Atmanubhava

Aus Yogawiki
Atmanubhava

Atmanubhava: (Sanskrit: ātmānubhāva m.) = dem Selbst (atman) angehörende Kraft, Größe.

Atmanubhava ist ein zusammengesetztes Wort aus atman und bhava und bezeichnet im Sanskrit die unmittelbare, direkte Erfahrung des Selbst oder des inneren Wesens.

  • Atman steht für das eigene Selbst, das innere Wesen oder die spirituelle Substanz, die in vielen indischen Denktraditionen als dauerhaft, bewusstseinstragend und grundlegend verstanden wird.
  • Bhava leitet sich von „werden, sein, Zustand“ ab und meint hier das Ereignis oder die Qualität des Erfahrens. Zusammengenommen verweist atmanubhava also nicht auf ein theoretisches Wissen über das Selbst, sondern auf das lebendige Erleben und Erfahren dieses Selbst.

In der indischen Philosophie, besonders im Vedanta, in Yoga- und tantrischen Strömungen, ist die Unterscheidung zwischen intellektuellem oder begrifflichem Wissen und unmittelbarer Erfahrung zentral. Atmanubhava bezeichnet genau jene direkte, nicht vermittelte Erkenntnis, die sich nicht durch logische Analyse oder bloßes Lesen eines Textes gewinnen lässt, sondern durch innere Praxis, Meditation, Kontemplation oder eine plötzlich eintretende Einsicht. Diese Erfahrung kann sich als Gefühl tiefen Einsseins, als Gewissheit der eigenen bewusstseinsmäßigen Natur oder als Auflösung der üblichen Ich-Objekt-Schranken manifestieren.

Atmanubhava hat mehrere wichtige Implikationen in den spirituellen Lehrsystemen: erstens legitimiert es die Autorität der direkten Erfahrung gegenüber rein autoritativen Aussagen oder ritualisiertem Wissen; wer atmanubhava erlangt hat, gilt als jemand, dessen Erkenntnis nicht mehr nur theoretischer Natur ist. Zweitens ist atmanubhava oft mit ethischen und soteriologischen Zielen verbunden: die Erfahrung des wahren Selbst führt in vielen Traditionen zur Befreiung von Leiden, Ignoranz und Ich-Bindungen, weil die Identifikation mit vergänglichen Vorstellungen und Rollen zurücktritt. Drittens beeinflusst atmanubhava die Methode: Praktiken wie shravana (Hören der Lehre), manana (Reflexion) und nididhyasana (intensive Meditation) werden als vorbereitend beschrieben, damit die Erfahrung des Selbst reifen und sich verfestigen kann.

Je nach Schule kann atmanubhava unterschiedliche Nuancen haben. In Advaita Vedanta wird die Erfahrung oft als Erkenntnis der Nichtzweckhaftigkeit von Dualität erlebt — das atman wird als identisch mit brahman, dem ultimativen Prinzip, erkannt. In buddhistischen Kontexten, die das Selbst anders deuten oder verneinen, würde ein ähnliches Phänomen eher als direkte Einsicht in die Natur des Geistes, in Vergänglichkeit und Nicht-Ich verstanden werden; der Ausdruck selbst ist in erster Linie im Kontext hinduistischer und vedantischer Terminologie gebräuchlich. In tantrischen Traditionen kann atmanubhava zusätzlich mit somatischen, energetischen oder rituellen Mitteln verknüpft sein, wobei die innere Erfahrung bewusst mit bestimmten Körperpraktiken, Visualisationen oder Mantraübungen hervorgebracht wird.

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