Virupaksha Panchashika

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Virupaksha Panchashika (Sanskrit: विरूपाक्षपञ्चाशिका virūpākṣapañcāśikā f.), auch Virupaksha Panchasika oder Virūpākṣapañcāśikā, ist ein kurzer, philosophisch dichter Text des nichtdualen Shivaismus, dessen Lehre stark von der Pratyabhijna-Tradition geprägt ist. Der Titel bedeutet wörtlich „Fünfziger des Virupaksha“ beziehungsweise „Fünfzig Verse des Virupaksha“. Die überlieferte Fassung umfasst jedoch 53 nummerierte Verse: Der traditionelle Kommentar erklärt, dass der einleitende und der abschließende Vers sowie ein eingeschobener Vers über ältere Weise nicht zum eigentlichen fünfzigteiligen Lehrkern gezählt werden.

Im Mittelpunkt steht eine radikale spirituelle Einsicht: Das gewöhnliche Ich ist nach der Virupaksha Panchashika nicht das wahre Maß des Menschen. Reines Bewusstsein – Prakasha, das Licht des Erkennens – und seine Kraft der Selbstbezüglichkeit – Vimarsha oder Pratyavamarsha – bilden die tiefste Wirklichkeit. Die Welt erscheint nicht außerhalb dieses Bewusstseins, sondern als dessen eigener Leib, dessen eigene Shakti und dessen eigene Entfaltung. Befreiung besteht deshalb wesentlich in Pratyabhijna, der Wiedererkenntnis des eigenen Wesens als Shiva.

Die Muktabodha-Ausgabe enthält einen ausführlichen Kommentar des Vidyachakravartin (Vidyācakravartin). Sie wurde 1910 von T. Ganapati Sastri in Trivandrum herausgegeben. Die Muktabodha-Beschreibung charakterisiert das Werk als stark von der Pratyabhijna geprägt und wahrscheinlich südindischen Ursprungs. Eine genauere Datierung wird in der Quelldatei selbst nicht angegeben; in der modernen Forschung wird der Text dem mittelalterlichen Umfeld der späteren Pratyabhijna-Rezeption zugeordnet.

Shiva als Symbol des reinen Bewusstseins. Die Virupaksha Panchashika führt den Leser immer wieder zur Wiedererkenntnis dieses Bewusstseins als eigenes tiefstes Selbst.

Aufbau und zentrale Gedanken

Der Kommentar gliedert die Schrift in vier Skandhas:

  • Verse 1–8: Viśvaśarīratva – die Erkenntnis der gesamten Welt als eigener Körper.
  • Verse 9–21: Prakāśaikātmya – die Einheit aller Erfahrung im einen Licht des Bewusstseins.
  • Verse 22–40: Vimarśa – die Vertiefung der Wiedererkenntnis durch Selbstreflexion und Auflösung der Trennung von Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem.
  • Verse 41–53: Vibhūti – verschiedene Grade des Erwachens, Siddhis und schließlich die höchste Vollkommenheit der nichtdualen Erkenntnis.

Diese Gliederung macht deutlich, dass der Text nicht bei abstrakter Metaphysik stehenbleibt. Er beginnt mit einer philosophischen Umkehr der gewöhnlichen Körpervorstellung, führt über die Analyse des Bewusstseins zu meditativer Identifikation und endet in der Wiedererkenntnis der universalen Shiva-Natur.

Warum 53 Verse bei einer „Panchashika“?
Der Kommentar erklärt ausdrücklich, dass der erste und der letzte Vers Einleitung beziehungsweise Abschluss bilden und dass der Vers über Śuka und Vāmadeva nur anlässlichweise eingeschoben ist. Zieht man diese drei Verse von der überlieferten Zählung 1–53 ab, verbleiben die fünfzig Lehrverse, die den Titel Pañcāśikā erklären.

Der vollständige Text mit deutscher Übersetzung

Erster Skandha – Die Welt als Körper des Bewusstseins

Vers 1
gandhagajasamararasikāyendrāya prakaṭitādriyugasamaraḥ |
nijasiddhibījamasmai kathayati pṛṣṭo virūpākṣaḥ || 1 ||

Übersetzung: Virupaksha, der für Indra – den Liebhaber des Kampfes mit dem duftenden Elefanten – den Kampf zweier Berge erscheinen ließ, verkündet ihm auf dessen Frage den Samen seiner eigenen Vollkommenheit.

Vers 2
vimatipadamaṅga sarvaṃ mama caitanyamātmanaḥ
śarīramidam |
śūnyapadādīlāvadhi dṛśyatvāt piṇḍavat siddham || 2 ||

Übersetzung: Wisse, o Freund: Diese ganze umstrittene Wirklichkeit, vom Bereich der Leere bis hin zur Erde, ist der Körper meines eigenen Bewusstseins; denn sie ist sichtbar, ebenso wie der individuelle Körper.

Vers 3
sampanno'smi kṛśo'smi snihyatkaraṇo'smi modamāno'smi |
prāṇimi śūnyo'smīti ca ṣaṭsu padeṣvasmitā dṛṣṭā || 3 ||

Übersetzung: „Ich bin reich“, „ich bin mager“, „meine Sinne sind zugetan“, „ich freue mich“, „ich atme“, „ich bin leer“ – in diesen sechs Bereichen wird jeweils ein Gefühl des Ichseins erfahren.

Vers 4
viṣayaśarīrendriyadhīprāṇanirodhaprasiddhyadasmitvām |
itthaṃ citimakhile'dhvani dhārayato viśvadehatvam || 4 ||

Übersetzung: Wenn man das Bewusstsein, dessen Ichsein in Objekt, Körper, Sinnen, Denken, Lebenshauch und dem Zustand des Zurücktretens beziehungsweise der Leere hervortritt, auf dem ganzen Weg festhält, offenbart sich die Welt als der eigene Körper.

Vers 5
utkramya viśvato'ṅgāt tadbhāgaikatanuniṣṭhitāhantaḥ |
kaṇṭhaluṭhatprāṇa iva vyaktaṃ jīvanmṛto lokaḥ || 5 ||

Übersetzung: Indem der Mensch gleichsam aus dem universalen Leib heraustritt und sein Ichgefühl auf nur einen kleinen Körperteil davon beschränkt, gleicht er einem „lebend Toten“, dessen Lebenshauch nur noch in der Kehle liegt.

Vers 6
dehe'smitayā yadvajjaḍayorāsphālanaṃ mitho bāhvoḥ |
icchāmātreṇetthaṃ giryorapi tadvaśājjagati || 6 ||

Übersetzung: Wie durch das Ichgefühl im eigenen Körper die beiden scheinbar trägen Arme allein durch den Willen gegeneinander bewegt werden, so beschreibt der Text in derselben Logik auch die Bewegung von Bergen innerhalb des als eigener Leib erkannten Universums.

Vers 7
binduṃ prāṇaṃ śaktiṃ mana indriyamaṇḍalaṃ śarīraṃ ca |
āviśya ceṣṭayantīṃ dhāraya sarvatra cāhantām || 7 ||

Übersetzung: Halte überall jenes Ichsein gegenwärtig, das Bindu, Prana, Shakti, Geist, die Gesamtheit der Sinne und den Körper durchdringt und in Bewegung setzt.

Vers 8
īśvaratā kartṛtvaṃ svatantratā citsvarūpatā ceti |
ete'hantāyāḥ kila paryāyāḥ sadbhirucyate || 8 ||

Übersetzung: Herrschaft, schöpferische Wirksamkeit, Freiheit und die Natur reinen Bewusstseins – die Weisen erklären diese als gleichbedeutende Bezeichnungen des wahren Ichseins.


Zweiter Skandha – Die Einheit des Licht-Bewusstseins

Vers 9
pratyavamarśātmāsau citiḥ svarasavāhinī parā vāg yā |
ādyantapratyāhṛtavarṇagaṇā satyahantā sā || 9 ||

Übersetzung: Dieses Bewusstsein, dessen Wesen beständige Selbstreflexion ist und das aus sich selbst strömt, ist die höchste Sprache. Als durch den ersten und letzten Laut symbolisch zusammengefasste Lautgesamtheit ist es das wahre Ichsein.

Vers 10
svaparāvabhāsanakṣama ātmā viśvasya yaḥ prakāśo'sau |
ahamiti sa eka ukto'hantā sthitirīdṛśī tasya || 10 ||

Übersetzung: Das Licht, das fähig ist, sich selbst und anderes erscheinen zu lassen, ist das Selbst des Universums. Dieses eine Licht wird „Ich“ genannt; sein Zustand der Selbstbezüglichkeit ist das Ichsein.

Vers 11
vicchinnāviccchinne idamityahamityubhe prathe tasya |
ābhāsyābhāsakatāṃ sphuṭayantyau cetyacitpadayoḥ || 11 ||

Übersetzung: Seine beiden Erscheinungsweisen – „Dies“ als unterbrochene und „Ich“ als ununterbrochene Offenbarung – machen im Bereich des Erkennbaren und des Bewusstseins das Erscheinen und das Erleuchten deutlich.

Vers 12
ekaḥ sa ātmanāsau nahi kramo'stīha deśakālābhyām |
bhedini mithaḥ sa muktaścetye bhedāśrayaḥ khalu saḥ || 12 ||

Übersetzung: Dieses Licht ist in sich selbst eines; in ihm gibt es keine wirkliche Abfolge durch Raum oder Zeit. Abfolge gehört zum Bereich der voneinander unterschiedenen Objekte, deren Unterschied auf diesem einen Licht beruht.

Vers 13
svāṅge cidgaganātmani dugdhodanibhaḥ svaśaktilaharīṇām |
sambhedavibhedābhyāṃ sṛjati dhvaṃsayati caiṣa jagat || 13 ||

Übersetzung: In seinem eigenen grenzenlosen Bewusstseinsraum, einem Milchozean gleich, erschafft und vernichtet dieses Licht die Welt durch Vereinigung und Trennung der Wellen seiner eigenen Kräfte.

Vers 14
rūpādipañcaviṣayātmani bhogyahṛṣīkabhoktṛrūpe'smin |
jagati prasaradanantasvaśakticakrā citirbhāvyā || 14 ||

Übersetzung: In dieser Welt aus den fünf Sinnesgegenständen, dem Genießbaren, den Sinnen und dem Genießenden soll Bewusstsein meditiert werden als das unendliche Rad seiner eigenen sich ausbreitenden Kräfte.

Vers 15
somaravivahnilakṣaṇabhogyendriyabhoktṛbhānapiṇḍātmā |
bindurvimarśadharmā ṣaṇṇāmeko'dhvanāṃ prāṇaḥ || 15 ||

Übersetzung: Der Bindu, dessen Wesen Vimarsha ist, ist der eine Lebenshauch der sechs Adhvas (Pfade); in ihm erscheinen Genießbares, Sinne und Genießender, symbolisiert durch Mond, Sonne und Feuer, als eine einzige Masse des Erscheinens.

Vers 16
vyaktaṃ hi padārthātmakamidaṃ jagannityameva tallagnam |
śaktyātmakamavyaktaṃ tatraiva punarnimajjati ca || 16 ||

Übersetzung: Die manifeste Welt der Dinge ist immer an ihn gebunden; auch das unmanifestierte Reich der Shakti taucht wieder in ihm unter.

Vers 17
ṣoḍaśadhainaṃ navadhā ṣoḍhā bhindantyatha tridhā ca
budhāḥ |
ādhārabhedalakṣyaṃ bahusiddhikaraṃ ca setsyantaḥ || 17 ||

Übersetzung: Die Übenden, die nach unterschiedlichen Siddhis streben, betrachten ihn – entsprechend den verschiedenen meditativen Trägern – als sechzehnfach, neunfach, sechsfach oder dreifach.

Vers 18
yasya vimarśasya kaṇaḥ padamantrārṇātmakastridhā śabdaḥ |
padatattvakalātmārtho dharmiṇa itthaṃ prakāśasya || 18 ||

Übersetzung: Wort, aus Buchstaben, Mantra und Wortgebilden dreifach gegliedert, ist nur ein Teilchen seines Vimarsha; ebenso ist die Bedeutungsseite als Pada, Tattva und Kala dreifach gegliedert. All dies gehört zum einen tragenden Licht.

Vers 19
svena vinā mṛtamaṇḍaṃ svāveśabalena jīvayannekaḥ |
mārtāṇḍaḥ paramo'sau paranabhasi na kiṃ tvayā dṛṣṭaḥ || 19 ||

Übersetzung: Dieser höchste Mārtaṇḍa, die innere „Sonne“ des Bewusstseins, belebt allein durch die Kraft seines eigenen Eintritts das ohne ihn tote Welten-Ei. Hast du ihn etwa nicht im höchsten inneren Raum gesehen?

Vers 20
cidgaganakṣīrodaṃ svayamicchāmandareṇa saṃkṣobhya |
tacchaktivīcibhirasāvutthāpayatīndumaṇḍākhyam || 20 ||

Übersetzung: Indem er selbst den Milchozean des Bewusstseinsraumes mit dem Mandara-Berg seines Willens aufwühlt, lässt er durch die Wellen seiner Shakti das als Mondscheibe bezeichnete Welten-Ei aufsteigen.

Vers 21
śaktirmāyā prakṛtiḥ pṛthvīti caturvibhāgamaṇḍaṃ yat |
yaśca vibhāgo'sya punarbahudhā sarvaṃ sthitaṃ mayi tat || 21 ||

Übersetzung: Shakti, Maya, Prakriti und Erde bilden die vier Hauptbereiche dieses Welten-Eies; und alle seine weiteren vielfachen Unterteilungen ruhen vollständig in mir.


Nataraja kann die dynamische Einheit von Bewusstsein und Welt veranschaulichen: Die Welt erscheint im Text als Bewegung der eigenen Kräfte des einen Bewusstseins.

Dritter Skandha – Vimarsha und Wiedererkenntnis

Vers 22
ahameko'nastamitaprakāśarūpo'smi tejasāṃ tamasām |
antaḥ sthito mamāntastejāṃsi tamāṃsi caikasya || 22 ||

Übersetzung: Ich allein bin das niemals untergehende Licht, das im Innern von Helligkeit und Dunkelheit gegenwärtig ist; in mir, dem Einen, befinden sich alle Lichter und alle Dunkelheiten.

Vers 23
prathamo madhyama uttama iti puruṣā bhedinastrayo'pi mithaḥ |
mattastu mahāpuruṣāt pratyavamarśātmano na bahiḥ || 23 ||

Übersetzung: Erste, zweite und dritte Person erscheinen zwar voneinander verschieden, doch keine von ihnen liegt außerhalb meiner, des großen Purusha, dessen Wesen Selbstreflexion ist.

Vers 24
yuṣmaccheṣāpohavadahamiti yadbhāti bhinnamiha rūpam |
tadidaṃ bhāgavibhedo na tvahameko'smi yannityam || 24 ||

Übersetzung: Die begrenzte Form, die als „Ich“ erscheint, indem sie sich von „du“ und „er“ abgrenzt, ist nur eine Teilunterscheidung; doch mein eigentliches Wesen ist das eine, ewige und ungeteilte Licht.

Vers 25
dyāvāpṛthivīdeśaḥ kālo'ho rātririti yayoḥ prasaraḥ |
te bhānatirodhikṛtī śaktī me bhāvavṛndasya || 25 ||

Übersetzung: Raum als Himmel und Erde sowie Zeit als Tag und Nacht sind Entfaltungen zweier meiner Kräfte: der Kraft, die die Menge der Erscheinungen offenbart, und der Kraft, die sie verhüllt.

Vers 26
dhūmāvatī tirodhau puṣṭau hlādā ca bhāsvatī bhāne |
kṣobhe ca parispandā vyāptau vibhvīti śaktayaḥ pañca || 26 ||

Übersetzung: Dhūmāvatī wirkt in der Verhüllung, Hlādā in der Nährung, Bhāsvatī im Offenbarwerden, Spandā in der Bewegung und Vibhvī in der Durchdringung – so heißen die fünf Kräfte.

Vers 27
dhūmāvatī pṛthivyāṃ hlādāpsu śucau tu bhāsvatī prathate |
vāyau spandā vibhvī nabhasi vyāptaṃ jagat tābhiḥ || 27 ||

Übersetzung: Dhūmāvatī erscheint in der Erde, Hlādā im Wasser, Bhāsvatī im Feuer, Spandā in der Luft und Vibhvī im Raum; durch diese Kräfte ist die ganze Welt durchdrungen.

Vers 28
nijadharmiṇaṃ prakāśaṃ svarūpayantī prakāśyavargasya |
śaktirvimarśarūpā śarīrayatyakhilamasya mama || 28 ||

Übersetzung: Meine Kraft in Gestalt des Vimarsha lässt das gesamte All zu meinem Körper werden, indem sie das Licht, ihren eigenen Träger, als das wahre Wesen aller erscheinenden Dinge erkennen lässt.

Vers 29
jñātṛjñānajñeyātmakamakhilaṃ madvimarśavahniśikhā |
dagdhvā prakāśarūpaṃ śubhraṃ bhasmāvaśeṣayati || 29 ||

Übersetzung: Die Flamme meines Vimarsha verbrennt die ganze Dreiheit von Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem und lässt als reine Asche nur die eine lichte Wirklichkeit zurück.

Vers 30
akaṭhoramadvimarśajvālāgraste tirodhimad bhānam |
aṅgāravadiva bhasma prathate tatrāṇuvargasya || 30 ||

Übersetzung: Wo die Flamme meines Vimarsha noch nicht völlig durchgreift, bleibt das Erscheinen der begrenzten Individuen wie eine Glut unter der Asche verborgen bestehen.

Vers 31
kārtsnyenāviṣṭamivāraṇyapurādyagninā mayāpi jagat |
citramavadhūya bhedaṃ nanu gṛhṇātyekarūpatvam || 31 ||

Übersetzung: Wie ein Wald oder eine Stadt, die vollständig vom Feuer ergriffen werden, alle einzelnen Formen verlieren, so gibt auch die ganze Welt, wenn sie vollständig von mir durchdrungen ist, ihre Verschiedenheit auf und nimmt Einheit an.

Vers 32
antarmukhaṃ svarūpaṃ jñeyasya jñānamasya tu jñātā |
jñānasya jñātṛtanościtirekā'syāstvahaṃ nānyaḥ || 32 ||

Übersetzung: Das nach innen gewandte Wesen des Erkannten ist Erkenntnis; das innere Wesen dieser Erkenntnis ist der Erkennende. Das innerste Wesen von Erkenntnis und Erkennendem ist das eine Bewusstsein – und von diesem bin ich nicht verschieden.

Vers 33
akramatā me kramikaṃ jñātrādyaṃ sakramākramā tu citiḥ |
madvad jñātā jñānaṃ śaktiriva tritayavad jñeyam || 33 ||

Übersetzung: Mein Wesen ist ohne Folge; Erkennender, Erkenntnis und Erkanntes erscheinen als Abfolge. Bewusstsein ist sowohl mit als auch ohne Abfolge: Der Erkennende ist ohne Abfolge wie ich, Erkenntnis verhält sich wie Shakti, und das Erkannte trägt die Struktur der Dreiheit.

Vers 34
pītādiṣu hi na nīlaṃ teṣvatra ca bhāti cākṣuṣaṃ jñānam |
na śrautrādiṣu tadapi jñātā teṣvatra cānugataḥ || 34 ||

Übersetzung: Blau ist nicht in Gelb und den anderen Farben enthalten; doch visuelles Erkennen erscheint in ihnen allen. Dieses ist wiederum nicht in den Hörvorgängen und anderen Sinneserkenntnissen enthalten; der Erkennende aber ist in all diesen Erkenntnissen gegenwärtig.

Vers 35
jñātāraṃ māṃ jñānaṃ śaktiṃ tritayātmakaṃ
punarjñeyam |
avikalpaṃ bhāvayataḥ so'haṃ sā tat trayaṃ tacca || 35 ||

Übersetzung: Wer den Erkennenden als mich, die Erkenntnis als Shakti und das dreifach gegliederte Erkannte ohne begriffliche Trennung betrachtet, erkennt ihre jeweilige Nichtverschiedenheit: der Erkennende als „ich“, die Erkenntnis als Shakti und das Erkannte als jene Dreiheit.

Vers 36
santānāntaravāhe jñātā vyāvṛttabhāsanaḥ kramikaḥ |
jīvākhyo madyogānmadvat syādakramābhāsaḥ || 36 ||

Übersetzung: Im Wechsel verschiedener Bewusstseinsströme erscheint der Erkennende als voneinander abgegrenzte, zeitlich geordnete Instanz und heißt dann Jiva; durch seine Einheit mit mir erscheint er jedoch wie ich ohne Abfolge.

Vers 37
vedyaṃ svakramaviddhāṃ vittimanupraviśadaṅgaviṣayādyam |
veditari vittimukhato līnaṃ tallakṣaṇaṃ bhavati || 37 ||

Übersetzung: Das Erkannte – Körper, Sinnesobjekte und alles Weitere – tritt in die seinem eigenen Ablauf folgende Erkenntnis ein; diese Erkenntnis wiederum löst sich im Erkennenden auf und nimmt dessen Wesen an.

Vers 38
smṛtyanubhavānusaṃhitivaśatastajjagadidaṃ tathā tadidam |
svairyahamābhāsayitā bhinnaṃ cāpohanena mithaḥ || 38 ||

Übersetzung: Durch Erinnerung, unmittelbare Erfahrung und Wiedererkennen lasse ich in Freiheit die Welt als „jene“, „diese“ und „dieselbe“ erscheinen – verschieden voneinander nur durch gegenseitige Abgrenzung.

Vers 39
smṛtiranubhavasya bhānaṃ so'rthasya dvau sahānusandhānam |
tritayamapi māṃ vinaikaṃ kramarahitaṃ na ghaṭate viduṣām
|| 39 ||

Übersetzung: Erinnerung ist das Wiedererscheinen früherer Erfahrung; Erfahrung ist das gegenwärtige Erscheinen des Gegenstands; ihre Verbindung ist Wiedererkennen. Diese drei wären ohne mich, den Einen jenseits aller Abfolge, für die Weisen nicht möglich.

Vers 40
astamitamarthajātaṃ bhātvā bhinnamiva ruddhatadbhānam |
madbhānaikātmyena srota ivābdhau sthitaṃ hi mayi || 40 ||

Übersetzung: Nachdem die Dinge wie voneinander getrennt erschienen sind und ihr besonderes Erscheinen wieder erloschen ist, ruhen sie in der Einheit meines Lichtes wie ein Strom, der in den Ozean eingegangen ist.


Vierter Skandha – Erwachen, Kräfte und höchste Siddhi

Vers 41
matsthamapi bhuvanavṛndaṃ bahiriva mad bhāti māyayā
bhavinām |
atha vidyayā bhaved bhavapadināmantarbahiṣṭvena || 41 ||

Übersetzung: Obwohl die Gesamtheit der Welten in mir ruht, erscheint sie den im Werden Befangenen durch Maya wie außerhalb von mir; durch Vidya kann sie auf einer weiterführenden Stufe zugleich als innen und außen erfahren werden.

Vers 42
grāhakamevaṃ tvajaḍaṃ jaḍamanyad grāhyamasya yo manute |
māyāvimohitātmā bodhyaḥ so'ṇurbhavī sadbhiḥ || 42 ||

Übersetzung: Wer den Erkennenden für bewusst, das Erkannte aber für etwas grundsätzlich anderes und Lebloses hält, gilt dem Text als durch Maya getäuscht; einen solchen begrenzt Erkennenden sollen die Wissenden unterweisen.

Vers 43
jaḍatātmikāmidantāmathājaḍatvātmikāmahantāṃ ca |
sāmānādhikaraṇyādidamahamiti budhyate dvipadī || 43 ||

Übersetzung: Wer sowohl die als träge erfahrene „Diesheit“ als auch die bewusste „Ichheit“ auf derselben Grundlage erkennt, erfasst sie zweifach als „Dies bin ich“.

Vers 44
udbhavināṃ kevalayā nimagnamantaḥpade dṛśā bhāti |
magnonmagnobhayavidhamunmanayā mayi punaḥ pūrṇe || 44 ||

Übersetzung: Für die Erwachenden erscheint das Erkannte durch die reine Schau im inneren Selbst versunken; in mir, dem Vollkommenen, erscheint es durch Unmana zugleich versunken und hervorgetreten.

Vers 45
ravisomataḍidvajrāmbudavāḍavajaladhigiriguhāraṇyaiḥ |
dṛḍhabhāvitātmabhāvairyogī tatkarma nirvahati || 45 ||

Übersetzung: Indem der Yogi Sonne, Mond, Blitz, Donnerkeil, Wolke, untermeerisches Feuer, Ozean, Berg, Höhle und Wald fest als Formen des eigenen Selbstes kontempliert, beschreibt der Text das Hervortreten der ihnen zugeschriebenen jeweiligen Wirksamkeit.

Vers 46
yā devatā yamarthaṃ karoti tenārthino dṛḍhaṃ tasyām |
vidhṛtāhaṅkārasya kṣaṇena so'rthaḥ samāyāti || 46 ||

Übersetzung: Wenn ein Yogi bei einer Gottheit, der eine bestimmte Wirkung zugeschrieben wird, das Ichsein fest verankert und gerade diese Wirkung anstrebt, beschreibt die traditionelle Lehre deren unmittelbares Hervortreten.

Vers 47
dhāraṇasaṃgrahapākavyūhāpratighātalakṣaṇairbhūtaiḥ |
svasvaniviṣṭāhantairyogina iṣṭā kriyā bhavati || 47 ||

Übersetzung: Wenn der Yogi sein Ichsein fest in die fünf Elemente hineinlegt – Erde als tragende, Wasser als sammelnde, Feuer als reifende, Luft als ordnende und Raum als ungehinderte Kraft –, wird ihm im Text die entsprechende Wirkung zugeschrieben.

Vers 48
iti tanmātrākarmajñānendriyamānasāsmitādhīṣu |
avyakte puṃsi tathā dhṛtacitiśaktiśca tatkarmā || 48 ||

Übersetzung: Entsprechend gilt dies für Tanmatras, Handlungs- und Erkenntnisorgane, Manas, Ahamkara und Buddhi sowie für das Unmanifestierte und Purusha: Wer die Kraft des Bewusstseins darin festhält, soll nach dem Text die ihnen entsprechenden Wirkungen verwirklichen.

Vers 49
rāganiyatyoḥ kāle vidyākalayorguhāsarasvatyoḥ |
īśasadāśivaśaktiṣu śive ca tadvat kṛtāhantaḥ || 49 ||

Übersetzung: Ebenso bei Raga und Niyati, bei Kāla, Vidyā und Kalā, bei Maya und Shuddhavidya, bei Ishvara, Sadashiva, Shakti und Shiva: Wer dort das Ichsein verwirklicht, dem wird im Text die entsprechende Wirksamkeit zugeschrieben.

Vers 50
śukavāmadevayorapi kṛṣṇadadhīcyostathā ca vainyasya |
bhūtātmayogajaṃ khalvārṣe vaiśvātmyamākhyātam || 50 ||

Übersetzung: Auch von Shuka und Vamadeva, ebenso von Krishna, Dadhichi und Vainya, berichten die alten Überlieferungen eine aus der Identifikation mit den Elementen hervorgegangene Universalität.

Vers 51
kālāgnikoṭidīptāṃ dāhe pāśoccayasya paṭu tṛptau |
amṛtaughavṛṣṭimūrtiṃ smara śaktiṃ bhava gururjagataḥ || 51 ||

Übersetzung: Vergegenwärtige Shakti beim Verbrennen der Fesseln als millionenfaches Feuer der Endzeit und bei der Erfüllung als Gestalt eines Stromes von Amrita; der Vers beschreibt dies als Weg, zum „Guru der Welt“ zu werden.

Vers 52
khyātimapūrṇāṃ pūrṇakhyātisamāveśadārḍhyataḥ
kṣapaya |
sṛja bhuvanāni yathecchaṃ sthāpaya hara tiraya bhāsaya ca || 52 ||

Übersetzung: Löse die unvollständige Erkenntnis durch die feste Versenkung in vollkommene Erkenntnis auf. Erschaffe die Welten nach deinem Willen, erhalte sie, ziehe sie zurück, verhülle sie und lass sie wieder erscheinen.

Vers 53
iti bodhitaḥ sa indro deveṣvadhikāramalamapohya svam |
āviṣṭaśaktitattvaḥ śivavadapaśyat svamātmānam || 53 ||

Übersetzung: So unterwiesen legte Indra seinen begrenzten Rang unter den Göttern vollständig ab; vom Wesen der Shakti durchdrungen, schaute er sein eigenes Selbst wie Shiva.


Die Lehre der Virupaksha Panchashika

Die Welt als eigener Körper
Der erste Skandha beginnt mit einer für das gewöhnliche Denken erstaunlichen Behauptung: Die gesamte Wirklichkeit ist der Körper des Bewusstseins. Der Kommentar entfaltet diese Aussage über verschiedene Formen des Ichgefühls. Ein Mensch sagt nicht nur „ich bin dieser Körper“, sondern ebenso „ich bin glücklich“, „ich atme“, „ich bin leer“ oder „ich bin reich“. Das Ichgefühl wandert also bereits im alltäglichen Erleben durch unterschiedliche Ebenen.

Die Virupaksha Panchashika zieht daraus eine weitreichende Konsequenz: Wenn das Ich nicht auf den physischen Körper beschränkt werden muss, kann die tiefere Identität des Bewusstseins auf die gesamte Wirklichkeit ausgedehnt werden. Der begrenzte Mensch ist nach dieser Sicht nicht deshalb klein, weil sein Wesen tatsächlich klein wäre, sondern weil er sein Ichgefühl auf einen winzigen Ausschnitt des universalen Lebens zusammengezogen hat.

Prakasha – das Licht des Bewusstseins
Ab Vers 9 rückt Prakasha in den Mittelpunkt. Damit ist kein physisches Licht gemeint, sondern die Tatsache, dass Erfahrung überhaupt erscheint. Alles Wahrgenommene, Gedachte und Erinnerte ist nur insofern gegenwärtig, als es im Bewusstsein aufleuchtet.

Doch der Text bleibt nicht bei einem passiven Licht stehen. Dieses Bewusstsein besitzt Pratyavamarsha – die Fähigkeit, sich seiner selbst bewusst zu sein. Gerade diese Selbstbezüglichkeit macht das reine Licht zu lebendigem, freiem Bewusstsein. Hier berührt die Virupaksha Panchashika einen Kern der Pratyabhijna-Philosophie: Bewusstsein ist nicht nur Offenheit für Inhalte, sondern weiß zugleich um sich selbst.

Vimarsha und Shakti
Vimarsha bezeichnet die Kraft, durch die Bewusstsein sich selbst erfasst, artikuliert und als Welt entfaltet. Daher kann der Text Vimarsha zugleich als Shakti verstehen. Welt, Erkenntnis, Sprache und Ichsein sind nicht voneinander isolierte Bereiche; sie sind verschiedene Ausdrucksformen derselben schöpferischen Selbstreflexion.

Besonders eindrucksvoll ist Vers 29: Die Flamme des Vimarsha „verbrennt“ die Dreiheit von Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem. Gemeint ist nicht Vernichtung im gewöhnlichen Sinn. Vielmehr verliert die scheinbar absolute Trennung dieser drei Pole ihre Selbstständigkeit. Übrig bleibt die eine lichte Wirklichkeit, in der sie erscheinen.

Pratyabhijna – Wiedererkennen statt Hervorbringen
Die Schrift beschreibt Befreiung nicht primär als Herstellung eines völlig neuen Zustands. Das Entscheidende ist Wiedererkennen. Die Einheit mit Shiva ist nach dieser Lehre schon gegeben; sie wird nur durch begrenzte Selbstdeutung verdeckt.

Deshalb spielt auch Erinnerung eine philosophische Rolle. Erinnerung, gegenwärtige Erfahrung und Wiedererkennen setzen nach Vers 39 ein Bewusstsein voraus, das nicht selbst im zeitlichen Wechsel der Inhalte zerfällt. Dieses durchgehende Licht ermöglicht überhaupt erst die Erfahrung von Kontinuität.

Zur Vertiefung der Frage nach der Identität des individuellen Selbst mit dem universalen Bewusstsein kann dieses Yoga-Vidya-Video ergänzend eingebunden werden:

{#ev:youtube|QAK9M31Jtbo}

Eine meditative Ergänzung bietet auch eine Praxis der Ausdehnung des Bewusstseins:

{#ev:youtube|kkrErEY1FWc}

Die fünf Kräfte und die Elemente
Verse 26–27 nennen fünf Kräfte: Dhūmāvatī, Hlādā, Bhāsvatī, Spandā beziehungsweise Spandā und Vibhvī. Der Kommentar verbindet sie mit Verhüllung, Nährung, Offenbarung, Bewegung und Durchdringung sowie mit den fünf Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum.

Diese Passage verbindet Kosmologie und Bewusstseinslehre. Die Elemente sind nicht bloß materielle Stoffe; sie erscheinen als Träger bestimmter Kräfte des Bewusstseins. Damit steht der Text in einem breiteren tantrischen Zusammenhang, in dem Körper, Elemente, Wahrnehmung und kosmische Ordnung einander entsprechen.

Siddhis richtig einordnen
Der vierte Skandha spricht ausdrücklich von außergewöhnlichen Kräften. Der Kommentar deutet sie aus der nichtdualen Identifikation: Wenn der Yogi eine kosmische Kraft nicht mehr als etwas außerhalb seiner selbst erfährt, kann sich ihre Wirksamkeit in ihm offenbaren.

Diese Aussagen gehören in den traditionellen tantrisch-yogischen Kontext. Der Artikel gibt sie als Lehre des Textes wieder; sie sind nicht mit einer modernen empirischen Bestätigung außergewöhnlicher Fähigkeiten gleichzusetzen. Entscheidend ist, dass der Kommentar selbst die höchsten Siddhis nicht in Einzelkräften sieht. Der Höhepunkt liegt in Vers 51 und 52: Reinigung der gesamten Erfahrungswelt, universale Guru-Funktion und schließlich die feste Erkenntnis der vollkommenen, nicht begrenzten Bewusstseinsnatur.

Stufen des Erwachens

Der vierte Skandha unterscheidet im Kommentar fünf Typen von Erfahrenden: den Unerwachten, den nahezu Erwachten, den Erwachten, den nahezu vollkommen Erwachten und den vollkommen Erwachten.

Beim unerwachten Menschen erscheint die Welt durch Maya als etwas Äußeres und vom eigenen Bewusstsein Getrenntes. Eine weiterentwickelte Sicht erkennt bereits eine Verbindung von Innen und Außen. Auf der Stufe des Erwachens wird die Welt als „Dies bin ich“ erfahren. In einer noch tieferen Erkenntnis sinkt das Objektive in das innere Bewusstsein zurück. Schließlich erscheint beim vollkommen Erwachten Hervortreten und Zurücksinken der Welt gleichermaßen innerhalb der Fülle des eigenen Bewusstseins.

Diese Darstellung lässt sich thematisch mit zentralen Texten des Kashmir Shivaismus vergleichen, etwa den Shiva Sutra, der Spanda Karika, dem Pratyabhijnahridaya und dem Tantraloka. Die Virupaksha Panchashika besitzt jedoch eine eigene Stimme: Sie entwickelt die nichtduale Erkenntnis besonders stark aus dem Verhältnis von Ichgefühl, Körper, Welt, Wahrnehmung und kosmischer Identifikation.

Inspirationen aus der Virupaksha Panchashika

„Die ganze Welt ist der Körper des Bewusstseins.“
vimatipadamaṅga sarvaṃ mama caitanyamātmanaḥ śarīramidam |
śūnyapadādīlāvadhi dṛśyatvāt piṇḍavat siddham || 2 ||

Inspiration: Was gewöhnlich als „außen“ erlebt wird, erscheint stets im Feld des Bewusstseins. Die Schrift lädt dazu ein, die Grenze zwischen „mir“ und „Welt“ tiefer zu untersuchen.

„Herrschaft, Handlungsfähigkeit, Freiheit und Bewusstsein sind Namen des wahren Ichseins.“
īśvaratā kartṛtvaṃ svatantratā citsvarūpatā ceti |
ete'hantāyāḥ kila paryāyāḥ sadbhirucyate || 8 ||

Inspiration: Das tiefste Ich ist hier nicht das Ego, das sich von anderen abgrenzt, sondern die freie, bewusste Gegenwart, in der jede Erfahrung erscheint.

„Das innere Wesen des Erkannten ist Erkenntnis; das innere Wesen der Erkenntnis ist der Erkennende.“
antarmukhaṃ svarūpaṃ jñeyasya jñānamasya tu jñātā |
jñānasya jñātṛtanościtirekā'syāstvahaṃ nānyaḥ || 32 ||

Inspiration: Wer von der Oberfläche einer Erfahrung nach innen geht, gelangt vom Objekt zur Wahrnehmung, von der Wahrnehmung zum Wahrnehmenden und schließlich zum einen Bewusstsein.

„Löse die unvollständige Erkenntnis in vollkommener Erkenntnis auf.“
khyātimapūrṇāṃ pūrṇakhyātisamāveśadārḍhyataḥ kṣapaya |
sṛja bhuvanāni yathecchaṃ sthāpaya hara tiraya bhāsaya ca || 52 ||

Inspiration: Der spirituelle Weg besteht hier nicht darin, ein fremdes göttliches Prinzip zu erreichen, sondern die unvollständige Sichtweise zu überwinden und in der Fülle des Bewusstseins fest zu werden.

Die Virupaksha Panchashika in einer zusammenhängenden deutschen Übersetzung

Erster Skandha – Die Welt als Körper des Bewusstseins
Virupaksha, der für Indra – den Liebhaber des Kampfes mit dem duftenden Elefanten – den Kampf zweier Berge erscheinen ließ, verkündet ihm auf dessen Frage den Samen seiner eigenen Vollkommenheit. Wisse, o Freund: Diese ganze umstrittene Wirklichkeit, vom Bereich der Leere bis hin zur Erde, ist der Körper meines eigenen Bewusstseins; denn sie ist sichtbar, ebenso wie der individuelle Körper. „Ich bin reich“, „ich bin mager“, „meine Sinne sind zugetan“, „ich freue mich“, „ich atme“, „ich bin leer“ – in diesen sechs Bereichen wird jeweils ein Gefühl des Ichseins erfahren. Wenn man das Bewusstsein, dessen Ichsein in Objekt, Körper, Sinnen, Denken, Lebenshauch und dem Zustand des Zurücktretens beziehungsweise der Leere hervortritt, auf dem ganzen Weg festhält, offenbart sich die Welt als der eigene Körper. Indem der Mensch gleichsam aus dem universalen Leib heraustritt und sein Ichgefühl auf nur einen kleinen Körperteil davon beschränkt, gleicht er einem „lebend Toten“, dessen Lebenshauch nur noch in der Kehle liegt. Wie durch das Ichgefühl im eigenen Körper die beiden scheinbar trägen Arme allein durch den Willen gegeneinander bewegt werden, so beschreibt der Text in derselben Logik auch die Bewegung von Bergen innerhalb des als eigener Leib erkannten Universums. Halte überall jenes Ichsein gegenwärtig, das Bindu, Prana, Shakti, Geist, die Gesamtheit der Sinne und den Körper durchdringt und in Bewegung setzt. Herrschaft, schöpferische Wirksamkeit, Freiheit und die Natur reinen Bewusstseins – die Weisen erklären diese als gleichbedeutende Bezeichnungen des wahren Ichseins.

Zweiter Skandha – Die Einheit des Licht-Bewusstseins
Dieses Bewusstsein, dessen Wesen beständige Selbstreflexion ist und das aus sich selbst strömt, ist die höchste Sprache. Als durch den ersten und letzten Laut symbolisch zusammengefasste Lautgesamtheit ist es das wahre Ichsein. Das Licht, das fähig ist, sich selbst und anderes erscheinen zu lassen, ist das Selbst des Universums. Dieses eine Licht wird „Ich“ genannt; sein Zustand der Selbstbezüglichkeit ist das Ichsein. Seine beiden Erscheinungsweisen – „Dies“ als unterbrochene und „Ich“ als ununterbrochene Offenbarung – machen im Bereich des Erkennbaren und des Bewusstseins das Erscheinen und das Erleuchten deutlich. Dieses Licht ist in sich selbst eines; in ihm gibt es keine wirkliche Abfolge durch Raum oder Zeit. Abfolge gehört zum Bereich der voneinander unterschiedenen Objekte, deren Unterschied auf diesem einen Licht beruht. In seinem eigenen grenzenlosen Bewusstseinsraum, einem Milchozean gleich, erschafft und vernichtet dieses Licht die Welt durch Vereinigung und Trennung der Wellen seiner eigenen Kräfte. In dieser Welt aus den fünf Sinnesgegenständen, dem Genießbaren, den Sinnen und dem Genießenden soll Bewusstsein meditiert werden als das unendliche Rad seiner eigenen sich ausbreitenden Kräfte. Der Bindu, dessen Wesen Vimarsha ist, ist der eine Lebenshauch der sechs Adhvas (Pfade); in ihm erscheinen Genießbares, Sinne und Genießender, symbolisiert durch Mond, Sonne und Feuer, als eine einzige Masse des Erscheinens. Die manifeste Welt der Dinge ist immer an ihn gebunden; auch das unmanifestierte Reich der Shakti taucht wieder in ihm unter. Die Übenden, die nach unterschiedlichen Siddhis streben, betrachten ihn – entsprechend den verschiedenen meditativen Trägern – als sechzehnfach, neunfach, sechsfach oder dreifach. Wort, aus Buchstaben, Mantra und Wortgebilden dreifach gegliedert, ist nur ein Teilchen seines Vimarsha; ebenso ist die Bedeutungsseite als Pada, Tattva und Kala dreifach gegliedert. All dies gehört zum einen tragenden Licht. Dieser höchste Mārtaṇḍa, die innere „Sonne“ des Bewusstseins, belebt allein durch die Kraft seines eigenen Eintritts das ohne ihn tote Welten-Ei. Hast du ihn etwa nicht im höchsten inneren Raum gesehen? Indem er selbst den Milchozean des Bewusstseinsraumes mit dem Mandara-Berg seines Willens aufwühlt, lässt er durch die Wellen seiner Shakti das als Mondscheibe bezeichnete Welten-Ei aufsteigen. Shakti, Maya, Prakriti und Erde bilden die vier Hauptbereiche dieses Welten-Eies; und alle seine weiteren vielfachen Unterteilungen ruhen vollständig in mir.

Dritter Skandha – Vimarsha und Wiedererkenntnis
Ich allein bin das niemals untergehende Licht, das im Innern von Helligkeit und Dunkelheit gegenwärtig ist; in mir, dem Einen, befinden sich alle Lichter und alle Dunkelheiten. Erste, zweite und dritte Person erscheinen zwar voneinander verschieden, doch keine von ihnen liegt außerhalb meiner, des großen Purusha, dessen Wesen Selbstreflexion ist. Die begrenzte Form, die als „Ich“ erscheint, indem sie sich von „du“ und „er“ abgrenzt, ist nur eine Teilunterscheidung; doch mein eigentliches Wesen ist das eine, ewige und ungeteilte Licht. Raum als Himmel und Erde sowie Zeit als Tag und Nacht sind Entfaltungen zweier meiner Kräfte: der Kraft, die die Menge der Erscheinungen offenbart, und der Kraft, die sie verhüllt. Dhūmāvatī wirkt in der Verhüllung, Hlādā in der Nährung, Bhāsvatī im Offenbarwerden, Spandā in der Bewegung und Vibhvī in der Durchdringung – so heißen die fünf Kräfte. Dhūmāvatī erscheint in der Erde, Hlādā im Wasser, Bhāsvatī im Feuer, Spandā in der Luft und Vibhvī im Raum; durch diese Kräfte ist die ganze Welt durchdrungen. Meine Kraft in Gestalt des Vimarsha lässt das gesamte All zu meinem Körper werden, indem sie das Licht, ihren eigenen Träger, als das wahre Wesen aller erscheinenden Dinge erkennen lässt. Die Flamme meines Vimarsha verbrennt die ganze Dreiheit von Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem und lässt als reine Asche nur die eine lichte Wirklichkeit zurück. Wo die Flamme meines Vimarsha noch nicht völlig durchgreift, bleibt das Erscheinen der begrenzten Individuen wie eine Glut unter der Asche verborgen bestehen. Wie ein Wald oder eine Stadt, die vollständig vom Feuer ergriffen werden, alle einzelnen Formen verlieren, so gibt auch die ganze Welt, wenn sie vollständig von mir durchdrungen ist, ihre Verschiedenheit auf und nimmt Einheit an. Das nach innen gewandte Wesen des Erkannten ist Erkenntnis; das innere Wesen dieser Erkenntnis ist der Erkennende. Das innerste Wesen von Erkenntnis und Erkennendem ist das eine Bewusstsein – und von diesem bin ich nicht verschieden. Mein Wesen ist ohne Folge; Erkennender, Erkenntnis und Erkanntes erscheinen als Abfolge. Bewusstsein ist sowohl mit als auch ohne Abfolge: Der Erkennende ist ohne Abfolge wie ich, Erkenntnis verhält sich wie Shakti, und das Erkannte trägt die Struktur der Dreiheit. Blau ist nicht in Gelb und den anderen Farben enthalten; doch visuelles Erkennen erscheint in ihnen allen. Dieses ist wiederum nicht in den Hörvorgängen und anderen Sinneserkenntnissen enthalten; der Erkennende aber ist in all diesen Erkenntnissen gegenwärtig. Wer den Erkennenden als mich, die Erkenntnis als Shakti und das dreifach gegliederte Erkannte ohne begriffliche Trennung betrachtet, erkennt ihre jeweilige Nichtverschiedenheit: der Erkennende als „ich“, die Erkenntnis als Shakti und das Erkannte als jene Dreiheit. Im Wechsel verschiedener Bewusstseinsströme erscheint der Erkennende als voneinander abgegrenzte, zeitlich geordnete Instanz und heißt dann Jiva; durch seine Einheit mit mir erscheint er jedoch wie ich ohne Abfolge. Das Erkannte – Körper, Sinnesobjekte und alles Weitere – tritt in die seinem eigenen Ablauf folgende Erkenntnis ein; diese Erkenntnis wiederum löst sich im Erkennenden auf und nimmt dessen Wesen an. Durch Erinnerung, unmittelbare Erfahrung und Wiedererkennen lasse ich in Freiheit die Welt als „jene“, „diese“ und „dieselbe“ erscheinen – verschieden voneinander nur durch gegenseitige Abgrenzung. Erinnerung ist das Wiedererscheinen früherer Erfahrung; Erfahrung ist das gegenwärtige Erscheinen des Gegenstands; ihre Verbindung ist Wiedererkennen. Diese drei wären ohne mich, den Einen jenseits aller Abfolge, für die Weisen nicht möglich. Nachdem die Dinge wie voneinander getrennt erschienen sind und ihr besonderes Erscheinen wieder erloschen ist, ruhen sie in der Einheit meines Lichtes wie ein Strom, der in den Ozean eingegangen ist.

Vierter Skandha – Erwachen, Kräfte und höchste Siddhi
Obwohl die Gesamtheit der Welten in mir ruht, erscheint sie den im Werden Befangenen durch Maya wie außerhalb von mir; durch Vidya kann sie auf einer weiterführenden Stufe zugleich als innen und außen erfahren werden. Wer den Erkennenden für bewusst, das Erkannte aber für etwas grundsätzlich anderes und Lebloses hält, gilt dem Text als durch Maya getäuscht; einen solchen begrenzt Erkennenden sollen die Wissenden unterweisen. Wer sowohl die als träge erfahrene „Diesheit“ als auch die bewusste „Ichheit“ auf derselben Grundlage erkennt, erfasst sie zweifach als „Dies bin ich“. Für die Erwachenden erscheint das Erkannte durch die reine Schau im inneren Selbst versunken; in mir, dem Vollkommenen, erscheint es durch Unmana zugleich versunken und hervorgetreten. Indem der Yogi Sonne, Mond, Blitz, Donnerkeil, Wolke, untermeerisches Feuer, Ozean, Berg, Höhle und Wald fest als Formen des eigenen Selbstes kontempliert, beschreibt der Text das Hervortreten der ihnen zugeschriebenen jeweiligen Wirksamkeit. Wenn ein Yogi bei einer Gottheit, der eine bestimmte Wirkung zugeschrieben wird, das Ichsein fest verankert und gerade diese Wirkung anstrebt, beschreibt die traditionelle Lehre deren unmittelbares Hervortreten. Wenn der Yogi sein Ichsein fest in die fünf Elemente hineinlegt – Erde als tragende, Wasser als sammelnde, Feuer als reifende, Luft als ordnende und Raum als ungehinderte Kraft –, wird ihm im Text die entsprechende Wirkung zugeschrieben. Entsprechend gilt dies für Tanmatras, Handlungs- und Erkenntnisorgane, Manas, Ahamkara und Buddhi sowie für das Unmanifestierte und Purusha: Wer die Kraft des Bewusstseins darin festhält, soll nach dem Text die ihnen entsprechenden Wirkungen verwirklichen. Ebenso bei Raga und Niyati, bei Kāla, Vidyā und Kalā, bei Maya und Shuddhavidya, bei Ishvara, Sadashiva, Shakti und Shiva: Wer dort das Ichsein verwirklicht, dem wird im Text die entsprechende Wirksamkeit zugeschrieben. Auch von Shuka und Vamadeva, ebenso von Krishna, Dadhichi und Vainya, berichten die alten Überlieferungen eine aus der Identifikation mit den Elementen hervorgegangene Universalität. Vergegenwärtige Shakti beim Verbrennen der Fesseln als millionenfaches Feuer der Endzeit und bei der Erfüllung als Gestalt eines Stromes von Amrita; der Vers beschreibt dies als Weg, zum „Guru der Welt“ zu werden. Löse die unvollständige Erkenntnis durch die feste Versenkung in vollkommene Erkenntnis auf. Erschaffe die Welten nach deinem Willen, erhalte sie, ziehe sie zurück, verhülle sie und lass sie wieder erscheinen. So unterwiesen legte Indra seinen begrenzten Rang unter den Göttern vollständig ab; vom Wesen der Shakti durchdrungen, schaute er sein eigenes Selbst wie Shiva.

Vollständiger Text in Devanagari

Vers 1
गन्धगजसमररसिकायेन्द्राय प्रकटिताद्रियुगसमरः ।
निजसिद्धिबीजमस्मै कथयति पृष्टो विरूपाक्षः ॥ १ ॥

Vers 2
विमतिपदमङ्ग सर्वं मम चैतन्यमात्मनः
शरीरमिदम् ।
शून्यपदादीलावधि दृश्यत्वात् पिण्डवत् सिद्धम् ॥ २ ॥

Vers 3
सम्पन्नोऽस्मि कृशोऽस्मि स्निह्यत्करणोऽस्मि मोदमानोऽस्मि ।
प्राणिमि शून्योऽस्मीति च षट्सु पदेष्वस्मिता दृष्टा ॥ ३ ॥

Vers 4
विषयशरीरेन्द्रियधीप्राणनिरोधप्रसिद्ध्यदस्मित्वाम् ।
इत्थं चितिमखिलेऽध्वनि धारयतो विश्वदेहत्वम् ॥ ४ ॥

Vers 5
उत्क्रम्य विश्वतोऽङ्गात् तद्भागैकतनुनिष्ठिताहन्तः ।
कण्ठलुठत्प्राण इव व्यक्तं जीवन्मृतो लोकः ॥ ५ ॥

Vers 6
देहेऽस्मितया यद्वज्जडयोरास्फालनं मिथो बाह्वोः ।
इच्छामात्रेणेत्थं गिर्योरपि तद्वशाज्जगति ॥ ६ ॥

Vers 7
बिन्दुं प्राणं शक्तिं मन इन्द्रियमण्डलं शरीरं च ।
आविश्य चेष्टयन्तीं धारय सर्वत्र चाहन्ताम् ॥ ७ ॥

Vers 8
ईश्वरता कर्तृत्वं स्वतन्त्रता चित्स्वरूपता चेति ।
एतेऽहन्तायाः किल पर्यायाः सद्भिरुच्यते ॥ ८ ॥

Vers 9
प्रत्यवमर्शात्मासौ चितिः स्वरसवाहिनी परा वाग् या ।
आद्यन्तप्रत्याहृतवर्णगणा सत्यहन्ता सा ॥ ९ ॥

Vers 10
स्वपरावभासनक्षम आत्मा विश्वस्य यः प्रकाशोऽसौ ।
अहमिति स एक उक्तोऽहन्ता स्थितिरीदृशी तस्य ॥ १० ॥

Vers 11
विच्छिन्नाविच्च्छिन्ने इदमित्यहमित्युभे प्रथे तस्य ।
आभास्याभासकतां स्फुटयन्त्यौ चेत्यचित्पदयोः ॥ ११ ॥

Vers 12
एकः स आत्मनासौ नहि क्रमोऽस्तीह देशकालाभ्याम् ।
भेदिनि मिथः स मुक्तश्चेत्ये भेदाश्रयः खलु सः ॥ १२ ॥

Vers 13
स्वाङ्गे चिद्गगनात्मनि दुग्धोदनिभः स्वशक्तिलहरीणाम् ।
सम्भेदविभेदाभ्यां सृजति ध्वंसयति चैष जगत् ॥ १३ ॥

Vers 14
रूपादिपञ्चविषयात्मनि भोग्यहृषीकभोक्तृरूपेऽस्मिन् ।
जगति प्रसरदनन्तस्वशक्तिचक्रा चितिर्भाव्या ॥ १४ ॥

Vers 15
सोमरविवह्निलक्षणभोग्येन्द्रियभोक्तृभानपिण्डात्मा ।
बिन्दुर्विमर्शधर्मा षण्णामेकोऽध्वनां प्राणः ॥ १५ ॥

Vers 16
व्यक्तं हि पदार्थात्मकमिदं जगन्नित्यमेव तल्लग्नम् ।
शक्त्यात्मकमव्यक्तं तत्रैव पुनर्निमज्जति च ॥ १६ ॥

Vers 17
षोडशधैनं नवधा षोढा भिन्दन्त्यथ त्रिधा च
बुधाः ।
आधारभेदलक्ष्यं बहुसिद्धिकरं च सेत्स्यन्तः ॥ १७ ॥

Vers 18
यस्य विमर्शस्य कणः पदमन्त्रार्णात्मकस्त्रिधा शब्दः ।
पदतत्त्वकलात्मार्थो धर्मिण इत्थं प्रकाशस्य ॥ १८ ॥

Vers 19
स्वेन विना मृतमण्डं स्वावेशबलेन जीवयन्नेकः ।
मार्ताण्डः परमोऽसौ परनभसि न किं त्वया दृष्टः ॥ १९ ॥

Vers 20
चिद्गगनक्षीरोदं स्वयमिच्छामन्दरेण संक्षोभ्य ।
तच्छक्तिवीचिभिरसावुत्थापयतीन्दुमण्डाख्यम् ॥ २० ॥

Vers 21
शक्तिर्माया प्रकृतिः पृथ्वीति चतुर्विभागमण्डं यत् ।
यश्च विभागोऽस्य पुनर्बहुधा सर्वं स्थितं मयि तत् ॥ २१ ॥

Vers 22
अहमेकोऽनस्तमितप्रकाशरूपोऽस्मि तेजसां तमसाम् ।
अन्तः स्थितो ममान्तस्तेजांसि तमांसि चैकस्य ॥ २२ ॥

Vers 23
प्रथमो मध्यम उत्तम इति पुरुषा भेदिनस्त्रयोऽपि मिथः ।
मत्तस्तु महापुरुषात् प्रत्यवमर्शात्मनो न बहिः ॥ २३ ॥

Vers 24
युष्मच्छेषापोहवदहमिति यद्भाति भिन्नमिह रूपम् ।
तदिदं भागविभेदो न त्वहमेकोऽस्मि यन्नित्यम् ॥ २४ ॥

Vers 25
द्यावापृथिवीदेशः कालोऽहो रात्रिरिति ययोः प्रसरः ।
ते भानतिरोधिकृती शक्ती मे भाववृन्दस्य ॥ २५ ॥

Vers 26
धूमावती तिरोधौ पुष्टौ ह्लादा च भास्वती भाने ।
क्षोभे च परिस्पन्दा व्याप्तौ विभ्वीति शक्तयः पञ्च ॥ २६ ॥

Vers 27
धूमावती पृथिव्यां ह्लादाप्सु शुचौ तु भास्वती प्रथते ।
वायौ स्पन्दा विभ्वी नभसि व्याप्तं जगत् ताभिः ॥ २७ ॥

Vers 28
निजधर्मिणं प्रकाशं स्वरूपयन्ती प्रकाश्यवर्गस्य ।
शक्तिर्विमर्शरूपा शरीरयत्यखिलमस्य मम ॥ २८ ॥

Vers 29
ज्ञातृज्ञानज्ञेयात्मकमखिलं मद्विमर्शवह्निशिखा ।
दग्ध्वा प्रकाशरूपं शुभ्रं भस्मावशेषयति ॥ २९ ॥

Vers 30
अकठोरमद्विमर्शज्वालाग्रस्ते तिरोधिमद् भानम् ।
अङ्गारवदिव भस्म प्रथते तत्राणुवर्गस्य ॥ ३० ॥

Vers 31
कार्त्स्न्येनाविष्टमिवारण्यपुराद्यग्निना मयापि जगत् ।
चित्रमवधूय भेदं ननु गृह्णात्येकरूपत्वम् ॥ ३१ ॥

Vers 32
अन्तर्मुखं स्वरूपं ज्ञेयस्य ज्ञानमस्य तु ज्ञाता ।
ज्ञानस्य ज्ञातृतनोश्चितिरेकाऽस्यास्त्वहं नान्यः ॥ ३२ ॥

Vers 33
अक्रमता मे क्रमिकं ज्ञात्राद्यं सक्रमाक्रमा तु चितिः ।
मद्वद् ज्ञाता ज्ञानं शक्तिरिव त्रितयवद् ज्ञेयम् ॥ ३३ ॥

Vers 34
पीतादिषु हि न नीलं तेष्वत्र च भाति चाक्षुषं ज्ञानम् ।
न श्रौत्रादिषु तदपि ज्ञाता तेष्वत्र चानुगतः ॥ ३४ ॥

Vers 35
ज्ञातारं मां ज्ञानं शक्तिं त्रितयात्मकं
पुनर्ज्ञेयम् ।
अविकल्पं भावयतः सोऽहं सा तत् त्रयं तच्च ॥ ३५ ॥

Vers 36
सन्तानान्तरवाहे ज्ञाता व्यावृत्तभासनः क्रमिकः ।
जीवाख्यो मद्योगान्मद्वत् स्यादक्रमाभासः ॥ ३६ ॥

Vers 37
वेद्यं स्वक्रमविद्धां वित्तिमनुप्रविशदङ्गविषयाद्यम् ।
वेदितरि वित्तिमुखतो लीनं तल्लक्षणं भवति ॥ ३७ ॥

Vers 38
स्मृत्यनुभवानुसंहितिवशतस्तज्जगदिदं तथा तदिदम् ।
स्वैर्यहमाभासयिता भिन्नं चापोहनेन मिथः ॥ ३८ ॥

Vers 39
स्मृतिरनुभवस्य भानं सोऽर्थस्य द्वौ सहानुसन्धानम् ।
त्रितयमपि मां विनैकं क्रमरहितं न घटते विदुषाम्
॥ ३९ ॥

Vers 40
अस्तमितमर्थजातं भात्वा भिन्नमिव रुद्धतद्भानम् ।
मद्भानैकात्म्येन स्रोत इवाब्धौ स्थितं हि मयि ॥ ४० ॥

Vers 41
मत्स्थमपि भुवनवृन्दं बहिरिव मद् भाति मायया
भविनाम् ।
अथ विद्यया भवेद् भवपदिनामन्तर्बहिष्ट्वेन ॥ ४१ ॥

Vers 42
ग्राहकमेवं त्वजडं जडमन्यद् ग्राह्यमस्य यो मनुते ।
मायाविमोहितात्मा बोध्यः सोऽणुर्भवी सद्भिः ॥ ४२ ॥

Vers 43
जडतात्मिकामिदन्तामथाजडत्वात्मिकामहन्तां च ।
सामानाधिकरण्यादिदमहमिति बुध्यते द्विपदी ॥ ४३ ॥

Vers 44
उद्भविनां केवलया निमग्नमन्तःपदे दृशा भाति ।
मग्नोन्मग्नोभयविधमुन्मनया मयि पुनः पूर्णे ॥ ४४ ॥

Vers 45
रविसोमतडिद्वज्राम्बुदवाडवजलधिगिरिगुहारण्यैः ।
दृढभावितात्मभावैर्योगी तत्कर्म निर्वहति ॥ ४५ ॥

Vers 46
या देवता यमर्थं करोति तेनार्थिनो दृढं तस्याम् ।
विधृताहङ्कारस्य क्षणेन सोऽर्थः समायाति ॥ ४६ ॥

Vers 47
धारणसंग्रहपाकव्यूहाप्रतिघातलक्षणैर्भूतैः ।
स्वस्वनिविष्टाहन्तैर्योगिन इष्टा क्रिया भवति ॥ ४७ ॥

Vers 48
इति तन्मात्राकर्मज्ञानेन्द्रियमानसास्मिताधीषु ।
अव्यक्ते पुंसि तथा धृतचितिशक्तिश्च तत्कर्मा ॥ ४८ ॥

Vers 49
रागनियत्योः काले विद्याकलयोर्गुहासरस्वत्योः ।
ईशसदाशिवशक्तिषु शिवे च तद्वत् कृताहन्तः ॥ ४९ ॥

Vers 50
शुकवामदेवयोरपि कृष्णदधीच्योस्तथा च वैन्यस्य ।
भूतात्मयोगजं खल्वार्षे वैश्वात्म्यमाख्यातम् ॥ ५० ॥

Vers 51
कालाग्निकोटिदीप्तां दाहे पाशोच्चयस्य पटु तृप्तौ ।
अमृतौघवृष्टिमूर्तिं स्मर शक्तिं भव गुरुर्जगतः ॥ ५१ ॥

Vers 52
ख्यातिमपूर्णां पूर्णख्यातिसमावेशदार्ढ्यतः
क्षपय ।
सृज भुवनानि यथेच्छं स्थापय हर तिरय भासय च ॥ ५२ ॥

Vers 53
इति बोधितः स इन्द्रो देवेष्वधिकारमलमपोह्य स्वम् ।
आविष्टशक्तितत्त्वः शिववदपश्यत् स्वमात्मानम् ॥ ५३ ॥


Abschließende Betrachtung

Die Virupaksha Panchashika gehört zu jenen Texten, die eine ganze Philosophie in wenigen Versen verdichten. Ihr Ausgangspunkt ist nicht die Frage, wie ein begrenztes Individuum irgendwann göttlich werden könnte. Sie fragt vielmehr, wie das unbegrenzte Bewusstsein dazu kommt, sich selbst als begrenztes Individuum zu erleben.

Die Antwort liegt in der Macht der Identifikation. Wird das Ichsein auf einen einzelnen Körper verengt, entsteht die gewöhnliche Erfahrung des Jiva. Wird dasselbe Bewusstsein in seiner ununterbrochenen, alles durchdringenden Natur wiedererkannt, erscheint die Welt als eigener Leib. Pratyabhijna ist deshalb keine bloße intellektuelle Theorie, sondern eine Umkehr der Identität.

Für heutige Aspiranten kann dies zu einer tiefen Form der Meditation werden: Wer ist der Wahrnehmende? Wo erscheint die Welt? Was ist in allen wechselnden Erfahrungen gegenwärtig? Kann das Bewusstsein selbst als begrenztes Objekt gefunden werden? Solche Fragen führen in dieselbe Richtung wie die großen Texte von Spanda, Trika und Pratyabhijna.

Die Schrift endet mit Indra, der seinen begrenzten Status ablegt und sein eigenes Selbst wie Shiva schaut. Damit schließt sich der Kreis: Was zunächst wie eine Lehre über kosmische Kräfte erscheint, wird zur Lehre der Selbsterkenntnis. Das höchste Ziel ist nicht Macht über die Welt, sondern die Wiedererkenntnis dessen, in dem Welt, Kraft, Wahrnehmung und Selbst immer schon eins sind.

Textgrundlage

Grundlage dieses Artikels ist der elektronische Muktabodha-Text M00535, Virūpākṣapañcāśikā. Die Datei nennt Vidyācakravartin als Kommentator und T. Gaṇapati Śāstrī als Herausgeber. Der Text wurde 1910 bei der Travancore Government Press in Trivandrum veröffentlicht.

Die Quelldatei enthält den vollständigen Grundtext sowie den ausführlichen Kommentar Vivṛti. Für diesen Artikel wurden Grundtext und Kommentar strikt getrennt. Der Kommentar wurde zur Klärung der vier Skandhas, der Zählung der fünfzig Kernverse, technischer Begriffe und schwieriger philosophischer Aussagen herangezogen, aber nicht als Bestandteil des Primärtextes ausgegeben.

Die zwei einleitenden Verehrungs- und Programmverse des Kommentators vor Vers 1 sowie dessen Schlussverse nach Vers 53 gehören ebenfalls zur Vivṛti und nicht zum Grundtext der Virupaksha Panchashika; sie wurden deshalb nicht in die Folge der Primärverse aufgenommen.

Da die bereitgestellte Muktabodha-Datei nur die wissenschaftliche Umschrift enthält, wurde die Devanagari-Fassung dieses Wikiartikels technisch aus genau dieser gelieferten Umschrift transliteriert. Sie ist daher eine redaktionell erzeugte Schriftübertragung und keine zusätzlich herangezogene Devanagari-Edition. Es wurde keine fremde Sanskritfassung zur Ergänzung oder Veränderung des Grundtextes verwendet.

Siehe auch

Seminare

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