Gandharva Tantra 108 Verse und Mantras
Gandharva Tantra 108 Verse und Mantras versammelt ausgewählte Verse aus dem Gandharva Tantra für Hingabe, innere Sammlung und Selbsterkenntnis. Im Mittelpunkt stehen die lebendige Gegenwart der Devi, die Untrennbarkeit von Shiva und Shakti, die verantwortungsvolle Beziehung zum Guru und die Erkenntnis des freien Selbst. Die Verse laden dazu ein, die eigene Praxis an Mitgefühl, Wahrhaftigkeit und innerer Klarheit auszurichten.

Die Auswahl folgt thematischen Schwerpunkten. Ihre Nummern 1–108 dienen dem Lesen; alle Originalstellen stehen gesammelt in der Konkordanz. Zusammengehörige Sätze können über zwei oder mehrere Verse reichen. Die Übersetzungen bewahren den Sinn der gewählten Originalverse; sie sind keine neu verfassten Sinnsprüche. Wer Yoga übt, kann täglich wenige zusammengehörige Verse betrachten und ihre Aussage mit dem eigenen Verhalten verbinden. Für die Meditation eignet sich besonders die stille Frage: Was in meiner Erfahrung verändert sich, und wodurch wird diese Veränderung erkannt? Die unten erläuterten Anregungen zur heutigen Übung sind von den historischen Textaussagen zu unterscheiden.
108 Verse zur spirituellen Betrachtung
Guru, Mantra und geistige Reife
1. Verehrung dir, erhabener Herr, Shiva in der Gestalt des Gurus, der du vielerlei Gestalten angenommen hast, um die Herabkunft der Vidya zu vollenden.
2. Dir, dem stets Neuen, dem Neungestaltigen, dessen einzige Gestalt das höchste Selbst ist; dir, der Sonne, die alle Dunkelheit der Unwissenheit durchbricht, dem verdichteten Bewusstsein.
3. Dir, dem Freien, der aus Mitgefühl Gestalt angenommen hat und Shivas Wesen besitzt; dir, der sich den Verehrern zuwendet und für die nach Heil Strebenden heilsame Gestalt ist.
4. Dir, der Unterscheidungskraft der Unterscheidenden, der Selbsterfassung der Betrachtenden, dem Leuchten der Leuchtenden und der Erkenntnis der Wissenden.
5. Vorn, seitlich, hinten, oben und unten verneige ich mich. Errichte stets deine Stätte in der Gestalt wahren Bewusstseins.
6. Dem ehrwürdigen Guru Verehrung, der dem durch die Finsternis der Unwissenheit Erblindeten mit dem Salbenstäbchen der Erkenntnis die Augen geöffnet hat.
7. Verehrung dir, Guru, dessen Wesen Brahma, Vishnu und Shiva ist und der uns über das von Unwissenheit beherrschte Meer des Werdens führt.
8. Der Guru ist Brahma, der Guru ist Vishnu, der Guru ist der Gott Maheshvara. Der Guru ist die höchste Erkenntnis und die höchste Askese.
9. Weil sie göttliche Erkenntnis schenkt und Verfehlungen schwinden lässt, wird sie Diksha, Einweihung, genannt. Nun beschreibe ich dir Guru und Schüler.
10. Der Guru ist frei von Zweifel und vermag Zweifel zu lösen; er kann begrenzen und Gnade gewähren. Er ist frei von innerem Zwiespalt und Ichsucht, wahrhaftig und fest in seinen Gelübden.
11. Er steht in einer Lebensordnung und kennt deren Pflichten, ist frei von Neid und rein. Er verteilt nicht wahllos viele Mantras, spricht gewandt und widmet sich Japa und Verehrung.
12. Er kennt den Sinn aller Tantras, ist mitfühlend und nicht gewalttätig, zufrieden mit dem, was ihm zukommt, friedvoll, diszipliniert und aufrichtig.
13. Er spricht mit einem Lächeln, ist klar und ohne Hinterlist im Verhalten, zufrieden, nicht hochmütig, nicht habgierig und ohne tadelnswertes Verhalten.
14. Unparteilichkeit, Freiheit vom Verlangen nach Besitz, geistiges Gewicht und heilsames Sprechen zeichnen ihn aus. Als Guru erkenne einen solchen Menschen; ein anderer bringt dem Schüler Leid.
15. Der Schüler ist allen Menschen gegenüber mitfühlend, handelt überlegt, beherrscht die Sinne, besitzt Vertrauen, ist dem Guru ergeben, rein und von beständigem innerem Entschluss.
16. Er ist nicht habgierig, hält Freundschaft beständig, achtet das Wort des Gurus und besitzt stets feste Hingabe an Guru, Mantra und Gottheit.
17. Wie die Hingabe an die Gottheit, so sei sie an das Mantra; wie an das Mantra, so an den Guru; wie an den Guru, so an das eigene Selbst. Dies ist die Folge der Hingabe, Geliebte.
Innere Verehrung und Sammlung

18. Wie bei der äußeren Verehrung vollziehe man die Chakra-Puja im Geist allein, ebenso die Verehrung der Shaktis der neun Umhüllungen.
19. Nachdem man so im Inneren verehrt hat, wiederhole man das Mantra geistig. Dann wird man zum Herrn der Vollendungen und wandelt göttergleich auf Erden.
20. Auf eben diese Weise, höchste Göttin, verehre ich die höchste Herrin. Ebenso verehren sie beständig die Yogis und Weisen, Geliebte.
21. Der im Haushalt Lebende erlangt nach dieser Vorschrift die Vollendung nicht allein durch geistige Verehrung; als Hausvater verbindet er sie mit der äußeren Praxis.
22. Parvati sprach: Ich möchte den Yoga der Meditation hören, Mahadeva. Erkläre ihn vollständig, Herr, durch den der Mensch Vollendung erlangt.
23. Ishvara sprach: Auch ohne Nyasa, äußere Verehrung, Japa und vorbereitende Purascharana kann man durch meditativen Yoga Vollendung erlangen; hier ist die Meditation selbst entscheidend, Parvati.
24. Durch meditativen Yoga bin ich vollendet, ebenso Vishnu und der Ahnherr Brahma. Durch ihn erlangen selbst Menschen mit Verfehlungen höchste Vollendung.
25. Alle Bewegungen des Geistes seien zur Ruhe gekommen, der Leib durch die Mudra gesammelt; innen und außen sei man von der Fülle ursächlicher Wonne erfüllt.
26. Man verneige sich vorschriftsmäßig vor den Gurus und vertiefe sich in „so'ham“, „Ich bin Das“. So vergegenwärtige der Verständige die Einheit der individuellen Seele mit Brahman.
27. Erkenne die belebte und unbelebte Welt als aus Shiva und Shakti bestehend. Ich sage dir, was ich durch die Kraft meiner Erkenntnis geschaut habe.
28. An einem reinen, abgeschiedenen Ort sitze man bequem auf ebener Unterlage, den Körper aufgerichtet und die Nadis gereinigt, Shiva.
29. Im Lotus des Herzens, im leuchtenden Bana-Linga, verehre man die ursprüngliche Göttin, die im Herzen die Gestalt des Verlangens annimmt.
30. Der Einsichtige bringe einen Duftstoff dar, der die sechsunddreißig Tattvas verkörpert. Gewaltlosigkeit ist die höchste Blume, Nichtstehlen ebenfalls eine Blume.
31. Mitgefühl ist eine Blume, Geduld eine Blume, Beherrschung der Sinne eine Blume; ebenso Freiheit von Verblendung, von Neid und von Hass.
32. Auch Nichtanhaften und Wahrhaftigkeit erkennen die Weisen als Blumen. Diese Blumen der inneren Haltung soll man beständig darbringen.
33. Die Sonne gebe man als Spiegel, den Mond als vortrefflichen Schirm, Wonne als Schmuck und den Raum als Yakschweifwedel.
34. Man bringe die Glocke dar, die aus dem unangeschlagenen inneren Klang besteht. Dann erfreue der vortreffliche Sadhaka die höchste Göttin durch die aus Liebe und anderen ästhetischen Stimmungen entspringenden
35. Tänze, Gesänge und Instrumentalklänge. Mit Klang und seinen unterschiedlichen Formen, im von Leuchten und Raum erfüllten Bereich,
36. betrachte er die höchste Sundari in der Mitte des tausendblättrigen Lotus; darin das Linga der Wonne Bhairavas, mit der Yoni verbunden.
37. Diesen Nektar trinken die Yogis, keinen aus Zucker oder Mehl bereiteten Alkohol. In der Erde ist Wasser enthalten, darin der Raum, Tochter des Berges.
38. Im Raum besteht der Lebenswind, in ihm der Klang, Herrin. Darin ist Nada, und in Nada der Bindu als Herr.
39. In dessen Mitte ist das höchste Licht, eine feine Flamme jenseits des Höchsten, einem Blitz gleich und leuchtend wie tausend Sonnen.
40. Äußerst fein ist sie, gestaltlos und ohne begrenzten Wohnort, vollständig erfüllt von höchster Wonne: Das ist die höchste Sundari.
41. Durch Samadhi lasse man das Irdische in Erde, das Wässrige in Wasser und das Räumliche in Raum aufgehen.
42. Die Lebenswinde gehen in den Wind ein, Klang wird dem Klang übergeben, die Lichter lösen sich dort auf; so geht das Denken in Brahman auf.
43. Durch diese Vergegenwärtigung erfreut und von höchster Wonne erfüllt, macht der Standhafte das Meer des Werdens so klein wie Wasser in einem Kuhhufabdruck, Shiva.
44. Über dieses höchste Brahman meditierend, opfere man die ganze Erscheinungswelt als erhabene Gabe in das entzündete Feuer, in dem alle Erkenntnis sich entfaltet.
45. Die Matrika heißt Klang; ihre offenbarte Gestalt ist der Laut. Wird auch dieser Laut geopfert, tritt das lautlose Brahman hervor.
46. Verdienst und Verfehlung sind Opfergaben, ebenso das zu Tuende und das zu Unterlassende; Entschluss und unterscheidende Vorstellung, Dharma und Adharma sind Opfergaben.
47. „Mit dem Denken als Opferschöpfer opfere ich beständig die Tätigkeiten der Sinne auf dem Weg der Sushumna in das lodernde Feuer des Selbst, dessen Opfergaben Dharma und Adharma sind.“
48. Das Denken begeht Verfehlungen und wird durch sie befleckt. Ist es in Unmani, den Zustand jenseits des Denkens, eingegangen, gibt es dort weder Verdienst noch Verfehlung.
Die Göttin als Ursprung und Gegenwart
Heutige Übung: Anahata-Chakra-Meditation
49. Brahma pries und verehrte sie mit in Hingabe gesenktem Haupt. Brahma sprach: Du bist Savitri und die Göttin der Sprache; du bist Shri, die Mutter der ganzen Welt.
50. Du bist Svaha bei den Götteropfern und Svadha bei den Ahnenopfern. Du bist Nektar in den Götterwelten und Opfergabe in der Menschenwelt.
51. Du bist die Vidyas und Mantras, du bist die Veden und ihr Klang. Du bist jene halbe Lautdauer, die sich nicht eigens aussprechen lässt.
52. Du allein bist die höchste Shakti, deren Gestalt die Ursache der Welt ist. Was durch den achtgliedrigen Yoga, durch Betrachtung und seine jeweiligen Kennzeichen wieder und wieder
53. zur Beständigkeit gebracht wird, ist deine ewige Gestalt, Göttin. Das unoffenbare, nicht beschreibbare, ungeteilte Wesen des höchsten Selbst
54. ist deine feine Gestalt; auch die gegliederte Weltgestalt bist du. Was in uns Schöpfungskraft und in Hari Erhaltungskraft ist,
55. und in Ishvara die Kraft der Auflösung, das bist du, ewige Shakti. Du bist die gewaltige Kraft im Feuer, die brennende Kraft der Sonnenstrahlen und die beglückende Kraft des Mondlichts. Dich, die Mutter, preise und verehre ich.
56. Du bist Frau für die Liebenden und Erkenntnis für die ihre Zeugungskraft nach oben Richtenden. Du bist das Verlangen aller Welten und die Maya Haris.
57. Du bist jene Ewige, durch die Brahman offenbar wird; sei mir gnädig. Du bist der Anfang der Welt und selbst anfanglos, Mutterschoß der Welt und selbst nicht aus einem Mutterschoß geboren.
58. Du allein bist die endgültige Gestalt der unermesslichen Welt. Als Eine wirst du dreifach und bewirkst die Aufhebung der Verblendung.
59. Du bist das Schiff über das Meer des Werdens, Spenderin von Glück und Befreiung. Du bist das Ewige und das Vergängliche, die Bezaubernde aller beweglichen und unbeweglichen Wesen.
60. Verehrung dir, Mutter der Welten, Ewige in der Gestalt der Schöpfung. Verehrung dir in der Gestalt der Erhaltung; Verehrung dir in der Gestalt der Auflösung.
61. Noch heute [verehre ich dich], höchste Herrin. Mutter, dir wieder und wieder Verehrung! Du bist die Prakriti aller Wesen, die Gebärerin der gesamten Welt.
62. Es gibt hier kein getrenntes Ich und nichts, das mir gehört. Von dir ist diese Welt durchdrungen; die ganze Welt bist du selbst.
63. Die Göttin sprach: Von mir ist die ganze Welt durchdrungen; du sprichst wahr, mein Kind. Auch Fisch, Schildkröte und die anderen Avataras sind meine Erscheinungen.
64. Du bist ich selbst, kein anderer. Ich bin Brahma und Vishnu; ich allein bin die ganze Welt, und nichts besteht ohne mich.
65. Was immer du in dieser Welt siehst, mein Kind, von Brahma bis zum Grashalm, das bin ich allein, ohne Zweifel.
Die Einheit von Shiva und Shakti

66. So ist Shakti Tripura, und ebenso ist Shiva Tripura. Zwischen ihnen besteht kein Unterschied: Was Shakti ist, das ist gewiss Shiva.
67. Shakti ist nicht ohne Shiva, und Shiva ist nicht ohne Shakti. Zwischen ihnen besteht ebenso wenig eine wirkliche Trennung wie zwischen Mond und Mondlicht.
68. So sind beide in allen Wesen als Zweiheit gegenwärtig. Deshalb ist diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt von ihnen nicht verschieden.
69. Durch das Wort des Gurus und durch beharrliche Übung erkennt der Mensch die Wirklichkeit. Er wird schon zu Lebzeiten befreit und erfährt sein Wesen als das aller Wesen.
70. Höre aufmerksam, wie mein Leib mit seinen vielfältigen Gliedern beschrieben wird. Ich bin allein Brahman, nichts anderes; eben dies ist mein Leib.
71. Das Bewusstsein aller Wesen hat das Wesen des Klang-Brahman. Als Sprachlaute tritt es in Erscheinung, gegliedert in Mantras, Vidyas und andere Formen.
72. Dort ist stets nach der jeweiligen überlieferten Ordnung zu verehren. Der erste Leib aller Gottheiten ist das Mantra.
73. Verehre ihn als Einheit von Guru, Mantra, Gottheit und eigenem Selbst. Nun wird die zweite Gestalt beschrieben, die der Meditation zugänglich ist.
74. Ich allein bin das höchste Brahman. Dass die Welt durch die Unterscheidung von Shiva und Shakti geteilt erscheint, hat seinen Grund allein in Täuschung.
75. Was als „du“ und „ich“ bezeichnet wird, ist die große Verwirrung der Unwissenheit. „Das bist du“, „Das bin ich“: weder du noch ich als getrennte Wesen, sondern einzig jenes Eine.
76. Zwischen uns besteht kein Unterschied; verstehe das durch Einsicht, Shankara. Wenn du dich in mir auflöst, bin ich du selbst, der Herr.
77. Alle Frauen in dieser Welt bin ich selbst, Mahadeva. In diesem Bewusstsein verehren mich die Weisen mit entsprechender innerer Haltung.
78. Tritt in mich ein, Herr der Welt; verehre mich, die Ewige. Lass den Zweifel los, Mahadeva, und vergiss dein eigenes Selbst nicht.
79. Mit vielfältiger Unterscheidungskraft prüfe der Sadhaka dies. Der Yogakenner richte seinen Geist auf die höchste Wirklichkeit, die das Wesentliche ist.
80. Diese bewegliche und unbewegliche Welt ist ohne bleibenden Kern und durch Anfang und Ende begrenzt. In ihr ist jedoch unmittelbar eine wahre Wirklichkeit gegenwärtig, die jenseits der Buchstaben liegt.
81. Nachdem der Sadhaka dieses wonnevolle Brahman in sich selbst erkannt hat, suche er einen schönen, abgeschiedenen Ort und einen weichen, angenehmen Sitz.
82. Dort sitzend betrachte er Brahman, erfüllt von höchster Wonne. Er freue sich an der Versenkung in Brahman und sei frei vom Verlangen nach Genüssen.
Heutige Übung: Meditation über das Scheitelchakra
Selbsterkenntnis und Befreiung

83. Erkennt das individuelle Wesen dagegen: „Ich bin nicht das begrenzte Einzelwesen, sondern das höchste Selbst“, wird es furchtlos. Das Selbst allein erhellt Verstand und Sinne.
84. Wie eine Lampe einen Krug und andere Dinge beleuchtet, so erhellt das Selbst seine Erscheinungen, wird aber nicht von ihnen erhellt. Für seine Selbsterkenntnis bedarf das Selbst, dessen Wesen Bewusstsein ist, keines anderen Erkennens.
85. Eine Lampe braucht ja keine zweite Lampe, um selbst sichtbar zu sein. Mit dem Ausspruch „Nicht dies, nicht dies“ verneine alle begrenzenden Zuschreibungen.
86. Erkenne durch die großen Lehrsätze die Einheit von individuellem und höchstem Selbst. Körper und andere sichtbare Erscheinungen beruhen auf Unwissenheit und sind flüchtig wie eine Wasserblase.
87. Erkenne das davon verschiedene Makellose als „Ich bin Brahman“. Weil ich vom Körper verschieden bin, gibt es für mich weder Geburt noch Altern und dergleichen.
88. Weil ich keine Sinne bin, bin ich nicht an Klang und andere Sinnesgegenstände gebunden. Weil ich nicht das Denken bin, gehören Schmerz, Zuneigung, Abneigung und Furcht nicht zu meinem Wesen.
89. Die Shruti lehrt: „Ohne Lebenshauch, ohne Denken, rein.“ Ich bin ohne Eigenschaften, ohne Tätigkeit, ewig, frei von gedanklichen Unterscheidungen und unbefleckt.
90. Ich bin unveränderlich, gestaltlos, ewig frei und makellos. Jenes ewig reine, befreite Eine, jene ungeteilte Wonne ohne Zweites,
91. jene höchste Wirklichkeit aus Wahrheit und Erkenntnis – dieses Brahman bin ich. Die ununterbrochen geübte Ausrichtung „Ich bin Brahman“ beseitigt die Zerstreuungen der Unwissenheit wie ein stärkendes Heilmittel Krankheiten.
92. Die Göttin sprach: Durch Unwissenheit erscheint das Selbst begrenzt. Wenn diese vergeht, leuchtet es allein aus sich selbst, wie die Sonne nach dem Verschwinden der Wolken.
93. Die Übung der Erkenntnis reinigt das durch Unwissenheit getrübte Einzelwesen; dadurch vergeht die Unwissenheit von selbst, wie Wasser durch Kataka-Pulver geklärt wird.
94. Samsara gleicht einem Traum voller Zuneigung, Abneigung und anderer Regungen. Solange das Erwachen fehlt, erscheint er wirklich; beim Erwachen erweist er sich als nicht letztgültig wirklich.
95. Die Welt erscheint so lange als unabhängig wirklich, wie Silber in einer Perlmuschel, bis Brahman erkannt wird: der nichtduale Grund von allem.
96. Alle vielfältigen Erscheinungen sind im ewigen, alldurchdringenden Selbst aus Sein und Bewusstsein vorgestellt und von ihm durchdrungen, wie Armreifen und andere Schmuckstücke aus Gold bestehen.
97. Der alldurchdringende Herr der Sinne erscheint, dem Raum vergleichbar, durch unterschiedliche Begrenzungen verschieden. Verschwinden diese Begrenzungen, zeigt sich seine Einheit.
98. Nur aufgrund verschiedener Begrenzungen werden Geburt, Kaste und Lebensstadium dem Selbst zugeschrieben, wie Unterschiede von Geschmack und Farbe dem Wasser zukommen können.
99. Die anfanglose, nicht eindeutig beschreibbare Unwissenheit heißt ursächliche Begrenzung. Erkenne das Selbst als verschieden von diesen drei Begrenzungen: grobem, feinem und ursächlichem Körper.
100. Betrachte das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst: „Das bin ich.“ Versenke dich auf diese Weise in das Eine allein.
101. Der Herr der Welt antwortete ihm: „Erkenne durch Vertrauen, Hingabe und meditativen Yoga. Nicht durch Werke, nicht durch Nachkommen, nicht durch Reichtum, sondern allein durch Loslassen erlangten die Weisen Unsterblichkeit.“
102. Indem der Weise über den höchsten Herrn an Umas Seite meditiert – dreiäugig, blaukehlig und vollkommen still –, gelangt er zum Ursprung der Wesen, zum Zeugen von allem jenseits der Dunkelheit.
103. Er allein ist alles Gewesene und alles Künftige, der Ewige. Wer ihn erkennt, überschreitet den Tod; zur Befreiung gibt es keinen anderen Weg.
104. Wer das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst schaut, gelangt zum höchsten Brahman, nicht durch einen anderen Grund.
105. Der Weise macht das Selbst zum unteren Reibholz und Om zum oberen. Durch beständiges Reiben in Erkenntnis verbrennt er die Verfehlung.
106. Jenes Brahman ist das Selbst aller, die große Wohnstätte von allem, feiner als das Feinste und ewig: Es ist du selbst, und du bist es.
107. Wer erkennt: „Ich bin jenes Brahman, das die Erscheinungswelt von Wachen, Traum, Tiefschlaf und anderen Zuständen erhellt“, wird von allen Bindungen frei.
108. In mir allein ist alles entstanden, in mir besteht alles, und in mir löst sich alles auf. Dieses nichtduale Brahman bin ich.
Hinweise für die Betrachtung
Mit wenigen Versen beginnen
Die Sammlung muss nicht in einer Sitzung gelesen werden. Wähle einen zusammenhängenden Abschnitt, lies ihn langsam und bleibe bei einem Satz, der dich anspricht. Schließe für einige Augenblicke die Augen, atme natürlich und lasse die Aussage wirken. Zum Abschluss frage dich, welche kleine Handlung heute dieser Einsicht entsprechen könnte. Auch ein kurzer, regelmäßig wiederkehrender Moment kann Studium, Hingabe und Alltag miteinander verbinden. Die Bilder verstehen
Der Herzlotus ist ein innerer Ort der Vergegenwärtigung. Die Opferblumen bezeichnen bewusst gepflegte Haltungen. Der Nektar gehört zur Bildsprache der inneren Yoga-Praxis und ihrer Wonne; die entsprechenden Verse sind keine Empfehlung zum Trinken von Alkohol. Das Feuer der Erkenntnis steht für die Wandlung begrenzender Vorstellungen. Solche Bilder brauchen nicht sofort als außergewöhnliche körperliche Erfahrung erlebt zu werden, um zur Betrachtung anzuregen. Einige Schlüsselbegriffe
Vidya bezeichnet heiliges Wissen und kann im Ritual auch eine bestimmte Mantraform meinen. Japa ist die wiederholte Rezitation oder geistige Wiederholung eines Mantras; Nyasa das rituelle Zuordnen heiliger Laute zu Körperstellen. Tattva bedeutet hier Wirklichkeitsprinzip. Nada bezeichnet inneren Klang, Bindu den Punkt beziehungsweise die konzentrierte Keimform. Brahman ist die höchste Wirklichkeit, während Brahma den Schöpfergott bezeichnet. Diese Unterscheidung hilft besonders beim Übergang von den Lobpreisungen zur Selbsterkenntnis.
Die Blumen der Haltung
Die zehn inneren Blumen sind eine besonders alltagsnahe Lehre. Wähle für einen Tag beispielsweise Geduld oder Nichtstehlen: Zeit, Aufmerksamkeit und Anerkennung können ebenso achtsam behandelt werden wie materielle Dinge. Am Abend lässt sich ruhig fragen, wo diese Haltung sichtbar wurde und wo sie noch wachsen darf. Diese Übungsanregung ist eine heutige Anwendung der Verse, kein zusätzliches Zitat des Tantra. Hingabe mit Unterscheidungskraft
Die Verse über den Guru enthalten zugleich Maßstäbe zur Prüfung einer Lehrbeziehung. Frage, ob eine Unterweisung deine Wahrhaftigkeit, Selbstverantwortung und Rücksicht auf andere stärkt. Mitgefühl, Wahrhaftigkeit und Freiheit von Habgier sollen im Verhalten erkennbar sein. Das spirituelle Vertrauen des Textes lässt sich deshalb nicht von der ausdrücklich beschriebenen Verantwortlichkeit des Lehrers lösen. Innere Bilder und Erkenntnis
Herzlotus, Licht, innerer Klang und das Aufgehen der Elemente sind unterschiedliche Zugänge. Für eine schlichte Betrachtung genügt es, ruhig zu sitzen, natürlich zu atmen und einen vertrauten Vers wirken zu lassen. Die Auswahl ist keine Anleitung, komplexe Kundalini- oder Atemhalteverfahren eigenständig nachzubilden. Wenn das Werk vom Überschreiten von Verdienst und Verfehlung spricht, meint es das Aufgehen des begrenzten Denkens in der höchsten Erkenntnis. Für eine heutige Praxis bleiben die ethischen „Blumen“ der Maßstab des Handelns. Ebenso ist die Aussage „Ich bin Brahman“ auf das ungeteilte Selbst gerichtet, nicht auf eine Überlegenheit der eigenen Persönlichkeit.
Mantras und Rezitationsformeln
Für die persönliche Betrachtung genügt zunächst eine einzige vertraute Formel: langsam gelesen, in ihrer Bedeutung verstanden und von einem Augenblick Stille begleitet. Die folgenden Formeln sind im Sanskrittext vollständig ausgesprochen. Sie werden nicht aus verschlüsselten Lautanweisungen rekonstruiert. Die komplexen Shrividya-Formen der frühen Kapitel gehören zur überlieferten Einweihungspraxis und werden hier nicht zu einer frei ergänzten Gesamtformel zusammengesetzt.
Anrufung der höchsten Gottheit (Vor dem ersten Vers von Kapitel 1)
ओं नमः परदेवतायै |
oṃ namaḥ paradevatāyai |
Om. Verehrung der höchsten Gottheit. Eine kurze Hinwendung zur höchsten Devi, mit der der eigentliche Lehrtext beginnt.
Verehrung des Gurus (6.24)
अज्ञानतिमिरान्धस्य ज्ञानाञ्जनशलाकया |
चक्षुरुन्मीलितं येन तस्मै श्रीगुरवे नमः ||
ajñānatimirāndhasya jñānāñjanaśalākayā |
cakṣurunmīlitaṃ yena tasmai śrīgurave namaḥ ||
Dem ehrwürdigen Guru Verehrung, der dem durch die Finsternis der Unwissenheit Erblindeten mit dem Salbenstäbchen der Erkenntnis die Augen geöffnet hat. Die Erkenntnis wird mit einer Augensalbe verglichen: Der Lehrer eröffnet eine neue Sicht. Die Formel verbindet Dankbarkeit mit dem Wunsch nach innerer Klarheit.
Lobpreis der Weltmutter (38.21)
नमस्ते जगतां मातः सृष्टिरूपे सनातनि |
स्थितिरूपे नमस्तुभ्यं नमः संहाररूपिणि ||
namaste jagatāṃ mātaḥ sṛṣṭirūpe sanātani |
sthitirūpe namastubhyaṃ namaḥ saṃhārarūpiṇi ||
Verehrung dir, Mutter der Welten, Ewige in der Gestalt der Schöpfung. Verehrung dir in der Gestalt der Erhaltung; Verehrung dir in der Gestalt der Auflösung. Die Göttin wird als Schöpfung, Erhaltung und Auflösung verehrt. Der Lobpreis kann zur Betrachtung des beständigen Wandels und seines göttlichen Grundes dienen.
Brahman als Ursprung und Grund (42.53)
मय्येव सकलं जातं मयि सर्वं प्रतिष्ठितम् |
मयि सर्वं लयं याति तद्ब्रह्माद्वयमस्म्यहम् ||
mayyeva sakalaṃ jātaṃ mayi sarvaṃ pratiṣṭhitam |
mayi sarvaṃ layaṃ yāti tadbrahmādvayamasmyaham ||
In mir allein ist alles entstanden, in mir besteht alles, und in mir löst sich alles auf. Dieses nichtduale Brahman bin ich. Dieser Vers ist eine kontemplative Erkenntnisformel. Das „Ich“ bezeichnet das höchste Selbst, nicht das abgegrenzte persönliche Ich. Heutige Übung: Meditation über drei Chakras
Konkordanz der 108 Verse
| Auswahl | Originalstelle |
|---|---|
| 1 | 6.19 |
| 2 | 6.20 |
| 3 | 6.21 |
| 4 | 6.22 |
| 5 | 6.23 |
| 6 | 6.24 |
| 7 | 6.25 |
| 8 | 6.26 |
| 9 | 26.3 |
| 10 | 26.17 |
| 11 | 26.18 |
| 12 | 26.19 |
| 13 | 26.20 |
| 14 | 26.21 |
| 15 | 26.24 |
| 16 | 26.25 |
| 17 | 26.32 |
| 18 | 12.31 |
| 19 | 12.32 |
| 20 | 12.33 |
| 21 | 12.34 |
| 22 | 12.35 |
| 23 | 12.36 |
| 24 | 12.37 |
| 25 | 12.40 |
| 26 | 12.41 |
| 27 | 36.29 |
| 28 | 36.30 |
| 29 | 36.37 |
| 30 | 36.41 |
| 31 | 36.42 |
| 32 | 36.43 |
| 33 | 36.45 |
| 34 | 36.46 |
| 35 | 36.47 |
| 36 | 36.48 |
| 37 | 36.50 |
| 38 | 36.51 |
| 39 | 36.52 |
| 40 | 36.53 |
| 41 | 36.54 |
| 42 | 36.55 |
| 43 | 36.57 |
| 44 | 36.60 |
| 45 | 36.61 |
| 46 | 36.62 |
| 47 | 36.63 |
| 48 | 36.56 |
| 49 | 38.10 |
| 50 | 38.11 |
| 51 | 38.12 |
| 52 | 38.13 |
| 53 | 38.14 |
| 54 | 38.15 |
| 55 | 38.16 |
| 56 | 38.17 |
| 57 | 38.18 |
| 58 | 38.19 |
| 59 | 38.20 |
| 60 | 38.21 |
| 61 | 38.33 |
| 62 | 38.42 |
| 63 | 38.43 |
| 64 | 38.44 |
| 65 | 38.45 |
| 66 | 40.4 |
| 67 | 40.5 |
| 68 | 40.6 |
| 69 | 40.8 |
| 70 | 40.9 |
| 71 | 40.10 |
| 72 | 40.12 |
| 73 | 40.13 |
| 74 | 40.36 |
| 75 | 40.37 |
| 76 | 40.38 |
| 77 | 40.42 |
| 78 | 40.45 |
| 79 | 40.64 |
| 80 | 40.65 |
| 81 | 40.66 |
| 82 | 40.67 |
| 83 | 39.28 |
| 84 | 39.29 |
| 85 | 39.30 |
| 86 | 39.31 |
| 87 | 39.32 |
| 88 | 39.33 |
| 89 | 39.34 |
| 90 | 39.35 |
| 91 | 39.36 |
| 92 | 39.38 |
| 93 | 39.39 |
| 94 | 39.40 |
| 95 | 39.41 |
| 96 | 39.42 |
| 97 | 39.43 |
| 98 | 39.44 |
| 99 | 39.47 |
| 100 | 39.48 |
| 101 | 42.36 |
| 102 | 42.41 |
| 103 | 42.43 |
| 104 | 42.44 |
| 105 | 42.45 |
| 106 | 42.50 |
| 107 | 42.51 |
| 108 | 42.53 |
Die Auswahl folgt den oben erläuterten Versstellen der Ausgabe von 1934. Bei 38.19 wird die im Text erwogene Lesung zur Aufhebung der Verblendung zugrunde gelegt; 39.39 folgt dem eindeutig angelegten Vergleich der Reinigung durch Erkenntnis. In 42.45 steht im Haupttext Erkenntnis, eine Lesart bietet Meditation. Solche knappen Hinweise ändern die Nummerierung der ausgewählten Verse nicht.
Weiterführendes Studium
- Gandharva Tantra
- Gandharva Tantra Sanskrit Devanagari
- Guru
- Mantra
- Shrividya
- Yogini Hridaya
- Pratyabhijnahridaya
- Vijnana Bhairava Tantra
Seminare
Kundalini Yoga
- 30.10.2026 - 01.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe
Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…- Arjuna Wingen
- 13.11.2026 - 15.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe
Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…- Manuel Hirning
Meditation
- 18.10.2026 - 23.10.2026 Yoga und Meditation Intensiv-Praxis
Die Kernpraktiken des Yoga werden intensiv geübt: längere Meditation, ausgedehntes Mantra-Singen, Pranayama intensiv und meditative Yoga Asanas beflü…- Dana Oerding, Chamundi Wollweber
- 18.10.2026 - 23.10.2026 Shivalaya Meditationsretreat
Stille – Schweigen – Sein. In der Abgeschiedenheit des Shivalaya Retreatzentrums fühlst du dich dem Himmel ganz nah. Mit intensiver Meditations- un…- Swami Nirgunananda, Rukmini Keilbar
Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung
Ram Chandra Kak und Harabhatta Shastri (Hrsg.): Gandharvatantram. Herausgegeben unter dem Patronat Maharaja Harisinghji Bahadurs, Srinagar 1934. Nach der Quellenbeschreibung beruht die Ausgabe auf einer Handschrift aus dessen Sammlung. Die elektronische Sanskritausgabe stammt vom Muktabodha Indological Research Institute, Katalognummer M00646, diplomatische Transkription, Revision 0 vom 6. April 2024. Die Erfassung erfolgte unter der Leitung von Anirban Dash. Für den elektronischen Text ist die Lizenz Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0 angegeben. Quelle: Muktabodha Indological Research Institute.
Die 108 Texte sind deutsche Übersetzungen ausgewählter nummerierter Originaleinheiten. Die thematische Ordnung, Erläuterungen und heutigen Übungsanregungen sind von diesen Übersetzungen getrennt. Vollständige Sätze können über mehrere Verse reichen. Die Medien erläutern verwandte Yoga-Themen und sind keine historische Kommentierung des Gandharva Tantra.