Nishvasa Tattva Samhita 108 Verse für die Yoga Praxis

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Nishvasa Tattva Samhita 108 Verse für die Yoga Praxis versammelt 108 verschiedene Originalverse der Nishvasa Tattva Samhita in deutscher Übersetzung. Die Auswahl richtet sich an Yoga-Aspiranten, die Meditation, Hingabe, verantwortliches Lernen und die Frage nach Befreiung vertiefen möchten.

„Die wichtigsten Verse“ bezeichnet hier eine begründete redaktionelle Auswahl, keine von der Schrift selbst überlieferte Liste. Berücksichtigt sind alle fünf Werkteile: 18 Verse aus dem Nishvasamukha, 24 aus dem Mulasutra, 23 aus dem Uttarasutra, 32 aus dem Nayasutra und 11 aus den erschlossenen Guhyasutra-Auszügen. Die thematische Reihenfolge führt stellenweise über verschiedene Kapitel hinweg; Satzanschlüsse innerhalb ausgewählter Versfolgen bleiben erhalten.

Jeder nummerierte Originalvers zählt einmal. Die Übersetzungen stimmen wörtlich mit der Hauptausgabe überein. Der Link bei jeder Fundstelle führt zum Sanskritgrundtext und zu den ausführlicheren editorischen Anmerkungen. Wirkungsversprechen, soziale Rangordnungen und Einweihungsvorschriften gehören zur historischen Textaussage; heutige Reflexionsimpulse sind ausdrücklich davon getrennt.

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Shiva als Gegenüber von Hingabe und innerer Sammlung. Ergänzende bildliche Darstellung.

Hingabe und die Gegenwart Shivas

Die ersten Verse führen in den Offenbarungsrahmen und in eine Verehrung, die Naturerscheinungen als göttliche Gegenwart wahrnimmt. Hara ist ein Name Shivas. Die Fluss-Anrufung gehört zu einem historischen Baderitus.

1. Mulasutra 1.7

Dort gibt es weder Tod noch Alter, weder Krankheit noch Leid. Als die Göttin ihn so erfreut sah, sprach sie diese Worte:

Erläuterung: „Dort“ bezieht sich auf die zuvor beschriebene göttliche Umgebung am Kailasa; die Göttin wendet sich an Shiva. Die Aussage über Leidfreiheit gehört zum Offenbarungsrahmen.

2. Mulasutra 1.8

Im furchtbaren Meer des Daseinskreislaufs, das die Angst vor Geburt und Tod mit sich bringt, bist du allein das rettende Schiff. Es gibt keinen anderen Retter, o Herr der Götter.

3. Mulasutra 1.9

Wir kennen den Vedanta, o Gott, und das Sankhya mit seinen fünfundzwanzig Prinzipien. Doch ohne Shivas Gnade werden wir keine Erfüllung finden.

4. Nishvasamukha 3.9

Wer an diesen vorzüglichen Flüssen fastend badet, nachdem er Ahnen und Götter verehrt hat, soll von Schuld befreit werden.

5. Nishvasamukha 3.10

‚Dieser Fluss hat reines Wasser und ist aus Haras Gestalt hervorgegangen. Wer in diesen Wassern badet, soll befreit werden. Verehrung sei dir, dessen Gestalt das Wasser ist!‘

Erläuterung: Der Anfang „dieser Fluss“ ist in der kritischen Ausgabe aus einer Parallelüberlieferung ergänzt. Die Befreiungszusage ist die religiöse Aussage des Spruches.

6. Nishvasamukha 3.11

An dieses Mantra denkend soll man in den Fluss eintauchen. Von aller Schuld gereinigt gelangt man beim Verlassen des Körpers in den Himmel.

Guru, Vertrauen und Verantwortung

Ein Guru wird nach Erkenntnis und Mitgefühl beurteilt. Die folgenden Verse bewahren zugleich die Sprache einer initiatorischen Überlieferung. Für heutiges Lernen lassen sich Aufrichtigkeit, verantwortliche Prüfung und Freiheit von eigennützigen Motiven daraus als Maßstäbe gewinnen.

7. Mulasutra 1.13

Wenn Menschen eine Einweihung vollziehen, ohne das Shiva-Tattva zu kennen, werden die von ihnen Eingeweihten nicht befreit; der Lehrer soll in die Hölle gelangen.

8. Mulasutra 1.14

Wer die Einweihung kennt, das Tattva versteht, mitfühlend ist und Shiva verehrt, der ist ein Guru, der Shiva gleichkommt – auch wenn ihm alle sonst geforderten Merkmale fehlen.

9. Mulasutra 1.15

Ein vertrauensvoller, nicht missgünstiger Mensch, der Guru, Gott und Feuer verehrt, ist ein Schüler, der der Befreiung teilhaftig werden kann – auch wenn er von niedrigster Geburt ist, o Herrin der Götter.

Erläuterung: „Niedrigste Geburt“ gibt die historische soziale Sprache des Textes wieder. Der Vers stellt das Vertrauen eines Schülers über seinen gesellschaftlichen Rang.

10. Mulasutra 1.16

Wer zwar eingeweiht und wissend ist, aber ohne Hingabe an Shiva bleibt und den Lehrer herabsetzt, wird der Befreiung nicht teilhaftig – auch wenn er ein Brahmane ist.

11. Mulasutra 8.7

Erst nach gründlicher Prüfung soll es mitgeteilt werden. Einem, der nicht vertraut und herabsetzt, einem Täuscher oder einem Unaufrichtigen soll das höchste Tattva nicht gegeben werden.

12. Mulasutra 8.8

Wenn ein Brahmane täuschend ist, ein Fremder dagegen ohne Täuschung, soll man es eben dem Fremden geben und nicht dem Brahmanen.

Erläuterung: „Fremder“ übersetzt hier eine historische, ausgrenzende Bezeichnung. Entscheidend ist im Vers gerade die Aufrichtigkeit und nicht die privilegierte Herkunft.

13. Mulasutra 8.9

Wenn der Guru erkennt, dass ein Schüler ganz von Hingabe erfüllt ist, und darüber erfreut ist, gilt für diesen keine vorgeschriebene Wartezeit: Er darf ihm [das Tattva] sogleich offenbaren.

14. Mulasutra 8.10

Nachdem er ihn diese höchste Tattva-Samhita gelehrt und den Schüler als von Hingabe erfüllt erkannt hat, setze er ihn in das Amt eines Lehrers ein.

15. Mulasutra 8.13

Er gebe ihm einen Thron, einen Schirm, einen Turban und eine Schere [und spreche]: ‚Du bist Lehrer und Shiva gleich. Erweise der Welt gnädige Zuwendung.‘

16. Mulasutra 8.14

Nicht um Besitz zu erlangen, nicht auf bloßes Drängen hin, nicht aus Verwandtschaft, als Gegenleistung für einen Gefallen oder wegen eines Streites soll man Shivas Lehre weitergeben.

17. Mulasutra 8.15

Einem friedvollen, Shiva hingegebenen, vertrauensvollen und nicht missgünstigen Menschen, der dankbar und voller Mitgefühl ist, soll Shivas Lehre mitgeteilt werden.

18. Nayasutra 4.149

‚… erkläre aus deiner Gnade diese Gliederung ihrer Mantras.‘ Der Herr sprach: ‚Alle Gottheiten sind ihrem Wesen nach Mantra; alle Mantras sind ihrem Wesen nach Shiva.‘

19. Nayasutra 4.150

‚Mit Mantras, deren Wesen Shiva ist, soll man im Shiva-Opfer verehren. Wer aber das wahre Wesen Shivas nicht erreicht hat, obwohl er die Samhita liest …‘

20. Nayasutra 4.151

‚… und ohne diese Erkenntnis eine Einweihung vollzieht, dessen Schüler und Lehrer gehen beide hinab [ins Unheil]. Darum soll man sich nicht einem ebenso gebundenen Menschen als Schüler anschließen.‘

Erläuterung: Heutige Reflexion: Achtung vor einem Lehrer kann mit Fragen, Prüfung seiner Kompetenz und dem Schutz eigener Grenzen zusammengehen.

21. Nayasutra 4.159

‚Durch weitere Geburten, durch tausend Koti, also zehn Milliarden Weltalter mag man irgendwann die höchste Shiva-Wirklichkeit erlangen. Nur um der Befreiung des Selbst willen soll man sie verkünden: Wie könnte man sie einem anderen aus Gier geben?‘

22. Nayasutra 4.160

‚Gewiss begehrt derjenige nicht die eigene Befreiung, der [diese Erkenntnis] aus Verblendung und Gier verkündet. Denn solchen Lehrern habe ich Untergang angekündigt. Der Nektar der Wirklichkeit soll nicht wahllos jedem gegeben werden.‘

Mitgefühl und ein tragfähiges Leben

Nichtverletzen, Schutz des Lebens und Wahrhaftigkeit bilden einen Gegenpol zum Streben nach persönlicher Macht. Das Nayasutra fragt darüber hinaus, ob selbst verdienstliches Handeln schon endgültige Befreiung bedeutet.

Moderne Meditation im Freien. Die Textauswahl verbindet Sammlung mit Mitgefühl.

23. Nishvasamukha 2.107

Ebenso ist die Gabe von Wissen vorzüglich; noch vorzüglicher ist der Schutz. Wer ein lebendes Wesen schützt, der gilt als der höchste Geber.

24. Nishvasamukha 2.108

Unter allen Gaben steht die Gabe der Furchtlosigkeit an die Lebewesen voran. Wer sie gibt, ist wahrhaft ein Geber; die anderen sind von Wünschen verblendet.

25. Nishvasamukha 2.109

Darum soll man alle Lebewesen schützen, wenn ihr Leben in Gefahr ist. Wer dies tut, ist ein Geber und ein wahrer Asket; er gelangt zum höchsten Ziel.

26. Nishvasamukha 4.11

Gewaltlosigkeit und Freiheit vom besitzergreifenden Mein-Sagen; niemanden bedrängen und nicht stehlen; sich von Begehren und Zorn abwenden; den Lehrern Verehrung und ehrerbietigen Gruß erweisen …

27. Nishvasamukha 4.12

… Geduld, Selbstbeherrschung, Mitgefühl, Freigebigkeit, Wahrhaftigkeit, Reinheit, Standhaftigkeit, menschliche Anteilnahme, Lernen, Einsicht und Vertrauen in die religiöse Überlieferung: Dies kennzeichnet einen Brahmanen.

Erläuterung: Die Qualitäten werden hier innerhalb der historischen Beschreibung eines Brahmanen genannt. Ihre heutige ethische Bedeutung ist nicht an Geburt gebunden.

28. Nayasutra 2.64

Höre von mir die Merkmale der acht [Zustände], beginnend mit rechtem Handeln: Fasten, Rezitation, Schweigen, Freiheit von Zorn und Verzicht auf Diebstahl, …

Erläuterung: Die überlieferte Sanskritfügung zum Diebstahl ist sprachlich auffällig; die Hauptausgabe erläutert die Übersetzungsentscheidung.

29. Nayasutra 2.65

… Wahrhaftigkeit, Reinheit, Geben, Mitgefühl und beständige Geduld, das Einüben von Wissen, Bescheidenheit und die Zügelung der Sinne, …

30. Nayasutra 2.66

… Opfer und gemeinnützige Werke, Pilgerfahrt und die Labung der Ahnen, allen Wesen Sicherheit gewähren und das Leben schützen.

31. Nayasutra 2.67

Dies ist die erste Eigenschaft des Intellekts, die ‚rechtes Handeln‘ genannt wird. Für jene, die durch verdienstliches Handeln gebunden sind und dem Kreislauf der Wiedergeburt folgen, …

32. Nayasutra 2.68

… gibt es wieder Himmel, wieder menschliche Sterblichkeit und wieder tierisches Dasein, immer aufs Neue. Der Zustand des rechten Handelns ist erklärt; höre von mir den Zustand der Erkenntnis.

Sitz, Sammlung und beständiges Üben

Die Texte nennen verschiedene bequeme Sitzweisen und beschreiben die Sammlung der Sinne. Pratyahara bedeutet das Zurücknehmen der Aufmerksamkeit von den Sinnesgegenständen. Die historischen Angaben zur Blickrichtung und inneren Ausrichtung stehen hier als Textzeugnisse.

Allgemeines Yoga-Vidya-Video: Licht-Meditation mit Sukadev. Es erläutert nicht unmittelbar die Nishvasa Tattva Samhita.

Swami Sivananda in Meditation. Moderne Veranschaulichung gesammelten Sitzens.

33. Nishvasamukha 4.48

Ich habe das Wissen des Sankhya erklärt. Höre nun von mir das Wissen des Yoga. Wer alle Gegensätze erträgt, standhaft und von allen Fehlern frei ist …

34. Nishvasamukha 4.49

… und dessen Geist von der Unruhe des Daseinskreislaufs ergriffen ist, der wird ein Yogi genannt. Er soll sich nach Norden wenden und dann eine Yogasitzhaltung einnehmen …

35. Nishvasamukha 4.50

… Svastika, den Lotussitz, Bhadra, den Halbmondsitz, Prasarita, Sapashraya, Anjalika oder den Sitz mit Yogagurt – so, wie es bequem ist.

36. Nishvasamukha 4.51

Hat er die Yogasitzhaltung richtig eingenommen, soll er mit aufrechtem Körper gesammelt sein, die Zunge an den Gaumen legen und die oberen und unteren Zähne nicht aufeinanderpressen.

37. Nishvasamukha 4.52

Bei den fünf Gegenständen Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Geruch ist die Schar der Sinne ungebändigt; er soll sie mit beharrlicher Bemühung zurückhalten.

38. Nayasutra 4.14

An welchem Ort man sich auch befindet und welchem Lebensstand man auch folgt: [Als Sitzweisen werden genannt] Svastika, Lotussitz, Bhadra, Halbmond, der ausgestreckte Sitz …

39. Nayasutra 4.15

… der Sitz mit Rückenstütze, Anjalika und der durch ein Yogaband gestützte Sitz, jeweils bequem. Damit sind die acht wichtigsten Sitzweisen kurz genannt.

40. Nayasutra 4.16

Der Mantrapraktizierende nehme eine dieser Sitzweisen ein und verehre Maheshvara durch Handlung und im Geist, gesammelt auf eines und gut beherrscht …

41. Nayasutra 4.17

… nachdem er sich vor den früheren Lehrern verneigt hat, vergegenwärtige er sich beständig die Abwesenheit [der Gegenstände]. Er richte das Bewusstsein auf den Scheitel und wende die Augen nach oben.

42. Nayasutra 4.31

Nachdem er gründlich gebadet hat und rein geworden ist, verehre er Maheshvara und verneige sich vor den früheren Vollendeten. Gesammelt und ganz der Meditation zugewandt …

43. Nayasutra 4.32

… an einem menschenleeren Ort, dem Guru hingegeben und innerlich gesammelt, stütze er sich bewusst auf Vertrauen und [nehme] eine bequeme Sitzhaltung [ein].

44. Nayasutra 4.24

Dies ist für dich das eigentliche Wesen der Meditation, jenseits der Meditation mit sechs Gliedern. Es ist als ‚ohne gegenständlichen Halt‘ bekannt; wer es erkennt, trauert nicht mehr.

Erläuterung: Der „gegenstandslose“ beziehungsweise „stützelose“ Yoga bezeichnet eine bestimmte Meditation dieses Textes. Daraus wird keine universelle Definition sämtlicher Yogaformen abgeleitet.

45. Nayasutra 4.25

Wie viel mehr [gilt dies für] einen, dessen Inneres mit Meditation verbunden ist! Auch wenn er noch kein Vollendeter ist, soll er Shiva werden und im Kreislauf der Welt ebenso frei spielen wie der höchste Herr.

Das bewusste Selbst und die Befreiung von Bindung

Bilder von Wasser, Gold und Raum veranschaulichen das Verhältnis von Seele und Fesseln. Daneben stehen die Betrachtung des Nicht-Handelns und die Schau gemeinsamen göttlichen Wesens. Diese unterschiedlichen Akzente werden nicht zu einer einzigen späteren Lehrformel vereinheitlicht.

Shiva-Darstellung am Ganges. Die Betrachtung der göttlichen Gegenwart ist ein wiederkehrendes Thema.

46. Nishvasamukha 4.46

All dies gilt als ohne Bewusstsein; das bewusste Selbst dagegen ist bewusst. Solange es ein besitzergreifendes ‚mein‘ bildet, so lange ist dieser Mensch gebunden.

47. Nayasutra 1.5

Die Fesseln gelten als grobstofflich, die Seele hingegen wird als feinstofflich bezeichnet. Beide sind eins geworden, wie Grünspan mit Kupfer.

48. Nayasutra 1.6

Wie kommt es, dass die Seele nicht gebunden wird, wenn die Fesseln gebunden werden? Warum verbrennt sie nicht, wenn diese verbrannt werden, und wird nicht zerschnitten, wenn diese zerschnitten werden?

49. Nayasutra 1.7

Wie Fische im Wasser durch ein Netz gebunden werden, das Wasser aber nicht gebunden wird, so wird auch die Seele nicht gebunden.

50. Nayasutra 1.8

Der Goldschmied verbrennt die Verunreinigungen, das Gold aber wird nicht verbrannt. Ebenso wird die Seele nicht verbrannt, wenn die Fesseln verbrannt werden.

51. Nayasutra 1.9

Wie bei einer erhitzten Eisenkugel, die in Stücke zerteilt wird, das Feuer selbst nicht zerteilt wird, so wird auch die Seele nicht zerteilt.

52. Nayasutra 1.10

Wie der Raum alles durchdringt und in allen Dingen gegenwärtig ist: Werden die Dinge zerteilt, so kann der Raum doch nicht zerteilt werden.

53. Nayasutra 3.24

Was als eine Fülle von Bewusstsein den Körper erfüllt und in ihm gegenwärtig ist, heißt das Lebendige, Jiva: Durch es lebt diese Körperstadt.

54. Nayasutra 3.25

Wenn es fortgegangen ist, ist [der Körper] tot und zerfällt, ohne Bewusstsein. Dieses [Selbst] wird gebunden und befreit; es erfährt Glück und Leid.

55. Nayasutra 3.26

Nirgends sieht man seine Gestalt, Farbe oder sein Maß. Es lässt sich nicht einmal beschreiben; fein ist es und doch Träger des Körpers.

56. Nayasutra 4.53

So soll man Shiva und das eigene Selbst als eins betrachten. Wenn man auf diese Weise alle Wesen und ebenso sich selbst …

57. Nayasutra 4.54

… als Shiva gleich ansieht, wird man frei von Anhaften und Hass. [Die so Betrachtenden] werden makellos und rein, erfüllt vom Wesen Shivas.

58. Nayasutra 4.55

Mit Shiva verbunden, soll man [sich] als eines Wesens [mit ihm] erkennen. Die ganze Welt, das Bewegliche und Unbewegliche, wird als Shiva gleich angesehen.

59. Nayasutra 4.56

Feind und Freund sind gleich; Brahmane und ‚Hundekocher‘ sind gleich. Wer alles mit gleichem Blick sieht und als von Shivas Wesen erkennt, wird ein Vollendeter.

Erläuterung: „Hundekocher“ war eine abwertende Bezeichnung für einen Menschen außerhalb der privilegierten Ordnung. Der Vers überschreitet diese Rangordnung in seiner Einheitsbetrachtung.

60. Uttarasutra 5.12

Die erste Betrachtung ist die Erkenntnis: ‚Ich bin bewusst, aber kein Handelnder.‘ Die zweite ist der summende Klang, die dritte das Rauchzeichen und die vierte das Schattenzeichen.

61. Uttarasutra 5.13

‚Ich bin nicht der Handelnde und bin frei von den Grundqualitäten; das Handeln wird durch die Natur bewirkt.‘ So lautet diese Meditation der Einsicht. Dadurch wird man von den eingeprägten Neigungen gelöst.

62. Uttarasutra 5.21

In den Stunden, den Tagesübergängen und Mondtagen, in den Monatshälften, Monaten und Jahreszeiten, in allen heiligen Zeiten wird so die Zeit verehrt.

63. Uttarasutra 5.22

Zu jeder Zeit soll er die Zeit als dahinschwindend sehen. Wessen Geist so in der Betrachtung der Zeit verweilt, der sieht die Zeit bald in ihrem Wesen.

64. Uttarasutra 5.24

Wer nicht nach Zuneigung verlangt, ganz der Suche nach Erkenntnis zugewandt ist, die Unruhe des Daseinskreislaufs empfindet und Befreiung sucht, der hat Maya überschritten.

Erläuterung: Heutige Reflexion: Freiheit von klammernder Bindung muss nicht Gefühllosigkeit bedeuten. Tragfähige Zuneigung und Mitgefühl bleiben möglich.

65. Uttarasutra 5.42

Erkenne Shiva als allgegenwärtig, frei von Name und Gestalt. Shiva ist auch das bewusste Selbst als reines Bewusstsein; alles durchdringend ist er gegenwärtig.

66. Uttarasutra 5.43

Er soll die innere Gewissheit entfalten: ‚Mit Shiva verbunden bin auch ich von demselben Geschmack wie alles.‘ So zur Gleichheit dieses Geschmacks gelangt, geht er zum unvergänglichen Shiva.

67. Uttarasutra 5.44

Oder er soll sich am Scheitel mit Sorgfalt auf den Stützelosen ausrichten und Verehrung, Yoga, Rezitation, Meditation und alle rituellen Handlungen vollziehen.

68. Uttarasutra 5.45

Wer sein Handeln auf Shiva gründet, wird auch im Handeln nicht befleckt. Er erlangt Vollendung im Yoga und soll zur Vereinigung mit Shiva gelangen.

69. Mulasutra 7.1

Dies ist jene höchste Wirklichkeit, der unaussprechliche höchste Shiva. Dies ist jenes höchste Brahman; dies ist das höchste Unvergängliche.

70. Mulasutra 7.2

Wer sie in ihren vielfältigen Formen erkannt hat, gelangt nicht wieder zur Geburt. Für ihn gibt es weder schlechtes Karma noch ebenso verdienstvolles Karma.

Erläuterung: Das Aufheben karmischer Bindung ist ein religiöser Anspruch dieser Erkenntnislehre, keine Aufhebung der Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns.

Mantra, innere Verehrung und Erkenntnis

Mantra, Puja und innere Erkenntnis gehören zusammen. Matrika bezeichnet das Alphabet als göttliche Lautgestalt; Navatman eine zentrale Mantraform. Sakala und Nishkala benennen gestalthafte und teilelose Aspekte. Shakti ist die göttliche Kraft.

Mantrawiederholung mit der Mala als heutige ergänzende Praxis.

Allgemeines Yoga-Vidya-Video: kombinierte Mantra-Meditation mit Shanti. Es erläutert nicht unmittelbar die Nishvasa Tattva Samhita.

71. Uttarasutra 1.23

Aus Shiva, der höchsten Ursache, dessen Gestalt nicht gesehen wird und der vollkommen still ist, ging die äußerst schwer zugängliche Lehre in der Gestalt feinen Klanges hervor.

72. Uttarasutra 1.24

Sadashiva ist derjenige, der sie kennt, und er hat mich darüber belehrt. Ich bin es, der die klangförmige Lehre in Bücher gefasst hat.

73. Uttarasutra 1.25

In gebundener Anushtubh-Versform wurde sie den Göttern mitgeteilt; dann gelangte sie zu den Sehern und von ihnen als Überlieferung zu den Sterblichen.

74. Uttarasutra 5.27

Indem er sich nacheinander mit jedem einzelnen Laut verbindet, soll er Shiva in Gestalt des Alphabets betrachten. Er erlangt die Vollendung der Vidya und wird Shiva gleich.

75. Uttarasutra 5.32

Sakala soll als Befreiung verleihende Mantraform rezitiert werden; Nishkala wird bei Verehrung und Einweihung verwendet. Shunya verbindet die Seele mit dem höheren Ziel; die Weisen sollen stets darüber meditieren.

76. Uttarasutra 5.33

Kaladhya wird bei Rezitation und Feueropfer verwendet, weil diese Mantraform göttliche Fähigkeiten verleiht. Khamalankrita führt die Yogis auf den Weg Shivas.

77. Mulasutra 7.17

Wen der Einsichtige mit der Hand berührt oder mit den Augen anschaut, nachdem er das Tattva meditiert hat, den soll man als eingeweiht betrachten.

78. Mulasutra 7.18

Wenn nach dem Kennenlernen des höchsten Tattva noch Zweifel entstehen sollten, dann ist Yoga zu üben, um zur eigenen Gewissheit zu gelangen.

Erläuterung: Heutige Reflexion: Einen Zweifel genau zu benennen kann der erste Schritt zu tragfähiger Gewissheit sein.

79. Mulasutra 4.7

Der höchste Shiva hat zwei Zustände: jenseits des Mantras und als Mantra. Auch die Seele wird zweifach beschrieben: als Mantra verkörpert und als bewusstes Wesen.

80. Mulasutra 2.3

Nachdem man Ananta verehrt hat, [verehre man] darüber den Navatman, verbunden mit den fünf Brahma-Mantras, den Gliedmantras und der Gayatri.

81. Mulasutra 2.4

So ist der Gott mit Gestalt; ihm bringe man Verehrung dar. Hat man ihn auf diese Weise vorschriftsgemäß verehrt, [verehre man] darüber auch den Gestaltlosen.

82. Uttarasutra 5.40

Wenn Shakti gehört wird und ein Mensch sie, nachdem er sie gehört hat, versteht, geht er beim Zerfall des Leibes in Shiva ein, o Göttin; daran besteht kein Zweifel.

83. Uttarasutra 5.41

Menschen ohne Shakti können die Gnade der Einweihung nicht vermitteln. Ohne Shakti gelangen sie weder zur Vollendung noch zum höchsten Ziel.

84. Nayasutra 4.98

Als zweiunddreißigster soll Shiva erkannt werden, der teilelose höchste Herr. Indem sie über ihn meditieren, gelangen [die Menschen] zur Befreiung und werden Shiva gleich.

Verschiedene Wege und ihre Ziele

Die Schrift unterscheidet Einweihung, Erkenntnis, Yoga und besondere religiöse Observanzen. Die Auszüge zeigen auch die Verbindung von Shiva und der Göttin als Ursprung der Welt. Die asketischen und rituellen Lebensformen behalten ihren historischen Ort.

Shiva und die Göttin in einer Gestalt. Das Bild ergänzt die Verse über ihr Zusammenwirken.

85. Guhyasutra 8.111

In diesem Tantra des höchsten Herrn wird Shiva jeweils durch Einweihung, Erkenntnis, Yoga und die Ausübung religiöser Gelübde erlangt, in der genannten Reihenfolge.

Erläuterung: Die vier Wege sind keine vier Bücher des Korpus. Die Observanzen dienen hier insbesondere der Vorbereitung und Verwirklichung von Mantrapraxis.

86. Guhyasutra 8.112

Durch die Einweihung ist Befreiung leicht zu erlangen, weil der Guru sie stets bewirkt. Erkenntnis wird gewonnen, nachdem man sich einem Guru genähert hat, durch dessen Gnade.

87. Guhyasutra 11.28

Diese Vidya-Diksha wird als die Einweihung gelehrt, die Vollendung im Mantra verleiht. Die andere, heilvolle [Einweihung] schenkt Befreiung und gewährt die Vereinigung [mit Shiva].

88. Guhyasutra 8.128

Ich und du, Großäugige, sind die Wurzel der ganzen Welt: In der Gestalt von Matrika und Shiva [sind wir] der Baum, aus dem die Vollendung hervorgeht.

89. Guhyasutra 8.129

Die ganze Welt, das Bewegliche und Unbewegliche, von Brahma bis zum Grashalm: Alles ist aus meinem Samen entstanden und aus deinem Schoß hervorgegangen.

Erläuterung: Shiva spricht zur Göttin. Samen und Schoß veranschaulichen im Zusammenhang zugleich die Entstehung von Sprache und Welt.

90. Guhyasutra 8.138

Du bist Maya und ebenso Vidya; ich wiederum bin Ishvara. Ich bin Sadashiva, Göttin, und du bist die Herrin der Kala in ihrer vierfachen Gestalt.

91. Guhyasutra 8.139

Weil ich Herrschaft und Macht besitze, allwissend bin, stets in Frieden ruhe, ungeteilt und im Gleichgewicht bin, bin ich Shiva.

Erläuterung: Die Ich-Form gehört zu Shivas Rede, nicht zu einer von der Redaktion empfohlenen Selbstbehauptung des Lesers.

92. Guhyasutra 8.140

Du bist mein Wille, dem nicht entgegengewirkt werden kann; aus dir geht die Macht der Kräfte hervor. Die ganze Welt ist aus dir geboren. Du schenkst den Shiva-Zustand, du wahrhaft Gnädige.

93. Guhyasutra 12.6

Einweihung, Erkenntnis und religiöse Lebensführung, die Gewissheit über die Macht der Mantras sowie eine Lebensführung, die auf diese Mantramacht zielt, führen zur Vereinigung mit Rudra.

94. Guhyasutra 12.7

Almosengang als Lebensführung, die grundlegenden Verhaltensregeln und Weiteres, das rituelle Aschebad und die Mantrarezitation sowie die achtgliedrige Keuschheit – all dies bis zum Ende des Leibes.

Erläuterung: Der Vers beschreibt eine besondere asketische Lebensordnung; die achtgliedrige Keuschheit wird in diesem Auszug nicht vollständig entfaltet.

95. Guhyasutra 12.8

Indem er zu den drei Tageszeiten die sechsgliedrige Darbringung vollzieht, soll er Opferhandlungen, Gaben und dergleichen im Geist ausführen.

96. Nishvasamukha 4.91

Die Welt als ganz von Rudra erfüllt erkennend, soll er Rudra ergeben und fest in seiner Observanz sein. Er darf alles essen und alle Handlungen vollziehen und soll ganz in der Meditation über Rudra aufgehen.

Erläuterung: Die Erlaubnisse gehören zu einer bestimmten eingeweihten Lebensform. Sie werden nicht als allgemeine Freigabe schädlicher Handlungen verstanden.

97. Nishvasamukha 4.92

‚Außer Rudra gibt es keinen anderen Retter für mich; er ist die höchste Gottheit.‘ Nachdem er die elf Stufen des kosmischen Weges erkannt hat, soll er seine Observanz ohne Zweifel vollziehen.

Schriftstudium und Vertiefung

Svadhyaya, das aufmerksame Studium, soll zu Verständnis führen. Die letzten Verse fragen nach Hingabe, Körperaskese, Weitergabe und einer Erkenntnis, die das leidvolle Wiederwerden beendet.

Allgemeines Yoga-Vidya-Video: Meditation über reines Bewusstsein. Es erläutert nicht unmittelbar die Nishvasa Tattva Samhita.

98. Mulasutra 7.26

Wenn Menschen den Gott der Götter, den Lehrer der Welt, in seinen acht Formen erkannt haben, warum sollten sie dann ihr Haus verlassen und im Wald leben?

99. Mulasutra 7.27

[Andere] quälen den Körper mit Enthaltsamkeit und ähnlichen Regeln, mit Askese und Weiterem. Diese aber sind durch vollständige Erkenntnis befreit; für sie soll solche Bedrängung nicht bestehen.

100. Mulasutra 8.19

Aus Vortragen und Hören entsteht Verdienst, aus dem Behalten ein unvergleichlicher Ertrag. Wer [die Schrift] rezitiert, ist Mahadeva; wer ihren Sinn kennt, ist Shiva selbst.

101. Uttarasutra 5.46

Ich habe den Yoga der Erkenntnis erklärt, der ohne Mühsal Vollendung und Befreiung verleiht. Nach gründlicher Prüfung soll er einem Schüler mitgeteilt werden, der drei Jahre beim Lehrer gelebt hat …

102. Uttarasutra 5.47

… einem Brahmanen von gutem Lebenswandel, einem Kshatriya, der nach dem Dharma lebt, einem Vaishya voller Mitgefühl oder einem Shudra, der sich dem Lernen und Dienen widmet.

Erläuterung: Die vier gesellschaftlichen Stände werden in ihrer historischen Ordnung genannt. Für heutige Leser kann die Betonung von Lebenswandel, Mitgefühl und Lernbereitschaft im Vordergrund stehen.

103. Uttarasutra 5.48

Nicht mitgeteilt werden soll dagegen das wahre Wesen Shivas verderbten Menschen, die Verleumdung und rechthaberischem Streit nachgehen und auf unrechten Wegen handeln.

104. Uttarasutra 5.49

Denen, die ohne Hingabe an Shiva und ohne Verbundenheit mit dem Lehrer sind und nur neugierig nach Besonderheiten forschen, soll die höchste Wirklichkeit nicht mitgeteilt werden.

105. Uttarasutra 5.50

Wer die Nishvasa nicht studiert hat, seufzt immer wieder. Haben sie aber die Nishvasa studiert, so seufzen sie nicht wieder.

Erläuterung: Der Vers spielt mit dem Namen Nishvasa und dem wiederholten Seufzen. Das Verstehen der Lehre soll nach der Schrift das leidvolle Wiederwerden beenden.

106. Uttarasutra 5.51

Die Nishvasa ist als Zusammenfassung aller Tantras bekannt. Wer sie erkennt, wird von der Bindung an das Werden im Daseinskreislauf befreit.

107. Nishvasamukha 1.180

Wenn du mit mir zufrieden bist, o Gott, und mir einen Segen geben willst, dann will ich dein Verehrer und dir lieb sein – daran soll kein Zweifel bestehen.

Erläuterung: Hier bittet Vishnu Shiva um Hingabe und Verbundenheit.

108. Nishvasamukha 1.181

So soll es sein; Heil sei dir! Die Geschöpfe gehören zu Rudra und Narayana. Zwischen beiden besteht kein Unterschied, zwischen Keshava und Hara.

Erläuterung: Narayana und Keshava bezeichnen Vishnu, Rudra und Hara Shiva. Die Aussage über ihre Einheit steht innerhalb einer Erzählung, die Shiva als Ursprung des unermesslichen Lingas zeigt.

Weiterführende Lektüre

Die Hauptausgabe enthält den Sanskrittext, die ausführlichen Anmerkungen, die Quellenübersicht und die Mantra-Sammlung. Die ausgewählten Verse beruhen auf den dort jeweils bezeichneten kritischen Ausgaben und wissenschaftlichen Zitaten.

Nimm nach der Lektüre einen Gedanken mit in den Tag. Ein klar verstandener Vers, aufmerksam bedacht und verantwortungsvoll gelebt, kann fruchtbarer sein als viele nur überflogene Seiten.

Seminare und gemeinsames Schriftstudium bei Yoga Vidya · Devanagari-Fassung des Grundtextes