Adrisyanti

Adrisyanti (Sanskrit) = die Unsichtbare
Der Sanskrit-Ausdruck “Adrisyanti” ist ein wunderschönes und tiefgründiges Wort. Er setzt sich aus zwei Teilen zusammen: “a-” ist ein Präfix, das eine Verneinung oder Abwesenheit ausdrückt (wie im Deutschen “un-”), und “drisyanti” leitet sich von der Wortwurzel “drish” ab, was “sehen” oder “schauen” bedeutet. Wörtlich übersetzt heißt Adrisyanti also “die Unsichtbare” oder “das, was nicht gesehen werden kann”.
Doch diese einfache Übersetzung greift viel zu kurz. Im Kontext von Yoga, Spiritualität und dem hinduistischen Denken bezieht sich Adrisyanti auf eine besondere Qualität der höchsten Wirklichkeit oder des Selbst (Atman oder Brahman). Es beschreibt die Essenz, die jenseits aller physischen Erscheinungen, aller Formen, aller Gedanken und aller Sinne liegt. Du kannst die Welt um dich herum sehen, du kannst deinen Körper fühlen, du kannst deine Gedanken beobachten – aber das, was all diese Erfahrungen überhaupt erst möglich macht, das reine Bewusstsein in dir, ist selbst unsichtbar. Es ist der stille Zeuge, die unbewegte Mitte im Zentrum aller Bewegung. Du kannst es nicht mit deinen Augen erfassen, weil es das ist, was durch die Augen schaut. Es ist die Stille, in der alle Geräusche erscheinen und wieder vergehen. Adrisyanti ist diese unsichtbare, aber alles durchdringende Gegenwart.
In der Yogapraxis begegnest du Adrisyanti vor allem in den stillen, meditativen Phasen. Stell dir vor, du praktizierst eine Asana, zum Beispiel den Baum (Vrikshasana). Du stehst auf einem Bein, deine Hände sind über dem Kopf zusammengeführt, dein Blick ist ruhig auf einen Punkt vor dir gerichtet. Dein Körper arbeitet, deine Muskeln spannen sich an, dein Atem fließt. Du bist vollkommen im Hier und Jetzt. Doch inmitten dieser aktiven Haltung gibt es einen stillen, inneren Raum. Du nimmst die Anstrengung wahr, das Gleichgewicht, die leichte Vibration in deinem Standbein. Aber wer ist es, der diese Wahrnehmung hat? Du kannst dieses “Wer” nicht sehen, nicht anfassen, nicht festhalten. Es ist die reine Bewusstheit – Adrisyanti. Oder in der Tiefenentspannung (Savasana), wenn der Körper vollkommen still liegt und der Geist zur Ruhe kommt. In diesen kostbaren Momenten der Stille, wo selbst die Gedankenwellen sich legen, kannst du einen Hauch dieser unsichtbaren Präsenz spüren. Du bist nicht dein Körper, nicht deine Gedanken, nicht deine Gefühle – du bist das, was all das beobachtet. Du bist die unsichtbare Leinwand, auf der das gesamte Lebensbild erscheint.