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Die '''Brahma Upanishad''' (Sanskrit: ब्रह्मोपनिषत्, ''Brahmopaniṣat'') gehört zu den [[Sannyasa Upanishaden]] und wird in der [[Muktika Upanishad|Muktika-Liste]] als elfte der 108 Upanishaden geführt. Die heute übliche Zuordnung verbindet sie mit dem [[Krishna Yajurveda]]. Eine verbreitete Sanskritfassung schließt jedoch mit einem Kolophon zum [[Atharvaveda]]; diese Abweichung ist Teil ihrer vielgestaltigen Überlieferung. Der Titel bedeutet „Upanishad über [[Brahman]]“ oder „geheime Lehre vom Absoluten“.
'''Matsyendra Samhita Ausgewählte Verse''' bietet 108 Verse der [[Matsyendra Samhita]] in einer vereinfachten, eigenständig formulierten deutschen Lesefassung. Sie richtet sich an Yoga-Aspiranten, die bekannte Begriffe neu sehen und auch ungewöhnliche Seiten der Überlieferung kennenlernen möchten: den Körper als Weltall, die Verbindung von Shiva und Shakti, den inneren Klang, Khechari, Kundalini, Nektarvorstellungen und die Freiheit von Bindung.


Die Schrift fragt, was den Körper, den Atem und die Sinne von innen her belebt. Ihre Antwort führt vom [[Prana]] zum [[Atman]] und von den vier Bewusstseinszuständen – [[Jagrat]], [[Svapna]], [[Sushupti]] und [[Turiya]] – zur Erkenntnis des einen, ungeteilten Selbst. Besonders eindrücklich ist die Lehre vom inneren heiligen Faden: Für den verwirklichten Entsagenden sind nicht äußere Zeichen, sondern [[Jnana]], Selbsterkenntnis und die Verankerung in Brahman der wahre Opferfaden und die wahre [[Shikha]].
Die Auswahl ist ein Weg durch zwölf Themenfelder. Sie verbindet verständliche Sprache mit der Kühnheit des Originals. Die textnahe Übersetzung und der Sanskritwortlaut stehen im [[Matsyendra Samhita#Uebersetzung|Hauptartikel]]; das Verzeichnis [[Matsyendra Samhita Mantras|Mantras, Bedeutung und Verwendung]] erschließt die zugehörige Klangwelt.


[[Datei:Vedanta-medit.jpg|thumb|Die Brahma Upanishad führt von äußeren Zeichen zur unmittelbaren Erkenntnis des einen Selbst.]]
'''Zur Lesefassung:''' Die Versnummern entsprechen der kommentierten Teilausgabe. Jeder Vers wurde eigens neu formuliert; Satzanschlüsse werden verständlich gemacht und einzelne Fachbegriffe erläutert. Anreden und wiederholte Bekräftigungen können sprachlich gestrafft sein. Kurze Betrachtungen und heutige Reflexionsimpulse stehen ausdrücklich außerhalb der Verswiedergabe. Diese Seite ersetzt deshalb keine philologische Übersetzung.


Damit bildet die Brahma Upanishad eine Brücke zwischen älteren upanishadischen Lehren über Atem, Tiefschlaf und Herzraum und der späteren Spiritualität der Entsagung. Ihre [https://www.yoga-vidya.de/meditation/ Meditation] ist vor allem eine Verinnerlichung: Der eigene Atman wird zum unteren Reibholz, [[Om]] zum oberen, und durch beharrliche Sammlung soll das verborgene Licht wie Feuer aus dem Holz hervortreten. Für heutige Übende macht sie deutlich, dass [https://www.yoga-vidya.de/yoga/ Yoga] nicht in einer äußeren Rolle aufgeht. Entscheidend ist, ob Wissen zu gelebter Wahrhaftigkeit, innerer Freiheit und der Schau des einen Bewusstseins in allen Wesen wird.
'''Zur geistigen Ausrichtung:''' Die Verse führen von Sammlung und Hingabe zu Erkenntnis, innerer Kraft und Befreiung. Auch sinnliche Bilder wie die Umarmung von Shiva und Shakti gehören zum Original. Die besonderen Kräfte und die Freiheit von Alter und Tod werden als Verheißungen der Schrift wiedergegeben. Die Auswahl ist keine Anleitung zu körperlichen Eingriffen, langem Atemanhalten oder anderen fortgeschrittenen Verfahren; für eigene Praxis zählen Achtsamkeit, körperliche Sicherheit und verantwortliche Anleitung.


== Brahma Upanishad – Sanskrit (IAST), Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung ==
Nimm dir Zeit. Ein einziger Vers kann genügen, um eine vertraute Vorstellung zu öffnen. Die zwölf Fragen am Ende der Themenbereiche helfen, die Lektüre mit dem eigenen Leben zu verbinden.


Die folgende Lesefassung folgt der verbreiteten, in vier Abschnitte gegliederten Sanskritüberlieferung. Die kritische Ausgabe von F. Otto Schrader ordnet denselben Stoff in drei Kapitel. Weil die ersten beiden Abschnitte lange Prosaeinheiten sind, werden sie hier für Übersetzung und Worterklärung redaktionell in kleinere Sinnabschnitte geteilt. Die Buchstaben 1a, 1b usw. sind daher '''keine überlieferten Verszahlen'''. Echte Lücken und unsichere Lesarten werden genannt; sie werden nicht durch scheinbar sichere Rekonstruktionen verdeckt.


=== Shanti Mantra ===
[[Matsyendra Samhita|Werk, Sanskrit und textnahe Übersetzung]] · [[Matsyendra Samhita Ausgewählte Verse|108 Verse für Yoga-Aspiranten]] · [[Matsyendra Samhita Mantras|Mantras, Bedeutung und Verwendung]]


oṃ saha nāvavatu |<br>
<span id="Thema_1"></span>
saha nau bhunaktu |<br>
saha vīryaṃ karavāvahai |<br>
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>


'''Om. Möge Brahman uns beide – Lehrenden und Lernenden – beschützen. Möge es uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam große geistige Kraft entfalten. Möge unser Studium lichtvoll und wirkungsvoll sein. Mögen wir einander nicht ablehnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.'''
== 1. Was suchst du wirklich? ==


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''oṃ'' – Om; ''saha nau avatu'' – möge es uns beide beschützen; ''saha nau bhunaktu'' – möge es uns beide nähren; ''saha vīryam karavāvahai'' – mögen wir gemeinsam Kraft entfalten; ''tejasvinau adhītam astu'' – möge das von uns Gelernte lichtvoll sein; ''mā vidviṣāvahai'' – mögen wir einander nicht ablehnen; ''śāntiḥ'' – Frieden ([[Shanti]]).
[[Datei:Shiva.jpg|thumb|Die Begegnung mit der Lehre beginnt mit Aufmerksamkeit und einer aufrichtigen Frage.]]


=== Erster Abschnitt – Prana, Schlaf und Erwachen ===
Die Erzählung beginnt mit Verehrung und einer Entscheidung: Willst du nur etwas besitzen, oder willst du erkennen? Matsyendra erscheint als einer, der sich im Ozean der Lehre frei bewegt. Der Weg fordert zugleich eine Veränderung der inneren Haltung.


'''1a. Shaunakas Frage nach dem inneren Lenker'''<br>
<span id="Auswahl_1.1"></span>
oṃ śaunako ha vai mahāśālo’ṅgirasaṃ bhagavantaṃ pippalādamapṛcchat |<br>
divye brahmapure sampratiṣṭhitā bhavanti kathaṃ sṛjanti kasyaiṣa mahimā babhūva yo hyeṣa mahimā babhūva ka eṣaḥ |<br>


'''Om. Shaunaka, ein angesehener Hausherr, fragte den verehrungswürdigen Pippalada aus dem Geschlecht der Angiras: „Wie sind sie – die Lebens- und Sinneskräfte – in der göttlichen Brahman-Stadt, dem menschlichen Körper, gegründet? Wie treten sie schöpferisch nach außen? Von wem stammt diese ihre Macht? Wer ist jener, dem diese Macht gehört?“'''
'''1.1'''


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''oṃ'' – [[Om]]; ''śaunakaḥ'' – Shaunaka; ''mahāśālaḥ'' – angesehener, wohlhabender Hausherr; ''āṅgirasam'' – aus dem Geschlecht des [[Angiras]]; ''bhagavantam'' – den Ehrwürdigen; ''pippalādam'' – [[Pippalada]]; ''apṛcchat'' – fragte; ''divye brahmapure'' – in der göttlichen Brahman-Stadt, sinnbildlich im Körper; ''sampratiṣṭhitāḥ'' – fest gegründet; ''katham sṛjanti'' – wie wirken beziehungsweise treten sie nach außen; ''kasya eṣaḥ mahimā'' – wessen Macht ist dies; ''kaḥ eṣaḥ'' – wer ist dieser?
Om. Ich verneige mich vor Shambhu, dem Herrn der Welt. In ihm leuchtet alles Wissen. Er ist der Ozean, in dem die kostbaren Juwelen der heiligen Lehren geborgen sind.


'''1b. Prana und Atman als Ursprung der Kräfte'''<br>
''Betrachtung:'' Das Wissen erscheint als lebendiger Ozean. Die Anrufung lädt dazu ein, mit Ehrfurcht und zugleich mit Entdeckerfreude zu lesen.
tasmai sa hovāca brahmavidyāṃ variṣṭhām |<br>
prāṇo hyeṣa ātmā | ātmano mahimā babhūva devānāmāyuḥ sa devānāṃ nidhanamanidhanaṃ divye brahmapure virajaṃ niṣkalaṃ śubhramakṣaraṃ yadbrahma vibhāti |<br>
sa niyacchati madhukararājānaṃ mākṣikavaditi |<br>
yathā mākṣikaikena tantunā jālaṃ vikṣipati tenāpakarṣati tathaivaiṣa prāṇo yadā yāti saṃsṛṣṭamākṛṣya |<br>
prāṇadevatāstāḥ sarvā nāḍyaḥ |<br>


'''Pippalada verkündete ihm die höchste [[Brahmavidya]]: „Dieser [[Prana]] ist der [[Atman]]. Aus dem Selbst stammt diese Macht. Er ist das Leben der Götter – hier der Sinneskräfte –, ihr Ursprung und ihr Ende. Im göttlichen Brahman-Palast leuchtet das fleckenlose, ungeteilte, reine und unvergängliche Brahman. Es lenkt die Kräfte wie eine Bienenkönigin ihren Schwarm. Wie eine Spinne aus einem einzigen Faden ihr Netz hervorbringt und wieder einzieht, so zieht der Prana beim Rückzug das von ihm Entfaltete wieder an sich. Alle Nadis gehören zu den vom Prana getragenen Kräften.“'''
[[Matsyendra Samhita#Vers_1.1|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_1.1|Sanskrit in Devanagari]]


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''brahmavidyām variṣṭhām'' – die höchste Erkenntnis Brahmans; ''prāṇaḥ hi eṣaḥ ātmā'' – dieser Prana ist der Atman; ''ātmanaḥ mahimā'' – die Macht des Selbst; ''devānām āyuḥ'' – Leben der Götter beziehungsweise Sinneskräfte; ''nidhanam anidhanam'' – Ende und Nicht-Ende, auch Ursprung; ''virajam'' – frei von Staub und Leidenschaft; ''niṣkalam'' – ohne Teile; ''śubhram'' – rein, licht; ''akṣaram'' – unvergänglich ([[Akshara]]); ''niyacchati'' – lenkt; ''madhukara-rājānam'' – Bienenkönigin beziehungsweise „König der Bienen“; ''tantunā'' – mit einem Faden; ''jālam vikṣipati'' – breitet ein Netz aus; ''apakarṣati'' – zieht es zurück; ''prāṇa-devatāḥ'' – vom Prana getragene Kräfte; ''nāḍyaḥ'' – [[Nadi]]s. Die Bienen-/Spinnenstelle ist in den Handschriften gestört; die Übersetzung folgt dem durch die [[Prashna Upanishad]] gestützten Sinn.
<span id="Auswahl_1.5"></span>


'''1c. Tiefschlaf als Rückkehr zum inneren Sitz'''<br>
'''1.5'''
suṣvape śyenākāśavadyathā khaṃ śyenamāśritya yāti svamālayamevaṃ suṣupto brūte |<br>
yathaivaiṣa devadatto yaṣṭyāpi tāḍyamāno na vettyevamiṣṭāpūrtaiḥ śubhāśubhairna lipyate |<br>
yathā kumāro niṣkāma ānandamupayāti tathaivaiṣa devadattaḥ svapna ānandamabhiyāti |<br>


'''Im tiefen Schlaf kehrt der Lebenshauch durch die Nadis zu seinem Sitz zurück, wie ein Falke nach seinem Flug im Raum zum Nest heimkehrt. Ein tief Schlafender nimmt selbst Stockschläge nicht wahr; ebenso wird das Selbst in diesem Zustand nicht von Ritualverdienst und guten oder schlechten Taten berührt. Wie ein Kind ohne berechnendes Begehren Freude erfährt, so gelangt der Mensch im Tiefschlaf zu einer stillen Glückserfahrung.'''
Ich verehre Matsyendranatha, den allwissenden Meister unter den Yogis. Im weiten Meer der Lehren Shivas bewegt er sich voller Freude, wie im Spiel.


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''suṣvape'' – beim tiefen Schlaf; ''śyena'' – Falke; ''ākāśavat'' – wie im Raum; ''svam ālayam yāti'' – geht zu seinem eigenen Sitz; ''suṣuptaḥ'' – tief schlafend ([[Sushupti]]); ''devadattaḥ'' – „Devadatta“, Beispielname für einen Menschen; ''yaṣṭyā api tāḍyamānaḥ'' – selbst mit einem Stock geschlagen; ''na vetti'' – nimmt nicht wahr; ''iṣṭāpūrtaiḥ'' – durch Opfer und verdienstvolle Werke; ''śubha-aśubhaiḥ'' – durch Gutes und Schlechtes; ''na lipyate'' – wird nicht befleckt; ''kumāraḥ'' – Kind; ''niṣkāmaḥ'' – ohne Begehren; ''ānandam upayāti'' – gelangt zu Freude ([[Ananda]]).
''Betrachtung:'' Das Bild verbindet große Gelehrsamkeit mit Leichtigkeit. Spirituelle Tiefe muss nicht schwerfällig sein.


'''1d. Höchstes Licht, Traum und das Gleichnis der Blutegel'''<br>
[[Matsyendra Samhita#Vers_1.5|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_1.5|Sanskrit in Devanagari]]
veda eva paraṃ jyotiḥ jyotiṣkāmo jyotirānandayate |<br>
bhūyastenaiva svapnāya gacchati jalaukāvat |<br>
yathā jalaukāgramagraṃ nayatyātmānaṃ nayati paraṃ sandhāya | yatparaṃ nāparaṃ tyajati sa jāgradabhidhīyate |<br>


'''Er erkennt das höchste Licht; wer dieses Licht sucht, findet Freude im Licht. Auf demselben Weg gelangt er wieder in den Traumzustand, einer Blutegel ähnlich: Sie streckt sich von einem Halt zum nächsten, fasst den neuen und lässt den früheren erst danach los. So verbindet das Bewusstsein die Zustände miteinander; der Übergang zum Wachsein wird auf diese Weise erklärt.'''
<span id="Auswahl_1.6"></span>


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''veda'' – er erkennt; ''param jyotiḥ'' – das höchste Licht ([[Jyoti]]); ''jyotiṣ-kāmaḥ'' – nach dem Licht verlangend; ''svapnāya gacchati'' – geht zum Traumzustand ([[Svapna]]); ''jalaukā-vat'' – wie eine Blutegel; ''agram agram nayati'' – führt das Vorderende weiter; ''param sandhāya'' – den nächsten Halt ergriffen habend; ''aparam na tyajati'' – lässt den vorigen nicht vorher los; ''jāgrat'' – Wachzustand ([[Jagrat]]); ''abhidhīyate'' – wird genannt. Die Syntax des überlieferten Übergangs ist knapp und teilweise beschädigt.
'''1.6'''


'''1e. Der erwachte Mensch und die acht Wahrnehmungsorgane'''<br>
Ich verehre den reinen Matsyendra: Er hat uns den seltenen Kern der Lehre zu Gehör gebracht, den Shiva selbst verkündet hat.
yathaivaiṣa kapālāṣṭakaṃ saṃnayati | tameva stana iva lambate vedadevayonaḥ |<br>
yatra jāgrati śubhāśubhaṃ niruktamasya devasya sa samprasādo’ntaryāmī khagaḥ karkaṭakaḥ puṣkaraḥ puruṣaḥ prāṇo haṃsaḥ parāparaṃ brahma ātmā devatā vedayati |<br>


'''Wie ein Opfernder acht Opferschalen zusammenführt, so führt das erwachte Selbst die acht Wahrnehmungs- und Handlungsorgane zusammen. Die folgende Wendung über etwas, das wie eine Brustwarze herabhängt und als „Ursprung der Götter“ bezeichnet wird, ist textlich lückenhaft; wahrscheinlich ist – in Anlehnung an die [[Taittiriya Upanishad]] – das Zäpfchen am Gaumen gemeint. Im Erwachen werden Gut und Böse für dieses verkörperte Wesen wirksam. Doch der innerste Lenker ist zugleich vollkommene Stille: Vogel, Krebs, Lotusraum, [[Purusha]], Prana und [[Hamsa]], höheres und niederes Brahman, Atman und die Kraft, die alle Sinne zum Erkennen bringt.'''
[[Matsyendra Samhita#Vers_1.6|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_1.6|Sanskrit in Devanagari]]


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''kapāla-aṣṭakam'' – acht Opferschalen; sinngemäß die acht Erfasser; ''saṃnayati'' – führt zusammen; ''stana iva lambate'' – hängt wie eine Brustwarze herab; ''veda-deva-yoniḥ'' – Ursprung der Veden beziehungsweise Sinnesgötter; ''jāgrati'' – im Wachen; ''śubha-aśubham'' – Gutes und Schlechtes; ''samprasādaḥ'' – vollkommene Ruhe, Klarheit; ''antaryāmī'' – innerer Lenker ([[Antaryamin]]); ''khagaḥ'' – Vogel; ''karkaṭakaḥ'' – Krebs; ''puṣkaraḥ'' – Lotus oder Raum; ''puruṣaḥ'' – geistiges Wesen; ''prāṇaḥ'' – Lebenshauch; ''haṃsaḥ'' – Hamsa; ''parāparam brahma'' – höheres und niederes Brahman; ''vedayati'' – lässt erkennen. In diesem Teil weist der Sanskrittext eine echte Lücke auf.
<span id="Auswahl_1.7"></span>


'''1f. Frucht der Erkenntnis'''<br>
'''1.7'''
ya evaṃ veda sa paraṃ brahmadhāma kṣetrajñamupaiti || 1 ||<br>


'''Wer dies erkennt, gelangt zum höchsten Sitz Brahmans und zum [[Kshetrajna]], dem Kenner des Feldes.'''
Einst zog ein großer Yogi durch die Welt. Er suchte Vollendung – ohne Besitzgier und ohne sich an sein Ich zu klammern.


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''yaḥ evam veda'' – wer so erkennt; ''param brahma-dhāma'' – höchster Sitz Brahmans; ''kṣetrajñam'' – den Kenner des Feldes, das Bewusstseinsprinzip; ''upaiti'' – erreicht, gelangt zu.
[[Matsyendra Samhita#Vers_1.7|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_1.7|Sanskrit in Devanagari]]


=== Zweiter Abschnitt – Die vier Zustände und der Herzraum ===
<span id="Auswahl_1.24"></span>


'''2a. Vier Sitze und vier Bewusstseinszustände'''<br>
'''1.24'''
athāsya puruṣasya catvāri sthānāni bhavanti nābhirhṛdayaṃ kaṇṭhaṃ mūrdheti |<br>
tatra catuṣpādaṃ brahma vibhāti | jāgaritaṃ svapnaṃ suṣuptaṃ turīyamiti |<br>
jāgarite brahmā svapne viṣṇuḥ suṣuptau rudrasturīyaṃ paramākṣaram |<br>
ādityaśca viṣṇuśceśvaraśca sa puruṣaḥ sa prāṇaḥ sa jīvaḥ so’gniḥ seśvaraśca jāgratteṣāṃ madhye yatparaṃ brahma vibhāti |<br>


'''Dieser Purusha besitzt vier Sitze: Nabel, Herz, Kehle und Haupt. In ihnen leuchtet Brahman vierfüßig als Wachen, Traum, Tiefschlaf und [[Turiya]], der „vierte“ Zustand. Im Wachen erscheint es als [[Brahma]], im Traum als [[Vishnu]], im Tiefschlaf als [[Rudra]] und im Turiya als das höchste Unvergängliche. Es ist Sonne, Vishnu und Ishvara, Purusha, Prana, Jiva und das wachende Feuer. Inmitten all dieser Formen leuchtet das höchste Brahman.'''
„Was wünschst du dir von uns: Reichtum, etwas, das du liebst, oder das Wissen, das nur schwer zu erlangen ist? Sprich aus, wonach dein Herz verlangt.


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''puruṣasya catvāri sthānāni'' – vier Sitze des Purusha; ''nābhiḥ'' – Nabel; ''hṛdayam'' – Herz; ''kaṇṭham'' – Kehle; ''mūrdhā'' – Haupt, Scheitel; ''catuṣpādam brahma'' – Brahman mit vier Füßen; ''jāgaritam'' – Wachen; ''svapnam'' – Traum; ''suṣuptam'' – Tiefschlaf; ''turīyam'' – das Vierte; ''param akṣaram'' – höchstes Unvergängliches; ''ādityaḥ'' – Sonne; ''īśvaraḥ'' – Herr ([[Ishvara]]); ''jīvaḥ'' – Einzelseele; ''agniḥ'' – Feuer; ''teṣām madhye'' – in ihrer Mitte; ''param brahma vibhāti'' – das höchste Brahman leuchtet.
''Betrachtung:'' Die Frage steht in der Rahmenerzählung. Du kannst sie zugleich als Frage an deine eigenen Prioritäten lesen.


'''2b. Brahman jenseits aller Gegensätze'''<br>
[[Matsyendra Samhita#Vers_1.24|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_1.24|Sanskrit in Devanagari]]
svayamamanaskamaśrotramapāṇipādaṃ jyotirvarjitaṃ na tatra lokā nālokā vedā nāvedāḥ devā nādevāḥ yajñā nāyajñāḥ mātā nāmātā pitā nāpitā snuṣā nāsnuṣā cāṇḍālo nācāṇḍālaḥ paulkaso nāpaulkasaḥ śramaṇo nāśramaṇaḥ paśavo nāpaśavastāpaso nātāpasa ityekameva paraṃ brahma vibhāti |<br>


'''Aus sich selbst ist das höchste Brahman ohne denkenden Geist, ohne Ohren, Hände und Füße und ohne ein gegenständliches Licht. Dort verlieren die Gegensätze ihren letzten Halt: Welt und Nicht-Welt, Veda und Nicht-Veda, Gott und Nicht-Gott, Opfer und Nicht-Opfer, Mutter und Nicht-Mutter, Vater und Nicht-Vater, gesellschaftlicher Rang und sein Gegenteil, Entsagender und Nicht-Entsagender, Tier und Asket. Allein das eine höchste Brahman leuchtet.'''
<span id="Auswahl_1.25"></span>


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''amanaskam'' – ohne begrenzenden Geist; ''aśrotram'' – ohne Ohr; ''apāṇi-pādam'' – ohne Hände und Füße; ''jyotiḥ-varjitam'' – ohne gegenständliches Licht; ''lokāḥ na alokāḥ'' – Welten und Nicht-Welten verlieren ihre Unterscheidung; ''vedāḥ na avedāḥ'' – Veden und Nicht-Veden; ''devāḥ na adevāḥ'' – Götter und Nicht-Götter; ''yajñāḥ na ayajñāḥ'' – Opfer und Nicht-Opfer; ''cāṇḍālaḥ'' / ''paulkasaḥ'' – historische Bezeichnungen gesellschaftlich ausgegrenzter Gruppen; ''śramaṇaḥ'' – Entsagender; ''tāpasaḥ'' – Asket; ''ekam eva'' – nur das Eine; ''param brahma'' – höchstes Brahman. Manche Handschriften lassen mehrere Negationen aus; die Lesart folgt der nichtdualen Parallelstelle der [[Brihadaranyaka Upanishad]].
'''1.25'''


'''2c. Der Raum des Herzens'''<br>
Mit ehrfürchtig gefalteten Händen antwortete der Yogi: „Schenkt mir jenes Wissen, das so selten und schwer zugänglich ist. Danach verlange ich.“
hṛdyākāśe tadvijñānamākāśaṃ tatsuṣiramākāśaṃ tadvedyaṃ hṛdyākāśaṃ yasminnidaṃ sañcarati vicarati yasminnidaṃ sarvamotaṃ protam |<br>
saṃvibhoḥ prajā jñāyeran |<br>
na tatra devā ṛṣayaḥ pitara īśate | pratibuddhaḥ sarvaviditi || 2 ||<br>


'''Im Raum des Herzens ist der Raum des Bewusstseins. Dieser feine, erkennbare Herzraum ist zugleich der unermessliche Raum, in dem sich das All bewegt und in den alles wie Kette und Schuss eingewebt ist. Wer den allgegenwärtigen Herrn in allen Wesen erkennt, wird zum höchsten Brahman – das ist Befreiung. Dort herrschen weder Götter noch Seher noch Ahnen über ihn; der Erwachte ist allwissend.'''
''Betrachtung:'' Mit Wissen ist hier Vidya gemeint: eine empfangene spirituelle Lehre, die auch [[Mantra]] und Einweihung umfasst.


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''hṛdi-ākāśe'' – im Raum des Herzens ([[Hridayakasha]]); ''vijñānam ākāśam'' – Raum des Bewusstseins; ''suṣiram'' – Höhlung, feiner Innenraum; ''vedyam'' – zu erkennen; ''yasmin idam sañcarati vicarati'' – worin dieses All sich hin und her bewegt; ''otam protam'' – als Kette und Schuss eingewebt; ''vibhoḥ'' – des allgegenwärtigen Herrn; ''prajāḥ'' – Wesen; ''jñāyeran'' – mögen erkannt werden; ''na īśate'' – herrschen nicht; ''pratibuddhaḥ'' – erwacht; ''sarvavit'' – alles erkennend. Die kurze Wendung ''saṃvibhoḥ prajā jñāyeran'' ist textlich unsicher; die Übersetzung gibt den Zusammenhang der kritischen Ausgabe wieder.
[[Matsyendra Samhita#Vers_1.25|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_1.25|Sanskrit in Devanagari]]


=== Dritter Abschnitt – Der innere heilige Faden ===
<span id="Auswahl_2.65"></span>


'''3a. Die Götter, Pranas und der dreifache Faden im Herzen'''<br>
'''2.65'''
hṛdisthā devatāḥ sarvā hṛdi prāṇāḥ pratiṣṭhitāḥ |<br>
hṛdi prāṇaśca jyotiśca trivṛtsūtraṃ ca yanmahat ||<br>
hṛdi caitanye tiṣṭhati |<br>


'''Alle Gottheiten wohnen im Herzen; im Herzen sind alle Lebenskräfte gegründet. Im Herzen sind Prana, Licht und der große dreifach gedrehte Faden. Er ruht im Herzen, im Bewusstsein.'''
Dann können sich die besonderen Kräfte bald entfalten; falsch vollzogen kann das Verfahren jedoch Unheil bringen. Wer auch in seiner inneren Haltung rein geworden ist, erlangt den ganzen Yoga.


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''hṛdisthāḥ devatāḥ'' – die im Herzen wohnenden Gottheiten; ''prāṇāḥ pratiṣṭhitāḥ'' – die Lebenskräfte sind gegründet; ''jyotiḥ'' – Licht; ''trivṛt-sūtram'' – dreifach gedrehter Faden; ''mahat'' – groß; ''hṛdi caitanye tiṣṭhati'' – er ruht im Herzen, im Bewusstsein. Der letzte Satz gilt in der kritischen Forschung wahrscheinlich als alte Glosse, die in den Text gelangte.
''Betrachtung:'' Der Vers steht nach Reinigungsverfahren. Seine entscheidende Einschränkung gehört zur Aussage: Die äußere Technik allein genügt nicht.


'''3b. Das Mantra des heiligen Fadens'''<br>
[[Matsyendra Samhita#Vers_2.65|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_2.65|Sanskrit in Devanagari]]
yajñopavītaṃ paramaṃ pavitraṃ prajāpateryatsahajaṃ purastāt |<br>
āyuṣyamagryaṃ pratimuñca śubhraṃ yajñopavītaṃ balamastu tejaḥ ||<br>


'''Lege den höchsten, heiligen Opferfaden an, der von alters her mit [[Prajapati]] entstanden ist, der das Leben fördert, rein und vortrefflich ist. Der Opferfaden sei Kraft und Leuchtkraft.'''
<span id="Auswahl_2.66"></span>


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''yajñopavītam'' – Opfer- oder Initiationsfaden; ''paramam pavitram'' – höchster Reiniger, überaus heilig; ''prajāpateḥ'' – Prajapatis; ''sahajam purastāt'' – von Anfang an mit ihm entstanden; ''āyuṣyam'' – das Leben fördernd; ''agryam'' – vortrefflich; ''pratimuñca'' – lege an; ''śubhram'' – rein, hell; ''balam'' – Kraft; ''tejaḥ'' – Leuchtkraft ([[Tejas]]).
'''2.66'''


'''3c. Vom äußeren zum inneren Faden'''<br>
Ohne die rechte innere Haltung gibt es keine Vollendung, selbst in Zehntausenden von Jahren nicht. Tausend Krüge Wasser und hundert große Maße Reinigungserde können sie nicht ersetzen.
saśikhaṃ vapanaṃ kṛtvā bahiḥsūtraṃ tyajedbudhaḥ |<br>
yadakṣaraṃ paraṃ brahma tatsūtramiti dhārayet ||<br>
sūcanātsūtramityāhuḥ sūtraṃ nāma paraṃ padam |<br>
tatsūtraṃ viditaṃ yena sa vipro vedapāragaḥ ||<br>
tena sarvamidaṃ protaṃ sūtre maṇigaṇā iva |<br>
tatsūtraṃ dhārayedyogī yogavittattvadarśivān ||<br>


'''Nachdem der Weise Haar und Haarknoten abrasiert hat, soll er den äußeren Faden ablegen und als seinen Faden das unvergängliche höchste Brahman tragen. Er heißt ''Sutra'', weil er auf das Höchste hinweist; Sutra ist der höchste Zustand. Wer diesen Faden kennt, ist ein wahrer Weiser und hat den Veda durchdrungen. Wie Perlen auf einem Faden ist dieses ganze All auf Brahman aufgereiht. Diesen Faden soll der Yogi tragen, der Yoga kennt und die Wahrheit schaut.'''
[[Matsyendra Samhita#Vers_2.66|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_2.66|Sanskrit in Devanagari]]


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''sa-śikham vapanam kṛtvā'' – Haar samt [[Shikha]] abrasiert habend; ''bahiḥ-sūtram tyajet'' – den äußeren Faden ablegen; ''akṣaram param brahma'' – das unvergängliche höchste Brahman; ''dhārayet'' – soll tragen; ''sūcanāt sūtram'' – „Faden“, weil er hinweist; ''param padam'' – höchster Zustand; ''vipraḥ'' – Weiser, Brahmane; ''veda-pāragaḥ'' – einer, der ans andere Ufer des Veda gelangt ist; ''protam'' – aufgefädelt; ''maṇi-gaṇāḥ iva'' – wie Reihen von Perlen; ''yogī'' – Yogi; ''yoga-vit'' – Kenner des Yoga; ''tattva-darśivān'' – die Wirklichkeit schauend.
<span id="Auswahl_2.67"></span>


'''3d. Erkenntnis als Opferfaden und Haarknoten'''<br>
'''2.67'''
bahiḥsūtraṃ tyajedvidvānyogamuttamamāsthitaḥ |<br>
brahmabhāvamayaṃ sūtraṃ dhārayedyaḥ sa cetanaḥ ||<br>
dhāraṇāttasya sūtrasya nocchiṣṭo nāśucirbhavet |<br>
sūtramantargataṃ yeṣāṃ jñānayajñopavītinām ||<br>
te vai sūtravido loke te ca yajñopavītinaḥ |<br>
jñānaśikhino jñānaniṣṭhā jñānayajñopavītinaḥ ||<br>
jñānameva paraṃ teṣāṃ pavitraṃ jñānamuttamam |<br>
agneriva śikhā nānyā yasya jñānamayī śikhā ||<br>
sa śikhītyucyate vidvānitare keśadhāriṇaḥ || 3 ||<br>


'''Wer in den höchsten Yoga eingetreten ist, soll den äußeren Faden ablegen und den Faden tragen, dessen Wesen Brahman ist. Durch diesen inneren Faden wird er nicht unrein. Nur diejenigen kennen den wahren Faden und tragen das eigentliche Yajnopavita, deren Faden innen ist und deren Opferfaden Erkenntnis heißt. Erkenntnis ist ihr Haarknoten, in Erkenntnis stehen sie fest, Erkenntnis ist ihr Opferfaden und ihr höchster Reiniger. Wessen Shikha wie die Flamme des Feuers ganz aus Erkenntnis besteht, der heißt wahrhaft ein Träger der Shikha; die anderen tragen lediglich Haar.'''
Ein verdorbenes Inneres wird selbst in tausend Jahren nicht rein. Darum vollziehe diese Handlungen mit geläuterter Haltung. Wer sich so sechs Monate lang reinigt, findet nach der Verheißung den rechten Zugang zum Yoga.


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''uttamam yogam āsthitaḥ'' – in den höchsten Yoga eingetreten; ''brahma-bhāva-mayam sūtram'' – Faden, der aus dem Sein Brahmans besteht; ''cetanaḥ'' – bewusst, einsichtig; ''na ucchiṣṭaḥ na aśuciḥ'' – weder befleckt noch unrein; ''sūtram antargatam'' – der Faden ist nach innen gegangen; ''jñāna-yajñopavītinām'' – derer, deren Opferfaden Erkenntnis ist; ''sūtra-vidaḥ'' – Kenner des wahren Fadens; ''jñāna-śikhinaḥ'' – Menschen mit Erkenntnis als Haarknoten; ''jñāna-niṣṭhāḥ'' – fest in Erkenntnis gegründet ([[Nishtha]]); ''jñānam eva param'' – Erkenntnis allein ist das Höchste; ''agneḥ iva śikhā'' – wie die Flamme des Feuers; ''keśa-dhāriṇaḥ'' – bloße Träger von Haar.
[[Matsyendra Samhita#Vers_2.67|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_2.67|Sanskrit in Devanagari]]


=== Vierter Abschnitt – Erkenntnis, Meditation und Einheit ===
'''Frage zur Vertiefung:''' Welche Sehnsucht trägt deine Praxis, wenn Anerkennung, Besitz und besondere Erfahrungen einmal zurücktreten?


'''4a. Äußeres Zeichen und innere Verwirklichung'''<br>
<span id="Thema_2"></span>
karmaṇyadhikṛtā ye tu vaidike brāhmaṇādayaḥ |<br>
taiḥ sandhāryamidaṃ sūtraṃ kriyāṅgaṃ taddhi vai smṛtam ||<br>
śikhā jñānamayī yasya upavītaṃ ca tanmayam |<br>
brāhmaṇyaṃ sakalaṃ tasya iti brahmavido viduḥ ||<br>
idaṃ yajñopavītaṃ tu pavitraṃ yatparāyaṇam |<br>
sa vidvānyajñopavītī syātsa yajñaḥ sa ca yajñavit ||<br>


'''Brahmanen und andere, die zur Ausführung vedischer Riten berechtigt sind, sollen den äußeren Faden tragen, denn er gilt als Bestandteil des Rituals. Doch vollständig im wahren Brahman-Sein steht nach den Brahman-Kennern derjenige, dessen Shikha und Opferfaden aus Erkenntnis bestehen. Wer auf diesen höchsten Opferfaden ausgerichtet ist, ist wahrhaft wissend: Er trägt den Opferfaden, er ist selbst das Opfer und kennt das Opfer.'''
== 2. Festigkeit, Sammlung und die Wurzel der Bindung ==


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''karmaṇi adhikṛtāḥ'' – zu den Ritualhandlungen berechtigt; ''vaidike'' – im vedischen Bereich; ''brāhmaṇa-ādayaḥ'' – Brahmanen und andere; ''sandhāryam'' – soll getragen werden; ''kriyā-aṅgam'' – Bestandteil des Rituals; ''jñāna-mayī śikhā'' – Haarknoten aus Erkenntnis; ''upavītam tat-mayam'' – ein ebenso aus Erkenntnis bestehender Faden; ''brāhmaṇyam sakalam'' – vollständiges Brahmanen-Sein; ''brahma-vidaḥ'' – Brahman-Kenner; ''yat-parāyaṇam'' – auf das Höchste gerichtet; ''sa yajñaḥ'' – er ist das Opfer; ''yajña-vit'' – Kenner des Opfers.
Die Schrift setzt große Ziele, beginnt aber mit konkreten Voraussetzungen: eine tragfähige Haltung, ein geeigneter Ort und die Schulung des Geistes. Ihr Rückzug der Sinne ist mehr als bloßes Entspannen; die Sinne werden in ihre kosmischen Grundlagen zurückgeführt.


'''4b. Der eine Gott im Innern aller Wesen'''<br>
<span id="Auswahl_3.1"></span>
eko devaḥ sarvabhūteṣu gūḍhaḥ sarvavyāpī sarvabhūtāntarātmā |<br>
karmādhyakṣaḥ sarvabhūtādhivāsaḥ sākṣī cetā kevalo nirguṇaśca ||<br>
eko manīṣī niṣkriyāṇāṃ bahūnāmekaṃ santaṃ bahudhā yaḥ karoti |<br>
tamātmānaṃ ye’nupaśyanti dhīrāsteṣāṃ śāntiḥ śāśvatī netareṣām ||<br>


'''Ein Gott ist in allen Wesen verborgen, alldurchdringend und das innere Selbst aller Wesen. Er überwacht die Taten, ist die Wohnstatt aller, Zeuge und Erkennender, allein und ohne Eigenschaften. Der eine Weise macht das Eine unter den vielen scheinbar vielfach. Die Standhaften, die ihn als ihr eigenes Selbst schauen, erlangen ewigen Frieden – nicht die anderen.'''
'''3.1'''


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''ekaḥ devaḥ'' – der eine Gott; ''sarva-bhūteṣu gūḍhaḥ'' – in allen Wesen verborgen; ''sarva-vyāpī'' – alldurchdringend; ''sarva-bhūta-antar-ātmā'' – inneres Selbst aller Wesen; ''karma-adhyakṣaḥ'' – Aufseher über die Taten; ''adhivāsaḥ'' – Wohnstatt; ''sākṣī'' – Zeuge ([[Sakshi]]); ''cetā'' – Erkennender; ''kevalaḥ'' – allein; ''nirguṇaḥ'' – ohne Eigenschaften ([[Nirguna]]); ''niṣkriyāṇām'' – unter den Untätigen; ''ekam santam bahudhā karoti'' – macht das eine Seiende scheinbar vielfältig; ''anupaśyanti'' – schauen unmittelbar; ''śāntiḥ śāśvatī'' – ewiger Frieden. Die Strophen entsprechen mit Varianten der [[Shvetashvatara Upanishad]] 6.11–12.
Zum Wohl der Übenden erkläre ich nun die Folge der Asanas. Wenn du sie Schritt für Schritt einübst, kann Festigkeit leicht entstehen.


'''4c. Meditation als Reiben der Feuerhölzer'''<br>
[[Matsyendra Samhita#Vers_3.1|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_3.1|Sanskrit in Devanagari]]
ātmānamaraṇiṃ kṛtvā praṇavaṃ cottarāraṇim |<br>
dhyānanirmathanābhyāsāddevaṃ paśyennigūḍhavat ||<br>
tileṣu tailaṃ dadhinīva sarpirāpaḥ srotaḥsvaraṇīṣu cāgniḥ |<br>
evamātmā’’tmani gṛhyate’sau satyenainaṃ tapasā yo’nupaśyati ||<br>


'''Mache den Atman zum unteren Feuerholz und den [[Pranava]] Om zum oberen. Durch das beständige Reiben der Meditation sollst du das verborgene Göttliche schauen wie das im Holz verborgene Feuer. Wie Öl in Sesamsamen, Butter in Dickmilch, Wasser in Flussläufen und Feuer in den Reibhölzern, so wird der Atman im eigenen Selbst erfasst – von dem, der ihn durch Wahrhaftigkeit und [[Tapas]] schaut.'''
<span id="Auswahl_3.37"></span>


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''ātmānam araṇim kṛtvā'' – den Atman zum Feuerholz gemacht; ''praṇavam uttara-araṇim'' – Pranava als oberes Reibholz; ''dhyāna-nirmathana-abhyāsāt'' – durch Übung des Reibens in [[Dhyana]]; ''devam paśyet'' – soll man das Göttliche schauen; ''nigūḍhavat'' – wie etwas Verborgenes; ''tileṣu tailam'' – Öl in Sesamsamen; ''dadhini sarpiḥ'' – Butterfett in Dickmilch; ''āpaḥ srotaḥsu'' – Wasser in Flussläufen; ''araṇīṣu agniḥ'' – Feuer in Reibhölzern; ''ātmani gṛhyate'' – wird im Selbst erfasst; ''satyena'' – durch Wahrhaftigkeit ([[Satya]]); ''tapasā'' – durch geistige Disziplin.
'''3.37'''


'''4d. Spinne, Herzlotus und die vier Zustände'''<br>
Wähle unter diesen Haltungen eine, die zu deinen Möglichkeiten passt. Wenn du sie wirklich beherrschst, wird auch die Sammlung der Sinne möglich.
ūrṇanābhiryathā tantūnsṛjate saṃharatyapi |<br>
jāgratsvapne tathā jīvo gacchatyāgacchate punaḥ ||<br>
padmakośapratīkāśaṃ suṣiraṃ cāpyadhomukham |<br>
hṛdayaṃ tadvijānīyādviśvasyāyatanaṃ mahat ||<br>
netrasthaṃ jāgrataṃ vidyātkaṇṭhe svapnaṃ vinirdiśet |<br>
suṣuptaṃ hṛdayasthaṃ tu turīyaṃ mūrdhni saṃsthitam ||<br>


'''Wie eine Spinne ihre Fäden aus sich hervorbringt und wieder einzieht, so geht der Jiva in Wachen und Traum hinaus und kehrt wieder zurück. Erkenne das Herz als eine nach unten gerichtete, hohle Lotusknospe und als die große Wohnstatt des Weltganzen. Im Wachen ist das Bewusstsein im Auge, im Traum in der Kehle, im Tiefschlaf im Herzen und im Turiya am Scheitel gegründet.'''
''Betrachtung:'' Die Aussage über die passende Haltung beruht auf einer vorsichtigen Deutung des schwierigen Druckwortlauts. Die Einzelanmerkung im Hauptartikel dokumentiert sie.


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''ūrṇanābhiḥ'' – Spinne; ''tantūn sṛjate saṃharati'' – bringt Fäden hervor und zieht sie zurück; ''jīvaḥ'' – Einzelseele; ''jāgrat-svapne'' – in Wachen und Traum; ''gacchati āgacchati'' – geht und kehrt zurück; ''padma-kośa-pratīkāśam'' – einer Lotusknospe ähnlich; ''suṣiram'' – hohl, einen Innenraum besitzend; ''adho-mukham'' – nach unten gerichtet; ''hṛdayam'' – Herz; ''viśvasya āyatanam mahat'' – große Wohnstatt des Alls; ''netrastham'' – im Auge befindlich; ''kaṇṭhe'' – in der Kehle; ''hṛdayastham'' – im Herzen; ''mūrdhni saṃsthitam'' – am Scheitel gegründet.
[[Matsyendra Samhita#Vers_3.37|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_3.37|Sanskrit in Devanagari]]


'''4e. Die verinnerlichte Sandhya'''<br>
<span id="Auswahl_3.38"></span>
yadātmā prajñayātmānaṃ sandhatte paramātmani |<br>
tena sandhyā dhyānameva tasmātsandhyābhivandanam ||<br>
nirudakā dhyānasandhyā vākkāyakleśavarjitā |<br>
sandhinī sarvabhūtānāṃ sā sandhyā hyekadaṇḍinām ||<br>


'''Wenn der Atman sich durch klare Einsicht mit dem höchsten Atman verbindet, wird Meditation selbst zur [[Sandhya]], zur heiligen Vereinigung. Darum übt der Entsagende diese innere Dämmerungsandacht. Sie braucht kein Wasser, erschöpft weder Sprache noch Körper und führt alle Wesen in der Einheit zusammen. Das ist die Sandhya der Träger des einen Stabes.'''
'''3.38'''


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''prajñayā'' – durch Einsicht, Weisheit ([[Prajna]]); ''ātmānam sandhatte paramātmani'' – verbindet das Selbst mit dem höchsten Selbst; ''sandhyā'' – Übergang, Verbindung und Dämmerungsandacht; ''dhyānam eva'' – Meditation allein; ''nirudakā'' – ohne Wasser; ''vāk-kāya-kleśa-varjitā'' – frei von Mühe für Rede und Körper; ''sandhinī sarva-bhūtānām'' – alle Wesen verbindend; ''ekadaṇḍinām'' – der Ein-Stab-Entsagenden ([[Ekadandin]]).
Der Körper gewinnt Festigkeit, der Geist wird still. In der vertraut gewordenen Haltung sitzend, widmet sich der Yogi bei Tag und bei Nacht dem Yoga.


'''4f. Die höchste Brahman-Lehre'''<br>
''Betrachtung:'' „Bei Tag und bei Nacht“ bewahrt den entschiedenen Übungsanspruch der Schrift. Daraus folgt für heutige Leser kein Verzicht auf notwendigen Schlaf.
yato vāco nivartante aprāpya manasā saha |<br>
ānandametajjīvasya yaṃ jñātvā mucyate budhaḥ ||<br>
sarvavyāpinamātmānaṃ kṣīre sarpirivārpitam |<br>
ātmavidyātapomūlaṃ tadbrahmopaniṣatparam |<br>
sarvātmaikatvarūpeṇa tadbrahmopaniṣatparamiti || 4 ||<br>


'''Wovon Worte gemeinsam mit dem Denken zurückkehren, ohne es zu erreichen – das ist die Glückseligkeit des Jiva; wer sie erkennt, wird frei. Der Atman durchdringt alle Wesen wie Butterfett die Milch. Er ist die Wurzel von Selbsterkenntnis und Tapas. Dies ist die höchste Brahman-Upanishad: die Lehre von der Einheit des einen Selbst in allen Wesen.'''
[[Matsyendra Samhita#Vers_3.38|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_3.38|Sanskrit in Devanagari]]


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''yataḥ vācaḥ nivartante'' – wovon die Worte zurückkehren; ''aprāpya manasā saha'' – ohne es zusammen mit dem Denken zu erreichen; ''ānandam'' – Glückseligkeit; ''yam jñātvā'' – welches erkannt habend; ''mucyate budhaḥ'' – wird der Weise befreit; ''sarva-vyāpinam ātmānam'' – den alldurchdringenden Atman; ''kṣīre sarpiḥ iva arpitam'' – wie Butterfett in Milch enthalten; ''ātma-vidyā-tapo-mūlam'' – Wurzel von Selbsterkenntnis und Tapas; ''brahmopaniṣat param'' – höchste geheime Brahman-Lehre; ''sarva-ātma-ekatva-rūpeṇa'' – in der Gestalt der Einheit des Selbst in allem.
<span id="Auswahl_3.39"></span>


=== Abschluss ===
'''3.39'''


ityatharvavede brahmopaniṣatsamāptā ||<br>
Übe an einem abgeschiedenen, stillen Ort: Der Boden sei eben und sauber, frei von störenden Tieren, der Raum von Wohlgeruch erfüllt.


'''Damit endet die Brahma Upanishad, hier nach dem Kolophon der Atharvaveda-Fassung.'''
[[Matsyendra Samhita#Vers_3.39|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_3.39|Sanskrit in Devanagari]]


'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''iti'' – so, damit; ''atharvavede'' – im Atharvaveda; ''brahmopaniṣat'' – Brahma Upanishad; ''samāptā'' – beendet, vollendet. Die übliche Muktika-Zuordnung zum Krishna Yajurveda wird unten erläutert.
<span id="Auswahl_3.40"></span>


oṃ saha nāvavatu |<br>
'''3.40'''
saha nau bhunaktu |<br>
saha vīryaṃ karavāvahai |<br>
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>


''Das Shanti Mantra wird am Ende wiederholt.''
Ob im Heiligtum Shivas, in einer Höhle oder in einem stillen Haus: Verweile gesammelt und beherrscht, dein Bewusstsein vom höchsten Nektar erfüllt.


'''Video: Spirituelle Yoga-Perspektiven – Samkhya, Patanjali und Vedanta'''
[[Matsyendra Samhita#Vers_3.40|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_3.40|Sanskrit in Devanagari]]


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<span id="Auswahl_5.1"></span>


== Brahma Upanishad: Hintergrund, Datierung, Inhalt und Bedeutung ==
'''5.1'''


=== Name, Einordnung und Überlieferung ===
Wohin der rastlose Geist auch wandert und welches Verlangen ihn nach außen zieht: Hole dein Bewusstsein zurück.


''Brahmopaniṣat'' bedeutet wörtlich „die Upanishad des Brahman“. Gemeint ist nicht der Schöpfergott [[Brahma]], sondern überwiegend [[Brahman]], die höchste, unbedingte Wirklichkeit. Der Text gehört zur Gruppe der [[Sannyasa Upanishaden]], weil er äußere Kennzeichen des vedischen Haus- und Rituallebens – Opferfaden und Haarknoten – im Licht der Entsagung neu deutet. Er ist zugleich eine Schrift über [[Vedanta]], Bewusstseinszustände und innere Meditation.
[[Matsyendra Samhita#Vers_5.1|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_5.1|Sanskrit in Devanagari]]


In der Muktika-Liste steht die Brahma Upanishad an elfter Stelle und wird mit dem Krishna Yajurveda verbunden. Das Kolophon der hier verwendeten elektronischen Langfassung nennt dagegen den Atharvaveda. Solche schwankenden Veda-Zuordnungen sind bei kleineren Upanishaden nicht ungewöhnlich und sollten nicht durch eine stillschweigende Vereinheitlichung verdeckt werden. Die im Artikel wiedergegebene Schlussformel bleibt daher quellengetreu erhalten, während die Einleitung die gebräuchliche Muktika-Zuordnung nennt.
<span id="Auswahl_5.5"></span>


Auch die Gliederung ist nicht einheitlich. Die verbreitete Langfassung zählt vier große Abschnitte. Schraders kritische Ausgabe und Patrick Olivelles darauf beruhende Übersetzung behandeln den Stoff als drei Kapitel: Der Abschnitt über den inneren Opferfaden wird dort über die Kapitelgrenze hinweg gegliedert. Manche südindischen Ausgaben beginnen erst mit der Lehre von den vier Sitzen des Purusha und lassen den gesamten langen Dialog zwischen Shaunaka und Pippalada aus. Die vorliegende Fassung enthält ausdrücklich '''alle vier Abschnitte einschließlich dieses ersten Prosateils'''.
'''5.5'''


=== Datierung und Textschichten ===
Sammle die Sinne immer wieder ein und führe den Geist zurück. Denn der Geist selbst ist die Ursache deiner Bindung und deiner Befreiung.


Autor, Entstehungsort und genaue Zeit sind unbekannt. Eine punktgenaue Datierung wäre nicht seriös. Die Brahma Upanishad gehört nach Schrader und Sprockhoff zur älteren Gruppe der Sannyasa Upanishaden. Patrick Olivelle weist jedoch darauf hin, dass ihre Diskussion über den ständig getragenen Opferfaden in der erhaltenen Form eher in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung passt. Zugleich können einzelne Bestandteile deutlich älter sein. Am vorsichtigsten lässt sich daher sagen: '''Die heute vorliegende Komposition entstand wahrscheinlich in den ersten Jahrhunderten n. Chr.; ältere Lehrstücke und spätere Überarbeitungen sind möglich.'''
[[Matsyendra Samhita#Vers_5.5|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_5.5|Sanskrit in Devanagari]]


Der zusammengesetzte Charakter ist im Text selbst sichtbar. Die Sprache des ersten Kapitels erinnert an frühe Prosa-Upanishaden. Später folgen metrische Strophen und fast wörtliche Übernahmen aus der [[Shvetashvatara Upanishad]]. Manche Übergänge sind abgebrochen, einzelne Sätze nur schwer verständlich. Schraders kritische Ausgabe rekonstruiert beispielsweise einen ausgefallenen Vergleich mit der Bienenkönigin anhand der [[Prashna Upanishad]] 2.4. Eine weitere Lücke betrifft acht Opferschalen, die vermutlich die acht „Erfasser“ – Sinnes- und Handlungsorgane – versinnbildlichen. Solche Unsicherheiten sind kein Mangel dieser Wiki-Ausgabe, sondern Teil der realen Handschriftenüberlieferung.
<span id="Auswahl_5.14"></span>


=== Der Körper als Brahmapura ===
'''5.14'''


Die Upanishad beginnt mit dem Bild des Körpers als ''Brahmapura'', als „Stadt Brahmans“. Shaunakas Frage richtet sich nicht nur auf Anatomie. Er will wissen, wodurch Sehen, Hören, Sprechen und alle übrigen Lebensfunktionen ihre Fähigkeit erhalten. Pippaladas Antwort lautet zunächst: [[Prana]] ist der Atman. Dabei ist Prana mehr als Atemluft. Er bezeichnet die einigende Lebenskraft, in die sich die einzelnen Sinnesfunktionen im Schlaf zurückziehen und aus der sie beim Erwachen wieder hervortreten.
Erkenne das Riechen als eine Kraft der Erde, verbunden mit der feinen Qualität des Geruchs. Lass diesen Sinn in seine Grundlage zurückkehren und seine Tätigkeit zur Ruhe kommen.


Der Text greift damit ein großes Motiv der frühen Upanishaden auf: Die Sinneskräfte heißen „Götter“, weil sie die Welt erschließen, doch ihre Macht ist nicht unabhängig. Wie die Bienen ihrem führenden Tier folgen und wie ein Netz aus einem Faden hervorgeht, so hängen die vielen Funktionen an einem inneren Prinzip. Für die Praxis bedeutet dies: Atembeobachtung kann den Geist sammeln, aber der Atem ist nicht das letzte Ziel. Er weist auf jenes Bewusstsein zurück, in dem Atem und Sinne erscheinen.
''Betrachtung:'' Dies ist die Elementenlehre des Textes. Sie lässt die gewöhnliche Wahrnehmung als Teil eines größeren Zusammenhangs erscheinen.


=== Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turiya ===
[[Matsyendra Samhita#Vers_5.14|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_5.14|Sanskrit in Devanagari]]


Die vier Sitze Nabel, Herz, Kehle und Haupt werden mit vier Zuständen verbunden: Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turiya. Die Gottheiten Brahma, Vishnu und Rudra stehen symbolisch für die ersten drei, während Turiya als das höchste Akshara gilt. Diese Lehre steht der [[Mandukya Upanishad]] nahe, ist aber körperbezogener: Bewusstseinszustände werden zugleich im inneren Raum des Menschen verortet.
<span id="Auswahl_6.1"></span>


Der Tiefschlaf besitzt dabei eine besondere Bedeutung. Dort sind die gewöhnlichen Unterscheidungen zeitweise nicht wirksam; der Mensch erfährt eine wunschlose Ruhe, erkennt sie nach dem Erwachen jedoch meist nicht bewusst. Turiya ist nicht bloß ein noch tieferer Schlaf. Es ist das unveränderliche Bewusstsein, das Wachen, Traum und Tiefschlaf kennt, ohne auf einen dieser Zustände begrenzt zu sein. [https://www.yoga-vidya.de/meditation/ Meditation] soll nicht Bewusstlosigkeit erzeugen, sondern diese stets gegenwärtige Grundlage klar erkennen lassen.
'''6.1'''


[[Datei:Meditation_Licht_Herz_Anahata_Chakra_strahlen.jpg|thumb|Der Raum des Herzens ist in der Brahma Upanishad Sinnbild des unbegrenzten Bewusstseins.]]
Nun erkläre ich Dharana, die Sammlung, durch die Fehler schwinden sollen. Zwölf Pranayamas werden hier als Dharana-Yoga bezeichnet.


=== Hridayakasha – der Raum des Herzens ===
''Betrachtung:'' Die Zwölferzahl gehört zur historischen Einteilung. Der Vers allein beschreibt noch kein Atemverfahren und bestimmt keine heutige Übungsdauer.


Der [[Hridayakasha]], der Raum im Herzen, ist kein messbarer Hohlraum des Organs. Er ist ein kontemplatives Bild für [[Chidakasha]], den Raum des Bewusstseins. In ihm ist das gesamte Weltgewebe „als Kette und Schuss“ verwoben. Die Upanishad verbindet damit Nähe und Unendlichkeit: Das höchste Brahman muss nicht an einem entfernten Ort gesucht werden, und doch ist es nicht auf den Körper eingeschlossen.
[[Matsyendra Samhita#Vers_6.1|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_6.1|Sanskrit in Devanagari]]


Das Herz erscheint später als nach unten gerichtete Lotusknospe und als große Wohnstatt des Alls. Solche Bilder können in einer ruhigen Meditation verwendet werden: nicht als anatomische Behauptung, sondern als Einladung, Aufmerksamkeit, Atem und Gefühl im Herzzentrum zu sammeln und von dort die Grenzen des persönlichen Ichs zu überschreiten. Der entscheidende Schritt bleibt [[Viveka]], die Unterscheidung zwischen wechselnden Erfahrungen und dem unveränderlichen Zeugen.
'''Frage zur Vertiefung:''' Beobachte beim nächsten ruhigen Sitzen, was den Geist bindet und was ihm Weite gibt. Du musst dafür keine außergewöhnliche Erfahrung erzeugen.


=== Der innere Opferfaden und die Verinnerlichung des Rituals ===
<span id="Thema_3"></span>


Der bekannteste Teil der Brahma Upanishad deutet [[Yajnopavita]] und Shikha neu. Der äußere Opferfaden ist ein Bestandteil vedischer Ritualpraxis. Für den Entsagenden, der diese Praxis verlassen hat, soll Brahman selbst zum Faden werden, auf dem die Welt wie Perlen aufgereiht ist. Erkenntnis ist seine Shikha; Erkenntnis ist sein Opferfaden; Erkenntnis ist sein höchster Reiniger.
== 3. Dein Körper als Weltall – und der furchtlose Bhairava ==


Diese Aussagen richten sich historisch an männliche brahmanische Entsagende und setzen die damalige Ritualordnung voraus. Sie sind weder eine allgemeine Abwertung religiöser Formen noch eine pauschale soziale Lehre. Der Text bestätigt ausdrücklich, dass Menschen, die vedische Riten vollziehen, den äußeren Faden als Ritualbestandteil tragen. Sein radikaler Punkt lautet vielmehr: Ein Zeichen erfüllt seinen höchsten Sinn erst, wenn es auf gelebte Erkenntnis verweist. Ohne innere Wandlung kann das äußere Symbol Verwirklichung nicht ersetzen.
Hier verlässt die Matsyendra Samhita den Rahmen gewöhnlicher Körpervorstellung. Der Yogi wird zum Weltenkörper; [[Shiva]] erscheint als Bhairava, wild und furchtlos. Diese Bilder sollen nicht verharmlost werden: Sie führen die Meditation an die Grenzen von Selbstbild, Sicherheit und Todesfurcht.


Darin liegt eine zeitübergreifende spirituelle Botschaft. Mala, Kleidung, Titel, Unterrichtszertifikat oder Zugehörigkeit zu einer Tradition können hilfreich sein, doch sie sind nicht mit [[Moksha]] identisch. Ebenso darf jemand die Ablehnung äußerer Formen nicht mit Freiheit verwechseln. Innere Entsagung zeigt sich an geringerem Egoismus, Wahrhaftigkeit, Selbstbeherrschung, Mitgefühl und an der Fähigkeit, das eine Selbst in anderen zu achten.
<span id="Auswahl_7.3"></span>


=== Das Feuer der Meditation ===
'''7.3'''


Das Gleichnis der Reibhölzer stammt aus der Shvetashvatara Upanishad: Der Atman ist das untere Holz, Om das obere, und Dhyana ist die beständige Reibung, durch die das verborgene Feuer sichtbar wird. Das Bild verbindet Anstrengung und Gnade. Das Feuer wird nicht von außen hergestellt; es ist bereits verborgen. Dennoch braucht es regelmäßige, ausdauernde Praxis, damit es hervortritt.
Um die Hindernisse zu überwinden, vergegenwärtige dir einen gewaltigen Körper: Seine Füße reichen in die Unterwelt, die Erde bildet seine Hüften, der weite Raum seinen Leib.


Die Vergleiche mit Öl im Sesam und Butterfett in der Milch vertiefen denselben Gedanken. [[Brahman]] ist nicht abwesend, nur weil es nicht wie ein Sinnesgegenstand erscheint. Es wird durch Satya, Tapas und Meditation erkannt. Für einen modernen Aspiranten kann daraus eine schlichte Praxis entstehen: einige Minuten ruhig sitzen, den Atem natürlich werden lassen, Om geistig wiederholen, die Aufmerksamkeit im Herzen sammeln und anschließend in wortloser Wachheit verweilen. Die Bilder der Schrift rechtfertigen keine gewaltsame Atemkontrolle und verlangen keine medizinische Deutung feinstofflicher Begriffe.
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.3|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.3|Sanskrit in Devanagari]]


=== Beziehungen zu anderen Upanishaden und Schriften ===
<span id="Auswahl_7.5"></span>


Die Brahma Upanishad ist dicht mit älteren Texten verwoben. Das Bild der Sinne als Götter und ihres Rückzugs in den Prana hat Parallelen in [[Brihadaranyaka Upanishad]], [[Chandogya Upanishad]], Prashna Upanishad und [[Kaushitaki Upanishad]]. Der Falke des Tiefschlafs und die Spinne, die ihr Netz aus sich hervorbringt, gehören zu einem weit verbreiteten upanishadischen Bildschatz. Die vier Zustände erinnern an die Mandukya Upanishad. Der „Kenner des Feldes“ verbindet die Lehre mit dem dreizehnten Kapitel der [[Bhagavad Gita]].
'''7.5'''


Der Vers über das Eine, das in allen Wesen verborgen ist, sowie die Feuerholz-, Öl- und Buttergleichnisse stammen mit Varianten aus Shvetashvatara Upanishad 6.11–12 und 1.14–16. Die Wendung, dass Sprache und Geist vor Brahman umkehren, steht der [[Taittiriya Upanishad]] nahe. Das erste Kapitel der Brahma Upanishad wurde später nahezu vollständig als erstes Kapitel der [[Parabrahma Upanishad]] übernommen. So ist der Text zugleich Empfänger älterer Traditionen und Quelle späterer Sannyasa-Literatur.
Die Meere sind sein Gewand. Wunderbar durchdringt er das ganze Weltall; alles Bewegliche und Unbewegliche gehört zu ihm, von Brahma bis zum Grashalm.


=== Bedeutung für den heutigen Yoga Aspiranten ===
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.5|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.5|Sanskrit in Devanagari]]


Für heutige [https://www.yoga-vidya.de/yoga/ Yoga]-Übende ist die Brahma Upanishad vor allem eine Schule der Verinnerlichung. Sie fordert nicht dazu auf, Pflichten, Beziehungen oder kulturelle Formen vorschnell abzulegen. Sie fragt, was eine Praxis von innen her wahr macht. Atem, Mantra, Studium und Meditation sollen zur Erkenntnis führen, dass Bewusstsein nicht auf das begrenzte Ich reduziert werden kann.
<span id="Auswahl_7.6"></span>


Der Satz „Alle Gottheiten wohnen im Herzen“ kann zu einer Haltung der Ehrfurcht führen. Wer das Göttliche im eigenen Innern sucht, sollte es auch in anderen Wesen achten. Nichtdualität ist deshalb kein Rückzug aus ethischer Verantwortung. Sie vertieft [[Ahimsa]], Mitgefühl und Wahrhaftigkeit, weil das Gegenüber nicht mehr als völlig fremd angesehen wird.
'''7.6'''


Gleichzeitig erinnert der Text daran, Studium nicht mit Verwirklichung zu verwechseln. Eine Wort-für-Wort-Übersetzung kann den Zugang öffnen; sie ersetzt aber weder stille Kontemplation noch die Prüfung im Alltag. Ob die Lehre lebendig wird, zeigt sich in Momenten von Kritik, Verlust, Erfolg und Konflikt: Kann der Aspirant Zeuge bleiben, ohne gefühllos zu werden? Kann er handeln, ohne sich ausschließlich mit Rolle und Ergebnis zu identifizieren?
Betrachte die Welten wie Poren deines Körpers und deinen Leib als das ganze Universum. Lass diese große Gestalt lebendig werden, damit der Geist Festigkeit gewinnt.


=== Bedeutung für Yogalehrer und spirituelle Begleiter ===
''Betrachtung:'' Hier wird die Enge des gewohnten Körperbildes aufgebrochen. Die Schrift bietet eine konkrete kosmische Visualisation.


Ein [[Yogalehrer]] kann die Brahma Upanishad nutzen, um den Zusammenhang von Atem, Bewusstseinszuständen, Mantra und Vedanta zu erklären. Dabei sollte er historische Symbolik von universell anwendbarer Praxis unterscheiden. Die Lehre vom Ablegen des Fadens ist ein Text über Sannyasa, keine Aufforderung, die religiösen Zeichen anderer Menschen abzuwerten. Ebenso ist der Herzraum ein Meditationssymbol und keine naturwissenschaftliche Beschreibung.
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.6|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.6|Sanskrit in Devanagari]]


Ein verantwortungsvoller Lehrer führt von der Form zum Sinn, ohne die Form lächerlich zu machen. Er hilft Schülerinnen und Schülern, [[Om]] nicht mechanisch zu wiederholen, Tiefschlaf nicht mit [[Samadhi]] gleichzusetzen und nichtduale Aussagen nicht zur Umgehung psychischer oder sozialer Verantwortung zu benutzen. Seine Glaubwürdigkeit entsteht weniger durch äußere Kennzeichen als durch Klarheit, Bescheidenheit, Mitgefühl und gelebte Selbstbeherrschung.
<span id="Auswahl_7.7"></span>


[[Datei:Swami-Sivananda-Konzentration-und-Meditation.jpg|thumb|Studium, Konzentration und Meditation lassen die Lehre vom inneren Faden praktisch werden.]]
'''7.7'''


=== Bleibende Botschaft ===
Wer so in die göttliche Erkenntnis hineinmeditiert, dessen geistige Bewegungen kommen nach und nach zur Ruhe.


Die bleibende Botschaft der Brahma Upanishad lässt sich in einem Bild zusammenfassen: Die Welt ist wie eine Reihe von Perlen, Brahman der unsichtbare Faden. Die einzelnen Formen bleiben verschieden, doch sie hängen an einem gemeinsamen Grund. Wer nur auf die Perlen sieht, erlebt Trennung; wer den Faden erkennt, sieht Einheit, ohne die Vielfalt zu leugnen.
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.7|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.7|Sanskrit in Devanagari]]


Der wahre heilige Faden ist daher Bewusstheit. Die wahre Shikha ist Erkenntnis. Das wahre Sandhya-Ritual ist jene Meditation, in der das begrenzte Selbst sich seinem höchsten Ursprung öffnet. So führt die Schrift von Prana zu Atman, vom äußeren Zeichen zum inneren Sinn und von der wechselnden Erfahrung zum stillen Zeugen, der in allen Wesen derselbe ist.
<span id="Auswahl_7.8"></span>


== Brahma Upanishad – vollständiger Text in Devanagari ==
'''7.8'''


Die folgende Vollfassung enthält das zugehörige Shanti Mantra, sämtliche vier Abschnitte einschließlich des in manchen südindischen Ausgaben fehlenden ersten Prosateils sowie das überlieferte Kolophon. Eindeutige Schreibfehler der elektronischen Vorlage sind normalisiert; die inhaltlich gestörten Stellen werden nicht stillschweigend zu neuen Versen umgebaut.
Ist der Geist gefestigt, öffnet sich die nächste Betrachtung: Im eigenen Herzen liegt ein höchster Lotus, dessen Wesen Shiva und Shakti sind.


ॐ सह नाववतु ।<br>
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.8|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.8|Sanskrit in Devanagari]]
सह नौ भुनक्तु ।<br>
सह वीर्यं करवावहै ।<br>
तेजस्विनावधीतमस्तु मा विद्विषावहै ।<br>
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥<br>


हरिः ॐ ॥<br>
<span id="Auswahl_7.14"></span>


'''1. Abschnitt'''<br>
'''7.14'''
ॐ शौनको ह वै महाशालोऽङ्गिरसं भगवन्तं पिप्पलादमपृच्छत् ।<br>
दिव्ये ब्रह्मपुरे सम्प्रतिष्ठिता भवन्ति कथं सृजन्ति कस्यैष महिमा बभूव यो ह्येष महिमा बभूव क एषः ।<br>
तस्मै स होवाच ब्रह्मविद्यां वरिष्ठाम् ।<br>
प्राणो ह्येष आत्मा । आत्मनो महिमा बभूव देवानामायुः स देवानां निधनमनिधनं दिव्ये ब्रह्मपुरे विरजं निष्कलं शुभ्रमक्षरं यद्ब्रह्म विभाति ।<br>
स नियच्छति मधुकरराजानं माक्षिकवदिति ।<br>
यथा माक्षिकैकेन तन्तुना जालं विक्षिपति तेनापकर्षति तथैवैष प्राणो यदा याति संसृष्टमाकृष्य ।<br>
प्राणदेवतास्ताः सर्वा नाड्यः ।<br>
सुष्वपे श्येनाकाशवद्यथा खं श्येनमाश्रित्य याति स्वमालयमेवं सुषुप्तो ब्रूते ।<br>
यथैवैष देवदत्तो यष्ट्यापि ताड्यमानो न वेत्त्येवमिष्टापूर्तैः शुभाशुभैर्न लिप्यते ।<br>
यथा कुमारो निष्काम आनन्दमुपयाति तथैवैष देवदत्तः स्वप्न आनन्दमभियाति ।<br>
वेद एव परं ज्योतिः ज्योतिष्कामो ज्योतिरानन्दयते ।<br>
भूयस्तेनैव स्वप्नाय गच्छति जलौकावत् ।<br>
यथा जलौकाग्रमग्रं नयत्यात्मानं नयति परं सन्धाय । यत्परं नापरं त्यजति स जाग्रदभिधीयते ।<br>
यथैवैष कपालाष्टकं संनयति । तमेव स्तन इव लम्बते वेददेवयोनः ।<br>
यत्र जाग्रति शुभाशुभं निरुक्तमस्य देवस्य स सम्प्रसादोऽन्तर्यामी खगः कर्कटकः पुष्करः पुरुषः प्राणो हंसः परापरं ब्रह्म आत्मा देवता वेदयति ।<br>
य एवं वेद स परं ब्रह्मधाम क्षेत्रज्ञमुपैति ॥ १ ॥<br>


'''2. Abschnitt'''<br>
Acht große Schlangen schmücken ihn als Kette. Er brüllt und vernichtet die Furcht. Ein Tigerfell ist sein Gewand, ein Löwenfell sein Mantel.
अथास्य पुरुषस्य चत्वारि स्थानानि भवन्ति नाभिर्हृदयं कण्ठं मूर्धेति ।<br>
तत्र चतुष्पादं ब्रह्म विभाति । जागरितं स्वप्नं सुषुप्तं तुरीयमिति ।<br>
जागरिते ब्रह्मा स्वप्ने विष्णुः सुषुप्तौ रुद्रस्तुरीयं परमाक्षरम् ।<br>
आदित्यश्च विष्णुश्चेश्वरश्च स पुरुषः स प्राणः स जीवः सोऽग्निः सेश्वरश्च जाग्रत्तेषां मध्ये यत्परं ब्रह्म विभाति ।<br>
स्वयममनस्कमश्रोत्रमपाणिपादं ज्योतिर्वर्जितं न तत्र लोका नालोका वेदा नावेदाः देवा नादेवाः यज्ञा नायज्ञाः माता नामाता पिता नापिता स्नुषा नास्नुषा चाण्डालो नाचाण्डालः पौल्कसो नापौल्कसः श्रमणो नाश्रमणः पशवो नापशवस्तापसो नातापस इत्येकमेव परं ब्रह्म विभाति ।<br>
हृद्याकाशे तद्विज्ञानमाकाशं तत्सुषिरमाकाशं तद्वेद्यं हृद्याकाशं यस्मिन्निदं सञ्चरति विचरति यस्मिन्निदं सर्वमोतं प्रोतम् ।<br>
संविभोः प्रजा ज्ञायेरन् ।<br>
न तत्र देवा ऋषयः पितर ईशते । प्रतिबुद्धः सर्वविदिति ॥ २ ॥<br>


'''3. Abschnitt'''<br>
''Betrachtung:'' Bhairava wird hier nicht zur bloß sanften Gestalt. Auch das Erschreckende kann im religiösen Bild zur Macht werden, die Furcht auflöst.
हृदिस्था देवताः सर्वा हृदि प्राणाः प्रतिष्ठिताः ।<br>
हृदि प्राणश्च ज्योतिश्च त्रिवृत्सूत्रं च यन्महत् ॥<br>
हृदि चैतन्ये तिष्ठति ।<br>
यज्ञोपवीतं परमं पवित्रं प्रजापतेर्यत्सहजं पुरस्तात् ।<br>
आयुष्यमग्र्यं प्रतिमुञ्च शुभ्रं यज्ञोपवीतं बलमस्तु तेजः ॥<br>
सशिखं वपनं कृत्वा बहिःसूत्रं त्यजेद्बुधः ।<br>
यदक्षरं परं ब्रह्म तत्सूत्रमिति धारयेत् ॥<br>
सूचनात्सूत्रमित्याहुः सूत्रं नाम परं पदम् ।<br>
तत्सूत्रं विदितं येन स विप्रो वेदपारगः ॥<br>
तेन सर्वमिदं प्रोतं सूत्रे मणिगणा इव ।<br>
तत्सूत्रं धारयेद्योगी योगवित्तत्त्वदर्शिवान् ॥<br>
बहिःसूत्रं त्यजेद्विद्वान्योगमुत्तममास्थितः ।<br>
ब्रह्मभावमयं सूत्रं धारयेद्यः स चेतनः ॥<br>
धारणात्तस्य सूत्रस्य नोच्छिष्टो नाशुचिर्भवेत् ।<br>
सूत्रमन्तर्गतं येषां ज्ञानयज्ञोपवीतिनाम् ॥<br>
ते वै सूत्रविदो लोके ते च यज्ञोपवीतिनः ।<br>
ज्ञानशिखिनो ज्ञाननिष्ठा ज्ञानयज्ञोपवीतिनः ॥<br>
ज्ञानमेव परं तेषां पवित्रं ज्ञानमुत्तमम् ।<br>
अग्नेरिव शिखा नान्या यस्य ज्ञानमयी शिखा ॥<br>
स शिखीत्युच्यते विद्वानितरे केशधारिणः ॥ ३ ॥<br>


'''4. Abschnitt'''<br>
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.14|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.14|Sanskrit in Devanagari]]
कर्मण्यधिकृता ये तु वैदिके ब्राह्मणादयः ।<br>
तैः सन्धार्यमिदं सूत्रं क्रियाङ्गं तद्धि वै स्मृतम् ॥<br>
शिखा ज्ञानमयी यस्य उपवीतं च तन्मयम् ।<br>
ब्राह्मण्यं सकलं तस्य इति ब्रह्मविदो विदुः ॥<br>
इदं यज्ञोपवीतं तु पवित्रं यत्परायणम् ।<br>
स विद्वान्यज्ञोपवीती स्यात्स यज्ञः स च यज्ञवित् ॥<br>
एको देवः सर्वभूतेषु गूढः सर्वव्यापी सर्वभूतान्तरात्मा ।<br>
कर्माध्यक्षः सर्वभूताधिवासः साक्षी चेता केवलो निर्गुणश्च ॥<br>
एको मनीषी निष्क्रियाणां बहूनामेकं सन्तं बहुधा यः करोति ।<br>
तमात्मानं येऽनुपश्यन्ति धीरास्तेषां शान्तिः शाश्वती नेतरेषाम् ॥<br>
आत्मानमरणिं कृत्वा प्रणवं चोत्तरारणिम् ।<br>
ध्याननिर्मथनाभ्यासाद्देवं पश्येन्निगूढवत् ॥<br>
तिलेषु तैलं दधिनीव सर्पिरापः स्रोतःस्वरणीषु चाग्निः ।<br>
एवमात्माऽऽत्मनि गृह्यतेऽसौ सत्येनैनं तपसा योऽनुपश्यति ॥<br>
ऊर्णनाभिर्यथा तन्तून्सृजते संहरत्यपि ।<br>
जाग्रत्स्वप्ने तथा जीवो गच्छत्यागच्छते पुनः ॥<br>
पद्मकोशप्रतीकाशं सुषिरं चाप्यधोमुखम् ।<br>
हृदयं तद्विजानीयाद्विश्वस्यायतनं महत् ॥<br>
नेत्रस्थं जाग्रतं विद्यात्कण्ठे स्वप्नं विनिर्दिशेत् ।<br>
सुषुप्तं हृदयस्थं तु तुरीयं मूर्ध्नि संस्थितम् ॥<br>
यदात्मा प्रज्ञयात्मानं सन्धत्ते परमात्मनि ।<br>
तेन सन्ध्या ध्यानमेव तस्मात्सन्ध्याभिवन्दनम् ॥<br>
निरुदका ध्यानसन्ध्या वाक्कायक्लेशवर्जिता ।<br>
सन्धिनी सर्वभूतानां सा सन्ध्या ह्येकदण्डिनाम् ॥<br>
यतो वाचो निवर्तन्ते अप्राप्य मनसा सह ।<br>
आनन्दमेतज्जीवस्य यं ज्ञात्वा मुच्यते बुधः ॥<br>
सर्वव्यापिनमात्मानं क्षीरे सर्पिरिवार्पितम् ।<br>
आत्मविद्यातपोमूलं तद्ब्रह्मोपनिषत्परम् ।<br>
सर्वात्मैकत्वरूपेण तद्ब्रह्मोपनिषत्परमिति ॥ ४ ॥<br>


इत्यथर्ववेदे ब्रह्मोपनिषत्समाप्ता ॥<br>
<span id="Auswahl_7.25"></span>


ॐ सह नाववतु ।<br>
'''7.25'''
सह नौ भुनक्तु ।<br>
सह वीर्यं करवावहै ।<br>
तेजस्विनावधीतमस्तु मा विद्विषावहै ।<br>
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥<br>


== Brahma Upanishad – vollständiger Text in IAST ==
Bhairavi steht an der Spitze der Yogini-Scharen und nimmt die Furcht. Sie lässt die ersehnten Früchte reifen und wird als dreifache Ursache gepriesen.


oṃ saha nāvavatu |<br>
''Betrachtung:'' Der Vers bewahrt die besondere Göttinnenwelt des Werkes. Die Bezeichnung „dreifache Ursache“ wird hier nicht durch eine unbelegte moderne Erklärung ersetzt.
saha nau bhunaktu |<br>
saha vīryaṃ karavāvahai |<br>
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>


hariḥ oṃ ||<br>
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.25|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.25|Sanskrit in Devanagari]]


'''1. Abschnitt'''<br>
<span id="Auswahl_7.19"></span>
oṃ śaunako ha vai mahāśālo’ṅgirasaṃ bhagavantaṃ pippalādamapṛcchat |<br>
divye brahmapure sampratiṣṭhitā bhavanti kathaṃ sṛjanti kasyaiṣa mahimā babhūva yo hyeṣa mahimā babhūva ka eṣaḥ |<br>
tasmai sa hovāca brahmavidyāṃ variṣṭhām |<br>
prāṇo hyeṣa ātmā | ātmano mahimā babhūva devānāmāyuḥ sa devānāṃ nidhanamanidhanaṃ divye brahmapure virajaṃ niṣkalaṃ śubhramakṣaraṃ yadbrahma vibhāti |<br>
sa niyacchati madhukararājānaṃ mākṣikavaditi |<br>
yathā mākṣikaikena tantunā jālaṃ vikṣipati tenāpakarṣati tathaivaiṣa prāṇo yadā yāti saṃsṛṣṭamākṛṣya |<br>
prāṇadevatāstāḥ sarvā nāḍyaḥ |<br>
suṣvape śyenākāśavadyathā khaṃ śyenamāśritya yāti svamālayamevaṃ suṣupto brūte |<br>
yathaivaiṣa devadatto yaṣṭyāpi tāḍyamāno na vettyevamiṣṭāpūrtaiḥ śubhāśubhairna lipyate |<br>
yathā kumāro niṣkāma ānandamupayāti tathaivaiṣa devadattaḥ svapna ānandamabhiyāti |<br>
veda eva paraṃ jyotiḥ jyotiṣkāmo jyotirānandayate |<br>
bhūyastenaiva svapnāya gacchati jalaukāvat |<br>
yathā jalaukāgramagraṃ nayatyātmānaṃ nayati paraṃ sandhāya | yatparaṃ nāparaṃ tyajati sa jāgradabhidhīyate |<br>
yathaivaiṣa kapālāṣṭakaṃ saṃnayati | tameva stana iva lambate vedadevayonaḥ |<br>
yatra jāgrati śubhāśubhaṃ niruktamasya devasya sa samprasādo’ntaryāmī khagaḥ karkaṭakaḥ puṣkaraḥ puruṣaḥ prāṇo haṃsaḥ parāparaṃ brahma ātmā devatā vedayati |<br>
ya evaṃ veda sa paraṃ brahmadhāma kṣetrajñamupaiti || 1 ||<br>


'''2. Abschnitt'''<br>
'''7.19'''
athāsya puruṣasya catvāri sthānāni bhavanti nābhirhṛdayaṃ kaṇṭhaṃ mūrdheti |<br>
tatra catuṣpādaṃ brahma vibhāti | jāgaritaṃ svapnaṃ suṣuptaṃ turīyamiti |<br>
jāgarite brahmā svapne viṣṇuḥ suṣuptau rudrasturīyaṃ paramākṣaram |<br>
ādityaśca viṣṇuśceśvaraśca sa puruṣaḥ sa prāṇaḥ sa jīvaḥ so’gniḥ seśvaraśca jāgratteṣāṃ madhye yatparaṃ brahma vibhāti |<br>
svayamamanaskamaśrotramapāṇipādaṃ jyotirvarjitaṃ na tatra lokā nālokā vedā nāvedāḥ devā nādevāḥ yajñā nāyajñāḥ mātā nāmātā pitā nāpitā snuṣā nāsnuṣā cāṇḍālo nācāṇḍālaḥ paulkaso nāpaulkasaḥ śramaṇo nāśramaṇaḥ paśavo nāpaśavastāpaso nātāpasa ityekameva paraṃ brahma vibhāti |<br>
hṛdyākāśe tadvijñānamākāśaṃ tatsuṣiramākāśaṃ tadvedyaṃ hṛdyākāśaṃ yasminnidaṃ sañcarati vicarati yasminnidaṃ sarvamotaṃ protam |<br>
saṃvibhoḥ prajā jñāyeran |<br>
na tatra devā ṛṣayaḥ pitara īśate | pratibuddhaḥ sarvaviditi || 2 ||<br>


'''3. Abschnitt'''<br>
Betrachte ihn mit ungeteilter Aufmerksamkeit, damit die Hindernisse zur Ruhe kommen. Auf seinem linken Schoß sitzt Chandika, die das Leiden vernichtet.
hṛdisthā devatāḥ sarvā hṛdi prāṇāḥ pratiṣṭhitāḥ |<br>
hṛdi prāṇaśca jyotiśca trivṛtsūtraṃ ca yanmahat ||<br>
hṛdi caitanye tiṣṭhati |<br>
yajñopavītaṃ paramaṃ pavitraṃ prajāpateryatsahajaṃ purastāt |<br>
āyuṣyamagryaṃ pratimuñca śubhraṃ yajñopavītaṃ balamastu tejaḥ ||<br>
saśikhaṃ vapanaṃ kṛtvā bahiḥsūtraṃ tyajedbudhaḥ |<br>
yadakṣaraṃ paraṃ brahma tatsūtramiti dhārayet ||<br>
sūcanātsūtramityāhuḥ sūtraṃ nāma paraṃ padam |<br>
tatsūtraṃ viditaṃ yena sa vipro vedapāragaḥ ||<br>
tena sarvamidaṃ protaṃ sūtre maṇigaṇā iva |<br>
tatsūtraṃ dhārayedyogī yogavittattvadarśivān ||<br>
bahiḥsūtraṃ tyajedvidvānyogamuttamamāsthitaḥ |<br>
brahmabhāvamayaṃ sūtraṃ dhārayedyaḥ sa cetanaḥ ||<br>
dhāraṇāttasya sūtrasya nocchiṣṭo nāśucirbhavet |<br>
sūtramantargataṃ yeṣāṃ jñānayajñopavītinām ||<br>
te vai sūtravido loke te ca yajñopavītinaḥ |<br>
jñānaśikhino jñānaniṣṭhā jñānayajñopavītinaḥ ||<br>
jñānameva paraṃ teṣāṃ pavitraṃ jñānamuttamam |<br>
agneriva śikhā nānyā yasya jñānamayī śikhā ||<br>
sa śikhītyucyate vidvānitare keśadhāriṇaḥ || 3 ||<br>


'''4. Abschnitt'''<br>
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.19|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.19|Sanskrit in Devanagari]]
karmaṇyadhikṛtā ye tu vaidike brāhmaṇādayaḥ |<br>
taiḥ sandhāryamidaṃ sūtraṃ kriyāṅgaṃ taddhi vai smṛtam ||<br>
śikhā jñānamayī yasya upavītaṃ ca tanmayam |<br>
brāhmaṇyaṃ sakalaṃ tasya iti brahmavido viduḥ ||<br>
idaṃ yajñopavītaṃ tu pavitraṃ yatparāyaṇam |<br>
sa vidvānyajñopavītī syātsa yajñaḥ sa ca yajñavit ||<br>
eko devaḥ sarvabhūteṣu gūḍhaḥ sarvavyāpī sarvabhūtāntarātmā |<br>
karmādhyakṣaḥ sarvabhūtādhivāsaḥ sākṣī cetā kevalo nirguṇaśca ||<br>
eko manīṣī niṣkriyāṇāṃ bahūnāmekaṃ santaṃ bahudhā yaḥ karoti |<br>
tamātmānaṃ ye’nupaśyanti dhīrāsteṣāṃ śāntiḥ śāśvatī netareṣām ||<br>
ātmānamaraṇiṃ kṛtvā praṇavaṃ cottarāraṇim |<br>
dhyānanirmathanābhyāsāddevaṃ paśyennigūḍhavat ||<br>
tileṣu tailaṃ dadhinīva sarpirāpaḥ srotaḥsvaraṇīṣu cāgniḥ |<br>
evamātmā’’tmani gṛhyate’sau satyenainaṃ tapasā yo’nupaśyati ||<br>
ūrṇanābhiryathā tantūnsṛjate saṃharatyapi |<br>
jāgratsvapne tathā jīvo gacchatyāgacchate punaḥ ||<br>
padmakośapratīkāśaṃ suṣiraṃ cāpyadhomukham |<br>
hṛdayaṃ tadvijānīyādviśvasyāyatanaṃ mahat ||<br>
netrasthaṃ jāgrataṃ vidyātkaṇṭhe svapnaṃ vinirdiśet |<br>
suṣuptaṃ hṛdayasthaṃ tu turīyaṃ mūrdhni saṃsthitam ||<br>
yadātmā prajñayātmānaṃ sandhatte paramātmani |<br>
tena sandhyā dhyānameva tasmātsandhyābhivandanam ||<br>
nirudakā dhyānasandhyā vākkāyakleśavarjitā |<br>
sandhinī sarvabhūtānāṃ sā sandhyā hyekadaṇḍinām ||<br>
yato vāco nivartante aprāpya manasā saha |<br>
ānandametajjīvasya yaṃ jñātvā mucyate budhaḥ ||<br>
sarvavyāpinamātmānaṃ kṣīre sarpirivārpitam |<br>
ātmavidyātapomūlaṃ tadbrahmopaniṣatparam |<br>
sarvātmaikatvarūpeṇa tadbrahmopaniṣatparamiti || 4 ||<br>


ityatharvavede brahmopaniṣatsamāptā ||<br>
<span id="Auswahl_7.27"></span>


oṃ saha nāvavatu |<br>
'''7.27'''
saha nau bhunaktu |<br>
saha vīryaṃ karavāvahai |<br>
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>


== Brahma Upanishad – vollständige gut verständliche deutsche Übersetzung ==
Durch diesen Yoga der Meditation wirst du selbst von der Furcht vor Zeit und Tod frei, höchste Göttin. Wahr soll sein, was ich dir gesagt habe.


Die Nummern 1.1–4.6 gliedern die langen Abschnitte nur für die Lesbarkeit; sie sind keine zusätzlichen Verszahlen des Sanskrittextes.
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.27|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.27|Sanskrit in Devanagari]]


'''Shanti Mantra'''
'''Frage zur Vertiefung:''' Welche Seite des Lebens blendest du in deiner Spiritualität gern aus? Kannst du sie wahrnehmen, ohne dich von ihr beherrschen zu lassen?


Om. Möge Brahman uns beide – Lehrenden und Lernenden – beschützen. Möge es uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam große geistige Kraft entfalten. Möge unser Studium lichtvoll und wirkungsvoll sein. Mögen wir einander nicht ablehnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.
<span id="Thema_4"></span>


'''Erster Abschnitt'''
== 4. Asche, Umarmung und das Licht ohne Stütze ==


1.1 Om. Shaunaka, ein angesehener Hausherr, fragte den verehrungswürdigen Pippalada aus dem Geschlecht der Angiras: „Wie sind die Lebens- und Sinneskräfte in der göttlichen Stadt Brahmans, dem menschlichen Körper, gegründet? Wie wirken sie nach außen? Von wem stammt ihre Macht? Wer ist dieser innerste Lenker?“
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Shiva und Shakti verbinden Stille und Kraft. Die Abbildung begleitet die Gottesbetrachtung; sie ist keine genaue Wiedergabe einer einzelnen Versbeschreibung.]]


1.2 Pippalada lehrte ihn die höchste Erkenntnis Brahmans: „Prana ist der Atman. Aus dem Selbst stammt die Kraft aller Sinne. Der Atman ist ihr Leben, ihr Ursprung und ihr Ende. Im menschlichen Körper leuchtet das fleckenlose, ungeteilte, reine und unvergängliche Brahman. Wie ein Bienenschwarm seinem führenden Tier folgt und wie eine Spinne ihr Netz aus einem einzigen Faden hervorbringt und wieder einzieht, so entfaltet der Prana die Sinneskräfte und zieht sie wieder in sich zurück. Alle Nadis stehen unter seiner Kraft.
Der gleiche [[Shiva]] kann auf dem Verbrennungsplatz verweilen, von [[Shakti]] umarmt werden und als Licht ohne äußere Stütze erscheinen. Vergänglichkeit und Glückseligkeit werden nicht auseinandergerissen. Die Bilder führen von der betrachteten Gottheit zur Identifikation mit ihr.


1.3 Im Tiefschlaf kehrt die Lebenskraft zu ihrem inneren Sitz zurück, wie ein Falke nach dem Flug zu seinem Nest. Ein tief Schlafender nimmt selbst äußere Schläge nicht wahr. In diesem Zustand ist das Selbst nicht von verdienstvollen oder unheilsamen Taten berührt. Wie ein Kind ohne berechnenden Wunsch Freude kennt, so erfährt der Mensch im Tiefschlaf eine stille Seligkeit.
<span id="Auswahl_7.29"></span>


1.4 Dort erkennt er das höchste Licht und ruht in seiner Freude. Auf demselben Weg kehrt er in Traum und Wachen zurück. Wie eine Blutegel zuerst den nächsten Halt ergreift und erst dann den früheren loslässt, so verbindet das Bewusstsein die verschiedenen Zustände miteinander.
'''7.29'''


1.5 Beim Erwachen führt das Selbst die Wahrnehmungs- und Handlungsorgane zusammen, wie ein Opfernder die Opferschalen bereitstellt. Die Überlieferung ist an dieser Stelle lückenhaft und verweist wahrscheinlich auf das Zäpfchen am Gaumen als „Ursprung der Sinnesgötter“. Im Wachzustand werden gute und schlechte Taten wirksam. Der innerste Lenker bleibt jedoch vollkommene Klarheit. Er wird Vogel, Krebs, Lotusraum, Purusha, Prana, Hamsa, höheres und niederes Brahman und Atman genannt. Durch ihn können die Sinne überhaupt erkennen.
Im Lotus des Herzens sitzt Shiva, leuchtend wie die junge Sonne. Die goldfarbene Göttin hält seinen Körper umarmt.


1.6 Wer dies erkennt, gelangt zum höchsten Sitz Brahmans, zum Kshetrajna, dem inneren Kenner des Feldes.
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.29|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.29|Sanskrit in Devanagari]]


'''Zweiter Abschnitt'''
<span id="Auswahl_7.30"></span>


2.1 Der Purusha hat vier Sitze: Nabel, Herz, Kehle und Haupt. In ihnen leuchtet Brahman als Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turiya. Im Wachen erscheint es als Brahma, im Traum als Vishnu, im Tiefschlaf als Rudra und im vierten Zustand als das höchste Unvergängliche. Es ist Sonne, Ishvara, Purusha, Prana, Jiva und das stets wache Feuer. Inmitten all dieser Erscheinungen leuchtet das höchste Brahman.
'''7.30'''


2.2 Das höchste Brahman ist nicht auf Denken, Hören, Hände, Füße oder ein sichtbares Licht begrenzt. In ihm verlieren alle Gegensätze ihre letzte Gültigkeit: Welt und Nicht-Welt, Veda und Nicht-Veda, Gott und Nicht-Gott, Opfer und Nicht-Opfer, Mutter und Nicht-Mutter, Vater und Nicht-Vater, hoher und niedriger sozialer Rang, Entsagender und Nicht-Entsagender. Dort leuchtet allein das eine höchste Brahman.
Sein Leib ist mit Asche bedeckt, ein Tigerfell umhüllt ihn. Friedvoll sitzt er auf dem Verbrennungsplatz: dreiäugig, den Mond als Schmuck im Haar.


2.3 Im Raum des Herzens ist der Raum des Bewusstseins. Dieser feinste innere Raum ist zugleich grenzenlos. In ihm bewegt sich das ganze Universum, und in ihn ist alles wie Kette und Schuss eingewebt. Wer den allgegenwärtigen Herrn in allen Wesen erkennt, wird zum höchsten Brahman – das ist Befreiung. Über den Erwachten herrschen weder Götter noch Seher noch Ahnen; er erkennt den einen Grund in allem.
''Betrachtung:'' Die Asche und der Verbrennungsplatz bleiben konkrete Bestandteile des Gottesbildes. Die Ruhe erscheint mitten in der Gegenwart des Todes.


'''Dritter Abschnitt'''
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.30|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.30|Sanskrit in Devanagari]]


3.1 Alle Gottheiten wohnen im Herzen; dort sind auch alle Lebenskräfte gegründet. Im Herzen sind Prana, Licht und der große dreifache Faden. Er ruht im Bewusstsein.
<span id="Auswahl_7.31"></span>


3.2 Lege den höchsten, heiligen Opferfaden an, der von Anfang an mit Prajapati entstand. Er fördere das Leben und schenke Kraft und Leuchtkraft.
'''7.31'''


3.3 Der Weise, der in die Entsagung eintritt, rasiert Haar und Haarknoten und legt den äußeren Faden ab. Als seinen wahren Faden soll er das unvergängliche höchste Brahman tragen. Er heißt Sutra, weil er auf das Höchste hinweist. Wer diesen Faden kennt, hat den Veda durchdrungen. Auf ihm ist das ganze All wie eine Reihe von Perlen aufgefädelt. Diesen Faden trägt der Yogi, der Yoga kennt und die Wahrheit schaut.
Vom jungen Mond an seiner Stirn fließt göttlicher Nektar über Shiva. Seine Hände schenken Gaben und Furchtlosigkeit; er trägt das große Beil und zeigt die Hirsch-Geste.


3.4 Wer in den höchsten Yoga eingetreten ist, trägt den Faden aus Brahman-Bewusstsein. Nur wer den inneren Faden besitzt und Erkenntnis als Opferfaden trägt, kennt dessen tiefsten Sinn. Erkenntnis ist seine Shikha, Erkenntnis sein Opferfaden und Erkenntnis sein höchster Reiniger. Wessen Shikha wie eine Feuerflamme ganz aus Erkenntnis besteht, trägt die wahre Shikha; ein äußerer Haarknoten allein genügt nicht.
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.31|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.31|Sanskrit in Devanagari]]


'''Vierter Abschnitt'''
<span id="Auswahl_7.34"></span>


4.1 Menschen, die vedische Rituale ausführen, sollen den äußeren Faden als Bestandteil dieser Handlungen tragen. Doch der volle Sinn des Brahmanen-Seins ist nach den Kennern Brahmans dort verwirklicht, wo Shikha und Opferfaden aus Erkenntnis bestehen. Ein solcher Wissender ist selbst das Opfer und kennt das Opfer.
'''7.34'''


4.2 Ein Gott ist in allen Wesen verborgen. Er durchdringt alles und ist das innere Selbst aller. Er ist Zeuge, Erkennender und Wohnstatt aller Wesen, allein und ohne begrenzende Eigenschaften. Der Eine erscheint als die vielen. Wer ihn als das eigene Selbst schaut, erlangt ewigen Frieden.
Er zerbricht die Fesseln des gebundenen Wesens und führt über den Ozean der Furcht. Er schenkt die Weite allwissender Erkenntnis und alle besonderen Vollendungen.


4.3 Mache den Atman zum unteren Reibholz und Om zum oberen. Reibe sie beständig durch Meditation, bis du das verborgene Göttliche erkennst wie Feuer, das im Holz verborgen liegt. Wie Öl im Sesamsamen, Butterfett in der Milch, Wasser im Flusslauf und Feuer im Reibholz, so ist der Atman in dir gegenwärtig. Durch Wahrhaftigkeit, Tapas und innere Schau wird er erkannt.
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.34|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.34|Sanskrit in Devanagari]]


4.4 Wie eine Spinne ihre Fäden hervorbringt und wieder einzieht, so geht der Jiva in Wachen und Traum hinaus und kehrt wieder zurück. Erkenne das Herz als eine nach unten gerichtete, hohle Lotusknospe und als die große Wohnstatt des Alls. Im Wachen wirkt das Bewusstsein durch die Augen, im Traum durch die Kehle, im Tiefschlaf ruht es im Herzen und im Turiya ist es am Scheitel gegründet.
<span id="Auswahl_7.41"></span>


4.5 Wenn das Selbst sich durch klare Erkenntnis mit dem höchsten Selbst verbindet, wird Meditation selbst zur heiligen Sandhya. Diese innere Andacht braucht kein Wasser und erschöpft weder Rede noch Körper. Sie führt alle Wesen in der Einheit zusammen.
'''7.41'''


4.6 Worte und Denken kehren von Brahman zurück, ohne es als Gegenstand erfassen zu können. Es ist die Glückseligkeit des Lebens; wer es erkennt, wird frei. Der Atman durchdringt alle Wesen wie Butterfett die Milch. Er ist die Wurzel von Selbsterkenntnis und Tapas. Dies ist die höchste Brahman-Lehre: die Erkenntnis der Einheit des Selbst in allem.
Noch einen anderen Weg der Meditation will ich dir zeigen: Im Herzen des Herzlotus erscheint eine Gestalt wie die reine Flamme einer Lampe.


Damit endet die Brahma Upanishad. Om. Möge Brahman uns beide beschützen und nähren. Möge unser gemeinsames Studium lichtvoll sein. Mögen wir einander nicht ablehnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.41|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.41|Sanskrit in Devanagari]]


== Die fünf wichtigsten Empfehlungen der Brahma Upanishad für ernsthafte Aspiranten ==
<span id="Auswahl_7.42"></span>


'''1. Suche den inneren Lenker hinter Atem und Sinnen.'''<br>
'''7.42'''
Beobachte täglich für einige Minuten den natürlichen Atem. Spüre, dass Prana die Sinne sammelt und trägt. Bleibe dann nicht beim Atem stehen, sondern frage still: „Wer nimmt den Atem wahr?“ Lass diese Frage zur unmittelbaren Hinwendung zum [[Atman]] werden.


'''2. Erkenne den Zeugen in allen vier Bewusstseinszuständen.'''<br>
Nur daumengliedgroß und doch strahlend wie zehn Millionen Sonnen: rund wie die Blüte des Kadamba-Baums, ein sonnengleiches Gestirn.
Erinnere dich morgens daran, dass Wachen, Traum und Tiefschlaf wechseln, während das Bewusstsein, dem sie bekannt werden, nicht mit ihnen kommt und geht. Übe tagsüber [[Sakshi Bhava]]: Nimm Gedanken und Gefühle aufmerksam wahr, ohne dich vollständig mit ihnen gleichzusetzen.


'''3. Trage den inneren heiligen Faden.'''<br>
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.42|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.42|Sanskrit in Devanagari]]
Äußere Zeichen, Rituale und spirituelle Rollen können dich erinnern, aber sie können die Verwirklichung nicht ersetzen. Mache [[Jnana]] zu deinem Faden: Verbinde Studium, Selbstbefragung und ethisches Handeln. Frage dich abends, ob dein Wissen heute in mehr Wahrhaftigkeit, Güte und Selbstbeherrschung sichtbar geworden ist.


'''4. Entfache das verborgene Feuer durch regelmäßige Meditation.'''<br>
<span id="Auswahl_7.43"></span>
Mache dein eigenes Selbst zum unteren Reibholz und Om zum oberen. Wiederhole Om ruhig, sammle den Geist im Herzen und gehe anschließend in die Stille. Wenige Minuten täglich mit Beständigkeit sind wertvoller als seltene, dramatische Anstrengungen.


'''5. Sieh das eine Selbst in allen Wesen.'''<br>
'''7.43'''
Lass [[Advaita]] zu Mitgefühl werden. Behandle Menschen nicht nach äußerem Rang, Herkunft, Kleidung oder spirituellem Titel. Ehre das Bewusstsein in jedem Wesen. So wird Nichtdualität vom philosophischen Gedanken zur lebendigen Praxis von [[Ahimsa]] und Liebe.


== Literatur und Quellen ==
Oder betrachte das Licht, das ringsum in Strahlen aufleuchtet – hervortretend in einer Leere, die von nichts getragen wird.


*F. Otto Schrader (Hrsg.): ''The Minor Upaniṣads. Vol. I: Saṃnyāsa-Upaniṣads''. Adyar Library, Madras 1912. Kritische Sanskritausgabe.
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.43|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.43|Sanskrit in Devanagari]]
*Patrick Olivelle: ''Saṃnyāsa Upaniṣads: Hindu Scriptures on Asceticism and Renunciation''. Oxford University Press, New York/Oxford 1992.
*Joachim Friedrich Sprockhoff: ''Saṃnyāsa: Quellenstudien zur Askese im Hinduismus''. Wiesbaden 1976.
*Paul Deussen: ''Sechzig Upanishad's des Veda''. Leipzig 1905.
*K. Narayanasvami Aiyar: ''Thirty Minor Upanishads''. Madras 1914.
*[https://sanskritdocuments.org/doc_upanishhat/brahma_upan.html Brahma Upanishad bei Sanskrit Documents – Sanskrittext]
*[https://archive.org/details/SamnyasaUpanishads Patrick Olivelle: Samnyasa Upanishads – Digitalisat]
*[https://www.wisdomlib.org/hinduism/book/thirty-minor-upanishads/d/doc217035.html K. Narayanasvami Aiyars englische Übersetzung – online]
*[https://www.yoga-vidya.de/yoga-buch/krishnananda/upanishaden/ Kostenloses Online-Buch Upanishaden von Swami Krishnananda]
*[https://www.yoga-vidya.de/yoga-buch/andere-autoren/upanishaden/ Klassische Upanishaden – Die Weisheit des Yoga von Paul Deussen]
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p927_Vedanta-fuer-Anfaenger/ Vedanta für Anfänger von Swami Sivananda]


== Siehe auch ==
<span id="Auswahl_7.46"></span>


Ähnliche und thematisch verwandte [[Upanishaden]]: [[Aruneya Upanishad]], [[Jabala Upanishad]], [[Kathashruti Upanishad]], [[Paramahamsa Upanishad]], [[Parabrahma Upanishad]], [[Sannyasa Upanishad]], [[Shvetashvatara Upanishad]], [[Mandukya Upanishad]]
'''7.46'''


* [[Atman]]
Sieh deinen ganzen Körper von dieser Lichtfülle durchdrungen. Mit der inneren Gewissheit „Das bin ich“ erinnere dich allmählich an dein eigenes Ich.
* [[Brahman]]
* [[Vedanta]]
* [[Jnana Yoga]]
* [[Sannyasa]]
* [[Prana]]
* [[Turiya]]
* [[Hridayakasha]]
* [[Om Meditation]]


== Seminare ==
''Betrachtung:'' Die Identifikation wird im Zusammenhang einer Gottesmeditation gelehrt. Sie ist keine Behauptung über die Überlegenheit der eigenen Persönlichkeit.


'''[https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/jnana-yoga-philosophie/ Jnana Yoga und Vedanta]'''
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.46|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.46|Sanskrit in Devanagari]]


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<span id="Auswahl_7.49"></span>


'''[https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/sanskrit-und-devanagari/ Sanskrit und Devanagari]'''
'''7.49'''


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Durch klare Unterscheidung des Selbst findet der Yogi bald zum Yoga. Er soll sich selbst als die Gestalt Ishvaras vergegenwärtigen.


'''[https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/meditation/ Meditation]'''
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.49|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.49|Sanskrit in Devanagari]]


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'''Frage zur Vertiefung:''' Wie verändert sich dein inneres Bild, wenn du Licht nicht nur vor dir siehst, sondern deinen ganzen Leib davon durchdrungen denkst?


[[Kategorie:Upanishaden]]
Ergänzendes allgemeines Yoga-Vidya-Angebot: Anahata-Chakra-Meditation. Das Video begleitet die persönliche Vertiefung; es erklärt keine einzelne historische Praxisanweisung der Matsyendra Samhita.
[[Kategorie:Sannyasa Upanishad]]
 
[[Kategorie:Vedanta]]
{{#ev:youtube|us1Pt1DDXrE}}
[[Kategorie:Jnana Yoga]]
 
[[Kategorie:Meditation]]
<span id="Thema_5"></span>
 
== 5. Die innere Puja und das Feuer des Selbst ==
 
Die innere Verehrung ist sinnlich reich: Duft, Blüten, Licht, Nektar und Juweleninseln gehören dazu. Zugleich wird sie radikal. Selbst das Festhalten an Verdienst und Verfehlung wird dem inneren Feuer übergeben. Der Text spricht hier von einem rituellen Bewusstseinsvollzug, nicht von einer Aufhebung der Verantwortung für andere.
 
<span id="Auswahl_8.1"></span>
 
'''8.1'''
 
Jetzt erkläre ich die innere Verehrung, die alle Siddhis schenken soll. Nimm an einem reinen, angenehmen Ort Platz und richte dich mit festem Entschluss aus.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_8.1|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_8.1|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_8.2"></span>
 
'''8.2'''
 
Verweile lange in der Meditation, mit befriedetem Inneren. Erkenne dich im Bereich der reinen Wirklichkeit als Ishvara.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_8.2|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_8.2|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_8.3"></span>
 
'''8.3'''
 
Verehre mit Duft, Blumen und heilsamen Gaben, die aus deiner inneren Vergegenwärtigung entstehen: an den sechs Stützpunkten und besonders am Dvadashanta.
 
''Betrachtung:'' Dvadashanta bezeichnet einen besonderen inneren Bezugspunkt. Die „sechs Stützpunkte“ werden nicht ohne Weiteres mit einem heutigen Chakra-Schema gleichgesetzt.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_8.3|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_8.3|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_8.4"></span>
 
'''8.4'''
 
Verehre gesammelt den unvergänglichen Shambhu zusammen mit Shakti. Lass dabei den höchsten Nektarozean immer wieder gegenwärtig werden.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_8.4|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_8.4|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_8.5"></span>
 
'''8.5'''
 
Hell wie reiner Kristall leuchtet dieser Ozean, bewegt von göttlichen Wogen. In seiner Mitte erscheint eine weite Insel aus Juwelen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_8.5|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_8.5|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_8.38"></span>
 
'''8.38'''
 
Bringe die innerlich geschaffenen Opferhölzer Varunas und die weiteren Gaben dar. Übergib im Geist auch Dharma und Adharma, rechtes und unrechtes Tun, dem lodernden Feuer des Selbst.
 
''Betrachtung:'' Die beiden Pole werden gemeinsam genannt. Das kann zur Betrachtung darüber anregen, wie tief unser Selbstbild an Erfolg, Schuld und Rechtfertigung gebunden ist.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_8.38|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_8.38|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_8.43"></span>
 
'''8.43'''
 
Inmitten des Lichtkreises betrachte dich selbst als leuchtende Gestalt – so ruhig wie eine Lampe an einem windstillen Ort.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_8.43|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_8.43|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_8.72"></span>
 
'''8.72'''
 
Wer Shiva im eigenen Selbst verlässt und ihn nur draußen verehrt, ist wie jemand, der den Milchreis in seiner Hand liegen lässt und stattdessen am Ellenbogen leckt.
 
''Betrachtung:'' Der Vergleich ist absichtlich drastisch. Seine Schärfe ist Teil der Lehre und wurde nicht geglättet.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_8.72|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_8.72|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_8.73"></span>
 
'''8.73'''
 
Shambhu ist das Selbst, auf dem diese ganze Welt ruht. Wenn du ihn verehrst, ist darin alles Bewegliche und Unbewegliche mitverehrt.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_8.73|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_8.73|Sanskrit in Devanagari]]
 
'''Frage zur Vertiefung:''' Welche innere Gabe wäre heute wahrhaftig? Eine schöne Vorstellung genügt weniger als die Bereitschaft, wirklich gegenwärtig zu sein.
 
<span id="Thema_6"></span>
 
== 6. Ich bin Brahman – und das yogische Sehen ==
 
Die Ich-Aussagen sind meditative Vergegenwärtigungen. Sie stehen neben Beschreibungen von Samadhi und außergewöhnlichem Erkennen. Die Schrift verheißt mehr als Wohlbefinden: Befreiung zu Lebzeiten, unmittelbares Schauen und Erkenntnis der drei Zeiten. Diese Verheißungen werden als Aussagen des Textes gelesen.
 
<span id="Auswahl_7.48"></span>
 
'''7.48'''
 
Durch diesen Meditationsweg wird der Yogi nach der Lehre selbst zu Ishvara. Er sieht seinen Leib im Glanz von zehn Millionen Sonnen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.48|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.48|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_7.58"></span>
 
'''7.58'''
 
Ich bin die Biene am Lotus der yogischen Vergegenwärtigung, dessen Blätter die acht Siddhis sind. Ich bin ewig, jenseits begrifflicher Trennung, ohne Stütze und unvergänglich. Mein Wesen ist Sein, Bewusstsein und Wonne. Ich bin Brahman selbst.
 
''Betrachtung:'' Das Bienenbild und die acht Siddhis gehören zum Vers. Die Aussage umfasst die besondere tantrische Vorstellungswelt und die Erkenntnis Brahmans.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.58|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.58|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_7.59"></span>
 
'''7.59'''
 
„Ich bin Brahman selbst. Ich bin kein Wesen, das im Kreislauf gefangen ist. Ich bin frei.“ So vergegenwärtige dich. Dieser Meditationsyoga führt nach der Lehre zur Befreiung mitten im Leben.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.59|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.59|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_7.60"></span>
 
'''7.60'''
 
Wenn die verwickelten Vorstellungen in Shiva vergehen, leuchtet Freude auf. Der Übende erkennt dieses Aufleuchten und schaut überall mit gleichem Blick.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.60|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.60|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_7.75"></span>
 
'''7.75'''
 
Nun erkläre ich Samadhi, durch den der Yogi Shiva wird. Die Gestalt, die in der Meditation fest geworden ist, betrachtet er mit dem yogischen Auge.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.75|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.75|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_7.79"></span>
 
'''7.79'''
 
Einspitzig, unzerstreut und unbewegt, mit still gewordenen Sinnen, schaut der in Samadhi Ruhende Sadashiva – ungetrennt vom eigenen Selbst.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.79|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.79|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_7.80"></span>
 
'''7.80'''
 
Im Samadhi erscheint ein großes Leuchten wie Feuer. Wenn dieses Leuchten sich gnädig erweist, wird dem Yogi Befreiung zuteil.
 
''Betrachtung:'' Die ungewöhnliche Rede vom gnädigen Leuchten bleibt erhalten. Die Befreiung wird nicht als mechanisches Ergebnis eines Lichtbildes beschrieben.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.80|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.80|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_7.81"></span>
 
'''7.81'''
 
Wenn Samadhi recht verwirklicht ist, sieht der Yogi mit dem yogischen Auge genau die Gestalt, die er sich vergegenwärtigt.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.81|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.81|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_7.85"></span>
 
'''7.85'''
 
Zu den verheißenen Fähigkeiten gehören die Herrschaft über die Sinne, augenblickliche Allwissenheit, das Erkennen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie göttliche Herrschaft.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.85|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.85|Sanskrit in Devanagari]]
 
'''Frage zur Vertiefung:''' Woran erkennst du den Unterschied zwischen einer tiefen inneren Erfahrung und dem Wunsch, dir selbst besondere Fähigkeiten zuzuschreiben?
 
<span id="Thema_7"></span>
 
== 7. Khechari: Sprache, Nektar und der diamantfeste Körper ==
 
Khechari verbindet in diesem Werk Körpertechnik, [[Mantra]], Gottheiten und innere Erfahrung. Die Zunge wird zum Ort von Shri und der Göttin der Rede; der obere Körperraum zum Nektarozean. Die Auswahl zeigt die Kühnheit dieser Lehre. Sie ist keine Anleitung zu den an anderer Stelle beschriebenen körperlichen Eingriffen.
 
<span id="Auswahl_16.19"></span>
 
'''16.19'''
 
Vor den Füßen jenes Yogis verneige ich mich, der alle Wirklichkeitsprinzipien kennt und in den höchsten Yoga eingegangen ist: friedvoll und voller Glückseligkeit.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.19|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.19|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.29"></span>
 
'''16.29'''
 
An der Spitze der Zunge wohnen Shri und die Herrin der Rede. An ihrer Wurzel aber befinden sich Bindung und Tod.
 
''Betrachtung:'' Die Gegenüberstellung gehört zur Khechari-Lehre. Sie ist keine anatomische Feststellung und keine Aufforderung, die Zungenwurzel zu verletzen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.29|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.29|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.33"></span>
 
'''16.33'''
 
Auf dem Weg der Sushumna wird der Atemwind von der Wurzel nach oben geführt. An der Brahma-Wohnstätte angekommen, versenkt der Yogi den Geist in die Leere.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.33|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.33|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.34"></span>
 
'''16.34'''
 
Meditiere über die höchste Wirklichkeit, frei vom Verwerfen und vom Ergreifen. Vom Brahma-Ort strömt der Himmelsganges herab, überaus kühl.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.34|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.34|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.35"></span>
 
'''16.35'''
 
Wer davon trinkt, soll nach einem Monat einen diamantfesten Körper erlangen: einen göttlichen Leib, göttliche Rede und göttliche Schau.
 
''Betrachtung:'' Der Vers spricht vom zuvor beschriebenen inneren Himmelsganges. „Diamantfest“ ist die Verheißung des Textes, keine Zusicherung körperlicher Unverletzbarkeit.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.35|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.35|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.36"></span>
 
'''16.36'''
 
Göttliche Einsicht und göttliches Hören sollen erwachen. An der Zungenspitze erscheint die Herrin der Rede, strahlend wie zehn Millionen Monde.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.36|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.36|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.37"></span>
 
'''16.37'''
 
Von den Kräften höchsten Nektars gesättigt, wird die Göttin vergegenwärtigt – und augenblicklich soll Dichtkunst erwachen. Dann meditiert der vom Nektar beglückte Yogi über Lakshmi an seiner Zungenspitze.
 
''Betrachtung:'' Die besondere Fähigkeit wird konkret als Dichtkunst bezeichnet. Nicht nur Schweigen, auch sprachlicher Ausdruck kann Frucht der inneren Verwirklichung sein.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.37|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.37|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.46"></span>
 
'''16.46'''
 
Dort, im großen Nektarozean mit seinen kühlen Wogen, trinkt der Yogi Nektar und kommt zur Ruhe.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.46|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.46|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.47"></span>
 
'''16.47'''
 
Mit einem Geist voller höchster Wonne sieht er seinen ganzen Körper von diesem Nektar gesättigt. Aus diesem Yoga soll göttliche Schau hervorgehen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.47|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.47|Sanskrit in Devanagari]]
 
'''Frage zur Vertiefung:''' Lies die Nektarbilder langsam. Was geschieht, wenn du deinen Körper einmal als empfangend und durchströmt betrachtest, ohne etwas erzwingen zu müssen?
 
<span id="Thema_8"></span>
 
== 8. Kundalini, Lichtfaden und der angeborene Klang ==
 
[[Datei:Nadis-Chakras.jpg|thumb|Der Text entfaltet unterschiedliche innere Körperordnungen. Die Abbildung ist ein allgemeines Schema.]]
 
Die innere Körperwelt dieses Tantra ist beweglich und vielgestaltig. [[Kundalini]] erscheint als Urkraft, Lichtfaden und Klang. Die folgenden Verse gehören zu zusammenhängenden yogischen Verfahren; Atemanhalten und körperliche Verschlüsse werden durch diese Auswahl nicht als selbständige Übungen vermittelt.
 
<span id="Auswahl_16.40"></span>
 
'''16.40'''
 
Die erste angeborene Kraft ist Kundalini-Shakti. Die zweite ist Sushumna, die dritte die Zunge.
 
''Betrachtung:'' Der Text nennt insgesamt fünf angeborene Größen. Dieser Vers bietet die ersten drei; die Auswahl ergänzt die übrigen nicht aus einem anderen System.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.40|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.40|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.44"></span>
 
'''16.44'''
 
Sie ist fein wie ein einzelner Spinnenfaden und leuchtet wie zehn Millionen Sonnen. Ihr Weg führt zum Gaumenzäpfchen und an den Riegel des Shiva-Tores.
 
''Betrachtung:'' Gemeint ist die zuvor genannte [[Kundalini]]-[[Shakti]]. Das Bild hält größte Feinheit und unermessliche Lichtkraft zusammen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.44|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.44|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.51"></span>
 
'''16.51'''
 
Zwischen Ida und Pingala liegt Sushumna, die Lichtgestaltige. Dort wohnt unversehrter Glanz, inmitten der Vielfalt von Farben und Formen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.51|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.51|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.70"></span>
 
'''16.70'''
 
Die Shakti leuchtet wie tausend Blitze. Im Inneren des Brahma-Eis wird sie in den Ozean kühlen Nektars geführt; dort soll der Übende lange verweilen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.70|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.70|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.85"></span>
 
'''16.85'''
 
Vereine Shakti mit dem dort weilenden höchsten Shiva, der höchsten Ursache. Vergegenwärtige ihre Einheit.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.85|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.85|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.8"></span>
 
'''18.8'''
 
Indem sie die Chakras der Reihe nach durchdringt, wird die Kraft eins und heißt Nada, Klang: ein Ring aus Blitzen, eine Gestalt aus leuchtenden Strahlen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.8|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.8|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.9"></span>
 
'''18.9'''
 
Durch ein Erfahrungszeichen löst sie sich im Höchsten auf: ohne Stütze, von leerem Licht erfüllt, im Innern der Brahma-Tür, das Visarga heißt.
 
''Betrachtung:'' Visarga, „Ausströmung“ oder „Entlassung“, bleibt hier die besondere Bezeichnung des Textes. Eine einfache Gleichsetzung mit einem heutigen Chakra-Namen würde zu kurz greifen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.9|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.9|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.51"></span>
 
'''18.51'''
 
Lass den Geist äußerst fein in die Sushumna eintreten. Wenn Shakti sich regt, offenbart sich der höchste Klang.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.51|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.51|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.52"></span>
 
'''18.52'''
 
Das ist das angeborene Bija: Darin sammelt sich der Geist. Im selben Augenblick, so die Verheißung, verlässt der Yogi die Erde und verweilt fest im Raum.
 
''Betrachtung:'' Das Raumverweilen bleibt als außergewöhnliche [[Siddhi]] stehen. Die Stelle nennt keine ausgeschriebene Silbe; „Om“ oder ein anderes [[Mantra]] wird nicht eingesetzt.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.52|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.52|Sanskrit in Devanagari]]
 
'''Frage zur Vertiefung:''' Kannst du Stille auch als ein feines Hören verstehen, ohne einen bestimmten inneren Klang herstellen zu wollen?
 
Ergänzendes allgemeines Yoga-Vidya-Angebot: Mantra-Chakra-Vedanta-Meditation. Das Video begleitet die persönliche Vertiefung; es erklärt keine einzelne historische Praxisanweisung der Matsyendra Samhita.
 
{{#ev:youtube|hTkSKORqMAE}}
 
<span id="Thema_9"></span>
 
== 9. Verkörperte Meditation und der innere Milchozean ==
 
Die Meditation durchdringt den Leib mit Farben, Licht und innerem Nektar. Ihre Bilder sind ungewöhnlich konkret: ein blitzendes Wurzelzentrum, das korallenrote Herz, ein Milchstrom durch die Schädelöffnung und Tropfen, die aus den Poren austreten. Die Bilder werden als historische Vergegenwärtigungen gelesen; sie sind keine körpermedizinischen Aussagen.
 
<span id="Auswahl_7.44"></span>
 
'''7.44'''
 
Lass diese Körpergestalt durch beständige Meditation lebendig werden: Sie ruht in einem göttlichen Mandala und lässt flüssigen Nektar strömen.
 
''Betrachtung:'' Die Körpergestalt schließt an die Lichtmeditation an. Das innere Bild wird über längere Zeit entfaltet.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.44|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.44|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_7.45"></span>
 
'''7.45'''
 
Betrachte das göttliche Mandala zuerst ganz rot und dann weiß. Auch die Gestalt in seiner Mitte wird in derselben Reihenfolge meditiert.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_7.45|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_7.45|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_8.49"></span>
 
'''8.49'''
 
Im Muladhara erscheint die Gottheit in der Farbe des Blitzes. Ihr Licht erhellt die Himmelsrichtungen; sie gleicht tausend jungen Sonnen, vollkommen rein und doch mit Eigenschaften versehen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_8.49|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_8.49|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_8.57"></span>
 
'''8.57'''
 
Im großen Lotus des Anahata strahlt er rot wie die Japa-Blüte, wie ein junger Korallenzweig und wie tausend Sonnen.
 
''Betrachtung:'' Gemeint ist [[Shiva]]. Die Farbgestalt wird aus diesem Vers übernommen; sie wird nicht an ein verbreitetes modernes Chakra-Schema angepasst.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_8.57|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_8.57|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.44"></span>
 
'''18.44'''
 
An der Nasenspitze schaut der Yogi ein Licht, erhellt vom Mond im Herzen. Er vergegenwärtigt die Einheit beider – und darin erkennt er sich selbst.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.44|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.44|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.53"></span>
 
'''18.53'''
 
Nach einem Muhurta sieht er die ganze Welt als Lichtgestalt. Eine Wache lang bleibt dieses Licht Gegenstand seiner Betrachtung.
 
''Betrachtung:'' Muhurta und Wache sind die Zeitangaben der Schrift. Die Aussage ist kein Versprechen einer bestimmten Erfahrung nach einer heutigen Übungssitzung.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.53|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.53|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.57"></span>
 
'''18.57'''
 
Die Augen richten sich zur Mitte zwischen den Brauen, der Geist ruht fest im Herzen. Der Yogi sieht sich im Milchozean versunken, von zwei Lotussen umschlossen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.57|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.57|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.58"></span>
 
'''18.58'''
 
Durch die Brahma-Öffnung trinkt er den kühlen Nektar eines Milchstroms. Aus den Poren seines Körpers treten Millionen und Abermillionen Milchtropfen hervor.
 
''Betrachtung:'' Der Vers entfaltet eine innere Körpervorstellung. Der ganze Leib wird zum durchlässigen Raum des Nektars.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.58|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.58|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.59"></span>
 
'''18.59'''
 
So sieht er sich von einer undurchdringlichen weißen Hülle umgeben. Nach einem Monat, verheißt die Schrift, erlangt er Freiheit von Alter und Tod.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.59|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.59|Sanskrit in Devanagari]]
 
'''Frage zur Vertiefung:''' Wie verändert sich dein Körpergefühl, wenn du ein solches Bild langsam liest und anschließend nachklingen lässt? Bleibe beim Wahrnehmen, ohne die verheißene Erfahrung erzwingen zu wollen.
 
<span id="Thema_10"></span>
 
== 10. Schrift, Guru und der Mut zur Unterscheidung ==
 
Der Text fordert Ausdauer und ehrfürchtiges Hören. Er setzt aber nicht jeden Lehrer kraft seines Amtes mit Erkenntnis gleich. Besonders Vers 17.33 stellt Wissen über gesellschaftlichen Rang und bloße Pflichterfüllung. Die Verehrung des Gurus gewinnt ihren Sinn durch wirkliche Einsicht.
 
<span id="Auswahl_14.9"></span>
 
'''14.9'''
 
Wer die Zusammenkunft durch die Schrift und durch das Verstehen ihres Sinnes erlangt, erreicht das Shiva-Sein und wird aus dem Kreislauf des Daseins frei.
 
''Betrachtung:'' Die Zusammenkunft ist hier Melaka, ein Fachbegriff des Khechari-Zusammenhangs. Gemeint ist nicht einfach jedes gemeinsame Meditieren.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_14.9|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_14.9|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_14.10"></span>
 
'''14.10'''
 
Ohne die Schrift können selbst Gurus die Lehre nicht ganz aufnehmen. Darum suche dieses seltene und schwer zugängliche Werk.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_14.10|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_14.10|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_14.11"></span>
 
'''14.11'''
 
Solange du das Buch nicht gefunden hast, durchwandere die Erde. Sobald du es erlangst, liegt die Vollendung in deiner Hand.
 
''Betrachtung:'' Die zugespitzte Verheißung ehrt die Begegnung mit der Lehre. Die Nachbarverse verbinden das Buch ausdrücklich mit seinem verstandenen Sinn.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_14.11|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_14.11|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_17.30"></span>
 
'''17.30'''
 
Höre an einem abgeschiedenen Ort zu – oder zusammen mit Menschen, die diese Lehre kennen. Folge dabei dem überlieferten Verfahren und der Unterweisung deines Gurus.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_17.30|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_17.30|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_17.31"></span>
 
'''17.31'''
 
Nach zwölf Jahren gewissenhafter, unermüdlicher Übung durchwandert der Schüler die Erde, um den Guru der Zusammenkunft zu finden.
 
''Betrachtung:'' Die lange Vorbereitung steht im Werk neben Verheißungen plötzlicher Vollendung. Beide Akzente gehören zu seiner Gestalt.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_17.31|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_17.31|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_17.33"></span>
 
'''17.33'''
 
Nimm selbst einen gesellschaftlich verachteten Menschen zum Guru, wenn er Erkenntnis besitzt. Einen Lehrer ohne Wissen und unterscheidende Einsicht aber verlasse – auch wenn er alle sechs Pflichten erfüllt.
 
''Betrachtung:'' Die sechs Pflichten sind hier wahrscheinlich brahmanische Pflichten, nicht die sechs Hatha-[[Yoga]]-Reinigungen. Der Vers erlaubt ausdrücklich, einen ungeeigneten Lehrer zu verlassen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_17.33|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_17.33|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_17.38"></span>
 
'''17.38'''
 
Ein Sadhaka ist ein Yogi, der sich beständig übend mit allem auseinandersetzt und die eigene Vollendung sucht.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_17.38|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_17.38|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_17.40"></span>
 
'''17.40'''
 
Der Vollendete ist Schöpfer, Erhalter und Auflöser, immer erfüllt und frei von Leid. Die ganze bewegliche und unbewegliche Welt schaut er als ungetrennt von seinem eigenen Selbst.
 
''Betrachtung:'' Das Subjekt „der Vollendete“ ist aus dem vorausgehenden Vers aufgenommen. Der Text stellt ihn dem noch nach Vollendung strebenden Sadhaka gegenüber.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_17.40|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_17.40|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_11.53"></span>
 
'''11.53'''
 
Der Schüler ehrt den Guru erneut mit Gewändern und Schmuck. Dann rezitiert er die Vidya Tag für Tag, nach seinen Kräften und mit heiterem Geist.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_11.53|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_11.53|Sanskrit in Devanagari]]
 
'''Frage zur Vertiefung:''' Welche Unterweisung hilft dir, klarer und verantwortlicher zu werden? Woran würdest du erkennen, dass bloße Autorität an die Stelle von Einsicht getreten ist?
 
<span id="Thema_11"></span>
 
== 11. Siddhis und die unvergängliche Mondinsel ==
 
Dichtkunst, Erkenntnis der drei Zeiten und übermenschliche Fähigkeiten gehören zu den ausgesprochenen Verheißungen. Zugleich reicht die Perspektive über die üblichen Götterwelten hinaus: Selbst Vaikuntha und Kailasha vergehen, während die Mondinsel Kulambikas als unvergänglich gepriesen wird. Diese besondere Lehre verdient es, in ihrer Eigenart gelesen zu werden.
 
<span id="Auswahl_18.15"></span>
 
'''18.15'''
 
Wo sich der Yogi in der beschriebenen Weise auflöst, offenbart sich nichts als höchste Wonne. Er erkennt den Sinn aller Schriften und erlangt das höchste Glück.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.15|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.15|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.16"></span>
 
'''18.16'''
 
Durch die Kraft von Rudras Shakti dichtet der Yogi spielend in allen Sprachen – mit kunstvollem Ausdruck und leuchtenden Worten.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.16|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.16|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.21"></span>
 
'''18.21'''
 
An der Ajna-Stätte schaut der Yogi die drei Welten. Er erkennt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und erscheint als selbstmächtig Handelnder, als höchster Herr.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.21|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.21|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.22"></span>
 
'''18.22'''
 
Am Nabel erkennt er das Vergangene, im Herzen das Gegenwärtige; an der Ajna-Stätte erkennt er alles.
 
''Betrachtung:'' Diese Zuordnung stammt aus diesem Text. Sie wird nicht als allgemein verbindliche Bedeutung der Chakras ausgegeben.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.22|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.22|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.34"></span>
 
'''18.34'''
 
Wer die höchste Wonne erreicht, die Genuss und Befreiung schenkt, erlangt nach der Verheißung binnen eines halben Jahres Befreiung zu Lebzeiten.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.34|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.34|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.36"></span>
 
'''18.36'''
 
Immerwährende Wonne ist sein Wesen, Allgegenwart seine Kraft. Dazu gehören Anima, Laghima, Prapti, Prakamya und Garima.
 
''Betrachtung:'' Genannt sind traditionelle Siddhis: äußerste Kleinheit, Leichtigkeit, Erlangen, Erfüllung des Willens und Schwere. Die Aufzählung setzt sich im folgenden Vers fort.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.36|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.36|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.65"></span>
 
'''18.65'''
 
Auch Brahmas Welt, Vishnus Vaikuntha und Kailasha, die Wohnstätte Rudras, vergehen beim großen Untergang.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.65|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.65|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.66"></span>
 
'''18.66'''
 
Unvergänglich aber ist die Mondinsel. Dort weilt die Göttin Kulambika zusammen mit mir. Wahrlich, wahrlich, du von großer Askese!
 
''Betrachtung:'' „Mit mir“ spricht [[Shiva]]. Kulambika und die Mondinsel sind konkrete Bestandteile dieser Überlieferung.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.66|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.66|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_18.67"></span>
 
'''18.67'''
 
Die Yoginis und Siddhas dieser Insel nehmen nach eigenem Willen Gestalt an. Die Kraft eines jeden von ihnen verfehlt ihr Ziel nicht.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_18.67|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_18.67|Sanskrit in Devanagari]]
 
'''Frage zur Vertiefung:''' Lies die Siddhis als große Verheißungen dieser Schrift. Welche Beziehung haben für dich Macht, Erkenntnis und Freiheit – und wo könnten sie auseinanderfallen?
 
<span id="Thema_12"></span>
 
== 12. Die Zeit verschlingen – und zum Segen der Welt bleiben ==
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|Erkenntnis kann in einer Haltung des Wohlwollens und in konkretem Handeln weiterwirken.]]
 
Zum Schluss weitet sich der Blick noch einmal. Der Körper enthält das Weltall, die Furcht vor der Zeit wird verschlungen, und der Yogi überschreitet den Kreislauf. Doch der Text kennt auch das Bleiben: Der Körper kann zum Segen der Welten erhalten werden. Die Aussagen über das Verlassen des Körpers sind historische Befreiungsvorstellungen, keine Aufforderung, das eigene Leben zu beenden.
 
<span id="Auswahl_20.19"></span>
 
'''20.19'''
 
Betrachte das ganze Windprinzip als deinen Atem. Das Raumprinzip ist mit der feinen Qualität des Klangs verbunden.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_20.19|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_20.19|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_20.21"></span>
 
'''20.21'''
 
Dieses unvergängliche Weltall ist in deinen eigenen Körper eingegangen. Spielerisch verschlinge die Zeit, von der Auflösung bis zur großen Weltauflösung.
 
''Betrachtung:'' „Die Zeit verschlingen“ ist die kühne Formulierung des Textes. Sie wird nicht auf gutes Zeitmanagement verkürzt.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_20.21|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_20.21|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_20.22"></span>
 
'''20.22'''
 
Verweile fest im Lotussitz und vergegenwärtige das Einssein. Betrachte deinen Körper als unversehrt und frei von den Befleckungen der Zeit.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_20.22|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_20.22|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_20.23"></span>
 
'''20.23'''
 
Sieh dieses Weltei als ohne Öffnung. Hast du die Furcht vor der Zeit verschlungen, verweile wie Shiva, frei nach eigenem Willen.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_20.23|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_20.23|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_20.28"></span>
 
'''20.28'''
 
Der Yogi soll Herr über Schöpfung, Erhaltung und Auflösung sein und überall mit gleichem Blick schauen. Auch das Eintreten in einen fremden Körper, das Wandeln im Raum und Reinheit werden ihm zugeschrieben.
 
''Betrachtung:'' Die fremdkörperliche und räumliche Bewegungsfreiheit gehört ausdrücklich zur [[Siddhi]]-Vorstellung. Sie wurde nicht durch eine unverbindliche Metapher ersetzt.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_20.28|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_20.28|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.94"></span>
 
'''16.94'''
 
So lässt der Yogi die Bindungen des Daseinskreislaufs zurück und hält sich an die höchste Wirklichkeit. Für die fünf Elemente und die weiteren Mächte unsichtbar, durchbricht er nach der Lehre die Sonnenscheibe.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.94|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.94|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.95"></span>
 
'''16.95'''
 
In Shivas höchste, friedvolle Wirklichkeit eingegangen, wird er Shiva gleich. Selbst nach unzähligen Weltzeitaltern soll es für ihn keine Rückkehr in den Kreislauf geben.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.95|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.95|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.96"></span>
 
'''16.96'''
 
Wenn er den Körper zum Segen der Welten bewahrt, gibt er ihn erst am Ende der Weltauflösung auf. Dann ruht er allein im eigenen Selbst.
 
''Betrachtung:'' Die Befreiung mündet hier nicht notwendig in Rückzug. Der Vers eröffnet einen weiten Horizont für die Frage, wem die eigene Verwirklichung zugutekommt.
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.96|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.96|Sanskrit in Devanagari]]
 
<span id="Auswahl_16.114"></span>
 
'''16.114'''
 
Ihre Gnade schenkt ihm klare Erkenntnis ohne Trennung. Nun habe ich dir diesen Yoga dargelegt. Welche Frage möchtest du noch stellen?
 
[[Matsyendra Samhita#Vers_16.114|Textnahe Übersetzung und Zusammenhang]] · [[Matsyendra Samhita#Devanagari_Vers_16.114|Sanskrit in Devanagari]]
 
'''Frage zur Vertiefung:''' Was könnte es in deinem Leben heißen, gewonnene Klarheit „zum Segen der Welt“ einzusetzen? Lass aus der großen Frage eine konkrete Handlung werden.
 
Ergänzendes allgemeines Yoga-Vidya-Angebot: Lichtmeditation. Das Video begleitet die persönliche Vertiefung; es erklärt keine einzelne historische Praxisanweisung der Matsyendra Samhita.
 
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== Mit der Lehre weiterleben ==
 
Die großen Bilder dieser Verse wollen nicht nur verstanden, sondern bedacht werden. Innere Weite zeigt sich auch darin, genauer zuzuhören, klarer zu unterscheiden und freier zu handeln. Kehre zu den Versen zurück, die dich besonders berühren oder herausfordern. Der [[Matsyendra Samhita|Hauptartikel]] öffnet ihren Zusammenhang; die [[Matsyendra Samhita Mantras|Mantra-Sammlung]] ergänzt die Lektüre durch Klang, Bedeutung und überlieferte Verwendung.
 
== Textgrundlage ==
 
Die Lesefassung folgt den im [[Matsyendra Samhita#Textgrundlage|Hauptartikel dokumentierten Ausgaben und Einzelentscheidungen]]: Sensharma 1994, den ausdrücklich ausgewiesenen Matsyendra-Lesarten und Editionen bei Mallinson 2003 sowie Einzelkorrekturen nach Kiss. Sie umfasst eine Auswahl aus dem erreichbaren Bestand; die Gesamtüberlieferung des Werkes bleibt lückenhaft erschlossen. Alle 108 Originalstellen sind unmittelbar verlinkt.
 
[[Matsyendra Samhita|Werk, Sanskrit und textnahe Übersetzung]] · [[Matsyendra Samhita Ausgewählte Verse|108 Verse für Yoga-Aspiranten]] · [[Matsyendra Samhita Mantras|Mantras, Bedeutung und Verwendung]]
[[Kategorie:Tantra Schriften]]
[[Kategorie:Indische Schriften]]
[[Kategorie:Indische Schriften]]
[[Kategorie:Tantra]]

Aktuelle Version vom 12. September 2026, 09:13 Uhr

Matsyendra Samhita Ausgewählte Verse bietet 108 Verse der Matsyendra Samhita in einer vereinfachten, eigenständig formulierten deutschen Lesefassung. Sie richtet sich an Yoga-Aspiranten, die bekannte Begriffe neu sehen und auch ungewöhnliche Seiten der Überlieferung kennenlernen möchten: den Körper als Weltall, die Verbindung von Shiva und Shakti, den inneren Klang, Khechari, Kundalini, Nektarvorstellungen und die Freiheit von Bindung.

Die Auswahl ist ein Weg durch zwölf Themenfelder. Sie verbindet verständliche Sprache mit der Kühnheit des Originals. Die textnahe Übersetzung und der Sanskritwortlaut stehen im Hauptartikel; das Verzeichnis Mantras, Bedeutung und Verwendung erschließt die zugehörige Klangwelt.

Zur Lesefassung: Die Versnummern entsprechen der kommentierten Teilausgabe. Jeder Vers wurde eigens neu formuliert; Satzanschlüsse werden verständlich gemacht und einzelne Fachbegriffe erläutert. Anreden und wiederholte Bekräftigungen können sprachlich gestrafft sein. Kurze Betrachtungen und heutige Reflexionsimpulse stehen ausdrücklich außerhalb der Verswiedergabe. Diese Seite ersetzt deshalb keine philologische Übersetzung.

Zur geistigen Ausrichtung: Die Verse führen von Sammlung und Hingabe zu Erkenntnis, innerer Kraft und Befreiung. Auch sinnliche Bilder wie die Umarmung von Shiva und Shakti gehören zum Original. Die besonderen Kräfte und die Freiheit von Alter und Tod werden als Verheißungen der Schrift wiedergegeben. Die Auswahl ist keine Anleitung zu körperlichen Eingriffen, langem Atemanhalten oder anderen fortgeschrittenen Verfahren; für eigene Praxis zählen Achtsamkeit, körperliche Sicherheit und verantwortliche Anleitung.

Nimm dir Zeit. Ein einziger Vers kann genügen, um eine vertraute Vorstellung zu öffnen. Die zwölf Fragen am Ende der Themenbereiche helfen, die Lektüre mit dem eigenen Leben zu verbinden.


Werk, Sanskrit und textnahe Übersetzung · 108 Verse für Yoga-Aspiranten · Mantras, Bedeutung und Verwendung

1. Was suchst du wirklich?

Die Begegnung mit der Lehre beginnt mit Aufmerksamkeit und einer aufrichtigen Frage.

Die Erzählung beginnt mit Verehrung und einer Entscheidung: Willst du nur etwas besitzen, oder willst du erkennen? Matsyendra erscheint als einer, der sich im Ozean der Lehre frei bewegt. Der Weg fordert zugleich eine Veränderung der inneren Haltung.

1.1

Om. Ich verneige mich vor Shambhu, dem Herrn der Welt. In ihm leuchtet alles Wissen. Er ist der Ozean, in dem die kostbaren Juwelen der heiligen Lehren geborgen sind.

Betrachtung: Das Wissen erscheint als lebendiger Ozean. Die Anrufung lädt dazu ein, mit Ehrfurcht und zugleich mit Entdeckerfreude zu lesen.

Textnahe Übersetzung und Zusammenhang · Sanskrit in Devanagari

1.5

Ich verehre Matsyendranatha, den allwissenden Meister unter den Yogis. Im weiten Meer der Lehren Shivas bewegt er sich voller Freude, wie im Spiel.

Betrachtung: Das Bild verbindet große Gelehrsamkeit mit Leichtigkeit. Spirituelle Tiefe muss nicht schwerfällig sein.

Textnahe Übersetzung und Zusammenhang · Sanskrit in Devanagari

1.6

Ich verehre den reinen Matsyendra: Er hat uns den seltenen Kern der Lehre zu Gehör gebracht, den Shiva selbst verkündet hat.

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1.7

Einst zog ein großer Yogi durch die Welt. Er suchte Vollendung – ohne Besitzgier und ohne sich an sein Ich zu klammern.

Textnahe Übersetzung und Zusammenhang · Sanskrit in Devanagari

1.24

„Was wünschst du dir von uns: Reichtum, etwas, das du liebst, oder das Wissen, das nur schwer zu erlangen ist? Sprich aus, wonach dein Herz verlangt.“

Betrachtung: Die Frage steht in der Rahmenerzählung. Du kannst sie zugleich als Frage an deine eigenen Prioritäten lesen.

Textnahe Übersetzung und Zusammenhang · Sanskrit in Devanagari

1.25

Mit ehrfürchtig gefalteten Händen antwortete der Yogi: „Schenkt mir jenes Wissen, das so selten und schwer zugänglich ist. Danach verlange ich.“

Betrachtung: Mit Wissen ist hier Vidya gemeint: eine empfangene spirituelle Lehre, die auch Mantra und Einweihung umfasst.

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2.65

Dann können sich die besonderen Kräfte bald entfalten; falsch vollzogen kann das Verfahren jedoch Unheil bringen. Wer auch in seiner inneren Haltung rein geworden ist, erlangt den ganzen Yoga.

Betrachtung: Der Vers steht nach Reinigungsverfahren. Seine entscheidende Einschränkung gehört zur Aussage: Die äußere Technik allein genügt nicht.

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2.66

Ohne die rechte innere Haltung gibt es keine Vollendung, selbst in Zehntausenden von Jahren nicht. Tausend Krüge Wasser und hundert große Maße Reinigungserde können sie nicht ersetzen.

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2.67

Ein verdorbenes Inneres wird selbst in tausend Jahren nicht rein. Darum vollziehe diese Handlungen mit geläuterter Haltung. Wer sich so sechs Monate lang reinigt, findet nach der Verheißung den rechten Zugang zum Yoga.

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Frage zur Vertiefung: Welche Sehnsucht trägt deine Praxis, wenn Anerkennung, Besitz und besondere Erfahrungen einmal zurücktreten?

2. Festigkeit, Sammlung und die Wurzel der Bindung

Die Schrift setzt große Ziele, beginnt aber mit konkreten Voraussetzungen: eine tragfähige Haltung, ein geeigneter Ort und die Schulung des Geistes. Ihr Rückzug der Sinne ist mehr als bloßes Entspannen; die Sinne werden in ihre kosmischen Grundlagen zurückgeführt.

3.1

Zum Wohl der Übenden erkläre ich nun die Folge der Asanas. Wenn du sie Schritt für Schritt einübst, kann Festigkeit leicht entstehen.

Textnahe Übersetzung und Zusammenhang · Sanskrit in Devanagari

3.37

Wähle unter diesen Haltungen eine, die zu deinen Möglichkeiten passt. Wenn du sie wirklich beherrschst, wird auch die Sammlung der Sinne möglich.

Betrachtung: Die Aussage über die passende Haltung beruht auf einer vorsichtigen Deutung des schwierigen Druckwortlauts. Die Einzelanmerkung im Hauptartikel dokumentiert sie.

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3.38

Der Körper gewinnt Festigkeit, der Geist wird still. In der vertraut gewordenen Haltung sitzend, widmet sich der Yogi bei Tag und bei Nacht dem Yoga.

Betrachtung: „Bei Tag und bei Nacht“ bewahrt den entschiedenen Übungsanspruch der Schrift. Daraus folgt für heutige Leser kein Verzicht auf notwendigen Schlaf.

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3.39

Übe an einem abgeschiedenen, stillen Ort: Der Boden sei eben und sauber, frei von störenden Tieren, der Raum von Wohlgeruch erfüllt.

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3.40

Ob im Heiligtum Shivas, in einer Höhle oder in einem stillen Haus: Verweile gesammelt und beherrscht, dein Bewusstsein vom höchsten Nektar erfüllt.

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5.1

Wohin der rastlose Geist auch wandert und welches Verlangen ihn nach außen zieht: Hole dein Bewusstsein zurück.

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5.5

Sammle die Sinne immer wieder ein und führe den Geist zurück. Denn der Geist selbst ist die Ursache deiner Bindung und deiner Befreiung.

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5.14

Erkenne das Riechen als eine Kraft der Erde, verbunden mit der feinen Qualität des Geruchs. Lass diesen Sinn in seine Grundlage zurückkehren und seine Tätigkeit zur Ruhe kommen.

Betrachtung: Dies ist die Elementenlehre des Textes. Sie lässt die gewöhnliche Wahrnehmung als Teil eines größeren Zusammenhangs erscheinen.

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6.1

Nun erkläre ich Dharana, die Sammlung, durch die Fehler schwinden sollen. Zwölf Pranayamas werden hier als Dharana-Yoga bezeichnet.

Betrachtung: Die Zwölferzahl gehört zur historischen Einteilung. Der Vers allein beschreibt noch kein Atemverfahren und bestimmt keine heutige Übungsdauer.

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Frage zur Vertiefung: Beobachte beim nächsten ruhigen Sitzen, was den Geist bindet und was ihm Weite gibt. Du musst dafür keine außergewöhnliche Erfahrung erzeugen.

3. Dein Körper als Weltall – und der furchtlose Bhairava

Hier verlässt die Matsyendra Samhita den Rahmen gewöhnlicher Körpervorstellung. Der Yogi wird zum Weltenkörper; Shiva erscheint als Bhairava, wild und furchtlos. Diese Bilder sollen nicht verharmlost werden: Sie führen die Meditation an die Grenzen von Selbstbild, Sicherheit und Todesfurcht.

7.3

Um die Hindernisse zu überwinden, vergegenwärtige dir einen gewaltigen Körper: Seine Füße reichen in die Unterwelt, die Erde bildet seine Hüften, der weite Raum seinen Leib.

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7.5

Die Meere sind sein Gewand. Wunderbar durchdringt er das ganze Weltall; alles Bewegliche und Unbewegliche gehört zu ihm, von Brahma bis zum Grashalm.

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7.6

Betrachte die Welten wie Poren deines Körpers und deinen Leib als das ganze Universum. Lass diese große Gestalt lebendig werden, damit der Geist Festigkeit gewinnt.

Betrachtung: Hier wird die Enge des gewohnten Körperbildes aufgebrochen. Die Schrift bietet eine konkrete kosmische Visualisation.

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7.7

Wer so in die göttliche Erkenntnis hineinmeditiert, dessen geistige Bewegungen kommen nach und nach zur Ruhe.

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7.8

Ist der Geist gefestigt, öffnet sich die nächste Betrachtung: Im eigenen Herzen liegt ein höchster Lotus, dessen Wesen Shiva und Shakti sind.

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7.14

Acht große Schlangen schmücken ihn als Kette. Er brüllt und vernichtet die Furcht. Ein Tigerfell ist sein Gewand, ein Löwenfell sein Mantel.

Betrachtung: Bhairava wird hier nicht zur bloß sanften Gestalt. Auch das Erschreckende kann im religiösen Bild zur Macht werden, die Furcht auflöst.

Textnahe Übersetzung und Zusammenhang · Sanskrit in Devanagari

7.25

Bhairavi steht an der Spitze der Yogini-Scharen und nimmt die Furcht. Sie lässt die ersehnten Früchte reifen und wird als dreifache Ursache gepriesen.

Betrachtung: Der Vers bewahrt die besondere Göttinnenwelt des Werkes. Die Bezeichnung „dreifache Ursache“ wird hier nicht durch eine unbelegte moderne Erklärung ersetzt.

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7.19

Betrachte ihn mit ungeteilter Aufmerksamkeit, damit die Hindernisse zur Ruhe kommen. Auf seinem linken Schoß sitzt Chandika, die das Leiden vernichtet.

Textnahe Übersetzung und Zusammenhang · Sanskrit in Devanagari

7.27

Durch diesen Yoga der Meditation wirst du selbst von der Furcht vor Zeit und Tod frei, höchste Göttin. Wahr soll sein, was ich dir gesagt habe.

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Frage zur Vertiefung: Welche Seite des Lebens blendest du in deiner Spiritualität gern aus? Kannst du sie wahrnehmen, ohne dich von ihr beherrschen zu lassen?

4. Asche, Umarmung und das Licht ohne Stütze

Shiva und Shakti verbinden Stille und Kraft. Die Abbildung begleitet die Gottesbetrachtung; sie ist keine genaue Wiedergabe einer einzelnen Versbeschreibung.

Der gleiche Shiva kann auf dem Verbrennungsplatz verweilen, von Shakti umarmt werden und als Licht ohne äußere Stütze erscheinen. Vergänglichkeit und Glückseligkeit werden nicht auseinandergerissen. Die Bilder führen von der betrachteten Gottheit zur Identifikation mit ihr.

7.29

Im Lotus des Herzens sitzt Shiva, leuchtend wie die junge Sonne. Die goldfarbene Göttin hält seinen Körper umarmt.

Textnahe Übersetzung und Zusammenhang · Sanskrit in Devanagari

7.30

Sein Leib ist mit Asche bedeckt, ein Tigerfell umhüllt ihn. Friedvoll sitzt er auf dem Verbrennungsplatz: dreiäugig, den Mond als Schmuck im Haar.

Betrachtung: Die Asche und der Verbrennungsplatz bleiben konkrete Bestandteile des Gottesbildes. Die Ruhe erscheint mitten in der Gegenwart des Todes.

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7.31

Vom jungen Mond an seiner Stirn fließt göttlicher Nektar über Shiva. Seine Hände schenken Gaben und Furchtlosigkeit; er trägt das große Beil und zeigt die Hirsch-Geste.

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7.34

Er zerbricht die Fesseln des gebundenen Wesens und führt über den Ozean der Furcht. Er schenkt die Weite allwissender Erkenntnis und alle besonderen Vollendungen.

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7.41

Noch einen anderen Weg der Meditation will ich dir zeigen: Im Herzen des Herzlotus erscheint eine Gestalt wie die reine Flamme einer Lampe.

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7.42

Nur daumengliedgroß und doch strahlend wie zehn Millionen Sonnen: rund wie die Blüte des Kadamba-Baums, ein sonnengleiches Gestirn.

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7.43

Oder betrachte das Licht, das ringsum in Strahlen aufleuchtet – hervortretend in einer Leere, die von nichts getragen wird.

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7.46

Sieh deinen ganzen Körper von dieser Lichtfülle durchdrungen. Mit der inneren Gewissheit „Das bin ich“ erinnere dich allmählich an dein eigenes Ich.

Betrachtung: Die Identifikation wird im Zusammenhang einer Gottesmeditation gelehrt. Sie ist keine Behauptung über die Überlegenheit der eigenen Persönlichkeit.

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7.49

Durch klare Unterscheidung des Selbst findet der Yogi bald zum Yoga. Er soll sich selbst als die Gestalt Ishvaras vergegenwärtigen.

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Frage zur Vertiefung: Wie verändert sich dein inneres Bild, wenn du Licht nicht nur vor dir siehst, sondern deinen ganzen Leib davon durchdrungen denkst?

Ergänzendes allgemeines Yoga-Vidya-Angebot: Anahata-Chakra-Meditation. Das Video begleitet die persönliche Vertiefung; es erklärt keine einzelne historische Praxisanweisung der Matsyendra Samhita.

5. Die innere Puja und das Feuer des Selbst

Die innere Verehrung ist sinnlich reich: Duft, Blüten, Licht, Nektar und Juweleninseln gehören dazu. Zugleich wird sie radikal. Selbst das Festhalten an Verdienst und Verfehlung wird dem inneren Feuer übergeben. Der Text spricht hier von einem rituellen Bewusstseinsvollzug, nicht von einer Aufhebung der Verantwortung für andere.

8.1

Jetzt erkläre ich die innere Verehrung, die alle Siddhis schenken soll. Nimm an einem reinen, angenehmen Ort Platz und richte dich mit festem Entschluss aus.

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8.2

Verweile lange in der Meditation, mit befriedetem Inneren. Erkenne dich im Bereich der reinen Wirklichkeit als Ishvara.

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8.3

Verehre mit Duft, Blumen und heilsamen Gaben, die aus deiner inneren Vergegenwärtigung entstehen: an den sechs Stützpunkten und besonders am Dvadashanta.

Betrachtung: Dvadashanta bezeichnet einen besonderen inneren Bezugspunkt. Die „sechs Stützpunkte“ werden nicht ohne Weiteres mit einem heutigen Chakra-Schema gleichgesetzt.

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8.4

Verehre gesammelt den unvergänglichen Shambhu zusammen mit Shakti. Lass dabei den höchsten Nektarozean immer wieder gegenwärtig werden.

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8.5

Hell wie reiner Kristall leuchtet dieser Ozean, bewegt von göttlichen Wogen. In seiner Mitte erscheint eine weite Insel aus Juwelen.

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8.38

Bringe die innerlich geschaffenen Opferhölzer Varunas und die weiteren Gaben dar. Übergib im Geist auch Dharma und Adharma, rechtes und unrechtes Tun, dem lodernden Feuer des Selbst.

Betrachtung: Die beiden Pole werden gemeinsam genannt. Das kann zur Betrachtung darüber anregen, wie tief unser Selbstbild an Erfolg, Schuld und Rechtfertigung gebunden ist.

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8.43

Inmitten des Lichtkreises betrachte dich selbst als leuchtende Gestalt – so ruhig wie eine Lampe an einem windstillen Ort.

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8.72

Wer Shiva im eigenen Selbst verlässt und ihn nur draußen verehrt, ist wie jemand, der den Milchreis in seiner Hand liegen lässt und stattdessen am Ellenbogen leckt.

Betrachtung: Der Vergleich ist absichtlich drastisch. Seine Schärfe ist Teil der Lehre und wurde nicht geglättet.

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8.73

Shambhu ist das Selbst, auf dem diese ganze Welt ruht. Wenn du ihn verehrst, ist darin alles Bewegliche und Unbewegliche mitverehrt.

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Frage zur Vertiefung: Welche innere Gabe wäre heute wahrhaftig? Eine schöne Vorstellung genügt weniger als die Bereitschaft, wirklich gegenwärtig zu sein.

6. Ich bin Brahman – und das yogische Sehen

Die Ich-Aussagen sind meditative Vergegenwärtigungen. Sie stehen neben Beschreibungen von Samadhi und außergewöhnlichem Erkennen. Die Schrift verheißt mehr als Wohlbefinden: Befreiung zu Lebzeiten, unmittelbares Schauen und Erkenntnis der drei Zeiten. Diese Verheißungen werden als Aussagen des Textes gelesen.

7.48

Durch diesen Meditationsweg wird der Yogi nach der Lehre selbst zu Ishvara. Er sieht seinen Leib im Glanz von zehn Millionen Sonnen.

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7.58

Ich bin die Biene am Lotus der yogischen Vergegenwärtigung, dessen Blätter die acht Siddhis sind. Ich bin ewig, jenseits begrifflicher Trennung, ohne Stütze und unvergänglich. Mein Wesen ist Sein, Bewusstsein und Wonne. Ich bin Brahman selbst.

Betrachtung: Das Bienenbild und die acht Siddhis gehören zum Vers. Die Aussage umfasst die besondere tantrische Vorstellungswelt und die Erkenntnis Brahmans.

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7.59

„Ich bin Brahman selbst. Ich bin kein Wesen, das im Kreislauf gefangen ist. Ich bin frei.“ So vergegenwärtige dich. Dieser Meditationsyoga führt nach der Lehre zur Befreiung mitten im Leben.

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7.60

Wenn die verwickelten Vorstellungen in Shiva vergehen, leuchtet Freude auf. Der Übende erkennt dieses Aufleuchten und schaut überall mit gleichem Blick.

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7.75

Nun erkläre ich Samadhi, durch den der Yogi Shiva wird. Die Gestalt, die in der Meditation fest geworden ist, betrachtet er mit dem yogischen Auge.

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7.79

Einspitzig, unzerstreut und unbewegt, mit still gewordenen Sinnen, schaut der in Samadhi Ruhende Sadashiva – ungetrennt vom eigenen Selbst.

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7.80

Im Samadhi erscheint ein großes Leuchten wie Feuer. Wenn dieses Leuchten sich gnädig erweist, wird dem Yogi Befreiung zuteil.

Betrachtung: Die ungewöhnliche Rede vom gnädigen Leuchten bleibt erhalten. Die Befreiung wird nicht als mechanisches Ergebnis eines Lichtbildes beschrieben.

Textnahe Übersetzung und Zusammenhang · Sanskrit in Devanagari

7.81

Wenn Samadhi recht verwirklicht ist, sieht der Yogi mit dem yogischen Auge genau die Gestalt, die er sich vergegenwärtigt.

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7.85

Zu den verheißenen Fähigkeiten gehören die Herrschaft über die Sinne, augenblickliche Allwissenheit, das Erkennen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie göttliche Herrschaft.

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Frage zur Vertiefung: Woran erkennst du den Unterschied zwischen einer tiefen inneren Erfahrung und dem Wunsch, dir selbst besondere Fähigkeiten zuzuschreiben?

7. Khechari: Sprache, Nektar und der diamantfeste Körper

Khechari verbindet in diesem Werk Körpertechnik, Mantra, Gottheiten und innere Erfahrung. Die Zunge wird zum Ort von Shri und der Göttin der Rede; der obere Körperraum zum Nektarozean. Die Auswahl zeigt die Kühnheit dieser Lehre. Sie ist keine Anleitung zu den an anderer Stelle beschriebenen körperlichen Eingriffen.

16.19

Vor den Füßen jenes Yogis verneige ich mich, der alle Wirklichkeitsprinzipien kennt und in den höchsten Yoga eingegangen ist: friedvoll und voller Glückseligkeit.

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16.29

An der Spitze der Zunge wohnen Shri und die Herrin der Rede. An ihrer Wurzel aber befinden sich Bindung und Tod.

Betrachtung: Die Gegenüberstellung gehört zur Khechari-Lehre. Sie ist keine anatomische Feststellung und keine Aufforderung, die Zungenwurzel zu verletzen.

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16.33

Auf dem Weg der Sushumna wird der Atemwind von der Wurzel nach oben geführt. An der Brahma-Wohnstätte angekommen, versenkt der Yogi den Geist in die Leere.

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16.34

Meditiere über die höchste Wirklichkeit, frei vom Verwerfen und vom Ergreifen. Vom Brahma-Ort strömt der Himmelsganges herab, überaus kühl.

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16.35

Wer davon trinkt, soll nach einem Monat einen diamantfesten Körper erlangen: einen göttlichen Leib, göttliche Rede und göttliche Schau.

Betrachtung: Der Vers spricht vom zuvor beschriebenen inneren Himmelsganges. „Diamantfest“ ist die Verheißung des Textes, keine Zusicherung körperlicher Unverletzbarkeit.

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16.36

Göttliche Einsicht und göttliches Hören sollen erwachen. An der Zungenspitze erscheint die Herrin der Rede, strahlend wie zehn Millionen Monde.

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16.37

Von den Kräften höchsten Nektars gesättigt, wird die Göttin vergegenwärtigt – und augenblicklich soll Dichtkunst erwachen. Dann meditiert der vom Nektar beglückte Yogi über Lakshmi an seiner Zungenspitze.

Betrachtung: Die besondere Fähigkeit wird konkret als Dichtkunst bezeichnet. Nicht nur Schweigen, auch sprachlicher Ausdruck kann Frucht der inneren Verwirklichung sein.

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16.46

Dort, im großen Nektarozean mit seinen kühlen Wogen, trinkt der Yogi Nektar und kommt zur Ruhe.

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16.47

Mit einem Geist voller höchster Wonne sieht er seinen ganzen Körper von diesem Nektar gesättigt. Aus diesem Yoga soll göttliche Schau hervorgehen.

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Frage zur Vertiefung: Lies die Nektarbilder langsam. Was geschieht, wenn du deinen Körper einmal als empfangend und durchströmt betrachtest, ohne etwas erzwingen zu müssen?

8. Kundalini, Lichtfaden und der angeborene Klang

Der Text entfaltet unterschiedliche innere Körperordnungen. Die Abbildung ist ein allgemeines Schema.

Die innere Körperwelt dieses Tantra ist beweglich und vielgestaltig. Kundalini erscheint als Urkraft, Lichtfaden und Klang. Die folgenden Verse gehören zu zusammenhängenden yogischen Verfahren; Atemanhalten und körperliche Verschlüsse werden durch diese Auswahl nicht als selbständige Übungen vermittelt.

16.40

Die erste angeborene Kraft ist Kundalini-Shakti. Die zweite ist Sushumna, die dritte die Zunge.

Betrachtung: Der Text nennt insgesamt fünf angeborene Größen. Dieser Vers bietet die ersten drei; die Auswahl ergänzt die übrigen nicht aus einem anderen System.

Textnahe Übersetzung und Zusammenhang · Sanskrit in Devanagari

16.44

Sie ist fein wie ein einzelner Spinnenfaden und leuchtet wie zehn Millionen Sonnen. Ihr Weg führt zum Gaumenzäpfchen und an den Riegel des Shiva-Tores.

Betrachtung: Gemeint ist die zuvor genannte Kundalini-Shakti. Das Bild hält größte Feinheit und unermessliche Lichtkraft zusammen.

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16.51

Zwischen Ida und Pingala liegt Sushumna, die Lichtgestaltige. Dort wohnt unversehrter Glanz, inmitten der Vielfalt von Farben und Formen.

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16.70

Die Shakti leuchtet wie tausend Blitze. Im Inneren des Brahma-Eis wird sie in den Ozean kühlen Nektars geführt; dort soll der Übende lange verweilen.

Textnahe Übersetzung und Zusammenhang · Sanskrit in Devanagari

16.85

Vereine Shakti mit dem dort weilenden höchsten Shiva, der höchsten Ursache. Vergegenwärtige ihre Einheit.

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18.8

Indem sie die Chakras der Reihe nach durchdringt, wird die Kraft eins und heißt Nada, Klang: ein Ring aus Blitzen, eine Gestalt aus leuchtenden Strahlen.

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18.9

Durch ein Erfahrungszeichen löst sie sich im Höchsten auf: ohne Stütze, von leerem Licht erfüllt, im Innern der Brahma-Tür, das Visarga heißt.

Betrachtung: Visarga, „Ausströmung“ oder „Entlassung“, bleibt hier die besondere Bezeichnung des Textes. Eine einfache Gleichsetzung mit einem heutigen Chakra-Namen würde zu kurz greifen.

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18.51

Lass den Geist äußerst fein in die Sushumna eintreten. Wenn Shakti sich regt, offenbart sich der höchste Klang.

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18.52

Das ist das angeborene Bija: Darin sammelt sich der Geist. Im selben Augenblick, so die Verheißung, verlässt der Yogi die Erde und verweilt fest im Raum.

Betrachtung: Das Raumverweilen bleibt als außergewöhnliche Siddhi stehen. Die Stelle nennt keine ausgeschriebene Silbe; „Om“ oder ein anderes Mantra wird nicht eingesetzt.

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Frage zur Vertiefung: Kannst du Stille auch als ein feines Hören verstehen, ohne einen bestimmten inneren Klang herstellen zu wollen?

Ergänzendes allgemeines Yoga-Vidya-Angebot: Mantra-Chakra-Vedanta-Meditation. Das Video begleitet die persönliche Vertiefung; es erklärt keine einzelne historische Praxisanweisung der Matsyendra Samhita.

9. Verkörperte Meditation und der innere Milchozean

Die Meditation durchdringt den Leib mit Farben, Licht und innerem Nektar. Ihre Bilder sind ungewöhnlich konkret: ein blitzendes Wurzelzentrum, das korallenrote Herz, ein Milchstrom durch die Schädelöffnung und Tropfen, die aus den Poren austreten. Die Bilder werden als historische Vergegenwärtigungen gelesen; sie sind keine körpermedizinischen Aussagen.

7.44

Lass diese Körpergestalt durch beständige Meditation lebendig werden: Sie ruht in einem göttlichen Mandala und lässt flüssigen Nektar strömen.

Betrachtung: Die Körpergestalt schließt an die Lichtmeditation an. Das innere Bild wird über längere Zeit entfaltet.

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7.45

Betrachte das göttliche Mandala zuerst ganz rot und dann weiß. Auch die Gestalt in seiner Mitte wird in derselben Reihenfolge meditiert.

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8.49

Im Muladhara erscheint die Gottheit in der Farbe des Blitzes. Ihr Licht erhellt die Himmelsrichtungen; sie gleicht tausend jungen Sonnen, vollkommen rein und doch mit Eigenschaften versehen.

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8.57

Im großen Lotus des Anahata strahlt er rot wie die Japa-Blüte, wie ein junger Korallenzweig und wie tausend Sonnen.

Betrachtung: Gemeint ist Shiva. Die Farbgestalt wird aus diesem Vers übernommen; sie wird nicht an ein verbreitetes modernes Chakra-Schema angepasst.

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18.44

An der Nasenspitze schaut der Yogi ein Licht, erhellt vom Mond im Herzen. Er vergegenwärtigt die Einheit beider – und darin erkennt er sich selbst.

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18.53

Nach einem Muhurta sieht er die ganze Welt als Lichtgestalt. Eine Wache lang bleibt dieses Licht Gegenstand seiner Betrachtung.

Betrachtung: Muhurta und Wache sind die Zeitangaben der Schrift. Die Aussage ist kein Versprechen einer bestimmten Erfahrung nach einer heutigen Übungssitzung.

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18.57

Die Augen richten sich zur Mitte zwischen den Brauen, der Geist ruht fest im Herzen. Der Yogi sieht sich im Milchozean versunken, von zwei Lotussen umschlossen.

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18.58

Durch die Brahma-Öffnung trinkt er den kühlen Nektar eines Milchstroms. Aus den Poren seines Körpers treten Millionen und Abermillionen Milchtropfen hervor.

Betrachtung: Der Vers entfaltet eine innere Körpervorstellung. Der ganze Leib wird zum durchlässigen Raum des Nektars.

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18.59

So sieht er sich von einer undurchdringlichen weißen Hülle umgeben. Nach einem Monat, verheißt die Schrift, erlangt er Freiheit von Alter und Tod.

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Frage zur Vertiefung: Wie verändert sich dein Körpergefühl, wenn du ein solches Bild langsam liest und anschließend nachklingen lässt? Bleibe beim Wahrnehmen, ohne die verheißene Erfahrung erzwingen zu wollen.

10. Schrift, Guru und der Mut zur Unterscheidung

Der Text fordert Ausdauer und ehrfürchtiges Hören. Er setzt aber nicht jeden Lehrer kraft seines Amtes mit Erkenntnis gleich. Besonders Vers 17.33 stellt Wissen über gesellschaftlichen Rang und bloße Pflichterfüllung. Die Verehrung des Gurus gewinnt ihren Sinn durch wirkliche Einsicht.

14.9

Wer die Zusammenkunft durch die Schrift und durch das Verstehen ihres Sinnes erlangt, erreicht das Shiva-Sein und wird aus dem Kreislauf des Daseins frei.

Betrachtung: Die Zusammenkunft ist hier Melaka, ein Fachbegriff des Khechari-Zusammenhangs. Gemeint ist nicht einfach jedes gemeinsame Meditieren.

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14.10

Ohne die Schrift können selbst Gurus die Lehre nicht ganz aufnehmen. Darum suche dieses seltene und schwer zugängliche Werk.

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14.11

Solange du das Buch nicht gefunden hast, durchwandere die Erde. Sobald du es erlangst, liegt die Vollendung in deiner Hand.

Betrachtung: Die zugespitzte Verheißung ehrt die Begegnung mit der Lehre. Die Nachbarverse verbinden das Buch ausdrücklich mit seinem verstandenen Sinn.

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17.30

Höre an einem abgeschiedenen Ort zu – oder zusammen mit Menschen, die diese Lehre kennen. Folge dabei dem überlieferten Verfahren und der Unterweisung deines Gurus.

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17.31

Nach zwölf Jahren gewissenhafter, unermüdlicher Übung durchwandert der Schüler die Erde, um den Guru der Zusammenkunft zu finden.

Betrachtung: Die lange Vorbereitung steht im Werk neben Verheißungen plötzlicher Vollendung. Beide Akzente gehören zu seiner Gestalt.

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17.33

Nimm selbst einen gesellschaftlich verachteten Menschen zum Guru, wenn er Erkenntnis besitzt. Einen Lehrer ohne Wissen und unterscheidende Einsicht aber verlasse – auch wenn er alle sechs Pflichten erfüllt.

Betrachtung: Die sechs Pflichten sind hier wahrscheinlich brahmanische Pflichten, nicht die sechs Hatha-Yoga-Reinigungen. Der Vers erlaubt ausdrücklich, einen ungeeigneten Lehrer zu verlassen.

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17.38

Ein Sadhaka ist ein Yogi, der sich beständig übend mit allem auseinandersetzt und die eigene Vollendung sucht.

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17.40

Der Vollendete ist Schöpfer, Erhalter und Auflöser, immer erfüllt und frei von Leid. Die ganze bewegliche und unbewegliche Welt schaut er als ungetrennt von seinem eigenen Selbst.

Betrachtung: Das Subjekt „der Vollendete“ ist aus dem vorausgehenden Vers aufgenommen. Der Text stellt ihn dem noch nach Vollendung strebenden Sadhaka gegenüber.

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11.53

Der Schüler ehrt den Guru erneut mit Gewändern und Schmuck. Dann rezitiert er die Vidya Tag für Tag, nach seinen Kräften und mit heiterem Geist.

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Frage zur Vertiefung: Welche Unterweisung hilft dir, klarer und verantwortlicher zu werden? Woran würdest du erkennen, dass bloße Autorität an die Stelle von Einsicht getreten ist?

11. Siddhis und die unvergängliche Mondinsel

Dichtkunst, Erkenntnis der drei Zeiten und übermenschliche Fähigkeiten gehören zu den ausgesprochenen Verheißungen. Zugleich reicht die Perspektive über die üblichen Götterwelten hinaus: Selbst Vaikuntha und Kailasha vergehen, während die Mondinsel Kulambikas als unvergänglich gepriesen wird. Diese besondere Lehre verdient es, in ihrer Eigenart gelesen zu werden.

18.15

Wo sich der Yogi in der beschriebenen Weise auflöst, offenbart sich nichts als höchste Wonne. Er erkennt den Sinn aller Schriften und erlangt das höchste Glück.

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18.16

Durch die Kraft von Rudras Shakti dichtet der Yogi spielend in allen Sprachen – mit kunstvollem Ausdruck und leuchtenden Worten.

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18.21

An der Ajna-Stätte schaut der Yogi die drei Welten. Er erkennt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und erscheint als selbstmächtig Handelnder, als höchster Herr.

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18.22

Am Nabel erkennt er das Vergangene, im Herzen das Gegenwärtige; an der Ajna-Stätte erkennt er alles.

Betrachtung: Diese Zuordnung stammt aus diesem Text. Sie wird nicht als allgemein verbindliche Bedeutung der Chakras ausgegeben.

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18.34

Wer die höchste Wonne erreicht, die Genuss und Befreiung schenkt, erlangt nach der Verheißung binnen eines halben Jahres Befreiung zu Lebzeiten.

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18.36

Immerwährende Wonne ist sein Wesen, Allgegenwart seine Kraft. Dazu gehören Anima, Laghima, Prapti, Prakamya und Garima.

Betrachtung: Genannt sind traditionelle Siddhis: äußerste Kleinheit, Leichtigkeit, Erlangen, Erfüllung des Willens und Schwere. Die Aufzählung setzt sich im folgenden Vers fort.

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18.65

Auch Brahmas Welt, Vishnus Vaikuntha und Kailasha, die Wohnstätte Rudras, vergehen beim großen Untergang.

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18.66

Unvergänglich aber ist die Mondinsel. Dort weilt die Göttin Kulambika zusammen mit mir. Wahrlich, wahrlich, du von großer Askese!

Betrachtung: „Mit mir“ spricht Shiva. Kulambika und die Mondinsel sind konkrete Bestandteile dieser Überlieferung.

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18.67

Die Yoginis und Siddhas dieser Insel nehmen nach eigenem Willen Gestalt an. Die Kraft eines jeden von ihnen verfehlt ihr Ziel nicht.

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Frage zur Vertiefung: Lies die Siddhis als große Verheißungen dieser Schrift. Welche Beziehung haben für dich Macht, Erkenntnis und Freiheit – und wo könnten sie auseinanderfallen?

12. Die Zeit verschlingen – und zum Segen der Welt bleiben

Erkenntnis kann in einer Haltung des Wohlwollens und in konkretem Handeln weiterwirken.

Zum Schluss weitet sich der Blick noch einmal. Der Körper enthält das Weltall, die Furcht vor der Zeit wird verschlungen, und der Yogi überschreitet den Kreislauf. Doch der Text kennt auch das Bleiben: Der Körper kann zum Segen der Welten erhalten werden. Die Aussagen über das Verlassen des Körpers sind historische Befreiungsvorstellungen, keine Aufforderung, das eigene Leben zu beenden.

20.19

Betrachte das ganze Windprinzip als deinen Atem. Das Raumprinzip ist mit der feinen Qualität des Klangs verbunden.

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20.21

Dieses unvergängliche Weltall ist in deinen eigenen Körper eingegangen. Spielerisch verschlinge die Zeit, von der Auflösung bis zur großen Weltauflösung.

Betrachtung: „Die Zeit verschlingen“ ist die kühne Formulierung des Textes. Sie wird nicht auf gutes Zeitmanagement verkürzt.

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20.22

Verweile fest im Lotussitz und vergegenwärtige das Einssein. Betrachte deinen Körper als unversehrt und frei von den Befleckungen der Zeit.

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20.23

Sieh dieses Weltei als ohne Öffnung. Hast du die Furcht vor der Zeit verschlungen, verweile wie Shiva, frei nach eigenem Willen.

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20.28

Der Yogi soll Herr über Schöpfung, Erhaltung und Auflösung sein und überall mit gleichem Blick schauen. Auch das Eintreten in einen fremden Körper, das Wandeln im Raum und Reinheit werden ihm zugeschrieben.

Betrachtung: Die fremdkörperliche und räumliche Bewegungsfreiheit gehört ausdrücklich zur Siddhi-Vorstellung. Sie wurde nicht durch eine unverbindliche Metapher ersetzt.

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16.94

So lässt der Yogi die Bindungen des Daseinskreislaufs zurück und hält sich an die höchste Wirklichkeit. Für die fünf Elemente und die weiteren Mächte unsichtbar, durchbricht er nach der Lehre die Sonnenscheibe.

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16.95

In Shivas höchste, friedvolle Wirklichkeit eingegangen, wird er Shiva gleich. Selbst nach unzähligen Weltzeitaltern soll es für ihn keine Rückkehr in den Kreislauf geben.

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16.96

Wenn er den Körper zum Segen der Welten bewahrt, gibt er ihn erst am Ende der Weltauflösung auf. Dann ruht er allein im eigenen Selbst.

Betrachtung: Die Befreiung mündet hier nicht notwendig in Rückzug. Der Vers eröffnet einen weiten Horizont für die Frage, wem die eigene Verwirklichung zugutekommt.

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16.114

Ihre Gnade schenkt ihm klare Erkenntnis ohne Trennung. Nun habe ich dir diesen Yoga dargelegt. Welche Frage möchtest du noch stellen?

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Frage zur Vertiefung: Was könnte es in deinem Leben heißen, gewonnene Klarheit „zum Segen der Welt“ einzusetzen? Lass aus der großen Frage eine konkrete Handlung werden.

Ergänzendes allgemeines Yoga-Vidya-Angebot: Lichtmeditation. Das Video begleitet die persönliche Vertiefung; es erklärt keine einzelne historische Praxisanweisung der Matsyendra Samhita.

Mit der Lehre weiterleben

Die großen Bilder dieser Verse wollen nicht nur verstanden, sondern bedacht werden. Innere Weite zeigt sich auch darin, genauer zuzuhören, klarer zu unterscheiden und freier zu handeln. Kehre zu den Versen zurück, die dich besonders berühren oder herausfordern. Der Hauptartikel öffnet ihren Zusammenhang; die Mantra-Sammlung ergänzt die Lektüre durch Klang, Bedeutung und überlieferte Verwendung.

Textgrundlage

Die Lesefassung folgt den im Hauptartikel dokumentierten Ausgaben und Einzelentscheidungen: Sensharma 1994, den ausdrücklich ausgewiesenen Matsyendra-Lesarten und Editionen bei Mallinson 2003 sowie Einzelkorrekturen nach Kiss. Sie umfasst eine Auswahl aus dem erreichbaren Bestand; die Gesamtüberlieferung des Werkes bleibt lückenhaft erschlossen. Alle 108 Originalstellen sind unmittelbar verlinkt.

Werk, Sanskrit und textnahe Übersetzung · 108 Verse für Yoga-Aspiranten · Mantras, Bedeutung und Verwendung