Shraddhanjali – mit Blumen, Shiva-Gebet und Wasserkrug Abschied nehmen
Shraddhanjali – mit Blumen, Shiva-Gebet und Wasserkrug Abschied nehmen
Shraddhanjali ist der persönliche Abschied der Angehörigen vor der Einäscherung: Die Trauergemeinschaft umschreitet den Sarg, legt Blumen nieder und vertraut den verstorbenen Menschen dem unvergänglichen göttlichen Sein an. Die hier angeleitete Fassung aus dem Puranokta Apara Prayoga verbindet das Nirvana Shatkam mit dem Ghata Bhindana, dem rituellen Zerbrechen eines Wasserkruges. Das Bild ist unmittelbar: Ein Gefäß zerbricht, doch der Raum, den es umschloss, wird nicht zerstört. So richtet sich die Erinnerung auf den Atman, der über den vergänglichen Körper hinausweist.
Rahmen und Vorbereitung
Shraddhanjali findet hier in der Trauerhalle beziehungsweise am Ort der Abschiedsfeier statt, unmittelbar vor der Übergabe zur Einäscherung. Ein kundiger Ritualleiter begleitet den Karta, den für die Familienriten verantwortlichen Angehörigen. Verwandte und Freunde nehmen mit ihren Blumen teil. Eine Tageszeit schreibt dieser Abschnitt nicht vor; maßgeblich ist der vereinbarte Abschiedstermin.
Die Familie benötigt Blumen für alle Teilnehmenden, einen kleinen zerbrechlichen Wasserkrug und frisches Wasser. Vorab wird ein geschützter Platz außerhalb der Halle bestimmt, an dem der Krug gefahrlos zerbrochen werden darf; ein umrandeter Auffangbereich erleichtert anschließend das vollständige Aufräumen. Die bloße Möglichkeit eines Krugbruchs in einem öffentlichen Raum wird nicht vorausgesetzt. Wenn die Einrichtung das nicht gestattet, kann als ausdrücklich heutige Anpassung das Wasser ausgegossen und der Krug am Boden abgelegt werden; das traditionelle Zerbrechen wird damit durch eine sichtbare Abschiedsgeste ersetzt.
Die nachfolgende Feier ist der vollständige Abschiedsabschnitt einschließlich Wasserkrugritus, nicht eine vollständige Antyeshti. Vorbereitungen des Leichnams und die eigentlichen Einäscherungsriten werden von den dafür Verantwortlichen gesondert getragen. Stelle den Ablauf so vor, dass niemand erst während des Abschieds rätseln muss, wann er Blumen darbringen darf.
Abschiedsfeier
1. Den Sarg umschreiten und Blumen geben
Die Angehörigen gehen gegen den Uhrzeigersinn um den Sarg; nach dieser Fassung gehen die Jüngsten voraus. Wer nicht gehen kann, bleibt am Platz und nimmt innerlich teil. Lege die Blumen am Fußende oder auf dem Sarg nieder. In manchen südindischen Familien werden außerdem Reiskörner am Mund des Verstorbenen dargebracht; dies ist eine regionale Ergänzung und wird hier nicht zur allgemeinen Pflicht gemacht.
Währenddessen rezitiert oder singt die Leitung das folgende vollständige Nirvana Shatkam. Die Trauergemeinschaft darf zuhören oder mitsingen. Reicht die Zeit einer Rezitation nicht für alle Blumengaben, kann das Gebet wiederholt werden. 1
manobuddhyahaṅkāra cittāni nāhaṁ
na ca śrotrajihve na ca ghrāṇanetre |
na ca vyoma bhūmir na tejo na vāyuḥ
cidānandarūpaḥ śivo’haṁ śivo’ham ||
मनोबुद्ध्यहङ्कार चित्तानि नाहं
न च श्रोत्रजिह्वे न च घ्राणनेत्रे ।
न च व्योम भूमिर् न तेजो न वायुः
चिदानन्दरूपः शिवोऽहं शिवोऽहम् ॥
Ich bin nicht Geist, unterscheidender Verstand, Ichgefühl oder Gedächtnis; nicht Ohren und Zunge, nicht Nase und Augen; nicht Raum und Erde, nicht Feuer und Luft. Mein Wesen ist Bewusstsein und Glückseligkeit: Ich bin Shiva, ich bin Shiva.
2
na ca prāṇasaṁjño na vai pañcavāyuḥ
na vā saptadhātuḥ na vā pañcakośaḥ |
na vākpāṇipādaṁ na copasthapāyu
cidānandarūpaḥ śivo’haṁ śivo’ham ||
न च प्राणसंज्ञो न वै पञ्चवायुः
न वा सप्तधातुः न वा पञ्चकोशः ।
न वाक्पाणिपादं न चोपस्थपायु
चिदानन्दरूपः शिवोऽहं शिवोऽहम् ॥
Ich bin nicht das, was Lebensatem genannt wird, nicht die fünf Lebenswinde, nicht die sieben Körperstoffe und nicht die fünf Hüllen; nicht Sprache, Hände und Füße, nicht Fortpflanzungs- und Ausscheidungsorgan. Mein Wesen ist Bewusstsein und Glückseligkeit: Ich bin Shiva, ich bin Shiva.
3
na me dveṣarāgau na me lobhamohau
mado naiva me naiva mātsaryabhāvaḥ |
na dharmo na cārtho na kāmo na mokṣaḥ
cidānandarūpaḥ śivo’haṁ śivo’ham ||
न मे द्वेषरागौ न मे लोभमोहौ
मदो नैव मे नैव मात्सर्यभावः ।
न धर्मो न चार्थो न कामो न मोक्षः
चिदानन्दरूपः शिवोऽहं शिवोऽहम् ॥
Mir gehören weder Abneigung und Anhaften noch Gier und Verblendung, weder Hochmut noch Neid. Ich bin nicht Dharma, nicht Artha, nicht Kama und nicht Moksha. Mein Wesen ist Bewusstsein und Glückseligkeit: Ich bin Shiva, ich bin Shiva.
4
na puṇyaṁ na pāpaṁ na saukhyaṁ na duḥkhaṁ
na mantro na tīrthaṁ na vedā na yajñāḥ |
ahaṁ bhojanaṁ naiva bhojyaṁ na bhoktā
cidānandarūpaḥ śivo’haṁ śivo’ham ||
न पुण्यं न पापं न सौख्यं न दुःखं
न मन्त्रो न तीर्थं न वेदा न यज्ञाः ।
अहं भोजनं नैव भोज्यं न भोक्ता
चिदानन्दरूपः शिवोऽहं शिवोऽहम् ॥
Ich bin nicht Verdienst und Verfehlung, nicht Freude und Schmerz; nicht Mantra, nicht heilige Stätte, nicht Veden und Opfer. Ich bin nicht das Essen, nicht das Gegessene und nicht der Essende. Mein Wesen ist Bewusstsein und Glückseligkeit: Ich bin Shiva, ich bin Shiva.
5
na mṛtyur na śaṅkā na me jātibhedaḥ
pitā naiva me naiva mātā na janmaḥ |
na bandhur na mitraṁ gurur naiva śiṣyaṁ
cidānandarūpaḥ śivo’haṁ śivo’ham ||
न मृत्युर् न शङ्का न मे जातिभेदः
पिता नैव मे नैव माता न जन्मः ।
न बन्धुर् न मित्रं गुरुर् नैव शिष्यं
चिदानन्दरूपः शिवोऽहं शिवोऽहम् ॥
Mir gehören weder Tod noch Zweifel, keine Unterscheidung nach Geburt; nicht Vater, nicht Mutter und nicht Geburt. Ich bin nicht Verwandter, nicht Freund, nicht Lehrer und nicht Schüler. Mein Wesen ist Bewusstsein und Glückseligkeit: Ich bin Shiva, ich bin Shiva.
6
ahaṁ nirvikalpo nirākārarūpo
vibhutvācca sarvatra sarvendriyāṇām |
na cāsaṅgataṁ naiva muktir na meyaḥ
cidānandarūpaḥ śivo’haṁ śivo’ham ||
अहं निर्विकल्पो निराकाररूपो
विभुत्वाच्च सर्वत्र सर्वेन्द्रियाणाम् ।
न चासङ्गतं नैव मुक्तिर् न मेयः
चिदानन्दरूपः शिवोऽहं शिवोऽहम् ॥
Ich bin ohne unterscheidende Vorstellung und ohne Gestalt, durch meine Allgegenwart überall und in allen Sinnen gegenwärtig; weder anhaftend noch Befreiung, kein messbarer Gegenstand. Mein Wesen ist Bewusstsein und Glückseligkeit: Ich bin Shiva, ich bin Shiva.
2. Den Wasserkrug tragen
Der Karta nimmt den gefüllten Krug auf die linke Schulter und umschreitet den Sarg dreimal gegen den Uhrzeigersinn. Eine helfende Person darf den Krug sichern. Zu jedem Umlauf werden der zugehörige Vergleich und die Wassergabeformel gesprochen. Die Leitung rezitiert, wenn der Tragende sich auf das Gehen konzentriert.
1. Umlauf
ghaṭas saṁvṛtam ākāśaṁ līyamāne ghaṭe yathā |
ghaṭo līyeta nākāśaṁ tad vaj jīvo nabhopamaḥ ||
imā āpo madhumatyo asmins te loka upapadyantām ||
घटस् संवृतम् आकाशं लीयमाने घटे यथा ।
घटो लीयेत नाकाशं तद् वज् जीवो नभोपमः ॥
इमा आपो मधुमत्यो अस्मिन्स् ते लोक उपपद्यन्ताम् ॥
Wie beim Vergehen des Kruges der Krug, nicht aber der von ihm umschlossene Raum vergeht, so gleicht die lebendige Seele dem Raum. Mögen diese süßen Wasser dich in dieser Welt erreichen.
2. Umlauf
ghaṭa-vad vividhākāraṁ bhidyamānaṁ punaḥ punaḥ |
tad bhagnaṁ na ca jānāti sa jānāti ca nityaśaḥ ||
imā āpo madhumatyo antarikṣe te loka upapadyantām ||
घट-वद् विविधाकारं भिद्यमानं पुनः पुनः ।
तद् भग्नं न च जानाति स जानाति च नित्यशः ॥
इमा आपो मधुमत्यो अन्तरिक्षे ते लोक उपपद्यन्ताम् ॥
Wie ein Krug zerbrechen die vielfältigen Formen immer wieder. Das Zerbrochene erkennt nicht; der Erkennende aber bleibt immer erkennend. Mögen diese süßen Wasser dich in der Zwischenwelt erreichen.
3. Umlauf
ghaṭe bhinne ghaṭākāśaṁ sulīnaṁ bheda-varjitam |
śivena manasā śuddho na bhedaḥ pratibhāti me ||
imā āpo madhumatyo svargo te loka upapadyantām ||
घटे भिन्ने घटाकाशं सुलीनं भेद-वर्जितम् ।
शिवेन मनसा शुद्धो न भेदः प्रतिभाति मे ॥
इमा आपो मधुमत्यो स्वर्गो ते लोक उपपद्यन्ताम् ॥
Wenn der Krug zerbrochen ist, geht sein Raum unterschiedslos in den Raum ein. Mit heilvollem, gereinigtem Geist erscheint mir keine Trennung. Mögen diese süßen Wasser dich in der himmlischen Welt erreichen.
3. Das Gefäß loslassen
Gehe mit dem Krug an den vorbereiteten Platz außerhalb der Halle. Dort zerbrichst du ihn und kehrst zurück, ohne dich umzusehen. Sorge dafür, dass niemand im Bereich der Scherben steht. Bei der oben erläuterten heutigen Ersatzgeste gieße das Wasser aus und lege den Krug ab. Die Leitung spricht:
svapnendra-jāla sadṛśaḥ khalo’sya jīva-lokaḥ |
prati-kṣaṇaṁ kṣaraty-etad āyur āraṭṭa-ghaṭāmbuvat ||
स्वप्नेन्द्र-जाल सदृशः खलोऽस्य जीव-लोकः ।
प्रति-क्षणं क्षरत्य्-एतद् आयुर् आरट्ट-घटाम्बुवत् ॥
Diese Welt der Lebenden gleicht einem Traum und einem Zauberspiel. In jedem Augenblick verrinnt die Lebenszeit wie Wasser aus einem Schöpfgefäß.
4. Den Abschied still beschließen
Die Gemeinschaft kehrt an ihren Platz zurück. Der Abschnitt erlaubt jetzt freie Schlussgebete oder Bhajans; eine zusätzliche feste Rezitation ist nicht verpflichtend. Ein stiller Augenblick ist ebenfalls möglich. Wer die heilige Schnur für die Totenriten über der rechten Schulter getragen hat, legt sie nun wieder über die linke Schulter, Savya. Danach wird der Sarg durch das zuständige Personal zur Einäscherung übernommen. Die Durchführung des Ofenbetriebs gehört nicht zu den Aufgaben der Trauergemeinschaft.
Erinnerung und Trost
Das Krugbild verlangt nicht, den Schmerz wegzudrücken. Es gibt ihm einen weiteren Horizont: Die sichtbare Gestalt darf verabschiedet werden, während die Liebe, die Erinnerung und das Vertrauen auf das unvergängliche Selbst Raum behalten. Wer heute nur eine Blume niederlegen kann, hat an diesem Abschied vollständig teilgenommen.
Eine helfende Person sammelt anschließend alle Scherben ein; niemand nimmt sie als Pflichtgegenstand mit nach Hause. Die Blumen können nach Absprache beim Sarg bleiben. Als persönliche Weiterführung kann die Familie später eine konkrete gute Tat im Gedenken an den Verstorbenen vereinbaren.
Quellen und weitere Praxis
- Pandit Sri Rama Ramanuja Acharya: Puranokta Apara Prayoga, Ausgabe vom 18. Januar 2025, S. 18–20, „Śraddhāñjali“, „Ghaṭa Bhiṇḍanam“; Nirvana Shatkam ist dort als mögliche Abschiedsrezitation ausdrücklich genannt.
- Shankaracharya: Nirvana Shatkam, Sanskritfassung bei Green Message; eigenständige deutsche Übersetzung.
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