Navarasah

Navarasah (Sanskrit: navarasāh m., pl.) = die neun grundlegenden Gefühlszustände, welche in der Tanzkunst und Poetik bedeutsam sind.
Stell dir vor, du betrittst einen Raum, und innerhalb von Sekundenbruchteilen spürst du die Stimmung der Menschen dort – Freude, Trauer, Wut oder Überraschung. Genau diese Fähigkeit, Emotionen nicht nur zu erkennen, sondern auch künstlerisch auszudrücken, nennt man im Sanskrit „Navarasah“. Das Wort setzt sich zusammen aus „Nava“ (neun) und „Rasa“ (Essenz, Geschmack oder Stimmung). Es bezeichnet also die neun grundlegenden Emotionen oder Stimmungen, die in der klassischen indischen Ästhetik, im Tanz, Theater und in der Musik eine zentrale Rolle spielen.
Die neun Rasas sind: Shringara (Liebe), Hasya (Heiterkeit), Karuna (Mitgefühl), Raudra (Zorn), Vera (Mut), Bhayanaka (Angst), Bibhatsa (Ekel), Adbhuta (Staunen) und Shanta (Frieden). Jede dieser Stimmungen hat eine eigene Farbe, eine Gottheit und eine bestimmte Wirkung auf den Betrachter. In der indischen Tradition geht man davon aus, dass Kunst nicht nur unterhalten, sondern auch eine tiefe seelische Transformation bewirken kann – ähnlich wie in der Yogapraxis.
In der Verbindung zu Yoga und Spiritualität wird Navarasah besonders spannend. Denn im Yoga geht es ja nicht darum, Emotionen zu unterdrücken, sondern sie bewusst wahrzunehmen und zu wandeln. Stell dir vor, du sitzt in der Meditation und plötzlich steigt Wut in dir auf. Statt sie wegzudrücken, könntest du sie als Raudra betrachten – als eine Energie, die Klarheit und Grenzen schaffen will. Oder du begegnest in einer Asana-Praxis der Angst (Bhayanaka), wenn du zum ersten Mal in eine tiefe Rückbeuge gehst. Indem du die Emotion benennst und ihr einen Raum gibst, ohne dich von ihr überwältigen zu lassen, verwandelst du sie in eine Quelle der Einsicht.
Ein schönes Zitat aus der Natyashastra, dem alten Theaterlehrbuch, lautet: „Rasa entsteht aus der Verbindung von Ursachen, Wirkungen und begleitenden Emotionen.“ Übersetzt für deine Yogapraxis heißt das: Wenn du in der Tiefe einer Haltung wie der Taube (Eka Pada Rajakapotasana) Traurigkeit spürst (Karuna), dann lass sie fließen. Atme in dieses Gefühl hinein, als würdest du einem Freund zuhören. So wird die Matte zum Bühnenraum deines inneren Theaters – und du lernst, alle neun Farben deines Herzens zu umarmen.