Nagapattinam

Aus Yogawiki

Nagapattinam (Tamil: நாகப்பட்டினம், Nākappaṭṭiṉam; auch Nagai oder historisch Negapatam) ist eine Hafenstadt an der Koromandelküste im Osten des indischen Bundesstaates Tamil Nadu, am Golf von Bengalen gelegen. Sie ist Verwaltungssitz des gleichnamigen Distrikts und liegt im fruchtbaren Mündungsgebiet der Kaveri, einer Landschaft, die seit über tausend Jahren zu den spirituellen Kernregionen Südindiens gehört.

Nagapattinam war ein bedeutender Hafen der Chola-Könige und ein Knotenpunkt des Seehandels mit Südostasien. Die Stadt und ihre Umgebung sind reich an heiligen Stätten: Hier stehen ein alter Shiva-Tempel, der in den Hymnen der tamilischen Heiligen besungen wird, ein Vishnu-Heiligtum aus der Reihe der 108 Divya Desams, die Erinnerung an ein großes buddhistisches Kloster, ein berühmtes Sufi-Heiligtum und eine der bedeutendsten christlichen Wallfahrtskirchen Indiens. So ist Nagapattinam aus Sicht von Yoga und Religion ein eindrucksvolles Beispiel für das Zusammenleben verschiedener spiritueller Wege.

Shiva, in Nagapattinam als Kayarohana verehrt, der Herr, der seinen Verehrer mit dem Körper in die Befreiung erhob.

Nagapattinam auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Name Nagapattinam
Tamil நாகப்பட்டினம் (Nākappaṭṭiṉam)
Lage Koromandelküste, Golf von Bengalen, Tamil Nadu; im Kaveri-Delta
Bedeutung des Namens „Stadt der Nagas“ (Schlangenwesen)
Geschichte Hafen der Chola-Könige; buddhistisches Zentrum; später portugiesische, niederländische und britische Handelsniederlassung
Wichtige Tempel Kayarohanaswami-Tempel (Shiva und Neelayadakshi); Soundararaja-Perumal-Tempel (Vishnu)
Weitere heilige Stätten in der Umgebung Sikkal (Murugan), Tirukkannapuram (Vishnu), Nagore (Sufi-Dargah), Velankanni (christliche Wallfahrtskirche), Vedaranyam
Besonderheit Ort des Zusammenlebens von Hindus, Muslimen, Christen und einst Buddhisten

Name und Bedeutung

Der Name setzt sich aus Naga und Pattinam zusammen. Naga bezeichnet die Schlangenwesen der indischen Überlieferung, Pattinam bedeutet im Tamil „Stadt“, besonders eine Hafenstadt. Nagapattinam ist also die „Stadt der Nagas“. Die Tempellegende erzählt, dass Adishesha, die kosmische Schlange, auf der Vishnu ruht, hier Shiva verehrt habe. Andere Deutungen verbinden den Namen mit einem alten Volk der Nagas, das an dieser Küste gelebt haben soll.

In der tamilischen Literatur heißt der Ort auch Nagai und in den Tevaram-Hymnen Nagaikkaronam, nach dem Namen seines Shiva-Tempels. Die Europäer schrieben den Namen als Negapatam.

Geschichte

Hafen der Chola-Könige

Nagapattinam gehört zu den alten Häfen der tamilischen Küste. Seine große Blütezeit erlebte es unter der Chola-Dynastie vom 9. bis 13. Jahrhundert. Von hier aus segelten Kaufleute und Flotten nach Sri Lanka, Myanmar, Malaysia und Indonesien. Mit den Waren wanderten auch Religion, Kunst und Philosophie über das Meer, und Nagapattinam wurde zu einem Tor zwischen Südindien und Südostasien.

Ein buddhistisches Zentrum

Nagapattinam war über Jahrhunderte ein wichtiger Ort des Buddhismus in Südindien. Anfang des 11. Jahrhunderts ließ ein König des südostasiatischen Srivijaya-Reiches mit Erlaubnis des Chola-Königs Rajaraja I. hier das Chudamani-Vihara errichten, ein großes buddhistisches Kloster für Pilger und Mönche aus Übersee. Die Chola-Könige, selbst Verehrer Shivas, förderten das Kloster, ein schönes Zeugnis religiöser Toleranz.

Bei Ausgrabungen wurden in Nagapattinam Hunderte von Buddha-Figuren aus Bronze gefunden. Diese sogenannten Nagapattinam-Bronzen gehören heute zu den bedeutenden Zeugnissen buddhistischer Kunst in Südindien.

Europäische Handelsmächte

Im 16. Jahrhundert ließen sich die Portugiesen in Nagapattinam nieder. 1660 übernahmen die Niederländer die Stadt und machten sie zeitweise zum Hauptsitz ihrer Besitzungen an der Koromandelküste. 1781 eroberten die Briten Nagapattinam. Aus dieser Zeit stammen Kirchen, Festungsreste und Friedhöfe, die bis heute an die koloniale Vergangenheit erinnern.

Der Tsunami von 2004

Am 26. Dezember 2004 traf der große Tsunami im Indischen Ozean die Küste von Nagapattinam mit voller Wucht. Der Distrikt Nagapattinam war die am schwersten betroffene Region Indiens; mehrere Tausend Menschen kamen ums Leben, viele Fischerdörfer wurden zerstört. Der Wiederaufbau wurde von vielen Menschen und Organisationen aus aller Welt unterstützt, darunter auch spirituelle und religiöse Gemeinschaften aller Traditionen.

Nagapattinam aus Sicht des Hinduismus

Der Kayarohanaswami-Tempel

Das wichtigste hinduistische Heiligtum der Stadt ist der Kayarohanaswami-Tempel, der Shiva als Kayarohana geweiht ist. Der Name setzt sich aus Kaya (Körper) und Arohana (Erheben, Aufsteigen) zusammen. Nach der Legende erhob Shiva hier seinen Verehrer, den Weisen Pundarika, mitsamt seinem Körper in die Befreiung. Deshalb gilt der Tempel als Ort, an dem Menschen um Moksha, die Befreiung, beten.

Die Göttin des Tempels heißt Neelayadakshi, „die Blauäugige“. Sie ist so bedeutend, dass der Tempel im Volksmund meist nach ihr benannt wird. Der Tempel wird zu den Shakti-Stätten gezählt, den heiligen Orten der göttlichen Mutter.

Der Tempel gehört zu den 275 Paadal Petra Sthalams, den Shiva-Heiligtümern, die in den Hymnen des Tevaram besungen werden. Alle drei großen Tevaram-Dichter, Appar, Sambandar und Sundarar, haben den Herrn von Nagaikkaronam gepriesen. Der Tempel geht auf das 6. Jahrhundert zurück und wurde von Pallava-, Chola- und Vijayanagara-Herrschern erneuert. Er wird mit der Lakulisha-Pashupata-Tradition in Verbindung gebracht, einer alten Schule des Shivaismus, die aus Gujarat stammt.

Der tanzende Herr: Sundaravidangar

Der Kayarohanaswami-Tempel ist einer der sieben Saptavidanga-Tempel. In diesen sieben Heiligtümern wird Shiva als Tyagaraja verehrt, und jede Gestalt tanzt in einer eigenen Weise. In Nagapattinam heißt er Sundaravidangar, und sein Tanz wird mit den Wellen des Meeres verglichen, ein schönes Bild für eine Stadt am Ozean. Die Figur des Tyagaraja ist hier aus Lapislazuli gefertigt.

Zu den sieben Saptavidanga-Tempeln gehört auch der Vedaranyeswarar-Tempel im nahen Vedaranyam, wo Shiva im Gang eines Schwans tanzt.

Nataraja, der tanzende Shiva: In Nagapattinam wird sein Tanz mit den Wellen des Meeres verglichen.

Der Soundararaja-Perumal-Tempel

Nur wenige Schritte entfernt steht der Soundararaja-Perumal-Tempel, der Vishnu als Soundararaja, den „König der Schönheit“, verehrt. Er gehört zu den 108 Divya Desams des Srivaishnavismus, den heiligen Vishnu-Orten, die in den Hymnen der Alvars besungen werden. Nach der Überlieferung erschien Vishnu hier unter anderen dem jungen Markandeya, dem Knaben Dhruva und der Erdgöttin Bhudevi. Das große Tempelwagenfest im Frühjahr ist das wichtigste Fest des Tempels.

Dass ein Shiva- und ein Vishnu-Tempel so nahe beieinander stehen, ist in Südindien häufig und zeigt, wie selbstverständlich die großen Traditionen des Hinduismus nebeneinander leben.

Ein Fischer unter den 63 Heiligen

Nagapattinam ist auch die Heimat eines der 63 Nayanmars, der tamilischen Shiva-Heiligen: Adipattha Nayanar war ein Fischer. Nach der Legende gab er jeden Tag den ersten Fisch seines Fangs zurück ins Meer, als Opfergabe für Shiva, selbst in Zeiten großer Not, in denen er nur einen einzigen Fisch fing. Eines Tages fing er einen goldenen Fisch von unermesslichem Wert und gab auch ihn ohne Zögern zurück. Da erschien ihm Shiva und segnete ihn.

Die Geschichte zeigt, dass Hingabe nicht an Stand oder Bildung gebunden ist. Ein einfacher Fischer wird zum Heiligen, weil er das Erste und Beste Gott darbringt.

Heilige Orte in der Umgebung

Die Region um Nagapattinam ist außergewöhnlich reich an heiligen Stätten verschiedener Religionen:

  • Sikkal: Der Singaravelar-Tempel ist Murugan geweiht. Hier soll Murugan von seiner Mutter Parvati den heiligen Speer (Vel) empfangen haben, mit dem er den Dämon Surapadma besiegte. Beim Skanda-Shashti-Fest soll die Figur Murugans in diesem Augenblick zu schwitzen beginnen.
  • Tirukkannapuram: Der Neelamegha- oder Sowriraja-Perumal-Tempel ist ein weiterer Divya Desam des Srivaishnavismus.
  • Nagore: Das Grabheiligtum (Dargah) des Sufi-Heiligen Shahul Hamid aus dem 16. Jahrhundert wird von Muslimen und Hindus gleichermaßen besucht.
  • Velankanni: Die Basilika Unserer Lieben Frau von der Gesundheit ist eine der größten christlichen Wallfahrtsstätten Indiens und zieht Pilger aller Religionen an.
  • Vedaranyam: Ein bedeutender Shiva-Tempel und Geburtsort des tamilischen Mystikers Thayumanavar. 1930 war Vedaranyam zudem Schauplatz des Salzmarsches im Süden Indiens, der parallel zu Gandhis berühmtem Salzmarsch stattfand.
  • Tirukkadaiyur: Der Tempel von Amritaghateswarar und Abhirami, der Ort des Sieges über den Tod, gehörte bis zur Neugliederung der Distrikte ebenfalls zum Distrikt Nagapattinam.

Nagapattinam aus Sicht des Yoga

Einheit in der Vielfalt

Auf engem Raum finden sich in Nagapattinam Tempel für Shiva, Vishnu, die göttliche Mutter und Murugan, die Erinnerung an ein buddhistisches Kloster, ein Sufi-Heiligtum und eine große Marienkirche. Viele Pilger besuchen mehrere dieser Orte, und nicht selten beten Hindus in Nagore und Velankanni.

Dies entspricht einem zentralen Gedanken der Yoga-Tradition, wie ihn Swami Sivananda gelehrt hat: Die Wahrheit ist eine, die Weisen nennen sie mit verschiedenen Namen. Swami Sivananda betonte immer wieder die Einheit der Religionen und die Achtung vor allen spirituellen Wegen. Sein bekannter Leitsatz fasst die Essenz aller Religionen zusammen: „Sei gut, tu Gutes, sei freundlich, sei mitfühlend.“

Der Tanz der Wellen

Das Bild des Shiva, der wie die Wellen des Meeres tanzt, lädt zu einer schönen Betrachtung ein. Die Wellen steigen auf und sinken zurück, und doch sind sie alle Ausdruck des einen Ozeans. So sind auch die Erscheinungen der Welt und die Bewegungen des eigenen Geistes Ausdruck der einen göttlichen Wirklichkeit. Im Vedanta ist das Bild von Welle und Ozean ein bekanntes Gleichnis für das Verhältnis von individueller Seele und Brahman.

Vergänglichkeit und Mitgefühl

Die Erfahrung des Tsunamis von 2004 erinnert an die Vergänglichkeit alles Irdischen, eine Einsicht, die auch im Yoga als Anitya betrachtet wird. Zugleich zeigte sich nach der Katastrophe eine große Welle der Hilfsbereitschaft über alle Grenzen von Religion und Herkunft hinweg. Aus Sicht des Karma Yoga ist dieser selbstlose Dienst, Seva, eine der schönsten Formen, das Göttliche im anderen Menschen zu ehren.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Meditation am Meer: Setze dich in Gedanken an einen Strand wie den von Nagapattinam. Beobachte in einer Meditation die Wellen, die kommen und gehen. Lass so auch deine Gedanken kommen und gehen und spüre die Ruhe des Ozeans, die unter allen Wellen bleibt.
  • Das Erste für Gott: Nimm dir ein Beispiel an dem Fischer Adipattha. Widme den ersten Augenblick des Tages, den ersten Bissen einer Mahlzeit oder das Beste deiner Arbeit bewusst dem Göttlichen.
  • Offenheit für alle Wege: Besuche einmal bewusst einen heiligen Ort einer anderen Tradition und begegne ihm mit Achtung und offenem Herzen. So kann die Haltung der Einheit in der Vielfalt, die in Nagapattinam lebendig ist, auch im eigenen Yoga wachsen.
Hingabe und innere Sammlung lassen das Herz weit werden.

Häufige Fragen zu Nagapattinam

Wo liegt Nagapattinam?
Nagapattinam liegt an der Koromandelküste im Osten des indischen Bundesstaates Tamil Nadu, am Golf von Bengalen, im Delta des Flusses Kaveri.

Welche Tempel gibt es in Nagapattinam?
Die wichtigsten sind der Kayarohanaswami-Tempel für Shiva und die Göttin Neelayadakshi sowie der Soundararaja-Perumal-Tempel für Vishnu. In der Umgebung liegen unter anderem die Tempel von Sikkal, Tirukkannapuram und Tirukkadaiyur.

Warum ist Nagapattinam für verschiedene Religionen wichtig?
Neben den Hindu-Tempeln gab es hier ein großes buddhistisches Kloster; in der Nähe liegen das Sufi-Heiligtum von Nagore und die christliche Wallfahrtskirche von Velankanni. Die Region ist ein Beispiel für das Miteinander der Religionen.

Was bedeutet Kayarohana?
Kayarohana bedeutet „der den Körper erhebt“. Nach der Legende erhob Shiva hier seinen Verehrer Pundarika mitsamt dem Körper in die Befreiung.

Videos zur Vertiefung

Diese Videos von Yoga Vidya laden dazu ein, die angesprochenen Themen durch eigene Praxis zu vertiefen.

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Siehe auch

Quellen und Literatur

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