Muthuswami Dikshitar
Muthuswami Dikshitar (Tamil: முத்துசுவாமி தீட்சிதர், Muttucuvāmi Tīṭcitar; Sanskrit: मुत्तुस्वामी दीक्षितर्; 1775 oder 1776 – 21. Oktober 1835) war ein südindischer Komponist, Dichter, Sänger und Veena-Spieler. Er gehört zusammen mit Tyagaraja und Syama Sastri zur „Trinität“ der karnatischen Musik, der klassischen Musik Südindiens. Alle drei wurden in Tiruvarur in Tamil Nadu geboren und lebten zur selben Zeit.
Dikshitar war nicht nur ein großer Musiker, sondern auch ein Yogi und ein tiefer Kenner des Vedanta, des Tantra und der Shri Vidya. Seine rund 450 bis 500 Kompositionen, meist in Sanskrit, sind musikalische Meditationen: Jede ist einer Gottheit, oft einem bestimmten Tempel, gewidmet und verbindet kunstvolle Musik mit spiritueller Symbolik. Seine Werke gelten als besonders meditativ, feierlich und tief. Er unterzeichnete sie mit dem Namen Guruguha, einem Namen Murugans, der ihm nach der Überlieferung in Tiruttani seine erste Inspiration schenkte.
Sein bekanntestes Lied, Vatapi Ganapatim Bhaje, eine Hymne an Ganesha, wird bis heute zu Beginn unzähliger Konzerte gesungen. Für Yoga-Übende ist Dikshitar ein Vorbild dafür, wie Musik zu einem Weg der Gottesverwirklichung werden kann, im Sinne des Nada Yoga.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Merkmal | Einordnung |
|---|---|
| Name | Muthuswami Dikshitar |
| Tamil | முத்துசுவாமி தீட்சிதர் |
| Lebensdaten | 1775/1776, Tiruvarur – 21. Oktober 1835, Ettayapuram |
| Eltern | Ramaswami Dikshitar (Komponist) und Subbamma |
| Guru | Chidambaranatha Yogi |
| Signatur (Mudra) | Guruguha |
| Instrument | Veena |
| Werk | Rund 450–500 Kompositionen (Kritis), meist in Sanskrit |
| Berühmte Werke | Vatapi Ganapatim, Kamalamba Navavarana Kritis, Navagraha Kritis, Shri Nathadi Guruguho |
| Spirituelle Tradition | Shri Vidya, Advaita Vedanta, Verehrung aller Gottheiten |
| Stellung | Einer der drei großen Komponisten („Trinität“) der karnatischen Musik |
Leben
Kindheit in Tiruvarur
Muthuswami Dikshitar wurde in Tiruvarur geboren, einer alten Tempelstadt in Tamil Nadu, als ältester Sohn von Ramaswami Dikshitar und Subbamma. Nach der Überlieferung wurde er geboren, nachdem seine Eltern im Tempel von Vaitheeswaran Koil um ein Kind gebetet hatten; er erhielt den Namen der dortigen Gottheit Muthukumaraswami, einer Form Murugans. Nach dem Bericht seines Großneffen Subbarama Dikshitar kam er unter dem Stern Krittika zur Welt, dem Stern der sechs Mütter Murugans.
Sein Vater Ramaswami Dikshitar war selbst ein bedeutender Komponist und Musikgelehrter, der den Raga Hamsadhwani geschaffen haben soll. Muthuswami erhielt von ihm seine erste musikalische Ausbildung. Wie es für einen jungen Brahmanen üblich war, lernte er Sanskrit, die Veden, Grammatik, Poetik, Astrologie, Mantra-Wissenschaft und die Philosophie der Upanishaden. Er hatte zwei jüngere Brüder, Chinnaswami und Baluswami, die ebenfalls Musiker wurden, und eine Schwester.
Der Guru Chidambaranatha Yogi
Als junger Mann begegnete Dikshitar einem wandernden Asketen namens Chidambaranatha Yogi. Dieser weihte ihn in das große Mantra der Shri Vidya ein, der Verehrung der Göttlichen Mutter als Lalita Tripurasundari, und nahm ihn mit auf eine Pilgerreise nach Norden. Fünf Jahre lang lebte Dikshitar mit seinem Guru in Varanasi am Ganges. Dort lernte er Musik, Philosophie, Yoga und die esoterischen Lehren des Tantra. Er kam auch in Kontakt mit der nordindischen klassischen Musik, besonders dem feierlichen Dhrupad-Stil, der seine spätere Musik prägte.[1]
Nach der Überlieferung schenkte ihm sein Guru in Varanasi eine besondere Veena und starb kurz darauf (zu einer anderen Fassung dieser Geschichte siehe unten unter „Legenden“). Das Grab Chidambaranatha Yogis ist noch heute in einem Tempel am Hanuman Ghat in Varanasi zu sehen. Um 1799 kehrte Dikshitar in den Süden zurück.
Die Erleuchtung in Tiruttani
Sein Guru hatte ihm aufgetragen, nach Tiruttani zu gehen, einem der sechs großen Heiligtümer Murugans. Dort, so erzählt die Überlieferung, saß Dikshitar in tiefer Meditation, als ein alter Mann zu ihm trat, ihn bat, den Mund zu öffnen, und ihm ein Stück Kandiszucker in den Mund legte. Dann verschwand er. Als Dikshitar die Augen öffnete, hatte er eine Schau Murugans, und aus ihm strömte sein erstes Lied: Shri Nathadi Guruguho Jayati im Raga Mayamalavagowla.
Von diesem Tag an nannte er sich in all seinen Liedern Guruguha, „der in der Höhle (des Herzens) wohnende Lehrer“, ein Name Murugans. In Tiruttani komponierte er eine Reihe von acht Liedern auf Murugan, in denen er nacheinander die acht Fälle der Sanskrit-Grammatik verwendete, ein Zeichen seiner großen Gelehrsamkeit.
Wanderjahre und Tempellieder
In den folgenden Jahrzehnten reiste Dikshitar zu zahlreichen Tempeln in ganz Südindien und darüber hinaus. An vielen Orten komponierte er Lieder, die der jeweiligen Tempelgottheit gewidmet sind. So entstand ein musikalisches Pilgerbuch: Seine Kompositionen erwähnen Tempel, Gottheiten, Legenden und Rituale und sind damit auch eine wichtige Quelle für die Tempelgeschichte Südindiens.
Seine Heimatstadt Tiruvarur mit ihrem großen Tyagaraja-Tempel (Shiva) und dem Heiligtum der Göttin Kamalamba blieb ein Zentrum seines Lebens. Hier entstanden einige seiner wichtigsten Werke.
Der Tod in Ettayapuram
Seine letzten Jahre verbrachte Dikshitar in Ettayapuram im Süden Tamil Nadus, am Hof eines kunstsinnigen Fürsten. Nach einer berühmten Überlieferung starb er am Tag des Lichterfestes Deepavali im Oktober 1835. Er bat seine Schüler, ein Lied an die Göttin Meenakshi zu singen, Meenakshi Me Mudam Dehi. Als sie zu den Worten kamen, die die Göttin als „Befreierin von den Fesseln“ preisen, legte er die Hände zusammen und ging in Samadhi ein. In Ettayapuram erinnert ein Denkmal an ihn, das bis heute von Musikern besucht wird.
Die Musik Dikshitars
Der Stil
Dikshitars Musik unterscheidet sich deutlich von der seiner Zeitgenossen. Während Tyagaraja vor allem in Telugu schrieb und seine Lieder oft wie ein persönliches Gespräch mit Rama wirken, schrieb Dikshitar überwiegend in Sanskrit. Seine Lieder sind meist langsam und getragen, reich an feinen Tonverzierungen (Gamakas), wie sie für die Veena typisch sind, und von feierlicher, meditativer Würde. Man sagt, seine Musik sei wie ein Tempel: groß, ruhig und voller Symbolik.
Die Ragas
Dikshitar war ein Meister der Ragas, der Melodieformen der indischen Musik. Er komponierte in einer großen Zahl von Ragas, darunter viele seltene, und bewahrte so ihre Gestalt für die Nachwelt. Oft ist der Name des Ragas kunstvoll in den Text seines Liedes eingewoben.
Musik als Yoga
Für Dikshitar war Musik ein spiritueller Weg. Er verstand den Klang als Nada Brahman, als das Absolute in Gestalt des Klanges. Seine Lieder sind voller Hinweise auf Yoga, Chakras, Kundalini und die Symbolik der Shri Chakra. In allen seinen Kompositionen zieht sich, wie Kenner sagen, ein Faden der Advaita-Philosophie der Upanishaden: die Einheit von Seele und Gott.
Wichtige Werke
Vatapi Ganapatim
Das berühmteste Lied Dikshitars ist Vatapi Ganapatim Bhaje im Raga Hamsadhwani, dem Raga, den sein Vater geschaffen hatte. Es ist Ganesha als dem Gott von Vatapi gewidmet und wird bis heute zu Beginn vieler Konzerte gesungen, um Ganeshas Segen zu erbitten. Es beginnt mit den Worten:
- वातापि गणपतिं भजेऽहं
- वारणास्यं वरप्रदं श्री
- Vātāpi gaṇapatiṃ bhaje'haṃ
- vāraṇāsyaṃ varapradaṃ śrī
Ich verehre Ganapati von Vatapi,
den Elefantengesichtigen, der Segen gewährt.
Eigene Übersetzung.
Die Kamalamba Navavarana Kritis sind neun Lieder an die Göttin Kamalamba von Tiruvarur, dazu ein Anfangs- und ein Schlusslied. Jedes Lied entspricht einem der neun Umhüllungen (Avaranas) des Shri Chakra, des heiligen Diagramms der Göttlichen Mutter in der Shri-Vidya-Tradition. Zusammen führen sie den Hörer wie auf einer inneren Pilgerreise vom äußersten Umkreis bis zum Mittelpunkt, dem Bindu, der Einheit mit der Göttin. Diese Lieder gelten als Höhepunkt von Dikshitars musikalischem und spirituellem Schaffen. Einen ähnlichen Zyklus schrieb er für die Göttin Abhayamba in Mayiladuthurai.
Die Navagraha Kritis sind neun Lieder an die neun Himmelskörper der indischen Astrologie, von der Sonne bis zu den Mondknoten Rahu und Ketu. Nach einer Überlieferung komponierte Dikshitar sie für einen Schüler, der an einer schweren Krankheit litt, die man auf ungünstige Planeteneinflüsse zurückführte. Die Lieder werden bis heute gesungen und zeigen Dikshitars Kenntnis des Jyotish.
Lieder für Murugan
Dikshitars Beziehung zu Murugan, dem er seine Inspiration verdankte, zeigt sich in vielen Liedern. Zu ihnen gehören die acht Tiruttani-Lieder, beginnend mit Shri Nathadi Guruguho, sowie Kompositionen für die großen Murugan-Tempel, etwa für Swamimalai, Tiruchendur und Palani.
Die Nottuswaras
Eine Besonderheit sind die rund 40 Nottuswaras, kurze Lieder, deren Melodien auf europäischen Volksweisen und Militärmärschen beruhen, die Dikshitar in Madras von britischen Militärkapellen gehört hatte. Er versah sie mit Sanskrit-Texten zu Ehren der Götter. Sie zeigen seine Offenheit für andere Kulturen. Sein Bruder Baluswami war einer der Ersten, die die westliche Violine in die karnatische Musik einführten.
Lieder für alle Gottheiten
Dikshitar komponierte für Shiva, Vishnu, die Göttin in ihren vielen Formen, Ganesha, Murugan, Rama, Krishna und viele andere. Er sah alle Gottheiten als Ausdruck des einen Absoluten. Diese umfassende Verehrung entspricht dem Geist des Advaita Vedanta und der Tradition, die auf Adi Shankara zurückgeführt wird.
Legenden
Der Regen in Ettayapuram
Eine bekannte Legende erzählt, dass Ettayapuram während Dikshitars Aufenthalt unter einer schweren Dürre litt. Dikshitar sang ein Lied im Raga Amritavarshini, dem „Nektar-Regen-Raga“, Anandamritakarshini, und bat darin um Regen. Nach der Überlieferung begann es kurz darauf heftig zu regnen.
Die Veena aus dem Ganges
In Varanasi soll Dikshitar nach der Überlieferung beim Baden im Ganges eine Veena gefunden haben, auf deren Hals der Name Rama stand. Man deutete dies als Zeichen, dass er zum Musiker berufen war.
Diese Legenden sind Teil der Heiligenüberlieferung; sie drücken aus, wie sehr seine Zeitgenossen und Nachfahren seine Musik als von göttlicher Kraft getragen erlebten.
Bedeutung
Für die karnatische Musik
Dikshitar gehört zu den drei großen Komponisten, die das Repertoire der karnatischen Musik bis heute prägen. Seine Lieder sind in jedem Konzert Südindiens zu hören. Sein Großneffe Subbarama Dikshitar bewahrte seine Werke in dem umfangreichen Werk Sangita Sampradaya Pradarshini (1904), das bis heute eine Hauptquelle für seine Musik ist.
Für die Spiritualität
Dikshitar ist ein Beispiel für einen Heiligen, dessen Sadhana die Musik war. In seinen Liedern verbinden sich Bhakti (Hingabe), Jnana (Erkenntnis), Tantra und Yoga. Sie sind nicht nur Kunstwerke, sondern Gebete und Meditationen.
Für die Tempelkultur
Da viele seiner Lieder bestimmten Tempeln gewidmet sind und deren Gottheiten, Legenden und Rituale beschreiben, sind sie auch ein Zeugnis der reichen Tempelkultur Südindiens.
Muthuswami Dikshitar und Yoga
Dikshitars Leben und Werk verbinden Musik und Yoga auf besondere Weise:
- Nada Yoga: Seine Musik ist ein Weg, durch Klang in die Stille zu gelangen. Wer seine langsamen, meditativen Lieder hört oder singt, kann erfahren, wie Musik den Geist sammelt und das Herz öffnet.
- Kirtan und Bhakti: Wie der Kirtan bei Yoga Vidya verbindet seine Musik Klang und Hingabe.
- Einheit in der Vielfalt: Dikshitar verehrte alle Gottheiten als Ausdruck des einen Göttlichen. Das entspricht dem Geist des integralen Yoga von Swami Sivananda.
- Die Göttliche Mutter: Seine Navavarana-Lieder sind ein musikalischer Weg der Verehrung der Göttlichen Mutter und zeigen die Nähe von Yoga und Tantra.
- Hingabe bis zum letzten Atemzug: Sein Tod während des Gesangs eines Liedes an die Göttin zeigt ein Leben, das ganz in Gott ausgerichtet war.
Beziehungen zu anderen Persönlichkeiten
Tyagaraja und Syama Sastri bilden mit ihm die „Trinität“ der karnatischen Musik. Sein Vater Ramaswami Dikshitar war sein erster Musiklehrer, Chidambaranatha Yogi sein spiritueller Guru. Murugan ist die Gottheit, die ihn nach der Überlieferung in Tiruttani inspirierte. Mit Arunagirinathar und anderen Verehrern Murugans verbindet ihn die Verehrung der sechs großen Murugan-Heiligtümer. Adi Shankara ist der Lehrer, auf dessen Advaita-Philosophie und Shri-Vidya-Tradition er sich bezieht. Purandara Dasa gilt als „Vater der karnatischen Musik“, auf dessen Werk die Trinität aufbaut.
Anregungen für Yoga und Meditation
- Hören als Meditation: Höre ein Lied Dikshitars, zum Beispiel Vatapi Ganapatim oder eines der Navavarana-Lieder, mit geschlossenen Augen. Lass dich vom langsamen Fluss der Musik in die Stille tragen, auch als Abschluss deiner Yogapraxis.
- Singen als Gebet: Singe einen Kirtan oder ein Mantra und widme es bewusst dem Göttlichen.
- Der Klang in der Stille: Nach dem Singen oder Hören verweile in der Meditation in der Stille und lausche dem Nachklang. Dort beginnt Nada Yoga.
- Alles als Ausdruck des Einen: Wie Dikshitar alle Gottheiten besang, kannst du versuchen, in jeder Erscheinung das eine Göttliche zu erkennen.
- Die Gabe des Guru: Der Kandiszucker in Tiruttani steht für die Gnade, die den Menschen öffnet. Erinnere dich an einen Moment, in dem dir unerwartet Inspiration geschenkt wurde.

Musik als Weg zu Gott
Muthuswami Dikshitar hat die Musik zu einem Tempel gemacht. Seine Lieder, feierlich und tief, voller Weisheit und Hingabe, laden bis heute Menschen ein, durch den Klang in die Stille und durch die Stille zum Göttlichen zu finden. Sein Leben begann mit einem Stück Zucker von Murugan und endete mit einem Lied an die Göttliche Mutter: ein ganzes Leben als Gesang zu Gott.
Siehe auch
- Tyagaraja
- Syama Sastri
- Purandara Dasa
- Murugan
- Ganesha
- Shri Vidya
- Shri Yantra
- Nada Yoga
- Nada Brahman
- Kirtan
- Veena
- Raga
- Advaita Vedanta
- Bhakti Yoga
- Jyotish
Quellen und Weblinks
- Wikipedia (englisch): Muthuswami Dikshitar.
- Wikipedia (englisch): Liste der Kompositionen von Muthuswami Dikshitar.
- Madras Musings: Muthuswami Dikshitar – The Madras Years.
- B. Rajani Kanta Rao: Muthuswami Dikshita, Triveni Journal.
- Subbarama Dikshitar: Sangita Sampradaya Pradarshini. Ettayapuram 1904.
- T. K. Govinda Rao: Compositions of Mudduswamy Dikshitar. Chennai.
Seminare
Gemeinsames Singen, Studieren und Meditieren kann die Inspiration dieser Musik im Alltag lebendig werden lassen.
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