Kirana Tantra

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Kirana Tantra (Sanskrit: Kiraṇatantra, किरणतन्त्र) ist eine tantrische Schrift des Shaiva Siddhanta. Im Gespräch zwischen Shiva und Garuda geht es um eine Frage, die bis in die persönliche Suche hineinreicht: Wie kann ein Wesen, dessen Natur Bewusstsein ist, gebunden sein – und wie wird es frei? Das Kirana Tantra verbindet diese Untersuchung mit der Kraft göttlicher Gnade, der Bedeutung eines Guru und einer Praxis, die den Fähigkeiten des einzelnen Menschen entspricht.

Wer Yoga und Meditation vertiefen möchte, findet hier einen anspruchsvollen Gesprächspartner. Garuda fragt nach, prüft Widersprüche und verlangt Erklärungen. Besonders anregend sind die Unterscheidung zwischen Bewusstsein und seiner Verhüllung, die Würdigung verkörperter Erfahrung und die Erklärung, dass Shivas „Leerheit“ keine Nichtexistenz bedeutet. Der Titel lässt sich als „Tantra des Strahls“ verstehen; das Werk selbst beschreibt seine Lehre als erhellend.

Diese Seite ist eine Teilausgabe: Sie enthält die Kapitel 1–12 des Erkenntnisteils, die Kapitel 1–2 des Ritualteils (Kennungen K1–K2) sowie die gesondert erschlossenen Kapitel 60–61 über Toten- und Ahnenrituale. Die übrigen Kapitel sind noch nicht transkribiert. Unsichere Lesungen und Deutungen sind kenntlich gemacht; Angaben zum Textbestand und zu den Quellen stehen am Ende.

Zum vertiefenden Lesen gehören der Sanskrittext in Devanagari und die Auswahl für die spirituelle Praxis mit dem anschließenden Abschnitt über belegte Rezitationen.

Shiva als Gegenstand der Verehrung. Allgemeine Darstellung aus dem Yoga-Vidya-Wiki.

Hintergrund und Lehre

Werkname und Überlieferung. Kirana Tantra, Kiranagama und Kirana Mahatantra bezeichnen in den hier benutzten Quellen dasselbe Werk. In den Schlussformeln nennt es sich ein großes Tantra namens Kirana. Es gehört zur śivaitischen Agama-Überlieferung. Ein historischer Einzelverfasser ist nicht gesichert; innerhalb der Schrift spricht Shiva als Offenbarer. Das Kirana Tantra ist kein Werk Abhinavaguptas und keine Zusammenfassung seines Tantraloka.

Die Schrift gehört zu den frühen Texten des Shaiva Siddhanta. Eine von Nina Mirnig benutzte nepalesische Handschrift ist auf 924 n. Chr. datiert; dieses Datum bezeichnet die Abschrift, nicht die Entstehung des Werkes. Der Verlagsbeschreibung von Mirnigs Untersuchung zufolge gehört das Kirana zu den dort bearbeiteten tantrischen Schriften aus der Zeit vor dem 9. Jahrhundert. Eine genauere Entstehungszeit lässt sich aus den hier eingesehenen Quellen nicht verlässlich festlegen. Für die ersten sechs Kapitel ist zudem der Kommentar Bhaṭṭa Rāmakaṇṭhas wichtig, den Dominic Goodall kritisch herausgegeben hat.

Ein Dialog, der Einwände zulässt. Garuda, auch Tarkshya genannt, begegnet Shiva zu Beginn auf dem Kailasa. Auf den mythologischen Lobpreis folgt die Bitte um befreiende Erkenntnis. Dann wechseln Fragen, Einwände, Vergleiche und Antworten. Nicht jeder Satz in diesem Gespräch ist eine abschließende Lehraussage: Manche Sätze formulieren gerade die Position, die Shiva anschließend untersucht oder zurückweist.

Orientierung im aufgenommenen Text. Kapitel 1 führt in Seele, Bindung und Herrn ein. Kapitel 2 untersucht die Unreinheit, Kapitel 3 Karma und Shivas Wirken, Kapitel 4 die Vermittlung durch Ananta und die Entfaltung der Maya. Kapitel 5 behandelt das Herabkommen der Kraft, Kapitel 6 Einweihung, unterschiedliche Fähigkeiten und das Fortbestehen des Körpers. Kapitel 7 fragt nach der Wirkungsweise der Mantras; Kapitel 8 entfaltet eine umfangreiche Weltordnung. Kapitel 9 untersucht das Shiva-Prinzip und seine Leerheit, Kapitel 10 die Übermittlung der Tantras, Kapitel 11 die Lautmutter und Kapitel 12 die rituelle Anordnung und Gewinnung von Mantras. Der Ritualteil beginnt eine eigene Kapitelzählung: K1 behandelt fünf Formen des rituellen Badens, K2 die Verehrung am Linga oder auf einer hergerichteten Opferfläche. Zu K2 gehören die innere Vergegenwärtigung des Körpers, Mantra-Zuweisungen, Gaben und die Wiederholung mit einer Gebetskette. Die getrennt folgenden Kapitel 60–61 behandeln Bestattung und Ahnenverehrung.

Die handschriftliche Gesamtfassung gliedert das Werk in vier Teile: Erkenntnis, Ritual, Lebensführung und Yoga. Ihre Schlussangabe nennt zwölf, achtzehn, siebenundzwanzig und sieben Kapitel. Diese Angabe beschreibt den Gesamtaufbau der betreffenden Fassung; sie ersetzt keine hier noch ausstehende Textbearbeitung der übrigen Kapitel.

Sanskrit und deutsche Übersetzung

Die Kapitel- und Verszahlen folgen der jeweiligen Leitquelle. Vollständige Strophen können auch aus sechs statt vier Versvierteln bestehen; sie behalten ihre eine Originalnummer. Eckige Klammern in der Übersetzung kennzeichnen notwendige Ergänzungen oder ausdrücklich offene Stellen. †…† markiert einen problematischen Sanskritwortlaut, […] eine Textlücke. Ein begonnener Satz kann sich über die nächste Strophe fortsetzen. Strophe 7.16 ist fragmentarisch; 8.141, 9.18, 10.31, 12.20 und 60.19 sind Halbstrophen. Die Sprecher- und Schlusszeilen werden dort wiedergegeben, wo sie in der benutzten Textgrundlage vorhanden sind. K1 und K2 bezeichnen die eigene Zählung im Ritualteil. K1.20½ und K2.50½ sind je eine zusätzliche abschließende Halbstrophe. K1.3, K1.15, K2.7, K2.28 und K2.39 werden auch dann als vollständige Strophen zusammengeführt, wenn der Quelltext durch Seitenwechsel oder englische Erklärungen unterbrochen ist. Kurze Hinweise auf unklare Aussagen stehen unmittelbar in der Übersetzung. Ausführlichere Erläuterungen zu Lesungen und Sprachformen sind unter „Anmerkungen und Quellen“ nach Versnummer geordnet.

Kapitel 1: Seele, Bindung und Herr

Shiva und Parvati. Der Eingangsdialog nennt Shiva an der Seite Umas; das Bild ist eine ergänzende Darstellung.

1.1

kailāsaśikharāsīnaṃ somaṃ somārdhaśekharam
haraṃ dṛṣṭvābravīttārkṣyaḥ stutipūrvamidaṃ vacaḥ

Übersetzung: Als Tarkshya, Garuda, Hara auf dem Gipfel des Kailasa sitzen sah, an der Seite Umas und mit der Mondsichel als Scheitelzier, richtete er nach einem Lobpreis diese Worte an ihn.

1.2

jayāndhakapṛthuskandhabandhabhedavicakṣaṇa
jaya pravaravīreśasaṃruddhapuradāhaka

Übersetzung: Sieg dir, der du die Verbindung von Andhakas mächtigen Schultern geschickt zerreißt! Sieg dir, der du die von hervorragenden, mit Segensgaben ausgestatteten Heldenherrschern besetzte Stadt verbrennst!

1.3

jayākhilasureśānaśiraśchedabhayānaka
jaya prathitasāmarthyamanmathasthitināśana

Übersetzung: Sieg dir, Furchtbarer, der du dem Herrn sämtlicher Götter das Haupt abschlägst! Sieg dir, der du den Bestand des Liebesgottes mit seiner weithin bekannten Macht vernichtest!

1.4

jayācyutatanudhvaṃsakālakūṭabalāpaha
jayāvartamahāṭopasaridvegavidhāraṇa

Übersetzung: Sieg dir, der du dem Kalakuta-Gift, das Achyutas Leib zerstört, seine Kraft nimmst! Sieg dir, der du die Gewalt des Flusses mit seinen Wirbeln und seinem gewaltigen Brausen zurückhältst!

1.5

jaya dāruvanodyānamunipatnīvimohaka
jaya nṛttamahārambhakrīḍāvikṣobhadāruṇa

Übersetzung: Sieg dir, der du die Frauen der Weisen im Hain des Zedernwaldes bezauberst! Sieg dir, Furchtbarer durch die Erschütterung, die dein machtvoll einsetzendes Tanzspiel hervorruft!

1.6

jayograrūpasaṃrambhatrāsitatridaśāsura
jaya krūrajanendrāsyadarśitāsṛksunirjhara

Übersetzung: Sieg dir, der du durch das Ungestüm deiner schrecklichen Gestalt Götter und Asuras in Angst versetzt! Sieg dir, der du aus den Mündern des Herrschers der grausamen Wesen mächtige Blutströme hervortreten lässt!

1.7

jaya vīraparispandadakṣayajñavināśana
jayādbhutamahāliṅgasaṃsthānabalagarvita

Übersetzung: Sieg dir, der du durch das Handeln des Helden Dakshas Opfer vernichtest! Sieg dir, der du stolz bist auf die Macht deiner Erscheinung als wundersames, gewaltiges Linga!

1.8

jaya śvetanimittogramṛtyudehanipātana
jayāśeṣasukhāvāsakāmamohitaśailaja

Übersetzung: Sieg dir, der du um Shvetas willen den Leib des furchtbaren Todes niederstreckst! Sieg dir, der du die Tochter des Berges durch Liebe, die Wohnstatt aller Freude, bezauberst!

1.9

jayopamanyusantāpamohajālatamohara
jaya pātālamūlordhvalokālokapradāhaka

Übersetzung: Sieg dir, der du Upamanyus Bedrängnis und die Finsternis seines Netzes der Verblendung vertreibst! Sieg dir, der du die irdischen und überirdischen Welten, vom Grund der Unterwelt bis nach oben, verbrennst!

1.10

bhaktasya mama bhītasya śivajñānaṃ paraṃ vada
yadavāpya narāḥ sarve muktimāyānti kevalām

Übersetzung: Lehre mich, deinen ergebenen und furchtsamen Verehrer, die höchste Erkenntnis Shivas. Wenn die Menschen sie erlangen, gelangen sie alle zur uneingeschränkten Befreiung.

1.11

evamukto haraḥ prāha visphuraccandraśekharaḥ
bhadrametattvayā pṛṣṭaṃ śṛṇu jñānaṃ mahodayam

Übersetzung: So angesprochen, erwiderte Hara, dessen Mondsichel auf dem Scheitel erstrahlte: „Gut ist, wonach du gefragt hast. Höre die Erkenntnis, aus der großes Heil erwächst:

1.12

kiraṇākhyaṃ mahātantraṃ parāmṛtasukhapradam
sarvānugrāhakaṃ śubhraṃ padārthoddyotakaṃ sphuṭam

Übersetzung: Das große Tantra namens Kirana schenkt die Freude des höchsten Unsterblichen. Es erweist allen Gnade, ist rein und lässt die Gegenstände der Lehre deutlich aufleuchten.

1.13

paśupāśapatijñānavicārapratipādakam
kriyācaryāsamopetaṃ yogabhūtibharāvaham

Übersetzung: Es legt die Untersuchung der Erkenntnis von gebundener Seele, Bindung und Herrn dar. Es umfasst Ritual und Lebensführung und bringt die Fülle yogischer Vollkommenheiten mit sich.“

1.14

yadyevaṃ sa paśustāvatkīdṛśo badhyate katham
mucyate kathamākhyāhi saṃdehavinivṛttaye

Übersetzung: „Wenn es sich so verhält: Wie ist zunächst jene gebundene Seele beschaffen? Wie wird sie gebunden, und wie wird sie befreit? Erkläre es, damit der Zweifel verschwindet.“

1.15

paśurnityo hyamūrto 'jño niṣkriyo nirguṇo 'prabhuḥ
vyāpī māyodarāntastho bhogopāyavicintakaḥ

Übersetzung: „Die gebundene Seele ist ewig, körperlos, ohne Erkenntnis und Tätigkeit, ohne die Qualitäten der Urnatur und ohne eigene Herrschaftsmacht. Sie ist allgegenwärtig, befindet sich im Inneren der Maya und erwägt Mittel zum Erfahren.

1.16

tasyāśuddhasya sambandhaṃ samāyāti śivātkalā
tayodbalitacaitanyo vidyākhyāpitagocaraḥ

Übersetzung: Mit dieser unreinen Seele verbindet sich, von Shiva ausgehend, Kalā, die begrenzte Handlungsfähigkeit. Durch sie wird ihr Bewusstsein gestärkt; Vidya, die begrenzte Erkenntnisfähigkeit, erschließt ihr die Gegenstände.

1.17

rāgeṇa rañjitaścāpi pradhānaṃ ca guṇātmanā
buddhyādikaraṇānīkasambandhādbadhyate paśuḥ

Übersetzung: Vom Verlangen gefärbt, wird die Seele durch die Verbindung mit der Urnatur in Gestalt ihrer Qualitäten und mit der Schar der Werkzeuge, beginnend mit der unterscheidenden Erkenntnis, gebunden.

1.18

tato niyatisaṃśleṣāt svārjite 'pi niyamyate
kālena kālasaṃkhyānakāryabhogavimohitaḥ

Übersetzung: Durch die Verbindung mit Niyati, der festlegenden Ordnung, wird sie auch hinsichtlich des selbst Erworbenen beschränkt. Durch die Zeit wird sie in das Erleben der Wirkungen verstrickt, die nach Zeitabschnitten bemessen sind.

1.19

evaṃ tattvakalābaddhaḥ kiñcijjño dehasaṃyutaḥ
māyābhogapariṣvaktas tanmayaḥ sahajāvṛtaḥ

Übersetzung: So durch die Wirklichkeitsprinzipien und ihre Kräfte gebunden, weiß sie nur wenig und ist mit einem Körper verbunden. Vom Erleben der Maya umschlungen, geht sie darin auf und bleibt von der angeborenen Unreinheit verhüllt.

1.20

tataḥ sukhādikaṃ kṛtsnaṃ bhogaṃ bhuṅkte svakarmataḥ
same karmaṇi sañjāte kālāntaravaśāttataḥ

Übersetzung: Darauf erfährt sie entsprechend ihrem eigenen Karma das gesamte Erleben von Freude und anderem. Wenn im Verlauf der Zeit das Karma ins Gleichgewicht gekommen ist,

1.21

tīvraśaktinipātena guruṇā dīkṣito yadā
sarvajñaḥ sa śivo yadvat kiñcijjñatvavivarjitaḥ

Übersetzung: und sie durch ein starkes Herabkommen der göttlichen Kraft von einem Guru eingeweiht wird, ist sie allwissend wie Shiva und frei von begrenztem Wissen.

1.22

śivatvavyaktisampūrṇaḥ saṃsārī na punastadā
evaṃ kramādvibaddhaḥ san mucyate kramayogataḥ

Übersetzung: Die Offenbarung ihres Shiva-Seins ist vollständig; dann ist sie nicht mehr dem Kreislauf der Wiedergeburten unterworfen. Wie sie der Reihe nach gebunden wurde, so wird sie in entsprechender Folge befreit.

1.23

kevalaḥ sakalaḥ śuddhas tryavasthaḥ puruṣaḥ smṛtaḥ
paśurevaṃvidhaḥ proktaḥ kimanyatparipṛcchasi

Übersetzung: Für die Seele werden drei Zustände gelehrt: isoliert, mit den begrenzenden Bestandteilen versehen und rein. So wurde die gebundene Seele beschrieben. Was möchtest du noch erfragen?“

Kapitel 2: Unreinheit und Bewusstsein

2.1

yo 'sāvātmā tvayā proktaḥ kiṃcijjñaḥ sarvavicchivaḥ
nimittamanayorbrūhi śuddhāśuddhasvarūpayoḥ

Übersetzung: „Du hast die Seele als begrenzt wissend und Shiva als allwissend beschrieben. Nenne den Grund für die reine und die unreine Beschaffenheit dieser beiden.“

2.2

anādimalasambandhāt kiñcijjño 'sau mayoditaḥ
anādimalamuktatvāt sarvajño 'sau tataḥ śivaḥ

Übersetzung: „Wegen ihrer anfangslosen Verbindung mit der Unreinheit habe ich die Seele als begrenzt wissend bezeichnet. Shiva dagegen ist allwissend, weil er seit anfangsloser Zeit frei von Unreinheit ist.

2.3

ādimattvaṃ yadā siddhaṃ nimittaṃ kalpyate tadā
īdṛgrūpaṃ smṛtaṃ tābhyāṃ śuddhāśuddhaṃ yathārthataḥ

Übersetzung: Erst wenn ein zeitlicher Anfang feststeht, wird eine Ursache angesetzt. Reinheit und Unreinheit werden bei diesen beiden als ihre jeweilige wirkliche Beschaffenheit gelehrt.

2.4

viśuddhaḥ sphaṭikaḥ kasmāt kasmāttāmraṃ sakālikam
yathāsminna nimittaṃ hi tathā naiva śivātmanoḥ

Übersetzung: Warum ist der Kristall rein, warum besitzt Kupfer eine dunkle Anhaftung? Wie dafür keine Ursache angegeben wird, so auch nicht für die unterschiedliche Beschaffenheit Shivas und der Seele.“

2.5

kiṃnimittaṃ punarbaddho bandhenātmā kalādinā
sa māyāntargataḥ prokto vyāpakaśca tvayā vibho

Übersetzung: „Aus welchem Grund wird die Seele dann erneut durch die Bindung mit Kalā und den übrigen Prinzipien gebunden? Du hast sie als im Inneren der Maya befindlich und zugleich als allgegenwärtig beschrieben, Allmächtiger.

2.6

vyāpakatvātsa sarvatra sthito māyodare katham
parasparaviruddhatvāt kathametadbhaviṣyati

Übersetzung: Wenn sie aufgrund ihrer Allgegenwart überall ist, wie befindet sie sich im Inneren der Maya? Wie kann das zusammengehen, da sich beides widerspricht?“

2.7

muktyarthaṃ sa paśurbaddho nānyathā sāsya jāyate
yāvaccharīrasaṃśleṣo na sañjāto na bhogabhuk

Übersetzung: „Die Seele wird um der Befreiung willen gebunden; anders entsteht diese für sie nicht. Solange die Verbindung mit einem Körper nicht zustande gekommen ist, macht sie keine Erfahrungen.

2.8

māyeyaṃ tadvapustasya tadabhāvānna nirvṛtiḥ
tena tenāsvatantratvān malino malinīkṛtaḥ

Übersetzung: Diese Maya bildet ihren Leib; ohne ihn gibt es keine Befreiung. Durch die verschiedenen Abhängigkeiten wird die schon unreine Seele weiter mit Unreinheit verbunden.

2.9

yathā vastraṃ sadoṣatvān malāntaḥsthaṃ viśuddhyati
aśuddhaḥ pudgalo 'pyevaṃ māyodaragato 'pi san

Übersetzung: Wie ein verunreinigtes Gewand, von reinigendem Stoff umgeben, sauber wird, so verhält es sich auch mit der unreinen Seele, obwohl sie sich im Inneren der Maya befindet.

2.10

māyodaraṃ hi yatproktaṃ kalādyavanilakṣitam
tasminyaśca layaḥ proktaḥ sūkṣmadehavivakṣayā

Übersetzung: Was als Inneres der Maya bezeichnet wurde, ist durch die Prinzipien von Kalā bis zur Erde bestimmt. Wenn von einem Aufgehen darin gesprochen wurde, war der feine Körper gemeint.“

2.11

tvayānādirmalaḥ prokto māyeyo 'syātmano 'pi vā
guṇastadvyatirikto vā malo brūhi kimātmakaḥ

Übersetzung: „Du hast die Unreinheit als anfangslos bezeichnet. Besteht sie aus Maya, ist sie eine Eigenschaft der Seele, oder ist sie von dieser verschieden? Sage, was sie ihrem Wesen nach ist.“

2.12

sahajaḥ syānmalo māyākāryamāgāmiko malaḥ
māyā no mohinī proktā svataḥ kāryātprakāśikā

Übersetzung: „Die Unreinheit ist angeboren; die aus Maya hervorgehende Unreinheit kommt hinzu. Maya wurde nicht als aus sich selbst verblendend bezeichnet; durch ihre Wirkungen wirkt sie offenbarend.

2.13

yataḥ svakāryasaṃśleṣāc caitanyadyotikātmanaḥ
malaṃ vidārya cidvyaktim ekadeśe karotyasau

Übersetzung: Denn durch die Verbindung der Seele mit ihren Wirkungen lässt sie deren Bewusstsein aufleuchten. Indem sie die Unreinheit aufbricht, bringt sie das Bewusstsein teilweise zur Offenbarung.

2.14

sthitā prakāśikā kāryān mohakatve na saṃsthitā
prakāśo vyaktiśabdena malaśabdena cāvṛtiḥ

Übersetzung: Durch ihre Wirkungen steht sie als offenbarend fest, nicht als verhüllend. Mit dem Wort ‚Offenbarung‘ ist Erhellung gemeint, mit dem Wort ‚Unreinheit‘ Verhüllung.

2.15

vyaktiryāṇormalaḥ proktaḥ sphuṭaṃ dīpāndhakāravat
māyāpi mohinī proktā viṣayāsvādabhogataḥ

Übersetzung: Die Offenbarung der individuellen Seele wird jedoch ebenfalls als Unreinheit bezeichnet, deutlich wie beim Verhältnis von Lampe und Dunkelheit. Auch Maya wird verblendend genannt, insofern sie das Genießen des Geschmacks der Gegenstände vermittelt.

2.16

yatra tatra sthitasyāsya svakarmamalahetutaḥ
māyotthaṃ bandhanaṃ tasya sanimittaṃ pravartate

Übersetzung: Wo immer die Seele sich befindet, tritt die aus Maya entstandene Bindung aufgrund ihres eigenen Karmas und ihrer Unreinheit ein. Sie tritt also aus einem bestimmten Anlass ein.

2.17

anādimalamuktasya śivasyāpi na kiṃ bhavet
tasmānmāyā malo naiva vyatiriktaḥ sa yuktitaḥ

Übersetzung: Warum sollte sie sonst nicht auch bei Shiva eintreten, der seit anfangsloser Zeit frei von Unreinheit ist? Daher ist Maya nicht jene Unreinheit. Diese ist, wie die Überlegung zeigt, von ihr verschieden.“

2.18

māyākāryaṃ samastaṃ syāt kuto 'nyaḥ sahajo malaḥ
ātmasthaṃ tatpaśutvaṃ syāt paśurapyadhvamadhyagaḥ

Übersetzung: „Alles müsste doch eine Wirkung der Maya sein. Woher käme dann eine andere, angeborene Unreinheit?“ – „Das Gebundensein gehört zur Seele; auch die Seele befindet sich innerhalb des kosmischen Weges.

2.19

prokto yena matastena malastadbhinnalakṣaṇaḥ
malo 'jñānaṃ paśutvaṃ ca tiraskārakarastamaḥ

Übersetzung: Deshalb wird die Unreinheit als etwas angenommen, dessen Kennzeichen von den dortigen Wirkungen verschieden ist. Unreinheit, Nichtwissen, Gebundensein und die verdunkelnde Finsternis,

2.20

avidyā hyāvṛtirmūrchā paryāyāstasya coditāḥ
sa cāvidyādiparyāyabhedaiḥ siddho mate mate

Übersetzung: Unwissenheit, Verhüllung und Betäubung werden als ihre gleichbedeutenden Bezeichnungen gelehrt. Unter verschiedenen Namen wie ‚Unwissenheit‘ wird sie in den verschiedenen Lehrsystemen anerkannt.

2.21

tatsadbhāvātpaśuḥ pāśyaḥ śodhyo bodhyo matastviha
pāśyādivṛttayo yāstu tasya bhedāḥ prakīrtitāḥ

Übersetzung: Weil sie vorhanden ist, gilt die Seele hier als bindbar, zu reinigen und zu erwecken. Bindbarkeit und die weiteren Zustandsweisen werden als ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen bezeichnet.

2.22

male sati bhavantyetā bhoktṛtvaṃ ca na kevalam
yadyevaṃ saṃsthitaḥ pāśyo malo 'sya paśusaṃgataḥ

Übersetzung: Diese treten auf, wenn Unreinheit vorhanden ist; die Fähigkeit zum Erfahren besteht nicht im isolierten Zustand.“ – „Wenn die Seele so als bindbar bestimmt ist und ihre Unreinheit mit ihr verbunden bleibt,

2.23

ātmanaḥ kiṃ na dharmo 'sau yuktitaḥ kalpyate malaḥ
ātmano 'nādisambandhād dharma ityupacaryate

Übersetzung: warum wird die Unreinheit dann nicht vernünftigerweise als Eigenschaft der Seele angesetzt?“ – „Wegen ihrer anfangslosen Verbindung mit der Seele wird sie im übertragenen Sinn deren Eigenschaft genannt.“

2.24

kathaṃ tajjñānayuktatvād ajñānaguṇatāṃ gataḥ
tasya dharmo na dharmatve pariṇāmaḥ sphuṭo bhavet

Übersetzung: „Wie könnte die Seele, die mit Erkenntnis verbunden ist, die Eigenschaft des Nichtwissens angenommen haben?“ – „Die Unreinheit ist keine wirkliche Eigenschaft der Seele. Wäre sie es, ergäbe sich offensichtlich eine Veränderung ihres Wesens.

2.25

ciddharme puṃsi no dharmo yadi syātpariṇāmavān
ekasminvyajyate jñānam anyasmiṃstattirohitam

Übersetzung: Für die Seele, deren Wesen Bewusstsein ist, ist sie keine Eigenschaft; sonst wäre die Seele einer Wesensveränderung unterworfen. Bei der einen Seele tritt Erkenntnis hervor, bei einer anderen bleibt sie verhüllt.

2.26

pariṇāmo 'cetanasya cetanasya na yujyate
tayoścānādisambandhād viśleṣo na vibhutvataḥ

Übersetzung: Wesensveränderung gehört zum Nichtbewussten; beim Bewussten ist sie nicht angemessen.“ – „Beide sind anfangslos verbunden. Da sie allgegenwärtig sind, kann es keine räumliche Trennung geben.

2.27

sahajaprakṣaye prāpte tasya nāśo na kiṃ bhavet
vibhorapi malasyāsya tacchakteḥ kriyate vadhaḥ

Übersetzung: Müsste beim Schwinden der angeborenen Unreinheit nicht auch die Seele vernichtet werden?“ – „Obwohl diese Unreinheit allgegenwärtig ist, wird ihre Wirkkraft ausgeschaltet.

2.28

upāyācchaktisaṃrodhaḥ kathaṃcitkriyate male
yathāgnerdāhikā śaktir mantreṇāśu niruddhyate

Übersetzung: Durch ein geeignetes Mittel wird die Kraft der Unreinheit gehemmt: so, wie die brennende Kraft des Feuers durch einen Mantra rasch gehemmt wird.

2.29

tadvattacchaktisaṃrodhād viśliṣṭa iti kathyate
kṛtvā tacchaktisaṃrodhaṃ kriyate bhavaniḥspṛhaḥ

Übersetzung: Weil ihre Kraft auf diese Weise gehemmt ist, spricht man von einer Trennung. Nach der Hemmung dieser Kraft wird die Seele frei vom Verlangen nach dem Daseinskreislauf.

2.30

sahajā kālikā tāmre tatkṣayānna ca tatkṣayaḥ
yadvattāmre kṣayastadvat puruṣasya malakṣayaḥ

Übersetzung: Die dunkle Anhaftung am Kupfer ist ihm von Natur aus verbunden; wenn sie schwindet, schwindet damit nicht das Kupfer. Wie beim Kupfer diese Anhaftung vergeht, so vergeht bei der Seele die Unreinheit.

2.31

yathā taṇḍulakambūke prakṣīṇe 'pi na tatkṣayaḥ
viṣasambandhinī śaktir yathā mantrairniruddhyate

Übersetzung: Wie das Reiskorn nicht vernichtet wird, wenn seine Hülle vergeht, und wie die mit einem Gift verbundene Kraft durch Mantras gehemmt wird,

2.32

tathā na tadviṣaṃ kṣīṇam evaṃ puṃso malakṣayaḥ
phalaṃ katakavṛkṣasya kṣiptaṃ sakaluṣe jale

Übersetzung: ohne dass dabei das Gift selbst vernichtet wird, so verhält es sich mit dem Schwinden der Unreinheit der Seele. Wird die Frucht des Kataka-Baumes in trübes Wasser geworfen,

2.33

kurute śaktisaṃrodhaṃ kiṃ kṣipatyanyato jalāt
śivajñānaṃ tathā tasya śaktisaṃrodhakārakam

Übersetzung: hemmt sie die Wirkung der Trübung: Wirft sie diese etwa aus dem Wasser an einen anderen Ort? Ebenso bewirkt die Erkenntnis Shivas die Hemmung der Kraft jener Unreinheit.“

Kapitel 3: Karma und Shivas Wirken

3.1

bhoktṛtvaṃ malataḥ proktam abhilāṣānna kiṃ bhavet
sa ca rāgādyato rāgo vaktavyo 'tra malena kim

Übersetzung: „Die Fähigkeit zum Erfahren wurde auf die Unreinheit zurückgeführt. Warum sollte sie nicht aus dem Verlangen entstehen? Da dieses vom Prinzip Raga herrührt, müsste man von Raga sprechen. Wozu braucht es hier die Unreinheit?“

3.2

bhoktṛtvaṃ nāma yatproktam anādi malakāraṇam
abhilāṣastanau satyāṃ sā tanuḥ kena hetunā

Übersetzung: „Was als Fähigkeit zum Erfahren bezeichnet wurde, ist anfangslos und hat die Unreinheit zur Ursache. Verlangen tritt auf, wenn ein Körper vorhanden ist. Wodurch aber ist dieser Körper verursacht?

3.3

rāgo 'pi tannimittatvāt pravṛttaḥ puruṣasya tu
cauryaṃ hi bījamāpekṣya yathā nigaḍabandhanam

Übersetzung: Auch Raga wirkt aufgrund jener Voraussetzung für die Seele. So setzt die Fesselung mit Ketten als ihren Anlass einen Diebstahl voraus.

3.4

evaṃ paśutvamāpekṣya rāgatattvaṃ pravartate
etasmādasya bhoktṛtvaṃ tanurbhogo 'nyahetujaḥ

Übersetzung: Ebenso setzt das Prinzip Raga den Zustand des Gebundenseins voraus. Daher kommt der Seele die Fähigkeit zum Erfahren zu; Körper und jeweiliges Erleben entstehen aus einer anderen Ursache.

3.5

sukhaduḥkhādiko bhogaḥ karmataḥ saṃsthitaḥ paśoḥ
nānyathāsya vinirdiṣṭaṃ bhogabhoktṛtvabandhanam

Übersetzung: Das Erleben der Seele, das in Freude, Schmerz und anderem besteht, beruht auf Karma. Anders wird die Bindung von Erfahrung und Erfahrungsfähigkeit für sie nicht erklärt.“

3.6

yadetatkarma deveśa proktaṃ bhoganibandhanam
karmārjanaṃ tanau satyāṃ sṛṣṭikāle tanuḥ kutaḥ

Übersetzung: „Herr der Götter, du hast das Karma als Grundlage der Erfahrung bezeichnet. Karma wird erworben, wenn ein Körper vorhanden ist. Woher kommt aber der Körper zu Beginn der Schöpfung?“

3.7

yathānādirmalastasya karmāpyevamanādikam
yadyanādi na saṃsiddhaṃ vaicitryaṃ kena hetunā

Übersetzung: „Wie die Unreinheit der Seele anfangslos ist, so ist auch das Karma anfangslos. Würde seine Anfangslosigkeit nicht angenommen, was wäre dann der Grund für die Verschiedenheit der Wesen?

3.8

tasmādanādikaṃ karma māyāpyevaṃ bhavastathā
tathānādiḥ śivaḥ kartā sarvasya jagataḥ sthitaḥ

Übersetzung: Deshalb ist Karma anfangslos; ebenso Maya und der Daseinskreislauf. Auch Shiva, der als Urheber der ganzen Welt besteht, ist anfangslos.“

3.9

śivaḥ kartā tvayā proktaḥ sa kathaṃ gamyate prabho
vaikaraṇyādamūrtatvāt kartṛtvaṃ yujyate katham

Übersetzung: „Du hast Shiva als Urheber bezeichnet. Wie wird er erkannt, Herr? Wie kann ihm Urheberschaft zukommen, wenn er ohne Sinneswerkzeuge und ohne Körper ist?“

3.10

yathā kālo hyamūrto 'pi dṛśyate phalasādhakaḥ
evaṃ śivo hyamūrto 'pi kurute kāryamicchayā

Übersetzung: „Wie die Zeit, obwohl körperlos, erkennbar Wirkungen zustande bringt, so bewirkt auch der körperlose Shiva durch seinen Willen das Hervorzubringende.

3.11

icchaiva karaṇaṃ tasya yathā sadyogino matā

śalyākṛṣṭikaro dṛṣṭo hy akṣahīno 'pi karṣakaḥ

vyāpāro na ca dṛśyeta kāryamicchā pratīyate

Übersetzung: Allein sein Wille ist sein Werkzeug, wie man es bei einem vollkommenen Yogi annimmt. Auch ein Anzieher, der keine Sinne besitzt, wird als Herauszieher eines eingedrungenen Eisenteils beobachtet. Eine Betätigung ist nicht sichtbar; aus der Wirkung wird der Wille erschlossen.

3.12

sthūlaṃ vicitrakaṃ kāryaṃ nānyathā ghaṭavadbhavet
asti heturataḥ kaścit karma cet na hyacetanam

Übersetzung: Eine grobe, vielfältig gestaltete Wirkung könnte anders nicht entstehen, ebenso wenig wie ein Topf. Daher gibt es irgendeinen Urheber.“ – „Das könnte doch das Karma sein?“ – „Nein, denn dieses ist unbewusst.

3.13

proktaḥ sa niṣkalaḥ sthūlas tathā sakalaniṣkalaḥ
īśaḥ sadāśivaḥ śāntaḥ kṛtyabhedādvibhidyate

Übersetzung: Er wird als ohne Teile, als grob und als zugleich mit und ohne Teile beschrieben. Als Isha, Sadashiva und der Friedvolle unterscheidet er sich entsprechend den verschiedenen Aufgaben.“

3.14

niṣkalaḥ sa kathaṃ jñeyaḥ sakalo 'pi pumāṃstadā
dvisvabhāvastathā yo 'nyo viruddhaḥ sa parasparam

Übersetzung: „Wie soll man den Teilfreien erkennen? Wenn er Teile besitzt, wäre er dann nicht ebenfalls eine Seele? Und die andere, beide Naturen verbindende Gestalt widerspricht sich doch selbst.“

3.15

paśoḥ śaktinipātena mantraśaktyā ca sarvadā
niṣkalaṃ lakṣyate śaktyā sūkṣmaṃ viṣavikāravat

Übersetzung: „An dem Herabkommen seiner Kraft auf die Seele und an der Kraft der Mantras wird das Teilfreie stets durch seine Wirksamkeit erkannt: so wie das feine Gift an der Veränderung, die es hervorruft.

3.16

sakalo 'pi pumānnaiva māyāvayavavarjanāt
nirmalatvācchivasyātra na kalpyāstvasitāḥ kalāḥ

Übersetzung: Auch als der mit Teilen Versehene ist er keine gebundene Seele, weil er keine aus Maya gebildeten Bestandteile besitzt. Da Shiva rein ist, dürfen bei ihm keine unreinen Teile angenommen werden.

3.17

mantrātmikāḥ kalāstasya te ca mantrāḥ śivātmikāḥ
taiḥ prakalpya śarīraṃ svaṃ śuddhākṣādhyāsitaṃ mahat

Übersetzung: Seine Teile bestehen aus Mantras, und diese Mantras haben Shiva zu ihrem Wesen. Mit ihnen gestaltet er seinen eigenen großen Körper, der von reinen Wahrnehmungsvermögen durchdrungen ist.

3.18

yāvadevaṃ na kurute tāvanno gurupaddhatiḥ
kurute 'nugrahaṃ dehī sarveṣāmeva dehinām

Übersetzung: Solange er dies nicht tut, gibt es keine Überlieferungsfolge der Gurus. Als Verkörperter erweist er sämtlichen verkörperten Wesen Gnade.

3.19

yathaiva yoginaḥ śaktir grahaṇe mocane 'pi hi
tadvadevātra boddhavyaṃ grahaṇaṃ mocanaṃ vibhoḥ

Übersetzung: Wie die Kraft eines Yogis sowohl beim Ergreifen als auch beim Freigeben wirkt, so sind auch das Ergreifen und Freigeben des allmächtigen Herrn zu verstehen.

3.20

mudrāmaṇḍalamantraiśca tridhāsiddhiviceṣṭitaiḥ
lakṣyate sakalaṃ dhyānāt sarvajñānapravṛttitaḥ

Übersetzung: Durch Mudras, Mandalas und Mantras, durch die Betätigungen zur dreifachen Vollendung, wird der mit Teilen Versehene in der Meditation erkannt; ebenso daran, dass sämtliche Erkenntnis von ihm ausgeht.

3.21

dvisvabhāvagato yo 'nyo devaḥ prokto na niṣkalaḥ
bṛhaccharīramāpekṣya kalāhīna iti smṛtaḥ

Übersetzung: Die andere Gottheit, die beide Naturen besitzt, wird nicht schlechthin als teilfrei bezeichnet. ‚Ohne Teile‘ heißt sie im Verhältnis zu der großen Körpergestalt.

3.22

evamīśaḥ sthitaḥ sākṣād yogināṃ yogakāraṇam
yogo na lakṣyahīnatvān na nāḍī na ca dhāraṇā

Übersetzung: So besteht der Herr unmittelbar als Grundlage des Yoga für die Yogis. Ohne einen Gegenstand gibt es weder Yoga noch den Weg durch die feinen Bahnen noch Konzentration.

3.23

puṃsāmanugrahārthaṃ tu paro 'pyaparatāṃ gataḥ
nādabindukhamantrāṇuśaktibījakalāntagaḥ

Übersetzung: Um den Seelen Gnade zu erweisen, hat der Höchste auch eine niedrigere Erscheinungsform angenommen. Er ist in Nada, Bindu, dem leeren Raum, den Mantra-Wesen, Shakti, Bija und dem Ende der Lautteile gegenwärtig.

3.24

yogī yathopakārajñaḥ sarvajñatvātphalapradaḥ
icchānugrahakartṛtvāl layabhogādhikāravān

Übersetzung: Wie ein Yogi kennt er den ihm erwiesenen Dienst; aufgrund seiner Allwissenheit schenkt er die entsprechende Frucht. Weil er Gnade durch seinen Willen bewirkt, besitzt er die Zustände des Ruhens, des Genießens und der Amtsausübung.

3.25

trividhaḥ kṛtyabhedena darśito nāmabhedataḥ
īśvaro 'dhaḥsthavidyānāṃ patīnsaṃprerayatyasau

Übersetzung: Entsprechend diesen verschiedenen Aufgaben wurde er als dreifach und mit verschiedenen Namen aufgezeigt. Als Ishvara setzt er die Herren der unter ihm befindlichen Vidyas in Tätigkeit.

3.26

tena preritamātrāste kurvate 'dhastanaṃ jagat
śuddhe 'dhvani śivaḥ kartā prokto 'nanto 'site prabhuḥ

Übersetzung: Sobald sie von ihm in Bewegung gesetzt werden, erschaffen sie die darunterliegende Welt. Auf dem reinen kosmischen Weg ist Shiva der Urheber; auf dem unreinen gilt Ananta als Herr.

3.27

yathā bhūmaṇḍaleśena niyuktaḥ svasamaprabhuḥ

tathāsau kurute sarvaṃ tacchaktipratibodhitaḥ

sarvajñaḥ śuddhadehaśca sarvajñānaprakāśakaḥ

Übersetzung: Wie ein Weltherrscher einen ihm an Herrschaftsmacht gleichen Beauftragten einsetzt, so vollbringt Ananta alles, durch dessen Kraft erweckt. Er ist allwissend, besitzt einen reinen Körper und macht alle Erkenntnis offenbar.“

Kapitel 4: Ananta, Maya und Verkörperung

4.1

śivaśaktiprabhāvācca kilānantaḥ prabudhyati
prabodhikā ca sā śaktiḥ sarvagā paripaṭhyate

Übersetzung: „Durch die Macht von Shivas Kraft, so heißt es, wird Ananta erweckt. Diese erweckende Kraft wird als allgegenwärtig verkündet.

4.2

anyeṣāṃ sannikṛṣṭāpi bodhaṃ sā kurute na kim
yogyānāmupakārī ced rāgavānsyācchivastadā

Übersetzung: Warum erweckt sie die anderen nicht, obwohl sie ihnen ebenfalls nahe ist? Wenn sie nur den Geeigneten hilft, wäre Shiva doch parteilich.“

4.3

yathārkaraśmisamparkāt padmabodhaḥ samo na kim
kānicitpratibudhyanti tathānyāni na jātucit

Übersetzung: „Warum erwachen nicht alle Lotusblüten gleichermaßen, wenn die Sonnenstrahlen sie berühren? Manche öffnen sich, andere zu dieser Zeit überhaupt nicht.

4.4

rāgadveṣau na cārkasya tatheśasya na tau yataḥ
adhikārānniyogo 'sya na niyogaṃ vinā sthitiḥ

Übersetzung: Die Sonne hat dabei weder Zuneigung noch Abneigung. Ebenso wenig besitzt der Herr diese beiden. Anantas Beauftragung entspricht seinem Amt; ohne Auftrag besteht dieses nicht.

4.5

tatsāmarthyādanantasya sarvajñatvaṃ bhavetkhaga
sarvajñatvaṃ tanau satyām anantasya na yujyate

Übersetzung: Durch jene Macht wird Ananta allwissend, Garuda.“ – „Wenn Ananta einen Körper besitzt, ist Allwissenheit bei ihm nicht möglich.

4.6

niyatāni yato 'kṣāṇi niyatagrāhakāṇi ca
māyātmakaṃ śarīraṃ tac chiṣṭakarmanimittajam

Übersetzung: Denn die Sinne sind begrenzt und erfassen nur bestimmte Gegenstände. Ein solcher Körper besteht aus Maya und entsteht aufgrund verbliebenen Karmas.

4.7

yadi nāma viśeṣaḥ syāt sudūraśravaṇādikaḥ
śuddhayonimayaṃ tasya vapuruktamakarmajam

Übersetzung: Daran ändert auch eine besondere Fähigkeit wie das Hören über sehr große Entfernungen nichts.“ – „Sein Körper wird als aus dem reinen Urstoff bestehend und nicht aus Karma entstanden bezeichnet.

4.8

tasyaivaṃ pāśamuktatvāj jñānaṃ kena nivāryate
tatsthaṃ sarpaṃ viṣaṃ yadvat tadgataṃ na vibādhate

Übersetzung: Da er somit von Bindungen frei ist, wodurch sollte seine Erkenntnis behindert werden? Wie das Gift, das sich in einer Schlange befindet, diese nicht beeinträchtigt,

4.9

bādhate 'nantamevaṃ na tadgataḥ pāśasañcayaḥ
chinnā chinnodbhavā yadvat sthānāśrayavaśādbhavet

Übersetzung: so beeinträchtigt die in seinem Bereich befindliche Gesamtheit der Bindungen Ananta nicht. Wie die abgeschnittene Pflanze Chinnodbhava je nach Standort und Stütze weiterbestehen kann,

4.10

sthānayogena mantreśe haṭhavattanudhāraṇam
mantraśaktyā yathā deho vidhṛtastiṣṭhate ciram

Übersetzung: so hält der Mantra-Herr aufgrund seiner Verbindung mit seinem Amt gleichsam mit Nachdruck an seinem Körper fest. Wie ein Körper durch Mantrakraft lange aufrechterhalten wird,

4.11

prāpnotyabhīpsitaṃ sthānaṃ kāladaṣṭo 'pi śaktitaḥ
evaṃ tacchaktisāmarthyād āste tasya vapuryataḥ

Übersetzung: und selbst ein vom tödlichen Gift Gebissener durch diese Kraft den gewünschten Zustand erreicht, so bleibt Anantas Körper durch die Macht jener Kraft bestehen.

4.12

ataḥ sunirmalaṃ jñeyaṃ bisinīpattravadvapuḥ
tantrairupakṛtaḥ kalyo yathā dehagato rasaḥ

Übersetzung: Daher soll man seinen Körper als vollkommen unbefleckt erkennen, wie ein Lotusblatt. Wie Quecksilber, durch die entsprechenden Verfahren zubereitet und wirksam gemacht, im Körper

4.13

sa tiṣṭhati śarīre 'smiṃs tadvadbodho mahābalaḥ
yathā bheṣajasāmarthyād aśaktānāṃ balaṃ param

Übersetzung: bestehen bleibt, so bleibt die machtvolle Erkenntnis gegenwärtig. Wie durch die Kraft einer Arznei bei Kraftlosen große Stärke entsteht,

4.14

yāti tacchaktisāmarthyād anantasya pare balam
tena sāmarthyayogena yoniṃ prerayate kṣaṇāt

Übersetzung: so gewinnt Ananta durch die Macht jener Kraft höchste Stärke. Mit dieser Fähigkeit setzt er den Urschoß augenblicklich in Bewegung.“

4.15

prerako 'dhastane mārge māyāyāḥ prerakeṇa kim
svata eva vikāreṇa jagatyasminvikāriṇī

Übersetzung: „Wozu braucht Maya, die auf dem unteren kosmischen Weg hervorbringt, einen Antrieb? In dieser Welt der Veränderungen verändert sie sich doch aus sich selbst.

4.16

jagadyoniryataḥ proktā tadvikārāḥ kalādayaḥ
vikārātsarvanāśaḥ syād vikāro na jagatkatham

Übersetzung: Sie wird als Urschoß der Welt bezeichnet, und Kalā und die übrigen Prinzipien sind ihre Umwandlungen.“ – „Bei einer vollständigen Umwandlung ginge sie selbst ganz zugrunde.“ – „Warum ist die Welt dann nicht ihre Umwandlung?“

4.17

acetanatvātpreryā sā puruṣārthena hetunā
svato na vikṛtistasmād ananto 'syāḥ pracodakaḥ

Übersetzung: „Weil sie unbewusst ist, muss sie um der Zwecke der Seelen willen in Bewegung gesetzt werden. Daher verändert sie sich nicht aus sich selbst: Ananta ist ihr Anreger.

4.18

vāyuvegādyathodanvān uparyeva vikārabhāk
akṣobhyatvāttathā māyā savikārā kalādibhiḥ

Übersetzung: Wie der Ozean durch die Gewalt des Windes nur an seiner Oberfläche Veränderungen zeigt, so verändert sich die in ihrer Grundlage unerschütterliche Maya in Gestalt von Kalā und den übrigen Prinzipien.

4.19

nākṣubdhā kāryakartrī cet kṣobho 'syāḥ syāttadīraṇam
sā śaktiḥ preritā tena nityaṃ kāryakarī bhavet

Übersetzung: Wenn sie ohne Bewegung nichts hervorbringt, dann ist ihre Erregung eben das In-Bewegung-Setzen. Die von Ananta angeregte Kraft der Maya bringt beständig Wirkungen hervor.

4.20

yathā māyādhikā vyāpya na tatkāryagaṇo 'dhvani
bhāvānkalādikānvyāpya sthitākṣobhyā tataḥsmṛtā

Übersetzung: Maya besteht übergeordnet und durchdringend; die Gesamtheit ihrer Wirkungen auf dem kosmischen Weg tut dies nicht. Da sie Kalā und die übrigen Gebilde durchdringt und bestehen bleibt, heißt sie unerschütterlich.

4.21

tatkāryakārikā śaktiḥ kriyākhyā sūkṣmarūpiṇī
sthūlakāryāsu sūkṣmāpi sthitā nyagrodhabījavat

Übersetzung: Ihre Wirkungen hervorbringende Kraft heißt Handlungskraft und besitzt eine feine Gestalt. Obwohl sie fein ist, besteht sie in den groben Wirkungen, wie im Samen eines Nyagrodha-Baumes.

4.22

kāraṇaṃ tena sā jñeyā sthūlasyāsya samantataḥ
tasmātkalā tuṭiḥ saṃsthā bodhinī hyabhilāṣakṛt

Übersetzung: Daher soll man sie als Ursache dieser gesamten groben Welt erkennen. Aus ihr entstehen Kalā, Zeitbegrenzung, Festlegung, die Erkenntnis erweckende und die Verlangen erzeugende Fähigkeit.

4.23

tasmādekādaśākṣāṇi pañca tanmātrakāṇi ca
tebhyo bhūtāni jātāni sarvamīśaḥ sṛjatyadhaḥ

Übersetzung: Daraus entstehen die elf Sinnes- und Handlungsvermögen und die fünf feinen Sinnesgegenstände; aus diesen entstehen die Elemente. All dies erschafft der Herr auf dem unteren Weg.

4.24

so 'sṛjadbhagavānīśaḥ śivaśaktisamanvitaḥ
kṛtsnaṃ māyātmakaṃ kāryaṃ śuddhāśuddhavimiśritam

Übersetzung: Mit Shivas Kraft verbunden, erschuf jener göttliche Herr die gesamte aus Maya bestehende Wirkung, in der Reines und Unreines miteinander verbunden sind.“

4.25

yonijaṃ buddhibhedācca tadekaṃ ceddvidhā katham
dṛṣṭaṃ khadyotakādestad viruddhaṃ caikahetukam

Übersetzung: „Das aus dem Urschoß Entstandene wird nach unterschiedlichen Erkenntnisweisen unterschieden. Wenn es eines ist, wie kann es dann zweifach sein?“ – „Man sieht am Leuchtkäfer und an anderem, dass Gegensätzliches eine einzige Ursache haben kann.

4.26

evaṃ tadbhinnasaṃsthānaṃ śuddhāśuddhāṅgasaṃyutam

jñeyaṃ kāraṇaśaktyutthaṃ kāryaṃ bījanimittajam

evametatsamādiṣṭaṃ tatkāryaṃ vigrahāśrayam

Übersetzung: So ist das unterschiedlich Gestaltete mit reinen und unreinen Bestandteilen verbunden. Man soll die Wirkung als aus der Kraft der Ursache hervorgegangen erkennen, wie eine Pflanze aus einem Samen. So wurde jene Wirkung beschrieben, die im Körper ihre Grundlage hat.

4.27

yadyapyetanmithaḥ kāryaṃ viruddhamasitātmakam
tathāpyetatsusaṃśliṣṭam ekasminvastuni sphuṭam

Übersetzung: Obwohl diese aus dem unreinen Bereich entstandenen Wirkungen einander widersprechen, sind sie doch erkennbar in einem einzigen Gebilde eng verbunden.

4.28

narārthaṃ sādhayedbhinnaṃ narasya śakaṭāṅgavat
evametadanantena sṛṣṭaṃ dehanibandhanam

Übersetzung: Wie die verschiedenen Teile eines Wagens erfüllen sie unterschiedliche Zwecke für den Menschen. So wurde durch Ananta geschaffen, was die Verkörperung begründet.

4.29

na dehena vinā muktir na bhogaścitkriyāguruḥ

etacca kurute śambhuḥ svatantratvātprabhutvataḥ

sarvānugrāhakaḥ śāntas tadvaśādakhilaṃ phalam

Übersetzung: Ohne Körper gibt es weder Befreiung noch Erfahrung, die Erkenntnis und Handeln lehrt. Dies bewirkt auch Shambhu aus seiner Freiheit und Herrschaftsmacht. Er ist friedvoll und erweist allen Gnade; jede Frucht hängt von ihm ab.“

Kapitel 5: Das Herabkommen der Kraft

Verehrung einer Göttinnengestalt. Ergänzendes Bild zum Thema Shakti, keine Illustration einer bestimmten Ritualvorschrift des Kirana Tantra.

5.1

śaktipātādbhaveddīkṣā nipāto na vibhutvataḥ
śivasya samavetatvāt sarvadaiva sthitā paśau

Übersetzung: „Durch das Herabkommen der Kraft entsteht Einweihung. Doch eine allgegenwärtige Kraft kann nicht herabfallen. Da sie Shiva untrennbar zugehört, ist sie ohnehin stets in der Seele gegenwärtig.

5.2

sthitatvātsarvadā śakter bhavocchittirna kiṃ bhavet
kālo vā sa ca kaḥ prokto yadi kālaḥ śivena kim

Übersetzung: Warum endet der Daseinskreislauf dann nicht, wenn die Kraft immer vorhanden ist? Oder kommt es auf einen Zeitpunkt an? Welcher Zeitpunkt ist gemeint? Wenn die Zeit entscheidet, wozu braucht es Shiva?“

5.3

upacāreṇa śabdānāṃ pravṛttiriha dṛśyate
yathā pumānvibhurgantā nityo 'pyukto vinaśvaraḥ

Übersetzung: „Man sieht auch hier, dass Worte in übertragenem Sinn gebraucht werden. So nennt man die Seele gehend, obwohl sie allgegenwärtig ist, und vergänglich, obwohl sie ewig ist.

5.4

pāśacchedo yathā prokto mantrarāḍ bhagavāñchivaḥ
evaṃ śaktinipāto 'pi procyate sopacārataḥ

Übersetzung: Wie man vom Zerschneiden der Bindungen spricht und den göttlichen Shiva ‚König der Mantras‘ nennt, so spricht man auch im übertragenen Sinn vom Herabkommen der Kraft.

5.5

nipāto bhayado yadvad vastunaḥ sahasā bhavet
tadvacchaktinipāto 'pi prokto bhavabhayapradaḥ

Übersetzung: Wie das plötzliche Herabfallen eines Gegenstandes Furcht hervorruft, so wird vom Herabkommen der Kraft gesagt, dass es Furcht vor dem Daseinskreislauf erweckt.

5.6

tasmādanyatra yātyeva tathātmā deśikaṃ prati
gururyathāgrataḥ śiṣyān suptāndaṇḍena bodhayet

Übersetzung: Wie jemand sich deshalb an einen anderen Ort begibt, so wendet sich die Seele an den Lehrer. Wie ein Guru die vor ihm eingeschlafenen Schüler mit einem Stock weckt,

5.7

śivo 'pi mohanidrāyāṃ suptāñchaktyā prabodhayet
yadā svarūpavijñānaṃ patiteti tadocyate

Übersetzung: so erweckt auch Shiva mit seiner Kraft die im Schlaf der Verblendung Versunkenen. Wenn die Erkenntnis des eigenen Wesens eintritt, sagt man: ‚Die Kraft ist herabgekommen.‘

5.8

tasmācchaktinipātaḥ syān nipātaścihnavācakaḥ
tannipātasya saḥ kālaḥ karmaṇāṃ tulyataiva ca

Übersetzung: So ist das Herabkommen der Kraft zu verstehen; das Wort ‚Herabkommen‘ bezeichnet ein erkennbares Zeichen. Der Zeitpunkt dieses Herabkommens ist das Gleichgewicht der karmischen Kräfte.“

5.9

tulyatvaṃ karmaṇaḥ kālaḥ kṣīṇaṃ vā yadi vāsamam

samatvaṃ tatkathaṃ gamyaṃ nyūnādhikatuṭiḥ katham

evaṃ sūkṣmaṃ samānatvaṃ yasminkāle tadaiva sā

Übersetzung: „Was bedeutet dieser Zeitpunkt des karmischen Gleichgewichts: Ist das Karma erschöpft oder nicht im Gleichgewicht? Wie erkennt man Gleichgewicht, und wie wäre darin ein Weniger oder Mehr an Zeit?“ – „Genau zu der Zeit, in der jene feine Gleichheit besteht, wird die Kraft

5.10

svarūpaṃ dyotayatyāśu bodhacihnabalena vai
karmāṃśo yo 'dhikaḥ pūrvaṃ bhogadastvitaraḥ punaḥ

Übersetzung: das eigene Wesen unverzüglich offenbar machen, erkennbar an den Zeichen des Erwachens. Zuvor schenkt der überwiegende Anteil des Karmas Erfahrung, später wiederum der andere.“

5.11

samatve sati yo bhogaḥ kathaṃ tasya prajāyate
miśraṃ vārambhakaṃ karma same bhogastadā na hi

Übersetzung: „Wie entsteht dann Erfahrung, wenn Gleichgewicht besteht? Oder bringt gemischtes Karma die Erfahrung hervor?“ – „Bei wirklichem Gleichgewicht gibt es zu dieser Zeit keine Erfahrung.

5.12

vaktavyaścādhikaḥ kaścid anyathā na sukhetaram
adhikanyūnasambandhād vyākulatvaṃ na jāyate

Übersetzung: Man müsste irgendeinen überwiegenden Anteil nennen; anders entstünde weder Freude noch ihr Gegenteil. Eine Störung durch das Verhältnis von Überwiegen und Zurücktreten entsteht dabei nicht.

5.13

adhikanyūnaśūnyatvāt tatsthānamabhigacchati
sa pāta iti mantavyas tasya bhaktirvilakṣaṇā

Übersetzung: Frei von Überwiegen und Zurücktreten erreicht die Kraft ihren Ort. Dies ist als ihr Herabkommen zu verstehen. Bei dem so Berührten zeigt sich eine besondere Hingabe.

5.14

kāla eva sa niṣṇātaḥ śakterātmaparigrahaḥ
anādikarmasambandhāc chivaḥ kālamapekṣate

Übersetzung: Eben dieser Zeitpunkt eignet sich dafür, dass die Kraft die Seele annimmt. Wegen des anfangslosen karmischen Zusammenhangs wartet Shiva diesen Zeitpunkt ab.

5.15

kālacchidramiti proktaṃ tajjñaśca bhagavāñchivaḥ
yathā kaściccale lakṣye kañcitkālamapekṣate

Übersetzung: Man nennt ihn eine Öffnung der Zeit; der göttliche Shiva kennt ihn. Wie jemand bei einem beweglichen Ziel auf einen bestimmten Augenblick wartet,

5.16

tajjño 'pi sa śivastadvat samakālamapekṣate
abhāvāttatsamatvasya yugapanmuktiranyathā

Übersetzung: so wartet auch Shiva, obwohl er es kennt, den Augenblick des Gleichgewichts ab. Würde dieses Gleichgewicht nicht berücksichtigt, müssten sonst alle zugleich befreit werden.

5.17

nopāyasādhanāpekṣā kramo yadi sa neṣyate
prabhuratra śivo jñeyaḥ prabhutvaṃ kiṃ tuṭermatam

Übersetzung: Würde man diese Abfolge nicht anerkennen, bedürfte es keiner Mittel und keiner Praxis. Als Herr ist hier Shiva zu erkennen. Welche Herrschaftsmacht sollte denn ein Zeitmoment besitzen?

5.18

prabhutvaṃ jñasvabhāvatvād ajñatvānna tuṭiḥ prabhuḥ
sati kāle prabhutvaṃ syāt padmabodhe yathā raveḥ

Übersetzung: Herrschaft kommt dem zu, dessen Wesen Erkennen ist. Ein Zeitmoment ist unbewusst und deshalb kein Herr. Zur geeigneten Zeit wird Herrschaft wirksam, wie die der Sonne beim Öffnen der Lotusblüte.

5.19

na ca kālādṛte tatra vikāsaḥ pratipadyate
tathāpi bhāskaraḥ prokto loke 'sminpadmabodhakaḥ

Übersetzung: Ohne den geeigneten Zeitpunkt findet auch dort kein Aufblühen statt. Dennoch bezeichnet man in dieser Welt die Sonne als diejenige, die den Lotus öffnet.

5.20

kālo 'pi yogyatā sā ced dyotako 'pyupacārataḥ

evaṃ yadyapi tulyatvaṃ karmaṇaḥ kāla eva saḥ

tathāpi prabhuratreśaḥ śaktipātasya saṃsthitaḥ

Übersetzung: Auch die Zeit ist lediglich die Eignung; nennt man sie offenbarend, geschieht dies im übertragenen Sinn. Obwohl also das Gleichgewicht des Karmas jener Zeitpunkt ist, bleibt der Herr Shiva der Gebieter des Herabkommens der Kraft.“

5.21

ekā satī bahūnāṃ sā kathaṃ bodhaṃ karoti cet
bahūnāmapyadoṣaḥ syād vibhutvānna nivāryate

Übersetzung: „Wie kann diese eine Kraft viele erwecken?“ – „Dass es viele sind, ist kein Einwand: Wegen ihrer Allgegenwart wird ihre Wirkung nicht eingeschränkt.

5.22

evaṃ śaktisamāyogaḥ proktaḥ sūkṣmo 'tra śāsane
evaṃ tacchaktisaṃyogād dīkṣā yadi ca saṃsthitā

Übersetzung: So wird in dieser Lehre die feine Verbindung mit der Kraft beschrieben.“ – „Wenn die Einweihung aufgrund dieser Verbindung mit seiner Kraft erfolgt,

5.23

dīkṣitottarakāle 'pi tirobhāvaḥ pradṛśyate
tirobhāvakarī śaktir yadi tasya na nirvṛtiḥ

Übersetzung: warum beobachtet man auch nach der Einweihung Verhüllung? Wenn die Kraft die Seele verhüllt, gibt es für diese doch keine Befreiung.

5.24

tathā karotu sa svāmī yathāsau nānyathā bhavet
tirobhāvagatānāṃ sā puruṣāṇāṃ śivecchayā

Übersetzung: Der Herr soll so handeln, dass es nicht zu einem solchen Rückfall kommt!“ – „Für die in Verhüllung befindlichen Seelen besteht jene [begnadigende Einweihung] nach Shivas Willen

5.25

na tirobhāvakartṛtvād ucyate sā tirohikā
tirobhāvāya pāto na yato 'nugrahadharmiṇī

Übersetzung: nicht. Weil sie Verhüllung bewirkt, wird die [andere] Kraft als verhüllend bezeichnet. Das Herabkommen [der begnadigenden Kraft] dient nicht der Verhüllung, denn ihr Wesen ist Gnade.

5.26

yenāsannatamaḥ kālas tenātmānaṃ prakāśayet
prakāśya yāti vidyudvat sā śaktiḥ puṃprabodhinī

Übersetzung: Weil der geeignete Zeitpunkt ganz nahe ist, offenbart die Kraft der Seele ihr eigenes Wesen. Nachdem sie es offenbar gemacht hat, zieht sie sich wie ein Blitz zurück: jene Kraft, die die Seele erweckt.

5.27

yadi sarvātmanā vāyaṃ dīkṣito 'pi tirohitaḥ
dvividhe 'pi tirobhāve sthānaprāptiḥ kvacidbhavet

Übersetzung: Wenn die Seele trotz ihrer Einweihung vollständig verhüllt ist, kann bei beiden Arten der Verhüllung das Erreichen einer bestimmten Stätte erfolgen.

5.28

tatra sthitasya tasyeha vāsanā saiva jāyate
tadyuktasya vimokṣaḥ syād ātmano nirvikalpakaḥ

Übersetzung: An dieser Stätte entsteht in ihr wieder dieselbe innere Prägung. Wenn die Seele damit verbunden ist, wird ihr die ungeteilte Befreiung zuteil.

5.29

anena kramayogena tirobhāvagato bhavet
ānarthakyaprasaṅgaḥ syād yadi muktirna sā bhavet

Übersetzung: Auf diese geordnete Weise kann sie noch in einen Zustand der Verhüllung gelangen. Würde jene Befreiung nicht eintreten, ergäbe sich die Sinnlosigkeit der Einweihung.

5.30

mandā mandatarā śaktiḥ karmasāmyavivakṣayā
na punastādṛśī śaktiḥ kṣīravatpariṇāminī

Übersetzung: Die Kraft wird ‚schwach‘ oder ‚noch schwächer‘ genannt, wenn man auf das Gleichgewicht des Karmas blickt. Sie ist aber keine sich wandelnde Substanz wie Milch.

5.31

yataḥ śaktimataḥ śaktiḥ kṛtyasaṃsthānabhedagā
dvijādivarṇaniśreṇī sā ca mocayati sphuṭam

Übersetzung: Denn die Kraft des Kraftbesitzers unterscheidet sich entsprechend den Aufgaben, in denen sie wirkt. Sie befreit deutlich die Stufenfolge der Stände, beginnend mit den Zweimalgeborenen.“

Kapitel 6: Einweihung und geeignete Mittel

6.1

sarvānugrāhakaḥ proktaḥ śivaḥ paramakāraṇaḥ
dvijātayastu ye varṇā nyūnādhikatayā sthitāḥ

Übersetzung:Shiva, die höchste Ursache, wird als einer bezeichnet, der allen Gnade erweist. Doch die Stände der Zweimalgeborenen bestehen in einer Rangordnung von Niedriger und Höher.

6.2

saṃskāro 'pi yadaivaṃ syāt phalamevaṃ na kiṃ bhavet
saṃskāraḥ sadṛśasteṣāṃ nyūnādhikagatiḥ katham

Übersetzung: Wenn auch die Weihe entsprechend verschieden wäre, warum dann nicht auch ihre Frucht? Wenn ihre Weihe gleich ist, wie kann es eine niedrigere oder höhere Bestimmung geben?“

6.3

na jāterna śarīrasya saṃskāraḥ prāṇino mataḥ
yadi jātestadekasmin dīkṣite 'khiladīkṣaṇam

Übersetzung: „Die Weihe gilt weder dem Stand noch dem Körper, sondern dem lebendigen Wesen. Gälte sie dem Stand, wären bei der Einweihung eines Einzelnen alle dieses Standes eingeweiht.

6.4

tena jāterna vaktavyo jaḍatvānna tanormataḥ
cidrūpānugrahaḥ proktaḥ sarvānugrāhakaḥ śivaḥ

Übersetzung: Deshalb darf man sie nicht dem Stand zuschreiben; auch nicht dem Körper, denn dieser ist unbewusst. Gelehrt wird die Begnadigung dessen, dessen Wesen Bewusstsein ist. Shiva erweist allen Gnade.“

6.5

sarvānugrahakartṛtvād bālabāliśabhoginām
kartavyo 'nugraho deva sa ca saṃskārapūrvakaḥ

Übersetzung: „Wenn er allen Gnade erweist, müsste er auch Kindern, Unverständigen und Menschen, die auf Genuss ausgerichtet sind, Gnade erweisen, Gott. Diese setzt aber eine Weihe voraus.

6.6

saṃskāreṇaiva muktiḥ syāt proktā tantre yadā tadā
kriyājñānavratādīnām upāyānāmahetutā

Übersetzung: Wenn im Tantra gelehrt wird, dass Befreiung allein durch die Weihe eintritt, dann wären Mittel wie Ritual, Erkenntnis und Gelübde wirkungslos.“

6.7

ye yathā saṃsthitāstārkṣya tathaiveśaḥ prasādakṛt
keciccātra kriyāyogyās teṣāṃ muktistathaiva hi

Übersetzung: „So, wie die Menschen jeweils beschaffen sind, Garuda, erweist der Herr ihnen Gnade. Manche sind für rituelles Handeln geeignet; auf eben diese Weise wird ihnen Befreiung zuteil.

6.8

jñānayogyāstathā cānye caryāyogyāstathāpare
evaṃ yeṣāṃ yathā prokto mokṣasteneśayojanāt

Übersetzung: Andere sind für Erkenntnis geeignet, wieder andere für die vorgeschriebene Lebensführung. Für jeden ist der Weg zur Befreiung so gelehrt, wie er durch seine Verbindung mit dem Herrn angemessen ist.

6.9

jñānādīnāmupāyānāṃ dīkṣā kāraṇamiṣyate
dīkṣayaiva na mokṣaḥ syād upāyaḥ sa niyāmakaḥ

Übersetzung: Die Einweihung gilt als Grundlage der Mittel, zu denen Erkenntnis und die übrigen gehören. Durch Einweihung allein muss Befreiung noch nicht eintreten; das jeweils geeignete Mittel bestimmt den weiteren Weg.

6.10

sarvānugrahakartṛtvād upāyāste prakīrtitāḥ
ekaḥ kasmādupāyo na proktastena yadanyathā

Übersetzung: Weil der Herr allen Gnade erweist, wurden diese Mittel verkündet. Weshalb hätte er nicht nur ein einziges Mittel gelehrt? Tatsächlich hat er anders gelehrt.

6.11

samayāṃścāṅganādīnām aśaktatvādviśodhayet
ajñatvānna ca doṣo 'sti jñatvāddoṣo mahānbhavet

Übersetzung: Bei Frauen und anderen, die dazu nicht imstande sind, soll der Lehrer die Verpflichtungen durch die Einweihung aufheben. Bei fehlendem Wissen liegt darin kein Vergehen; wer wissentlich gegen sie handelt, begeht dagegen ein großes Vergehen.

6.12

tena teṣāṃ vimuktiḥ syād dīkṣayā bhaktiyogataḥ
ye 'tra śaktā na teṣāṃ tu śodhyāsteṣāṃ prakāśayet

Übersetzung: So werden jene durch Einweihung in Verbindung mit Hingabe befreit. Bei denen, die zur Praxis imstande sind, sollen die Verpflichtungen jedoch nicht aufgehoben werden: Ihnen soll der Lehrer sie erläutern.

6.13

evaṃ jñānādikaṃ sarvaṃ tacchaktasya prakāśayet
anyathā sthitibhaṅgaḥ syāt sthitiścoktā śivāgame

Übersetzung: So soll er Erkenntnis und alles Weitere demjenigen eröffnen, der dazu fähig ist. Andernfalls würde die Ordnung gebrochen, die im Shiva-Agama gelehrt wird.

6.14

tadabhāve na kiñcitsyāt tenāyaṃ niyamaḥ sthitaḥ
sarvānugrāhakatvena sthityupāyavivakṣayā

Übersetzung: Ohne sie käme nichts zustande; deshalb besteht diese Regel. Sie dient der Ordnung der Mittel und dem Erweisen von Gnade an alle.“

6.15

pāśaviśleṣaṇārthaṃ tu dīkṣāpi kriyate kila
viśleṣo 'pi na dṛśyeta adṛṣṭatvātkathaṃ vada

Übersetzung: „Die Einweihung wird doch durchgeführt, um die Bindungen zu lösen. Aber ihre Lösung ist nicht sichtbar. Wie kann dies bei etwas Unsichtbarem geschehen? Sage es.“

6.16

pāśastobhātkṣayaḥ siddhaḥ saṃsiddhaiḥ so 'pi śambaraiḥ
śambarāṇāmacintyatvād yathā mūrtaviṣakṣayaḥ

Übersetzung: „Das Schwinden der Bindungen durch ihre Erschütterung gilt als erwiesen; diese wird durch vollwirksame Mantras bewirkt. Ihre Macht ist dem gewöhnlichen Denken unzugänglich, wie beim Beseitigen des im Körper wirksamen Giftes.

6.17

nāmasaṃkīrtanādeva yathā kaścitprasādhyate
dūrastho mantramukhyaistu tadvatkarmakṣayastviha

Übersetzung: Wie jemand in großer Entfernung allein durch das Nennen seines Namens mit mächtigen Mantras bezwungen wird, so wird hier das Karma zum Schwinden gebracht.“

6.18

aśeṣapāśaviśleṣo yadi deva sa dīkṣayā
jātāyāmarthaniṣpattau kathaṃ syādvapuṣaḥ sthitiḥ

Übersetzung: „Wenn die Einweihung sämtliche Bindungen löst, Gott, wie kann der Körper dann weiterbestehen, nachdem das Ziel erreicht ist?“

6.19

jātāyāṃ ghaṭaniṣpattau yathā cakraṃ bhramatyapi
pūrvasaṃskārasaṃsiddhaṃ tathā vapuridaṃ sthitam

Übersetzung: „Wie sich nach der Fertigstellung des Topfes das Töpferrad noch aufgrund des früheren Antriebs weiterdreht, so besteht auch dieser Körper durch eine frühere Prägung fort.

6.20

anekabhavikaṃ karma dagdhabījamivāṇubhiḥ
bhaviṣyadapi saṃruddhaṃ yenedaṃ taddhi bhogataḥ

Übersetzung: Das Karma aus vielen Existenzen wird von den Mantra-Wesen wie ein verbrannter Same unwirksam gemacht. Auch künftiges Karma wird gehemmt; jenes aber, durch das dieser Körper entstanden ist, endet durch sein Erleben.

6.21

dehapāte vimokṣaḥ syāt sadyonirvāṇadāpi vā
kāryāṇubhiḥ sadā siddhais tena te śivayojakāḥ

Übersetzung: Beim Abfallen des Körpers erfolgt Befreiung. Oder die unmittelbar Nirvana schenkende Einweihung soll durch die stets vollkommenen Mantra-Wesen vollzogen werden. Deshalb verbinden diese mit Shiva.“

6.22

pāśamuktasya yaccihnaṃ svalpamapyatra kiṃ na tat
dṛśyate bhakticihnena na ca cihnaṃ kvacitsphuṭam

Übersetzung: „Warum sieht man bei einem von Bindungen Befreiten nicht wenigstens ein kleines Zeichen?“ – „Es zeigt sich im Zeichen der Hingabe.“ – „Doch ein solches Zeichen ist nicht überall eindeutig.

6.23

sphuṭaṃ yatra kvaciddṛṣṭaṃ tatrāpi vyabhicāritā
prāguktaṃ yojanaṃ tasya tadyuktyā grāhapūrvakam

Übersetzung: Wo es sich deutlich zeigt, ist es auch dort nicht ausnahmslos verlässlich. Die zuvor beschriebene Verbindung mit Shiva muss nach der dafür angegebenen Methode mit einem Ergreifen der Seele beginnen.

6.24

vibhutvāttasya no grāhas tathāmūrtatayāpi ca
mahānatra virodhaḥ syāt kathametadbravīhi me

Übersetzung: Wegen ihrer Allgegenwart und Körperlosigkeit ist die Seele aber nicht zu ergreifen. Hier besteht ein großer Widerspruch. Wie verhält es sich? Erkläre es mir.“

6.25

taccihnaṃ vāsanāniṣṭhātatkarmaṇyavikalpanā
tanusthaṃ hi kathaṃ caitat spandenāpyanumīyate

Übersetzung: „Das Zeichen ist ihre Festigkeit in der inneren Prägung und ihr unerschütterliches Handeln darin.“ – „Wie kann die Seele, wenn sie im Körper gegenwärtig ist, selbst aus dessen Bewegungen erschlossen werden?“

6.26

vibhutve khaṃ yathā śabdād amūrtaṃ hi viṣaṃ yathā

gṛhyate mantraśaktyāsau vācyastacchaktiko guṇaḥ

vācyavācakayogena jñeyā mantrāṇavaḥ khaga

Übersetzung: „Wie der Raum trotz seiner Allgegenwart aus dem Klang erkannt wird und wie körperloses Gift erfasst wird, so wird die Seele durch Mantrakraft ergriffen. Der bezeichnete Gegenstand ist der Träger jener Kraft. Durch die Beziehung zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem sind die Mantra-Wesen zu verstehen, Garuda.“

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Kapitel 7: Die Mantras

mantrapaṭalaḥÜbersetzung: Kapitel über die Mantras.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

7.1

mantrāṇāṃ kiṃ śivo vācyaḥ śaktirvācyāṇavo'thavā
trayamekatra vācyaṃ vā tantrāntaravirodhi †tata†

Übersetzung: Bezeichnen die Mantras Shiva, bezeichnen sie Shakti oder die individuellen Wesen? Oder bezeichnen sie alle drei gemeinsam? Das widerspräche anderen Tantras. [Das letzte Wort ist fehlerhaft überliefert.]

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

7.2

śivo nimittabhūtastu śaktyāsau †prerayatyanūn†
tṛtīyaṃ vācyamapyatra na hyekena vinetaram

Übersetzung: Shiva ist der veranlassende Urheber; durch seine Kraft setzt er die individuellen Wesen in Tätigkeit. Auch das Dritte gehört hier zum Bezeichneten: Ohne das eine besteht das andere nicht. [Die Quelle schreibt anūn statt des hier zu erwartenden aṇūn.]

7.3

yathaudanaṃ pacasveti kenāpyukto'nya eva tat
karoti pacanaṃ so'pi kāṣṭhādikaraṇairyutaḥ

Übersetzung: Wie einer zu einem anderen sagt: „Koche Reis!“, und jener das Kochen ausführt, ausgestattet mit Werkzeugen wie Brennholz und anderem,

7.4

śivasya hetukartṛtvaṃ karaṇatvamathāṇuṣu
kāraṇatvaṃ tathā śakterevameṣāmiha sthitiḥ

Übersetzung: so kommt Shiva die veranlassende Urheberschaft zu, den individuellen Wesen die Rolle des Werkzeugs und Shakti die Ursächlichkeit. So ist hier ihre Stellung bestimmt.

7.5

yathā tantrīgataṃ geyaṃ pauruṣaṃ vyajyate sphuṭam
śaivī †śaktistathānusth↠vyanakti sakalāṃ kriyām

Übersetzung: Wie eine von einem Menschen hervorgebrachte Melodie durch die Saite deutlich erklingt, so macht Shivas Kraft, [wohl in den individuellen Wesen gegenwärtig], alle Tätigkeit offenbar.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

7.6

yadyevaṃ saṃsthitaḥ so'ṇuḥ śivo vācyatvamāgataḥ
śakterapyavinābhāvātkalpitairaṇubhiśca kim

Übersetzung: Wenn das individuelle Wesen so bestimmt ist und Shiva zum Bezeichneten wird, wozu braucht man dann noch angenommene individuelle Mantra-Wesen, da auch Shakti untrennbar mit ihm verbunden ist?

7.7

mantrāṇāṃ chedanaṃ proktaṃ bandhanaṃ kīlanaṃ vadhaḥ
tāḍanaṃ bhedanaṃ tṛptiḥ śoṣaṇaṃ nigalārgalam

Übersetzung: Den Mantras werden Abschneiden, Binden, Festnageln, Töten, Schlagen, Spalten, Sättigen, Austrocknen sowie Fesseln und Verriegeln zugeschrieben.

7.8

evametāni cānyāni tena teṣāṃ kimātmanaḥ
śaktirniyāmikā teṣāmaṇūnāmatibodhinī

Übersetzung: So werden diese und andere Tätigkeiten genannt. Was bedeutet dies für die Wesen selbst? Ihre steuernde Macht ist Shakti, die die individuellen Wesen in hohem Maße erweckt.

7.9

tasmātkasyāṇavastārkṣya muktvā śivaparigraham

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

sarva evoditā mantrā yatkṛtyamiha kurvate

Übersetzung: [Erster Halbvers nicht sicher übersetzbar.] Alle so genannten Mantras vollbringen hier ihre jeweilige Aufgabe.

7.10

karmāpekṣya prakurvanti neti vā vada me sphuṭam

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

na hi teṣāṃ nimittaṃ tu nirapekṣyāṇavo matāḥ

Übersetzung: Vollbringen sie diese in Abhängigkeit vom Karma oder nicht? Sage es mir deutlich. – Karma ist nicht ihr bestimmender Anlass; die individuellen Mantra-Wesen gelten als davon unabhängig.

7.11

jñānoktyāpyanumantavyā daṣṭadehavidhāraṇāt
karmaṇaśchedakāḥ proktā dīkṣāsamayasaṃsthitāḥ

Übersetzung: Das ist auch aufgrund der Lehraussage anzunehmen und daran, dass der Körper eines Gebissenen erhalten wird. Die in der Ordnung der Einweihung wirkenden Mantras werden als Zerschneider des Karmas bezeichnet.

7.12

viṣādikṛtyakartārastena te nirapekṣiṇaḥ
vidhimekamapekṣante sampūrṇāvayavaṃ śivam

Übersetzung: Sie vollbringen Aufgaben im Zusammenhang mit Gift und anderem und sind deshalb nicht vom Karma abhängig. Sie setzen nur eine Vorschrift voraus, die vollständig in ihren Bestandteilen und heilvoll ist.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

7.13

ekasyotthāpanaṃ dṛṣṭaṃ daṣṭasyānyasya naiva tat
vyabhicārācca mantrāṇāṃ sthitaṃ karma kathaṃ na tat

Übersetzung: Man sieht, dass der eine Gebissene wieder aufsteht, der andere jedoch nicht. Wie könnte angesichts solcher Abweichungen bei den Mantras das Karma nicht doch maßgebend sein?

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

7.14

mantrāṇāṃ niyatā śaktirvidhānaṃ niyataṃ yataḥ
kṛtsnakarmakarā ye'tra vaikalyānna hi tatphalam

Übersetzung: Die Kraft der Mantras ist bestimmt, weil die Vorschrift bestimmt ist. Diejenigen, die hier sämtliche Wirkungen vollbringen, bringen bei einem Mangel der Ausführung jene Frucht nicht hervor.

7.15

sāmagrīvikalo yasminkurute karma sādhakaḥ
tatrāpi śaktimātmīyāṃ mantrāḥ prakhyāpayanti hi

Übersetzung: Wo ein Praktizierender eine Handlung ohne die vollständige Zusammenstellung der erforderlichen Mittel ausführt, machen die Mantras dennoch ihre eigene Kraft kenntlich.

7.16

tena vidyāstu te proktā […]
sarvajñā nityarūpāstu icchārūpavidhāyinaḥ

Übersetzung: Deshalb werden sie dir als Vidyas bezeichnet. [Textlücke; der anschließende Wortrest ist unklar.] Sie sind allwissend und von ewiger Gestalt; sie bringen Gestalten entsprechend dem Willen hervor.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

7.17

nityatvaṃ yadi mantrāṇāṃ rūpabhedaḥ kathaṃ sthitaḥ
rūpabhedo yadā teṣāmanityatvaṃ prasajyate

Übersetzung: Wenn die Mantras ewig sind, wie kann es bei ihnen verschiedene Gestalten geben? Wenn ihre Gestalten verschieden sind, folgt daraus ihre Vergänglichkeit.

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

7.18

kāmadāste tathaivoktā rucirūpānukāriṇaḥ
yādṛśī sādhakasyecchā tathātmānaṃ prakurvate

Übersetzung: Sie werden deshalb als Wunscherfüller bezeichnet: Sie folgen den Gestalten, die dem Praktizierenden zusagen. So, wie sein Wunsch beschaffen ist, gestalten sie sich selbst.

7.19

yā sā teṣāṃ ca cicchaktiḥ sānyathā naiva jāyate
svabhāvo'yaṃ bahirdṛṣṭo mantrāṇāṃ naṭavatkhaga

Übersetzung: Ihre Bewusstseinskraft wird dadurch nicht zu etwas anderem. Diese nach außen sichtbare Erscheinungsweise der Mantras verhält sich wie bei einem Schauspieler, Garuda.

7.20

kṛkalāso mahānyadvaddṛṣṭo'sti bahurūpadhṛk
kenāpi hetunā tadvac na ca śaktirvināśitā

Übersetzung: Wie man eine große Eidechse aus irgendeinem Anlass viele Erscheinungsformen annehmen sieht, so verhält es sich auch hier; die Kraft wird dadurch nicht zerstört.

7.21

evaṃ mantrāstu vākyena śraddheyāste yathoditāḥ
vicaranti śivecchātaścoditā nikhile'dhvani

Übersetzung: So soll man den Mantras entsprechend der überlieferten Aussage Vertrauen schenken. Von Shivas Willen angetrieben, wirken sie auf dem gesamten kosmischen Weg.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

7.22

adhvā mārgaḥ samākhyāto vyāpakatvācchivasya na
yadyadhvā kalpyate tasya vyāpakatvaṃ tadā hatam

Übersetzung: Adhvan wird als Weg bezeichnet. Bei Shivas Allgegenwart kann es aber keinen Weg zu ihm geben. Würde man für ihn einen Weg annehmen, wäre seine Allgegenwart aufgehoben.

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

7.23

yeyaṃ pariṇatiryonerpaśūnāṃ bandhakāraṇam
vibhūtirmohinī tyājyā tadatītaḥ śivo yataḥ

Übersetzung: Diese Entfaltung des Urschoßes ist die Ursache der Bindung der Seelen. Ihre verblendende Herrlichkeit ist zu überschreiten, denn Shiva liegt jenseits davon.

7.24

sarvago'pi yathā vṛkṣaskandhādūrdhvaṃ śikhī sthitaḥ
dṛṣṭo'tra tadvadevāyaṃ śuddhatvādatra vā paraḥ

Übersetzung: Wie das überall vorhandene Feuer dennoch oberhalb eines Baumstamms sichtbar erscheint, so verhält es sich auch mit ihm. Aufgrund seiner Reinheit wird er hier als der Höhere bezeichnet.

7.25

guṇādhikyātparaḥ prokte vibhutve'pyupacaryate
pṛthivyādīni tattvāni bhogasthānāni dehinām

Übersetzung: Wegen des Überragens seiner Eigenschaften heißt er ‚höher‘; trotz seiner Allgegenwart wird dieses Wort im übertragenen Sinn gebraucht. Die Prinzipien von der Erde an sind Erfahrungsstätten für die Verkörperten.

7.26

bhuvanaiḥ saha śodhyāni kramayuktyā yathā tathā
ekasmādyatparaṃ sthānaṃ tasmādanyatparātparam

Übersetzung: Zusammen mit ihren Welten sind sie in der entsprechenden Reihenfolge zu reinigen. Über einer Stätte liegt eine höhere, über dieser wiederum eine noch höhere.

7.27

yāvattāvacchivasthānaṃ līyate'yaṃ śive layaḥ
laye na gamanaṃ puṃsaḥ proktaṃ tasya vibhutvataḥ

Übersetzung: Dies reicht bis zu Shivas Stätte; das Aufgehen in Shiva ist die Auflösung. Bei diesem Aufgehen wird keine Ortsbewegung der Seele gelehrt, denn sie ist allgegenwärtig.

7.28

yathā śulbaṃ suvarṇatvaṃ gataṃ tadvyapadiśyate
tadvatpratyapadiśyeta tatso'pi śivatāṃ gataḥ

Übersetzung: Wie Kupfer, das zu Gold geworden ist, als Gold bezeichnet wird, so wird auch die Seele entsprechend bezeichnet, wenn sie Shiva-Sein erlangt hat.

iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre vidyāpāde mantrapaṭalaḥ saptamaḥÜbersetzung: Damit endet im Erkenntnisteil des ehrwürdigen großen Tantra namens Kirana das siebte Kapitel über die Mantras.

Kapitel 8: Die Welten

Künstlerisches Bild des Kosmos. Die Weltordnung in Kapitel 8 ist eine religiöse Kosmologie.

bhuvanapaṭalaḥÜbersetzung: Kapitel über die Welten.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

8.1

adhvā naḥ sūcito deva na tvayoktaḥ sphuṭaṃ mama
brūhi taṃ yena vijñānaṃ prakriyātaḥ paraṃ bhavet

Übersetzung: Gott, du hast uns den kosmischen Weg angedeutet, ihn mir aber noch nicht deutlich erklärt. Beschreibe ihn, damit aus der geordneten Darstellung tiefere Erkenntnis entsteht.

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

8.2

adhaḥ kālo'ntago rudro daśeśasthānamadhyagaḥ
padmaścordhvamadho'nantastathānye kramavartinaḥ

Übersetzung: Unten befindet sich Kala, der an das Ende führende Rudra, inmitten der Stätten der zehn Herren. Darüber ist Padma, darunter Ananta; entsprechend folgen die anderen in ihrer Ordnung.

8.3

īśvaraḥ piṅgalaḥ kālaḥ krodeśo jalado balaḥ
dhanadaḥ śaṃkaraścaite rudrakoṭyā samāvṛtāḥ

Übersetzung: Ishvara, Pingala, Kala, Krodesha, Jalada, Bala, Dhanada und Shankara sind von einer Koti, zehn Millionen, Rudras umgeben.

8.4

yadrūpo bhagavānkālastadrūpā ṛddhisaṃyutāḥ
tadrūpāstīvrataḥ tīkṣṇāḥ kālo'pyevaṃ vibhūtimān

Übersetzung: Sie besitzen dieselbe Gestalt wie der göttliche Kala und sind mit Vollkommenheit ausgestattet. Sie sind ihm gleich, heftig und scharf; auch Kala besitzt diese Herrlichkeit.

8.5

tadgṛhaṃ koṭisaṃkhyātaṃ tajjvalā daśakoṭayaḥ
nirālambaṃ tadūrdhvaṃ tu pañcakoṭimitaṃ tamaḥ

Übersetzung: Seine Wohnstätte misst eine Koti, ihre Flammen zehn Koti. Darüber befindet sich ein trägerloser dunkler Raum von fünf Koti Ausdehnung.

8.6

tadūrdhvaṃ narakā ghorāḥ kṣīṇajantusamāśrayāḥ
catvāriṃśatsamadhikaṃ śataṃ teṣāṃ pracoditam

Übersetzung: Darüber liegen die schrecklichen Höllen, die Aufenthaltsorte der leidenden Wesen. Ihre Zahl wird mit einhundertvierzig angegeben.

8.7

dvātriṃśattatra rājāno rājarājeśvarāstrayaḥ
rauravo'pi ruruścānyastamaḥ śītoṣṇatāpanāḥ

Übersetzung: Unter ihnen gibt es zweiunddreißig Herrscher und drei Oberherrscher. Genannt werden Raurava, Ruru, Tamas, Shita, Ushna und Tapana,

8.8

santāpaḥ kamalākhyaśca kambalo nīlasūtrakaḥ
sūcīmukhaḥ kṣuraścaiva †khaḍaḍgatālavaṇo'paraḥ†

Übersetzung: Santapa, Kamala, Kambala, Nilasutraka, Suchimukha, Kshura sowie weitere, deren Namensfolge als „Khadadgatalavana“ unsicher überliefert ist,

8.9

kumbhīpāko'mbarīśaśca taptāṅgāraḥ sudāhakṛt
taptalākṣāraso yaśca trapulepaḥ palāśanaḥ

Übersetzung: Kumbhipaka, Ambarisha, Taptangara, Sudahakrit, Taptalaksharasa, Trapulepa und Palashana,

8.10

ucchvāsaśca nirucchvāsastathā yugmamahīdharaḥ
śālmalī kṣutpīpāsākhyaḥ krimīṇāṃ nicayo'paraḥ

Übersetzung: Ucchvasa, Nirucchvasa, Yugmamahidhara, Shalmali, Kshutpipasa und die Ansammlung von Würmern,

8.11

lohastambhaśca viṣpūrṇo ghoro vaitaraṇī nadī
avīcī cordhvataḥ sarve catubhedagatāstvime

Übersetzung: der eiserne Pfeiler, der giftgefüllte schreckliche Bereich, der Fluss Vaitarani und Avichi darüber. Sie besitzen jeweils vier Unterteilungen.

8.12

aṣṭabhedāstrayo jñeyāḥ kumbhīpākaśca rauravaḥ
avīcī caiva piṇḍasthaṃ catvāriṃśacchataṃ matam

Übersetzung: Drei jedoch sind als achtfach unterteilt zu erkennen: Kumbhipaka, Raurava und Avichi. Zusammengerechnet werden einhundertvierzig angenommen.

8.13

ekaikasyāntaraṃ jñeyaṃ lakṣaṃ navatisaṃkhyayā
ekalakṣocchrayāḥ sarve prāṇināṃ bādhanāśrayāḥ

Übersetzung: Der Abstand zwischen jeweils zweien beträgt neunzig Laksha; ein Laksha entspricht hunderttausend. Alle sind ein Laksha hoch und Stätten der Qual für die Lebewesen.

8.14

tebhyastriṃśatsahasrāṇi nirālambaṃ sthitaṃ tamaḥ
ūrdhve ca navanavatilakṣaṃ kuṣmāṇḍamandiram

Übersetzung: Über ihnen liegen dreißigtausend an trägerlosem dunklem Raum; darüber erstreckt sich die Wohnstätte Kushmandas über neunundneunzig Laksha.

8.15

navalakṣocchritādūrdhvaṃ kuṣmāṇḍastatra tiṣṭhati
divyastrībhirvṛto ghorai rudraiścātibaloṭkataiḥ

Übersetzung: Über dem neun Laksha hohen Bereich steht Kushmanda, umgeben von himmlischen Frauen und von schrecklichen Rudras mit überaus gewaltiger Kraft.

8.16

navalakṣāntaraṃ gatvā saptapātālakaṃ bhavet
trikhaṇḍaṃ trijanākīrṇaṃ hāṭhakādhiṣṭhitaṃ bhavet

Übersetzung: Nach einem Abstand von neun Laksha folgen die sieben Unterwelten. Jede ist dreigeteilt, von drei Arten von Wesen erfüllt und von Hathaka beherrscht.

8.17

ādāvābhāsatālākhyaṃ jambūnadamayaṃ mahat
krūrā nāgāḥ surāstatra nivasanti subhoginaḥ

Übersetzung: Zuerst kommt die große, aus Jambunada-Gold bestehende Welt namens Abhasatala. Dort leben grausame Nagas und göttliche Wesen, die großen Genuss erfahren.

8.18

śaṅkhakarṇo mahānādo namuciśceti dānavāḥ
anantaḥ kulikaścaiva elāpatraśca bhoginaḥ

Übersetzung: Unter den Danavas befinden sich Shankhakarna, Mahanada und Namuchi; unter den Schlangenwesen Ananta, Kulika und Elapatra.

8.19

nāgakanyāsamāyuktānnivasanti na duḥkhitāḥ
vikaṭaḥ śūladantaśca lohitākṣaḥ palāśanaḥ

Übersetzung: Mit Naga-Mädchen verbunden, leben sie dort ohne Leid. Vikata, Shuladanta, Lohitaksha und Palashana

8.20

prākkhaṇḍe dānavā nāgā dvitīye rākṣasāḥ pare
nivasanti janākīrṇā divyastrībhogasaṃyutāḥ

Übersetzung: gehören zu den dortigen Bewohnern. Im vorderen Teil leben die Danavas, im zweiten die Nagas, im letzten die Rakshasas. Ihre Bereiche sind bevölkert und mit dem Genuss himmlischer Frauen verbunden.

8.21

daśalakṣocchrayaṃ jñeyaṃ sahasradaśavistṛtam
navasahasrakaṃ teṣāmantarālaṃ sahasrakam

Übersetzung: Die Höhe ist mit zehn Laksha, die Breite mit zehntausend angegeben. Die Bereiche messen neuntausend, der Zwischenraum eintausend.

8.22

varatālaṃ bhavedūrdhvaṃ padmarāgadharālayam
tatra prahlādo'nuhlādo vahnijijvaśca dānavāḥ

Übersetzung: Darüber liegt Varatala mit rubinrotem Boden. Dort wohnen die Danavas Prahlada, Anuhlada und Vahnijijva,

8.23

asurībhiḥ samāyuktā madhyato nāganāyakāḥ
vāsukiḥ śaṅkhapālaśca dhṛtaraṣṭro bhujaṃgamaḥ

Übersetzung: verbunden mit Asura-Frauen. In der Mitte befinden sich die Schlangenfürsten Vasuki, Shankhapala und Dhritarashtra.

8.24

divyaiśvaryayutā vyālā bhīmāstasminsukhāḥ sthitāḥ
vidyunmālī taṭijihvo hiraṇyākṣaśca te matāḥ

Übersetzung: Die gewaltigen Schlangenwesen leben dort glücklich, mit himmlischer Herrlichkeit ausgestattet. Als weitere Bewohner gelten Vidyunmali, Tatijihva und Hiranyaksha.

8.25

nitalaṃ nāma pātālamindranīlamayaṃ tataḥ
śiśupālo'ndhakāraśca tārakākhyaśca dānavāḥ

Übersetzung: Danach folgt die aus Saphir bestehende Unterwelt Nitala. Dort befinden sich die Danavas Shishupala, Andhakara und Taraka.

8.26

atyantabalabhogāḍhyāḥ sarve tasmintathā sthitāḥ
kambalaścetarastatra padmaścānyo bhujaṃgamaḥ

Übersetzung: Alle leben dort mit überaus großer Kraft und reichem Genuss. Dort wohnen auch Kambala und der weitere Schlangenkönig Padma.

8.27

yamadaṃṣṭrogradaṃṣṭrau ca viśālākṣaśca bhīṣaṇaḥ
tiṣṭhanti bhogasampannāḥ strīsahasrasamāyutāḥ

Übersetzung: Yamadamshtra, Ugradamshtra, Vishalaksha und der Furchtbare halten sich dort auf, reich an Genüssen und mit tausend Frauen verbunden.

8.28

subhagaṃ tritalaṃ nāma tato'nyaṃ puṣpabhūmikam
mahiṣaḥ kālapṛṣṭaśca daityo nāma mayo'paraḥ

Übersetzung: Darauf folgt die schöne Welt Tritala mit einem Boden aus Blumen. Dort sind Mahisha, Kalaprishtha und der Daitya namens Maya,

8.29

kārkoṭapadmanābhau ca ghantānādaḥ palāśanaḥ
mahodaro mahākāyo mahābāhurbalotkaṭaḥ

Übersetzung: Karkota und Padmanabha, Ghantanada und Palashana, Mahodara, Mahakaya und Mahabahu von gewaltiger Stärke.

8.30

tatra tiṣṭhanti nirduḥkhā nirdvandvā nirbhayā matāḥ
mahātalaṃ tu yannāma rūpyabhūmimayaṃ tataḥ

Übersetzung: Sie leben dort ohne Leid, frei von Gegensätzen und ohne Furcht. Danach folgt die Welt namens Mahatala mit einem Boden aus Silber.

8.31

dundubhistārakākhyaśca suparṇo'tha balānvitaḥ
dhanaṃjayaḥ sumālī ca bhadro nāma hi nāyakaḥ

Übersetzung: Dort sind Dundubhi, Taraka und der mächtige Suparna, ferner Dhananjaya, Sumali und der Anführer namens Bhadra.

8.32

jvālāsyo vāmanetraśca vasatyugro ratipriyaḥ
pātālaṃ nāma yaccānyatsarvaratnāñcitaṃ bhavet

Übersetzung: Dort wohnen Jvalasya, Vamanetra und der heftige, liebebegierige Ugra. Eine weitere Unterwelt namens Patala ist mit allen Edelsteinen geschmückt.

8.33

śaṅkodaro bṛhadbhogo jvālāmālī mahāsuraḥ
durdarśano durmukhaśca śvetabhadro mahoragaḥ

Übersetzung: Dort sind Shankodara, Brihadbhoga, der große Asura Jvalamali, Durdarshana, Durmukha und die große Schlange Shvetabhadra,

8.34

meghanādo'ṭṭahāsaśca bhīmo bhīmaparākramaḥ
vicitraiśvaryasaṃpannāḥ sudhānnarasasaṃyutāḥ

Übersetzung: Meghanada, Attahasa und Bhima von furchtbarer Macht. Sie sind mit vielfältiger Herrlichkeit ausgestattet und genießen nektargleiche Speisen und Säfte.

8.35

anyadrasātalaṃ nāma sarveṣāmupari sthitam
muktāphalamayī bhūmistasminbhuvanabhūṣitā

Übersetzung: Eine weitere Welt namens Rasatala liegt über all diesen. Ihr Boden besteht aus Perlen und ist mit Wohnstätten geschmückt.

8.36

†dīrghikodyānapuṣpāḍhay↠hemaprākāratoraṇā
rasāyanānnastrīyuktā siddhadravyasamākulā

Übersetzung: Sie ist reich an Teichen, Gärten und Blumen, besitzt goldene Mauern und Torbögen und ist mit verjüngenden Mitteln, Speisen, Frauen und wirkkräftigen Stoffen erfüllt. [Lesung zum Blumenreichtum unsicher.]

8.37

tatrāste śabalī baddho hariṇā vāmanena tu
takṣako nāgarājaśca rohitākṣaśca rākṣasaḥ

Übersetzung: Dort befindet sich Shabali, von Hari in seiner Gestalt als Vamana gebunden. Dort sind auch der Schlangenkönig Takshaka und der Rakshasa Rohitaksha.

8.38

pātālakanyakāścordhvamaṣṭalakṣamitāḥ sthitāḥ
nihatā dānavā yatra punaḥ pratiyuge yuge

Übersetzung: Darüber befinden sich die Mädchen der Unterwelt in einem Bereich von acht Laksha. Dort werden die Danavas in jedem Weltzeitalter erneut getötet.

8.39

tāstu tebhyaḥ †samākṣṛya† sthāpitā hāthakāgrataḥ
pātālakanyakordhve tu daśalakṣamitaṃ tamaḥ

Übersetzung: Die Mädchen werden von ihnen fortgenommen und vor Hathaka aufgestellt. [Lesung des Fortnehmens unsicher.] Über dem Bereich der Unterweltmädchen liegt Dunkelheit von zehn Laksha Ausdehnung.

8.40

tasyordhvaṃ navalakṣaistu sthito vai hāṭhakeśvaraḥ
tadgṛhaṃ hemaratnāḍhyaṃ divyastrībhogasaṃyutam

Übersetzung: Neun Laksha darüber befindet sich Hathakeshvara. Seine Wohnstätte ist reich an Gold und Edelsteinen und mit dem Genuss himmlischer Frauen verbunden.

8.41

taddhyānajapayuktā ye tadbhogaṃ prāpnuvanti te
pātāladvārapālitvaṃ tacchivenāsya kīrtitam

Übersetzung: Wer sich seiner Meditation und seiner Mantrawiederholung widmet, erlangt die Genüsse dieser Welt. Shiva hat ihm die Aufgabe als Wächter des Unterwelttores zugesprochen.

8.42

haṭhādbhinatti yantrāṇi tenāyaṃ hāṭhako mataḥ
pūrvoditapramāṇena sthitaḥ pātālasaṃgrahaḥ

Übersetzung: Weil er die Sperrvorrichtungen mit Gewalt durchbricht, gilt er als Hathaka. Die Gesamtheit der Unterwelten besitzt die zuvor genannte Ausdehnung.

8.43

tato'ṣṭaśītilakṣāṇi dve ca koṭī pramāṇataḥ
bhūpṛṣṭhaṃ sakaṭāhena koṭimānena tatsamam

Übersetzung: Von dort bis zur Erdoberfläche werden achtundachtzig Laksha und zwei Koti gemessen. Hinzu kommt die ebenso bemessene Schale von einer Koti.

8.44

evamekīkṛtaṃ sarvaṃ pañcāśatkoṭayaḥ sthitāḥ
bhūlokastatra vikhyātaḥ saptadvīpārṇavānvitaḥ

Übersetzung: Alles zusammengenommen ergibt fünfzig Koti. Dort liegt die als Bhuloka bekannte Erdwelt mit ihren sieben Kontinenten und Meeren.

8.45

jambūḥ śākaḥ kuśaḥ krauñcaḥ śālmalī ca tathā paraḥ
gomedaḥ puṣkarākhyaśca saptadvīpāḥ prakīrtitāḥ

Übersetzung: Jambu, Shaka, Kusha, Krauncha, Shalmali, Gomeda und Pushkara werden als die sieben Kontinente verkündet.

8.46

kṣāraḥ kṣīro dadhiḥ sarpirikṣurmadyapayonidhiḥ
tataḥ †svādūdakodanvāntasmādidvaguṇataḥ† sthitāḥ

Übersetzung: Die Meere bestehen aus Salzwasser, Milch, Dickmilch, geklärter Butter, Zuckerrohrsaft und Wein; danach folgt das Meer aus süßem Wasser. Sie sind jeweils doppelt so groß wie das vorherige. [Lesung der Verdoppelung unsicher.]

8.47

lakṣayojanavistīrṇaṃ jambūdvīpaṃ samantataḥ
navakhaṇḍaṃ ca tajjñeyaṃ merumadhyaṃ saparvatam

Übersetzung: Jambudvipa erstreckt sich ringsum über hunderttausend Yojana. Man soll ihn als neunteilig erkennen, mit Meru in der Mitte und weiteren Bergen.

8.48

sa merurhemasambhūtiḥ śarāvākṛtimastakaḥ
praviṣṭaḥ ṣoḍaśādhastātsahasrāṇi savartulaḥ

Übersetzung: Meru besteht aus Gold und besitzt einen Gipfel in Gestalt einer Schale. Er ist rund und reicht sechzehntausend Yojana in die Tiefe.

8.49

ucchrayeṇa sahasrāṇāmaśītiścaturanyathā
tribhiḥ sṛṅgaiḥ samāyukto rukmakāñcanaratnajaiḥ

Übersetzung: Seine Höhe beträgt vierundachtzigtausend. Er besitzt drei Gipfel aus den als Rukma und Kanchana bezeichneten Edelmetallen sowie aus Edelsteinen.

8.50

kṛṣṇasya rājataṃ śṛṅgaṃ sauvarṇaṃ brahmaṇo matam
ratnajaṃ śāṃkaraṃ sthānaṃ tadadho'marasaṃsthitiḥ

Übersetzung: Krishnas Gipfel gilt als silbern, der Brahmas als golden. Shankaras Stätte besteht aus Edelsteinen; unter ihr liegen die Wohnsitze der Götter.

8.51

sthitāmaravatī pūrve purī cendrasya hemajā
tejovatī sthitāgneyyāṃ vahneḥ kamalalohitā

Übersetzung: Im Osten befindet sich Amaravati, Indras goldene Stadt. Im Südosten liegt Tejovati, die Stadt des Feuergottes, rot wie ein Lotus.

8.52

vaivasvatī yamasyāpi dakṣiṇe'ñjanasaṃnibhā
rakṣovatī ca nairṛtyāṃ nirṛteḥ kṛṣṇalohavat

Übersetzung: Im Süden liegt Yamas Vaivasvati, dunkel wie Augenschminke. Im Südwesten liegt Nirritis Rakshovati, wie schwarzes Eisen.

8.53

vāruṇyāṃ śuddhavatyākhyā varuṇasyendusaṃnibhā
vāyavye gandhavatyākhyā vāyormarakatātmikā

Übersetzung: Im Westen liegt Varunas Stadt Shuddhavati, dem Mond gleichend. Im Nordwesten liegt Gandhavati, die smaragdene Stadt Vayus.

8.54

uttare sarvaratnāḍhyā kuberasya mahodayā
yaśovatī sthitā śuklā harasyeśānagocare

Übersetzung: Im Norden liegt Kuberas Mahodaya, reich an allen Edelsteinen. Im Nordosten liegt die weiße Yashovati Haras.

8.55

meroścaiva caturdikṣu sthitāstvanye mahānagāḥ
pūrvasminmandaro nāma dakṣiṇe gandhamādanaḥ

Übersetzung: In den vier Richtungen um Meru stehen weitere große Berge: im Osten Mandara, im Süden Gandhamadana.

8.56

vipulaḥ paścime jñeyaḥ supārśvaścottare sthitaḥ
kadambo mandare jñeyo jambūḥ syādgandhamādane

Übersetzung: Im Westen steht Vipula, im Norden Suparshva. Auf Mandara befindet sich ein Kadamba-Baum, auf Gandhamadana ein Jambu-Baum.

8.57

aśvattho vipule jñeyaḥ supārśve ca vaṭo mataḥ
sarāṃsyupavanānyatra pūrvataścāruṇodakam

Übersetzung: Auf Vipula steht ein Ashvattha-Baum, auf Suparshva ein Vata-Baum. Dort gibt es auch Seen und Gärten; im Osten liegt Arunodaka.

8.58

mānasaṃ dakṣiṇe jñeyaṃ śītodaṃ paścime tataḥ
mahāhrādamuttaratastataścaitrarathaṃ vanam

Übersetzung: Im Süden liegt Manasa, im Westen Shitoda, im Norden Mahahrada. Es folgen die Wälder Chaitraratha,

8.59

mandanaṃ tu savaibhrājaṃ dhṛtasaṃjñaṃ kramātsthitam
tatra dakṣiṇato meroḥ sthitametannagatrayam

Übersetzung: Mandana, Vaibhraja und Dhrita in entsprechender Reihenfolge. Südlich des Meru liegen die folgenden drei Berge:

8.60

niṣadho hemakūṭaśca himavāniti viśrutaḥ
meroruttarato'drīṇāṃ tritayaṃ cāpi saṃsthitam

Übersetzung: Nishadha, Hemakuta und der bekannte Himavan. Auch nördlich des Meru liegt eine Gruppe von drei Bergen:

8.61

nīlaḥ śveto giriścaiva śṛṅgavānnāma cāparaḥ
sahasradvayavistīrṇāḥ samudrāvadhayo matāḥ

Übersetzung: Nila, Shveta und der weitere Berg namens Shringavan. Sie sind zweitausend Yojana breit und reichen bis zum Meer.

8.62

malyavānpūrvato merorsthito yojanasaṃkhyayā
sahasravistṛtastārkṣya gandhākhyaḥ paścime tataḥ

Übersetzung: Östlich des Meru steht Malyavan, tausend Yojana breit, Garuda; westlich davon liegt der Berg namens Gandha.

8.63

nagānnagāntaraṃ yacca taddeśo varṣa ucyate
himavatsindhumadhyasthaṃ bhārataṃ cāpavatsthitam

Übersetzung: Das Land zwischen zwei Bergen wird Varsha genannt. Bharata liegt zwischen Himavan und dem Meer und besitzt die Gestalt eines Bogens.

8.64

sahasranavasaṃkhyātaṃ varṣaṃ kiṃpuruṣaṃ punaḥ
tadavāgghemakūṭasyottarato himavadgireḥ

Übersetzung: Das Gebiet Kimpurusha misst neuntausend. Es liegt südlich des Hemakuta und nördlich des Himavan.

8.65

dīrghaṃ tacca samākhyātaṃ tatastu harisaṃjñakam
uttare hemakūṭasya dakṣiṇe niṣadhasya ca

Übersetzung: Es wird als langgestreckt beschrieben. Danach folgt das Gebiet namens Hari, nördlich des Hemakuta und südlich des Nishadha.

8.66

prākpramāṇaṃ tu tanmeroḥ bhadrāśvaṃ pūrvato bhavet
abdhimālyavatormadhye dvātriṃśatkasahasrakam

Übersetzung: Es besitzt die zuvor genannte Ausdehnung. Östlich des Meru liegt Bhadrashva zwischen dem Meer und Malyavan, zweiunddreißigtausend groß.

8.67

meroḥ paścimato jñeyaṃ ketumalaṃ tu tādṛśam
gandhākhyasya samudrasya madhye madhya ilāvṛtam

Übersetzung: Westlich des Meru liegt das ebenso beschaffene Ketumala zwischen dem Berg Gandha und dem Meer. In der Mitte befindet sich Ilavrita.

8.68

sumerośca caturdikṣu navasahasravistṛtam
sumeroḥ pārśvato'trāṣṭau sahasrāṇi tathā punaḥ

Übersetzung: Dieses erstreckt sich in den vier Richtungen um Sumeru über neuntausend. An den Seiten des Sumeru werden hier außerdem achttausend angegeben.

8.69

sumeroruttare kāmyo nīlaśvetādrimadhyagaḥ
paraṃ hiraṇyakaṃ tasmāddīrghaṃ kiṃpuruṣaṃ yathā

Übersetzung: Nördlich des Sumeru liegt das schöne Gebiet zwischen Nila und Shveta. Dahinter liegt Hiranyaka, langgestreckt wie Kimpurusha.

8.70

śṛṅgādriśvetayormadhye śvetādūrdhvaṃ hiraṇyakam
śṛṅgādreruttare jñeyo jaladherdakṣiṇe kuruḥ

Übersetzung: Hiranyaka liegt zwischen den Bergen Shringa und Shveta, jenseits des Shveta. Nördlich des Shringa und südlich des Meeres liegt Kuru.

8.71

candrārdhavacca tajjñeyaṃ bhārataṃ kīrtitaṃ yathā
bhārataṃ tatpunarjñeyaṃ navakhaṇḍayutaṃ tataḥ

Übersetzung: Dieses besitzt die Gestalt eines Halbmondes, wie es auch für Bharata beschrieben wurde. Bharata wiederum ist in neun Teile gegliedert:

8.72

indrasaṃjñaḥ kaśeruśca tāmravarṇo gabhastimān
nāgaḥ saumyaśca gāndharvo vāruṇaśca kumārikā

Übersetzung: Indra, Kasheru, Tamravarna, Gabhastiman, Naga, Saumya, Gandharva, Varuna und Kumarika.

8.73

sudīrghe tatra kanyākhye dvīpe varṇacatuṣṭayam
śeṣāṇi mlecchayuktāni śatapañcāyutaṃ ca tat

Übersetzung: Auf dem langen, Kanya genannten Landteil befinden sich die vier Stände. Die übrigen sind von Mlecchas bewohnt. Die folgende Maßangabe lautet „shatapancha-ayuta“ [ihre Zahlengliederung ist unsicher],

8.74

tadyojanasahasrāṇi †saṃlecchānītarāṇi† tu
mahendro malayaḥ sahyaḥ śuktimānṛkṣaparvataḥ

Übersetzung: bezogen auf Tausende von Yojana; auch die Aussage über die übrigen, von Mlecchas bewohnten Bereiche ist im Druck gestört. Mahendra, Malaya, Sahya, Shuktiman und Riksha,

8.75

vindhyaśca pāriyātraśca saptaite kulaparvatāḥ
arvāg himavataḥ kṣāraḥ śatāni nava tasya hi

Übersetzung: Vindhya und Pariyatra sind die sieben Hauptgebirge. Diesseits des Himavan liegt das Salzmeer; für dieses werden neunhundert angegeben.

8.76

atikramya ṣaḍanyāni dvīpāni sukhadāni tu
aṅgadvīpaṃ yamākhyaṃ ca malayaṃ śaṅkhasaṃjñakam

Übersetzung: Jenseits davon befinden sich sechs weitere, Genuss gewährende Inseln: Angadvipa, die Insel namens Yama, Malaya, Shankha,

8.77

kumudaṃ varāhasaṃjñāṃ malaye malayācalaḥ
tatpāde hemajā laṅkā purī krūrālayā matā

Übersetzung: Kumuda und Varaha. Auf Malaya liegt der Berg Malayachala. An seinem Fuß liegt die goldene Stadt Lanka, die als Wohnstätte grausamer Wesen gilt.

8.78

evaṃ samāsataḥ proktaṃ jambūdvīpamidaṃ khaga
tasyaiva lakṣamātrasya kṣārodastatsamo bhavet

Übersetzung: So wurde dir Jambudvipa in Kürze beschrieben, Garuda. Er misst hunderttausend; das Salzmeer ist ebenso groß.

8.79

†kṣārodādidvaguṇaḥ† kṣīraḥ kṣīrodāddadhisaṃjñakaḥ
dadhnaśca sarpisaṃjñaśca tasmācca dviguṇo rasaḥ

Übersetzung: Das Milchmeer ist doppelt so groß wie das Salzmeer. Auf das Milchmeer folgt das Meer aus Dickmilch, auf dieses das Meer aus geklärter Butter; doppelt so groß wie dieses ist das Meer aus Saft. [Erste Verdoppelungsformel unsicher.]

8.80

†rasāttadidvagunaṃ† madyaṃ tasmātsvādūdakaṃ tathā
jambūdvīpāttathā śākaḥ śākācca kuśasaṃjñakaḥ

Übersetzung: Doppelt so groß wie das Saftmeer ist das Weinmeer; entsprechend folgt darauf das Süßwassermeer. Ebenso folgt auf Jambudvipa Shaka und auf Shaka der Kusha genannte Kontinent. [Erste Zahlenformulierung unsicher.]

8.81

kuśātkrauñco vinirdiṣṭaḥ krauñcāttacchālmalīti ca
tasmādgomedasaṃjñaśca gomedātpuṣkaraṃ punaḥ

Übersetzung: Auf Kusha folgt Krauncha, auf Krauncha Shalmali, auf diesen Gomeda und auf Gomeda wiederum Pushkara.

8.82

jñeyaṃ svādūdakaṃ tatra tato bhūmirhiraṇmayī
daśakoṭimitā jñeyā krīḍārthaṃ syāddivaukasām

Übersetzung: Dort liegt das Süßwassermeer. Danach folgt ein goldenes Land von zehn Koti Ausdehnung, das dem Spiel der Himmelsbewohner dient.

8.83

tasyāṃ cādriḥ paro jñeyo lokāloka iti śrutaḥ
sahasradaśavistīrṇo deśānāmāśrayo bhuvi

Übersetzung: Dort liegt ein weiterer Berg namens Lokaloka. Er ist zehntausend breit und bildet auf der Erde die Grenze der bewohnten Bereiche.

8.84

arvāgloko na lokordhvaṃ lokālokastatastu saḥ
tasyāpi parato jñeyo gandhodastu samudrarāt

Übersetzung: Diesseits liegt die Welt, jenseits keine Welt; deshalb heißt er Lokaloka. Jenseits von ihm liegt Gandhoda, der König der Meere aus duftendem Wasser.

8.85

yatpramāṇaṃ tu sarveṣāṃ tatprāmāṇaṃ tatastamaḥ
saptatyardhena koṭīnāṃ lakṣānyekonaviṃśatiḥ

Übersetzung: Seine Ausdehnung entspricht der aller vorigen Bereiche zusammen. Danach folgt Dunkelheit von fünfunddreißig Koti, neunzehn Laksha

8.86

catvāriṃśatsahasrāṇi koṭisthaulyātkaṭāhakam
tiryadmedinīparyantaṃ śatakoṭyardhavistṛtam

Übersetzung: und vierzigtausend. Die Schale besitzt eine Dicke von einer Koti. Die waagerechte Ausdehnung bis zum Rand der Erde beträgt die Hälfte von einhundert Koti.

8.87

bhūrbhuvaḥ svardhruvāntaṃ syāllakṣapañcadaśānvitam
pañcāśītiśca lakṣānaṃ koṭidvayamaho bhavet

Übersetzung: Die Bereiche Bhur, Bhuvar und Svar bis zum Polarstern umfassen fünfzehn Laksha. Für Mahar werden zwei Koti und fünfundachtzig Laksha angegeben.

8.88

koṭyaṣṭakaṃ jano jñeyastapo dvādaśakoṭikam
daśaṣaṭkoṭayaḥ satyaṃ tasmādūrdhvaṃ pratiṣṭhitam

Übersetzung: Jana ist mit acht Koti anzusetzen, Tapas mit zwölf Koti. Satya liegt darüber mit sechzehn Koti Ausdehnung.

8.89

tasmādūrdhvaṃ bhavedbrahmā koṭitrayamitaḥ khaga
tribhiśca koṭibhirviṣṇuścaturbhiśca haraḥ sthitaḥ

Übersetzung: Darüber befindet sich Brahmas Bereich, der drei Koti misst, Garuda; Vishnus Bereich umfasst ebenfalls drei Koti, Haras vier.

8.90

brahmāṇḍamūrdhvataḥ koṭiḥ sthaulyatvena vyavasthitam
eṣu lokeṣu tiṣṭhanti bhāskarādyā grahāḥ śubhāḥ

Übersetzung: Die obere Schale des Welteis besitzt eine Dicke von einer Koti. In diesen Welten befinden sich die günstigen Himmelskörper, beginnend mit der Sonne.

8.91

nivasanti surāḥ siddhā vimānasthā mahaujasaḥ
bhūlokādyāvadaṇḍaṃ tu pañcaśatkoṭayo matāḥ

Übersetzung: Dort wohnen Götter und Siddhas von großer Kraft in himmlischen Fahrzeugen. Von der Erdwelt bis zur Schale nennt der Druck „panchashat Koti“ [Zahlenangabe unsicher.].

8.92

kālāgnimāditaḥ kṛtvā tadvatsaṃkhyordhvataḥ sthitā
brahmāṇḍadhārakā rudrāḥ śatasaṃkhyā vikalpitāḥ

Übersetzung: Vom Bereich Kalagni an gerechnet, besteht die entsprechende Ausdehnung nach oben. Einhundert Rudras werden als Träger des Welteis angesetzt.

8.93

ekaikasmindiśāṃ bhāge daśasaṃkhyā sthitāstvime
kapāliśo hyajo buddho vajradehaḥ pramardanaḥ

Übersetzung: In jedem Richtungsbereich stehen jeweils zehn. Dazu gehören Kapalisha, Aja, Buddha, Vajradeha und Pramardana,

8.94

vibhūtiravyayaḥ śāstā pinākī tridaśādhipaḥ
indravīryaṃ samākramya saṃsthitāśca supūjitāḥ

Übersetzung: Vibhuti, Avyaya, Shasta, Pinaki und Tridashadhipa. Sie haben Indras Macht übernommen, stehen in seinem Bereich und werden gebührend verehrt.

8.95

agnī rudro hutāśī ca piṅgalaḥ khādako haraḥ
jvalano dahano babhrurbhasmāntakakṣayāntakau

Übersetzung: Agnirudra, Hutashi, Pingala, Khadaka, Hara, Jvalana, Dahana, Babhru, Bhasmantaka und Kshayantaka

8.96

agneyāṃ saṃsthitāstvete pūjitāstena rudravat
yāmyo mṛtyurharo dhātā vidhātā kartṛsaṃjñakaḥ

Übersetzung: stehen im Südosten und werden vom dortigen Herrn wie Rudra verehrt. Yamya, Mrityu, Hara, Dhata, Vidhata und der Kartri genannte,

8.97

saṃyoktā ca viyoktā ca kālo dharmapatiḥ smṛtaḥ
yamasya balamākramya yamenaiva supūjitāḥ

Übersetzung: Samyokta, Viyokta, Kala und Dharmapati haben Yamas Macht übernommen und werden von Yama selbst gebührend verehrt.

8.98

nirṛtirmaraṇo hantā krūradṛṣṭirbhayānakaḥ
ūrdhvaśepho virūpākṣo dhūmro lohitadaṃṣṭravān

Übersetzung: Nirriti, Marana, Hanta, Kruradrishti, Bhayanaka, Urdhvashepha, Virupaksha, Dhumra und der mit roten Zähnen Versehene

8.99

nirṛterbalamākramya sthitāstenaiva pūjitāḥ
balaścātibalaścaiva pāśahasto mahābalaḥ

Übersetzung: haben Nirritis Macht übernommen und werden von ihm selbst verehrt. Bala, Atibala, Pashahasta und Mahabala,

8.100

śvetaśca jayabhadraśca dīrghabāhurjalāntakaḥ
baḍabāmukhabhīmau ca varuṇena supūjitāḥ

Übersetzung: Shveta, Jayabhadra, Dirghabahu, Jalantaka, Badabamukha und Bhima werden von Varuna gebührend verehrt.

8.101

śīghro laghurvāyuvegaḥ sūkṣmastīkṣṇaḥ kṣayāntakaḥ
pañcāntakaḥ pañcaśikhaḥ kapardī meghavāhanaḥ

Übersetzung: Shighra, Laghu, Vayuvega, Sukshma, Tikshna, Kshayantaka, Panchantaka, Panchashikha, Kapardi und Meghavahana:

8.102

vāyoḥ priyāḥsadā hyete daśarudrā mahābalāḥ
jaṭāmakuṭadhārī ca nānāratnadharo'paraḥ

Übersetzung: Diese zehn mächtigen Rudras sind Vayu stets lieb. Es folgen der Träger einer Flechtenkrone und der Träger vieler Edelsteine,

8.103

nidhīśo rūpavāndhanyaḥ saumyadehaḥ prasādakṛt
prakāśako'tha lakṣmīvānprakāśaḥ somadevatāḥ

Übersetzung: Nidhisha, Rupavan, Dhanya, Saumyadeha, Prasadakrit, Prakashaka, Lakshmivan und Prakasha; sie sind Soma zugeordnet.

8.104

vidyeśo jñānavāntajjño vedajño mātṛpiṅgalaḥ
bhūtapālo balirmitraḥ sarvavidyādhipaḥ sudhīḥ

Übersetzung: Vidyesha, der Wissende, der Kundige, der Kenner des Veda, Matripingala, Bhutapala, Bali, Mitra, der Herr aller Wissensgebiete, der Einsichtige

8.105

duḥkhahacca tato rudra īśamitrā ime daśa
anantaḥ pālako vīraḥ kapālīśo vṛṣadhvajaḥ

Übersetzung: und der Leid beseitigende Rudra werden als jene zehn Gefährten Ishas genannt. Es folgen Ananta, Palaka, Vira, Kapalisha und Vrishadhvaja,

8.106

sudhīścaivograśarvau ca śubhro vai lohito'paraḥ
viṣṇviśāna mahātmānaḥ sukhino mṛtyuvarjitāḥ

Übersetzung: Sudhi, Ugra, Sharva, Shubhra und der weitere namens Lohita. Diese großen, Vishnu und Ishana zugeordneten Wesen sind glücklich und frei vom Tod.

8.107

śambhurvibhurgaṇādhyakṣastryakṣastridaśavanditaḥ
saṃvāhaśca vivāhaśca nabho lipsurvicakṣaṇaḥ

Übersetzung: Shambhu, Vibhu, Ganadhyaksha, Tryaksha, Tridashavandita, Samvaha, Vivaha, Nabhas, Lipsu und Vichakshana:

8.108

evaṃ te daśasaṃkhyoktā rudrā brahmādhidevatāḥ
brahmāṇḍaṃ samatikramya jalaṃ daśaguṇaṃ bhavet

Übersetzung: So wurden dir die zehn Rudras genannt, deren übergeordnete Gottheit Brahma ist. Jenseits des Welteis liegt das zehnmal größere Wasserprinzip.

8.109

amareśaṃ prabhāsaṃ ca naimiśaṃ puṣkaraṃ tathā
āṣāḍhiṃ caiva diṇḍiṃ ca bhārabhūtiṃ ca lakuli

Übersetzung: Amareshvara, Prabhasa, Naimisha, Pushkara, Ashadhi, Dindi, Bharabhuti und Lakuli:

8.110

atiguhyāṣṭakaṃ hyetajjalāvaraṇasaṃsthitam
tejastattvaṃ tadūrdhvaṃ tu tejorūpajanākulam

Übersetzung: Diese überaus geheime Achtergruppe besteht in der Wasserhülle. Darüber liegt das Feuerprinzip, erfüllt von Wesen, deren Gestalt aus Feuer besteht.

8.111

hariścandraṃ ca śrīśailaṃ †jalpamamrātikeśvaram†
madhyamaṃ ca mahākālaṃ kedaraṃ bhairavaṃ tathā

Übersetzung: Harishchandra, Shrishaila, die unsicher überlieferte Namensgruppe „Jalpa und Amratikeshvara“, Madhyama, Mahakala, Kedara und Bhairava:

8.112

atiguhyāṣṭakaṃ hyetattejastattve pratiṣṭhitam
vāyutattvaṃ sthitaṃ tasmāddaśadhāvṛtya taijasam

Übersetzung: Diese überaus geheime Achtergruppe ist im Feuerprinzip gegründet. Darauf folgt das Luftprinzip, das den Feuerbereich zehnfach umhüllt.

8.113

gayā tathā kurukṣetraṃ nākhalaṃ nakhalaṃ tathā
vimalaṃ cāṭṭahāsaṃ ca mahendraṃ bhīmamaṣṭamam

Übersetzung: Gaya, Kurukshetra, Nakhala mit langem Anfangsvokal, Nakhala mit kurzem Anfangsvokal, Vimala, Attahasa, Mahendra und als achter Bhima:

8.114

guhyādguhyataraṃ hyetadvāyvāvaraṇamāsthitam
tadūrdhvaṃ bhavati vyoma pañcamaṃ rūpavarjitam

Übersetzung: Diese geheimere Gruppe jenseits des Geheimen besteht in der Lufthülle. Darüber liegt als fünftes Element der Raum, der keine sichtbare Gestalt besitzt.

8.115

vastrapādaṃ rudrakoṭimavimuktaṃ mahālayam
gokarṇaṃ bhadrakarṇaṃ ca svarṇākṣaṃ sthānusaṃjñakam

Übersetzung: Vastrapada, Rudrakoti, Avimukta, Mahalaya, Gokarna, Bhadrakarna, Svarnaksha und die Sthanu genannte Stätte:

8.116

pavitrāṣṭakametaddhi vyomatattve pratiṣṭhitam
daśadhā tadatikramya syādahaṃkārasaṃjñakam

Übersetzung: Diese heilige Achtergruppe ist im Raumprinzip gegründet. Zehnfach darüber hinaus reicht das Ahamkara genannte Prinzip des Ichbezugs.

8.117

chagalaṇḍaṃ dviraṇḍaṃ ca makoṭaṃ maṇḍaleśvaram
kālāñjaraṃ paraṃ caiva śaṅkhakarṇaṃ sthaleśvaram

Übersetzung: Chagalanda, Dviranda, Makota, Mandaleshvara, Kalanjara, Para, Shankhakarna und Sthaleshvara

8.118

sthūleśvaraṃ ca vikhyātamahaṃkāre pratiṣṭhitam
sthānvaṣṭakamiti khyātaṃ tadūrdhvaṃ buddhisaṃjñakam

Übersetzung: werden genannt; auch die Form Sthuleshvara ist bekannt. Diese im Ahamkara gegründete Gruppe heißt die Achtergruppe Sthanus. Darüber liegt das Buddhi genannte Prinzip der unterscheidenden Erkenntnis.

8.119

paiśācaṃ rākṣasaṃ yākṣaṃ gandharvaṃ caindraṃ saumyakam
prajeśambrāhmasaṃjñaṃ ca devayonyaṣṭakaṃ matam

Übersetzung: Die Bereiche der Pishachas, Rakshasas, Yakshas, Gandharvas, Indras, Somas, Prajapatis und Brahmas gelten als die acht göttlichen Ursprungsbereiche.

8.120

buddhitattvāttato gauṇaṃ tatrādau cākṛtaṃ bhavet
kṛtaṃ ca bhairavaṃ brāhmyaṃ vaiṣṇavaṃ ca kumārakam

Übersetzung: Auf das Buddhi-Prinzip folgt der Bereich der Gunas. Dort befinden sich zunächst Akrita, Krita, Bhairava, Brahmya, Vaishnava und Kumaraka,

8.121

aumaṃ śrīkaṇṭhasaṃjñaṃ ca gauṇaṃ yogāṣṭakaṃ matam
tato'vyaktaṃ pradhānaṃ ca mahādevāṣṭakālayam

Übersetzung: ferner Auma und Shrikantha. Sie gelten als die yogische Achtergruppe im Guna-Bereich. Darauf folgt das Unentfaltete, die Urnatur, als Wohnstätte einer Achtergruppe großer Götter.

8.122

krodheśaścaṇḍasaṃvarto jyotiḥ piṅgalasūrakau
pañcāntakaikavīraśca śikhedaśca sthitāstviha

Übersetzung: Krodhesha, Chandasamvarta, Jyotis, Pingala, Suraka, Panchantaka, Ekavira und Shikheda halten sich dort auf.

8.123

avyaktādrāgatattvaṃ tu śatadhā vyāpya saṃsthitam
mahātejo vāmadevo bhavaścodhava eva ca

Übersetzung: Auf das Unentfaltete folgt das Prinzip Raga, das es hundertfach umfasst. Mahatejas, Vamadeva, Bhava und Odhava,

8.124

ekapiṅgekṣaneśānau bhuvaneśvara eva ca
aṅguṣṭhamātrasahitā rāgasthā vīryasaṃyutāḥ

Übersetzung: die Namensgruppe „Ekapingekshaneshanau“, Bhuvaneshvara und Angushthamatra bestehen kraftvoll im Raga-Prinzip. [Gliederung der Namensgruppe unsicher.]

8.125

tatraiva puruṣo jñeyaḥ pradhānagṛhapālakaḥ
rāgatattvāttu vidyākhyamaśuddhaṃ paśumohakam

Übersetzung: Dort ist auch Purusha zu erkennen, der Hüter des Hauses der Urnatur. Auf das Raga-Prinzip folgt das unreine, Vidya genannte Prinzip, das die Seelen verblendet.

8.126

vāmadevo'tha bhīmaśca ugraśca bhavasaṃjñakaḥ
sarveśānaikavīraśca pracaṇḍaśceśvaraḥ prabhuḥ

Übersetzung: Vamadeva, Bhima, Ugra, Bhava, Sarveshana, Ekavira, Prachanda und der mächtige Ishvara,

8.127

umābhartā hyajo'nanta ekaścaiva śivaḥ punaḥ
vidyātattve sthitā hyete rudrāścātibalotkaṭāḥ

Übersetzung: der Gemahl Umas, Aja, Ananta, Eka und Shiva: Diese überaus mächtigen Rudras bestehen im Vidya-Prinzip.

8.128

tataḥ kālaniyatyākhyau saṃpuṭau vyāpya lakṣadhā
vāmo halāhalaścaiva krodhano baḍabāmukhaḥ

Übersetzung: Darauf folgen die beiden Hüllen namens Kala und Niyati, die den vorigen Bereich hunderttausendfach umfassen. Vama, Halahala, Krodhana und Badabamukha,

8.129

ucchuṣmaḥ śambaraścaṇḍā mataṅgo ghorarūpiṇāḥ
adhastātsaṃsthitā hyete tebhyaḥ sthūlagaṇo'paraḥ

Übersetzung: Ucchushma, Shambara, Chanda und Matanga besitzen furchtbare Gestalten und stehen unten. Über ihnen folgt der weitere namens Sthulagana,

8.130

vaṭarudrastataścānyo hululaśca tato'paraḥ
kālatattvātkalā jñeyā lakṣāyutaparicchadā

Übersetzung: darauf Vatarudra und wiederum Hulula. Auf das Kala-Prinzip folgt Kalā, dessen Umfang mit einem Laksha mal einem Ayuta angegeben wird.

8.131

vāmo jyeṣṭhaśca rudraśca kālaścaiva kalastathā
balavikaraṇaścānyo balapramathano'paraḥ

Übersetzung: Vama, Jyeshtha, Rudra, Kala und Kala mit kurzem letzten Vokal, ferner Balavikarana und Balapramathana,

8.132

damanaḥ sarvabhūtānāṃ manaśconmana eva ca
vigraheśasamāyuktāḥ kalātattve vyavasthitāḥ

Übersetzung: der Bezwinger aller Wesen, Manas und Unmanas bestehen zusammen mit Vigrahesha im Kalā-Prinzip.

8.133

tadūrdhvaṃ tu bhavenmāyā koṭimvyāpya sthitā hyadhaḥ
gahano'sādhyanāmā ca tathā hariharāvubhau

Übersetzung: Darüber liegt Maya, deren unterer Bereich eine Koti umfasst. Dort sind Gahana, der Asadhya Genannte sowie Hari und Hara,

8.134

daśeśānaśca deveśastrigalo gopatiḥ punaḥ
te hyadhaḥ puṭasaṃsthānādūrdhvaṃ kṣemīśa ucyate

Übersetzung: Dasheshana, Devesha, Trigala und Gopati. Sie befinden sich im unteren Hüllenbereich; darüber wird Kshemisha genannt.

8.135

brahmasvāmī ca vidyeśo viśveśaśca śivastathā
anantasahitā hyete māyātattvanivāsinaḥ

Übersetzung: Brahmasvami, Vidyesha, Vishvesha und Shiva wohnen zusammen mit Ananta im Maya-Prinzip.

8.136

tato vidyā ca yā śuddhā koṭyayutagatā matā
anantaśca tathā sūkṣmaḥ śivaścottamasaṃjñakaḥ

Übersetzung: Darauf folgt die reine Vidya, deren Ausdehnung als eine Koti mal ein Ayuta angegeben wird. Dort sind Ananta, Sukshma und Shiva mit dem Namen Uttama,

8.137

ekanetraikarudrau ca trimūrtiraparastathā
śrīkaṇṭhaśca śikhaṇḍī ca vāmādyā navaśaktayaḥ

Übersetzung: Ekanetra, Ekarudra, Trimurti, Shrikantha und Shikhandi sowie die neun Kräfte, beginnend mit Vama.

8.138

dharmādyāścaraṇāstatra tataśceśvarasaṃjakaḥ
nivṛttiśca pratiṣṭhā ca vidyā śāntistathaiva ca

Übersetzung: Dharma und die übrigen bilden dort die Füße des Sitzes. Danach folgt das Ishvara genannte Prinzip. Nivritti, Pratishtha, Vidya und Shanti

8.139

īśvare tu sthitā hyetāstatastattvaṃ sadāśivam
tatra brahmāṅgasaṃghātaḥ punaḥ †śaktidyayaṃ† bhavet

Übersetzung: bestehen in Ishvara. Danach folgt das Prinzip Sadashiva. Dort befindet sich die Gesamtheit der Brahma- und Gliedmantras, dann ein Paar von Kräften. [Lesung für „Paar“ unsicher.]

8.140

tatastanniṣkalaṃ tattvaṃ nirguṇaṃ nirmalaṃ śivam
atīndriyaṃ sthitaṃ śuddhaṃ vyāpakaṃ śūnyalakṣaṇam

Übersetzung: Darauf folgt das teilfreie Prinzip Shiva: ohne die Qualitäten der Urnatur, fleckenlos, jenseits der Sinne, rein, alldurchdringend und durch Leerheit gekennzeichnet.

8.141

evamadhvā samākhyātaḥ śivāntastārkṣya te mayā

Übersetzung: So habe ich dir den kosmischen Weg beschrieben, der bis zu Shiva reicht, Garuda.

iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre vidyāpāde bhuvanapaṭalo'ṣṭamaḥÜbersetzung: Damit endet im Erkenntnisteil des ehrwürdigen großen Tantra namens Kirana das achte Kapitel über die Welten.

Kapitel 9: Das Shiva-Prinzip

śivatattvapaṭalaḥÜbersetzung: Kapitel über das Shiva-Prinzip.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

9.1

śivatattvaṃ kathaṃ śūnyaṃ yacchūnyaṃ nākṣagocaram
pratyakṣaṃ cākṣavijñānaṃ tadatītaṃ na kiṃcana

Übersetzung: Wie kann das Shiva-Prinzip leer sein? Was leer ist, ist den Sinnen nicht zugänglich. Unmittelbare Wahrnehmung ist Erkenntnis durch die Sinne; jenseits davon gibt es nichts.

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

9.2

māyā heyā śivo grāhyo grāhakaḥ puruṣaḥ smṛtaḥ
māyādharmaiḥ śivaḥ śūnyaḥ paśumalaviyogataḥ

Übersetzung: Maya ist das zu Überwindende, Shiva das zu Erkennende, und die Seele gilt als die Erkennende. Shiva ist leer von den Eigenschaften der Maya, weil er mit der Unreinheit der gebundenen Seelen nicht verbunden ist.

9.3

nābhāvācchūnyamityuktamanyāpekṣatayātra tu
gṛhamīśādṛte yadvattathāsau sātvikairguṇaiḥ

Übersetzung: „Leer“ bedeutet hier nicht Nichtexistenz, sondern wird im Verhältnis zu etwas anderem gesagt. Wie ein Haus ohne seinen Herrn leer ist, so ist Shiva leer von den sattvischen Eigenschaften.

9.4

bindurnādastathā śaktiḥ śūnyatve parikalpitāḥ
cetasaḥ sthitihetvarthaṃ punarnitye sthiraṃ bhavet

Übersetzung: Bindu, Nada und Shakti werden hinsichtlich dieser Leerheit vorgestellt, um dem Geist einen Halt zu geben. Darauf soll er im Ewigen fest werden.

9.5

atīndriyaḥ susūkṣmatvātsūkṣmaśaktilayaṃ gataḥ
jñānaśaktirmatā sāpi tajjñānājjñāta eva saḥ

Übersetzung: Er liegt jenseits der Sinne, weil er äußerst fein und in den Zustand der feinen Kraft eingegangen ist. Diese gilt als Erkenntniskraft; durch deren Erkenntnis ist auch er erkannt.

9.6

atīndriyaṃ ca yadvastu tatrāpyanubhavo na kim
anubhāvo mano'dhyakṣaḥ prasiddhaḥ kṣudyathā ca tṛt

Übersetzung: Soll es denn keine Erfahrung von etwas geben, das jenseits der äußeren Sinne liegt? Erfahrung ist als Wahrnehmung durch den Geist bekannt, wie Hunger und Durst.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

9.7

anubhāvo vikalpārthe vikalpo manasaḥ sa ca
samanaskamato jñeyamamanaskamarūpakam

Übersetzung: Erfahrung betrifft doch einen vorgestellten Gegenstand; Vorstellung gehört zum Geist. Daher müsste das Erkennbare mit Geist verbunden sein. Was ohne Geist ist, besitzt keine Gestalt.

9.8

ajñātvā deśikastattvaṃ kathaṃ dīkṣāṃ karotyasau
jñeyaḥ sarvātmanaivārthaḥ sa jñeyo naiva sarvathā

Übersetzung: Wie vollzieht ein Lehrer die Einweihung, wenn er das Prinzip nicht kennt? Der Gegenstand müsste in jeder Hinsicht erkannt werden; jener aber lässt sich nicht vollständig erkennen.

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

9.9

kṣudhādyanubhavo yatra vikalpastatra no bhavet
vastvāśrayo vikalpo'pi tadvastu ghaṭavanna ca

Übersetzung: Wo Hunger und Ähnliches erfahren werden, muss keine begriffliche Vorstellung auftreten. Auch eine Vorstellung beruht auf etwas Wirklichem; dieses Wirkliche muss jedoch nicht wie ein Topf beschaffen sein.

9.10

vikalpo manasaḥ sūkṣmaḥ śūnyaśaktilayaṃ gataḥ
tadgatastvanyavicchinnastenoktaścittavarjitaḥ

Übersetzung: Die feine Vorstellung des Geistes geht in die Kraft der Leerheit ein. In ihr ruhend, ist sie von anderem abgeschnitten; deshalb spricht man von einem Zustand frei vom Denken.

9.11

jñānaṃ cātmendriyaśleṣātkartā tvātmā manaḥ kriyā
śivaḥ sādhyo'tra mantavyo vibhurapyekadharmataḥ

Übersetzung: Erkenntnis entsteht durch die Verbindung von Seele und Sinnen; die Seele ist die Handelnde, der Geist ihre Tätigkeit. Shiva ist hier als zu erschließendes Ziel aufzufassen: Obwohl er alldurchdringend ist, besitzt er eine einheitliche Natur.

9.12

pratyakṣeṇa yathā vṛkṣo rūpamātrādvigṛhyate
rasādayo gṛhītā no tatheśo jñānaśaktitaḥ

Übersetzung: Wie ein Baum bei der unmittelbaren Wahrnehmung nur hinsichtlich seiner sichtbaren Gestalt erfasst wird, nicht aber hinsichtlich seines Saftes und anderer Eigenschaften, so wird auch der Herr durch die Erkenntniskraft erfasst.

9.13

gṛhyate tattvabhāvena vastubhāvavivarjanāt
tadyuktasya prabhutattvaṃ †bhaviṣyatyudakailavat†

Übersetzung: Er wird seinem Wesen nach erfasst, frei von der Beschaffenheit eines gegenständlichen Dinges. Wer mit ihm verbunden ist, erlangt das Wesen der Herrschaft. [Abschließender Vergleich unklar.]

9.14

śūnyamevaṃvidhaṃ jñeyaṃ gurutaḥ śāstrataḥ svataḥ

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

śāstraṃ ca sa kathaṃ vakti niṣkalo vāgvivarjitaḥ

Übersetzung: So ist die Leerheit vom Guru, aus der Lehrschrift und durch eigene Einsicht zu erkennen. – Wie aber verkündet er eine Lehrschrift, wenn er ohne Teile und ohne Sprache ist?

9.15

sakalo vakti vā tantraṃ svarūpena tadābalaḥ

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

niṣkalaḥ kiṃ na kalpo'sau yadyakalpaḥ kathaṃ jagat

Übersetzung: Oder spricht er das Tantra in seiner mit Teilen versehenen Gestalt? Dann wäre er seinem Wesen nach machtlos. – Warum sollte der Teilfreie nicht dazu fähig sein? Wenn er unfähig wäre, wie könnte dann die Welt entstehen?

9.16

yathā tatkurute śaktyā tathā śāstraṃ na kiṃ prabhuḥ
kiṃ nopadeśadātṛtvātsakalastena sa śivaḥ

Übersetzung: Wie er diese durch seine Kraft hervorbringt, warum sollte der Herr nicht ebenso die Lehrschrift hervorbringen? Ist Shiva nicht gerade dadurch mit einer Gestalt versehen, dass er Unterweisung erteilt?

9.17

yadyevaṃ na bhavettārkṣya tadā na syādgurukramaḥ
puṃsāmanugrahārthaṃ tu paro'pyaparatāṃ gataḥ

Übersetzung: Wäre es nicht so, Garuda, gäbe es keine Abfolge der Gurus. Um den Seelen Gnade zu erweisen, hat der Höchste eine niedrigere Erscheinungsform angenommen.

9.18

bodhyabodhakasambandhādvakti tantrāṇyanekadhā

Übersetzung: Durch die Beziehung zwischen dem zu Belehrenden und dem Belehrenden verkündet er die Tantras auf vielerlei Weise.

iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre vidyāpāde śivatattvapaṭalo navamaḥÜbersetzung: Damit endet im Erkenntnisteil des ehrwürdigen großen Tantra namens Kirana das neunte Kapitel über das Shiva-Prinzip.

Ergänzendes heutiges Video: Sukadev spricht über Samadhi und den Weg dorthin. Heutiges Begleitangebot zum vertiefenden Studium.

Kapitel 10: Das Herabkommen der Tantras

tantrāvatārapaṭalaḥÜbersetzung: Kapitel über das Herabkommen der Tantras.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

10.1

kimarthaṃ tāni vaktīśaḥ kasminkāle kiyanti vā
ke te keṣāmbravityevaṃ sarvametadbravīhi me

Übersetzung: Zu welchem Zweck verkündet der Herr diese Tantras, zu welcher Zeit, und wie viele sind es? Welche sind es, und wem verkündet er sie? Sage mir all dies.

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

10.2

tāni vakti sa muktyarthaṃ na muktiḥ sādhanādṛte
sādhanaṃ tatra saṃsiddhaṃ tadarthaṃ tāni so'bravīt

Übersetzung: Er verkündet sie um der Befreiung willen. Ohne ein Mittel gibt es keine Befreiung. Das geeignete Mittel ist darin dargelegt; deshalb hat er diese Tantras gesprochen.

10.3

sṛṣṭyanantarameveśaḥ śivānsṛṣṭvā daśātmajān
jñānamekaṃ vibhajyāśu teṣāṃ tatsaṃkhyayāvadat

Übersetzung: Unmittelbar nach der Schöpfung erschuf der Herr zehn aus ihm selbst hervorgegangene Shivas. Er teilte die eine Erkenntnis auf und verkündete sie ihnen entsprechend ihrer Zahl.

10.4

kāmikaṃ pranavākhyasya sudhākhyasya ca yogajam
dīptākhyasyāpyacintyaṃ tu kāraṇākhyasya kāraṇam

Übersetzung: Dem Pranava Genannten gab er das Kamika, dem Sudha Genannten das Yogaja, dem Dipta Genannten das Achintya und dem Karana Genannten das Karana.

10.5

ajitaṃ suśivākhyasya īśasyāpi sudīptakam
sūkṣmantu sūkṣmasaṃjñasya kālasyāpi sahasrakam

Übersetzung: Dem Sushiva Genannten gab er das Ajita, Isha das Sudiptaka, dem Sukshma Genannten das Sukshma und Kala das Sahasraka.

10.6

suprabhaṃ yad daśeśasya aṃśusaṃjñasya cāṃśumat
evaṃ prāthamikaḥ proktaḥ punaranyo gurukramaḥ

Übersetzung: Dashesha erhielt das Suprabha, der Amshu Genannte das Amshumat. Damit ist die erste Übermittlung beschrieben; nun folgt die weitere Abfolge der Lehrer.

10.7

praṇavāttrikalaḥ prāpa kāmikaṃ trikalāddharaḥ
sudhākhyādyogajaṃ tantraṃ bhasmasaṃjñastataḥ prabhuḥ

Übersetzung: Von Pranava erhielt Trikala das Kamika, von Trikala erhielt es Dhara. Von Sudha erhielt der Bhasma Genannte das Yogaja-Tantra, von diesem wiederum Prabhu.

10.8

dīptarudrādacintyaṃ tu gopatiśca tato'mbikā
kāraṇaṃ kāraṇāccharvastataḥ prāptaḥ prajāpatiḥ

Übersetzung: Von Diptarudra erhielt Gopati das Achintya, danach Ambika. Von Karana erhielt Sharva das Karana, von diesem Prajapati.

10.9

ajitaṃ suśivātprāptamumeśo hyacyutastataḥ
īśāddīptaṃ trimūrtistu tataḥ prāpto hutāśanaḥ

Übersetzung: Von Sushiva wurde das Ajita an Umesha übermittelt, danach an Achyuta. Von Isha erhielt Trimurti das Dipta, danach Hutashana.

10.10

sūkṣmaṃ sūkṣmādbhavaḥ prāptastataḥ prāptaḥ prabhañjanaḥ
kālasaṃjñātsahasrākhyaṃ bhīmo dharmastataḥ khaga

Übersetzung: Von Sukshma erhielt Bhava das Sukshma, danach Prabhanjana. Von dem Kala Genannten erhielt Bhima das Sahasra, danach Dharma, Garuda.

10.11

daśeśātsuprabhākhyaṃ tu vigraheśastataḥ śaśī
aṃśumaccāṃśusaṃjñāttu prāpto hyugrastato raviḥ

Übersetzung: Von Dashesha erhielt Vigrahesha das Suprabha, danach Shashin. Von Amshu erhielt Ugra das Amshumat, danach Ravi.

10.12

evamete samākhyātāḥ śivabhedā daśādya te
daśāṣṭasaṃkhyayā rudrānpūrvamutpādya buddhimān

Übersetzung: So wurden dir die ersten zehn Zweige der Shiva-Gruppe erklärt. Zuvor erschuf der weise Shiva achtzehn Rudras

10.13

śivastatsaṃkhyayaiveha punastānbodhayetkhaga
rudrasyānādisaṃjñasya vijayaṃ tantramuttamam

Übersetzung: und belehrte sie hier wiederum mit ebenso vielen Tantras, Garuda. Dem Rudra namens Anadi gab er das hervorragende Vijaya-Tantra.

10.14

pārameśaṃ mahātantraṃ †śrīpūpasya† prabhāṣitam
niśvāsaṃ yaddaśārṇasya prodgītaṃ nāma śūlinaḥ

Übersetzung: Das große Tantra Paramesha wurde Shripupa verkündet [der Name ist im Druck auffällig]. Das Nishvasa wurde Dasharna, das Prodgita dem Dreizackträger gegeben.

10.15

mukhabimbaṃ praśāntasya bindoḥ siddhamato matam
śivaniṣṭhasya santānaṃ siṃhaṃ saumyeśacoditam

Übersetzung: Das Mukhabimba ist Prashanta zugeordnet, das Siddhamata Bindu, das Santana Shivanishta; das Simha wurde Saumyesha verkündet.

10.16

candrabhāsamanantasya bhadraṃ sarvātmano matam
nidhanasya svayambhūtaṃ vīrajaṃ tejasaḥ smṛtam

Übersetzung: Das Chandrabhasa gehört zu Ananta, das Bhadra zu Sarvatman, das Svayambhuta zu Nidhana und das Viraja zu Tejas.

10.17

rauravaṃ brahmaṇeśasya śivākhyasya ca makuṭam
idaṃ devapituḥ khyātaṃ lalitaṃ cālayasya tu

Übersetzung: Das Raurava gehört zu Brahmanesha, das Makuta zu dem Shiva Genannten. Dieses Tantra, das Kirana, wurde Devapitri verkündet, das Lalita dagegen Alaya.

10.18

āgneyaṃ yacca †tadvyomanaḥ† śivasyāpi punaḥ param
ete jātāḥ saha jñānaiḥ rudrabhedānpunaḥ śṛṇu

Übersetzung: Das Agneya gehört zu Vyoman [die Wortform ist unregelmäßig], das Para wiederum zu Shiva. Sie entstanden zugleich mit ihren Erkenntnislehren. Höre nun weiter von den Zweigen der Rudra-Gruppe.

10.19

prāptaścānādisaṃjñāttu vijayaṃ parameśvaraḥ
śrīrūpātpārameśaṃ tu samprāpto hyuśanā muniḥ

Übersetzung: Von Anadi erhielt Parameshvara das Vijaya. Von Shrirupa erhielt der Weise Ushanas das Paramesha.

10.20

daśākṣarācca niśvāsaṃ saṃprāptā śailasaṃbhavā
prodgītaṃ rudrasaṃjñāttu kacākhyo munisattamaḥ

Übersetzung: Von Dashakshara erhielt die Bergestochter das Nishvasa. Von dem Rudra Genannten erhielt Kacha, der hervorragende Weise, das Prodgita.

10.21

praśāntānmukhabimbaṃ tu dadhīco nāma yo muniḥ
bindusaṃjñāttu yatsiddhaṃ prāptaścaṇḍeśvaro gaṇaḥ

Übersetzung: Von Prashanta erhielt der Weise Dadhichi das Mukhabimba. Von Bindu erhielt der Gana Chandeshvara das Siddha.

10.22

śivaniṣṭhācca santānaṃ saṃprāptaḥ śaṃśapāyanaḥ
nārasiṃhaṃ tu yatsaumyānnṛsiṃhaḥ prāptavānmahān

Übersetzung: Von Shivanishta erhielt Shamshapayana das Santana. Von Saumya erhielt der große Nrisimha das Narasimha.

10.23

anantāccandrabhāsaṃ tu prāpto devapurohitaḥ
bhadraṃ sarvātmadevācca vīrabhadro gaṇo mahān

Übersetzung: Von Ananta erhielt der Priester der Götter das Chandrabhasa. Von Sarvatmadeva erhielt Virabhadra, der große Gana, das Bhadra.

10.24

svāyambhuvaṃ tu nidhanātsamprāptaḥ padmasaṃbhavaḥ
vīrajaṃ tejasaḥ prāptaḥ prajārakṣaṇatatparaḥ

Übersetzung: Von Nidhana erhielt der Lotusgeborene das Svayambhuva. Von Tejas erhielt der dem Schutz der Geschöpfe Hingegebene das Viraja.

10.25

rauravaṃ brahmaṇeśāttu saṃprāpto nandikeśvaraḥ
īśānānmakuṭaṃ prāpto mahādevo bilāśrayaḥ

Übersetzung: Von Brahmanesha erhielt Nandikeshvara das Raurava. Von Ishana erhielt der in einer Höhle wohnende Mahadeva das Makuta.

10.26

kiraṇaṃ devapitṛtaḥ prāptaḥ saṃvartako muniḥ
ālayāllalitaṃ prāpto rudro bhairavarūpavān

Übersetzung: Von Devapitri erhielt der Weise Samvartaka das Kirana. Von Alaya erhielt Rudra in seiner Bhairava-Gestalt das Lalita.

10.27

āgneyaṃ vyomasaṃjñāttu saṃprāpto hutabhukpunaḥ
śivākhyātsa mahākālaḥ saurabheyaṃ parāhvayam

Übersetzung: Von Vyoman erhielt wiederum Hutabhuj das Agneya. Von dem Shiva Genannten erhielt Mahakala das Saurabheya, das auch Para heißt.

10.28

tantrabhedo mayā prokto dvividhākṣiptalakṣaṇaḥ
eṣu bhedeṣu yo bheda upabhedaḥ sa ucyate

Übersetzung: Ich habe die Unterscheidung der Tantras beschrieben, die diese zweifache Einteilung umfasst. Ein weiterer Unterschied innerhalb dieser Zweige wird als Unterzweig bezeichnet.

10.29

atisaṃkṣiptavistīrṇa ṛṣidevagaṇātmakaḥ

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

kasmātkhyāto'tra bhedaśca bhedo'yaṃ cittabhedataḥ

Übersetzung: Diese Unterzweige sind sehr kurz oder ausführlich und gehören zu Weisen, Göttern und Ganas. – Warum spricht man hier von einer solchen Unterscheidung? Beruht sie auf unterschiedlichen geistigen Verfassungen?

10.30

puṃpravṛtterayambhedaḥ śrotṝṇāṃ tu vibhedataḥ

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

bhedo'yamupacāreṇa kalpitaḥ sa yatastataḥ

Übersetzung: Beruht diese Verschiedenheit auf der Tätigkeit der Menschen und auf der Verschiedenheit der Hörer? – Diese Unterscheidung wird im übertragenen Sinn angenommen, je nach den betreffenden Verhältnissen.

10.31

phalabhedo na kalpyo'tra jñānabhedaḥ prakalpyate

Übersetzung: Ein Unterschied der Frucht soll hier nicht angenommen werden; angenommen wird ein Unterschied der Erkenntnislehren.

iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre vidyāpāde tantrāvatārapaṭalo daśamaḥÜbersetzung: Damit endet im Erkenntnisteil des ehrwürdigen großen Tantra namens Kirana das zehnte Kapitel über das Herabkommen der Tantras.

Kapitel 11: Das Entstehen der Lautmutter

Ein Lautdiagramm aus der tantrischen Bildwelt. Es veranschaulicht das allgemeine Thema Matrika und ist keine Rekonstruktion des Yantra in Kapitel 12.

mātṛkotpattipaṭalaḥÜbersetzung: Kapitel über das Entstehen der Lautmutter.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

11.1

jñānamekaṃ kathaṃ bhinnaṃ na jñātaṃ tatsphuṭaṃ mayā
etadbrūhi mahādeva jñānamūlaṃ yato'khilam

Übersetzung: Wie kann die eine Erkenntnis verschieden sein? Das habe ich noch nicht deutlich verstanden. Erkläre es, Mahadeva, denn alles wurzelt in Erkenntnis.

11.2

ekaṃ nādātmakaṃ jñānamomityeva sthitaṃ param
sā śikhā binduvaktrasya †galāṅgasya† mahātmanaḥ

Übersetzung: Die eine Erkenntnis besteht aus Klang; als das Höchste ist sie in „Om“ gegenwärtig. Sie ist die Spitze des großen Wesens mit Bindu als Gesicht. [Weitere Körperbeschreibung unklar.]

11.3

proktaṃ śrutau paraṃ brahma codito'trākṣarālayaḥ
sthito'vyaktaḥ sa vāgrūpaḥ punarbhinnastu khaṇḍaśaḥ

Übersetzung: In der heiligen Überlieferung wird sie als das höchste Brahman verkündet; hier wird sie als Stätte der Laute bezeichnet. Zunächst unentfaltet und von der Natur der Sprache, gliedert sie sich darauf in Teile.

11.4

navakhaṇḍayutaścādyaḥ punaḥ ṣoḍaśabhiḥ svaraiḥ
daśārdhākṣaraniṣṇātāḥ pañcakhaṇḍā vyavasthitāḥ

Übersetzung: Die ursprüngliche Gliederung besitzt neun Gruppen: eine mit den sechzehn Vokalen, dann fünf Gruppen, die jeweils aus fünf Lauten bestehen.

11.5

khaṇḍadvayaṃ caturvarṇaṃ śeṣaṃ †kūtākhyay↠sthitam
evaṃ jñeyaṃ śatārdhātma varṇaśaktivibhedataḥ

Übersetzung: Zwei Gruppen besitzen jeweils vier Laute; der verbleibende Laut wird als Kuta bezeichnet [die Quelle schreibt den Namen unregelmäßig]. So ist sie als aus fünfzig bestehend zu erkennen, entsprechend den verschiedenen Lautkräften.

11.6

māteva mātṛkā saiva saṃkhyājñānādibhedagā
tarkakāvyetihāsasthā sarvaṃ vyāpya vyavasthitā

Übersetzung: Wie eine Mutter ist eben diese die Matrika, die Lautmutter. Sie erscheint in den verschiedenen Formen von Zählen, Erkennen und anderem, besteht in Logik, Dichtung und Geschichtsüberlieferung und durchdringt alles.

11.7

śivajñānaprabhedena sthitaikā nāmabhedataḥ
bisinī yadyathā bhinnā rudrabhedātparā satī

Übersetzung: Als die eine besteht sie unter verschiedenen Namen in den Zweigen der Shiva-Erkenntnis. Wie eine Lotuspflanze verschieden gegliedert ist, so erscheint sie durch die Rudra-Zweige verschieden und bleibt doch die Höchste.

11.8

tadbhedājjñānabhedo'pi bhāktaḥ prokto'rthato nahi
gadyapadyādikāvyā ye geyā deśānugāśca ye

Übersetzung: Die daraus folgende Verschiedenheit der Erkenntnis wird als übertragen, nicht als ein Unterschied ihres wesentlichen Gehalts bezeichnet. Dazu gehören Dichtungen in Prosa und Versen, Gesänge und die den jeweiligen Ländern entsprechenden Sprachformen.

11.9

bījapiṇḍakalākūṭamantraśaktivinirgatā
śaktirvāgīśvarī tasya vāṅmayaṃ vyāpya saṃsthitā

Übersetzung: Die Kraft Vagishvari geht aus der Mantrakraft von Bija, Pinda, Kala und Kuta hervor. Sie durchdringt die gesamte sprachliche Welt jenes Herrn.

11.10

vijñeyā mātṛkā saiva sarvamantrālayā parā
evamasya vibhedo'yaṃ jñānasyokto mayā tava

Übersetzung: Eben sie ist als die höchste Matrika zu erkennen, die Stätte sämtlicher Mantras. So habe ich dir diese Aufgliederung der Erkenntnis erklärt.

iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre vidyāpāde mātṛkotpattipaṭala ekādaśaḥÜbersetzung: Damit endet im Erkenntnisteil des ehrwürdigen großen Tantra namens Kirana das elfte Kapitel über das Entstehen der Lautmutter.

Kapitel 12: Die Gewinnung des Yantra

yantroddhārapaṭalaḥÜbersetzung: Kapitel über das Herausheben des Yantra.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

12.1

mātṛkā yadi saṃsiddhā sarvamantrālayā parā
vihitāstvīśa ye mantrāsteṣāṃ me lakṣaṇaṃ vada

Übersetzung: Wenn die höchste Matrika als Stätte aller Mantras feststeht, Herr, dann beschreibe mir die Kennzeichen der von dir gelehrten Mantras.

12.2

same madhye dharābhāge sugandhakusumākule
kramācchaktiṃ nyasettatra navakhaṇḍavibhāgaśaḥ

Übersetzung: Auf einem ebenen Platz in der Mitte eines mit duftenden Blumen versehenen Bodenbereichs soll man die Kraft der Reihe nach in neun Gruppen einsetzen.

12.3

śaktimuddhṛtya tāmeva pūjya puṣpaiḥ sugandibhiḥ
uddharecchambarānpaścādācāryo mantravigrahaḥ

Übersetzung: Nachdem der Lehrer eben diese Kraft herausgehoben und mit duftenden Blumen verehrt hat, soll er anschließend die Mantras herausheben; er selbst besitzt einen aus Mantras gebildeten Körper.

12.4

ṣoḍaśācchadakaṃ padmaṃ sahasrāttadalaṃ tu vā
karṇikāyāṃ nyasetkūṭaṃ kālayugmāntasaṃsthitam

Übersetzung: Auf einem Lotus mit sechzehn Blättern oder mit tausend Blättern soll er in die Mitte den Kuta-Laut einsetzen, der am Ende des Kala-Paares steht.

12.5

rudrabījasamāyuktaṃ khaṇḍacandrasamanvitam
nyasetkūṭaṃ ca tanmadhye bhuktimuktiphalapradam

Übersetzung: Mit dem Rudra-Bija verbunden und mit einer Mondsichel versehen, soll der Kuta-Laut in die Mitte eingesetzt werden; er schenkt die Früchte von Genuss und Befreiung.

12.6

nyasetkramāddaleṣveva svaraṣoḍaśakaṃ punaḥ
kramādagrārakeṣvarṇānvyāpakaṃ tu nyasetpari

Übersetzung: Auf die Blätter soll er der Reihe nach die sechzehn Vokale setzen, auf die vorderen Speichen die übrigen Laute und ringsum den Vyapaka genannten Laut. [Die Bezeichnung der Speichen ist im Druck nicht ganz klar.]

12.7

etacchakraṃ yajedyastu satataṃ māsi māsi vā
gandhādyairbhaktitaḥ so'pi kālamuktaḥ śivaṃ vrajet

Übersetzung: Wer dieses Rad regelmäßig oder Monat für Monat mit Duftstoffen und anderem voller Hingabe verehrt, wird, wenn seine Zeit gekommen ist, von der Zeit befreit zu Shiva gelangen.

12.8

dvitīyena caturthena ṣaṣṭhadvādaśakena tu
ṣoḍaśena vibhinno'yambhavetkūṭo'ṅgapañcakam

Übersetzung: Wird dieser Kuta-Laut mit dem zweiten, vierten, sechsten, zwölften und sechzehnten Vokal unterschieden, bildet er die fünf Gliedmantras.

12.9

hrasvā brahmāṇi vijñeyā dviyuktāstu gaṇeśvarāḥ
triyuktā lokapālāḥ †syuścaturthe'ṣṭrāṇi† kalpayet

Übersetzung: Die kurzen Formen sind als die Brahma-Mantras zu erkennen; die zweifach verbundenen als die Herren der Ganas, die dreifach verbundenen als die Welthüter. An vierter Stelle soll man die Astra-Formeln bilden. [Bezeichnung der Astra-Formeln unsicher.]

12.10

vidyeśānāṃ śṛṇuṣvānyallakṣaṇaṃ mātṛkātmakam
vyāpakaṃ rephasaṃyuktaṃ caturthasvarasaṃyutam

Übersetzung: Höre nun ein weiteres Kennzeichen der Vidyeshas, das aus der Matrika besteht: Der Vyapaka genannte Laut wird mit Repha, dem r-Laut, und dem vierten Vokal verbunden.

12.11

binduyuktamanantasya vācakatvena saṃsthitam
rephavarṇayutaṃ śāntaṃ ṣaṣṭhasvarasamanvitam

Übersetzung: Mit Bindu versehen, besteht er als Bezeichnung Anantas. Der Shanta genannte Laut wird mit Repha und dem sechsten Vokal verbunden.

12.12

bindudehasamāyuktaṃ sūkṣmadevasya vācakam
makāraṃ vibhusaṃyogādvisargācca śivottamaḥ

Übersetzung: Mit Bindu als Bestandteil bezeichnet er den Gott Sukshma. Der m-Laut bildet durch die Verbindung mit Vibhu und durch Visarga die Formel Shivottamas.

12.13

śāntavarṇāntimo varṇo rephayuktaḥ sabindukaḥ
ṣaṣṭhasvarasamāyuktaḥ prokto netraikanāmani

Übersetzung: Der letzte Laut beim Shanta-Laut, verbunden mit Repha, Bindu und dem sechsten Vokal, wird für den Netraika Genannten gelehrt.

12.14

śavarṇāntāntimo varṇo rāntāntena samāyutaḥ
dvitīyasvarasaṃyukta ekarudraḥ sabindukaḥ

Übersetzung: Der auf das Ende des sha-Lautes folgende Laut wird mit dem auf das Ende des ra-Lautes folgenden verbunden. Mit dem zweiten Vokal und Bindu ergibt er Ekarudra.

12.15

bhāntāntādhaḥ sthito rānto dvādaśāntena bheditaḥ
bindunā bhūṣito mūrdhni trimūrtervācako mataḥ

Übersetzung: Der Ranta genannte Laut unterhalb des auf Bha folgenden Bereichs wird durch den zwölften Vokal unterschieden. Auf seinem Scheitel mit Bindu geschmückt, gilt er als Bezeichnung Trimurtis.

12.16

ṣaṣṭhasvarayutaḥ śāntaḥ sabinduḥ sāntataḥ sthitaḥ
śrīkaṇṭha eṣa vikhyātastataḥ śṛṇu śikhaṇḍinaḥ

Übersetzung: Der Shanta genannte Laut wird mit dem sechsten Vokal und Bindu verbunden und steht nach dem Santa genannten. Dies ist als Shrikantha bekannt. Höre nun von Shikhandin.

12.17

lāntāntimaścaturthena bhūṣito bindusaṃyutaḥ
samāsena mayā tārkṣya vidyeśāḥ parikīrtitāḥ

Übersetzung: Der letzte Laut nach La wird mit dem vierten Vokal und Bindu geschmückt. Damit habe ich die Vidyeshas in Kürze beschrieben, Garuda.

12.18

kūṭamīkārasaṃyuktaṃ bindunādavibhūṣitam
gayatrī caiva sāvitrī kiṃ tu rephaviśeṣaṇam

Übersetzung: Der Kuta-Laut, verbunden mit langem i und mit Bindu und Nada geschmückt, bildet Gayatri und Savitri; der Unterschied besteht jedoch im Repha-Laut.

12.19

oṃkārādinamontāṃśca jñātvā mantrānprayojayet
snātvā śuddhaḥ paṭhenmantrānchuciḥ prāgbhojanātparaḥ

Übersetzung: Man soll die Mantras kennen und anwenden, indem sie mit Om beginnen und mit Namah enden. Nach dem Baden soll man sie rein rezitieren, in Reinheit vor der Mahlzeit. [Schlusswort unklar.]

12.20

dvayorapyanyathā doṣo bhaveducchiṣṭasaṃbhavaḥ

Übersetzung: Bei einem Abweichen in einem der beiden Fälle entsteht ein Fehler aufgrund der Verunreinigung durch Speisereste.

iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre vidyāpāde yantrāvatāro dvādaśaḥ paṭalaḥ samāptaḥÜbersetzung: Damit ist im Erkenntnisteil des ehrwürdigen großen Tantra namens Kirana das zwölfte Kapitel, das Herabkommen des Yantra, abgeschlossen.

vidyāpādaḥ samāptaḥÜbersetzung: Der Erkenntnisteil ist abgeschlossen.

Ritualteil, Kapitel 1: Vorschrift für das Bad

atha kriyāpādaḥÜbersetzung: Nun folgt der Ritualteil.

snānavidhiḥÜbersetzung: Vorschrift für das Bad.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

K1.1

snānaṃ katividhaṃ proktaṃ kairmantraiḥ kathameva vā
etadbrūhi samāsena sphuṭārthaṃ tripurāntaka

Übersetzung: Wie viele Arten des Badens werden gelehrt? Mit welchen Mantras und auf welche Weise werden sie ausgeführt? Sage mir dies kurz und mit klarem Sinn, du Überwinder der drei Städte.

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

K1.2

prathamaṃ vāruṇaṃ snānaṃ dvitīyaṃ bhasmasaṃjñikam
māhendraṃ ca tṛtīyaṃ syāccaturthaṃ mārutaṃ bhavet

Übersetzung: Die erste Art des Badens heißt Varuna-Bad, die zweite Aschebad. Die dritte sei das Mahendra-Bad, die vierte das dem Wind zugeordnete Bad.

K1.3

pañcamaṃ māntramuddiṣṭam idānīm ucyate kramāt
nadīnadatatākābdhikhātādiṣu ca vāruṇam

Übersetzung: Als fünfte Art wird das Mantra-Bad genannt. Jetzt werden sie der Reihe nach erklärt. Das Varuna-Bad findet in Flüssen, Strömen, Teichen, im Meer und an ausgehobenen Wasserstellen statt.

K1.4

tatra gatvā śucisthāne mṛdaṃ gṛhyāt praśodhitām
gṛhītvā sadyamantreṇa sthāpayettāṃ guhyakena tu

Übersetzung: Dorthin gegangen, nehme man an einem reinen Ort gereinigte Erde. Man nehme sie mit dem Sadyojata-Mantra auf und lege sie mit dem Guhyaka-Mantra nieder.

K1.5

saṃśodhyāghoramantreṇa prokṣayet puruṣeṇa tu
īśenoddhṛtya khaḍgena sarvaṃ ghṛṣya ca saṃplavet

Übersetzung: Man reinige sie mit dem Aghora-Mantra und besprenge sie mit dem Purusha-Mantra. Nachdem man sie mit dem Ishana-Mantra aufgenommen hat, reibe man den ganzen Körper unter Verwendung des Schwert-Mantras ein und tauche ins Wasser.

K1.6

vidhisnānaṃ punaḥ kāryaṃ malasnānādanantaram
ācamya tāṃ punargṛhya kṛtvā bhāgatrayaṃ hṛdā

Übersetzung: Nach dem Bad zur Entfernung des Schmutzes ist das vorgeschriebene rituelle Bad auszuführen. Nach dem rituellen Schluck Wasser nehme man die Erde erneut und teile sie mit dem Herz-Mantra in drei Teile.

K1.7

uttarābhimukho bhūtvā japtvā'straṃ brahmaṇā'mbubhiḥ
ādyaṃ dvyaṃśakam †aṅgenyaṃ† śeṣaṃ tīrthe punaḥ plavam

Übersetzung: Nach Norden gewandt, rezitiere man den Astra-Mantra. [Die anschließende Anweisung mit Brahma-Mantra und Wasser ist unklar.] Die ersten beiden Anteile der Erde sind wohl für den Körper bestimmt, der übrige für die heilige Badestelle. [Die Anweisung zum erneuten Eintauchen ist nicht sicher deutbar.]

K1.8

kṛtvā vidhivatssnānam uttīryā'camya yatnataḥ
praṇavenodakaṃ gṛhya triḥ pītvā dviḥ pramṛjya ca

Übersetzung: Nach dem ordnungsgemäßen Bad steige man heraus und vollziehe sorgfältig das rituelle Wasserschlucken. Man nehme mit dem Pranava, Om, Wasser auf, trinke dreimal und wische zweimal ab.

K1.9

†śrotrārāṇi† saptā'sau kramānnābhiṃ śikhāṃ spṛśet
bhūyo'pyācamya sandhyāṃ tu vandetātsekapūrvakam

Übersetzung: Er berühre der Reihe nach die sieben [wohl Sinnesöffnungen] sowie Nabel und Scheitel. Nach erneutem rituellen Wasserschlucken verehre man die Sandhya, die Übergangszeit des Tages, mit vorausgehendem Besprengen.

K1.10

mārjanaṃ saṃhitāmantraiśśivena salilokṣaṇam
kṛṣṇaṃ dhyātvā kṣipettoyaṃ ghoreṇa punarācamet

Übersetzung: Das reinigende Besprengen geschieht mit den Samhita-Mantras, das Benetzen mit Wasser mit dem Shiva-Mantra. Man stelle sich das Wasser schwarz vor, werfe es mit dem Aghora-Mantra fort und vollziehe erneut das rituelle Wasserschlucken.

K1.11

nyāsaṃ kṛtvā'mbhasāveṣṭya tarpyamantrān pratarpayet
apasavyāgramadhyena pitṛdevamunikriyā

Übersetzung: Nachdem man die Mantras am Körper zugewiesen und sich mit Wasser umgeben hat, bringe man den zu sättigenden Mantras die Wasserspende dar. Für Ahnen, Götter und Weise werden die umgekehrte Anordnung, die Spitze und die Mitte genannt; die knappe Formulierung setzt den rituellen Zusammenhang voraus.

K1.12

svadhā svāhā namaśceti kramātteṣāṃ pratarpaṇam
kṛtvā hṛdāñjaliṃ baddhvā trīnvārān udakena tu

Übersetzung: Die zugehörigen Wasserspenden erfolgen der Reihe nach mit „Svadhā“, „Svāhā“ und „Namaḥ“. Mit dem Herz-Mantra forme man die Hände zur Schale und bringe dreimal Wasser dar.

K1.13

kṛtvā'ñjaliṃ supuṣpāḍhyaṃ raveḥ paścācchivaṃ yajet
†tārādyāvacchataṃ† pūrṇaṃ svaśaktyā vā'thavā japet

Übersetzung: Man forme die Hände zur Schale und fülle sie reichlich mit Blumen für die Sonne; danach verehre man Shiva. Man rezitiere volle hundertmal oder nach der eigenen Kraft, [wohl mit Om beginnend].

K1.14

pradakṣiṇaṃ tataḥ kṛtvā trīnvārān vandayet ravim
tatastīrthaṃ samākṛṣya kartavyaṃ hṛdaye hṛdā

Übersetzung: Nachdem man die Sonne umschritten hat und sie dabei zur rechten Seite blieb, verneige man sich dreimal vor ihr. Dann ziehe man die heilige Badestelle innerlich zurück und lasse sie mit dem Herz-Mantra im Herzen gegenwärtig sein.

K1.15

evaṃ tu vāruṇaṃ snānaṃ bhasmasnānamataśśṛṇu
āraṇyagomayaṃ gṛhya sadyenā'pīḍya vāmataḥ

Übersetzung: So ist das Varuna-Bad beschaffen. Höre nun vom Aschebad. Man sammle Kuhdung aus dem Wald mit dem Sadyojata-Mantra und knete ihn mit dem Vama-Mantra.

K1.16

ghoreṇa dīpanaṃ †nāgān† nareṇā'bhyukṣaṇaṃ bhavet
īśenoddhṛtya tairmantraiśsthāpya bhūtiṃ nave puṭe

Übersetzung: Mit dem Aghora-Mantra geschieht das Entzünden, mit dem Nara-Mantra das Besprengen. [Ein Wort dazwischen bleibt ungeklärt.] Mit dem Ishana-Mantra nehme man die Asche heraus und bewahre sie unter Verwendung jener Mantras in einem neuen Behälter auf.

K1.17

kṛtvā snānaṃ jalasnānaduttaraṃ vā'tha †nottaram†
malasnānaṃ purā'streṇa kramādāpādamastakam

Übersetzung: Das Bad findet nach dem Wasserbad statt [oder zu einem nicht sicher verständlichen anderen Zeitpunkt]. Zuvor soll das Bad zur Entfernung des Schmutzes stattfinden. Mit dem Astra-Mantra erfolgt die Behandlung der Reihe nach vom Fuß bis zum Kopf.

K1.18

uddhūlayitvā śivenordhvaṃ sekaḥ †kāyassamudayā†
parivartya sitaṃvāsastatastvācamya pūrvavat

Übersetzung: Nachdem man den Körper mit Asche bestäubt hat, besprenge man ihn mit dem Shiva-Mantra von oben [nähere Bestimmung unklar]. Man wechsle zu einem weißen Gewand und vollziehe das rituelle Wasserschlucken wie zuvor.

K1.19

māhendraṃ †vṛṣṭiyogasyāj† japenmantraṃ tu pañcamam
padasaptakamāvṛtya vāyavyaṃ gokhureṇa tu

Übersetzung: Das Mahendra-Bad steht mit dem Regen in Verbindung [genaue Anweisung unklar]; dabei rezitiere man den fünften Mantra. Für das Windbad werden sieben Schritte und der von einem Kuhhuf aufgewirbelte Staub genannt.

K1.20

rajasā naramantreṇa māntraṃ mantrairihoditam
snānānyevaṃ vidhānyatra pañca proktāni siddhaye

Übersetzung: Das Windbad geschieht mit diesem Staub und dem Nara-Mantra. Das Mantra-Bad erfolgt mit den hier genannten Mantras. Diese fünf Arten des Badens sind hier zum Erlangen der Vollendung gelehrt.

K1.20½

snātvā saṃpūjyadevaṃ liṅge vā sthaṇḍile'pi vā

Übersetzung: Nach dem Bad verehre man den Gott am Linga oder auf einer hergerichteten Opferfläche.

iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre kriyāpāde snānavidhipaṭalaḥ prathamaḥÜbersetzung: So endet im großen Tantra namens Kirana, im Ritualteil, das erste Kapitel: die Vorschrift für das Bad.

Ritualteil, Kapitel 2: Vorschrift der Verehrung

atha pūjāvidhiḥ paṭalaḥÜbersetzung: Nun folgt das Kapitel über die Vorschrift der Verehrung.

garuḍaḥÜbersetzung: Garuda spricht:

K2.1

pūjā saṃsūcitā deva sā kathaṃ liṅgamāśritā
sphuṭaṃ me brūhi deveśa sthaṇḍile vā kathaṃ bhavet

Übersetzung: Gott, die Verehrung wurde bereits angedeutet. Wie geschieht sie am Linga? Erkläre es mir deutlich, Herr der Götter; wie wird sie auf einer hergerichteten Opferfläche ausgeführt?

bhagavānÜbersetzung: Der Herr spricht:

K2.2

sthānaṃ praviśya śuddhātmā dakṣiṇāmūrtimāśritaḥ
rucirāsanasaṃsthastu prāṇāyāmatrayānvitaḥ

Übersetzung: Mit gereinigtem Wesen betrete man den Ort der Verehrung und nehme seinen Platz an der südlichen beziehungsweise rechten Seite ein. Man sitze in einem angenehmen Sitz und verbinde dies mit dreimaliger Atemregelung.

K2.3

tatsthaṃ gṛhītvā cā'tmānaṃ recanādbindumadhyagam
kṛtvā kāyaṃ dahetpaścāt śaivāstraṃ cintya taijasam

Übersetzung: Man erfasse das dort befindliche Selbst in der Vorstellung und führe es durch das Ausatmen in die Mitte des Bindu. Dann stelle man sich die leuchtende Waffe Shivas vor und lasse den Körper in dieser inneren Vorstellung verbrennen.

K2.4

bhasmībhūtaṃ pracintya svamānīya praṇavena tu
dhyātvā sitakaṇābhāsaṃ sphurantaṃ svena tejasā

Übersetzung: Man stelle sich den eigenen Körper zu Asche geworden vor und führe das Selbst mit dem Pranava zurück. Man betrachte es wie ein weißes, feines Teilchen, das aus eigener Leuchtkraft strahlt.

K2.5

sañcintya praṇavaṃ kumbhaṃ plāvyamānaṃ sudhākaṇaiḥ
tenaiva tritayaṃ dadyāt karanyāsādanantaram

Übersetzung: Man stelle sich den Pranava als Gefäß vor, überströmt von Nektartropfen. Nach der Zuweisung der Mantras an die Hände vollziehe man damit eine dreifache Zuweisung [deren Bezug unklar bleibt].

K2.6

astraśuddhau karau kṛtvā brahmāṅgāni kramānnyaset
sāvitrīmatha gāyatrīṃ śivaṃ saṅkalpya hastayoḥ

Übersetzung: Man reinige beide Hände mit dem Astra-Mantra und weise ihnen der Reihe nach die Brahma- und Anga-Mantras zu. Sodann stelle man Savitri, Gayatri und Shiva in den Händen vor.

K2.7

kuryānmantrātmakaṃ kāyamaṣṭatriṃśatkalātmakam
śirāṃsi pañcabhiḥ pañca śiveśānaiśca kalpayet

Übersetzung: Man forme in der Vorstellung einen aus Mantras bestehenden Körper, der aus achtunddreißig Kalas besteht. Die fünf Häupter gestalte man mit den fünf hier als Shiva-Ishana bezeichneten Mantraformen.

K2.8

catvāri vadanānnyasya vaktramantreṇa bhāvayet
pūrvāditassamārabhya yāvaduttaragocaram

Übersetzung: Man weise die vier Gesichter zu und vergegenwärtige sie mit dem Gesichts-Mantra. Man beginne im Osten und gehe weiter, bis die nördliche Richtung erreicht ist.

K2.9

aṣṭadhā kalpayedghoraṃ hṛdgrīvāṃsānukramāt
nābhiṃ caivodaraṃ pṛṣṭhe nyasedvāmaṃ trayodaśa

Übersetzung: Aghora vergegenwärtige man in achtfacher Weise, der Reihe nach an Herz, Hals und Schultern sowie Nabel, Bauch und Rücken. Anschließend weise man Vama dreizehnfach zu; die dazugehörige Körperstellenfolge geht im nächsten Vers weiter.

K2.10

guhyaṃ liṅgaṃ †tathāścorū† jānunī jaṅghikādvayam
sphicau dve ca kaṭī pārśvau nyasetsadyaṃ tato'ṣṭadhā

Übersetzung: Genannt werden der verborgene Körperbereich, das Geschlechtsorgan, [wohl die beiden Oberschenkel], beide Knie, beide Unterschenkel, die beiden Gesäßhälften, die Hüfte und beide Flanken. Danach weise man Sadyojata achtfach zu.

K2.11

pādau pāṇī tathā nāsāṃ śiro bāhū nyasetkramāt
dvayostu pārśvayoḥ śaktiṃ tato'smin vyāpakaṃ nyaset

Übersetzung: Der Reihe nach weise man den Mantra beiden Füßen, beiden Händen, der Nase, dem Kopf und beiden Armen zu. An den beiden Flanken setze man die Shakti ein; danach vollziehe man die alles durchdringende Zuweisung an diesem Körper.

K2.12

svasthāne †gaṅgaṇaṃ† nyasya tato'ntaḥkaraṇaṃ kramāt
puṣpādyaṃ mānasaiḥ kṛtvā tisrastālāśśivāsinā

Übersetzung: Man vollziehe zunächst eine Zuweisung an ihrem jeweiligen Ort [ihr Gegenstand bleibt unklar]; danach folgt der Reihe nach das innere Organ. Man bringe innerlich Blumen und die weiteren Gaben dar und vollziehe drei Klatschbewegungen mit dem Schwert-Mantra Shivas.

K2.13

digbandhaṃ varmaṇā kṛtvā pātraṃ khaḍgena śodhayet
kṛtvā tu toyasaṃpūrṇaṃ nyasenmantraṃ trayodaśa

Übersetzung: Mit dem Panzer-Mantra sichere man die Himmelsrichtungen und reinige das Gefäß mit dem Schwert-Mantra. Man fülle es mit Wasser und weise ihm dreizehn Mantras zu.

K2.14

amṛtāñcāmṛtīkṛtya prokṣayettena tadgatam
datvā puṣpaṃ śirasyekaṃ liṅgaśuddhiṃ samācaret

Übersetzung: Man verwandle das Wasser rituell in Nektar und besprenge damit das dort Befindliche. Man lege eine Blume auf den eigenen Kopf und beginne die Reinigung des Linga.

K2.15

paripūtena toyena pūrṇān kṛtvā laghūn ghaṭān
ghaṭikordhvaṃ tu saṃsthāpya pātrārghyeṇā'rpayetkramāt

Übersetzung: Man fülle kleine Gefäße mit sorgfältig gereinigtem Wasser und stelle sie erhöht auf ihre Unterlagen. Der Reihe nach füge man das Arghya-Wasser aus dem dafür vorgesehenen Gefäß hinzu.

K2.16

pavitrāṇi purā'vṛtya pūjāpanayanaṃ punaḥ
liṅge vaiśeṣikenokto visargona vidhiḥ sthiraḥ

Übersetzung: Zuerst ordne man die reinen Gegenstände an, danach entferne man die bisherigen Verehrungsgaben. Beim besonderen Linga gilt eine Ausnahme von der Entlassung beziehungsweise Entfernung [deren genaue Regelung unklar bleibt].

K2.17

bhavetsāmānyaliṅge'pi kṣaṇamātraṃ visarjanam
na śūnyamastakaṃ liṅgaṃ kuryāttatra kadācana

Übersetzung: Auch bei einem gewöhnlichen Linga soll die Entfernung nur einen Augenblick beanspruchen. Man lasse den Scheitel des Linga dabei niemals leer.

K2.18

aiśānyāṃ sthāpayetpūjāṃ pratyagrāmathavārpitām
kṣālyā'streṇa dvayaṃ paścādvedyāṃ liṅgaṃ ca bhaktitaḥ

Übersetzung: Man lege die frischen oder bereits dargebrachten Verehrungsgaben im Nordosten nieder. Danach reinige man mit dem Astra-Mantra beide Gegenstände, den Sockel und das Linga, voller Hingabe.

K2.19

kalpanīyaṃ tataḥ pīṭhamaśeṣādhvavinirmitam
caturyugamahāpādaṃ pṛthivītattvakandakam

Übersetzung: Dann stelle man sich den Sitz vor, der aus dem gesamten kosmischen Weg besteht. Die vier Weltzeitalter bilden seine großen Füße; das Erdprinzip bildet die Wurzelknolle seines Lotus.

K2.20

kālatattvāntanālaikaṃ pañcāśadbhāvakaṇṭakam
māyātattvaṃ bhavedgranthiḥ śuddhavidyājaśobhitam

Übersetzung: Sein einzelner Stängel reicht bis zum Zeitprinzip; er trägt die Dornen der fünfzig geistigen Zustände. Das Maya-Prinzip bildet den Knoten. [Der Abschluss beschreibt wohl den Lotus als mit reiner Erkenntnis geschmückt.]

K2.21

vidyeśvaradalacchannaṃ śaktikesarasaṃyutam
śivaśaktidvayālabdhaṃ karṇikābījalakṣitam

Übersetzung: Die Herren der Erkenntnis bilden die ihn bedeckenden Blütenblätter; die Shaktis bilden seine Staubfäden. Er ist durch das Paar Shiva und Shakti ausgestattet; Blütenboden und Samen kennzeichnen ihn [genaue Zuordnung unsicher].

K2.22

pīṭhamevaṃvidhaṃ kalpya mātṛkābījasambhavam
napuṃsakāṃścatuṣkoṇe dharmādīn parikalpayet

Übersetzung: Einen solchen Sitz stelle man sich als aus den Samenlauten der Matrika hervorgegangen vor. An den vier Ecken vergegenwärtige man die geschlechtsneutralen Laute und die mit Dharma beginnenden Eigenschaften.

K2.23

bindupṛṣṭhamanantasya tatpṛṣṭhaṃ kamalaṃ bhavet
karṇikā'nantacakreṇa śeṣāḥ syurnavaśaktayaḥ

Übersetzung: Die Unterlage Anantas ist der Bindu; auf Anantas Rücken befindet sich der Lotus. Beim Blütenboden wird der Ananta-Kreis genannt [Zuordnung unsicher]; die übrigen Stellen sind den neun Shaktis zugeordnet.

K2.24

vāmā jyeṣṭhā ca raudrī ca kālī kalavikaraṇī
balavikaraṇī caiva balapramathanī ca

Übersetzung: Vama, Jyeshtha, Raudri, Kali, Kalavikarani, Balavikarani und Balapramathani werden genannt. Die Aufzählung setzt sich im folgenden Vers fort.

K2.25

damanī sarvabhūtānāṃ navamā ca manonmanī
vibhurjñānī kriyā vācā nāgeśī jvalinī tathā

Übersetzung: Es folgen die Bezähmerin aller Wesen und als neunte Manonmani. Eine weitere Reihe beginnt mit Vibhu, Jnani, Kriya, Vacha, Nageshi und Jvalini.

K2.26

vāmā jyeṣṭhā ca raudrī ca śaktayaḥ kīrtitā nava
vāmādyāścānulomena vibhvādyāstu vilomataḥ

Übersetzung: Vama, Jyeshtha und Raudri schließen diese zweite Reihe der neun genannten Shaktis ab. Die mit Vama beginnende erste Reihe wird in vorwärtslaufender Ordnung, die mit Vibhu beginnende zweite Reihe in umgekehrter Ordnung zugewiesen.

K2.27

kesarāṇi caturviṃśatkādibhāntagatāni ca
māntaṃ pudgalasyāsya †narakaṃ† bījakalpitam

Übersetzung: Die vierundzwanzig Staubfäden entsprechen den Lauten von ka bis bha. [Der zweite Halbvers ist nicht sicher übersetzbar.]

K2.28

brahmākṣareṇa mūrtiṃ ca kṛtvā datvā kalāmayam
sadyenā'vāhayeddevaṃ sthāpayedguhyakena tu

Übersetzung: Man gestalte die göttliche Form mit dem Brahma-Laut und weise ihr die aus Kalas bestehende Gestalt zu. Mit dem Sadyojata-Mantra rufe man den Gott herbei, mit dem Guhyaka-Mantra lasse man ihn seinen Platz einnehmen.

K2.29

sānnidhyaṃ syādaghoreṇa vaktreṇārghyādikaṃ bhavet
īśānenā'rcayelliṅgaṃ tato'ṅgāni yathākramam

Übersetzung: Mit Aghora wird seine Gegenwart bewirkt; mit dem Gesichts-Mantra werden Arghya und die weiteren Gaben dargebracht. Mit Ishana verehre man das Linga und danach die zugehörigen Glieder in ihrer Reihenfolge.

K2.30

datvā snānaṃ †prakartavyaṃ† kṣīreṇa dadhinā punaḥ
kramādājyena madhunā kṛtvāvartya punaḥ punaḥ

Übersetzung: Für das Bad werden Milch, dann Dickmilch, der Reihe nach geklärte Butter und Honig genannt. Die Behandlung werde wiederholt vorgenommen [genauer Ablauf unklar].

K2.31

snānagandhavibhūṣāntaṃ pūjāñca brahmabhiḥ kramāt
datvā'thā'varaṇāniṣṭvā sādhyānāṃ pūjayettataḥ

Übersetzung: Mit den Brahma-Mantras bringe man der Reihe nach die Verehrung dar, vom Bad über die Duftstoffe bis zum Schmuck. Danach verehre man die Umhüllungen und anschließend die zu verwirklichenden Mantra-Gottheiten.

K2.32

tadaṅgairaṅgitaṃ kṛtvā praṇave kamalāsane
śivasya dakṣiṇe bhāge vibhavena tu pūjayet

Übersetzung: Man statte die betreffende Gottheit mit ihren Gliedern aus und setze sie auf einen Lotussitz, der im Pranava gründet. Auf der rechten Seite Shivas verehre man sie nach den verfügbaren Mitteln.

K2.33

saṃhitāgarbhago mantrassādhyatvena yadā bhavet
āvṛttidvayamadhyasthaṃ saṃpūjyaṃ pūrvavat khaga

Übersetzung: Wenn ein innerhalb der Samhita enthaltener Mantra als Gegenstand der Verwirklichung dient, verehre man ihn wie zuvor inmitten der beiden Umhüllungen, du Vogel Garuda.

K2.34

dadyāddaśāṅgajaṃ dhūpaṃ ghṛtamiśraṃ hṛdā'nunā
tadgatān pūjya devāṃstu tato liṅgaṃ samarcayet

Übersetzung: Man bringe Räucherwerk aus zehn Bestandteilen, mit geklärter Butter vermischt, unter Verwendung des Herz-Mantras dar [anschließender Zusatz unklar]. Nachdem man die dort befindlichen Gottheiten verehrt hat, verehre man das Linga.

K2.35

mudrāṃ baddhvā praṇamyeśaṃ gṛhyā mālāṃ japecchivam
muktāmaṇimayairmālā rudrākṣairvarasiddhidā

Übersetzung: Man zeige die Mudra, verneige sich vor dem Herrn, nehme die Gebetskette und wiederhole den Shiva-Mantra. Eine Kette aus Perlen oder Rudraksha-Perlen wird als Mittel zur höchsten Vollendung bezeichnet.

K2.36

śaṅkhasphaṭikapadmākṣaśaṅkākṣairmadhyasiddhidā
rītikātrapuśīsādyairadhamā siddhiriṣyate

Übersetzung: Muschel, Bergkristall, Lotussamen und weitere [nicht sicher bestimmbare] Samen ergeben dem Text zufolge eine mittlere Vollendung. Bei Messing, Zinn, Blei und ähnlichen Stoffen wird eine geringere Vollendung angenommen.

K2.37

putrajīvakamālā syātsarvakāmārthasādhanī
kanyāsūtrakṛtāṃ śubhrāṃ samākṣairgrathitāṃ varām

Übersetzung: Eine Kette aus Putrajivaka-Samen gilt als Mittel zur Erfüllung aller Wünsche und Ziele. Für die weitere Beschreibung ist eine vorzügliche, reine Kette gemeint, mit gleich großen Perlen auf einem von einem Mädchen gefertigten Faden aufgereiht.

K2.38

merumadhyaniviṣṭāṃ tāṃ gandhaliptāṃ sudhūpitām
gṛhya hṛnmantrajaptāṃ tāmaṣṭottaraśatānvitām

Übersetzung: Sie enthalte eine in der Mitte eingefügte Meru-Perle, sei mit Duftstoff bestrichen und gut beräuchert. Man nehme sie auf, nachdem der Herz-Mantra über ihr gesprochen wurde; sie bestehe aus hundertacht Perlen.

K2.39

tadardhaṃ vā prakurvīta tasyāpyardhamathā'pi vā
madhyamānāmikāṅguṣṭhakarṣaṇātsiddhiruttamā

Übersetzung: Man kann auch die Hälfte dieser Zahl oder wiederum deren Hälfte nehmen, also vierundfünfzig oder siebenundzwanzig. Das Bewegen der Perlen mit Mittelfinger, Ringfinger und Daumen gilt als Weg zur höchsten Vollendung.

K2.40

aṅguṣṭhatarjanīyogānmadhyamā siddhiriṣyate
kaniṣṭhāṅguṣṭhasaṃyogātsiddhiruktā kanīyasī

Übersetzung: Der Verbindung von Daumen und Zeigefinger wird eine mittlere Vollendung zugeschrieben. Die Verbindung von kleinem Finger und Daumen wird als die geringste eingestuft.

K2.41

patitāmuttaretsadyaśśeṣāṃ upahatāṃ tyajet
siddhārthake tathā sthāpya tāmrake vā karaṇḍake

Übersetzung: Eine heruntergefallene Kette hebe man sogleich auf; eine beschädigte lege man beiseite [weiterer Wortlaut unklar]. Man bewahre die Kette in weißem Senf auf, in einem Kupfergefäß oder einem kleinen Korb.

K2.42

japedyāvadanudvigno na drutaṃ na vilambitam
nāspaṣṭaṃ na manobhrāntaṃ japaṃ kuryātsamāhitaḥ

Übersetzung: Man rezitiere, solange man innerlich unaufgeregt bleibt, weder hastig noch schleppend. Man vollziehe die Wiederholung gesammelt, weder undeutlich noch mit verwirrtem Geist.

K2.43

trividhaḥ sa vijñeyo mānaso manasaiva tu
uccāyassyātsa bhāṣyo jñeyo'nyaśśravaṇātmakaḥ

Übersetzung: Die Wiederholung ist dreifach. Die geistige geschieht allein im Geist; die hörbar ausgesprochene ist dadurch bestimmt, dass andere sie hören. [Die dritte Art wird hier nicht eindeutig beschrieben.]

K2.44

parivartyā'kṣamālāṃ tāṃ nāgendraparivartavat
evaṃ kṛtvā japenmantrī dhyāyeddevam kalātanum

Übersetzung: Man bewege die Gebetskette wie die Windung einer großen Schlange. So verfahre der Mantra-Übende, rezitiere und betrachte innerlich den Gott, dessen Körper aus Kalas besteht.

K2.45

tryakṣaṃ kamalamadhyasthaṃ khaṇḍendumakuṭojjvalam
sāyudhaṃ daśabāhuṃ ca sālaṅkāraṃ manoharam

Übersetzung: Man betrachte ihn mit drei Augen, inmitten des Lotus, leuchtend mit der Mondsichel auf der Krone. Er trägt Waffen, hat zehn Arme, ist geschmückt und von anziehender Gestalt.

K2.46

icchāsiddhipradaṃ dhyeyaṃ varṇarūpadharaṃ haram
liṅgamadhyagataṃ dhyātvā devadevaṃ sadāśivam

Übersetzung: Zu betrachten ist Hara, der die gewünschte Vollendung gewährt und eine aus Lauten bestehende Gestalt trägt: Sadashiva, der Gott der Götter, in der Mitte des Linga gegenwärtig.

K2.47

naivedyaṃ copasaṃhṛtya kṣipeccaṇḍāya tatpunaḥ
ūrdhvāṅge tu yadā siktastataḥ snānaṃ vidhīyate

Übersetzung: Man nehme die dargebrachten Speisen zusammen und lege sie für Chanda fort. Wenn der obere Körperbereich mit dem Wasser benetzt wurde, ist ein Bad vorgeschrieben.

K2.48

adhobhāge yadā siktastadā prakṣālya śuddhyati
sthaṇḍile'pi ca mantrāṇāṃ siddhirāśu prajāyate

Übersetzung: Wenn die untere Körperhälfte benetzt wurde, reinigt man sich durch Abwaschen. Auch auf einer hergerichteten Opferfläche entsteht die Vollendung der Mantras rasch.

K2.49

tāmapyapanayetpūjāṃ tribhirgomayagolakaiḥ
tatassaṃprokṣya tatsthānaṃ †śivamastvivai† vadet

Übersetzung: Auch dort entferne man die Verehrungsgaben und behandle die Stelle mit drei Kugeln Kuhdung. Danach besprenge man diesen Ort und spreche eine Heilswendung [Wortlaut unsicher].

K2.50

evaṃ pūjāvidhānaṃ tu proktametatsamudrakam
agnikāryaṃ tataḥ kṛtvā kuṇḍe vā sthaṇḍile'pi vā

Übersetzung: So ist diese mit Mudras verbundene Weise der Verehrung erklärt worden. Danach vollziehe man die Feuerhandlung in einer Feuergrube oder auf einer hergerichteten Opferfläche.

K2.50½

agnisthaṃ yojayelliṅge gurostacca bhavetphalam

Übersetzung: Man verbinde den im Feuer gegenwärtigen Gott mit dem Linga; darin liegt die Frucht der Handlung des Gurus.

iti śrīmatkiraṇākhye mahātantre kriyāpāde pūjāvidhirdvitīyaḥ paṭalaḥÜbersetzung: So endet im großen Tantra namens Kirana, im Ritualteil, das zweite Kapitel: die Vorschrift der Verehrung.

Getrennter Quellenblock: Kapitel 60–61. Weitere dazwischenliegende Werkabschnitte sind in dieser Teilausgabe noch nicht bearbeitet.

Kapitel 60: Totenritual

garuḍa uvācaÜbersetzung: Garuda spricht:

60.1

anteṣṭiḥ sūcito deva nokto vistarato mama
kasmin kāryā kathaṃ brūhi tat punaḥ kriyate katham

Übersetzung: Gott, du hast das letzte Opfer angedeutet, mir aber nicht ausführlich erklärt. Für wen soll es stattfinden und auf welche Weise? Sage noch einmal, wie es vollzogen wird.

bhagavān uvācaÜbersetzung: Der Herr spricht:

60.2

mṛto yo dīkṣitaḥ pūrvaṃ dakṣadvāreṇa nīyate
voḍhāraś caturo grāhyāḥ kṛtavāmapavitrakāḥ

Übersetzung: Ein Verstorbener, der zuvor eingeweiht worden ist, wird durch das südliche Tor hinausgetragen. Man soll vier Träger bestimmen, die ihr Pavitra auf der linken Seite angelegt haben.

60.3

tataś cotkṣipya taṃ nītvā citisthānaṃ samaṃ śuciḥ
śodhayitvā tu tat sthānaṃ kāṣṭhaiḥ kṛtvā samāṃ citim

Übersetzung: Nachdem sie ihn angehoben und zu einem ebenen Platz für den Scheiterhaufen gebracht haben, soll der reine Ritualleiter den Platz reinigen und aus Holz einen gleichmäßig aufgebauten Scheiterhaufen errichten.

60.4

tasyāpy uttaradigbhāge sthaṇḍilaṃ padmam eva vā
kṛtvārcanaṃ yathāpūrvaṃ vahnikāryaṃ samārabhet

Übersetzung: Nördlich davon soll er einen Opferplatz oder eine Lotuszeichnung anlegen. Nachdem er die Verehrung wie zuvor ausgeführt hat, soll er das Feuerritual beginnen.

60.5

kṛtvā taṃ śavam ānīya śodhayed gomayādibhiḥ
śodhitaṃ bhasmanā guṇṭhya prāguktakramayogataḥ

Übersetzung: Nach dessen Ausführung soll er den Leichnam herbeibringen und mit Kuhdung und anderen Mitteln reinigen. Den Gereinigten soll er gemäß der zuvor gelehrten Reihenfolge mit Asche bedecken.

60.6

kaupīnam āditaḥ kṛtvā sarvaṃ tasyopapādayet
dakṣiṇāśāgatasyāsyadakṣiṇāmūrtigasya tu

Übersetzung: Beginnend mit dem Lendentuch soll er ihm alles Erforderliche anlegen. Der Verstorbene ist dem Süden zugewandt und der südlichen Gestalt zugeordnet. [Zuordnung unsicher.]

60.7

prokṣayec chivatoyena dhyātvā taddhṛdi kevalam
śuddhasūkṣmakaṇākāraṃ dhyātvā tan madhyasaṃsthitam

Übersetzung: Er soll ihn mit Shiva-Wasser besprengen und in dessen Herzen die isolierte Seele betrachten: rein, fein und von der Gestalt eines winzigen Teilchens, in dessen Mitte gegenwärtig.

60.8

sakalīkṛtya taṃ paścāt pūrvoktena krameṇa tu
kalpya tat prathamaṃ vargaṃ vahnisthaṃ mātarāṃ punaḥ

Übersetzung: Danach soll er ihn nach der zuvor genannten Reihenfolge mit den Mantra-Gliedern versehen. Er soll die erste Gruppe der Lautmütter im Feuer vorstellen,

60.9

kalpya gandhādibhiḥ pūjya graho nādāntato bhavet
yojanaṃ taddhṛdā tasya śivenāhutayo daśa

Übersetzung: sie einsetzen und mit Duftstoffen und anderem verehren. Das Ergreifen der Seele erfolgt vom Ende des Nada aus; ihre Verbindung wird durch den entsprechenden Herzmantra vollzogen. Mit dem Shiva-Mantra werden zehn Opfergaben dargebracht.

60.10

dattvā kṛtyāsinā pāśān punaḥ pūrṇāhutiṃ dadet
hṛdoddhṛtya punar hṛtsthaṃ kṛtvā vargaṃ punar nyaset

Übersetzung: Nach diesen Gaben soll er die Bindungen mit der Asi-Formel zerschneiden und eine volle Opfergabe darbringen. Mit dem Herzmantra soll er die Seele herausheben, sie erneut im Herzen ruhen lassen und die nächste Lautgruppe einsetzen.

60.11

evaṃ vargāṣṭakaṃ śodhyam †athav↠tad vilomataḥ
pañcāhutiprayogena śodhayet pūrvavat kramāt

Übersetzung: So sind die acht Lautgruppen zu reinigen – oder in umgekehrter Reihenfolge [die Lesung „oder“ ist unsicher]. Mit jeweils fünf Opfergaben soll er sie wie zuvor der Reihe nach reinigen.

60.12

layaṃ kṛtvā śivenāsya khaḍgenāstaraṇaṃ kuśaiḥ
śavaṃ sthāpya citād ūrdhvam īśānenottarānanam

Übersetzung: Nachdem er mit dem Shiva-Mantra das Aufgehen der Seele bewirkt hat, soll er mit der Khadga-Formel eine Unterlage aus Kusha-Gras bereiten und den Leichnam mit dem Ishana-Mantra auf den Scheiterhaufen legen, das Gesicht nach Norden gerichtet.

60.13

candanāgarukarpūratilān ūrdhvaṃ kṣipet payaḥ
tatas tam indhanenāgniṃ praśastena nayec citiṃ

Übersetzung: Er soll Sandelholz, Adlerholz, Kampfer, Sesam und Milch darübergeben. Dann soll er jenes Feuer mithilfe geeigneten Brennmaterials an den Scheiterhaufen bringen.

60.14

prajvālya tāṃ punar bhrāmya karakaṃ khaḍgakalpitam
prāgdiktas tattadantaṃ tu saṅkṣipet skandhataḥ punaḥ

Übersetzung: Nachdem er ihn entzündet hat, soll er ihn erneut umrunden. Das mit der Khadga-Formel geweihte Gefäß soll er, im Osten beginnend und am jeweiligen Ende, von der Schulter aus niederwerfen. [Genauer Ablauf der Gefäßhandlung unklar.]

60.15

dīpya vighnaṃ na tasyaiva yāvad bhasmāntikaṃ bhavet
jalasnānaṃ tato gacchet kuryāt tasyodakakriyām

Übersetzung: Nach dem Entzünden soll keine Unterbrechung eintreten, bis der Leichnam zu Asche geworden ist. Dann soll er zum Wasserbad gehen und für den Verstorbenen das Wasserritual vollziehen.

60.16

dūrvākṣatavimiśrāṃs tu dattvāsyāñjalayas trayaḥ
ācāryaḥ pūrvavat paścāt prāyaścittaṃ punar bhajet

Übersetzung: Er soll ihm drei hohle Hände voll Wasser darbringen, vermischt mit Durva-Gras und unversehrten Reiskörnern. Danach soll der Lehrer wie zuvor die Sühnehandlung ausführen.

60.17

śatajāpād aghorasya śāvaśuddhir ihoditā
evaṃ kṛte sadā tasya vidhinā bhojanaṃ punaḥ

Übersetzung: Die Reinigung von der Berührung mit dem Toten wird hier durch hundert Wiederholungen des Aghora-Mantras gelehrt. Ist dies vollzogen, folgt für ihn wiederum die vorschriftsmäßige Speisung.

60.18

evaṃ te mātṛkāhomād anteṣtis tava coditā
liṅgoddhāre ca sarpaghna mātṛkāṃ pariśodhayet

Übersetzung: So wurde dir das letzte Opfer durch das Feueropfer der Lautmutter gelehrt. Auch beim Herausheben eines Linga soll man die Matrika reinigen, Schlangentöter.

60.19

mātṛkāṃ pūjayed yas tu tasya siddhir dhruvaṃ bhavet

Übersetzung: Wer aber die Matrika verehrt, dem wird gewiss Vollendung zuteil.

iti kiraṇākhye mahātantre ṣaṣṭhipaṭalaḥÜbersetzung: Damit endet im großen Tantra namens Kirana das sechzigste Kapitel.

Kapitel 61: Ahnenritual

garuḍa uvācaÜbersetzung: Garuda spricht:

61.1

vidhinā bhojanaṃ pūrvaṃ sūcitaṃ noditaṃ mama
kasmin †kale† kathaṃ tac ca kim arthaṃ vada śaṅkara

Übersetzung: Du hast mir zuvor eine vorschriftsmäßige Speisung angedeutet, sie aber nicht erklärt. Zu welcher Zeit, auf welche Weise und zu welchem Zweck erfolgt sie? Sage es, Shankara. [Die Wortform für „Zeit“ ist in der Edition auffällig.]

bhagavān uvācaÜbersetzung: Der Herr spricht:

61.2

ekādaśāhād ārabhya māsaṃ māsaṃ samāvadhim
ekoddiṣṭaṃ tu taj jñeyaṃ varṣād varṣaṃ bhavet punaḥ

Übersetzung: Vom elften Tag an soll sie Monat für Monat bis zum Ablauf eines Jahres erfolgen. Dies ist als Ekoddishta, als Ritus für einen einzelnen Verstorbenen, zu erkennen. Danach findet sie Jahr für Jahr statt.

61.3

śrāddhaṃ syād ekavarṣordhvaṃ śrāddhapakṣe viśeṣataḥ
āśvine kṛṣṇapakṣe vā ravau kanyāgate tathā

Übersetzung: Nach einem Jahr soll das Shraddha stattfinden, besonders in der dafür bestimmten Monatshälfte; auch in der dunklen Hälfte des Monats Ashvina oder wenn die Sonne im Zeichen Jungfrau steht.

61.4

aṣṭamyāṃ vā caturdaśyāṃ caturthyāṃ vā maghāśaśi
saptamyāṃ vā navamyāṃ vā śrāddhaṃ pañcadaśāhnikam

Übersetzung: Für das Shraddha des fünfzehntägigen Abschnitts werden der achte, vierzehnte oder vierte Mondtag bei Mond in Magha sowie der siebte oder neunte Mondtag genannt.

61.5

sādhakadvitayaṃ gṛhya deśikatritayaṃ punaḥ
sāmānyaṃ pitṛdevārthaṃ viśeṣo ’trābhidhīyate

Übersetzung: Man soll zwei Sadhakas und drei Lehrer heranziehen. Das gemeinsame Verfahren dient den Ahnen und den Göttern; die Besonderheit wird hier erklärt.

61.6

īśas sadāśivaḥ śānto deśikatṛtayaṃ bhavet
sādhakadvitayaṃ cānyad rudrānantam iti sthitam

Übersetzung: Die drei Lehrer sollen als Isha, Sadashiva und Shanta aufgefasst werden. Die beiden anderen, die Sadhakas, bestehen in der Zuordnung zu Rudra und Ananta.

61.7

tṛptais tair nikhilaṃ tṛptaṃ śivāntam abhavat khaga
dīkṣitānāṃ śivaśrāddhaṃ rudrāṃśānāṃ tadātmakam

Übersetzung: Sind diese gesättigt, ist alles bis hinauf zu Shiva gesättigt, Garuda. Für Eingeweihte gibt es das Shiva-Shraddha; für diejenigen, die zu Rudra gehören, das ihm entsprechende Shraddha.

61.8

tatra caṇḍamahākālau dvau gaṇau dvitaye sthitau
rudraḥ skando gaṇeśo ’nyattritaye saṃsthitās tv ime

Übersetzung: Dort stehen die beiden Ganas Chanda und Mahakala in der Zweiergruppe; Rudra, Skanda und Ganesha bestehen dagegen in der anderen Dreiergruppe.

61.9

tapasvibhir dvijaiś cātra rudraśrāddhaṃ prakalpayet
kurvanti ye narā bhaktyā rudralokaṃ vrajanti te

Übersetzung: Das Rudra-Shraddha soll man hier mit Asketen und Zweimalgeborenen vollziehen. Die Menschen, die es voller Hingabe ausführen, gelangen in Rudras Welt.

61.10

laukikaṃ brahmaviṣṇvīśasūryāntakavikalpitam
pūrvavat tritayaṃ kalpya dvitayaṃ ca viśeṣataḥ

Übersetzung: Das weltliche Shraddha ist nach Brahma, Vishnu, Isha, Surya und Antaka gegliedert. Wie zuvor sind eine Dreiergruppe und eine Zweiergruppe entsprechend anzuordnen.

61.11

prāg ucyate śivaśrāddhaṃ pavitraṃ śivamantrajam
sādhakaputrakābhāvād rudrabhaktā dvijāthavā

Übersetzung: Zuerst wird das reine, aus Shiva-Mantras hervorgehende Shiva-Shraddha beschrieben. Wenn Sadhakas und Putrakas fehlen, kommen Rudra-Verehrer, Zweimalgeborene oder

61.12

advijā vā yadā bhaktā dīkṣitā gṛhya kalpayet
pañcābhāve yadā tasya tadā taddvayakalpanā

Übersetzung: auch Menschen außerhalb dieser Stände in Betracht, sofern sie ergeben und eingeweiht sind. Man soll sie heranziehen und entsprechend zuordnen. Sind fünf nicht verfügbar, soll man zwei einsetzen.

61.13

kāryā vikalpanā saiva bāhumūlāṃśayor dvayoḥ
ekasyaivaṃ tathā nyasya bāhumūlaśirasy atha

Übersetzung: Dieselbe Zuordnung ist an den Armansätzen und Schultern der beiden vorzunehmen. Bei nur einem soll man entsprechend an den Armansätzen und am Kopf

61.14

tritayaṃ kalpya vinyāsaḥ kartavyaḥ pūrvavat kramāt
dakṣiṇottarasaṃsthānaṃ pūrve vṛttadvayaṃ bhavet

Übersetzung: die Dreiergruppe vorstellen und die Einsetzung wie zuvor der Reihe nach ausführen. Im Osten sollen zwei runde Felder angelegt sein, eines südlich und eines nördlich.

61.15

hastamātraṃ catuṣkoṇaṃ saṃskṛtaṃ gomayena tu
tiladarbhayavākīrṇaṃ dakṣiṇe pādaśodhanam

Übersetzung: Der Platz soll eine Hasta breit, viereckig und mit Kuhdung gereinigt sein, mit Sesam, Darbha-Gras und Gerste bestreut. Auf dem südlichen erfolgt die Fußreinigung.

61.16

kṛtvācamyaṃ dvitīye tu vāmeneyaṃ kriyā matā
śucībhūtāṃs tu tān sthāpya pūrvāsyaṃ yad dvayaṃ purā

Übersetzung: Auf dem zweiten soll die Reinigung durch Wasserschlucken stattfinden; diese Handlung wird mit der Vama-Formel vollzogen. Die so Gereinigten soll man aufstellen, zuerst die Zweiergruppe mit dem Gesicht nach Osten.

61.17

tritayaṃ yad uttarāsyaṃ sthāpayed guhyakena tu
sadyena kuśakḷptiḥ syāt punaś cāvāhanaṃ bhavet

Übersetzung: Die Dreiergruppe soll man mit der Guhyaka-Formel nach Norden gewandt aufstellen. Mit der Sadya-Formel wird das Kusha-Gras angeordnet; darauf folgt die Einladung.

61.18

āvāhanaṃ svanāmāṅkaṃ kāryam āvāhayeti ca
vaktavyaṃ tair idaṃ vākyaṃ bhaktiyuktaiḥ samāhitaiḥ

Übersetzung: Die Einladung soll mit dem jeweiligen eigenen Namen versehen sein und die Aufforderung „Lade ein!“ enthalten. Diese Worte sollen jene mit Hingabe und Sammlung sprechen.

61.19

savyakriyā trayasyoktā hy avasavyā dvayasya tu
yavān ānīya pūrvaṃ tu dvayasya vikiret pari

Übersetzung: Für die Dreiergruppe wird die gewöhnliche Savya-Anordnung gelehrt, für die Zweiergruppe die umgekehrte Avasavya-Anordnung. Zuerst soll man Gerste herbeibringen und rings um die Zweiergruppe ausstreuen.

61.20

trayasyāpi tilān kṣiptvā rakṣārthaṃ cottarena tu
kṛtvā pātraṃ tu vāmena puṣpavāryakṣatānvitam

Übersetzung: Auch bei der Dreiergruppe soll man Sesam ausstreuen, zum Schutz mit der Uttara-Formel. Mit der Vama-Formel soll man ein Gefäß bereiten, das Blumen, Wasser und unversehrte Reiskörner enthält.

61.21

dadyāt teṣāṃ tad arghyaṃ tu saṃnidhyarthaṃ sakṛt sakṛt
trayasyeśena tad dadyād ghoreṇāpi dvayasya tu

Übersetzung: Dieses Arghya soll man ihnen jeweils einmal darbringen, damit ihre Gegenwart wirksam wird: der Dreiergruppe mit der Isha-Formel, der Zweiergruppe mit der Ghora-Formel.

61.22

jānubhyām avanau sthitvā pādād ārabhya mūrdhnataḥ
yāvat tadaṅgam ekaikaṃ kramād arcya yavais tilaiḥ

Übersetzung: Mit beiden Knien auf dem Boden soll man jedes ihrer Glieder der Reihe nach, von den Füßen bis zum Kopf, mit Gerste und Sesam verehren.

61.23

dvayasya tṛtayasyāpi ghoreṇājena ca kramāt
gandhapuṣpaṃ ca vāmena dhūpadīpaṃ ca vaktṛṇā

Übersetzung: Bei der Zweier- und der Dreiergruppe geschieht dies der Reihe nach mit Ghora und Aja. Duftstoffe und Blumen werden mit Vama dargebracht, Räucherwerk und Licht mit Vaktri.

61.24

pūrṇaṃ bhavatu vaktavyaṃ tato hastapraśodhanam
kṛtvā snigdhānnam ānīya bhājane tat sakṛt sakṛt

Übersetzung: Man soll sprechen: „Es möge vollständig sein.“ Darauf folgt die Reinigung der Hände. Dann soll man mit Fett zubereitete Speise herbeibringen und jedem jeweils eine Portion in sein Gefäß geben.

61.25

tad agnaukaraṇaṃ nāma karma tatpuruṣeṇa tu
†kṛtvaiva punar† aśnīyād maunam āsthāya kāmataḥ

Übersetzung: Die Handlung namens Agnaukarana, das Darbringen ins Feuer, wird mit Tatpurusha vollzogen. Danach sollen die Geladenen schweigend nach ihrem Wunsch essen. [Verbindende Worte unsicher.]

61.26

bhājane pāyasaṃ sājyaṃ sakṣaudraṃ khaṇḍasaṃyutam
susaṃskṛtaṃ ca bhaktaṃ vā māṃsaṃ vā śaśakātmakam

Übersetzung: In die Gefäße gibt man Milchreis mit geklärter Butter, Honig und Zuckerbrocken, oder gut zubereiteten gekochten Reis, oder Fleisch vom Hasen.

61.27

uttarābhimukhas tiṣṭhan japen mantraṃ tu pañcamam
jñātvā bhuktāṃs tu tān paścāt tṛptās stheti punar vadet

Übersetzung: Nach Norden gewandt stehend soll der Ritualleiter den fünften Mantra wiederholen. Wenn er erkennt, dass jene gegessen haben, soll er sie danach fragen: „Seid ihr gesättigt?“

61.28

tṛptāḥ sma iti yad vākyaṃ vaktavyaṃ taiḥ punaḥ sakṛt
tatodakaṃ sakṛd grāhya maṇḍale dakṣiṇānanaḥ

Übersetzung: „Wir sind gesättigt“ sollen sie einmal antworten. Dann soll auf dem Mandala einmal Wasser genommen werden, mit dem Gesicht nach Süden.

61.29

sadyenāstaraṇaṃ dattvā guhyakena tilodakam
piṇḍatrayaṃ tataḥ kṛtvā sarvānnaparikalpitam

Übersetzung: Mit Sadya soll er eine Unterlage geben, mit Guhyaka Sesamwasser. Dann soll er drei Speisebälle formen, die aus den verschiedenen Speisen zusammengesetzt sind.

61.30

†nareṇāvadato† dadyād annapiṇḍatrayaṃ kramāt
dattvā vāmena gandhaṃ ca tenaivārghyaṃ pradāpayet

Übersetzung: Mit Nara soll er die drei Speisebälle der Reihe nach darbringen. [Anschließende Angabe unklar.] Mit Vama soll er Duftstoff und mit derselben Formel Arghya darbringen lassen.

61.31

putrārthaṃ vanitā śuddhā madhyamaṃ piṇḍam āpnuyāt
tadā tasyās suto dhīro rudrāṃśaḥ strīyuto bhavet

Übersetzung: Eine reine Frau, die sich einen Sohn wünscht, soll den mittleren Speiseball erhalten. Dann werde ihr ein tapferer Sohn, ein Anteil Rudras, zuteil, der mit einer Frau verbunden sein wird.

61.32

athavā taṃ gavāṃ dadyād agnau vāpsu vinikṣipet
pūrvam ācamanaṃ dadyāt trayasyātha dvayoḥ punaḥ

Übersetzung: Oder man soll diesen Speiseball den Kühen geben, ins Feuer legen oder ins Wasser werfen. Zuerst soll man der Dreiergruppe Wasser zum rituellen Schlucken reichen, danach der Zweiergruppe.

61.33

†ācamyotthāya saṃkalpya† namaskṛtya kṣamāpayet
dānaṃ dadyād yathāśaktyā bhaktito ’nte visarjayet

Übersetzung: Nachdem man Wasser geschluckt hat, soll man aufstehen und den Entschluss fassen [diese Worte sind unsicher], sich verneigen und um Verzeihung bitten. Man soll nach Vermögen eine Gabe geben und die Gäste schließlich mit Hingabe verabschieden.

61.34

śrāddham evaṃvidhaṃ śaivaṃ śivasāyojyadaṃ param
rudraśrāddhaṃ svanāmāṅkaṃ praṇavādi namontikam

Übersetzung: Ein solches Shiva-Shraddha ist erhaben und schenkt Vereinigung mit Shiva. Beim Rudra-Shraddha wird der jeweilige Name verwendet, mit Om am Anfang und Namah am Ende.

61.35

rudrasāyojyadaṃ caiva devatānāṃ svasaṃjñayā
kṛte ’smin laukike śrāddhe †navamāsyaṃ† sa paśyati

Übersetzung: Dieses schenkt Vereinigung mit Rudra; bei den anderen Gottheiten verwendet man ihren jeweiligen Namen. Wenn dieses weltliche Shraddha vollzogen ist, sieht der Ausführende … [Schlussaussage unklar.]

61.36

viprāṇāṃ vihitaṃ śrāddhaṃ vedoktaṃ smṛtikalpitam
brahmalokam avāpnoti tatkartā dvijasattamaḥ

Übersetzung: Das für Brahmanen vorgeschriebene Shraddha ist im Veda gelehrt und in der Smriti geordnet. Der hervorragende Zweimalgeborene, der es vollzieht, gelangt in Brahmas Welt.

61.37

ekoddiṣṭaṃ yad atroktaṃ kāryam āvāhanaṃ vinā
navaśrāddhādikaṃ śrāddhaṃ proktam etat samāsataḥ

Übersetzung: Das hier gelehrte Ekoddishta soll ohne Einladung vollzogen werden. Damit wurde das Shraddha, beginnend mit dem Nava-Shraddha, in Kürze beschrieben.

61.38

śivasya paramātmānaḥ kiṃ nāma kriyate naraiḥ
kriyā sampūrṇatām eti tad uddiśya phalaṃ mahat

Übersetzung: Was könnten Menschen denn für Shiva, das höchste Selbst, bewirken? Wenn man die Handlung auf ihn richtet, gelangt sie zur Vollständigkeit, und ihre Frucht ist groß.

61.39

kartavyaṃ tena tat tārkṣya parokṣe ’pi yathoditam
nirṛṇatvaṃ kathaṃ teṣāṃ yāvad eva kṛtaṃ na hi

Übersetzung: Deshalb soll jener sie wie gelehrt auch bei Abwesenheit des Verstorbenen ausführen, Garuda. Wie könnten die Verpflichteten frei von ihrer Schuld werden, solange es nicht getan wurde?

61.40

†śrāddhaṃ tāvat kathaṃ kartuṃ phalam ity abhavad atha†
parokṣe pi tathānteṣṭiḥ kriyate tadvad atra tu

Übersetzung: [Erster Halbvers nicht sicher übersetzbar.] Auch das letzte Opfer wird bei Abwesenheit des Verstorbenen vollzogen; ebenso verhält es sich hier.

61.41

kartavyaṃ tena tac chrāddhaṃ dīkṣā yena tadantikā
proktaṃ samāsataḥ śrāddhaṃ pañcabrahmamayaṃ śivam

Übersetzung: Daher soll derjenige, von dem die Einweihung erteilt wurde, dieses Shraddha ausführen; jene findet darin ihren Abschluss. So wurde das heilvolle, aus den fünf Brahma-Mantras bestehende Shraddha in Kürze beschrieben.

iti kiraṇākhye mahātantre ekaṣaṣṭhipaṭalaḥÜbersetzung: Damit endet im großen Tantra namens Kirana das einundsechzigste Kapitel.

Spirituelle Bedeutung und heutige Betrachtung

Symbolbild heutiger Meditation als Begleitung zum Studium.

Bewusstsein und Verhüllung unterscheiden. Das Kirana Tantra behandelt die gebundene Seele nicht als ein von Grund auf bewusstloses Ding. Gerade deshalb fragt Garuda, ob Nichtwissen überhaupt ihre wesentliche Eigenschaft sein könne. Shiva verneint dies: Würde die Verhüllung zum Wesen des Bewusstseins gehören, müsste Befreiung dessen Wesen zerstören. Die Vergleiche mit Kupfer und seiner Anhaftung oder mit dem Reiskorn und seiner Hülle verdeutlichen den Unterschied (2.24–33). Mala, die bindende Unreinheit, bedeutet hier mehr als moralisches Fehlverhalten. Sie ist eine grundlegende Verhüllung der Erkenntnisfähigkeit.

Der Körper als Bedingung des Weges. Die Maya hat eine doppelte Bedeutung. Ihre Wirkungen begrenzen das Erleben, machen aber zugleich begrenzte Erkenntnis und Erfahrung möglich (2.7–15). Besonders deutlich sagt 4.29: Ohne Körper gibt es weder Befreiung noch die Erfahrung, die Erkenntnis und Handeln lehrt. Dies würdigt die verkörperte Existenz innerhalb eines Weges, dessen Ziel über die Bindung an sie hinausgeht. Es ist keine Lehre, nach der jedes Begehren bereits Befreiung wäre.

Gnade, Zeit und persönliche Reife. Shakti, Shivas Kraft, muss nach dem Text nicht erst räumlich von fern herbeikommen. „Herabkommen“ ist eine übertragene Bezeichnung für ihr erweckendes Wirken. Das Bild der Sonne und der Lotusblüte verbindet Wirksamkeit mit dem geeigneten Zeitpunkt (4.1–4; 5.14–21). Dabei bleibt Shiva der bewusste Handelnde; die Zeit selbst wird nicht zum göttlichen Urheber erklärt. Hingabe erscheint als Zeichen der Berührung durch diese Kraft, doch Garudas Einwand gegen vorschnelle Schlüsse aus äußeren Zeichen bleibt hörbar (6.22–25).

Mehrere geeignete Mittel. In 6.7–10 nennt das Kirana Tantra Menschen, die für Ritual, Erkenntnis oder geregelte Lebensführung geeignet sind. Diksha, die Einweihung, steht dabei in einem Zusammenhang mit den weiteren Mitteln. Der Text erlaubt nicht den Schluss, jedes beliebige Verhalten führe automatisch zum gleichen Ziel. Die unterschiedlichen Mittel werden innerhalb seiner eigenen religiösen Ordnung gelehrt. Zugleich stellt 6.3–4 klar, dass die Weihe dem bewussten Wesen gilt, nicht seiner Kaste oder seinem unbewussten Körper. Die historische Rangordnung der Gesellschaft wird damit nicht insgesamt aufgehoben.

Leerheit als Freiheit von Begrenzung. In Kapitel 9 bedeutet die Leerheit Shivas das Freisein von Eigenschaften der Maya. Das leere Haus ist nicht überhaupt nicht vorhanden; es ist leer in Bezug auf das, was darin fehlt. Klang, Punkt und Kraft können dem Geist Halt geben, damit er im Ewigen fest wird. Der Text verknüpft diesen Weg mit Unterweisung und Erkenntnis. Seine Leerheit sollte daher nicht ohne Weiteres mit anderen buddhistischen oder hinduistischen Begriffen gleichgesetzt werden.

Sprache und Erkenntnis. Kapitel 11 versteht die Lautmutter als Ursprung vielfältiger sprachlicher Formen. Logik, Dichtung, Überlieferung und die verschiedenen Sprachen werden aus einer umfassenden Sprachkraft erklärt. Die Verschiedenheit der Lehren muss nach 10.31 und 11.7–8 keinen Unterschied ihrer befreienden Frucht bedeuten. Das ist eine Aussage über die hier betrachtete Offenbarungsordnung, keine pauschale Gleichsetzung sämtlicher Religionen.

Heutige Betrachtung. Für die eigene Praxis lässt sich an Garudas Art zu fragen anknüpfen: Welche Erfahrung habe ich selbst geprüft? Welche Behauptung wiederhole ich nur? Welche Form regelmäßiger Übung entspricht meinen tatsächlichen Fähigkeiten? Solche Fragen sind heutige Anregungen zum Studium, keine zusätzlich übersetzten Verse. Sie können Viveka, unterscheidendes Erkennen, und eine beständige Meditation unterstützen. Die Verbindung von sorgfältigem Denken, Hingabe und verantwortlicher Übung macht die Lektüre des Kirana Tantra auch dort fruchtbar, wo seine historische Welt fremd bleibt.

Sammlung in der Wiederholung. Der Ritualteil verbindet sichtbare Handlungen mit inneren Vorstellungen. So ist die Auflösung des Körpers in K2.3–4 eine bewusst vorgestellte Handlung. K2.42 verlangt bei der Mantra-Wiederholung Ruhe, Sammlung und ein weder hastiges noch schleppendes Tempo. Dieser Vers bietet einen gut verständlichen Zugang zur Qualität der Aufmerksamkeit. Die ausführlichen Zuweisungen an Körperstellen, Lautreihen und Gottheiten bleiben dagegen an den besonderen Ritualzusammenhang gebunden. Ihre bloße Erwähnung liefert keine vollständig ausgeschriebenen Mantras.

Die historischen Rituale. Die Kapitel 60–61 verbinden Fürsorge für Verstorbene mit einer besonderen rituellen Theologie der Befreiung. Die Übersetzung bewahrt deren konkrete historische Aussagen, einschließlich gesellschaftlicher Unterschiede und einer Fleischgabe. Diese Kapitel sind als historische Texte aufgenommen. Die zuvor übersetzten philosophischen Lehren und eine heutige persönliche Praxis dürfen nicht mit jeder Einzelvorschrift dieses Ritualbestandes gleichgesetzt werden.

Ergänzendes heutiges Video: Meditation: Kombinierte Mantra Meditation mit Shanti Mantras mit Sukadev. Heutiges Begleitangebot zum vertiefenden Studium.

Ergänzendes heutiges Video: Anahata Chakra Herzens-Meditation für Freude und Liebe. Heutiges Begleitangebot zum vertiefenden Studium.

Anmerkungen und Quellen

Nummerierung und Ergänzungen. Die elektronischen Kennungen des ersten Halbverses von 5.30 und 6.23 sind in G fehlerhaft verkürzt; hier wurden sie anhand ihrer Stellung und der zugehörigen zweiten Halbverse richtig zugeordnet. Die in der kommentierten Eingabe getrennt stehende mittlere Zeile von 3.11 und der Einwand über Karma in 3.12 gehören zum Grundtext und sind enthalten. Die sieben sechsvierteligen Strophen 3.11, 3.27, 4.26, 4.29, 5.9, 5.20 und 6.26 behalten jeweils eine Originalnummer.

Abweichende Fassungen. G und M wurden nicht zu einer vermeintlich einheitlichen Gesamtfassung harmonisiert. Für 1–6 gilt G, für 7–12 M. Die handschriftliche Vergleichsfassung H verteilt in 7.4 Ursache und Werkzeug anders als M (H: PDF-S. 94, handschriftlich S. 93); die Übersetzung folgt M. Auch 9.13 besitzt in H einen abweichenden Wortlaut, und am Ende von Kapitel 9 stehen dort zusätzliche Versviertel (H: PDF-S. 151 und 154). Diese werden nicht unbemerkt ergänzt. Die Körperbeschreibung in 11.2 ist in M gestört; H bietet eine andere Lesung (PDF-S. 164, handschriftlich S. 163). Die vollständigen dokumentierten Vergleichsangaben gehören zum Arbeitsdatensatz.

Einzelne Sinnfragen. In 4.29 bezieht sich das Lehren von Erkenntnis und Handeln auf die Erfahrung. Die Verneinung am Beginn von 5.25 schließt an den Satz in 5.24 an; eine isolierte Lektüre würde die Aussage umkehren. Kapitel 6 unterscheidet Einweihung und weitere geeignete Mittel. Die Frage nach sichtbaren Zeichen in 6.22–25 bleibt ein wirklicher Einwand. Die Lautcodes in 12.10–18 werden als solche übersetzt; die vorliegende Fassung erlaubt keine durchgehend sichere Auflösung in rezitierbare Formeln. In 12.19 ist das Reinsein vor der Mahlzeit gemeint. In 61.19 bleibt die genaue rituelle Orientierung als gewöhnliche beziehungsweise umgekehrte Ausführung benannt, ohne eine nicht gesicherte Drehrichtung hinzuzufügen.

Offene Stellen. Unsichere Lesungen oder Deutungen betreffen folgende Übersetzungen: 7.5, 7.9, 7.16, 8.8, 8.36, 8.39, 8.46, 8.73, 8.74, 8.79, 8.80, 8.91, 8.111, 8.124, 8.139, 9.13, 11.2, 12.9, 12.19, K1.7, K1.9, K1.13, K1.16, K1.17, K1.18, K1.19, K2.5, K2.10, K2.12, K2.14, K2.16, K2.18, K2.20, K2.21, K2.23, K2.27, K2.30, K2.34, K2.36, K2.41, K2.43, K2.49, 60.6, 60.11, 60.14, 61.25, 61.30, 61.33, 61.35, 61.40. Bei den Namen und Zahlen des Weltkapitels bestehen darüber hinaus einzelne Deutungs- und Abgrenzungsfragen. Die Kennzeichnung einer Strophe als vollständig besagt, dass ihr gesamter Wortlautumfang erfasst ist; sie besagt nicht, dass jede Lesung sicher ist. Die Cruxzeichen der kritischen Quelle N sind bewahrt. Besonders der erste Halbvers von 61.40 ist nicht zuverlässig übersetzbar.

Cruxzeichen und Schriftverbindungen. Wo ein Cruxzeichen innerhalb einer zusammengeschriebenen Worteinheit stehen würde, umfasst die Markierung hier die gesamte betreffende Worteinheit. So werden Konsonantenverbindungen und Vokalzeichen bei der Umschrift nicht zerrissen. Dies erweitert lediglich den sichtbaren Markierungsbereich; kein Buchstabe und kein Wort wurde dadurch geändert. Die ursprünglichen Markierungsgrenzen bleiben im Arbeitsdatensatz dokumentiert.

Neue Ritualkapitel. K1–K2 folgen der handschriftlichen Romanisierung H. Sichtbare Korrekturen in K1.4, K2.20 und K2.36 sowie die gestrichene Doppelzeile in K2.11 wurden berücksichtigt. Die neue Zählung des Werkteils und die halben Schlussstrophen sind beibehalten. K2.18 nennt zwei Gegenstände; daraus wurde kein ungesichertes zweimaliges Waschen gemacht. K2.21 wird als Paar Shiva und Shakti verstanden. K2.43 kündigt drei Arten der Wiederholung an, beschreibt die dritte aber nicht eindeutig eigens; eine Ergänzung aus der englischen Erklärung wurde nicht in den Sanskrittext eingesetzt. Die gesprochene Heilswendung in K2.49 bleibt textlich unsicher. Kleinere Formfehler und besonders die offenen Körper- und Lautzuweisungen sind im Arbeitsdatensatz einzeln dokumentiert. Keine unabhängige Druckkollation dieser beiden Kapitel wird behauptet.

Textabdeckung. Weitere Kapitel des Ritualteils sowie die noch nicht aufgenommenen Abschnitte der Lebensführung und des Yogateils sind vorhandenem Quellenmaterial zufolge überliefert, aber hier noch nicht transkribiert und übersetzt. Eine Fortsetzung muss diese Abschnitte zuerst am Sanskrit erschließen. Es wäre unzutreffend, den gegenwärtigen Bearbeitungsstand als vollständige Ausgabe des Kirana Tantra zu bezeichnen.

Erläuterungen zu einzelnen Übersetzungen.

  • 7.5. Die Ortsangabe im zweiten Halbvers ist in M gestört.
  • 7.9. Die Worte über die individuellen Wesen, Garuda und das Angenommensein durch Shiva lassen sich im ersten Halbvers von M nicht zu einer sicheren Aussage verbinden.
  • 7.16. Der fragmentarische Druckbefund bleibt erhalten; die Übersetzung überbrückt die Lücke nicht.
  • 8.36. Die Wortform für den Blumenreichtum ist im Druck gestört.
  • 8.39. Das Verb des Fortnehmens ist unsicher überliefert.
  • 8.46. Die Formulierung der Verdoppelung ist im Druck gestört.
  • 8.79. Die erste Verdoppelungsformel ist im Druck gestört.
  • 8.80. Die erste Zahlenformulierung ist gestört.
  • 8.91. die Form der Zahl ist gegenüber den benachbarten Maßangaben nicht eindeutig
  • 8.124. Die Gliederung der zusammengeschriebenen Namensgruppe ist nicht sicher.
  • 8.139. Die Druckform für „Paar“ ist gestört.
  • 9.13. Der abschließende Vergleich ist in dieser Fassung nicht sicher zu übersetzen.
  • 11.2. Die anschließende Körperbeschreibung galāṅga ist in dieser Fassung unklar.
  • 12.9. Deren Bezeichnung ist im Druck gestört.
  • 12.19. Das Schlusswort paraḥ bleibt in dieser Fassung unklar.
  • K1.4. Die Verbalform für das Aufnehmen ist in H auffällig; der Handlungszusammenhang ist verständlich.
  • K1.7. Die Handschrift nennt brahmaṇā und Wasser; besonders aṅgenyaṃ und die anschließende Zuordnung bleiben unsicher. PDF-S. 177 erneut am Bild geprüft. Die englische Erklärung löst den Sanskritbefund nicht auf.
  • K1.9. Die erste Körperbezeichnung ist unsicher lesbar; „Sinnesöffnungen“ ist eine vorsichtige Deutung.
  • K1.13. Die auf den Beginn mit Om bezogene Wendung ist nicht sicher lesbar.
  • K1.16. Das zwischen den Handlungen stehende nāgān ist in seinem Zusammenhang ungeklärt.
  • K1.17. Die zeitliche Alternative des ersten Halbverses ist sprachlich gestört.
  • K1.18. Die nähere Bestimmung des Besprengens ist im Sanskrit gestört.
  • K1.19. Die Verknüpfung der ersten Satzhälfte ist sprachlich gestört. Die Anweisung zum Windbad setzt sich in K1.20 fort.
  • K2.5. Worauf sich das Dreifache genau bezieht, ist in der knappen Formulierung nicht sicher bestimmt.
  • K2.10. Die Wendung bei den Oberschenkeln ist gestört.
  • K2.12. Das als gaṅgaṇaṃ erfasste Wort der ersten Zuweisung bleibt ungeklärt. PDF-S. 187 erneut am Bild geprüft. Die englische Erklärung nennt Mātṛkānyāsa; daraus wird keine neue Sanskritlesung gebildet.
  • K2.14. Der Ausdruck der Nektarisierung ist grammatisch auffällig. Die Übersetzung folgt dem verständlichen Handlungszusammenhang.
  • K2.16. Die Formulierung dieser festen Regel ist im Sanskrit nicht sicher aufzulösen.
  • K2.18. Kasus und Satzverbindung sind auffällig. Der Text nennt zwei Gegenstände; daraus folgt keine Vorschrift, zweimal zu waschen.
  • K2.20. Der Lotus ist aus dem Zusammenhang mitzuverstehen; der genaue Sanskritausdruck des Abschlusses bleibt auffällig.
  • K2.21. Die Zuordnung der abschließenden Begriffe bleibt in dieser gedrängten Beschreibung deutungsbedürftig.
  • K2.23. Der syntaktische Anschluss beim Blütenboden bleibt offen.
  • K2.27. Der gestörte zweite Halbvers nennt eine mit ma endende Folge, das individuelle Wesen und als Samen vorgestellte Laute. Insbesondere narakaṃ ist nicht sicher aufzulösen. Eine zusätzliche Lautfolge wird nicht rekonstruiert.
  • K2.30. Die erste Verbalverbindung und die Art der wiederholten Behandlung sind in H teilweise unklar.
  • K2.34. Der Zusatz nach der Darbringung mit dem Herz-Mantra ist im Sanskrit nicht klar.
  • K2.36. Die weiteren Samen heißen in H śaṅkākṣa; ihre botanische Identität ist ungesichert.
  • K2.41. Die übrige Formulierung des ersten Halbverses ist auffällig.
  • K2.43. Die hörbare Wiederholung wird als bhāṣya bezeichnet. Die englische Erläuterung nennt als dritte Art das leise Rezitieren; dies ist keine gesicherte Ergänzung des Sanskritwortlauts.
  • K2.49. Die als śivamastvivai erfasste Wendung bleibt unsicher; PDF-S. 201 erneut am Bild geprüft. Die englische Erklärung versteht sie sinngemäß als „Möge dieser Ort heilvoll sein“. Dies wird nicht als gesicherte Sanskritformel ausgegeben.
  • 60.6. Die genaue Verknüpfung dieser beiden Angaben ist auslegungsbedürftig.
  • 60.14. Die genaue Abfolge der Gefäßhandlung bleibt im Wortlaut unklar.
  • 61.25. Die verbindenden Worte „nachdem dies wiederum getan ist“ sind in der Edition als unsicher markiert.
  • 61.30. Die anschließende Angabe āvadato ist ungeklärt.
  • 61.35. Der Ausdruck navamāsyam und damit die genaue Schlussaussage sind ungeklärt.
  • 61.40. Die Frage über das Vollziehen des Shraddha und dessen Frucht lässt sich wegen des verderbten ersten Halbverses nicht zuverlässig zusammenhängend übersetzen.

Umfang dieser Teilausgabe. 549 nummerierte Positionen: 541 vollständige Strophen, sieben Halbstrophen und ein Fragment; hinzu kommen 53 Kapitelbezeichnungen, Sprecherzeilen und Schlussformeln. Bei 50 Positionen bestehen ausdrücklich ausgewiesene Lesungs- oder Deutungsfragen.

Kapitel Originalpositionen Quelle und Seiten Textbestand
1 1.1–1.23 G, elektronische Originalkennungen 23 Vollstrophen
2 2.1–2.33 G, elektronische Originalkennungen 33 Vollstrophen
3 3.1–3.27 G, elektronische Originalkennungen 27 Vollstrophen
4 4.1–4.29 G, elektronische Originalkennungen 29 Vollstrophen
5 5.1–5.31 G, elektronische Originalkennungen 31 Vollstrophen
6 6.1–6.26 G, elektronische Originalkennungen 26 Vollstrophen
7 7.1–7.28 M, S. 19–22 27 Vollstrophen, 1 Fragment
8 8.1–8.141 M, S. 22–36 140 Vollstrophen, 1 Halbstrophe
9 9.1–9.18 M, S. 36–38 17 Vollstrophen, 1 Halbstrophe
10 10.1–10.31 M, S. 38–41 30 Vollstrophen, 1 Halbstrophe
11 11.1–11.10 M, S. 41–42 10 Vollstrophen
12 12.1–12.20 M, S. 42–44 19 Vollstrophen, 1 Halbstrophe
K1 K1.1–K1.20½ H, handschriftlich S. 174–181 20 Vollstrophen, 1 Halbstrophe
K2 K2.1–K2.50½ H, handschriftlich S. 182–198 50 Vollstrophen, 1 Halbstrophe
60 60.1–60.19 N, S. 232–235 18 Vollstrophen, 1 Halbstrophe
61 61.1–61.41 N, S. 236–242 41 Vollstrophen

G – Kapitel 1–6. Dominic Goodall (Hg.), Bhaṭṭa Rāmakaṇṭha’s Commentary on the Kiraṇatantra. Volume I: Chapters 1–6. Critical Edition and Annotated Translation, Pondicherry 1998, Publications du Département d’Indologie 86.1. Benutzt wurde die vom Herausgeber bereitgestellte elektronische Fassung bei GRETIL, in der Grundtext und Kommentar getrennt erfasst sind. Hier steht nur der identifizierte Kirana-Grundtext. Die elektronische Eingabe trägt einen Hinweis auf fehlende Korrekturlektüre; eine vollständige Kontrolle am gedruckten Editionsbild erfolgte nicht. Die GRETIL-Datei nennt CC BY-NC-SA 4.0; dieser Quellenhinweis wird mitgeführt, ohne damit einen neuen Lizenzstatus sämtlicher hier zusammengestellter Bestandteile zu behaupten.

M – Kapitel 7–12. Kiraṇāgama, Maharishi University of Management Vedic Literature Collection, 44-seitige Devanagari-Datei des Erkenntnisteils, zugänglich über den Sivaagama-Katalog (PDF). Benutzt wurden die Seiten 19–44. Es handelt sich hier nicht um eine mit Variantenapparat ausgewiesene kritische Edition. Die für diese Ausgabe benutzten Seiten wurden am Quellenbild eingesehen; mehrere fehlerhafte oder unsichere Lesungen bleiben markiert.

N – Kapitel 60–61. Nina Mirnig, Liberating the Liberated. Early Śaiva Tantric Death Rites, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ISBN 978-3-7001-8331-0; der Verlagsdatensatz nennt als Erscheinungsjahr 2019. Sanskritedition in Anhang A, A.3.1–A.3.2: Kapitel 60, S. 232–235 (PDF-Seiten 16–19), Kapitel 61, S. 236–242 (PDF-Seiten 20–26). Diese elf Seiten wurden am Bild abgeglichen. Die benutzte nepalesische Handschrift NAK 5–893 / NGMPP A 40/3 bietet die Stellen auf Fol. 94r1–94v5 beziehungsweise 94v5–96v4. Die Devakottai-Druckausgabe zählt sie innerhalb des Yogateils als Kapitel 3 und 4; die Zuordnung beruht auf den Texten und Schlussformeln.

H – Leitquelle für Kriyāpāda 1–2 und ergänzende Vergleichsquelle. Dr. S. P. Sabharathnam, Kirana Agama, handschriftliche romanisierte Sanskritfassung mit englischer Übersetzung, Himalayan Academy, Copyrightvermerk 2006, bereitgestelltes PDF mit 761 Seiten. Die Herausgeberseite beschreibt die Romanisierung als Übertragung aus Grantha. Für die Erweiterung wurden PDF-Seiten 175–202 vollständig am Bild eingesehen: handschriftliche Seiten 174–199, mit zusätzlichen Copyright- und Titelblättern zwischen den fortlaufenden Seiten. K1 endet auf PDF-Seite 182 mit 20 Vollstrophen und einer zusätzlichen Halbstrophe; K2 endet auf PDF-Seite 201 mit 50 Vollstrophen und einer zusätzlichen Halbstrophe, die englische Erläuterung auf Seite 202. Sichtbare Korrekturen der Vorlage wurden berücksichtigt. Die Umschrift ist keine diplomatische Zeichenkopie oder unabhängig kollationierte kritische Edition. Problematische Lesungen sind dokumentiert; englische Erklärungen wurden nicht in Sanskrit zurückübersetzt.

Die Kennungen K1 und K2 unterscheiden die eigene Kapitelzählung des Ritualteils vom Erkenntnisteil. Die halben Schlussverse erscheinen als K1.20½ und K2.50½ entsprechend den Bereichsangaben der Vorlage. Bei Vergleichen mit anderen Editionen darf daraus keine ungeprüfte globale Kapitelnummer abgeleitet werden. Das Gesamt-PDF ist weiterhin nicht vollständig transkribiert. Seine übrigen Kapitel sind unbearbeitet, nicht verloren. Bei Vergleichen mit M werden abweichende Sanskritlesungen von H nicht stillschweigend eingesetzt.

Weitere Zugänge. Der Katalog der Agama Academy bietet eine Grantha-Druckfassung; die heruntergeladene Datei ließ sich teilweise nicht zuverlässig darstellen. Ein Muktabodha-Katalognachweis führte in dieser Bearbeitung nicht zu einem zugänglichen Volltext. Diese Zugänge sind keine Leitquellen des hier wiedergegebenen Wortlauts.

Redaktion und Übersetzung. Die deutsche Übersetzung wurde für diese Zusammenstellung aus dem erfassten Sanskrit erarbeitet. Die Kontrolle verbindet fortlaufende Textlektüre, Prüfung der nummerierten Einheiten und die ausdrücklich genannten Quellenbildabgleiche. Sie ist keine externe Fachbegutachtung. Der gesicherte Umfang der Übertragung ist von der Sicherheit einzelner Lesungen zu unterscheiden. Eine endgültig fehlerfreie kritische Neuedition wird nicht beansprucht.

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