Ashtadhyayi

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Ashtadhyayi (Sanskrit: अष्टाध्यायी aṣṭādhyāyī f.) wörtl.: "Die, welche acht (Ashta) Abschnitte bzw. Kapitel (Adhyaya) enthält"; Name der berühmten Sanskritgrammatik des Panini, die bereits 1840 von Otto von Böhtlingk herausgegeben, ins Deutsche übersetzt und mit umfangreichen Indices versehen wurde.

Überblick

Dieser grundlegende Text zur Sanskritgrammatik (Vyakarana) ist im sogenannten Sutrastil verfasst, d.h. er bedient sich einer äußerst knappen Ausdrucksweise, um komplizierte Zusammenhänge definitionsartig darzustellen. Alle Sanskritgrammatiken späterer Autoren haben sich an Paninis Standardwerk orientiert, das noch heute von jedem Sanskritgelehrten Indiens als unübertroffene Autorität zitiert wird. Panini behandelt sowohl das vedische Sanskrit, in dem die ältesten uns überlieferten altindischen Texte überliefert sind, als auch das sogenannte klassische Sanskrit, das die Gebildeten (Shishta) seiner Zeit sprachen. Somit wirkten die von ihm niedergelegten grammatischen Regeln gleichermaßen deskriptiv (in Bezug auf die ihm bekannten Ausprägungen des Sanskrit) als auch präskriptiv, da von dieser Zeit an das klassische Sanskrit bis in die heutige Zeit in seiner Form fixiert bzw. "genormt" war.

Lehrinhalt

Wortbildung (Morphologie)

Insofern die Wortbildung den vielleicht bekanntesten und wesentlichsten Aspekt der Ashtadhyayi ausmacht, spricht man gelegentlich von ihr als einer "generativen Grammatik". Sie gibt nämlich ein umfangreiches Regelwerk an die Hand, mit dem die fertigen Wörter des Sanskrit über mehrere Schritte, von der Wurzel (Dhatu) über den Wortstamm gebildet, also "generiert" werden. Einem solchen Regelwerk geht selbstverständlich eine hochpräzise Sprachanalyse voraus, die im Bereich der indo-europäischen Sprachen (und wohl auch weltweit) ihresgleichen sucht. Viele der hier erkannten Bildungsprinzipien von flektierenden Sprachen, wie etwa die Ableitung eines Wortes von einer Wurzel (Dhatu), wurden in der sich im 19. Jahrhundert entwickelnden westlichen vergleichenden Sprachwissenschaft (Indogermanistik) zum unentbehrlichen Grundinstrumentarium.

Vedischer Akzent

Ein weiterer Aspekt von Paninis Grammatik ist der vedische (musikalische) Akzent. Dieser betrifft allerdings nur das vedische Sanskrit (Chhandas), da er in der späteren, als "klassisch" bezeichneten Sprache verloren ging. In späteren, auf Panini basierenden Sanskrit-Grammatiken, wie etwa dem in buddhistischen Kreisen gebräuchlichen Katantra, wurden diese Akzentregeln folgerichtig ausgespart.

Syntax

Die Syntax, d.h. die Regeln des grammatischen Zusammenhangs der (fertig gebildeten) Worte im Satz (Syntagma), ist ein weiterer wichtiger Bereich. Besonders die Lehre von der Verwendung und Bedeutung der acht Fälle (Kasus) des Sanskrit fand als sogenannte Karaka-Theorie auch in der modernen Sprachwissenschaft (Linguistik) große Beachtung. Nicht zuletzt wird in diesem Bereich auch die im Sanskrit sehr produktive Bildung von zusammengesetzten Substantiven (Komposita bzw. Samasa) behandelt.

Technische Termini

Panini verwendet eine große Anzahl von grammatischen Fachbegriffen, die er zum Teil von älteren Grammatikern, die uns zwar dem Namen nach überliefert wurden, deren Werke allerdings verloren gegangen sind, übernommen hat. Darüber hinaus schuf er auch eigene, neue Bezeichnungen grammatischer Phänomene. Eine besonders beachtenswerte Errungenscharft seiner grammatischen Terminologie sind diejenigen technischen Termini, die er als eine Art Kunstsprache geschaffen und mit formelhafter Präzision in seinen Sutras verwendet hat.

Diese Vorgehensweise ermöglichte es ihm, dem Sutrastil innerhalb seiner Sanskritgrammatik zu einer nicht mehr zu übertreffenden Kürze und Präzision zu verhelfen. So verwendet er beispielsweise nicht nur die bis dahin üblichen Begriffe für die einzelnen Zeitformen (Tempora) des Sanskrit wie etwa Gegenwart (Vartamana) oder Perfekt (Paroksha), sondern führt für diese abstrakte Kürzel ein. So steht bei ihm laṭ für die Gegenwart und liṭ für das Perfekt.

Beispiel zur theoretischen Wortbildung

Etwas vereinfacht funktionert, unter Beachtung aller relevanten Reglen, die Wortbildung bei Panini wie folgt:

Um ein fertig konjugiertes Verb (Akhyata) wie etwas bhavati "er/sie/es ist" zu erhalten, müssen die folgenden Schritte ausgeführt werden:

  1. Aus der Verbalwurzel (Dhatu) bhū "sein" wird ein Stamm gebildet.
  2. An diesen Verbalstamm, der bhava- lautet, tritt ein abstraktes Suffix (Pratyaya), welches die Gegenwart (Präsens) bezeichnet, das technisch laṭ heißt: bhava + laṭ.
  3. Für das abstrakte Suffix laṭ wird nun das (abstrakte) Suffix tip substituiert, welches die 3. Person Singular (er, sie, es) bezeichnet: bhava- + tip. Diesem Suffix entspricht die Personalendung -ti, so dass aus dem Stamm bhava- und der Personalendung -ti das konjugierte Verb bhavati "er/sie/es ist" entsteht.

Auf diese Weise können im Sanskrit alle konjugierten Verben (Akhyata) sowie die von den Verbalwurzeln (Dhatu) abgeleiteten deklinierten Substantive (Naman) und Verbaladjektive hergeleitet werden.

Hier noch ein Beispiel für Paninis Verwendung des Sutrastils: Das folgende Sutra (3.2.123) besagt, dass das abstrakte Suffix laṭ (wie im obigen Beispiel gezeigt) an einen Verbalstamm antritt, um die Gegenwart zu bezeichnen. Bei Panini heißt das dann: vartamāne laṭ - "(Das Suffix) laṭ (bezeichnet) die Gegenwart". Hieraus wird ersichtlich, welchen hohen Grad an Sprachdurchdringung und Abstraktionsvermögen die Sanskritgrammatiker vor über 2500 Jahren bereits erreicht hatten.

Interpretationsregeln (Paribhasha)

Um die einzelnen Sutras in ihrem Zusammenhang zu verstehen, bedarf es sogenannter Interpretations- bzw. Metaregeln (Paribhasha). Diese Regeln sind erforderlich, da im sogenannten Sutrastil eine äußerste Kürze der Formulierung angestrebt und vieles weggelassen wird bzw. "mitverstanden" werden muss. So gibt es bspw. bestimmte Weitergeltungsregeln (Avritti), nach denen ein Wort, das Bestandteil eines (nicht unbedingt unmittelbar) vorangehenden Sutras ist, bis zu einem bestimmten Sutra fortgilt und daher dort "mitverstanden" wird.

Ein Standardwerk über die in der Ashtadhyayi gültigen Paribhashas ist der Paribhashendu Shekhara von Nagesha Bhatta.

Kommentare

Wie alle im Sutrastil verfassten Sanskritwerke ist die Ashtadhyayi nur mit Hilfe von Kommentaren (Bhashya) verständlich. Der älteste uns vollständig überlieferte und zugleich wichtigste Kommentar ist Patanjalis Mahabhashya, der die Varttika genannten Erläuterungen des Katyayana integriert und kommentiert. Ein späterer bedeutender Kommentar ist die Kashika. Ein weiterer bedeutender Kommentar ist Bhattoji Dikshitas Siddhanta Kaumudi, der eine thematische Neuordnung der Sutras einschließt. Zu diesen und weiteren Kommentaren gibt es wiederum sogenannte Subkommentare wie etwa den Mahabhashyapradipa des Kaiyata Bhatta.

Siehe auch