Kirana Tantra
Kirana Tantra (Sanskrit: Kiraṇatantra, किरणतन्त्र) ist eine tantrische Schrift des Shaiva Siddhanta. Im Gespräch zwischen Shiva und Garuda geht es um eine Frage, die bis in die persönliche Suche hineinreicht: Wie kann ein Wesen, dessen Natur Bewusstsein ist, gebunden sein – und wie wird es frei? Das Kirana Tantra verbindet diese Untersuchung mit der Kraft göttlicher Gnade, der Bedeutung eines Guru und einer Praxis, die den Fähigkeiten des einzelnen Menschen entspricht.
Wer Yoga und Meditation vertiefen möchte, findet hier einen anspruchsvollen Gesprächspartner. Garuda fragt nach, prüft Widersprüche und verlangt Erklärungen. Besonders anregend sind die Unterscheidung zwischen Bewusstsein und seiner Verhüllung, die Würdigung verkörperter Erfahrung und die Erklärung, dass Shivas „Leerheit“ keine Nichtexistenz bedeutet. Der Titel lässt sich als „Tantra des Strahls“ verstehen; das Werk selbst beschreibt seine Lehre als erhellend.
Diese Seite ist eine Teilausgabe: Sie enthält die Kapitel 1–12 des Erkenntnisteils, die Kapitel 1–2 des Ritualteils (Kennungen K1–K2) sowie die gesondert erschlossenen Kapitel 60–61 über Toten- und Ahnenrituale. Die übrigen Kapitel sind noch nicht transkribiert. Unsichere Lesungen und Deutungen sind kenntlich gemacht; Angaben zum Textbestand und zu den Quellen stehen am Ende.
Zum vertiefenden Lesen gehören der Sanskrittext in Devanagari und die Auswahl für die spirituelle Praxis mit dem anschließenden Abschnitt über belegte Rezitationen.

Hintergrund und Lehre
Werkname und Überlieferung. Kirana Tantra, Kiranagama und Kirana Mahatantra bezeichnen in den hier benutzten Quellen dasselbe Werk. In den Schlussformeln nennt es sich ein großes Tantra namens Kirana. Es gehört zur śivaitischen Agama-Überlieferung. Ein historischer Einzelverfasser ist nicht gesichert; innerhalb der Schrift spricht Shiva als Offenbarer. Das Kirana Tantra ist kein Werk Abhinavaguptas und keine Zusammenfassung seines Tantraloka.
Die Schrift gehört zu den frühen Texten des Shaiva Siddhanta. Eine von Nina Mirnig benutzte nepalesische Handschrift ist auf 924 n. Chr. datiert; dieses Datum bezeichnet die Abschrift, nicht die Entstehung des Werkes. Der Verlagsbeschreibung von Mirnigs Untersuchung zufolge gehört das Kirana zu den dort bearbeiteten tantrischen Schriften aus der Zeit vor dem 9. Jahrhundert. Eine genauere Entstehungszeit lässt sich aus den hier eingesehenen Quellen nicht verlässlich festlegen. Für die ersten sechs Kapitel ist zudem der Kommentar Bhaṭṭa Rāmakaṇṭhas wichtig, den Dominic Goodall kritisch herausgegeben hat.
Ein Dialog, der Einwände zulässt. Garuda, auch Tarkshya genannt, begegnet Shiva zu Beginn auf dem Kailasa. Auf den mythologischen Lobpreis folgt die Bitte um befreiende Erkenntnis. Dann wechseln Fragen, Einwände, Vergleiche und Antworten. Nicht jeder Satz in diesem Gespräch ist eine abschließende Lehraussage: Manche Sätze formulieren gerade die Position, die Shiva anschließend untersucht oder zurückweist.
Orientierung im aufgenommenen Text. Kapitel 1 führt in Seele, Bindung und Herrn ein. Kapitel 2 untersucht die Unreinheit, Kapitel 3 Karma und Shivas Wirken, Kapitel 4 die Vermittlung durch Ananta und die Entfaltung der Maya. Kapitel 5 behandelt das Herabkommen der Kraft, Kapitel 6 Einweihung, unterschiedliche Fähigkeiten und das Fortbestehen des Körpers. Kapitel 7 fragt nach der Wirkungsweise der Mantras; Kapitel 8 entfaltet eine umfangreiche Weltordnung. Kapitel 9 untersucht das Shiva-Prinzip und seine Leerheit, Kapitel 10 die Übermittlung der Tantras, Kapitel 11 die Lautmutter und Kapitel 12 die rituelle Anordnung und Gewinnung von Mantras. Der Ritualteil beginnt eine eigene Kapitelzählung: K1 behandelt fünf Formen des rituellen Badens, K2 die Verehrung am Linga oder auf einer hergerichteten Opferfläche. Zu K2 gehören die innere Vergegenwärtigung des Körpers, Mantra-Zuweisungen, Gaben und die Wiederholung mit einer Gebetskette. Die getrennt folgenden Kapitel 60–61 behandeln Bestattung und Ahnenverehrung.
Die handschriftliche Gesamtfassung gliedert das Werk in vier Teile: Erkenntnis, Ritual, Lebensführung und Yoga. Ihre Schlussangabe nennt zwölf, achtzehn, siebenundzwanzig und sieben Kapitel. Diese Angabe beschreibt den Gesamtaufbau der betreffenden Fassung; sie ersetzt keine hier noch ausstehende Textbearbeitung der übrigen Kapitel.
Sanskrit und deutsche Übersetzung
Die Kapitel- und Verszahlen folgen der jeweiligen Leitquelle. Vollständige Strophen können auch aus sechs statt vier Versvierteln bestehen; sie behalten ihre eine Originalnummer. Eckige Klammern in der Übersetzung kennzeichnen notwendige Ergänzungen oder ausdrücklich offene Stellen. †…† markiert einen problematischen Sanskritwortlaut, […] eine Textlücke. Ein begonnener Satz kann sich über die nächste Strophe fortsetzen. Strophe 7.16 ist fragmentarisch; 8.141, 9.18, 10.31, 12.20 und 60.19 sind Halbstrophen. Die Sprecher- und Schlusszeilen werden dort wiedergegeben, wo sie in der benutzten Textgrundlage vorhanden sind. K1 und K2 bezeichnen die eigene Zählung im Ritualteil. K1.20½ und K2.50½ sind je eine zusätzliche abschließende Halbstrophe. K1.3, K1.15, K2.7, K2.28 und K2.39 werden auch dann als vollständige Strophen zusammengeführt, wenn der Quelltext durch Seitenwechsel oder englische Erklärungen unterbrochen ist. Kurze Hinweise auf unklare Aussagen stehen unmittelbar in der Übersetzung. Ausführlichere Erläuterungen zu Lesungen und Sprachformen sind unter „Anmerkungen und Quellen“ nach Versnummer geordnet.
Kapitel 1: Seele, Bindung und Herr

1.1
haraṃ dṛṣṭvābravīttārkṣyaḥ stutipūrvamidaṃ vacaḥ
Übersetzung: Als Tarkshya, Garuda, Hara auf dem Gipfel des Kailasa sitzen sah, an der Seite Umas und mit der Mondsichel als Scheitelzier, richtete er nach einem Lobpreis diese Worte an ihn.
1.2
jaya pravaravīreśasaṃruddhapuradāhaka
Übersetzung: Sieg dir, der du die Verbindung von Andhakas mächtigen Schultern geschickt zerreißt! Sieg dir, der du die von hervorragenden, mit Segensgaben ausgestatteten Heldenherrschern besetzte Stadt verbrennst!
1.3
jaya prathitasāmarthyamanmathasthitināśana
Übersetzung: Sieg dir, Furchtbarer, der du dem Herrn sämtlicher Götter das Haupt abschlägst! Sieg dir, der du den Bestand des Liebesgottes mit seiner weithin bekannten Macht vernichtest!
1.4
jayāvartamahāṭopasaridvegavidhāraṇa
Übersetzung: Sieg dir, der du dem Kalakuta-Gift, das Achyutas Leib zerstört, seine Kraft nimmst! Sieg dir, der du die Gewalt des Flusses mit seinen Wirbeln und seinem gewaltigen Brausen zurückhältst!
1.5
jaya nṛttamahārambhakrīḍāvikṣobhadāruṇa
Übersetzung: Sieg dir, der du die Frauen der Weisen im Hain des Zedernwaldes bezauberst! Sieg dir, Furchtbarer durch die Erschütterung, die dein machtvoll einsetzendes Tanzspiel hervorruft!
1.6
jaya krūrajanendrāsyadarśitāsṛksunirjhara
Übersetzung: Sieg dir, der du durch das Ungestüm deiner schrecklichen Gestalt Götter und Asuras in Angst versetzt! Sieg dir, der du aus den Mündern des Herrschers der grausamen Wesen mächtige Blutströme hervortreten lässt!
1.7
jayādbhutamahāliṅgasaṃsthānabalagarvita
Übersetzung: Sieg dir, der du durch das Handeln des Helden Dakshas Opfer vernichtest! Sieg dir, der du stolz bist auf die Macht deiner Erscheinung als wundersames, gewaltiges Linga!
1.8
jayāśeṣasukhāvāsakāmamohitaśailaja
Übersetzung: Sieg dir, der du um Shvetas willen den Leib des furchtbaren Todes niederstreckst! Sieg dir, der du die Tochter des Berges durch Liebe, die Wohnstatt aller Freude, bezauberst!
1.9
jaya pātālamūlordhvalokālokapradāhaka
Übersetzung: Sieg dir, der du Upamanyus Bedrängnis und die Finsternis seines Netzes der Verblendung vertreibst! Sieg dir, der du die irdischen und überirdischen Welten, vom Grund der Unterwelt bis nach oben, verbrennst!
1.10
yadavāpya narāḥ sarve muktimāyānti kevalām
Übersetzung: Lehre mich, deinen ergebenen und furchtsamen Verehrer, die höchste Erkenntnis Shivas. Wenn die Menschen sie erlangen, gelangen sie alle zur uneingeschränkten Befreiung.
1.11
bhadrametattvayā pṛṣṭaṃ śṛṇu jñānaṃ mahodayam
Übersetzung: So angesprochen, erwiderte Hara, dessen Mondsichel auf dem Scheitel erstrahlte: „Gut ist, wonach du gefragt hast. Höre die Erkenntnis, aus der großes Heil erwächst:
1.12
sarvānugrāhakaṃ śubhraṃ padārthoddyotakaṃ sphuṭam
Übersetzung: Das große Tantra namens Kirana schenkt die Freude des höchsten Unsterblichen. Es erweist allen Gnade, ist rein und lässt die Gegenstände der Lehre deutlich aufleuchten.
1.13
kriyācaryāsamopetaṃ yogabhūtibharāvaham
Übersetzung: Es legt die Untersuchung der Erkenntnis von gebundener Seele, Bindung und Herrn dar. Es umfasst Ritual und Lebensführung und bringt die Fülle yogischer Vollkommenheiten mit sich.“
1.14
mucyate kathamākhyāhi saṃdehavinivṛttaye
Übersetzung: „Wenn es sich so verhält: Wie ist zunächst jene gebundene Seele beschaffen? Wie wird sie gebunden, und wie wird sie befreit? Erkläre es, damit der Zweifel verschwindet.“
1.15
vyāpī māyodarāntastho bhogopāyavicintakaḥ
Übersetzung: „Die gebundene Seele ist ewig, körperlos, ohne Erkenntnis und Tätigkeit, ohne die Qualitäten der Urnatur und ohne eigene Herrschaftsmacht. Sie ist allgegenwärtig, befindet sich im Inneren der Maya und erwägt Mittel zum Erfahren.
1.16
tayodbalitacaitanyo vidyākhyāpitagocaraḥ
Übersetzung: Mit dieser unreinen Seele verbindet sich, von Shiva ausgehend, Kalā, die begrenzte Handlungsfähigkeit. Durch sie wird ihr Bewusstsein gestärkt; Vidya, die begrenzte Erkenntnisfähigkeit, erschließt ihr die Gegenstände.
1.17
buddhyādikaraṇānīkasambandhādbadhyate paśuḥ
Übersetzung: Vom Verlangen gefärbt, wird die Seele durch die Verbindung mit der Urnatur in Gestalt ihrer Qualitäten und mit der Schar der Werkzeuge, beginnend mit der unterscheidenden Erkenntnis, gebunden.
1.18
kālena kālasaṃkhyānakāryabhogavimohitaḥ
Übersetzung: Durch die Verbindung mit Niyati, der festlegenden Ordnung, wird sie auch hinsichtlich des selbst Erworbenen beschränkt. Durch die Zeit wird sie in das Erleben der Wirkungen verstrickt, die nach Zeitabschnitten bemessen sind.
1.19
māyābhogapariṣvaktas tanmayaḥ sahajāvṛtaḥ
Übersetzung: So durch die Wirklichkeitsprinzipien und ihre Kräfte gebunden, weiß sie nur wenig und ist mit einem Körper verbunden. Vom Erleben der Maya umschlungen, geht sie darin auf und bleibt von der angeborenen Unreinheit verhüllt.
1.20
same karmaṇi sañjāte kālāntaravaśāttataḥ
Übersetzung: Darauf erfährt sie entsprechend ihrem eigenen Karma das gesamte Erleben von Freude und anderem. Wenn im Verlauf der Zeit das Karma ins Gleichgewicht gekommen ist,
1.21
sarvajñaḥ sa śivo yadvat kiñcijjñatvavivarjitaḥ
Übersetzung: und sie durch ein starkes Herabkommen der göttlichen Kraft von einem Guru eingeweiht wird, ist sie allwissend wie Shiva und frei von begrenztem Wissen.
1.22
evaṃ kramādvibaddhaḥ san mucyate kramayogataḥ
Übersetzung: Die Offenbarung ihres Shiva-Seins ist vollständig; dann ist sie nicht mehr dem Kreislauf der Wiedergeburten unterworfen. Wie sie der Reihe nach gebunden wurde, so wird sie in entsprechender Folge befreit.
1.23
paśurevaṃvidhaḥ proktaḥ kimanyatparipṛcchasi
Übersetzung: Für die Seele werden drei Zustände gelehrt: isoliert, mit den begrenzenden Bestandteilen versehen und rein. So wurde die gebundene Seele beschrieben. Was möchtest du noch erfragen?“
Kapitel 2: Unreinheit und Bewusstsein
2.1
nimittamanayorbrūhi śuddhāśuddhasvarūpayoḥ
Übersetzung: „Du hast die Seele als begrenzt wissend und Shiva als allwissend beschrieben. Nenne den Grund für die reine und die unreine Beschaffenheit dieser beiden.“
2.2
anādimalamuktatvāt sarvajño 'sau tataḥ śivaḥ
Übersetzung: „Wegen ihrer anfangslosen Verbindung mit der Unreinheit habe ich die Seele als begrenzt wissend bezeichnet. Shiva dagegen ist allwissend, weil er seit anfangsloser Zeit frei von Unreinheit ist.
2.3
īdṛgrūpaṃ smṛtaṃ tābhyāṃ śuddhāśuddhaṃ yathārthataḥ
Übersetzung: Erst wenn ein zeitlicher Anfang feststeht, wird eine Ursache angesetzt. Reinheit und Unreinheit werden bei diesen beiden als ihre jeweilige wirkliche Beschaffenheit gelehrt.
2.4
yathāsminna nimittaṃ hi tathā naiva śivātmanoḥ
Übersetzung: Warum ist der Kristall rein, warum besitzt Kupfer eine dunkle Anhaftung? Wie dafür keine Ursache angegeben wird, so auch nicht für die unterschiedliche Beschaffenheit Shivas und der Seele.“
2.5
sa māyāntargataḥ prokto vyāpakaśca tvayā vibho
Übersetzung: „Aus welchem Grund wird die Seele dann erneut durch die Bindung mit Kalā und den übrigen Prinzipien gebunden? Du hast sie als im Inneren der Maya befindlich und zugleich als allgegenwärtig beschrieben, Allmächtiger.
2.6
parasparaviruddhatvāt kathametadbhaviṣyati
Übersetzung: Wenn sie aufgrund ihrer Allgegenwart überall ist, wie befindet sie sich im Inneren der Maya? Wie kann das zusammengehen, da sich beides widerspricht?“
2.7
yāvaccharīrasaṃśleṣo na sañjāto na bhogabhuk
Übersetzung: „Die Seele wird um der Befreiung willen gebunden; anders entsteht diese für sie nicht. Solange die Verbindung mit einem Körper nicht zustande gekommen ist, macht sie keine Erfahrungen.
2.8
tena tenāsvatantratvān malino malinīkṛtaḥ
Übersetzung: Diese Maya bildet ihren Leib; ohne ihn gibt es keine Befreiung. Durch die verschiedenen Abhängigkeiten wird die schon unreine Seele weiter mit Unreinheit verbunden.
2.9
aśuddhaḥ pudgalo 'pyevaṃ māyodaragato 'pi san
Übersetzung: Wie ein verunreinigtes Gewand, von reinigendem Stoff umgeben, sauber wird, so verhält es sich auch mit der unreinen Seele, obwohl sie sich im Inneren der Maya befindet.
2.10
tasminyaśca layaḥ proktaḥ sūkṣmadehavivakṣayā
Übersetzung: Was als Inneres der Maya bezeichnet wurde, ist durch die Prinzipien von Kalā bis zur Erde bestimmt. Wenn von einem Aufgehen darin gesprochen wurde, war der feine Körper gemeint.“
2.11
guṇastadvyatirikto vā malo brūhi kimātmakaḥ
Übersetzung: „Du hast die Unreinheit als anfangslos bezeichnet. Besteht sie aus Maya, ist sie eine Eigenschaft der Seele, oder ist sie von dieser verschieden? Sage, was sie ihrem Wesen nach ist.“
2.12
māyā no mohinī proktā svataḥ kāryātprakāśikā
Übersetzung: „Die Unreinheit ist angeboren; die aus Maya hervorgehende Unreinheit kommt hinzu. Maya wurde nicht als aus sich selbst verblendend bezeichnet; durch ihre Wirkungen wirkt sie offenbarend.
2.13
malaṃ vidārya cidvyaktim ekadeśe karotyasau
Übersetzung: Denn durch die Verbindung der Seele mit ihren Wirkungen lässt sie deren Bewusstsein aufleuchten. Indem sie die Unreinheit aufbricht, bringt sie das Bewusstsein teilweise zur Offenbarung.
2.14
prakāśo vyaktiśabdena malaśabdena cāvṛtiḥ
Übersetzung: Durch ihre Wirkungen steht sie als offenbarend fest, nicht als verhüllend. Mit dem Wort ‚Offenbarung‘ ist Erhellung gemeint, mit dem Wort ‚Unreinheit‘ Verhüllung.
2.15
māyāpi mohinī proktā viṣayāsvādabhogataḥ
Übersetzung: Die Offenbarung der individuellen Seele wird jedoch ebenfalls als Unreinheit bezeichnet, deutlich wie beim Verhältnis von Lampe und Dunkelheit. Auch Maya wird verblendend genannt, insofern sie das Genießen des Geschmacks der Gegenstände vermittelt.
2.16
māyotthaṃ bandhanaṃ tasya sanimittaṃ pravartate
Übersetzung: Wo immer die Seele sich befindet, tritt die aus Maya entstandene Bindung aufgrund ihres eigenen Karmas und ihrer Unreinheit ein. Sie tritt also aus einem bestimmten Anlass ein.
2.17
tasmānmāyā malo naiva vyatiriktaḥ sa yuktitaḥ
Übersetzung: Warum sollte sie sonst nicht auch bei Shiva eintreten, der seit anfangsloser Zeit frei von Unreinheit ist? Daher ist Maya nicht jene Unreinheit. Diese ist, wie die Überlegung zeigt, von ihr verschieden.“
2.18
ātmasthaṃ tatpaśutvaṃ syāt paśurapyadhvamadhyagaḥ
Übersetzung: „Alles müsste doch eine Wirkung der Maya sein. Woher käme dann eine andere, angeborene Unreinheit?“ – „Das Gebundensein gehört zur Seele; auch die Seele befindet sich innerhalb des kosmischen Weges.
2.19
malo 'jñānaṃ paśutvaṃ ca tiraskārakarastamaḥ
Übersetzung: Deshalb wird die Unreinheit als etwas angenommen, dessen Kennzeichen von den dortigen Wirkungen verschieden ist. Unreinheit, Nichtwissen, Gebundensein und die verdunkelnde Finsternis,
2.20
sa cāvidyādiparyāyabhedaiḥ siddho mate mate
Übersetzung: Unwissenheit, Verhüllung und Betäubung werden als ihre gleichbedeutenden Bezeichnungen gelehrt. Unter verschiedenen Namen wie ‚Unwissenheit‘ wird sie in den verschiedenen Lehrsystemen anerkannt.
2.21
pāśyādivṛttayo yāstu tasya bhedāḥ prakīrtitāḥ
Übersetzung: Weil sie vorhanden ist, gilt die Seele hier als bindbar, zu reinigen und zu erwecken. Bindbarkeit und die weiteren Zustandsweisen werden als ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen bezeichnet.
2.22
yadyevaṃ saṃsthitaḥ pāśyo malo 'sya paśusaṃgataḥ
Übersetzung: Diese treten auf, wenn Unreinheit vorhanden ist; die Fähigkeit zum Erfahren besteht nicht im isolierten Zustand.“ – „Wenn die Seele so als bindbar bestimmt ist und ihre Unreinheit mit ihr verbunden bleibt,
2.23
ātmano 'nādisambandhād dharma ityupacaryate
Übersetzung: warum wird die Unreinheit dann nicht vernünftigerweise als Eigenschaft der Seele angesetzt?“ – „Wegen ihrer anfangslosen Verbindung mit der Seele wird sie im übertragenen Sinn deren Eigenschaft genannt.“
2.24
tasya dharmo na dharmatve pariṇāmaḥ sphuṭo bhavet
Übersetzung: „Wie könnte die Seele, die mit Erkenntnis verbunden ist, die Eigenschaft des Nichtwissens angenommen haben?“ – „Die Unreinheit ist keine wirkliche Eigenschaft der Seele. Wäre sie es, ergäbe sich offensichtlich eine Veränderung ihres Wesens.
2.25
ekasminvyajyate jñānam anyasmiṃstattirohitam
Übersetzung: Für die Seele, deren Wesen Bewusstsein ist, ist sie keine Eigenschaft; sonst wäre die Seele einer Wesensveränderung unterworfen. Bei der einen Seele tritt Erkenntnis hervor, bei einer anderen bleibt sie verhüllt.
2.26
tayoścānādisambandhād viśleṣo na vibhutvataḥ
Übersetzung: Wesensveränderung gehört zum Nichtbewussten; beim Bewussten ist sie nicht angemessen.“ – „Beide sind anfangslos verbunden. Da sie allgegenwärtig sind, kann es keine räumliche Trennung geben.
2.27
vibhorapi malasyāsya tacchakteḥ kriyate vadhaḥ
Übersetzung: Müsste beim Schwinden der angeborenen Unreinheit nicht auch die Seele vernichtet werden?“ – „Obwohl diese Unreinheit allgegenwärtig ist, wird ihre Wirkkraft ausgeschaltet.
2.28
yathāgnerdāhikā śaktir mantreṇāśu niruddhyate
Übersetzung: Durch ein geeignetes Mittel wird die Kraft der Unreinheit gehemmt: so, wie die brennende Kraft des Feuers durch einen Mantra rasch gehemmt wird.
2.29
kṛtvā tacchaktisaṃrodhaṃ kriyate bhavaniḥspṛhaḥ
Übersetzung: Weil ihre Kraft auf diese Weise gehemmt ist, spricht man von einer Trennung. Nach der Hemmung dieser Kraft wird die Seele frei vom Verlangen nach dem Daseinskreislauf.
2.30
yadvattāmre kṣayastadvat puruṣasya malakṣayaḥ
Übersetzung: Die dunkle Anhaftung am Kupfer ist ihm von Natur aus verbunden; wenn sie schwindet, schwindet damit nicht das Kupfer. Wie beim Kupfer diese Anhaftung vergeht, so vergeht bei der Seele die Unreinheit.
2.31
viṣasambandhinī śaktir yathā mantrairniruddhyate
Übersetzung: Wie das Reiskorn nicht vernichtet wird, wenn seine Hülle vergeht, und wie die mit einem Gift verbundene Kraft durch Mantras gehemmt wird,
2.32
phalaṃ katakavṛkṣasya kṣiptaṃ sakaluṣe jale
Übersetzung: ohne dass dabei das Gift selbst vernichtet wird, so verhält es sich mit dem Schwinden der Unreinheit der Seele. Wird die Frucht des Kataka-Baumes in trübes Wasser geworfen,
2.33
śivajñānaṃ tathā tasya śaktisaṃrodhakārakam
Übersetzung: hemmt sie die Wirkung der Trübung: Wirft sie diese etwa aus dem Wasser an einen anderen Ort? Ebenso bewirkt die Erkenntnis Shivas die Hemmung der Kraft jener Unreinheit.“
Kapitel 3: Karma und Shivas Wirken
3.1
sa ca rāgādyato rāgo vaktavyo 'tra malena kim
Übersetzung: „Die Fähigkeit zum Erfahren wurde auf die Unreinheit zurückgeführt. Warum sollte sie nicht aus dem Verlangen entstehen? Da dieses vom Prinzip Raga herrührt, müsste man von Raga sprechen. Wozu braucht es hier die Unreinheit?“
3.2
abhilāṣastanau satyāṃ sā tanuḥ kena hetunā
Übersetzung: „Was als Fähigkeit zum Erfahren bezeichnet wurde, ist anfangslos und hat die Unreinheit zur Ursache. Verlangen tritt auf, wenn ein Körper vorhanden ist. Wodurch aber ist dieser Körper verursacht?
3.3
cauryaṃ hi bījamāpekṣya yathā nigaḍabandhanam
Übersetzung: Auch Raga wirkt aufgrund jener Voraussetzung für die Seele. So setzt die Fesselung mit Ketten als ihren Anlass einen Diebstahl voraus.
3.4
etasmādasya bhoktṛtvaṃ tanurbhogo 'nyahetujaḥ
Übersetzung: Ebenso setzt das Prinzip Raga den Zustand des Gebundenseins voraus. Daher kommt der Seele die Fähigkeit zum Erfahren zu; Körper und jeweiliges Erleben entstehen aus einer anderen Ursache.
3.5
nānyathāsya vinirdiṣṭaṃ bhogabhoktṛtvabandhanam
Übersetzung: Das Erleben der Seele, das in Freude, Schmerz und anderem besteht, beruht auf Karma. Anders wird die Bindung von Erfahrung und Erfahrungsfähigkeit für sie nicht erklärt.“
3.6
karmārjanaṃ tanau satyāṃ sṛṣṭikāle tanuḥ kutaḥ
Übersetzung: „Herr der Götter, du hast das Karma als Grundlage der Erfahrung bezeichnet. Karma wird erworben, wenn ein Körper vorhanden ist. Woher kommt aber der Körper zu Beginn der Schöpfung?“
3.7
yadyanādi na saṃsiddhaṃ vaicitryaṃ kena hetunā
Übersetzung: „Wie die Unreinheit der Seele anfangslos ist, so ist auch das Karma anfangslos. Würde seine Anfangslosigkeit nicht angenommen, was wäre dann der Grund für die Verschiedenheit der Wesen?
3.8
tathānādiḥ śivaḥ kartā sarvasya jagataḥ sthitaḥ
Übersetzung: Deshalb ist Karma anfangslos; ebenso Maya und der Daseinskreislauf. Auch Shiva, der als Urheber der ganzen Welt besteht, ist anfangslos.“
3.9
vaikaraṇyādamūrtatvāt kartṛtvaṃ yujyate katham
Übersetzung: „Du hast Shiva als Urheber bezeichnet. Wie wird er erkannt, Herr? Wie kann ihm Urheberschaft zukommen, wenn er ohne Sinneswerkzeuge und ohne Körper ist?“
3.10
evaṃ śivo hyamūrto 'pi kurute kāryamicchayā
Übersetzung: „Wie die Zeit, obwohl körperlos, erkennbar Wirkungen zustande bringt, so bewirkt auch der körperlose Shiva durch seinen Willen das Hervorzubringende.
3.11
śalyākṛṣṭikaro dṛṣṭo hy akṣahīno 'pi karṣakaḥ
Übersetzung: Allein sein Wille ist sein Werkzeug, wie man es bei einem vollkommenen Yogi annimmt. Auch ein Anzieher, der keine Sinne besitzt, wird als Herauszieher eines eingedrungenen Eisenteils beobachtet. Eine Betätigung ist nicht sichtbar; aus der Wirkung wird der Wille erschlossen.
3.12
asti heturataḥ kaścit karma cet na hyacetanam
Übersetzung: Eine grobe, vielfältig gestaltete Wirkung könnte anders nicht entstehen, ebenso wenig wie ein Topf. Daher gibt es irgendeinen Urheber.“ – „Das könnte doch das Karma sein?“ – „Nein, denn dieses ist unbewusst.
3.13
īśaḥ sadāśivaḥ śāntaḥ kṛtyabhedādvibhidyate
Übersetzung: Er wird als ohne Teile, als grob und als zugleich mit und ohne Teile beschrieben. Als Isha, Sadashiva und der Friedvolle unterscheidet er sich entsprechend den verschiedenen Aufgaben.“
3.14
dvisvabhāvastathā yo 'nyo viruddhaḥ sa parasparam
Übersetzung: „Wie soll man den Teilfreien erkennen? Wenn er Teile besitzt, wäre er dann nicht ebenfalls eine Seele? Und die andere, beide Naturen verbindende Gestalt widerspricht sich doch selbst.“
3.15
niṣkalaṃ lakṣyate śaktyā sūkṣmaṃ viṣavikāravat
Übersetzung: „An dem Herabkommen seiner Kraft auf die Seele und an der Kraft der Mantras wird das Teilfreie stets durch seine Wirksamkeit erkannt: so wie das feine Gift an der Veränderung, die es hervorruft.
3.16
nirmalatvācchivasyātra na kalpyāstvasitāḥ kalāḥ
Übersetzung: Auch als der mit Teilen Versehene ist er keine gebundene Seele, weil er keine aus Maya gebildeten Bestandteile besitzt. Da Shiva rein ist, dürfen bei ihm keine unreinen Teile angenommen werden.
3.17
taiḥ prakalpya śarīraṃ svaṃ śuddhākṣādhyāsitaṃ mahat
Übersetzung: Seine Teile bestehen aus Mantras, und diese Mantras haben Shiva zu ihrem Wesen. Mit ihnen gestaltet er seinen eigenen großen Körper, der von reinen Wahrnehmungsvermögen durchdrungen ist.
3.18
kurute 'nugrahaṃ dehī sarveṣāmeva dehinām
Übersetzung: Solange er dies nicht tut, gibt es keine Überlieferungsfolge der Gurus. Als Verkörperter erweist er sämtlichen verkörperten Wesen Gnade.
3.19
tadvadevātra boddhavyaṃ grahaṇaṃ mocanaṃ vibhoḥ
Übersetzung: Wie die Kraft eines Yogis sowohl beim Ergreifen als auch beim Freigeben wirkt, so sind auch das Ergreifen und Freigeben des allmächtigen Herrn zu verstehen.
3.20
lakṣyate sakalaṃ dhyānāt sarvajñānapravṛttitaḥ
Übersetzung: Durch Mudras, Mandalas und Mantras, durch die Betätigungen zur dreifachen Vollendung, wird der mit Teilen Versehene in der Meditation erkannt; ebenso daran, dass sämtliche Erkenntnis von ihm ausgeht.
3.21
bṛhaccharīramāpekṣya kalāhīna iti smṛtaḥ
Übersetzung: Die andere Gottheit, die beide Naturen besitzt, wird nicht schlechthin als teilfrei bezeichnet. ‚Ohne Teile‘ heißt sie im Verhältnis zu der großen Körpergestalt.
3.22
yogo na lakṣyahīnatvān na nāḍī na ca dhāraṇā
Übersetzung: So besteht der Herr unmittelbar als Grundlage des Yoga für die Yogis. Ohne einen Gegenstand gibt es weder Yoga noch den Weg durch die feinen Bahnen noch Konzentration.
3.23
nādabindukhamantrāṇuśaktibījakalāntagaḥ
Übersetzung: Um den Seelen Gnade zu erweisen, hat der Höchste auch eine niedrigere Erscheinungsform angenommen. Er ist in Nada, Bindu, dem leeren Raum, den Mantra-Wesen, Shakti, Bija und dem Ende der Lautteile gegenwärtig.
3.24
icchānugrahakartṛtvāl layabhogādhikāravān
Übersetzung: Wie ein Yogi kennt er den ihm erwiesenen Dienst; aufgrund seiner Allwissenheit schenkt er die entsprechende Frucht. Weil er Gnade durch seinen Willen bewirkt, besitzt er die Zustände des Ruhens, des Genießens und der Amtsausübung.
3.25
īśvaro 'dhaḥsthavidyānāṃ patīnsaṃprerayatyasau
Übersetzung: Entsprechend diesen verschiedenen Aufgaben wurde er als dreifach und mit verschiedenen Namen aufgezeigt. Als Ishvara setzt er die Herren der unter ihm befindlichen Vidyas in Tätigkeit.
3.26
śuddhe 'dhvani śivaḥ kartā prokto 'nanto 'site prabhuḥ
Übersetzung: Sobald sie von ihm in Bewegung gesetzt werden, erschaffen sie die darunterliegende Welt. Auf dem reinen kosmischen Weg ist Shiva der Urheber; auf dem unreinen gilt Ananta als Herr.
3.27
tathāsau kurute sarvaṃ tacchaktipratibodhitaḥ
Übersetzung: Wie ein Weltherrscher einen ihm an Herrschaftsmacht gleichen Beauftragten einsetzt, so vollbringt Ananta alles, durch dessen Kraft erweckt. Er ist allwissend, besitzt einen reinen Körper und macht alle Erkenntnis offenbar.“
Kapitel 4: Ananta, Maya und Verkörperung
4.1
prabodhikā ca sā śaktiḥ sarvagā paripaṭhyate
Übersetzung: „Durch die Macht von Shivas Kraft, so heißt es, wird Ananta erweckt. Diese erweckende Kraft wird als allgegenwärtig verkündet.
4.2
yogyānāmupakārī ced rāgavānsyācchivastadā
Übersetzung: Warum erweckt sie die anderen nicht, obwohl sie ihnen ebenfalls nahe ist? Wenn sie nur den Geeigneten hilft, wäre Shiva doch parteilich.“
4.3
kānicitpratibudhyanti tathānyāni na jātucit
Übersetzung: „Warum erwachen nicht alle Lotusblüten gleichermaßen, wenn die Sonnenstrahlen sie berühren? Manche öffnen sich, andere zu dieser Zeit überhaupt nicht.
4.4
adhikārānniyogo 'sya na niyogaṃ vinā sthitiḥ
Übersetzung: Die Sonne hat dabei weder Zuneigung noch Abneigung. Ebenso wenig besitzt der Herr diese beiden. Anantas Beauftragung entspricht seinem Amt; ohne Auftrag besteht dieses nicht.
4.5
sarvajñatvaṃ tanau satyām anantasya na yujyate
Übersetzung: Durch jene Macht wird Ananta allwissend, Garuda.“ – „Wenn Ananta einen Körper besitzt, ist Allwissenheit bei ihm nicht möglich.
4.6
māyātmakaṃ śarīraṃ tac chiṣṭakarmanimittajam
Übersetzung: Denn die Sinne sind begrenzt und erfassen nur bestimmte Gegenstände. Ein solcher Körper besteht aus Maya und entsteht aufgrund verbliebenen Karmas.
4.7
śuddhayonimayaṃ tasya vapuruktamakarmajam
Übersetzung: Daran ändert auch eine besondere Fähigkeit wie das Hören über sehr große Entfernungen nichts.“ – „Sein Körper wird als aus dem reinen Urstoff bestehend und nicht aus Karma entstanden bezeichnet.
4.8
tatsthaṃ sarpaṃ viṣaṃ yadvat tadgataṃ na vibādhate
Übersetzung: Da er somit von Bindungen frei ist, wodurch sollte seine Erkenntnis behindert werden? Wie das Gift, das sich in einer Schlange befindet, diese nicht beeinträchtigt,
4.9
chinnā chinnodbhavā yadvat sthānāśrayavaśādbhavet
Übersetzung: so beeinträchtigt die in seinem Bereich befindliche Gesamtheit der Bindungen Ananta nicht. Wie die abgeschnittene Pflanze Chinnodbhava je nach Standort und Stütze weiterbestehen kann,
4.10
mantraśaktyā yathā deho vidhṛtastiṣṭhate ciram
Übersetzung: so hält der Mantra-Herr aufgrund seiner Verbindung mit seinem Amt gleichsam mit Nachdruck an seinem Körper fest. Wie ein Körper durch Mantrakraft lange aufrechterhalten wird,
4.11
evaṃ tacchaktisāmarthyād āste tasya vapuryataḥ
Übersetzung: und selbst ein vom tödlichen Gift Gebissener durch diese Kraft den gewünschten Zustand erreicht, so bleibt Anantas Körper durch die Macht jener Kraft bestehen.
4.12
tantrairupakṛtaḥ kalyo yathā dehagato rasaḥ
Übersetzung: Daher soll man seinen Körper als vollkommen unbefleckt erkennen, wie ein Lotusblatt. Wie Quecksilber, durch die entsprechenden Verfahren zubereitet und wirksam gemacht, im Körper
4.13
yathā bheṣajasāmarthyād aśaktānāṃ balaṃ param
Übersetzung: bestehen bleibt, so bleibt die machtvolle Erkenntnis gegenwärtig. Wie durch die Kraft einer Arznei bei Kraftlosen große Stärke entsteht,
4.14
tena sāmarthyayogena yoniṃ prerayate kṣaṇāt
Übersetzung: so gewinnt Ananta durch die Macht jener Kraft höchste Stärke. Mit dieser Fähigkeit setzt er den Urschoß augenblicklich in Bewegung.“
4.15
svata eva vikāreṇa jagatyasminvikāriṇī
Übersetzung: „Wozu braucht Maya, die auf dem unteren kosmischen Weg hervorbringt, einen Antrieb? In dieser Welt der Veränderungen verändert sie sich doch aus sich selbst.
4.16
vikārātsarvanāśaḥ syād vikāro na jagatkatham
Übersetzung: Sie wird als Urschoß der Welt bezeichnet, und Kalā und die übrigen Prinzipien sind ihre Umwandlungen.“ – „Bei einer vollständigen Umwandlung ginge sie selbst ganz zugrunde.“ – „Warum ist die Welt dann nicht ihre Umwandlung?“
4.17
svato na vikṛtistasmād ananto 'syāḥ pracodakaḥ
Übersetzung: „Weil sie unbewusst ist, muss sie um der Zwecke der Seelen willen in Bewegung gesetzt werden. Daher verändert sie sich nicht aus sich selbst: Ananta ist ihr Anreger.
4.18
akṣobhyatvāttathā māyā savikārā kalādibhiḥ
Übersetzung: Wie der Ozean durch die Gewalt des Windes nur an seiner Oberfläche Veränderungen zeigt, so verändert sich die in ihrer Grundlage unerschütterliche Maya in Gestalt von Kalā und den übrigen Prinzipien.
4.19
sā śaktiḥ preritā tena nityaṃ kāryakarī bhavet
Übersetzung: Wenn sie ohne Bewegung nichts hervorbringt, dann ist ihre Erregung eben das In-Bewegung-Setzen. Die von Ananta angeregte Kraft der Maya bringt beständig Wirkungen hervor.
4.20
bhāvānkalādikānvyāpya sthitākṣobhyā tataḥsmṛtā
Übersetzung: Maya besteht übergeordnet und durchdringend; die Gesamtheit ihrer Wirkungen auf dem kosmischen Weg tut dies nicht. Da sie Kalā und die übrigen Gebilde durchdringt und bestehen bleibt, heißt sie unerschütterlich.
4.21
sthūlakāryāsu sūkṣmāpi sthitā nyagrodhabījavat
Übersetzung: Ihre Wirkungen hervorbringende Kraft heißt Handlungskraft und besitzt eine feine Gestalt. Obwohl sie fein ist, besteht sie in den groben Wirkungen, wie im Samen eines Nyagrodha-Baumes.
4.22
tasmātkalā tuṭiḥ saṃsthā bodhinī hyabhilāṣakṛt
Übersetzung: Daher soll man sie als Ursache dieser gesamten groben Welt erkennen. Aus ihr entstehen Kalā, Zeitbegrenzung, Festlegung, die Erkenntnis erweckende und die Verlangen erzeugende Fähigkeit.
4.23
tebhyo bhūtāni jātāni sarvamīśaḥ sṛjatyadhaḥ
Übersetzung: Daraus entstehen die elf Sinnes- und Handlungsvermögen und die fünf feinen Sinnesgegenstände; aus diesen entstehen die Elemente. All dies erschafft der Herr auf dem unteren Weg.
4.24
kṛtsnaṃ māyātmakaṃ kāryaṃ śuddhāśuddhavimiśritam
Übersetzung: Mit Shivas Kraft verbunden, erschuf jener göttliche Herr die gesamte aus Maya bestehende Wirkung, in der Reines und Unreines miteinander verbunden sind.“
4.25
dṛṣṭaṃ khadyotakādestad viruddhaṃ caikahetukam
Übersetzung: „Das aus dem Urschoß Entstandene wird nach unterschiedlichen Erkenntnisweisen unterschieden. Wenn es eines ist, wie kann es dann zweifach sein?“ – „Man sieht am Leuchtkäfer und an anderem, dass Gegensätzliches eine einzige Ursache haben kann.
4.26
jñeyaṃ kāraṇaśaktyutthaṃ kāryaṃ bījanimittajam
Übersetzung: So ist das unterschiedlich Gestaltete mit reinen und unreinen Bestandteilen verbunden. Man soll die Wirkung als aus der Kraft der Ursache hervorgegangen erkennen, wie eine Pflanze aus einem Samen. So wurde jene Wirkung beschrieben, die im Körper ihre Grundlage hat.
4.27
tathāpyetatsusaṃśliṣṭam ekasminvastuni sphuṭam
Übersetzung: Obwohl diese aus dem unreinen Bereich entstandenen Wirkungen einander widersprechen, sind sie doch erkennbar in einem einzigen Gebilde eng verbunden.
4.28
evametadanantena sṛṣṭaṃ dehanibandhanam
Übersetzung: Wie die verschiedenen Teile eines Wagens erfüllen sie unterschiedliche Zwecke für den Menschen. So wurde durch Ananta geschaffen, was die Verkörperung begründet.
4.29
etacca kurute śambhuḥ svatantratvātprabhutvataḥ
Übersetzung: Ohne Körper gibt es weder Befreiung noch Erfahrung, die Erkenntnis und Handeln lehrt. Dies bewirkt auch Shambhu aus seiner Freiheit und Herrschaftsmacht. Er ist friedvoll und erweist allen Gnade; jede Frucht hängt von ihm ab.“
Kapitel 5: Das Herabkommen der Kraft

5.1
śivasya samavetatvāt sarvadaiva sthitā paśau
Übersetzung: „Durch das Herabkommen der Kraft entsteht Einweihung. Doch eine allgegenwärtige Kraft kann nicht herabfallen. Da sie Shiva untrennbar zugehört, ist sie ohnehin stets in der Seele gegenwärtig.
5.2
kālo vā sa ca kaḥ prokto yadi kālaḥ śivena kim
Übersetzung: Warum endet der Daseinskreislauf dann nicht, wenn die Kraft immer vorhanden ist? Oder kommt es auf einen Zeitpunkt an? Welcher Zeitpunkt ist gemeint? Wenn die Zeit entscheidet, wozu braucht es Shiva?“
5.3
yathā pumānvibhurgantā nityo 'pyukto vinaśvaraḥ
Übersetzung: „Man sieht auch hier, dass Worte in übertragenem Sinn gebraucht werden. So nennt man die Seele gehend, obwohl sie allgegenwärtig ist, und vergänglich, obwohl sie ewig ist.
5.4
evaṃ śaktinipāto 'pi procyate sopacārataḥ
Übersetzung: Wie man vom Zerschneiden der Bindungen spricht und den göttlichen Shiva ‚König der Mantras‘ nennt, so spricht man auch im übertragenen Sinn vom Herabkommen der Kraft.
5.5
tadvacchaktinipāto 'pi prokto bhavabhayapradaḥ
Übersetzung: Wie das plötzliche Herabfallen eines Gegenstandes Furcht hervorruft, so wird vom Herabkommen der Kraft gesagt, dass es Furcht vor dem Daseinskreislauf erweckt.
5.6
gururyathāgrataḥ śiṣyān suptāndaṇḍena bodhayet
Übersetzung: Wie jemand sich deshalb an einen anderen Ort begibt, so wendet sich die Seele an den Lehrer. Wie ein Guru die vor ihm eingeschlafenen Schüler mit einem Stock weckt,
5.7
yadā svarūpavijñānaṃ patiteti tadocyate
Übersetzung: so erweckt auch Shiva mit seiner Kraft die im Schlaf der Verblendung Versunkenen. Wenn die Erkenntnis des eigenen Wesens eintritt, sagt man: ‚Die Kraft ist herabgekommen.‘
5.8
tannipātasya saḥ kālaḥ karmaṇāṃ tulyataiva ca
Übersetzung: So ist das Herabkommen der Kraft zu verstehen; das Wort ‚Herabkommen‘ bezeichnet ein erkennbares Zeichen. Der Zeitpunkt dieses Herabkommens ist das Gleichgewicht der karmischen Kräfte.“
5.9
samatvaṃ tatkathaṃ gamyaṃ nyūnādhikatuṭiḥ katham
Übersetzung: „Was bedeutet dieser Zeitpunkt des karmischen Gleichgewichts: Ist das Karma erschöpft oder nicht im Gleichgewicht? Wie erkennt man Gleichgewicht, und wie wäre darin ein Weniger oder Mehr an Zeit?“ – „Genau zu der Zeit, in der jene feine Gleichheit besteht, wird die Kraft
5.10
karmāṃśo yo 'dhikaḥ pūrvaṃ bhogadastvitaraḥ punaḥ
Übersetzung: das eigene Wesen unverzüglich offenbar machen, erkennbar an den Zeichen des Erwachens. Zuvor schenkt der überwiegende Anteil des Karmas Erfahrung, später wiederum der andere.“
5.11
miśraṃ vārambhakaṃ karma same bhogastadā na hi
Übersetzung: „Wie entsteht dann Erfahrung, wenn Gleichgewicht besteht? Oder bringt gemischtes Karma die Erfahrung hervor?“ – „Bei wirklichem Gleichgewicht gibt es zu dieser Zeit keine Erfahrung.
5.12
adhikanyūnasambandhād vyākulatvaṃ na jāyate
Übersetzung: Man müsste irgendeinen überwiegenden Anteil nennen; anders entstünde weder Freude noch ihr Gegenteil. Eine Störung durch das Verhältnis von Überwiegen und Zurücktreten entsteht dabei nicht.
5.13
sa pāta iti mantavyas tasya bhaktirvilakṣaṇā
Übersetzung: Frei von Überwiegen und Zurücktreten erreicht die Kraft ihren Ort. Dies ist als ihr Herabkommen zu verstehen. Bei dem so Berührten zeigt sich eine besondere Hingabe.
5.14
anādikarmasambandhāc chivaḥ kālamapekṣate
Übersetzung: Eben dieser Zeitpunkt eignet sich dafür, dass die Kraft die Seele annimmt. Wegen des anfangslosen karmischen Zusammenhangs wartet Shiva diesen Zeitpunkt ab.
5.15
yathā kaściccale lakṣye kañcitkālamapekṣate
Übersetzung: Man nennt ihn eine Öffnung der Zeit; der göttliche Shiva kennt ihn. Wie jemand bei einem beweglichen Ziel auf einen bestimmten Augenblick wartet,
5.16
abhāvāttatsamatvasya yugapanmuktiranyathā
Übersetzung: so wartet auch Shiva, obwohl er es kennt, den Augenblick des Gleichgewichts ab. Würde dieses Gleichgewicht nicht berücksichtigt, müssten sonst alle zugleich befreit werden.
5.17
prabhuratra śivo jñeyaḥ prabhutvaṃ kiṃ tuṭermatam
Übersetzung: Würde man diese Abfolge nicht anerkennen, bedürfte es keiner Mittel und keiner Praxis. Als Herr ist hier Shiva zu erkennen. Welche Herrschaftsmacht sollte denn ein Zeitmoment besitzen?
5.18
sati kāle prabhutvaṃ syāt padmabodhe yathā raveḥ
Übersetzung: Herrschaft kommt dem zu, dessen Wesen Erkennen ist. Ein Zeitmoment ist unbewusst und deshalb kein Herr. Zur geeigneten Zeit wird Herrschaft wirksam, wie die der Sonne beim Öffnen der Lotusblüte.
5.19
tathāpi bhāskaraḥ prokto loke 'sminpadmabodhakaḥ
Übersetzung: Ohne den geeigneten Zeitpunkt findet auch dort kein Aufblühen statt. Dennoch bezeichnet man in dieser Welt die Sonne als diejenige, die den Lotus öffnet.
5.20
evaṃ yadyapi tulyatvaṃ karmaṇaḥ kāla eva saḥ
Übersetzung: Auch die Zeit ist lediglich die Eignung; nennt man sie offenbarend, geschieht dies im übertragenen Sinn. Obwohl also das Gleichgewicht des Karmas jener Zeitpunkt ist, bleibt der Herr Shiva der Gebieter des Herabkommens der Kraft.“
5.21
bahūnāmapyadoṣaḥ syād vibhutvānna nivāryate
Übersetzung: „Wie kann diese eine Kraft viele erwecken?“ – „Dass es viele sind, ist kein Einwand: Wegen ihrer Allgegenwart wird ihre Wirkung nicht eingeschränkt.
5.22
evaṃ tacchaktisaṃyogād dīkṣā yadi ca saṃsthitā
Übersetzung: So wird in dieser Lehre die feine Verbindung mit der Kraft beschrieben.“ – „Wenn die Einweihung aufgrund dieser Verbindung mit seiner Kraft erfolgt,
5.23
tirobhāvakarī śaktir yadi tasya na nirvṛtiḥ
Übersetzung: warum beobachtet man auch nach der Einweihung Verhüllung? Wenn die Kraft die Seele verhüllt, gibt es für diese doch keine Befreiung.
5.24
tirobhāvagatānāṃ sā puruṣāṇāṃ śivecchayā
Übersetzung: Der Herr soll so handeln, dass es nicht zu einem solchen Rückfall kommt!“ – „Für die in Verhüllung befindlichen Seelen besteht jene [begnadigende Einweihung] nach Shivas Willen
5.25
tirobhāvāya pāto na yato 'nugrahadharmiṇī
Übersetzung: nicht. Weil sie Verhüllung bewirkt, wird die [andere] Kraft als verhüllend bezeichnet. Das Herabkommen [der begnadigenden Kraft] dient nicht der Verhüllung, denn ihr Wesen ist Gnade.
5.26
prakāśya yāti vidyudvat sā śaktiḥ puṃprabodhinī
Übersetzung: Weil der geeignete Zeitpunkt ganz nahe ist, offenbart die Kraft der Seele ihr eigenes Wesen. Nachdem sie es offenbar gemacht hat, zieht sie sich wie ein Blitz zurück: jene Kraft, die die Seele erweckt.
5.27
dvividhe 'pi tirobhāve sthānaprāptiḥ kvacidbhavet
Übersetzung: Wenn die Seele trotz ihrer Einweihung vollständig verhüllt ist, kann bei beiden Arten der Verhüllung das Erreichen einer bestimmten Stätte erfolgen.
5.28
tadyuktasya vimokṣaḥ syād ātmano nirvikalpakaḥ
Übersetzung: An dieser Stätte entsteht in ihr wieder dieselbe innere Prägung. Wenn die Seele damit verbunden ist, wird ihr die ungeteilte Befreiung zuteil.
5.29
ānarthakyaprasaṅgaḥ syād yadi muktirna sā bhavet
Übersetzung: Auf diese geordnete Weise kann sie noch in einen Zustand der Verhüllung gelangen. Würde jene Befreiung nicht eintreten, ergäbe sich die Sinnlosigkeit der Einweihung.
5.30
na punastādṛśī śaktiḥ kṣīravatpariṇāminī
Übersetzung: Die Kraft wird ‚schwach‘ oder ‚noch schwächer‘ genannt, wenn man auf das Gleichgewicht des Karmas blickt. Sie ist aber keine sich wandelnde Substanz wie Milch.
5.31
dvijādivarṇaniśreṇī sā ca mocayati sphuṭam
Übersetzung: Denn die Kraft des Kraftbesitzers unterscheidet sich entsprechend den Aufgaben, in denen sie wirkt. Sie befreit deutlich die Stufenfolge der Stände, beginnend mit den Zweimalgeborenen.“
Kapitel 6: Einweihung und geeignete Mittel
6.1
dvijātayastu ye varṇā nyūnādhikatayā sthitāḥ
Übersetzung: „Shiva, die höchste Ursache, wird als einer bezeichnet, der allen Gnade erweist. Doch die Stände der Zweimalgeborenen bestehen in einer Rangordnung von Niedriger und Höher.
6.2
saṃskāraḥ sadṛśasteṣāṃ nyūnādhikagatiḥ katham
Übersetzung: Wenn auch die Weihe entsprechend verschieden wäre, warum dann nicht auch ihre Frucht? Wenn ihre Weihe gleich ist, wie kann es eine niedrigere oder höhere Bestimmung geben?“
6.3
yadi jātestadekasmin dīkṣite 'khiladīkṣaṇam
Übersetzung: „Die Weihe gilt weder dem Stand noch dem Körper, sondern dem lebendigen Wesen. Gälte sie dem Stand, wären bei der Einweihung eines Einzelnen alle dieses Standes eingeweiht.
6.4
cidrūpānugrahaḥ proktaḥ sarvānugrāhakaḥ śivaḥ
Übersetzung: Deshalb darf man sie nicht dem Stand zuschreiben; auch nicht dem Körper, denn dieser ist unbewusst. Gelehrt wird die Begnadigung dessen, dessen Wesen Bewusstsein ist. Shiva erweist allen Gnade.“
6.5
kartavyo 'nugraho deva sa ca saṃskārapūrvakaḥ
Übersetzung: „Wenn er allen Gnade erweist, müsste er auch Kindern, Unverständigen und Menschen, die auf Genuss ausgerichtet sind, Gnade erweisen, Gott. Diese setzt aber eine Weihe voraus.
6.6
kriyājñānavratādīnām upāyānāmahetutā
Übersetzung: Wenn im Tantra gelehrt wird, dass Befreiung allein durch die Weihe eintritt, dann wären Mittel wie Ritual, Erkenntnis und Gelübde wirkungslos.“
6.7
keciccātra kriyāyogyās teṣāṃ muktistathaiva hi
Übersetzung: „So, wie die Menschen jeweils beschaffen sind, Garuda, erweist der Herr ihnen Gnade. Manche sind für rituelles Handeln geeignet; auf eben diese Weise wird ihnen Befreiung zuteil.
6.8
evaṃ yeṣāṃ yathā prokto mokṣasteneśayojanāt
Übersetzung: Andere sind für Erkenntnis geeignet, wieder andere für die vorgeschriebene Lebensführung. Für jeden ist der Weg zur Befreiung so gelehrt, wie er durch seine Verbindung mit dem Herrn angemessen ist.
6.9
dīkṣayaiva na mokṣaḥ syād upāyaḥ sa niyāmakaḥ
Übersetzung: Die Einweihung gilt als Grundlage der Mittel, zu denen Erkenntnis und die übrigen gehören. Durch Einweihung allein muss Befreiung noch nicht eintreten; das jeweils geeignete Mittel bestimmt den weiteren Weg.
6.10
ekaḥ kasmādupāyo na proktastena yadanyathā
Übersetzung: Weil der Herr allen Gnade erweist, wurden diese Mittel verkündet. Weshalb hätte er nicht nur ein einziges Mittel gelehrt? Tatsächlich hat er anders gelehrt.
6.11
ajñatvānna ca doṣo 'sti jñatvāddoṣo mahānbhavet
Übersetzung: Bei Frauen und anderen, die dazu nicht imstande sind, soll der Lehrer die Verpflichtungen durch die Einweihung aufheben. Bei fehlendem Wissen liegt darin kein Vergehen; wer wissentlich gegen sie handelt, begeht dagegen ein großes Vergehen.
6.12
ye 'tra śaktā na teṣāṃ tu śodhyāsteṣāṃ prakāśayet
Übersetzung: So werden jene durch Einweihung in Verbindung mit Hingabe befreit. Bei denen, die zur Praxis imstande sind, sollen die Verpflichtungen jedoch nicht aufgehoben werden: Ihnen soll der Lehrer sie erläutern.
6.13
anyathā sthitibhaṅgaḥ syāt sthitiścoktā śivāgame
Übersetzung: So soll er Erkenntnis und alles Weitere demjenigen eröffnen, der dazu fähig ist. Andernfalls würde die Ordnung gebrochen, die im Shiva-Agama gelehrt wird.
6.14
sarvānugrāhakatvena sthityupāyavivakṣayā
Übersetzung: Ohne sie käme nichts zustande; deshalb besteht diese Regel. Sie dient der Ordnung der Mittel und dem Erweisen von Gnade an alle.“
6.15
viśleṣo 'pi na dṛśyeta adṛṣṭatvātkathaṃ vada
Übersetzung: „Die Einweihung wird doch durchgeführt, um die Bindungen zu lösen. Aber ihre Lösung ist nicht sichtbar. Wie kann dies bei etwas Unsichtbarem geschehen? Sage es.“
6.16
śambarāṇāmacintyatvād yathā mūrtaviṣakṣayaḥ
Übersetzung: „Das Schwinden der Bindungen durch ihre Erschütterung gilt als erwiesen; diese wird durch vollwirksame Mantras bewirkt. Ihre Macht ist dem gewöhnlichen Denken unzugänglich, wie beim Beseitigen des im Körper wirksamen Giftes.
6.17
dūrastho mantramukhyaistu tadvatkarmakṣayastviha
Übersetzung: Wie jemand in großer Entfernung allein durch das Nennen seines Namens mit mächtigen Mantras bezwungen wird, so wird hier das Karma zum Schwinden gebracht.“
6.18
jātāyāmarthaniṣpattau kathaṃ syādvapuṣaḥ sthitiḥ
Übersetzung: „Wenn die Einweihung sämtliche Bindungen löst, Gott, wie kann der Körper dann weiterbestehen, nachdem das Ziel erreicht ist?“
6.19
pūrvasaṃskārasaṃsiddhaṃ tathā vapuridaṃ sthitam
Übersetzung: „Wie sich nach der Fertigstellung des Topfes das Töpferrad noch aufgrund des früheren Antriebs weiterdreht, so besteht auch dieser Körper durch eine frühere Prägung fort.
6.20
bhaviṣyadapi saṃruddhaṃ yenedaṃ taddhi bhogataḥ
Übersetzung: Das Karma aus vielen Existenzen wird von den Mantra-Wesen wie ein verbrannter Same unwirksam gemacht. Auch künftiges Karma wird gehemmt; jenes aber, durch das dieser Körper entstanden ist, endet durch sein Erleben.
6.21
kāryāṇubhiḥ sadā siddhais tena te śivayojakāḥ
Übersetzung: Beim Abfallen des Körpers erfolgt Befreiung. Oder die unmittelbar Nirvana schenkende Einweihung soll durch die stets vollkommenen Mantra-Wesen vollzogen werden. Deshalb verbinden diese mit Shiva.“
6.22
dṛśyate bhakticihnena na ca cihnaṃ kvacitsphuṭam
Übersetzung: „Warum sieht man bei einem von Bindungen Befreiten nicht wenigstens ein kleines Zeichen?“ – „Es zeigt sich im Zeichen der Hingabe.“ – „Doch ein solches Zeichen ist nicht überall eindeutig.
6.23
prāguktaṃ yojanaṃ tasya tadyuktyā grāhapūrvakam
Übersetzung: Wo es sich deutlich zeigt, ist es auch dort nicht ausnahmslos verlässlich. Die zuvor beschriebene Verbindung mit Shiva muss nach der dafür angegebenen Methode mit einem Ergreifen der Seele beginnen.
6.24
mahānatra virodhaḥ syāt kathametadbravīhi me
Übersetzung: Wegen ihrer Allgegenwart und Körperlosigkeit ist die Seele aber nicht zu ergreifen. Hier besteht ein großer Widerspruch. Wie verhält es sich? Erkläre es mir.“
6.25
tanusthaṃ hi kathaṃ caitat spandenāpyanumīyate
Übersetzung: „Das Zeichen ist ihre Festigkeit in der inneren Prägung und ihr unerschütterliches Handeln darin.“ – „Wie kann die Seele, wenn sie im Körper gegenwärtig ist, selbst aus dessen Bewegungen erschlossen werden?“
6.26
gṛhyate mantraśaktyāsau vācyastacchaktiko guṇaḥ
Übersetzung: „Wie der Raum trotz seiner Allgegenwart aus dem Klang erkannt wird und wie körperloses Gift erfasst wird, so wird die Seele durch Mantrakraft ergriffen. Der bezeichnete Gegenstand ist der Träger jener Kraft. Durch die Beziehung zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem sind die Mantra-Wesen zu verstehen, Garuda.“
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Kapitel 7: Die Mantras
mantrapaṭalaḥ — Übersetzung: Kapitel über die Mantras.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
7.1
trayamekatra vācyaṃ vā tantrāntaravirodhi †tata†
Übersetzung: Bezeichnen die Mantras Shiva, bezeichnen sie Shakti oder die individuellen Wesen? Oder bezeichnen sie alle drei gemeinsam? Das widerspräche anderen Tantras. [Das letzte Wort ist fehlerhaft überliefert.]
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
7.2
tṛtīyaṃ vācyamapyatra na hyekena vinetaram
Übersetzung: Shiva ist der veranlassende Urheber; durch seine Kraft setzt er die individuellen Wesen in Tätigkeit. Auch das Dritte gehört hier zum Bezeichneten: Ohne das eine besteht das andere nicht. [Die Quelle schreibt anūn statt des hier zu erwartenden aṇūn.]
7.3
karoti pacanaṃ so'pi kāṣṭhādikaraṇairyutaḥ
Übersetzung: Wie einer zu einem anderen sagt: „Koche Reis!“, und jener das Kochen ausführt, ausgestattet mit Werkzeugen wie Brennholz und anderem,
7.4
kāraṇatvaṃ tathā śakterevameṣāmiha sthitiḥ
Übersetzung: so kommt Shiva die veranlassende Urheberschaft zu, den individuellen Wesen die Rolle des Werkzeugs und Shakti die Ursächlichkeit. So ist hier ihre Stellung bestimmt.
7.5
śaivī †śaktistathānusth↠vyanakti sakalāṃ kriyām
Übersetzung: Wie eine von einem Menschen hervorgebrachte Melodie durch die Saite deutlich erklingt, so macht Shivas Kraft, [wohl in den individuellen Wesen gegenwärtig], alle Tätigkeit offenbar.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
7.6
śakterapyavinābhāvātkalpitairaṇubhiśca kim
Übersetzung: Wenn das individuelle Wesen so bestimmt ist und Shiva zum Bezeichneten wird, wozu braucht man dann noch angenommene individuelle Mantra-Wesen, da auch Shakti untrennbar mit ihm verbunden ist?
7.7
tāḍanaṃ bhedanaṃ tṛptiḥ śoṣaṇaṃ nigalārgalam
Übersetzung: Den Mantras werden Abschneiden, Binden, Festnageln, Töten, Schlagen, Spalten, Sättigen, Austrocknen sowie Fesseln und Verriegeln zugeschrieben.
7.8
śaktirniyāmikā teṣāmaṇūnāmatibodhinī
Übersetzung: So werden diese und andere Tätigkeiten genannt. Was bedeutet dies für die Wesen selbst? Ihre steuernde Macht ist Shakti, die die individuellen Wesen in hohem Maße erweckt.
7.9
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
Übersetzung: [Erster Halbvers nicht sicher übersetzbar.] Alle so genannten Mantras vollbringen hier ihre jeweilige Aufgabe.
7.10
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
Übersetzung: Vollbringen sie diese in Abhängigkeit vom Karma oder nicht? Sage es mir deutlich. – Karma ist nicht ihr bestimmender Anlass; die individuellen Mantra-Wesen gelten als davon unabhängig.
7.11
karmaṇaśchedakāḥ proktā dīkṣāsamayasaṃsthitāḥ
Übersetzung: Das ist auch aufgrund der Lehraussage anzunehmen und daran, dass der Körper eines Gebissenen erhalten wird. Die in der Ordnung der Einweihung wirkenden Mantras werden als Zerschneider des Karmas bezeichnet.
7.12
vidhimekamapekṣante sampūrṇāvayavaṃ śivam
Übersetzung: Sie vollbringen Aufgaben im Zusammenhang mit Gift und anderem und sind deshalb nicht vom Karma abhängig. Sie setzen nur eine Vorschrift voraus, die vollständig in ihren Bestandteilen und heilvoll ist.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
7.13
vyabhicārācca mantrāṇāṃ sthitaṃ karma kathaṃ na tat
Übersetzung: Man sieht, dass der eine Gebissene wieder aufsteht, der andere jedoch nicht. Wie könnte angesichts solcher Abweichungen bei den Mantras das Karma nicht doch maßgebend sein?
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
7.14
kṛtsnakarmakarā ye'tra vaikalyānna hi tatphalam
Übersetzung: Die Kraft der Mantras ist bestimmt, weil die Vorschrift bestimmt ist. Diejenigen, die hier sämtliche Wirkungen vollbringen, bringen bei einem Mangel der Ausführung jene Frucht nicht hervor.
7.15
tatrāpi śaktimātmīyāṃ mantrāḥ prakhyāpayanti hi
Übersetzung: Wo ein Praktizierender eine Handlung ohne die vollständige Zusammenstellung der erforderlichen Mittel ausführt, machen die Mantras dennoch ihre eigene Kraft kenntlich.
7.16
sarvajñā nityarūpāstu icchārūpavidhāyinaḥ
Übersetzung: Deshalb werden sie dir als Vidyas bezeichnet. [Textlücke; der anschließende Wortrest ist unklar.] Sie sind allwissend und von ewiger Gestalt; sie bringen Gestalten entsprechend dem Willen hervor.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
7.17
rūpabhedo yadā teṣāmanityatvaṃ prasajyate
Übersetzung: Wenn die Mantras ewig sind, wie kann es bei ihnen verschiedene Gestalten geben? Wenn ihre Gestalten verschieden sind, folgt daraus ihre Vergänglichkeit.
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
7.18
yādṛśī sādhakasyecchā tathātmānaṃ prakurvate
Übersetzung: Sie werden deshalb als Wunscherfüller bezeichnet: Sie folgen den Gestalten, die dem Praktizierenden zusagen. So, wie sein Wunsch beschaffen ist, gestalten sie sich selbst.
7.19
svabhāvo'yaṃ bahirdṛṣṭo mantrāṇāṃ naṭavatkhaga
Übersetzung: Ihre Bewusstseinskraft wird dadurch nicht zu etwas anderem. Diese nach außen sichtbare Erscheinungsweise der Mantras verhält sich wie bei einem Schauspieler, Garuda.
7.20
kenāpi hetunā tadvac na ca śaktirvināśitā
Übersetzung: Wie man eine große Eidechse aus irgendeinem Anlass viele Erscheinungsformen annehmen sieht, so verhält es sich auch hier; die Kraft wird dadurch nicht zerstört.
7.21
vicaranti śivecchātaścoditā nikhile'dhvani
Übersetzung: So soll man den Mantras entsprechend der überlieferten Aussage Vertrauen schenken. Von Shivas Willen angetrieben, wirken sie auf dem gesamten kosmischen Weg.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
7.22
yadyadhvā kalpyate tasya vyāpakatvaṃ tadā hatam
Übersetzung: Adhvan wird als Weg bezeichnet. Bei Shivas Allgegenwart kann es aber keinen Weg zu ihm geben. Würde man für ihn einen Weg annehmen, wäre seine Allgegenwart aufgehoben.
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
7.23
vibhūtirmohinī tyājyā tadatītaḥ śivo yataḥ
Übersetzung: Diese Entfaltung des Urschoßes ist die Ursache der Bindung der Seelen. Ihre verblendende Herrlichkeit ist zu überschreiten, denn Shiva liegt jenseits davon.
7.24
dṛṣṭo'tra tadvadevāyaṃ śuddhatvādatra vā paraḥ
Übersetzung: Wie das überall vorhandene Feuer dennoch oberhalb eines Baumstamms sichtbar erscheint, so verhält es sich auch mit ihm. Aufgrund seiner Reinheit wird er hier als der Höhere bezeichnet.
7.25
pṛthivyādīni tattvāni bhogasthānāni dehinām
Übersetzung: Wegen des Überragens seiner Eigenschaften heißt er ‚höher‘; trotz seiner Allgegenwart wird dieses Wort im übertragenen Sinn gebraucht. Die Prinzipien von der Erde an sind Erfahrungsstätten für die Verkörperten.
7.26
ekasmādyatparaṃ sthānaṃ tasmādanyatparātparam
Übersetzung: Zusammen mit ihren Welten sind sie in der entsprechenden Reihenfolge zu reinigen. Über einer Stätte liegt eine höhere, über dieser wiederum eine noch höhere.
7.27
laye na gamanaṃ puṃsaḥ proktaṃ tasya vibhutvataḥ
Übersetzung: Dies reicht bis zu Shivas Stätte; das Aufgehen in Shiva ist die Auflösung. Bei diesem Aufgehen wird keine Ortsbewegung der Seele gelehrt, denn sie ist allgegenwärtig.
7.28
tadvatpratyapadiśyeta tatso'pi śivatāṃ gataḥ
Übersetzung: Wie Kupfer, das zu Gold geworden ist, als Gold bezeichnet wird, so wird auch die Seele entsprechend bezeichnet, wenn sie Shiva-Sein erlangt hat.
iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre vidyāpāde mantrapaṭalaḥ saptamaḥ — Übersetzung: Damit endet im Erkenntnisteil des ehrwürdigen großen Tantra namens Kirana das siebte Kapitel über die Mantras.
Kapitel 8: Die Welten

bhuvanapaṭalaḥ — Übersetzung: Kapitel über die Welten.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
8.1
brūhi taṃ yena vijñānaṃ prakriyātaḥ paraṃ bhavet
Übersetzung: Gott, du hast uns den kosmischen Weg angedeutet, ihn mir aber noch nicht deutlich erklärt. Beschreibe ihn, damit aus der geordneten Darstellung tiefere Erkenntnis entsteht.
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
8.2
padmaścordhvamadho'nantastathānye kramavartinaḥ
Übersetzung: Unten befindet sich Kala, der an das Ende führende Rudra, inmitten der Stätten der zehn Herren. Darüber ist Padma, darunter Ananta; entsprechend folgen die anderen in ihrer Ordnung.
8.3
dhanadaḥ śaṃkaraścaite rudrakoṭyā samāvṛtāḥ
Übersetzung: Ishvara, Pingala, Kala, Krodesha, Jalada, Bala, Dhanada und Shankara sind von einer Koti, zehn Millionen, Rudras umgeben.
8.4
tadrūpāstīvrataḥ tīkṣṇāḥ kālo'pyevaṃ vibhūtimān
Übersetzung: Sie besitzen dieselbe Gestalt wie der göttliche Kala und sind mit Vollkommenheit ausgestattet. Sie sind ihm gleich, heftig und scharf; auch Kala besitzt diese Herrlichkeit.
8.5
nirālambaṃ tadūrdhvaṃ tu pañcakoṭimitaṃ tamaḥ
Übersetzung: Seine Wohnstätte misst eine Koti, ihre Flammen zehn Koti. Darüber befindet sich ein trägerloser dunkler Raum von fünf Koti Ausdehnung.
8.6
catvāriṃśatsamadhikaṃ śataṃ teṣāṃ pracoditam
Übersetzung: Darüber liegen die schrecklichen Höllen, die Aufenthaltsorte der leidenden Wesen. Ihre Zahl wird mit einhundertvierzig angegeben.
8.7
rauravo'pi ruruścānyastamaḥ śītoṣṇatāpanāḥ
Übersetzung: Unter ihnen gibt es zweiunddreißig Herrscher und drei Oberherrscher. Genannt werden Raurava, Ruru, Tamas, Shita, Ushna und Tapana,
8.8
sūcīmukhaḥ kṣuraścaiva †khaḍaḍgatālavaṇo'paraḥ†
Übersetzung: Santapa, Kamala, Kambala, Nilasutraka, Suchimukha, Kshura sowie weitere, deren Namensfolge als „Khadadgatalavana“ unsicher überliefert ist,
8.9
taptalākṣāraso yaśca trapulepaḥ palāśanaḥ
Übersetzung: Kumbhipaka, Ambarisha, Taptangara, Sudahakrit, Taptalaksharasa, Trapulepa und Palashana,
8.10
śālmalī kṣutpīpāsākhyaḥ krimīṇāṃ nicayo'paraḥ
Übersetzung: Ucchvasa, Nirucchvasa, Yugmamahidhara, Shalmali, Kshutpipasa und die Ansammlung von Würmern,
8.11
avīcī cordhvataḥ sarve catubhedagatāstvime
Übersetzung: der eiserne Pfeiler, der giftgefüllte schreckliche Bereich, der Fluss Vaitarani und Avichi darüber. Sie besitzen jeweils vier Unterteilungen.
8.12
avīcī caiva piṇḍasthaṃ catvāriṃśacchataṃ matam
Übersetzung: Drei jedoch sind als achtfach unterteilt zu erkennen: Kumbhipaka, Raurava und Avichi. Zusammengerechnet werden einhundertvierzig angenommen.
8.13
ekalakṣocchrayāḥ sarve prāṇināṃ bādhanāśrayāḥ
Übersetzung: Der Abstand zwischen jeweils zweien beträgt neunzig Laksha; ein Laksha entspricht hunderttausend. Alle sind ein Laksha hoch und Stätten der Qual für die Lebewesen.
8.14
ūrdhve ca navanavatilakṣaṃ kuṣmāṇḍamandiram
Übersetzung: Über ihnen liegen dreißigtausend an trägerlosem dunklem Raum; darüber erstreckt sich die Wohnstätte Kushmandas über neunundneunzig Laksha.
8.15
divyastrībhirvṛto ghorai rudraiścātibaloṭkataiḥ
Übersetzung: Über dem neun Laksha hohen Bereich steht Kushmanda, umgeben von himmlischen Frauen und von schrecklichen Rudras mit überaus gewaltiger Kraft.
8.16
trikhaṇḍaṃ trijanākīrṇaṃ hāṭhakādhiṣṭhitaṃ bhavet
Übersetzung: Nach einem Abstand von neun Laksha folgen die sieben Unterwelten. Jede ist dreigeteilt, von drei Arten von Wesen erfüllt und von Hathaka beherrscht.
8.17
krūrā nāgāḥ surāstatra nivasanti subhoginaḥ
Übersetzung: Zuerst kommt die große, aus Jambunada-Gold bestehende Welt namens Abhasatala. Dort leben grausame Nagas und göttliche Wesen, die großen Genuss erfahren.
8.18
anantaḥ kulikaścaiva elāpatraśca bhoginaḥ
Übersetzung: Unter den Danavas befinden sich Shankhakarna, Mahanada und Namuchi; unter den Schlangenwesen Ananta, Kulika und Elapatra.
8.19
vikaṭaḥ śūladantaśca lohitākṣaḥ palāśanaḥ
Übersetzung: Mit Naga-Mädchen verbunden, leben sie dort ohne Leid. Vikata, Shuladanta, Lohitaksha und Palashana
8.20
nivasanti janākīrṇā divyastrībhogasaṃyutāḥ
Übersetzung: gehören zu den dortigen Bewohnern. Im vorderen Teil leben die Danavas, im zweiten die Nagas, im letzten die Rakshasas. Ihre Bereiche sind bevölkert und mit dem Genuss himmlischer Frauen verbunden.
8.21
navasahasrakaṃ teṣāmantarālaṃ sahasrakam
Übersetzung: Die Höhe ist mit zehn Laksha, die Breite mit zehntausend angegeben. Die Bereiche messen neuntausend, der Zwischenraum eintausend.
8.22
tatra prahlādo'nuhlādo vahnijijvaśca dānavāḥ
Übersetzung: Darüber liegt Varatala mit rubinrotem Boden. Dort wohnen die Danavas Prahlada, Anuhlada und Vahnijijva,
8.23
vāsukiḥ śaṅkhapālaśca dhṛtaraṣṭro bhujaṃgamaḥ
Übersetzung: verbunden mit Asura-Frauen. In der Mitte befinden sich die Schlangenfürsten Vasuki, Shankhapala und Dhritarashtra.
8.24
vidyunmālī taṭijihvo hiraṇyākṣaśca te matāḥ
Übersetzung: Die gewaltigen Schlangenwesen leben dort glücklich, mit himmlischer Herrlichkeit ausgestattet. Als weitere Bewohner gelten Vidyunmali, Tatijihva und Hiranyaksha.
8.25
śiśupālo'ndhakāraśca tārakākhyaśca dānavāḥ
Übersetzung: Danach folgt die aus Saphir bestehende Unterwelt Nitala. Dort befinden sich die Danavas Shishupala, Andhakara und Taraka.
8.26
kambalaścetarastatra padmaścānyo bhujaṃgamaḥ
Übersetzung: Alle leben dort mit überaus großer Kraft und reichem Genuss. Dort wohnen auch Kambala und der weitere Schlangenkönig Padma.
8.27
tiṣṭhanti bhogasampannāḥ strīsahasrasamāyutāḥ
Übersetzung: Yamadamshtra, Ugradamshtra, Vishalaksha und der Furchtbare halten sich dort auf, reich an Genüssen und mit tausend Frauen verbunden.
8.28
mahiṣaḥ kālapṛṣṭaśca daityo nāma mayo'paraḥ
Übersetzung: Darauf folgt die schöne Welt Tritala mit einem Boden aus Blumen. Dort sind Mahisha, Kalaprishtha und der Daitya namens Maya,
8.29
mahodaro mahākāyo mahābāhurbalotkaṭaḥ
Übersetzung: Karkota und Padmanabha, Ghantanada und Palashana, Mahodara, Mahakaya und Mahabahu von gewaltiger Stärke.
8.30
mahātalaṃ tu yannāma rūpyabhūmimayaṃ tataḥ
Übersetzung: Sie leben dort ohne Leid, frei von Gegensätzen und ohne Furcht. Danach folgt die Welt namens Mahatala mit einem Boden aus Silber.
8.31
dhanaṃjayaḥ sumālī ca bhadro nāma hi nāyakaḥ
Übersetzung: Dort sind Dundubhi, Taraka und der mächtige Suparna, ferner Dhananjaya, Sumali und der Anführer namens Bhadra.
8.32
pātālaṃ nāma yaccānyatsarvaratnāñcitaṃ bhavet
Übersetzung: Dort wohnen Jvalasya, Vamanetra und der heftige, liebebegierige Ugra. Eine weitere Unterwelt namens Patala ist mit allen Edelsteinen geschmückt.
8.33
durdarśano durmukhaśca śvetabhadro mahoragaḥ
Übersetzung: Dort sind Shankodara, Brihadbhoga, der große Asura Jvalamali, Durdarshana, Durmukha und die große Schlange Shvetabhadra,
8.34
vicitraiśvaryasaṃpannāḥ sudhānnarasasaṃyutāḥ
Übersetzung: Meghanada, Attahasa und Bhima von furchtbarer Macht. Sie sind mit vielfältiger Herrlichkeit ausgestattet und genießen nektargleiche Speisen und Säfte.
8.35
muktāphalamayī bhūmistasminbhuvanabhūṣitā
Übersetzung: Eine weitere Welt namens Rasatala liegt über all diesen. Ihr Boden besteht aus Perlen und ist mit Wohnstätten geschmückt.
8.36
rasāyanānnastrīyuktā siddhadravyasamākulā
Übersetzung: Sie ist reich an Teichen, Gärten und Blumen, besitzt goldene Mauern und Torbögen und ist mit verjüngenden Mitteln, Speisen, Frauen und wirkkräftigen Stoffen erfüllt. [Lesung zum Blumenreichtum unsicher.]
8.37
takṣako nāgarājaśca rohitākṣaśca rākṣasaḥ
Übersetzung: Dort befindet sich Shabali, von Hari in seiner Gestalt als Vamana gebunden. Dort sind auch der Schlangenkönig Takshaka und der Rakshasa Rohitaksha.
8.38
nihatā dānavā yatra punaḥ pratiyuge yuge
Übersetzung: Darüber befinden sich die Mädchen der Unterwelt in einem Bereich von acht Laksha. Dort werden die Danavas in jedem Weltzeitalter erneut getötet.
8.39
pātālakanyakordhve tu daśalakṣamitaṃ tamaḥ
Übersetzung: Die Mädchen werden von ihnen fortgenommen und vor Hathaka aufgestellt. [Lesung des Fortnehmens unsicher.] Über dem Bereich der Unterweltmädchen liegt Dunkelheit von zehn Laksha Ausdehnung.
8.40
tadgṛhaṃ hemaratnāḍhyaṃ divyastrībhogasaṃyutam
Übersetzung: Neun Laksha darüber befindet sich Hathakeshvara. Seine Wohnstätte ist reich an Gold und Edelsteinen und mit dem Genuss himmlischer Frauen verbunden.
8.41
pātāladvārapālitvaṃ tacchivenāsya kīrtitam
Übersetzung: Wer sich seiner Meditation und seiner Mantrawiederholung widmet, erlangt die Genüsse dieser Welt. Shiva hat ihm die Aufgabe als Wächter des Unterwelttores zugesprochen.
8.42
pūrvoditapramāṇena sthitaḥ pātālasaṃgrahaḥ
Übersetzung: Weil er die Sperrvorrichtungen mit Gewalt durchbricht, gilt er als Hathaka. Die Gesamtheit der Unterwelten besitzt die zuvor genannte Ausdehnung.
8.43
bhūpṛṣṭhaṃ sakaṭāhena koṭimānena tatsamam
Übersetzung: Von dort bis zur Erdoberfläche werden achtundachtzig Laksha und zwei Koti gemessen. Hinzu kommt die ebenso bemessene Schale von einer Koti.
8.44
bhūlokastatra vikhyātaḥ saptadvīpārṇavānvitaḥ
Übersetzung: Alles zusammengenommen ergibt fünfzig Koti. Dort liegt die als Bhuloka bekannte Erdwelt mit ihren sieben Kontinenten und Meeren.
8.45
gomedaḥ puṣkarākhyaśca saptadvīpāḥ prakīrtitāḥ
Übersetzung: Jambu, Shaka, Kusha, Krauncha, Shalmali, Gomeda und Pushkara werden als die sieben Kontinente verkündet.
8.46
tataḥ †svādūdakodanvāntasmādidvaguṇataḥ† sthitāḥ
Übersetzung: Die Meere bestehen aus Salzwasser, Milch, Dickmilch, geklärter Butter, Zuckerrohrsaft und Wein; danach folgt das Meer aus süßem Wasser. Sie sind jeweils doppelt so groß wie das vorherige. [Lesung der Verdoppelung unsicher.]
8.47
navakhaṇḍaṃ ca tajjñeyaṃ merumadhyaṃ saparvatam
Übersetzung: Jambudvipa erstreckt sich ringsum über hunderttausend Yojana. Man soll ihn als neunteilig erkennen, mit Meru in der Mitte und weiteren Bergen.
8.48
praviṣṭaḥ ṣoḍaśādhastātsahasrāṇi savartulaḥ
Übersetzung: Meru besteht aus Gold und besitzt einen Gipfel in Gestalt einer Schale. Er ist rund und reicht sechzehntausend Yojana in die Tiefe.
8.49
tribhiḥ sṛṅgaiḥ samāyukto rukmakāñcanaratnajaiḥ
Übersetzung: Seine Höhe beträgt vierundachtzigtausend. Er besitzt drei Gipfel aus den als Rukma und Kanchana bezeichneten Edelmetallen sowie aus Edelsteinen.
8.50
ratnajaṃ śāṃkaraṃ sthānaṃ tadadho'marasaṃsthitiḥ
Übersetzung: Krishnas Gipfel gilt als silbern, der Brahmas als golden. Shankaras Stätte besteht aus Edelsteinen; unter ihr liegen die Wohnsitze der Götter.
8.51
tejovatī sthitāgneyyāṃ vahneḥ kamalalohitā
Übersetzung: Im Osten befindet sich Amaravati, Indras goldene Stadt. Im Südosten liegt Tejovati, die Stadt des Feuergottes, rot wie ein Lotus.
8.52
rakṣovatī ca nairṛtyāṃ nirṛteḥ kṛṣṇalohavat
Übersetzung: Im Süden liegt Yamas Vaivasvati, dunkel wie Augenschminke. Im Südwesten liegt Nirritis Rakshovati, wie schwarzes Eisen.
8.53
vāyavye gandhavatyākhyā vāyormarakatātmikā
Übersetzung: Im Westen liegt Varunas Stadt Shuddhavati, dem Mond gleichend. Im Nordwesten liegt Gandhavati, die smaragdene Stadt Vayus.
8.54
yaśovatī sthitā śuklā harasyeśānagocare
Übersetzung: Im Norden liegt Kuberas Mahodaya, reich an allen Edelsteinen. Im Nordosten liegt die weiße Yashovati Haras.
8.55
pūrvasminmandaro nāma dakṣiṇe gandhamādanaḥ
Übersetzung: In den vier Richtungen um Meru stehen weitere große Berge: im Osten Mandara, im Süden Gandhamadana.
8.56
kadambo mandare jñeyo jambūḥ syādgandhamādane
Übersetzung: Im Westen steht Vipula, im Norden Suparshva. Auf Mandara befindet sich ein Kadamba-Baum, auf Gandhamadana ein Jambu-Baum.
8.57
sarāṃsyupavanānyatra pūrvataścāruṇodakam
Übersetzung: Auf Vipula steht ein Ashvattha-Baum, auf Suparshva ein Vata-Baum. Dort gibt es auch Seen und Gärten; im Osten liegt Arunodaka.
8.58
mahāhrādamuttaratastataścaitrarathaṃ vanam
Übersetzung: Im Süden liegt Manasa, im Westen Shitoda, im Norden Mahahrada. Es folgen die Wälder Chaitraratha,
8.59
tatra dakṣiṇato meroḥ sthitametannagatrayam
Übersetzung: Mandana, Vaibhraja und Dhrita in entsprechender Reihenfolge. Südlich des Meru liegen die folgenden drei Berge:
8.60
meroruttarato'drīṇāṃ tritayaṃ cāpi saṃsthitam
Übersetzung: Nishadha, Hemakuta und der bekannte Himavan. Auch nördlich des Meru liegt eine Gruppe von drei Bergen:
8.61
sahasradvayavistīrṇāḥ samudrāvadhayo matāḥ
Übersetzung: Nila, Shveta und der weitere Berg namens Shringavan. Sie sind zweitausend Yojana breit und reichen bis zum Meer.
8.62
sahasravistṛtastārkṣya gandhākhyaḥ paścime tataḥ
Übersetzung: Östlich des Meru steht Malyavan, tausend Yojana breit, Garuda; westlich davon liegt der Berg namens Gandha.
8.63
himavatsindhumadhyasthaṃ bhārataṃ cāpavatsthitam
Übersetzung: Das Land zwischen zwei Bergen wird Varsha genannt. Bharata liegt zwischen Himavan und dem Meer und besitzt die Gestalt eines Bogens.
8.64
tadavāgghemakūṭasyottarato himavadgireḥ
Übersetzung: Das Gebiet Kimpurusha misst neuntausend. Es liegt südlich des Hemakuta und nördlich des Himavan.
8.65
uttare hemakūṭasya dakṣiṇe niṣadhasya ca
Übersetzung: Es wird als langgestreckt beschrieben. Danach folgt das Gebiet namens Hari, nördlich des Hemakuta und südlich des Nishadha.
8.66
abdhimālyavatormadhye dvātriṃśatkasahasrakam
Übersetzung: Es besitzt die zuvor genannte Ausdehnung. Östlich des Meru liegt Bhadrashva zwischen dem Meer und Malyavan, zweiunddreißigtausend groß.
8.67
gandhākhyasya samudrasya madhye madhya ilāvṛtam
Übersetzung: Westlich des Meru liegt das ebenso beschaffene Ketumala zwischen dem Berg Gandha und dem Meer. In der Mitte befindet sich Ilavrita.
8.68
sumeroḥ pārśvato'trāṣṭau sahasrāṇi tathā punaḥ
Übersetzung: Dieses erstreckt sich in den vier Richtungen um Sumeru über neuntausend. An den Seiten des Sumeru werden hier außerdem achttausend angegeben.
8.69
paraṃ hiraṇyakaṃ tasmāddīrghaṃ kiṃpuruṣaṃ yathā
Übersetzung: Nördlich des Sumeru liegt das schöne Gebiet zwischen Nila und Shveta. Dahinter liegt Hiranyaka, langgestreckt wie Kimpurusha.
8.70
śṛṅgādreruttare jñeyo jaladherdakṣiṇe kuruḥ
Übersetzung: Hiranyaka liegt zwischen den Bergen Shringa und Shveta, jenseits des Shveta. Nördlich des Shringa und südlich des Meeres liegt Kuru.
8.71
bhārataṃ tatpunarjñeyaṃ navakhaṇḍayutaṃ tataḥ
Übersetzung: Dieses besitzt die Gestalt eines Halbmondes, wie es auch für Bharata beschrieben wurde. Bharata wiederum ist in neun Teile gegliedert:
8.72
nāgaḥ saumyaśca gāndharvo vāruṇaśca kumārikā
Übersetzung: Indra, Kasheru, Tamravarna, Gabhastiman, Naga, Saumya, Gandharva, Varuna und Kumarika.
8.73
śeṣāṇi mlecchayuktāni śatapañcāyutaṃ ca tat
Übersetzung: Auf dem langen, Kanya genannten Landteil befinden sich die vier Stände. Die übrigen sind von Mlecchas bewohnt. Die folgende Maßangabe lautet „shatapancha-ayuta“ [ihre Zahlengliederung ist unsicher],
8.74
mahendro malayaḥ sahyaḥ śuktimānṛkṣaparvataḥ
Übersetzung: bezogen auf Tausende von Yojana; auch die Aussage über die übrigen, von Mlecchas bewohnten Bereiche ist im Druck gestört. Mahendra, Malaya, Sahya, Shuktiman und Riksha,
8.75
arvāg himavataḥ kṣāraḥ śatāni nava tasya hi
Übersetzung: Vindhya und Pariyatra sind die sieben Hauptgebirge. Diesseits des Himavan liegt das Salzmeer; für dieses werden neunhundert angegeben.
8.76
aṅgadvīpaṃ yamākhyaṃ ca malayaṃ śaṅkhasaṃjñakam
Übersetzung: Jenseits davon befinden sich sechs weitere, Genuss gewährende Inseln: Angadvipa, die Insel namens Yama, Malaya, Shankha,
8.77
tatpāde hemajā laṅkā purī krūrālayā matā
Übersetzung: Kumuda und Varaha. Auf Malaya liegt der Berg Malayachala. An seinem Fuß liegt die goldene Stadt Lanka, die als Wohnstätte grausamer Wesen gilt.
8.78
tasyaiva lakṣamātrasya kṣārodastatsamo bhavet
Übersetzung: So wurde dir Jambudvipa in Kürze beschrieben, Garuda. Er misst hunderttausend; das Salzmeer ist ebenso groß.
8.79
dadhnaśca sarpisaṃjñaśca tasmācca dviguṇo rasaḥ
Übersetzung: Das Milchmeer ist doppelt so groß wie das Salzmeer. Auf das Milchmeer folgt das Meer aus Dickmilch, auf dieses das Meer aus geklärter Butter; doppelt so groß wie dieses ist das Meer aus Saft. [Erste Verdoppelungsformel unsicher.]
8.80
jambūdvīpāttathā śākaḥ śākācca kuśasaṃjñakaḥ
Übersetzung: Doppelt so groß wie das Saftmeer ist das Weinmeer; entsprechend folgt darauf das Süßwassermeer. Ebenso folgt auf Jambudvipa Shaka und auf Shaka der Kusha genannte Kontinent. [Erste Zahlenformulierung unsicher.]
8.81
tasmādgomedasaṃjñaśca gomedātpuṣkaraṃ punaḥ
Übersetzung: Auf Kusha folgt Krauncha, auf Krauncha Shalmali, auf diesen Gomeda und auf Gomeda wiederum Pushkara.
8.82
daśakoṭimitā jñeyā krīḍārthaṃ syāddivaukasām
Übersetzung: Dort liegt das Süßwassermeer. Danach folgt ein goldenes Land von zehn Koti Ausdehnung, das dem Spiel der Himmelsbewohner dient.
8.83
sahasradaśavistīrṇo deśānāmāśrayo bhuvi
Übersetzung: Dort liegt ein weiterer Berg namens Lokaloka. Er ist zehntausend breit und bildet auf der Erde die Grenze der bewohnten Bereiche.
8.84
tasyāpi parato jñeyo gandhodastu samudrarāt
Übersetzung: Diesseits liegt die Welt, jenseits keine Welt; deshalb heißt er Lokaloka. Jenseits von ihm liegt Gandhoda, der König der Meere aus duftendem Wasser.
8.85
saptatyardhena koṭīnāṃ lakṣānyekonaviṃśatiḥ
Übersetzung: Seine Ausdehnung entspricht der aller vorigen Bereiche zusammen. Danach folgt Dunkelheit von fünfunddreißig Koti, neunzehn Laksha
8.86
tiryadmedinīparyantaṃ śatakoṭyardhavistṛtam
Übersetzung: und vierzigtausend. Die Schale besitzt eine Dicke von einer Koti. Die waagerechte Ausdehnung bis zum Rand der Erde beträgt die Hälfte von einhundert Koti.
8.87
pañcāśītiśca lakṣānaṃ koṭidvayamaho bhavet
Übersetzung: Die Bereiche Bhur, Bhuvar und Svar bis zum Polarstern umfassen fünfzehn Laksha. Für Mahar werden zwei Koti und fünfundachtzig Laksha angegeben.
8.88
daśaṣaṭkoṭayaḥ satyaṃ tasmādūrdhvaṃ pratiṣṭhitam
Übersetzung: Jana ist mit acht Koti anzusetzen, Tapas mit zwölf Koti. Satya liegt darüber mit sechzehn Koti Ausdehnung.
8.89
tribhiśca koṭibhirviṣṇuścaturbhiśca haraḥ sthitaḥ
Übersetzung: Darüber befindet sich Brahmas Bereich, der drei Koti misst, Garuda; Vishnus Bereich umfasst ebenfalls drei Koti, Haras vier.
8.90
eṣu lokeṣu tiṣṭhanti bhāskarādyā grahāḥ śubhāḥ
Übersetzung: Die obere Schale des Welteis besitzt eine Dicke von einer Koti. In diesen Welten befinden sich die günstigen Himmelskörper, beginnend mit der Sonne.
8.91
bhūlokādyāvadaṇḍaṃ tu pañcaśatkoṭayo matāḥ
Übersetzung: Dort wohnen Götter und Siddhas von großer Kraft in himmlischen Fahrzeugen. Von der Erdwelt bis zur Schale nennt der Druck „panchashat Koti“ [Zahlenangabe unsicher.].
8.92
brahmāṇḍadhārakā rudrāḥ śatasaṃkhyā vikalpitāḥ
Übersetzung: Vom Bereich Kalagni an gerechnet, besteht die entsprechende Ausdehnung nach oben. Einhundert Rudras werden als Träger des Welteis angesetzt.
8.93
kapāliśo hyajo buddho vajradehaḥ pramardanaḥ
Übersetzung: In jedem Richtungsbereich stehen jeweils zehn. Dazu gehören Kapalisha, Aja, Buddha, Vajradeha und Pramardana,
8.94
indravīryaṃ samākramya saṃsthitāśca supūjitāḥ
Übersetzung: Vibhuti, Avyaya, Shasta, Pinaki und Tridashadhipa. Sie haben Indras Macht übernommen, stehen in seinem Bereich und werden gebührend verehrt.
8.95
jvalano dahano babhrurbhasmāntakakṣayāntakau
Übersetzung: Agnirudra, Hutashi, Pingala, Khadaka, Hara, Jvalana, Dahana, Babhru, Bhasmantaka und Kshayantaka
8.96
yāmyo mṛtyurharo dhātā vidhātā kartṛsaṃjñakaḥ
Übersetzung: stehen im Südosten und werden vom dortigen Herrn wie Rudra verehrt. Yamya, Mrityu, Hara, Dhata, Vidhata und der Kartri genannte,
8.97
yamasya balamākramya yamenaiva supūjitāḥ
Übersetzung: Samyokta, Viyokta, Kala und Dharmapati haben Yamas Macht übernommen und werden von Yama selbst gebührend verehrt.
8.98
ūrdhvaśepho virūpākṣo dhūmro lohitadaṃṣṭravān
Übersetzung: Nirriti, Marana, Hanta, Kruradrishti, Bhayanaka, Urdhvashepha, Virupaksha, Dhumra und der mit roten Zähnen Versehene
8.99
balaścātibalaścaiva pāśahasto mahābalaḥ
Übersetzung: haben Nirritis Macht übernommen und werden von ihm selbst verehrt. Bala, Atibala, Pashahasta und Mahabala,
8.100
baḍabāmukhabhīmau ca varuṇena supūjitāḥ
Übersetzung: Shveta, Jayabhadra, Dirghabahu, Jalantaka, Badabamukha und Bhima werden von Varuna gebührend verehrt.
8.101
pañcāntakaḥ pañcaśikhaḥ kapardī meghavāhanaḥ
Übersetzung: Shighra, Laghu, Vayuvega, Sukshma, Tikshna, Kshayantaka, Panchantaka, Panchashikha, Kapardi und Meghavahana:
8.102
jaṭāmakuṭadhārī ca nānāratnadharo'paraḥ
Übersetzung: Diese zehn mächtigen Rudras sind Vayu stets lieb. Es folgen der Träger einer Flechtenkrone und der Träger vieler Edelsteine,
8.103
prakāśako'tha lakṣmīvānprakāśaḥ somadevatāḥ
Übersetzung: Nidhisha, Rupavan, Dhanya, Saumyadeha, Prasadakrit, Prakashaka, Lakshmivan und Prakasha; sie sind Soma zugeordnet.
8.104
bhūtapālo balirmitraḥ sarvavidyādhipaḥ sudhīḥ
Übersetzung: Vidyesha, der Wissende, der Kundige, der Kenner des Veda, Matripingala, Bhutapala, Bali, Mitra, der Herr aller Wissensgebiete, der Einsichtige
8.105
anantaḥ pālako vīraḥ kapālīśo vṛṣadhvajaḥ
Übersetzung: und der Leid beseitigende Rudra werden als jene zehn Gefährten Ishas genannt. Es folgen Ananta, Palaka, Vira, Kapalisha und Vrishadhvaja,
8.106
viṣṇviśāna mahātmānaḥ sukhino mṛtyuvarjitāḥ
Übersetzung: Sudhi, Ugra, Sharva, Shubhra und der weitere namens Lohita. Diese großen, Vishnu und Ishana zugeordneten Wesen sind glücklich und frei vom Tod.
8.107
saṃvāhaśca vivāhaśca nabho lipsurvicakṣaṇaḥ
Übersetzung: Shambhu, Vibhu, Ganadhyaksha, Tryaksha, Tridashavandita, Samvaha, Vivaha, Nabhas, Lipsu und Vichakshana:
8.108
brahmāṇḍaṃ samatikramya jalaṃ daśaguṇaṃ bhavet
Übersetzung: So wurden dir die zehn Rudras genannt, deren übergeordnete Gottheit Brahma ist. Jenseits des Welteis liegt das zehnmal größere Wasserprinzip.
8.109
āṣāḍhiṃ caiva diṇḍiṃ ca bhārabhūtiṃ ca lakuli
Übersetzung: Amareshvara, Prabhasa, Naimisha, Pushkara, Ashadhi, Dindi, Bharabhuti und Lakuli:
8.110
tejastattvaṃ tadūrdhvaṃ tu tejorūpajanākulam
Übersetzung: Diese überaus geheime Achtergruppe besteht in der Wasserhülle. Darüber liegt das Feuerprinzip, erfüllt von Wesen, deren Gestalt aus Feuer besteht.
8.111
madhyamaṃ ca mahākālaṃ kedaraṃ bhairavaṃ tathā
Übersetzung: Harishchandra, Shrishaila, die unsicher überlieferte Namensgruppe „Jalpa und Amratikeshvara“, Madhyama, Mahakala, Kedara und Bhairava:
8.112
vāyutattvaṃ sthitaṃ tasmāddaśadhāvṛtya taijasam
Übersetzung: Diese überaus geheime Achtergruppe ist im Feuerprinzip gegründet. Darauf folgt das Luftprinzip, das den Feuerbereich zehnfach umhüllt.
8.113
vimalaṃ cāṭṭahāsaṃ ca mahendraṃ bhīmamaṣṭamam
Übersetzung: Gaya, Kurukshetra, Nakhala mit langem Anfangsvokal, Nakhala mit kurzem Anfangsvokal, Vimala, Attahasa, Mahendra und als achter Bhima:
8.114
tadūrdhvaṃ bhavati vyoma pañcamaṃ rūpavarjitam
Übersetzung: Diese geheimere Gruppe jenseits des Geheimen besteht in der Lufthülle. Darüber liegt als fünftes Element der Raum, der keine sichtbare Gestalt besitzt.
8.115
gokarṇaṃ bhadrakarṇaṃ ca svarṇākṣaṃ sthānusaṃjñakam
Übersetzung: Vastrapada, Rudrakoti, Avimukta, Mahalaya, Gokarna, Bhadrakarna, Svarnaksha und die Sthanu genannte Stätte:
8.116
daśadhā tadatikramya syādahaṃkārasaṃjñakam
Übersetzung: Diese heilige Achtergruppe ist im Raumprinzip gegründet. Zehnfach darüber hinaus reicht das Ahamkara genannte Prinzip des Ichbezugs.
8.117
kālāñjaraṃ paraṃ caiva śaṅkhakarṇaṃ sthaleśvaram
Übersetzung: Chagalanda, Dviranda, Makota, Mandaleshvara, Kalanjara, Para, Shankhakarna und Sthaleshvara
8.118
sthānvaṣṭakamiti khyātaṃ tadūrdhvaṃ buddhisaṃjñakam
Übersetzung: werden genannt; auch die Form Sthuleshvara ist bekannt. Diese im Ahamkara gegründete Gruppe heißt die Achtergruppe Sthanus. Darüber liegt das Buddhi genannte Prinzip der unterscheidenden Erkenntnis.
8.119
prajeśambrāhmasaṃjñaṃ ca devayonyaṣṭakaṃ matam
Übersetzung: Die Bereiche der Pishachas, Rakshasas, Yakshas, Gandharvas, Indras, Somas, Prajapatis und Brahmas gelten als die acht göttlichen Ursprungsbereiche.
8.120
kṛtaṃ ca bhairavaṃ brāhmyaṃ vaiṣṇavaṃ ca kumārakam
Übersetzung: Auf das Buddhi-Prinzip folgt der Bereich der Gunas. Dort befinden sich zunächst Akrita, Krita, Bhairava, Brahmya, Vaishnava und Kumaraka,
8.121
tato'vyaktaṃ pradhānaṃ ca mahādevāṣṭakālayam
Übersetzung: ferner Auma und Shrikantha. Sie gelten als die yogische Achtergruppe im Guna-Bereich. Darauf folgt das Unentfaltete, die Urnatur, als Wohnstätte einer Achtergruppe großer Götter.
8.122
pañcāntakaikavīraśca śikhedaśca sthitāstviha
Übersetzung: Krodhesha, Chandasamvarta, Jyotis, Pingala, Suraka, Panchantaka, Ekavira und Shikheda halten sich dort auf.
8.123
mahātejo vāmadevo bhavaścodhava eva ca
Übersetzung: Auf das Unentfaltete folgt das Prinzip Raga, das es hundertfach umfasst. Mahatejas, Vamadeva, Bhava und Odhava,
8.124
aṅguṣṭhamātrasahitā rāgasthā vīryasaṃyutāḥ
Übersetzung: die Namensgruppe „Ekapingekshaneshanau“, Bhuvaneshvara und Angushthamatra bestehen kraftvoll im Raga-Prinzip. [Gliederung der Namensgruppe unsicher.]
8.125
rāgatattvāttu vidyākhyamaśuddhaṃ paśumohakam
Übersetzung: Dort ist auch Purusha zu erkennen, der Hüter des Hauses der Urnatur. Auf das Raga-Prinzip folgt das unreine, Vidya genannte Prinzip, das die Seelen verblendet.
8.126
sarveśānaikavīraśca pracaṇḍaśceśvaraḥ prabhuḥ
Übersetzung: Vamadeva, Bhima, Ugra, Bhava, Sarveshana, Ekavira, Prachanda und der mächtige Ishvara,
8.127
vidyātattve sthitā hyete rudrāścātibalotkaṭāḥ
Übersetzung: der Gemahl Umas, Aja, Ananta, Eka und Shiva: Diese überaus mächtigen Rudras bestehen im Vidya-Prinzip.
8.128
vāmo halāhalaścaiva krodhano baḍabāmukhaḥ
Übersetzung: Darauf folgen die beiden Hüllen namens Kala und Niyati, die den vorigen Bereich hunderttausendfach umfassen. Vama, Halahala, Krodhana und Badabamukha,
8.129
adhastātsaṃsthitā hyete tebhyaḥ sthūlagaṇo'paraḥ
Übersetzung: Ucchushma, Shambara, Chanda und Matanga besitzen furchtbare Gestalten und stehen unten. Über ihnen folgt der weitere namens Sthulagana,
8.130
kālatattvātkalā jñeyā lakṣāyutaparicchadā
Übersetzung: darauf Vatarudra und wiederum Hulula. Auf das Kala-Prinzip folgt Kalā, dessen Umfang mit einem Laksha mal einem Ayuta angegeben wird.
8.131
balavikaraṇaścānyo balapramathano'paraḥ
Übersetzung: Vama, Jyeshtha, Rudra, Kala und Kala mit kurzem letzten Vokal, ferner Balavikarana und Balapramathana,
8.132
vigraheśasamāyuktāḥ kalātattve vyavasthitāḥ
Übersetzung: der Bezwinger aller Wesen, Manas und Unmanas bestehen zusammen mit Vigrahesha im Kalā-Prinzip.
8.133
gahano'sādhyanāmā ca tathā hariharāvubhau
Übersetzung: Darüber liegt Maya, deren unterer Bereich eine Koti umfasst. Dort sind Gahana, der Asadhya Genannte sowie Hari und Hara,
8.134
te hyadhaḥ puṭasaṃsthānādūrdhvaṃ kṣemīśa ucyate
Übersetzung: Dasheshana, Devesha, Trigala und Gopati. Sie befinden sich im unteren Hüllenbereich; darüber wird Kshemisha genannt.
8.135
anantasahitā hyete māyātattvanivāsinaḥ
Übersetzung: Brahmasvami, Vidyesha, Vishvesha und Shiva wohnen zusammen mit Ananta im Maya-Prinzip.
8.136
anantaśca tathā sūkṣmaḥ śivaścottamasaṃjñakaḥ
Übersetzung: Darauf folgt die reine Vidya, deren Ausdehnung als eine Koti mal ein Ayuta angegeben wird. Dort sind Ananta, Sukshma und Shiva mit dem Namen Uttama,
8.137
śrīkaṇṭhaśca śikhaṇḍī ca vāmādyā navaśaktayaḥ
Übersetzung: Ekanetra, Ekarudra, Trimurti, Shrikantha und Shikhandi sowie die neun Kräfte, beginnend mit Vama.
8.138
nivṛttiśca pratiṣṭhā ca vidyā śāntistathaiva ca
Übersetzung: Dharma und die übrigen bilden dort die Füße des Sitzes. Danach folgt das Ishvara genannte Prinzip. Nivritti, Pratishtha, Vidya und Shanti
8.139
tatra brahmāṅgasaṃghātaḥ punaḥ †śaktidyayaṃ† bhavet
Übersetzung: bestehen in Ishvara. Danach folgt das Prinzip Sadashiva. Dort befindet sich die Gesamtheit der Brahma- und Gliedmantras, dann ein Paar von Kräften. [Lesung für „Paar“ unsicher.]
8.140
atīndriyaṃ sthitaṃ śuddhaṃ vyāpakaṃ śūnyalakṣaṇam
Übersetzung: Darauf folgt das teilfreie Prinzip Shiva: ohne die Qualitäten der Urnatur, fleckenlos, jenseits der Sinne, rein, alldurchdringend und durch Leerheit gekennzeichnet.
8.141
Übersetzung: So habe ich dir den kosmischen Weg beschrieben, der bis zu Shiva reicht, Garuda.
iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre vidyāpāde bhuvanapaṭalo'ṣṭamaḥ — Übersetzung: Damit endet im Erkenntnisteil des ehrwürdigen großen Tantra namens Kirana das achte Kapitel über die Welten.
Kapitel 9: Das Shiva-Prinzip
śivatattvapaṭalaḥ — Übersetzung: Kapitel über das Shiva-Prinzip.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
9.1
pratyakṣaṃ cākṣavijñānaṃ tadatītaṃ na kiṃcana
Übersetzung: Wie kann das Shiva-Prinzip leer sein? Was leer ist, ist den Sinnen nicht zugänglich. Unmittelbare Wahrnehmung ist Erkenntnis durch die Sinne; jenseits davon gibt es nichts.
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
9.2
māyādharmaiḥ śivaḥ śūnyaḥ paśumalaviyogataḥ
Übersetzung: Maya ist das zu Überwindende, Shiva das zu Erkennende, und die Seele gilt als die Erkennende. Shiva ist leer von den Eigenschaften der Maya, weil er mit der Unreinheit der gebundenen Seelen nicht verbunden ist.
9.3
gṛhamīśādṛte yadvattathāsau sātvikairguṇaiḥ
Übersetzung: „Leer“ bedeutet hier nicht Nichtexistenz, sondern wird im Verhältnis zu etwas anderem gesagt. Wie ein Haus ohne seinen Herrn leer ist, so ist Shiva leer von den sattvischen Eigenschaften.
9.4
cetasaḥ sthitihetvarthaṃ punarnitye sthiraṃ bhavet
Übersetzung: Bindu, Nada und Shakti werden hinsichtlich dieser Leerheit vorgestellt, um dem Geist einen Halt zu geben. Darauf soll er im Ewigen fest werden.
9.5
jñānaśaktirmatā sāpi tajjñānājjñāta eva saḥ
Übersetzung: Er liegt jenseits der Sinne, weil er äußerst fein und in den Zustand der feinen Kraft eingegangen ist. Diese gilt als Erkenntniskraft; durch deren Erkenntnis ist auch er erkannt.
9.6
anubhāvo mano'dhyakṣaḥ prasiddhaḥ kṣudyathā ca tṛt
Übersetzung: Soll es denn keine Erfahrung von etwas geben, das jenseits der äußeren Sinne liegt? Erfahrung ist als Wahrnehmung durch den Geist bekannt, wie Hunger und Durst.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
9.7
samanaskamato jñeyamamanaskamarūpakam
Übersetzung: Erfahrung betrifft doch einen vorgestellten Gegenstand; Vorstellung gehört zum Geist. Daher müsste das Erkennbare mit Geist verbunden sein. Was ohne Geist ist, besitzt keine Gestalt.
9.8
jñeyaḥ sarvātmanaivārthaḥ sa jñeyo naiva sarvathā
Übersetzung: Wie vollzieht ein Lehrer die Einweihung, wenn er das Prinzip nicht kennt? Der Gegenstand müsste in jeder Hinsicht erkannt werden; jener aber lässt sich nicht vollständig erkennen.
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
9.9
vastvāśrayo vikalpo'pi tadvastu ghaṭavanna ca
Übersetzung: Wo Hunger und Ähnliches erfahren werden, muss keine begriffliche Vorstellung auftreten. Auch eine Vorstellung beruht auf etwas Wirklichem; dieses Wirkliche muss jedoch nicht wie ein Topf beschaffen sein.
9.10
tadgatastvanyavicchinnastenoktaścittavarjitaḥ
Übersetzung: Die feine Vorstellung des Geistes geht in die Kraft der Leerheit ein. In ihr ruhend, ist sie von anderem abgeschnitten; deshalb spricht man von einem Zustand frei vom Denken.
9.11
śivaḥ sādhyo'tra mantavyo vibhurapyekadharmataḥ
Übersetzung: Erkenntnis entsteht durch die Verbindung von Seele und Sinnen; die Seele ist die Handelnde, der Geist ihre Tätigkeit. Shiva ist hier als zu erschließendes Ziel aufzufassen: Obwohl er alldurchdringend ist, besitzt er eine einheitliche Natur.
9.12
rasādayo gṛhītā no tatheśo jñānaśaktitaḥ
Übersetzung: Wie ein Baum bei der unmittelbaren Wahrnehmung nur hinsichtlich seiner sichtbaren Gestalt erfasst wird, nicht aber hinsichtlich seines Saftes und anderer Eigenschaften, so wird auch der Herr durch die Erkenntniskraft erfasst.
9.13
tadyuktasya prabhutattvaṃ †bhaviṣyatyudakailavat†
Übersetzung: Er wird seinem Wesen nach erfasst, frei von der Beschaffenheit eines gegenständlichen Dinges. Wer mit ihm verbunden ist, erlangt das Wesen der Herrschaft. [Abschließender Vergleich unklar.]
9.14
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
Übersetzung: So ist die Leerheit vom Guru, aus der Lehrschrift und durch eigene Einsicht zu erkennen. – Wie aber verkündet er eine Lehrschrift, wenn er ohne Teile und ohne Sprache ist?
9.15
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
Übersetzung: Oder spricht er das Tantra in seiner mit Teilen versehenen Gestalt? Dann wäre er seinem Wesen nach machtlos. – Warum sollte der Teilfreie nicht dazu fähig sein? Wenn er unfähig wäre, wie könnte dann die Welt entstehen?
9.16
kiṃ nopadeśadātṛtvātsakalastena sa śivaḥ
Übersetzung: Wie er diese durch seine Kraft hervorbringt, warum sollte der Herr nicht ebenso die Lehrschrift hervorbringen? Ist Shiva nicht gerade dadurch mit einer Gestalt versehen, dass er Unterweisung erteilt?
9.17
puṃsāmanugrahārthaṃ tu paro'pyaparatāṃ gataḥ
Übersetzung: Wäre es nicht so, Garuda, gäbe es keine Abfolge der Gurus. Um den Seelen Gnade zu erweisen, hat der Höchste eine niedrigere Erscheinungsform angenommen.
9.18
Übersetzung: Durch die Beziehung zwischen dem zu Belehrenden und dem Belehrenden verkündet er die Tantras auf vielerlei Weise.
iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre vidyāpāde śivatattvapaṭalo navamaḥ — Übersetzung: Damit endet im Erkenntnisteil des ehrwürdigen großen Tantra namens Kirana das neunte Kapitel über das Shiva-Prinzip.
Ergänzendes heutiges Video: Sukadev spricht über Samadhi und den Weg dorthin. Heutiges Begleitangebot zum vertiefenden Studium.
Kapitel 10: Das Herabkommen der Tantras
tantrāvatārapaṭalaḥ — Übersetzung: Kapitel über das Herabkommen der Tantras.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
10.1
ke te keṣāmbravityevaṃ sarvametadbravīhi me
Übersetzung: Zu welchem Zweck verkündet der Herr diese Tantras, zu welcher Zeit, und wie viele sind es? Welche sind es, und wem verkündet er sie? Sage mir all dies.
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
10.2
sādhanaṃ tatra saṃsiddhaṃ tadarthaṃ tāni so'bravīt
Übersetzung: Er verkündet sie um der Befreiung willen. Ohne ein Mittel gibt es keine Befreiung. Das geeignete Mittel ist darin dargelegt; deshalb hat er diese Tantras gesprochen.
10.3
jñānamekaṃ vibhajyāśu teṣāṃ tatsaṃkhyayāvadat
Übersetzung: Unmittelbar nach der Schöpfung erschuf der Herr zehn aus ihm selbst hervorgegangene Shivas. Er teilte die eine Erkenntnis auf und verkündete sie ihnen entsprechend ihrer Zahl.
10.4
dīptākhyasyāpyacintyaṃ tu kāraṇākhyasya kāraṇam
Übersetzung: Dem Pranava Genannten gab er das Kamika, dem Sudha Genannten das Yogaja, dem Dipta Genannten das Achintya und dem Karana Genannten das Karana.
10.5
sūkṣmantu sūkṣmasaṃjñasya kālasyāpi sahasrakam
Übersetzung: Dem Sushiva Genannten gab er das Ajita, Isha das Sudiptaka, dem Sukshma Genannten das Sukshma und Kala das Sahasraka.
10.6
evaṃ prāthamikaḥ proktaḥ punaranyo gurukramaḥ
Übersetzung: Dashesha erhielt das Suprabha, der Amshu Genannte das Amshumat. Damit ist die erste Übermittlung beschrieben; nun folgt die weitere Abfolge der Lehrer.
10.7
sudhākhyādyogajaṃ tantraṃ bhasmasaṃjñastataḥ prabhuḥ
Übersetzung: Von Pranava erhielt Trikala das Kamika, von Trikala erhielt es Dhara. Von Sudha erhielt der Bhasma Genannte das Yogaja-Tantra, von diesem wiederum Prabhu.
10.8
kāraṇaṃ kāraṇāccharvastataḥ prāptaḥ prajāpatiḥ
Übersetzung: Von Diptarudra erhielt Gopati das Achintya, danach Ambika. Von Karana erhielt Sharva das Karana, von diesem Prajapati.
10.9
īśāddīptaṃ trimūrtistu tataḥ prāpto hutāśanaḥ
Übersetzung: Von Sushiva wurde das Ajita an Umesha übermittelt, danach an Achyuta. Von Isha erhielt Trimurti das Dipta, danach Hutashana.
10.10
kālasaṃjñātsahasrākhyaṃ bhīmo dharmastataḥ khaga
Übersetzung: Von Sukshma erhielt Bhava das Sukshma, danach Prabhanjana. Von dem Kala Genannten erhielt Bhima das Sahasra, danach Dharma, Garuda.
10.11
aṃśumaccāṃśusaṃjñāttu prāpto hyugrastato raviḥ
Übersetzung: Von Dashesha erhielt Vigrahesha das Suprabha, danach Shashin. Von Amshu erhielt Ugra das Amshumat, danach Ravi.
10.12
daśāṣṭasaṃkhyayā rudrānpūrvamutpādya buddhimān
Übersetzung: So wurden dir die ersten zehn Zweige der Shiva-Gruppe erklärt. Zuvor erschuf der weise Shiva achtzehn Rudras
10.13
rudrasyānādisaṃjñasya vijayaṃ tantramuttamam
Übersetzung: und belehrte sie hier wiederum mit ebenso vielen Tantras, Garuda. Dem Rudra namens Anadi gab er das hervorragende Vijaya-Tantra.
10.14
niśvāsaṃ yaddaśārṇasya prodgītaṃ nāma śūlinaḥ
Übersetzung: Das große Tantra Paramesha wurde Shripupa verkündet [der Name ist im Druck auffällig]. Das Nishvasa wurde Dasharna, das Prodgita dem Dreizackträger gegeben.
10.15
śivaniṣṭhasya santānaṃ siṃhaṃ saumyeśacoditam
Übersetzung: Das Mukhabimba ist Prashanta zugeordnet, das Siddhamata Bindu, das Santana Shivanishta; das Simha wurde Saumyesha verkündet.
10.16
nidhanasya svayambhūtaṃ vīrajaṃ tejasaḥ smṛtam
Übersetzung: Das Chandrabhasa gehört zu Ananta, das Bhadra zu Sarvatman, das Svayambhuta zu Nidhana und das Viraja zu Tejas.
10.17
idaṃ devapituḥ khyātaṃ lalitaṃ cālayasya tu
Übersetzung: Das Raurava gehört zu Brahmanesha, das Makuta zu dem Shiva Genannten. Dieses Tantra, das Kirana, wurde Devapitri verkündet, das Lalita dagegen Alaya.
10.18
ete jātāḥ saha jñānaiḥ rudrabhedānpunaḥ śṛṇu
Übersetzung: Das Agneya gehört zu Vyoman [die Wortform ist unregelmäßig], das Para wiederum zu Shiva. Sie entstanden zugleich mit ihren Erkenntnislehren. Höre nun weiter von den Zweigen der Rudra-Gruppe.
10.19
śrīrūpātpārameśaṃ tu samprāpto hyuśanā muniḥ
Übersetzung: Von Anadi erhielt Parameshvara das Vijaya. Von Shrirupa erhielt der Weise Ushanas das Paramesha.
10.20
prodgītaṃ rudrasaṃjñāttu kacākhyo munisattamaḥ
Übersetzung: Von Dashakshara erhielt die Bergestochter das Nishvasa. Von dem Rudra Genannten erhielt Kacha, der hervorragende Weise, das Prodgita.
10.21
bindusaṃjñāttu yatsiddhaṃ prāptaścaṇḍeśvaro gaṇaḥ
Übersetzung: Von Prashanta erhielt der Weise Dadhichi das Mukhabimba. Von Bindu erhielt der Gana Chandeshvara das Siddha.
10.22
nārasiṃhaṃ tu yatsaumyānnṛsiṃhaḥ prāptavānmahān
Übersetzung: Von Shivanishta erhielt Shamshapayana das Santana. Von Saumya erhielt der große Nrisimha das Narasimha.
10.23
bhadraṃ sarvātmadevācca vīrabhadro gaṇo mahān
Übersetzung: Von Ananta erhielt der Priester der Götter das Chandrabhasa. Von Sarvatmadeva erhielt Virabhadra, der große Gana, das Bhadra.
10.24
vīrajaṃ tejasaḥ prāptaḥ prajārakṣaṇatatparaḥ
Übersetzung: Von Nidhana erhielt der Lotusgeborene das Svayambhuva. Von Tejas erhielt der dem Schutz der Geschöpfe Hingegebene das Viraja.
10.25
īśānānmakuṭaṃ prāpto mahādevo bilāśrayaḥ
Übersetzung: Von Brahmanesha erhielt Nandikeshvara das Raurava. Von Ishana erhielt der in einer Höhle wohnende Mahadeva das Makuta.
10.26
ālayāllalitaṃ prāpto rudro bhairavarūpavān
Übersetzung: Von Devapitri erhielt der Weise Samvartaka das Kirana. Von Alaya erhielt Rudra in seiner Bhairava-Gestalt das Lalita.
10.27
śivākhyātsa mahākālaḥ saurabheyaṃ parāhvayam
Übersetzung: Von Vyoman erhielt wiederum Hutabhuj das Agneya. Von dem Shiva Genannten erhielt Mahakala das Saurabheya, das auch Para heißt.
10.28
eṣu bhedeṣu yo bheda upabhedaḥ sa ucyate
Übersetzung: Ich habe die Unterscheidung der Tantras beschrieben, die diese zweifache Einteilung umfasst. Ein weiterer Unterschied innerhalb dieser Zweige wird als Unterzweig bezeichnet.
10.29
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
Übersetzung: Diese Unterzweige sind sehr kurz oder ausführlich und gehören zu Weisen, Göttern und Ganas. – Warum spricht man hier von einer solchen Unterscheidung? Beruht sie auf unterschiedlichen geistigen Verfassungen?
10.30
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
Übersetzung: Beruht diese Verschiedenheit auf der Tätigkeit der Menschen und auf der Verschiedenheit der Hörer? – Diese Unterscheidung wird im übertragenen Sinn angenommen, je nach den betreffenden Verhältnissen.
10.31
Übersetzung: Ein Unterschied der Frucht soll hier nicht angenommen werden; angenommen wird ein Unterschied der Erkenntnislehren.
iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre vidyāpāde tantrāvatārapaṭalo daśamaḥ — Übersetzung: Damit endet im Erkenntnisteil des ehrwürdigen großen Tantra namens Kirana das zehnte Kapitel über das Herabkommen der Tantras.
Kapitel 11: Das Entstehen der Lautmutter

mātṛkotpattipaṭalaḥ — Übersetzung: Kapitel über das Entstehen der Lautmutter.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
11.1
etadbrūhi mahādeva jñānamūlaṃ yato'khilam
Übersetzung: Wie kann die eine Erkenntnis verschieden sein? Das habe ich noch nicht deutlich verstanden. Erkläre es, Mahadeva, denn alles wurzelt in Erkenntnis.
11.2
sā śikhā binduvaktrasya †galāṅgasya† mahātmanaḥ
Übersetzung: Die eine Erkenntnis besteht aus Klang; als das Höchste ist sie in „Om“ gegenwärtig. Sie ist die Spitze des großen Wesens mit Bindu als Gesicht. [Weitere Körperbeschreibung unklar.]
11.3
sthito'vyaktaḥ sa vāgrūpaḥ punarbhinnastu khaṇḍaśaḥ
Übersetzung: In der heiligen Überlieferung wird sie als das höchste Brahman verkündet; hier wird sie als Stätte der Laute bezeichnet. Zunächst unentfaltet und von der Natur der Sprache, gliedert sie sich darauf in Teile.
11.4
daśārdhākṣaraniṣṇātāḥ pañcakhaṇḍā vyavasthitāḥ
Übersetzung: Die ursprüngliche Gliederung besitzt neun Gruppen: eine mit den sechzehn Vokalen, dann fünf Gruppen, die jeweils aus fünf Lauten bestehen.
11.5
evaṃ jñeyaṃ śatārdhātma varṇaśaktivibhedataḥ
Übersetzung: Zwei Gruppen besitzen jeweils vier Laute; der verbleibende Laut wird als Kuta bezeichnet [die Quelle schreibt den Namen unregelmäßig]. So ist sie als aus fünfzig bestehend zu erkennen, entsprechend den verschiedenen Lautkräften.
11.6
tarkakāvyetihāsasthā sarvaṃ vyāpya vyavasthitā
Übersetzung: Wie eine Mutter ist eben diese die Matrika, die Lautmutter. Sie erscheint in den verschiedenen Formen von Zählen, Erkennen und anderem, besteht in Logik, Dichtung und Geschichtsüberlieferung und durchdringt alles.
11.7
bisinī yadyathā bhinnā rudrabhedātparā satī
Übersetzung: Als die eine besteht sie unter verschiedenen Namen in den Zweigen der Shiva-Erkenntnis. Wie eine Lotuspflanze verschieden gegliedert ist, so erscheint sie durch die Rudra-Zweige verschieden und bleibt doch die Höchste.
11.8
gadyapadyādikāvyā ye geyā deśānugāśca ye
Übersetzung: Die daraus folgende Verschiedenheit der Erkenntnis wird als übertragen, nicht als ein Unterschied ihres wesentlichen Gehalts bezeichnet. Dazu gehören Dichtungen in Prosa und Versen, Gesänge und die den jeweiligen Ländern entsprechenden Sprachformen.
11.9
śaktirvāgīśvarī tasya vāṅmayaṃ vyāpya saṃsthitā
Übersetzung: Die Kraft Vagishvari geht aus der Mantrakraft von Bija, Pinda, Kala und Kuta hervor. Sie durchdringt die gesamte sprachliche Welt jenes Herrn.
11.10
evamasya vibhedo'yaṃ jñānasyokto mayā tava
Übersetzung: Eben sie ist als die höchste Matrika zu erkennen, die Stätte sämtlicher Mantras. So habe ich dir diese Aufgliederung der Erkenntnis erklärt.
iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre vidyāpāde mātṛkotpattipaṭala ekādaśaḥ — Übersetzung: Damit endet im Erkenntnisteil des ehrwürdigen großen Tantra namens Kirana das elfte Kapitel über das Entstehen der Lautmutter.
Kapitel 12: Die Gewinnung des Yantra
yantroddhārapaṭalaḥ — Übersetzung: Kapitel über das Herausheben des Yantra.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
12.1
vihitāstvīśa ye mantrāsteṣāṃ me lakṣaṇaṃ vada
Übersetzung: Wenn die höchste Matrika als Stätte aller Mantras feststeht, Herr, dann beschreibe mir die Kennzeichen der von dir gelehrten Mantras.
12.2
kramācchaktiṃ nyasettatra navakhaṇḍavibhāgaśaḥ
Übersetzung: Auf einem ebenen Platz in der Mitte eines mit duftenden Blumen versehenen Bodenbereichs soll man die Kraft der Reihe nach in neun Gruppen einsetzen.
12.3
uddharecchambarānpaścādācāryo mantravigrahaḥ
Übersetzung: Nachdem der Lehrer eben diese Kraft herausgehoben und mit duftenden Blumen verehrt hat, soll er anschließend die Mantras herausheben; er selbst besitzt einen aus Mantras gebildeten Körper.
12.4
karṇikāyāṃ nyasetkūṭaṃ kālayugmāntasaṃsthitam
Übersetzung: Auf einem Lotus mit sechzehn Blättern oder mit tausend Blättern soll er in die Mitte den Kuta-Laut einsetzen, der am Ende des Kala-Paares steht.
12.5
nyasetkūṭaṃ ca tanmadhye bhuktimuktiphalapradam
Übersetzung: Mit dem Rudra-Bija verbunden und mit einer Mondsichel versehen, soll der Kuta-Laut in die Mitte eingesetzt werden; er schenkt die Früchte von Genuss und Befreiung.
12.6
kramādagrārakeṣvarṇānvyāpakaṃ tu nyasetpari
Übersetzung: Auf die Blätter soll er der Reihe nach die sechzehn Vokale setzen, auf die vorderen Speichen die übrigen Laute und ringsum den Vyapaka genannten Laut. [Die Bezeichnung der Speichen ist im Druck nicht ganz klar.]
12.7
gandhādyairbhaktitaḥ so'pi kālamuktaḥ śivaṃ vrajet
Übersetzung: Wer dieses Rad regelmäßig oder Monat für Monat mit Duftstoffen und anderem voller Hingabe verehrt, wird, wenn seine Zeit gekommen ist, von der Zeit befreit zu Shiva gelangen.
12.8
ṣoḍaśena vibhinno'yambhavetkūṭo'ṅgapañcakam
Übersetzung: Wird dieser Kuta-Laut mit dem zweiten, vierten, sechsten, zwölften und sechzehnten Vokal unterschieden, bildet er die fünf Gliedmantras.
12.9
triyuktā lokapālāḥ †syuścaturthe'ṣṭrāṇi† kalpayet
Übersetzung: Die kurzen Formen sind als die Brahma-Mantras zu erkennen; die zweifach verbundenen als die Herren der Ganas, die dreifach verbundenen als die Welthüter. An vierter Stelle soll man die Astra-Formeln bilden. [Bezeichnung der Astra-Formeln unsicher.]
12.10
vyāpakaṃ rephasaṃyuktaṃ caturthasvarasaṃyutam
Übersetzung: Höre nun ein weiteres Kennzeichen der Vidyeshas, das aus der Matrika besteht: Der Vyapaka genannte Laut wird mit Repha, dem r-Laut, und dem vierten Vokal verbunden.
12.11
rephavarṇayutaṃ śāntaṃ ṣaṣṭhasvarasamanvitam
Übersetzung: Mit Bindu versehen, besteht er als Bezeichnung Anantas. Der Shanta genannte Laut wird mit Repha und dem sechsten Vokal verbunden.
12.12
makāraṃ vibhusaṃyogādvisargācca śivottamaḥ
Übersetzung: Mit Bindu als Bestandteil bezeichnet er den Gott Sukshma. Der m-Laut bildet durch die Verbindung mit Vibhu und durch Visarga die Formel Shivottamas.
12.13
ṣaṣṭhasvarasamāyuktaḥ prokto netraikanāmani
Übersetzung: Der letzte Laut beim Shanta-Laut, verbunden mit Repha, Bindu und dem sechsten Vokal, wird für den Netraika Genannten gelehrt.
12.14
dvitīyasvarasaṃyukta ekarudraḥ sabindukaḥ
Übersetzung: Der auf das Ende des sha-Lautes folgende Laut wird mit dem auf das Ende des ra-Lautes folgenden verbunden. Mit dem zweiten Vokal und Bindu ergibt er Ekarudra.
12.15
bindunā bhūṣito mūrdhni trimūrtervācako mataḥ
Übersetzung: Der Ranta genannte Laut unterhalb des auf Bha folgenden Bereichs wird durch den zwölften Vokal unterschieden. Auf seinem Scheitel mit Bindu geschmückt, gilt er als Bezeichnung Trimurtis.
12.16
śrīkaṇṭha eṣa vikhyātastataḥ śṛṇu śikhaṇḍinaḥ
Übersetzung: Der Shanta genannte Laut wird mit dem sechsten Vokal und Bindu verbunden und steht nach dem Santa genannten. Dies ist als Shrikantha bekannt. Höre nun von Shikhandin.
12.17
samāsena mayā tārkṣya vidyeśāḥ parikīrtitāḥ
Übersetzung: Der letzte Laut nach La wird mit dem vierten Vokal und Bindu geschmückt. Damit habe ich die Vidyeshas in Kürze beschrieben, Garuda.
12.18
gayatrī caiva sāvitrī kiṃ tu rephaviśeṣaṇam
Übersetzung: Der Kuta-Laut, verbunden mit langem i und mit Bindu und Nada geschmückt, bildet Gayatri und Savitri; der Unterschied besteht jedoch im Repha-Laut.
12.19
snātvā śuddhaḥ paṭhenmantrānchuciḥ prāgbhojanātparaḥ
Übersetzung: Man soll die Mantras kennen und anwenden, indem sie mit Om beginnen und mit Namah enden. Nach dem Baden soll man sie rein rezitieren, in Reinheit vor der Mahlzeit. [Schlusswort unklar.]
12.20
Übersetzung: Bei einem Abweichen in einem der beiden Fälle entsteht ein Fehler aufgrund der Verunreinigung durch Speisereste.
iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre vidyāpāde yantrāvatāro dvādaśaḥ paṭalaḥ samāptaḥ — Übersetzung: Damit ist im Erkenntnisteil des ehrwürdigen großen Tantra namens Kirana das zwölfte Kapitel, das Herabkommen des Yantra, abgeschlossen.
vidyāpādaḥ samāptaḥ — Übersetzung: Der Erkenntnisteil ist abgeschlossen.
Ritualteil, Kapitel 1: Vorschrift für das Bad
atha kriyāpādaḥ — Übersetzung: Nun folgt der Ritualteil.
snānavidhiḥ — Übersetzung: Vorschrift für das Bad.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
K1.1
etadbrūhi samāsena sphuṭārthaṃ tripurāntaka
Übersetzung: Wie viele Arten des Badens werden gelehrt? Mit welchen Mantras und auf welche Weise werden sie ausgeführt? Sage mir dies kurz und mit klarem Sinn, du Überwinder der drei Städte.
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
K1.2
māhendraṃ ca tṛtīyaṃ syāccaturthaṃ mārutaṃ bhavet
Übersetzung: Die erste Art des Badens heißt Varuna-Bad, die zweite Aschebad. Die dritte sei das Mahendra-Bad, die vierte das dem Wind zugeordnete Bad.
K1.3
nadīnadatatākābdhikhātādiṣu ca vāruṇam
Übersetzung: Als fünfte Art wird das Mantra-Bad genannt. Jetzt werden sie der Reihe nach erklärt. Das Varuna-Bad findet in Flüssen, Strömen, Teichen, im Meer und an ausgehobenen Wasserstellen statt.
K1.4
gṛhītvā sadyamantreṇa sthāpayettāṃ guhyakena tu
Übersetzung: Dorthin gegangen, nehme man an einem reinen Ort gereinigte Erde. Man nehme sie mit dem Sadyojata-Mantra auf und lege sie mit dem Guhyaka-Mantra nieder.
K1.5
īśenoddhṛtya khaḍgena sarvaṃ ghṛṣya ca saṃplavet
Übersetzung: Man reinige sie mit dem Aghora-Mantra und besprenge sie mit dem Purusha-Mantra. Nachdem man sie mit dem Ishana-Mantra aufgenommen hat, reibe man den ganzen Körper unter Verwendung des Schwert-Mantras ein und tauche ins Wasser.
K1.6
ācamya tāṃ punargṛhya kṛtvā bhāgatrayaṃ hṛdā
Übersetzung: Nach dem Bad zur Entfernung des Schmutzes ist das vorgeschriebene rituelle Bad auszuführen. Nach dem rituellen Schluck Wasser nehme man die Erde erneut und teile sie mit dem Herz-Mantra in drei Teile.
K1.7
ādyaṃ dvyaṃśakam †aṅgenyaṃ† śeṣaṃ tīrthe punaḥ plavam
Übersetzung: Nach Norden gewandt, rezitiere man den Astra-Mantra. [Die anschließende Anweisung mit Brahma-Mantra und Wasser ist unklar.] Die ersten beiden Anteile der Erde sind wohl für den Körper bestimmt, der übrige für die heilige Badestelle. [Die Anweisung zum erneuten Eintauchen ist nicht sicher deutbar.]
K1.8
praṇavenodakaṃ gṛhya triḥ pītvā dviḥ pramṛjya ca
Übersetzung: Nach dem ordnungsgemäßen Bad steige man heraus und vollziehe sorgfältig das rituelle Wasserschlucken. Man nehme mit dem Pranava, Om, Wasser auf, trinke dreimal und wische zweimal ab.
K1.9
bhūyo'pyācamya sandhyāṃ tu vandetātsekapūrvakam
Übersetzung: Er berühre der Reihe nach die sieben [wohl Sinnesöffnungen] sowie Nabel und Scheitel. Nach erneutem rituellen Wasserschlucken verehre man die Sandhya, die Übergangszeit des Tages, mit vorausgehendem Besprengen.
K1.10
kṛṣṇaṃ dhyātvā kṣipettoyaṃ ghoreṇa punarācamet
Übersetzung: Das reinigende Besprengen geschieht mit den Samhita-Mantras, das Benetzen mit Wasser mit dem Shiva-Mantra. Man stelle sich das Wasser schwarz vor, werfe es mit dem Aghora-Mantra fort und vollziehe erneut das rituelle Wasserschlucken.
K1.11
apasavyāgramadhyena pitṛdevamunikriyā
Übersetzung: Nachdem man die Mantras am Körper zugewiesen und sich mit Wasser umgeben hat, bringe man den zu sättigenden Mantras die Wasserspende dar. Für Ahnen, Götter und Weise werden die umgekehrte Anordnung, die Spitze und die Mitte genannt; die knappe Formulierung setzt den rituellen Zusammenhang voraus.
K1.12
kṛtvā hṛdāñjaliṃ baddhvā trīnvārān udakena tu
Übersetzung: Die zugehörigen Wasserspenden erfolgen der Reihe nach mit „Svadhā“, „Svāhā“ und „Namaḥ“. Mit dem Herz-Mantra forme man die Hände zur Schale und bringe dreimal Wasser dar.
K1.13
†tārādyāvacchataṃ† pūrṇaṃ svaśaktyā vā'thavā japet
Übersetzung: Man forme die Hände zur Schale und fülle sie reichlich mit Blumen für die Sonne; danach verehre man Shiva. Man rezitiere volle hundertmal oder nach der eigenen Kraft, [wohl mit Om beginnend].
K1.14
tatastīrthaṃ samākṛṣya kartavyaṃ hṛdaye hṛdā
Übersetzung: Nachdem man die Sonne umschritten hat und sie dabei zur rechten Seite blieb, verneige man sich dreimal vor ihr. Dann ziehe man die heilige Badestelle innerlich zurück und lasse sie mit dem Herz-Mantra im Herzen gegenwärtig sein.
K1.15
āraṇyagomayaṃ gṛhya sadyenā'pīḍya vāmataḥ
Übersetzung: So ist das Varuna-Bad beschaffen. Höre nun vom Aschebad. Man sammle Kuhdung aus dem Wald mit dem Sadyojata-Mantra und knete ihn mit dem Vama-Mantra.
K1.16
īśenoddhṛtya tairmantraiśsthāpya bhūtiṃ nave puṭe
Übersetzung: Mit dem Aghora-Mantra geschieht das Entzünden, mit dem Nara-Mantra das Besprengen. [Ein Wort dazwischen bleibt ungeklärt.] Mit dem Ishana-Mantra nehme man die Asche heraus und bewahre sie unter Verwendung jener Mantras in einem neuen Behälter auf.
K1.17
malasnānaṃ purā'streṇa kramādāpādamastakam
Übersetzung: Das Bad findet nach dem Wasserbad statt [oder zu einem nicht sicher verständlichen anderen Zeitpunkt]. Zuvor soll das Bad zur Entfernung des Schmutzes stattfinden. Mit dem Astra-Mantra erfolgt die Behandlung der Reihe nach vom Fuß bis zum Kopf.
K1.18
parivartya sitaṃvāsastatastvācamya pūrvavat
Übersetzung: Nachdem man den Körper mit Asche bestäubt hat, besprenge man ihn mit dem Shiva-Mantra von oben [nähere Bestimmung unklar]. Man wechsle zu einem weißen Gewand und vollziehe das rituelle Wasserschlucken wie zuvor.
K1.19
padasaptakamāvṛtya vāyavyaṃ gokhureṇa tu
Übersetzung: Das Mahendra-Bad steht mit dem Regen in Verbindung [genaue Anweisung unklar]; dabei rezitiere man den fünften Mantra. Für das Windbad werden sieben Schritte und der von einem Kuhhuf aufgewirbelte Staub genannt.
K1.20
snānānyevaṃ vidhānyatra pañca proktāni siddhaye
Übersetzung: Das Windbad geschieht mit diesem Staub und dem Nara-Mantra. Das Mantra-Bad erfolgt mit den hier genannten Mantras. Diese fünf Arten des Badens sind hier zum Erlangen der Vollendung gelehrt.
K1.20½
Übersetzung: Nach dem Bad verehre man den Gott am Linga oder auf einer hergerichteten Opferfläche.
iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre kriyāpāde snānavidhipaṭalaḥ prathamaḥ — Übersetzung: So endet im großen Tantra namens Kirana, im Ritualteil, das erste Kapitel: die Vorschrift für das Bad.
Ritualteil, Kapitel 2: Vorschrift der Verehrung
atha pūjāvidhiḥ paṭalaḥ — Übersetzung: Nun folgt das Kapitel über die Vorschrift der Verehrung.
garuḍaḥ — Übersetzung: Garuda spricht:
K2.1
sphuṭaṃ me brūhi deveśa sthaṇḍile vā kathaṃ bhavet
Übersetzung: Gott, die Verehrung wurde bereits angedeutet. Wie geschieht sie am Linga? Erkläre es mir deutlich, Herr der Götter; wie wird sie auf einer hergerichteten Opferfläche ausgeführt?
bhagavān — Übersetzung: Der Herr spricht:
K2.2
rucirāsanasaṃsthastu prāṇāyāmatrayānvitaḥ
Übersetzung: Mit gereinigtem Wesen betrete man den Ort der Verehrung und nehme seinen Platz an der südlichen beziehungsweise rechten Seite ein. Man sitze in einem angenehmen Sitz und verbinde dies mit dreimaliger Atemregelung.
K2.3
kṛtvā kāyaṃ dahetpaścāt śaivāstraṃ cintya taijasam
Übersetzung: Man erfasse das dort befindliche Selbst in der Vorstellung und führe es durch das Ausatmen in die Mitte des Bindu. Dann stelle man sich die leuchtende Waffe Shivas vor und lasse den Körper in dieser inneren Vorstellung verbrennen.
K2.4
dhyātvā sitakaṇābhāsaṃ sphurantaṃ svena tejasā
Übersetzung: Man stelle sich den eigenen Körper zu Asche geworden vor und führe das Selbst mit dem Pranava zurück. Man betrachte es wie ein weißes, feines Teilchen, das aus eigener Leuchtkraft strahlt.
K2.5
tenaiva tritayaṃ dadyāt karanyāsādanantaram
Übersetzung: Man stelle sich den Pranava als Gefäß vor, überströmt von Nektartropfen. Nach der Zuweisung der Mantras an die Hände vollziehe man damit eine dreifache Zuweisung [deren Bezug unklar bleibt].
K2.6
sāvitrīmatha gāyatrīṃ śivaṃ saṅkalpya hastayoḥ
Übersetzung: Man reinige beide Hände mit dem Astra-Mantra und weise ihnen der Reihe nach die Brahma- und Anga-Mantras zu. Sodann stelle man Savitri, Gayatri und Shiva in den Händen vor.
K2.7
śirāṃsi pañcabhiḥ pañca śiveśānaiśca kalpayet
Übersetzung: Man forme in der Vorstellung einen aus Mantras bestehenden Körper, der aus achtunddreißig Kalas besteht. Die fünf Häupter gestalte man mit den fünf hier als Shiva-Ishana bezeichneten Mantraformen.
K2.8
pūrvāditassamārabhya yāvaduttaragocaram
Übersetzung: Man weise die vier Gesichter zu und vergegenwärtige sie mit dem Gesichts-Mantra. Man beginne im Osten und gehe weiter, bis die nördliche Richtung erreicht ist.
K2.9
nābhiṃ caivodaraṃ pṛṣṭhe nyasedvāmaṃ trayodaśa
Übersetzung: Aghora vergegenwärtige man in achtfacher Weise, der Reihe nach an Herz, Hals und Schultern sowie Nabel, Bauch und Rücken. Anschließend weise man Vama dreizehnfach zu; die dazugehörige Körperstellenfolge geht im nächsten Vers weiter.
K2.10
sphicau dve ca kaṭī pārśvau nyasetsadyaṃ tato'ṣṭadhā
Übersetzung: Genannt werden der verborgene Körperbereich, das Geschlechtsorgan, [wohl die beiden Oberschenkel], beide Knie, beide Unterschenkel, die beiden Gesäßhälften, die Hüfte und beide Flanken. Danach weise man Sadyojata achtfach zu.
K2.11
dvayostu pārśvayoḥ śaktiṃ tato'smin vyāpakaṃ nyaset
Übersetzung: Der Reihe nach weise man den Mantra beiden Füßen, beiden Händen, der Nase, dem Kopf und beiden Armen zu. An den beiden Flanken setze man die Shakti ein; danach vollziehe man die alles durchdringende Zuweisung an diesem Körper.
K2.12
puṣpādyaṃ mānasaiḥ kṛtvā tisrastālāśśivāsinā
Übersetzung: Man vollziehe zunächst eine Zuweisung an ihrem jeweiligen Ort [ihr Gegenstand bleibt unklar]; danach folgt der Reihe nach das innere Organ. Man bringe innerlich Blumen und die weiteren Gaben dar und vollziehe drei Klatschbewegungen mit dem Schwert-Mantra Shivas.
K2.13
kṛtvā tu toyasaṃpūrṇaṃ nyasenmantraṃ trayodaśa
Übersetzung: Mit dem Panzer-Mantra sichere man die Himmelsrichtungen und reinige das Gefäß mit dem Schwert-Mantra. Man fülle es mit Wasser und weise ihm dreizehn Mantras zu.
K2.14
datvā puṣpaṃ śirasyekaṃ liṅgaśuddhiṃ samācaret
Übersetzung: Man verwandle das Wasser rituell in Nektar und besprenge damit das dort Befindliche. Man lege eine Blume auf den eigenen Kopf und beginne die Reinigung des Linga.
K2.15
ghaṭikordhvaṃ tu saṃsthāpya pātrārghyeṇā'rpayetkramāt
Übersetzung: Man fülle kleine Gefäße mit sorgfältig gereinigtem Wasser und stelle sie erhöht auf ihre Unterlagen. Der Reihe nach füge man das Arghya-Wasser aus dem dafür vorgesehenen Gefäß hinzu.
K2.16
liṅge vaiśeṣikenokto visargona vidhiḥ sthiraḥ
Übersetzung: Zuerst ordne man die reinen Gegenstände an, danach entferne man die bisherigen Verehrungsgaben. Beim besonderen Linga gilt eine Ausnahme von der Entlassung beziehungsweise Entfernung [deren genaue Regelung unklar bleibt].
K2.17
na śūnyamastakaṃ liṅgaṃ kuryāttatra kadācana
Übersetzung: Auch bei einem gewöhnlichen Linga soll die Entfernung nur einen Augenblick beanspruchen. Man lasse den Scheitel des Linga dabei niemals leer.
K2.18
kṣālyā'streṇa dvayaṃ paścādvedyāṃ liṅgaṃ ca bhaktitaḥ
Übersetzung: Man lege die frischen oder bereits dargebrachten Verehrungsgaben im Nordosten nieder. Danach reinige man mit dem Astra-Mantra beide Gegenstände, den Sockel und das Linga, voller Hingabe.
K2.19
caturyugamahāpādaṃ pṛthivītattvakandakam
Übersetzung: Dann stelle man sich den Sitz vor, der aus dem gesamten kosmischen Weg besteht. Die vier Weltzeitalter bilden seine großen Füße; das Erdprinzip bildet die Wurzelknolle seines Lotus.
K2.20
māyātattvaṃ bhavedgranthiḥ śuddhavidyājaśobhitam
Übersetzung: Sein einzelner Stängel reicht bis zum Zeitprinzip; er trägt die Dornen der fünfzig geistigen Zustände. Das Maya-Prinzip bildet den Knoten. [Der Abschluss beschreibt wohl den Lotus als mit reiner Erkenntnis geschmückt.]
K2.21
śivaśaktidvayālabdhaṃ karṇikābījalakṣitam
Übersetzung: Die Herren der Erkenntnis bilden die ihn bedeckenden Blütenblätter; die Shaktis bilden seine Staubfäden. Er ist durch das Paar Shiva und Shakti ausgestattet; Blütenboden und Samen kennzeichnen ihn [genaue Zuordnung unsicher].
K2.22
napuṃsakāṃścatuṣkoṇe dharmādīn parikalpayet
Übersetzung: Einen solchen Sitz stelle man sich als aus den Samenlauten der Matrika hervorgegangen vor. An den vier Ecken vergegenwärtige man die geschlechtsneutralen Laute und die mit Dharma beginnenden Eigenschaften.
K2.23
karṇikā'nantacakreṇa śeṣāḥ syurnavaśaktayaḥ
Übersetzung: Die Unterlage Anantas ist der Bindu; auf Anantas Rücken befindet sich der Lotus. Beim Blütenboden wird der Ananta-Kreis genannt [Zuordnung unsicher]; die übrigen Stellen sind den neun Shaktis zugeordnet.
K2.24
balavikaraṇī caiva balapramathanī ca
Übersetzung: Vama, Jyeshtha, Raudri, Kali, Kalavikarani, Balavikarani und Balapramathani werden genannt. Die Aufzählung setzt sich im folgenden Vers fort.
K2.25
vibhurjñānī kriyā vācā nāgeśī jvalinī tathā
Übersetzung: Es folgen die Bezähmerin aller Wesen und als neunte Manonmani. Eine weitere Reihe beginnt mit Vibhu, Jnani, Kriya, Vacha, Nageshi und Jvalini.
K2.26
vāmādyāścānulomena vibhvādyāstu vilomataḥ
Übersetzung: Vama, Jyeshtha und Raudri schließen diese zweite Reihe der neun genannten Shaktis ab. Die mit Vama beginnende erste Reihe wird in vorwärtslaufender Ordnung, die mit Vibhu beginnende zweite Reihe in umgekehrter Ordnung zugewiesen.
K2.27
māntaṃ pudgalasyāsya †narakaṃ† bījakalpitam
Übersetzung: Die vierundzwanzig Staubfäden entsprechen den Lauten von ka bis bha. [Der zweite Halbvers ist nicht sicher übersetzbar.]
K2.28
sadyenā'vāhayeddevaṃ sthāpayedguhyakena tu
Übersetzung: Man gestalte die göttliche Form mit dem Brahma-Laut und weise ihr die aus Kalas bestehende Gestalt zu. Mit dem Sadyojata-Mantra rufe man den Gott herbei, mit dem Guhyaka-Mantra lasse man ihn seinen Platz einnehmen.
K2.29
īśānenā'rcayelliṅgaṃ tato'ṅgāni yathākramam
Übersetzung: Mit Aghora wird seine Gegenwart bewirkt; mit dem Gesichts-Mantra werden Arghya und die weiteren Gaben dargebracht. Mit Ishana verehre man das Linga und danach die zugehörigen Glieder in ihrer Reihenfolge.
K2.30
kramādājyena madhunā kṛtvāvartya punaḥ punaḥ
Übersetzung: Für das Bad werden Milch, dann Dickmilch, der Reihe nach geklärte Butter und Honig genannt. Die Behandlung werde wiederholt vorgenommen [genauer Ablauf unklar].
K2.31
datvā'thā'varaṇāniṣṭvā sādhyānāṃ pūjayettataḥ
Übersetzung: Mit den Brahma-Mantras bringe man der Reihe nach die Verehrung dar, vom Bad über die Duftstoffe bis zum Schmuck. Danach verehre man die Umhüllungen und anschließend die zu verwirklichenden Mantra-Gottheiten.
K2.32
śivasya dakṣiṇe bhāge vibhavena tu pūjayet
Übersetzung: Man statte die betreffende Gottheit mit ihren Gliedern aus und setze sie auf einen Lotussitz, der im Pranava gründet. Auf der rechten Seite Shivas verehre man sie nach den verfügbaren Mitteln.
K2.33
āvṛttidvayamadhyasthaṃ saṃpūjyaṃ pūrvavat khaga
Übersetzung: Wenn ein innerhalb der Samhita enthaltener Mantra als Gegenstand der Verwirklichung dient, verehre man ihn wie zuvor inmitten der beiden Umhüllungen, du Vogel Garuda.
K2.34
tadgatān pūjya devāṃstu tato liṅgaṃ samarcayet
Übersetzung: Man bringe Räucherwerk aus zehn Bestandteilen, mit geklärter Butter vermischt, unter Verwendung des Herz-Mantras dar [anschließender Zusatz unklar]. Nachdem man die dort befindlichen Gottheiten verehrt hat, verehre man das Linga.
K2.35
muktāmaṇimayairmālā rudrākṣairvarasiddhidā
Übersetzung: Man zeige die Mudra, verneige sich vor dem Herrn, nehme die Gebetskette und wiederhole den Shiva-Mantra. Eine Kette aus Perlen oder Rudraksha-Perlen wird als Mittel zur höchsten Vollendung bezeichnet.
K2.36
rītikātrapuśīsādyairadhamā siddhiriṣyate
Übersetzung: Muschel, Bergkristall, Lotussamen und weitere [nicht sicher bestimmbare] Samen ergeben dem Text zufolge eine mittlere Vollendung. Bei Messing, Zinn, Blei und ähnlichen Stoffen wird eine geringere Vollendung angenommen.
K2.37
kanyāsūtrakṛtāṃ śubhrāṃ samākṣairgrathitāṃ varām
Übersetzung: Eine Kette aus Putrajivaka-Samen gilt als Mittel zur Erfüllung aller Wünsche und Ziele. Für die weitere Beschreibung ist eine vorzügliche, reine Kette gemeint, mit gleich großen Perlen auf einem von einem Mädchen gefertigten Faden aufgereiht.
K2.38
gṛhya hṛnmantrajaptāṃ tāmaṣṭottaraśatānvitām
Übersetzung: Sie enthalte eine in der Mitte eingefügte Meru-Perle, sei mit Duftstoff bestrichen und gut beräuchert. Man nehme sie auf, nachdem der Herz-Mantra über ihr gesprochen wurde; sie bestehe aus hundertacht Perlen.
K2.39
madhyamānāmikāṅguṣṭhakarṣaṇātsiddhiruttamā
Übersetzung: Man kann auch die Hälfte dieser Zahl oder wiederum deren Hälfte nehmen, also vierundfünfzig oder siebenundzwanzig. Das Bewegen der Perlen mit Mittelfinger, Ringfinger und Daumen gilt als Weg zur höchsten Vollendung.
K2.40
kaniṣṭhāṅguṣṭhasaṃyogātsiddhiruktā kanīyasī
Übersetzung: Der Verbindung von Daumen und Zeigefinger wird eine mittlere Vollendung zugeschrieben. Die Verbindung von kleinem Finger und Daumen wird als die geringste eingestuft.
K2.41
siddhārthake tathā sthāpya tāmrake vā karaṇḍake
Übersetzung: Eine heruntergefallene Kette hebe man sogleich auf; eine beschädigte lege man beiseite [weiterer Wortlaut unklar]. Man bewahre die Kette in weißem Senf auf, in einem Kupfergefäß oder einem kleinen Korb.
K2.42
nāspaṣṭaṃ na manobhrāntaṃ japaṃ kuryātsamāhitaḥ
Übersetzung: Man rezitiere, solange man innerlich unaufgeregt bleibt, weder hastig noch schleppend. Man vollziehe die Wiederholung gesammelt, weder undeutlich noch mit verwirrtem Geist.
K2.43
uccāyassyātsa bhāṣyo jñeyo'nyaśśravaṇātmakaḥ
Übersetzung: Die Wiederholung ist dreifach. Die geistige geschieht allein im Geist; die hörbar ausgesprochene ist dadurch bestimmt, dass andere sie hören. [Die dritte Art wird hier nicht eindeutig beschrieben.]
K2.44
evaṃ kṛtvā japenmantrī dhyāyeddevam kalātanum
Übersetzung: Man bewege die Gebetskette wie die Windung einer großen Schlange. So verfahre der Mantra-Übende, rezitiere und betrachte innerlich den Gott, dessen Körper aus Kalas besteht.
K2.45
sāyudhaṃ daśabāhuṃ ca sālaṅkāraṃ manoharam
Übersetzung: Man betrachte ihn mit drei Augen, inmitten des Lotus, leuchtend mit der Mondsichel auf der Krone. Er trägt Waffen, hat zehn Arme, ist geschmückt und von anziehender Gestalt.
K2.46
liṅgamadhyagataṃ dhyātvā devadevaṃ sadāśivam
Übersetzung: Zu betrachten ist Hara, der die gewünschte Vollendung gewährt und eine aus Lauten bestehende Gestalt trägt: Sadashiva, der Gott der Götter, in der Mitte des Linga gegenwärtig.
K2.47
ūrdhvāṅge tu yadā siktastataḥ snānaṃ vidhīyate
Übersetzung: Man nehme die dargebrachten Speisen zusammen und lege sie für Chanda fort. Wenn der obere Körperbereich mit dem Wasser benetzt wurde, ist ein Bad vorgeschrieben.
K2.48
sthaṇḍile'pi ca mantrāṇāṃ siddhirāśu prajāyate
Übersetzung: Wenn die untere Körperhälfte benetzt wurde, reinigt man sich durch Abwaschen. Auch auf einer hergerichteten Opferfläche entsteht die Vollendung der Mantras rasch.
K2.49
tatassaṃprokṣya tatsthānaṃ †śivamastvivai† vadet
Übersetzung: Auch dort entferne man die Verehrungsgaben und behandle die Stelle mit drei Kugeln Kuhdung. Danach besprenge man diesen Ort und spreche eine Heilswendung [Wortlaut unsicher].
K2.50
agnikāryaṃ tataḥ kṛtvā kuṇḍe vā sthaṇḍile'pi vā
Übersetzung: So ist diese mit Mudras verbundene Weise der Verehrung erklärt worden. Danach vollziehe man die Feuerhandlung in einer Feuergrube oder auf einer hergerichteten Opferfläche.
K2.50½
Übersetzung: Man verbinde den im Feuer gegenwärtigen Gott mit dem Linga; darin liegt die Frucht der Handlung des Gurus.
iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre kriyāpāde pūjāvidhirdvitīyaḥ paṭalaḥ — Übersetzung: So endet im großen Tantra namens Kirana, im Ritualteil, das zweite Kapitel: die Vorschrift der Verehrung.
Getrennter Quellenblock: Kapitel 60–61. Weitere dazwischenliegende Werkabschnitte sind in dieser Teilausgabe noch nicht bearbeitet.
Kapitel 60: Totenritual
garuḍa uvāca — Übersetzung: Garuda spricht:
60.1
kasmin kāryā kathaṃ brūhi tat punaḥ kriyate katham
Übersetzung: Gott, du hast das letzte Opfer angedeutet, mir aber nicht ausführlich erklärt. Für wen soll es stattfinden und auf welche Weise? Sage noch einmal, wie es vollzogen wird.
bhagavān uvāca — Übersetzung: Der Herr spricht:
60.2
voḍhāraś caturo grāhyāḥ kṛtavāmapavitrakāḥ
Übersetzung: Ein Verstorbener, der zuvor eingeweiht worden ist, wird durch das südliche Tor hinausgetragen. Man soll vier Träger bestimmen, die ihr Pavitra auf der linken Seite angelegt haben.
60.3
śodhayitvā tu tat sthānaṃ kāṣṭhaiḥ kṛtvā samāṃ citim
Übersetzung: Nachdem sie ihn angehoben und zu einem ebenen Platz für den Scheiterhaufen gebracht haben, soll der reine Ritualleiter den Platz reinigen und aus Holz einen gleichmäßig aufgebauten Scheiterhaufen errichten.
60.4
kṛtvārcanaṃ yathāpūrvaṃ vahnikāryaṃ samārabhet
Übersetzung: Nördlich davon soll er einen Opferplatz oder eine Lotuszeichnung anlegen. Nachdem er die Verehrung wie zuvor ausgeführt hat, soll er das Feuerritual beginnen.
60.5
śodhitaṃ bhasmanā guṇṭhya prāguktakramayogataḥ
Übersetzung: Nach dessen Ausführung soll er den Leichnam herbeibringen und mit Kuhdung und anderen Mitteln reinigen. Den Gereinigten soll er gemäß der zuvor gelehrten Reihenfolge mit Asche bedecken.
60.6
dakṣiṇāśāgatasyāsyadakṣiṇāmūrtigasya tu
Übersetzung: Beginnend mit dem Lendentuch soll er ihm alles Erforderliche anlegen. Der Verstorbene ist dem Süden zugewandt und der südlichen Gestalt zugeordnet. [Zuordnung unsicher.]
60.7
śuddhasūkṣmakaṇākāraṃ dhyātvā tan madhyasaṃsthitam
Übersetzung: Er soll ihn mit Shiva-Wasser besprengen und in dessen Herzen die isolierte Seele betrachten: rein, fein und von der Gestalt eines winzigen Teilchens, in dessen Mitte gegenwärtig.
60.8
kalpya tat prathamaṃ vargaṃ vahnisthaṃ mātarāṃ punaḥ
Übersetzung: Danach soll er ihn nach der zuvor genannten Reihenfolge mit den Mantra-Gliedern versehen. Er soll die erste Gruppe der Lautmütter im Feuer vorstellen,
60.9
yojanaṃ taddhṛdā tasya śivenāhutayo daśa
Übersetzung: sie einsetzen und mit Duftstoffen und anderem verehren. Das Ergreifen der Seele erfolgt vom Ende des Nada aus; ihre Verbindung wird durch den entsprechenden Herzmantra vollzogen. Mit dem Shiva-Mantra werden zehn Opfergaben dargebracht.
60.10
hṛdoddhṛtya punar hṛtsthaṃ kṛtvā vargaṃ punar nyaset
Übersetzung: Nach diesen Gaben soll er die Bindungen mit der Asi-Formel zerschneiden und eine volle Opfergabe darbringen. Mit dem Herzmantra soll er die Seele herausheben, sie erneut im Herzen ruhen lassen und die nächste Lautgruppe einsetzen.
60.11
pañcāhutiprayogena śodhayet pūrvavat kramāt
Übersetzung: So sind die acht Lautgruppen zu reinigen – oder in umgekehrter Reihenfolge [die Lesung „oder“ ist unsicher]. Mit jeweils fünf Opfergaben soll er sie wie zuvor der Reihe nach reinigen.
60.12
śavaṃ sthāpya citād ūrdhvam īśānenottarānanam
Übersetzung: Nachdem er mit dem Shiva-Mantra das Aufgehen der Seele bewirkt hat, soll er mit der Khadga-Formel eine Unterlage aus Kusha-Gras bereiten und den Leichnam mit dem Ishana-Mantra auf den Scheiterhaufen legen, das Gesicht nach Norden gerichtet.
60.13
tatas tam indhanenāgniṃ praśastena nayec citiṃ
Übersetzung: Er soll Sandelholz, Adlerholz, Kampfer, Sesam und Milch darübergeben. Dann soll er jenes Feuer mithilfe geeigneten Brennmaterials an den Scheiterhaufen bringen.
60.14
prāgdiktas tattadantaṃ tu saṅkṣipet skandhataḥ punaḥ
Übersetzung: Nachdem er ihn entzündet hat, soll er ihn erneut umrunden. Das mit der Khadga-Formel geweihte Gefäß soll er, im Osten beginnend und am jeweiligen Ende, von der Schulter aus niederwerfen. [Genauer Ablauf der Gefäßhandlung unklar.]
60.15
jalasnānaṃ tato gacchet kuryāt tasyodakakriyām
Übersetzung: Nach dem Entzünden soll keine Unterbrechung eintreten, bis der Leichnam zu Asche geworden ist. Dann soll er zum Wasserbad gehen und für den Verstorbenen das Wasserritual vollziehen.
60.16
ācāryaḥ pūrvavat paścāt prāyaścittaṃ punar bhajet
Übersetzung: Er soll ihm drei hohle Hände voll Wasser darbringen, vermischt mit Durva-Gras und unversehrten Reiskörnern. Danach soll der Lehrer wie zuvor die Sühnehandlung ausführen.
60.17
evaṃ kṛte sadā tasya vidhinā bhojanaṃ punaḥ
Übersetzung: Die Reinigung von der Berührung mit dem Toten wird hier durch hundert Wiederholungen des Aghora-Mantras gelehrt. Ist dies vollzogen, folgt für ihn wiederum die vorschriftsmäßige Speisung.
60.18
liṅgoddhāre ca sarpaghna mātṛkāṃ pariśodhayet
Übersetzung: So wurde dir das letzte Opfer durch das Feueropfer der Lautmutter gelehrt. Auch beim Herausheben eines Linga soll man die Matrika reinigen, Schlangentöter.
60.19
Übersetzung: Wer aber die Matrika verehrt, dem wird gewiss Vollendung zuteil.
iti kiraṇākhye mahātantre ṣaṣṭhipaṭalaḥ — Übersetzung: Damit endet im großen Tantra namens Kirana das sechzigste Kapitel.
Kapitel 61: Ahnenritual
garuḍa uvāca — Übersetzung: Garuda spricht:
61.1
kasmin †kale† kathaṃ tac ca kim arthaṃ vada śaṅkara
Übersetzung: Du hast mir zuvor eine vorschriftsmäßige Speisung angedeutet, sie aber nicht erklärt. Zu welcher Zeit, auf welche Weise und zu welchem Zweck erfolgt sie? Sage es, Shankara. [Die Wortform für „Zeit“ ist in der Edition auffällig.]
bhagavān uvāca — Übersetzung: Der Herr spricht:
61.2
ekoddiṣṭaṃ tu taj jñeyaṃ varṣād varṣaṃ bhavet punaḥ
Übersetzung: Vom elften Tag an soll sie Monat für Monat bis zum Ablauf eines Jahres erfolgen. Dies ist als Ekoddishta, als Ritus für einen einzelnen Verstorbenen, zu erkennen. Danach findet sie Jahr für Jahr statt.
61.3
āśvine kṛṣṇapakṣe vā ravau kanyāgate tathā
Übersetzung: Nach einem Jahr soll das Shraddha stattfinden, besonders in der dafür bestimmten Monatshälfte; auch in der dunklen Hälfte des Monats Ashvina oder wenn die Sonne im Zeichen Jungfrau steht.
61.4
saptamyāṃ vā navamyāṃ vā śrāddhaṃ pañcadaśāhnikam
Übersetzung: Für das Shraddha des fünfzehntägigen Abschnitts werden der achte, vierzehnte oder vierte Mondtag bei Mond in Magha sowie der siebte oder neunte Mondtag genannt.
61.5
sāmānyaṃ pitṛdevārthaṃ viśeṣo ’trābhidhīyate
Übersetzung: Man soll zwei Sadhakas und drei Lehrer heranziehen. Das gemeinsame Verfahren dient den Ahnen und den Göttern; die Besonderheit wird hier erklärt.
61.6
sādhakadvitayaṃ cānyad rudrānantam iti sthitam
Übersetzung: Die drei Lehrer sollen als Isha, Sadashiva und Shanta aufgefasst werden. Die beiden anderen, die Sadhakas, bestehen in der Zuordnung zu Rudra und Ananta.
61.7
dīkṣitānāṃ śivaśrāddhaṃ rudrāṃśānāṃ tadātmakam
Übersetzung: Sind diese gesättigt, ist alles bis hinauf zu Shiva gesättigt, Garuda. Für Eingeweihte gibt es das Shiva-Shraddha; für diejenigen, die zu Rudra gehören, das ihm entsprechende Shraddha.
61.8
rudraḥ skando gaṇeśo ’nyattritaye saṃsthitās tv ime
Übersetzung: Dort stehen die beiden Ganas Chanda und Mahakala in der Zweiergruppe; Rudra, Skanda und Ganesha bestehen dagegen in der anderen Dreiergruppe.
61.9
kurvanti ye narā bhaktyā rudralokaṃ vrajanti te
Übersetzung: Das Rudra-Shraddha soll man hier mit Asketen und Zweimalgeborenen vollziehen. Die Menschen, die es voller Hingabe ausführen, gelangen in Rudras Welt.
61.10
pūrvavat tritayaṃ kalpya dvitayaṃ ca viśeṣataḥ
Übersetzung: Das weltliche Shraddha ist nach Brahma, Vishnu, Isha, Surya und Antaka gegliedert. Wie zuvor sind eine Dreiergruppe und eine Zweiergruppe entsprechend anzuordnen.
61.11
sādhakaputrakābhāvād rudrabhaktā dvijāthavā
Übersetzung: Zuerst wird das reine, aus Shiva-Mantras hervorgehende Shiva-Shraddha beschrieben. Wenn Sadhakas und Putrakas fehlen, kommen Rudra-Verehrer, Zweimalgeborene oder
61.12
pañcābhāve yadā tasya tadā taddvayakalpanā
Übersetzung: auch Menschen außerhalb dieser Stände in Betracht, sofern sie ergeben und eingeweiht sind. Man soll sie heranziehen und entsprechend zuordnen. Sind fünf nicht verfügbar, soll man zwei einsetzen.
61.13
ekasyaivaṃ tathā nyasya bāhumūlaśirasy atha
Übersetzung: Dieselbe Zuordnung ist an den Armansätzen und Schultern der beiden vorzunehmen. Bei nur einem soll man entsprechend an den Armansätzen und am Kopf
61.14
dakṣiṇottarasaṃsthānaṃ pūrve vṛttadvayaṃ bhavet
Übersetzung: die Dreiergruppe vorstellen und die Einsetzung wie zuvor der Reihe nach ausführen. Im Osten sollen zwei runde Felder angelegt sein, eines südlich und eines nördlich.
61.15
tiladarbhayavākīrṇaṃ dakṣiṇe pādaśodhanam
Übersetzung: Der Platz soll eine Hasta breit, viereckig und mit Kuhdung gereinigt sein, mit Sesam, Darbha-Gras und Gerste bestreut. Auf dem südlichen erfolgt die Fußreinigung.
61.16
śucībhūtāṃs tu tān sthāpya pūrvāsyaṃ yad dvayaṃ purā
Übersetzung: Auf dem zweiten soll die Reinigung durch Wasserschlucken stattfinden; diese Handlung wird mit der Vama-Formel vollzogen. Die so Gereinigten soll man aufstellen, zuerst die Zweiergruppe mit dem Gesicht nach Osten.
61.17
sadyena kuśakḷptiḥ syāt punaś cāvāhanaṃ bhavet
Übersetzung: Die Dreiergruppe soll man mit der Guhyaka-Formel nach Norden gewandt aufstellen. Mit der Sadya-Formel wird das Kusha-Gras angeordnet; darauf folgt die Einladung.
61.18
vaktavyaṃ tair idaṃ vākyaṃ bhaktiyuktaiḥ samāhitaiḥ
Übersetzung: Die Einladung soll mit dem jeweiligen eigenen Namen versehen sein und die Aufforderung „Lade ein!“ enthalten. Diese Worte sollen jene mit Hingabe und Sammlung sprechen.
61.19
yavān ānīya pūrvaṃ tu dvayasya vikiret pari
Übersetzung: Für die Dreiergruppe wird die gewöhnliche Savya-Anordnung gelehrt, für die Zweiergruppe die umgekehrte Avasavya-Anordnung. Zuerst soll man Gerste herbeibringen und rings um die Zweiergruppe ausstreuen.
61.20
kṛtvā pātraṃ tu vāmena puṣpavāryakṣatānvitam
Übersetzung: Auch bei der Dreiergruppe soll man Sesam ausstreuen, zum Schutz mit der Uttara-Formel. Mit der Vama-Formel soll man ein Gefäß bereiten, das Blumen, Wasser und unversehrte Reiskörner enthält.
61.21
trayasyeśena tad dadyād ghoreṇāpi dvayasya tu
Übersetzung: Dieses Arghya soll man ihnen jeweils einmal darbringen, damit ihre Gegenwart wirksam wird: der Dreiergruppe mit der Isha-Formel, der Zweiergruppe mit der Ghora-Formel.
61.22
yāvat tadaṅgam ekaikaṃ kramād arcya yavais tilaiḥ
Übersetzung: Mit beiden Knien auf dem Boden soll man jedes ihrer Glieder der Reihe nach, von den Füßen bis zum Kopf, mit Gerste und Sesam verehren.
61.23
gandhapuṣpaṃ ca vāmena dhūpadīpaṃ ca vaktṛṇā
Übersetzung: Bei der Zweier- und der Dreiergruppe geschieht dies der Reihe nach mit Ghora und Aja. Duftstoffe und Blumen werden mit Vama dargebracht, Räucherwerk und Licht mit Vaktri.
61.24
kṛtvā snigdhānnam ānīya bhājane tat sakṛt sakṛt
Übersetzung: Man soll sprechen: „Es möge vollständig sein.“ Darauf folgt die Reinigung der Hände. Dann soll man mit Fett zubereitete Speise herbeibringen und jedem jeweils eine Portion in sein Gefäß geben.
61.25
†kṛtvaiva punar† aśnīyād maunam āsthāya kāmataḥ
Übersetzung: Die Handlung namens Agnaukarana, das Darbringen ins Feuer, wird mit Tatpurusha vollzogen. Danach sollen die Geladenen schweigend nach ihrem Wunsch essen. [Verbindende Worte unsicher.]
61.26
susaṃskṛtaṃ ca bhaktaṃ vā māṃsaṃ vā śaśakātmakam
Übersetzung: In die Gefäße gibt man Milchreis mit geklärter Butter, Honig und Zuckerbrocken, oder gut zubereiteten gekochten Reis, oder Fleisch vom Hasen.
61.27
jñātvā bhuktāṃs tu tān paścāt tṛptās stheti punar vadet
Übersetzung: Nach Norden gewandt stehend soll der Ritualleiter den fünften Mantra wiederholen. Wenn er erkennt, dass jene gegessen haben, soll er sie danach fragen: „Seid ihr gesättigt?“
61.28
tatodakaṃ sakṛd grāhya maṇḍale dakṣiṇānanaḥ
Übersetzung: „Wir sind gesättigt“ sollen sie einmal antworten. Dann soll auf dem Mandala einmal Wasser genommen werden, mit dem Gesicht nach Süden.
61.29
piṇḍatrayaṃ tataḥ kṛtvā sarvānnaparikalpitam
Übersetzung: Mit Sadya soll er eine Unterlage geben, mit Guhyaka Sesamwasser. Dann soll er drei Speisebälle formen, die aus den verschiedenen Speisen zusammengesetzt sind.
61.30
dattvā vāmena gandhaṃ ca tenaivārghyaṃ pradāpayet
Übersetzung: Mit Nara soll er die drei Speisebälle der Reihe nach darbringen. [Anschließende Angabe unklar.] Mit Vama soll er Duftstoff und mit derselben Formel Arghya darbringen lassen.
61.31
tadā tasyās suto dhīro rudrāṃśaḥ strīyuto bhavet
Übersetzung: Eine reine Frau, die sich einen Sohn wünscht, soll den mittleren Speiseball erhalten. Dann werde ihr ein tapferer Sohn, ein Anteil Rudras, zuteil, der mit einer Frau verbunden sein wird.
61.32
pūrvam ācamanaṃ dadyāt trayasyātha dvayoḥ punaḥ
Übersetzung: Oder man soll diesen Speiseball den Kühen geben, ins Feuer legen oder ins Wasser werfen. Zuerst soll man der Dreiergruppe Wasser zum rituellen Schlucken reichen, danach der Zweiergruppe.
61.33
dānaṃ dadyād yathāśaktyā bhaktito ’nte visarjayet
Übersetzung: Nachdem man Wasser geschluckt hat, soll man aufstehen und den Entschluss fassen [diese Worte sind unsicher], sich verneigen und um Verzeihung bitten. Man soll nach Vermögen eine Gabe geben und die Gäste schließlich mit Hingabe verabschieden.
61.34
rudraśrāddhaṃ svanāmāṅkaṃ praṇavādi namontikam
Übersetzung: Ein solches Shiva-Shraddha ist erhaben und schenkt Vereinigung mit Shiva. Beim Rudra-Shraddha wird der jeweilige Name verwendet, mit Om am Anfang und Namah am Ende.
61.35
kṛte ’smin laukike śrāddhe †navamāsyaṃ† sa paśyati
Übersetzung: Dieses schenkt Vereinigung mit Rudra; bei den anderen Gottheiten verwendet man ihren jeweiligen Namen. Wenn dieses weltliche Shraddha vollzogen ist, sieht der Ausführende … [Schlussaussage unklar.]
61.36
brahmalokam avāpnoti tatkartā dvijasattamaḥ
Übersetzung: Das für Brahmanen vorgeschriebene Shraddha ist im Veda gelehrt und in der Smriti geordnet. Der hervorragende Zweimalgeborene, der es vollzieht, gelangt in Brahmas Welt.
61.37
navaśrāddhādikaṃ śrāddhaṃ proktam etat samāsataḥ
Übersetzung: Das hier gelehrte Ekoddishta soll ohne Einladung vollzogen werden. Damit wurde das Shraddha, beginnend mit dem Nava-Shraddha, in Kürze beschrieben.
61.38
kriyā sampūrṇatām eti tad uddiśya phalaṃ mahat
Übersetzung: Was könnten Menschen denn für Shiva, das höchste Selbst, bewirken? Wenn man die Handlung auf ihn richtet, gelangt sie zur Vollständigkeit, und ihre Frucht ist groß.
61.39
nirṛṇatvaṃ kathaṃ teṣāṃ yāvad eva kṛtaṃ na hi
Übersetzung: Deshalb soll jener sie wie gelehrt auch bei Abwesenheit des Verstorbenen ausführen, Garuda. Wie könnten die Verpflichteten frei von ihrer Schuld werden, solange es nicht getan wurde?
61.40
parokṣe pi tathānteṣṭiḥ kriyate tadvad atra tu
Übersetzung: [Erster Halbvers nicht sicher übersetzbar.] Auch das letzte Opfer wird bei Abwesenheit des Verstorbenen vollzogen; ebenso verhält es sich hier.
61.41
proktaṃ samāsataḥ śrāddhaṃ pañcabrahmamayaṃ śivam
Übersetzung: Daher soll derjenige, von dem die Einweihung erteilt wurde, dieses Shraddha ausführen; jene findet darin ihren Abschluss. So wurde das heilvolle, aus den fünf Brahma-Mantras bestehende Shraddha in Kürze beschrieben.
iti kiraṇākhye mahātantre ekaṣaṣṭhipaṭalaḥ — Übersetzung: Damit endet im großen Tantra namens Kirana das einundsechzigste Kapitel.
Spirituelle Bedeutung und heutige Betrachtung

Bewusstsein und Verhüllung unterscheiden. Das Kirana Tantra behandelt die gebundene Seele nicht als ein von Grund auf bewusstloses Ding. Gerade deshalb fragt Garuda, ob Nichtwissen überhaupt ihre wesentliche Eigenschaft sein könne. Shiva verneint dies: Würde die Verhüllung zum Wesen des Bewusstseins gehören, müsste Befreiung dessen Wesen zerstören. Die Vergleiche mit Kupfer und seiner Anhaftung oder mit dem Reiskorn und seiner Hülle verdeutlichen den Unterschied (2.24–33). Mala, die bindende Unreinheit, bedeutet hier mehr als moralisches Fehlverhalten. Sie ist eine grundlegende Verhüllung der Erkenntnisfähigkeit.
Der Körper als Bedingung des Weges. Die Maya hat eine doppelte Bedeutung. Ihre Wirkungen begrenzen das Erleben, machen aber zugleich begrenzte Erkenntnis und Erfahrung möglich (2.7–15). Besonders deutlich sagt 4.29: Ohne Körper gibt es weder Befreiung noch die Erfahrung, die Erkenntnis und Handeln lehrt. Dies würdigt die verkörperte Existenz innerhalb eines Weges, dessen Ziel über die Bindung an sie hinausgeht. Es ist keine Lehre, nach der jedes Begehren bereits Befreiung wäre.
Gnade, Zeit und persönliche Reife. Shakti, Shivas Kraft, muss nach dem Text nicht erst räumlich von fern herbeikommen. „Herabkommen“ ist eine übertragene Bezeichnung für ihr erweckendes Wirken. Das Bild der Sonne und der Lotusblüte verbindet Wirksamkeit mit dem geeigneten Zeitpunkt (4.1–4; 5.14–21). Dabei bleibt Shiva der bewusste Handelnde; die Zeit selbst wird nicht zum göttlichen Urheber erklärt. Hingabe erscheint als Zeichen der Berührung durch diese Kraft, doch Garudas Einwand gegen vorschnelle Schlüsse aus äußeren Zeichen bleibt hörbar (6.22–25).
Mehrere geeignete Mittel. In 6.7–10 nennt das Kirana Tantra Menschen, die für Ritual, Erkenntnis oder geregelte Lebensführung geeignet sind. Diksha, die Einweihung, steht dabei in einem Zusammenhang mit den weiteren Mitteln. Der Text erlaubt nicht den Schluss, jedes beliebige Verhalten führe automatisch zum gleichen Ziel. Die unterschiedlichen Mittel werden innerhalb seiner eigenen religiösen Ordnung gelehrt. Zugleich stellt 6.3–4 klar, dass die Weihe dem bewussten Wesen gilt, nicht seiner Kaste oder seinem unbewussten Körper. Die historische Rangordnung der Gesellschaft wird damit nicht insgesamt aufgehoben.
Leerheit als Freiheit von Begrenzung. In Kapitel 9 bedeutet die Leerheit Shivas das Freisein von Eigenschaften der Maya. Das leere Haus ist nicht überhaupt nicht vorhanden; es ist leer in Bezug auf das, was darin fehlt. Klang, Punkt und Kraft können dem Geist Halt geben, damit er im Ewigen fest wird. Der Text verknüpft diesen Weg mit Unterweisung und Erkenntnis. Seine Leerheit sollte daher nicht ohne Weiteres mit anderen buddhistischen oder hinduistischen Begriffen gleichgesetzt werden.
Sprache und Erkenntnis. Kapitel 11 versteht die Lautmutter als Ursprung vielfältiger sprachlicher Formen. Logik, Dichtung, Überlieferung und die verschiedenen Sprachen werden aus einer umfassenden Sprachkraft erklärt. Die Verschiedenheit der Lehren muss nach 10.31 und 11.7–8 keinen Unterschied ihrer befreienden Frucht bedeuten. Das ist eine Aussage über die hier betrachtete Offenbarungsordnung, keine pauschale Gleichsetzung sämtlicher Religionen.
Heutige Betrachtung. Für die eigene Praxis lässt sich an Garudas Art zu fragen anknüpfen: Welche Erfahrung habe ich selbst geprüft? Welche Behauptung wiederhole ich nur? Welche Form regelmäßiger Übung entspricht meinen tatsächlichen Fähigkeiten? Solche Fragen sind heutige Anregungen zum Studium, keine zusätzlich übersetzten Verse. Sie können Viveka, unterscheidendes Erkennen, und eine beständige Meditation unterstützen. Die Verbindung von sorgfältigem Denken, Hingabe und verantwortlicher Übung macht die Lektüre des Kirana Tantra auch dort fruchtbar, wo seine historische Welt fremd bleibt.
Sammlung in der Wiederholung. Der Ritualteil verbindet sichtbare Handlungen mit inneren Vorstellungen. So ist die Auflösung des Körpers in K2.3–4 eine bewusst vorgestellte Handlung. K2.42 verlangt bei der Mantra-Wiederholung Ruhe, Sammlung und ein weder hastiges noch schleppendes Tempo. Dieser Vers bietet einen gut verständlichen Zugang zur Qualität der Aufmerksamkeit. Die ausführlichen Zuweisungen an Körperstellen, Lautreihen und Gottheiten bleiben dagegen an den besonderen Ritualzusammenhang gebunden. Ihre bloße Erwähnung liefert keine vollständig ausgeschriebenen Mantras.
Die historischen Rituale. Die Kapitel 60–61 verbinden Fürsorge für Verstorbene mit einer besonderen rituellen Theologie der Befreiung. Die Übersetzung bewahrt deren konkrete historische Aussagen, einschließlich gesellschaftlicher Unterschiede und einer Fleischgabe. Diese Kapitel sind als historische Texte aufgenommen. Die zuvor übersetzten philosophischen Lehren und eine heutige persönliche Praxis dürfen nicht mit jeder Einzelvorschrift dieses Ritualbestandes gleichgesetzt werden.
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Anmerkungen und Quellen
Nummerierung und Ergänzungen. Die elektronischen Kennungen des ersten Halbverses von 5.30 und 6.23 sind in G fehlerhaft verkürzt; hier wurden sie anhand ihrer Stellung und der zugehörigen zweiten Halbverse richtig zugeordnet. Die in der kommentierten Eingabe getrennt stehende mittlere Zeile von 3.11 und der Einwand über Karma in 3.12 gehören zum Grundtext und sind enthalten. Die sieben sechsvierteligen Strophen 3.11, 3.27, 4.26, 4.29, 5.9, 5.20 und 6.26 behalten jeweils eine Originalnummer.
Abweichende Fassungen. G und M wurden nicht zu einer vermeintlich einheitlichen Gesamtfassung harmonisiert. Für 1–6 gilt G, für 7–12 M. Die handschriftliche Vergleichsfassung H verteilt in 7.4 Ursache und Werkzeug anders als M (H: PDF-S. 94, handschriftlich S. 93); die Übersetzung folgt M. Auch 9.13 besitzt in H einen abweichenden Wortlaut, und am Ende von Kapitel 9 stehen dort zusätzliche Versviertel (H: PDF-S. 151 und 154). Diese werden nicht unbemerkt ergänzt. Die Körperbeschreibung in 11.2 ist in M gestört; H bietet eine andere Lesung (PDF-S. 164, handschriftlich S. 163). Die vollständigen dokumentierten Vergleichsangaben gehören zum Arbeitsdatensatz.
Einzelne Sinnfragen. In 4.29 bezieht sich das Lehren von Erkenntnis und Handeln auf die Erfahrung. Die Verneinung am Beginn von 5.25 schließt an den Satz in 5.24 an; eine isolierte Lektüre würde die Aussage umkehren. Kapitel 6 unterscheidet Einweihung und weitere geeignete Mittel. Die Frage nach sichtbaren Zeichen in 6.22–25 bleibt ein wirklicher Einwand. Die Lautcodes in 12.10–18 werden als solche übersetzt; die vorliegende Fassung erlaubt keine durchgehend sichere Auflösung in rezitierbare Formeln. In 12.19 ist das Reinsein vor der Mahlzeit gemeint. In 61.19 bleibt die genaue rituelle Orientierung als gewöhnliche beziehungsweise umgekehrte Ausführung benannt, ohne eine nicht gesicherte Drehrichtung hinzuzufügen.
Offene Stellen. Unsichere Lesungen oder Deutungen betreffen folgende Übersetzungen: 7.5, 7.9, 7.16, 8.8, 8.36, 8.39, 8.46, 8.73, 8.74, 8.79, 8.80, 8.91, 8.111, 8.124, 8.139, 9.13, 11.2, 12.9, 12.19, K1.7, K1.9, K1.13, K1.16, K1.17, K1.18, K1.19, K2.5, K2.10, K2.12, K2.14, K2.16, K2.18, K2.20, K2.21, K2.23, K2.27, K2.30, K2.34, K2.36, K2.41, K2.43, K2.49, 60.6, 60.11, 60.14, 61.25, 61.30, 61.33, 61.35, 61.40. Bei den Namen und Zahlen des Weltkapitels bestehen darüber hinaus einzelne Deutungs- und Abgrenzungsfragen. Die Kennzeichnung einer Strophe als vollständig besagt, dass ihr gesamter Wortlautumfang erfasst ist; sie besagt nicht, dass jede Lesung sicher ist. Die Cruxzeichen der kritischen Quelle N sind bewahrt. Besonders der erste Halbvers von 61.40 ist nicht zuverlässig übersetzbar.
Cruxzeichen und Schriftverbindungen. Wo ein Cruxzeichen innerhalb einer zusammengeschriebenen Worteinheit stehen würde, umfasst die Markierung hier die gesamte betreffende Worteinheit. So werden Konsonantenverbindungen und Vokalzeichen bei der Umschrift nicht zerrissen. Dies erweitert lediglich den sichtbaren Markierungsbereich; kein Buchstabe und kein Wort wurde dadurch geändert. Die ursprünglichen Markierungsgrenzen bleiben im Arbeitsdatensatz dokumentiert.
Neue Ritualkapitel. K1–K2 folgen der handschriftlichen Romanisierung H. Sichtbare Korrekturen in K1.4, K2.20 und K2.36 sowie die gestrichene Doppelzeile in K2.11 wurden berücksichtigt. Die neue Zählung des Werkteils und die halben Schlussstrophen sind beibehalten. K2.18 nennt zwei Gegenstände; daraus wurde kein ungesichertes zweimaliges Waschen gemacht. K2.21 wird als Paar Shiva und Shakti verstanden. K2.43 kündigt drei Arten der Wiederholung an, beschreibt die dritte aber nicht eindeutig eigens; eine Ergänzung aus der englischen Erklärung wurde nicht in den Sanskrittext eingesetzt. Die gesprochene Heilswendung in K2.49 bleibt textlich unsicher. Kleinere Formfehler und besonders die offenen Körper- und Lautzuweisungen sind im Arbeitsdatensatz einzeln dokumentiert. Keine unabhängige Druckkollation dieser beiden Kapitel wird behauptet.
Textabdeckung. Weitere Kapitel des Ritualteils sowie die noch nicht aufgenommenen Abschnitte der Lebensführung und des Yogateils sind vorhandenem Quellenmaterial zufolge überliefert, aber hier noch nicht transkribiert und übersetzt. Eine Fortsetzung muss diese Abschnitte zuerst am Sanskrit erschließen. Es wäre unzutreffend, den gegenwärtigen Bearbeitungsstand als vollständige Ausgabe des Kirana Tantra zu bezeichnen.
Erläuterungen zu einzelnen Übersetzungen.
- 7.5. Die Ortsangabe im zweiten Halbvers ist in M gestört.
- 7.9. Die Worte über die individuellen Wesen, Garuda und das Angenommensein durch Shiva lassen sich im ersten Halbvers von M nicht zu einer sicheren Aussage verbinden.
- 7.16. Der fragmentarische Druckbefund bleibt erhalten; die Übersetzung überbrückt die Lücke nicht.
- 8.36. Die Wortform für den Blumenreichtum ist im Druck gestört.
- 8.39. Das Verb des Fortnehmens ist unsicher überliefert.
- 8.46. Die Formulierung der Verdoppelung ist im Druck gestört.
- 8.79. Die erste Verdoppelungsformel ist im Druck gestört.
- 8.80. Die erste Zahlenformulierung ist gestört.
- 8.91. die Form der Zahl ist gegenüber den benachbarten Maßangaben nicht eindeutig
- 8.124. Die Gliederung der zusammengeschriebenen Namensgruppe ist nicht sicher.
- 8.139. Die Druckform für „Paar“ ist gestört.
- 9.13. Der abschließende Vergleich ist in dieser Fassung nicht sicher zu übersetzen.
- 11.2. Die anschließende Körperbeschreibung galāṅga ist in dieser Fassung unklar.
- 12.9. Deren Bezeichnung ist im Druck gestört.
- 12.19. Das Schlusswort paraḥ bleibt in dieser Fassung unklar.
- K1.4. Die Verbalform für das Aufnehmen ist in H auffällig; der Handlungszusammenhang ist verständlich.
- K1.7. Die Handschrift nennt brahmaṇā und Wasser; besonders aṅgenyaṃ und die anschließende Zuordnung bleiben unsicher. PDF-S. 177 erneut am Bild geprüft. Die englische Erklärung löst den Sanskritbefund nicht auf.
- K1.9. Die erste Körperbezeichnung ist unsicher lesbar; „Sinnesöffnungen“ ist eine vorsichtige Deutung.
- K1.13. Die auf den Beginn mit Om bezogene Wendung ist nicht sicher lesbar.
- K1.16. Das zwischen den Handlungen stehende nāgān ist in seinem Zusammenhang ungeklärt.
- K1.17. Die zeitliche Alternative des ersten Halbverses ist sprachlich gestört.
- K1.18. Die nähere Bestimmung des Besprengens ist im Sanskrit gestört.
- K1.19. Die Verknüpfung der ersten Satzhälfte ist sprachlich gestört. Die Anweisung zum Windbad setzt sich in K1.20 fort.
- K2.5. Worauf sich das Dreifache genau bezieht, ist in der knappen Formulierung nicht sicher bestimmt.
- K2.10. Die Wendung bei den Oberschenkeln ist gestört.
- K2.12. Das als gaṅgaṇaṃ erfasste Wort der ersten Zuweisung bleibt ungeklärt. PDF-S. 187 erneut am Bild geprüft. Die englische Erklärung nennt Mātṛkānyāsa; daraus wird keine neue Sanskritlesung gebildet.
- K2.14. Der Ausdruck der Nektarisierung ist grammatisch auffällig. Die Übersetzung folgt dem verständlichen Handlungszusammenhang.
- K2.16. Die Formulierung dieser festen Regel ist im Sanskrit nicht sicher aufzulösen.
- K2.18. Kasus und Satzverbindung sind auffällig. Der Text nennt zwei Gegenstände; daraus folgt keine Vorschrift, zweimal zu waschen.
- K2.20. Der Lotus ist aus dem Zusammenhang mitzuverstehen; der genaue Sanskritausdruck des Abschlusses bleibt auffällig.
- K2.21. Die Zuordnung der abschließenden Begriffe bleibt in dieser gedrängten Beschreibung deutungsbedürftig.
- K2.23. Der syntaktische Anschluss beim Blütenboden bleibt offen.
- K2.27. Der gestörte zweite Halbvers nennt eine mit ma endende Folge, das individuelle Wesen und als Samen vorgestellte Laute. Insbesondere narakaṃ ist nicht sicher aufzulösen. Eine zusätzliche Lautfolge wird nicht rekonstruiert.
- K2.30. Die erste Verbalverbindung und die Art der wiederholten Behandlung sind in H teilweise unklar.
- K2.34. Der Zusatz nach der Darbringung mit dem Herz-Mantra ist im Sanskrit nicht klar.
- K2.36. Die weiteren Samen heißen in H śaṅkākṣa; ihre botanische Identität ist ungesichert.
- K2.41. Die übrige Formulierung des ersten Halbverses ist auffällig.
- K2.43. Die hörbare Wiederholung wird als bhāṣya bezeichnet. Die englische Erläuterung nennt als dritte Art das leise Rezitieren; dies ist keine gesicherte Ergänzung des Sanskritwortlauts.
- K2.49. Die als śivamastvivai erfasste Wendung bleibt unsicher; PDF-S. 201 erneut am Bild geprüft. Die englische Erklärung versteht sie sinngemäß als „Möge dieser Ort heilvoll sein“. Dies wird nicht als gesicherte Sanskritformel ausgegeben.
- 60.6. Die genaue Verknüpfung dieser beiden Angaben ist auslegungsbedürftig.
- 60.14. Die genaue Abfolge der Gefäßhandlung bleibt im Wortlaut unklar.
- 61.25. Die verbindenden Worte „nachdem dies wiederum getan ist“ sind in der Edition als unsicher markiert.
- 61.30. Die anschließende Angabe āvadato ist ungeklärt.
- 61.35. Der Ausdruck navamāsyam und damit die genaue Schlussaussage sind ungeklärt.
- 61.40. Die Frage über das Vollziehen des Shraddha und dessen Frucht lässt sich wegen des verderbten ersten Halbverses nicht zuverlässig zusammenhängend übersetzen.
Umfang dieser Teilausgabe. 549 nummerierte Positionen: 541 vollständige Strophen, sieben Halbstrophen und ein Fragment; hinzu kommen 53 Kapitelbezeichnungen, Sprecherzeilen und Schlussformeln. Bei 50 Positionen bestehen ausdrücklich ausgewiesene Lesungs- oder Deutungsfragen.
| Kapitel | Originalpositionen | Quelle und Seiten | Textbestand |
|---|---|---|---|
| 1 | 1.1–1.23 | G, elektronische Originalkennungen | 23 Vollstrophen |
| 2 | 2.1–2.33 | G, elektronische Originalkennungen | 33 Vollstrophen |
| 3 | 3.1–3.27 | G, elektronische Originalkennungen | 27 Vollstrophen |
| 4 | 4.1–4.29 | G, elektronische Originalkennungen | 29 Vollstrophen |
| 5 | 5.1–5.31 | G, elektronische Originalkennungen | 31 Vollstrophen |
| 6 | 6.1–6.26 | G, elektronische Originalkennungen | 26 Vollstrophen |
| 7 | 7.1–7.28 | M, S. 19–22 | 27 Vollstrophen, 1 Fragment |
| 8 | 8.1–8.141 | M, S. 22–36 | 140 Vollstrophen, 1 Halbstrophe |
| 9 | 9.1–9.18 | M, S. 36–38 | 17 Vollstrophen, 1 Halbstrophe |
| 10 | 10.1–10.31 | M, S. 38–41 | 30 Vollstrophen, 1 Halbstrophe |
| 11 | 11.1–11.10 | M, S. 41–42 | 10 Vollstrophen |
| 12 | 12.1–12.20 | M, S. 42–44 | 19 Vollstrophen, 1 Halbstrophe |
| K1 | K1.1–K1.20½ | H, handschriftlich S. 174–181 | 20 Vollstrophen, 1 Halbstrophe |
| K2 | K2.1–K2.50½ | H, handschriftlich S. 182–198 | 50 Vollstrophen, 1 Halbstrophe |
| 60 | 60.1–60.19 | N, S. 232–235 | 18 Vollstrophen, 1 Halbstrophe |
| 61 | 61.1–61.41 | N, S. 236–242 | 41 Vollstrophen |
G – Kapitel 1–6. Dominic Goodall (Hg.), Bhaṭṭa Rāmakaṇṭha’s Commentary on the Kiraṇatantra. Volume I: Chapters 1–6. Critical Edition and Annotated Translation, Pondicherry 1998, Publications du Département d’Indologie 86.1. Benutzt wurde die vom Herausgeber bereitgestellte elektronische Fassung bei GRETIL, in der Grundtext und Kommentar getrennt erfasst sind. Hier steht nur der identifizierte Kirana-Grundtext. Die elektronische Eingabe trägt einen Hinweis auf fehlende Korrekturlektüre; eine vollständige Kontrolle am gedruckten Editionsbild erfolgte nicht. Die GRETIL-Datei nennt CC BY-NC-SA 4.0; dieser Quellenhinweis wird mitgeführt, ohne damit einen neuen Lizenzstatus sämtlicher hier zusammengestellter Bestandteile zu behaupten.
M – Kapitel 7–12. Kiraṇāgama, Maharishi University of Management Vedic Literature Collection, 44-seitige Devanagari-Datei des Erkenntnisteils, zugänglich über den Sivaagama-Katalog (PDF). Benutzt wurden die Seiten 19–44. Es handelt sich hier nicht um eine mit Variantenapparat ausgewiesene kritische Edition. Die für diese Ausgabe benutzten Seiten wurden am Quellenbild eingesehen; mehrere fehlerhafte oder unsichere Lesungen bleiben markiert.
N – Kapitel 60–61. Nina Mirnig, Liberating the Liberated. Early Śaiva Tantric Death Rites, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ISBN 978-3-7001-8331-0; der Verlagsdatensatz nennt als Erscheinungsjahr 2019. Sanskritedition in Anhang A, A.3.1–A.3.2: Kapitel 60, S. 232–235 (PDF-Seiten 16–19), Kapitel 61, S. 236–242 (PDF-Seiten 20–26). Diese elf Seiten wurden am Bild abgeglichen. Die benutzte nepalesische Handschrift NAK 5–893 / NGMPP A 40/3 bietet die Stellen auf Fol. 94r1–94v5 beziehungsweise 94v5–96v4. Die Devakottai-Druckausgabe zählt sie innerhalb des Yogateils als Kapitel 3 und 4; die Zuordnung beruht auf den Texten und Schlussformeln.
H – Leitquelle für Kriyāpāda 1–2 und ergänzende Vergleichsquelle. Dr. S. P. Sabharathnam, Kirana Agama, handschriftliche romanisierte Sanskritfassung mit englischer Übersetzung, Himalayan Academy, Copyrightvermerk 2006, bereitgestelltes PDF mit 761 Seiten. Die Herausgeberseite beschreibt die Romanisierung als Übertragung aus Grantha. Für die Erweiterung wurden PDF-Seiten 175–202 vollständig am Bild eingesehen: handschriftliche Seiten 174–199, mit zusätzlichen Copyright- und Titelblättern zwischen den fortlaufenden Seiten. K1 endet auf PDF-Seite 182 mit 20 Vollstrophen und einer zusätzlichen Halbstrophe; K2 endet auf PDF-Seite 201 mit 50 Vollstrophen und einer zusätzlichen Halbstrophe, die englische Erläuterung auf Seite 202. Sichtbare Korrekturen der Vorlage wurden berücksichtigt. Die Umschrift ist keine diplomatische Zeichenkopie oder unabhängig kollationierte kritische Edition. Problematische Lesungen sind dokumentiert; englische Erklärungen wurden nicht in Sanskrit zurückübersetzt.
Die Kennungen K1 und K2 unterscheiden die eigene Kapitelzählung des Ritualteils vom Erkenntnisteil. Die halben Schlussverse erscheinen als K1.20½ und K2.50½ entsprechend den Bereichsangaben der Vorlage. Bei Vergleichen mit anderen Editionen darf daraus keine ungeprüfte globale Kapitelnummer abgeleitet werden. Das Gesamt-PDF ist weiterhin nicht vollständig transkribiert. Seine übrigen Kapitel sind unbearbeitet, nicht verloren. Bei Vergleichen mit M werden abweichende Sanskritlesungen von H nicht stillschweigend eingesetzt.
Weitere Zugänge. Der Katalog der Agama Academy bietet eine Grantha-Druckfassung; die heruntergeladene Datei ließ sich teilweise nicht zuverlässig darstellen. Ein Muktabodha-Katalognachweis führte in dieser Bearbeitung nicht zu einem zugänglichen Volltext. Diese Zugänge sind keine Leitquellen des hier wiedergegebenen Wortlauts.
Redaktion und Übersetzung. Die deutsche Übersetzung wurde für diese Zusammenstellung aus dem erfassten Sanskrit erarbeitet. Die Kontrolle verbindet fortlaufende Textlektüre, Prüfung der nummerierten Einheiten und die ausdrücklich genannten Quellenbildabgleiche. Sie ist keine externe Fachbegutachtung. Der gesicherte Umfang der Übertragung ist von der Sicherheit einzelner Lesungen zu unterscheiden. Eine endgültig fehlerfreie kritische Neuedition wird nicht beansprucht.
Weiterführende Artikel und Seminare
- Kirana Tantra 108 Verse für die spirituelle Praxis
- Kirana Tantra Sanskrit Devanagari
- Shaiva Siddhanta, Shiva, Shakti, Agama
- Diksha, Guru, Mantra, Gnade
Die weiterführende Beschäftigung mit Bewusstsein und Befreiung gewinnt durch sorgfältiges Lesen und beständige Praxis. Die folgenden Angebote dienen der heutigen Vertiefung; sie sind keine besonderen Einweihungen in das Kirana Tantra.
Indische Schriften
- 26.12.2026 - 02.01.2027 Indische Rituale Ausbildung
Du interessierst dich für indische Rituale? Du hast die einzigartige Gelegenheit, in dieser Rituale Ausbildung bei Yoga Vidya die kleine Puja, große P…- Sukadev Bretz, Shankari Winkelbauer
- 01.01.2027 - 10.01.2027 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv A1 - Jnana Yoga und Vedanta
Kompakte, vielseitige Weiterbildung für Yogalehrer rund um Jnana Yoga und Vedanta.
Tauche tief ein ins Jnana Yoga und Vedanta, studiere die indischen S…- Vedamurti Dr Olaf Schönert
Meditation
- 18.10.2026 - 23.10.2026 Yoga und Meditation Intensiv-Praxis
Die Kernpraktiken des Yoga werden intensiv geübt: längere Meditation, ausgedehntes Mantra-Singen, Pranayama intensiv und meditative Yoga Asanas beflü…- Dana Oerding, Chamundi Wollweber
- 18.10.2026 - 23.10.2026 Shivalaya Meditationsretreat
Stille – Schweigen – Sein. In der Abgeschiedenheit des Shivalaya Retreatzentrums fühlst du dich dem Himmel ganz nah. Mit intensiver Meditations- un…- Swami Nirgunananda, Rukmini Keilbar
Sanskrit und Devanagari
- 06.01.2027 - 15.12.2027 Jahresgruppe Sanskrit - Lektüre der AMRITA SIDDHI 2 - online
Termine: 16x mittwochs: 06.01., 27.01., 17.02., 10.03., 31.03., 21.04., 12.05., 02.06., 23.06., 14.07., 08.09., 29.09., 20.10., 10.11., 01.12., 15.12.20…- Dr phil Oliver Hahn
- 09.04.2027 - 11.04.2027 Sanskrit Intensivwochenende
Du bist fasziniert vom Klang des Sanskrit und der tiefgehenden Wirkung der Wörter dieser uralten Sprache? Hast bereits Übersetzungen von Mantras oder …- Dr phil Oliver Hahn