Kramastotra

Aus Yogawiki

Kramastotra (Sanskrit: क्रमस्तोत्र kramastotra n.), wörtlich „Lobpreis der Folge“ oder „Hymne auf den Krama“, ist eine kurze, philosophisch hoch verdichtete Hymne des kaschmirischen Meisters Abhinavagupta. Das Werk gehört in den Zusammenhang des nichtdualen Kaschmirischen Shivaismus und besonders der Krama-Tradition, in der die eine höchste Shakti als dynamische Folge von Bewusstseinskräften erfahren wird. Das Kramastotra verbindet Bhakti, metaphysische Erkenntnis und tantrische Bewusstseinslehre: Lobpreis ist hier nicht die Verehrung eines von außen getrennten Gottes, sondern wird zum Erkennen, dass Lobender, Lobpreis und der gepriesene Shiva in derselben Bewusstheit gründen.

Der Text umfasst 29 nummerierte Strophen, einen anschließenden Datierungsvers und den Kolophon. Besonders bemerkenswert ist, dass Abhinavagupta im Schlussvers selbst einen Zeitpunkt der Abfassung nennt; die Forschung datiert das Kramastotra entsprechend auf 991 n. Chr. Damit gehört es zu den früh datierbaren Werken Abhinavaguptas. Die Hymne ist zugleich ein wertvolles Zeugnis dafür, wie eng in seinem Denken Tantra, Erkenntnis und innere Verehrung miteinander verbunden sind.

Für Yoga-Aspiranten ist das Kramastotra vor allem deshalb bedeutsam, weil es die spirituelle Praxis nicht bei einer Trennung von „Ich“ und „Gott“ stehen lässt. Der Weg beginnt mit Verehrung, vertieft sich in Meditation und Erkenntnis und mündet in die Einsicht, dass alle Erscheinungen Strahlen des einen Bewusstseins sind. Damit steht der Text thematisch nahe zu Abhinavaguptas Tantraloka, dem Tantrasara, der Paratrishika-Tradition sowie zu Grundtexten wie Shiva Sutra und Spanda Karika.

Shiva als Symbol des höchsten Bewusstseins, auf das Abhinavaguptas nichtduale Hymne ausgerichtet ist.

Bedeutung und spiritueller Hintergrund

Das Wort krama bedeutet Folge, Schrittfolge oder geordnete Entfaltung. In der Krama-Tradition bezeichnet es nicht einfach eine äußere Reihenfolge, sondern die Weise, in der sich die eine Bewusstseinskraft als Folge von Wahrnehmen, Erkennen, Hervortreten, Bestand und Auflösung entfaltet. Abhinavagupta betont zugleich, dass die höchste Wirklichkeit selbst jenseits aller Folge liegt. Gerade dieses Spannungsfeld zwischen krama – Folge – und akrama – Folgenlosigkeit – prägt die Hymne.

Mehrfach spricht der Text von Shakti, von Bhairava, von Schöpfung, Bestand und Auflösung sowie von der Aufhebung der Zeit. Die Göttinnen des Krama erscheinen dabei nicht als voneinander getrennte Mächte, sondern als unterschiedliche Funktionsweisen derselben höchsten Bewusstheit. Besonders deutlich wird dies in den Strophen 10–27, in denen kosmische Prozesse und innere Erkenntnis einander spiegeln.

Für die Praxis lässt sich das als Einladung verstehen, Wahrnehmung, Denken und Handeln nicht vorschnell als Hindernis zu betrachten. Entscheidend ist vielmehr, in allen Bewegungen des Bewusstseins ihre Quelle wiederzuerkennen. In diesem Sinn kann das Kramastotra als poetische Ergänzung zu Meditation und zu einem bewusstseinsorientierten Yoga gelesen werden.

Zur Vertiefung des Themas Bewusstsein und Meditation kann ergänzend dieses Yoga-Vidya-Video eingebunden werden:

Ein Yantra veranschaulicht symbolisch das Hervortreten vieler Ebenen aus einem Zentrum – ein Motiv, das sich mit der Krama-Lehre von Entfaltung und Rücknahme vergleichen lässt.

Vollständiger Sanskrittext mit deutscher Übersetzung

Vers 1
ayaṃ duḥkhavrātavrataparigame pāraṇavidhir
mahāsaukhyāsāraprasaraṇarase durdinam idam |
yad anyanyakkṛtyā viṣamaviśikhaploṣaṇaguror vibhoḥ stotre
śaśvat pratiphalati ceto gatabhayam ||

अयं दुःखव्रातव्रतपरिगमे पारणविधिर्
महासौख्यासारप्रसरणरसे दुर्दिनम् इदम् ।
यद् अन्यन्यक्कृत्या विषमविशिखप्लोषणगुरोर् विभोः स्तोत्रे
शश्वत् प्रतिफलति चेतो गतभयम् ॥

Übersetzung: Dies ist das Mahl nach dem Ende des Gelübdes, das aus der Schar der Leiden herausführt; dies ist wie ein segensreicher Regentag im Strom der Essenz höchsten Glücks: Wenn im Lobpreis des allmächtigen Herrn, der die giftigen Pfeile des Andersseins verbrennt, mein Geist immer wieder widerhallt, wird er frei von Furcht.

Vers 2
vimṛśya svātmānaṃ vimṛśati punaḥ stutyacaritaṃ tathā
stotā stotre prakaṭayati bhedaikaviṣaye |
vimṛṣṭaś ca svātmā nikhilaviṣayajñānasamaye taditthaṃ
tvatstotre 'ham iha satataṃ yatnarahitaḥ ||

विमृश्य स्वात्मानं विमृशति पुनः स्तुत्यचरितं तथा
स्तोता स्तोत्रे प्रकटयति भेदैकविषये ।
विमृष्टश् च स्वात्मा निखिलविषयज्ञानसमये तदित्थं
त्वत्स्तोत्रे ऽहम् इह सततं यत्नरहितः ॥

Übersetzung: Nachdem der Lobpreisende sein eigenes Selbst betrachtet hat, betrachtet er wiederum das gepriesene Wirken; im Lobpreis macht er scheinbar einen Unterschied zwischen Lobendem und Gelobtem sichtbar. Doch wenn das eigene Selbst im Augenblick allumfassender Erkenntnis erkannt ist, dann vollzieht sich dein Lobpreis für mich hier beständig ohne Anstrengung.

Vers 3
anāmṛṣṭaḥ svātmā na hi bhavati bhāvapramitibhāj anāmṛṣṭaḥ
svātmety api hi na vinā 'marśanavidheḥ |
śivaś cāsau svātmā sphurad akhilabhāvaikasarasas tato 'ham
tvatstotre pravaṇahṛdayo nityasukhitaḥ ||

अनामृष्टः स्वात्मा न हि भवति भावप्रमितिभाज् अनामृष्टः
स्वात्मेत्य् अपि हि न विना ऽमर्शनविधेः ।
शिवश् चासौ स्वात्मा स्फुरद् अखिलभावैकसरसस् ततो ऽहम्
त्वत्स्तोत्रे प्रवणहृदयो नित्यसुखितः ॥

Übersetzung: Das eigene Selbst kann bei keiner Erkenntnis eines Gegenstandes völlig unberührt bleiben; selbst die Aussage »das Selbst ist unberührt« ist ohne einen Akt inneren Erfassens nicht möglich. Und dieses eigene Selbst ist Shiva, die eine Essenz, die in allen Erscheinungen aufleuchtet. Darum ist mein Herz deinem Lobpreis zugewandt, und ich ruhe in beständigem Glück.

Vers 4
vicitrair jātyādibhramaṇaparipāṭīparikarair avāptam
sārvajñaṃ hṛdaya yad ayatnena bhavatā |
tad antas tvadbodhaprasarasaraṇībhūtamahasi sphuṭam vāci
prāpya prakaṭaya vibhoḥ stotram adhunā ||

विचित्रैर् जात्यादिभ्रमणपरिपाटीपरिकरैर् अवाप्तम्
सार्वज्ञं हृदय यद् अयत्नेन भवता ।
तद् अन्तस् त्वद्बोधप्रसरसरणीभूतमहसि स्फुटम् वाचि
प्राप्य प्रकटय विभोः स्तोत्रम् अधुना ॥

Übersetzung: O Herz, durch dich ist ohne Mühe jene Allwissenheit erlangt worden, die durch die vielfältigen Gefüge der Verwirrung um Geburt, Gattung und Ähnliches verhüllt scheint. Tritt nun klar in die Sprache ein, die im Innern zum Weg des sich ausbreitenden Lichtes deiner Erkenntnis geworden ist, und offenbare den Lobpreis des Herrn.

Vers 5
vidhunvāno bandhābhimatabhavamārgasthitim imāṃ
rasīkṛtyānantastutihutavahaploṣitabhedām |
vicitrasvasphārasphuritamahimārambharabhasāt piban bhāvān
etān varada madamatto 'smi sukhitaḥ ||

विधुन्वानो बन्धाभिमतभवमार्गस्थितिम् इमां
रसीकृत्यानन्तस्तुतिहुतवहप्लोषितभेदाम् ।
विचित्रस्वस्फारस्फुरितमहिमारम्भरभसात् पिबन् भावान्
एतान् वरद मदमत्तो ऽस्मि सुखितः ॥

Übersetzung: Indem ich diese als Bindung vorgestellte Ordnung des Weges des Werdens abschüttle, indem die Unterschiedenheit im Feuer grenzenlosen Lobpreises zu Geschmack und Erfahrung geworden und verbrannt ist, trinke ich aus dem Überschwang der Herrlichkeit deines vielfältigen Selbsterstrahlens diese Erscheinungen in mich hinein. O Gnadenspender, berauscht davon bin ich glücklich.

Vers 6
bhava prājyaiśvaryaprathitabahuśakter bhagavato vicitraṃ
cāritraṃ hṛdayam adhiśete yadi tataḥ |
kathaṃ stotraṃ kuryād atha ca kurute tena sahasā
śivaikātmyaprāptau śivanatir upāyaḥ prathamakaḥ ||

भव प्राज्यैश्वर्यप्रथितबहुशक्तेर् भगवतो विचित्रं
चारित्रं हृदयम् अधिशेते यदि ततः ।
कथं स्तोत्रं कुर्याद् अथ च कुरुते तेन सहसा
शिवैकात्म्यप्राप्तौ शिवनतिर् उपायः प्रथमकः ॥

Übersetzung: Wenn das Herz vom wunderbaren Wirken des Herrn erfüllt ist, dessen vielfache Kräfte unermessliche Herrschaft offenbaren, wie könnte es dann überhaupt einen Lobpreis verfassen? Und doch tut es dies spontan: Für das Erlangen der Einheit mit Shiva ist die Verneigung vor Shiva das erste Mittel.

Vers 7
jvaladrūpaṃ bhāsvatpacanam atha dāhaṃ prakaṭanam
vimucyānyad vahneḥ kim api ghaṭate naiva hi vapuḥ |
stuve saṃvidraśmīn yadi nijanijāṃs tena sa nuto bhaven
nānyaḥ kaścid bhavati parameśasya vibhavaḥ ||

ज्वलद्रूपं भास्वत्पचनम् अथ दाहं प्रकटनम्
विमुच्यान्यद् वह्नेः किम् अपि घटते नैव हि वपुः ।
स्तुवे संविद्रश्मीन् यदि निजनिजांस् तेन स नुतो भवेन्
नान्यः कश्चिद् भवति परमेशस्य विभवः ॥

Übersetzung: Nimmt man vom Feuer Flammengestalt, Leuchten, Kochen, Brennen und Offenbaren weg, bleibt kein anderes Wesen des Feuers übrig. Ebenso lobe ich die je eigenen Strahlen des Bewusstseins: Indem sie gepriesen werden, wird Er gepriesen; denn es gibt keine andere Entfaltung des höchsten Herrn.

Vers 8
vicitrārambhatve galitaniyame yaḥ kila rasaḥ
paricchedābhāvāt paramaparipūrṇatvam asamam |
svayaṃ bhāsāṃ yogaḥ sakalabhavabhāvaikamayatāviruddhair
dharmaughaiḥ paracitir anarghocitaguṇā ||

विचित्रारम्भत्वे गलितनियमे यः किल रसः
परिच्छेदाभावात् परमपरिपूर्णत्वम् असमम् ।
स्वयं भासां योगः सकलभवभावैकमयताविरुद्धैर्
धर्मौघैः परचितिर् अनर्घोचितगुणा ॥

Übersetzung: In der Vielfalt des Hervortretens, wo starre Begrenzung geschwunden ist, liegt jener Geschmack, der wegen des Fehlens jeder Abgrenzung unvergleichliche höchste Fülle ist: die Vereinigung der Lichter in sich selbst, das Einssein mit allen Zuständen des Werdens und die höchste Bewusstheit, deren unschätzbare Würde gerade in scheinbar gegensätzlichen Eigenschaften erstrahlt.

Vers 9
itīdṛkṣair rūpair varada vividhaṃ te kila vapur vibhāti
svāṃśe 'smin jagati gatabhedaṃ bhagavataḥ |
tad evaitatstotuṃ hṛdayam atha gīrbāhyakaraṇaprabandhāś ca
syur me satatam aparityaktarabhasaḥ ||

इतीदृक्षैर् रूपैर् वरद विविधं ते किल वपुर् विभाति
स्वांशे ऽस्मिन् जगति गतभेदं भगवतः ।
तद् एवैतत्स्तोतुं हृदयम् अथ गीर्बाह्यकरणप्रबन्धाश् च
स्युर् मे सततम् अपरित्यक्तरभसः ॥

Übersetzung: In solchen Gestalten, o Gnadenspender, erscheint dein vielfältiger Leib in dieser Welt als dein eigener Anteil und doch ohne wirkliche Trennung vom Herrn. Eben dies zu preisen mögen mein Herz, meine Rede und die Tätigkeiten der äußeren Organe niemals ihren freudigen Eifer verlieren.

Vers 10
tavaivaikasyāntaḥ sphuritamahaso bodhajaladher
vicitrormivrātaprasaraṇaraso yaḥ svarasataḥ |
ta evāmī sṛṣṭisthitilayamayasphūrjitarucāṃ
śaśāṅkārkāgnīnāṃ yugapad udayāpāyavibhavāḥ ||

तवैवैकस्यान्तः स्फुरितमहसो बोधजलधेर्
विचित्रोर्मिव्रातप्रसरणरसो यः स्वरसतः ।
त एवामी सृष्टिस्थितिलयमयस्फूर्जितरुचां
शशाङ्कार्काग्नीनां युगपद् उदयापायविभवाः ॥

Übersetzung: Im Innern des einen Meeres der Erkenntnis, das dein eigenes strahlendes Licht ist, liegt von selbst die Freude am Sich-Ausbreiten unzähliger Wellen. Eben diese erscheinen zugleich als Aufgang und Untergang von Mond, Sonne und Feuer, deren Glanz Schöpfung, Bestand und Auflösung verkörpert.

Vers 11
ataś citrācitrakramataditarādisthitijuṣo vibhoḥ śaktiḥ
śaśvad vrajati na vibhedaṃ katham api |
tad etasyāṃ bhūmāv akulam iti te yat kila padaṃ
tadekāgrībhūyān mama hṛdayabhūr bhairava vibho ||

अतश् चित्राचित्रक्रमतदितरादिस्थितिजुषो विभोः शक्तिः
शश्वद् व्रजति न विभेदं कथम् अपि ।
तद् एतस्यां भूमाव् अकुलम् इति ते यत् किल पदं
तदेकाग्रीभूयान् मम हृदयभूर् भैरव विभो ॥

Übersetzung: Darum wird die Kraft des allgegenwärtigen Herrn, ob sie in geordneten, ungeordneten oder anderen Zuständen erscheint, niemals wirklich verschieden. Auf dieser Ebene liegt dein Zustand, der »Akula« genannt wird. O Bhairava, allgegenwärtiger Herr, möge der Boden meines Herzens ganz auf diesen Einen gesammelt sein.

Vers 12
amuṣmāt saṃpūrnāt vata rasamahollāsasarasān nijāṃ śaktiṃ
bhedaṃ gamayasi nijecchāprasarataḥ |
anarghaṃ svātantryaṃ tava tadidam atyadbhutamayīṃ
bhavacchaktiṃ stunvan vigalitabhayo 'haṃ śivamayaḥ ||

अमुष्मात् संपूर्नात् वत रसमहोल्लाससरसान् निजां शक्तिं
भेदं गमयसि निजेच्छाप्रसरतः ।
अनर्घं स्वातन्त्र्यं तव तदिदम् अत्यद्भुतमयीं
भवच्छक्तिं स्तुन्वन् विगलितभयो ऽहं शिवमयः ॥

Übersetzung: Aus dieser vollkommenen, von der Freude höchsten Geschmackes überströmenden Fülle lässt du durch die freie Ausbreitung deines eigenen Willens deine eigene Shakti in Unterschiedenheit treten. Dieses dein unschätzbares Svatantrya – deine Freiheit – ist überaus wunderbar. Deine Shakti preisend bin ich frei von Furcht und von Shiva erfüllt.

Vers 13
idantāvad rūpaṃ tava bhagavataḥ śaktisarasaṃ
kramābhāvād eva prasabhavigalat kālakalanam |
manaḥśaktyā vācāpy atha karaṇacakrair bahir atho ghaṭādyais
tadrūpaṃ yugapad adhitiṣṭheyam aniśam ||

इदन्तावद् रूपं तव भगवतः शक्तिसरसं
क्रमाभावाद् एव प्रसभविगलत् कालकलनम् ।
मनःशक्त्या वाचाप्य् अथ करणचक्रैर् बहिर् अथो घटाद्यैस्
तद्रूपं युगपद् अधितिष्ठेयम् अनिशम् ॥

Übersetzung: Dies also ist die Gestalt des Herrn, ganz erfüllt vom Saft der Shakti; weil in ihr keine wirkliche Abfolge besteht, fällt die Berechnung der Zeit machtvoll dahin. Mit der Kraft des Geistes, mit der Rede, mit dem Kreis der Sinne und Tätigkeitsorgane und auch äußerlich in Gefäß und Welt möchte ich diese Gestalt zugleich, unaufhörlich, erfahren.

Vers 14
kramollāsaṃ tasyāṃ bhuvi viracayan bhedakalanāṃ
svaśaktīnāṃ deva prathayasi sadā svātmani tataḥ |
kriyājñānecchākhyāṃ sthitilayamahāsṛṣṭivibhavāṃ trirūpaṃ
bhūyāsaṃ samadhiśayituṃ vyagrahṛdayaḥ ||

क्रमोल्लासं तस्यां भुवि विरचयन् भेदकलनां
स्वशक्तीनां देव प्रथयसि सदा स्वात्मनि ततः ।
क्रियाज्ञानेच्छाख्यां स्थितिलयमहासृष्टिविभवां त्रिरूपं
भूयासं समधिशयितुं व्यग्रहृदयः ॥

Übersetzung: Indem du auf dieser Ebene das Aufleuchten der Folge hervorbringst, lässt du, o Gott, die Gliederung deiner eigenen Kräfte stets in dir selbst hervortreten. Als Handeln, Erkennen und Wollen, als Macht von Bestand, Auflösung und großer Schöpfung erscheint sie dreifach. Mein Herz verlangt danach, diese Dreifaltigkeit in ihrer Einheit zu erfassen.

Vers 15
purā sṛṣṭir līnā hutavahamayī yātra vilaset
parollāsaunmukhyaṃ vrajati śaśisaṃsparśasubhagā |
hutāśendusphārobhayavibhavabhāg bhairavavibho taveyaṃ
sṛṣṭyākhyā mama manasi nityaṃ vilasatām ||

पुरा सृष्टिर् लीना हुतवहमयी यात्र विलसेत्
परोल्लासौन्मुख्यं व्रजति शशिसंस्पर्शसुभगा ।
हुताशेन्दुस्फारोभयविभवभाग् भैरवविभो तवेयं
सृष्ट्याख्या मम मनसि नित्यं विलसताम् ॥

Übersetzung: Möge jene Schöpfung, die zuvor im feurigen Zustand aufgelöst war, dort wieder erstrahlen; dem Aufleuchten des Höchsten zugewandt wird sie durch die Berührung des Mondes lieblich. O Bhairava, Herr, diese deine Schöpfung, die an der Entfaltung von Feuer und Mond zugleich teilhat, möge ewig in meinem Geist leuchten.

Vers 16
visṛṣṭe bhāvāṃśe bahir atiśayāsvādavirase yadā
tatraiva tvaṃ bhajasi rabhasād raktimayatām |
tadā raktā devī tava sakalabhāveṣu nanu māṃ kriyād
raktāpānakramaghaṭitagoṣṭhīgataghṛṇam ||

विसृष्टे भावांशे बहिर् अतिशयास्वादविरसे यदा
तत्रैव त्वं भजसि रभसाद् रक्तिमयताम् ।
तदा रक्ता देवी तव सकलभावेषु ननु मां क्रियाद्
रक्तापानक्रमघटितगोष्ठीगतघृणम् ॥

Übersetzung: Wenn der Anteil der Erscheinungen nach außen entlassen und der gesteigerte Geschmack des Äußeren schal geworden ist, wendest du dich gerade dort mit Macht zur Rotfärbung der Leidenschaft. Dann möge deine Göttin Raktā in allen Erscheinungen in mir die Scheu vor jener Versammlung auflösen, die im Krama als Trinken des Roten dargestellt wird.

Vers 17
bahir vṛttiṃ hātuṃ citibhuvam udārāṃ nivasituṃ yadā
bhāvābhedaṃ prathayasi vinaṣṭormicapalaḥ |
sthiter nāśaṃ devī kalayati tadā sā tava vibho sthiteḥ
sāṃsārikyāḥ kalayatu vināśaṃ mama sadā ||

बहिर् वृत्तिं हातुं चितिभुवम् उदारां निवसितुं यदा
भावाभेदं प्रथयसि विनष्टोर्मिचपलः ।
स्थितेर् नाशं देवी कलयति तदा सा तव विभो स्थितेः
सांसारिक्याः कलयतु विनाशं मम सदा ॥

Übersetzung: Wenn du die nach außen gerichtete Bewegung aufgibst, um im erhabenen Feld des Bewusstseins zu wohnen, und die Nichtverschiedenheit der Erscheinungen offenbarst, während die flatternde Bewegung der Wellen erloschen ist, dann vollzieht deine Göttin die Aufhebung des Bestandes. O Herr, möge sie in mir stets auch den Bestand des Saṃsāra auflösen.

Vers 18
jagatsaṃhāreṇa praśamayitukāmaḥ svarabhasāt
svaśaṅkātaṅkākhyaṃ vidhim atha niṣedhaṃ prathayasi |
yamaṃ sṛṣṭvetthaṃ tvaṃ punar api ca śaṅkāṃ vidalayan
mahādevī seyaṃ mama bhavabhayaṃ saṃdalayatām ||

जगत्संहारेण प्रशमयितुकामः स्वरभसात्
स्वशङ्कातङ्काख्यं विधिम् अथ निषेधं प्रथयसि ।
यमं सृष्ट्वेत्थं त्वं पुनर् अपि च शङ्कां विदलयन्
महादेवी सेयं मम भवभयं संदलयताम् ॥

Übersetzung: Wenn du, vom eigenen Impuls getragen, durch die Auflösung der Welt die Angst, die als Zweifel und Beklemmung erscheint, stillen willst, bringst du zunächst Vorschrift und Verbot hervor. Nachdem du so die Zügelung gesetzt hast, zerschlägst du wiederum den Zweifel. Möge diese große Göttin meine Furcht vor dem Werden vollständig zerschmettern.

Vers 19
vilīne śaṅkaughe sapadi paripūrṇe ca vibhave gate
lokācāre galitavibhave śāstraniyame |
anantaṃ bhogyaughaṃ grasitum abhito laṃpaṭarasā vibho
saṃhārākhyā mama hṛdi bhidāṃśaṃ praharatu ||

विलीने शङ्कौघे सपदि परिपूर्णे च विभवे गते
लोकाचारे गलितविभवे शास्त्रनियमे ।
अनन्तं भोग्यौघं ग्रसितुम् अभितो लंपटरसा विभो
संहाराख्या मम हृदि भिदांशं प्रहरतु ॥

Übersetzung: Wenn die Masse der Zweifel aufgelöst, die Fülle augenblicklich vollkommen geworden, weltliche Konvention entschwunden und die Macht der Schriftregeln dahingefallen ist, dann ist die Kraft, die »Auflösung« heißt, begierig, die grenzenlose Fülle des Erfahrbaren von allen Seiten zu verschlingen. O Herr, möge sie in meinem Herzen den Anteil der Trennung treffen und vernichten.

Vers 20
taditthaṃ devībhiḥ sapadi dalite bhedavibhave
vikalpaprāṇāsau pravilasati mātṛsthitir alam |
ataḥ saṃhārāṃśam nijahṛdi vimṛśya sthitimayī
prasannā syān mṛtyupralayakaraṇī me bhagavatī ||

तदित्थं देवीभिः सपदि दलिते भेदविभवे
विकल्पप्राणासौ प्रविलसति मातृस्थितिर् अलम् ।
अतः संहारांशम् निजहृदि विमृश्य स्थितिमयी
प्रसन्ना स्यान् मृत्युप्रलयकरणी मे भगवती ॥

Übersetzung: Wenn so durch die Göttinnen die Macht der Verschiedenheit zerschlagen ist, tritt dennoch deutlich der Zustand des erkennenden Subjekts hervor, dessen Lebensatem die begriffliche Unterscheidung ist. Darum möge die gütige Bhagavatī, die im Herzen den Anteil der Auflösung erkennt und zugleich die Form des Bestandes trägt, für mich selbst Tod und Auflösung auflösen.

Vers 21
taditthaṃ te tisro nijavibhavavisphāraṇavaśād avāptāḥ
ṣaṭcakrakramakṛtapadaṃ śaktaya imāḥ |
kramād unmeṣeṇa pravidadhati citrāṃ bhavadaśām imābhyo
devībhyaḥ pravaṇahṛdayaḥ syāṃ gatabhayaḥ ||

तदित्थं ते तिस्रो निजविभवविस्फारणवशाद् अवाप्ताः
षट्चक्रक्रमकृतपदं शक्तय इमाः ।
क्रमाद् उन्मेषेण प्रविदधति चित्रां भवदशाम् इमाभ्यो
देवीभ्यः प्रवणहृदयः स्यां गतभयः ॥

Übersetzung: So haben diese drei Shaktis durch die Entfaltung deiner eigenen Herrlichkeit ihren Platz in der Reihenfolge eines sechsfachen Rades erlangt. Durch das schrittweise Sich-Öffnen bringen sie die mannigfaltigen Zustände des Daseins hervor. Diesen Göttinnen sei mein Herz hingegeben; frei von Furcht möge ich sein.

Vers 22
imāṃ rundhe bhūmiṃ bhavabhayabhidātaṅkakaraṇīm imāṃ
bodhaikāntadrutirasamayīm cāpi vidadhe |
taditthaṃ saṃrodhaṃ drutim atha vilupyāśubhatatīr
yatheṣṭaṃ cācāraṃ bhajati lasatāṃ sā mama hṛdi ||

इमां रुन्धे भूमिं भवभयभिदातङ्ककरणीम् इमां
बोधैकान्तद्रुतिरसमयीम् चापि विदधे ।
तदित्थं संरोधं द्रुतिम् अथ विलुप्याशुभततीर्
यथेष्टं चाचारं भजति लसतां सा मम हृदि ॥

Übersetzung: Sie hemmt diese Ebene, die durch die Zerschlagung der Furcht des Werdens erschreckend erscheint, und verwandelt sie zugleich in den Geschmack eines völligen Aufgehens in Erkenntnis. Nachdem Hemmung und Schmelzen so vollzogen und die Reihen des Unheils aufgelöst sind, bewegt sie sich frei nach ihrem eigenen Maß. Möge sie in meinem Herzen erstrahlen.

Vers 23
kriyābuddhyakṣādeḥ parimitapade mānapadavīm avāptasya
sphāraṃ nijanijarucā saṃharati yā |
iyaṃ mārtaṇḍasya sthitipadayujaḥ sāram akhilam haṭhād
ākarṣantī kṛśatu mama bhedaṃ bhavabhayāt ||

क्रियाबुद्ध्यक्षादेः परिमितपदे मानपदवीम् अवाप्तस्य
स्फारं निजनिजरुचा संहरति या ।
इयं मार्तण्डस्य स्थितिपदयुजः सारम् अखिलम् हठाद्
आकर्षन्ती कृशतु मम भेदं भवभयात् ॥

Übersetzung: Was im begrenzten Bereich von Handlung, Intellekt, Sinnen und Ähnlichem den Pfad des Messens angenommen hat, dessen Ausdehnung zieht sie kraft ihres eigenen Glanzes wieder ein. Diese Kraft zieht gewaltsam die ganze Essenz des Mārtaṇḍa an, der mit der Stufe des Bestandes verbunden ist. Möge sie meine Trennung und damit die Furcht des Werdens schwächen.

Vers 24
samagrām akṣālīṃ kramavirahitā sātmani muhur
niveśyānantāntarbahalitamahāraśminivahā |
parā divyānandaṃ kalayitum udārādaravatī prasannā me
bhūyāt hṛdayapadavīṃ bhūṣayatu ca ||

समग्राम् अक्षालीं क्रमविरहिता सात्मनि मुहुर्
निवेश्यानन्तान्तर्बहलितमहारश्मिनिवहा ।
परा दिव्यानन्दं कलयितुम् उदारादरवती प्रसन्ना मे
भूयात् हृदयपदवीं भूषयतु च ॥

Übersetzung: Ohne jede Abfolge nimmt sie immer wieder die Gesamtheit der Sinne in sich selbst auf und wird zu einer dichten Fülle großer Strahlen, grenzenlos nach innen und außen. Die höchste Göttin, voller edler Hinwendung, göttliche Wonne zu verwirklichen, möge mir gnädig sein und den Weg meines Herzens schmücken.

Vers 25
pramāṇe saṃlīne śivapadalasadvaibhavavaśāt
śarīraprāṇādir mitakṛtakamātṛsthitimayaḥ |
yadā kālopādhiḥ pralayapadam āsādayati te tadā devī yāsau
lasati mama sā syāc chivamayī ||

प्रमाणे संलीने शिवपदलसद्वैभववशात्
शरीरप्राणादिर् मितकृतकमातृस्थितिमयः ।
यदा कालोपाधिः प्रलयपदम् आसादयति ते तदा देवी यासौ
लसति मम सा स्याच् छिवमयी ॥

Übersetzung: Wenn das Erkenntnismittel in der Herrlichkeit des strahlenden Shiva-Zustandes aufgegangen ist und Körper, Lebenshauch und Ähnliches in den begrenzten, konstruierten Zustand des erkennenden Subjekts eingetreten sind, wenn schließlich auch die Begrenzung durch Zeit den Zustand der Auflösung erreicht, dann möge jene Göttin, die dort erstrahlt, mich ganz Shiva werden lassen.

Vers 26
prakāśākhyā saṃvit kramavirahitā śūnyapadato
bahirlīnātyantam prasarati samācchādakatayā |
tato 'py antaḥsāre galitarabhasād akramatayā mahākālī
seyaṃ mama kalayatāṃ kālam akhilam ||

प्रकाशाख्या संवित् क्रमविरहिता शून्यपदतो
बहिर्लीनात्यन्तम् प्रसरति समाच्छादकतया ।
ततो ऽप्य् अन्तःसारे गलितरभसाद् अक्रमतया महाकाली
सेयं मम कलयतां कालम् अखिलम् ॥

Übersetzung: Das Bewusstsein, das »Licht« heißt und frei von Abfolge ist, breitet sich aus der Stufe der Leere nach außen aus und scheint alles zu überdecken. Wenn schließlich auch dieser Drang im innersten Wesen schwindet und jede Folge aufgehoben ist, möge diese Mahākālī für mich die gesamte Zeit in sich aufnehmen.

Vers 27
tato devyāṃ yasyāṃ paramaparipūrṇasthitijuṣi kramaṃ
vicchidyāśu sthitimatirasāt saṃvidadhati |
pramāṇaṃ mātāraṃ mitim atha samagraṃ jagad idaṃ sthitāṃ
kroḍīkṛtya śrayatu mama cittaṃ citim imām ||

ततो देव्यां यस्यां परमपरिपूर्णस्थितिजुषि क्रमं
विच्छिद्याशु स्थितिमतिरसात् संविदधति ।
प्रमाणं मातारं मितिम् अथ समग्रं जगद् इदं स्थितां
क्रोडीकृत्य श्रयतु मम चित्तं चितिम् इमाम् ॥

Übersetzung: Darauf möge mein Geist Zuflucht nehmen in jener Bewusstheit, in jener Göttin, die in der höchsten vollkommenen Fülle ruht und die Folge plötzlich durchschneidet. Sie umfasst in sich Erkenntnismittel, Erkennenden, Erkenntnismaß und diese ganze Welt und hält all dies in ihrem Schoß.

Vers 28
anargalasvātmamaye maheśe tiṣṭhanti
yasmin vibhuśaktayas tāḥ |
taṃ śaktimantaṃ praṇamāmi devaṃ
manthānasaṃjñaṃ jagadekasāram ||

अनर्गलस्वात्ममये महेशे तिष्ठन्ति
यस्मिन् विभुशक्तयस् ताः ।
तं शक्तिमन्तं प्रणमामि देवं
मन्थानसंज्ञं जगदेकसारम् ॥

Übersetzung: Ich verneige mich vor dem machtvollen Gott, der Manthāna genannt wird, der die eine Essenz des Universums ist. In ihm, dem großen Herrn, der ganz das ungehinderte eigene Selbst ist, ruhen all die Kräfte des Allgegenwärtigen.

Vers 29
itthaṃ svaśaktikiraṇaughanutiprabandhān ākarṇya deva
yadi me vrajasi prasādam |
tenāśu sarvajanatāṃ
nijaśāsanāṃśusaṃśāntitākhilatamaḥpaṭalāṃ vidheyāḥ ||

इत्थं स्वशक्तिकिरणौघनुतिप्रबन्धान् आकर्ण्य देव
यदि मे व्रजसि प्रसादम् ।
तेनाशु सर्वजनतां
निजशासनांशुसंशान्तिताखिलतमःपटलां विधेयाः ॥

Übersetzung: O Gott, wenn du, nachdem du diese fortlaufenden Lobpreisungen des Stromes deiner eigenen Shakti-Strahlen vernommen hast, mir deine Gnade gewährst, dann mache rasch alle Menschen zu solchen, bei denen die gesamte Finsternis durch die Strahlen deiner eigenen Lehre zur Ruhe gekommen ist.

Datierungsvers
ṣaṭṣaṣṭinām eke varṣe navamyām asite 'hani |
mayā 'bhinavaguptena mārgaśīrṣe stutaḥ śivaḥ ||

षट्षष्टिनाम् एके वर्षे नवम्याम् असिते ऽहनि ।
मया ऽभिनवगुप्तेन मार्गशीर्षे स्तुतः शिवः ॥

Übersetzung: Im Jahr sechsundsechzig und eins, am neunten Tag der dunklen Monatshälfte, im Monat Mārgaśīrṣa, wurde Shiva von mir, Abhinavagupta, gepriesen. Die traditionelle chronologische Auslegung dieses Datums führt auf 991 n. Chr.

Kolophon
iti śrī abhinavaguptapādācāryakṛtaṃ kramastotraṃ sampūrṇam ||
इति श्री अभिनवगुप्तपादाचार्यकृतं क्रमस्तोत्रं सम्पूर्णम् ॥

Übersetzung: Damit ist das von dem ehrwürdigen Lehrer Abhinavagupta verfasste Kramastotra vollendet.

Das Kramastotra in einer zusammenhängenden deutschen Übersetzung

1. Dies ist das Mahl nach dem Ende des Gelübdes, das aus der Schar der Leiden herausführt; dies ist wie ein segensreicher Regentag im Strom der Essenz höchsten Glücks: Wenn im Lobpreis des allmächtigen Herrn, der die giftigen Pfeile des Andersseins verbrennt, mein Geist immer wieder widerhallt, wird er frei von Furcht.

2. Nachdem der Lobpreisende sein eigenes Selbst betrachtet hat, betrachtet er wiederum das gepriesene Wirken; im Lobpreis macht er scheinbar einen Unterschied zwischen Lobendem und Gelobtem sichtbar. Doch wenn das eigene Selbst im Augenblick allumfassender Erkenntnis erkannt ist, dann vollzieht sich dein Lobpreis für mich hier beständig ohne Anstrengung.

3. Das eigene Selbst kann bei keiner Erkenntnis eines Gegenstandes völlig unberührt bleiben; selbst die Aussage »das Selbst ist unberührt« ist ohne einen Akt inneren Erfassens nicht möglich. Und dieses eigene Selbst ist Shiva, die eine Essenz, die in allen Erscheinungen aufleuchtet. Darum ist mein Herz deinem Lobpreis zugewandt, und ich ruhe in beständigem Glück.

4. O Herz, durch dich ist ohne Mühe jene Allwissenheit erlangt worden, die durch die vielfältigen Gefüge der Verwirrung um Geburt, Gattung und Ähnliches verhüllt scheint. Tritt nun klar in die Sprache ein, die im Innern zum Weg des sich ausbreitenden Lichtes deiner Erkenntnis geworden ist, und offenbare den Lobpreis des Herrn.

5. Indem ich diese als Bindung vorgestellte Ordnung des Weges des Werdens abschüttle, indem die Unterschiedenheit im Feuer grenzenlosen Lobpreises zu Geschmack und Erfahrung geworden und verbrannt ist, trinke ich aus dem Überschwang der Herrlichkeit deines vielfältigen Selbsterstrahlens diese Erscheinungen in mich hinein. O Gnadenspender, berauscht davon bin ich glücklich.

6. Wenn das Herz vom wunderbaren Wirken des Herrn erfüllt ist, dessen vielfache Kräfte unermessliche Herrschaft offenbaren, wie könnte es dann überhaupt einen Lobpreis verfassen? Und doch tut es dies spontan: Für das Erlangen der Einheit mit Shiva ist die Verneigung vor Shiva das erste Mittel.

7. Nimmt man vom Feuer Flammengestalt, Leuchten, Kochen, Brennen und Offenbaren weg, bleibt kein anderes Wesen des Feuers übrig. Ebenso lobe ich die je eigenen Strahlen des Bewusstseins: Indem sie gepriesen werden, wird Er gepriesen; denn es gibt keine andere Entfaltung des höchsten Herrn.

8. In der Vielfalt des Hervortretens, wo starre Begrenzung geschwunden ist, liegt jener Geschmack, der wegen des Fehlens jeder Abgrenzung unvergleichliche höchste Fülle ist: die Vereinigung der Lichter in sich selbst, das Einssein mit allen Zuständen des Werdens und die höchste Bewusstheit, deren unschätzbare Würde gerade in scheinbar gegensätzlichen Eigenschaften erstrahlt.

9. In solchen Gestalten, o Gnadenspender, erscheint dein vielfältiger Leib in dieser Welt als dein eigener Anteil und doch ohne wirkliche Trennung vom Herrn. Eben dies zu preisen mögen mein Herz, meine Rede und die Tätigkeiten der äußeren Organe niemals ihren freudigen Eifer verlieren.

10. Im Innern des einen Meeres der Erkenntnis, das dein eigenes strahlendes Licht ist, liegt von selbst die Freude am Sich-Ausbreiten unzähliger Wellen. Eben diese erscheinen zugleich als Aufgang und Untergang von Mond, Sonne und Feuer, deren Glanz Schöpfung, Bestand und Auflösung verkörpert.

11. Darum wird die Kraft des allgegenwärtigen Herrn, ob sie in geordneten, ungeordneten oder anderen Zuständen erscheint, niemals wirklich verschieden. Auf dieser Ebene liegt dein Zustand, der »Akula« genannt wird. O Bhairava, allgegenwärtiger Herr, möge der Boden meines Herzens ganz auf diesen Einen gesammelt sein.

12. Aus dieser vollkommenen, von der Freude höchsten Geschmackes überströmenden Fülle lässt du durch die freie Ausbreitung deines eigenen Willens deine eigene Shakti in Unterschiedenheit treten. Dieses dein unschätzbares Svatantrya – deine Freiheit – ist überaus wunderbar. Deine Shakti preisend bin ich frei von Furcht und von Shiva erfüllt.

13. Dies also ist die Gestalt des Herrn, ganz erfüllt vom Saft der Shakti; weil in ihr keine wirkliche Abfolge besteht, fällt die Berechnung der Zeit machtvoll dahin. Mit der Kraft des Geistes, mit der Rede, mit dem Kreis der Sinne und Tätigkeitsorgane und auch äußerlich in Gefäß und Welt möchte ich diese Gestalt zugleich, unaufhörlich, erfahren.

14. Indem du auf dieser Ebene das Aufleuchten der Folge hervorbringst, lässt du, o Gott, die Gliederung deiner eigenen Kräfte stets in dir selbst hervortreten. Als Handeln, Erkennen und Wollen, als Macht von Bestand, Auflösung und großer Schöpfung erscheint sie dreifach. Mein Herz verlangt danach, diese Dreifaltigkeit in ihrer Einheit zu erfassen.

15. Möge jene Schöpfung, die zuvor im feurigen Zustand aufgelöst war, dort wieder erstrahlen; dem Aufleuchten des Höchsten zugewandt wird sie durch die Berührung des Mondes lieblich. O Bhairava, Herr, diese deine Schöpfung, die an der Entfaltung von Feuer und Mond zugleich teilhat, möge ewig in meinem Geist leuchten.

16. Wenn der Anteil der Erscheinungen nach außen entlassen und der gesteigerte Geschmack des Äußeren schal geworden ist, wendest du dich gerade dort mit Macht zur Rotfärbung der Leidenschaft. Dann möge deine Göttin Raktā in allen Erscheinungen in mir die Scheu vor jener Versammlung auflösen, die im Krama als Trinken des Roten dargestellt wird.

17. Wenn du die nach außen gerichtete Bewegung aufgibst, um im erhabenen Feld des Bewusstseins zu wohnen, und die Nichtverschiedenheit der Erscheinungen offenbarst, während die flatternde Bewegung der Wellen erloschen ist, dann vollzieht deine Göttin die Aufhebung des Bestandes. O Herr, möge sie in mir stets auch den Bestand des Saṃsāra auflösen.

18. Wenn du, vom eigenen Impuls getragen, durch die Auflösung der Welt die Angst, die als Zweifel und Beklemmung erscheint, stillen willst, bringst du zunächst Vorschrift und Verbot hervor. Nachdem du so die Zügelung gesetzt hast, zerschlägst du wiederum den Zweifel. Möge diese große Göttin meine Furcht vor dem Werden vollständig zerschmettern.

19. Wenn die Masse der Zweifel aufgelöst, die Fülle augenblicklich vollkommen geworden, weltliche Konvention entschwunden und die Macht der Schriftregeln dahingefallen ist, dann ist die Kraft, die »Auflösung« heißt, begierig, die grenzenlose Fülle des Erfahrbaren von allen Seiten zu verschlingen. O Herr, möge sie in meinem Herzen den Anteil der Trennung treffen und vernichten.

20. Wenn so durch die Göttinnen die Macht der Verschiedenheit zerschlagen ist, tritt dennoch deutlich der Zustand des erkennenden Subjekts hervor, dessen Lebensatem die begriffliche Unterscheidung ist. Darum möge die gütige Bhagavatī, die im Herzen den Anteil der Auflösung erkennt und zugleich die Form des Bestandes trägt, für mich selbst Tod und Auflösung auflösen.

21. So haben diese drei Shaktis durch die Entfaltung deiner eigenen Herrlichkeit ihren Platz in der Reihenfolge eines sechsfachen Rades erlangt. Durch das schrittweise Sich-Öffnen bringen sie die mannigfaltigen Zustände des Daseins hervor. Diesen Göttinnen sei mein Herz hingegeben; frei von Furcht möge ich sein.

22. Sie hemmt diese Ebene, die durch die Zerschlagung der Furcht des Werdens erschreckend erscheint, und verwandelt sie zugleich in den Geschmack eines völligen Aufgehens in Erkenntnis. Nachdem Hemmung und Schmelzen so vollzogen und die Reihen des Unheils aufgelöst sind, bewegt sie sich frei nach ihrem eigenen Maß. Möge sie in meinem Herzen erstrahlen.

23. Was im begrenzten Bereich von Handlung, Intellekt, Sinnen und Ähnlichem den Pfad des Messens angenommen hat, dessen Ausdehnung zieht sie kraft ihres eigenen Glanzes wieder ein. Diese Kraft zieht gewaltsam die ganze Essenz des Mārtaṇḍa an, der mit der Stufe des Bestandes verbunden ist. Möge sie meine Trennung und damit die Furcht des Werdens schwächen.

24. Ohne jede Abfolge nimmt sie immer wieder die Gesamtheit der Sinne in sich selbst auf und wird zu einer dichten Fülle großer Strahlen, grenzenlos nach innen und außen. Die höchste Göttin, voller edler Hinwendung, göttliche Wonne zu verwirklichen, möge mir gnädig sein und den Weg meines Herzens schmücken.

25. Wenn das Erkenntnismittel in der Herrlichkeit des strahlenden Shiva-Zustandes aufgegangen ist und Körper, Lebenshauch und Ähnliches in den begrenzten, konstruierten Zustand des erkennenden Subjekts eingetreten sind, wenn schließlich auch die Begrenzung durch Zeit den Zustand der Auflösung erreicht, dann möge jene Göttin, die dort erstrahlt, mich ganz Shiva werden lassen.

26. Das Bewusstsein, das »Licht« heißt und frei von Abfolge ist, breitet sich aus der Stufe der Leere nach außen aus und scheint alles zu überdecken. Wenn schließlich auch dieser Drang im innersten Wesen schwindet und jede Folge aufgehoben ist, möge diese Mahākālī für mich die gesamte Zeit in sich aufnehmen.

27. Darauf möge mein Geist Zuflucht nehmen in jener Bewusstheit, in jener Göttin, die in der höchsten vollkommenen Fülle ruht und die Folge plötzlich durchschneidet. Sie umfasst in sich Erkenntnismittel, Erkennenden, Erkenntnismaß und diese ganze Welt und hält all dies in ihrem Schoß.

28. Ich verneige mich vor dem machtvollen Gott, der Manthāna genannt wird, der die eine Essenz des Universums ist. In ihm, dem großen Herrn, der ganz das ungehinderte eigene Selbst ist, ruhen all die Kräfte des Allgegenwärtigen.

29. O Gott, wenn du, nachdem du diese fortlaufenden Lobpreisungen des Stromes deiner eigenen Shakti-Strahlen vernommen hast, mir deine Gnade gewährst, dann mache rasch alle Menschen zu solchen, bei denen die gesamte Finsternis durch die Strahlen deiner eigenen Lehre zur Ruhe gekommen ist.

Datierung und Abschluss. Im Jahr sechsundsechzig und eins, am neunten Tag der dunklen Monatshälfte des Mārgaśīrṣa, pries Abhinavagupta Shiva. Damit endet das von ihm verfasste Kramastotra.

Zentrale Lehren des Kramastotra

Lobpreis wird zu Selbsterkenntnis
Schon die ersten Strophen stellen die gewöhnliche Struktur religiöser Verehrung in Frage. Solange ein Lobender einem gelobten Gott gegenübersteht, scheint Dualität zu bestehen. In tiefer Erkenntnis zeigt sich jedoch: Das Selbst, das erkennt, ist selbst Shiva. Das Stotra wird damit von äußerem Lob zu einer Bewegung der Selbsterkenntnis.

Alle Erscheinungen sind Strahlen des Bewusstseins
Wie Feuer nicht von seinem Leuchten und Brennen getrennt werden kann, so ist der höchste Herr nicht von seinen Bewusstseinsstrahlen verschieden. Die Welt wird daher nicht als etwas grundsätzlich Fremdes abgewertet. Ihre Formen sind Entfaltungen derselben Samvit, die auch im innersten Selbst leuchtet.

Krama und Akrama
Die Welt erscheint als Folge: Schöpfung, Bestand, Rücknahme, Erkenntnis und erneutes Hervortreten. Die höchste Wirklichkeit selbst ist jedoch akrama, jenseits von Folge. Die spirituelle Einsicht hebt die Folge nicht äußerlich auf; sie erkennt vielmehr in jeder Folge das zeitlose Bewusstsein, das sie trägt.

Shakti als kosmische und innere Dynamik
Die Göttinnen des Krama stehen für Kräfte des Hervortretens, Erhaltens, Zurücknehmens und Überschreitens. Abhinavaguptas Sprache bleibt bewusst mehrdeutig: Kosmologie, innere Erfahrung und tantrische Symbolik durchdringen einander. Für heutige Leser ist es hilfreich, diese Bilder nicht vorschnell als lineare Ritualanweisung zu lesen, sondern als verdichtete Darstellung von Bewusstseinsprozessen.

Überwindung der Zeit
In den späten Strophen verdichtet sich die Lehre auf Mahākālī: Wenn selbst die Folge der Erkenntnis zur Ruhe kommt, wird die Zeit selbst in die höchste Bewusstheit zurückgenommen. Befreiung bedeutet dann nicht Flucht aus der Welt, sondern Freiheit von der Vorstellung, das Selbst sei durch zeitliche Abfolge und begrenzte Identität bestimmt.

Zur Vertiefung der Verehrung der göttlichen Shakti kann ergänzend dieses Yoga-Vidya-Video eingebunden werden:

Shiva Nataraja: Entfaltung und Rücknahme des Kosmos können als Ausdruck ein und desselben göttlichen Bewusstseins verstanden werden.

Inspirationen aus dem Kramastotra

„Das eigene Selbst ist Shiva“
śivaś cāsau svātmā sphurad akhilabhāvaikasarasaḥ

Übersetzung: Dieses eigene Selbst ist Shiva, die eine Essenz, die in allen Erscheinungen aufleuchtet.

Inspiration: Die spirituelle Suche führt nicht nur zu einem fernen Ziel. Sie kann in die unmittelbare Frage münden: Was ist das Bewusstsein, in dem alle Erfahrungen erscheinen?

„Alle Kräfte sind Strahlen des einen Bewusstseins“
stuve saṃvidraśmīn yadi nijanijāṃs tena sa nuto bhavet

Übersetzung: Wenn ich die je eigenen Strahlen des Bewusstseins preise, wird dadurch Er selbst gepriesen.

Inspiration: Jede klare Wahrnehmung, jede echte Erkenntnis und jede Kraft des Herzens kann als Hinweis auf den einen Grund des Bewusstseins dienen.

„Die Freiheit des Göttlichen“
anarghaṃ svātantryaṃ tava tadidam atyadbhutamayīm

Übersetzung: Unschätzbar ist deine Freiheit; überaus wunderbar ist diese deine Shakti.

Inspiration: In der nichtdualen Tantra-Philosophie ist die Welt nicht außerhalb des Göttlichen entstanden. Sie ist Ausdruck von Freiheit – und lädt dazu ein, Bindung nicht mit dem Wesen des Selbst zu verwechseln.

„Jenseits der Zeit“
mahākālī seyaṃ mama kalayatāṃ kālam akhilam

Übersetzung: Möge diese Mahākālī für mich die gesamte Zeit in sich aufnehmen.

Inspiration: Meditation kann einen Geschmack jener Gegenwärtigkeit schenken, in der Vergangenheit und Zukunft ihre zwingende Macht verlieren und reines Gewahrsein hervortritt.

Verhältnis zu anderen Schriften

Das Kramastotra ist besonders eng mit Abhinavaguptas umfassender tantrischer Synthese verbunden. Im Tantraloka werden Krama, Kula, Trika, Bhairava-Lehren, Initiation und die verschiedenen Wege der Erkenntnis systematisch eingeordnet; der Tantrasara bietet eine kürzere Zusammenfassung. Die Paratrishika und ihre Auslegung führen noch tiefer in die Lehre von Laut, Bewusstsein und höchster Shakti.

Thematisch berühren sich die Aussagen des Kramastotra außerdem mit den Shiva Sutra und der Spanda Karika, insbesondere dort, wo das individuelle Bewusstsein als Ausdruck einer universalen dynamischen Bewusstheit verstanden wird. Das kurze Anuttarashtika Abhinavaguptas betont ähnlich radikal die Unmittelbarkeit der höchsten Wirklichkeit. Auch die Bodhapanchadashika gehört zu den kompakten Texten, in denen Abhinavagupta zentrale Einsichten des nichtdualen Shivaismus poetisch verdichtet.

Die spezifische Eigenart des Kramastotra liegt jedoch in seiner Verbindung von Hymne und Bewusstseinsphilosophie. Es betet nicht nur zu Shiva und Shakti, sondern lässt den Akt des Lobens selbst in die nichtduale Erkenntnis übergehen. Abschließende Betrachtung
Das Kramastotra ist klein im Umfang und groß in seiner geistigen Dichte. Abhinavagupta führt den Leser von der Freude des Lobpreises über die Erkenntnis des eigenen Selbst als Shiva bis zur Schau der gesamten Welt als Entfaltung der Shakti. Schöpfung und Auflösung, Wahrnehmung und Erkenntnis, Bewegung und Ruhe, Folge und Folgenlosigkeit erscheinen als unterschiedliche Seiten einer Wirklichkeit.

Für heutige Yoga-Aspiranten kann darin eine einfache, aber weitreichende Kontemplation liegen: immer wieder wahrzunehmen, dass Gedanken, Gefühle, Sinneseindrücke und Handlungen im selben Bewusstseinsraum erscheinen. Die Hymne lädt dazu ein, diesen Raum nicht als leere Abwesenheit, sondern als lebendige Bewusstheit, Freiheit und göttliche Gegenwart zu erfahren. So wird Verehrung zu Erkenntnis und Erkenntnis wieder zu Verehrung.

Textgrundlage
Grundlage des Sanskrittexts ist die vom Nutzer bereitgestellte GRETIL-Fassung Abhinavagupta: Kramastotra, Datenerfassung Marino Faliero, GRETIL/SUB Göttingen, Version vom 31. Juli 2020; die Datei geht auf eine Erfassung von 1998 zurück. Die vorliegende Ausgabe enthält 29 nummerierte Strophen, einen Datierungsvers und den Kolophon. Der Sanskrit-Grundtext wurde nicht aus anderen Editionen ergänzt. Die offensichtliche technische Erfassungsform mārta.ṅdasya in Strophe 23 wurde als mārtaṇḍasya normalisiert. Die Devanagari-Fassung wurde aus derselben Umschrift transliteriert und stellt keine zusätzliche kritische Edition dar.

Zur historischen Einordnung wurden insbesondere die Forschung zur Krama-Tradition sowie Arbeiten zu Abhinavagupta herangezogen. Der Datierungsvers wird in der Forschung gewöhnlich auf 991 n. Chr. bezogen.

Literatur

  • Navjivan Rastogi: The Krama Tantricism of Kashmir: Historical and General Sources. Motilal Banarsidass, 1979.
  • Navjivan Rastogi: Kālīkrama and Abhinavagupta: The Epistemological Ethos of a Tāntric Tradition. D.K. Printworld, 2025.
  • K. C. Pandey: Abhinavagupta: An Historical and Philosophical Study. 2. Auflage, Chowkhamba Sanskrit Series Office, 1963.

Siehe auch

Seminare

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