Kuladharma
kuladharma (Sanskrit: kuladharma m.) = die religiöse Praxis, die einer bestimmten Familie eigen ist
Kuladharma ist ein zusammengesetzter Begriff aus dem Sanskrit, der sich aus kula (Sippe, Familie, Stamm, Hausgemeinschaft) und dharma (Pflicht, Rechtsordnung, ethisches Prinzip, Lebensaufgabe) zusammensetzt. Wörtlich bedeutet kuladharma also die Pflicht oder die moralische Ordnung der Familie beziehungsweise der Sippe. Gemeint ist damit nicht nur ein formaler Regelkatalog, sondern ein Geflecht von sozialen, religiösen und moralischen Erwartungen, die das Verhalten der Mitglieder einer bestimmten Familie oder Gemeinschaft leiten.
Historisch und kulturell hat kuladharma mehrere Ebenen. Auf der individuellen Ebene umfasst es die praktischen Pflichten, die ein Angehöriger einer Familie gegenüber seinen Eltern, älteren Verwandten, Ehepartnern und Kindern hat: Respekt, Versorgung, Weitergabe von Traditionen und Ritualwissen, Teilnahme an Familienritualen und die Bewahrung des guten Namens der Sippe. Auf der rituellen Ebene schließt kuladharma die Pflege von Familienaltären, Ahnenverehrung, wiederkehrende Festakte und bestimmte religiöse Praktiken ein, die innerhalb der Familie als verpflichtend gelten. Auf der sozialen Ebene regelt es oft die Regeln für Heirat, Erbfolge, Stellung innerhalb der Sippe und die Verpflichtungen gegenüber der erweiterten Gemeinschaft.
Kuladharma ist eng verbunden mit dem Gedanken, dass Ethik und Pflicht nicht nur universelle Normen sind, sondern in starkem Maße kontextgebunden: was in einer Familie als richtig gilt, kann sich von einer anderen unterscheiden, weil jede kula ihre eigenen Traditionen, Mythen und sozialen Rollen hat. Deshalb beinhaltet kuladharma auch die Verantwortung, die eigenen Traditionen zu kennen, zu pflegen und, wenn nötig, an die nächste Generation weiterzugeben. Gleichzeitig kann es Spannungen geben zwischen kuladharma und allgemeineren moralischen Prinzipien: individuelle Wünsche oder moderne Werte können mit den Erwartungen der Familie kollidieren, und der Begriff bleibt so ein Beschreibungsrahmen für solche Konflikte ebenso wie für soziale Kohäsion.
In vielen indischen Gesellschaften und historischen Texten wurde kuladharma als zentral für soziale Stabilität angesehen: die gemeinsame Einhaltung familiärer Pflichten stärkt Bindungen, sorgt für die materielle und soziale Absicherung der Mitglieder und erhält rituelle Kontinuität. In zeitgenössischen Kontexten wird kuladharma oft neu ausgehandelt — Menschen versuchen, traditionelle Verpflichtungen mit persönlichen Freiheiten, rechtlichen Normen und modernen Lebensweisen in Einklang zu bringen.