Vishnu Sukta

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Vishnu Sukta (Sanskrit: विष्णुसूक्तम्, IAST: viṣṇusūktam, n.) – eine Rezitation zu Ehren Vishnus, die mit Rigveda 1.154 beginnt. In drei Schritten durchmisst Vishnu die Welt und schafft Raum für die Wesen. Auf diese Hymne folgen weitere vedische Mantras; ihr gemeinsames Bild ist die höchste Stätte, zu der die Seher aufschauen.

Vishnu und Lakshmi: eine Darstellung der erhaltenden göttlichen Gegenwart.

Vishnu durchmisst die Welt mit drei Schritten. Seine Weite gibt allen Wesen Raum; seine höchste Stätte erscheint als Quelle von Madhu, unvergänglicher Süße. Das Vishnu Sukta lädt uns ein, die Welt in dieser göttlichen Weite zu schauen. Der Anfangsvers und die anschließende Widmung an Vishnu sind bei Yoga Vidya aus der Narayana-Sukta-Rezitation vertraut. Hier stehen die vollständige Hymne und die weiteren Mantras der ausgewählten Rezitationsfolge.

Herkunft und Verwendung

Rigveda-Samhita 1.154.1–6. Anschlussmantras in Rezitationsfolge: Taittiriya-Samhita 1.2.13.3; Rigveda 7.99.1, 7.100.4, 7.100.3 und 1.22.16–21. Abschließender Ritualspruch: Taittiriya-Samhita 5.4.12.3. Die Rigveda-Verse der Anschlussfolge stehen auch in der Taittiriya-Überlieferung.

Auf Rigveda 1.154 folgen weitere Mantras aus Rigveda und Taittiriya-Samhita. Die Verszählung wechselt mit der Herkunft der Mantras. „Vishnu Sukta“ bezeichnet hier den vollständigen Sammlungstext.

Vollständiger Sanskrittext in IAST

oṃ viṣṇor nu kaṃ vīryāṇi pra vocaṃ yaḥ pārthivāni vimame rajāṃsi |
yo askabhāyad uttaraṃ sadhasthaṃ vicakramāṇas tredhorugāyaḥ || 1 ||

pra tad viṣṇu stavate vīryeṇa mṛgo na bhīmaḥ kucaro giriṣṭhāḥ |
yasyoruṣu triṣu vikramaṇeṣv adhikṣiyanti bhuvanāni viśvā || 2 ||

pra viṣṇave śūṣam etu manma girikṣita urugāyāya vṛṣṇe |
ya idaṃ dīrgham prayataṃ sadhastham eko vimame tribhir it padebhiḥ || 3 ||

yasya trī pūrṇā madhunā padāny akṣīyamāṇā svadhayā madanti |
ya u tridhātu pṛthivīm uta dyām eko dādhāra bhuvanāni viśvā || 4 ||

tad asya priyam abhi pātho aśyāṃ naro yatra devayavo madanti |
urukramasya sa hi bandhur itthā viṣṇoḥ pade parame madhva utsaḥ || 5 ||

tā vāṃ vāstūny uśmasi gamadhyai yatra gāvo bhūriśṛṅgā ayāsaḥ |
atrāha tad urugāyasya vṛṣṇaḥ paramam padam ava bhāti bhūri || 6 ||

viṣṇo rarāṭamasi viṣṇoḥ pṛṣṭhamasi viṣṇoḥ śnaptrestho viṣṇoḥ syūrasi viṣṇordhruvamasi vaiṣṇavamasi viṣṇave tvā ||

paro mātrayā tanuvā vṛdhāna |
na te mahitvamanvaśnuvanti ||

ubhe te vidma rajasī pṛthivyā viṣṇo deva tvam |
paramasya vitse |
vicakrame pṛthivīmeṣa etām |
kṣetrāya viṣṇurmanuṣe daśasyan |
dhruvāso asya kīrayo janāsaḥ |
urukṣitiṃ sujanimācakāra |
trirdevaḥ pṛthivīmeṣa etām |
vicakrame śatarcasaṃ mahitvā |
praviṣṇurastu tavasastavīyān |
tveṣaṃhyasya sthavirasya nāma ||

ato devā avantuno yato viṣṇurvicakrame |
pṛthivyāssapta dhāmabhiḥ |
idaṃ viṣṇurvicakrame tredhā nidadhe padam |
samūḍhamasya pāṃsure |
trīṇi padā vicakrame viṣṇurgopā adābhyaḥ |
tato dharmāṇi dhārayan |
viṣṇoḥ karmāṇi paśyata yato vratāni paspaśe |
indrasya yujyassakhā ||

tadviṣṇoḥ paramaṃ padaṃ sadā paśyanti sūrayaḥ |
divīva cakṣurātatam |
tadviprāso vipanyavo jāgṛvāṃsaḥ samindhate |
viṣṇoryatparamaṃ padam |
paryāptyā anantarāyāya sarvastomo'ti rātra uttama maharbhavati sarvasyāptyai sarvasya jittyai sarvameva tenāpnoti sarvaṃ jayati ||

oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Vollständige deutsche Übersetzung

Die ersten sechs Verse gehören zu Rigveda 1.154. Die Ziffern 16–21 weiter unten bezeichnen dagegen Verse aus Rigveda 1.22.

„Mundwinkel“ folgt der Lesart „śnyaptre stho“; die Rezitation hat hier „śnaptrestho“.

Die drei Schritte Vishnus – Rigveda 1.154

Om.

1 Vishnus große Taten will ich nun verkünden. Er hat die irdischen Räume durchmessen und die hohe Stätte des Himmels gestützt, als er, der Weitschreitende, seine drei Schritte tat.

2 So wird Vishnu wegen seiner Heldenkraft gepriesen: wie ein furchtbares wildes Tier, das umherstreift und auf den Bergen wohnt. In seinen drei weiten Schritten haben sämtliche Welten ihren Wohnort.

3 Zu Vishnu steige mein kraftvoller Lobgesang auf, zum Bewohner der Berge, zum weitschreitenden Stier. Er allein hat diese weit ausgedehnte Wohnstätte mit nur drei Schritten durchmessen.

4 Seine drei Schritte sind voller Madhu, unerschöpflich freuen sie sich aus eigener Kraft. Er allein trägt das dreifach gegliederte All, Erde und Himmel und sämtliche Welten.

5 Seine geliebte Stätte möchte ich erreichen, wo Menschen, die nach den Devas verlangen, Freude finden. Dort ist die wahre Verbundenheit mit dem Weitschreitenden: In Vishnus höchster Stätte quillt die Quelle der Süße.

6 Zu diesen euren Wohnstätten sehnen wir uns zu gelangen, wo die vielgehörnten, unermüdlichen Kühe sind. Dort erstrahlt weithin die höchste Stätte des weitschreitenden, mächtigen Vishnu.

Die Widmung an Vishnu – Taittiriya-Samhita 1.2.13.3

Du bist Vishnus Stirn. Du bist Vishnus Rücken. Ihr beiden seid Vishnus Mundwinkel. Du bist Vishnus verbindender Faden. Du bist Vishnus fester Halt. Du gehörst Vishnu. Vishnu weihe ich dich.

Die unermessliche Größe – Rigveda 7.99.1 und 7.100.4, 3

Über jedes Maß hinaus wächst deine Gestalt. Deine Größe erreichen sie nicht. Wir kennen die beiden erdnahen Räume. Du, göttlicher Vishnu, kennst den höchsten.

Vishnu hat diese Erde durchschritten, um dem Menschen Raum zum Wohnen zu schenken. Die Menschen, die ihn preisen, finden festen Halt. Er schuf ihnen eine weite, gute Wohnstatt.

Dreimal hat dieser Deva die Erde durchschritten, die hundertfach strahlende, in seiner Größe. Vishnu rage hervor, mächtiger als die Mächtigen. Furchtgebietend ist der Name dieses Gewaltigen.

Vishnus höchste Stätte – Rigveda 1.22.16–21

16 Von dort mögen die Devas uns schützen, von wo Vishnu ausgeschritten ist, durch die sieben Wohnstätten der Erde.

17 Vishnu hat diese Welt durchschritten. Dreifach setzte er seinen Fuß. Alles ist im Staub seiner Fußspur geborgen.

18 Drei Schritte tat Vishnu, der untrügliche Hüter. Damit trägt er die Ordnungen der Welt.

19 Schaut auf Vishnus Werke: Durch sie wahrt er die heiligen Ordnungen, Indras verbündeter Freund.

20 Vishnus höchste Stätte schauen die Seher allezeit, wie ein weit geöffnetes Auge am Himmel.

21 Die inspirierten, lobpreisenden Weisen, die wach geblieben sind, entzünden sie: Vishnus höchste Stätte.

Die Bitte um Vollendung

Zur vollständigen Erfüllung und damit kein Hindernis bleibe, wird der letzte Opfertag als Sarvastoma-Atiratra begangen: als nächtliches Yajna mit sämtlichen Stoma-Lobgesängen. Es dient dazu, alles zu erlangen und alles zu gewinnen. Dadurch erlangt man wahrlich alles und gewinnt alles.

Om. Shanti, Shanti, Shanti. Frieden, Frieden, Frieden.

Vollständiger Sanskrittext in Devanagari

ॐ विष्णोर् नु कं वीर्याणि प्र वोचं यः पार्थिवानि विममे रजांसि ।
यो अस्कभायद् उत्तरं सधस्थं विचक्रमाणस् त्रेधोरुगायः ॥ १ ॥

प्र तद् विष्णु स्तवते वीर्येण मृगो न भीमः कुचरो गिरिष्ठाः ।
यस्योरुषु त्रिषु विक्रमणेष्व् अधिक्षियन्ति भुवनानि विश्वा ॥ २ ॥

प्र विष्णवे शूषम् एतु मन्म गिरिक्षित उरुगायाय वृष्णे ।
य इदं दीर्घम् प्रयतं सधस्थम् एको विममे त्रिभिर् इत् पदेभिः ॥ ३ ॥

यस्य त्री पूर्णा मधुना पदान्य् अक्षीयमाणा स्वधया मदन्ति ।
य उ त्रिधातु पृथिवीम् उत द्याम् एको दाधार भुवनानि विश्वा ॥ ४ ॥

तद् अस्य प्रियम् अभि पाथो अश्यां नरो यत्र देवयवो मदन्ति ।
उरुक्रमस्य स हि बन्धुर् इत्था विष्णोः पदे परमे मध्व उत्सः ॥ ५ ॥

ता वां वास्तून्य् उश्मसि गमध्यै यत्र गावो भूरिशृङ्गा अयासः ।
अत्राह तद् उरुगायस्य वृष्णः परमम् पदम् अव भाति भूरि ॥ ६ ॥

विष्णो रराटमसि विष्णोः पृष्ठमसि विष्णोः श्नप्त्रेस्थो विष्णोः स्यूरसि विष्णोर्ध्रुवमसि वैष्णवमसि विष्णवे त्वा ॥

परो मात्रया तनुवा वृधान ।
न ते महित्वमन्वश्नुवन्ति ॥

उभे ते विद्म रजसी पृथिव्या विष्णो देव त्वम् ।
परमस्य वित्से ।
विचक्रमे पृथिवीमेष एताम् ।
क्षेत्राय विष्णुर्मनुषे दशस्यन् ।
ध्रुवासो अस्य कीरयो जनासः ।
उरुक्षितिं सुजनिमाचकार ।
त्रिर्देवः पृथिवीमेष एताम् ।
विचक्रमे शतर्चसं महित्वा ।
प्रविष्णुरस्तु तवसस्तवीयान् ।
त्वेषंह्यस्य स्थविरस्य नाम ॥

अतो देवा अवन्तुनो यतो विष्णुर्विचक्रमे ।
पृथिव्यास्सप्त धामभिः ।
इदं विष्णुर्विचक्रमे त्रेधा निदधे पदम् ।
समूढमस्य पांसुरे ।
त्रीणि पदा विचक्रमे विष्णुर्गोपा अदाभ्यः ।
ततो धर्माणि धारयन् ।
विष्णोः कर्माणि पश्यत यतो व्रतानि पस्पशे ।
इन्द्रस्य युज्यस्सखा ॥

तद्विष्णोः परमं पदं सदा पश्यन्ति सूरयः ।
दिवीव चक्षुराततम् ।
तद्विप्रासो विपन्यवो जागृवांसः समिन्धते ।
विष्णोर्यत्परमं पदम् ।
पर्याप्त्या अनन्तरायाय सर्वस्तोमोऽति रात्र उत्तम महर्भवति सर्वस्याप्त्यै सर्वस्य जित्त्यै सर्वमेव तेनाप्नोति सर्वं जयति ॥

ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

Vertiefende Erläuterungen

Rigveda-Handschrift: Bildbeispiel vedischer Textüberlieferung; ein Beispiel für die handschriftliche Überlieferung.

Die drei Schritte Vishnus – Rigveda 1.154

Vishnus Schritte schaffen Raum. Alles, was lebt, hat darin seinen Ort. Für die Meditation kannst du zunächst den Raum um dich wahrnehmen, dann den Himmel und die Weite, die sich keiner Grenze fügt. Lass das Empfinden entstehen, in dieser Weite geborgen zu sein.

Die höchste Stätte ist zugleich eine Quelle der Freude. Madhu bedeutet Honig oder Süße. Im Yoga Vedanta erinnert dieses Bild an Ananda, die Freude des eigenen Wesens. Die vielen Hörner der himmlischen Kühe bewahren die rätselhafte Fülle der vedischen Bildwelt. Du kannst das Bild auf dich wirken lassen, ohne es vollständig aufzulösen.

Die Widmung an Vishnu – Taittiriya-Samhita 1.2.13.3

Diese Worte begleiten im vedischen Ritual die Einrichtung des Soma-Wagens und seiner Überdachung. Die Teile werden als Vishnus Leib angesprochen. So erhält auch das Handwerk eine heilige Bedeutung. In unserer Praxis können wir einen Raum, eine Gabe oder eine Aufgabe bewusst Gott widmen. Der kurze letzte Satz genügt: „Vishnu weihe ich dich.“

Die unermessliche Größe – Rigveda 7.99.1 und 7.100.4, 3

Wir kennen einen Teil der Wirklichkeit. Vishnus höchste Stätte übersteigt das, was unser gewöhnliches Denken erfassen kann. Zugleich schafft er auf der Erde Wohnraum und Halt. Beide Bewegungen gehören zusammen: die Öffnung für das Unermessliche und die Sorge für einen guten Ort zum Leben. Ein Ashram kann ein solcher Ort sein, an dem Menschen üben, lernen und sich dem Göttlichen zuwenden.

Vishnus höchste Stätte – Rigveda 1.22.16–21

Die Seher bleiben wach. Sie schauen und entzünden die höchste Stätte. Das Licht ist Gegenstand ihrer Verehrung und leuchtet zugleich in ihrer Erkenntnis. In der Meditation können wir diese Wachheit üben: ruhig, aufmerksam, offen. Wenn der Geist abschweift, führe ihn freundlich zum Mantra zurück. Das Bild des offenen Auges am Himmel kann dich dabei begleiten.

Die Bitte um Vollendung

Der Schluss stammt aus der Beschreibung eines großen vedischen Yajna. Sarvastoma bezeichnet die umfassende Ordnung seiner Gesänge, Atiratra das Opfer, das durch die Nacht führt. In der Rezitation wird dieser Satz zum Abschlussgebet um Erfüllung. Für den Yogaweg dürfen wir dabei an die ganze Hingabe denken: Möge das Begonnene seine Vollendung finden. Möge unser Streben in der Erkenntnis des Einen zur Ruhe kommen.

Video zur Vertiefung

Vishnu - Der Alldurchdringende - Hinduismus Wörterbuch

Anregungen für die eigene Praxis

Swami Sivananda mit einer Mala: Rezitation, Sammlung und Hingabe können einander vertiefen.
  1. Sprich die Anrufung mit dem Wunsch, dich der erhaltenden göttlichen Gegenwart zu öffnen.
  2. Lies ein Bild des Textes langsam: Herz, Weite, tragender Grund oder höchste Stätte.
  3. Betrachte dieses Bild in einer kurzen, ruhigen Meditation, ohne besondere Empfindungen zu erzwingen.
  4. Sorge für einen Ort oder einen Menschen, der dir anvertraut ist. Erhaltung wird im Alltag zur Fürsorge.
  5. Lass am Ende den Klang ausklingen und verweile in Dankbarkeit.

Video zur begleitenden Praxis und Auslegung

Rezitation: Narayana Suktam mit Sitaram

Abschließende Worte

Vishnus Schritte machen Raum zum Leben. Wie kannst du heute einem anderen Menschen Raum lassen?

Siehe auch

Quellen und Literatur

  • Sukadev Bretz (Hrsg.): Veden – Offenbarungen der Rishis. Hymnen zur Rezitation, Übersetzungen, Erläuterungen. Yoga Vidya Verlag, Bad Meinberg. Abschnitt „Vishnu Sukta“.
  • Hymnen aus den Veden, Rezitationssammlung, Nr. 33: „Viṣṇu Sūktam“.
  • Rigveda-Samhita 1.154.1–6. Anschlussmantras in Rezitationsfolge: Taittiriya-Samhita 1.2.13.3; Rigveda 7.99.1, 7.100.4, 7.100.3 und 1.22.16–21. Abschließender Ritualspruch: Taittiriya-Samhita 5.4.12.3. Die Rigveda-Verse der Anschlussfolge stehen auch in der Taittiriya-Überlieferung.

Der Ritualspruch hat zwei Lesarten: „śnaptrestho“ in der Rezitation und „śnyaptre stho“ in der Buchfassung. „Mundwinkel“ gibt die zweite Lesart wieder; die genaue Deutung bleibt offen.

Die ersten sechs Verse gehören zu Rigveda 1.154. Die Ziffern 16–21 weiter unten bezeichnen dagegen Verse aus Rigveda 1.22.

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