Meditation, Mantras und Moorbäder - STERN 10.9.2015

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Meditation, Mantras und Moorbäder - so lautet der Titel einer dreiseitigen Reportage im Stern Magazin in der Ausgabe vom 10.9.2015. In der Reportage geht es um Yoga Vidya Bad Meinberg, um die Yogastadt Bad Meinberg, um den Kurort Bad Meinberg in Vergangenheit und Zukunft sowie um Yoga Vidya als größte deutsche Yoga-Bewegung.

Hier der Wortlaut des Artikels, ohne die Fotos; Zwischenüberschriften wurden hier für das Wiki eingefügt und stammen nicht aus dem Orginal Artikel:

MEDITATION, MANTRAS UND MOORBÄDER

- Von Irmgard Hochreither -

Seit die klassische Kur von den Kassen kaum noch bezahlt wird, buhlen die Bäderstädte um neue Kundschaft. Bad Meinberg will als Yoga-City zum Sinnsucher-Hotspot werden.

Bogenschießen und die Zukunft von Bad Meinberg

Aufmerksam wie ein Hütehund dirigiert eine blonde Frau in lila Turnschuhen und Baseballcap das Grüppchen von Bogenschützen über die getrimmte Wiese zwischen Brunnentempel und Konzertmuschel. Auf dem Kurgartenrasen steht eine Ziel scheibe, daneben hat sich ein Kamerateam aufgebaut, um die Schießübung festzuhalten. Für Ludmilla Gutjahr dreht sich seit Tagen alles um diese Produktion. Es geht um eine filmische Präsentation der Schokoladenseiten des Staatsbades Bad Meinberg, um Imagepflege, um die Zukunft der Region. Kurz: Es geht ums Ganze.

Das Label Yogastadt Bad Meinberg

Unter dem Label „Yogastadt Bad Meinberg“ setzt der Kurort auf den spirituellen Mainstream, um neue Gäste zu umwerben. Die Bonnerin Gutjahr ist seit zwei Jahren Kurdirektorin und zuständig fürs Marketing des idyllischen Städtchens am Fuße des Teutoburger Waldes. Für sie schwingt der Begriff „Salutogenese“, also alles, was den Menschen gesund macht, wie ein Mantra über dem Drehort. „Wir wollen zeigen“, sagt sie, „dass wir nicht nur Moorbäder und schwefelhaltiges Heilwasser zu bieten haben.“ Denn das ist schließlich 112 10.9.2015 irgendwie passé, von früher. Die Übungen mit Pfeil und Bogen sollen helfen, Tinnitus und Stress zeitgemäß zu bekämpfen. Also genau das Richtige für die wachsende Zahl von Burnout geplagter Mitmenschen aus dem ganzen Land. Und deshalb gilt die Praxis für therapeutisches Bogenschießen, die seit April des Jahres im ehemaligen Ballhaus im Kurpark residiert, den Imagepflegern als besonders gutes Beispiel für die Verwandlung von Bad Meinberg.

Der traditionelle Kurort Bad Meinberg

Veränderung ist überlebenswichtig für den Ort, der einst zu den zehn größten Kurbädern Deutschlands zählte und auf eine über 100-jährige Tradition zurückblicken kann. Bis Mitte der 90er Jahre boten sechs Kurkliniken Therapien gegen Frauenleiden, Rheuma oder psychosomatische Störungen. Rund eine Million Gäste ließen sich stationär oder ambulant behandeln, besuchten Kurkonzerte, Kaffeehäuser und Theateraufführungen, wanderten durch den Teutoburger Wald, zum Hermannsdenkmal und zu den Externsteinen: eine regelrechte Industrie der Anwendungen und Auszeiten, mit vermeintlich solider Perspektive in einer überalternden und erholungsbedürftigen Bevölkerung.


Eine Gesundheitsreform und ihre Folgen

Dann aber zündete Horst Seehofer 1993 die erste Stufe seiner großen Gesundheitsreform, und vorbei war es mit den goldenen Zeiten. Bundesweit geriet die Kurbranche ins Schlingern. Vier Bad Meinberger Kliniken mussten schließen, 1500 Arbeitsplätze fielen weg – in einem Ort mit gerade mal 4600 Einwohnern. Binnen weniger Jahre waren die Übernachtungszahlen auf unter 300 000 eingebrochen. Eine existenzbedrohende Situation. Gästehäuser und Geschäfte mussten schließen, viele Einheimische sahen keine Zukunft mehr und wanderten ab.

Yoga Vidya kommt nach Bad Meinberg

Doch das Karma von Bad Meinberg wollte es offenbar anders, als es Pessimisten befürchteten: Die Errettung aus dem Niedergang nahte 2004 in Gestalt von [[Sukadev Volker Bretz]]. Der spirituelle Meister und Inhaber der Yogakette „Yoga Vidya“ erkannte in einem der leer stehenden, siebenstöckigen Gebäude eine Chakra-Pyramide und entschied, Bad Meinberg zum Hauptquartier seines Sinnsucher-Imperiums zu machen. Für rund eine Million Euro erwarb der Sohn eines Sofafabrikanten aus Rheinhessen den verwaisten Klinikkomplex, investierte weitere vier Millionen in Umbau und Ausstattung und schuf damit, nach eigener Aussage, den größten Ashram außerhalb Indiens. In mehr als 30 Seminarräumen können nun bis zu 1000 Yogaschüler gemeinsam meditieren, Mantras singen, Kobra, Skorpion und Kopfstand üben oder sich im „Shivalaya Retreatzentrum“ schweigend auf das spirituelle Wachstum konzentrieren. Breite und Vielfalt des Angebots sind überwältigend. Die Palette reicht von vedischer Astrologie über therapeutisches Yoga bis zu schamanischen Ritualen. Von den etwa 25 000 überwiegend weiblichen Gästen pro Jahr kommen einige wieder, um sich zu Yogalehrern ausbilden zu lassen. Und manche bleiben sogar. Für ein paar Jahre oder für immer.

Gespräch mit Swami Nirgunananda

So wie Swami Nirgunananda, die mit bürgerlichem Namen Siglinde Langer Bodensee stammt. Die 59-Jährige leitet den Ashram von Bad Meinberg. Eine schlanke, sympathische Erscheinung mit wachem Blick und geschmeidigen Bewegungen, die den Schneidersitz als angenehmste Sitzposition empfindet. Wie selbstverständlich nimmt sie mit verknoteten Beinen vis-à-vis im Sessel Platz und strahlt dabei ganz viel fröhliche Gelassenheit ab. Die gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch hat sich vor 17 Jahren der Yoga-Vidya-Gemeinschaft im Westerwald angeschlossen, nachdem sie dort zuvor eine Lehrerinnenausbildung absolviert hatte. „Wie so viele andere“, erklärt sie, „habe auch ich mir irgendwann diese existenziellen Sinnfragen gestellt. Was erwarte ich vom Leben, wo will ich hin, was macht mich aus, was erfüllt mich?“ Yoga habe ihr die Augen geöffnet. „Seitdem weiß ich, dass es mein Weg ist, in der spirituellen Gemeinschaft mit anderen zu leben und meine Arbeitskraft in den Dienst des Ashrams zu stellen.“

In Bad Meinberg kümmert sie sich auch um die Führung der rund 150 Mitarbeiter. Jeder müsse hier seinen Beitrag leisten, und man habe nicht nur eine Aufgabe, sagt sie lächelnd. Yoga Vidya sei als gemeinnütziger Verein organisiert, mit dem Ziel, Spiritualität zu verbreiten. „Wir sorgen für Wohnen, Essen, Sozial- und Krankenversicherung und zahlen jedem ein Taschengeld von 300 Euro.“ Das entspricht zwar nicht mal dem Mindestlohn, dafür der Hausphilosophie, aus der niemand ein Geheimnis macht: einfach leben, erhaben denken. Als Gratisbeigabe wächst immerhin die Chance, verborgene Talente in sich aufzuspüren. „Und das“, weiß die Swami, „schenkt Sicherheit und baut das Selbstbewusstsein auf.“

Ein Sechser im Lotto - der Bürgermeister Eberhard Block über Yoga Vidya und Bad Meinberg

Die Kommunalpolitik blickt voll Wohlwollen auf die spirituelle Erneuerung: Straßen werden umbenannt, Yogathemen-Wege ausgewiesen. Und auch der spirituelle Shop floriert

Für Eberhard Block, den SPD-Bürgermeister der Doppelgemeinde Horn-Bad Meinberg, ist der Zuzug von Yoga Vidya ein Glücksfall. „Wie ein Sechser im Lotto“, sagt der engagierte Lokalpolitiker, der nach 21 Jahren demnächst aus dem Amt scheidet. Seiner Weitsicht haben es die Bad Meinberger zu verdanken, dass ihre Stadt überhaupt eine zweite Chance erhält. Der 64-Jährige ist überzeugt, dass nur die Kurorte überleben werden, die ein Spezialthema haben. „Und unser Alleinstellungsmerkmal ist Yoga und alles was damit einhergeht.“ Man habe dieser neuen Kundschaft so viel zu bieten: intakte Natur, Yogathemen-Wanderwege, gute Luft, Kultstätten, Moor und Heilwasser. Auch den Waldfrüchtchen-Kindergarten und eine Waldorfschule. Die Basis sei da, doch nun müsse das wirtschaftliche Potenzial weiter entwickelt werden. Zwar habe man mit mehr als 400 000 Übernachtungen den Negativtrend gestoppt, und es gebe Zuzug von Familien, die lieber günstig in einem energetisch sanierten ehemaligen Gästehaus wohnen wollen als in einer überteuerten Großstadtwohnung, doch was noch fehle, sei kreativer Unternehmergeist. „Wir sagen den Leute immer, stellt euch doch ein bisschen um, geht auf die neue Klientel ein, macht ihr attraktive Angebote, damit für sie diese Yogastadt eine sinnliche Erfahrung wird.“

Künstler als Wegbereiter der Yogastadt

Zu den Wegbereitern zählt eine Handvoll Künstler: Grafiker, Maler, Webdesigner, Musiker. Unter ihnen der Augsburger Klaus Heitz. Er hat ein Haus gekauft Zu den Wegbereitern zählt eine Handvoll Künstler: Grafiker, Maler, Webdesigner, Musiker. Unter ihnen der Augsburger Klaus Heitz. Er hat ein Haus gekauft.

Yogastadt im konservativen Westfalen

Doch die konservativen Ostwestfalen brauchen offenbar noch etwas Zeit, um Altes loszulassen und mit einem beseelten „om“ in die Zukunft zu starten. Beim Bummel über die Allee, so heißt die zum Kurpark führende Hauptstraße von Bad Meinberg, ist von der Yoga-City wenig zu spüren. Die Schaufenster von Mode-, Uhren-, Schmuck- und Schuhgeschäften wenden sich an die Kundschaft von gestern. Beigefarbene Windjacken, uncoole Schluppenblusen und Gesundheitstreter für Menschen mit Hammerzehen. Immerhin gibt es einen gut sortierten Bioladen, das Öko-Wollgeschäft und Strickcafé „Andrea’s Glücksmasche“ sowie Leckereien für Veganer, Eis, Kuchen und Torten.

Im Gespräch mit Sukadev Bretz

Im Yoga-Vidya-Zentrum laben sich derweil Tag für Tag die tiefenentspannten Gäste an Gemüse, Salaten und Tofu-Spezialitäten vom veganen Büfett. Die Hauptsaison ist vorbei, und Ober-Yogi Volker Bretz gönnt sich eine kleine Auszeit in einem Rohkosthotel im Harz. „Ein Geburtstagsgeschenk meiner Mitarbeiter“, erzählt er am Telefon, „es ist auch mal schön, mit meiner Frau alleine zu sein.“ Aber kein Zweifel: Der Mann wird sein Sinnsucher-Schlaraffenland weiter ausbauen. Zum Yogaimperium des 52-jährigen Betriebswirts gehören noch drei weitere Seminarhäuser und rund 100 lizenzierte Studios in ganz Deutschland, die nach der Yoga-Vidya-Methode unterrichten. Tendenz steigend. „Bad Meinberg“, schwärmt er, „ist für uns ein idealer Standort. Klein, beschaulich, mit einer wunderbaren, energiegeladenen Umgebung. Man hat sich um uns bemüht, und wir wurden sehr gut aufgenommen.“ Bretz gilt als begnadeter Netzwerker. Er hat bereits erste Kontakte geknüpft zur Gründung einer Universität, um die geisteswissenschaftlichen Aspekte des Yoga in einen akademischen Studiengang zu integrieren. „Und wenn sich noch mehr Gleichgesinnte hier ansiedeln, könnte am Ort auch eine kreative Yoga-Start-up-Szene entstehen.“ Sukadev nennen ihn seine Schüler. Der spirituelle Name bedeutet: Jemand, der Freude ausstrahlt.


Bad Meinberg sollte sich darauf besinnen, dass geteilte Freude doppelte Freude bringt.

Quelle