Angavastra

Aus Yogawiki

Angavastra (Sanskrit: अङ्गवस्त्र aṅgavastra n.), in Südindien auch Angavastram, bedeutet „Körpertuch“ oder „Gewand für die Glieder“. Gemeint ist ein langes, meist ungenähtes Tuch, das über Schultern und Oberkörper gelegt wird. Der Begriff hat zwei Bedeutungen: Zum einen ist Angavastra ein traditionelles Kleidungsstück, besonders für Männer in Indien. Zum anderen bezeichnet er das Tuch, das in der Puja einer Gottheit als Gewand dargebracht wird.

Etymologie

  • Anga (अङ्ग): Glied, Körperteil, Körper.
  • Vastra (वस्त्र): Kleid, Gewand, Tuch; von der Wurzel vas = kleiden, bedecken.

Angavastra als Kleidungsstück

Das Angavastra ist ein schalartiges Obertuch aus Baumwolle oder Seide, oft mit verziertem Rand. Es wird lose über eine oder beide Schultern gelegt und meist zusammen mit einem Dhoti oder Veshti getragen.

Traditionell tragen es:

  • Priester (Pujaris) und Brahmanen bei Ritualen
  • Männer bei religiösen Festen, Hochzeiten und Zeremonien
  • Lehrer und Gelehrte als Zeichen von Würde

Ein Angavastra zu überreichen, gilt in Indien als Ehrung. Gästen, Lehrern oder geachteten Persönlichkeiten wird es oft als Zeichen des Respekts um die Schultern gelegt.

Angavastra in der Puja

In der klassischen Verehrung mit sechzehn Gaben (Shodashopachara Puja) gehört das Darbringen eines Gewandes (Vastra) zu den festen Bestandteilen. Die Gottheit wird dabei wie ein hochverehrter Gast behandelt: Nach Begrüßung, Waschung und Abhisheka wird sie gekleidet und geschmückt.

Typische Abfolge:

  1. Abhisheka – rituelle Waschung der Murti
  2. Vastra / Angavastra – Darbringen eines Gewandes oder Tuches
  3. Upavita – Darbringen der heiligen Schnur (bei bestimmten Gottheiten)
  4. Gandha – Darbringen von Sandelpaste
  5. Pushpa – Darbringen von Blumen

Steht kein echtes Tuch zur Verfügung, kann man symbolisch ein Stück Stoff, einen Faden oder etwas Reis (Akshata) darbringen oder die Gabe innerlich (Manasa Puja) vollziehen.

Beim Darbringen wird oft gesprochen:

vastraṃ samarpayāmi
„Ich bringe ein Gewand dar.“

Spirituelle Bedeutung

  • Gastfreundschaft gegenüber dem Göttlichen: So wie man einen lieben Gast ehrt und ihm Gutes tut, so ehrt man das Göttliche.
  • Schutz und Würde: Kleidung schützt und schenkt Würde. Das Gewand für die Gottheit drückt Liebe und Fürsorge aus.
  • Symbol der Hülle: Im Vedanta wird der Körper manchmal als Gewand der Seele bezeichnet. Die Bhagavad Gita (2.22) vergleicht den Wechsel der Körper mit dem Ablegen alter und Anlegen neuer Kleider. Das Angavastra kann so an die vergängliche Hülle erinnern, hinter der das unvergängliche Selbst (Atman) steht.
  • Hingabe der eigenen Persönlichkeit: Man kann innerlich die eigenen Rollen und Identifikationen – die „Gewänder“ des Egos – dem Göttlichen darbringen.

Angavastra bei Yoga Vidya

Bei Pujas in den Yoga Vidya Ashrams wird bei festlichen Anlässen den Murtis ein Tuch oder Gewand dargebracht, besonders an Feiertagen wie Shivaratri, Krishna Janmashtami oder Navaratri. Auch Lehrer und Gäste werden bei besonderen Gelegenheiten mit einem Schal oder Angavastra geehrt.

Praxistipps

  • Für die eigene Puja zu Hause kannst du ein kleines, sauberes Tuch bereithalten, das nur für den Altar verwendet wird.
  • Wechsle das Tuch bei besonderen Festen, um den Feiertag hervorzuheben.
  • Beim Darbringen kannst du dir vorstellen, dass du das Göttliche liebevoll umhüllst.
  • Wenn du selbst bei einer Puja ein Angavastra trägst, kann es dich daran erinnern, dass du dich in einen heiligen Raum begibst.

Siehe auch