Avarashakti
Avarashakti (Sanskrit: avarashakt f.) = die schöpferische Kraft, die herabkommt
Avarashakti ist ein kraftvoller und zugleich sehr spezifischer Begriff aus dem Sanskrit, der tief im tantrischen und yogischen Verständnis der Wirklichkeit verwurzelt ist. Übersetzt bedeutet er wörtlich „die herabsteigende Kraft“ oder „die nach unten gerichtete Energie“. Das Wort setzt sich zusammen aus „Avara“ (was „niedriger“, „geringer“ oder „herabkommend“ bedeutet) und „Shakti“ (der göttlichen Ur-Energie, der schöpferischen Kraft des Universums). Im spirituellen Kontext beschreibt Avarashakti also jene Kraft, die sich vom reinen, unmanifestierten Bewusstsein – dem Absoluten, das im Hinduismus oft als Shiva oder Brahman bezeichnet wird – nach unten in die materielle, vergängliche Welt der Formen und Namen ergießt. Sie ist die Energie der Schöpfung, der Verdichtung und der Manifestation.
In der yogischen und hinduistischen Kosmologie gibt es eine dynamische Wechselwirkung zwischen zwei Hauptkräften: der Nivritti (der Rückzugsbewegung, die zur Befreiung führt) und der Pravritti (der Hinbewegung zur Welt). Avarashakti ist die treibende Kraft der Pravritti. Sie ist es, die aus der Stille des Geistes die Gedanken entstehen lässt, aus dem formlosen Raum die Materie formt und aus dem Einen die Vielfalt der Erscheinungen hervorbringt. Wenn du meditierst und plötzlich ein Gedanke auftaucht, der dich ablenkt – das ist nicht einfach nur ein Fehler. Aus tantrischer Sicht ist das ein Ausdruck von Avarashakti: die Energie, die aus der Stille in die Bewegung, aus der Einheit in die Zweiheit fließt. Sie ist nicht böse oder falsch, sondern einfach die natürliche schöpferische Kraft des Lebens.
Für deine eigene Yogapraxis ist das Verständnis von Avarashakti sehr hilfreich, besonders wenn du mit Energiearbeit, Pranayama oder Meditation arbeitest. Stell dir vor, du übst eine intensive Atemtechnik wie Kapalabhati oder Bhastrika. Du spürst, wie die Energie in deinem Körper zu fließen beginnt – Wärme steigt auf, die Gedanken werden heller, der Körper fühlt sich lebendig an. Das ist auch Avarashakti, die sich in deinem System bewegt. Oder wenn du in einer Asana wie Tadasana (Berghaltung) stehst und dich ganz bewusst mit der Erde verbindest – das nach unten fließende Gewicht, die Erdung – auch das ist ein Aspekt dieser herabsteigenden Kraft.