Shiva Sankalpa Upanishad

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Die Shiva Sankalpa Upanishad (Sanskrit: शिवसङ्कल्पोपनिषत्, IAST: Śivasaṅkalpopaniṣat) ist eine kurze vedische Upanishad über die Läuterung und Ausrichtung des Geistes. Ihr Kern besteht aus sechs Mantras des 34. Kapitels der Vajasaneyi Samhita des Shukla Yajurveda. Jeder Vers endet mit der Gebetsformel tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu – „Dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.“ Die Shiva Sankalpa Upanishad gehört nicht zu den 108 Haupt-Upanishaden, die im Muktika Kanon erwähnt werden. Für den Aspiranten bietet sie viele Einsichten.

Das Wort śiva bedeutet hier zunächst „heilvoll, günstig, segensreich“. Die Mantras können in späterer shivaitischer Rezeption auch auf Shiva bezogen werden; ihr vedischer Wortsinn ist jedoch weiter. Der Geist erscheint als weit wanderndes Licht, als Grundlage von Erkenntnis und Handlung, als Träger der Veden, als Verbindung der Zeiten und schließlich als guter Wagenlenker des Menschen.

Ein „Shiva-Sankalpa“ ist ein heilsamer, auf Wahrheit und Befreiung ausgerichteter Entschluss des Geistes.

Für die spirituelle Praxis ist der Refrain selbst ein kraftvolles Mantra. Er kann vor der Meditation, vor wichtigen Entscheidungen oder am Beginn des Tages wiederholt werden.

Zur Textgestalt: Die sechs Mantras entsprechen Vajasaneyi-Samhita 34,1–6. Die folgende Fassung gibt den Wortlaut ohne vedische Akzentzeichen wieder, damit er im Yoga Wiki gut lesbar bleibt.

Sanskrit (IAST), Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung

1. Der weit wandernde Geist als Licht der Lichter
yaj jāgrato dūram udaiti daivaṃ tad u suptasya tathaivaiti |
dūraṅgamaṃ jyotiṣāṃ jyotir ekaṃ tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu || 1 ||

Was im Wachzustand als göttliche Kraft weit hinausgeht und ebenso im Schlaf sich bewegt, dieses weit wandernde, eine Licht unter den Lichtern – dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.

Wort-für-Wort-Erläuterung: yat – was, welches; jāgrataḥ – des Wachenden, im Wachen; dūram udaiti – weit hinausgeht; daivam – göttlich, leuchtend; tad u – eben dieses; suptasya – des Schlafenden; tathā eva eti – ebenso geht; dūraṅgamam – weit wandernd; jyotiṣām jyotiḥ – Licht der Lichter; ekam – das eine; tat me manaḥ – dieser mein Geist; śiva-saṅkalpam astu – möge einen heilsamen, segensreichen Entschluss haben.

2. Der Geist, durch den die Weisen handeln
yena karmāṇy apaso manīṣiṇo yajñe kṛṇvanti vidatheṣu dhīrāḥ |
yad apūrvaṃ yakṣam antaḥ prajānāṃ tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu || 2 ||

Durch welchen die tatkräftigen Weisen ihre Handlungen im Opfer und in den heiligen Versammlungen vollziehen, jenes einzigartige, ehrfurchtgebietende Geheimnis im Inneren der Wesen – dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.

Wort-für-Wort-Erläuterung: yena – durch welchen; karmāṇi – Handlungen; apasaḥ – die Tatkräftigen; manīṣiṇaḥ – die Weisen; yajñe – im Opfer; kṛṇvanti – vollbringen; vidatheṣu – in Versammlungen; dhīrāḥ – die Einsichtigen; apūrvam – beispiellos, ursprünglich; yakṣam – wunderbares Geheimnis; antaḥ prajānām – im Inneren der Geschöpfe.

3. Bewusstsein, Denken und tragende Kraft
yat prajñānam uta ceto dhṛtiś ca yaj jyotir antaramṛtaṃ prajāsu |
yasmān na ṛte kiṃ cana karma kriyate tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu || 3 ||

Was Erkenntnis, Denken und Festigkeit ist, was als unsterbliches inneres Licht in den Wesen lebt und ohne welches keinerlei Handlung vollzogen wird – dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.

Wort-für-Wort-Erläuterung: prajñānam – Erkenntnis; cetaḥ – Denken; dhṛtiḥ – Festigkeit; jyotiḥ – Licht; antar-amṛtam – inneres Unsterbliches; prajāsu – in den Geschöpfen; yasmāt na ṛte – ohne welches nicht; kiṃ cana karma – irgendeine Handlung; kriyate – wird vollzogen.

4. Der Geist umfasst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
yenedam bhūtaṃ bhuvanaṃ bhaviṣyat parigṛhītam amṛtena sarvam |
yena yajñas tāyate saptahotā tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu || 4 ||

Durch dessen unsterbliche Kraft alles umfasst ist – das Gewordene, die gegenwärtige Welt und das Zukünftige – und durch welches sich das Opfer mit seinen sieben Opferern entfaltet: dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.

Wort-für-Wort-Erläuterung: yena – durch welches; idam – dieses; bhūtam – Gewordenes, Vergangenes; bhuvanam – Welt; bhaviṣyat – Zukünftiges; parigṛhītam – umfasst; amṛtena – durch das Unsterbliche; yajñaḥ tāyate – das Opfer wird ausgebreitet; sapta-hotā – sieben Opferer/Opferfunktionen.

5. Der Geist als Nabe der Veden
yasminn ṛcaḥ sāma yajūṃṣi yasmin pratiṣṭhitā rathanābhāv ivārāḥ |
yasmiṃś cittaṃ sarvam otaṃ prajānāṃ tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu || 5 ||

In welchem die Rigverse, die Saman-Gesänge und die Yajus-Sprüche gegründet sind wie Speichen in der Nabe eines Rades, in welchem das ganze Denken der Wesen eingewoben ist – dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.

Wort-für-Wort-Erläuterung: yasmin – in welchem; ṛcaḥ – Rigverse; sāma – Saman-Gesänge; yajūṃṣi – Yajus-Sprüche; pratiṣṭhitāḥ – gegründet; ratha-nābhau iva arāḥ – wie Speichen in der Radnabe; cittam – Denken; sarvam – ganz; otam – eingewebt; prajānām – der Geschöpfe.

6. Der Geist als guter Wagenlenker
suṣārathir aśvān iva yan manuṣyān nenīyate ’bhīśubhir vājina iva |
hṛtpratiṣṭhaṃ yad ajiraṃ javiṣṭhaṃ tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu || 6 ||

Wie ein guter Wagenlenker die Pferde mit den Zügeln führt, so lenkt es die Menschen; im Herzen gegründet, unermüdlich und äußerst schnell – dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.

Wort-für-Wort-Erläuterung: su-sārathiḥ – guter Wagenlenker; aśvān iva – wie Pferde; manuṣyān – die Menschen; nenīyate – führt; abhīśubhiḥ – mit Zügeln; hṛt-pratiṣṭham – im Herzen gegründet; ajiram – unermüdlich; javiṣṭham – am schnellsten.

Friedensruf und Kolophon
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||
iti vājasaneyasaṃhitāyāṃ śivasaṅkalpopaniṣat samāptā ||

Om. Frieden, Frieden, Frieden. Damit ist in der Vajasaneyi-Samhita die Shiva Sankalpa Upanishad beendet.

Wort-für-Wort-Erläuterung: oṃ – Om; śāntiḥ – Frieden; vājasaneyi-saṃhitāyām – in der Vajasaneyi-Samhita; samāptā – beendet.


Datierung, Bedeutung, Inhalt und Bedeutung heute

Die sechs Mantras gehören ursprünglich zum Shukla Yajurveda und sind damit erheblich älter als viele der späteren sektarischen Upanishaden. Die Zusammenstellung unter dem Namen Shiva Sankalpa Upanishad ist sekundär; der Text selbst ist jedoch genuin vedisch. Das ist für seine Einordnung wichtig: śiva ist im wiederkehrenden Ausdruck śivasaṅkalpa zunächst ein Adjektiv und bedeutet „heilvoll, günstig, segensreich“.

Inhaltlich entfalten die Mantras eine bemerkenswert konzentrierte Psychologie. Manas, der Geist, reicht im Wachen weit hinaus und ist auch im Schlaf tätig. Er ist Licht, Erkenntnis, Denken und Festigkeit. Keine bewusste Handlung geschieht ohne ihn. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden durch ihn zusammengehalten; die Veden sind in ihm befestigt wie Speichen in einer Radnabe. Im sechsten Mantra erscheint das klassische Bild des Wagenlenkers: Der geschulte Geist führt den Menschen so, wie ein guter Wagenlenker seine Pferde mit den Zügeln führt.

Für Raja Yoga und Vedanta ist diese Sicht unmittelbar anschlussfähig. Meditation bedeutet nicht bloß Gedankenlosigkeit, sondern die Verwandlung der inneren Ausrichtung. Ein saṅkalpa ist eine bewusste Zielsetzung oder Entschlossenheit. Ein śiva-saṅkalpa ist daher ein Entschluss, der mit Dharma, Wahrheit, Mitgefühl und Befreiung übereinstimmt.

Heute kann die Upanishad als tägliche Schulung der geistigen Ausrichtung verstanden werden. Vor einer Handlung kann der Aspirant prüfen: Entspringt dieser Gedanke Angst, Gier oder Ego – oder ist er śiva, heilsam? Auf diese Weise verbindet die Schrift vedische Rezitation mit praktischer Achtsamkeit, Ethik und Meditation.

Vollständiger Text auf Devanagari

यज्जाग्रतो दूरमुदैति दैवं तदु सुप्तस्य तथैवैति । दूरङ्गमं ज्योतिषां ज्योतिरेकं तन्मे मनः शिवसङ्कल्पमस्तु ॥ १॥

येन कर्माण्यपसो मनीषिणो यज्ञे कृण्वन्ति विदथेषु धीराः । यदपूर्वं यक्षमन्तः प्रजानां तन्मे मनः शिवसङ्कल्पमस्तु ॥ २॥

यत्प्रज्ञानमुत चेतो धृतिश्च यज्ज्योतिरन्तरमृतं प्रजासु । यस्मान्नऽऋते किं चन कर्म क्रियते तन्मे मनः शिवसङ्कल्पमस्तु ॥ ३॥

येनेदं भूतं भुवनं भविष्यत्परिगृहीतममृतेन सर्वम् । येन यज्ञस्तायते सप्तहोता तन्मे मनः शिवसङ्कल्पमस्तु ॥ ४॥

यस्मिन्नृचः साम यजूꣳषि यस्मिन् प्रतिष्ठिता रथनाभाविवाराः । यस्मिꣳश्चित्तꣳ सर्वमोतं प्रजानां तन्मे मनः शिवसङ्कल्पमस्तु ॥ ५॥

सुषारथिरश्वानिव यन्मनुष्यान्नेनीयतेऽभीशुभिर्वाजिन इव । हृत्प्रतिष्ठं यदजिरं जविष्ठं तन्मे मनः शिवसङ्कल्पमस्तु ॥ ६॥

ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥ इति वाजसनेयसंहितायां शिवसङ्कल्पोपनिषत् समाप्ता ॥

Vollständiger Text nur in IAST

yaj jāgrato dūram udaiti daivaṃ tad u suptasya tathaivaiti | dūraṅgamaṃ jyotiṣāṃ jyotir ekaṃ tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu || 1 ||

yena karmāṇy apaso manīṣiṇo yajñe kṛṇvanti vidatheṣu dhīrāḥ | yad apūrvaṃ yakṣam antaḥ prajānāṃ tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu || 2 ||

yat prajñānam uta ceto dhṛtiś ca yaj jyotir antaramṛtaṃ prajāsu | yasmān na ṛte kiṃ cana karma kriyate tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu || 3 ||

yenedam bhūtaṃ bhuvanaṃ bhaviṣyat parigṛhītam amṛtena sarvam | yena yajñas tāyate saptahotā tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu || 4 ||

yasminn ṛcaḥ sāma yajūṃṣi yasmin pratiṣṭhitā rathanābhāv ivārāḥ | yasmiṃś cittaṃ sarvam otaṃ prajānāṃ tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu || 5 ||

suṣārathir aśvān iva yan manuṣyān nenīyate ’bhīśubhir vājina iva | hṛtpratiṣṭhaṃ yad ajiraṃ javiṣṭhaṃ tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu || 6 ||

oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ || iti vājasaneyasaṃhitāyāṃ śivasaṅkalpopaniṣat samāptā ||

Vollständige deutsche Übersetzung

Was im Wachzustand als göttliche Kraft weit hinausgeht und ebenso im Schlaf sich bewegt, dieses weit wandernde, eine Licht unter den Lichtern – dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.

Durch welchen die tatkräftigen Weisen ihre Handlungen im Opfer und in den heiligen Versammlungen vollziehen, jenes einzigartige, ehrfurchtgebietende Geheimnis im Inneren der Wesen – dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.

Was Erkenntnis, Denken und Festigkeit ist, was als unsterbliches inneres Licht in den Wesen lebt und ohne welches keinerlei Handlung vollzogen wird – dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.

Durch dessen unsterbliche Kraft alles umfasst ist – das Gewordene, die gegenwärtige Welt und das Zukünftige – und durch welches sich das Opfer mit seinen sieben Opferern entfaltet: dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.

In welchem die Rigverse, die Saman-Gesänge und die Yajus-Sprüche gegründet sind wie Speichen in der Nabe eines Rades, in welchem das ganze Denken der Wesen eingewoben ist – dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.

Wie ein guter Wagenlenker die Pferde mit den Zügeln führt, so lenkt es die Menschen; im Herzen gegründet, unermüdlich und äußerst schnell – dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.

Om. Frieden, Frieden, Frieden. Damit ist in der Vajasaneyi-Samhita die Shiva Sankalpa Upanishad beendet.

3-5 wichtigste Punkte / Empfehlungen aus der Shiva Sankalpa Upanishad für einen ernsthaften spirituellen Aspiranten

  • Wiederhole regelmäßig tan me manaḥ śivasaṅkalpam astu – „Dieser mein Geist sei von heilsamem Entschluss.“
  • Beobachte den weit wandernden Geist, ohne ihm automatisch zu folgen, und richte ihn bewusst auf Brahman, Wahrheit und Mitgefühl aus.
  • Pflege einen klaren Sankalpa für deine spirituelle Praxis; der Entschluss soll heilsam sein, nicht vom Ego getrieben.
  • Erinnere dich an das Bild des guten Wagenlenkers: Sinne und Impulse brauchen Führung durch einen wachen, im Herzen gegründeten Geist.
  • Verbinde Studium, Meditation und Handeln: Erkenntnis wird fruchtbar, wenn der Geist auch im Alltag auf Dharma ausgerichtet bleibt.


Literatur und Quellen

Siehe auch

Ähnliche Upanishaden: Katha Upanishad, Maitrayaniya Upanishad, Nilarudra Upanishad, Ishavasya Upanishad

Weblinks

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