Tirumurugatrupadai

Aus Yogawiki

Tirumurugatrupadai (Tamil: திருமுருகாற்றுப்படை, Tirumurukāṟṟuppaṭai; auch Tirumurukarruppatai, Thirumurugatrupadai oder Tirumurugarrupadai) ist ein großes tamilisches Lobgedicht auf den Gott Murugan, verfasst von dem Dichter Nakkirar. Der Titel bedeutet „Heiliger Wegweiser zu Murugan“. In 317 Zeilen führt das Gedicht den Suchenden zu den heiligen Orten, an denen Murugan wohnt, beschreibt seine sechs Gesichter und zwölf Arme und schildert, wie Menschen aller Art ihn verehren.

Das Tirumurugatrupadai ist das erste der zehn Lieder des Pattuppattu, einer der großen Sammlungen der klassischen tamilischen Sangam-Literatur. Zugleich ist es das einzige Werk der Sangam-Zeit, das in das elfte Buch des Tirumurai aufgenommen wurde, des heiligen Kanons des tamilischen Shivaismus. Es gilt als ältestes großes Zeugnis der Murugan-Verehrung und ist die Quelle der Arupadai Veedu, der sechs heiligen Wohnstätten Murugans, die bis heute die wichtigsten Pilgerorte seiner Verehrer sind. Viele Menschen in Tamil Nadu rezitieren das Gedicht täglich als Gebet um Schutz und Gnade.

Murugan, dem das Tirumurugatrupadai gewidmet ist.

Tirumurugatrupadai auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Titel Tirumurugatrupadai; auch Tirumurukarruppatai, Thirumurugatrupadai
Tamil திருமுருகாற்றுப்படை (Tirumurukāṟṟuppaṭai)
Bedeutung „Heiliger Wegweiser zu Murugan“
Verfasser Nakkirar
Entstehung Späte Sangam-Zeit; die Datierung ist umstritten und reicht vom 2. bis ins 6. Jahrhundert
Umfang 317 Zeilen, dazu später angefügte kurze Verse
Versmaß Akaval (Asiriyappa), ein freies erzählendes Versmaß
Zugehörigkeit Erstes Lied des Pattuppattu; Teil des elften Tirumurai
Gattung Arruppatai, Wegweiser-Gedicht
Inhalt Die sechs heiligen Wohnstätten Murugans; seine sechs Gesichter und zwölf Arme; die Formen seiner Verehrung
Alte Kommentare Naccinarkkiniyar, Parimelazhagar

Name und Gattung

Der Titel setzt sich zusammen aus Tiru („heilig“), Murugu oder Murugan und Arruppatai („Wegweisung“, von aru, „Weg“, und paduttal, „leiten“). Das Tirumurugatrupadai ist also die „heilige Wegweisung zu Murugan“.

Die Arruppatai ist eine besondere Gattung der Sangam-Dichtung: Ein Dichter oder Musiker, der von einem freigebigen Fürsten reich beschenkt zurückkehrt, begegnet einem anderen, armen Künstler und beschreibt ihm den Weg zu diesem Wohltäter, die Landschaften, durch die er ziehen wird, und die Gaben, die ihn erwarten. Fünf der zehn Lieder des Pattuppattu gehören zu dieser Gattung.

Nakkirar überträgt diese weltliche Form auf das Göttliche. Nicht ein Fürst ist das Ziel, sondern Murugan, der göttliche Geber aller Gnade. Der Angesprochene ist ein Suchender, der die Befreiung ersehnt, und der Dichter, der Gottes Gnade bereits erfahren hat, zeigt ihm den Weg. Aus dem Lob eines Königs wird ein Gebet, aus der Reise zum Hof eine Pilgerfahrt.

Der Dichter Nakkirar

Das Gedicht wird dem Dichter Nakkirar zugeschrieben, der als gelehrter Prüfer der Dichtung am Sangam von Madurai galt. Die Legende erzählt, er habe das Tirumurugatrupadai gesungen, als er mit 999 anderen Gefangenen in einer Höhle von einem Dämon festgehalten wurde. Murugan erhörte seinen Gesang, erschien mit seiner Lanze, besiegte den Dämon und befreite alle tausend Gefangenen. Deshalb gilt das Gedicht bis heute als Gebet um Schutz und Befreiung aus der Not. Die ausführliche Legende, auch in der Fassung Swami Sivanandas, erzählt der Artikel Nakkirar.

Aufbau: Die sechs heiligen Wohnstätten

Das Gedicht gliedert sich in sechs Teile, die jeweils einem heiligen Ort gewidmet sind, an dem Murugan wohnt. Aus diesen sechs Orten hat die Tradition die Arupadai Veedu, die „sechs Wohnstätten“ Murugans, abgeleitet.

1. Tirupparankundram

Das Gedicht beginnt mit einem großartigen Bild: Murugan erscheint so strahlend wie die Sonne, die über dem Meer aufgeht, zur Freude der ganzen Welt. Nach der gebräuchlichen Textfassung lauten die ersten Zeilen:

உலகம் உவப்ப வலனேர்பு திரிதரு
பலர்புகழ் ஞாயிறு கடற்கண் டாஅங்கு
ulakam uvappa valaṉērpu tiritaru
palarpukaḻ ñāyiṟu kaṭaṟkaṇ ṭāaṅku

Wie die von vielen gepriesene Sonne, die zur Freude der Welt aufsteigt und nach rechts kreisend über dem Meer erscheint …

Dann beschreibt Nakkirar Murugans Schönheit, seine Gefährtin und die Berglandschaft, und führt zu dem Hügel Tirupparankundram bei Madurai, wo Murugan wohnt. Nach der späteren Überlieferung heiratete Murugan hier Deivanai.

2. Tiruchiralaivay (Tiruchendur)

Der zweite Teil führt an die Meeresküste nach Tiruchiralaivay, dem heutigen Tiruchendur, wo Murugan den Dämon Surapadma besiegte. Hier findet sich die berühmte Beschreibung der sechs Gesichter und zwölf Arme Murugans. Jedes seiner sechs Gesichter hat eine eigene Aufgabe:

  • ein Gesicht erhellt die Welt und vertreibt die Dunkelheit,
  • ein Gesicht gewährt den Verehrern ihre Wünsche,
  • ein Gesicht beschützt die vedischen Opfer,
  • ein Gesicht erklärt den Weisen die verborgenen Wahrheiten,
  • ein Gesicht besiegt die feindlichen Mächte,
  • und ein Gesicht lächelt liebevoll seiner Gefährtin Valli zu.

Ebenso beschreibt das Gedicht die Tätigkeiten seiner zwölf Hände: Sie schützen, segnen, halten Waffen, geben Zeichen der Lehre und schmücken die Geliebte. So zeigt Nakkirar Murugan als Gott, der zugleich Lehrer, Beschützer, Krieger, Geber und Liebender ist.

3. Tiruvavinankudi (Palani)

Der dritte Teil führt nach Tiruvavinankudi am Fuß des Berges Palani. Hier kommen Weise, Asketen, Götter und himmlische Musiker zusammen, um Murugan zu verehren. Die Asketen werden in ihrer Strenge, Reinheit und Weisheit beschrieben. In der späteren Tradition ist Palani der Ort, an dem Murugan als entsagender Knabe verehrt wird und an dem nach der Legende der Siddha Bogar sein Bild schuf.

4. Tiruverakam (Swamimalai)

Der vierte Teil führt nach Tiruverakam, das die Tradition mit Swamimalai bei Kumbakonam gleichsetzt. Hier verehren Brahmanen Murugan mit vedischen Riten, in feuchten Gewändern nach dem rituellen Bad, und wiederholen das sechssilbige Mantra. Nach der späteren Legende erklärte Murugan in Swamimalai seinem Vater Shiva die Bedeutung des heiligen Om und wird deshalb als Swaminatha, „Lehrer des Herrn“, verehrt.

5. Kunrutoraatal (Tiruttani)

Der fünfte Teil heißt Kunrutoraatal, „der Tanz auf jedem Hügel“. Er beschreibt, wie Murugan auf allen Hügeln der Berglandschaft wohnt und mit den Bergbewohnern, den Kuravar, im Reigentanz tanzt. Es ist die Welt, aus der Valli stammt. Die Tradition verbindet diesen Teil mit Tiruttani, wo Murugan nach seiner Hochzeit mit Valli wohnte.

6. Pazhamudircholai

Der letzte und längste Teil führt nach Pazhamudircholai, in die Wälder eines Berges bei Madurai. Hier beschreibt Nakkirar die Volksfrömmigkeit: Dorffeste, Opfer, den ekstatischen Tanz der Priester, in denen der Gott gegenwärtig wird. Dann gibt er dem Suchenden die entscheidende Anweisung: Wenn du Murugan begegnest, preise ihn mit ganzem Herzen, verneige dich vor ihm und bringe ihm deine Liebe dar. Dann wird der Gott in seiner wahren, strahlenden Gestalt erscheinen, dich trösten und dir seine Gnade schenken. Das Gedicht endet mit der Beschreibung eines prächtigen Wasserfalls, der von den Bergen herabstürzt.

Die sechs Wohnstätten heute

Die Arupadai Veedu sind bis heute die bedeutendsten Pilgerorte der Murugan-Verehrung in Tamil Nadu:

Ort Im Gedicht Lage Bedeutung in der Tradition
Tirupparankundram Tirupparankundram Bei Madurai Hochzeit mit Deivanai
Tiruchendur Tiruchiralaivay Am Meer, Distrikt Thoothukudi Sieg über Surapadma
Palani Tiruvavinankudi Distrikt Dindigul Murugan als entsagender Knabe
Swamimalai Tiruverakam Bei Kumbakonam Murugan erklärt Shiva das Om
Tiruttani Kunrutoraatal Nördliches Tamil Nadu Wohnort nach der Hochzeit mit Valli
Pazhamudircholai Pazhamudircholai Bei Madurai Murugan in den Wäldern der Berge

Viele Verehrer unternehmen die Pilgerfahrt zu allen sechs Orten. Eine neuere Deutung ordnet die sechs Wohnstätten den sechs Chakras zu, von Tirupparankundram als Wurzelzentrum bis Pazhamudircholai als Stirnzentrum, und versteht die Pilgerreise so auch als inneren Weg des Aufstiegs.

Das Licht der Erkenntnis im Herzen: Der Weg zu Murugan ist auch ein innerer Weg.

Bedeutung

In der Literatur

Das Tirumurugatrupadai gehört zu den schönsten Werken der klassischen tamilischen Dichtung. Es verbindet die farbenreiche Landschafts- und Naturbeschreibung der Sangam-Zeit mit religiöser Tiefe. Es zeigt zugleich, wie sich der alte tamilische Gott der Berge, Murugan, mit dem nordindischen Skanda, dem Sohn Shivas, verbunden hatte: Das Gedicht kennt beide Traditionen und verschmilzt sie zu einem Bild.

Im tamilischen Shivaismus

Dass das Tirumurugatrupadai als einziges Werk der Sangam-Zeit in das Tirumurai aufgenommen wurde, zeigt seine besondere religiöse Stellung. Es steht dort im elften Buch neben Werken von Heiligen wie Karaikkal Ammaiyar und Pattinathar.

Im Gebetsleben

Für viele Verehrer Murugans ist das Tirumurugatrupadai ein tägliches Gebet. Weil Nakkirar mit diesem Gesang sich und 999 andere aus der Gefangenschaft befreite, rezitieren Menschen es in Zeiten der Not, Krankheit und Angst. Es gilt als Gebet um Schutz, Mut und Gnade. Bei Tempelfesten, besonders an Skanda Shashti, wird es gemeinsam gesungen.

Kommentare und Übersetzungen

Die großen mittelalterlichen Kommentatoren der tamilischen Literatur, Naccinarkkiniyar und Parimelazhagar, schrieben ausführliche Erläuterungen zum Tirumurugatrupadai. In neuerer Zeit wurde es mehrfach ins Englische übersetzt, unter anderem von J. V. Chelliah im Rahmen seiner Übersetzung des Pattuppattu.

Tirumurugatrupadai und Yoga

Der Lehrer, der den Weg zeigt

Die Arruppatai-Form ist ein schönes Bild für die Rolle des Guru. Wie der Dichter, der Gottes Gnade erfahren hat, dem Suchenden den Weg zeigt, so weist der spirituelle Lehrer dem Schüler den Weg zu Gott. Und wer selbst Gnade empfangen hat, wird wiederum zum Wegweiser für andere.

Sechs Gesichter, eine Wirklichkeit

Die sechs Gesichter Murugans zeigen, dass die eine göttliche Wirklichkeit sich in vielen Aspekten offenbart: als Licht, als Geber, als Beschützer, als Lehrer, als Überwinder und als Liebender. Im Bhakti Yoga darf sich der Verehrer dem Aspekt Gottes zuwenden, der seinem Herzen am nächsten ist, und dabei doch wissen, dass alle Aspekte zu dem einen Gott gehören.

Die Einladung zur Hingabe

Die Anweisung am Ende des Gedichts ist schlicht: Preise Gott mit ganzem Herzen, verneige dich vor ihm, und er wird dir erscheinen. Darin liegt die Kernbotschaft der Bhakti: Nicht Gelehrsamkeit oder äußere Leistung, sondern die aufrichtige Hinwendung des Herzens öffnet den Weg zur Gnade.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Die aufgehende Sonne: Beginne eine Meditation mit dem Bild vom Anfang des Gedichts: Stelle dir vor, wie die Sonne über dem Meer aufgeht und die ganze Welt mit Freude erfüllt. Spüre dieses Licht in deinem Herzen.
  • Die sechs Gesichter: Betrachte nacheinander die sechs Aufgaben der Gesichter Murugans: Licht, Wunscherfüllung, Schutz, Lehre, Überwindung, Liebe. Welcher Aspekt des Göttlichen ist für dich heute besonders wichtig?
  • Mantra-Praxis: Wiederhole das sechssilbige Mantra Murugans Om Saravanabhava.
  • Wegweiser sein: Erinnere dich daran, wer dir den Weg zu Yoga und Spiritualität gezeigt hat, und überlege, wem du selbst ein Wegweiser sein kannst. So wird der Yoga zu einem Weg des Weitergebens.
Hingabe und innere Sammlung lassen das Herz weit werden.

Häufige Fragen zum Tirumurugatrupadai

Was ist das Tirumurugatrupadai?
Das Tirumurugatrupadai ist ein tamilisches Lobgedicht auf Murugan aus 317 Zeilen, verfasst von Nakkirar. Es ist das erste Lied des Pattuppattu und Teil des elften Tirumurai.

Was bedeutet der Titel?
Tirumurugatrupadai bedeutet „Heiliger Wegweiser zu Murugan“. Es gehört zur Gattung der Arruppatai, in der ein Beschenkter einem anderen den Weg zu einem Wohltäter zeigt.

Welche sechs heiligen Orte beschreibt das Gedicht?
Tirupparankundram, Tiruchendur, Palani, Swamimalai, Tiruttani und Pazhamudircholai, die sechs Wohnstätten (Arupadai Veedu) Murugans.

Was beschreiben die sechs Gesichter Murugans?
Nach dem Gedicht erhellt ein Gesicht die Welt, eines gewährt Wünsche, eines schützt die Opfer, eines lehrt die Weisen, eines besiegt die Feinde und eines lächelt Valli zu.

Warum wird das Tirumurugatrupadai als Gebet rezitiert?
Nach der Legende befreite Nakkirar mit diesem Gesang sich und 999 andere Gefangene aus der Gewalt eines Dämons. Deshalb gilt das Gedicht als Gebet um Schutz und Befreiung aus der Not.

Videos zur Vertiefung

Diese Videos von Yoga Vidya laden dazu ein, die angesprochenen Themen durch eigene Praxis zu vertiefen.

Ankommenssatsang - Kirtan, Mantra und Arati mit Sukadev - Yoga Vidya Live, 15.07.2022, 20:00 Uhr

Licht-Meditation mit Sukadev

Siehe auch

Quellen und Literatur

Seminare

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