Shivadrishti 108 Verse für die spirituelle Praxis

Aus Yogawiki

Die Tantra Schrift Shivadrishti von Somananda verbindet genaue Untersuchung mit der Einsicht, dass Shiva in jeder Erfahrung gegenwärtig ist. Die folgende Auswahl richtet den Blick auf die Einheit von Bewusstsein und Welt, die Untrennbarkeit von Kraft und ihrem Träger sowie auf Erkenntnis und innere Verehrung. Für Menschen, die Yoga und Meditation üben, kann das langsame Lesen dieser Gedanken eine vertiefende Begleitung sein.

Die Auswahl enthält 108 verschiedene vollständige Originalstrophen in eigenständiger, vereinfachter deutscher Übersetzung. Aufeinanderfolgende Einträge können einen gemeinsamen Satz oder Gedankengang bilden und sollen dann zusammen gelesen werden. Sie stammen aus dem erschlossenen Werk mit sieben Kapiteln und 721 Strophen; es handelt sich um eine Auswahl, nicht um eine Kurzfassung sämtlicher Lehren. Abhinavagupta steht in der späteren Entwicklung dieser Überlieferung, ist aber nicht der Verfasser der Shivadrishti. Die genaue Zuordnung aller Einträge folgt gesammelt nach dem Abschnitt über Mantras.

Siehe auch

Shiva in einer allgemeinen Andachtsdarstellung; kein historisches Porträt Somanandas.
Heutiges Sinnbild für Meditation und innere Sammlung.

108 Verse für die spirituelle Praxis

1. Möge Shiva in unserer Gestalt durch sein eigenes Selbst und seine eigene Kraft dem allumfassenden Selbst Verehrung erweisen. Möge er damit die Hemmnisse aufheben, die ebenfalls sein eigenes Selbst sind.

2. In allen Erscheinungen leuchtet nur das Selbst auf: Shiva, erfülltes und allgegenwärtiges Bewusstsein. Sein Wille entfaltet sich frei; Erkennen und Handeln strömen aus ihm hervor.

3. Wenn er ganz in der Freude des Bewusstseins ruht und darin aufgeht, ist eben dies sein Wollen, sein Erkennen und sein Handeln.

4. Dann besteht der Höchste ungeteilt in der vollkommenen Einheit seiner drei feinsten Kräfte. Er ist ganz von der Freude erfüllt, die das Bewusstsein selbst ist.

5. Bewusstsein, das in sich selbst ruht, findet im Gestalten Erfüllung. Wenn seine Bereitschaft zum Gestalten aufblüht, nennt man dies die erste Hinwendung.

6. Einige große Lehrer nennen sie ein sanftes Anschwellen. Daraus geht der Wille hervor, durch den Shiva als der Wollende erscheint.

7. Wenn diese Hinwendung deutlich hervortritt, ist sie Wille. Doch Shiva selbst wird durch diese Hinwendung niemals zu etwas Grobem.

8. Schon wenn Milch aus dem Euter einer Kuh herabfließt, verändert sie sich. Trotzdem sagt man in diesem Augenblick nicht, sie sei keine Milch mehr.

9. Weil er erkennen oder durch seinen Willen handeln möchte, lassen sich am Willen ein früherer und ein späterer Abschnitt unterscheiden. Was zuerst

10. als Erfüllung in der betreffenden Tätigkeit erfahren wird, ist die Hinwendung und ihre Entfaltung. Darauf folgt die Fähigkeit, das beabsichtigte Ergebnis zu erkennen und zu sehen:

11. dies ist die Kraft der Erkenntnis. Der entschiedene Einsatz für dieses Ergebnis heißt Kraft des Handelns. Aus ihr besteht die ganze Welt.

12. Wenn die Dinge entstehen, bleiben die drei Kräfte vereint. Weder die Hinwendung noch die Erfüllung gehen dabei verloren.

13. Fiele auch nur eine dieser Kräfte aus, könnte keine Wirkung entstehen. Deshalb sind alle Dinge in inniger Einheit verbunden.

14. Auch beim Wahrnehmen eines Kruges ist das so: Ihn zu erkennen ist eine Handlung, und das Erkennen ist zugleich Wissen. Ohne Wollen wäre kein Erkennen möglich.

15. Ohne Hinwendung käme das Erkennen zum Stillstand; ebenso ohne Erfüllung. Dem Verhassten wendet man sich nicht zu. Und ohne Bewusstsein wird überhaupt nichts erkannt.

16. In allen Dingen besteht das gleiche Shiva-Sein. Unterschiede zwischen höher, niedriger und Ähnlichem haben die jeweiligen Anhänger ihrer Lehren aufgestellt.

17. Das Shiva-Prinzip ist ewig, grenzenlos und trägt die Unterschiede in sich. Weil es auf diese Weise besteht, ist auch die Vielfalt seiner Gestalten wirklich.

18. Wie alle Dinge ihrer Natur nach der erhabene Shiva sind, so auch das Organ der Rede. Es allein ist jedoch nicht der höchste Zustand.

19. Die Tätigkeit in Kehle, Mund und Atemluft dient dem Sprechen als Werkzeug. Auch das Wort, vom Klang angefangen in seinen verschiedenen Formen, ist seinem Wesen nach Shiva.

20. Dieses Shiva-Sein wird dem Wort auch andernorts bei einer Einweihung mit fünf Wirklichkeitsebenen zugesprochen. Damit wird die Rede jedoch nicht allein ausgezeichnet. Alles ist seiner Natur nach Shiva.

21. Nun zu denen, die voller Hingabe die Kraft als das Höchste preisen: Durch Begründung ist der Gott aufgezeigt worden, aus dem die Entfaltung der Kraft hervorgeht.

22. Wird die Wirklichkeit nach ihrer Kraft benannt, so ist das Benannte seinem Wesen nach Shiva. Shiva ist niemals ohne Kraft, und die Kraft ist niemals von ihm getrennt.

23. Shiva besitzt die Macht, die Dinge nach seinem Willen hervorzubringen, und wendet sich diesem Wirken zu. Die Shiva-Lehre behauptet keine Trennung zwischen der Kraft und dem, der sie besitzt.

24. Durch seinen Willen ist er alle Dinge und nimmt viele Gestalten an. Um die Gesamtheit der Dinge hervorzubringen, verändert er nicht sein eigenes Wesen.

25. Unmittelbar mit seinem Willen ist er von der entsprechenden Gestalt. Wie ein Yogin durch die vielen Körper der Heerscharen, die er hervorbringt,

26. nicht aufgeteilt wird, so teilen auch mittlere, höchste und niedrigste Dinge den Herrn nicht auf. Ebenso kann man an das Meer und seine Wellen denken.

27. Hat Wasser die Gestalt einer Welle angenommen, wird es nicht mehr „Wasser“ genannt. Dennoch geht seine Natur als Wasser während des Wellenseins nicht verloren.

28. Ruhendes Wasser ist Wasser, und als Welle bleibt es Wasser. Im einen Fall wird es durch Wellen näher beschrieben, im anderen durch seine Ruhe.

29. Wenn sein Wesen unversehrt bleibt, woher könnten dann Reinheit, Minderwertigkeit und ähnliche Unterschiede kommen? Ob Gold zu einem Spuckgefäß oder zu einer Krone geformt wird: Seine Goldnatur

30. bleibt bestehen; das Gold selbst wird dadurch nicht verschieden. Feuer im Haus eines Chandala wird als „kein Feuer“ bezeichnet.

31. Doch es bleibt Feuer. Warum verlangen die Schriften dann, es rituell aufzubereiten? Diese Aufbereitung ist eine Handlung für einen bestimmten Zweck.

32. Das eigene Wesen wird dadurch nicht geteilt; es bleibt, was es ist. Für den praktischen Umgang legt man lediglich eine Bezeichnung fest.

33. Auch der alltägliche Umgang ist nicht einfach Nichtwissen: Der Herr selbst ist darin gegenwärtig. Oder er hat diese Ordnung eingerichtet, und man verhält sich ihr entsprechend.

34. Nach seinem eigenen Willen besteht Shiva in diesem oder jenem Zustand und ist dessen Wesen. Weil alles sein Wesen ist, gibt es keine Bindung. Wo keine Bindung ist, gibt es auch keine Befreiung von ihr.

35. Wozu braucht es dann Lehrer und Schriften? Weil der Gott auch in dieser Weise besteht. Doch was wird dann durch Erkenntnis aus einer Schrift gewonnen?

36. Warum hast du die Schrift begonnen, und wen willst du damit zum Erkennen führen? Er selbst ist es, der aus freiem Willen sowohl als Verfasser als auch als Lernender besteht.

37. Er selbst wird in diesem Augenblick zum Erkennenden. Er selbst ist auch derjenige, der sich ganz der Übung widmet.

38. Trägt die Übung eine Frucht, ist er selbst auch diese Frucht. Warum gibt es dann Behauptung und Gegenbehauptung? Weil er in beiden gegenwärtig ist.

39. Die Kräfte erscheinen als viele Dinge und bleiben mit ihrem Träger eins. Darum besteht nur ein einziger Mächtiger: Shiva selbst, in dieser oder jener Weise.

40. Wenn eine Erfahrung sagt „Es ist“, wie könnte das Erfahrene nicht sein? Was ist, ist höchste Wirklichkeit; und diese höchste Wirklichkeit ist Shiva.

41. In allen Dingen zeigt sich Bewusstsein; darin liegt ihre höchste Wirklichkeit. Auch was im Irrtum oder in der Vorstellung erscheint, besitzt Sein durch seine Fähigkeit, Bewusstsein sichtbar werden zu lassen.

42. Diese Fähigkeit ist auch dort vorhanden. Wer könnte also das Shiva-Sein solcher Erscheinungen ausschließen? Ihre Wirklichkeit steht gerade dadurch fest, dass Bewusstsein in ihnen hervortritt.

43. Shiva wird durch seine eigene Natur selbst als die Dinge gegenwärtig. Auch dies zeigt, dass die Wirkung schon besteht: Ist ein Krug etwas anderes als der Tonklumpen,

44. oder ist er von ihm ungetrennt? Wäre er etwas anderes, warum könnte man dann aus Ton nicht ebenso ein Tuch herstellen? Der Ton wäre nicht mehr seine stoffliche Ursache. Ist der Krug ungetrennt, ist er eben dieser Ton.

45. Aber Name und Form unterscheiden sich doch! Auch Hand und Faust sind nicht voneinander verschieden. So steht fest, dass die Wirkung bereits besteht. Daraus folgt auch die Unvergänglichkeit

46. Shivas, wenn Dinge vergehen: Wird eine goldene Krone zerstört, bleibt das Gold. Was als Armreif vergeht, besteht als Ohrring oder in einer anderen Gestalt weiter.

47. Dabei geht die Goldnatur nicht verloren. Betrachte auch die Form selbst: Ist sie vom Shiva-Sein durchdrungen oder nicht? Sage es.

48. Wäre sie durchdrungen, müsste Shiva mit ihr vergehen; wäre sie nicht durchdrungen, wäre er örtlich begrenzt. Darauf ist zu antworten: Wir nehmen keinen vollständigen Untergang der Dinge an.

49. Vergehen heißt, dass ein Teil offenbar wird; es bedeutet keine völlige Auslöschung. Ginge auch das Offenbarwerden wieder zugrunde, würde die Folge der Aufhebungen endlos weitergehen.

50. Was hier Vergehen heißt, ist lediglich ein Unvermögen der Sinne. Es ist ein Nicht-Offenbarsein: Das betreffende Ding besteht nun verhüllt.

51. Auch deshalb vergeht der Krug nicht vollständig: Er kann erneut hergestellt werden. Wäre sein Wesen ins Nichtsein übergegangen, wäre dies nicht möglich.

52. Wenn Dinge vergehen, bleibt das Shiva-Prinzip also unvergänglich. Dass alles Shiva ist, zeigt auch folgende Überlegung: Nirgends gibt es ein Ganzes,

53. das von seinen Teilen getrennt besteht. Untersuche, wie in unterschiedlichen Teilen Einheit und Ungetrenntheit vorhanden sind.

54. Darin erkenne die Macht des Herrn: Sie lässt Unterschied im Ungeteilten und Ungeteiltheit im Unterschiedenen bestehen.

55. Wie eine Gestalt in ihren Teilen gegenwärtig ist, so ist sie in allen Dingen gegenwärtig. Hand, Fuß und Kopf befinden sich an verschiedenen Stellen, und doch bilden sie eine Einheit.

56. Erkenne daher die umfassend eine Wirklichkeit als Shiva. Auch die Erinnerung weist darauf hin: Was ist es eigentlich, das erinnert wird?

57. Wäre es genau so gegenwärtig wie beim Sehen, wäre es ein Sehen. Oder es wäre die damalige Erkenntnis selbst. Verständlich wird Erinnerung durch die Einheit von Gesehenem und Erinnern.

58. Beim Wiedererkennen heißt es: „Dieser ist derselbe wie damals.“ Wie könnte das bei zwei Erkenntnissen aus verschiedenen Zeiten möglich sein?

59. Sind beide eins oder nicht eins? Wie könnten getrennte Erkenntnisse eins sein? Sind sie nicht eins, kann man nicht sagen: „Dieser ist jener“ – so wenig wie ein Krug derselbe Gegenstand wie ein Stab ist.

60. So steht die Einheit in der Erfahrungswelt deutlich fest. Dasselbe gilt für eine Verbindung, wenn sie als wirklich angenommen wird,

61. ob durch die Dinge selbst, durch ihre Natur oder auf andere Weise. Alle Dinge können nur durch Einheit miteinander zusammenhängen.

62. Wenn alle Dinge nur durch eine einzige gemeinsame Wirklichkeit verbunden sind, warum wurde diese Einheit dann in Unterschiede aufgegliedert?

63. Auch in der Gliederung bleibt sie immer bestehen. Deshalb wird nun erklärt, wie in allen Dingen Gleichheit und dieselbe Natur vorhanden sind.

64. Niemals besteht eine wesentliche Trennung. Hört deshalb zu: Wenn alle Dinge Bewusstsein sind, wodurch ließe sich ein Unterschied begründen? Man möge es sagen.

65. Das gemeinsame Wesen durchdringt auch die Unterschiede; darum bleibt die Einheit im Unterschiedenen wie im Ungeteilten bestehen. Alle Dinge besitzen Willen, und alle sind allgegenwärtig.

66. Alle sind ihrer Natur nach unkörperlich. Alle bestehen aus Erkennen und Handeln. Alle sind mächtig und erfassen ihren Willen von innen her.

67. Alle erkennen beständig ihr eigenes Selbst. Alle entfalten sich, haben Freude und sind mit Erfüllung verbunden.

68. Alle Dinge bestehen überall und erkennen ihr eigenes Selbst. Der Krug erkennt durch mein Selbst, oder ich erkenne durch das Selbst des Kruges.

69. Ich erkenne durch das Selbst Sadashivas, oder er erkennt durch meines. Der Mensch Yajnadatta erkennt durch Shivas Selbst, und Shiva durch das Selbst Yajnadattas.

70. Der Krug erkennt durch Sadashivas Selbst, und Sadashiva durch das Selbst des Kruges. Alle Dinge sind ihrem Wesen nach alle anderen, weil jedes die Natur aller in sich trägt.

71. In jedem ist alles gegenwärtig, in den Gestalten der verschiedenen Dinge. Der Krug hat mein Wesen, und ich habe das Wesen des Kruges.

72. Shiva selbst erkennt in den vielen Dingen sein eigenes Selbst. So besteht er als Offenbarwerden des Bewusstseins, grenzenlos und in die Vielfalt der Unterschiede entfaltet.

73. Damit ist die Gleichheit aller Dinge in allen Dingen begründet. Alles ist als alldurchdringend und als Gestalt Shivas erkannt.

74. Wie Ohrringe und andere goldene Formen ganz und gar Gold sind, so bleibt das überall gegenwärtige Shiva-Sein durch seine Allgegenwart ungeteilt.

75. Alle Befreiten bestehen durch Allwissenheit und ihre weiteren Eigenschaften als Shivas. Sie sind alle allgegenwärtig, und alle erkennen ihr eigenes Selbst.

76. Auch in diesem Zustand gibt es keinen Unterschied in ihrer Bezeichnung. Was könnte ihre Einheit aufheben, wenn auch die gemeinsame Natur feststeht?

77. Im Shiva-Sein gibt es keinen wesentlichen Unterschied. Einzelne Kühe, etwa eine gescheckte und andere, unterscheiden sich in Farbe, der Anordnung ihrer Merkmale und Ähnlichem;

78. so entstehen ihre Besonderheiten. Bei den Befreiten gibt es nichts Entsprechendes. Da sie keine solchen Unterschiede besitzen, wodurch könnte man ihre Einheit ausschließen?

79. Oder ihre Einheit zeigt sich darin, dass sie alle Tätigkeiten zugleich vollziehen, übereinstimmen und ohne Missgunst sind. Damit kommt die Welt zustande. Ihre Allwissenheit lässt keinen Widerstreit entstehen.

80. Ob eine Shiva-Lehre viele Selbstwesen oder eine ungeteilte Wirklichkeit annimmt: Dass alles alle Gestalten und das Selbst von allem besitzt, lässt sich nicht ausschließen.

81. Shiva-Sein besteht überall, weil es unendliche Kräfte besitzt und diese niemals verliert. Gerade die Lehrer der Shiva-Lehre haben dies besonders deutlich gemacht.

82. Nachdem feststeht, dass das Shiva-Prinzip überall gegenwärtig ist, lässt sich sagen: Ob man es erkennt oder nicht, das Shiva-Sein bleibt unaufhebbar.

83. Leuchtet Feuer nicht, gleich ob man es erkennt oder nicht? Ist unerkanntes Gold etwa kein Gold? Wird es deshalb zu einem Stein?

84. Gewiss bleibt es Gold. Doch erst, wenn man es erkannt hat, nutzt man es entsprechend seinem Wert und seinen anderen Eigenschaften oder gibt es als Geschenk weiter.

85. Ein unerkannter Wunschedelstein bleibt zweifellos ein Wunschedelstein. Wer wollte dennoch bestreiten, dass sein Erkennen dazu dient, seine Wirkungen zu erfahren?

86. Braucht man für Gold, das man einmal erkannt hat, noch eine vertiefende Vorstellung als Mittel? Wenn man durch ein Erkenntnismittel, die Schrift oder das Wort des Lehrers einmal

87. mit fester Einsicht erkannt hat, dass Shiva-Sein in allem besteht, bleibt weder durch ein weiteres Mittel noch durch vertiefende Vorstellung etwas herzustellen.

88. Meditation bedeutet hier: Mit dem Auge innerer Vergegenwärtigung alles in all seinen Gestalten erkennen. Dies ist die rechte Betrachtung, die alles schaut.

89. Welcher Sinn auch immer einen Gegenstand erfasst: Wird dabei dessen wirkliches Shiva-Sein erkannt, heißt auch dies Meditation.

90. Wenn in irgendeiner Erfahrung der Gedanke „Ich bin Shiva“ aufkommt, nennt man auch das Verweilen in dieser Einsicht Meditation.

91. Beim Gehen oder Stehen, Laufen oder Essen diesen Sinn niemals aufzugeben: Das ist der Yoga des höchsten Yogin.

92. Ob ich mir mein Shiva-Sein vergegenwärtige oder nicht: Ich bleibe Shiva. Darin so beständig gewiss zu sein wie in der Beziehung zu Vater, Mutter und anderen vertrauten Menschen, macht das Yogin-Sein aus.

93. Der Vergleich mit Gold im Schatz und Ähnlichem zeigt die Wirklichkeit des Yoga: „Ich bin Shiva; aus meinem Willen entfalten sich alle Dinge.“

94. „Ich bin jener Shiva und bin vollkommen erfüllt“: Dies heißt das höchste Feueropfer. „Was ich in dieser Gestalt nicht habe, habe ich in einer anderen.

95. Darum bin ich ohne Verlangen.“ Solches Erfülltsein ist ein weiteres Feueropfer. „Verehrung macht mich nicht zufriedener, und wenn Verehrung ausbleibt, bedrückt mich das nicht.“

96. Weil er von den Verehrenden nicht getrennt ist, geschieht immer Verehrung: So ist Verehren zu verstehen. „Die Verehrung, die mir in dieser Gestalt als Sadashiva

97. im Linga oder in anderen Formen dargebracht wird, gilt mir; ich werde immer verehrt.“ Auch so besteht Verehrung. Wer verehrt, das Verehren selbst und das Verehrte: Alles ist Shiva.

98. Was braucht es bei diesem Selbst-Sein noch an Befriedigung oder an Verehrung eines anderen? In allen Gestalten werde ich durch das jeweils Erfahrene verehrt.

99. Wo ich auch genieße, bin ich durch das Erkennen mit dem Genuss verbunden. Ich bin Shiva, der in den Mitteln gegenwärtig ist; ich bin Shiva und ebenso der Opfernde.

100. Allein Shiva ist gegenwärtig: In dieser wahren Haltung besteht das höchste Opfer. Welches Opfer auch immer, an welchem Ort, durch welche Menschen und mit welchen Mitteln vollzogen wird,

101. ich selbst vollziehe es. Weil es Shiva ist, ist es das höchste Opfer. „Ich gehe zu Shiva; ich gehe als Shiva, durch Shiva und mit Shiva als Mittel.“

102. „Auch wenn ich verschieden erscheine, bin ich nicht getrennt: Ich bin Shiva.“ So geschieht jede Bewegung. Shiva genießt, Shiva wird genossen; unter Shivas und mit Shiva als Mittel

103. geht nach dem Genießen der Shiva-Zustand auf. So besteht das Genießend-Sein. „Shiva handelt, Shiva ist die Handlung beziehungsweise ihr Gegenstand, und ich bin Shiva als Werkzeug.“

104. Auch die Frucht ist Shiva. So verstehen die Verständigen das Wirken. Wozu braucht es eine vertiefende Vorstellung oder ein Mittel, wenn Shiva unaufhörlich hervortritt?

105. „Wie immer wir uns befinden, so sind wir gegründet“: So lebt der Erwachte. Was er sieht, berührt, riecht und schmeckt,

106. und was er hört, ist das Offenbarwerden Shivas. Darin ruht er als Shiva. Beim Gehen, Greifen, Sprechen, in Glück und anderen Erfahrungen

107. ist Shiva-Sein stets gegenwärtig. Wer darin fest vertraut, ist als allgegenwärtiger Shiva gegenwärtig; ebenso durch festes Verweilen beim Denken, beim Selbstzuschreiben und beim Erkennen.

108. In Glück, Schmerz und Verblendung bin ich der höchste Shiva. Dies ist hier dargelegt worden: Alles ist seinem Wesen nach Shiva.


Mantras aus dem Shivadrishti

Im erschlossenen Grundtext ist ein vollständiges Eingangsgebet gesichert. Eine davon zu unterscheidende selbstständig vorgeschriebene technische Mantraformel konnte nicht gesichert werden. Die Aussagen „Ich bin Shiva“ und die Deutungen des Japa im siebten Kapitel stehen im Zusammenhang von Erkenntnis und innerer Verehrung; sie werden deshalb hier nicht als eigenständig überlieferte Rezitationsmantras ausgegeben. Das Gebet wird ohne zusätzliche Silben wiedergegeben.

Eingangsgebet: Shiva verehrt sein allumfassendes Selbst

अस्मद्रूपसमाविष्टः स्वात्मनात्मनिवारणे ।
शिवः करोतु निजया नमः शक्त्या ततात्मने ॥

asmadrūpasamāviṣṭaḥ svātmanātmanivāraṇe |
śivaḥ karotu nijayā namaḥ śaktyā tatātmane ||

Übersetzung: Möge Shiva, der unsere Gestalt angenommen hat, durch sein eigenes Selbst und mit seiner eigenen Kraft seinem allumfassenden Selbst Verehrung erweisen, um die Hemmnisse aufzuheben, die ebenfalls sein Selbst sind.

Bezug und Funktion. Shiva und seine eigene Kraft, Shakti. Bitte um Aufhebung von Hemmnissen durch Verehrung. Der Vers fasst Verehrenden, Kraft und Verehrtes im Shiva-Selbst zusammen.

Überlieferter Gebrauch. Die vollständige Eingangsstrophe ist sprachlich ein Gebet: karotu („möge er tun“) und namaḥ („Verehrung“). Es werden keine Wiederholungszahl, Atemführung, Einweihungspflicht oder besondere Observanz für diesen Vers genannt.

Nachweise und Hinweise zur Lektüre

Die Texte können als Einladung gelesen werden, Erkenntnis und Verehrung aufeinander zu beziehen. Als heutige Anregung bietet es sich an, einen zusammenhängenden Gedankengang langsam zu lesen und seine Aussage im eigenen Erleben zu prüfen. Das ist keine zusätzliche Originalstrophe und keine vom Werk vorgeschriebene Methode. Für den vollständigen Zusammenhang dienen Sanskrit und Gesamtübersetzung sowie der Devanagari-Text.

Konkordanz der 108 vollständigen Originalstrophen.

Auswahl Originalposition und Haupttext Druckseite PDF-Seite
1 1.1 2 13
2 1.2 4 15
3 1.3 6 17
4 1.4 6 17
5 1.15 15 26
6 1.16 16 27
7 1.17 16 27
8 1.18 16 27
9 1.19 17 28
10 1.20 17 28
11 1.21 17 28
12 1.22 18 29
13 1.23 18 29
14 1.24 19 30
15 1.25 19 30
16 1.48 34 45
17 1.49 35 46
18 2.88 92 103
19 2.89 92 103
20 2.90 92 103
21 3.1 94 105
22 3.2 96 107
23 3.3 96 107
24 3.35 111 122
25 3.36 112 123
26 3.37 112 123
27 3.38 113 124
28 3.39 113 124
29 3.44 114 125
30 3.45 114 125
31 3.46 114 125
32 3.47 114 125
33 3.48 115 126
34 3.72 127, 128 138, 139
35 3.73 128 139
36 3.74 128, 129 139, 140
37 3.75 129 140
38 3.76 129 140
39 4.5 147 158
40 4.6 148 159
41 4.7 148 159
42 4.8 148 159
43 4.51 169, 170 180, 181
44 4.52 170 181
45 4.53 171 182
46 4.54 171, 172 182, 183
47 4.55 172 183
48 4.56 172 183
49 4.57 172, 173 183, 184
50 4.58 173 184
51 4.59 173 184
52 4.60 173, 174 184, 185
53 4.61 174 185
54 4.62 174 185
55 4.63 174, 175 185, 186
56 4.118 182 193
57 4.119 182 193
58 4.120 183 194
59 4.121 183 194
60 4.122 183 194
61 4.123 183 194
62 5.1 184 195
63 5.2 184 195
64 5.3 184 195
65 5.4 184 195
66 5.5 184 195
67 5.6 184 195
68 5.105 194 205
69 5.106 194 205
70 5.107 194 205
71 5.108 194 205
72 5.109 195 206
73 5.110 195 206
74 6.92 205 216
75 6.120 208 219
76 6.121 208 219
77 6.122 208 219
78 6.123 208 219
79 6.124 208 219
80 6.125 208 219
81 6.126 208 219
82 7.1 209 220
83 7.2 209 220
84 7.3 209 220
85 7.4 209 220
86 7.5 209 220
87 7.6 209 220
88 7.78 217 228
89 7.79 217 228
90 7.80 217 228
91 7.81 217 228
92 7.82 217 228
93 7.83 217 228
94 7.91 218 229
95 7.92 218 229
96 7.93 218 229
97 7.94 218 229
98 7.95 218 229
99 7.96 218 229
100 7.97 218 229
101 7.98 219 230
102 7.99 219 230
103 7.100 219 230
104 7.101 219 230
105 7.102 219 230
106 7.103 219 230
107 7.104 219 230
108 7.105 219 230

Mantranachweis: Eingangsgebet – Shiva verehrt sein allumfassendes Selbst. Shivadrishti 1.1, Druck S. 2, PDF S. 13; vollständige Strophe. Keine zusätzliche Anfangs- oder Schlussformel. Als Gebet aufgenommen, nicht als technisch vorgeschriebenes Mantra. Die im siebten Kapitel belegten inneren Aussagen und Japa-Deutungen stehen besonders in 7.80–87 und 7.88–105. Sie werden nicht als selbstständig belegte Lautformeln ergänzt.

Auswahl und Texttreue. Die 108 Einträge sind verschiedene ganze Strophen, keine herausgelösten Halbverse und keine neu geschaffenen Lehrsätze. Fragen und Antworten bleiben zusammen lesbar. Die Folgen über Gold, Feuer, Ton und Wiedererkennen dienen philosophischen Unterscheidungen. ‚Chandala‘ in der Gold-Feuer-Folge ist eine historische soziale Bezeichnung; der Gedankengang unterscheidet gesellschaftlich-rituelle Benennung vom unversehrten Wesen. ‚Linga‘ bezeichnet in der Verehrungsfolge ein Shiva-Symbol. Die Aussagen über allwissende Befreite gehören zum philosophisch-religiösen Rahmen des Werkes. Die vier Erfassungsfehler an 3.38, 4.57, 5.108 und 6.121 wurden anhand dokumentierter Drucklesungen geklärt; Strophen mit verbleibender Teilunsicherheit wurden nicht ausgewählt.

Leitquelle ist die von Madhusudan Kaul Shastri herausgegebene Druckausgabe, Kashmir Series of Texts and Studies 54, 1934, gedruckte Seiten 1–221. In der verwendeten 238-seitigen PDF-Datei entspricht die PDF-Seite jeweils der Druckseite plus 11. Der elektronische Muktabodha-Text M00081 in der Wiedergabe von Vishvasa diente zur Erfassung und Kontrolle; er ist kein unabhängiger Handschriftenzeuge. Die deutsche Fassung ist eine für diese Ausgabe erstellte Übersetzung. Neuere kritische Ausgaben von John Nemec konnten bibliografisch berücksichtigt, aber nicht als vollständig eingesehene Sanskritgrundlage verwendet werden. Ergänzend wurden einzelne Seiten der Ausgabe von Radheshyam Chaturvedi (1986) am Scan verglichen. Seine Erläuterungen zu den hier nachgeprüften späteren Strophen sind moderne Deutungen. Für 4.90 wurde eine Lesung aus indexierten Auszügen von Nemecs Forschungsaufsatz (2019) übernommen; die Einzelanmerkung nennt Wörter, Quellenzugang und abweichende Nummerierung.

  • Somānanda: The Sivadristi of Sri Somanandanatha with the Vritti by Utpaladeva. Herausgegeben von Madhusudan Kaul Shastri. Kashmir Series of Texts and Studies 54, 1934. Vollständiger Scan der Leitquelle.
  • Muktabodha Digital Library, Textkennung M00081: Śivadṛṣṭi. Elektronische Wiedergabe bei Vishvasa. Die zusätzlich dort angebotenen Kapitelkopien wurden zur Kontrolle herangezogen.

Ergänzende Medien und Seminare

Heutige geführte Meditation von Yoga Vidya: ‚Erfahre dich selbst als reines Bewusstsein‘. Ergänzende Praxis aus einem modernen Lehrzusammenhang.

‚Klangmeditation mit Heidrun‘: heutige ergänzende Meditationspraxis; keine historische Aufführung von Formeln der Shivadrishti.

Die folgenden aktuellen Angebote führen zu passenden allgemeinen Themen. Sie sind keine Ankündigung einer besonderen Shivadrishti-Ausbildung.

Meditation

18.10.2026 - 23.10.2026 Yoga und Meditation Intensiv-Praxis

Die Kernpraktiken des Yoga werden intensiv geübt: längere Meditation, ausgedehntes Mantra-Singen, Pranayama intensiv und meditative Yoga Asanas beflü…
Dana Oerding, Chamundi Wollweber
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Stille – Schweigen – Sein. In der Abgeschiedenheit des Shivalaya Retreatzentrums fühlst du dich dem Himmel ganz nah. Mit intensiver Meditations- un…
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