Brahma Yamala 108 Verse für die spirituelle Praxis

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Brahma Yamala 108 Verse für die spirituelle Praxis erschließt ausgewählte Aussagen des Brahma Yamala in einer eigens formulierten, leichter zugänglichen deutschen Übersetzung. Die Auswahl konzentriert sich auf belegte spirituelle Themen und besondere Formen der Vergegenwärtigung.

Umfang: 108 unterschiedliche Originalverse. Die Sanskritstellen stammen aus der im Brahma Yamala ausgewiesenen Teilausgabe. Redaktionelle Praxisübertragungen sind ausdrücklich von den Übersetzungen getrennt.

Die Verbindung von Laut und Gottheit bildet einen Zugang zum Brahma Yamala. Das Bild ist eine ergänzende Darstellung aus der weiteren tantrischen Tradition.

Wie diese Auswahl gelesen werden kann

Das Besondere dieser Schrift zeigt sich im Zusammenhang ihrer Bilder: Ein Körper wird zur Lotusgirlande, eine Shakti-Schnur verbindet Verehrungsorte, das Herz antwortet der Sonne, und die Mantralaute entfalten sich aus einer höchsten Kraft. Die Auswahl lässt diese konkreten Vorstellungen hervortreten. Die kosmischen Zuordnungen erschließen am Khatvanga und am rituellen Schmuck eine weitere Dimension: Nicht nur der Körper, auch ein Gegenstand kann als gegliederte Welt betrachtet werden. Hinzu kommen die stille Bitte um Blumen oder Duft, die Handzeichen für Glocke und Vina und der Gedanke einer bewusst vereinbarten Verständigung. Die Auswahl umfasst außerdem Musik und Erholung zwischen Rezitationsphasen, nächtliche Yogini-Verehrung, die Verbindung von Mandala und Feuer sowie Aussagen über Offenbarung und unterschiedliche spirituelle Voraussetzungen.

Die Verse stehen in thematischer Reihenfolge; ihre Originalnummern ermöglichen jederzeit die Rückkehr zur textgetreuen Hauptausgabe. Zusammengehörige Verse werden einzeln gezählt und einzeln übersetzt. Wo ein Satz über die Versgrenze hinausreicht, bleibt dieser Zusammenhang erkennbar. Unterstreichungen und Dolche bewahren die Unsicherheiten der Textgrundlage. Eine verständliche Übersetzung darf diese nicht verschwinden lassen.

Die Auswahl folgt dem Yoga-Vidya-Rahmen: Verse über ausgeschlossene Speisen und Rauschmittel sowie schädigende und zwingende Riten sind nicht als Praxisanregungen aufgenommen. Die historische Schrift ist wesentlich umfangreicher und enthält auch solche Bereiche; ihre Aufnahme in der Hauptausgabe wird durch diese Auswahl nicht ersetzt. Die hier angeführten konkreten Ritualhandlungen sind Aussagen des Textes. Redaktionelle Anregungen für heutiges Üben sind als solche bezeichnet.

Textgrundlagen der Auswahl

Kapitel der ausgewählten Verse Sanskritgrundlage
1, 2, 39, 83 Hatley 2018, kritische Edition und IAST-Anhang F: S. 581–600 und 610–615.[1]
21, 45 Kiss 2015, S. 125–127, 129–141, 158–162 und 165; nur die jeweils nummerierten Originalverse.[2]
4, 12, 25, 32, 44, 87, 90, 100 Vollständig zitierte Sanskritverse in Hatley 2020, S. 388–406; genaue Einzelbelege bei den entsprechenden Versen der Hauptausgabe.[3]
56.139, 153, 156 Hatley 2007, ältere Zählung LV, Sanskrit S. 321 und 323; Übersetzung und Kommentar S. 387 und 391.[4]

Die deutschen Auswahlübersetzungen sind eigens am Sanskrit formuliert. Sie sind keine Übernahme der englischen Übersetzungen und keine bloße Kopie der deutschen Hauptausgabe.

Themen der Auswahl:

Wie Shakti zu Laut, Gestalt und Erkenntnis wird

1. Der Wille erweckt den Bindu – 1.34

acintyasya parā śaktiḥ śivasya paramātmanaḥ ।
icchā nāmena saṃjātā tayā binduḥ prabodhitaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Die höchste Shakti entspringt dem unbegreiflichen Shiva, dem höchsten Selbst. Ihr Name ist Wille. Sie erweckt den Bindu.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Bindu meint hier ursprüngliche Resonanz. Der Vers beschreibt die Entstehung der Offenbarung.

2. Erkenntnis nimmt einen Mantrakörper an – 1.35

prabuddhasya tato bindo jñānaughaṃ niṣkalan tataḥ ।
abhivyakto mahādevi akasmān mantravigrahaḥ ।
jñānasampūrṇṇadehas tu sadāśivapade sthitaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Aus dem erwachten Bindu geht die ungeteilte Erkenntnisflut hervor. Daraus erscheint, o große Göttin, plötzlich ein Leib aus Mantra: ganz erfüllt von Erkenntnis, auf der Stufe Sadashivas.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Ein Originalvers mit sechs Versvierteln. Der Mantrakörper erscheint als Verkörperung von Erkenntnis.

3. Die Schöpfung als Kette von Wirklichkeitsstufen – 1.36

tasmāt sadāśivānujñā tataḥ sṛṣṭir abhūt punaḥ ।
hūhukāntāvadhūtasthā tatvamālā svabhāvataḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Mit Sadashivas Zustimmung entsteht daraus erneut die Schöpfung: eine Kette von Wirklichkeitsstufen, die von der Avadhuta-Shakti bis zu Huhuka reicht.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Huhuka ist ein Rudra am unteren Ende der kosmischen Weltordnung. Das Bild umfasst höchste und tiefste Ebenen.

4. Durch Meditation zugänglich – 1.124

nirmamo nirahaṅkāra advaitapadasaṃsthitaḥ ।
yogināṃ dhyānagamyo ’sau jñānarūpo mahāyaśe ॥

Praxisnahe Übersetzung: Ohne „Ich“ und „mein“ ruht er in Nichtzweiheit. Für die Yogins ist er durch Meditation erreichbar; sein Wesen ist Erkenntnis, Hochberühmte.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der im Vers genannte „Er“ ist Shiva; die vorangehenden Verse 1.122–123 stehen in der Hauptausgabe.

5. Bewusstheit und Gnade – 1.125

nirācārapadāvasthaḥ saṃjñāmātraḥ prabhuḥ paraḥ ।
tasyāparājyotirūpaḥ sarvvānugrahakārakaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Der höchste Herr bleibt jenseits festgelegter Verhaltensordnungen als reine Bewusstheit gegenwärtig. Seine Gestalt ist höchstes Licht; allen gewährt er Gnade.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Sanskritkonstruktion ist nichtklassisch. „Reine Bewusstheit“ erläutert saṃjñāmātra, Bewusstheit allein.

6. Shakti wird nicht künstlich hergestellt – 1.126

vyāpī hy avyaktarūpī ca amanasko manonmanaḥ
tasya śaktir mahādevi svabhāvotthā akṛttrimā ॥

Praxisnahe Übersetzung: Er durchdringt alles, ohne sichtbar festgelegte Gestalt, ohne Denkgeist und jenseits des Denkens [?]. Seine Shakti entsteht aus seinem eigenen Wesen, große Göttin; sie ist nichts künstlich Gemachtes.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Manonmanaḥ ist eine unsichere Verbesserung der Edition.

7. Mondlicht und Kristallstrahlen – 1.127

jyotsnārūpā svarūpeṇa sphaṭikasyeva raśmayaḥ ।
tasyecchā nirgatā śakti jñānarūpā manonmanī ॥

Praxisnahe Übersetzung: Ihr Wesen gleicht Mondlicht und den Strahlen eines Kristalls. Seine Willenskraft tritt als Erkenntnis hervor: die Shakti Manonmani, die das Denken übersteigt.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Als heutige Betrachtung kann der Kristallvergleich helfen, Kraft und Ursprung zusammenzudenken. Dies ist eine redaktionelle Anregung.

8. Ein Augenblick vor dem hörbaren Laut – 1.128

pravarttate nirābhāsā avadhūteti sā smṛtā ।
prabodhayati sānantā bindunādau kṣaṇena tu ॥

Praxisnahe Übersetzung: Ohne begrenzte Erscheinungsform ist sie da; Avadhuta wird sie genannt. Die unendliche Shakti erweckt augenblicklich Bindu und Nada.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Bindu und Nada bezeichnen hier ursprüngliche Resonanz und Lautansatz; die Stelle beschreibt die Entstehung des Lautes.

9. Die Windung am Anfang der Vokale – 1.129

kuṇḍalākṛtisaṃsthānā svarādau saṃvyavasthitā ।
caturbhāgavibhaktā sā caturbhāgavibhājitā ॥

Praxisnahe Übersetzung: Als Windung steht sie am Anfang der Vokale. Sie teilt sich in vier Teile, und diese werden wiederum vierfach geteilt [?].

Einordnung / heutige Praxisanregung: Wahrscheinlich spielt die Stelle auf die historische Schriftgestalt des a an. Die vierfache Teilung ist nicht sicher entschlüsselt.

10. Sechzehn Vokale, fünf Leerräume – 1.130

evaṃ kuṇḍalinī śaktiḥ svaraiḥ ṣoḍaśabhiḥ sthitā ।
catuṣkapathakopetā pañcavyoma-alaṃkṛtā ॥

Praxisnahe Übersetzung: So ist die Kundalini-Shakti in sechzehn Vokalen gegenwärtig, versehen mit einer Kreuzwegform und geschmückt mit fünf Leerräumen.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die konkrete Zuordnung bleibt schwierig. Kundalini erscheint hier in einer Laut- und Schriftkosmologie; die fünf Leerräume werden nicht durch fünf beliebig gewählte Chakras ersetzt.

11. Von fünf zu neun Entfaltungen – 1.131

evaṃ pañcavidhā sā tu śaktir ādyā manonmanī ।
navākṣaravidhānena punaś caiva prajāyate ॥

Praxisnahe Übersetzung: Diese ursprüngliche, das Denken übersteigende Shakti ist so fünffach. Durch das Verfahren der neun Silben entfaltet sie sich wiederum [neunfach].

Einordnung / heutige Praxisanregung: Das Neunsilben-Verfahren bezieht sich auf die zentrale Vidya des Werkes; „neunfach“ wird durch den nächsten Vers erschlossen.

12. Das Alphabet im Leib der Shakti – 1.132

svaravyañjanasaṃyuktā pañcāśākṣarasaṃyutā
avadhūtā mahādevi navabhedair vyavasthitā ॥

Praxisnahe Übersetzung: Mit Vokalen und Konsonanten und mit fünfzig Lautzeichen verbunden [?] besteht Avadhuta, große Göttin, in neun Entfaltungen.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Lesung zur Fünfzigzahl ist konjektural. Der Vers verbindet alphabetische und göttliche Vielheit.

13. Die Göttinnenkreise gehen aus ihr hervor – 1.133

atra devyo ’tha dūtyaś ca yoginyocchuṣmamātaraḥ ।
sarvvās tāḥ sṛjate devi śivecchām anuvarttinī ॥

Praxisnahe Übersetzung: In ihr sind die Devis, Dutis, Yoginis und die Mütter des Uchchhushma. Shivas Willen folgend bringt sie sie alle hervor, o Göttin.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Wiederherstellung von sarvvās tāḥ ist unsicher. Die Vielfalt der Gottheiten wird hier als Entfaltung einer Shakti dargestellt.

Den Körper für die Verehrung bereiten

14. Vor der Verehrung den inneren Zustand verwandeln – 2.1

athātaḥ sampravakṣyāmi aghoryārccanam uttamam ।
nirācāro yadā mantrī avadhūtatanusthitaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Nun lehre ich die höchste Verehrung Aghoris: Der Mantra-Übende tritt in den Zustand jenseits gewöhnlicher Verhaltensordnungen ein und nimmt den Körper der Avadhuta-Shakti an.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der Satz wird im nächsten Vers fortgeführt. „Körper der Shakti“ bezeichnet hier einen durch Mantra und Vergegenwärtigung gestalteten göttlichen Körper.

15. Shakti-Körper und Shiva-Zustand – 2.2

tadā tu kurute pūjāṃ yogeśīnāṃ śivasya ca ।
avadhūtā tu sā śakti nirācārapadaḥ śivaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Aus diesem Zustand heraus verehrt er die Yogeshis und Shiva. Avadhuta ist die Shakti; der Zustand jenseits der Verhaltensordnungen ist Shiva.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Nirācārapadaḥ ist eine unsichere Verbesserung der Edition. Die Aussage gehört zur inneren Vorbereitung eines genauen Rituals; sie bedeutet keine beliebige Aufhebung persönlicher Verantwortung.

Das Bad und die Verehrung zwischen Herz und Sonne

16. Den Badeort als Nektar sehen – 45.28

paratattvakrameṇaiva bindu kṣobhyātha tattvavit ।
amṛtībhūta saṃcintya tīrthaṃ vai smaraṇena tu ॥

Praxisnahe Übersetzung: Der Kenner der Wirklichkeitsstufen soll den Bindu gemäß ihrer höchsten Abfolge bewegen [?]. Mit dem Smarana vergegenwärtigt er den Badeort als zu Nektar geworden.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Bewegung des Bindu ist textlich unsicher. Die Auswahl bewahrt deshalb das Bild, gibt aber keine erfundene Ausführung vor.

17. Der Gottheitenkreis in den hohlen Händen – 45.29

mantra cāṣṭaśataṃ yāvat tato yāgaṃ prakalpayet ।
tīrthe vā kalaśe vāpi śaṅkhe hastapuṭe ’pi vā ॥

Praxisnahe Übersetzung: Nach hundertacht Rezitationen dieses Mantras gestalte den Gottheitenkreis: im Badewasser, in einem Krug, in einer Muschel- beziehungsweise Schädelschale oder in den hohlen Händen.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Schale gehört zur historischen Aufzählung und wird nicht verschwiegen. Der Vers selbst bietet auch die hohlen Hände als Ort; eine heutige Betrachtung kann sich an dieses Bild halten.

18. Die eigene Weihe empfangen – 45.30

tenābhiṣiñcaye ’tmānaṃ yāgamantrān udīrayet ।
daśavāraṃ tu devāya yāgānāṃ tu sakṛt sakṛt ॥

Praxisnahe Übersetzung: Weihe dich damit selbst und sprich die Mantras des Gottheitenkreises: zehnmal für den Gott, je einmal für die übrigen Gottheiten.

Einordnung / heutige Praxisanregung: „Damit“ bezieht sich auf das im vorigen Vers vorbereitete Wasser. Die genannten Zahlen werden wiedergegeben, nicht auf andere Mantras übertragen.

19. Aus dem Herzen heraustreten lassen – 45.34

hṛsthaṃ kṛtvā mahābhāge vidyāyā-m-apakarṣaṇam ।
sugandhapuṣpasampūrṇam anyair vātha jalena vā ॥

Praxisnahe Übersetzung: Setze [den Gottheitenkreis] in dein Herz, Hochbegnadete; durch die Vidya führe ihn wieder heraus. Mit duftenden Blüten, anderen Gaben oder Wasser …

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der Satz setzt sich im nächsten Vers fort.

20. Die Sonnenscheibe als Ort der Verehrung – 45.35

sūryabimbe tu saṃcintya yāge arghaṃ pradāpayet ।
vidyayā tu tato ’rghaṃ tu nityakarma nivedayet ॥

Praxisnahe Übersetzung: … vergegenwärtige den Gottheitenkreis in der Sonnenscheibe und bringe ihm die Argha-Gabe dar. Mit der Vidya widme diese Gabe als tägliche Handlung.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Argha ist eine ehrende Empfangsgabe. Die Sonnenscheibe ist hier ein vorgestellter göttlicher Ort; der Vers schreibt keinen Blick in die Sonne vor.

21. Den Kreis aus der Sonne ins Herz zurücknehmen – 45.36

sūryabimbagataṃ yāgaṃ hṛsthaṃ kṛtvā tu mantravit ।
brahmasaṃdhyāṃ na vai kuryāt pitṝṇāṃ ca jalāñjalim ॥

Praxisnahe Übersetzung: Lass den Gottheitenkreis aus der Sonnenscheibe im Herzen gegenwärtig werden. Die Brahma-Sandhya und die Wassergabe aus den Händen an die Ahnen soll der Mantrakundige dann nicht vollziehen.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Verneinung bleibt erhalten: Diese Tradition setzt ihren eigenen Dämmerungsritus an die Stelle eines brahmanischen Verfahrens. Das ist kein allgemeines Urteil gegen andere Traditionen.

22. Die Bhairavi-Sandhya vollziehen – 45.37

prathame tu tato mantrī bhairavī tu samācaret ।
athavā tarpaṇaṃ kṛtvā arghaṃ dattvā yathākramam ॥

Praxisnahe Übersetzung: Zuerst vollziehe der Mantra-Übende die Bhairavi[-Sandhya]; oder er bringe der Reihe nach Wasser und die Argha-Gabe dar.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Bhairavi-Sandhya bezeichnet den dieser Göttinnenüberlieferung eigenen Dämmerungsritus.

23. Zur Sonne gewandt, im Herzen verehrend – 45.38

sūryasyābhimukho bhūtvā sapta rūpāṇi coccaret ।
tarpaṇaṃ tu japaṃ caiva bhairavāya hṛdi-s-tataḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Wende dich zur Sonne und sprich die sieben Gestalten aus. Dann widme Wasseropfer und Rezitation Bhairava im Herzen.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der Text benennt sieben vorausgesetzte Mantraformen, ohne sie auszuschreiben.

24. Gurus und Ahnen in die Widmung einschließen – 45.39

gurūṇāṃ ca pitṝṇāṃ ca tṛptyarthaṃ vinivedayet ।
evaṃ snānaṃ sadā kuryād abhiṣekaṃ ca nityaśaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Widme [die Gaben] zur Sättigung der Gurus und Ahnen. So soll man regelmäßig baden und täglich die Weihe vollziehen.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die rituelle Sättigung ist die Vorstellung der Quelle; sie wird nicht auf eine garantierte Wirkung heutiger Gedenkhandlungen übertragen.

25. Die Lehrerfolge im Bereich der Sonne – 45.47

tato ’nucintayitvā tu bhāskarasthānam āśritam ।
gurupaṅkti mahāprājño bhāvayuktena cetasā ॥

Praxisnahe Übersetzung: Vergegenwärtige dann die Reihe der Gurus im Bereich der Sonne, mit Einsicht und einem von Hingabe erfüllten Geist.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Hier wird die Lehrerfolge in einen kosmischen Raum gestellt. Bhava umfasst innere Haltung und Vergegenwärtigung.

26. Einen geschützten Sitz gestalten – 45.49

prākāram acalaṃ kṛtvā kavacenāvaguṇṭhanam ।
praṇavāsanaṃ tu kṛtvā tu darbhapiṇḍaṃ na saṃśayaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Gestalte eine unbewegliche Umfassungsmauer und umhülle sie mit dem Kavacha. Bereite den Pranava-Sitz und einen Ballen Darbha-Gras, ohne Zweifel.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Mauer und Pranava-Sitz sind rituelle Gestaltungen. Kavacha bedeutet „Panzer“ und bezeichnet hier das zugehörige Schutzmantra.

Die Lotusgirlande gestalten

27. Neun Lotosblüten mit vierundzwanzig Staubfäden – 4.499

navapadmāni saṃcintya aṣṭapatrāṇi sādhakaḥ ।
yuktāni keśaraiś caiva caturvvinsatibhiḥ kramāt ॥

Praxisnahe Übersetzung: Stelle dir als Sadhaka neun Lotosblüten vor: Jede hat acht Blätter und vierundzwanzig Staubfäden.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 394, Anm. 19.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Heutige Betrachtung: Schon dieses präzise Bild lädt dazu ein, geistige Gestaltung mit Sorgfalt zu verbinden. Die Zahlen sind die des Textes; die neun Lotosblüten werden nicht zu sieben Chakras umgedeutet.

28. Sitze für die Gottheiten entstehen lassen – 4.500

karṇṇikāyāṃ yutānīha cintanīyāni mantriṇā ।
śikhāpadmaṃ samārabhya āsanāni prakalpayet ॥

Praxisnahe Übersetzung: Die vorgestellten Lotosblüten haben einen Blütenboden. Beginne beim Lotos am Scheitel und gestalte die Sitze für die Gottheiten.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 394, Anm. 19.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Fortsetzung der Quelle bezieht die Sitzgestaltung auf jeden Lotos. Die vollständigen Sitzmantras sind in diesem Vers nicht enthalten.

29. Halslotos und Nabellotos – 4.565

kaṇṭhagranthigate padme nātra kārya vicāraṇāt ।
nābhipadme tathaiveha caṇḍākṣīṃ vinyased budhaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Im Lotos am Knoten des Halses [setze Karali ein]; daran soll kein Zweifel sein. Im Nabellotos vergegenwärtige der Einsichtige ebenso Chandakshi.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 400, Anm. 33.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Karali wird im unmittelbar vorausgehenden Halbvers genannt. Die Ergänzung ist sichtbar geklammert; es handelt sich um eine bestimmte Variante der Körperverehrung.

30. Die höchste Shakti braucht keinen einzelnen Sitz – 4.595

sarvvāṅge paramā śaktir vaktranetrāṅgavarjitā ।
padmāsanavihīnā tu vinyaset sādhakottamaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Lass als vorzüglicher Sadhaka die höchste Shakti am ganzen Körper gegenwärtig sein: ohne einen eigenen Lotossitz und ohne besondere Mantras für Gesicht, Augen und Glieder.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 402.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der folgende Halbvers ergänzt ihre Gegenwart in jedem Lotos. Die Göttin wird also zugleich umfassend und in einzelnen Orten vergegenwärtigt.

Innen und außen verbinden

31. Auch im Blütenmandala den Kraftfaden sehen – 12.2

pūrvvokte maṇḍale caiva gandhamaṇḍalake pi vā ।
puṣpamaṇḍalake vāpi śaktitantu vicintayet ॥

Praxisnahe Übersetzung: Vergegenwärtige den Faden der Shakti im zuvor beschriebenen Mandala – oder in einem Mandala aus duftenden Stoffen oder aus Blüten.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 403, Anm. 45.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Hier entsteht eine Verbindung zwischen äußerer Form und innerem Bild. Eine heutige Betrachtung kann bei einer einzelnen Blüte beginnen; das ist eine redaktionelle Anregung, keine Ersatzanweisung für das historische Ritual.

32. Feuer der Zeit und Milchozean – 12.3

tasyādho praṇavaṃ dadyā kālāgnin tatra vinyaset ।
kṣīrodaṃ tan tu vinyasya avadhūtaṃ tato nyaset ॥

Praxisnahe Übersetzung: Setze darunter den Pranava und dort das Feuer der Zeit ein. Vergegenwärtige darauf den Milchozean und setze dann die Avadhuta-Shakti ein.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 403, Anm. 45.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Diese kosmischen Bilder bilden eine rituelle Grundlage. Die Stelle beschreibt innere Setzung, keine Arbeit mit wirklichem Feuer; der konkrete Pranava wird hier nicht eigenmächtig ergänzt.

33. Äußere und innere Verehrung zusammenführen – 90.101

anena vidhinā devi japahomādikarmasu ।
bāhyādhyātmeva mantrajñaḥ pūjāṃ kurvan prasidhyati ॥

Praxisnahe Übersetzung: O Göttin, bei Rezitation, Feuerritual und den anderen Handlungen gelangt der Mantrakundige durch dieses Verfahren zur Vollendung, indem er äußere und innere Verehrung vollzieht.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 392, Anm. 15.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Aussage verbindet beide Bereiche; sie erklärt nicht alle äußeren Handlungen für überflüssig.

34. Den inneren Kreis außen, den äußeren innen sehen – 87.140

ādhyātmañ cintayed bāhyaṃ bāhyam adhyātmikāṃ tathā ।
cakre samānabhāvena tato vinyāsam ārabhet ॥

Praxisnahe Übersetzung: Vergegenwärtige den inneren Gottheitenkreis als äußeren und den äußeren als inneren. Sieh beide als gleich beschaffen und beginne dann, die Mantra-Gottheiten in den Kreis einzusetzen.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 388–389.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Hier begegnen sich geistiges Bild und sichtbare Verehrungsform. Heutige Betrachtung: Beobachte beim Betrachten eines Mandalas, wie das äußere Bild in deiner Vorstellung gegenwärtig wird. Diese Betrachtung ist eine heutige Anregung; sie ersetzt nicht den im Text vorausgesetzten Nyasa.

Im Feuerritual die inneren Verbindungen erkennen

35. Die Shakti-Schnur in der Feuergrube – 45.108

jāpyamantreṇa mantrajño nijayāgasya cārcane ।
śaktitantu tato dhyātvā kuṇḍamadhye tu sādhakaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Bei der Verehrung seines Gottheitenkreises soll der Sadhaka mit dem zugehörigen Rezitationsmantra die Shakti-Schnur mitten in der Feuergrube vergegenwärtigen.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Schnur verbindet die rituellen Wirklichkeitsstufen. Der Vers lehrt eine bestimmte Vergegenwärtigung im Feueropfer.

36. Bhairava im Feuer gegenwärtig machen – 45.109

bhairavaṃ tatra vinyasya svamantreṇaiva pūjayet ।
gandhamālyaṃ tathā dhūpaṃ dattvā caivāhutiṃ hunet ॥

Praxisnahe Übersetzung: Setze dort Bhairava ein und verehre ihn mit seinem Mantra. Bringe Duftstoff, Blütenkranz und Räucherwerk dar und gib eine Gabe ins Feuer.

Einordnung / heutige Praxisanregung: „Dort“ ist die Mitte der Feuergrube aus dem vorigen Vers. Heutige Betrachtung: Äußere Gabe und innere Gegenwart werden als eine Handlung vollzogen.

37. Das Herz des Feuers – 45.112

agnisaṃskārakaṃ karma sarvayāgeṣu nityaśaḥ ।
agnes tu hṛdaye sarva āsanādipuraḥsaram ॥

Praxisnahe Übersetzung: Die Feuerreinigung gehört stets zu allen Verehrungen. Im Herzen des Feuers [vergegenwärtige], beginnend mit dem Sitz und dem Weiteren, den ganzen …

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der vollständige Satz wird im nächsten Vers fortgesetzt.

38. Jede Gottheit mit ihrer Mudra begrüßen – 45.113

yāgaṃ sampūjya mantrajña arghaṃ dattvā yathākramam ।
mudrāṃś caiva tato baddhvā prati prati varānane ॥

Praxisnahe Übersetzung: … Gottheitenkreis und verehre ihn. Bringe die Argha-Gabe in der rechten Folge dar und bilde für jede Gottheit einzeln die Mudra, o Schönangesichtige.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Gesten wenden sich den Gottheiten einzeln zu und gliedern so die Verehrung.

39. Ritualorte durch Nadis verbinden – 45.114

ājyapātre tu darbheṇa dvibhāgaṃ parikalpayet ।
sādhanaṃ tu tataḥ kṛtvā nāḍīsandhānam āśritaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Teile das Gefäß der geklärten Butter mit Darbha-Gras in zwei Bereiche. Vollziehe dann die Handlung, indem du die Nadis miteinander verbindest.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Nadi-Sandhana meint hier vorgestellte Verbindungen zwischen Ritualorten. Der Vers ist keine Anleitung zur Wechselatmung.

40. Die drei Augen Bhairavas – 45.115

dakṣiṇā dakṣiṇaṃ netraṃ vāmā vāmaṃ tu locanam ।
ūrdhvā ūrdhvaṃ kramenaiva tridhā bhairavalocanam ॥

Praxisnahe Übersetzung: Dakshina ist das rechte Auge, Vama das linke, Urdhva das obere. So ordnen sich die drei Augen Bhairavas.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Wörter benennen rechts, links und oben. Die dreifache Blickgestalt wird im Ritual räumlich wirksam.

41. Gesammelt in drei Richtungen darbringen – 45.116

āhutiṃ tu tato dadyād dakṣabhāgātha vāmakāḥ ।
madhyamā ca kramenaiva dhyānayukto samāhitaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: In Meditation und Sammlung bringe die Feuergaben nacheinander auf der rechten, der linken und der mittleren Seite dar.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Richtungen beziehen sich auf die zuvor vergegenwärtigten Augen und die rituelle Anordnung.

42. Herz, Mandala und Krug zusammenführen – 45.122

tattvaikaraṇo kṛtvā hṛsthānasthasya mantravit ।
maṇḍalasya tu mantrajñaḥ śivakumbhasthitasya tu ॥

Praxisnahe Übersetzung: Der Mantrakundige soll die Wirklichkeitsprinzipien im Herzen, im Mandala und im Shiva-Krug zu einem verbinden.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Herz-Lesung ist editorisch verbessert. Herz, Mandala und Krug werden zu verbundenen Orten der Gegenwart Bhairavas.

43. Den gleichen Geschmack der Wirklichkeit erkennen – 45.123

samarasādiprayogena sādhakaḥ susamāhitaḥ ।
śivādyavaniparyantaṃ śaktitantu vicintya ’thaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Ganz gesammelt soll der Sadhaka durch das Verfahren des gleichen Geschmacks und die weiteren [Verfahren] die Shakti-Schnur von Shiva bis zur Erde vergegenwärtigen.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Samarasa bezeichnet hier das Gleichwerden der verbundenen Wirklichkeitsstufen. Daraus folgt keine im Vers gelehrte Auflösung aller praktischen Unterschiede.

Die Shakti in abgestuften Formen

44. Die Füße im Lotossitz einbeziehen – 12.36

padmāsanopaviṣṭas tu cintayitvā tu sādhakaḥ ।
avadhūtaṃ nyasen mantrī pādayor ubhayor api ॥

Praxisnahe Übersetzung: Sitze im Lotossitz und vergegenwärtige die Avadhuta-Shakti. Setze sie als Mantra-Übender in beide Füße ein.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 404–405, Anm. 51.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Auch die Füße gehören zum göttlichen Mantrakörper.

45. Fünffach, vierfach, dreifach, zweifach – 12.37

pañcātmikā mahādevi guhye caturgguṇan tathā ।
hṛdayaṃ tṛguṇaṃ nyasya lalāṭe dviguṇaṃ nyaset ॥

Praxisnahe Übersetzung: O große Göttin, [an den Füßen] ist sie fünffach. Am Geschlechtsbereich setze sie vierfach ein, im Herzen dreifach und an der Stirn zweifach.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 404–405, Anm. 51.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Dies beschreibt Abstufungen derselben Shakti in einer konkreten Nyasa-Variante.

46. Am Scheitel zur Einfachheit gelangen – 12.38

ekātmikā tathā caiva śikhāyāṃ sādhakottamaḥ ।
sakṛt sakṛt tathā caiva vaktrasthāneṣu vinyaset ॥

Praxisnahe Übersetzung: Am Scheitel setze der Sadhaka sie einfach ein. An den Stellen der Gesichtsmantras setze er sie jeweils einmal ein.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 405, Anm. 51.

47. Vom Kopf bis zu den Füßen verbunden – 12.39

netrasthāneṣu vai dadyād aṅgasthāneṣu caiva hi ।
śaktitantu tato dhyātvā nmastakāt pādayo ntikā ॥

Praxisnahe Übersetzung: Setze sie auch an den Stellen der Augen- und Gliedmantras ein. Meditiere dann den Faden der Shakti vom Kopf bis zu den Füßen.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 405, Anm. 51.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Heutige Betrachtung: Der ganze Körper kann als zusammengehörig erfahren werden. Die besondere Mantra-Setzung des Textes bleibt davon zu unterscheiden.

Eine zweite Anordnung des Gottheitenkörpers

48. Eine Girlande am Faden der Shakti – 21.124

śaktitantunibaddhāṃ tu padmamālāṃ vicintayet ।
navagranthivibhāgena tato nyāsaṃ prakalpayet ॥

Praxisnahe Übersetzung: Sieh die Lotosblüten als eine Girlande, die vom Faden der Shakti zusammengehalten wird. Vollziehe anschließend den Nyasa an den neun Knoten.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Dieser Abschnitt beschreibt eine andere Stellenfolge als Kapitel 4. Die folgenden Verse zeigen sie konkret.

49. Bhairava im Herzen – 21.125

hṛdaye bhairavo nyasya vaktranetrāṅgasaṃyutam ।
raktā vaktre tu vinyasya cakṣubhyāṃ tu karālinī ॥

Praxisnahe Übersetzung: Setze Bhairava ins Herz, begleitet von seinen Gesichts-, Augen- und Gliedmantras. Vergegenwärtige Rakta im Gesicht und Karalini an den beiden Augen.

Einordnung / heutige Praxisanregung: In dieser Anordnung liegt Bhairavas Sitz im Herzen. Karalini ist die hier verwendete Namensform von Karali.

50. Von der Stirn bis zum linken Fuß – 21.126

lalāṭe caiva caṇḍākṣī mahocchuṣmā śikhāgrake ।
karālā vāmapāde tu danturā jaṅghasaṃsthitā ॥

Praxisnahe Übersetzung: Chandakshi ist an der Stirn, Mahocchushma an der Spitze des Haarknotens. Karala ist am linken Fuß, Dantura am linken Unterschenkel.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Göttinnen bilden eine konkrete räumliche Ordnung.

51. Auch die rechte Seite wird belebt – 21.127

dakṣiṇe bhīmavaktrāṃ tu jaṅghayo ca mahābalām ।
vaktranetrāṅgasaṃyuktaṃ kartavyā devīdūtayaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Am rechten Fuß vergegenwärtige Bhimavaktra, am rechten Unterschenkel Mahabala. Gestalte die Devis und Dutis mit ihren Gesichts-, Augen- und Gliedmantras.

52. Ein Gürtel aus Yoginis – 21.128

nābhyāṃ vai vīra vinyasya tato vāmādi-m-āśṛtāḥ ।
mekhalākṛtisaṃsthānā kaṭyāṃ vai yoginī nyaset ॥

Praxisnahe Übersetzung: Setze den Vira an den Nabel. Von links ausgehend vergegenwärtige dann die Yoginis um den Hüftbereich, wie einen Gürtel angeordnet.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Vira bezeichnet hier eine männliche Mantragottheit. Die Fortsetzung legt die Anordnung bis zur rechten Seite fest.

53. Den Kreis bis zur rechten Seite führen – 21.129

dakṣiṇāpārśvakaṃ yāvad vāraṃ tu varavarṇini ।
vaktranetrāṅgasaṃyuktā kartavyā nātra saṃśayaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Führe die Anordnung bis zur rechten Seite, im Kreis [?], o Schönfarbige. Gestalte die Yoginis mit ihren Gesichts-, Augen- und Gliedmantras.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der kreisförmige Verlauf ist eine vorsichtige Deutung von vāraṃ; die Gürtelgestalt ist im vorherigen Vers ausdrücklich belegt.

54. Die Mütter zwischen Hüften und Knien – 21.130

liṅge vīraṃ tu vinyasya kaṭyād ārabhya jānunī ।
yāva mātṝs tu vinyasya catvāry eva krameṇa tu ॥

Praxisnahe Übersetzung: Setze den Vira am Glied ein. Vergegenwärtige dann vom Hüftbereich bis zu den Knien vier Mütter in ihrer Reihenfolge.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die folgende Nennung der rechten Seite legt für diesen Vers die linke Seite nahe. Der Geschlechtsbereich ist ausdrücklich Teil des Mantrakörpers.

55. Die Mütter auf der rechten Seite – 21.131

dakṣiṇā ca kaṭideśe jānunī yāvad eva hi ।
śeṣās tu mātaro devi vaktranetrāṅgasaṃyutāḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: O Göttin, auf der rechten Seite vergegenwärtige vom Hüftbereich bis zu den Knien die übrigen Mütter, mit ihren Gesichts-, Augen- und Gliedmantras.

56. Erinnerungsmantra im Herzen, Shakti am Hals – 21.133

smaraṇaṃ hṛdi vinyasya śivatattve vyavasthitam ।
kaṇṭhe tu paramā śakti vaktranetrāṅgasaṃyutā ॥

Praxisnahe Übersetzung: Setze den Smarana ins Herz, gegründet in der Wirklichkeitsstufe Shivas. Am Hals vergegenwärtige die höchste Shakti mit ihren Gesichts-, Augen- und Gliedmantras.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Smarana ist hier der Name eines bestimmten Mantras. Der Vers schreibt seine Lautfolge nicht aus.

Die Gottheiten in geistigen Lotosblüten

57. Die ganze Göttinnenfamilie als Lotusgirlande – 21.141

devīnāṃ kiṅkarīnāṃ tu yoginīmātaraṃ tathā ।
padmamālā vicinty eṣa padmair nyāsaṃ prakalpayet ॥

Praxisnahe Übersetzung: Vergegenwärtige die Lotusgirlande der Devis, Kinkaris, Yoginis und Mütter. Vollziehe mit den Lotosblüten die Setzung ihrer Gegenwart.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der nächste Vers erklärt die geistigen Lotosblüten und ihre Mantraglieder näher.

58. Auch die Blütenblätter tragen Mantraglieder – 21.142

vaktranetrāṅgasaṃyuktaṃ mānasaiḥ pūrvacoditaiḥ ।
bhogāṅgaiś ca samopetaṃ padmapattraiḥ svakai svakaiḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: [Verwende] die zuvor gelehrten geistigen Lotosblüten, ausgestattet mit Gesichts-, Augen- und Gliedmantras; auf ihren zugehörigen Blütenblättern liegen die zusätzlichen Bhoganga-Mantras.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Diese Ergänzungen heißen im Text „Glieder des Genusses“. Hier werden sie benannt, nicht als vollständige Rezitationsformeln mitgeteilt.

59. Bhairavi und Bhairava überlagern – 21.143

bhairavyāyas tathāṅgāni vinyaset sādhakottamaḥ ।
bhairavīyāni vinyasya teṣām upari suvrate ॥

Praxisnahe Übersetzung: Der vorzügliche Sadhaka soll die Gliedmantras Bhairavis einsetzen, o Treue im Gelübde. Über ihnen vergegenwärtige die Gliedmantras Bhairavas.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der göttliche Körper entsteht durch eine bewusste Verbindung beider Mantragestalten.

Die Lotusgirlande als kosmische Gestalt

60. Bestand und Rücknahme der Welt – 32.43

svayaṃsthito sthitiṃ kuryā trailokye tu na saṃśayaḥ ।
saṃhāraṃ tu sadā kuryād icchayā caiva saṃharet ॥

Praxisnahe Übersetzung: In sich selbst gegründet erhält [Sadashiva] die dreifache Welt. Ebenso vollzieht er ihre Auflösung: Nach seinem Willen nimmt er sie wieder in sich zurück.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 401–402, Anm. 37.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Aussage betrifft das Hervorgehen und die Rücknahme der Welt.

61. Drei Shaktis, drei kosmische Tätigkeiten – 32.45

vāmayā sṛjate sarvaṃ raudryā caiva tu saṃharet ।
jeṣṭhayā ca sthitiṃ kuryā tritattvatanusaṃsthitaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Mit Vama erschafft er alles; mit Raudri nimmt er es zurück; mit Jeshtha erhält er es. In einem Körper aus diesen drei Wirklichkeitsprinzipien ist er gegenwärtig.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 401–402, Anm. 37.

62. Der höchste Herr trägt neun Lotosblüten – 32.46

navāṃbhojakṛtāṃ mālāṃ śaktisūtreṇa bheditām ।
navagranthivibhāgena bibhrāṇo parameṣvaraḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Der höchste Herr trägt eine Girlande von neun Lotosblüten. Der Faden der Shakti durchzieht sie; die neun Knoten gliedern sie.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 402, Anm. 37.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der im eigenen Körper vergegenwärtigte Aufbau findet hier sein Gegenbild in der Gestalt des Gottes.

Farben, Weltstufen und Laute am Khatvanga

63. Ein dreifacher Faden verbindet die Federn – 83.102

mayūrahansapattrāṇi vinibaddhāni tattra tu ।
triguṇena tu sūtreṇa māyātantumayena tu ॥

Praxisnahe Übersetzung: Am Stab sind Pfauen- und Gänsefedern befestigt. Sie werden von einer dreifachen Schnur gehalten, dem Faden der Maya.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 610.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der Khatvanga ist der rituelle Schädelstab. Im Text werden seine Materialien und Teile zu Trägern kosmischer Bedeutungen. Die Auswahl betrachtet diese Bedeutungen; die blutbezogene Herkunftserzählung von 83.91–101 bleibt in der Hauptausgabe nachlesbar.

64. Brahma, Vishnu und Bhairava am selben Stab – 83.105

sūtragranther adhastā tu brahmā tatra vyavasthitaḥ ।
tasyopari sthito viṣṇur mūrddhniś cāhaṃ varānane ॥

Praxisnahe Übersetzung: Unter dem Schnurknoten steht Brahma, darüber Vishnu; am Scheitel bin ich selbst, Schöngesichtige.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 610.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Bhairava spricht. Die unsichere Lesung am Anfang des Wortes für den Schnurknoten bleibt im Sanskrit unterstrichen.

65. Weiß und Rot als Kräfte der Natur – 83.106

sitasūtre sthitaḥ satvo brahmā tattrādhidaivatam ।
rakte rajas tu vijñeyo viṣṇus tattrādhidaivatam ॥

Praxisnahe Übersetzung: Die weiße Schnur trägt Sattva, und Brahma ist ihr Gott. Die rote Schnur trägt Rajas, und Vishnu ist ihr Gott.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 610.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Sattva bezeichnet Helligkeit und Ausgeglichenheit, Rajas Bewegung und Aktivität. Der nächste Vers ergänzt Tamas und die Mischung aller drei Kräfte.

66. Auch das Unmanifestierte hat seinen Ort – 83.107

tamaḥ kṛṣṇe vijānīyād ahan tattrādhidaivatam ।
miśre cāvyaktam ity uktaṃ rajasatvatamomayam ॥

Praxisnahe Übersetzung: In der schwarzen Schnur erkenne Tamas; dort bin ich die Gottheit. Die Mischung der Fäden bezeichnet das Unmanifestierte, in dem Rajas, Sattva und Tamas zusammenliegen.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 610.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Tamas ist hier ein kosmologischer Begriff für Dunkelheit und Trägheit. Der Vers empfiehlt kein tamasiges Verhalten; er beschreibt, wie der Gegenstand die gesamte Naturordnung abbildet.

67. Zeit und Begrenzung sichtbar ordnen – 83.108

evaṃ pun niyatiḥ kālo māyā ca varavarṇṇini ।
piñchānām upariṣṭā tu saṃsthitāni yathākramam ॥

Praxisnahe Übersetzung: Oberhalb der Federn haben Purusha, Niyati, Kala und Maya ihren Platz, Schöne – in eben dieser Reihenfolge.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 610.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Purusha ist das begrenzte bewusste Subjekt, Niyati die Begrenzung durch Ordnung, Kala die Zeit und Maya die differenzierende Wirklichkeit. Diese Entsprechungen machen den Stab zu einem Bild der Tattvas.

68. Drei Kräfte im Dreizack erkennen – 83.109

upariṣṭā tu yā kāñci granthis tatra vyavasthitā ।
yat triśūlopariṣṭā tu tattra śaktittrayaṃ viduḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Darüber befindet sich der Beschlag mit seinem Knoten. Im oberen Bereich des Dreizacks erkennt man die drei Shaktis.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 610.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Lageangaben sind knapp und nicht für eine maßgenaue Zeichnung ausreichend. Die Namen der drei Shaktis folgen im nächsten Vers.

69. Über den drei Kräften ruht Shiva – 83.110

vāmā jeṣṭhā ca raudrī ca vāmadakṣiṇamadhyagāḥ ।
upariṣṭā śivaṃ śāntaṃ sthitaṃ sarvvasya mūrddhani ॥

Praxisnahe Übersetzung: Vama steht links, Jyeshtha rechts und Raudri in der Mitte. Über ihnen, am höchsten Punkt des Ganzen, weilt der stille Shiva.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 611.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Heutige Betrachtung: Die drei Kräfte und die darüber gesetzte Stille können als Bild für die Beziehung von Wirken und Ruhe betrachtet werden. Das ist eine redaktionelle Anregung, keine zusätzliche Ritualanweisung.

70. Handeln, Wissen und Verlangen im Fußteil – 83.111

kalā vidyā ca rāgaś ca pādake saṃvyavasthitāḥ ।
vāyu dhvaje sthito devi sarvvāsuparivāritaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Im Fußteil stehen Kala, Vidya und Raga. Im Banner weilt Vayu, Göttin, umgeben von allen Lebenskräften.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 611.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Hier ist Kalā mit kurzem ersten a gemeint: begrenzte Handlungsfähigkeit. Vidya bezeichnet begrenztes Wissen, Raga Verlangen. Vayu ist der Wind; der Vers setzt auch ihn mit dem Gegenstand in Beziehung.

71. Ergreifen und Loslassen als heilige Handlungen – 83.116

vedāṅgāni tathā vidyāsthānāny eva caturddaśa ।
grahaṇe saṃsthitā hy ete gāyatrī caiva mokṣaṇe ॥

Praxisnahe Übersetzung: Wenn der Stab ergriffen wird, sind die Vedangas und die vierzehn Wissensgebiete darin gegenwärtig. Im Loslassen ist Gayatri.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 611.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Vedangas sind die Hilfswissenschaften des Veda. Eine einfache Handbewegung wird im Text mit einer ganzen Wissensordnung verbunden. Zwei unsichere Lesungen bleiben unterstrichen.

72. Om im Heben, Savitri im Abstellen – 83.117

uddhṛte tu sthitoṅkāraḥ sāvitrī sthāpite viduḥ ।
sarvvadevamayaṃ hy evaṃ khaṭvāṅgaṃ varavarṇṇini ॥

Praxisnahe Übersetzung: Beim Hochheben ist Om gegenwärtig; beim Abstellen erkennt man Savitri. So trägt der Khatvanga alle Gottheiten in sich, Schöne.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 611.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Dies sind Entsprechungen der Handlung, keine Aufforderung, eine hier ausgeschriebene Om-Formel zu rezitieren.

73. In einem Gegenstand die drei Welten verehren – 83.135

tam ārādhyam prayatnena yathāyuktena mantriṇā ।
khaṭvāṅgaṃ pūjitaṃ yena trailokyaṃ tena pūjitam ॥

Praxisnahe Übersetzung: Der Mantra-Praktizierende verehre den Khatvanga aufmerksam und gesammelt. Wer ihn verehrt, verehrt damit die drei Welten.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 612.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der Gegenstand vertritt die Welt durch die zuvor beschriebenen Zuordnungen. Die Aussage erhält ihren Sinn aus dieser konkreten sakralen Anordnung.

Ritueller Schmuck als Träger göttlicher Gegenwart

74. Eine Schale als Bild sämtlicher Tattvas – 83.171

brahmādhidevatan devi kapālaṃ varavarṇṇini ।
sarvvadevamayañ caiva sarvvatatvamayaṃ hi tat ॥

Praxisnahe Übersetzung: Brahma ist die Gottheit der Schädelschale, Göttin, Schöne. In ihr sind alle Gottheiten und sämtliche Wirklichkeitsebenen enthalten.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 615.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der Vers beschreibt die religiöse Bedeutung eines historischen Kultgegenstands. Die vorangehenden Speise- und Reinheitsvorschriften werden damit nicht als heutige Praxis übernommen.

75. Ishvara im Scheitelschmuck – 83.172

cūḍāmaṇi kapālena śikhāyāṃ yo niveśitaḥ ।
īśvaras tatra vijñeyo adhidevo varānane ॥

Praxisnahe Übersetzung: Im Schädel, der als Schmuck in der Haarlocke am Scheitel sitzt, erkenne Ishvara als die zugehörige Gottheit, Schöne.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 615.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Ishvara heißt „Herr“. Der Text deutet hier den Schmuck der asketischen Ritualgestalt.

76. Erkenntnis und Handlung an den Ohren – 83.173

jñānaśaktiḥ kriyākhyā ca karṇṇike parikīrttite ।
kaṇṭhasthitā tu yā mudrā ahan tattrādhidaivatam ॥

Praxisnahe Übersetzung: Die beiden Ohrornamente stehen für Erkenntniskraft und Handlungskraft. In dem Zeichen am Hals bin ich selbst die Gottheit.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 615.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Mudra am Hals ist hier ein getragenes Abzeichen. Das Wort bezeichnet an dieser Stelle keine Handgeste. Der nächste Vers entfaltet die Gottheit des Halszeichens.

77. Mütterscharen und die heilige Schnur – 83.174

rudro mātṛgaṇais sārddhaṃ jñātavyas tu varānane ।
ananto hy upavīte tu śaktis sarvvorddhagā parā

Praxisnahe Übersetzung: Erkenne Rudra mit den Scharen der Mütter, Schöne. Ananta ist in der heiligen Schnur; die höchste Shakti [weilt?] über allem.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 615.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Wo Rudra und die Mütter verortet werden, bleibt offen. Auch die letzte Aussage über die höchste Shakti ist unsicher; sie ist keine gesicherte Gleichsetzung mit Ananta.

78. Asche und Haarflechten erhalten göttliche Bedeutung – 83.175

hastabāhukaṭisthaiś ca viṣṇu jñeyo ’dhidaivatam ।
śivaḥ śuddhaḥ sunirvvāṇṇa jñeyo bhasmādhidaivatam
śaktayo vividhākārā jaṭānām adhidevatāḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: In den Zeichen an Händen, Armen und Hüften erkenne Vishnu. In der Asche erkenne Shiva: rein und vollkommen befreit. Die vielen Gestalten der Shakti sind die Gottheiten der Haarflechten.

Sanskritbeleg: Hatley 2018, IAST-Anhang F, S. 615.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Ein Originalvers mit drei Halbversen. Die unterstrichene Aussage zur Asche ist textlich unsicher; auch eine zugängliche Übersetzung kann diese Unsicherheit nicht aufheben.

Das meditative Spiel im Herzen

79. Im Herzlotos den Körper des Alls vergegenwärtigen – 44.2

hṛddeśe kamalaṃ dhyātvā vyomapaṅkajasaṃyutaṃ ।
bindumadhye nyase ’tmānaṃ viśvadeham ayaṃ śubhaṃ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Meditiere im Herzen einen Lotos, verbunden mit dem Lotos des Raumes. Setze dich selbst in die Mitte des Bindu als jene glückverheißende Gestalt, deren Körper das All ist.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 405, Anm. 52.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Praxis gehört zum Kapitel Kridakarma, „meditatives Spiel“. Der hier erschlossene Ausschnitt ist keine vollständige Wiedergabe seines achtversigen Verfahrens.

80. Eine von acht Sternen geschmückte Gestalt – 44.3

śaktibhiḥ kiraṇopetaṃ tārāṣṭakavibhūṣitaṃ ।
taṃ dhyāyet paramaṃ rūpaṃ bindulīnaṃ śivātmakaṃ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Meditiere diese höchste Gestalt: von den Shaktis durchstrahlt, mit acht Sternen geschmückt, in den Bindu eingegangen und von Shivas Wesen.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 405, Anm. 52.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Heutige Betrachtung: Verweile zunächst beim Zusammenspiel von Strahlen, Sternen und dem gesammelten Mittelpunkt. Dies ist eine redaktionelle Anregung.

Die Rezitation als Gabe darbringen

81. Bhairava im Herzlotus die Übung widmen – 45.89

svayāge yad uktaṃ syād yāgapūrvaṃ samarpayet ।
hṛtpaṅkaje sthitasyaiva bhairavasya na saṃśayaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Was für deinen eigenen Gottheitenkreis gelehrt wurde, bringe nach dessen Verehrung Bhairava dar, der im Lotus des Herzens gegenwärtig ist.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Gemeint ist die Rezitation. Die Stelle setzt ein bestimmtes Ritual voraus; als heutige Betrachtung regt sie zur bewussten Widmung der eigenen Übung an.

82. Die Frucht der Rezitation nicht festhalten – 45.90

haste samarpayitvā tu praṇipatya vijñāpayet ।
siddhikāle tu deveśe arpaṇīyo japo mamaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Lege [die Gabe] in die Hand, verneige dich ganz und sprich [Bhairava] an. „Wenn die Siddhi eintritt, ist die Rezitation mir darzubringen, o Herrin der Götter.“

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der Vers wechselt von der Handlungsbeschreibung zur Rede Bhairavas. Die genaue Hand-Zuordnung ist knapp; die Überschrift ist eine redaktionelle Deutung der Widmung.

Begegnung als Quelle von Wissen

83. Yoga als Zugang zu den Göttinnenfamilien – 100.25

mātṛyoginikāyāni śākinīnāṅ kulāni tu ।
sidhyanti sādhakendrasya yogenānena suvrate ॥

Praxisnahe Übersetzung: Durch diesen Yoga erlangt der erfahrene Sadhaka Vollendung im Umgang mit den Scharen der Mütter und Yoginis und mit den Familien der Shakinis.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 406, Anm. 59.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der Vers beschreibt das Ergebnis des zuvor gelehrten Yoga. Ohne dessen vollständige Darstellung lässt sich daraus keine eigenständige Ritualanleitung gewinnen.

84. Die Yoginis erschließen ihr Wissen – 100.26

yena sarvagato bhūtvā yoginīsiddhim āpnuyāt ।
kathayanti ca sadbhāvaṃ kulajaṃ jñānam uttamam ॥

Praxisnahe Übersetzung: Durch diesen [Yoga] wird er allgegenwärtig und erlangt die Siddhi der Yoginis. Sie erschließen ihm ihr wahres Wesen: das höchste Wissen aus den Gottheitenfamilien.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 406, Anm. 59.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die anfängliche Lesung yena ist eine Konjektur. Die Allgegenwart ist eine traditionelle Wirkungszuschreibung; der Erkenntnisgewinn wird als Gabe der Yoginis beschrieben.

Nächtliches Wandern und die Begegnung mit Yoginis

85. Ein Gelübde trägt den Tagesrhythmus – 45.161

trisnāyī naktabhojitvaṃ gurubhakto dṛḍhavrataḥ ।
brahmacaryarato nityaṃ japadhyānaparāyaṇaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Bade dreimal täglich, iss nachts und bleibe dem Guru ergeben und fest im Gelübde. Lebe beständig in Brahmacharya und richte dich ganz auf Rezitation und Meditation aus.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Dies beschreibt die Vidya-Gelübde, eine bestimmte Übungsphase. Es ist kein allgemeiner Speise- oder Schlafplan für alle Yoga-Praktizierenden.

86. Die Kulavidya in die Nacht tragen – 45.164

bhuktvā caivāṭanaṃ kuryād ardharātre punaḥ bhramet ।
evaṃ pratidinaṃ kuryāt kulavidyāṃ samudgiran ॥

Praxisnahe Übersetzung: Wandere nach dem Essen und ziehe um Mitternacht erneut umher. So verfahre jeden Tag und singe beziehungsweise sprich dabei die Kulavidya laut aus.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Kulavidya ist ein bestimmtes, hier nicht ausgeschriebenes Mantra.

87. Schwellenorte als Orte der Verehrung – 45.165

yoginyaḥ pūtanādyāś ca namaskṛtvā punaḥ punaḥ ।
catvare-m-ekavṛkṣe ca śmaśāne vālmīke tathā ॥

Praxisnahe Übersetzung: Grüße die Yoginis, Putanas und die anderen immer wieder: an Wegkreuzungen, bei einem einzelnen Baum, an der Verbrennungsstätte und am Ameisenhügel.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die ungewöhnlichen Orte sind wörtlich gemeint. Eine heutige Betrachtung kann die Aufmerksamkeit für Übergänge und unscheinbare Orte aufgreifen; dies ersetzt nicht das historische Gelübde.

88. Blüten an den Orten der Yoginis – 45.166

kulavidyā samuccārya puṣpāṇi tu vinikṣipet ।
eteṣv eva hi sthāneṣu yoginyo pūtanādayaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Sprich die Kulavidya und streue Blüten aus. Gerade an diesen Orten sind die Yoginis, Putanas und die anderen gegenwärtig.

Einordnung / heutige Praxisanregung: „Diese Orte“ sind die im vorigen Vers genannten.

89. Die Eulen grüßen – 45.167

namaskṛtvā vrajen mantrī ulūkam piṅgalās tathā ।
śabdaṃ śrutvā namaskāryo anyāś ca niśicāriṇām ॥

Praxisnahe Übersetzung: Grüße Uluka und Pingala und gehe weiter. Wenn du ihre Stimmen hörst, grüße auch die übrigen Wesen der Nacht.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Uluka und Pingala werden als Eulen beziehungsweise Eulenarten und zugleich als Gestalten des sakralen Kreises gedeutet. Das Hören selbst wird zum Anlass der ehrenden Zuwendung.

90. Farbe, Duft und Blüten als Ritualkleid – 45.174

raktā vāpy athavā kṛṣṇo kauśeyaṃ vāsaṃ ācaret ।
sugandhagandhaliptāṅgaḥ puṣpasragdāmabhūṣitaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Trage rote oder schwarze Seide, bestreiche die Glieder mit wohlriechenden Stoffen und schmücke dich mit Blütenkränzen.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Dies ist die Kleidung des nächtlichen Vira-Gelübdes.

91. Auch der Siddha übt weiter – 45.177

asiddho ’pi mahāprājño siddho ’pi hi cared budhaḥ ।
kṛtarakṣaḥ kṛtanyāsas tattvayuktaḥ samāhitaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Ob noch ohne Siddhi oder bereits Siddha: Der Einsichtige soll das Gelübde ausüben, nach Schutz und Nyasa, den Wirklichkeitsprinzipien zugewandt und gesammelt.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der Text lässt die Praxis nicht mit einer außergewöhnlichen Erfahrung enden.

92. Schweigen mit einem frohen Geist – 45.178

pūrvokteṣu pradeśeṣu maunaṃ tu kalpayed vratam ।
brahmacārī jitakrodho nirbhayo hṛṣṭamānasaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Lege an den zuvor genannten Orten ein Schweigegelübde ab: in Brahmacharya lebend, den Zorn beherrschend, furchtlos und frohen Geistes.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Ortsangaben stehen in 45.165. Der Vers nennt ausdrücklich Freude; die Ernsthaftigkeit des Gelübdes wird nicht mit Verbissenheit gleichgesetzt.

93. Samadhi und Gruß miteinander verbinden – 45.179

pūrvokteṣu pradeśeṣu samādhiṃ kārayed budhaḥ ।
yoginyaḥ pūtanādyāś ca namaskṛtvā punaḥ punaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Übe an den zuvor genannten Orten Samadhi und grüße die Yoginis, Putanas und die anderen immer wieder.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Samadhi steht hier neben der rituellen Begegnung mit den Yoginis.

94. Die Damaru erklingen lassen – 45.180

homayukto mahāmantrī ḍamarukaṃ vādayet kvacit ।
kṛtvā cāṣṭaśataṃ japtvā bhairavāya nivedayet ॥

Praxisnahe Übersetzung: Der große Mantra-Übende, der das Feueropfer vollzieht, soll gelegentlich die Damaru spielen. Nach hundertacht Rezitationen bringe er [deren Frucht] Bhairava dar.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Damaru ist die kleine Sanduhrtrommel. Ihre genaue Spielweise wird an dieser Stelle nicht erläutert.

95. Der erwarteten Begegnung ohne Furcht begegnen – 45.182

darśaye tās tu saṃtuṣṭā nityayukte ti sādhake ।
ātmānaṃ darśayed devi na bhetavyaṃ kadācanaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Wenn die Yoginis mit dem beständig übenden Sadhaka zufrieden sind, zeigen sie sich. Auch er soll sich zeigen, o Göttin, und sich niemals fürchten.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Erscheinung der Yoginis ist eine traditionelle Erwartung des Rituals.

96. Wie ein Sohn beschützt – 45.183

rakṣanti sādhakaṃ nityaṃ putravan nātra saṃśayaḥ ।
niyukto bhairaveṇaiva sādhakasya hitāya vai ॥

Praxisnahe Übersetzung: Sie beschützen den Sadhaka stets wie einen Sohn, ohne Zweifel. Bhairava selbst hat sie zu seinem Wohl eingesetzt.

Einordnung / heutige Praxisanregung: „Sie“ sind die Yoginis des vorigen Verses. Die Aussage gehört zur Beziehungsvorstellung der Quelle.

Im Schweigen durch Handzeichen sprechen

97. Mit den Fingern Blumen und Duft erbitten – 56.139

tarjanyaṅguṣṭhakāgre tu puṣpamudrā prakīrtitā ।
mūlaparvabhramāṅguṣṭhe prārthitaṃ tu vilepanam ॥

Praxisnahe Übersetzung: Treffen sich die Spitzen von Zeigefinger und Daumen, heißt dies das Blumenzeichen. Bewegt sich der Daumen am Grundgelenk [des Zeigefingers], wird duftende Salbe erbeten.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.139 (hier 56.139), S. 321.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Hier dient die Mudra der stillen Verständigung über Gaben. Die Quelle lässt die genaue Bewegung am Grundgelenk offen. Eine heutige Übertragung kann darin liegen, eine einfache Geste vorab gemeinsam zu vereinbaren und damit ein stilles Üben zu unterstützen; das ist keine Behauptung einer unverändert fortlebenden Geheimtradition.

98. Glocke und Vina mit einer Geste anzeigen – 56.153

adhomukhaprakampena vāmena tu kareṇa tu ।
ghaṇṭamudrā vinirdiṣṭā vīnā vīṇākṛtiṃ karam ॥

Praxisnahe Übersetzung: Die linke Hand wird nach unten gewendet und geschüttelt: Das ist das Zeichen für die Glocke. Die Vina wird durch eine Hand in der Form dieses Instruments angezeigt.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.153 (hier 56.153), S. 323.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der Vers zeigt, dass die Geheimsprache auch Klang und Musik einbezieht. Er fordert nicht ausdrücklich zum Spielen auf, sondern benennt die Zeichen für die Instrumente. Die Vina-Geste ist nicht bis zur einzelnen Fingerstellung beschrieben.

99. Verständigung beruht auf gegenseitiger Vereinbarung – 56.156

anyonyasammataṃ jñātvā vākyālāpaṃ tathaiva ca ।
cchommakaṃ bhāṣamudrābhir yojayīta vicakṣaṇaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Der Verständige macht sich zuerst mit dem gemeinsam vereinbarten Wortwechsel vertraut. Dann wendet er die Geheimsprache durch Worte und Handzeichen an.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.156 (hier 56.156), S. 323.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Das ist der Abschluss des Abschnitts über Geheimzeichen. Die Vereinbarung macht die Zeichen verständlich; eine bestimmte Handhaltung besitzt hier nicht unabhängig von ihrem Zusammenhang immer dieselbe Bedeutung.

Rezitation, Musik und angemessene Erholung

100. Die eigene Kraft beachten – 45.540

yatheṣṭāsanam āsthāya calane nāsti yantraṇā ।
yathāśaktyā japaṃ kuryāc chrāntaś caiva yadā bhavet ॥

Praxisnahe Übersetzung: Wähle eine Sitzhaltung nach deinem Wunsch; hinsichtlich der Bewegung besteht keine Beschränkung [?]. Rezitiere nach deinen Kräften. Wenn du müde wirst …

Sanskritbeleg: Kiss 2015, Sanskritedition S. 165 (45.540–543).

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Bewegungsaussage ist unterschiedlich deutbar; Kiss erwägt Unbeweglichkeit ohne Haltegurt. Der Satz führt in 45.541 weiter. Diese Erholungsregeln gehören zur Schau früherer Geburten innerhalb eines körperlichen Paarrituals; sie ersetzen dessen Gesamtverfahren nicht.

101. Mit Musik und Lobpreis neue Kraft finden – 45.541

svatantra vādayen mantrī stavaṃ ca paṭhate budhaḥ ।
vīṇāṃ vā vādaye jñānī geyavādena cāśritam ॥

Praxisnahe Übersetzung: … spiele frei Musik und trage einen Lobpreis vor. Oder spiele als Wissender die Vina und wende dich Gesang und Instrumentalmusik zu.

Sanskritbeleg: Kiss 2015, Sanskritedition S. 165 (45.540–543).

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Vina ist ein indisches Saiteninstrument. Heutige Praxisanregung: Musik kann zwischen Phasen der Sammlung eine bewusste Erholung bieten; der Text selbst nennt weder ein bestimmtes Stück noch eine Zeitdauer.

102. Erholt zur Sammlung zurückkehren – 45.542

vinodena klamaṃ tyaktvā punar nyāsaṃ tathaiva hi ।
kṛtvā pīṭhe japen mantrī hṛdyāgādipurahsaram ॥

Praxisnahe Übersetzung: Hast du dich erholt und die Müdigkeit abgelegt, vollziehe erneut den Nyasa am Pitha [der Partnerin]. Beginne mit der Verehrung im Herzen und den weiteren Ritualschritten und nimm die Rezitation wieder auf.

Sanskritbeleg: Kiss 2015, Sanskritedition S. 165 (45.540–543).

Einordnung / heutige Praxisanregung: Pitha ist hier der als göttlicher Sitz verehrte Genitalbereich der Partnerin, wie 45.535–538 verdeutlichen. Die konkrete körperliche Bedeutung bleibt erhalten. Die Erholung lässt sich als heutige Anregung betrachten; damit wird keine Übernahme des gesamten Rituals empfohlen.

Unterschiedliche Voraussetzungen des Weges

103. Unterweisung nimmt die Fragenden ernst – 39.14

pṛcchakāśrayabhedena tantrāṇāṃ kīrttanaṃ kṛtam ।
śuddhāśuddhavimiśrebhyaḥ tribhiḥ srotrair yathākramam ।
vinirggatāni tantrāṇi jñānaughād bhāṣitāni tu ॥

Praxisnahe Übersetzung: Die Tantras werden nach den unterschiedlichen Voraussetzungen der Fragenden verkündet. Aus einem Strom des Wissens gehen drei Überlieferungsströme hervor, für die Reinen, die Unreinen und die Gemischten.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Ein Originalvers mit sechs Versvierteln. Die historischen Klassen bleiben genannt; die heutige Anregung liegt im aufmerksamen Blick auf unterschiedliche Voraussetzungen.

104. Ungeteiltes Wissen, unterschiedliche Verfahren – 39.15

no bhinnaṃ sarvvathā jñānaṃ kriyābhede sthitāni tu ।
śuddhāśuddhavimiśreṣu tantrāṇi varavarṇṇini ॥

Praxisnahe Übersetzung: O Schönfarbige, das Wissen ist in keiner Weise geteilt. Doch die Tantras unterscheiden ihre Handlungen für Menschen mit reinen, unreinen und gemischten Voraussetzungen.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Die Anfangslesung ist in der Edition als unsicher markiert. Die Aussage verbindet gemeinsame Erkenntnis mit unterschiedlicher Ausführung.

105. Von der Rezitation zur Erkenntnis – 39.72

mantrajāpavidhānena sarvve te sādhakāḥ smṛtāḥ ।
paratatvaṃ tato jñātvā muktis teṣāṃ na saṃśayaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Durch Mantrarezitation gelten sie alle als Sadhakas. Wenn sie daraufhin die höchste Wirklichkeit erkennen, erlangen sie Befreiung.

Einordnung / heutige Praxisanregung: „Sie alle“ nimmt die zuvor genannten menschlichen und nichtmenschlichen Mantra-Adepten auf. Die Aussage verbindet rituelle Übung und Erkenntnis, ohne bloßes Wiederholen mit garantierter Befreiung gleichzusetzen.

Eine eigene Lebensordnung für den Charubhojin

106. Die Verehrung auf Befreiung ausrichten – 25.342

bhairavākhyasya saṃprokto yāgo ’yaṃ muktilakṣaṇaṃ ।
etad yāgatrayaṃ proktaṃ mumukṣo sādhakasya tu ।
nānyaḥ karmanivṛttasya yogamārgasthitasya tu ॥

Praxisnahe Übersetzung: Diese Verehrung des Bhairava genannten [Shiva] zielt auf Befreiung. Die drei beschriebenen Verehrungsweisen gelten dem Sadhaka, der Befreiung sucht, sich von [anderen?] Ritualhandlungen löst und den Yogaweg geht; eine andere [Verehrung] ist für ihn nicht vorgesehen.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 405, Anm. 53.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Der Vers erlaubt keine beliebige Erfindung von drei Übungen: Er verweist auf drei zuvor im Kapitel erklärte Verehrungsweisen. Bemerkenswert ist die Ausrichtung auf Befreiung und die Verringerung weiterer Ritualhandlungen. Die unsichere Wortteilung bleibt auch in der vereinfachten Übersetzung erkennbar.

107. Ein anderer Weg zur Vollendung – 45.453

tenaiva vartayen nityaṃ vidhinā śivam āpnuyāt ।
brahmacaryarato nityaṃ trisnāyī carubhojakaḥ ॥

Praxisnahe Übersetzung: Lebe beständig nach diesem Verfahren, um Shiva zu erlangen: in Brahmacharya, mit dreimaligem täglichem Bad und mit Charu als Speise.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Charu ist eine gekochte Getreidegabe. Die vollständige historische Lebensordnung steht in 45.442–497; ihre Einzelvorschriften sind keine ungeprüften heutigen Ernährungsempfehlungen.

108. Keine Unterwerfung anderer anstreben – 45.490

nānyayāgas tathā kṣetre kartavyo vaśyakāmyayā ।
avagrahaṃ na moktavyaṃ svasiddhāntaṃ tu mantriṇām ॥

Praxisnahe Übersetzung: An einem heiligen Platz soll keine weitere Verehrung ausgeführt werden, um jemanden zu unterwerfen. Die Zurückhaltung, die eigene Lehrordnung der Mantra-Übenden, darf nicht aufgegeben werden.

Einordnung / heutige Praxisanregung: Diese ausdrückliche Begrenzung gilt dem Charubhojin. Sie darf nicht als Behauptung ausgegeben werden, das Gesamtwerk kenne keine schädigenden Rituale.

Mantras aus dem Brahma Yamala

Ausgewerteter Umfang: die unnummerierte Eingangsverehrung und die 1730 Verse beziehungsweise erhaltenen Versfragmente der zugehörigen Teilausgabe: Kapitel 1: 1–133; Kapitel 2: 1–18; Kapitel 3: 1–230; Kapitel 4: 498–500, 515, 538, 565, 595; Kapitel 12: 1–3, 36–39; Kapitel 14: 218, 260; Kapitel 15: 64; Kapitel 21: 1–146; Kapitel 25: 342; Kapitel 32: 42–46; Kapitel 39: 1–93; Kapitel 40: 1–33; Kapitel 44: 2–3, 8; Kapitel 45: 1–674; Kapitel 46: 3; Kapitel 48: 1–36; Kapitel 56: 99–156; Kapitel 74: 1–77; Kapitel 83: 1–7, 9–11, 13–25, 27–35, 37–186; Kapitel 87: 140; Kapitel 90: 101; Kapitel 100: 2, 25–26; Kapitel 102: 1–18. Die Sammlung beansprucht keine Erfassung der Mantras des gesamten, 104 Kapitel umfassenden Werkes. Zur Entschlüsselung werden die wissenschaftlichen Kommentare zu diesen Stellen herangezogen.

Sieben Einträge erfüllen in dieser Textgrundlage die hier geltenden Auswahlkriterien: die Eingangsverehrung, die zentrale Vidya mit ihrer belegten Variante, der selbstständig verwendete Bhairava-Keim, Om als ausdrücklich angeordneter Einzelruf, ein vollständiger Verehrungsruf an die Richtungsgottheiten und zwei syntaktisch abgeschlossene Lobpreisverse. Die Eingangsverehrung ist vollständig ausgeschrieben; die zentrale Vidya und der Bhairava-Keim sind durch die begründete Entschlüsselung der wissenschaftlichen Edition erschlossen. Die längere Formel wird einschließlich ihrer belegten Variante mit vorausgehendem Om angegeben. Rezitationsform, historische Funktion und heutige Anregung sind dabei zu unterscheiden. Das Brahma Yamala verortet seine Mantrapraxis in einer eingeweihten Ritualgemeinschaft; die Vorschriften für Sadhakas setzen entsprechende Voraussetzungen voraus (45.6–11).[2]

Eingangsverehrung der Gurus und Yogeshvaris

Devanagari: ॐ नमः शिवादिभ्यो गुरुभ्यो योगीश्वरीणाम्

IAST: oṃ namaḥ śivādibhyo gurubhyo yogīśvarīṇām

Fundstelle: unnummerierte Eingangsverehrung vor 1.1; Hatley 2018, Sanskrit S. 303 und 581, Übersetzung und Kommentar S. 383.[5]

Bedeutung: „Om. Verehrung den Gurus, deren Reihe mit Shiva beginnt; [Verehrung] den Herrinnen des Yoga.“ Yogīśvarīṇām ist ein Genitiv Plural, den Hatley an dieser nichtklassisch formulierten Stelle im Sinne eines Dativs versteht. Es steht hier nicht die männliche Form yogīśvarāṇām.

Bezug und Funktion: Die Formel eröffnet das Werk mit der Verehrung der Gurus und der Yogeshvaris beziehungsweise Yoginis. Sie vergegenwärtigt die Überlieferung als etwas Empfangenes und Weitergegebenes. Eine bestimmte Wirkung, Wiederholungszahl oder Atemführung wird ihr an dieser Stelle nicht zugeschrieben.

Heutige Anregung: Wer sich mit der Anrufung identifiziert, kann sie bewusst als Eröffnung des Schriftenstudiums lesen oder sprechen. Die anschließende Aufmerksamkeit auf den Text ist eine redaktionelle Empfehlung, keine zusätzliche Vorschrift des Brahma Yamala.

Die neunsilbige Vidya der Göttin

Bezeichnung: Navākṣarā Vidyā, die neunsilbige Mantraform der Aghori beziehungsweise Chanda Kapalini.

Devanagari: हूँ चण्डे कापालिनि स्वाहा

IAST mit ausdrücklicher Chandrabindu-Wiedergabe: hūm̐ caṇḍe kāpālini svāhā

Übliche wissenschaftliche Umschrift: hūṃ caṇḍe kāpālini svāhā

Belegte Variante mit vorausgehendem Om: ॐ हूँ चण्डे कापालिनि स्वाहाoṃ hūm̐ caṇḍe kāpālini svāhā (übliche Umschrift: oṃ hūṃ caṇḍe kāpālini svāhā). Das zusätzliche Om gehört zu belegten Anwendungen; es ist kein Bestandteil der Zählung der neun Kernsilben.

Fundstelle und Auflösung: 2.6–10 und 2.15 im Zusammenhang der Mantra-Heraushebung; Hatley 2018, S. 159–165, besonders S. 160 und 163–164, sowie der Kommentar zu 2.15, S. 428, Anm. 31. Die neun Kernsilben bilden die Lautgestalten Bhairavas, der vier Devis und der vier Dutis. Hatley begründet hūṃ am Anfang durch parallele Angaben des Werkes und belegt auch die Voranstellung von oṃ.[6]

Bedeutung: „Hūm̐! O Furchtbare, o Schädelträgerin! Svaha!“ Die beiden Anreden gelten der Göttin. Hūm̐ ist ein Bija und besitzt hier keine gewöhnliche wörtliche Übersetzung. Svāhā ist ein ritueller Darbringungsruf; „sei dargebracht“ kann seinen Sinn annähern, ersetzt aber nicht seine Funktion als Mantraschluss.

Bezug und traditionelle Funktion: Die Vidya ist die Lautgestalt der Göttin und zugleich das Grundmuster ihres Gottheitenkreises. Sie strukturiert Verehrung, Nyasa, Vergegenwärtigung und verschiedene Observanzen. Der Text verbindet die Kenntnis des Verfahrens mit ritueller Vollendung (2.3); damit ist keine nachprüfbare Erfolgsgarantie für eine beliebige heutige Rezitation gegeben.

Hinweis zur Rezitation: Die Formel ist vollständig lesbar, gehört im Werk jedoch in den gelehrten und eingeweihten Ritualrahmen. Beim sprachlichen Erschließen verdienen das lange ū, das lange ā in kāpālini und svāhā sowie die Verbindung ṇḍ in caṇḍe besondere Aufmerksamkeit. Eine feste Übungszahl oder Atemlenkung wird hier nicht ergänzt. Die Form mit Om und die neunsilbige Kernform werden als belegte Formen unterschieden; es wird nicht eigenmächtig zwischen ihnen weiter kombiniert.

Smarana: der selbstständig verwendete Bhairava-Keim

Devanagari: हूँ

IAST mit ausdrücklicher Chandrabindu-Wiedergabe: hūm̐

Übliche wissenschaftliche Umschrift: hūṃ

Fundstellen: 2.15 für die Zuordnung zu Kapalishabhairava; 45.19, 23 und 28–29 für den ausdrücklich smaraṇa genannten, selbstständig verwendeten Mantra beim Bad und bei der Vergegenwärtigung des Badeortes. Die Auflösung folgt Hatley 2018, S. 163–164 und 428, Anm. 31; die Verwendung in Kapitel 45 folgt Kiss 2015, Sanskrit S. 129–130 und Kommentar S. 234–235.[7]

Bedeutung und Bezug: Smaraṇa bedeutet „Erinnerung“ beziehungsweise „Vergegenwärtigung“. Dies ist die Bezeichnung der Formel; sie ist keine wörtliche Übersetzung des Lautes hūm̐. Gemeint ist hier der Keim des Kapalishabhairava. Seine Kürze macht ihn nicht zu einem unvollständigen Mantra: Die genannten Stellen verwenden ihn eigenständig.

Traditionelle Funktion: Der Smarana dient im behandelten Badeabschnitt der mantrischen Reinigung und der Vergegenwärtigung des Badeortes als Nektar (45.28). Vers 45.29 nennt für diese konkrete Folge 108 Rezitationen vor dem Gestalten des Gottheitenkreises. Diese Zahl wird hier als Textangabe dokumentiert; sie ist keine allgemeine Vorschrift für jedes Rezitieren des Bija.

Hinweis zur Rezitation: Das lange ū und die Nasalierung gehören zur belegten Lautgestalt. Der Smarana ist in Kapitel 45 in ein mehrgliedriges, durch Mantra und Nyasa bestimmtes Ritual eingebunden. Eine neue Atemtechnik oder eine kontextfreie Einweihungsregel lässt sich daraus nicht ableiten.

Pranava: Om als selbstständiger Ruf

Devanagari:

IAST: oṃ

Fundstelle: 56.126, besonders der dritte Halbvers praṇavaṃ tu samuccārya; Hatley 2007, ältere Zählung LV.126, Sanskrit S. 320, Übersetzung und Kommentar S. 384.[4] Der Text verwendet den Namen Pranava; die Auflösung als Om ist durch den wissenschaftlichen Kommentar bestätigt. Die Formel wird hier ausdrücklich selbstständig ausgesprochen und nicht nur als Bestandteil einer längeren Formel aufgezählt.

Bedeutung und Bezug: Pranava ist die Bezeichnung des heiligen Lautes Om. Er wird hier im shivaitischen Zusammenhang der Begegnung mit einer Yogini verwendet. Eine wörtliche Wortübersetzung ist nicht sinnvoll; die Stelle selbst entfaltet keine zusätzliche Lehre über die einzelnen Buchstaben A, U und M.

Traditionelle Funktion: Nachdem die Yogini mit einer Fußgeste einen drohenden Verlust der erreichten Stellung angezeigt hat, spricht der Sadhaka Om aus und verlässt den Ort. Die folgenden Worte „Ich muss gehen; einen anderen Weg habe ich nicht“ erklären seine Reaktion. Sie sind kein anzuhängender Bestandteil des Mantra. Eine gesonderte Wirkung wie Heilung oder garantierter Schutz wird dem Om-Ruf hier nicht ausdrücklich zugesprochen.

Hinweis zur Rezitation: Der Text setzt den Sadhaka und die Begegnung innerhalb seiner Ritualgemeinschaft voraus. Die Stelle belegt die selbstständige Rezitation von Om, ohne eine Wiederholungszahl oder Atemvorgabe zu nennen. Beim heutigen Schriftenstudium kann der Laut einzeln gesprochen werden; dies ist eine redaktionelle Anregung und kein Nachvollzug der historischen Zeichenprognose.

Verehrung der Gottheiten der Richtungen

Devanagari: नमोऽस्तु दिग्भ्यो देवेभ्यः

IAST: namo ’stu digbhyo devebhyaḥ

Fundstelle: 56.137a; Hatley 2007, ältere Zählung LV.137, Sanskrit S. 321, Übersetzung und Kommentar S. 386, besonders Anm. 52–53.[4] Es handelt sich um den vollständigen Verehrungsruf am Anfang des Verses. Die anschließenden Worte über die früheren Siddhas und Vinayaka gehören grammatisch zur folgenden Darbringung; sie werden nicht zu einer vermeintlich längeren Rezitationsformel angehängt.

Bedeutung: „Verehrung den Gottheiten der Richtungen!“

Bezug und traditionelle Funktion: Der Ruf würdigt die Gottheiten des umgebenden Raumes. Im Vers folgt eine mit hoher Hingabe dargebrachte Ehrengabe für die früheren Siddhas und Vinayaka. Der Text verbindet diese Verehrungsfolge mit der Begegnung und der Gleichstellung mit den Gottheitenfamilien; er schreibt dieses Ergebnis nicht einem beliebigen isolierten Wiederholen des kurzen Rufes zu. Hatley deutet den Zusammenhang vorsichtig als verkürzte Verehrung der Überlieferungslinie.

Hinweis zur Rezitation: Die Formel ist vollständig lesbar und als Verehrungssatz verständlich. Die Verschmelzung namo ’stu entspricht namaḥ astu; das Avagraha in नमोऽस्तु kennzeichnet das ausgefallene Anfangs-a von astu. Ein zusätzliches Om oder Namah wird nicht eingefügt. Die Quelle nennt hier weder feste Rezitationszahlen noch eine Atemtechnik. Eine heutige stille Würdigung des Raumes durch diesen Ruf ist eine redaktionelle Anregung; sie ersetzt nicht den im Text vorausgesetzten Ritualzusammenhang.

Zwei vollständige Lobpreisverse an Shiva

In 83.78 beginnen Brahma und Vishnu, das als unermessliches Licht erschienene Linga zu preisen. Die drei Strophen 83.79–81 bilden ihren gemeinsamen Lobpreis. Hier werden 83.79 und 83.81 als einzelne, ungekürzte Strophen wiedergegeben: Jede enthält einen in sich abgeschlossenen Verehrungssatz mit namaḥ. Dies ist keine Wiedergabe des gesamten dreistrophigen Lobpreises; 83.80 bleibt wegen seiner unsicheren Anfangslesung außerhalb der Rezitationssammlung. Die Quelle bezeichnet diese Worte als Lobpreis, nicht als einen mit besonderer Silbenzahl versehenen Bija-Mantra.[8]

Historischer Bezug: Beide Strophen richten sich an Shiva beziehungsweise Bhairava in der Gestalt des unbegrenzten Linga. In 83.82 erscheint er nach dem gemeinsamen Lobpreis in eigener Gestalt. Das ist die Erzählung des Textes, keine garantierte Wirkung einer heutigen Rezitation. Eine Wiederholungszahl, Atemvorgabe oder besondere Einweihungsregel wird für diese Strophen an dieser Stelle nicht angegeben.

Heutige Verwendung: Die beiden Strophen können beim Schriftenstudium einzeln als Lobpreis gelesen oder gesprochen werden. Sie werden weder mit einem zusätzlichen Om versehen noch zu einer vermeintlich lückenlos überlieferten Gesamtformel zusammengesetzt.

Verehrung des Heilbringenden – 83.79

Bezeichnung: Lobpreisvers an Shiva/Mahadeva.

Devanagari:

नमः कालानलोग्राय शिवायाशिवहारिणे ।
अव्यक्तव्यक्तरूपाय स्थूलसूक्ष्माय शम्भवे ॥

IAST:

namaḥ kālānalogrāya śivāyāśivahāriṇe ।
avyaktavyaktarūpāya sthūlasūkṣmāya śambhave ॥

Fundstelle: Brahma Yamala 83.79; Hatley 2018, S. 608.[8]

Bedeutung: Verehrung Shiva, der furchtbar wie das Feuer der Zeit ist und das Unheil wegnimmt! Verehrung Shambhu, dem Heilbringenden: Seine Gestalt ist unmanifestiert und manifestiert, grob und fein.

Verehrung des grenzenlosen Lichtes – 83.81

Bezeichnung: Lobpreisvers an Shiva/Mahadeva.

Devanagari:

तेजस्विनां महातेज दीप्तज्वालाधाराय च ।
भूर्भुवःस्वःस्वरूपाय खरूपाय महात्मने ।
महासाम्य महालिङ्ग महादेवाय वै नमः ॥

IAST:

tejasvināṃ mahāteja dīptajvālādhārāya ca ।
bhūrbhuvaḥsvaḥsvarūpāya kharūpāya mahātmane ।
mahāsāmya mahāliṅga mahādevāya vai namaḥ ॥

Fundstelle: Brahma Yamala 83.81; Hatley 2018, S. 608.[8]

Bedeutung: O großer Glanz unter den Strahlenden! Verehrung dem Träger leuchtender Flammen, dessen Gestalt Erde, Zwischenraum und Himmel ist; dem raumgleichen großen Selbst! O große Gleichheit, o großes Linga: Verehrung Mahadeva!

Sprachlicher Hinweis: Bhūr, bhuvaḥ und svaḥ bezeichnen hier die drei Welten. Der Originalvers hat drei Halbverse; diese werden vollständig wiedergegeben.

Grenzen der Formelsammlung

Die sechs Yogini-Mantras von 2.11–13 werden nicht zu einer vermeintlich sicheren Rezitationsliste ergänzt: Der Kommentar lässt offen, welche genaue Gestalt der Vidya von den wechselnden Anfangs- und Schlussbestandteilen umschlossen wird. Auch die abweichend verkürzte Darstellung in Hatleys Tabelle von 2020 löst diese Frage nicht für jede Formel ausdrücklich.[9] Die im Kapitel genannten Silben der Devis, Dutis und Mütter sind als Bestandteile und Gottheitenzuordnungen wiedergegeben; ohne gesicherten vollständigen Verwendungszusammenhang werden sie hier nicht pauschal zu selbstständigen Rezitationsmantras erklärt.

Ebenso wenig werden die in Kapitel 45 genannten Astra-, Kavaca- und anderen Mantranamen mit vertrauten Formeln aus anderen Schriften aufgefüllt. Bei 45.104–105 und 45.117 bleiben einzelne Schritte der Lautauflösung offen. Die bloße Nennung „Pranava mit Svaha“ wird daher nicht stillschweigend zu oṃ svāhā ergänzt. Die fragliche Lautgestalt von 45.42 wird ebenfalls nicht als gesicherte Praxisformel ausgegeben. Formeln schädigender oder an ausgeschlossene Praktiken gebundener Riten gehören nicht in diese Sammlung.


In Kapitel 21 begegnen weitere Mantra- und Lautbezeichnungen, etwa Ucchushma-Wörter (21.79), Anaṣka und Lanta (21.94). Sie ergeben an diesen Stellen keine sicher ausgeschriebenen zusätzlichen Rezitationsformeln.

Auch Kapitel 83 wurde im gesamten hier wiedergegebenen Umfang auf zusätzliche geeignete Formeln geprüft. Der gesamte Lobpreis 83.79–81 wird wegen der unsicheren Lesung in 83.80 nicht als vollständig gesicherte Rezitationsformel angeboten; die oben einzeln wiedergegebenen Strophen 83.79 und 83.81 sind davon ausdrücklich unterschieden. Der Hum-Ruf in 83.92 gehört zur Erzählung des Kampfes mit Khatvasura, und Om, Gayatri sowie Savitri in 83.116–117 und 167 sind Gottheiten- beziehungsweise Lautzuordnungen, keine zusätzlichen ausgeschriebenen Mantraanweisungen.

Kapitel 3.1–230 wurde vollständig auf geeignete ausgeschriebene Formeln gesichtet. Seine Gottheitenlisten sind Platzzuordnungen im Mandala. Die verschlüsselten Angaben 3.198–203 gehören zu einem Eingriff in einen Tierkörper; sie werden weder aufgelöst noch als Praxismantras empfohlen. Smarana, Vidya und Pranava in 3.197, 213–214, 223 und 227 bezeichnen vorhandene Mantras, ohne hier neue vollständige Lautgestalten auszuschreiben.

Die Lautangaben hrīṃ, la, huṃ/hūṃ und phaṭ erscheinen hier insbesondere als Umschließungen und Varianten innerhalb bestimmter Ritualanwendungen. Sie werden nicht aus diesen Bedingungen herausgelöst und nicht als neue selbstständige Mantras angeboten. Das gilt insbesondere für die schädigenden Anwendungen 45.306–359 und 401–412.

Im letzten Teil von Kapitel 45 gilt: Die Drohrufe 45.640–643 sind keine Mantras. Das kurze Gebet 45.622 gehört zum dortigen sexuellen Gruppenritual; die Angabe HRĪKṢA in 45.650 wird erst im Kommentar durch ergänzte Nasale aufgelöst. Beide werden hier nicht als zusätzliche geeignete Rezitationsformeln angeboten.

Das zusätzlich ausgewertete Kapitel 48 nennt die Vidya und einen Waffenmantra, ohne ihre Lautgestalt neu auszuschreiben. Die Erlaubnisbitte in 48.5 und die Bitten in 48.25 und 48.32 gehören zum dortigen Grubenritual; sie werden deshalb nicht als Rezitationsempfehlungen in diese Sammlung aufgenommen.

Die neu aufgenommenen Abschnitte 56.99–156, 74.1–77 und 102.1–18 sind ebenfalls vollständig in die Formelsichtung einbezogen. Mritunjaya, Sarasa und Kroncha-Bija in 56.111, 119 und 124 bleiben Mantranamen ohne hier sicher ausgeschriebene Lautgestalt. Die Grußwörter 56.103 sowie die Buchstabencodes 74.3–14 dienen der Verständigung; der Text ordnet für sie keine eigenständige Mantrarezitation an. Die unklare Buchstabenkombination 74.13 wird nicht durch Vermutungen zur Rezitationsliste ergänzt. Kapitel 102 beschreibt Begegnungsformen und Mantrapraxis, enthält jedoch keine weitere ausgeschriebene vollständige Formel.

Das Studium vertiefen

Die 108 Verse machen besondere Zugänge des Brahma Yamala sichtbar. Ihre stärkste Anregung liegt oft in einer konkreten Verbindung: zwischen Laut und Gestalt, innerer Sammlung und äußerer Handlung, Herz und Welt. Für eine vertiefte Beschäftigung lohnt sich die Rückkehr zu den fortlaufenden Abschnitten der Hauptausgabe. Dort stehen auch die schwierigen und für diese Praxisauswahl nicht geeigneten Passagen im historischen Zusammenhang.

Herz und Sonne: ein ergänzendes Bild für heutige Meditation, keine historische Darstellung eines Brahma-Yamala-Rituals.

Ergänzende heutige Meditation

Anahata-Chakra-Meditation mit Sukadev. Diese Anleitung gehört zur heutigen Yoga-Vidya-Praxis; sie ist keine Vertonung der oben wiedergegebenen Verse und keine Mantraanleitung des Brahma Yamala.

Quellen

  1. Shaman Hatley: The Brahmayāmalatantra or Picumata. Volume I: Chapters 1–2, 39–40 & 83. Revelation, Ritual, and Material Culture in an Early Śaiva Tantra. Collection Indologie 133, Early Tantra Series 5. Institut Français de Pondichéry / EFEO / Universität Hamburg, 2018. ISBN 978-81-8470-226-2. Verlag; eingesehenes Digitalisat.
  2. 2,0 2,1 Csaba Kiss: The Brahmayāmalatantra or Picumata. Volume II. The Religious Observances and Sexual Rituals of the Tantric Practitioner: Chapters 3, 21, and 45. Collection Indologie 130, Early Tantra Series 3. Institut Français de Pondichéry / EFEO / Universität Hamburg, 2015. eingesehenes Digitalisat.
  3. Shaman Hatley: „The Lotus Garland (padmamālā) and Cord of Power (śaktitantu): The Brahmayāmala’s Integration of Inner and Outer Ritual“. In: Dominic Goodall, Shaman Hatley, Harunaga Isaacson, Srilata Raman (Hrsg.): Śaivism and the Tantric Traditions. Essays in Honour of Alexis G. J. S. Sanderson. Brill, Leiden/Boston 2020, S. 387–408. DOI; frei zugänglicher Gesamtband.
  4. 4,0 4,1 4,2 Shaman Hatley: The Brahmayāmalatantra and Early Śaiva Cult of Yoginīs. Dissertation, University of Pennsylvania, 2007. Digitalisat. Die aktuelle Kapitelzählung 56 entspricht der älteren Zählung LV; Zuordnung nach den Handschriftenblättern in Hatley 2018, S. 515.
  5. Hatley 2018, Band I, S. 303, 383 und 581. Am beschädigten Beginn des Hauptzeugen zieht die Edition weitere Handschriften heran. Der gedruckte Wortlaut lautet yogīśvarīṇām, mit weiblichem ī-Stamm.
  6. Hatley 2018, Band I, S. 159–165, Tabelle 2.1 und besonders S. 163–164; S. 428, Anm. 31. Die präzisere Sanskritgraphie verwendet bei hūṃ Chandrabindu: हूँ. Die hier verwendete Form hūm̐ macht diese Nasalierung ausdrücklich sichtbar; sie bezeichnet keine zusätzliche Mantrasilbe.
  7. Hatley 2018, Band I, S. 163–164: Deutung des Smarana als hūṃ beziehungsweise हूँ anhand der Buchstabenangabe in 11.36c–39b und weiterer Stellen. Kiss 2015, S. 234 und 326, schlägt dagegen hauṃ vor. Hatley diskutiert und verwirft diese Auflösung ausdrücklich. Die vorliegende Sammlung folgt seiner begründeten Korrektur; hauṃ wird deshalb nicht als gleichwertig gesicherte Rezitationsvariante empfohlen.
  8. 8,0 8,1 8,2 Hatley 2018, Band I, IAST-Anhang F, S. 608, Brahmayāmala 83.78–82. Die Wellenmarkierung betrifft den Anfang von 83.80; 83.79 und 83.81 enthalten keine entsprechende Unsicherheitsmarkierung.
  9. Hatley 2018, Band I, S. 427, Anm. 28; Hatley 2020, S. 393, Tabelle 16.1.

Siehe auch

Seminare

Das Studium des Brahma Yamala lässt sich durch die Beschäftigung mit weiteren indischen Schriften und durch heutige Yoga-Praxis vertiefen.

Indische Schriften

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Sukadev Bretz, Shankari Winkelbauer
01.01.2027 - 10.01.2027 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv A1 - Jnana Yoga und Vedanta

Kompakte, vielseitige Weiterbildung für Yogalehrer rund um Jnana Yoga und Vedanta.
Tauche tief ein ins Jnana Yoga und Vedanta, studiere die indischen S…
Vedamurti Dr Olaf Schönert

Kundalini Yoga

16.10.2026 - 25.10.2026 Chakra-Kur - Reinigung der Chakras

Für die Reinigung der Chakras konzentrierst du dich unter Anleitung jeden Tag auf ein anderes Chakra. Die tägliche Meditation, Yoga Asanas und Pranyam…
Vani Devi Beldzik
25.10.2026 - 30.10.2026 Kundalini Yoga Meditation Kursleiter Ausbildung

Kundalini Yoga Meditationen sind ein faszinierendes weites Gebiet, dessen Potential noch bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Kundalini Meditationen kön…
Adishakti Stein, Viveka Wilde