Kannagi

Aus Yogawiki

Kannagi (Tamil: கண்ணகி, Kaṇṇaki), auch Kannaki, ist die Heldin des großen tamilischen Epos Silappatikaram („Die Geschichte vom Fußreif“) des Dichters Ilango Adigal. Sie ist eine der bekanntesten und am meisten verehrten Frauengestalten der tamilischen Kultur: Sinnbild der Treue, der Wahrhaftigkeit und des Mutes, für die Gerechtigkeit einzutreten, selbst vor einem König.

Ihre Geschichte ist die einer Frau, deren Mann sie verließ, zurückkehrte und dann unschuldig hingerichtet wurde. Kannagi trat vor den König von Madurai, bewies mit ihrem zerbrochenen Fußreif die Unschuld ihres Mannes und brachte den König dazu, sein Unrecht zu erkennen. Ihr Zorn, so erzählt das Epos, ließ die Stadt Madurai in Flammen aufgehen. Danach wurde sie mit ihrem Mann in den Himmel aufgenommen.

Bis heute wird Kannagi als Göttin verehrt: in Tamil Nadu als Kannagi Amman, in Kerala in Verbindung mit der Göttin Bhagavati und in Sri Lanka von tamilischen Hindus und singhalesischen Buddhisten als Pattini, die „keusche, treue Frau“. Für Yoga-Übende kann ihre Geschichte eine Betrachtung über Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, die Kraft der Treue und die Wirkung des Karma sein.

Das Wichtigste auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Name Kannagi, Kannaki
Tamil கண்ணகி
Weitere Namen Pattini (Sri Lanka), Kannagi Amman, Mangala Devi; in Kerala mit Bhagavati verbunden
Herkunft Puhar (Kaveripattinam), Hafenstadt der Chola
Ehemann Kovalan
Quelle Silappatikaram von Ilango Adigal (etwa 2.–5. Jahrhundert n. Chr.)
Symbol Der Fußreif (Silambu)
Bedeutung Sinnbild der Treue, der Wahrhaftigkeit und des Einsatzes für Gerechtigkeit
Verehrung Tamil Nadu, Kerala, Sri Lanka
Wichtige Heiligtümer Mangala-Devi-Kannagi-Tempel (an der Grenze Tamil Nadu/Kerala), Kodungallur (Kerala), Vattappalai (Sri Lanka)

Die Geschichte Kannagis

Die folgende Nacherzählung folgt dem Silappatikaram des Ilango Adigal.

Hochzeit in Puhar

Kannagi war die Tochter des reichen Kaufmanns Manayakan in Puhar, der blühenden Hafenstadt der Chola an der Mündung der Kaveri. Schon als junges Mädchen war sie für ihre Schönheit und Tugend bekannt. Sie wurde mit Kovalan verheiratet, dem Sohn des Kaufmanns Masattuvan. Die Hochzeit wurde prächtig gefeiert, und das junge Paar lebte eine Zeit lang glücklich zusammen.

Kovalan und Madhavi

Doch Kovalan verliebte sich in die schöne und begabte Tänzerin Madhavi. Er verließ Kannagi und lebte mit Madhavi zusammen, der er sein ganzes Vermögen schenkte. Kannagi blieb allein zurück. Sie klagte nicht und wartete geduldig. Das Epos beschreibt, wie sie ihren Schmuck ablegte und in stiller Treue ausharrte.

Mit Madhavi hatte Kovalan eine Tochter, Manimekalai, die spätere Heldin des Fortsetzungsepos Manimekalai.

Die Rückkehr

Nach einem Streit mit Madhavi beim Fest am Meer kehrte Kovalan zu Kannagi zurück. Er hatte alles verloren und schämte sich. Kannagi nahm ihn ohne Vorwürfe wieder auf. Um ein neues Leben zu beginnen, bot sie ihm das Einzige an, was ihr geblieben war: ihre beiden goldenen Fußreifen, die mit Rubinen gefüllt waren.

Der Weg nach Madurai

Die beiden beschlossen, nach Madurai zu ziehen, in die Hauptstadt der Pandya, um dort durch den Verkauf eines Fußreifs ein neues Geschäft zu beginnen. Sie wanderten zu Fuß durch das Land, begleitet von der jainistischen Nonne Kavunti. Die Reise war lang und beschwerlich; das Epos schildert die Landschaften, Tempel und Menschen, denen sie begegneten. In Madurai fanden sie Unterkunft bei der Hirtin Madari.

Der Fußreif und das Urteil

Kovalan ging in die Stadt, um einen der Fußreifen zu verkaufen. Dort traf er auf den Goldschmied des Königs. Dieser hatte kurz zuvor den Fußreif der Königin gestohlen, der Kannagis Fußreif sehr ähnlich sah. Um sich selbst zu schützen, beschuldigte der Goldschmied Kovalan beim König des Diebstahls.

Der Pandya-König Nedunchezhiyan ließ die Sache nicht untersuchen. Ohne ein ordentliches Verfahren befahl er, Kovalan hinzurichten und den Fußreif zu bringen. Kovalan wurde getötet.

Kannagi vor dem König

Als Kannagi vom Tod ihres Mannes erfuhr, war sie von Schmerz erfüllt. Mit dem zweiten Fußreif in der Hand ging sie zum Palast und trat vor den König. Sie klagte ihn an, einen Unschuldigen verurteilt zu haben.

Der König entgegnete, Kovalan habe den Fußreif der Königin gestohlen. Kannagi fragte, womit der Fußreif der Königin gefüllt sei. „Mit Perlen“, antwortete der König. Da zerbrach Kannagi ihren eigenen Fußreif, und Rubine sprangen heraus, bis vor das Gesicht des Königs.

Der König erkannte sein Unrecht. Das Epos lässt ihn sinngemäß ausrufen: „Bin ich ein König? Ich selbst bin der Dieb!“ Er brach tot zusammen, und die Königin folgte ihm in den Tod.

Das Feuer von Madurai

Kannagis Schmerz und Zorn waren damit nicht gestillt. Nach dem Epos riss sie sich eine Brust ab und warf sie gegen die Stadt, und Madurai ging in Flammen auf. Doch selbst in ihrem Zorn nahm sie die Guten aus: Brahmanen, Kühe, treue Frauen, alte Menschen, Kinder und die Tugendhaften sollten verschont bleiben.

Die Göttin der Stadt Madurai erschien Kannagi und erklärte ihr, dass Kovalans Tod die Frucht einer Tat aus einem früheren Leben gewesen sei. Da wich Kannagis Zorn, und sie verließ die Stadt.

Aufnahme in den Himmel

Kannagi wanderte westwärts in das Land der Chera, das heutige Kerala. Nach vierzehn Tagen, auf einem Berg, erschien Kovalan ihr in göttlicher Gestalt, und beide wurden in einem himmlischen Wagen in die Welt der Götter aufgenommen. Die Bergbewohner, die dies sahen, berichteten es dem Chera-König Senguttuvan.

Der erste Tempel

König Senguttuvan, nach der Überlieferung der Bruder des Dichters Ilango Adigal, beschloss, Kannagi einen Tempel zu errichten. Er zog bis in den Himalaya, um einen Stein für ihr Bild zu holen, und badete ihn im Ganges. Zur Einweihung des Tempels kamen Könige aus vielen Ländern, darunter nach der Überlieferung König Gajabahu von Sri Lanka, der die Verehrung Kannagis auf seine Insel brachte.

Die drei Wahrheiten

Das Silappatikaram fasst die Lehre der Geschichte in drei Wahrheiten zusammen:

அரைசியல் பிழைத்தோர்க்கு அறம் கூற்றாவதூஉம்
உரைசால் பத்தினிக்கு உயர்ந்தோர் ஏத்தலும்
ஊழ்வினை உருத்துவந்து ஊட்டும் என்பதூஉம்
Araiciyal piḻaittōrkku aṟam kūṟṟāvatūum
uraicāl pattiṉikku uyarntōr ēttalum
ūḻviṉai uruttuvantu ūṭṭum eṉpatūum

Für die, die in der Herrschaft fehlen, wird das Dharma selbst zum Tod;
die ruhmreiche, treue Frau wird von den Großen gepriesen;
und das Karma früherer Taten kehrt zurück und lässt seine Frucht erfahren.

Eigene Übersetzung, nach der Vorrede des Silappatikaram.

Diese drei Wahrheiten verbinden Gerechtigkeit, Tugend und das Gesetz von Ursache und Wirkung.

Symbolbild: Das Licht der Wahrheit, das jede Täuschung durchdringt.

Kannagi als Göttin

In Tamil Nadu

In Tamil Nadu wird Kannagi als Kannagi Amman verehrt, als Mutter und Schutzgöttin. Ihre Bilder zeigen sie meist mit einem Fußreif in der erhobenen Hand. 1968 wurde am Marina Beach in Chennai eine große Statue Kannagis errichtet, die sie mit dem Fußreif zeigt und bis heute ein Wahrzeichen der Stadt ist. Auch in Puhar erinnert eine Statue an sie.

Der Mangala-Devi-Kannagi-Tempel

Hoch in den Bergen an der Grenze zwischen Tamil Nadu und Kerala, auf etwa 1300 Metern Höhe, liegt der Mangala-Devi-Kannagi-Tempel. Nach der Überlieferung wurde er von König Senguttuvan an dem Ort errichtet, an dem Kannagi in den Himmel aufgenommen wurde. Der Tempel ist nur einmal im Jahr zum Fest Chitra Pournami im April oder Mai geöffnet; dann pilgern Tausende Gläubige zu Fuß dorthin, und Priester aus beiden Bundesstaaten vollziehen gemeinsam die Rituale.[1]

In Kerala

In Kerala lebt die Verehrung Kannagis in der Verehrung der Göttin Bhagavati fort. Der berühmte Bhagavati-Tempel von Kodungallur, der alten Hauptstadt der Chera, erinnert in seiner Tempellegende an seine Verbindung mit Kannagi. Auch der Attukal-Bhagavati-Tempel in Thiruvananthapuram, bekannt für das Pongala-Fest, bei dem Hunderttausende Frauen gemeinsam Reis für die Göttin kochen, wird mit Kannagi verbunden.

In Sri Lanka

In Sri Lanka wird Kannagi von tamilischen Hindus als Kannagi Amman und von singhalesischen Buddhisten als Pattini verehrt, die „treue Frau“. Nach der Überlieferung brachte König Gajabahu I. ihre Verehrung auf die Insel, und sie wurde zu einer Schutzgöttin Sri Lankas. Sie gilt als Heilerin von Krankheiten, als Spenderin von Fruchtbarkeit und Regen. In der buddhistischen Überlieferung wird ihre Geschichte anders erzählt als im Silappatikaram. Wichtige Heiligtümer sind etwa Vattappalai im Norden und Tempel an der Ostküste. So ist Kannagi eine Göttin, die Hindus und Buddhisten, Tamilen und Singhalesen verbindet.[2]

Die Bedeutung Kannagis

Sinnbild der Treue

In der tamilischen Kultur ist Kannagi das Urbild der Karpu, der Treue und inneren Reinheit einer Frau. Ihre Geduld, als Kovalan sie verließ, und ihre Bereitschaft, ihm zu vergeben, gelten als Ausdruck großer innerer Stärke.

Stimme der Gerechtigkeit

Kannagi ist aber keineswegs nur eine duldende Frau. Als ihrem Mann Unrecht geschieht, tritt sie furchtlos vor den mächtigsten Mann des Landes und fordert Gerechtigkeit. Sie beweist mit einem einfachen, klaren Zeichen die Wahrheit. Darin liegt ihre bleibende Bedeutung: Wahrheit und Gerechtigkeit stehen über Macht und Rang.

Kritik der ungerechten Herrschaft

Das Epos zeigt, wie ein König, der ohne Prüfung urteilt, selbst am Dharma zerbricht. Die Geschichte ist eine frühe Mahnung, dass Macht mit Verantwortung und Sorgfalt verbunden sein muss.

Heutige Deutungen

Kannagi wird heute unterschiedlich gedeutet. Für viele ist sie ein Vorbild weiblicher Stärke und des Mutes, gegen Unrecht aufzustehen. Andere sehen das Ideal der unbedingten Treue einer Frau zu einem untreuen Mann kritisch und fragen, welche Rollenbilder darin vermittelt werden. Auch das Feuer von Madurai, das viele Menschen trifft, wird als Bild eines Zorns gelesen, dessen Wucht über das Ziel hinausgeht. Das Epos selbst lässt Kannagis Zorn schließlich zur Ruhe kommen, als sie das Wirken des Karma erkennt.

Kannagi und Yoga

Kannagis Geschichte berührt mehrere Grundsätze des Yoga:

  • Satya, die Wahrhaftigkeit: Kannagi steht für die Wahrheit ein, und die Wahrheit setzt sich durch. Satya gehört zu den Yamas des Yoga.
  • Karma: Die dritte Wahrheit des Epos lehrt, dass jede Tat ihre Frucht trägt. Diese Einsicht kann zu bewusstem Handeln und zur Gelassenheit im Leid führen.
  • Die Kraft der Beständigkeit: Kannagis Geduld zeigt eine innere Stärke, die sich nicht durch äußere Umstände erschüttern lässt.
  • Der Umgang mit Zorn: Kannagis Zorn ist verständlich, aber zerstörerisch. Das Epos zeigt, wie er durch Erkenntnis zur Ruhe kommt. Für den Yoga-Übenden kann dies eine Anregung sein, berechtigte Empörung über Unrecht in klares, gewaltfreies Handeln zu verwandeln, im Sinne von Ahimsa.
  • Mut vor den Mächtigen: Kannagi erinnert daran, dass spirituelles Leben auch Mut verlangt: den Mut, für Wahrheit und Gerechtigkeit einzutreten.

Beziehungen zu anderen Persönlichkeiten und Werken

Kovalan ist ihr Ehemann, Madhavi die Tänzerin, die er liebte, und Manimekalai deren Tochter und Heldin des Epos Manimekalai. Ilango Adigal ist der Dichter des Silappatikaram; sein Bruder, der Chera-König Senguttuvan, errichtete Kannagi den ersten Tempel. Der Pandya-König Nedunchezhiyan ist der König, der Kovalan zu Unrecht verurteilte. Die Göttin Meenakshi ist die Schutzgöttin von Madurai. Das Civaka Cintamani gehört mit Silappatikaram und Manimekalai zu den fünf großen Epen der tamilischen Literatur.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Wahrheit sprechen: Achte heute darauf, in einer schwierigen Situation die Wahrheit freundlich und klar auszusprechen.
  • Den Zorn verwandeln: Wenn du Empörung über ein Unrecht spürst, halte in der Meditation inne. Spüre die Kraft dieser Empörung und frage dich, wie sie in klares, gewaltfreies Handeln fließen kann.
  • Das Gesetz des Karma betrachten: Denke über eine Situation nach, in der du die Folgen eigenen Handelns erfahren hast. Was hast du daraus gelernt?
  • Innere Stärke: Nimm dir in deiner Yogapraxis eine Haltung vor, die Stabilität und Beständigkeit ausdrückt, etwa den Baum, und verbinde sie mit dem Gedanken an Kannagis innere Stärke.
Symbolbild: Die Kraft des Herzens, die für Wahrheit und Liebe eintritt.

Die Frau mit dem Fußreif

Kannagi ist eine der großen Frauengestalten Indiens. Sie hat geliebt, gewartet, verziehen und gelitten, und sie ist aufgestanden, als die Wahrheit auf dem Spiel stand. Ihr zerbrochener Fußreif, aus dem die Rubine springen, ist bis heute ein Bild dafür, dass die Wahrheit ans Licht kommt, und dass ein Mensch mit reinem Herzen selbst vor einem König bestehen kann.

Siehe auch

Quellen und Weblinks

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