung.

Anmerkung: Sutras sind Lehrtexte; Vidyas können in diesem Zusammenhang weitere Mantra- oder Wissensformen bezeichnen. Die genaue Zuordnung der Vierergruppe bleibt offen. Acri liest upahāran statt des unmetrischen upasaṃhāran der Handschrift.

Guhyasūtra 12.10[67]

kapālañ caiva khaṭvāṅgaṃ bhasmavāsañ ca sarvadā /
cāturvarṇikabhaikṣyañ ca vastavyaṃ vijane vane // 10

Stets soll er den Schädel, den Schädelstab und das Aschegewand tragen, Almosen von Menschen aller vier gesellschaftlichen Stände empfangen und in einem menschenleeren Wald wohnen.

Anmerkung: Historische Kennzeichen einer Asketentradition. Das Aschegewand meint die mit Asche bedeckte Gestalt; diese Lebensform wird nicht zur Nachahmung empfohlen.

Guhyasūtra 12.11[67]

jñānānveṣī śive bhakti yogadhyānaparāyaṇaḥ /
e<kākī> brahmacaryaṃ ca yathālabdhena varttayet // 11

Er strebe nach Erkenntnis, sei Shiva ergeben und ganz Yoga und Meditation zugewandt. Allein soll er keusch leben und seinen Unterhalt mit dem bestreiten, was ihm zufällt.

Anmerkung: Die erhaltene Form bhakti wird nicht zu bhaktaḥ geändert. <kākī> ist ergänzt. Für heutige Leser können Erkenntnissuche und Sammlung anregend sein; die historische Forderung eines alleinstehenden Asketenlebens ist davon zu unterscheiden.

Guhyasūtra 12.12[68]

evañ carati vidvān so jitakrodho jitendriyaḥ /
vaimalācāryadīkṣā ca śivasāyojyam ucyate // 12

So lebt jener Weise, der Zorn und Sinne bezwungen hat. Und die Einweihung durch einen Lehrer der Vaimalas wird als Vereinigung mit Shiva bezeichnet.

Anmerkung: In der Versmitte wechselt die Darstellung zur Vaimala-Tradition. Acri ergänzt die Vokallänge in vaimalācāryadīkṣā; die Handschrift lässt auch eine Deutung als Lebensführung und Einweihung der Vaimalas zu.

Guhyasūtra 12.13[69]

jñānacaryā ahiṃsā ca śivasāyojyatāṃ vrajet /
jñānenaiva tu śaivānām dīkṣā yā ca viśiṣyate // 13

Durch Erkenntnis, religiöse Lebensführung und Gewaltlosigkeit gelangt man zur Vereinigung mit Shiva. Bei den Shaivas aber geschieht dies gerade durch Erkenntnis; auch ihre Einweihung zeichnet sich in besonderer Weise aus.

Anmerkung: 13cd folgt Acris Konjektur jñānenaiva tu. Die alte Handschrift hat ajñānenaiva tu, also eine Lesung mit Verneinung und metrischem Überschuss. Die positive Aussage der Übersetzung ist deshalb ausdrücklich editorisch bedingt.

Guhyasūtra 12.14[70]

śivabhakti japo yajña dhyānaṃ prāṇanirodhanam /
evam eva samākhyātā pañcamantravidhi[[s tu yaḥ]] // 14

Hingabe an Shiva, Mantrarezitation, Verehrung, Meditation und Zurückhalten des Atems: So wird die Verfahrensweise der fünf Mantras verkündet. Wer aber …

Anmerkung: Der letzte Satz beginnt hier und setzt sich in 12.15–16 fort. Der Atembegriff belegt Atemzügelung, aber keine moderne konkrete Atemroutine. Die letzten Silben sind aus Abschrift K ergänzt.

Guhyasūtra 12.15[70]

sadāśivamukhodgīrṇṇaṃ mokṣamārgaprakāśakam /
jñātvā pāśupataṃ jñānaṃ pañcamantreti pañcadhā // 15

… die fünffache Pashupata-Erkenntnis als die fünf Mantras erkannt hat – sie ist aus Sadashivas Mund hervorgegangen und erhellt den Weg zur Befreiung – …

Anmerkung: Satzanschluss an 12.14 und 12.16; die ungewöhnliche Form pañcamantreti bleibt im Grundtext erhalten.

Guhyasūtra 12.16[70]

pañcabrahma parityajya yo ’nyaṃ vijñātum icchati /
viphalaṃ tac chivaṃ jñānaṃ jñānamokṣañ ca pañcabhiḥ // 16

… und dann die fünf Brahmamantras aufgibt, weil er etwas anderes erkennen möchte: Für ihn bleiben jene Shiva-Erkenntnis und auch die durch die fünf vermittelte Befreiung durch Erkenntnis fruchtlos.

Anmerkung: Der Text warnt vor dem Aufgeben seiner mantrischen Grundlage. Das ist eine traditionsgebundene Aussage, keine Aufforderung zu religiöser Intoleranz.

Guhyasūtra 12.17[70]

pañcabhis tu tataḥ sarvaṃ yad bhūtaṃ yac ca bhāvyati /
īśāne śaivam utpannaṃ vaimalaṃ puruṣā<t> smṛtam // 17

Aus den fünf geht somit alles hervor, was gewesen ist und was sein wird. Die Shiva-Lehre entstand in Ishana; die Vaimala-Lehre, so heißt es, aus Purusha.

Anmerkung: Ishana und Purusha bezeichnen hier Offenbarungsaspekte Shivas. Der gesamte Satz steht im Zusammenhang der religiösen Lehren. Das auslautende <t> ergänzt die Edition.

Guhyasūtra 12.18[70]

pramāṇaṃ hṛdayāj jātaṃ vāmade<vāt> tu kārukam /
sadyāc ca lakulīśāntaḥ pañcabhedāḥ prakīrtitāḥ // 18

Die Pramana-Lehre entstand aus dem Herzen, die Karuka-Lehre aus Vamadeva und die Lehre Lakulishas aus Sadya. So sind die fünf Unterteilungen verkündet.

Anmerkung: ‚Herz‘ wird hier als Aghora, Sadya als Sadyojata gedeutet. Die Namen stehen für die Herkunftszuordnung von Lehrwegen; die vollständigen Mantraformeln werden nicht ausgesprochen.

Guhyasūtra 12.19[70]

brahmaviṣṇusurā sarve gaṇā skandapurogamāḥ /
ṛṣayo ’psarasā yakṣā nāgagandharvakinnarāḥ // 19

Brahma, Vishnu und alle Götter, die von Skanda angeführten Scharen, die Seher und Apsaras, die Yakshas, Nagas, Gandharvas und Kinnaras …

Anmerkung: Die Aufzählung göttlicher und übermenschlicher Wesen setzt sich in 12.20 fort.

Guhyasūtra 12.20[70]

daityā vidyādharā sarvā ye cānye puravāsinaḥ /
sthāpya pañcatanun devam arccayanti sadāśivam // 20

… die Daityas, alle Vidyadharas und die anderen Bewohner der Stadt: Sie stellen den Gott in seiner fünffachen Gestalt auf und verehren Sadashiva.

Anmerkung: Mit der Stadt ist im Zusammenhang Shivas göttlicher Wohnbereich gemeint.

Guhyasūtra 12.21[70]

na tatra mṛtyur nna jarā na vyādhir na ca duḥkhitāḥ /
evaṃ prāpya ni†…† // 21

Dort gibt es keinen Tod, kein Alter, keine Krankheit und keine Leidenden. Nachdem sie auf diese Weise … erlangt haben …

Anmerkung: Der zweite Halbvers bricht nach ni- ab. Die Aussage beschreibt einen religiös verheißenen göttlichen Zustand, kein medizinisches Wirkversprechen.

Guhyasūtra 12.22ab[70]

īdṛśaṃ ca paraṃ saukhyaṃ nityaṃ pramuditotsavāḥ / 22ab

… und ein solches höchstes Glück – stets in freudigem Feiern …

Anmerkung: Nur die erste Hälfte von Vers 22 ist hier ediert. Der beschädigte vorhergehende Satz erlaubt keine sichere vollständige syntaktische Rekonstruktion.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 12.41[71]

śivena vi – na vinā mokṣo na vidyā lokamātṛkā |
-2- khyate mātrā kuṭilā ūrdhvagāminī ||

[Beschädigter Anfang:] … ohne Shiva keine Befreiung [erschlossener Sinn]; kein Mantrawissen … die Mutter der Welt. [Zwei Silben fehlen:] … wird genannt: das Lautmaß, die gewundene, aufwärtsgehende [Kraft].

Anmerkung: Der Satz ist nicht vollständig herstellbar. Törzsök schlägt für den ersten Teil na śivena vinā mokṣo vor. Kuṭilā, „die Gewundene“, und ūrdhvagāminī, „aufwärtsgehend“, stehen im Zitat; die Studie bringt dies mit Kundalini als feiner Klangkraft in Verbindung. Das Wort kuṇḍalinī steht in diesem Vers selbst nicht. Die Stelle belegt kein ausgeführtes modernes Chakra-System.

Guhyasūtra, Kapitel 13: Fünf Brahma-Mantras II

Guhyasūtra 13.136cd[72]

vyomabījaṃ punar vakṣye vyomasthaṃ vyoma eva saḥ

Nun werde ich die Keimsilbe des Raumes lehren: die im Raum befindliche; sie selbst ist der Raum.

Anmerkung: Goodall bezieht die Raumbezeichnungen an dieser Stelle auf den Laut m. Der Halbvers allein nennt den Buchstaben nicht offen.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 13.153ab[73]

tṛtīyasya caturthan tu varṇṇam āpyāyanam priye

Den vierten Laut der dritten [Gruppe], den nährenden Laut, Geliebte …

Anmerkung: Nach der Auflösung der Edition ist v gemeint. Die Einteilung ist die betreffende Mantra-Chiffre, nicht einfach die Reihenfolge der üblichen Sanskrit-Konsonantenklassen.

Guhyasūtra, Kapitel 14: Fünf Brahma-Mantras III

Guhyasūtra 14.65[74]

atha lavaṇamayīṃ pratikṛtiṃ kṛtvā rudhireṇābhyajya tīkṣṇaśāstreṇotkṛtya pādau prabhṛti cchitvāṣṭasahasraṃ juhuyā striyā puruṣasya vā sa vaśyo bhavati.

Dann soll man ein Bild aus Salz herstellen und mit Blut bestreichen, es mit einem scharfen Werkzeug ausschneiden und von den Füßen ausgehend zerteilen; achttausendmal soll man [die Stücke] ins Feuer darbringen. [Ist es das Bild] einer Frau oder eines Mannes, so wird diese Person, dem Text zufolge, gefügig.

Anmerkung: Eine historische magische Vorschrift zur Beherrschung anderer; sie ist keine heutige Praxisempfehlung. Śāstra steht hier ungewöhnlich für śastra, scharfes Werkzeug, juhuyā für juhuyāt. Aṣṭasahasram wird wörtlich als achttausend wiedergegeben. Der Zweck und die verwendete Blutsubstanz gehören zur Aussage der Quelle, nicht zu einer Befürwortung durch diese Ausgabe.

Guhyasūtra, Kapitel 16: Zehnsilbige Vidya I

Guhyasūtra 16.1[75]

devadāruvane ramye ṛṣayaḥ saṃśitavratāḥ |
nandīśam upasaṃgamya praṇipatya muhur muhuḥ || 16:1 ||

Im lieblichen Deodar-Wald näherten sich die Weisen mit ihren strengen Gelübden Nandisha und verneigten sich wieder und wieder …

Anmerkung: Das Zitat steht bei der Besprechung von Nishvasamukha 1.20, gehört aber zum Guhyasūtra. Es wird nicht in die dortige Lücke hineinkopiert. Der Satz setzt sich im erhaltenen Halbvers 16.2ab fort.

Guhyasūtra 16.2ab[75]

ūcus te ṛṣayaḥ sarvve stutvā nandiṃ śivātmajam |

… und nachdem sie Nandin, Shivas Sohn, gepriesen hatten, sprachen alle diese Weisen:

Anmerkung: Nur der erste Halbvers ist in der hier verwendeten Quelle zitiert. Der folgende Redetext ist durch diesen Nachweis nicht erfasst; es wird kein vollständiger Vers 16.2 behauptet.

Zwischen diesem und dem vorherigen Zitat ist hier kein fortlaufender Grundtext wiedergegeben.

Guhyasūtra 16.52[76]

devī skandañ ca vighneśaṃ nandi kāpālim eva ca |
vṛṣabhaṃ caiva bhṛṅgiñ ca saptaite tu prakīrtitāḥ || 16:52 ||

Die Göttin, Skanda, Vighnesha, Nandin, Kapalin, der Stier und Bhringin: Diese sieben sind genannt worden.

Anmerkung: Die Liste nennt ausdrücklich sieben Gestalten. Sie unterscheidet sich von der ebenfalls siebengliedrigen Gana-Reihe in Nayasūtra 1.100–108. Die unterschiedlichen Kasusformen werden im Sanskrit bewahrt; ein achter Name wird nicht ergänzt.

Guhyasūtra, Kapitel 18: Zehnsilbige Vidya III

Guhyasūtra 18.15[77]

catvāro kathitā sūtrā samukhādyā varānane |
pañcaman tu para[ṃ] sūtraṃ kārikā nāma nāmataḥ |
sūcitā sūtramātreṇa kārikāṃ [punaḥ pr]cchatha || 18:15 ||

Vier Sutras sind gelehrt worden, mit dem Mukha als Einleitung, du mit dem schönen Gesicht. Ein weiteres, fünftes Sutra trägt den Namen Karika. Es ist nur in knapper Sutra-Form angedeutet worden. Fragt weiter nach der Karika.

Anmerkung: Der Vers hat sechs Versfüße. Die letzte Aufforderung ist nach Sanderson konjiziert; ihre Mehrzahl steht neben der einzahligen Anrede. Der Verweis belegt ein weiteres Werk namens Nishvasakarika, nimmt dessen Text aber nicht in die überlieferte Handschrift dieses Korpus auf. Die Sanskritform prcchatha wird so bewahrt, wie sie im Zitat gedruckt ist.

Allgemeines Yoga-Vidya-Video: Satsang mit Kirtan, Mantra und Arati. Es erläutert nicht unmittelbar die Nishvasa Tattva Samhita.


Mantras im Nishvasa Tattva Samhita

Diese Sammlung dokumentiert die in der bearbeiteten Textgrundlage belegten Formeln, Lautgestalten und Mantrabezeichnungen. Die einfache Umschrift dient dem Lesen; nur IAST unterscheidet sämtliche Vokallängen, Nasalierungen und Konsonanten. Eine historische Ritualverwendung ist von heutiger Rezitation zu unterscheiden. Die Sammlung erteilt weder eine pauschale Initiationsfreigabe noch Wirkungszusagen.

Die 70 Einträge sind keine Liste von 70 vollständigen Mantras: Sie enthalten sieben ausgeschriebene Mantras beziehungsweise Verehrungsformeln, außerdem rituelle Gebete und Namensreihen, einzelne Laute, Bestandteile sowie benannte oder verschlüsselte Gestalten. Identische Wiederholungen sind zusammengeführt. Der beschädigte Achtgestalten-Hymnus bleibt als Lobpreis gekennzeichnet. Buchstabenbeschreibungen, Mudra-Namen, Opfernamen und bloße Gottheitslisten werden nicht zu zusätzlichen vollständigen Mantras erklärt.

Ausgeschriebene Mantras und Verehrungsformeln

1. Om namah Shivaya — vollständiges Mantra.

Einfache Umschrift: om namah shivaya
IAST: oṃ namaḥ śivāya
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Om. Verehrung sei Shiva.
Fundstelle: Niśvāsamukha 1 – Eingangsformel (Kafle 2020, S. 153, Anm. 1); Uttarasūtra 5 – Schlussformel (Goodall u. a. 2015, S. 180); Nayasūtra 1 – Eingangsformel (Goodall u. a. 2015, S. 181).

Hinweis: Unnummerierte Eingangs- und Schlussformeln; keine nummerierten Lehrverse.

2. Futtergabe an Surabhi — vollständiges Mantra.

Einfache Umschrift: amritamathanotpanna surabhi lokadharini / idan grasang grihana tvam idam me vratam uttamam |
IAST: amṛtamathanotpannā surabhī lokadhāriṇī
idan grāsaṅ gṛhāṇa tvam idam me vratam uttamam |
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Anrede an die göttliche Kuh Surabhi, Trägerin der Welt: Sie möge die Futtergabe als Gelübdehandlung annehmen.
Fundstelle: Niśvāsamukha 2.82 (Kafle 2020, S. 190); Niśvāsamukha 2.83 (Kafle 2020, S. 190).

Hinweis: Genauer Umfang: 2.82cd–83ab; die Mantraverwendung ist in 2.81 ausdrücklich genannt.

3. Futtergabe an die Stiere — vollständiges Mantra.

Einfache Umschrift: sarvvalokadhara hy ete jivitannapradayakah / grasang grihnantu hrishtas tu etan me vratam uttamam |
IAST: sarvvalokadharā hy ete jīvitānnapradāyakāḥ
grāsaṅ gṛhṇantu hṛṣṭās tu etan me vratam uttamam |
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Die die Welt tragenden und Nahrung spendenden Tiere mögen den Bissen erfreut annehmen.
Fundstelle: Niśvāsamukha 2.84 (Kafle 2020, S. 190); Niśvāsamukha 2.85 (Kafle 2020, S. 190).

Hinweis: Genauer Umfang: 2.84cd–85ab. Vers 84 unterscheidet diese Formel ausdrücklich von der vorigen.

4. Fluss- und Wassergestalt — vollständiges Mantra.

Einfache Umschrift: ⟪nadyesha⟫ putasalila haramurttivinissrita | / snato yais tu vimucyeta jalamurtte namo ’stu te
IAST: ⟪nadyeṣā⟫ pūtasalilā haramūrttivinissṛtā |
snāto yais tu vimucyeta jalamūrtte namo ’stu te
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Der reine Fluss wird als aus Hara hervorgegangen gepriesen; Verehrung gilt seiner Wassergestalt.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.9 (Kafle 2020, S. 198); Niśvāsamukha 3.10 (Kafle 2020, S. 198); Niśvāsamukha 3.11 (Kafle 2020, S. 198).

Hinweis: Vers 11 nennt den Spruch Mantra. Der Anfang nadyeṣā ist von Kafle aus der Parallele ergänzt; die Klammern bleiben sichtbar.

5. Verehrung Brahmas — vollständiges Mantra; editorisch hergestellt.

Einfache Umschrift: brahmane namo
IAST: brahmaṇe namo
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Verehrung dem Brahma.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.61 (Kafle 2020, S. 205).

Hinweis: Diese Wortfolge ist eine Herstellung der kritischen Ausgabe nach der Parallele. Kein Om wird ergänzt.

6. Chandi — vollständiges Mantra mit kodiertem Schluss.

Einfache Umschrift: om candike krama 2 thatha
IAST: oṃ caṇḍike krama 2 ṭhaṭha
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Anrufung Chandis: „Schreite voran, schreite voran!“
Fundstelle: Guhyasūtra 3 – unnummerierte Chandi-Formel (Vasudeva 2014, S. 380).

Hinweis: Vasudeva 2014, S. 380, Anm. 45–46, erklärt 2 als Verdoppelung und ṭhaṭha als svāhā. Belegte Auflösung: oṃ caṇḍike krama krama svāhā. Die anschließenden Worte caṇḍimantro ’yam („dies ist das Chandi-Mantra“) sind die Textbezeichnung, kein Teil der gesprochenen Formel.

7. Der auf dem Windweg Wandelnde — vollständiges Mantra; Lesart teilweise konjiziert.

Einfache Umschrift: om namo vayupathacarine amitagatiparakramaya vimale kulu 2 thatha
IAST: oṃ namo vāyupathacāriṇe amitagatiparākramāya vimale kulu 2 ṭhaṭha
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Verehrung dem auf dem Windweg Wandelnden von unermesslicher Bewegung und Kraft; Anrede an die Makellose.
Fundstelle: Guhyasūtra 3.43 (Goodall 2020, S. 64; Auflösung S. 66).

Hinweis: Goodall 2020, S. 64 und 66: kulu ist konjiziert; die Silben werden nicht mit einer erfundenen Wortbedeutung versehen. Belegte Auflösung: oṃ namo vāyupathacāriṇe amitagatiparākramāya vimale kulu kulu svāhā. Historischer magischer Anwendungskontext.

Rituelle Anreden, Gebete und Namensreihen

8. Neugeburt bei der Einweihung — rituelle Grußformel.

Einfache Umschrift: vyomavyapi pita mahyam vageshi janani mama | / sadyojatah kumaro ’ham
IAST: vyomavyāpī pitā mahyaṃ vāgeśī jananī mama |
sadyojātaḥ kumāro ’ham
Bedeutung beziehungsweise Funktion: „Der Raumdurchdringer ist mein Vater, die Herrin der Rede meine Mutter; ich bin das neugeborene Kind.“ Gruß an den im Feuer vergegenwärtigten Guru beziehungsweise Gott.
Fundstelle: Mūlasūtra 4.11 (Goodall u. a. 2015, S. 143).

Hinweis: Die Formel ist als abhivādana, ritueller Gruß, belegt; sie ist nicht der vollständige Vyomavyapin-Mantra.

9. Bitte an Chandisha — rituelles Bittgebet.

Einfache Umschrift: kshantavyam tu tvaya vibho | / samayashtakadoshena sadhako naiva lipyate / tesham doshavishuddhyarttham kritam homam maya tava |
IAST: kṣantavyaṃ tu tvayā vibho |
samayāṣṭakadoṣeṇa sādhako naiva lipyate
teṣāṃ doṣaviśuddhyartthaṃ kṛtaṃ homaṃ mayā tava |
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Bitte um Vergebung von Verstößen gegen die acht Verpflichtungen; das Feueropfer wird zur Reinigung dargebracht.
Fundstelle: Mūlasūtra 5.24 (Goodall u. a. 2015, S. 147); Mūlasūtra 5.25 (Goodall u. a. 2015, S. 147).

Hinweis: Umfang: 5.24 ab kṣantavyaṃ bis 5.25ab. Der verderbte anschließende Kommentar zur Vergebung gehört nicht zur hier wiedergegebenen Bitte.

10. Bitte um Schutz und Beistand — rituelle Schutzanrufung.

Einfache Umschrift: dikpala raksham me kuru mama kripanasya sahaibhih sahayam
IAST: dikpāla rakṣāṃ me kuru mama kṛpaṇasya sahaibhiḥ sahāyāṃ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: „Hüter der Himmelsrichtungen, gewähre mir Schutz und Beistand, mir Erbarmungswürdigem, zusammen mit diesen Helfern.“
Fundstelle: Guhyasūtra 10.29 (Goodall u. a. 2015, S. 81).

Hinweis: Die sprachlich schwierige Folge sahaibhiḥ sahāyāṃ bleibt unverändert. Der Satz steht in nummerierter Prosa, nicht in einem gewöhnlichen Vers.

11. Lobpreis der acht Gestalten Shivas — zur Rezitation bestimmter Lobpreis; beschädigter Schluss.

Einfache Umschrift: saganaya namas tubhyam sapatnika namo ’stu te | / sadashiva namas te ’stu paramatma shive namah / kshitir ddharayate lokam lokah kshitimayah smritah | / sarvvagam kshitirupan tu kshitimurtti namo ’stu te / jalan dharayate lokam loka jalamayah smri[[((tah))]] | / [[sarvvagam ja]]larupan tu jalamurtti namo ’stu te / [[vayur ddharayate lokam loka vayumayah smri]]tah | / sarvvagam vayurupan tu vayumurtti namo ’stu te / agnir ddharayate loka loka agnimayah smritah | / sarvvagnirupam tu agnimurtti namo ’stu te / atma yajati yajnyani loka yajnyamayah smri[[((tah))]] | / [[((sarvvagam yajnyarupam tu yajnyamurtti namo ’stu te))]] / [[akasham dharayate loka loka vyomamayah smritah ||]] / akasham sarvvagam rupam murttya[[((kasha namo ’stu))]] te / somo dharayate lokam lokah somamayah smritah | / sarvvagam somarupam tu somamurtti namo ’stu te / su[[((ryo dharayate lokam lokah suryamayah smritah | / sarvvagam suryarupam tu suryamurtti namo ’stu te))]] / ashtamurtti --- [12] --- | / [[((ane))]]na satyavakyena samsarad uddharasva mam
IAST: sagaṇāya namas tubhyaṃ sapatnīka namo ’stu te |
sadāśiva namas te ’stu paramātma śive namaḥ
kṣitir ddhārayate lokāṃ lokāḥ kṣitimayāḥ smṛtāḥ |
sarvvagaṃ kṣitirūpan tu kṣitimūrtti namo ’stu te
jalan dhārayate lokāṃ lokā jalamayāḥ smṛ[[((tāḥ))]] |
[[sarvvagaṃ ja]]larūpan tu jalamūrtti namo ’stu te
[[vāyur ddhārayate lokāṃ lokā vāyumayāḥ smṛ]]tāḥ |
sarvvagaṃ vāyurūpan tu vāyumūrtti namo ’stu te
agnir ddhārayate lokā lokā agnimayāḥ smṛtāḥ |
sarvvāgnirūpaṃ tu agnimūrtti namo ’stu te
ātmā yajati yajñāni lokā yajñamayāḥ smṛ[[((tāḥ))]] |
[[((sarvvagaṃ yajñarūpaṃ tu yajñamūrtti namo ’stu te))]]
[[ākāśaṃ dhārayate lokā lokā vyomamayāḥ smṛtāḥ ||]]
ākāśaṃ sarvvagaṃ rūpaṃ mūrttyā[[((kāśa namo ’stu))]] te
somo dhārayate lokāṃ lokāḥ somamayāḥ smṛtāḥ |
sarvvagaṃ somarūpaṃ tu somamūrtti namo ’stu te
sū[[((ryo dhārayate lokāṃ lokāḥ sūryamayāḥ smṛtāḥ |
sarvvagaṃ sūryarūpaṃ tu sūryamūrtti namo ’stu te))]]
aṣṭamūrtti --- [12] --- |
[[((ane))]]na satyavākyena saṃsārād uddharasva mām
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Anrede Shivas mit Gefolge und Gemahlin; Verehrung seiner Gestalten als Erde, Wasser, Wind, Feuer, Opfer, Raum, Mond und Sonne.
Fundstelle: Niśvāsamukha 1.30 (Kafle 2020, S. 156); Niśvāsamukha 1.31 (Kafle 2020, S. 156); Niśvāsamukha 1.40 (Kafle 2020, S. 158); Niśvāsamukha 1.41 (Kafle 2020, S. 158).

Hinweis: Die Rezitation ist in 1.30 vorgeschrieben. Der Schlussvers 1.40 ist beschädigt. Der Hymnus wird als ein Lobpreis geführt, nicht als acht Bija-Mantras; die Übersetzung steht bei den Einzelversen.

12. Zwölf Benennungen Brahmas — rituell verwendete Namensreihe.

Einfache Umschrift: brahma svayambhur vvirinycih padmayonih prajapatih | / caturmmukhah padmahasta om ity ekaksharas tu yah / caturvvedadharah srashta girvvanah parameshthinah |
IAST: brahmā svayambhūr vviriñciḥ padmayoniḥ prajāpatiḥ |
caturmmukhaḥ padmahasta om ity ekākṣaras tu yaḥ
caturvvedadharaḥ sraṣṭā gīrvvāṇaḥ parameṣṭhinaḥ |
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Brahma, Svayambhu, Virinchi, Padmayoni, Prajapati, Chaturmukha, Padmahasta, die einsilbige Form Om, Chaturvedadhara, Srashtar, Girvana und Parameshthin.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.64 (Kafle 2020, S. 206); Niśvāsamukha 3.65 (Kafle 2020, S. 206).

Hinweis: Die Verehrung mit diesen Namen steht in 3.65. Mehrere Namen sind aus der Parallele oder konjektural hergestellt. Keine eigenen Om-namah-Sätze werden daraus gebildet.

13. Namen Agnis — rituell verwendete Namensreihe.

Einfache Umschrift: vaishvanaram jatavedam hutabhug ghavyavahanam / devavaktram sarvvabhakshang ghrini ca jagadahakam | / vibhavasum saptajihvam varanameti kirttitam
IAST: vaiśvānaraṃ jātavedaṃ hutabhug ghavyavāhanam
devavaktraṃ sarvvabhakṣaṅ ghṛṇī ca jagadāhakam |
vibhāvasuṃ saptajihvaṃ varanāmeti kīrttitam
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Anrufung der Feuergottheit unter den überlieferten Beinamen; darunter Vaishvanara, Jatavedas, Havyavahana, Vibhavasu und Saptajihva.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.67 (Kafle 2020, S. 206); Niśvāsamukha 3.68 (Kafle 2020, S. 206).

Hinweis: Die Schlussworte „so werden vorzügliche Namen genannt“ gehören zur Benennung der Liste. Zehn ausdrückliche Beinamen; eine sichere Zwölferzahl wird nicht hergestellt.

14. Namen Kuberas — rituell verwendete Namensreihe.

Einfache Umschrift: dhanadash ca yakshapatir vittesho nidhipalakah | / rakshasadhipatish caiva pinggalaksho vimanagah / rudrasakha kuberash ca paulastyakulanandanah | / lokapaleshvarash caiva yakshendrah parikirttitah
IAST: dhanadaś ca yakṣapatir vitteśo nidhipālakaḥ |
rākṣasādhipatiś caiva piṅgalākṣo vimānagaḥ
rudrasakhā kuberaś ca paulastyakulanandanaḥ |
lokapāleśvaraś caiva yakṣendraḥ parikīrttitaḥ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Zwölf Namen des Yaksha-Herrn, darunter Dhanada, Yakshapati, Vittesha und Kubera.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.70 (Kafle 2020, S. 206); Niśvāsamukha 3.72 (Kafle 2020, S. 207); Niśvāsamukha 3.73 (Kafle 2020, S. 207); Niśvāsamukha 3.74 (Kafle 2020, S. 207).

Hinweis: Die letzten Worte parikīrttitaḥ gehören zur Erläuterung der Reihe. Die Namensformen werden nicht in neue vollständige Mantras umgeformt.

15. Namen Ganeshas — rituell verwendete Namensreihe.

Einfache Umschrift: vighneshvarang ganapatim ekadantan gajananam | / gajakarnnan tatha tryakshan nagayajnyopavitinam / caturbhujash ca dhumraksham vajratundam vinayakam | / mahodarash ca
IAST: vighneśvaraṅ gaṇapatim ekadantan gajānanam |
gajakarṇṇan tathā tryakṣan nāgayajñopavītinam
caturbhujaś ca dhūmrākṣaṃ vajratuṇḍaṃ vināyakam |
mahodaraś ca
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Zwölf Beinamen, darunter Vighneshvara, Ganapati, Ekadanta, Gajanana, Tryaksha, Vajratunda und Vinayaka.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.75 (Kafle 2020, S. 207); Niśvāsamukha 3.77 (Kafle 2020, S. 207); Niśvāsamukha 3.78 (Kafle 2020, S. 207); Niśvāsamukha 3.79 (Kafle 2020, S. 207).

Hinweis: Vajratunda, „mit diamantenhartem Rüssel“, steht im Druck; nicht Vakratunda. Ein Gam-Bija oder eine zusätzliche Om-Formel wird hier nicht überliefert.

16. Namen Skandas — rituell verwendete Namensreihe.

Einfache Umschrift: skandam vishakhan trivarnnam umanandan tv agnigarbhajam / ganggagarbham sharadgarbhang krittikasutam eva ca | / shanmukham shaktihastany ca mayuravaravahanam / panycachatah kumarash ca
IAST: skandaṃ viśākhan trivarṇṇam umānandan tv agnigarbhajam
gaṅgāgarbhaṃ śaradgarbhaṅ kṛttikāsutam eva ca |
ṣaṇmukhaṃ śaktihastañ ca mayūravaravāhanam
pañcachaṭaḥ kumāraś ca
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Skanda und zwölf weitere Benennungen, darunter Vishakha, Trivarna, Umananda, Krittikasuta, Shanmukha, Shaktihasta und Kumara.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.83 (Kafle 2020, S. 208); Niśvāsamukha 3.84 (Kafle 2020, S. 208); Niśvāsamukha 3.85 (Kafle 2020, S. 208).

Hinweis: Die ungewöhnlichen Formen śaradgarbha und pañcachaṭa bleiben erhalten; sie werden nicht durch vertrautere Beinamen ersetzt.

17. Namen der Sonne — rituell verwendete Namensreihe.

Einfache Umschrift: adityas savita suryyo khagah pusha gabhastiman | / hiranyagarbhas trishiras tapano bhaskaro ravih / lokasakshir jagannetro
IAST: ādityas savitā sūryyo khagaḥ pūṣā gabhastimān |
hiraṇyagarbhas triśirās tapano bhāskaro raviḥ
lokasākṣir jagannetro
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Anrufung der Sonne unter dreizehn erkennbaren Namen, darunter Aditya, Savitar, Surya, Pushan, Hiranyagarbha, Bhaskara und Ravi; die Sonne als Weltzeuge und Auge der Welt.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.90 (Kafle 2020, S. 209); Niśvāsamukha 3.91 (Kafle 2020, S. 209).

Hinweis: Trishiras, „dreiköpfig“, ist hier tatsächlich belegt. Divakara in 3.91 bezeichnet zusätzlich die verehrte Sonne. Keine künstlich vereinheitlichte Zwölferliste.

18. Namen der Großen Göttin — rituell verwendete Namensreihe.

Einfache Umschrift: uma katyayini devi durgga rudra subhadrika / kalaratri mahagauri revati bhutanayika | / arya prakritirupa ca gananany caiva nayika
IAST: umā kātyāyinī devī durggā rudrā subhadrikā
kālarātrī mahāgaurī revatī bhūtanāyikā |
āryā prakṛtirūpā ca gaṇānāñ caiva nāyikā
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Zwölf Namen der Göttin: Uma, Katyayini, Durga, Rudra, Subhadrika, Kalaratri, Mahagauri, Revati, Bhutanayika, Arya, Prakritirupa und Führerin der Ganas.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.107 (Kafle 2020, S. 211); Niśvāsamukha 3.108 (Kafle 2020, S. 211); Niśvāsamukha 3.109 (Kafle 2020, S. 211).

Hinweis: Devī wird mit der Ausgabe als Beiwort zu Katyayini verstanden. Die Liste ist kein Beleg für ein späteres bestimmtes Shakti-Mantrasystem.

19. Namen des Liebesgottes — rituell verwendete Namensreihe.

Einfache Umschrift: ananggam manmatham kamam ishvaram mohanan tatha / panycabanan dhanurhastam unmadany ca vashangkaram | / ratipriyam pritikaram hridayasyapaharinam
IAST: anaṅgam manmathaṃ kāmam īśvaram mohanan tathā
pañcabāṇan dhanurhastam unmādañ ca vaśaṅkaram |
ratipriyam prītikaraṃ hṛdayasyāpahāriṇam
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Ananga, Manmatha, Kama, Ishvara, Mohana, Panchabana, Dhanurhasta, Unmada, Vashankara, Ratipriya, Pritikara und der das Herz Entführende.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.142 (Kafle 2020, S. 215); Niśvāsamukha 3.143 (Kafle 2020, S. 215); Niśvāsamukha 3.144 (Kafle 2020, S. 215).

Hinweis: Vers 144 ordnet die Verehrung unter diesen zwölf Namen an. Die Anrufung wird nicht als heutiges Mittel zur Beeinflussung anderer Personen ausgegeben.

20. Namen Yamas — rituell verwendete Namensreihe mit Verehrungsschluss.

Einfache Umschrift: pushpair gandhaish ca dhupaish ca bhakshyabhojyasamanvitaih | / yamaya dharmmarajaya mrityave cantakaya ca / vaivasvataya kalaya sarvvalokakshayaya ca | / ugradandadhrite nityam mahishasanayayine / shasitre ca namas tubhyam narakadhipate namah |
IAST: puṣpair gandhaiś ca dhūpaiś ca bhakṣyabhojyasamanvitaiḥ |
yamāya dharmmarājāya mṛtyave cāntakāya ca
vaivasvatāya kālāya sarvvalokakṣayāya ca |
ugradaṇḍadhṛte nityam mahiṣāsanayāyine
śāsitre ca namas tubhyaṃ narakādhipate namaḥ |
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Anrufung des Totenrichters unter elf erkennbaren Namen; abschließend Verehrung an den Gebieter und Herrn der Hölle.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.117 (Kafle 2020, S. 212); Niśvāsamukha 3.118 (Kafle 2020, S. 212); Niśvāsamukha 3.119 (Kafle 2020, S. 213).

Hinweis: Nityam bedeutet „stets“ und ist kein zwölfter Name. Narakādhipate steht als Anrede; die Fälle werden nicht vereinheitlicht.

21. Namen und Qualitäten des Dharma — rituell verwendete Namensreihe mit Verehrungsschluss.

Einfache Umschrift: dharmmas satyan daya kshantih shaucam acaram eva ca / ahimsa ca adambhash ca raksha lokasya sakshine | / vrishabhaya namas tubhyam adrishtaya namo namah
IAST: dharmmas satyan dayā kṣāntiḥ śaucam ācāram eva ca
ahiṃsā ca adambhaś ca rakṣā lokasya sākṣiṇe |
vṛṣabhāya namas tubhyam adṛṣṭāya namo namaḥ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Personifizierte rechte Ordnung: Wahrheit, Mitgefühl, Geduld, Reinheit, gutes Verhalten, Nichtverletzen, Aufrichtigkeit und Schutz; Verehrung an den Weltzeugen, den Stier und den Unsichtbaren.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.122 (Kafle 2020, S. 213); Niśvāsamukha 3.123 (Kafle 2020, S. 213); Niśvāsamukha 3.124 (Kafle 2020, S. 213).

Hinweis: 3.123ab ist konjiziert. Satya und Parakrama erscheinen nochmals in 3.124. Diese Namensreihe wird als liturgischer Zusammenhang dokumentiert.

22. Zwölf Namen Shivas — rituell verwendete Namensreihe.

Einfache Umschrift: haram sharvvam bhavan tryaksham shambhuny caiva vibhum shivam / sthanum pashupatim rudram ishanam shangkaran tatha |
IAST: haraṃ śarvvam bhavan tryakṣaṃ śambhuñ caiva vibhuṃ śivam
sthāṇum paśupatiṃ rudram īśānaṃ śaṅkaran tathā |
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Hara, Sharva, Bhava, Tryaksha, Shambhu, Vibhu, Shiva, Sthanu, Pashupati, Rudra, Ishana und Shankara.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.146 (Kafle 2020, S. 216); Niśvāsamukha 3.147 (Kafle 2020, S. 216).

Hinweis: Der zweite Halbvers 3.147 schreibt die Verehrung unter diesen Namen vor. Keine Endungen oder vorgeschalteten Silben werden ergänzt.

Offen genannte Keimsilben, Silbenfolgen und Bestandteile

23. Om — eigenständiger heiliger Laut.

Einfache Umschrift: om; om
IAST: oṃ; om
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Pranava: Laut der Meditation; im Brahma-Namenzyklus als einsilbige Form bezeichnet.
Fundstelle: Niśvāsamukha 3.64 (Kafle 2020, S. 206); Niśvāsamukha 4.85 (Kafle 2020, S. 233); Uttarasūtra 4.31 (Goodall u. a. 2015, S. 172); Nayasūtra 4.89 (Goodall u. a. 2015, S. 224).

Hinweis: Om mit wörtlichem Schluss-m in 3.64 und oṃ mit Anusvara werden unterschieden. In 4.85 steht die Wortform oṅkāra. Nayasūtra 4.89–98 erläutert seine gegliederte Meditation; eine gewöhnliche Wortübersetzung ist hier nicht gemeint.

24. Hah — offene Keimsilbe.

Einfache Umschrift: hah
IAST: haḥ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Im Einweihungsbild Shivas Same, retas.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.16 (Goodall u. a. 2015, S. 149).

Hinweis: Kurzes a und Visarga. Die Funktion wird erklärt, keine lexikalische Übersetzung erfunden. Dieselbe Lautgestalt ist in 6.4 aus der Lotus-Chiffre erschließbar.

25. Am im um am ah — offene Folge von fünf Gliedmantras.

Einfache Umschrift: am im um am ah
IAST: āṃ īṃ ūṃ aṃ aḥ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Fünf Gliedmantras Chandishas im Anschluss an 6.23.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.23 (Goodall u. a. 2015, S. 150); Mūlasūtra 6.24 (Goodall u. a. 2015, S. 150).

Hinweis: Die ersten drei Vokale sind lang; das vierte a ist kurz und nasalisiert, das letzte a hat Visarga. Die Drucknummer 6.24 trägt ein Fragezeichen; die fünf Laute selbst sind offen ausgeschrieben.

26. Jum — offene Keimsilbe.

Einfache Umschrift: jum
IAST: juṃ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Rituelles Erwecken gehemmter Mantras.
Fundstelle: Uttarasūtra 4.31 (Goodall u. a. 2015, S. 172).

Hinweis: Kurzes u; nicht jūṃ. Die Stelle enthält keine ausgeschriebene Gesamtformel Om Jum Sah.

27. Sah — offene Silbe mit ritueller Funktion.

Einfache Umschrift: sah
IAST: saḥ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Durchtrennen: an den Anfang und das Ende des zu behandelnden Mantras zu setzen.
Fundstelle: Uttarasūtra 4.32 (Goodall u. a. 2015, S. 172).

Hinweis: Die Einfassung ist beschrieben, ihr vollständiger Wortlaut aber nicht ausgeschrieben.

28. Namah und Namo — Formelbestandteil.

Einfache Umschrift: namah; namo
IAST: namaḥ; namo
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Verehrung; in Uttarasutra 4.32 auch rituelle Reinigung des Mantras.
Fundstelle: Uttarasūtra 4.32 (Goodall u. a. 2015, S. 172); Niśvāsamukha 3.61 (Kafle 2020, S. 205); Niśvāsamukha 3.123 (Kafle 2020, S. 213).

Hinweis: Namaskara wird in 4.32 von der Ausgabe als Hinweis auf namaḥ verstanden. Namo ist eine im Text tatsächlich auftretende Sandhiform.

29. Svaha — Endformel.

Einfache Umschrift: svaha
IAST: svāhā
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Ritueller Ausruf; in Uttarasutra 4.32 zum Leuchtenbringen des Mantras.
Fundstelle: Uttarasūtra 4.32 (Goodall u. a. 2015, S. 172); Guhyasūtra 3 – unnummerierte Chandi-Formel (Vasudeva 2014, S. 380); Guhyasūtra 3.43 (Goodall 2020, S. 64; Auflösung S. 66).

Hinweis: Bei den beiden Guhya-Formeln wird svāhā durch ṭhaṭha verschlüsselt angegeben. Die Funktion ist kontextabhängig.

30. Hum phat — Endformel; keine vollständige Gesamtformel.

Einfache Umschrift: hum phat
IAST: huṃ phaṭ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Ende eines Mantras zum rituellen Durchbrechen des kosmischen Eis.
Fundstelle: Mūlasūtra 5.8 (Goodall u. a. 2015, S. 145).

Hinweis: Huṃ hat kurzes u. Die Stelle schreibt nur das Ende des verwendeten Mantras aus.

31. Phat — Formelbestandteil in beschädigtem Zusammenhang.

Einfache Umschrift: phat
IAST: phaṭ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Bestandteil eines historisch beschriebenen Austrittsritus.
Fundstelle: Mūlasūtra 7.16 (Goodall u. a. 2015, S. 152).

Hinweis: Der vorausgehende Mantra ist beschädigt und wird nicht vervollständigt.

32. Thatha — kodierte Endformel.

Einfache Umschrift: thatha
IAST: ṭhaṭha
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Von den verwendeten Studien als svāhā aufgelöster Schluss.
Fundstelle: Guhyasūtra 3 – unnummerierte Chandi-Formel (Vasudeva 2014, S. 380); Guhyasūtra 3.43 (Goodall 2020, S. 64; Auflösung S. 66).

Hinweis: Kein zusätzliches vollständiges Mantra. Die beiden retroflexen ṭh werden in der IAST-Fassung bewahrt.

33. Krama 2; kulu 2 — Wiederholungsnotation.

Einfache Umschrift: krama 2; kulu 2
IAST: krama 2; kulu 2
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Die Ziffer fordert die Wiederholung des vorangehenden Ausdrucks.
Fundstelle: Guhyasūtra 3 – unnummerierte Chandi-Formel (Vasudeva 2014, S. 380); Guhyasūtra 3.43 (Goodall 2020, S. 64; Auflösung S. 66).

Hinweis: Auflösungen: krama krama und kulu kulu. Kulu ist textkritisch unsicher, nicht als gewöhnliches Sanskritwort übersetzt.

34. Atha — Einweihungswort.

Einfache Umschrift: atha
IAST: atha
Bedeutung beziehungsweise Funktion: „Nun“, „darauf“; im beschriebenen Lokatita-Weg ein Wort mit initiatorischer Funktion.
Fundstelle: Niśvāsamukha 4.97 (Kafle 2020, S. 235); Niśvāsamukha 4.98 (Kafle 2020, S. 235).

Hinweis: Keine längere Einweihungsformel ist an dieser Stelle überliefert.

Verschlüsselte Lautgestalten und nur benannte Mantras

35. Ananta-Thron — verschlüsselt; von der Edition aufgelöst.

Einfache Umschrift: ananta; hom
IAST: ananta; hoṃ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Keimsilbe des göttlichen Thrones.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.2 (Goodall u. a. 2015, S. 147).

Hinweis: Hoṃ ist Goodalls Auflösung der Buchstabenzahlen h + o + m, keine offen ausgeschriebene Silbenfolge des Verses.

36. Vier Thronbeine — verschlüsselte Vierergruppe.

Einfache Umschrift: dharma, jnyana, vairagya, aishvarya; ha, ha, hi, hi
IAST: dharma, jñāna, vairāgya, aiśvarya; ha, hā, hi, hī
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Rechtes Handeln, Erkenntnis, Loslösung und Herrschaftskraft als vier Grundlagen des Throns.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.3 (Goodall u. a. 2015, S. 147).

Hinweis: Goodall erschließt diese vier Lautgestalten; ihre häufig angenommene Nasalierung haṃ, hāṃ, hiṃ, hīṃ ist im Vers nicht ausdrücklich angeordnet.

37. Lotus und Lotusmitte — verschlüsselte Lautgestalten.

Einfache Umschrift: padma; karnika; hah; ham
IAST: padma; karṇikā; haḥ; haṃ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Lotus und Fruchtboden des göttlichen Throns.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.4 (Goodall u. a. 2015, S. 147).

Hinweis: Auflösung aus h mit Visarga beziehungsweise dem fünfzehnten Vokal. Die Ausgabe schreibt die beiden Silben hier nicht als offene Liste.

38. Neun Shaktis — verschlüsselte Neunergruppe.

Einfache Umschrift: hri hri hli hli he hai ho hau ham
IAST: hṛ hṝ hḷ hḹ he hai ho hau haṃ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Neun Lautgestalten der Kräfte des Thrones.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.4 (Goodall u. a. 2015, S. 147).

Hinweis: Auflösung nach Goodall 2015, S. 313. Auch die langen vokalischen ṝ und ḹ gehören zur Chiffre; sie werden nicht zu ri beziehungsweise li normalisiert.

39. Sakala — benannt beziehungsweise verschlüsselt.

Einfache Umschrift: sakala
IAST: sakala
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Gestalthafte Form des Shiva-Tattva.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.7 (Goodall u. a. 2015, S. 148).

Hinweis: Mögliche Auflösung hūṃ; ṣaṭka lässt auch eine andere Deutung der Vokalgruppe zu. Daher keine sichere ausgeschriebene Bija-Formel. Zu den verschiedenen Verwendungen vgl. Uttarasutra 5.32–35.

40. Nishkala — benannt beziehungsweise verschlüsselt.

Einfache Umschrift: nishkala
IAST: niṣkala
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Teilelose Form; mit dem Austritt des Atems beschrieben.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.8 (Goodall u. a. 2015, S. 148).

Hinweis: Goodall erwägt h oder hm; der Wortlaut sichert keine gewöhnlich aussprechbare Formel. Zu den verschiedenen Verwendungen vgl. Uttarasutra 5.32–35.

41. Shunya — benannt beziehungsweise verschlüsselt.

Einfache Umschrift: shunya
IAST: śūnya
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Im Herzen zu vergegenwärtigende leere beziehungsweise stillstehende Form.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.9 (Goodall u. a. 2015, S. 148).

Hinweis: Über Atemstillstand beschrieben; keine offene Silbe. Historische Textaussage, kein heutiger Auftrag zum Atemanhalten. Zu den verschiedenen Verwendungen vgl. Uttarasutra 5.32–35.

42. Kaladhya — benannt beziehungsweise verschlüsselt.

Einfache Umschrift: kaladhya
IAST: kalāḍhya
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Durch eine besondere Mundform hörbarer Aspekt.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.10 (Goodall u. a. 2015, S. 148).

Hinweis: Das Wort bhuvi ist als verderbt markiert; keine zweifelsfreie Lautauflösung. Zu den verschiedenen Verwendungen vgl. Uttarasutra 5.32–35.

43. Khamalankrita — benannt beziehungsweise verschlüsselt.

Einfache Umschrift: kham alangkritam
IAST: kham alaṅkṛtam
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Das „mit Raum Geschmückte“, am Ende des oberen Tones.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.11 (Goodall u. a. 2015, S. 149).

Hinweis: Eine spätere Kommentarauflösung wird nicht als ursprünglicher Wortlaut eingesetzt. Zu den verschiedenen Verwendungen vgl. Uttarasutra 5.32–35.

44. Kshapana-Kshaya — benannt beziehungsweise verschlüsselt.

Einfache Umschrift: kshapanam kshayam; kshayat kshapanam
IAST: kṣapaṇaṃ kṣayam; kṣayāt kṣapaṇam
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Auf Leidenstilgung bezogener, mit offenem Mund wahrgenommener Aspekt.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.12 (Goodall u. a. 2015, S. 149).

Hinweis: Die Namen in 6.6 und die Erklärung in 6.12 sind nicht ohne Schwierigkeit aufeinander zu beziehen. Zu den verschiedenen Verwendungen vgl. Uttarasutra 5.32–35.

45. Antastha — benannt beziehungsweise verschlüsselt.

Einfache Umschrift: antastha
IAST: antastha
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Innerer, als unaussprechlich bezeichneter Aspekt.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.13 (Goodall u. a. 2015, S. 149).

Hinweis: Keine schriftlich festgelegte Keimsilbe wird ergänzt. Zu den verschiedenen Verwendungen vgl. Uttarasutra 5.32–35.

46. Kanthyoshtha und Navatman — benannt beziehungsweise verschlüsselt.

Einfache Umschrift: kanthyoshtha; navatman
IAST: kaṇṭhyoṣṭha; navātman
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Achte Form des Shiva-Tattva, aus mehreren Lautkomponenten zusammengesetzt.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.14 (Goodall u. a. 2015, S. 149); Mūlasūtra 6.15 (Goodall u. a. 2015, S. 149); Uttarasūtra 1.10 (Goodall u. a. 2015, S. 158); Uttarasūtra 1.11 (Goodall u. a. 2015, S. 158); Uttarasūtra 1.12 (Goodall u. a. 2015, S. 158).

Hinweis: 6.14–15 und Uttarasutra 1.10–12: Goodall erwägt h-r-kṣ-m-l-v-y-ū mit Nasalierung. Das in späteren Deutungen zusätzliche s und die Form der Nasalierung sind strittig. Eine scheinbar sichere fertige Rezitationsform wäre irreführend. Zu den verschiedenen Verwendungen vgl. Uttarasutra 5.32–35.

47. Fünf Brahma-Mantras — verschlüsselte Fünfergruppe.

Einfache Umschrift: panycabrahman; sadyojata, vamadeva, aghora, tatpurusha, ishana
IAST: pañcabrahman; sadyojāta, vāmadeva, aghora, tatpuruṣa, īśāna
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Die fünf Shiva-Mantras für Verehrung, Reinigung und Einweihung.
Fundstelle: Mūlasūtra 2.3 (Goodall u. a. 2015, S. 139); Mūlasūtra 3.14 (Goodall u. a. 2015, S. 142); Mūlasūtra 6.16 (Goodall u. a. 2015, S. 149); Niśvāsamukha 4.72 (Kafle 2020, S. 231); Niśvāsamukha 4.89 (Kafle 2020, S. 234); Guhyasūtra 12.1 (Acri 2014, S. 11); Guhyasūtra 12.17 (Acri 2014, S. 28); Guhyasūtra 12.18 (Acri 2014, S. 28).

Hinweis: Goodall 2015, S. 320, vermutet haṃ, hiṃ, huṃ, heṃ, hoṃ in dieser Reihenfolge; die Nasalierung steht nicht eigens im Vers. Im Guhya werden auch die Namen Sadya, Vamadeva, Herz, Purusha und Ishana verwendet. Keine längeren vedischen Formeln werden aus anderen Werken eingefügt.

48. Bahurupa — nur benannt.

Einfache Umschrift: bahurupa
IAST: bahurūpa
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Rezitation nach einer rituell verunreinigenden Wahrnehmung im Pashupata-Kontext.
Fundstelle: Niśvāsamukha 4.74 (Kafle 2020, S. 232).

Hinweis: Kafle identifiziert Bahurupa hier mit dem Aghora-Mantra. Der Wortlaut fehlt; die Stelle ist kein Beleg für eine bestimmte heutige Langfassung.

49. Vagishi — verschlüsselt; Deutung bevorzugt, nicht eindeutig.

Einfache Umschrift: vagishi; hrim
IAST: vāgīśī; hṛṃ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Die Herrin der Rede als Mutterschoß der Einweihung.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.17 (Goodall u. a. 2015, S. 150); Mūlasūtra 4.8 (Goodall u. a. 2015, S. 143); Mūlasūtra 4.11 (Goodall u. a. 2015, S. 143).

Hinweis: Goodall bevorzugt hṛṃ aus Vama, hṛ, mit Bindu; hiṃ wäre eine alternative Herleitung aus Vamadeva. Die bevorzugte Deutung bleibt als solche gekennzeichnet.

50. Jnanasiddhikumarika — verschlüsselt.

Einfache Umschrift: jnyanasiddhikumarika; hi; him
IAST: jñānasiddhikumārikā; hī; hīṃ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Rituelle Gattin des neu eingeweihten Schülers.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.18 (Goodall u. a. 2015, S. 150); Mūlasūtra 4.12 (Goodall u. a. 2015, S. 143).

Hinweis: Langes ī ist ausdrücklich genannt; die Nasalierung bleibt erschlossen.

51. Herz, Kopf, Haarspitze, Panzer, Waffe und Gayatri — verschlüsselte und teilweise beschädigte Gliedmantras.

Einfache Umschrift: hridaya, shiras, shikha, kavaca, astra, gayatri
IAST: hṛdaya, śiras, śikhā, kavaca, astra, gāyatrī
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Glieder der zentralen Mantra-Gestalt und eine zugehörige Gayatri.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.19 (Goodall u. a. 2015, S. 150); Mūlasūtra 6.20 (Goodall u. a. 2015, S. 150); Mūlasūtra 3.9 (Goodall u. a. 2015, S. 141).

Hinweis: Für das Herz wird haṃ erschlossen. Unter Ergänzung der beschädigten Buchstabenangabe für y ergeben sich hyaṃ, hyiṃ, hyuṃ, hyeṃ, hyoṃ für Kopf bis Gayatri. Diese Liste ist keine offene Lesung. Ein Augenmantra wird hier nicht ergänzt. Die in Mulasutra 3.9 genannte Sechszahl bleibt als Textspannung bestehen.

52. Vidyeshvaras — verschlüsselte, teilweise verlorene Gruppe.

Einfache Umschrift: vidyeshvara; hyum hrum hlum hvum
IAST: vidyeśvara; hyūṃ hrūṃ hlūṃ hvūṃ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Herren des Mantrawissens im Mandala.
Fundstelle: Mūlasūtra 2.9 (Goodall u. a. 2015, S. 140); Mūlasūtra 4.5 (Goodall u. a. 2015, S. 143); Mūlasūtra 6.21 (Goodall u. a. 2015, S. 150).

Hinweis: Die erste Vierergruppe ist eine Deutung Goodalls; die zweite Vierergruppe ist aus dem beschädigten Wortlaut nicht sicher herzustellen.

53. Richtungshüter und ihre Waffen — verschlüsselte und beschädigte Gruppen.

Einfache Umschrift: lokapala; astrayoni
IAST: lokapāla; astrayoni
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Lautgestalten für Himmelsrichtungen und Waffen im Mandala.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.22 (Goodall u. a. 2015, S. 150).

Hinweis: Der Kommentar erschließt die rückläufige Vokalreihe ai e ḹ ḷ ṝ ṛ ū u. Vorangestelltes h, Nasalierung und die genaue Verbindung mit Visarga sind teilweise erschlossen. Deshalb keine Reihe vermeintlich sicherer vollständiger Mantras.

54. Chandanatha-Thron und Chandisha — verschlüsselt; teilweise unsichere Lautgestalt.

Einfache Umschrift: candanatha; candisha; hr; hram
IAST: caṇḍanātha; caṇḍīśa; hr; hraṃ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Thron des Chandanatha und zugehörige Gottheit Chandisha.
Fundstelle: Mūlasūtra 6.22 (Goodall u. a. 2015, S. 150); Mūlasūtra 6.23 (Goodall u. a. 2015, S. 150).

Hinweis: Hr ist die erschließbare Konsonantengrundlage; die Vokalisierung des Thronmantras bleibt offen. Hraṃ für Chandisha folgt Goodalls Deutung des fünfzehnten Vokals.

55. Feuer-Keimsilbe — nur benannt; Auflösung im Kommentar.

Einfache Umschrift: vahnibija; ra; ram
IAST: vahnibīja; ra; raṃ
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Bei den vorbereitenden Feuerriten verwendetes Bija.
Fundstelle: Mūlasūtra 3.8 (Goodall u. a. 2015, S. 141).

Hinweis: Der Vers nennt den Laut nicht offen; ra beziehungsweise raṃ ist die Erklärung der Ausgabe. Dies ist nicht ohne Weiteres dasselbe wie die Elementmeditation des Nayasūtra.

56. Ritualformen des Anfangslautes — kurze und lange Lautformen; keine vollständige Formel.

Einfache Umschrift: a; a
IAST: a; ā
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Kurzer Anfangslaut für Vorbereitungen, lange Form für weitere Einweihungshandlungen.
Fundstelle: Uttarasūtra 2.41 (Goodall u. a. 2015, S. 166); Uttarasūtra 3.23 (Goodall u. a. 2015, S. 168).

Hinweis: Die Verse verweisen auf die Lautformen; eine Nasalierung wird nicht offen ausgeschrieben.

57. Komponenten der kosmischen Mantra-Gestalt — offen benannte Lautkomponenten.

Einfache Umschrift: u ya va la ma ksha ra ha
IAST: ū ya va la ma kṣa ra ha
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Zuordnung: Urnatur, bewusstes Selbst, Niyati, Zeit, Maya, Vidya, Ishvara und Sadashiva.
Fundstelle: Uttarasūtra 1.10 (Goodall u. a. 2015, S. 158); Uttarasūtra 1.11 (Goodall u. a. 2015, S. 158); Uttarasūtra 1.12 (Goodall u. a. 2015, S. 158); Uttarasūtra 1.15 (Goodall u. a. 2015, S. 158); Uttarasūtra 1.16 (Goodall u. a. 2015, S. 159); Uttarasūtra 1.17 (Goodall u. a. 2015, S. 159).

Hinweis: Die Liste nennt Komponenten in der kosmologischen Aufstiegsreihenfolge, keine hier als solche zu rezitierende Bija-Kette. Der „Leibdurchdringer“ und Shakti folgen in 1.12.

58. Matrika — Mantra-Alphabet, offen beschrieben.

Einfache Umschrift: matrika; akara; kshakara
IAST: mātṛkā; akāra; kṣakāra
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Das Alphabet als Ursprung der Mantras; Buchstabengestalten werden mit dem Körper verbunden.
Fundstelle: Uttarasūtra 1.41 (Goodall u. a. 2015, S. 161); Uttarasūtra 2.1 (Goodall u. a. 2015, S. 161–162); Nayasūtra 1.3 (Goodall u. a. 2015, S. 181); Nayasūtra 1.4 (Goodall u. a. 2015, S. 181); Nayasūtra 1.14 (Goodall u. a. 2015, S. 182–183); Nayasūtra 1.75 (Goodall u. a. 2015, S. 189); Nayasūtra 1.77 (Goodall u. a. 2015, S. 190); Uttarasūtra 4.47 (Goodall u. a. 2015, S. 174); Guhyasūtra 7.251cd (Törzsök 2016, S. 142, Anm. 21); Guhyasūtra 7.252 (Goodall u. a. 2015, S. 302); Guhyasūtra 8.128 (Törzsök 2016, S. 142, Anm. 22); Guhyasūtra 9.15cd (Törzsök 2016, S. 143, Anm. 24); Guhyasūtra 12.41 (Törzsök 2016, S. 143, Anm. 23).

Hinweis: Nayasūtra 1.14–75 beschreibt die Laute im Einzelnen. Diese Beschreibungen werden nicht als Dutzende zusätzlicher vollständiger Mantras gezählt. Uttarasutra 4.47 nennt den rückläufigen Weg von Ksha bis A. Törzsök 2016, S. 142–143, belegt Matrika-Shiva sowie die Identifikation mit Vagishi. Im beschädigten 12.41 erscheint Kutila als aufwärtsgehende Kraft; dies ist keine dort ausgeschriebene zusätzliche Keimsilbe.

59. Prakriti-Bija — benannte Meditationssilbe.

Einfache Umschrift: prakritibija; u
IAST: prakṛtibīja; ū
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Keimsilbe der Urnatur, auf die auch die Elementmeditationen verweisen.
Fundstelle: Uttarasūtra 1.10 (Goodall u. a. 2015, S. 158); Uttarasūtra 5.7 (Goodall u. a. 2015, S. 175); Nayasūtra 3.2 (Goodall u. a. 2015, S. 206); Nayasūtra 3.6 (Goodall u. a. 2015, S. 207); Nayasūtra 3.8 (Goodall u. a. 2015, S. 207).

Hinweis: U beziehungsweise das in Uttarasutra ausdrücklich lange ū ist im Kommentar erschlossen. Vertraute spätere Reihen wie Lam–Vam–Ram werden nicht an seine Stelle gesetzt.

60. Shakti — nur benannt beziehungsweise unsicher kodiert.

Einfache Umschrift: shakti
IAST: śakti
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Für Einweihung und Meditation entscheidende Kraft beziehungsweise Lautgestalt.
Fundstelle: Uttarasūtra 5.39 (Goodall u. a. 2015, S. 178); Uttarasūtra 5.40 (Goodall u. a. 2015, S. 178); Uttarasūtra 5.41 (Goodall u. a. 2015, S. 178); Nayasūtra 4.28 (Goodall u. a. 2015, S. 217); Nayasūtra 4.92 (Goodall u. a. 2015, S. 224).

Hinweis: Die Zahlenchiffre in Uttarasutra 5.39 ist unsicher. Keine populäre Shakti-Keimsilbe wird als gesicherte Auflösung eingesetzt.

61. Pranava mit Lautdauer, Punkt und Klang — Lautglieder einer Meditation.

Einfache Umschrift: a, u, m; bindu, nada, shakti
IAST: a, u, m; bindu, nāda, śakti
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Gegliederte Betrachtung des Pranava mit kurzen, langen und überlangen Lautphasen.
Fundstelle: Nayasūtra 4.89 (Goodall u. a. 2015, S. 224); Nayasūtra 4.92 (Goodall u. a. 2015, S. 224); Nayasūtra 4.94 (Goodall u. a. 2015, S. 225); Nayasūtra 4.95 (Goodall u. a. 2015, S. 225); Nayasūtra 4.96 (Goodall u. a. 2015, S. 225); Nayasūtra 4.97 (Goodall u. a. 2015, S. 225); Nayasūtra 4.98 (Goodall u. a. 2015, S. 225).

Hinweis: Die Chiffre in 4.92 ist schwierig. Die kosmologischen Zuordnungen werden im Grundtext übersetzt; keine zusätzliche Ganzformel wird daraus erzeugt.

62. Vyomavyapin — nur benannt; vollständiger Wortlaut nicht erschlossen.

Einfache Umschrift: vyomavyapin
IAST: vyomavyāpin
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Der „den Raum Durchdringende“; im Guhyasūtra ein eigenes Mantrasystem.
Fundstelle: Guhyasūtra 9.1 (Goodall 2020, S. 76); Guhyasūtra 10.126–127 (gemeinsames Prosazitat) (Goodall u. a. 2015, S. 378–379).

Hinweis: Goodall 2020, S. 48–49, ordnet die Kapitel 9–11 dem 81-Wörter-Mantra zu. Dessen vollständiger Wortlaut ist in den hier bearbeiteten Zitaten nicht enthalten. Die gleichnamige Vatergestalt in Mulasutra 4.11 darf nicht ungeprüft mit einer ausgeschriebenen Langform gleichgesetzt werden.

63. Zehnsilbige Vidya — nur benannt; vollständiger Wortlaut nicht erschlossen.

Einfache Umschrift: vidya
IAST: vidyā
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Eigenes Mantrasystem der Guhyasūtra-Kapitel 16–18.
Fundstelle: Guhyasūtra 16.1 (Kafle 2020, S. 155, Anm. 20; 244, Anm. 379); Guhyasūtra 18.15 (Goodall u. a. 2015, S. 23).

Hinweis: Die Zehnsilbigkeit und Kapitelzuordnung sind in Goodall 2020, S. 48–49, belegt. Die vorliegenden Auszüge liefern keine vollständige Formel.

64. Raum-Keimsilbe — verschlüsselte Einzelkomponente.

Einfache Umschrift: vyomabija; m
IAST: vyomabīja; m
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Raumlaut innerhalb einer Chiffre.
Fundstelle: Guhyasūtra 13.136cd (Goodall u. a. 2015, S. 75, Anm. 107).

Hinweis: Goodall 2015, S. 75, Anm. 107, bezieht den Ausdruck hier auf m. Die isolierte Halbverseinheit schreibt m nicht offen aus.

65. Nährender Laut — verschlüsselte Einzelkomponente.

Einfache Umschrift: v
IAST: v
Bedeutung beziehungsweise Funktion: „Vierter Laut der dritten Gruppe“ in der besonderen Chiffre.
Fundstelle: Guhyasūtra 13.153ab (Goodall u. a. 2015, S. 75, Anm. 105).

Hinweis: Auflösung nach Goodall 2015, S. 75, Anm. 105; nicht nach den gewöhnlichen Konsonantenklassen zu dh vereinfacht.

66. Imam rudraya — nur als Anfang zitiert.

Einfache Umschrift: imam rudraya
IAST: imāṃ rudrāya
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Rezitationsanfang bei der Linga-Aufstellung.
Fundstelle: Guhyasūtra 2.117 (Goodall u. a. 2015, S. 62–63).

Hinweis: Nur der Anfang ist überliefert; der vollständige vedische Vers wird nicht ergänzt.

67. Trataram indra — nur als Anfang zitiert.

Einfache Umschrift: trataram indra
IAST: trātāram indra
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Rezitationsanfang beim Befestigen der Pindika.
Fundstelle: Guhyasūtra 2.119 (Goodall u. a. 2015, S. 63).

Hinweis: Die verkürzte Form indra bleibt erhalten; kein vollständiger vedischer Mantra wird daraus rekonstruiert.

68. Vamadeva; möglicherweise Sadyojata — nur benannt.

Einfache Umschrift: vamadeva; sadya
IAST: vāmadeva; sadya
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Mantraverwendung bei der Linga-Aufstellung.
Fundstelle: Guhyasūtra 2.116 (Goodall u. a. 2015, S. 62).

Hinweis: Vamadeva ist ausdrücklich genannt. Sadya kann „sogleich“ bedeuten oder nach der Edition auf Sadyojata verweisen; diese zweite Mantrazuordnung bleibt unsicher.

69. Hudduṅ- und Hudung-Ruf — benannter kultischer Ruf; kein offen ausgeschriebenes Bija.

Einfache Umschrift: huddungkara; hudungkara
IAST: huḍḍuṅkāra; huḍuṅkāra
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Vokale Verehrungsform neben Gesang, Tanz und Lobpreis im älteren shivaitischen Milieu.
Fundstelle: Niśvāsamukha 1.75 (Kafle 2020, S. 162); Niśvāsamukha 1.166 (Kafle 2020, S. 174); Niśvāsamukha 4.72 (Kafle 2020, S. 231).

Hinweis: Die beiden Schreibungen werden unterschieden. Das Nomen bezeichnet den Ruf; seine genaue Ausführung oder eine zusätzliche Silbenfolge steht hier nicht.

70. Paramakshara – die höchste Silbe — nur benannt; Wortlaut nicht ausgeschrieben.

Einfache Umschrift: paramakshara
IAST: paramākṣara
Bedeutung beziehungsweise Funktion: Die Rezitation der höchsten Silbe wird mit dem Erlangen eines göttlichen Bereichs verbunden. Der Vers nennt den an religiöse Verpflichtungen gebundenen Eingeweihten als Rezitierenden.
Fundstelle: Guhyasūtra 7.246 (Zählung Sanderson 2001) (Sanderson 2001, S. 27).

Hinweis: Die Bezeichnung ist im Kompositum paramākṣarajāpena belegt. Eine Gleichsetzung mit Om oder einem bestimmten anderen Mantra ist aus diesem Beleg allein nicht gesichert; eine neue ausgeschriebene Formel wird nicht ergänzt.

Sanskrit in Devanagari

Die vollständige Devanagari-Umschrift des hier erfassten Sanskrittextes steht auf Nishvasa Tattva Samhita Sanskrit Devanagari. Sie enthält dieselben 1.731 Einheiten in derselben Buch- und Kapitelreihenfolge, einschließlich Sprecherangaben, Prosa, Lückenzeichen und Kolophonen. Sie ist eine Umschrift dieser Textgrundlage, kein zusätzlich ausgewerteter Handschriftenzeuge.

108 Verse für die Yoga Praxis

Die Seite Nishvasa Tattva Samhita 108 Verse für die Yoga Praxis enthält 108 verschiedene Originalverse in deutscher Übersetzung, geordnet nach wenigen Themen. „Die wichtigsten“ bedeutet dabei eine begründete redaktionelle Auswahl für Yoga-Aspiranten, keine von der Schrift selbst überlieferte Liste. Jeder Vers ist mit seiner vollständigen Fundstelle und einem direkten Link zum Grundtext versehen.

Die Auswahl berücksichtigt Hingabe, Mitgefühl, Sammlung, Mantra, Lehrer-Verantwortung und das Verhältnis verschiedener Befreiungswege. Sie lässt auch die historische Eigenart des Werkes erkennen. Beschädigte Verse, bloße Halbverse und eigenständig geschriebene Aphorismen wurden nicht verwendet, um die Zahl zu erreichen.

Bedeutung für das spirituelle Leben heute

Die Lektüre der Nishvasa kann den Blick auf die eigene Sadhana weiten. Spirituelle Praxis erscheint hier als ein Zusammenhang von Hören, Erkennen, Verehren und Handeln. Wer nur nach einer eindrucksvollen Erfahrung sucht, findet zahlreiche Versprechen; wer genauer liest, begegnet ebenso der Frage, welche Absicht ihn trägt und wem seine Übung zugutekommt.

Ein besonders heller Maßstab ist die Gabe der Furchtlosigkeit. Nach Niśvāsamukha 2.107–109 ist das Schützen bedrohten Lebens eine Gabe von höchstem Rang. Das lässt sich heute als Einladung lesen, Sammlung und Hilfsbereitschaft zusammenzubringen. Mitgefühl braucht keine spektakuläre Form: Es zeigt sich darin, aufmerksam zu sein, verlässlich zu handeln und die Verletzlichkeit anderer wahrzunehmen.

Auch Hingabe verlangt Unterscheidung. Die Achtung vor einem Guru schließt nach den Maßstäben des Textes Fragen nach Erkenntnis, Mitgefühl und Aufrichtigkeit ein. Für heutige Leser ist besonders fruchtbar, diese Eigenschaften ernst zu nehmen, ohne historische Gehorsams- oder Ausschlussregeln unbesehen zu übernehmen. Eigenverantwortung, ehrliche Rückfragen und die Möglichkeit, Grenzen zu setzen, gehören zu einer tragfähigen heutigen Lehrer-Schüler-Beziehung.

Schließlich kann Schriftstudium Demut wecken. Ein alter Text spricht nicht immer so, wie wir es erwarten. Manche Stellen sind unverständlich, andere widersprechen einander. Man darf bei ihnen verweilen, ohne vorschnell Harmonie zu erzwingen. Aufmerksames Lesen kann selbst eine Übung der Sammlung werden: hören, nachfragen, prüfen und dem erkannten Sinn im Leben Raum geben.

Acht Anregungen für Yoga-Aspiranten

Die folgenden Punkte sind ausdrücklich heutige Studien- und Reflexionsimpulse. Sie übertragen ausgewählte Haltungen in den Alltag und sind keine Anleitung zur selbstständigen Ausführung der historischen Einweihungs-, Atem- oder magischen Riten.

  1. Beginne mit gesammeltem Hören. Lies einen Vers langsam, bevor du seinen Kommentar liest. Frage dich erst danach, was er tatsächlich sagt. Das Motiv des aufmerksamen Zuhörens steht bereits in Niśvāsamukha 1.19.
  2. Verbinde Erkenntnis mit Schutz. Überlege, wo du einem Menschen oder Tier Sicherheit geben kannst: durch Aufmerksamkeit, konkrete Hilfe oder das Unterlassen verletzender Handlungen. Anknüpfung: Niśvāsamukha 2.107–109.
  3. Prüfe die Qualität von Unterweisung. Achte auf Mitgefühl, Kenntnis und Aufrichtigkeit bei dir und bei Lehrenden. Äußerer Rang allein ist kein verlässlicher Maßstab. Anknüpfung: Mūlasūtra 1.14 und 8.8.
  4. Nimm eine bequeme, aufmerksame Sitzhaltung ein. Für stilles Lesen oder eine vertraute Meditation darf der Sitz tragfähig sein. Der Text nennt ausdrücklich Bequemlichkeit bei unterschiedlichen Sitzweisen; er verlangt an dieser Stelle keine akrobatische Haltung. Anknüpfung: Nayasūtra 4.14–15.
  5. Beobachte das besitzergreifende „Mein“. Bemerke im Alltag, wann eine bloße Wahrnehmung zu Aneignung, Vergleich oder Abwehr wird. Anknüpfung: Niśvāsamukha 4.46.
  6. Lass Zweifel zu sorgfältiger Prüfung werden. Notiere, was du verstanden hast und was offenbleibt. Vertiefe eine bereits vertraute, angemessene Praxis, statt eine außergewöhnliche Erfahrung erzwingen zu wollen. Anknüpfung: Mūlasūtra 7.18.
  7. Betrachte Gemeinsamkeit, ohne Unterschiede zu übergehen. Nimm dir einen Moment, in einem vertrauten und einem schwierigen Mitmenschen dieselbe Verletzlichkeit und Würde wahrzunehmen. Anknüpfung an die Einheitsbetrachtung: Nayasūtra 4.53–56.
  8. Unterscheide Erfahrung und Ziel. Eine intensive Empfindung oder ein gelungenes Ritual ist nicht ohne Weiteres Befreiung. Frage nach dem langfristigen Einfluss deiner Übung auf Klarheit, Mitgefühl und innere Freiheit. Anknüpfung: Guhyasūtra 11.28 und Mūlasūtra 7.26–27.

Textgrundlage und editorische Hinweise

Quellenhierarchie. Für Niśvāsamukha ist Kafle 2020 maßgeblich, für Mūlasūtra, Uttarasūtra und Nayasūtra Goodall u. a. 2015. Kafles Dissertation von 2015 dient als Vergleichsquelle; ihre abweichenden Nummerierungen werden nicht vermischt. Für das Guhyasūtra werden die einzelnen Zitate nach ihrer jeweils benannten wissenschaftlichen Quelle wiedergegeben. Identische Wiederholungen werden grundsätzlich zusammengeführt. Eine bezeichnete Ausnahme ist der bereits einzeln zitierte Halbvers 7.232ab, der in Sandersons älterer Zählung als Anfang von 7.249 erneut im vollständigen Verskontext erscheint; diese Überschneidung zählt nicht als zwei ursprüngliche Textstellen. Eine weitere Ausnahme ist die ausdrücklich dokumentierte abweichende Zuordnung von 7.260cd.

Abdeckung. Die 21 Kapitel der vier ersten Bücher wurden einschließlich ihres Rahmentextes, ihrer Sprecher, unnummerierten Teile und Schlussstücke erfasst. Ein durchgehend nummerierter Text ist deshalb noch nicht überall unbeschädigt oder sicher verständlich. Besonders im Guhyasūtra ist die Ausgabe eine Sammlung belegter Auszüge; zwischen ihnen steht kein von der Redaktion erfundener Verbindungstext. Eine eigene Kollation der nepalesischen Originalhandschrift oder aller jüngeren Abschriften wurde nicht durchgeführt. Deren Lesungen werden über die kritischen Ausgaben dokumentiert.

Nummerierung. Der Text hat nicht überall die Form eines vierfüßigen Verses. Einige nummerierte Einheiten umfassen sechs Versfüße, andere nur einen Halbvers oder Prosa. Das Nayasūtra 1.99 ist beispielsweise ein Halbvers. Im Uttarasutra folgen nach Kapitel 3 und Kapitel 4 weitere Halbverse, deren Zählung im Textblock von der Zitierweise des Kommentars abweicht. Zählvermerke der Handschrift stimmen nicht immer mit der Editionszählung überein: Niśvāsamukha 1 zählt im Kolophon 187 statt 185, Kapitel 3 197 statt 196; das Nayasūtra nennt am Ende 466 statt der 447 nummerierten Einheiten der Edition. Solche Angaben werden bewahrt und erläutert, nicht als Nachweis zusätzlich vorhandener Verse ausgegeben.

Die zusätzliche Zitatgruppe aus Guhyasūtra 7 bewahrt ausdrücklich die Zählung Sanderson 2001. Sie wird nicht stillschweigend mit den späteren Verszahlen vermischt. Eine pauschale Zahlverschiebung ist nicht gesichert. Das Zitat aus Guhyasūtra 9 nach Blatt 77r4 hat in seiner Quelle keine Versnummer; diese wird auch hier nicht erfunden.

Textkritik. Die deutsche Ausgabe übernimmt den konstituierten Wortlaut der jeweiligen Quelle, einschließlich ihrer bezeichneten Unsicherheiten. Der vollständige textkritische Apparat der Druckbände wird nicht nachgedruckt; er bleibt für eine Untersuchung sämtlicher Lesarten heranzuziehen. Sprachliche Abweichungen und schwierige Formen werden bewahrt. Besonders sinnentscheidende Verneinungen, Zahlen und Namen sind erläutert. Beispiele sind die Textspannung zur Samkhya-Befreiung, die ungewöhnliche Form ajasaḥ in Nayasūtra 1.81, die Atemrichtung in Nayasūtra 4.110 sowie die unterschiedliche Nummerierung eines Guhya-Zitats als 7.260cd. Die anscheinend größere Lücke zwischen Nayasūtra 4.42 und 4.43 bleibt offen.

Auslassungspunkte am Anfang oder Ende deutscher Satzteile zeigen stellenweise den Anschluss an den benachbarten Vers an. Ein tatsächlicher Textverlust wird zusätzlich durch die Textgestalt oder die Anmerkung kenntlich gemacht.

Guhya-Zitate. Die Studien geben vorläufige Editionen, normalisierte Zitate oder Auszüge einer Arbeitsedition wieder. Das betrifft insbesondere die von Törzsök 2016 zitierten Stellen; ihre Studie weist auf teilweise orthographische Normalisierung hin. Die Nähe zur Handschrift ist daher nicht bei allen Zitaten dieselbe. Jeder Quellenwechsel ist bei den Auszügen kenntlich. Eine vollständige Guhya-Verszahl lässt sich aus dieser Zitatauswahl nicht gewinnen.

Schriftenabgleich. IAST und Devanagari wurden für alle 1.731 Einheiten technisch gegeneinander zurücktransliteriert; dabei blieb keine Differenz. Zusätzlich wurden ausgewählte Formeln, Namen, seltene Vokale und Klammerstellen visuell geprüft. Der technische Gleichlauf beider Schriften ist von der philologischen Prüfung ihres gemeinsamen Wortlauts zu unterscheiden.

Literatur

Textausgaben und Übersetzungen der Nishvasa Tattva Samhita

  • Dominic Goodall, in Zusammenarbeit mit Alexis Sanderson und Harunaga Isaacson, mit Beiträgen von Nirajan Kafle, Diwakar Acharya u. a.: The Niśvāsatattvasaṃhitā. The Earliest Surviving Śaiva Tantra. Volume 1. A Critical Edition & Annotated Translation of the Mūlasūtra, Uttarasūtra & Nayasūtra. Institut Français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient / Asien-Afrika-Institut, Universität Hamburg, Pondichéry/Paris/Hamburg 2015. Collection Indologie 128; Early Tantra Series 1. 662 Seiten. ISBN 978-81-8470-205-7 und 978-2-85539-151-9. Unmittelbare Textgrundlage: Sanskrit S. 137–233, kommentierte Übersetzung S. 235–504; außerdem die ausdrücklich bezeichneten Guhya-Zitate in Einleitung und Kommentar.
  • Nirajan Kafle (Hg.), mit einem Vorwort von Dominic Goodall: Niśvāsamukhatattvasaṃhitā. A Preface to the Earliest Surviving Śaiva Tantra (on non-Tantric Śaivism at the Dawn of the Mantramārga). Critical Edition, with Introduction & Annotated Translation and an Appendix containing Śivadharmasaṅgraha 5–9. Institut Français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient / Asien-Afrika-Institut, Universität Hamburg, Pondichéry/Paris/Hamburg 2020. Collection Indologie 145; Early Tantra Series 6. 555 Seiten. ISBN 978-81-8470-237-8 und 978-2-85539-240-0. Unmittelbare Textgrundlage: Sanskrit S. 153–239, Übersetzung S. 241–373; ausgewählte Guhya-Zitate der Einleitung und Anmerkungen. Der Anhang ist Vergleichsmaterial.
  • Nirajan Kafle: The Niśvāsamukha, the Introductory Book of the Niśvāsatattvasaṃhitā. Critical Edition, with an Introduction and Annotated Translation Appended by Śivadharmasaṅgraha 5–9. Dissertation, Universität Leiden, 15. Oktober 2015. Vergleichsquelle, als vollständiges PDF vorliegend; keine durchgehende erneute Kollation aller Lesarten gegen 2020.
  • Andrea Acri: „The Śaiva Atimārga in the Light of Niśvāsaguhya 12.1–22ab.“ Cracow Indological Studies 16 (2014), S. 7–49. DOI 10.12797/CIS.16.2014.16.03. Unmittelbar verwendete Teiledition des Guhyasūtra 12.1–22ab.
  • Somadeva Vasudeva: „Prasenā, Prasīnā & Prasannā: The Evidence of the Niśvāsaguhya and the Tantrasadbhāva.“ Cracow Indological Studies 16 (2014), S. 369–390. DOI 10.12797/CIS.16.2014.16.14. Unmittelbar verwendete Zitate aus Guhyasūtra 3 und Chandi-Mantra; andere in der Studie zitierte Werke werden nicht als Nishvasa-Text übernommen.[78]
  • Alexis Sanderson: „History through Textual Criticism in the Study of Śaivism, the Pañcarātra and the Buddhist Yoginītantras.“ In: François Grimal (Hg.): Les Sources et le temps. Sources and Time. A Colloquium, Pondicherry, 11–13 January 1997. Institut Français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient, Pondichéry 2001. Publications du département d’Indologie 91, S. 1–47. Unmittelbar verwendete Zitate: Guhyasūtra 7 nach S. 24–28 und Guhyasūtra 9 nach S. 29, Anm. 32; ältere Zählung eigens bezeichnet.[9]

Weiterführende Literatur zu Tantra, Yoga und Textgeschichte

  • Dominic Goodall: „Dressing for Power: On vrata, caryā, and vidyāvrata in the Early Mantramārga, and on the Structure of the Guhyasūtra of the Niśvāsatattvasaṃhitā.“ In: Dominic Goodall, Shaman Hatley, Harunaga Isaacson und Srilata Raman (Hg.): Śaivism and the Tantric Traditions: Essays in Honour of Alexis G. J. S. Sanderson. Brill, Leiden/Boston 2020, S. 47–83. DOI 10.1163/9789004432802_005. Inhaltlich verwendet; enthält die gekennzeichneten Guhya-Zitate dieser Ausgabe.
  • Judit Törzsök: „The Emergence of the Alphabet Goddess Mātṛkā in Early Śaiva Tantras.“ In: Dominic Goodall und Harunaga Isaacson (Hg.): Tantric Studies. Fruits of a Franco-German Collaboration on Early Tantra. Institut Français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient / Asien-Afrika-Institut, Universität Hamburg, Pondichéry 2016. Collection Indologie 131; Early Tantra Series 4, S. 135–155. Inhaltlich verwendet, besonders die Guhya-Zitate S. 142–143.
  • Alexis Sanderson: „The Lākulas: New Evidence of a System Intermediate between Pāñcārthika Pāśupatism and Āgamic Śaivism.“ The Indian Philosophical Annual 24 (2003–2005), erschienen 2006, S. 143–217. Bibliographisch nachgewiesen und über die Diskussion in den verwendeten Editionen berücksichtigt; keine eigene vollständige Sanskritkollation dieser Studie.
  • Dominic Goodall: „How the Tattvas of Tantric Śaivism Came to Be 36: The Evidence of the Niśvāsatattvasaṃhitā.“ In: Dominic Goodall und Harunaga Isaacson (Hg.): Tantric Studies. Fruits of a Franco-German Collaboration on Early Tantra. Institut Français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient / Asien-Afrika-Institut, Universität Hamburg, Pondichéry 2016. Collection Indologie 131; Early Tantra Series 4, S. 77–111. Bibliographisch nachgewiesen über Goodall 2020; nicht als zusätzliche durchgehend ausgewertete Grundtextquelle behandelt.

Siehe auch

Tantra · Shivaismus · Shaiva Siddhanta · Shiva · Shakti · Mantra · Japa · Puja · Linga · Guru · Diksha · Meditation · Pranayama · Moksha · Indische Schriften

Weblinks

Quellen und Anmerkungen

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Dominic Goodall, in Zusammenarbeit mit Alexis Sanderson und Harunaga Isaacson, mit Beiträgen von Nirajan Kafle, Diwakar Acharya u. a.: The Niśvāsatattvasaṃhitā. The Earliest Surviving Śaiva Tantra. Volume 1. A Critical Edition & Annotated Translation of the Mūlasūtra, Uttarasūtra & Nayasūtra. Institut Français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient / Asien-Afrika-Institut, Universität Hamburg, Pondichéry/Paris/Hamburg 2015, Collection Indologie 128 / Early Tantra Series 1. Verwendet: Einleitung, Sanskrit S. 137–233 und Übersetzung S. 235–504. Verlagsnachweis.
  2. Nirajan Kafle (Hg.): Niśvāsamukhatattvasaṃhitā, 2020, Einleitung S. 32 ff.; zum innertextlichen Wortspiel außerdem Goodall u. a. 2015, Uttarasūtra 5.50–51, Sanskrit S. 180, Übersetzung S. 400–401.
  3. 3,0 3,1 Nirajan Kafle (Hg.), mit einem Vorwort von Dominic Goodall: Niśvāsamukhatattvasaṃhitā. A Preface to the Earliest Surviving Śaiva Tantra (on non-Tantric Śaivism at the Dawn of the Mantramārga). Critical Edition, with Introduction & Annotated Translation and an Appendix containing Śivadharmasaṅgraha 5–9. Institut Français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient / Asien-Afrika-Institut, Universität Hamburg, Pondichéry/Paris/Hamburg 2020, Collection Indologie 145 / Early Tantra Series 6. Zur Datierung Einleitung S. 28 ff.; Sanskrit S. 153–239, Übersetzung S. 241–373. Verlagsnachweis.
  4. Andrea Acri: „The Śaiva Atimārga in the Light of Niśvāsaguhya 12.1–22ab.“ Cracow Indological Studies 16 (2014), S. 7–49. DOI: 10.12797/CIS.16.2014.16.03. Verwendet als wissenschaftliche Teiledition mit Sanskrit, Übersetzung und Diskussion.
  5. Kafle 2020, „Manuscripts“, S. 142–146; Goodall u. a. 2015, Darstellung der Textzeugen und Editionsverfahren. Die Handschriftenangaben werden hier nach den Editionen referiert; eine eigene Kollation der Originalhandschriften wurde nicht vorgenommen.
  6. Nirajan Kafle: The Niśvāsamukha, the Introductory Book of the Niśvāsatattvasaṃhitā. Critical Edition, with an Introduction and Annotated Translation Appended by Śivadharmasaṅgraha 5–9. Dissertation, Universität Leiden, 15. Oktober 2015. Sanskrit S. 99–193, Übersetzung S. 195–290; Repositoriumsnachweis. Für diese Bearbeitung lag das vollständige Dissertation-PDF vor; die Veröffentlichung von 2020 bleibt die primäre Textgrundlage.
  7. Dominic Goodall: „Dressing for Power: On vrata, caryā, and vidyāvrata in the Early Mantramārga, and on the Structure of the Guhyasūtra of the Niśvāsatattvasaṃhitā.“ In: Dominic Goodall, Shaman Hatley, Harunaga Isaacson und Srilata Raman (Hg.): Śaivism and the Tantric Traditions: Essays in Honour of Alexis G. J. S. Sanderson. Brill, Leiden/Boston 2020, S. 47–83. DOI: 10.1163/9789004432802_005. Zur Gliederung S. 48–50. Die verwendeten Sanskritzitate wurden in der wissenschaftlichen IAST-Textansicht gelesen; zusätzliche Druckbildvergleiche sind bei den betreffenden Stellen angegeben.
  8. Judit Törzsök: „The Emergence of the Alphabet Goddess Mātṛkā in Early Śaiva Tantras.“ In: Dominic Goodall und Harunaga Isaacson (Hg.): Tantric Studies. Fruits of a Franco-German Collaboration on Early Tantra. Institut Français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient / Asien-Afrika-Institut, Universität Hamburg, Pondichéry 2016, Collection Indologie 131 / Early Tantra Series 4, S. 135–155, hier S. 139–143. HAL-Nachweis und Volltext. Die Guhyasūtra-Zitate S. 142–143 wurden am PDF-Seitenbild geprüft.
  9. 9,0 9,1 Alexis Sanderson: „History through Textual Criticism in the Study of Śaivism, the Pañcarātra and the Buddhist Yoginītantras.“ In: François Grimal (Hg.): Les Sources et le temps. Sources and Time. A Colloquium, Pondicherry, 11–13 January 1997. Institut Français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient, Pondichéry 2001, Publications du département d’Indologie 91, S. 1–47, hier S. 24–29. Vollständiger Aufsatzscan. Sanskritzitate und Apparat unmittelbar am Druckbild geprüft; die ältere Zählung wird eigens bezeichnet.
  10. Cleveland Clinic: Solar Retinopathy, medizinisch geprüft, Stand 7. März 2024; abgerufen am 11. September 2026.
  11. 11,0 11,1 11,2 11,3 11,4 Goodall u. a. 2015, S. 21; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  12. Goodall u. a. 2015, S. 62; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  13. Goodall u. a. 2015, S. 62–63; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  14. 14,0 14,1 Goodall u. a. 2015, S. 63; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  15. Goodall u. a. 2015, S. 61, Anm. 80; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  16. Goodall u. a. 2015, S. 287; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  17. 17,0 17,1 Vasudeva 2014, S. 380; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  18. 18,0 18,1 18,2 Vasudeva 2014, S. 381; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  19. 19,0 19,1 19,2 Goodall 2020, S. 63; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  20. Goodall 2020, S. 63–64; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  21. 21,00 21,01 21,02 21,03 21,04 21,05 21,06 21,07 21,08 21,09 Goodall 2020, S. 64; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  22. Goodall 2020, S. 64; Auflösung S. 66; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  23. 23,0 23,1 Goodall 2020, S. 65; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  24. 24,0 24,1 24,2 24,3 24,4 24,5 24,6 Goodall u. a. 2015, S. 78; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  25. 25,0 25,1 25,2 25,3 Goodall u. a. 2015, S. 79; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  26. Goodall u. a. 2015, S. 30; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  27. 27,0 27,1 Goodall u. a. 2015, S. 296; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  28. 28,0 28,1 28,2 28,3 28,4 Kafle 2020, S. 69; 199, Anm. 19; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  29. Kafle 2020, S. 69–70; 199, Anm. 19; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  30. 30,0 30,1 30,2 30,3 Kafle 2020, S. 70; 199, Anm. 19; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  31. Goodall u. a. 2015, S. 298; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  32. Goodall u. a. 2015, S. 299; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  33. Goodall u. a. 2015, S. 299–300; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  34. 34,0 34,1 Goodall u. a. 2015, S. 300; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  35. Törzsök 2016, S. 142, Anm. 21; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  36. Goodall u. a. 2015, S. 302; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  37. 37,0 37,1 Goodall u. a. 2015, S. 303; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  38. Goodall u. a. 2015, S. 305; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  39. Goodall u. a. 2015, S. 305–306; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  40. 40,0 40,1 Goodall u. a. 2015, S. 306; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  41. 41,0 41,1 Goodall u. a. 2015, S. 307; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  42. 42,0 42,1 42,2 42,3 42,4 42,5 42,6 42,7 42,8 Sanderson 2001, S. 26; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  43. 43,0 43,1 43,2 43,3 43,4 43,5 43,6 Sanderson 2001, S. 27; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  44. Sanderson 2001, S. 24–25; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  45. 45,0 45,1 45,2 45,3 45,4 45,5 Sanderson 2001, S. 25; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  46. 46,0 46,1 46,2 46,3 46,4 46,5 46,6 Goodall 2020, S. 51; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  47. 47,0 47,1 Goodall 2020, S. 52; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  48. 48,0 48,1 48,2 48,3 48,4 Törzsök 2016, S. 142, Anm. 22; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  49. Goodall u. a. 2015, S. 343–344; Vergleich S. 473; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  50. 50,00 50,01 50,02 50,03 50,04 50,05 50,06 50,07 50,08 50,09 50,10 50,11 50,12 Goodall 2020, S. 76; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  51. Goodall 2020, S. 76–77; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  52. Törzsök 2016, S. 143, Anm. 24; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  53. Sanderson 2001, S. 29, Anm. 32; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  54. Goodall u. a. 2015, S. 80; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  55. Goodall u. a. 2015, S. 80–81; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  56. 56,0 56,1 56,2 56,3 Goodall u. a. 2015, S. 81; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  57. Goodall 2020, S. 70; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  58. Goodall u. a. 2015, S. 378–379; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  59. Goodall u. a. 2015, S. 281–282; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  60. 60,0 60,1 Acri 2014, S. 11; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  61. Acri 2014, S. 11–12; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  62. 62,0 62,1 62,2 62,3 Acri 2014, S. 12; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  63. Acri 2014, S. 12–13; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  64. Acri 2014, S. 14; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  65. Acri 2014, S. 15; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  66. Acri 2014, S. 21; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  67. 67,0 67,1 Acri 2014, S. 22; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  68. Acri 2014, S. 22, 27; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  69. Acri 2014, S. 27–28; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  70. 70,0 70,1 70,2 70,3 70,4 70,5 70,6 70,7 70,8 Acri 2014, S. 28; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  71. Törzsök 2016, S. 143, Anm. 23; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  72. Goodall u. a. 2015, S. 75, Anm. 107; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  73. Goodall u. a. 2015, S. 75, Anm. 105; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  74. Goodall u. a. 2015, S. 32; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  75. 75,0 75,1 Kafle 2020, S. 155, Anm. 20; 244, Anm. 379; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  76. Goodall u. a. 2015, S. 428; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  77. Goodall u. a. 2015, S. 23; vollständige bibliographische Angabe im Literaturverzeichnis.
  78. Somadeva Vasudeva: „Prasenā, Prasīnā & Prasannā: The Evidence of the Niśvāsaguhya and the Tantrasadbhāva.“ Cracow Indological Studies 16 (2014), S. 369–390, besonders S. 380 ff. DOI: 10.12797/CIS.16.2014.16.14.

Das gemeinsame Studium kann helfen, Fragen offen auszusprechen und Einsichten im Alltag zu erproben. Die folgenden Yoga-Vidya-Angebote ergänzen die Lektüre durch heutige Praxis und Begegnung. Ihre Themen sind nicht sämtlich als Lehren der Nishvasa Tattva Samhita nachgewiesen.

Seminare

Kundalini Yoga

Kundalini-Yoga-Seminare bei Yoga Vidya

16.10.2026 - 25.10.2026 Chakra-Kur - Reinigung der Chakras

Für die Reinigung der Chakras konzentrierst du dich unter Anleitung jeden Tag auf ein anderes Chakra. Die tägliche Meditation, Yoga Asanas und Pranyam…
Vani Devi Beldzik
25.10.2026 - 30.10.2026 Kundalini Yoga Meditation Kursleiter Ausbildung

Kundalini Yoga Meditationen sind ein faszinierendes weites Gebiet, dessen Potential noch bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Kundalini Meditationen kön…
Adishakti Stein, Viveka Wilde

Indische Schriften

Seminare zu indischen Schriften bei Yoga Vidya

26.12.2026 - 02.01.2027 Indische Rituale Ausbildung

Du interessierst dich für indische Rituale? Du hast die einzigartige Gelegenheit, in dieser Rituale Ausbildung bei Yoga Vidya die kleine Puja, große P…
Sukadev Bretz, Shankari Winkelbauer
01.01.2027 - 10.01.2027 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv A1 - Jnana Yoga und Vedanta

Kompakte, vielseitige Weiterbildung für Yogalehrer rund um Jnana Yoga und Vedanta.
Tauche tief ein ins Jnana Yoga und Vedanta, studiere die indischen S…
Vedamurti Dr Olaf Schönert

Chakras

Chakra-Seminare bei Yoga Vidya

16.10.2026 - 25.10.2026 Chakra-Kur - Reinigung der Chakras

Für die Reinigung der Chakras konzentrierst du dich unter Anleitung jeden Tag auf ein anderes Chakra. Die tägliche Meditation, Yoga Asanas und Pranyam…
Vani Devi Beldzik
18.10.2026 - 25.10.2026 Nada Yoga Grundausbildung

Nada Yoga bezeichnet das Jahrtausende alte Wissen um die Verbindung von Nada, dem Klang, den Nadis und Chakras (Energiebahnen und Körperzentren) und Na…
Anne-Careen Engel

Energiearbeit

Seminare zur Energiearbeit bei Yoga Vidya

16.10.2026 - 25.10.2026 Chakra-Kur - Reinigung der Chakras

Für die Reinigung der Chakras konzentrierst du dich unter Anleitung jeden Tag auf ein anderes Chakra. Die tägliche Meditation, Yoga Asanas und Pranyam…
Vani Devi Beldzik
18.10.2026 - 23.10.2026 Tantra Vinyasa Yoga Ausbildung - Teil 2

Buchung nur nach Besuch von Teil 1 möglich (Termin: 18.-23.5.2025) möglich. www.yoga-vidya.de/ausbildung-weiterbildung
Vorkenntnisse: Lektüre der Bü…
Ravi Ott

Zur vertiefenden Lektüre: 108 ausgewählte Verse · Sanskrit in Devanagari