Tripura Rahasya 108 Inspirierende Verse und Mantras

Aus Yogawiki
Version vom 17. September 2026, 16:42 Uhr von Yoga Vidya (Diskussion | Beiträge) (Die Seite wurde neu angelegt: „'''Tripura Rahasya – 108 inspirierende Verse und Mantras''' lädt dazu ein, Hingabe und Selbsterkenntnis gemeinsam zu vertiefen. Die Göttin Tripurā erscheint als Mutter, als Lehrerin und als das reine Bewusstsein, in dem unser ganzes Erleben stattfindet. Die Verse fragen nach einem Glück, das nicht ständig neue Erfüllung braucht, und nach einer Erkenntnis, die im Alltag lebendig bleibt. Die Auswahl umfasst genau '''…“)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Tripura Rahasya – 108 inspirierende Verse und Mantras lädt dazu ein, Hingabe und Selbsterkenntnis gemeinsam zu vertiefen. Die Göttin Tripurā erscheint als Mutter, als Lehrerin und als das reine Bewusstsein, in dem unser ganzes Erleben stattfindet. Die Verse fragen nach einem Glück, das nicht ständig neue Erfüllung braucht, und nach einer Erkenntnis, die im Alltag lebendig bleibt.

Die Auswahl umfasst genau 108 verschiedene Verse aus zwölf Kapiteln beider vorhandenen Werkbereiche. Die Auswahl verbindet die Lehren Hemalekhas, Janakas und Dattatreyas mit der Vidyāgītā und den Aussagen des Māhātmyakhaṇḍa über Bewusstsein, Hingabe und Dienst. Zusammenhängende Aussagen bleiben in ihrer Reihenfolge erhalten; einzelne Sätze erstrecken sich über mehrere Verse. Die Ziffern 1–108 zählen die Auswahl. Sämtliche Originalstellen stehen gesammelt in der Konkordanz am Ende. Die ausführlichere Einführung und die vollständige Übersetzung des vorliegenden Grundtexts finden sich unter Tripura Rahasya, der zugehörige Sanskrittext unter Tripura Rahasya Sanskrit IAST.

Für Yoga und Meditation empfiehlt sich ein langsames Lesen: Lass eine Aussage wirken, prüfe sie am eigenen Erleben und nimm eine einfache Anregung in deinen Tag mit. Diese Leseempfehlung ist eine heutige Praxisanregung, keine zusätzliche Vorschrift des Sanskrittexts.

Zur Übersicht: Grundtext und deutsche Übersetzung · Tātparyadīpikā – deutsche Übersetzung · Sanskrit: IAST · Devanagari, Jñānakhaṇḍa · Devanagari, Māhātmyakhaṇḍa · Praxis: 108 inspirierende Verse und Mantras

Devi: die göttliche Gegenwart, der Verehrung und Selbsterkenntnis gelten.

108 Verse für Besinnung und Praxis

Guru, Einweihung und das schon gegenwärtige Selbst

1. Dann erhob er sich und sprach, von Freude erfüllt, mit bewegter, stockender Stimme: Gesegnet bin ich! Mein Leben hat seine Erfüllung gefunden, ehrwürdiger Guru, durch deine Gnade.

2. Denn du, der Guru, bist mir gewogen – du, der Ozean des Mitgefühls, Shiva selbst. Wem du gewogen bist, dem gilt selbst die Stellung Brahmas so wenig wie ein Grashalm.

3. Durch die Gnade des Guru wird sogar der Tod als das eigene Selbst erkannt. Dieser Guru, der große Herr, ist mir heute ohne mein Verdienst gewogen.

4. Ich meine, durch die Gnade des Guru alles erlangt zu haben. Herr, durch dein Mitgefühl habe ich nun die ganze Verherrlichung gehört.

5. Ich möchte Tripurā, die höchste Herrin, verehren. Lehre mich gütig, o Guru, die rechte Abfolge ihrer Verehrung.

6. Höre, Rama! Ich werde dir dieses höchste Geheimnis erklären. Bloße Kenntnis der Lehrschriften genügt hier nicht.

7. Die Menschen sind von den in früheren Leben eingeübten Eindrücken geprägt. Hunderte solcher Vasanas sind in den Herzen der Wesen auf unterschiedliche Weise angesammelt.

8. Wenn sie erweckt werden, treten sie hervor; der Umgang mit den Guten weckt sie. Erst wenn jemand die entsprechende Gemeinschaft findet, entfaltet sich dies, nicht vorher.

9. Durch die Begegnung mit Hayagriva und das Hören von Tripuras Herrlichkeit erwachte Agastyas Hingabe an sie. Darauf empfing er von seiner Gemahlin die Einweihung.

10. Darum soll man einen geeigneten, von Hingabe erfüllten Menschen, der die Überlieferung verstehen möchte, niemals zurückweisen, sei es der eigene Schüler oder ein anderer.

11. Das Schenken der Erkenntnis ist in besonderem Sinn ein Schenken des eigenen Selbst. Auch durch die schriftliche Weitergabe der Erkenntnis kann ihre Frucht unendlich sein.

12. Nicht jeder kann diese Wohnstätte sehen. Nur diejenigen, die die Shakti Tripura nach der vorgeschriebenen Ordnung verehren,

13. können sie erreichen und schauen; andere nicht. Durch das Hören ihrer Verherrlichung ist nun Hingabe in deinem Herzen entstanden.

14. Wenn höchste Hingabe erreicht ist, bleibt nichts unerreichbar, so wie jemand, der die Quelle der Edelsteine erreicht hat, keinen Mangel an Juwelen mehr kennt.

15. Solange eine Frucht als etwas anderes bezeichnet wird, wird damit auch Furcht bezeichnet. Als die wahrhafte Frucht nennen alle hingegen das Furchtlose,

16. das vom eigenen Selbst nicht verschieden ist: Diese Frucht heißt Befreiung. Wenn Erkennender, Erkenntnis, Erkanntes und Frucht eins sind,

17. dann ist die höchste Befreiung da, frei von jeder Furcht. Erkenntnis ist das Aufgeben begrifflicher Konstruktionen, ohne in geistige Dumpfheit zu verfallen.

18. Sie ist das klare eigene Wesen des Erkennenden, das zuvor unbeachtet blieb. Daher weisen Guru und Schrift lediglich darauf hin; sie erzeugen nichts anderes.

Shiva, Shakti und das eine Bewusstsein

19. Auch in der Welt wird jemand ohne Fähigkeit nicht um etwas gebeten, Bhargava. Du magst einwenden: ‚Ohne Shiva gibt es keine Shakti, denn er ist ihr Träger.‘

20. Doch ebenso wenig gibt es Shiva ohne die Kraft seines eigenen Seins. Wo und wann könnte eine Sonne ohne Leuchtkraft bestehen?

21. Wie könnte Shiva ohne die Shakti des Bewusstseins bestehen? Wie könnte auch nur ein Grashalm ohne diese Bewusstseinskraft sein?

22. Wenn Bewusstsein ist, ist dieses alles; andernfalls ist nichts. Was immer ist, ist Bewusstsein – erkenne dies, Nachkomme Bhrigus!

23. Dies ist die shaktische Erkenntnis: ‚Es gibt nichts von mir Verschiedenes.‘ Mit dieser Einsicht erkenne alles, selbst einen Grashalm, als Tripuras Wesen.

24. Nur über Bezeichnungen streiten die Denker in dieser Welt. Darum lege deinen Zweifel ab; diese Wahrheit ist überall dieselbe.

25. Sprache dient der Bezeichnung und muss sich dabei auf Unterschiede stützen. Doch jene Wirklichkeit ist unterschiedslos, ungeteilt und von einem einzigen Bewusstseinswesen.

26. ‚Hört, ihr Weisen! Ich werde euch dies der Reihe nach erklären. Aus dem Ozean der Agamas schöpfe ich den Nektar und reiche ihn euch.

27. Das, worin diese ganze Welt wie ein Spiegelbild entsteht, besteht und sich wieder auflöst, leuchtet stets für alle.

28. Denjenigen, die ihr Selbst nicht kennen, erscheint es als Weltgestalt; den Yogis leuchtet es im eigenen Selbst allein, frei von begrifflicher Unterscheidung.

29. Es leuchtet unbewegt wie ein tiefer, vollkommen ruhiger Ozean. Ihm dienen die wahrhaft Hingebungsvollen mit überströmender Liebe und ohne jede Täuschung,

30. obwohl sie aus ihrem eigenen Wesen heraus ihren nichtdualen Zustand erkannt haben: Voller Hingabe nehmen sie freiwillig die Beziehung der Unterschiedenheit an.

31. Es ist der innere Lebensfaden der Sinne und des inneren Organs. Ohne sein Leuchten wäre nichts; auf dieses weisen die Schriften hin.

32. Sie allein ist hier: der tragende Grund und Spiegel des vielfältigen Weltbildes. Weil sie sich als alles entfaltet und alles umfasst, wird sie mit dem Wort Brahman bezeichnet.

33. Tripura ist weder weiblich noch geschlechtslos noch männlich; ihre Gestalt ist Bewusstsein. Sie ist für Wort und Denken unerreichbar: reines Bewusstsein, frei von allem Gegenständlichen.

34. Wahrlich, was ein Mensch mit ungeteiltem Herzen erbittet, das gewährt die höchste Mutter. Sie ist die Wunschkuh, deren Wesen inneres Sein ist.

35. Sie wohnt im eigenen Herzen, schenkt mehr als das Ersehnte und bringt höchste Glückseligkeit hervor. Doch der vom Schicksal geschlagene Mensch wendet sich von ihr ab

36. und lässt sich durch das schreckliche Begehren nach geringfügigen Sinnesdingen, deren Kern Leiden ist, unablässig und vergeblich zum Bissen im Rachen des Todes machen.

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

Hemalekhas Unterweisung: die Knoten lösen

37. Was du teilweise verstanden hast, kann einem Nichtverstehen gleichen. Jener Zustand wird nicht durch Schließen oder Öffnen der Augen geschaut.

38. Weder durch Nichttun noch durch Tun wird er als etwas Neues erlangt, weder durch Stillbleiben noch durch Fortgehen.

39. Wie könnte das, was durch Augenschließen, Handeln oder Hingehen gewonnen wird, vollkommen sein? Wenn schon das Öffnen eines Augenlides von der Breite weniger Gerstenkörner

40. es verschwinden ließe, wäre es dann ein Zustand der Fülle? Wie erstaunlich ist die Macht deiner Verblendung! Was soll ich dazu sagen?

41. Das, in dessen kleinstem Winkel Abermillionen Welteier Platz haben, soll durch das Öffnen eines fingerbreiten Augenlides verhüllt werden!

42. Höre, Königssohn, ich sage dir den Kern der Wahrheit: Solange die Knoten nicht gelöst sind, wird das vollkommene Glück nicht erreicht.

43. Es gibt unzählige Knoten, geschlungen aus dem Seil der Verblendung. Als dieses Seil wird das Nichtkennen des eigenen Wesens bezeichnet.

44. Die Knoten darin bestehen aus verkehrten Auffassungen. Der erste ist die Gewissheit, Körper und dergleichen seien das Selbst.

45. Unter ihrem Einfluss breitet sich der schwer zu überwindende Samsara aus. Ein weiterer Knoten ist die Auffassung, die Welt, deren Grund das Leuchten des Bewusstseins ist, sei vom Selbst verschieden.

46. Ebenso gelten die Überzeugung einer Trennung zwischen individuellem Wesen und Ishvara und ähnliche Gewissheiten als Knoten. Seit Langem entstanden, werden sie immer wieder verstärkt.

47. So nehmen sie die Gestalt fester Knoten an, und der Mensch wird dadurch gebunden. Das Lösen dieser Knoten wird Befreiung von der Bindung genannt.

48. und den gewaltigen Brennstoff aller Vorstellungen in sich aufnimmt? Wenn du den höchsten Zustand erkannt hast, bleibt für dich nichts mehr zu erledigen, um erst dein Selbst zu werden.

49. Lass den Knoten im Herzen los: Ich halte alles an und schaue dann. Entwurzele auch den anderen festen Knoten: Dies bin ich nicht.

50. Sieh überall das Selbst, erfüllt von ungeteilter Glückseligkeit. Sieh die ganze Welt im Selbst wie ein Spiegelbild im Spiegel.

51. Und ohne auch dies fortwährend als Gedanken zu wiederholen – überall ist alles mein Selbst –, nimm das verbleibende innere Sein an und ruhe durch dein eigenes Wesen in dir.

52. In Wahrheit geht Bewusstsein nirgendwohin, weil es allumfassend und ohne räumliche Bewegung ist. Seine Kraft des Aufleuchtens durchdringt die selbst vorgestellte Raumhülle.

53. Soweit sie diese Verhüllung aufhebt, erscheint ein Nach-außen-Treten. Diese Tätigkeit des Geistes ist das Durchbrechen der Verhüllung durch das Aufleuchten.

54. Daher ist der Geist nichts anderes als das Selbst, Rama. Bewegtes Bewusstsein heißt Geist; unbewegt ist es das eigene Wesen des Selbst.

Meditation, Vertrauen und Nichtanhaftung

55. Durch gute Handlungen in zahllosen Leben entsteht Hingabe an die Gottheit. Durch lange Verehrung und ihre Gnade

56. verliert man den Geschmack an der Vielzahl äußerer Genüsse und richtet sich auf das Höchste aus. Mit Nichtanhaftung, Entschlossenheit und Vertrauen

57. findet man einen wahren Lehrer und erfährt durch dessen Unterweisung vom höchsten nichtdualen Zustand. Die Einsicht Es gibt die Nichtdualität ist zunächst mittelbar.

58. Dann soll man die nichtduale Gottheit des eigenen Selbst gründlich untersuchen, die Lehre durch stimmige Überlegungen erschließen und dadurch Zweifel auflösen.

59. Anschließend soll man das als nichtdual erkannte Selbst mit Hingabe betrachten, bis die Erkenntnis unmittelbar wird – nötigenfalls mit entschlossener, beharrlicher Anstrengung.

60. Der so betrachtete höchste Zustand, anschließend in einer klaren Einsicht erfasst, vernichtet zweifellos das Nichtwissen, die Wurzel des Samsara.

61. Wenn die Meditation zum nichtbegrifflichen Samadhi gereift ist, wird der höchste Zustand unmittelbar erfahren. Durch anschließendes erinnerndes Erfassen entsteht das Wiedererkennen.

62. Die unmittelbare Einsicht Ich bin dieses nichtduale Selbst löst das grundlegende Nichtwissen mitsamt seinen Folgen rasch auf.

63. Die Reife der Meditation besteht im Wegfallen der unterscheidenden Vorstellungen. Begriffliche Vorstellung ist vielfältiges Erfassen; ungeteiltes Gewahrsein ist nichtbegrifflich.

64. Wenn andere Vorstellungen nicht mehr aufgenommen werden, fällt die begriffliche Vielheit weg. Dann besteht das nichtbegriffliche Gewahrsein von selbst.

65. Wenn ein Bild weggewischt wird, bleibt die reine Wand. Die reine Wand herzustellen bedeutet hier nur, das Bild zu entfernen.

66. Ebenso ist der Geist nach dem Wegfallen der unterscheidenden Vorstellungen von selbst nichtbegrifflich. Das Erlangen dieses Zustands besteht im Loslassen jener Vorstellungen.

67. Prägungen durch Begehren und Ähnliches hindern das Verstehen am wirklichen Hören. Ist der Geist von ihnen besetzt, kann er sich der Lehre nicht zuwenden.

68. Auch in der Welt ist ein begehrender Mensch stets allein auf die begehrte Sache ausgerichtet. Er sieht nicht, was vor ihm steht, und hört nicht einmal Worte, die unmittelbar an seinem Ohr ausgesprochen werden.

69. Für einen vom Begehren geprägten Menschen ist deshalb das Gehörte wie ungehört. Darum überwinde solche Prägungen durch die Kraft der Nichtanhaftung.

70. Es gibt tausenderlei Prägungen, angefangen mit Begehren und Zorn. Unter ihnen ist das Begehren die Wurzel; ist diese beseitigt, bleibt von ihnen nichts wirksam.

71. Darum löse durch Nichtanhaftung die Prägung des Begehrens auf. Begehren ist jenes Verlangen, das sagt: Dies soll mir gehören.

72. Bei erreichbaren Dingen tritt es grob hervor, bei unerreichbaren besteht es in subtiler Form. Durch feste Nichtanhaftung soll es in all seinen Formen aufgelöst werden.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

Selbstprüfung und die Reife der Erkenntnis

73. Auch die Kenntnis einer Wissenschaft lässt sich nicht am Körper, an der Kleidung oder am Schmuck eines Menschen erkennen.

74. Wissen wird unmittelbar nur im eigenen Gewahrsein erkannt, Bhargava – wie der Geschmack einer Speise nur durch eigenes Kosten bekannt ist.

75. Dennoch können sachkundige, aufmerksame Menschen es anhand der Rede und ähnlicher Hinweise erkennen, wie kleine Ameisen ihren Weg finden.

76. Es gibt äußere Kennzeichen, doch sie sind nicht eindeutig. Andere, feinere Kennzeichen lassen sich von außen schwer erkennen.

77. Denn Erklärungen, Reden und die Darstellung spiritueller Übungen können auch Menschen nachahmen, die keine Erkennenden sind.

78. Wen Ehre und Missachtung, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage nicht im Geringsten aus seinem inneren Stand bringen, den erkenne als einen vorzüglichen Wissenden.

79. Der höchste Erkennende antwortet auf Fragen zur eigenen unmittelbaren Erfahrung, selbst zu deren tiefstem Sinn, ohne Zweifel und ohne Zögern.

80. Freude an Gesprächen über Erkenntnis und Bereitschaft, sie zu erläutern, sind ebenfalls Kennzeichen eines Erkennenden.

81. Wer von Natur aus keine neuen eigennützigen Unternehmungen sucht, zufrieden und reinen Herzens ist und auch in großer Not innerlich friedvoll bleibt, ist ein vorzüglicher Erkennender.

82. Diese und ähnliche Kennzeichen eignen sich, bester Bhargava, zuverlässig zur Prüfung des eigenen Zustands.

83. Ein Übender soll stets auf solche Selbstprüfung bedacht sein. Wenn er sein eigenes Wesen so sorgfältig prüft,

84. wie er gewöhnlich andere prüft, wie sollte er nicht zur Vollendung gelangen? Wenn er aufhört, ständig die Vorzüge und Fehler anderer zu untersuchen,

85. und stattdessen die eigenen Eigenschaften und Schwächen erforscht, wird er durch die Reifung aller Hilfsmittel zur Vollendung gelangen.

86. Die genannten Kennzeichen sind also besonders für die Prüfung des eigenen Zustands geeignet, Sohn des Bhrigu.

87. Bei den höchsten kann sie vollständig erscheinen und gleicht dennoch einer verbrannten Schnur: So groß ist die Kraft der gefestigten Selbsterkenntnis.

88. Wie ein Schauspieler in einer anderen Rolle Freude und Trauer ausdrückt, ohne dadurch im Innersten verändert zu werden,

89. so wird der fest gegründete Erkennende auch beim vollständigen Erscheinen einer Frucht nicht von ihr gebunden. Deshalb gleicht ihre bindende Wirkung einem Hasenhorn.

90. Damit ist der Zustand des Vollendeten beschrieben. Höre nun vom Übenden: Je entschiedener er sich auf das Selbst ausrichtet, desto beständiger bleibt es ihm gegenwärtig.

Hingabe, Gebet und tätiger Dienst

91. Sieg, Sieg dir, Mutter Lalita! Welchen ersehnten Segen könnte die Verehrung deiner Lotusfüße deinen Verehrern hier nicht schenken? Selbst göttliche Wunschbäume und andere Wunscherfüller verleiht sie denen, die Zuflucht suchen, überaus rasch – bis hin zu deren wunscherfüllender Natur.

92. Wir waren hier von Not bedrängt; die verworrenen, schrecklichen Flammen von Bhandas Macht hatten unsere Flügel verbrannt. Gemeinsam waren wir in ein unermessliches Meer der Furcht versunken. Durch eben diese Verehrung wurden wir jäh herausgehoben und erlangten wieder den freien Weg durch den Himmel.

93. Diese deine Lotusfüße triumphieren: Sie vernichten die tiefe Herzensqual der sich Verneigenden, bändigen die mächtige Maya und die Scharen unheilsamer Folgen bei den Zufluchtsuchenden, sind der Lebensfaden aller beweglichen und unbeweglichen Wesen und lenken die Welt.

94. Mutter, das Erscheinen aller Welten ist dein Spiel. Welche Mühe könnte dir da der Kampf gegen die Dämonen bereiten? Möge dein Spiel stets in unserem von Rajas gereinigten Geist gegenwärtig sein, dessen klare Regungen sich entfalten und den heilsame Eindrücke durchdringen.

95. Es ist ja bekannt: Du allein bist die Zuflucht der verkörperten Wesen und der reine Ursprung alles ersehnten Heils. Dein Fuß gleicht dem Schwan, Brahmas Reittier: Für jene, die lange mit dem Unbewussten verbunden waren, wird er zum einzigen Grund wahrer Unterscheidung.

96. Wie die Strahlen der Sonne nach allen Seiten ausgebreitet sind, ihrem Wesen nach zur Sonne gehören und die ganze Welt erfreuen,

97. Kälte, Dunkelheit und andere Leiden der Lebewesen vertreiben, so sind auch die als Gefolge bezeichneten Gottheiten der höchsten Shakti Tripurā.

98. Von ihr selbst sind sie damit betraut, den Menschen das Ersehnte zu gewähren. Sie alle sind ihre Anteile und daher nach der rechten Ordnung zu verehren.

99. Wie die Sonne am Himmel eine geeinte Fülle von Strahlen ist, so gilt Tripurā als die Einheit der Shaktis ihrer Umkreise.

100. So, Nachkomme Bhrigus, wurde die heilsame Praxis der Wohlhabenden beschrieben. Menschen ohne Besitz sollen heilsame Praxis durch ihren körperlichen Einsatz verwirklichen.

101. Wer dazu imstande ist, unternehme eine Pilgerreise und erlange dadurch Heil; oder er leiste an einer Stätte der Gottheit Dienst.

102. Oder er diene ohne eigennütziges Verlangen denen, die sich ganz der Verehrung widmen. Für einen Menschen von sehr geringem Verständnis wird dies allein als Aufgabe genannt.

103. Ein verständiger Mensch erlangt Heil durch Japa und Rezitation, durch das Erzählen heiliger Geschichten, durch das Studium der Schriften über die Gottheit und durch deren Unterricht.

104. Denn Hingabe wird die Mutter der Befreiung genannt. Sie entsteht nicht ohne das Hören von der Herrlichkeit der Göttin.

105. Darum ist das Hören ihrer Herrlichkeit die erste Stufe zum Palast des Höchsten. Es gilt in dieser Welt als Tor zur Befreiung.

106. Wie könnte Hingabe entstehen, ohne von ihrer Größe gehört zu haben? Und wie könnte ohne Hingabe das höchste Heil, die höchste Gottheit, erreicht werden?

107. Wie ein Same ohne Erde keinen Spross hervorbringen kann, so bringt Erkenntnis ohne Hingabe keine Frucht hervor.

108. Dem Menschen ohne Hingabe fehlen rechtes Handeln, Verehrung und Unterscheidung. Darum findet der von Hingabe Entblößte nirgends innere Festigkeit.

Mantras und Rezitationsformeln

Die folgenden Formeln sind vollständig belegte Gebetsverse aus der Vidyāgītā. Sie werden nicht als rekonstruierte Einweihungsmantras ausgegeben. Ihre Übersetzung zeigt, worauf sich die Anrufung richtet: auf die Göttin als Ursprung, Gegenwart und Auflösung allen Erscheinens.

Gebet an die höchste Herrin – Jñānakhaṇḍa 20.23

अशेषोत्पादयित्री त्वं स्थापयित्री निजात्मनि |
विलापयित्री सर्वस्य परमेश्वरि ते नमः || २३ ||

aśeṣotpādayitrī tvaṃ sthāpayitrī nijātmani |
vilāpayitrī sarvasya parameśvari te namaḥ || 23 ||

Du bringst alles hervor, erhältst es in deinem eigenen Selbst und lässt alles wieder vergehen. Höchste Herrin, dir sei Verehrung!

Spirituelle Betrachtung: Alles, was entsteht, besteht und vergeht, wird in der Gegenwart des Bewusstseins erfahren. Das Gebet kann Dankbarkeit für diese tragende Gegenwart ausdrücken.

Verehrung in allen Richtungen – Jñānakhaṇḍa 20.26

देवि भूयो नमस्तुभ्यं पुरस्तात् पृष्ठतोऽपि च |
अधस्तादूर्ध्वतः पार्श्वे सर्वतस्ते नमो नमः || २६ ||

devi bhūyo namastubhyaṃ purastāt pṛṣṭhato'pi ca |
adhastādūrdhvataḥ pārśve sarvataste namo namaḥ || 26 ||

Göttin, erneut sei dir Verehrung: vor mir und hinter mir, unter mir, über mir und an meiner Seite – von allen Seiten immer wieder Verehrung!

Spirituelle Betrachtung: Die Anrufung weitet die Aufmerksamkeit. Die göttliche Gegenwart wird nicht auf ein einziges Bild oder einen einzigen Ort begrenzt.

Zur Überlieferung der Mantras

Jñānakhaṇḍa 1.20–22 setzt eine Einweihung mit Mantra, Yantra und inneren Betrachtungen voraus, schreibt dort aber keinen vollständigen Einweihungsmantra aus. Māhātmyakhaṇḍa 80 verweist auf Namensrezitation und das Shri Sukta, ohne an dieser Stelle deren gesamten Wortlaut wiederzugeben. Aus solchen Verweisen werden hier keine Formeln ergänzt. Ebenso wird aus dem einzelnen Bija am Schluss von M 80.123 keine längere Mantrafolge konstruiert. Für initiationsgebundene Shri-Vidya-Mantras bleibt die Unterweisung durch die jeweilige Überlieferung maßgeblich.

Hinweise zur Vertiefung

Die Auswahl verbindet drei Zugänge: liebevolle Zuwendung zum Göttlichen, klares Unterscheiden und selbstlosen Dienst. Lies anspruchsvolle Aussagen zur Nichtdualität gemeinsam mit den Versen über die Reifung der Einsicht. Ein gedankliches Bekenntnis zur Einheit ist nicht schon die in der Vidyāgītā beschriebene mühelose Verwirklichung.

Die Verse über Nichtanhaftung richten sich gegen die Bindung an unaufhörliche Wunscherfüllung. Sie verlangen keine Geringschätzung anderer Menschen. Die Verse über Guru und Wissen lassen sich mit einer offenen, prüfenden Lernhaltung verbinden. Die Hinweise zur Einweihung beziehen sich auf die besondere Shri-Vidya-Überlieferung; sie sind nicht als Abwertung anderer Wege zu lesen. Die Verse über Dienst erinnern daran, dass auch kleine, verlässliche Handlungen einen geistlichen Weg tragen können.

Konkordanz der 108 Verse

J = Jñānakhaṇḍa; M = Māhātmyakhaṇḍa. Alle Stellen gehören zum Grundtext, nicht zum Kommentar Tātparyadīpikā.

Auswahl Originalstelle
1 J 1.14
2 J 1.15
3 J 1.16
4 J 1.17
5 J 1.18
6 M 79.14
7 M 79.15
8 M 79.16
9 M 79.17
10 M 80.104
11 M 80.106
12 M 78.48
13 M 78.49
14 M 78.50
15 J 20.68
16 J 20.69
17 J 20.70
18 J 20.71
19 M 79.54
20 M 79.55
21 M 79.56
22 M 79.57
23 M 79.58
24 M 79.59
25 M 79.60
26 J 20.30
27 J 20.31
28 J 20.32
29 J 20.33
30 J 20.34
31 J 20.35
32 M 59.93
33 M 59.94
34 M 76.6
35 M 76.7
36 M 76.8
37 J 10.17
38 J 10.18
39 J 10.19
40 J 10.20
41 J 10.21
42 J 10.22
43 J 10.23
44 J 10.24
45 J 10.25
46 J 10.26
47 J 10.27
48 J 10.35
49 J 10.36
50 J 10.37
51 J 10.38
52 J 18.115
53 J 18.116
54 J 18.117
55 J 17.63
56 J 17.64
57 J 17.65
58 J 17.66
59 J 17.67
60 J 17.68
61 J 17.69
62 J 17.70
63 J 17.71
64 J 17.72
65 J 17.73
66 J 17.74
67 J 20.89
68 J 20.90
69 J 20.91
70 J 20.92
71 J 20.93
72 J 20.94
73 J 21.20
74 J 21.21
75 J 21.22
76 J 21.23
77 J 21.24
78 J 21.26
79 J 21.27
80 J 21.28
81 J 21.29
82 J 21.30
83 J 21.31
84 J 21.32
85 J 21.33
86 J 21.34
87 J 22.39
88 J 22.40
89 J 22.41
90 J 22.51
91 M 78.2
92 M 78.3
93 M 78.4
94 M 78.5
95 M 78.6
96 M 80.20
97 M 80.21
98 M 80.22
99 M 80.23
100 M 80.68
101 M 80.69
102 M 80.70
103 M 80.71
104 M 80.112
105 M 80.113
106 M 80.114
107 M 80.116
108 M 80.117

Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung

Sanskritgrundlage: Muktabodha Indological Research Institute, elektronische Texte M00344, Tripurārahasya, Jñānakhaṇḍa, mit Śrīnivāsabhaṭṭas Tātparyadīpikā (Revision vom 21. Februar 2016), und M00221, Tripurārahasya, Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 51 bis zum Schluss, Gurumaṇḍalagranthamālā 28, Teil 2 (Revision vom 18. September 2010). Erfassung durch die Mitarbeiter des Instituts unter Leitung von Mark S. G. Dyczkowski. Beide elektronischen Texte nennen Creative Commons BY-NC 4.0 als Lizenz.

Die Sanskritwiedergabe bewahrt die Lesungen, Variantenklammern, Sprecherangaben, Kolophone und angehängten Verse der elektronischen Textgrundlage. Kapitelüberschriften, Absätze und Halbversumbrüche sind für die Lektüre gegliedert; Druckseitenmarkierungen entfallen. Offensichtliche Schreib- und Nummerierungsprobleme der Grundlage sind damit nicht als gesicherte Lesungen bestätigt. Im Māhātmyakhaṇḍa stehen teilweise verkürzte oder widersprüchliche Kapitelbezeichnungen; die Orientierung folgt der fortlaufenden Kapitelabfolge und den Kolophonen. Der Jñānakhaṇḍa überliefert den Grundtext zusammen mit seinem Sanskritkommentar; wiederkehrende Versnummern können sich auf die anschließende Erklärung desselben Verses beziehen.

Māhātmyakhaṇḍa 1–50 und ein Caryākhaṇḍa gehören nicht zum hier zugrunde liegenden Textbestand. Die abschließenden Lob- und Meditationsverse nach dem Māhātmyakhaṇḍa werden als Anhang überliefert, nicht als zusätzliche Kapitel des Grundwerks.

Seminare

Kundalini Yoga

25.10.2026 - 30.10.2026 Kundalini Yoga Meditation Kursleiter Ausbildung

Kundalini Yoga Meditationen sind ein faszinierendes weites Gebiet, dessen Potential noch bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Kundalini Meditationen kön…
Adishakti Stein, Viveka Wilde
30.10.2026 - 01.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe

Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…
Arjuna Wingen

Yoga und Meditation Intensiv-Praxis

18.10.2026 - 23.10.2026 Shivalaya Meditationsretreat

Stille – Schweigen – Sein. In der Abgeschiedenheit des Shivalaya Retreatzentrums fühlst du dich dem Himmel ganz nah. Mit intensiver Meditations- un…
Swami Nirgunananda, Rukmini Keilbar
29.11.2026 - 04.12.2026 Spirituelles Retreat

Spirit for free! Ein spirituelles Retreat bietet dir die Möglichkeit, dich einmal aus dem alltäglichen Leben mit all seinen Aktivitäten und seinen vi…
Dana Oerding

Diese Auswahl ist als Begleiter für wiederholte Lektüre, Meditation und spirituelle Reflexion gedacht. Die vollständige Übersetzung des vorhandenen Grundtexts steht unter Tripura Rahasya.

Zur Übersicht: Grundtext und deutsche Übersetzung · Tātparyadīpikā – deutsche Übersetzung · Sanskrit: IAST · Devanagari, Jñānakhaṇḍa · Devanagari, Māhātmyakhaṇḍa · Praxis: 108 inspirierende Verse und Mantras