Bodhavilasa
Bodhavilasa (Sanskrit: बोधविलास bodhavilāsa m.), wörtlich etwa „Spiel des Erwachens“, „Entfaltung der Erkenntnis“ oder „Freies Spiel des Bewusstseins“, ist ein kurzes, aber inhaltlich dichtes Yoga- und Erkenntniswerk, das in der vorliegenden GRETIL-Ausgabe Kṣemarāja zugeschrieben wird. Kṣemarāja war ein Schüler Abhinavaguptas und gehört zu den wichtigsten Vermittlern des nichtdualen Shivaismus von Kaschmir. In seinen Schriften verbindet er die Philosophie der Pratyabhijna, die Lehre vom Spanda und tantrische Yogapraxis zu einer klaren Lehre von Bewusstsein, Freiheit und Wiedererkennen. Moderne Darstellungen datieren Kṣemarāja ungefähr in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts.
Der Bodhavilasa entfaltet in 42 überlieferten Versblöcken eine zentrale Lehre des nichtdualen Kashmir Shivaismus: Das eine freie Bewusstsein ist die Ursache des Universums. Es entfaltet aus eigener Freiheit die Vielheit von Erkennendem und Erkanntem, zieht sich aber zugleich zu begrenztem Geist und individuellem Erleben zusammen. Befreiung bedeutet deshalb nicht, etwas völlig Neues zu erzeugen, sondern die ursprüngliche Weite und Freiheit des Bewusstseins wiederzuerkennen.
Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung von Philosophie und Praxis. Der Text spricht von den fünf göttlichen Tätigkeiten Shivas, den sieben Arten des Erkennenden, den sechsunddreißig Tattvas, den drei Malas, dem Feuer des Bewusstseins, dem „mittleren Raum“, der Auflösung von Vorstellungen, Samadhi, Mantra-Kraft und der Erfahrung vollständiger Ichheit. Dabei wird das Universum nicht als etwas von Shiva Getrenntes abgewertet. Wenn Erkenntnis erwacht, erscheint gerade die Welt selbst als aus Bewusstsein bestehend – als Ausdruck und freies Spiel Maheshvaras.

Hinweis zur Verszählung
Die GRETIL-Vorlage zählt nach Vers 11 zweimal einen „Vers 12“. Danach folgt Vers 13 und anschließend unmittelbar Vers 15; eine Nummer 14 ist nicht vorhanden. Diese Unregelmäßigkeit gehört zur vorliegenden Textüberlieferung. Der Text enthält dennoch 42 überlieferte Versblöcke. Diese auffällige Zählung wird hier bewusst beibehalten und nicht stillschweigend korrigiert.
Leserhinweis
Wer zunächst nur die Hauptlehre erfassen möchte, kann nach der Einführung direkt zur „Zusammenfassenden deutschen Übersetzung“ und zu den „Inspirierenden Versen“ gehen. Der vollständige deutsche Text davor enthält dagegen alle 42 überlieferten Versblöcke in ihrer Reihenfolge und ist für das genaue Studium gedacht.
Einführung in die Lehre des Bodhavilasa
Citi – das freie Bewusstsein
Vers 2 formuliert den Grundsatz des ganzen Werkes: citiḥ svatantrā viśvasya hetuḥ – das freie Bewusstsein ist die Ursache des Universums. Diese Lehre steht nahe beim Pratyabhijna Hridaya, dessen erster Grundsatz ebenfalls das freie Bewusstsein als Ursache der Manifestation beschreibt. Welt und Vielheit entstehen demnach nicht außerhalb des Bewusstseins, sondern innerhalb seiner eigenen schöpferischen Freiheit.
Von Citi zu Citta
Eine besonders wichtige Unterscheidung betrifft citi und citta. Citi ist unbegrenztes Bewusstsein; Citta ist dasselbe Bewusstsein in zusammengezogener, gegenstandsbezogener Form. Das individuelle Bewusstsein ist daher seinem tiefsten Wesen nach nicht etwas anderes als Shiva. Begrenztheit entsteht durch saṅkoca, Zusammenziehung.
Die sieben Erkennenden und die 36 Tattvas
Der eine Maheshvara erscheint in unterschiedlichen Graden der Begrenzung als verschiedene Erkennende und als die 36 Tattvas der tantrischen Kosmologie. Befreiung besteht nicht darin, diese Ebenen zu vernichten, sondern ihre Grundlage in dem einen Bewusstsein zu erkennen.
Die fünf Tätigkeiten Shivas
Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Gnade sind nicht nur kosmische Vorgänge. Nach dem Bodhavilasa wirken sie fortwährend auch im individuellen Erleben: Etwas erscheint, bleibt eine Zeit lang gegenwärtig, verschwindet, seine wahre Grundlage bleibt verhüllt – oder wird in einem Augenblick der Erkenntnis wieder als Bewusstsein erkannt.
Bewusstseinsfeuer
Der Text verwendet das starke Bild des cidvahni, des Feuers des Bewusstseins. Wenn es vollständig erwacht, „verzehrt“ es die Welt nicht im Sinne einer Vernichtung. Vielmehr wird alles in seinem wahren Charakter als Bewusstsein erkannt. Die Welt erscheint anschließend selbst als cinmaya, als aus Bewusstsein bestehend.
Madhyadhama – die mittlere Sphäre
Im späteren Teil wendet sich der Text konkreter meditativer Praxis zu. Die „mittlere Sphäre“ kann im Kontext des nichtdualen Shaiva-Yoga als jener innere Mittelpunkt verstanden werden, an dem die gewöhnliche Bewegung zwischen Subjekt und Objekt zur Ruhe kommen kann. Genannt werden verschiedene Zugänge: das Schwinden von Vorstellungen, Zusammenziehung und Entfaltung, Bindu und Nada sowie die unmittelbare Bewusstheit in intensiven emotionalen Zuständen.

Samadhi und Alltag
Bemerkenswert ist, dass die Erfahrung nicht auf Samadhi beschränkt bleiben soll. Die im inneren Samadhi gewonnene Klarheit soll auch in vyutthāna, im gewöhnlichen nach außen gerichteten Zustand, weiterleuchten. Damit wird spirituelle Erkenntnis zu einer beständigen Weise des Lebens.
Zur Vertiefung der Shiva-Bhakti und der inneren Ausrichtung kann dieses Yoga-Vidya-Video ergänzend eingebunden werden:
Vollständiger deutscher Text des Bodhavilasa
Die folgende Übersetzung gibt alle 42 überlieferten Versblöcke vollständig wieder. Die ungewöhnliche Nummerierung der Quelle wird beibehalten.
Die Übersetzung bleibt bewusst nah am Sanskrit. Zentrale Begriffe wie Citi, Citta, Mala, Samadhi, Bindu, Nada und Pūrṇāhantā werden dort nicht jedes Mal ausführlich erklärt; die Einführung und die Zusammenfassung erläutern ihren Zusammenhang.
Vers 1
Verehrung sei stets Shiva, der die fünf göttlichen Tätigkeiten vollzieht und die höchste Wirklichkeit des eigenen Selbst als eine Dichte von Bewusstsein und Wonne offenbart.
Vers 2
Das freie Bewusstsein wird als Ursache des Universums bezeichnet. Wird es in seiner Gestalt als Freiheit erkannt, so gewährt es auch Vollendungen.
Vers 3
Aus eigenem Willen entfaltet dieses Bewusstsein auf seiner eigenen Grundlage das Universum; durch die unzählige Vielfalt der Erscheinungen entstehen die Unterschiede von Erkanntem und Erkennendem.
Vers 4
Die Mannigfaltigkeit dieses Universums besteht in den verschiedenen Gegenständen des Erkennens, in zahllosen Abstufungen von höher und niedriger und in vielfältigen Formen.
Vers 5
Durch die Zusammenziehung des Bewusstseins entsteht Citta, der begrenzte Geist; selbst Maheshvara erscheint so als individuelles bewusstes Wesen. Wie der große Banyanbaum im winzigen Samen verborgen liegt, so erkennt man darin die Gestalt des ganzen Universums.
Vers 6
Bewusstsein ist die wahre Natur des Selbst: rein und vollkommen makellos. Dasselbe Bewusstsein, wenn es sich an Begrenzungen bindet, wird als Citta, als Geist, bezeichnet.
Vers 7
Wenn Samvit, das Bewusstsein, sich den Gegenständen zuwendet und im Geist zur Ruhe kommt, nennen die Weisen es wegen des Vorherrschens der Selbstbegrenzung Citta.
Vers 8
Der unter Maya stehende Erkennende ist seinem Wesen nach Bewusstsein; doch in den verkörperten Wesen lebt er in Identifikation mit dieser Begrenzung, an Gegenstände gebunden und ohne wahre Unterscheidungskraft.
Vers 9
Der eine, immer gegenwärtige Geist erscheint durch Kala, Sattva, die Gunas und andere Begrenzungen als die sieben Arten von Erkennenden und als die sechsunddreißig Tattvas.
Vers 10
Maheshvara ist einer, allgegenwärtig, rein und von der Natur vollkommenen Erwachens. Wird diese eigene Ichheit erkannt, liegt Befreiung gleichsam in der eigenen Hand.
Vers 11
Wird derselbe Maheshvara als die sieben Erkennenden und die sechsunddreißig Tattvas betrachtet, entfaltet sich die Herrlichkeit der Befreiung.
Vers 12 (erste Zählung)
Alle diese Ebenen – vom Sehen und Erkennen an – sind ohne Zweifel seine eigenen Stufen. Wie ein Schauspieler nach Belieben künstliche Rollen annimmt,
Vers 12 (zweite Zählung)
so nimmt auch das Selbst, aus eigener Freiheit in der Fülle von Bewusstsein und Wonne aufleuchtend, die weiten Mächte des Sehens und der übrigen Fähigkeiten an.
Vers 13
Das Selbst erstrahlt in der Entfaltung von Bewusstsein und Wonne; doch durch die Zusammenziehung seiner eigenen Kraft erscheint es im Samsara verdunkelt.
Vers 15
Obwohl es alles durchdringt und Herr des Universums ist, wird es durch die verschiedenen Malas – Anava, Mayiya und Karmamala – verdunkelt und denkt: „Ich bin unvollständig.“
Vers 16
Wie Mahadeva als der Allgegenwärtige die fünf göttlichen Tätigkeiten vollzieht, so vollzieht auch dieses Selbst dieselben Tätigkeiten, wenn auch unter dem Einfluss der verhüllenden Kraft.
Vers 17
Durch Entfaltung seiner Kraft wird es als Herr der Kräfte gepriesen; durch Zusammenziehung derselben Kraft wird es begrenzt und „Samsarin“ genannt.
Vers 18
Was immer Maya in Erscheinung treten lässt, gilt als Schöpfung. Eine andere Kraft, die das Hervorgebrachte aufrechterhält, wird als Erhaltung verstanden.
Vers 19
Wenn die Göttin alles zurücknimmt, ist dies Auflösung; das Zurückführen in die Einheit des Bewusstseins ist Gnade. Wenn diese eine Essenz sich nicht offenbart, wird dies Verhüllung genannt.
Vers 20
So ist der fünfgliedrige Strom der göttlichen Tätigkeit immer gegenwärtig. Wird er erkannt, ist er wie ein Chintamani, ein Wunschjuwel; bleibt er unerkannt, ist er wie ein Stück Holz oder Lehm.
Vers 21
Wer dies durch die Kraft wahrer Selbstreflexion beständig erforscht und verinnerlicht, wird von allen Bindungen frei und erfüllt von ewiger Wonne.
Vers 22
Wenn das Feuer des Bewusstseins vollständig erwacht ist, verzehrt es alles. Dann ist es als vollkommen rein zu erkennen – das Bewusstseinsfeuer, das alles in sich aufnimmt.
Vers 23
Mit dieser Kraft vereint, erreicht der Yogi in kurzer Zeit den makellosen Zustand, dessen Kennzeichen Nirvana ist; daran besteht kein Zweifel.
Vers 24
Wenn das Feuer des Bewusstseins seine volle Kraft gewonnen hat, erscheint selbst das Universum als aus Bewusstsein bestehend. Die Wogen des Nektars der eigenen Wonne sind nach außen übergeströmt.
Vers 25
Gerade dieses nach außen Überströmende erscheint verdichtet als die Formen der Dinge. Das eigene Selbst, Maheshvara, der höchste Herr, spielt in ihnen.
Vers 26
Wer dies beständig erkennt, ist befreit und kann auch die Schar der Wesen in einem Augenblick aus der schrecklichen Bindung des Samsara lösen.
Vers 27
Wer auch immer in der Kraft der Wonne gegründet ist, steht im Zustand seiner eigenen Natur. Bei demjenigen, dessen inneres Aufleuchten immer wieder in solcher Fülle hervortritt,
Vers 28
bleibt die Verwurzelung in der eigenen Natur selbst im Zustand äußerer Aktivität gegenwärtig. Dies wird von Menschen durch die Kraft beharrlicher Übung erlangt.
Vers 29
Durch die Entfaltung der mittleren Sphäre leuchtet Bewusstseinswonne auf. Aus diesem Leuchten entsteht die göttliche Schau, die als Erkenntnisgestalt erfahren wird.
Vers 30
Diese Schau der Erkenntnis entfaltet sich rein, strahlend, klar, von ewiger Wonne erfüllt und höchste Wirklichkeit – auch wenn sie nicht durch körperliche Begrenzungen bestimmt ist.
Vers 31
Für die Entfaltung der mittleren Sphäre gibt es kraftvolle Mittel: das Schwinden von Vorstellungen, Zusammenziehung und Entfaltung sowie zahlreiche weitere Weisen.
Vers 32
Schon durch das Nicht-Denken irgendeines bestimmten Gegenstandes kann die Auflösung der Vorstellungen eintreten. Durch das Erwachen des Bewusstseins leuchtet die Kraft im Kreis der Erscheinungen auf.
Vers 33
Von dieser Kraft erfüllt, schaut der Yogi den reinen göttlichen Strom. Dies wird von den Brahman-Kundigen als Zusammenziehung der Kraft bezeichnet.
Vers 34
Das Ruhen an den beiden Endpunkten, Bindu und Nada, das Aufgehen darin sowie das unmittelbare Aufnehmen von überraschend auftretender Furcht, Zorn, Ekel und ähnlichen intensiven Zuständen sind weitere Mittel.
Vers 35
Auf diese Weise, o Devi, ist die Entfaltung der mittleren Sphäre erklärt. Wer dort kraftvoll gesammelt ist, erreicht auf diesem Weg schon in kurzer Zeit die höchste Fülle.
Vers 36
Wer den Eindruck des inneren Samadhi durch wiederholte Selbstreflexion und durch die Kraft des Hervorströmens in die makellosen Lichter hineinträgt,
Vers 37
dem leuchtet die eigene Natur auch im Zustand des Herausgehens aus der Versenkung auf – dem Yogi, der im Erwachen gegründet und vom Geschmack ewiger Wonne erfüllt ist.
Vers 38
Für einen solchen Übenden wird die volle Ichheit, die Bewusstsein ist, innerlich immer wieder aufleuchten – erfüllt von Licht und Wonne und gestärkt durch die Kraft des Mantras.
Vers 39
In diesem Zustand erstrahlt der Yogi und steht auf der Ebene eines Mantreshvara. Dort spielt er kraftvoll und allgegenwärtig, von seiner Shakti erfüllt.
Vers 40
So bleibt die Freiheit dieses allgegenwärtigen Herrn des Universums ungebrochen, auch wenn er in vielen Verschiedenheiten und auf mannigfaltigen Ebenen erscheint.
Vers 41
Dies wird das Nicht-Zwei genannt, der höchste Nektar der Erkenntnis. Wer ihn trinkt, dessen Betäubung durch das Gift des Samsara vergeht.
Vers 42
Diese Lehre über die Entfaltung des Erwachens dient großen Seelen zur Erlangung Shivas. Sie ist die vollkommen reine Schrift des Königs namens Kshema.
Vollständiger Text in Sanskrit-Umschrift
Der folgende Sanskrittext folgt vollständig der bereitgestellten GRETIL-Fassung.
Invokation
oṃ namo netrāya //
Vers 1
namaḥ śivāya satataṃ pañcakṛtyavidhāyine /
cidānandaghanasvātmaparamārthāvabhāsine
Vers 2
citiḥ svatantrā viśvasya hetur ity abhidhīyate /
svātantryarūpā jñātā ca siddhīr vā saṃprayacchate
Vers 3
sā svabhittau svecchayaiva viśvasyonmīlanāya ca /
nānānurūpavaicitryād grāhyagrāhakabhedataḥ
Vers 4
viśvasya tasya vaicitryaṃ grāhyabhedena saṃsthitam /
nānāvaicitryayogena cottamādhamasaṅkhyayā
Vers 5
citisaṅkocanāc cittaṃ cetano 'pi maheśvaraḥ /
vaṭadhanikāvat tatra viśvarūpaṃ ca tad viduḥ
Vers 6
caitanyam ātmano rūpaṃ śuddham atyantanirmalam /
tad eva niyamāsaktaṃ cittaṃ cid abhidhīyate
Vers 7
arthonmukhatayā saṃvic citte viśrāntim āgatā /
saṅkocātmapradhānatvāc citiś cittaṃ vidur budhāḥ
Vers 8
māyāpramātā cidrūpas tanmayatvena dehinām /
vartate viṣayāsaktaḥ sadvivekavivarjitaḥ
Vers 9
sadaikaḥ pratithaś cittaṃ kalāsattvaguṇādibhiḥ /
saptapramatṛkatvena ṣaṭtriṃśattattvasaṅkhyayā
Vers 10
ekaḥ sarvagataḥ śuddhaḥ sambodhātmā maheśvaraḥ /
saivāhantāparijñānān muktiḥ karatale sthitā
Vers 11
pramātṛsaptakatvena ṣaṭtriṃśattattvasaṅkhyayā /
bhāvitaḥ sa maheśāno mokṣalakṣmīḥ pravartate
Vers 12 (erste Zählung)
tadbhūmikā darśanādyās sarvā eva na saṃśayaḥ /
bhūmikāḥ kṛtrimā yadvan naṭo gṛhṇāti svecchayā
Vers 12 (zweite Zählung)
tadvad eva cidānandasvecchocchalitabṛṃhitaḥ /
ātmā gṛhṇāti vipulā darśanādyā vibhūtayaḥ
Vers 13
cidānandasamullāsollasitātmā virājate /
cidvatsvaśaktisaṅkocāt saṃsāre malināyate
Vers 15
apūrṇo 'smīti vividhair malaiḥ sa malinīkṛtaḥ /
māyīyāṇavakārmākhyair vyāpako 'pi jagadvibhuḥ
Vers 16
vyāpī yadvan mahādevaḥ kroti pañcakṛtyatām /
tadvad evāyam ātmāpi kurute śaktimohitaḥ
Vers 17
śakto vikāsāc chaktīśo gīyate tattvavādibhiḥ /
saṅkocanāt saṅkocitaḥ saṃsārīty abhidhīyate
Vers 18
māyā rūpaṃ hi yat kiṃcid ālokayitum udyatā /
sādhyasṛṣṭiṃ vijānīyād anyā śaktiḥ sthitir matā
Vers 19
saṃhārāt saṃhṛtā devī cidaikye 'nugraho mataḥ /
tadekasārāprathanāt tirodhānābhidhīyate
Vers 20
itthaṃ sadā saṃnihitaḥ pañcavāhavidhiḥ kramāt /
jñātaś cintāmaṇir asāv ajñānāt kāṣṭaloṣṭavat
Vers 21
sadvimarśabalenaivaṃ nityaṃ yaḥ pariśīlate /
sa muktaḥ sarvabandhebhyo nityānandamayo bhavet
Vers 22
cidvahnir grasate so 'yaṃ suprabuddho 'sty asau yadā /
tadāsau vimalo jñeyaś cidvahniḥ sarvabhakṣakaḥ
Vers 23
etadbalena saṃyukto yogī nirvāṇalakṣaṇaḥ /
padaṃ prāpnoti vimalaṃ so 'cirān nātra saṃśayaḥ
Vers 24
cidvahnir balalābhe 'pi viśvam ābhāti cinmayam /
svānandāmṛtakallolam etad ucchalitaṃ bahiḥ
Vers 25
tad eva śyānatāṃ yātaṃ bhāvarūpair vibhāvyate /
svātmā maheśvaro devaḥ krīḍate parameśvaraḥ
Vers 26
iti yaḥ satataṃ vetti sa mukto mocayaty api /
sattvavrātaṃ kṣaṇenaiva ghorāt saṃsārabandhanāt
Vers 27
yaḥ kaścit ānandabalaḥ sa svarūpapadasthitaḥ /
iti yasya samullāsollāsitodayaśālinaḥ
Vers 28
tasya svarūpaniṣṭhasya vyutthāne 'pi tad arthyate /
etat prayatnasāmārthyāj janair evādhigamyate
Vers 29
madhyadhāmavikāsāc ca cidānandāt prakāśate /
tatprakāśād divyadṛṣṭir jñānarūpā vibhāvyate
Vers 30
nirmalā suprabhā śuddhā nityānandamayī parā /
nirdehacchedajālāpi jñānadṛṣṭir vijṛmbhate
Vers 31
madhyadhāmavikāse tu upāyo balavatsthitiḥ /
vikalpakṣayasaṅkocavikāsādyā anekaśaḥ
Vers 32
akiñciccintanād eva vikalpānāṃ kṣayo bhavet /
cidbodhād vilasacchaktī raktāsau bhāvamaṇḍale
Vers 33
tatrānuraktā divyaughaṃ paśyate vimalātmakam /
śaktisaṅkocam etad dhi procyate brahmavādibhiḥ
Vers 34
ādyantakoṭiviśrāmabindunādalayās tathā /
aśaṅkitabhayakrodhabībhatsādiparigrahāḥ
Vers 35
ity etat kathitaṃ devi madhyadhāmavikāsakam /
tatra śakto dinair evaṃ prapnoti parasampadam
Vers 36
yo 'ntaḥsamādhisaṃskāraṃ bhramate vimalatviṣām /
sa visargabalād eva vimṛśya ca punaḥ punaḥ
Vers 37
vyutthāne 'pi yatas tasya svarūpaṃ samprakāśate /
yogino bodhaniṣṭhasya nityānandarasasya ca
Vers 38
tat prakāśānandamayī mantravīryopabṛṃhitā /
pūṛnāhantācid ity antaḥsamullāsābhiyoginaḥ
Vers 39
tatrāsau vilasan yogī mantreśvarapade sthitaḥ /
tatra śakto vibhur yadvat krīḍate śaktibṛṃhitaḥ
Vers 40
evaṃ svatantratā tasya vyāpakasya jagadvibhoḥ /
nānābhedajuṣaś citrapadasthitasyākhaṇḍitā
Vers 41
etad advayam ity uktaṃ jñānāmṛtam anuttamam /
yaḥ pibec chāmyate tasya saṃsāraviṣamūrchanam
Vers 42
bodhollāsavidhāneyaṃ śivaprāpyai mahātmanām /
rājñaḥ kṣemābhidhānasya śāstram atyantanirmalam
Kolophon
iti śrīkṣemarājakṛtaṃ bodhavilāsākhyaṃ yogaśāstram //
Vollständiger Text in Devanagari
Die Devanagari-Fassung wurde direkt aus der bereitgestellten Umschrift übertragen; die Verszählung entspricht der GRETIL-Vorlage.
Invokation
ॐ नमो नेत्राय ॥
Vers 1
नमः शिवाय सततं पञ्चकृत्यविधायिने ।
चिदानन्दघनस्वात्मपरमार्थावभासिने
Vers 2
चितिः स्वतन्त्रा विश्वस्य हेतुर् इत्य् अभिधीयते ।
स्वातन्त्र्यरूपा ज्ञाता च सिद्धीर् वा संप्रयच्छते
Vers 3
सा स्वभित्तौ स्वेच्छयैव विश्वस्योन्मीलनाय च ।
नानानुरूपवैचित्र्याद् ग्राह्यग्राहकभेदतः
Vers 4
विश्वस्य तस्य वैचित्र्यं ग्राह्यभेदेन संस्थितम् ।
नानावैचित्र्ययोगेन चोत्तमाधमसङ्ख्यया
Vers 5
चितिसङ्कोचनाच् चित्तं चेतनो ऽपि महेश्वरः ।
वटधनिकावत् तत्र विश्वरूपं च तद् विदुः
Vers 6
चैतन्यम् आत्मनो रूपं शुद्धम् अत्यन्तनिर्मलम् ।
तद् एव नियमासक्तं चित्तं चिद् अभिधीयते
Vers 7
अर्थोन्मुखतया संविच् चित्ते विश्रान्तिम् आगता ।
सङ्कोचात्मप्रधानत्वाच् चितिश् चित्तं विदुर् बुधाः
Vers 8
मायाप्रमाता चिद्रूपस् तन्मयत्वेन देहिनाम् ।
वर्तते विषयासक्तः सद्विवेकविवर्जितः
Vers 9
सदैकः प्रतिथश् चित्तं कलासत्त्वगुणादिभिः ।
सप्तप्रमतृकत्वेन षट्त्रिंशत्तत्त्वसङ्ख्यया
Vers 10
एकः सर्वगतः शुद्धः सम्बोधात्मा महेश्वरः ।
सैवाहन्तापरिज्ञानान् मुक्तिः करतले स्थिता
Vers 11
प्रमातृसप्तकत्वेन षट्त्रिंशत्तत्त्वसङ्ख्यया ।
भावितः स महेशानो मोक्षलक्ष्मीः प्रवर्तते
Vers 12 (erste Zählung)
तद्भूमिका दर्शनाद्यास् सर्वा एव न संशयः ।
भूमिकाः कृत्रिमा यद्वन् नटो गृह्णाति स्वेच्छया
Vers 12 (zweite Zählung)
तद्वद् एव चिदानन्दस्वेच्छोच्छलितबृंहितः ।
आत्मा गृह्णाति विपुला दर्शनाद्या विभूतयः
Vers 13
चिदानन्दसमुल्लासोल्लसितात्मा विराजते ।
चिद्वत्स्वशक्तिसङ्कोचात् संसारे मलिनायते
Vers 15
अपूर्णो ऽस्मीति विविधैर् मलैः स मलिनीकृतः ।
मायीयाणवकार्माख्यैर् व्यापको ऽपि जगद्विभुः
Vers 16
व्यापी यद्वन् महादेवः क्रोति पञ्चकृत्यताम् ।
तद्वद् एवायम् आत्मापि कुरुते शक्तिमोहितः
Vers 17
शक्तो विकासाच् छक्तीशो गीयते तत्त्ववादिभिः ।
सङ्कोचनात् सङ्कोचितः संसारीत्य् अभिधीयते
Vers 18
माया रूपं हि यत् किंचिद् आलोकयितुम् उद्यता ।
साध्यसृष्टिं विजानीयाद् अन्या शक्तिः स्थितिर् मता
Vers 19
संहारात् संहृता देवी चिदैक्ये ऽनुग्रहो मतः ।
तदेकसाराप्रथनात् तिरोधानाभिधीयते
Vers 20
इत्थं सदा संनिहितः पञ्चवाहविधिः क्रमात् ।
ज्ञातश् चिन्तामणिर् असाव् अज्ञानात् काष्टलोष्टवत्
Vers 21
सद्विमर्शबलेनैवं नित्यं यः परिशीलते ।
स मुक्तः सर्वबन्धेभ्यो नित्यानन्दमयो भवेत्
Vers 22
चिद्वह्निर् ग्रसते सो ऽयं सुप्रबुद्धो ऽस्त्य् असौ यदा ।
तदासौ विमलो ज्ञेयश् चिद्वह्निः सर्वभक्षकः
Vers 23
एतद्बलेन संयुक्तो योगी निर्वाणलक्षणः ।
पदं प्राप्नोति विमलं सो ऽचिरान् नात्र संशयः
Vers 24
चिद्वह्निर् बललाभे ऽपि विश्वम् आभाति चिन्मयम् ।
स्वानन्दामृतकल्लोलम् एतद् उच्छलितं बहिः
Vers 25
तद् एव श्यानतां यातं भावरूपैर् विभाव्यते ।
स्वात्मा महेश्वरो देवः क्रीडते परमेश्वरः
Vers 26
इति यः सततं वेत्ति स मुक्तो मोचयत्य् अपि ।
सत्त्वव्रातं क्षणेनैव घोरात् संसारबन्धनात्
Vers 27
यः कश्चित् आनन्दबलः स स्वरूपपदस्थितः ।
इति यस्य समुल्लासोल्लासितोदयशालिनः
Vers 28
तस्य स्वरूपनिष्ठस्य व्युत्थाने ऽपि तद् अर्थ्यते ।
एतत् प्रयत्नसामार्थ्याज् जनैर् एवाधिगम्यते
Vers 29
मध्यधामविकासाच् च चिदानन्दात् प्रकाशते ।
तत्प्रकाशाद् दिव्यदृष्टिर् ज्ञानरूपा विभाव्यते
Vers 30
निर्मला सुप्रभा शुद्धा नित्यानन्दमयी परा ।
निर्देहच्छेदजालापि ज्ञानदृष्टिर् विजृम्भते
Vers 31
मध्यधामविकासे तु उपायो बलवत्स्थितिः ।
विकल्पक्षयसङ्कोचविकासाद्या अनेकशः
Vers 32
अकिञ्चिच्चिन्तनाद् एव विकल्पानां क्षयो भवेत् ।
चिद्बोधाद् विलसच्छक्ती रक्तासौ भावमण्डले
Vers 33
तत्रानुरक्ता दिव्यौघं पश्यते विमलात्मकम् ।
शक्तिसङ्कोचम् एतद् धि प्रोच्यते ब्रह्मवादिभिः
Vers 34
आद्यन्तकोटिविश्रामबिन्दुनादलयास् तथा ।
अशङ्कितभयक्रोधबीभत्सादिपरिग्रहाः
Vers 35
इत्य् एतत् कथितं देवि मध्यधामविकासकम् ।
तत्र शक्तो दिनैर् एवं प्रप्नोति परसम्पदम्
Vers 36
यो ऽन्तःसमाधिसंस्कारं भ्रमते विमलत्विषाम् ।
स विसर्गबलाद् एव विमृश्य च पुनः पुनः
Vers 37
व्युत्थाने ऽपि यतस् तस्य स्वरूपं सम्प्रकाशते ।
योगिनो बोधनिष्ठस्य नित्यानन्दरसस्य च
Vers 38
तत् प्रकाशानन्दमयी मन्त्रवीर्योपबृंहिता ।
पूऋनाहन्ताचिद् इत्य् अन्तःसमुल्लासाभियोगिनः
Vers 39
तत्रासौ विलसन् योगी मन्त्रेश्वरपदे स्थितः ।
तत्र शक्तो विभुर् यद्वत् क्रीडते शक्तिबृंहितः
Vers 40
एवं स्वतन्त्रता तस्य व्यापकस्य जगद्विभोः ।
नानाभेदजुषश् चित्रपदस्थितस्याखण्डिता
Vers 41
एतद् अद्वयम् इत्य् उक्तं ज्ञानामृतम् अनुत्तमम् ।
यः पिबेच् छाम्यते तस्य संसारविषमूर्छनम्
Vers 42
बोधोल्लासविधानेयं शिवप्राप्यै महात्मनाम् ।
राज्ञः क्षेमाभिधानस्य शास्त्रम् अत्यन्तनिर्मलम्
Kolophon
इति श्रीक्षेमराजकृतं बोधविलासाख्यं योगशास्त्रम् ॥
Zusammenfassende deutsche Übersetzung
Der Bodhavilasa beginnt mit der Verehrung Shivas als desjenigen, der die fünf göttlichen Tätigkeiten vollzieht und die höchste Wirklichkeit des eigenen Selbst als Bewusstsein und Wonne offenbart. Das freie Bewusstsein – Citi – ist die Ursache des gesamten Universums. Es entfaltet die Welt aus eigener Freiheit auf seiner eigenen Grundlage und erscheint dabei als die Vielheit von Erkennendem und Erkanntem.
Diese Vielheit bedeutet jedoch keine wirkliche Trennung vom Bewusstsein. Wenn Citi sich zusammenzieht und sich auf begrenzte Gegenstände richtet, erscheint es als Citta, als individueller Geist. Auch der scheinbar begrenzte Mensch ist daher seinem tiefsten Wesen nach Maheshvara. Wie ein mächtiger Banyanbaum bereits im kleinen Samen enthalten ist, liegt das ganze Universum im begrenzten Bewusstsein verborgen.
Der eine reine Maheshvara erscheint durch unterschiedliche Grade der Begrenzung als die sieben Arten von Erkennenden und als die sechsunddreißig Tattvas. Alle diese Ebenen sind Rollen, die das Bewusstsein aus eigener Freiheit annimmt – wie ein Schauspieler verschiedene Gestalten verkörpert. Die ursprüngliche Natur des Selbst bleibt dennoch Bewusstsein und Wonne.
Im Samsara vergisst das Selbst diese Vollständigkeit. Durch Anava-, Mayiya- und Karma-Mala entsteht das Gefühl: „Ich bin unvollständig.“ Doch selbst im begrenzten Zustand vollzieht das individuelle Bewusstsein dieselben fünf Tätigkeiten wie Shiva: Es lässt Erfahrungen entstehen, erhält sie, löst sie auf, verhüllt ihre wahre Natur und kann sie durch Gnade wieder in ihre Bewusstseinsgrundlage zurückführen.
Wer diesen immer gegenwärtigen Prozess erkennt, besitzt gleichsam einen Chintamani, ein Wunschjuwel der Erkenntnis. Wer ihn nicht erkennt, lebt neben diesem Schatz, als wäre er nur ein Stück Holz oder Erde. Durch beständige Selbstreflexion wird der Mensch von Bindungen frei und erfährt die eigene Natur als ewige Wonne.
Das erwachte Bewusstsein wird als Feuer beschrieben. Wenn dieses Feuer seine volle Kraft gewinnt, nimmt es alle Erscheinungen in sich auf. Danach erscheint die Welt nicht als vernichtet, sondern als cinmaya – ganz aus Bewusstsein bestehend. Die Wogen der eigenen Wonne strömen nach außen und verdichten sich zu den Formen der Welt. Maheshvara spielt als diese Formen mit sich selbst.
Die spätere Hälfte des Textes beschreibt meditative Zugänge, durch die diese Erkenntnis vertieft werden kann. Entscheidend ist die Entfaltung der „mittleren Sphäre“. Vorstellungen können zur Ruhe kommen, wenn der Geist nichts Bestimmtes festhält. Auch das Ruhen an subtilen Übergängen, Bindu und Nada sowie die bewusste Wahrnehmung intensiver Zustände wie Furcht, Zorn oder Ekel können zu Toren werden, wenn Bewusstsein darin unmittelbar erkannt wird.
Die entscheidende spirituelle Reife zeigt sich darin, dass die Erfahrung nicht im inneren Samadhi eingeschlossen bleibt. Auch nach dem Herausgehen aus der Versenkung leuchtet die eigene Natur weiter. Die volle Ichheit – nicht das begrenzte Ego, sondern die umfassende pūrṇāhantā – wird als Bewusstsein erfahren und durch Mantra-Kraft gestärkt.
Der Yogi steht schließlich auf der Ebene eines Mantreshvara: frei, bewusst und von Shakti erfüllt. Die Freiheit des allgegenwärtigen Herrn bleibt ungebrochen, obwohl sie sich in zahllosen Gestalten ausdrückt.
Diese Erkenntnis nennt Kṣemarāja advaya, Nicht-Zweiheit, und vergleicht sie mit dem höchsten Nektar. Wer diesen Nektar trinkt, erwacht aus der Betäubung durch das Gift des Samsara. Der Bodhavilasa ist damit eine Lehre der Entfaltung des Erwachens – ein Weg, auf dem das schon immer gegenwärtige Bewusstsein wieder als Shiva erkannt wird.
Inspirierende Verse aus dem Bodhavilasa
Das freie Bewusstsein ist die Ursache des Universums
citiḥ svatantrā viśvasya hetur ity abhidhīyate
svātantryarūpā jñātā ca siddhīr vā saṃprayacchate
Übersetzung: Das freie Bewusstsein wird als Ursache des Universums bezeichnet. Wird es in seiner Gestalt als Freiheit erkannt, gewährt es auch Vollendungen.
Inspiration: Die höchste Wirklichkeit ist hier nicht starr. Bewusstsein ist Freiheit – die Kraft, in der Welt, Erfahrung und Erkenntnis erscheinen können.
Befreiung liegt gleichsam in der eigenen Hand
ekaḥ sarvagataḥ śuddhaḥ sambodhātmā maheśvaraḥ
saivāhantāparijñānān muktiḥ karatale sthitā
Übersetzung: Maheshvara ist einer, allgegenwärtig, rein und von der Natur vollkommenen Erwachens. Wird diese eigene Ichheit erkannt, liegt Befreiung gleichsam in der eigenen Hand.
Inspiration: Befreiung ist nicht nur ein fernes Ziel. Wenn das tiefe „Ich bin“ nicht mehr auf Körper und Persönlichkeit reduziert wird, kann darin die Gegenwart Shivas erkannt werden.
Der fünfgliedrige göttliche Prozess ist immer gegenwärtig
itthaṃ sadā saṃnihitaḥ pañcavāhavidhiḥ kramāt
jñātaś cintāmaṇir asāv ajñānāt kāṣṭhaloṣṭavat
Übersetzung: So ist der fünfgliedrige Strom der göttlichen Tätigkeit immer gegenwärtig. Wird er erkannt, ist er wie ein Wunschjuwel; bleibt er unerkannt, ist er wie ein Stück Holz oder Lehm.
Inspiration: Dieselben Vorgänge, die gewöhnlich übersehen werden – Entstehen, Bestehen, Vergehen, Vergessen und Wiedererkennen – können als Wirken Shivas erfahren werden.
Die Welt erscheint als Bewusstsein
cidvahnir balalābhe 'pi viśvam ābhāti cinmayam
svānandāmṛtakallolam etad ucchalitaṃ bahiḥ
Übersetzung: Wenn das Feuer des Bewusstseins seine volle Kraft gewonnen hat, erscheint das Universum als aus Bewusstsein bestehend; es ist die nach außen überströmende Woge des Nektars der eigenen Wonne.
Inspiration: Erkenntnis muss die Welt nicht auslöschen. Sie kann die Welt verwandeln – nicht äußerlich, sondern in der Weise, wie sie gesehen wird.
Auch im Alltag kann die eigene Natur weiterleuchten
vyutthāne 'pi yatas tasya svarūpaṃ samprakāśate
yogino bodhaniṣṭhasya nityānandarasasya ca
Übersetzung: Auch im Zustand äußerer Aktivität leuchtet dem Yogi, der im Erwachen gegründet und vom Geschmack ewiger Wonne erfüllt ist, die eigene Natur auf.
Inspiration: Samadhi ist nicht das Ende des Weges. Die tiefere Vollendung besteht darin, Klarheit und Weite auch mitten im Handeln zu bewahren.
Der höchste Nektar der Nicht-Zweiheit
etad advayam ity uktaṃ jñānāmṛtam anuttamam
yaḥ pibec chāmyate tasya saṃsāraviṣamūrchanam
Übersetzung: Dies wird Nicht-Zweiheit genannt, der höchste Nektar der Erkenntnis. Wer ihn trinkt, dessen Betäubung durch das Gift des Samsara vergeht.
Inspiration: Nichtdualität ist im Bodhavilasa keine bloß abstrakte Theorie. Sie ist eine heilende Erkenntnis: Das Bewusstsein entdeckt sich selbst in allem, was erscheint.
Wichtigste Mantras und Anrufungen
Der Bodhavilasa ist keine eigentliche Mantra-Sammlung. Die vorliegende Textfassung enthält jedoch zwei kurze Anrufungen, die für seine spirituelle Ausrichtung bedeutsam sind.
Oṃ namo netrāya
ॐ नमो नेत्राय
Bedeutung: Verehrung dem Auge, dem Seher oder dem leitenden göttlichen Prinzip. Die Formel steht vor dem eigentlichen Verswerk. Da die GRETIL-Datei keinen ausführlichen rituellen Kontext dazu bietet, sollte keine spezielle Anwendung hinzuerfunden werden.
Namaḥ Śivāya
नमः शिवाय
Bedeutung: Verehrung Shiva. Diese Formel bildet den Anfang des ersten Verses und öffnet das Werk mit der Ausrichtung auf Shiva als den Vollzieher der fünf göttlichen Tätigkeiten.
Das bekannte Om Namah Shivaya steht dem Geist dieser Anrufung nahe, doch der Bodhavilasa selbst gibt an dieser Stelle nicht ausdrücklich die vollständige fünf- beziehungsweise sechssilbige Mantraform als eigenständige Praxisanweisung.
Bedeutung für Yoga und Meditation
Für heutige Yoga-Aspiranten ist der Bodhavilasa besonders wertvoll, weil er philosophische Erkenntnis und meditative Erfahrung eng miteinander verbindet. Die zentrale Frage lautet nicht: „Wie kann ich zu etwas anderem werden?“, sondern: „Was ist das Bewusstsein, das jetzt schon alle Erfahrungen trägt?“
In der Meditation kann diese Perspektive helfen, Gedanken nicht nur als Hindernisse zu behandeln. Auch ein Gedanke ist eine Erscheinung im Bewusstsein. Der Weg besteht darin, die Fixierung auf den Inhalt zu lockern und die zugrunde liegende Bewusstheit wahrzunehmen.
Der Text geht noch weiter: Auch starke emotionale Zustände können – im traditionellen Kontext und mit entsprechender innerer Reife – zu Momenten gesteigerter Bewusstheit werden. Entscheidend ist nicht das Erzeugen solcher Zustände, sondern das Erkennen des Bewusstseins, das in ihnen gegenwärtig bleibt.

Verhältnis zu anderen Schriften
Der Bodhavilasa steht in enger thematischer Nähe zu Kṣemarājas Pratyabhijna Hridaya. Dort wird ebenfalls das freie Bewusstsein als Ursache des Universums beschrieben und die Begrenzung des universalen Bewusstseins zum individuellen Geist erklärt.
Mit den Shiva Sutra verbindet den Text die Lehre, dass das wahre Selbst Bewusstsein ist und Befreiung durch die Wiederentdeckung dieser Natur geschieht. Zur Spanda Karika und zu Kṣemarājas Spanda Sandoha besteht eine Nähe in der dynamischen Auffassung des Bewusstseins als lebendige Kraft. Der Vijnana Bhairava Tantra bietet zahlreiche meditative Zugänge, die thematisch an die späteren Verse des Bodhavilasa erinnern – etwa Aufmerksamkeit auf Zwischenräume, die Auflösung von Vorstellungen und die Nutzung intensiver Bewusstseinsmomente. Historische Abhängigkeit sollte daraus jedoch nicht ohne weitere Belege gefolgert werden.
Auch Tantraloka und Tantrasara Abhinavaguptas bilden einen wichtigen weiteren Horizont: Die fünf Tätigkeiten Shivas, die 36 Tattvas, die Malas und die verschiedenen Grade des Erkennenden gehören zur gemeinsamen philosophisch-tantrischen Welt dieser Tradition.
Abschließende Betrachtung
Der Bodhavilasa trägt seinen Titel zu Recht: Er beschreibt ein „Spiel des Erwachens“, in dem Bewusstsein sich entfaltet, begrenzt und wiedererkennt. Bewusstsein ist für Kṣemarāja nicht ein stiller Hintergrund, der von der Welt getrennt wäre. Es ist frei, schöpferisch und fähig, sich als ganze Welt zu entfalten, sich als begrenztes Wesen zusammenzuziehen und sich schließlich in dieser Begrenzung selbst wiederzuerkennen.
Darin liegt eine besonders kraftvolle spirituelle Aussage: Die Begrenzung ist nicht das letzte Wort. Selbst Citta, der gebundene Geist, ist nichts anderes als zusammengezogenes Citi, freies Bewusstsein. Deshalb kann der Weg zurück zur Weite genau dort beginnen, wo man gerade steht.
Wenn Erkenntnis reift, muss die Welt nicht verschwinden oder verleugnet werden. Sie kann als die nach außen strömende Welle der eigenen Bewusstseinswonne erkannt werden. Samadhi und Alltag, Innen und Außen, Shiva und Welt verlieren ihren absoluten Gegensatz. Das ist der Nektar der Nicht-Zweiheit, von dem der Bodhavilasa spricht.
Textgrundlage
Grundlage ist ausschließlich die vom Nutzer bereitgestellte GRETIL-Datei Kṣemarāja: Bodhavilāsa. Sie beruht auf Corrado Pensa, „Il Bodhavilāsa di Kṣemarāja“, Rivista di Studi Orientali 36 (1961), S. 125–134. Die GRETIL-Fassung wurde von Daniele Cuneo eingegeben. Die ungewöhnliche Verszählung mit doppelter Nummer 12 und fehlender Nummer 14 wurde beibehalten.
Siehe auch
- Kshemaraja
- Abhinavagupta
- Kashmir Shivaismus
- Pratyabhijna
- Pratyabhijna Hridaya
- Spanda
- Spanda Karika
- Spanda Sandoha
- Shiva Sutra
- Vijnana Bhairava Tantra
- Tantraloka
- Tantrasara
- Shiva
- Shakti
- Bewusstsein
- Chit
- Chitta
- Vimarsha
- 36 Tattvas
- Mala
- Samadhi
- Mantra
- Advaita
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