Paramarthasara 98 Verse für die spirituelle Praxis

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Paramarthasara 98 Verse für die spirituelle Praxis versammelt vollständige Strophen aus Abhinavaguptas Paramarthasara. Sie führen vom Erkennen der eigenen Begrenzungen zur Betrachtung des freien Bewusstseins, zur inneren Verehrung und zur Befreiung zu Lebzeiten. Die Auswahl möchte das Studium mit Yoga und Meditation verbinden und die Gedanken des Werkes unmittelbar lesbar machen.

Shiva: Im Paramarthasara steht dieser Name für das freie Bewusstsein, das sich als Welt und Einzelwesen offenbart.

Alle 98 Einträge sind unterschiedliche vollständige Originalstrophen, hier eigens in einer einfacheren deutschen Fassung übersetzt. Einzelne Vergleiche und Satzgefüge führen über unmittelbar aufeinanderfolgende Einträge weiter. Die zugehörigen Originalnummern und Quellen stehen in der Konkordanz nach den Rezitationstexten.

Weitere Seiten zum Paramarthasara: Vollständiger Sanskrittext mit deutscher Übersetzung · Sanskrit in Devanagari.

Verse für die spirituelle Praxis

1. Bei dir allein suche ich Zuflucht, Shambhu. Du bist die höchste Wirklichkeit, jenseits aller tiefen Verhüllung, anfangslos und einzig. Auf vielerlei Weise bist du in den inneren Höhlen der Herzen gegenwärtig. Alles ruht in dir, und du wohnst in allem Beweglichen und Unbeweglichen.

2. In der überströmenden Herrlichkeit seiner eigenen Kraft lässt der Herr vier Welthüllen entstehen: die göttliche Kraft, die verhüllende Maya, die Urnatur und die Erde. So treten sie gesondert hervor.

3. Innerhalb dieser Hüllen entfaltet sich das ganze Universum als eine Vielfalt von Körpern, Vermögen und Welten. Wer darin Erfahrungen macht und einen Körper bewohnt, ist Shiva selbst, der die Gestalt eines gebundenen Wesens angenommen hat.

4. Ein reiner Kristall zeigt die verschiedensten Farben. Auf dieselbe Weise erscheint der Herr in der Gestalt von Göttern, Menschen, Tieren und Pflanzen.

5. Bewegt sich das Wasser, bewegt sich darin auch das Bild des Mondes; wird das Wasser still, steht auch sein Spiegelbild still. Ebenso erscheint das Selbst, der große Herr, im Zusammenhang der Körper, ihrer Vermögen und der Welten.

6. Rahu bleibt unsichtbar, bis er sich vor der Mondscheibe zeigt. So wird auch das überall gegenwärtige Selbst im Spiegel des Erkennens sichtbar, wenn es sich an Gegenständen offenbart.

7. Ein Gesicht erscheint klar in einem unbefleckten Spiegel. So zeigt sich das Selbst als Licht in der Erkenntniskraft, wenn diese durch das Herabkommen der Kraft Shivas gereinigt worden ist.

8. Sein Wesen ist Licht und uneingeschränkte Fülle. In sich selbst ruhend ist es große Glückseligkeit. Wollen, Erkennen und Wirken erfüllen es; unendlich sind die Kräfte, von denen es ganz durchdrungen ist.

9. Die höchste Wirklichkeit ist rein und friedvoll, frei von trennenden Vorstellungen. Sie entsteht nicht und vergeht nicht. In ihr leuchtet die Welt mit ihren sechsunddreißig Wirklichkeitsprinzipien auf.

10. Im Spiegel erscheint die bunte Vielfalt einer Stadt, eines Dorfes und anderer Dinge. Die Bilder sind vom Spiegel ungetrennt und scheinen dennoch voneinander und von ihm verschieden zu sein.

11. Genauso erscheint die Welt: ungetrennt vom vollkommen reinen Bewusstsein des höchsten Bhairava und doch scheinbar in sich geteilt und von diesem Bewusstsein verschieden.

12. Er bringt die fünf Kräfte in ihrer jeweiligen Eigenart zum Leuchten: als die Wirklichkeitsstufen Shiva, Shakti, Sadashiva, Ishvara und reines Wissen.

13. Die erhabene Freiheit des großen Herrn vermag selbst das scheinbar Unmögliche. Sie ist die Göttin Maya, die Kraft, durch die Shiva sein eigenes Wesen verhüllt.

14. Nimmt das Bewusstsein die Maya an, so erscheint es getrübt als einzelnes, gebundenes Wesen. Zeit, eingeschränktes Wirken, feste Ordnung, Begehren und begrenztes Wissen legen ihm Fesseln an.

15. „Nur jetzt, nur ein wenig, nur dieses, mit meinem ganzen Wesen weiß ich“: Mit Maya zusammen bilden diese Begrenzungen die sechs inneren Gewänder des einzelnen Wesens.

16. Die feine Haut des Reiskorns erscheint mit ihm untrennbar verbunden, obwohl beide verschieden sind. So eng sitzt auch die innere Umhüllung. Wendet man sich dem Weg Shivas zu, wird diese Umhüllung gereinigt.

17. Freude, Schmerz und Verblendung bilden die Urnatur. Im inneren Organ zeigen sich nacheinander Urteilskraft, Denken und Ichbewusstsein: als Feststellen, Vorstellen und Ichbezug.

18. Durch Ohr, Haut, Auge, Zunge und Nase werden Klang und die anderen Sinnesgegenstände erkannt. Zum Handeln dienen Sprache, Hände, Füße, Ausscheidungsorgan und Geschlechtsorgan.

19. Die feinen Gegenstände dieser Wahrnehmung sind noch nicht in einzelne Formen aufgeteilt. Als fünf feine Sinnesqualitäten heißen sie Klang, Berührung, Lichtgestalt, Geschmack und Geruch.

20. Aus der Verbindung dieser feinen Qualitäten geht der grobe Gegenstand in der Gestalt der fünf Elemente hervor: Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde.

21. Die Schöpfung, die von der Urnatur bis zur Erde reicht, umhüllt das Bewusstsein als Körper. Sie gleicht der äußeren Spelze, die ein Reiskorn umschließt.

22. Drei Hüllen umgeben das Selbst. Innen liegt die Unreinheit, darüber die feine Hülle aus Maya und den begrenzenden Gewändern; außen erscheint die grobe Hülle als Körper.

23. Im Dunkel des Nichtwissens wird das eine Selbst, das unser eigenes Wesen ist, als eine bunte Vielheit von Erkennenden und erkannten Dingen wahrgenommen.

24. Saft, eingedickter Sirup, Kristallzucker, Rohzucker und Zuckerstücke bestehen sämtlich aus Zuckerrohrsaft. Ebenso sind alle unterschiedlichen Zustände nichts anderes als Erscheinungsweisen Shambhus, des höchsten Selbst.

25. Bewusstsein, innerer Lenker, Lebenshauch, kosmischer Körper, allgemeine Gattung und einzelnes Ding sind Unterscheidungen des gewöhnlichen Umgangs. In der höchsten Wirklichkeit besitzen sie kein getrenntes Dasein.

26. Eine Schlange ist im Seil gar nicht vorhanden. Dennoch kann der Schrecken vor ihr bis zum Tod führen. Kaum lässt sich ermessen, wie mächtig ein Irrtum ist.

27. Auf die gleiche Weise entstehen durch Verirrung im Selbst Verdienst und Schuld, Himmel und Hölle, Geburt und Tod, Freude und Schmerz sowie soziale Stände und Lebensstadien. In seiner eigentlichen Wirklichkeit sind sie dort nicht vorhanden.

28. Die Dinge erscheinen und sind durch dieses Erscheinen vom Selbst ungetrennt. Sie trotzdem als etwas außerhalb des Selbst anzusehen — das ist die Finsternis.

29. Noch dunkler ist der umgekehrte Irrtum: Körper, Lebenshauch und anderes, das nicht das Selbst ist, für das Selbst zu nehmen. Er ist wie eine große Eiterblase, die sich auf einer Geschwulst bildet.

30. Das Selbst schließt sich in die Vorstellungen von Körper und Lebenshauch, in die Erkenntnisse des Verstandes und in die Vielfalt leerer Erfahrung ein. Wie erstaunlich: Ein Netzweber umgibt sich mit dem Netz, das er selbst geschaffen hat.

31. Leuchtet die Fülle seiner eigenen Erkenntnis auf, so löst das Selbst seine Umhüllung wieder. Auf diese Weise spielt das höchste Shiva-Bewusstsein das vielfältige Spiel von Bindung und Freiheit.

32. Entstehen, Bestehen und Vergehen ebenso wie Wachen, Traum und Tiefschlaf erscheinen im Vierten. Diese innere Stätte leuchtet, ohne von den in ihr erscheinenden Zuständen verdeckt zu werden.

33. Wegen der Vielfalt seiner Gegenstände trägt das Wachen den Namen Vishva. Der Traum heißt Tejas wegen der Größe seines Leuchtens. Der Schlaf heißt Prajna, weil Erkenntnis dort ungeteilt ruht. Darüber hinaus ist das Vierte.

34. Wolken, Rauch und Staub können den Himmel nicht beflecken. Ebenso bleibt das höchste Selbst frei von jeder Berührung durch die Veränderungen der Maya.

35. Wird der Raum in einem Gefäß staubig, so wird dadurch nicht der Raum in den übrigen Gefäßen getrübt. So unterscheiden sich auch die Freuden und Schmerzen der einzelnen Lebewesen.

36. In ruhigen Wirklichkeitsprinzipien scheint der Herr ruhig zu sein, in freudig erregten freudig erregt und in verwirrten verwirrt. Sein wahres Wesen aber ist nicht auf diese Weise verändert.

37. Das höchste Selbst löst zuerst die Täuschung auf, das Nicht-Selbst sei das Selbst. Danach zerstört es auch die Vorstellung, im Selbst gebe es etwas, das nicht zu seiner Wirklichkeit gehört.

38. Sind diese beiden Verirrungen an der Wurzel beseitigt, ist das Ziel des höchsten Yogi erfüllt. Dann bildet sich in ihm niemals mehr die Vorstellung einer weiteren noch zu erfüllenden Aufgabe.

39. Erde, Urnatur und Maya erscheinen als drei erkennbare Welthüllen. Durch die kraftvolle Betrachtung ihrer Nichtzweiheit bleibt allein ihr reines Sein bestehen.

40. Sieht man von den verschiedenen Formen eines Gürtels, eines Ohrrings und eines Armreifs ab, erkennt man das Gold. Ebenso zeigt sich alles als reines Sein, wenn die trennenden Unterschiede zurücktreten.

41. Das höchste Brahman ist rein und friedvoll, ungeteilt, in allem gleich und alles umfassend. Es ist unsterblich und wahr und ruht in jener Kraft, die ihrem Wesen nach Licht ist.

42. Etwas, das vom Licht des Bewusstseins weder als gewollt noch als erkannt noch als vollbracht berührt wird, ist so unwirklich wie eine Blume, die am Himmel wachsen sollte.

43. Durch das Durchdringen des Dreizacks seiner Kräfte führt der Gott der Götter alles in den höchsten Herrn zurück: in jene höchste Wirklichkeit, deren Name Shiva ist.

44. Wiederum entfalten sich seine fünf Kräfte Stufe um Stufe. So wird die vielfältige Welt der drei Hüllen erneut erschaffen und erhält ihre äußere Erscheinung.

45. Ich selbst bin jener Gott, der das Räderwerk der Kräfte spielend bewegt. Mein Wesen ist rein; ich stehe als Herr an der Spitze ihres großen Kreises.

46. Nur in mir wird das Universum sichtbar, wie Dinge in einem vollkommen klaren Spiegel. Alles strömt aus mir hervor, so wie der vielgestaltige Traum aus einem Schlafenden entsteht.

47. Die Gestalt des Alls ist meine eigene Gestalt, so wie Hände, Füße und die übrigen Glieder den Körper ausmachen. Ich allein leuchte in jedem Ding auf, wie das Licht in allem, was erscheint.

48. Ohne Leib und Sinne bin ich es, der sieht, hört und riecht. Ohne zu handeln bin ich selbst der Schöpfer der mannigfaltigen Lehren, Offenbarungen und Überlegungen.

49. Schwindet die Vorstellung der Zweiheit und ist die täuschende Maya überwunden, so löst man sich in Brahman auf: wie Wasser, das mit Wasser eins wird, oder Milch mit Milch.

50. Wird die Gesamtheit der Wirklichkeitsprinzipien durch innere Betrachtung als Shiva erkannt, bleibt dann noch Raum für Kummer oder Verblendung? Man schaut alles als Brahman.

51. Gute und schlechte Früchte des Handelns kommen allein durch die Verbindung mit irriger Erkenntnis zustande. Eine solche Verbindung kann verhängnisvoll sein, wie für einen Nichtdieb die Gemeinschaft mit einem Dieb.

52. Wer verblendet dem Nichtwissen des gewöhnlichen Weltumgangs folgt, bleibt von Verdienst und Schuld verriegelt und geht weiter durch Geburt und Tod.

53. Die Erkenntnis flammt auf, und das während des Nichtwissens angesammelte Karma aus Verdienst und Schuld vergeht wie ein Vorrat von Baumwolle, der Feuer fängt.

54. Ist die Erkenntnis erlangt, erwächst aus vollbrachtem Handeln keine neue karmische Frucht. Wie könnte daraus eine weitere Geburt folgen? Von der Bindung an Geburt gelöst, leuchtet Shiva wie eine Sonne durch seine eigenen Strahlen.

55. Ein Samenkorn ohne Spelze, innere Haut und Granne treibt nicht mehr aus. Ebenso entsteht aus dem Selbst kein neuer Keim des Werdens, wenn es von der Unreinheit der Begrenztheit, von Maya und von Karma frei geworden ist.

56. Dem Erkenner des Selbst gibt nichts mehr Anlass zur Furcht: Alles ist sein eigenes Wesen. Auch Trauer bindet ihn nicht, denn in der höchsten Wirklichkeit besteht keine Vernichtung.

57. Tief verborgen liegt im Herzen die Schatzkammer, in der der Reichtum der höchsten Wirklichkeit herangewachsen ist. Wenn daraus das Bewusstsein des großen Herrn erwacht: „All dies bin ich selbst“, welche Not könnte dann noch bestehen, und wen sollte sie treffen?

58. Die Befreiung befindet sich an keinem besonderen Ort. Sie bedeutet auch nicht, anderswohin zu gehen. Der Knoten des Nichtwissens zerreißt, und die eigene Kraft tritt offen hervor: Das ist Befreiung.

59. Nichtwissen ist gelöst, Zweifel sind geschwunden, Täuschung ist abgewehrt, Verdienst und Schuld sind aufgebraucht. So lebt ein Mensch in Freiheit, auch während er noch einen Körper trägt.

60. Ein verbrannter Same vermag nicht mehr zu keimen. Ebenso kann Karma, das im Feuer der Erkenntnis verbrannt ist, keine neue Geburt erzeugen.

61. Ein begrenztes Verständnis und die Vorstellung eines zukünftigen, dem Karma entsprechenden Leibes verengen das Bewusstsein. Zerfällt der gegenwärtige Körper, tritt es in eben dieser vorgestellten Gestalt hervor.

62. Wenn dagegen das reine Bewusstsein — über alles hinausreichend, erkennend und wirkend, grenzenlos ausgebreitet, mit einem Licht ohne Aufgang und Untergang und einem Willen, der sich erfüllt —

63. frei von den Maßen von Raum und Zeit, fest, unvergänglich, souverän und vollkommen, allein die zahllosen Kräfte hervorbringend und wieder auflösend,

64. als das eigene Selbst erkannt wird, als Shiva, der kundig erschafft und die weiteren Weltvorgänge gestaltet: Wie könnte man dann noch im Werden wandern? Woher sollte das Allgegenwärtige aufbrechen, und wohin sollte es gehen?

65. Auch verständige Überlegung zeigt: Das Handeln des Erkennenden trägt keine karmische Frucht. Selbst im gewöhnlichen Leben fällt dem Handelnden eine solche Frucht nicht zu, wenn ihm gewiss ist: „Diese Handlung gehört jenem anderen, nicht mir.“

66. Alle trennenden Vorstellungen legt der Erwachte in das leuchtende Feuer seines Selbst. Die vertiefte Betrachtung facht dieses Feuer wie ein Wind an, und er wird ganz von Licht erfüllt.

67. Hochmut, überschwängliche Erregung, Zorn, sexuelle Begierde, Mutlosigkeit, Angst, Gier und Verblendung hat er hinter sich gelassen. Ohne Lobgesänge und Opferrufe zieht er umher, nach außen wie ein Einfältiger, ohne Sinn für Streit.

68. Hochmut, Erregung und all diese Regungen gewinnen ihre Macht aus dem Irrtum der Getrenntheit. Wie sollten sie jemanden berühren, der zum nichtzweiten Selbst erwacht ist?

69. Nichts steht ihm als ein Getrenntes gegenüber, das er preisen oder dem er opfern müsste. Welche Befriedigung sollte ihm ein Lobgesang noch verschaffen? Der Befreite ist deshalb frei von Huldigungen und Opferrufen.

70. Sein Leib und der Leib eines anderen werden ihm zum Tempel. Sie sind von sechsunddreißig Wirklichkeitsprinzipien erfüllt und tragen in ihrem Aufbau die Fenster dieses Tempels. Auch ein Gefäß oder ein anderer Gegenstand ist ihm ein Gotteshaus.

71. In diesem Gotteshaus verehrt er Shiva, den großen Bhairava, als höchstes Selbst in Einheit mit seiner Kraft. Seine Gaben sind durch das Gewahrsein des Selbst gereinigt; so verweilt er in umfassender Verehrung.

72. Die vielen mächtigen Samen des Unterscheidens zwischen außen und innen bringt er in der hell brennenden Flamme seines Bewusstseins dar. So ereignet sich sein Feueropfer mühelos.

73. Seine Meditation erlischt nicht. Als göttlicher Herr lässt er unaufhörlich verschiedene Gestalten entstehen. Darin besteht diese Meditation: Die in der Vorstellung gezeichneten Gestalten besitzen Wirklichkeit.

74. In seinem inneren Bewusstsein lässt er die ganze Reihe der Welten, die Ordnung der Wirklichkeitsprinzipien und die Vielzahl der Sinne sich drehen. Dieses innere Kreisen ist sein Japa.

75. Er hat die höchste Wirklichkeit erkannt, die der große Herr genannt wird und weder Geburt noch Vernichtung kennt. Mit dem Leuchten seines Erkennendseins ist alles erfüllt, was zu erfüllen war. So verweilt er nach seinem Willen.

76. Alles durchdringend, das Selbst von allem, von Vielheit frei und unvergleichliche höchste Freude: Wer diese so beschriebene Wirklichkeit erkennt, wird von ihr ganz erfüllt.

77. Er mag an einem heiligen Ort oder im Haus eines als „Hundekocher“ ausgegrenzten Menschen sterben, und selbst seine Erinnerung mag verloren sein. Schon mit der Erkenntnis ist er befreit; ohne Kummer erreicht er die völlige Freiheit.

78. Heilige Orte aufzusuchen gilt als Verdienst; im Haus eines „Hundekochers“ zu sterben gilt als Weg zur Hölle. Doch welchen Unterschied macht das, wenn weder Verdienst noch Unverdienst noch einen Flecken hinterlassen?

79. Ein Reiskorn wurde ganz von seiner Spelze und feinen Haut befreit. Legt man es später wieder zwischen Spelzenstücke, wird es dadurch nicht erneut mit ihnen eins.

80. Genauso ist das Bewusstsein von den Schichten seiner Gewänder getrennt. Frühere Prägungen mögen es noch hier verweilen lassen; dennoch bleibt sein Wesen frei und von diesen Hüllen unberührt.

81. Ein kundiger Handwerker hat einem Edelstein seine volle Klarheit gegeben. Das Kästchen, das ihn umschließt, mag ihn dunkel wirken lassen. Entfernt man dieses Kästchen, ist sein wahres Wesen klar.

82. So ist auch das Erkennen durch die Unterweisung eines wahren Lehrers in Reinheit gefestigt. Von der Begrenzung des Leibes gelöst, zeigt es sich als Shiva, als gäbe es für es keine weitere einengende Bedingung.

83. Schon im Leben nimmt der Mensch durch die Autorität der Schriften und Unterweisungen oder durch festes Vertrauen die Beschaffenheit an, die später als Himmel, Hölle oder menschliches Dasein erscheint.

84. Der Augenblick des Todes kann einen verdienstvollen oder schuldhaften Zustand noch verstärken. Für Verblendete wirkt er damit unterstützend am weiteren Weg mit; dessen eigentliche Ursache ist er jedoch nicht.

85. Selbst Tiere, Vögel, Kriechtiere und andere Wesen können zu ihrem eigenen Seinsgrund gelangen, wenn sie ihn als ihr Selbst erkennen. Die Prägung früheren Erkennens bereitet die so Erkennenden darauf vor.

86. Im Innern des Leibes trägt der Mensch schon die Beschaffenheit von Himmel oder Hölle. Fällt dieser Leib auseinander, gelangt er seiner eigenen Beschaffenheit gemäß in die Verbindung mit einem neuen Körper.

87. Einmal hat das eigene Selbst im Augenblick der Erkenntnis aufgeleuchtet. Wie es sich da gezeigt hat, so bleibt es; das Sterben des Körpers macht es nicht zu etwas anderem.

88. Die Vermögen versagen, die Erinnerung schwindet, der Atem stockt, an lebenswichtigen Stellen tritt ein Zerreißen auf und besondere Schmerzen entstehen. Solches Erleben hat seinen Grund in den Prägungen des Körpers.

89. Solange man mit einem Leib verbunden ist, können solche Erfahrungen eintreten. Darum verliert der Erkennende die höchste Wirklichkeit seines Selbst auch dann nicht, wenn das Sterben von Verwirrung begleitet ist.

90. Durch einen überaus intensiven Abstieg göttlicher Kraft kann ein Mensch diesen Weg unmittelbar aus der Unterweisung des Lehrers erfassen. Dann ist er im selben Augenblick ohne jedes Hindernis Shiva.

91. Ein anderer nähert sich dem alles übersteigenden Wesen Schritt für Schritt wie auf einer Treppe. Ist er am Ende fest in der höchsten Wirklichkeit verwurzelt, wird er ganz von Shiva erfüllt.

92. Manchmal stirbt ein Mensch, bevor er den stetigen Strom der höchsten Wirklichkeit erreicht hat. Er ist unterwegs auf einer Stufe zur Ruhe gekommen, während sein Herz doch weiter nach dem höchsten Zustand verlangt.

93. Die Schriften sprechen dann von einem Menschen, der vom Yoga abgekommen ist. Der erreichten Stufe entsprechend wird er Herr einer Welt mit vielfältigen Freuden und gelangt in einer späteren Geburt zum Shiva-Sein.

94. Auch wer diesen Weg zur höchsten Wirklichkeit geübt und die Vereinigung noch nicht erreicht hat, genießt die Freuden der Götterwelt und bleibt dort lange in heiterer Freude.

95. Ein König wird als Herr seiner Länder von allen Menschen geehrt. Ebenso gebührt einem vom Yoga Abgekommenen in den Welten die Verehrung aller Götter.

96. Nach langer Zeit wird er wieder Mensch. Er übt Yoga und erreicht das göttliche Unsterbliche, von dem es keine erneute Rückkehr gibt.

97. Jeder Mensch, der sich diesem heilsamen Weg hingibt, gelangt zum Shiva-Sein. In dieser Einsicht bemühe man sich mit den jeweils verfügbaren Möglichkeiten um die höchste Wirklichkeit.

98. Wer das höchste Brahman betrachtet, dessen Kern Abhinavagupta hier entfaltet hat, tritt in sein eigenes Herz ein und erreicht schon bald das Shiva-Sein.

Mantras aus dem Paramarthasara

Die bearbeitete Ausgabe überliefert eine vollständige Eingangsverehrung und einen Zufluchtsvers, die hier als Rezitationstexte folgen. Der erste steht im Rahmen der kommentierten Ausgabe; der zweite ist Abhinavaguptas erster Grundvers. Ihre Bezeichnung als Verehrung und Gebet unterscheidet sie von technischen Mantraformeln, deren rituelle Anwendung eigens festgelegt wäre.

Verehrung des Bewusstseins als Selbst

ओं नमश्चिदात्मपरमार्थवपुषे ॥

oṃ namaścidātmaparamārthavapuṣe ||

Bedeutung: Om. Verehrung dem, dessen wahres Wesen das Bewusstsein als Selbst ist.

Die Formel verehrt Shiva als die höchste Wirklichkeit des Bewusstseins. Ihre Stelle am Eingang der kommentierten Ausgabe belegt die Verehrungsfunktion; ein bestimmter Verfasser dieser unnummerierten Formel ist damit nicht gesichert.

Zuflucht zu Shambhu

परं परस्थं गहनादनादिमेकं निविष्टं बहुधा गुहासु ।
सर्वालयं सर्वचराचरस्थं त्वामेव शंभुं शरणं प्रपद्ये ॥

paraṃ parasthaṃ gahanādanādimekaṃ niviṣṭaṃ bahudhā guhāsu |
sarvālayaṃ sarvacarācarasthaṃ tvāmeva śaṃbhuṃ śaraṇaṃ prapadye ||

Bedeutung: Zu dir allein nehme ich Zuflucht, Shambhu: Du bist das Höchste, jenseits der tiefen Verhüllung, ohne Anfang und einzig. In vielfältiger Weise wohnst du in den Höhlen der Herzen. Du bist die Ruhestätte von allem und gegenwärtig in allem, was sich bewegt und was unbeweglich ist.

Dieses Gebet wendet sich an Shambhu als höchste Wirklichkeit, inneren Bewohner und Zuflucht. Es verbindet Hingabe mit der Erkenntnis, dass Shiva in allem gegenwärtig ist.

Für diese beiden Texte werden an ihren Fundstellen keine Wiederholungszahl, Atemfolge oder besonderen Einweihungsbedingungen genannt. Als heutige Anregung können sie langsam und mit Aufmerksamkeit für ihren Sinn gelesen oder rezitiert werden. Ein solches Lesen ist eine heutige Anwendung; weitergehende Wirkungen werden hier nicht versprochen.

Die philosophischen Verse über Kräfte, Meditation und Japa enthalten weitere spirituelle Bezüge, aber keine zusätzlichen ausgeschriebenen Rezitationsformeln. Einzelne im Kommentar angedeutete Silben werden daher nicht als vermeintlich vollständige Mantras ergänzt.

Das Herz als Ort innerer Sammlung. Vers 60 beschreibt Befreiung als Offenbarwerden der eigenen Kraft.

Nachweise und Konkordanz

Der Sanskritwortlaut folgt dem revidierten GRETIL-Text (Beitrag von Lyne Bansat-Boudon, Yves Codet und Judit Törzsök; Version 2020). Als Vergleich dienen Muktabodha M00041 und J. C. Chatterjis Ausgabe, KSTS 7, Srinagar 1916: vollständiges Digitalisat. In den Tabellen bezeichnet „Druck“ die gedruckte Seite dieser Ausgabe, „PDF“ die Seite des 216-seitigen Digitalisats. Die ausgewählte revidierte Fassung unterscheidet sich insbesondere in Vers 63 (bhāti) und 78 (ca) vom Haupttext des alten Drucks. GRETIL nennt CC BY-NC-SA 4.0 als Lizenz seines E-Textes, Muktabodha CC BY-NC 4.0.

Nachweise der Rezitationstexte

Eintrag Originalfundstelle Druck PDF
Verehrung des Bewusstseins als Selbst Unnummerierte Eingangsverehrung 1 12
Zuflucht zu Shambhu Vers 1 2 13

Konkordanz der 98 Praxisverse

Jede Zeile bezeichnet genau eine vollständige Strophe der revidierten Sanskritfassung. Die Nummern in der linken Spalte gehören nur zur vorliegenden Auswahl.

Auswahl Originalvers im Hauptartikel Druck PDF
1 1 2 13
2 4 9 20
3 5 12 23
4 6 18 29
5 7 21 32
6 8 24 35
7 9 27 38
8 10 30 41
9 11 31 42
10 12 35 46
11 13 35 46
12 14 40 51
13 15 44 55
14 16 45 56
15 17 46 57
16 18 49 60
17 19 51 62
18 20 52 63
19 21 52 63
20 22 53 64
21 23 54 65
22 24 55 66
23 25 56 67
24 26 58 69
25 27 59 70
26 28 62 73
27 29 63 74
28 30 65 76
29 31 66 77
30 32 68 79
31 33 72 83
32 34 74 85
33 35 76 87
34 36 81 92
35 37 82 93
36 38 85 96
37 39 86 97
38 40 87 98
39 41 89 100
40 42 90 101
41 43 91 102
42 44 93 104
43 45 94 105
44 46 96 107
45 47 97 108
46 48 97 108
47 49 97 108
48 50 98 109
49 51 102 113
50 52 104 115
51 53 105 116
52 54 106 117
53 55 107 118
54 56 108 119
55 57 109 120
56 58 110 121
57 59 113 124
58 60 115 126
59 61 118 129
60 62 120 131
61 63 121 132
62 64 123 134
63 65 124 135
64 66 124 135
65 67 127 138
66 68 131 142
67 71 136 147
68 72 138 149
69 73 139 150
70 74 140 151
71 75 143 154
72 76 145 156
73 77 147 158
74 78 149 160
75 81 156 167
76 82 158 169
77 83 159 170
78 84 165 176
79 85 167 178
80 86 167 178
81 87 170 181
82 88 170 181
83 89 173 184
84 90 174 185
85 91 175 186
86 92 178 189
87 93 178 189
88 94 180 191
89 95 180 191
90 96 185 196
91 97 187 198
92 98 188 199
93 99 188 199
94 100 190 201
95 101 191 202
96 102 192 203
97 103 194 205
98 104 196 207

Zu den zusammenhängenden Gedanken gehören insbesondere die Originalverse 12–13, 64–66 und 94–95. Die Auswahl gibt keine Prosa als Verse aus. Hintergrund, Lesungsfragen und Erläuterungen zu historischen Begriffen stehen in den Anmerkungen des Hauptartikels.

Weiterführendes Studium

Shiva und Parvati als traditionelle Darstellung göttlicher Einheit. Das Werk betrachtet Shiva und seine Kraft als untrennbar.

Paramarthasara verbindet die Klarheit der Selbsterkenntnis mit der Hingabe an Shiva. Das wiederholte Lesen kann einen Gedanken im Herzen lebendig halten; für sein tieferes Verständnis lohnt sich der Wechsel zwischen dieser Auswahl und dem vollständigen Sanskrittext mit Übersetzung.

Weitere Seiten zum Paramarthasara: Vollständiger Sanskrittext mit deutscher Übersetzung · Sanskrit in Devanagari.

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