Krama Sadbhava 30 Verse für die spirituelle Praxis

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Krama Sadbhava – 30 Verse für die spirituelle Praxis versammelt dreißig ausgewählte Strophen in einer einfachen deutschen Übertragung. Sie führen von der Verehrung der Göttin zur Begegnung von Bewusstsein, Wahrnehmung und Handlung. Die Auswahl stammt aus der erschlossenen Teilausgabe.

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Göttin mit Gebetskette und Buch: ergänzende Illustration zur Rolle der göttlichen Lehrerin, keine Abbildung einer bestimmten Textstelle.

1. Im verehrten Norden liegt Oḍḍiyāna: eine große heilige Stätte, die höchste unter den heiligen Stätten. Vollendete Meister und Yoginīs suchen sie auf.

2. Die höchste Göttin bleibt in der äußersten Tiefe ihrer Selbstgewahrwerdung. Sie steht in einem furchterregenden Kreis, den die großen Muttergöttinnen erfüllen.

3. Kālī steht auf Bhairava und verschlingt Mahākālas Kraft. Sie ist raumgestaltig und unendlich, die Heilvolle mit acht Erscheinungsformen.

4. Fünfzig Rudras schmücken sie; vierundsechzig [Yoginīs] dienen ihr aufs Beste. Indra, Brahmā, Viṣṇu, Rudra und Īśvara …

5. … Sadāśiva, der große Gott, und als siebter Bhairava: Alle sind stets ganz als Leichen für diese Göttin gegenwärtig.

Erläuterung: Die liegenden Götter werden als Thron der Göttin verstanden. Das Bild bringt ihre Vorrangstellung zum Ausdruck.

6. Verehrung sei dir, Herrin Bhairavas! Du bist ohne Form und ohne Laut, der gebärgende Grund. Du verweilst am Ende der Sechzehn und ruhst in deiner eigenen Natur, die als Wille erscheint.

7. Du Strahlende, lass mir deine Gnade wahrhaft und ganz zuteilwerden. Lehre mich das höchste, makellose Geheimnis, das sich durch Schlussfolgern nicht erreichen lässt.

Erläuterung: Bhairava bittet die Göttin um Unterweisung.

8. Vor uns stehen die höchsten Göttinnen, fähig, die Welt aufzulösen. Hocherhaben sind sie alle; nach eigenem Willen verschlingen sie das gesamte All.

9. Welche dieser Abfolgen soll zuerst verehrt werden? Du Schönhüftige, erkläre mir die rechte Ordnung ausführlich und so, wie es vorgeschrieben ist.

10. O Gott, zuvor wurde der große Krama der fünf Ströme gelehrt. Unter diesen höchsten Abfolgen steht immer zuerst das Hervorbringen …

11. … danach kommen Erhaltung und Auflösung, dann das Unnennbare und schließlich das Leuchten. So verehre man die Abfolge, die über jede Abfolge hinausgeht.

12. Erkenne im Wissen das Hervorbringen. Das Erhalten heißt Mantra. Die Auflösung ist die höchste Zusammenkunft mit Mahākāla.

13. Das Unnennbare erscheint als Śakti; das Leuchten erscheint als Śambhu. Wer die Wirklichkeit schaut, soll dies in seiner Fünffachheit erkennen.

Erläuterung: Śakti ist die göttliche Kraft; Śambhu ein Name Śivas.

14. Aus Liebe zu dir will ich erklären, wie der vereinte Zustand beschaffen ist. Alle Erscheinungen sind Yoginīs, mitten in der Wirklichkeit des Bewusstseins gegenwärtig.

15. Zusammengefasst sind es zwölf; ihr eigenes Wesen ist Bewusstsein. Die höchste Göttin, die zwischen den beiden Ohren als Bewusstsein gegenwärtig ist …

16. … begegnet vereint als höchstes Bewusstsein des Klangs. Sie, die in der Haut aller Wesen gegenwärtig ist, im ganzen All, in Beweglichem und Unbeweglichem …

17. … begegnet vereint als höchstes Bewusstsein der Berührung. Sie, die im Inneren des Auges ruht und Mond und Sonne erhellt …

18. … begegnet vereint als höchstes Bewusstsein der sichtbaren Form. Die schmeckende Kraft in der Mitte, verbunden mit zweiunddreißig Helden …

Erläuterung: Die zweiunddreißig Helden werden hier als die Zähne verstanden.

19. … begegnet vereint als höchstes Bewusstsein des Geschmacks. Sie, die durch die Teilung der beiden Türen an Seite und Gegenseite Freude hat …

Erläuterung: Die zwei Türen bezeichnen hier die Nasenöffnungen.

20. … begegnet vereint als höchstes Bewusstsein des Geruchs. Sie ist die höchste Gestalt, die schauende, die mittlere und die artikulierte Sprache …

21. … wird als höchstes Bewusstsein rezitiert und ist in der Begegnung vereint. Die Schlangengestaltige mit fünf Mündern, ganz dem Verschlingen von allem hingegeben …

22. … begegnet vereint als höchstes Bewusstsein beim Greifen. Sie, die das Ende von allem und das Ende der Sechzehn ist, die den Kreis der Füße bewegt …

23. … möge als höchstes Bewusstsein wandeln, in der Begegnung vereint. Sie, die im Apāna-Wind ruht, am Ende der Zwölf, frei von Verwirrung …

Erläuterung: Apāna ist der mit abwärtsgerichteten Körperfunktionen verbundene Lebenswind.

24. … begegnet vereint als höchstes Bewusstsein im Ausscheiden. Sie, die mitten im Geschlechtsorgan gegenwärtig ist und im Samenfluss stets hervortritt …

25. … begegnet vereint als höchstes Bewusstsein der Lust. Die bewusste Kraft zwischen Entwerfen und Unterscheiden …

26. … begegnet vereint als höchstes Bewusstsein im Denken. Jene erste, erkennende Stufe: ‚vom eigenen Ganzen getrunken‘ [Wortbeziehung unsicher] …

Erläuterung: Die Aussage über das Denken ist verständlich; der anschließende Ausdruck des Trinkens bleibt in seiner Bedeutung unsicher.

27. … begegnet vereint als höchstes Bewusstsein im Erkennen. Das sind die beschriebenen Göttinnen, die bei ihrer Begegnung auf dem Weg des leeren Raumes wandeln.

28. Man kennt die dort weilende höchste Raudrā als Ebene des Mantras. Sie erkennt den Klang und geht in ihm; sie ist lautlos [oder: selbst Klang], bleibt im Klang und gibt ihn immerfort.

Erläuterung: Ob an dieser Stelle Lautlosigkeit oder Klang gemeint ist, lässt der Wortlaut offen.

29. Bewahre die Namen, wie du einen Schatz vor Dieben bewahrst. Werden sie bewahrt, entfalten die göttlichen Gestalten ihren Schutz aus dem großen Sinn, dem Mahārtha.

Erläuterung: Die genaue Beziehung im zweiten Satz bleibt offen. Der große Sinn kann auch die große Bedeutung der Namen bezeichnen.

30. Das erbetene Geheimnis ist von Natur aus frei und von allen Verfehlungen unberührt. Frei ist es auch von Zügelung und vorgeschriebenen Observanzen: wahrhaft erhaben.

Mantras aus dem Krama Sadbhava

Die folgenden zwei Verse lassen sich als Gebete sprechen oder rezitieren. Der erste ist ein Lobpreis der Göttin, der zweite eine Bitte um Gnade und Unterweisung. Eine weitere geeignete, vollständig ausgeschriebene Mantraformel ist im bearbeiteten Textumfang nicht gesichert.

Verehrung der formlosen Bhairaveśī

अरूपे अस्वरे गर्भे षोडशान्ते व्यवस्थिते ।
इच्छारूपस्वभावस्थे भैरवेशि नमोऽस्तु ते ॥
arūpe asvare garbhe ṣoḍaśānte vyavasthite |
icchārūpasvabhāvasthe bhairaveśi namo ’stu te ||

Übersetzung: O Formlose, Lautlose, o Mutterschoß, die du am Ende der Sechzehn verweilst und in deiner als Wille erscheinenden eigenen Natur ruhst: Herrin Bhairavas, Verehrung sei dir!

Spiritueller Bezug: Bhairaveśī, die Herrin Bhairavas; die formlose und lautlose Göttin.

Funktion im Text: Der Vers drückt Verehrung aus; er verspricht keine besondere Wirkung einer bestimmten Wiederholungszahl.

Zur Rezitation: Als Lobpreis und Gebet rezitierbar. Eine bestimmte Wiederholungszahl oder Atemführung schreibt der Vers nicht vor.

Zum Vers 1.12 im Hauptartikel.

Bitte um Gnade und Unterweisung

ममार्थेऽनुग्रहं सम्यक् कुरु तत्त्वेन भामिनि ।
वदस्व परमं गुह्यम् अप्रतर्क्यम् अनिन्दितम् ॥
mamārthe ’nugrahaṃ samyak kuru tattvena bhāmini |
vadasva paramaṃ guhyam apratarkyam aninditam ||

Übersetzung: Erweise mir wahrhaft und ganz deine Gnade, o Strahlende. Sprich das höchste Geheimnis aus, das sich nicht durch Schlussfolgern erfassen lässt und makellos ist.

Spiritueller Bezug: Die von Bhairava angeredete Göttin, hier Bhāminī, die Strahlende.

Funktion im Text: Bhairava erbittet Gnade und die Offenbarung des höchsten Geheimnisses. Der Vers ist eine Bitte, keine Wirkungsgarantie.

Zur Rezitation: Bhairava spricht diese Bitte zur Göttin. Ihre eigenständige Verwendung als Gebet ist eine heutige Anregung.

Zum Vers 1.68 im Hauptartikel.

Ergänzende heutige Meditation

Ergänzende heutige Yoga-Vidya-Praxis: Anahata-Chakra-Meditation mit Sukadev. Die darin verwendete Chakra-Methode ist nicht als Übung aus Krama Sadbhava belegt.

Siehe auch

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Literatur und Textquellen

  • Alexis Sanderson: The Śaiva Exegesis of Kashmir. In: Dominic Goodall und André Padoux (Hrsg.): Mélanges tantriques à la mémoire d’Hélène Brunner / Tantric Studies in Memory of Hélène Brunner. Collection Indologie 106. Institut français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient, Pondicherry 2007, S. 231–442 und Bibliografie S. 551–582. Für die Textgrundlage besonders S. 261–264, 278, 282–283, 320–322, 330, 365 und 436. Autorenfassung.
  • Aleksandra Wenta: From the Sequence of the Sun-Goddess (bhānavīkrama) to Time-Consumption (kālagrāsa): Some Notes on the Development of the Śākta Doctrine of the Twelve Kālīs. Journal of Indian Philosophy 49 (2021), S. 725–757, besonders S. 737 Anm. 50 und S. 738 Anm. 56. DOI: 10.1007/s10781-021-09488-9.
  • Aleksandra Wenta: Becoming the Dancer: Dissolving the Boundaries between Ritual, Cognition, and Theatrical Performance in Non-dual Śaivism. Cracow Indological Studies 20/1 (2018), S. 259–295, besonders S. 272 Anm. 23. DOI: 10.12797/CIS.20.2018.01.10. Volltext.
  • Maheśvarānanda: Mahārthamañjarī mit dem Kommentar Parimala. Herausgegeben von T. Gaṇapati Śāstrī. Trivandrum Sanskrit Series 66, Trivandrum 1919. Zitate zu Gāthā 37–40, S. 88, 97, 101 und 108. Digitalisat. Ergänzend MIRI-Fachtranskription M00035, Revision 2006: IAST-Text.
  • Jackson Barkley Stephenson: Ornament of Reality: Language Ideology in a Tantric Śākta Text. Religions 14/4 (2023), Artikel 456, 15 Seiten, hier Anm. 18 (S. 10), 34 (S. 11) und 48 (S. 12). Grundlage seiner Kramasadbhāva-Zitate: e-Text von Mark S. G. Dyczkowski. Vollständige Verlagsfassung, DOI: 10.3390/rel14040456. Die vorliegende Wiedergabe folgt dem nativen Verlags-HTML; die Seitenzahlen beziehen sich auf die Druckfassung.
  • Benjamin Luke Williams: Abhinavagupta’s Portrait of a Guru: Revelation and Religious Authority in Kashmir. Dissertation, Harvard University 2017, besonders S. 126 Anm. 318 sowie S. 147–148. Universitätsrepositorium.

Seminare

Das Studium von Krama Sadbhava lässt sich durch Sanskritlernen und eine gefestigte Meditationspraxis vertiefen. Die folgenden aktuellen Angebote dienen diesem ergänzenden Studium; sie sind keine als historisch identisch ausgewiesene Unterweisung in die Rituale des Werkes.

Meditation

18.10.2026 - 23.10.2026 Yoga und Meditation Intensiv-Praxis

Die Kernpraktiken des Yoga werden intensiv geübt: längere Meditation, ausgedehntes Mantra-Singen, Pranayama intensiv und meditative Yoga Asanas beflü…
Dana Oerding, Chamundi Wollweber
18.10.2026 - 23.10.2026 Shivalaya Meditationsretreat

Stille – Schweigen – Sein. In der Abgeschiedenheit des Shivalaya Retreatzentrums fühlst du dich dem Himmel ganz nah. Mit intensiver Meditations- un…
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