Paripadal
Paripadal (Tamil: பரிபாடல், Paripāṭal) ist eine Sammlung religiöser und lyrischer Lieder aus der klassischen tamilischen Sangam-Literatur. Sie gehört zu den „Acht Anthologien“ (Ettuthokai) und ist unter ihnen einzigartig: Während die übrige Sangam-Dichtung vor allem von Liebe, Krieg und dem Leben der Menschen handelt, ist die Paripadal weitgehend Göttern gewidmet, dem Vishnu (Tirumal), dem Murugan (Sevvel) und dem heiligen Fluss Vaigai bei Madurai.
Die Lieder waren zum Singen bestimmt. Zu jedem Gedicht überliefert die Tradition nicht nur den Namen des Dichters, sondern auch den des Musikers, der die Melodie schuf, und die Tonart (Pan), in der es gesungen wurde. So ist die Paripadal eines der ältesten Zeugnisse für die Verbindung von Dichtung, Musik und Gottesverehrung in der tamilischen Kultur, eine Verbindung, die später in den Hymnen der Alvars und Nayanars und im Kirtan fortlebt.
Berühmt ist ein Vers an Vishnu, der in wenigen Zeilen eine ganze Theologie ausdrückt: „Du bist die Hitze im Feuer, du bist der Duft in der Blume, du bist der Edelstein im Gestein, du bist die Wahrheit im Wort, du bist die Liebe in der Tugend … du bist alles, und du bist der innere Gehalt von allem.“ Diese Schau des Göttlichen in allen Dingen verbindet die Paripadal mit der Bhagavad Gita und macht sie für Yoga-Übende besonders anziehend.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Merkmal | Einordnung |
|---|---|
| Titel | Paripadal |
| Tamil | பரிபாடல் |
| Transliteration | Paripāṭal |
| Bedeutung | Benannt nach dem Versmaß Paripattu („fließendes, vielgestaltiges Lied“) |
| Sammlung | Ettuthokai („Acht Anthologien“) der Sangam-Literatur |
| Entstehungszeit | Späte Sangam-Zeit, meist ins 3. bis 5. Jahrhundert n. Chr. datiert |
| Ursprünglicher Umfang | 70 Lieder |
| Erhalten | 22 bis 24 Lieder, dazu Bruchstücke |
| Dichter | Etwa 13 namentlich überlieferte Dichter |
| Themen | Vishnu (Tirumal), Murugan (Sevvel), der Fluss Vaigai, die Stadt Madurai |
| Besonderheit | Einzige Sangam-Anthologie mit überwiegend religiösem Inhalt; mit Angaben zu Melodie und Musiker |
| Kommentar | Parimelalagar (um das 13. Jahrhundert) |
Die Sangam-Literatur und die Acht Anthologien
Die Sangam-Literatur ist die älteste erhaltene Dichtung in tamilischer Sprache. Sie umfasst die „Acht Anthologien“ (Ettuthokai) und die „Zehn Idyllen“ (Pattuppattu). Die meisten dieser Gedichte handeln von Akam, der inneren Welt der Liebe, und Puram, der äußeren Welt von Krieg, Königtum und Freigebigkeit, wie es das Tolkappiyam beschreibt.
Die Paripadal nimmt in dieser Sammlung eine Sonderstellung ein. Sie verbindet die Themen der Liebe und der Landschaft mit der Verehrung der Götter und gilt deshalb als Brücke zwischen der weltlichen Sangam-Dichtung und der späteren Bhakti-Literatur.
Aufbau und Inhalt
Nach einem überlieferten Vers umfasste die Paripadal ursprünglich 70 Lieder, die auf verschiedene Themen verteilt waren: die meisten auf Murugan und den Fluss Vaigai, eine Reihe auf Vishnu und einige auf die Stadt Madurai sowie auf die Göttin. Erhalten sind nur 22 vollständige Lieder und einige Bruchstücke, die in späteren Werken zitiert werden.
Die erhaltenen Lieder verteilen sich im Wesentlichen auf drei Themen:
| Thema | Inhalt |
|---|---|
| Tirumal (Vishnu) | Hymnen auf Vishnu, seine Herabkünfte, seine Allgegenwart und sein Heiligtum auf dem Berg Irunkunram (bei Madurai) |
| Sevvel (Murugan) | Hymnen auf Murugan, besonders auf sein Heiligtum Tirupparankundram bei Madurai, mit Beschreibungen der Pilger und Feste |
| Vaigai | Lieder über den Fluss Vaigai, der durch Madurai fließt, über seine Fluten und das fröhliche Baden und Feiern der Menschen an seinen Ufern |
Die Lieder unterscheiden sich stark in ihrer Länge. Das Versmaß Paripattu ist frei und wechselnd, es verbindet verschiedene Rhythmen miteinander. Das machte es besonders geeignet für den Gesang.
Musik und Gesang
Die Paripadal ist eine Sammlung von Liedern. Die Überlieferung nennt zu jedem Lied den Dichter, den Musiker, der die Melodie komponierte, und die Tonart (Pan). Damit gehört sie zu den frühesten Zeugnissen der tamilischen Musiktradition, aus der sich später die südindische klassische Musik entwickelte.
Das gemeinsame Singen zu Ehren der Götter, wie es die Paripadal voraussetzt, ist ein frühes Beispiel dessen, was in der Yoga-Tradition Kirtan und Bhakti Yoga genannt wird: die Hingabe an das Göttliche durch Musik und Gesang.
Vishnu in der Paripadal
Die Hymnen an Tirumal, den „Dunklen, Schönen“, wie Vishnu im tamilischen Land genannt wird, sind die theologisch tiefsten Teile der Paripadal. Sie beschreiben Vishnu als den, der auf der Weltenschlange ruht, der in verschiedenen Gestalten herabkommt, und als den, der alles durchdringt.
„Du bist alles“
Das dritte Lied, nach der Überlieferung von dem Dichter Kaduvan Ilaveyinanar, enthält den berühmten Vers:
தீயினுள் தெறல் நீ; பூவினுள் நாற்றம் நீ;
கல்லினுள் மணியும் நீ; சொல்லினுள் வாய்மை நீ;
அறத்தினுள் அன்பு நீ; மறத்தினுள் மைந்து நீ;
வேதத்து மறை நீ; பூதத்து முதலும் நீ;
வெஞ்சுடர் ஒளியும் நீ; திங்களுள் அளியும் நீ;
அனைத்தும் நீ; அனைத்தின் உட்பொருளும் நீ.
Tīyiṉuḷ teṟal nī; pūviṉuḷ nāṟṟam nī;
kalliṉuḷ maṇiyum nī; colliṉuḷ vāymai nī;
aṟattiṉuḷ aṉpu nī; maṟattiṉuḷ maintu nī;
vētattu maṟai nī; pūtattu mutalum nī;
veñcuṭar oḷiyum nī; tiṅkaḷuḷ aḷiyum nī;
aṉaittum nī; aṉaittiṉ uṭporuḷum nī.
Du bist die Hitze im Feuer, du bist der Duft in der Blume,
du bist der Edelstein im Gestein, du bist die Wahrheit im Wort,
du bist die Liebe in der Tugend, du bist die Stärke im Mut,
du bist das Geheimnis im Veda, du bist der Ursprung der Elemente,
du bist das Licht der glühenden Sonne, du bist die Milde im Mond,
du bist alles, und du bist der innere Gehalt von allem.
Eigene Übersetzung (Paripadal 3, Zeilen 63–68).[1]
Dieser Vers ist eines der schönsten Zeugnisse der Schau des Göttlichen in allen Dingen. Er erinnert unmittelbar an die Bhagavad Gita, in der Krishna sagt: „Ich bin der Geschmack im Wasser, das Licht in Sonne und Mond, die heilige Silbe Om in allen Veden … der reine Duft der Erde und der Glanz im Feuer“ (Gita 7.8–9). Beide Texte lehren, dass Gott nicht fern ist, sondern als innerstes Wesen in allem gegenwärtig.
Die tamilische Forschung sieht in solchen Versen eine Vorstufe der späteren Hymnen der Alvars: Nammalvar und Andal griffen ähnliche Gedanken auf.
Murugan in der Paripadal
Die Lieder an Sevvel, den „Roten“, wie Murugan in der alten tamilischen Dichtung heißt, beschreiben besonders sein Heiligtum Tirupparankundram, einen Hügel bei Madurai. Sie schildern die Pilger, die dorthin ziehen, die Musik und die Tänze, die Opfergaben und die Schönheit der Landschaft. Murugan erscheint als jugendlicher, strahlender Gott, als Sieger über das Böse und als Geliebter seiner Gefährtinnen.
Diese Lieder sind frühe Zeugnisse der Murugan-Verehrung, die später in den Werken von Arunagirinathar und im Kanda Sashti Kavacham fortlebt. Schon das Tolkappiyam nennt Murugan als Gottheit der Berglandschaft.
Der Fluss Vaigai und Madurai
Die Lieder über den Fluss Vaigai sind lebendige Bilder des Lebens in der alten Pandya-Hauptstadt Madurai. Sie beschreiben, wie der Fluss nach dem Monsun anschwillt, wie die Menschen im Monat Tai an seinen Ufern baden, feiern und musizieren, wie junge Frauen im Fluss spielen und wie Liebende sich treffen. In diesen Liedern verbinden sich Naturschilderung, Liebesdichtung und religiöse Feier.
Einige Bruchstücke preisen die Stadt Madurai selbst, deren Anlage mit einer Lotosblume verglichen wird, in deren Mitte der Tempel steht.

Bedeutung
Zwischen Sangam und Bhakti
Die Paripadal steht an einem Übergang der tamilischen Religionsgeschichte. Sie zeigt, dass die Verehrung Vishnus und Murugans schon in der Sangam-Zeit lebendig war, und bereitet die große Bhakti-Bewegung der Alvars und Nayanars vor, die einige Jahrhunderte später Südindien prägte.
Ein Zeugnis der Musik
Die Angaben zu Musikern und Tonarten machen die Paripadal zu einer wichtigen Quelle für die Geschichte der indischen Musik.
Ein Bild des alten Madurai
Die Vaigai-Lieder geben einen einzigartigen Einblick in das Leben, die Feste und die Kultur der Menschen im alten Madurai.
Der Kommentar des Parimelalagar
Der große Kommentator Parimelalagar, bekannt vor allem durch seinen Kommentar zum Tirukkural, schrieb auch einen Kommentar zur Paripadal. Ohne ihn wären viele der schwierigen Lieder heute kaum verständlich.
Bedeutung für den Yoga-Übenden
- Gott in allem sehen: Der Vers „Du bist alles“ lädt zu einer Grundhaltung des Yoga ein: das Göttliche in jeder Erscheinung zu erkennen, im Feuer, in der Blume, im wahren Wort, in der Liebe.
- Hingabe durch Musik: Die Paripadal zeigt, wie alt die Tradition ist, das Göttliche durch Gesang zu verehren. Kirtan und Mantra-Singen stehen in dieser langen Linie.
- Die Natur als heiliger Raum: Die Vaigai-Lieder feiern den Fluss als Ort der Freude und der Verehrung. Sie erinnern daran, die Natur mit Ehrfurcht und Dankbarkeit wahrzunehmen.
- Freude in der Frömmigkeit: Die Feste, Tänze und Lieder zeigen eine Religiosität voller Lebensfreude. Spiritualität muss nicht ernst und streng sein; sie kann auch fröhlich gefeiert werden.
Beziehungen zu anderen Werken
Das Tolkappiyam beschreibt die Poetik der Sangam-Zeit und nennt das Versmaß Paripattu. Das Silappatikaram schildert ebenfalls Tänze und Lieder zu Ehren Vishnus und Murugans. Die Mudhal Tiruvantati und die anderen Hymnen der Alvars führen die Vishnu-Verehrung der Paripadal weiter. Die Murugan-Lieder finden ihre Fortsetzung bei Arunagirinathar und im Kanda Sashti Kavacham. Die Bhagavad Gita enthält in ihrem 7. und 10. Kapitel eine Schau des Göttlichen in allen Dingen, die dem berühmten Vers der Paripadal sehr nahe steht.
Anregungen für Yoga und Meditation
- Die „Du bist“-Meditation: Wähle ein Element aus dem Vers, etwa die Hitze im Feuer oder den Duft in der Blume, und betrachte es in der Meditation als Ausdruck des Göttlichen. Erweitere den Blick dann auf alles um dich herum.
- Dein eigener Vers: Schreibe in Anlehnung an die Paripadal deinen eigenen Vers: „Du bist … in …“. Wo erfährst du das Göttliche in deinem Leben?
- Singen als Gebet: Singe ein Mantra oder einen Kirtan und erlebe, wie Musik das Herz öffnet.
- Am Wasser verweilen: Setze dich an einen Fluss oder See und nimm dir Zeit, das Wasser zu betrachten. Lass es zu einer Meditation über den Fluss des Lebens werden, auch als Anregung für deine Yogapraxis.

Du bist alles
Die Paripadal ist ein Liederbuch aus der Frühzeit der tamilischen Kultur. In ihren Hymnen erklingt eine Einsicht, die alle großen spirituellen Traditionen Indiens verbindet: Das Göttliche ist die Hitze im Feuer, der Duft in der Blume, die Wahrheit im Wort und die Liebe in der Tugend. Es ist alles, und es ist der innere Gehalt von allem.
Siehe auch
- Tolkappiyam
- Silappatikaram
- Mudhal Tiruvantati
- Alvar
- Vishnu
- Murugan
- Arunagirinathar
- Kanda Sashti Kavacham
- Bhagavad Gita
- Kirtan
- Bhakti Yoga
- Tirukkural
- Tamil
Quellen und Weblinks
- ↑ Tamil Wikisource: Paripadal 1–10, Lied 3.
- Tamil Wikisource: Paripadal, Lieder 1–10, tamilischer Text.
- Tamil Virtual Academy: Vishnu in der Paripadal, tamilische Erläuterung.
- Kamil V. Zvelebil: The Smile of Murugan. On Tamil Literature of South India, Leiden 1973.
- Kamil V. Zvelebil: Tamil Literature, Leiden 1975.
- Friedhelm Hardy: Viraha-Bhakti. The Early History of Kṛṣṇa Devotion in South India, Delhi 1983.
Seminare
Gemeinsames Singen, Studieren und Meditieren kann die Inspiration dieser Lieder im Alltag lebendig werden lassen.
Mantras und Musik
- 31.10.2026 - 31.10.2026 Mantra-Konzert mit Gruppe Mudita
Konzert mit der Gruppe Mudita- Gruppe Mudita
- 31.10.2026 - 31.10.2026 Mantra-Konzert
18:45-19:45 Uhr- Shankari Susanne Hill
Bhakti Yoga
- 31.10.2026 - 31.10.2026 Mantra-Konzert mit Gruppe Mudita
Konzert mit der Gruppe Mudita- Gruppe Mudita
- 31.10.2026 - 31.10.2026 Mantra-Konzert
18:45-19:45 Uhr- Shankari Susanne Hill
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