Dvayasampatti Varttika

Aus Yogawiki

Dvayasampatti Varttika (Sanskrit: द्वयसम्पत्तिवार्त्तिक dvayasaṃpattivārttika n.) ist ein kurzer, dichter Sanskrittext von Vāmanadatta aus dem Umfeld des nichtdualen kaschmirischen Shivaismus. Die vorliegende GRETIL-Fassung umfasst 23 Verse. Der Titel lässt sich sinngemäß als „Erläuterung zur Vollendung der Zweiheit“ verstehen. Gemeint ist eine yogische und tantrische Lehre, in der Shiva und Shakti, A-Laut und Nāda-Bindu, Bewusstsein und Kraft zunächst als zwei Aspekte unterschieden und schließlich in einer höheren Einheit erfahren werden.

Das Werk verbindet philosophische Aussagen mit konkreter innerer Yogasymbolik: Herzlotus, A-kāra, Nada, Bindu, Kundalini, Prāṇa-Śakti, Augenbrauenmitte, Sonne und Mond. Mehrfach wird eine Praxis beschrieben, die äußere Stützen zurücknimmt und auf ein unmittelbares Eintreten in den nirādhārapada, den „stützenlosen Zustand“, zielt. Vers 14 und Vers 19 verweisen ausdrücklich auf Lehren des Vijñānabhairava. Der Text ist damit ein wertvolles Bindeglied zwischen Mantra-Lehre, subtiler Körperpraxis und nichtdualer Śiva-Erkenntnis.

Shiva als Nataraja – Bewusstsein und schöpferische Kraft erscheinen als untrennbare Einheit.
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Kundalini Shakti – im Text wird Kuṇḍalinī als samenhafte Kraft in Gestalt von Nāda und Bindu beschrieben.

Einführung: Śiva, Śakti und die „Vollendung der Zweiheit“

Die ersten Verse entfalten die Grundstruktur des Textes. Der allgegenwärtige Parameśvara wird als jenseits von Laut und Stimme meditiert. Im Wiederauftauchen aus der Meditation soll sich das Śiva-Sein des Yogi klar offenbaren. Darauf wird der Yogi śaktimaya, von Śakti erfüllt, und erlangt die dvayasaṃpatti.

Vers 4 sagt ausdrücklich, dass die zwei vorangehenden Lehrverse als aus dem „Mund Śivas“ überliefert gelten und dass die nun folgende Darlegung ihre Erläuterung ist. Vāmanadatta entfaltet diese Aussage über Ahaṃkāra, höchste Śakti, Mantra, A-kāra, Nāda und Bindu.

Die zentrale Zuordnung lautet:

A-kāra – Śiva
Nāda und Bindu – Śakti

Nach Vers 8 bilden diese beiden den Samen des Bewegten und Unbewegten. Der Text führt anschließend in Praktiken, in denen diese Polarität auf eine stützenlose, nicht-duale Bewusstseinswirklichkeit hin durchsichtig wird.

Vollständiger deutscher Text

Die folgende Übersetzung enthält alle 23 Verse vollständig und in derselben Reihenfolge wie der bereitgestellte GRETIL-Text. Es handelt sich nicht um eine Auswahlübersetzung.

Vers 1
Verehrung dem höchsten Herrn, dem Herrn der Scharen, dem Träger des Dreizacks, der auf dem Lotus des Bewusstseins thront und dessen eine Gestalt sich vierfach entfaltet.

Vers 2
Wenn die Yogis den allgegenwärtigen höchsten Herrn als jenseits von Laut und Klang meditieren, wird ihnen im Zustand des Wiederauftauchens aus der Meditation ihr Śiva-Sein deutlich offenbar.

Vers 3
Darauf wird der Yogi von Śakti erfüllt und nimmt eine Gestalt aus Nāda und Bindu an. Im grundlosen Zustand verweilend erlangt er die Vollendung der Zweiheit.

Vers 4
Da diese beiden Verse nach der Überlieferung aus dem Mund Śivas hervorgegangen sind, setzt hier diese reine Erläuterung des Schatzes der Yogis ein.

Vers 5
Die Ebene des Ahaṃkāra liegt über der Ebene der Buddhi. Von ihr ist dieses ganze Universum durchdrungen; eben sie ist die Erkennende und schenkt Befreiung.

Vers 6
Die höchste Śakti ist ihrem Wesen nach Bewusstsein, ungeteilt und göttlich. Dieselbe Erkenntniskraft erscheint wiederum in Gestalt des Mantras.

Vers 7
Ahaṃkāra wird als Mantra bezeichnet, dessen Wesen Śiva und Śakti ist. Das erste darin, der sogenannte A-Laut, ist Śiva, der höchste Herr.

Vers 8
Das zweite, das aus Nāda und Bindu besteht, ist die göttliche Śakti. Diese beiden werden als der Same des Bewegten und Unbewegten bezeichnet.

Vers 9
Durch dieses feurige Prinzip sind alle Laute geprägt; deshalb nennen Yogis, die über die Wirklichkeit nachdenken, dies Śabda-Brahman.

Vers 10
Indem man das Atemlose und Klanglose mit der ungeteilten Paśyantī meditiert, löst man sich durch die Vereinigung mit dem reinen Bewusstseinsgewahrsein im höchsten Zustand auf.

Vers 11
So ist es von den Siddhas an einer Stelle in einer Zusammenfassung der Siddhānta-Lehre angewiesen worden: Oberhalb des Nabels liegt eine Spanne, unterhalb der Kehle sechs Fingerbreiten.

Vers 12
In der Mitte dieses Bereichs liegt das Herz, und in dessen Mitte ein Lotus. In seiner Mitte befindet sich eine subtile Perikarp-Zone, die von drei Wegen durchzogen wird.

Vers 13
Dort in der Mitte befindet sich der A-Laut als das eigene Wesensprinzip. Innerhalb des A liegt das höchste, äußerst subtile Prinzip, dessen Kennzeichen reines Bewusstsein ist.

Vers 14
Auch seine Verehrung wurde von Bhairava in der Vijñāna-Lehre beschrieben: Wer den A-Laut ohne Bindu und ohne Visarga wiederholt, bei dem erhebt sich Großes.

Vers 15
O Göttin, plötzlich steigt eine Flut höchster Erkenntnis auf. Im Bereich des Ohres befindet sich die zweite, grundlose göttliche Śakti.

Vers 16
Sie ist die samenhafte Kuṇḍalinī in Gestalt von Nāda und Bindu. Diese Prāṇa-Śakti erklingt im Körper als der H-Laut.

Vers 17
Der Yogi verschließt die Öffnung im Inneren des Ohres und richtet die Aufmerksamkeit klar aus: In Gestalt des Bindu steht zwischen den Augenbrauen die beständige Mutter des Universums.

Vers 18
Die Yogis nehmen sie beständig wahr, wie sie durch ihr eigenes Licht erstrahlt. Ihre beiden Abbilder sind Mond und Sonne im linken und rechten Auge.

Vers 19
Indem man beide ohne äußere Stütze macht, tritt man in das ewige Brahman ein. Auch im Vijñānabhairava, einer von Siddhas verehrten Schrift, wird dies gelehrt.

Vers 20
Höre diese Überlieferung vollständig, o Göttin; ich werde sie dir sagen: Wenn beide Augen nur zur Ruhe gebracht werden, entsteht sogleich Kaivalya.

Vers 21
Indem man die Ohren zusammenzieht und ebenso das untere Tor verschließt und das Lautlose, von Ha freie Prinzip meditiert, tritt man augenblicklich in die Öffnung des Brahman ein.

Vers 22
So wurde es aus dem Mund der Siddhas verkündet und hier selbst angeführt. Yogis, die auf diesem Weg Vollendung erlangen, erreichen nach dem Wortlaut des Textes das yoginīpada.

Vers 23
Dieses Werk stammt von dem Sohn Harṣadattas, der aus dem Land Jāka hervorging und als Löwe im Wald der Mīmāṃsā galt.


Hinweis zur Texttreue
Der Sanskrittext wurde nicht mit anderen Ausgaben harmonisiert. Wo die GRETIL-Fassung ungewöhnliche oder schwer deutbare Formen bietet, bleibt diese Lesart maßgeblich. Die Devanagari-Fassung ist lediglich eine technische Umschriftkonversion derselben gelieferten Sanskritfassung.

Vollständiger Sanskrittext in Umschrift

Die Umschrift folgt vollständig der vom Nutzer bereitgestellten GRETIL-Datei. Es wurden keine Sanskrit-Lesarten aus anderen Editionen ergänzt.

Vers 1
namaḥ paramanāthāya gaṇanāthāya śūline |
cidpadmāsanasaṃsthāya caturdhābhinnamūrtaye || 1 ||

Vers 2
avarṇam asvaraṃ dhyātvā vyāpakaṃ parameśvaram |
vyutthāne yoginām itthaṃ śivatvaṃ jāyate sphuṭam || 2 ||

Vers 3
tataḥ śaktimayo yogī nādabindvātmavigrahaḥ |
dvayasampattim āpnoti nirādhārapade sthitaḥ || 3 ||

Vers 4
ślokadvayam idaṃ yasmāc chivavaktrāgamoditam |
śuddhaiṣā yogikoṣasya vivṛtyeha pravartate || 4 ||

Vers 5
ahaṃkāramayī bhūmir buddhibhūmeḥ parā hi sā |
tayā vyāptam idaṃ sarvaṃ saiva jñātā vimuktidā || 5 ||

Vers 6
saṃvidrūpā parā śaktir abhinnā pārameśvarī |
jñānaśaktiḥ punaḥ saiva mantrarūpā prakāśate || 6 ||

Vers 7
ahaṃkāraḥ smṛto mantraḥ śivaśaktyātmarūpakaḥ |
yad atrādyam avarṇākyaṃ sa śivaḥ parameśvaraḥ || 7 ||

Vers 8
nādabindvātmakaṃ yat tu dvitīyā śaktir aiśvarī |
dvayam etat samākhyātaṃ bījabhūtaṃ carācare || 8 ||

Vers 9
anena mudritāḥ sarve varṇā aṅgārarūpiṇā |
śabdabrahma tataḥ prāhur yoginas tattvacintakāḥ || 9 ||

Vers 10
aprāṇam asvaraṃ dhyātvā paśyantyā nirvibhāgayā |
cinmātrāmarśayogena vilīnaḥ syāt pare pade || 10 ||

Vers 11
tathā hi siddhair ādiṣṭaṃ kvacit siddhāntasaṃgrahe |
nābher ūrdhvaṃ vitastis tu kaṇṭhādhastāt ṣaḍaṅgulam || 11 ||

Vers 12
hṛdayaṃ madhyadeśe tu padmaṃ tu hṛdi madhyataḥ |
tatra madhye sthitā sūkṣmā karṇikā tripathopagā || 12 ||

Vers 13
tatra madhye hy akāraṃ tu svātmatattvaṃ vyavasthitam |
akārāntaḥ paraṃ sūkṣmaṃ cinmātratattvalakṣaṇam || 13 ||

Vers 14
tasyāpy upāsā kathitā vijñāne bhairavena tu |
abindum avisargaṃ ca akāraṃ japato mahān || 14 ||

Vers 15
udeti devi sahasāj jñānaughaḥ parameśvaraḥ |
karṇasthāne nirādhārā dvitiyā śaktir aiśvarī || 15 ||

Vers 16
bījabhūtā kuṇḍalinī nādabindusvarūpiṇī |
prāṇaśaktir iyaṃ dehe hakārākhyā nadaty alam || 16 ||

Vers 17
karṇāntaravivare yogī sthagitvā lakṣayet sphuṭam |
bindurūpā bhruvor madhye viśvasya jananī dhruvā || 17 ||

Vers 18
lakṣyate yogibhir nityaṃ bhrājamāna svatejasā |
tasya bimbau tu candrārkau vāmadakṣinanetrayoḥ || 18 ||

Vers 19
nirāśrayau tu tau kṛtvā viṣed brahma sanātanam |
vijñānabhairave 'py uktaṃ śastre siddhaniṣevite || 19 ||

Vers 20
sampradāyam imaṃ samyak śṛṇu devi vadāmy aham |
kaivalyaṃ jāyate sadyo netrayoḥ stabdhamātrayoḥ || 20 ||

Vers 21
saṃkocaṃ karṇayoḥ kṛtvā hy adhodvāre tathaiva ca |
anackam ahalaṃ dhyāyan viṣed brahmabilaṃ kṣaṇāt || 21 ||

Vers 22
iti siddhamukhodgītaṃ svayam eva udāhṛtam |
mārgenānena saṃsiddhā labhante yoginīpadam || 22 ||

Vers 23
jākadeśasamudbhūto mīmāṃsāvanakesarī |
harṣadattetināmā yas tasya sūnor iyaṃ kṛtiḥ || 23 ||

Vollständiger Sanskrittext in Devanagari

Die Devanagari-Fassung wurde ausschließlich aus der bereitgestellten Umschrift erzeugt. Sie ist keine eigenständige Edition und führt keine fremden Lesarten ein.

Anrufung
ॐ नमः शिवाय ।

Vers 1
नमः परमनाथाय गणनाथाय शूलिने ।
चिद्पद्मासनसंस्थाय चतुर्धाभिन्नमूर्तये ॥ १ ॥

Vers 2
अवर्णम् अस्वरं ध्यात्वा व्यापकं परमेश्वरम् ।
व्युत्थाने योगिनाम् इत्थं शिवत्वं जायते स्फुटम् ॥ २ ॥

Vers 3
ततः शक्तिमयो योगी नादबिन्द्वात्मविग्रहः ।
द्वयसम्पत्तिम् आप्नोति निराधारपदे स्थितः ॥ ३ ॥

Vers 4
श्लोकद्वयम् इदं यस्माच् छिववक्त्रागमोदितम् ।
शुद्धैषा योगिकोषस्य विवृत्येह प्रवर्तते ॥ ४ ॥

Vers 5
अहंकारमयी भूमिर् बुद्धिभूमेः परा हि सा ।
तया व्याप्तम् इदं सर्वं सैव ज्ञाता विमुक्तिदा ॥ ५ ॥

Vers 6
संविद्रूपा परा शक्तिर् अभिन्ना पारमेश्वरी ।
ज्ञानशक्तिः पुनः सैव मन्त्ररूपा प्रकाशते ॥ ६ ॥

Vers 7
अहंकारः स्मृतो मन्त्रः शिवशक्त्यात्मरूपकः ।
यद् अत्राद्यम् अवर्णाक्यं स शिवः परमेश्वरः ॥ ७ ॥

Vers 8
नादबिन्द्वात्मकं यत् तु द्वितीया शक्तिर् ऐश्वरी ।
द्वयम् एतत् समाख्यातं बीजभूतं चराचरे ॥ ८ ॥

Vers 9
अनेन मुद्रिताः सर्वे वर्णा अङ्गाररूपिणा ।
शब्दब्रह्म ततः प्राहुर् योगिनस् तत्त्वचिन्तकाः ॥ ९ ॥

Vers 10
अप्राणम् अस्वरं ध्यात्वा पश्यन्त्या निर्विभागया ।
चिन्मात्रामर्शयोगेन विलीनः स्यात् परे पदे ॥ १० ॥

Vers 11
तथा हि सिद्धैर् आदिष्टं क्वचित् सिद्धान्तसंग्रहे ।
नाभेर् ऊर्ध्वं वितस्तिस् तु कण्ठाधस्तात् षडङ्गुलम् ॥ ११ ॥

Vers 12
हृदयं मध्यदेशे तु पद्मं तु हृदि मध्यतः ।
तत्र मध्ये स्थिता सूक्ष्मा कर्णिका त्रिपथोपगा ॥ १२ ॥

Vers 13
तत्र मध्ये ह्य् अकारं तु स्वात्मतत्त्वं व्यवस्थितम् ।
अकारान्तः परं सूक्ष्मं चिन्मात्रतत्त्वलक्षणम् ॥ १३ ॥

Vers 14
तस्याप्य् उपासा कथिता विज्ञाने भैरवेन तु ।
अबिन्दुम् अविसर्गं च अकारं जपतो महान् ॥ १४ ॥

Vers 15
उदेति देवि सहसाज् ज्ञानौघः परमेश्वरः ।
कर्णस्थाने निराधारा द्वितिया शक्तिर् ऐश्वरी ॥ १५ ॥

Vers 16
बीजभूता कुण्डलिनी नादबिन्दुस्वरूपिणी ।
प्राणशक्तिर् इयं देहे हकाराख्या नदत्य् अलम् ॥ १६ ॥

Vers 17
कर्णान्तरविवरे योगी स्थगित्वा लक्षयेत् स्फुटम् ।
बिन्दुरूपा भ्रुवोर् मध्ये विश्वस्य जननी ध्रुवा ॥ १७ ॥

Vers 18
लक्ष्यते योगिभिर् नित्यं भ्राजमान स्वतेजसा ।
तस्य बिम्बौ तु चन्द्रार्कौ वामदक्षिननेत्रयोः ॥ १८ ॥

Vers 19
निराश्रयौ तु तौ कृत्वा विषेद् ब्रह्म सनातनम् ।
विज्ञानभैरवे ऽप्य् उक्तं शस्त्रे सिद्धनिषेविते ॥ १९ ॥

Vers 20
सम्प्रदायम् इमं सम्यक् शृणु देवि वदाम्य् अहम् ।
कैवल्यं जायते सद्यो नेत्रयोः स्तब्धमात्रयोः ॥ २० ॥

Vers 21
संकोचं कर्णयोः कृत्वा ह्य् अधोद्वारे तथैव च ।
अनच्कम् अहलं ध्यायन् विषेद् ब्रह्मबिलं क्षणात् ॥ २१ ॥

Vers 22
इति सिद्धमुखोद्गीतं स्वयम् एव उदाहृतम् ।
मार्गेनानेन संसिद्धा लभन्ते योगिनीपदम् ॥ २२ ॥

Vers 23
जाकदेशसमुद्भूतो मीमांसावनकेसरी ।
हर्षदत्तेतिनामा यस् तस्य सूनोर् इयं कृतिः ॥ २३ ॥

Zusammenfassende deutsche Übersetzung

Die Dvayasampatti Varttika beginnt mit der Verehrung Śivas und erläutert anschließend eine Lehre von der „Vollendung der Zweiheit“. Gemeint ist keine bleibende metaphysische Zweiheit, sondern die bewusste Erfahrung von Śiva und Śakti als zwei unterscheidbaren Polen, die in einem höheren Zustand ihre Einheit offenbaren.

Der Text entfaltet diese Lehre anhand von Lautsymbolik und innerer Yogapraxis. Der A-Laut wird Śiva zugeordnet, Nāda und Bindu der göttlichen Śakti. Beide bilden zusammen den Samen der manifesten Welt. Die höchste Śakti wird als Bewusstsein beschrieben und erscheint zugleich als Erkenntniskraft und Mantra.

Im menschlichen Körper wird diese kosmische Struktur verinnerlicht. Das Herzlotus, die subtile Mitte, der A-Laut, Kuṇḍalinī, Nāda, Bindu, Ohren, Augenbrauenmitte, Sonne und Mond werden als Stationen beziehungsweise Symbole der inneren Praxis genannt. Die Schrift verweist dabei ausdrücklich auf das Vijñānabhairava als verwandte Quelle.

Die Praxis zielt auf einen Zustand ohne äußere Stütze – nirādhārapada. In ihm werden Klang, Atem und begriffliche Differenz überschritten. Der Yogi soll nicht an einem äußeren Objekt festhalten, sondern die subtilen Kräfte von Śiva und Śakti in der eigenen Bewusstseinsmitte erkennen.

Die Dvayasampatti Varttika verbindet damit Mantra, Nāda, Kuṇḍalinī und nichtduale Śiva-Erkenntnis. Die scheinbare Zweiheit von Śiva und Śakti dient als Zugang zu einer Erfahrung, in der beide nicht mehr als getrennte Wirklichkeiten erscheinen.

Inspirierende Verse aus der Dvayasampatti Varttika

„Im stützenlosen Zustand erlangt der Yogi die Vollendung der Zweiheit.“
dvayasampattim āpnoti nirādhārapade sthitaḥ || 3 ||

Inspiration: Spirituelle Einheit entsteht hier nicht durch bloßes Denken, sondern durch ein Loslassen äußerer Stützen und ein tiefes Ruhen im Bewusstsein.

„Die höchste Śakti ist Bewusstsein.“
saṃvidrūpā parā śaktir abhinnā pārameśvarī |

Inspiration: Kraft und Bewusstsein sind nicht zwei voneinander unabhängige Wirklichkeiten. Śakti ist die lebendige Ausdrucksform des Bewusstseins selbst.

„Im A-Laut befindet sich das höchste subtile Prinzip des reinen Bewusstseins.“
akārāntaḥ paraṃ sūkṣmaṃ cinmātratattvalakṣaṇam || 13 ||

Inspiration: Ein einziger Laut kann in der tantrischen Meditation zum Tor werden, durch das die Aufmerksamkeit vom äußeren Klang zur Quelle des Bewusstseins zurückkehrt.

„Wer Sonne und Mond ohne äußere Stütze macht, tritt in das ewige Brahman ein.“
nirāśrayau tu tau kṛtvā viṣed brahma sanātanam || 19 ||

Inspiration: Die polaren Kräfte des inneren Erlebens werden nicht bekämpft, sondern in eine stützenlose Mitte zurückgeführt.

Wichtigste Mantras und Lautmeditationen

Om Namah Shivaya
oṃ namaḥ śivāya
ॐ नमः शिवाय ।

Verwendung im Text: Diese bekannte Śiva-Anrufung eröffnet die Schrift. Sie ist ein echtes Mantra und kann als Verehrung und Ausrichtung auf Śiva verstanden werden.

A-kāra – der reine A-Laut als Lautmeditation
a
अ

Vers 14 beschreibt ausdrücklich den Japa des A-Lautes ohne Bindu und ohne Visarga:

abindum avisargaṃ ca akāraṃ japato mahān
udeti devi sahasāj jñānaughaḥ parameśvaraḥ || 14–15 ||

Verwendung im Text: Der reine A-Laut wird Śiva zugeordnet und mit dem äußerst subtilen Prinzip reinen Bewusstseins verbunden. Der Text beschreibt ausdrücklich seinen Japa ohne Bindu und Visarga und verbindet ihn mit dem plötzlichen Aufsteigen einer Flut höchster Erkenntnis.

Nāda und Bindu
Nāda und Bindu werden nicht als eigenständige ausformulierte Mantras gegeben, sondern als Struktur der göttlichen Śakti und als samenhafte Grundlage der Manifestation beschrieben. Deshalb werden sie hier nicht künstlich zu einem Mantra zusammengesetzt.

Verhältnis zu anderen Schriften

Am deutlichsten ist die Beziehung zum Vijnana Bhairava Tantra. Der Text nennt den Vijñānabhairava ausdrücklich und übernimmt beziehungsweise erläutert Meditationen, die mit A-kāra, Sinnesrückzug, Augen, innerem Raum und dem Eintritt in das stützenlose Bewusstsein arbeiten.

Thematisch bestehen außerdem Verbindungen zu Shiva Sutra, Spanda Karika, Tantraloka, Tantrasara, Paratrishika und anderen Werken des kaschmirischen Shivaismus. Die Verbindung von Śiva und Śakti, Laut und Bewusstsein, Nāda, Bindu und innerer Versenkung steht zugleich nahe bei der Philosophie und Praxis des Kundalini Yoga.

Zur Vertiefung der Shiva-Shakti-Lehre kann ein Yoga-Vidya-Video zur Verbindung von Bewusstsein und Energie ergänzend eingebunden werden:

{#ev:youtube|8PUcO5CkSps}

Ein weiteres Yoga-Vidya-Video kann als meditative Ergänzung zum Thema Kundalini und inneres Bewusstsein dienen:

{#ev:youtube|Tgg6ScI9YLI}

Abschließende Betrachtung

Die Dvayasampatti Varttika zeigt, wie eng im tantrischen Yoga Philosophie, Lautsymbolik und Meditation miteinander verbunden sein können. Śiva und Śakti werden zunächst unterschieden. Der weitere Verlauf des Textes führt diese Unterscheidung jedoch in Praktiken zurück, die auf stützenlose Bewusstheit und die Einheit von Śakti und Śaktimān zielen.

Besonders charakteristisch ist die Bewegung vom Laut zur Lautlosigkeit, von Nāda und Bindu zur stützenlosen Mitte, von den Sinnesorganen zum inneren Bewusstsein. Der Text führt den Yogi nicht weg vom Körper, sondern nutzt Herz, Ohr, Augen und Prāṇa als Tore in eine tiefere Wirklichkeit.

Für heutige Aspiranten kann die Schrift als Erinnerung dienen, dass Yoga, Meditation, Mantra und Energiearbeit ursprünglich nicht voneinander getrennte Bereiche sein müssen. Sie können sich in einer einzigen Bewegung vereinigen: vom äußeren Zeichen zur inneren Kraft und von der inneren Kraft zum reinen Bewusstsein.

Textgrundlage
GRETIL – Göttingen Register of Electronic Texts in Indian Languages, Vāmanadatta: Dvayasaṃpattivārttika. Dateneingabe und Beitrag: Daniele Cuneo; GRETIL-Fassung vom 13. Mai 2019. Als gedruckte Grundlage nennt die Datei Raniero Gnoli, „Il Dvayasampattivārttikam di Vāmanadatta“, in: Gururajamañjarikā, Napoli 1974, S. 451–455. Für den Sanskrit-Grundtext dieses Artikels wurde ausschließlich die vom Nutzer bereitgestellte GRETIL-Datei verwendet.

Siehe auch

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