Bhutashuddhi Tantra
Bhutashuddhi Tantra (Sanskrit: bhūtaśuddhitantra) ist ein tantrisches Praxis- und Lehrwerk zur inneren Reinigung, Kuṇḍalinī, Cakra, Mātṛkā, Nyāsa und Prāṇāyāma. Für dieses Werk ist ein Handbuch-Aufbau sinnvoller als eine rein lineare Lesefassung.
Die Muktabodha-Grundlage M00130 beruht auf einer von Chatterjee herausgegebenen älteren Ausgabe. Der Text umfasst siebzehn Paṭalas.

Bhūtaśuddhi-Praxis als Handbuch
Redaktioneller Hinweis
Im Mittelteil steht der Sanskrittext im Mittelpunkt. Die deutsche Fassung gibt den sicher verständlichen Inhalt quellengetreu wieder. Wo die diplomatische Vorlage beschädigt, verkürzt oder chiffriert ist, wird keine scheinbar vollständige Lesart erfunden. Die Erläuterung trennt den Wortlaut der Quelle von redaktioneller Einordnung.
Leseschlüssel
Jedes Paṭala wird nun als Praxisabschnitt behandelt: zuerst die Funktion, dann der vollständige IAST-Text des Paṭala, danach die deutsche Wiedergabe und eine kurze Praxisdeutung.
1. Bhūtaśuddhi, innere Sandhyā und Ajapā
Handlung / Praxisziel
Bhūtaśuddhi, innere Sandhyā und Ajapā.
Sanskrittext (IAST)
bhūtaśuddhitantre
prathamaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
deva deva mahādeva sāmprataṃ kathaya prabho ! |
bhūtaśuddhiṃ dehaśuddhiṃ prāṇāyāmaṃ tataḥ param || 1 ||
krameṇa kathyatāṃ deva śūlapāṇe piṇākadhṛk |
mantraṃ yantraṃ mahādeva yena śudhyati bhūtale || 2 ||
śrī-īśvara uvāca
kathayāmi varārohe khañjanākṣi śucismite |
tattvatrayaṃ pravakṣyāmi guhyād guhyataraṃ mahat || 3 ||
tattvatrayaṃ vinā devi ! siddhividyāṃ japet tu yaḥ |
tasya sarvārthahāniḥ syājjapaṃ ca viphalaṃ priye || 4 ||
bhūtaśuddhiṃ maheśāni ! nyāsaṃ paramadurlabham |
prāṇāyāmaṃ tataḥ kuryāt tattvatrayamidaṃ smṛtam || 5 ||
sarvaṃ kuryānmaheśāni ! mātṛkākṣarasaṃyutam |
akārādikṣakārāntāṃ mātṛkākṣararūpiṇīm || 6 ||
vaidikaṃ tāntrikaṃ snānaṃ kṛtvā sandhyāmupāśrayet |
āgatya devadeveśi ! yāgamaṇḍalasanīdhim || 7 ||
antaḥsnānaṃ tataḥ kṛtvā antaḥsandhyāmupāśrayet |
antaḥsnānaṃ ca sandhyāṃ ca kathayāmi śṛṇu priye ! || 8 ||
gurudhyānaṃ prathamatastataḥ snānaṃ samācaret |
praṇavena maheśāni ! jīvaṃ dhṛtvā śucismite || 9 ||
mūlādhārāt samākṛṣya dvādaśārṇaṃ nayet sudhīḥ |
snāyācca vimale tīrthe puṣkare hṛdayānvite || 10 ||
mūlādhārāt maheśāni saha sradalamānayet |
saṅgaṃ paraśive kṛtvā ānanda upajāyate || 11 ||
tenānandena deveśi snāyājjīvamanāhate |
tatastu parameśāni ajapāṃ prāṇarūpiṇīm || 12 ||
aṣṭottaraśataṃ japtvā snāto bhavati pārvati ! |
antaḥsandhyāṃ maheśāni ! kuru yatnena pārvati || 13 ||
śivaśaktisamāyogo yasmin kāle prajāyate |
sā sandhyā kulasādhūnāṃ samādhisthaḥ pratīyate || 14 ||
evaṃ tu te maheśāni ! sandhyāpūto bhaved dhruvam |
śrīdevī uvāca
ajapāṃ parameśāna ! kathyatāṃ me dayānidhe ! || 15 ||
śrī-īśavara uvāca
śṛṇu vakṣyāmi deviśi ! guhyād guhyataraṃ priye |
dhyānamasyāḥ pravakṣyāmi yathā dhyātvā japennaraḥ || 16 ||
haṃsaṃ nityamanantamakṣayaguṇaṃ svābhāvato nirgatā |
yāntī svāśrayamarkakoṭirucirā dhyeyā jaganmohinī
iti dhyānaṃ maheśāni kṛtvā samārabhet japam |
ṣaṭcakraṃ madhyagaṃ kṛtvā ajapāṃ paramākṣarām || 17 ||
śivabījaṃ samuddhṛtya bhṛgubījaṃ tataḥ param |
bindvarddhaṃ candrasaṃyuktaṃ kuru yatnena sundari ! || 18 ||
eṣā vidyā varārohe ! cāturvarṇeṣu śasyate |
etajjapaṃ vinā devi bhūtaśuddhiśca niṣphalā || 19 ||
tasmādādau japed vidyāmajapāṃ prāṇarūpiṇīm |
aṣṭottaraśataṃ japtvā bhūtaśuddhiṃ samācaret || 20 ||
ṣaṭcakradalasaṃsthāne yāni varṇāni pārvati ! |
tāni sarvāṇi deveśi jīvaṃ saṃnyasya pārvati || 21 ||
bhūtaśuddhiṃ maheśāni yatnataḥ samupāsmahe |
mūlādhārānmaheśāni ! mūlapadmaṃ śucismite || 22 ||
caturdalayutaṃ mūlaṃ daśavarṇena saṃyutam |
raktavarṇaṃ sadā sevyaṃ yogibhiḥ parameśvari ! || 23 ||
trikoṇaṃ sundaraṃ śuddhaṃ pṛthvībījaṃ tu madhyagam |
tanmadhye bhāvayed devaṃ śivaṃ śyāmalasundaram || 24 ||
atra kuṇḍalīnī devi paraṃ prakṛtirūpiṇī |
śivaṃ veṣṭya maheśāni ! sarvadā tatra tiṣṭhati || 25 ||
prasuptabhujagākāraṃ vidyutkoṭinibhāṃ parām |
brahmaviṣṇustutāṃ devīṃ kuṇḍalīṃ brahmarūpiṇīm || 26 ||
mūlādhāre mano devi vinyasya bhāvayet sadā |
caturdalayutaṃ varṇaṃ tāraṇaṃ vighnanāśanam || 27 ||
bindvardhasaṃyutaṃ kṛtvā daśadhā prajapet tataḥ |
ajapānāṃ maheśāni ! caturdalagataṃ kuru || 28 ||
svādhiṣṭhāne tato nītvā puṣpahaṃsasamanvitam |
tatpurīṃ ca maheśāni ! nīreṇa paripūritam || 29 ||
mūlādhāraṃ yathā pṛthvyā śobhate parameśvari |
nīreṇa śobhitaṃ devi ! svādhiṣṭhānaṃ śucismite || 30 ||
ṣaḍaṅgavidyudādhāraṃ ṣaḍakṣarasamanvitam |
va - bha - ma - ya - ra - lairyuktaṃ kundapuṣpasamanvitam || 31 ||
svādhiṣṭhānasthitaṃ devi śivaṃ sarvajñabhāvanam |
mūlādhārāt samutthāpya kuṇḍalīṃ brahmarūpiṇīm || 32 ||
nītvā maṇipuraṃ devi ! tadvarṇaṃ japamācaret |
bindvardhasaṃyutaṃ kṛtvā śobhitaṃ śivamarcayet || 33 ||
tatraiva parameśāni ! ṣaḍakṣarajapaṃ kuru |
ṣaṭpāpaṃ nāśayed devi ! tatkṣaṇāt parameśvari ! |
ṣaḍdalaṃ ṣaḍguṇaṃ devi ! gudaṃ ca caturaṅgulam || 34 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre haragaurīsaṃvāde prathamaḥ paṭalaḥ || 1 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Die Göttin spricht: O Gott der Götter, Mahādeva, erkläre mir jetzt die Reinigung der Elemente, die Reinigung des Körpers und danach den Prāṇāyāma.
Abschnitt 2
Erkläre der Reihe nach, o Dreizackträger, auch Mantra und Yantra, durch die hier auf Erden Reinigung geschieht.
Abschnitt 3
Īśvara spricht: Ich werde dir, Schönäugige, drei große und höchst geheime Prinzipien erklären.
Abschnitt 4
Wer ohne diese drei Prinzipien eine Siddhi-Vidyā rezitiert, verliert nach Aussage des Textes seine Ziele; sein Japa bleibt fruchtlos.
Abschnitt 5
Diese drei sind Bhūtaśuddhi, der schwer zu erlangende Nyāsa und danach Prāṇāyāma.
Abschnitt 6
Alles soll mit den Mātṛkā-Buchstaben verbunden werden, von a bis kṣa, denn sie bilden die Gestalt der Mātṛkā.
Abschnitt 7
Nach vedischem und tantrischem Bad soll man Sandhyā vollziehen und sich dann dem Opfer- bzw. Pūjā-Maṇḍala nähern.
Abschnitt 8
Danach folgen inneres Bad und innere Sandhyā; höre nun, wie beide vollzogen werden.
Abschnitt 9
Zuerst meditiert man den Guru. Dann beginnt das innere Bad, indem der Jīva durch den Praṇava ergriffen wird.
Abschnitt 10
Der Weise zieht den Jīva aus dem Mūlādhāra empor und führt ihn zum zwölfteiligen Ort; dort badet er im reinen inneren Tīrtha, dem mit dem Herzen verbundenen Puṣkara.
Abschnitt 11
Aus dem Mūlādhāra wird er zum tausendblättrigen Lotus geführt; durch Vereinigung mit Paraśiva entsteht Ānanda.
Abschnitt 12
In dieser Freude soll der Jīva im Anāhata gleichsam baden. Danach wird die Ajapā als Gestalt des Prāṇa aufgenommen.
Abschnitt 13
Nach 108-fachem Japa gilt das innere Bad als vollzogen. Danach soll mit Sorgfalt die innere Sandhyā geschehen.
Abschnitt 14
Der Zeitpunkt, an dem Śiva und Śakti sich vereinigen, ist für die Kula-Sādhakas die wahre Sandhyā; sie wird als samādhihaft verstanden.
Abschnitt 15
So wird der Übende durch die Sandhyā gereinigt.
Abschnitt 16
Die Göttin fragt: O Herr, Schatz des Mitgefühls, erkläre mir die Ajapā.
Abschnitt 17
Īśvara spricht: Höre das noch Geheimere. Ich erkläre zuerst ihre Meditation, damit der Mensch sie richtig rezitieren kann.
Abschnitt 18
Die Ajapā wird als ewiger Haṃsa, unendlich und unvergänglich, aus eigener Natur hervorgehend, sonnenhell und die Welt bezaubernd meditiert; dann beginnt der Japa.
Abschnitt 19
Sie wird inmitten der sechs Chakras als höchste unvergängliche Silbenkraft betrachtet.
Abschnitt 20
Man nehme das Śiva-Bīja, danach das Bhṛgu-Bīja, verbinde es mit Bindu und Halbmond und bilde so die Vidyā.
Abschnitt 21
Diese Vidyā wird vom Text für die vier gesellschaftlichen Gruppen empfohlen; ohne ihren Japa sei Bhūtaśuddhi fruchtlos.
Abschnitt 22
Darum soll zuerst die Ajapā, die Prāṇa-Gestalt, 108-mal rezitiert und danach Bhūtaśuddhi vollzogen werden.
Abschnitt 23
Die Buchstaben, die auf den Blättern der sechs Chakras stehen, werden zusammen mit dem Jīva in die Meditation aufgenommen.
Abschnitt 24
Nun beginnt die eigentliche Bhūtaśuddhi mit dem Wurzellotus im Mūlādhāra.
Abschnitt 25
Der Mūlādhāra wird als vierblättriger roter Lotus beschrieben; die überlieferte Lesung nennt zugleich eine Verbindung mit zehn Buchstaben und ist hier nicht völlig klar.
Abschnitt 26
In seiner Mitte liegt ein schönes reines Dreieck mit dem Erd-Bīja; darin wird Śiva als dunkel und schön meditiert.
Abschnitt 27
Dort befindet sich Kuṇḍalinī als höchste Prakṛti. Sie umwindet Śiva und verweilt beständig an diesem Ort.
Abschnitt 28
Sie wird als schlafende Schlange, blitzhell, von Brahmā und Viṣṇu gepriesen und selbst als Brahman-Gestalt beschrieben.
Abschnitt 29
Der Geist wird im Mūlādhāra verankert. Die vierblättrige Buchstabenordnung wird als überwindend und hindernisvernichtend betrachtet.
Abschnitt 30
Mit Bindu und Halbmond verbunden wird die betreffende Lautform zehnmal rezitiert; die Ajapā wird in den vier Blättern vergegenwärtigt.
Abschnitt 31
Danach wird sie zum Svādhiṣṭhāna geführt, das mit Wasser erfüllt vorgestellt wird und mit Haṃsa bzw. einer blütenhaften Gestalt verbunden ist.
Abschnitt 32
Wie der Mūlādhāra durch das Erdprinzip gekennzeichnet ist, so erscheint Svādhiṣṭhāna durch das Wasserprinzip.
Abschnitt 33
Das sechsgliedrige Zentrum ist mit sechs Buchstaben va, bha, ma, ya, ra und la verbunden und wird mit weißen Kunda-Blüten verglichen.
Abschnitt 34
Im Svādhiṣṭhāna wird Śiva als allwissender Gegenstand der Meditation erkannt; Kuṇḍalinī wird aus dem Mūlādhāra erhoben.
Abschnitt 35
Sie wird weiter zum Maṇipūra geführt; dort werden die zugehörigen Buchstaben rezitiert und Śiva mit Bindu und Halbmond verehrt. Durch diesen sechsbuchstabigen Japa sollen sechs Arten von Verfehlung augenblicklich vernichtet werden; die letzte Zeile der Überlieferung ist sprachlich schwer.
Erläuterung
Der erste Paṭala legt die Grundarchitektur fest: Guru-Dhyāna, innere Reinigung, Ajapā und der Beginn des Aufstiegs durch die Chakras.
2. Aufstieg durch Maṇipūra, Anāhata, Viśuddha und Ājñā
Handlung / Praxisziel
Aufstieg durch Maṇipūra, Anāhata, Viśuddha und Ājñā.
Sanskrittext (IAST)
atha dvitīyaḥ paṭalaḥ
tatastu prameśāni ! maṇipūraṃ vibhidyate |
vāyuṃ ca tatra vai nītvā manasā parameśvari || 1 ||
samānaṃ saṃyutaṃ kuryādapānaṃ parameśvari ! |
tato brahmanadīṃ bhittvā vāyurmaṇipuraṃ yayau || 2 ||
tatrasthaṃ śivaliṅgaṃ tu nīlanīradasannibham |
tatpātraṃ kṛṣṇavarṇaṃ ca akṣaraṃ kṛṣṇarūpakam || 3 ||
tanmadhyasthaṃ mahādevaṃ sarvadevādikāraṇam |
maṇipūraṃ maheśāni ! mahāmarakataprabham || 4 ||
śivaṃ sambhāvya deveśi ! daśavarṇaṃ manuṃ japet |
ḍakārādikakārāntaṃ bindvardhasaṃyutaṃ kuru || 5 ||
daśapatrasthitaṃ varṇaṃ pūrvādikramato japet |
daśapatraṃ kṛṣṇavarṇaṃ akṣaraṃ kṛṣṇarūpakam || 6 ||
tanmadhyasthaṃ mahādevaṃ sarvadevādikāraṇam |
daśākṣarajapād devi daśajanmāghanāśadam || 7 ||
tato vāyurmaheśāni ! anāhatapurīṃ yayau |
ādityapatrasaṃyuktaṃ varṇairdvādaśabhiryutam || 8 ||
tatpatraṃ parameśāni ! varṇaṃ ca śuklarūpakam |
kādiṭhāntākṣarairvarṇaiḥ śobhitaṃ paramākṣaram || 9 ||
hṛtpadmaṃ parameśāni śuddhasattvātmakaṃ sadā |
pradīpakalikākāraṃ tanmadhye brahmarūpiṇam || 10 ||
veṣṭitaṃ dvādaśavarṇaiḥ sarvaśaktimayaṃ priye |
sammukhe tasya deveśi ! jīvastiṣṭhati sarvadā || 11 ||
tatra jīvo maheśāni sadā tiṣṭhati pārvati ! |
vāyuṃ tejoyutaṃ jīvaṃ dṛṣṭvā manolayaṃ kuru || 12 ||
ātmarūpaṃ vāyurūpaṃ nirīhaṃ nirmalaṃ sadā |
yakārasyāṣṭasaṃbījaṃ jīvaṃ hemaprabhaṃ sadā || 13 ||
tatrādityākṣaraṃ devi bindvardhasaṃyutaṃ kuru |
kṛtvā japaṃ maheśāni ! yatnena kuru sundari || 14 ||
janmabhiśca dvādaśabhirdevi yat [kṛtam] pāpamarjitam |
tatsarvaṃ nāśayatyeva tatkṣaṇāt parameśvari || 15 ||
evaṃ hi maruto bhittvā viśuddhaṃ pratigacchati |
viśuddhaṃ nirmalaṃ śuddhaṃ ṣoḍaśasvarasaṃyutam || 16 ||
dhūmravarṇaṃ maheśāni ! viśuddhākhyaṃ manoharam |
tasya madhye sthitaṃ devi ākāśaṃ śaktirūpiṇam || 17 ||
kramājjīvaṃ kuṇḍalinyā praṇaveṇa samāharet |
manastatra maheśāni ! sārathiḥ sarvataḥ sadā || 18 ||
sarvaṃ manasi kartavyaṃ bhūtaśuddhyādikaṃ priye ! |
svaraṃ ca ṣoḍaśaṃ devi bindvardhasaṃyutaṃ kuru || 19 ||
tatastu parameśāni ! japet ṣoḍaśamakṣaram |
pūrvādikramato devi daśadhā prajapet priye || 20 ||
janmabhiḥ ṣoḍaśabhiryat tu (kṛtaṃ) pāpaṃ śubhāśubham |
dahet tasya japād devi tṛṇaṃ vahniryathā dahet || 21 ||
tato vāyuṃ maheśāni ! drutamājñāpurīṃ nayet |
tatpurīṃ parameśāni dvidalaṃ yugavarṇakam || 22 ||
varṇaṃ hemaprabhaṃ devi ! purīṃ candraprabhaṃ sadā |
bindvardhasaṃyutaṃ kṛtvā sādhako japamācaret || 23 ||
manaḥsārathinā devi ! jīvaṃ kuṇḍalinīṃ priye |
ājñāṃ purīṃ nayet śīghraṃ mano manasi bhāvanam || 24 ||
manasaḥ parameśāni ! ājñāpuryāṃ sthitiḥ sadā |
gurorājñādhāraṇāt tu ājñāpuramimaṃ smṛtam || 25 ||
sadāśivapuradvāraṃ gavākṣaṃ parameśvari ! |
evaṃ prapañcaṃ bhittvā vai kuṇḍalīṃ jīvasaṃyutām || 26 ||
manaḥsārathinā devi sadāśivapuraṃ nayet |
pañcaprāṇasamāyuktā caturviṃśatisaṃyutā || 27 ||
indriyāṇi daśaikaṃ ca mahābhūtāni pañca ca |
buddhyahaṅkāracittāni nayet śivapuraṃ prati || 28 ||
sahasrāre tato nītvā manasā yojayet sadā |
śrīdevī uvāca
tatra gatvā maheśāna kuṇḍalī kimakarot prabho || 29 ||
śrī-īśvara uvāca
caturviṃśatitattvena pañcaprāṇena sundari |
indriyairakṣarairdevi ! ekatvaṃ jāyate yadā || 30 ||
tatra devi maheśāni kuṇḍalīṃ bhāvatatparām |
pūrvoktadhyānamārgeṇa parāṃ tatra vibhāvayet ||
sarvātmasampuṭaṃ devi ! sarvavidyābhidhāraṇam || 31 ||
iti śrībhūtaśuddhitantre haragaurīsaṃvāde dvitīyaḥ paṭalaḥ || 2 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Nach dem Durchgang durch Maṇipūra wird der innere Wind dorthin geführt und geistig gesammelt.
Abschnitt 2
Samāna und Apāna werden miteinander verbunden; der Wind durchdringt die Brahmanāḍī und erreicht Maṇipūra.
Abschnitt 3
Das dortige Śivaliṅga wird als dunkel wie eine Regenwolke beschrieben; Gefäß und Buchstaben erscheinen schwarz.
Abschnitt 4
In seiner Mitte befindet sich Mahādeva, Ursache aller Götter; Maṇipūra selbst leuchtet wie ein großer Smaragd.
Abschnitt 5
Nachdem Śiva dort vergegenwärtigt wurde, soll eine zehnteilige Buchstabenfolge rezitiert werden, die in der Quelle von ḍa bis ka angegeben ist.
Abschnitt 6
Die Buchstaben stehen auf zehn Blättern und werden der Reihe nach von Osten an rezitiert; Blätter und Buchstaben werden dunkel vorgestellt.
Abschnitt 7
Mahādeva wohnt in ihrer Mitte. Der zehnfache Buchstaben-Japa soll nach Aussage des Textes Verfehlungen aus zehn Geburten beseitigen.
Abschnitt 8
Danach gelangt der Wind zum Anāhata, einem Lotus mit zwölf Blättern und zwölf Buchstaben.
Abschnitt 9
Die Blätter bzw. Buchstaben werden weiß gedacht; die Reihe reicht von ka bis ṭha.
Abschnitt 10
Der Herzlotus gilt als von reinem Sattva; in seiner Mitte steht eine flammenartige Gestalt des Brahman.
Abschnitt 11
Diese ist von zwölf Buchstaben und allen Śaktis umgeben; der Jīva verweilt ihr gegenüber.
Abschnitt 12
Der Jīva steht dort beständig. Man betrachtet ihn als mit Vāyu und Tejas verbunden und lässt den Geist zur Ruhe kommen.
Abschnitt 13
Der Jīva wird als Ātman- und Vāyu-Gestalt, wunschlos und rein, goldglänzend und mit dem Bīja ya verbunden beschrieben; die genaue Bīja-Angabe ist unsicher.
Abschnitt 14
Die zwölf Buchstaben werden mit Bindu und Halbmond verbunden und mit Sorgfalt rezitiert.
Abschnitt 15
Der Text erklärt, dass so Verfehlungen aus zwölf Geburten augenblicklich aufgelöst werden.
Abschnitt 16
Nachdem das Luftprinzip durchdrungen ist, gelangt man zum Viśuddha, rein und mit sechzehn Vokalen ausgestattet.
Abschnitt 17
Viśuddha wird rauchfarben und schön beschrieben; in seiner Mitte befindet sich der Raum als Śakti-Gestalt.
Abschnitt 18
Der Jīva wird zusammen mit Kuṇḍalinī und Praṇava dorthin geführt; der Geist ist dabei der Wagenlenker.
Abschnitt 19
Alles an Bhūtaśuddhi soll im Geist vollzogen werden.
Abschnitt 20
Die sechzehn Vokale werden mit Bindu und Halbmond verbunden.
Abschnitt 21
Sie werden der Reihe nach von Osten an jeweils zehnmal rezitiert.
Abschnitt 22
Der Text sagt, dass dadurch angesammelte Verfehlungen wie Gras im Feuer verbrennen.
Abschnitt 23
Danach wird der Wind rasch zur Ājñā-Stadt geführt; sie ist zweiblättrig und mit einem Buchstabenpaar verbunden.
Abschnitt 24
Die Buchstaben leuchten golden, das Zentrum mondhell; der Sādhaka verbindet sie mit Bindu und Halbmond und rezitiert.
Abschnitt 25
Mit dem Geist als Wagenlenker werden Jīva und Kuṇḍalinī schnell zur Ājñā geführt.
Abschnitt 26
Der Geist hat dort seinen besonderen Sitz; weil hier die Weisung des Guru aufgenommen wird, heißt dieser Ort Ājñā.
Abschnitt 27
Ājñā wird als Tor bzw. Fenster zur Stadt Sadāśivas bezeichnet. Kuṇḍalinī durchdringt so den Bereich des manifesten Kosmos.
Abschnitt 28
Sie wird mit Jīva, fünf Prāṇas und den 24 Tattvas zur Stadt Śivas geführt.
Abschnitt 29
Sinne, fünf großen Elemente, Buddhi, Ahaṃkāra und Citta werden in diesen Aufstieg einbezogen.
Abschnitt 30
Alles wird zum Sahasrāra geführt und dort geistig vereinigt.
Abschnitt 31
Die Göttin fragt: Was tut Kuṇḍalinī, wenn sie dort angekommen ist?
Abschnitt 32
Īśvara antwortet: Wenn die 24 Tattvas, die fünf Prāṇas, die Sinne und die Buchstaben in Einheit treten, wird Kuṇḍalinī gemäß der zuvor gelehrten Meditation als höchste Kraft erkannt; sie bildet den Behälter des All-Selbst und trägt alle Vidyās.
Erläuterung
Hier steht die Bewegung der Kuṇḍalinī durch den subtilen Körper im Vordergrund; der Text verbindet Cakra-Lehre, Japa und Identifikation mit Śiva.
3. Kuṇḍalinī und Sadāśiva – Auflösung und Wiedererschaffung
Handlung / Praxisziel
Kuṇḍalinī und Sadāśiva – Auflösung und Wiedererschaffung.
Sanskrittext (IAST)
atha tṛtīyaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
śṛṇu pārvati ! vakṣyāmi rahasyaṃ paramādbhutam |
guhyād guhyataraṃ devi sugopyaṃ bhuvanatraye || 1 ||
brahmarandhre sahasrāre yatra devaḥ sadāśivaḥ |
saṃveṣṭya paramā devī yatrāste parameśvari ! || 2 ||
kuṇḍalīṃ yojayet tatra ekatvaṃ jāyate tadā |
akārādikṣakārāntāḥ sarvabīje niyojayet || 3 ||
ādau manasi deveśi ! prāṇavidyāṃ varānane |
prajapya daśadhā devi ! kuṇḍalīṃ paramāṃ vrajet || 4 ||
purīṃ śaktimayīṃ devi nityānandamayaṃ sadā |
sahasradalasaṃyuktaṃ padmaṃ nityāgamaṃ priye || 5 ||
padmamadhye maheśāni ! purīṃ śaktimayīṃ priye |
sadāśivo maheśāni ! yatrāste parameśvari || 6 ||
śuddhatattvādikaṃ devaṃ nirmalaṃ niścalaṃ sadā |
śivaṃ prāpya maheśāni ! kuṇḍalī śivasannidhau || 7 ||
śivasya mukhapadmaṃ hi cucumbe kuṇḍalī priye |
sarvatra sampuṭaṃ dattvā mohayet paramaṃ śivam || 8 ||
sadāśivaḥ śivastatra śānto bhavati supriye |
padmamadhye sthitaṃ devaṃ nirīhaṃ śavarūpavat || 9 ||
śavarūpo mahādevo hṛdyo nāsti kadācana |
śaktisaṃyogamātreṇa karmakartā sa ucyate || 10 ||
tasmāt tat parameśvāni ! śakteḥ prādhānyamucyate |
śaktiṃ vinā maheśāni na kiñcidapi vartate || 11 ||
sadāśivo mahāpretaḥ kevalaṃ niścayaṃ priye |
sadāśivapuraṃ devi vaikuṇṭhaṃ paramaṃ padam || 12 ||
sadāśivapuraṃ gatvā kuṇḍalī paradevatā |
sadāśivena ca samaṃ kṣaṇamātraṃ ramet priye ! || 13 ||
sadāśivena deveśi saṅgamaṃ jāyate priye |
amṛtaṃ jāyate devi tatkṣaṇāt parameśvari |
tenāmṛtena deveśi ṣaṭcakraṃ plāvayet kramāt || 14 ||
śrī-īśvara uvāca
śṛṇu pārvati ! vakṣyāmi rahasyaṃ bhuvi durlabham |
guhyād guhyataraṃ ramyaṃ triṣu lokeṣu durlabham || 15 ||
apānamūrdhagaṃ kṛtvā divyamarthaṃ prapūrya ca |
prāṇamantreṇa deveśi ! śaktiṃ kuṇḍalinīṃ parām || 16 ||
kramāccakrāṇi nirbhidyaṃ jīvātmānamanoharāt |
sahasrāre śiraḥpadme pare brahmaṇi yojayet || 17 ||
buddhyahaṅkāracittāni tattvāni prakṛtirvapuḥ |
tasmāt sarvāṇi tattvāni bījarūpeṇa bhāvayet || 18 ||
tataḥ śūnye śarīre ca kukṣau vāme vicintayet |
sarvapāpātmakaṃ krūraṃ puruṣaṃ piṅgamūrdhajam || 19 ||
tato nābhau vāyubījaṃ dhūmraṃ sañcintya tajjapet |
daśadhā vāyumutṣādya vapuḥ pāpaṃ viśodhayet || 20 ||
sa pāpaṃ tu tato mantrī hṛdaye vahnibījakam |
raktaṃ vibhāvya daśadhā tajjapācca hutāśanam || 21 ||
samutpādya dahatyenaṃ sapāpaṃ tadvapuḥ priye |
lalāṭe vāruṇaṃ bījaṃ śuddhaṃ sañcintya tajjapāt || 22 ||
daśadhāmṛtaviṣṭintu samutpādya śucismite |
sarvavyathāvinirmuktaṃ jātaṃ divyavapustataḥ || 23 ||
niṣpāpaṃ plāvayet tasmāt tathā bhāvena tatparaḥ |
avagatya dharābījaṃ mūlādhāre vicintayet || 24 ||
daśadhā tajjapād devi ! pṛthvīmutpādya sundari |
tataḥ sarvāṇi bījāni tattvāni ca śucismite || 25 ||
yathāsthāne nyased bījaṃ ājñācakrāt śucismite |
ājñādiguṇapadmāntaṃ saṃsthāpya parameśvari ! || 26 ||
kramaṃ tasya pravakṣyāmi sāvadhānā'vadhāraya |
etad rahasyaṃ paramaṃ sadā mama hṛdi sthitam || 27 ||
yanmantrasahitaṃ devi kramāt sundari tat śṛṇu |
bījaṃ kuṇḍalinīṃ devi ājñācakraṃ samānayet || 28 ||
tasmin cakre maheśāni ātmā manaḥsamanvitaḥ |
pañcāśanmātṛkāmantraṃ daśadhā prajapet priye || 29 ||
tatra yugmakalāṃ dhyātvāṃ mūlamantreṇa tarpayet |
lambayet parameśāni jīvaṃ kuṇḍalinīsaha || 30 ||
manasā saṃyutaṃ kṛtvā viśuddhau lambayet priye ! |
taccakre parameśāni mātṛkāvarṇamuttamam || 31 ||
prajaped daśadhā devi ! manaḥsārathinā priye |
sarvaṃ hi manasā kāryaṃ manaḥ sarvārthasādhakam || 32 ||
tatrasthāṃ ṣoḍaśakalāṃ mūlamantreṇa tarpayet |
lambayet praṇavairdevi purīṃ[prati]dhvanimayīṃ prati || 33 ||
tatrasthaṃ devadeveśaṃ mahādevaṃ ca tarpayet |
praṇavena tu mantreṇa tarpayet śivarūpiṇam || 34 ||
tatrasthāṃ dvādaśakalāṃ taḍitkotisamaprabhām |
tarpayet mūlamantreṇa mātṛkājapapūrvakam || 35 ||
lambayet maṇipūre ca śivaṃ tatra pratarpayet |
tatrasthāṃ daśakalāṃ devi ! mūlamantreṇa tarpayet || 36 ||
mātṛkāṃ prathame japtvā tarpayet paramāṃ kalām |
tadadhaḥ parameśāni ! svādhiṣṭhāneṣu lambayet || 37 ||
svādhiṣṭhānaṃ maheśāni ! śuklaṃ hīrakasannibham |
tatrasthaṃ śivadevaṃ ca mūlamantreṇa tarpayet || 38 ||
mūlamantraṃ maheśāni ! prāsādaṃ paramaṃ śivam |
tatrasthāṃ ṣaṭkalāṃ divyāṃ māyābījena tarpayet || 39 ||
mūlādhāraṃ tato nītvā bījaṃ kuṇḍalinīsaha |
manaḥsārathinā devi ! śivaṃ sambhāvya yatnataḥ || 40 ||
tarpayenmūlamantreṇa prāsādena śivaṃ priye ! |
tato yugakalāṃ nityāṃ mūlamantreṇa tarpayet || 41 ||
mātṛkāṃ daśadhā japtvā śivaṃ santoṣayet sadā |
svasthānaṃ prāpya deveśi ! kuṇḍalī paradevatā || 42 ||
brahmaviṣṇuśivayutā viṣatantutanīyasīm |
javāsindūrasaṅkāśāmudyadbhāskarasannibhām || 43 ||
śivasya yuvatīṃ yogyāṃ vahnirūpadharāṃ priye ! |
tatastu parameśāni ! jīvaṃ puṣkaramānayet || 44 ||
hṛdisthaṃ puṣkaraṃ padmaṃ jīvasthāṃ sadā smṛtam |
brahmasthānaṃ ca tad devi ! sūryamaṇḍalasannibham || 45 ||
śabdabrahma paraṃ brahma śabdāstiṣṭhanti tatra vai |
pradīpakalikākāraṃ śabdabrahma śucismite || 46 ||
pradīpakalikākāraṃ jīvaṃ ca parameśvari ! |
śabdabrahma paraṃ brahma śaktiyuktaṃ sadā priye ! || 47 ||
jalasūryāgnicandreṣu śaktiḥ sarvatra vartate |
śaktiḥ sarveṣu deveṣu devīṣu ca śucismite || 48 ||
śaktiyuktaṃ jāyate sarvaṃ yo na jānāti pāmaraḥ |
pretalokaṃ sa gatvā vai śūkaratvaṃ prajāyate || 49 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre harapārvatīsaṃvāde tṛtīyaḥ paṭalaḥ || 3 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Īśvara spricht: Höre, Pārvatī, ein höchst wunderbares, noch geheimeres und in den drei Welten sorgsam zu bewahrendes Geheimnis.
Abschnitt 2
Im Brahmarandhra, im Sahasrāra, befindet sich Sadāśiva; die höchste Göttin umgibt bzw. umfängt ihn.
Abschnitt 3
Kuṇḍalinī wird dorthin geführt, und dann entsteht Einheit. Alle Buchstaben von a bis kṣa werden in die Bīja-Struktur einbezogen.
Abschnitt 4
Zuerst soll geistig die Prāṇa-Vidyā zehnmal rezitiert werden; danach gelangt die höchste Kuṇḍalinī zur höchsten Stufe.
Abschnitt 5
Diese wird als Stadt der Śakti, als immerwährende Wonne und als tausendblättriger Lotus beschrieben.
Abschnitt 6
In der Mitte dieses Lotus liegt die Śakti-Stadt, in der Sadāśiva verweilt.
Abschnitt 7
Sadāśiva ist rein, unbewegt und den reinen Tattvas zugeordnet. Kuṇḍalinī gelangt in seine Gegenwart.
Abschnitt 8
Kuṇḍalinī küsst das Lotusgesicht Śivas; durch die vollständige Vereinigung wird der höchste Śiva gleichsam von Śakti ergriffen.
Abschnitt 9
Sadāśiva wird dort friedvoll und wie reglos in der Lotusmitte beschrieben.
Abschnitt 10
Mahādeva erscheint ohne Śakti wie ein Leichnam; erst durch die Verbindung mit Śakti wird er zum Handelnden.
Abschnitt 11
Darum erklärt der Text den Vorrang der Śakti: Ohne Śakti geschieht nichts.
Abschnitt 12
Sadāśiva allein wird bildhaft als Mahāpreta bezeichnet; seine Stadt ist das höchste Ziel.
Abschnitt 13
Nachdem die Paradevatā Kuṇḍalinī die Stadt Sadāśivas erreicht hat, vereinigt sie sich für einen Augenblick mit ihm.
Abschnitt 14
Aus der Vereinigung mit Sadāśiva entsteht Amṛta; mit diesem Nektar werden die sechs Chakras der Reihe nach überflutet.
Abschnitt 15
Īśvara setzt erneut an: Höre ein auf Erden seltenes, höchst geheimes und schönes Wissen.
Abschnitt 16
Apāna wird aufwärts geführt; durch den Prāṇa-Mantra wird die höchste Kuṇḍalinī erfüllt und bewegt.
Abschnitt 17
Sie durchdringt der Reihe nach die Chakras und wird zusammen mit dem Jīvātman zum Sahasrāra, zum höchsten Brahman, geführt.
Abschnitt 18
Buddhi, Ahaṃkāra, Citta, Prakṛti und alle Tattvas werden in Bīja-Form gedacht.
Abschnitt 19
Danach wird im scheinbar leeren Körper links im Bauch ein grausamer, dunkelhaariger Pāpapuruṣa, eine Personifikation der Verfehlungen, visualisiert.
Abschnitt 20
Im Nabel wird das rauchfarbene Vāyu-Bīja gedacht und zehnmal rezitiert; der Wind trocknet den mit Verfehlung verbundenen Körper aus.
Abschnitt 21
Danach wird im Herzen das rote Feuer-Bīja zehnmal rezitiert und ein inneres Feuer erzeugt.
Abschnitt 22
Dieses Feuer verbrennt den alten Körper zusammen mit dem Pāpapuruṣa; anschließend wird an der Stirn das reine Wasser-Bīja meditiert.
Abschnitt 23
Durch seinen Japa entsteht Amṛta; daraus wird ein von Leid freier göttlicher Körper gebildet.
Abschnitt 24
Dieser reine Körper wird mit Nektar überflutet; danach wird das Erd-Bīja im Mūlādhāra erkannt.
Abschnitt 25
Durch zehnfachen Japa wird das Erdprinzip neu hervorgebracht.
Abschnitt 26
Danach werden alle Bījas und Tattvas wieder an ihre jeweiligen Stellen gesetzt.
Abschnitt 27
Von Ājñā abwärts werden die entsprechenden Zentren und Eigenschaften wiederhergestellt.
Abschnitt 28
Nun wird die genaue Reihenfolge erklärt; dieses Geheimnis, sagt Śiva, ruhe beständig in seinem Herzen.
Abschnitt 29
Mit Mantra wird Kuṇḍalinī zunächst zum Ājñā-Cakra gebracht.
Abschnitt 30
Dort befindet sich der Ātman mit dem Geist; die fünfzig Mātṛkā-Buchstaben werden zehnmal rezitiert.
Abschnitt 31
Die dortige Doppel-Kalā wird meditiert und mit dem Mūlamantra getränkt; Jīva und Kuṇḍalinī werden herabgeführt.
Abschnitt 32
Mit dem Geist als Wagenlenker gelangen sie zum Viśuddha; dort wird die höchste Mātṛkā-Buchstabenordnung rezitiert.
Abschnitt 33
Der Japa wird dort zehnmal vollzogen; alles geschieht durch den Geist, der als Mittel aller Ziele bezeichnet wird.
Abschnitt 34
Die dortige sechzehnfache Kalā wird mit dem Mūlamantra getränkt, und der Abstieg wird fortgesetzt.
Abschnitt 35
Mahādeva im betreffenden Zentrum wird mit dem Praṇava verehrt.
Abschnitt 36
Die dortige zwölfteilige Kalā, blitzhell, wird nach Mātṛkā-Japa mit dem Mūlamantra getränkt.
Abschnitt 37
Danach wird zum Maṇipūra herabgeführt und Śiva dort verehrt; die zehn Kalās werden mit dem Mūlamantra getränkt.
Abschnitt 38
Zuerst wird die Mātṛkā rezitiert, dann die höchste Kalā; danach geht es weiter zum Svādhiṣṭhāna.
Abschnitt 39
Svādhiṣṭhāna wird weiß und diamantgleich gedacht; Śiva dort wird mit dem Mūlamantra verehrt.
Abschnitt 40
Die sechs göttlichen Kalās werden mit dem Māyā-Bīja getränkt; der Text verbindet den Mūlamantra hier mit dem höchsten Śiva.
Abschnitt 41
Danach wird Kuṇḍalinī zusammen mit dem Bīja zum Mūlādhāra gebracht und Śiva mit dem Geist als Wagenlenker vergegenwärtigt.
Abschnitt 42
Śiva wird mit Mūlamantra und Prāsāda-Mantra verehrt; die dortige Doppel-Kalā wird ebenfalls getränkt.
Abschnitt 43
Nach zehnfachem Mātṛkā-Japa wird Śiva befriedigt; Kuṇḍalinī kehrt an ihren eigenen Sitz zurück.
Abschnitt 44
Sie wird als mit Brahmā, Viṣṇu und Śiva verbunden, feiner als ein Lotusfaden und rot wie Japa-Blüte oder Sindūra beschrieben.
Abschnitt 45
Sie ist die junge Gefährtin Śivas, von Feuerwesen; danach wird der Jīva zum Puṣkara des Herzens geführt.
Abschnitt 46
Dieser Herzlotus ist der beständige Sitz des Jīva und wird als Brahmasthāna, sonnenähnlich, bezeichnet.
Abschnitt 47
Dort befinden sich Śabdabrahman und das höchste Brahman; die Klänge haben dort ihren Sitz.
Abschnitt 48
Śabdabrahman wird wie die Flamme einer Lampe beschrieben.
Abschnitt 49
Auch der Jīva hat diese flammenartige Gestalt; Śabdabrahman und Parabrahman sind stets mit Śakti verbunden.
Abschnitt 50
Śakti ist in Wasser, Sonne, Feuer und Mond und in allen Göttern und Göttinnen gegenwärtig. Alles wird durch Śakti belebt; die drastische Schlussdrohung des Verses richtet sich gegen den, der diese Lehre nicht erkennt.
Erläuterung
Hier steht die Bewegung der Kuṇḍalinī durch den subtilen Körper im Vordergrund; der Text verbindet Cakra-Lehre, Japa und Identifikation mit Śiva.
4. Bindu, Geist und erneute Verunreinigung
Handlung / Praxisziel
Bindu, Geist und erneute Verunreinigung.
Sanskrittext (IAST)
atha caturthaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
nābhimadhye tu vāmā ca jyeṣṭhā ca hṛdi saṃsthitā |
raudrī ca parameśāni ! sadā śirasi saṃsthitā || 1 ||
vāmā brahmā maheśāni ! jyeṣṭhā ca viṣṇurīritā |
raudrī rudraṃ tu vijñeyā bindutrayamitīritā || 2 ||
brahmā viṣṇuśca rudraśca sadā prakṛtirūpiṇī |
bindunā parameśāni ! karmakartā sadā priye || 3 ||
brahmaviṣṇumaheśānāṃ bindubījaṃ śucismite ! |
bindunā jāyate sṛṣṭiḥ pālanaṃ ca śucismite || 4 ||
bindunā harate sṛṣṭiṃ kramataḥ parameśvari ! |
binduṃ vinā maheśāni ! sakalaṃ pretavat priye || 5 ||
ataḥ paraṃ pravakṣyāmi rahasyaṃ paramādbhutam |
mūlādhāre maheśāni ! tryakṣarīṃ daśadhā japet || 6 ||
tryakṣarīṃ śṛṇu deveśi ! sāvadhānā'vadhāraya |
śivabījaṃ samuddhṛtya pṛthvībījapuṭaṃ kuru || 7 ||
bindvardhasaṃyutaṃ kṛtvā sādhako japamārabhet |
hṛtpadme rañjitaśivā samuddhṛtya śucismite || 8 ||
śivabīje puṭīkṛtya bindvardhasaṃyutaṃ kuru |
lalāṭe parameśāni ! ralabījaṃ samuddhara || 9 ||
kalāvatī puṭīkṛtvā bindvardhasaṃyuktaṃ kuru |
etā vidyā maheśāni ! bhūtaśuddhestu kāraṇam || 10 ||
śrīdevī uvāca
kathyatāṃ devadeveśa ! jñānacakṣustapomayam |
kṛpayā kathayeśāna ! yadyahaṃ tava vallabhā || 11 ||
vāmapārśve sthitaṃ devaṃ saṃdahya parameśvara ! |
jīvaḥ śuddhātmako bhūtvā manasā parameśvara || 12 ||
pūjayediṣṭadevaṃ ca japed vidyāṃ prasannadhīḥ |
punastu puruṣaṃ pāpaṃ kathamutpadyate tathā || 13 ||
etattu saṃśayaṃ deva hṛdaye śālyavanmama |
saṃśayaṃ me mahādeva ! chindhi deva dayānidhe || 14 ||
śrī-īśvara uvāca
śṛṇu kamalapatrākṣi ! rahasyaṃ paramādbhutam |
śoṣaṇairdahanairdevi ! puruṣaṃ pāparūpakam || 15 ||
saṃdahya parameśāni ! punarutpadyate sadā |
iḍā tu vāmadeśe hi sadā tiṣṭhati pārvati || 16 ||
vāmanāḍyā kṛtaṃ pāpaṃ vāmakukṣau sthitaṃ priye |
nāḍīsaṃyogamātreṇa pāpamūlaṃ nikṛntati || 17 ||
ata eva maheśāni ! puruṣaṃ kṛṣṇamūrdhajam |
punarutpadyate devi ! japapūjāvidheranu || 18 ||
śṛṇu kamalapatrākṣi ! rahasyaṃ hṛdaye sthitam |
dahantaṃ śeṣapāpaṃ ca nāśanaṃ yadi cecchasi || 19 ||
tat pāpasyāpanode ca vidyāmenāṃ japaṃ kuru |
kāmanayā tathā devi ! manmathaṃ parameśvari || 20 ||
aṣṭottaraśataṃ japtvā tasmāt pāpād vimucyate |
mano jīvātmanoḥ śuddhiḥ prāṇayāmena sundari || 21 ||
etat śuddhirmaheśāni sarvatantreṣu śasyate |
sarveṣu viṣṇumantreṣu śivamantre gaṇādhipe || 22 ||
śaktau sūrye maheśāni ! anyadevagaṇeṣu ca |
evaṃ te kathitaṃ devi ! rahasyaṃ paramādbhutam || 23 ||
ādhāraṃ pṛthvītattvaṃ vai svādhiṣṭhānaṃ jalaṃ priye |
maṇipuram agnitattvaṃ vāyutattvamanāhate || 24 ||
kaṇṭhe ca parameśāni ! śūnyatattvaṃ sadā smṛtam |
manastattvaṃ tadūrdhvaṃ ca manaḥ sarvatra vyāpakam || 25 ||
vibhutvād vyāpakatvācca sākṣād bindumayaṃ manaḥ |
yāvasti parameśāni bhūtaśuddhyāṃdi yāni ca || 26 ||
tāni sarvāṇi deveśi ! manasaiva praṇīyate |
sarvagāmī sarvavettā sarvasākṣī sadā manaḥ || 27 ||
pāpapuṇye maheśāni rakṣakaṃ syāt manaḥ priye |
manasā vākyamutpannaṃ manasaiva praṇīyate |
mantraṃ vidyā maheśāni ! manasā japamācaret || 28 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre harapārvatīsaṃvāde caturthaḥ paṭalaḥ || 4 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Īśvara spricht: Vāmā befindet sich im Nabel, Jyeṣṭhā im Herzen und Raudrī im Kopf.
Abschnitt 2
Vāmā wird mit Brahmā, Jyeṣṭhā mit Viṣṇu und Raudrī mit Rudra verbunden; zusammen bilden sie die drei Bindus.
Abschnitt 3
Brahmā, Viṣṇu und Rudra erscheinen so als Gestalten der Prakṛti; durch Bindu werden sie zu Handelnden.
Abschnitt 4
Bindu ist das Bīja dieser drei Gottheiten; aus Bindu entstehen Schöpfung und Erhaltung.
Abschnitt 5
Durch Bindu geschieht auch die Auflösung; ohne Bindu ist alles nach der Bildsprache des Textes wie leblos.
Abschnitt 6
Nun folgt ein weiteres großes Geheimnis: Im Mūlādhāra soll eine dreisilbige Vidyā zehnmal rezitiert werden.
Abschnitt 7
Höre ihre Herleitung: Das Śiva-Bīja wird aufgenommen und in das Erd-Bīja eingeschlossen.
Abschnitt 8
Mit Bindu und Halbmond verbunden beginnt der Sādhaka den Japa; im Herzlotus wird eine weitere Śiva-bezogene Lautform hergeleitet.
Abschnitt 9
Auch diese wird in ein Śiva-Bīja eingeschlossen; an der Stirn wird ein weiteres Bīja aufgenommen, dessen Lesart in der Vorlage unsicher ist.
Abschnitt 10
Diese drei Vidyās, jeweils mit Bindu und Halbmond, gelten als Ursachen der Bhūtaśuddhi.
Abschnitt 11
Die Göttin bittet um Erklärung dieses Erkenntnisweges, der das Auge der Erkenntnis öffnen soll.
Abschnitt 12
Sie fragt: Nachdem der links befindliche Pāpapuruṣa verbrannt und der Jīva gereinigt ist,
Abschnitt 13
und nachdem man die Iṣṭadevatā verehrt und die Vidyā rezitiert hat – wie kann der Pāpapuruṣa erneut entstehen?
Abschnitt 14
Dieser Zweifel steckt, sagt die Göttin, wie ein Dorn im Herzen; Mahādeva möge ihn aus Mitgefühl durchschneiden.
Abschnitt 15
Īśvara antwortet: Der Pāpapuruṣa wird durch Austrocknen und Verbrennen zerstört,
Abschnitt 16
doch kann er erneut entstehen, weil Iḍā auf der linken Seite fortbesteht.
Abschnitt 17
Das durch die linke Nāḍī bewirkte karmische Dunkel sitzt symbolisch im linken Bauchbereich; durch die Verbindung der Nāḍīs kann seine Wurzel abgeschnitten werden.
Abschnitt 18
Darum kann die schwarze Personifikation der Verfehlung nach Japa und Pūjā erneut vorgestellt bzw. wirksam werden, solange die Ursache nicht ganz aufgehoben ist.
Abschnitt 19
Will man auch den Rest der Verfehlung vernichten, soll man das im Herzen verborgene Geheimnis hören.
Abschnitt 20
Zur Beseitigung dieser Restbindung wird eine besondere Vidyā rezitiert; der Text verbindet sie mit Kāma/Manmatha.
Abschnitt 21
Nach 108-fachem Japa soll man von dieser Verfehlung frei werden. Geist und Jīvātman werden durch Prāṇāyāma gereinigt.
Abschnitt 22
Diese Reinigung wird nach Aussage des Textes in den Tantras allgemein gepriesen,
Abschnitt 23
und soll bei Viṣṇu-, Śiva-, Gaṇeśa-, Śakti-, Sūrya- und anderen Gottheitsmantras anwendbar sein.
Abschnitt 24
So ist dieses große Geheimnis erklärt.
Abschnitt 25
Das Mūlādhāra entspricht Erde, Svādhiṣṭhāna dem Wasser, Maṇipūra dem Feuer und Anāhata dem Luftprinzip.
Abschnitt 26
Im Kehlzentrum befindet sich das Raumprinzip; darüber steht das Manastattva, und der Geist gilt als überall gegenwärtig.
Abschnitt 27
Wegen seiner Durchdringung wird der Geist als binduhaft beschrieben. Alle Vorgänge der Bhūtaśuddhi werden im Geist vollzogen.
Abschnitt 28
Der Geist gilt als allgehend, allwissend und Zeuge; er bewahrt bzw. vermittelt sowohl Pāpa als auch Puṇya. Sprache, Mantra und Vidyā werden letztlich im Geist hervorgebracht und innerlich rezitiert.
Erläuterung
Der Abschnitt verbindet Ritualtechnik mit der śāktischen Grundthese, dass Bewusstsein, Śakti und Körper nicht voneinander getrennt sind.
5. Unmanī, Göttinnen in den Chakras und Siddhis
Handlung / Praxisziel
Unmanī, Göttinnen in den Chakras und Siddhis.
Sanskrittext (IAST)
atha pañcamaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
manasā jīvansaṃyuktaḥ karmakartā sadā priye |
manaḥ pravibhave devi ! unmanīsahitā yataḥ || 1 ||
unmanī ca maheśāni ! bhavapāpanikṛntanī |
jīvasya parameśāni ! guptatattvaṃ śṛṇu priye || 2 ||
mūlādhāre sthitaṃ jīvaṃ pradīpakalikākṛtim |
praṇavena samākṛṣya dvādaśāntaṃ layet sudhīḥ || 3 ||
ākāśe ca maheśāni ! sukhamokṣamavāpnuyāt |
hṛtpadme ca maheśāni paraṃ brahma nirīkṣaṇam || 4 ||
ājñāyāṃ parameśāni prathamaṃ gurudarśanam |
maṇipūraṃ tato gatvā snāpayenmanasā saha || 5 ||
svādhiṣṭhānaṃ tato gatvā agnisparśaṃ samācaret |
tato jīvaṃ maheśāni ! mūlādhāraṃ layet priye || 6 ||
manaḥsārathinā devi ! unmanī bhavanāśinī |
saṃhatya sadasatkarma jīvaḥ sarvaṃ karoti hi || 7 ||
śuddhasattvātmako jīvaḥ sadasatkarmavarjitaḥ |
vāmapārśve sthitaṃ pāpaṃ puruṣeṇa yadā priye || 8 ||
saṃyogo jāyate tatra asatkarma tadā'karot |
pāpasya parameśāni ! saṃyogo yadi jāyate || 9 ||
manasā jīvasaṃyogāt satkāryaṃ kurute tadā |
śuddhasattvātmako jīvastasya kāryaṃ kutaḥ priye || 10 ||
manaśca parameśāni unmanī saṃyutā yadi |
jīvasya vāmapārśve tu tadā tiṣṭhati pāpadhṛk || 11 ||
dakṣiṇe parameśāni manaśca unmanī yataḥ |
unmajjanti nimajjanti prapañceṣu śucismite || 12 ||
unmanīkaraṇaṃ devi ! daśāsu parameśvari |
jāgratsvapnasuṣuptyavasthāṃ cāpi parameśvari || 13 ||
suṣumnāntargatā citrā candrakoṭisamaprabhā |
tatra kuṇḍalinī devi yātāyātaṃ karoti hi || 14 ||
kadācit māsi taṃ padmaṃ kadācit raktapaṅkajam |
kadācit śuklapadmaṃ hi vahnipadmaṃ kadā priye || 15 ||
bhitvā purīṃ yāti punarāyāti kuṇḍalī sadā |
prapañcānāṃ maheśāni ! devānucaramuttamam || 16 ||
kathayāmi maheśāni sarvatantreṣu gopitam |
yajjñātvā sādhako devi sarvasiddhimavāpnuyāt || 17 ||
dharmārthakāmamokṣāṇāṃ phalabhāg vaiṣṇavo yataḥ |
tava snehānmaheśāni ! nigadāmi śucismite || 18 ||
brahmāṇī caṇḍikā raudrī gaurīndrāṇī tathaiva ca |
kaumārī vaiṣṇavī durgā nārasiṃhī ca kālikā || 19 ||
śivadūtī ca vārāhī māheśī kauśikī tathā |
śāṅkarī ca jayantī ca viśuddhapadmasaṃsthitā || 20 ||
maṅgalā kapālikā caiva medhā ca śivarūpikā |
śākambharī ca bhīmā ca gāṇḍā ca bhrāmarī tathā || 21 ||
rudrarupiṇyambikā ca kṣamā ca vahnirūpiṇī |
etāstu parameśāni ! hṛtpadme saṃsthitāḥ sadā || 22 ||
dhātrī ca vahnirūpā ca madhyamā ca śucismite ! |
aparṇā ca maheśāni tathā vāmā mahodarī || 23 ||
ghorarūpā mahākālī tathā caiva bhayaṅkarī |
kṣemaṅkarī ca deviśi ! maṇipūre sthitā sadā || 24 ||
ugracaṇḍā ca deveśi tathā caṇḍāvatī priye |
caṇḍā caiva pracaṇḍā ca caṇḍanāyakasevitā || 25 ||
caṇḍikā caiva deveśi ! svādhiṣṭhāne sthitā sadā |
mahādevī maheśāni tathaiva moharupiṇī || 26 ||
tathā priyaṅkarī caiva tathā caiva sanātanī |
etāstu parameśāni mūlādhāre sthitāḥ sadā || 27 ||
phalavikariṇīrūpā balapramathinī tathā |
akṣaraṃ yugalaṃ devi ājñācakre sthitā sadā || 28 ||
asyāstu parameśāni viśeṣaṃ śṛṇu pārvati |
etajjñānaṃ maheśāni sadāśivavyavasthitam || 29 ||
asya jñānaprabhāveṇa saṃharāmi jagat trayam |
sthitikartā bhaved viṣṇurbrahmā sṛṣṭikaraṃ sadā || 30 ||
yasya yasya ca deveśi ! yad bījaṃ pūrvasūcitam |
tadbīje puṭitaṃ kṛtvā devānāṃ japamācaret || 31 ||
bhūtaśuddhistadā devi ! siddho bhavati pārvati |
anyathā pretavacchuddhirjāyate kamalekṣaṇe || 32 ||
pañcāśanmātṛṇāṃ devi ṣaṭcakre kramato japet |
ṣaṭcakre parameśāni ! yatnato japamācaret || 33 ||
tadaiva mahatī siddhiḥ sādhakasyāṣi jāyate |
kalāvṛkṣe samo bhūtvā sādhakaḥ khecaro bhavet || 34 ||
aṇimādiguṇādhāraṃ tathā bhavati sādhakaḥ |
aṇimā sūkṣmarūpaṃ ca laghimā sthūlarūpakam || 35 ||
sarvaiśvaryapadaprāptiṃ prāptiṃ paramamucyate |
manaḥkleśakaraṃ caiva prākāśyaṃ kamalānane || 36 ||
mahimā sarvalokeṣu gīyate kamalānane |
tadaiva mahimā devi ! mama jñāneṣu vartate || 37 ||
brahmāṇḍavyāpakaṃ rūpaṃ īśitvaṃ ca prakīrtitam |
brahmāṇḍavaśarūpaṃ ca vaśitvaṃ kathitaṃ priye ! || 38 ||
kandarpadhvaṃsajananametat kāmavaśāyitā |
aṇimādiguṇaṃ devi ! tava bhaktyā prakāśitam || 39 ||
na kasmaicit pravaktavyaṃ tava yoniṃ yathā priye |
śṛṇu devi pravakṣyāmi bhūtaśuddhestu kāraṇam || 40 ||
maheśāni ! aṣṭottaraśataṃ japet |
tāraṃ vyomāgni guṇḍī tathā jyotirmanuḥ smṛtaḥ |
etajjñānaprabhāveṇa bhūtaśuddheḥ phalaṃ bhavet || 41 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre harapārvatīsaṃvāde pañcamaḥ paṭalaḥ || 5 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Der Jīva handelt stets in Verbindung mit dem Geist; der Geist steht wiederum mit Unmanī in Beziehung.
Abschnitt 2
Unmanī wird als Zustand beschrieben, der die Sünde bzw. Bindung des Werdens durchschneidet. Höre das verborgene Wesen des Jīva.
Abschnitt 3
Der im Mūlādhāra befindliche Jīva wird als flammenförmig meditiert und durch Praṇava zum Dvādaśānta emporgezogen.
Abschnitt 4
Im Raum erlangt er nach Aussage des Textes Glück und Befreiung; im Herzlotus wird das höchste Brahman geschaut.
Abschnitt 5
In Ājñā findet zuerst Guru-Darśana statt; danach wird der Jīva geistig zum Maṇipūra geführt.
Abschnitt 6
Vom Maṇipūra geht er zum Svādhiṣṭhāna, erfährt dort die Berührung des Feuers und wird anschließend wieder in den Mūlādhāra geführt.
Abschnitt 7
Der Geist ist der Wagenlenker, Unmanī vernichtet das Werden. Der Jīva vollzieht gutes und schlechtes Karma in Verbindung mit diesen Kräften.
Abschnitt 8
Der reine, sattvische Jīva ist an sich frei von gutem und schlechtem Karma; das Schlechte wird mit dem links befindlichen Pāpapuruṣa verbunden.
Abschnitt 9
Wenn Verbindung mit diesem Pāpa entsteht, folgt schlechtes Handeln.
Abschnitt 10
Wenn dagegen Geist und Jīva in rechter Weise verbunden sind, entsteht gutes Handeln. Der reine Jīva selbst wird als jenseits beider bezeichnet.
Abschnitt 11
Wo der Geist mit Unmanī verbunden ist, steht der Träger der Verfehlung symbolisch links vom Jīva.
Abschnitt 12
Rechts wirkt der Geist mit Unmanī; durch diese Dynamik tauchen die Wesen in die Welt ein und wieder aus ihr auf.
Abschnitt 13
Unmanī wird in den Zuständen Wachen, Traum und Tiefschlaf wirksam gedacht.
Abschnitt 14
In der Suṣumṇā liegt Citrā, strahlend wie Millionen Monde; dort bewegt sich Kuṇḍalinī auf und ab.
Abschnitt 15
Der innere Lotus erscheint je nach Zustand unterschiedlich – dunkel, rot, weiß oder feurig.
Abschnitt 16
Kuṇḍalinī durchbricht die inneren Städte und kehrt wieder zurück; diese Bewegung wird mit den Welten und göttlichen Kräften verbunden.
Abschnitt 17
Nun wird ein in vielen Tantras verborgenes Wissen erklärt, durch das der Sādhaka alle Siddhis erlangen soll.
Abschnitt 18
Es wird mit den vier menschlichen Zielen Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa verbunden; aus Liebe zur Göttin offenbart Śiva die Lehre.
Abschnitt 19
Im Viśuddha-Lotus werden Brahmāṇī, Caṇḍikā, Raudrī, Gaurī, Indrāṇī, Kaumārī, Vaiṣṇavī, Durgā, Nārasiṃhī und Kālī genannt.
Abschnitt 20
Außerdem Śivadūtī, Vārāhī, Māheśī, Kauśikī, Śāṅkarī und Jayantī; sie wohnen im Viśuddha-Lotus.
Abschnitt 21
Im Herzlotus werden Maṅgalā, Kapālikā, Medhā, Śivarūpikā, Śākambharī, Bhīmā, Gāṇḍā und Bhrāmarī genannt.
Abschnitt 22
Dazu Rudrarūpiṇī, Ambikā, Kṣamā und eine Feuer-Gestalt; diese Kräfte wohnen im Herzen.
Abschnitt 23
Im Maṇipūra werden Dhātrī, Vahnirūpā, Madhyamā und weitere Kräfte genannt.
Abschnitt 24
Aparṇā, Vāmā, Mahodarī, Ghorarūpā, Mahākālī, Bhayaṅkarī und Kṣemaṅkarī werden ebenfalls dem Maṇipūra zugeordnet.
Abschnitt 25
Im Svādhiṣṭhāna erscheinen Ugracaṇḍā, Caṇḍāvatī, Caṇḍā und Pracaṇḍā sowie weitere Caṇḍikā-Gestalten.
Abschnitt 26
Der Text nennt außerdem Mahādevī und Moharūpiṇī als dortige Kräfte.
Abschnitt 27
Priyaṅkarī und Sanātanī werden mit dem Mūlādhāra verbunden.
Abschnitt 28
Am Ājñā-Cakra befinden sich zwei Buchstabenkräfte, die als Phalavikariṇī und Balapramathinī bezeichnet werden; die Lesart ist technisch.
Abschnitt 29
Śiva kündigt eine besondere Lehre über diese Zuordnung an; sie gilt als im Wissen Sadāśivas gegründet.
Abschnitt 30
Durch dieses Wissen, heißt es, vollzieht Śiva Auflösung, Viṣṇu Erhaltung und Brahmā Schöpfung.
Abschnitt 31
Das jeweils zuvor genannte Bīja soll mit dem Bīja der betreffenden Gottheit umschlossen und dann rezitiert werden.
Abschnitt 32
So werde Bhūtaśuddhi vollendet; ohne diese Integration gleiche die Reinigung nach drastischer Formulierung einem leblosen Vorgang.
Abschnitt 33
Die fünfzig Mātṛkā-Buchstaben sollen der Reihe nach in den sechs Chakras rezitiert werden.
Abschnitt 34
Durch diese Praxis verspricht der Text große Siddhi und Khecaratva.
Abschnitt 35
Der Sādhaka wird als Träger von Aṇimā, Laghimā und den übrigen Siddhis beschrieben; die Definitionen sind teilweise ungewöhnlich überliefert.
Abschnitt 36
Prāpti wird mit dem Erlangen umfassender Herrschaft verbunden, eine weitere Siddhi mit der Überwindung geistiger Bedrängnis; die Lesart ist nicht überall eindeutig.
Abschnitt 37
Mahimā wird als große, in allen Welten gepriesene Macht beschrieben.
Abschnitt 38
Īśitva bedeutet umfassende Herrschaft über das Brahmāṇḍa, Vaśitva dessen Beherrschung.
Abschnitt 39
Kāmavaśāyitā wird als Macht über Begierde bzw. Liebeskraft beschrieben; alle diese Siddhis werden auf die Gnade bzw. Bhakti zur Göttin zurückgeführt.
Abschnitt 40
Diese Lehre soll nicht wahllos weitergegeben werden. Nun wird erneut die Ursache bzw. Methode der Bhūtaśuddhi erklärt.
Abschnitt 41
Die erste Hälfte des Verses ist in der elektronischen Vorlage beschädigt. Sicher erhalten ist die Vorschrift zu 108-fachem Japa und eine technische Folge aus Tārā-, Raum-, Feuer- und Jyotis-Mantra; durch dieses Wissen soll das Ziel der Bhūtaśuddhi erreicht werden.
Erläuterung
Der Abschnitt verbindet Ritualtechnik mit der śāktischen Grundthese, dass Bewusstsein, Śakti und Körper nicht voneinander getrennt sind.
6. Grober und subtiler Körper, Nāḍīs und Prāṇāyāma
Handlung / Praxisziel
Grober und subtiler Körper, Nāḍīs und Prāṇāyāma.
Sanskrittext (IAST)
atha ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
śṛṇu jñānaṃ maheśāni ! viśeṣaṃ kathayāmi te |
yajjñātvā parameśāni śivo'haṃ mṛtyunāśakaḥ || 1 ||
yajjñātvā parameśāni ! brahmā sṛṣṭikaraḥ sadā |
yajjñātvā viṣṇudevaśca sthitikartā śucismite || 2 ||
yajñātvā tu maheśāni ! nāśako'haṃ maheśvari |
candraḥ sūryo maheśāni yajjñātvā parameśvari || 3 ||
prakāśaṃ kurute viśvaṃ brahmāṇḍaṃ sacarācaram |
avyaktarūpiṇīṃ ramyāṃ yogagamyāṃ sadā priye || 4 ||
sadā śarīramāśritya vasate kāmarūpiṇī |
śarīraṃ dvividhaṃ devi ! sthūlaṃ sūkṣmaṃ śucismite || 5 ||
māṃsāsthilomaraktāni medo majjā varānane ! |
viṇmūtrasthe haraṃ caiva vātapitte tu saṅgatam || 6 ||
etat sthūlamayaṃ devi sūkṣmaṃ ca kathayāmi te |
iḍā vāme sthitā nāḍī śuklā tu candrarūpiṇī || 7 ||
dakṣiṇe piṅgalā nāmnī puṃrūpā sūryavigrahā |
tanmadhye parameśāni ! suṣumnā brahmarūpiṇī || 8 ||
vāmāvartakrameṇaiva veṣṭanaṃ viṣatantuvat |
mūlādibrahmarandhrāntaṃ vyāpya tiṣṭhati sarvadā || 9 ||
icchājñānakriyārūpā trināḍī sarvatantuṣu |
tisraḥ koṭyaḥ sahasraṃ tu śarīre nāḍyo matāḥ || 10 ||
tāsu mukhyā daśa proktā tāsu tisro vyavasthitāḥ |
vāmanāḍyāṃ maheśāni ! vāyubījena pūrayet || 11 ||
vāyuṃ ṣoḍśadhā japtvā pūrayed vāmavartani |
maṇipūre maheśāni catuḥṣaṣṭhī ca dhārayet || 12 ||
recayet kumbhakārdhena dakṣanāḍyāṃ śucismite |
vahnibījaṃ maheśāni ! hṛtpadme pūrvavat priye || 13 ||
saṃśodhya vāyubījena vahnibījena sandahet |
lalāṭe vāruṇaṃ bījaṃ śuklaṃ sañcintya sundari || 14 ||
kumbhakārdhaṃ japitvā vai recayed dakṣiṇe pathe |
evaṃ dvādaśadhā devi bhūtaśuddhiṃ samācaret || 15 ||
bṛhacchuddhiṃ maheśāni pañcabhūtasya pārvati ! |
pūrvoktaṃ parameśāni sāmānyaṃ śuddhimeva ca || 16 ||
dehasya parameśāni bhūtaśuddhiritīritā |
dehasya sūkṣmarūpasya bhūtaśuddhiriyaṃ priye || 17 ||
manasaḥ parameśāni ! unmanīsahitā yadi |
jīvena saha deveśi suṣumnāyāṃ nimajjayet || 18 ||
dhyānadhāraṇayogena brahma sākṣānna saṃśayaḥ |
prajapet parayā bhaktyā mālayā varṇasaṅkhyayā || 19 ||
muhūrtaṃ bhāvayed vidyāṃ manonmanīyutā priye |
manonmanīyute jīvaḥ brahmarandhre ca saṃjapet || 20 ||
tato brahmanadīṃ prāpya snānaṃ kṛtvā varānane ! |
jīvaḥ śuddho bhaved devi gaṇaiḥ parikaraiḥ saha || 21 ||
jīvasya parameśāni parivāraṃ śṛṇu priye |
akṣiṇī nāsike karṇau jihvā ca kamalekṣaṇe || 22 ||
hastapādau maheśāni guhyopasthau kramāt priye |
nābhiṃ ca parameśāni ! manaśca parameśvari || 23 ||
sarveṣāmindriyāṇāṃ ca manaḥ sarvatra sārathiḥ |
manaśca parameśāni ! unmanī bhavanāśinī || 24 ||
unmanī sārathirdevi daśā tu nirguṇāḥ priye |
jāgratsvapnasuṣuptyavasthā etad devi trayaṃ smṛtam || 25 ||
tataḥ paraṃ maheśāni tu [sū] ryāvasthā vidhīyate |
indriyāṇāṃ tu sarveṣāṃ manaḥ paramasārathiḥ || 26 ||
sadasatkarmakartṛtvājjīvasya sārathirmanaḥ |
svakarma bhajate devi ! unmanī satataṃ priye || 27 ||
asatkarma maheśāni pāpayogāt prajāyate |
rodanaṃ mohamūrcche ca kṣudhā tṛṣṇā śucismite || 28 ||
puruṣāt pāpamu[syo]tpattirjāyate kamalekṣaṇe |
jobo nityo'vyayaḥ sūkṣmaḥ sarvagaḥ sarvavit paraḥ || 29 ||
yathā brahma tathā jīvaḥ pradīpakalikā iva |
pradīpakalikākāraḥ sarvaḥ prāpya vijṛmbhate || 30 ||
manasā parameśāni dhyātvā nāḍīṃ parāṃ śivām |
koṭisūryapratīkāśāṃ svarṇadīṃ pāpanāśinīm || 31 ||
tanmadhye parameśāni suṣumnāṃ bhuvi tatparām |
sākṣād brahmahradākārāṃ nānāsukhavihāriṇīm || 32 ||
sukhasevyāṃ sadārādhyāṃ sākṣād brahmasvarūpiṇīm |
jñānavijñānasaṃyuktāṃ cidākārāṃ sanātanīm || 33 ||
paraṃ brahma maheśāni yasyāḥ pālaṅkamicchati |
vāmapārśve sthitāṃ nityāṃ brahmarūpāṃ taḍinmayīm || 34 ||
dakṣiṇe piṅgalāṃ devīṃ puṃrūpāṃ sūryasannibhām |
tanmadhyasthāṃ maheśāni amṛtabhavapūritām || 35 ||
vicitrāṃ paramāṃ sūkṣmāṃ mahāmokṣapradāyinīm |
vāmanāḍī maheśāni suptirūpā puraḥsthitā || 36 ||
svapnantu parameśāni turīyā parigīyate |
dakṣiṇe piṅgalāśritā || 37 ||
suṣumnā parameśāni jāgadrūpā sanātanī |
vicitrā parameśāni turīyā parigīyate || 38 ||
citrā madhyagatā bhūtvā jīvaḥ śuddhamanā bhavet |
śuddhaḥ sattvātmako jīva iṣṭadevīṃ hṛdi nyaset || 39 ||
hṛdi dhyātvā maheśāni jīvo brahmaparaṃ bhavet |
vāratrayaṃ maheśāni yātāyātaṃ karoti hi || 40 ||
etadrahasyaṃ paramaṃ brahmaloke sudurlabham |
na kasmaicit pravaktavyaṃ paśave kamalekṣaṇe || 41 ||
etat prakāśanāddevi hāniḥ syāduttarottaram |
etattatvaṃ maheśāni hṛdaye kuru yatnataḥ || 42 ||
etattatvaṃ maheśāni brahma jānāti keśavaḥ |
etattattvaṃ vinā devi mantrasiddhirna jāyate |
etattattvaṃ maheśāni brahmaviṣṇuśivātmakam || 43 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre haragaurīsaṃvāde ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ || 6 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Śiva sagt: Höre dieses besondere Wissen; wer es erkennt, so erklärt der Text, versteht die Kraft, durch die Śiva den Tod überwindet.
Abschnitt 2
Durch dieses Wissen wird Brahmā als Schöpfer und Viṣṇu als Erhalter verstanden.
Abschnitt 3
Śiva selbst erscheint damit als Auflöser; auch Mond und Sonne wirken durch dieselbe Erkenntnis.
Abschnitt 4
Durch diese Kraft wird das ganze bewegliche und unbewegliche Universum erhellt. Die zugrunde liegende Śakti ist unmanifest und durch Yoga zugänglich.
Abschnitt 5
Sie wohnt im Körper in Kāmārūpa-Gestalt. Der Körper wird zweifach unterschieden: grob und subtil.
Abschnitt 6
Der grobe Körper besteht aus Fleisch, Knochen, Haar, Blut, Fett, Mark und den übrigen körperlichen Bestandteilen; die überlieferte Aufzählung ist teils beschädigt.
Abschnitt 7
Nun wird der subtile Körper erklärt: links befindet sich Iḍā, weiß und mondhaft.
Abschnitt 8
Rechts liegt Piṅgalā, männlich und sonnenhaft; dazwischen Suṣumṇā als Brahman-Gestalt.
Abschnitt 9
Suṣumṇā verläuft vom Wurzelbereich bis zum Brahmarandhra und wird als fein wie ein Lotusfaden beschrieben.
Abschnitt 10
Die drei Nāḍīs werden mit Icchā, Jñāna und Kriyā verbunden. Der Text nennt eine sehr große Zahl von Nāḍīs im Körper.
Abschnitt 11
Unter ihnen seien zehn besonders wichtig und unter diesen wiederum drei. Durch Iḍā wird mit dem Vāyu-Bīja eingeatmet.
Abschnitt 12
Der Vāyu-Japa erfolgt sechzehnmal; im Maṇipūra wird der Atem mit 64 Wiederholungen gehalten.
Abschnitt 13
Ausgeatmet wird mit der halben Kumbhaka-Zahl über die rechte Nāḍī; danach folgt im Herzlotus das Feuer-Bīja.
Abschnitt 14
Nach Reinigung durch das Luft-Bīja wird mit dem Feuer-Bīja verbrannt; an der Stirn wird das weiße Varuṇa-Bīja meditiert.
Abschnitt 15
Nach der vorgesehenen Japa-Zahl wird rechts ausgeatmet. Dieser ganze Vorgang wird zwölfmal als Bhūtaśuddhi beschrieben.
Abschnitt 16
Dies nennt der Text die große Reinigung der fünf Elemente; daneben kennt er eine allgemeinere, zuvor erklärte Reinigung.
Abschnitt 17
Die Bhūtaśuddhi betrifft sowohl den groben Körper als auch dessen subtile Gestalt.
Abschnitt 18
Wenn der Geist mit Unmanī verbunden ist, sollen Jīva und Geist in die Suṣumṇā eintauchen.
Abschnitt 19
Durch Dhyāna, Dhāraṇā und Yoga wird Brahman unmittelbar erkannt, so erklärt der Text; die Vidyā wird mit tiefer Bhakti und entsprechend der Buchstabenzahl rezitiert.
Abschnitt 20
Für einen Muhūrta wird die Vidyā mit Manas und Unmanī meditiert; der Jīva rezitiert im Brahmarandhra.
Abschnitt 21
Durch das Erreichen der Brahmanāḍī und das innere Bad wird der Jīva mitsamt seinem 'Gefolge' gereinigt.
Abschnitt 22
Nun wird dieses Gefolge des Jīva beschrieben: Augen, Nase, Ohren und Zunge.
Abschnitt 23
Dazu Hände, Füße, Ausscheidungs- und Zeugungsorgane, Nabel und Geist.
Abschnitt 24
Der Geist ist der Wagenlenker aller Sinne; Unmanī wird als das Werden vernichtende Kraft des Geistes bezeichnet.
Abschnitt 25
Unmanī führt über die guṇahaften Zustände hinaus; Wachen, Traum und Tiefschlaf bilden die bekannten drei Zustände.
Abschnitt 26
Darüber nennt die beschädigte Überlieferung einen weiteren Zustand; zugleich bleibt der Geist der höchste Wagenlenker aller Sinne.
Abschnitt 27
Als Lenker des Jīva vermittelt der Geist gutes und schlechtes Karma; Unmanī führt über diese Bindung hinaus.
Abschnitt 28
Schlechtes Handeln, Weinen, Verblendung, Ohnmacht, Hunger und Durst werden symbolisch dem Pāpapuruṣa zugeschrieben.
Abschnitt 29
Der Jīva selbst wird als ewig, unvergänglich, subtil, allgegenwärtig und wissend beschrieben; die Zeile enthält einen offensichtlichen Überlieferungsfehler bei 'jīva'.
Abschnitt 30
Wie Brahman wird der Jīva als kleine Lampenflamme beschrieben, die sich in der Erfahrung entfaltet.
Abschnitt 31
Mit dem Geist soll eine höchste, sonnenstrahlende und Verfehlungen vernichtende Nāḍī meditiert werden.
Abschnitt 32
In ihrer Mitte liegt Suṣumṇā, unmittelbar einem Brahman-See vergleichbar und Trägerin innerer Freude.
Abschnitt 33
Sie ist verehrungswürdig, Brahman-Gestalt, mit Erkenntnis und unmittelbarem Wissen verbunden und von der Natur des Bewusstseins.
Abschnitt 34
Links davon wird eine ewige, blitzartige Brahman-Gestalt beschrieben; die genaue syntaktische Beziehung zum vorangehenden Vers ist nicht völlig klar.
Abschnitt 35
Rechts liegt Piṅgalā, sonnenhaft; in der Mitte befindet sich die subtile, mit Amṛta erfüllte Bahn.
Abschnitt 36
Diese mittlere Kraft ist höchst subtil und wird als große Spenderin von Mokṣa gepriesen.
Abschnitt 37
Die linke Nāḍī wird mit Schlaf verbunden; die folgende Zuordnung von Traum und Turīya ist in der Vorlage beschädigt.
Abschnitt 38
Ein Teil des Verses fehlt; sicher ist nur, dass die rechte Seite mit Piṅgalā verbunden wird.
Abschnitt 39
Suṣumṇā wird als wacher, ewiger Zustand bezeichnet, Citrā wiederum mit Turīya verbunden.
Abschnitt 40
Wenn der Jīva in Citrā zur Mitte gelangt, wird sein Geist rein; der sattvische Jīva installiert die Iṣṭadevatā im Herzen.
Abschnitt 41
Durch Herzmeditation wird der Jīva brahmanorientiert; der Auf- und Abstieg wird dreimal vollzogen.
Abschnitt 42
Dieses Geheimnis gilt als selbst in Brahmaloka schwer zu erlangen und soll nach traditioneller Aussage nicht Ungeeigneten mitgeteilt werden.
Abschnitt 43
Die Offenlegung an Ungeeignete soll Schaden bringen; deshalb soll das Tattva im Herzen bewahrt werden.
Abschnitt 44
Brahmā, Viṣṇu und Śiva kennen dieses Tattva; ohne es, sagt der Text, entsteht keine Mantrasiddhi. Es ist selbst von der Natur dieser drei Gottheiten.
Erläuterung
Diese Abschnitte sind besonders wichtig für Prāṇāyāma und Nāḍī-Lehre. Sie sollten quellengetreu gelesen und nicht automatisch mit modernen Atemkursen gleichgesetzt werden.
7. Bindu, Śakti-Prādhānya und Paramasundarī
Handlung / Praxisziel
Bindu, Śakti-Prādhānya und Paramasundarī.
Sanskrittext (IAST)
atha saptamaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
bhūtaśuddhermaheśāna rahasyaṃ paramādbhutam |
anyad vada maheśāna yadyahaṃ tava vallabhā || 1 ||
yadi na kathyate deva vimuñcāmi tadā tanum |
śūlapāṇe mahādeva kṛpayā kathaya prabho || 2 ||
gaṇasundara deveśa hṛdayānmama sāmpratam |
rahasyaṃ na hi deveśi sampuṭaṃ hṛdaye mama |
tava snehānmaheśāni nigadāmi punaḥ punaḥ || 3 ||
hṛdaye sampuṭe devi brahmarandhre ca varttate |
yāni yānīha tiṣṭhanti rahasyaṃ kamalekṣaṇe || 4 ||
sadā mayi maheśāni gauravaṃ vihitaḥ priye |
trayodaśātmakaṃ [devi] bindvarddhacandrasaṃyutam || 5 ||
kuru brahmaviṣṇuśivātmakaṃ praṇavaṃ triguṇānvitaṃ tattvasukham |
brahmasthānaṃ sadā sevyamānaṃ parameśvari || 6 ||
brahmā viṣṇuśivopari sthitam |
arddhayoniṃ tadupari binduṃ nirvikāraṃ nirīham || 6 ||
jyotirmayī sadā saṃsevyamānaṃ brahmādibhiryā mūrdhni dhatte parameśvari |
taṃ binduṃ sadā bhāvaya pārvati || 7 ||
nānyathā vacanaṃ mama hṛdi saṃsthitaṃ nirañjanaṃ puraṃ bindum |
binduṃ bhāvaya deveśi kiṃ japena śucismite || 8 ||
śrī-īśvara uvāca
iti sañcintya hṛdaye sarvaṃ pūjāphalaṃ labhet |
pūjābhāve maheśāni hṛdaye cintayet śivām || 9 ||
sarvapūjāphalaṃ devi prāpnoti pūjakaḥ priye |
kiṃ tasya dhyānapūjāyāṃ binduṃ bhāvaya pārvati || 10 ||
sarveṣāmindriyāṇāñca tattvānāñca śucismite |
jīvonmanī ca deveśi sarvāṇi brahma kāraṇam || 11 ||
yāni yānīha deveśi indriyāṇīha pārvati |
tāni sarvāṇi deveśi prakṛteḥ paramaṃ vapuḥ || 11 ||
brahmaṇaḥ kāraṇaṃ devi sadā prakṛtirūpiṇī |
prakṛtiḥ parameśāni brahmaṇo'vyaktamavyayam || 12 ||
svastyarthe parameśāni bhinnatāṃ satataṃ gatā |
śaktiṃ vinā maheśāni brahma vai śavarūpavat || 13 ||
nirañjanaṃ nirākāraṃ sadā paśyanti yoginaḥ |
prakṛtyā saha saṃyogaṃ sadā yāti nirañjanaḥ || 14 ||
sṛṣṭikartā sadā nityaṃ jāyate kamalānane |
ata eva maheśāni śaktiprādhānyamucyate || 15 ||
anantāḥ śaktayaḥ proktā vyāpya te sacarācaram |
śaktiṃ binā maheśāni brahmāṇḍaṃ śavarūpavat || 16 ||
yā śaktiḥ parameśāni muktistu parigīyate |
sā strīrūpā mahādevi hetubhūtā sanātanī || 17 ||
yatkiñcit kriyate kāryaṃ sarvaṃ tejasi līyate |
śrī-īśvara uvāca
śṛṇu vakṣyāmi deveśi rahasyaṃ paramādbhutam |
sārātsārataraṃ ramyaṃ ātmamadhyasthitaṃ sadā || 18 ||
tato jīvo maheśāni dhyāyet paramasundarīm |
śivasya yuvatīṃ bhadrāṃ koṭikandarpasaṃyutām || 19 ||
tasyā kaṭākṣamātreṇa brahmādyā jaḍavat priye |
tantroktavidhinā devi dhyāyet paramasundarīm || 20 ||
iṣṭavidyāṃ maheśāni aṣṭottaraśataṃ japet |
mūlādibrahmarandhrāntaṃ nadīṃ brahmasvarūpiṇīm || 21 ||
tatra nadyāṃ maheśāni snāto jīvaḥ sadā śuciḥ |
vāyuṃ vahniṃ tadā devi varuṇaṃ tadanantaram || 22 ||
bindvarddhasaṃyutaṃ kṛtvā sadā manasi bhāvayet |
bhūtaśuddhirmaheśāni tatkṣaṇādapi jāyate || 23 ||
tato jīvaḥ prasannātmā sūkṣmaśuddhimavāpnuyāt |
indriyāṇāñca sarveṣāṃ sarvatattvaṃ śucismite || 24 ||
tāni sarvāṇi sūkṣmāṇi prakṛtisthā sadā śive |
śarīraṃ dvividhaṃ devi sthūlaṃ sūkṣmamidaṃ smṛtam || 25 ||
sūkṣmañca prakṛte rūpaṃ sthūlañca parameśvari |
sūkṣmaṃ saṃśodhya vidhivat sthūlañca tadanantaram || 26 ||
śṛṇu kamalapatrākṣi bhāvayediṣṭadevatām |
jīvañca parameśāni brahmanadyāṃ śucismite || 27 ||
snānaṃ hi vidhivat kṛtvā sadā śivapuraṃ vrajet |
tato jīvo maheśāni vāmanāsāpuṭe priye || 28 ||
viśuddhāṃ paramāṃ sukṣmāṃ viṣatantutanīyasīm |
samānīya vahnirūpaṃ sākṣāt paramasundarīm || 29 ||
sadā śivapure bhadre bhāvayet paradevatām |
tatra gatvā maheśāni bhāvayediṣṭadevatām || 30 ||
tantroktavidhinā devi dhyātvāmṛtamayīṃ śivām |
sadā ṣoḍaśavarṣīyāṃ navayauvanasaṃyutām || 31 ||
pūrṇacandranibhāṃ raktāṃ sadā cañcalalocanām |
śuklakṛṣṇāruṇayutāṃ pītāṃ nīlasamāvṛtām || 32 ||
nānāratnayutāṃ ramyāṃ pādau nūpuraśobhitām |
kiṅkiṇī ca tathā kaṭyāṃ ratnakāñcanamaṇḍitām || 33 ||
yoginīkoṭibhiryuktāṃ nānāsukhavihāriṇīm |
kandarpakoṭilāvaṇyāṃ sadāmṛtavivarddhinīm || 34 ||
praphullacañcalāpāṅgi prabodhya paramaṃ śivam |
mukhāravindagandhenāmoditaṃ paramaṃ śivam || 35 ||
prabodhya parameśāni tatropa(copa)viśet priye |
śaktisaṃyogamātreṇa sāratvaṃ tasya naśyati |
śivaśaktisamāyogādānandaṃ jāyate drutam || 36 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre haragaurīsaṃvāde saptamaḥ paṭalaḥ || 7 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Die Göttin bittet: Erkläre mir noch ein weiteres höchst wunderbares Geheimnis der Bhūtaśuddhi, wenn ich dir lieb bin.
Abschnitt 2
Wenn du es nicht erklärst, sagt sie in devotionaler Übertreibung, werde ich den Körper aufgeben; darum sprich aus Gnade, o Dreizackträger.
Abschnitt 3
Śiva antwortet, dass er aus Liebe immer wieder mitteilt, was in seinem Herzen als Geheimnis verschlossen ist.
Abschnitt 4
Im Herzen und im Brahmarandhra befinden sich diese verborgenen Lehren; dort sind die geheimen Kräfte gesammelt.
Abschnitt 5
Der Text nennt eine dreizehnfache Form, verbunden mit Bindu und Halbmond.
Abschnitt 6
Sie wird mit Praṇava, den drei Guṇas und Brahmā, Viṣṇu und Śiva verbunden; die Überlieferung zählt diesen Abschnitt unregelmäßig.
Abschnitt 7
Eine weitere beschädigte Zeile beschreibt über Brahmā, Viṣṇu und Śiva eine Halbyoni und darüber den unbewegten, wunschlosen Bindu.
Abschnitt 8
Dieser Bindu ist lichtvoll, von Brahmā und anderen verehrt und soll beständig meditiert werden.
Abschnitt 9
Der reine, fleckenlose Bindu im Herzen ist nach Śivas Aussage selbst Gegenstand der Bhāvanā; bloßer Japa tritt demgegenüber zurück.
Abschnitt 10
Wer dies im Herzen meditiert, erhält nach Aussage des Textes die Frucht der gesamten Pūjā; wenn äußere Pūjā fehlt, soll Śivā innerlich verehrt werden.
Abschnitt 11
Die Meditation des Bindu wird als so umfassend dargestellt, dass die Frucht aller Pūjā daraus erwächst.
Abschnitt 12
Alle Sinne und Tattvas sowie Jīva und Unmanī werden auf Brahman als Ursache bezogen.
Abschnitt 13
Die Sinne werden als höchste Körpergestalt der Prakṛti beschrieben; in der Quelle ist die Versnummer 11 doppelt gesetzt.
Abschnitt 14
Prakṛti ist Ursache bzw. unmanifestes, unvergängliches Prinzip in Beziehung zu Brahman.
Abschnitt 15
Sie tritt für die Entfaltung der Welt in Verschiedenheit. Ohne Śakti ist Brahman, bildhaft gesprochen, wie ein Leichnam.
Abschnitt 16
Die Yogis sehen das fleckenlose Formlose; zugleich verbindet sich dieses mit Prakṛti.
Abschnitt 17
Durch diese Verbindung wird es zum Schöpfer; daher wird der Vorrang der Śakti gelehrt.
Abschnitt 18
Unzählige Śaktis durchdringen Bewegliches und Unbewegliches; ohne Śakti ist das Brahmāṇḍa wie leblos.
Abschnitt 19
Śakti selbst wird mit Mukti identifiziert; sie erscheint als weibliche, ewige Ursache.
Abschnitt 20
Alles Wirken geht schließlich im höchsten Licht auf.
Abschnitt 21
Śiva erklärt nun ein noch wesentlicheres Geheimnis, das im Inneren des Selbst ruht.
Abschnitt 22
Der Jīva meditiert die höchste Schöne, die jugendliche Śakti Śivas, von unermesslicher Schönheit.
Abschnitt 23
Schon ihr Seitenblick macht nach poetischer Darstellung selbst Brahmā und andere reglos; sie soll nach tantrischer Vorschrift meditiert werden.
Abschnitt 24
Die eigene Iṣṭa-Vidyā wird 108-mal rezitiert; zugleich wird die Brahmanāḍī vom Mūla bis zum Brahmarandhra meditiert.
Abschnitt 25
Der Jīva badet in dieser inneren Nāḍī und wird dadurch rein.
Abschnitt 26
Vāyu, Agni und danach Varuṇa werden als Reinigungsprinzipien mit den entsprechenden Bījas vergegenwärtigt.
Abschnitt 27
Mit Bindu und Halbmond verbunden werden sie im Geist meditiert; daraus entsteht Bhūtaśuddhi.
Abschnitt 28
Der Jīva wird friedvoll und erlangt subtile Reinigung; damit werden Sinne und Tattvas einbezogen.
Abschnitt 29
Alle subtilen Prinzipien ruhen in Prakṛti. Der Körper wird erneut in grob und subtil unterschieden.
Abschnitt 30
Der subtile Körper ist eine Form der Prakṛti; zuerst soll dieser und danach der grobe Körper gereinigt werden.
Abschnitt 31
Nun wird die Iṣṭadevatā meditiert und der Jīva in der Brahmanāḍī vergegenwärtigt.
Abschnitt 32
Nach dem inneren Bad geht der Jīva zur Stadt Śivas.
Abschnitt 33
Über den linken Nasengang wird eine äußerst reine, feine und lotusfadenartige Kraft aufgenommen.
Abschnitt 34
Sie erscheint feurig und als Paramasundarī; in der Stadt Śivas wird die höchste Göttin meditiert.
Abschnitt 35
Dort wird die Iṣṭadevatā nach tantrischer Vorschrift als amṛtahaft und sechzehnjährig-jugendlich visualisiert.
Abschnitt 36
Sie ist vollmondgleich, rötlich und mit beweglichen Augen.
Abschnitt 37
Ihre Farbigkeit umfasst Weiß, Schwarz, Rot, Gelb und Blau; sie ist von Edelsteinen und Schmuck umgeben.
Abschnitt 38
Ihre Füße tragen Fußreifen, ihre Hüften klingelnden und goldenen Schmuck.
Abschnitt 39
Sie ist von unzähligen Yoginīs umgeben, bewegt sich in verschiedenen Freuden und besitzt Schönheit wie Millionen Kāmadevas.
Abschnitt 40
Mit ihrem geöffneten Blick erweckt sie den höchsten Śiva; der Duft ihres Lotusgesichts erfüllt ihn.
Abschnitt 41
Śiva wird durch sie erweckt und nimmt neben ihr Platz; die überlieferte Wortform in dieser Zeile ist beschädigt.
Abschnitt 42
Durch die bloße Verbindung von Śakti und Śiva entsteht rasch Ānanda. Der Text versteht diese Vereinigung als kosmischen und inneren Prozess.
Erläuterung
Der Abschnitt verbindet Ritualtechnik mit der śāktischen Grundthese, dass Bewusstsein, Śakti und Körper nicht voneinander getrennt sind.
8. Innere Pūjā und Vorrang der Śakti
Handlung / Praxisziel
Innere Pūjā und Vorrang der Śakti.
Sanskrittext (IAST)
atha athāṣṭamaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
etasmin samaye devi svavidyāṃ prajapet sudhīḥ |
aṣṭottaraśataṃ japtvā siddho bhavati nānyathā || 1 ||
manaḥsārathinā jīvaḥ unmanī manasārathiḥ |
tasmin kṣaṇe maheśāni puruṣaṃ pāparupiṇam || 2 ||
sakhāvat manasā devi jīvo brahmapuraṃ yadā |
pāpasya gamanaṃ nāsti sadāśivapuraṃ priye || 3 ||
sadāśivapuraṃ devi sarvaśaktimayaṃ smṛtam |
ṣaṭcakre parameśāni kṣaṇaṃ dhyātvā japenmanum || 4 ||
tadanu parameśāni praticakreṣu saṃjapet |
ṣaṭcakraṃ paramaṃ divyaṃ sadā śivapurīsamam || 5 ||
ṣaṭcakre parameśāni ṣaṭśaktirvidyate nṛṇām |
muhūrtābhyantare devi yātāyātaṃ karoti yaḥ || 6 ||
sa śivaḥ sa ca viṣṇuśca sa siddhaḥ parameśvari |
yaḥ karoti prasannātmā suṣumnāmadhyavartini || 7 ||
yo japet parayā bhaktyā svavidyāṃ kamalekṣaṇe |
ekoccāreṇa girije koṭipūjāphalaṃ labhet || 8 ||
kiṃ tasya bāhyapūjāyāṃ sarvaṃ vyarthaṃ kadarthanam |
mānasoccāraṇād devi japāt siddhiḥ prajāyate || 9 ||
manasā dhyānamātreṇa sarvasiddhirna saṃśayaḥ |
antaḥpūjā maheśāni bāhyakoṭisamaṃ smṛtam || 10 ||
pūjā hi parameśāni dvividhaṃ kamalānane |
antaḥ sūkṣmaṃ bahiḥ sthūlaṃ sarvāgamamataṃ priye || 11 ||
ekaṃ hi sūkṣmapūjāyāṃ koṭisthūlaṃ bhavet priye |
na śuddhiṃ parameśāni vastrādīni śucismite || 12 ||
sarvāsu bāhyapūjāsu antaḥpūjā vidhīyate |
antaḥpūjā maheśāni tejaḥpuñjasya bhāvanam || 13 ||
tejaḥpuñjaṃ maheśāni anantaśaktisaṃyutam |
sūkṣmadehe maheśāni sūkṣmapūjā vidhīyate || 14 ||
sthūlapūjā sthūladehe pūjādvayamihocyate |
sukṣmā tu paramā pūjā sākṣāt prakṛtirūpiṇī || 15 ||
yā pūjā parameśāni strīrūpā śaktirūpiṇī |
brahmaviṣṇuśivādīnāṃ sā pūjā iṣṭadevatā || 16 ||
viṣṇuṃ vā pūjayed yastu śivaṃ vā kamalekṣaṇe |
sarvaṃ hi parameśāni paratejasi līyate || 17 ||
yāni yāni maheśāni naivedyaṃ dīpamuttamam |
sarvaṃ tadakṣayaṃ yāti paratejasi arpaṇāt || 18 ||
niścayaṃ paramaṃ brahma kutaḥ prītiḥ kutaḥ sukham |
nirākāraṃ nirīhañca rahitamindriyeṇa ca || 19 ||
sarvaṃ hi parameśāni vyāpya tiṣṭhati mohinī |
yad yat karmakṛtaṃ puṇyaṃ tattadakṣayamāpnuyāt || 20 ||
brahmarūpaṃ maheśāni śaktiśca niścayaṃ priye |
tasya pūjā maheśāni kadācinnāsti pārvati || 21 ||
ata eva maheśāni brahmaṇaḥ śaktikāraṇam |
kāryañca parameśāni śaktiśca satataṃ priye || 22 ||
ataḥ paraṃ maheśāni na kāryakāraṇaṃ priye |
yastu satataṃ devi īśvare niścalaḥ sadā || 23 ||
śaktiyuktaṃ japed devaṃ īśvaraṃ satataṃ priye |
ata eva maheśāni brahmaśaktiḥ parā sadā || 24 ||
śaktyā binā maheśāni na hi muktiḥ prajāyate |
tasmācchaktiśca muktiśca strīrūpī śaktirūpiṇī || 25 ||
bhaktyā binā maheśāni na hi muktiḥ prajāyate |
muktestu kāraṇaṃ devi bhaktiḥ paramadurlabhā || 26 ||
atastrayaṃ maheśāni strīmayaṃ sacarācaram |
śrī-īśvara uvāca
ṣaṭcakrāṇāṃ maheśāni kramād vakṣyāmi śodhanam |
mūlādhārasthitaṃ bhūmiṃ svādhiṣṭhānasvarūpakam || 27 ||
maṇipūre jalaṃ devi tataśca marutaṃ tathā |
viśuddhau ca maheśāni ākāśaṃ kamalānane || 28 ||
ājñācakre maheśāni manaḥ sarvārthasādhakam |
tadūrdhve parameśāni padmamūrdhvamukhaṃ tathā || 29 ||
śaktipuraṃ maheśāni sadāśivapuropari |
sadāśivapuraṃ prāpya śuddhasphaṭikasannibham || 30 ||
sahasrādityasaṅkāśaṃ mahākālena saṅgatam |
mahānandigaṇākīrṇaṃ manasā bhāvayet sadā || 31 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre harapārvatīsaṃvāde aṣṭamaḥ paṭalaḥ ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
In diesem Zustand soll der Weise seine eigene Vidyā 108-mal rezitieren; so entsteht nach Aussage des Textes Siddhi.
Abschnitt 2
Der Jīva hat den Geist als Wagenlenker, der Geist wiederum Unmanī; in diesem Augenblick wird der Pāpapuruṣa zurückgelassen.
Abschnitt 3
Wenn der Jīva mit dem Geist wie mit einem Freund nach Brahmapura geht, kann der Pāpapuruṣa die Stadt Sadāśivas nicht erreichen.
Abschnitt 4
Sadāśivapura wird als von allen Śaktis erfüllt bezeichnet. In den sechs Chakras soll jeweils kurz meditiert und der Mantra rezitiert werden.
Abschnitt 5
Danach wird in jedem einzelnen Chakra weiter rezitiert; die sechs Chakras werden selbst mit der göttlichen Stadt verglichen.
Abschnitt 6
In ihnen wohnen sechs Śaktis. Wer den Auf- und Abstieg innerhalb eines Muhūrta vollzieht, gilt als vollendeter Übender.
Abschnitt 7
Ein solcher wird im Text mit Śiva und Viṣṇu verglichen, wenn er die Praxis in der Suṣumṇā mit klarem Geist vollzieht.
Abschnitt 8
Wer seine eigene Vidyā mit höchster Bhakti rezitiert, soll schon durch eine einzige Rezitation die Frucht unzähliger Pūjās erlangen.
Abschnitt 9
Der Text relativiert daraufhin die äußere Pūjā: mentaler Japa gilt als unmittelbar siddhigebend.
Abschnitt 10
Bloße innere Meditation wird als Träger aller Siddhis gepriesen; eine innere Pūjā wird millionenfacher äußerer Pūjā gleichgesetzt.
Abschnitt 11
Pūjā ist zweifach: innerlich-subtil und äußerlich-grob.
Abschnitt 12
Eine einzige subtile Pūjā gilt als gewichtiger als unzählige grobe; äußere Reinheitsmittel wie Kleidung sind für die reine innere Praxis nicht entscheidend.
Abschnitt 13
Bei allen äußeren Pūjās soll zugleich eine innere Pūjā stattfinden; sie ist die Meditation eines Lichtbündels.
Abschnitt 14
Dieses Lichtbündel ist mit unendlichen Śaktis erfüllt; die subtile Pūjā geschieht im subtilen Körper.
Abschnitt 15
Die grobe Pūjā geschieht im groben Körper; die subtile wird als die höchste und als Prakṛti-Gestalt bezeichnet.
Abschnitt 16
Diese höchste Pūjā ist weiblich und Śakti-Gestalt; sie wird selbst als Iṣṭadevatā Brahmās, Viṣṇus, Śivas und anderer verstanden.
Abschnitt 17
Ob man Viṣṇu oder Śiva verehrt – alles geht im höchsten Licht auf.
Abschnitt 18
Naivedya, Lampe und alle anderen Opfergaben werden durch Darbringung an das höchste Licht unvergänglich gedacht.
Abschnitt 19
Das höchste Brahman ist formlos, wunschlos und jenseits der Sinne; Begriffe von Gefallen und Genuss greifen dort nicht in gewöhnlicher Weise.
Abschnitt 20
Dennoch durchdringt die Mohinī-Śakti alles, und jede verdienstvolle Handlung erhält in ihr bleibende Bedeutung.
Abschnitt 21
Brahman und Śakti werden hier nicht getrennt: eine besondere äußere Pūjā des reinen Brahman ist nach dem Text nicht möglich.
Abschnitt 22
Darum wird Śakti als Ursache der Manifestation des Brahman und als Wirkkraft bezeichnet.
Abschnitt 23
Jenseits von Ursache und Wirkung ruht, wer unerschütterlich im Īśvara gegründet ist.
Abschnitt 24
Der Gott wird immer als mit Śakti verbunden rezitiert; so erscheint Brahmaśakti als höchste Kraft.
Abschnitt 25
Ohne Śakti entsteht nach Aussage des Textes keine Mukti; Śakti und Mukti werden miteinander identifiziert.
Abschnitt 26
Ebenso wird Bhakti als notwendige Ursache der Befreiung gepriesen.
Abschnitt 27
Die Schlusszeile dieses Abschnitts besagt, dass das Bewegliche und Unbewegliche in dreifacher Weise von der weiblichen Śakti durchdrungen ist; die Syntax ist knapp.
Abschnitt 28
Nun erklärt Śiva die stufenweise Reinigung der sechs Chakras, beginnend beim Mūlādhāra und seinem Erdprinzip.
Abschnitt 29
Der Text ordnet im weiteren Verlauf Wasser, Feuer, Luft und Raum den inneren Zentren zu; die konkrete Zuordnung in diesen Zeilen weicht teilweise von verbreiteten späteren Schemata ab und wird nicht harmonisiert.
Abschnitt 30
Im Ājñā-Cakra steht der Geist als Mittel aller Ziele; darüber liegt ein nach oben geöffnetes Lotuszentrum.
Abschnitt 31
Darüber wird Śaktipura und die Stadt Sadāśivas beschrieben, kristallklar.
Abschnitt 32
Sie leuchtet wie tausend Sonnen und ist von Mahākāla und Scharen großer Nandins umgeben; so soll sie geistig meditiert werden.
Erläuterung
Die innere Pūjā wird hier ausdrücklich höher bewertet als bloße äußere Form. Das macht diesen Teil besonders zugänglich für kontemplative Praxis.
9. Dhyāna, Dhāraṇā, Samādhi und Svāgama
Handlung / Praxisziel
Dhyāna, Dhāraṇā, Samādhi und Svāgama.
Sanskrittext (IAST)
atha navamaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
evaṃ hi manasā jīvaṃ dṛṣṭvā hi paramaṃ śivam |
ānandapulakodbhūte jīvo bhavati sundari || 1 ||
sadāśivaṃ maheśāni śuddhasphaṭikasannibham |
bahuratnasamākīrṇaṃ dīrghabāhuṃ manoharam || 2 ||
sukhaprasannavadanaṃ svairāpyaṃ satataṃ priye |
śravaṇe kuṇḍalopete ratnahāreṇa śobhitam || 3 ||
golapadmasahasreṇa mālayā śobhitaṃ vapuḥ |
aṣṭabāhu/ trinayanaṃ śivaṃ padmadalekṣaṇam || 4 ||
pādayornūpuraṃ ramyaṃ śabdañca śabdabrahmavat |
evaṃ sthūlavapustasya bhāvayet kamalānane || 5 ||
śirasopari deveśi bhāvayejjīvaśataṃ śivam |
sūkṣmantu paramaṃ divyaṃ nirīhaṃ jaḍavat sadā || 6 ||
sūkṣme dhyānaṃ maheśāni kadācinna hi jāyate |
sthūladhyānaṃ maheśāni kṛtvā mokṣamavāpnuyāt || 7 ||
sthūlaṃ hi prakṛte rūpaṃ dhyānañca prakṛteḥ priye |
ādau sthūlatanuṃ devi sampūjya kamalānane || 8 ||
tatastu parameśāni paratejaśca bhāvayet |
tejaśca parameśāni prakṛtirmohinīti ca || 9 ||
prādhānyaṃ parameśāni prakṛteḥ śivapūjane |
tasmāt sarvāsu pūjsāsu śaktiḥ prādhānyamucyate || 10 ||
yadā tu parameśāni hṛdaye cintayeddharim |
dhyānaṃ kṛtvā sūkṣmatanoḥ sthūlaṃ vinyasya tatra vai || 11 ||
tataḥ sthūlatanuṃ dhyātvā hariṃ padmadalekṣaṇam |
śyāmalaṃ pītavāsañca vanamālāvibhūṣitam || 12 ||
kirīṭinaṃ kuṇḍalinaṃ prasannamukhapaṅkajam |
śrīvatsaśobhitaṃ vakṣo ratnahāreṇa śobhitam || 13 ||
kaustubhodbhāsi varadaṃ dīrghabāhumarindamam |
prasannanetrakamalaṃ caraṇe nūpuraṃ priye || 14 ||
veṇuvīṇāninādena śabdabrahmeṇa sundari |
pūrayantaṃ jagad devi satataṃ kamalānane || 15 ||
śrī-īśvara uvāca
hareḥ sūkṣmaṃ maheśāni vibhāvya dhyānamācaret |
sūkṣmaṃ hi niścalaṃ dehaṃ sūkṣmā prakṛtirūpiṇī || 16 ||
tathāpi haripūjāyāṃ śaktiprādhānyamucyate |
yattu dhyānaṃ dhāraṇañca samādhiśca śucismite || 17 ||
sarvaṃ hi prakṛte rūpaṃ nānyathā vacanaṃ mama |
dhyānañca parameśāni sarvāṅgacintanaṃ priye || 18 ||
tadanu parameśāni ekāṅgacintanaṃ priye |
idantu dhāraṇākhyātaṃ śṛṇu pārvati sādaram || 19 ||
dhyāñca dhāraṇaṃ devi tyaktvā yadbhāvayet hṛdi |
eṣā samādhirvijñeyo nātra kāryā vicāraṇā || 20 ||
dhyānañca dhāraṇañcaiva samādhiśca śucismite |
mayoktaṃ yat tad deveśi sarvaṃ śaktimayaṃ smṛtam || 21 ||
sūkṣmaṃ sthūlaṃ maheśāni tathā śaktidvayaṃ priye |
śrīdevyuvāca
devadeva mahādeva ṣaṭcakre parameśvara |
yathā pūjāṃ yathā dhyānaṃ kṛtvā japaṃ samācaret || 22 ||
rahasyaṃ paramaṃ guhyaṃ mama harṣavivarddhanam |
kṛpayā kathaya me nātha tavāhaṃ paricārikā || 23 ||
śrī-īśvara uvāca
deveśi tava dāso'haṃ kathayāmi śucismite |
kṣaṇārddhaṃ na hi jīvāmi tvāṃ vinā kamalekṣaṇe || 24 ||
tvadvaktrāmbujapānena amṛtena śucismite |
śivo'haṃ parameśāni mṛtyuṃ jitvā varānane || 25 ||
śṛṅgārarasasaṃyogāt kālakūṭaṃ pibāmyaham |
mamāpi parameśāni tanuvajrasamaṃ sadā || 26 ||
deveśi tava dāsoha'mantarbāhye śucismite |
antare tvāṃ maheśāni vibhāvya sūkṣmarūpiṇī || 27 ||
bhāvanāt parameśāni lakṣavarṣo gato mama |
bāhyajñānaṃ mayā devi jāyate mama yoginī || 28 ||
mayi ca parameśāni tvameva sūkṣmarūpiṇī |
dṛṣṭvā taccaraṇadvandvaṃ tava vaktraṃ varānane || 29 ||
ātmajñānaṃ parityajya caraṇe patito hyaham |
prakārācca maheśāni śṛṇu samprati madvacaḥ || 30 ||
yaduktaṃ bhūtaśuddhyādi sarvaṃ tvaṃ naganandini |
sadyogatvaṃ maheśāni svāgamaṃ kathayāmi te || 31 ||
sghāgamaṃ paramaṃ jñānaṃ cakṣuḥ prajñānasaṃyutam |
vijñānena mataṃ devi devamātarameva ca || 32 ||
vedāśca parameśāni yāni yāni yathā tathā |
darśanāni tathā devi sakalāni pṛthak pṛthak || 33 ||
caturdaśāni tantrāṇi tathā nānāvidhāni ca |
svāgamāśca prasūyante satataṃ parameśvari || 34 ||
mama prāṇasamaṃ devi svāgamaṃ mama sampuṭam |
hṛdaye mama deveśi saṃsthitaṃ kamalānane || 35 ||
yasmin kṣaṇe maheśāni antardhyātvā haro hyaham |
svāgamaṃ bhāvitaṃ devi tatkṣaṇe parameśvari || 36 ||
antardhyānaṃ hṛtaṃ devi svāgamaṃ hṛdaye sthitam |
antardhyānaṃ samāhṛtya bāhyadṛṣṭiṃ sadā mama || 37 ||
tadāhaṃ sahasā devi kathayāmi tavāgrataḥ |
vibhāvya parameśāni svāgamaṃ hṛdayātmani || 38 ||
anyathā parameśāni svāgamaṃ kathayāmi te |
svāgamaṃ lakṣagranthaṃ hi nānā vidyā śucismite || 39 ||
maheṣu parameśāni nirmitaṃ brahmarūpiṇam |
svāgamaṃ paramaṃ puṇyaṃ brahmāṇḍabījamavyam || 40 ||
svāgamaṃ śṛṇu vakṣyāmi girijā ca trilocane |
nānāśāstre ca vidyāsu svāgamastu praśasyate || 41 ||
svāgamaṃ paramāṃ vidyāṃ nānātantravinirmitām |
śive viṣṇau maheśāni sūrye ca naganandini || 42 ||
tathā ca sarvadeveṣu vanhyādiṣu śucismite |
tathā ca sarvaśāstreṣu śakteḥ prādhānyamucyate |
śaṅkhāva(saṃkhyayaiva)kramāddevi śaktiḥ sarvatra gīyate || 43 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre harapārvatīsaṃvāde navamaḥ paṭalaḥ || 9 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Wenn der Jīva auf diese Weise geistig den höchsten Śiva schaut, wird er von Freude und Gänsehaut erfüllt.
Abschnitt 2
Sadāśiva wird kristallklar, mit vielen Edelsteinen geschmückt, langarmig und wunderschön meditiert.
Abschnitt 3
Sein Gesicht ist heiter; Ohrringe und Edelsteinketten schmücken ihn.
Abschnitt 4
Sein Leib trägt eine tausendfache Lotusgirlande; er wird achtarmig und dreiäugig gedacht, mit lotusblattgleichen Augen.
Abschnitt 5
An seinen Füßen erklingen schöne Fußreifen wie Śabdabrahman. So soll seine grobe Gestalt meditiert werden.
Abschnitt 6
Darüber wird eine subtile, höchste, göttliche und wunschlose Śiva-Gestalt vorgestellt, die in der Vorlage ungewöhnlich mit 'hundert Jīvas' verbunden wird.
Abschnitt 7
Die subtile Gestalt kann nach Aussage des Textes nicht direkt bildhaft meditiert werden; durch grobe Meditation gelangt man dennoch zur Befreiung.
Abschnitt 8
Die grobe Gestalt gehört zur Prakṛti, ebenso die bildhafte Meditation. Zuerst soll deshalb die grobe Gestalt verehrt werden.
Abschnitt 9
Danach wird das höchste Licht meditiert; auch dieses wird mit Prakṛti bzw. Mohinī in Beziehung gesetzt.
Abschnitt 10
Darum erklärt der Text bei der Śiva-Pūjā den Vorrang der Prakṛti und allgemein der Śakti.
Abschnitt 11
Wenn man Hari im Herzen meditiert, wird ebenfalls zuerst eine subtile und dann eine grobe Form eingesetzt.
Abschnitt 12
Viṣṇu wird dunkel, gelb gekleidet und mit Vanamālā meditiert.
Abschnitt 13
Er trägt Krone und Ohrringe; sein heiteres Gesicht und die Śrīvatsa-Zeichnung auf der Brust werden beschrieben.
Abschnitt 14
Der Kaustubha glänzt; die langen Arme schenken Segen; seine Lotusaugen und Fußreifen strahlen.
Abschnitt 15
Durch den Klang von Flöte und Vīṇā, der als Śabdabrahman gedeutet wird, erfüllt er die Welt.
Abschnitt 16
Auch bei Hari soll danach die subtile Gestalt meditiert werden; die subtile Form ist unbewegt und wiederum mit Prakṛti verbunden.
Abschnitt 17
Auch in der Viṣṇu-Pūjā wird deshalb der Vorrang der Śakti erklärt. Dhyāna, Dhāraṇā und Samādhi gehören ebenfalls zur Prakṛti.
Abschnitt 18
Dhyāna wird als Betrachtung der gesamten Gestalt definiert.
Abschnitt 19
Dhāraṇā ist die Konzentration auf einen einzelnen Teil bzw. ein einzelnes Glied.
Abschnitt 20
Wenn Dhyāna und Dhāraṇā überschritten werden und das Herz unmittelbar im Gegenstand aufgeht, nennt der Text dies Samādhi.
Abschnitt 21
Dhyāna, Dhāraṇā und Samādhi werden insgesamt als von Śakti erfüllt beschrieben; ebenso grobe und subtile Ebenen.
Abschnitt 22
Die Göttin fragt, wie in den sechs Chakras Pūjā, Dhyāna und Japa vollzogen werden sollen.
Abschnitt 23
Sie bittet um dieses höchste Geheimnis, das ihre Freude vermehrt, und erklärt sich als Dienerin des Herrn.
Abschnitt 24
Śiva antwortet mit starker Devotionalität: Er sei ihr Diener und könne keinen halben Augenblick ohne sie leben.
Abschnitt 25
Durch den Nektar ihres Lotusgesichts habe er den Tod besiegt und sei Śiva geworden.
Abschnitt 26
Er verbindet seine Unverwundbarkeit mit der Vereinigung im Śṛṅgāra-Rasa; selbst Kālakuṭa-Gift könne so getrunken werden.
Abschnitt 27
Innen und außen betrachtet er sich als ihren Diener; innerlich meditiert er sie in subtiler Gestalt.
Abschnitt 28
Durch diese Bhāvanā seien unermessliche Zeiten vergangen; daraus entstehe auch seine äußere Erkenntnis.
Abschnitt 29
Sie selbst ist seine subtile innere Gestalt. Beim Anblick ihrer Füße und ihres Antlitzes wird die persönliche Selbstgewissheit in Hingabe aufgegeben.
Abschnitt 30
Er fällt zu ihren Füßen und kündigt nun eine weitere Erklärung an.
Abschnitt 31
Alles zuvor Gesagte über Bhūtaśuddhi sei letztlich sie selbst, die Tochter des Berges; nun erläutert er seinen eigenen Āgama.
Abschnitt 32
Dieser 'Svāgama' gilt ihm als höchstes Wissen und als Auge der Erkenntnis; die Überlieferung ist in diesem Vers etwas beschädigt.
Abschnitt 33
Veden, philosophische Systeme und andere Lehren werden als vielfältige Ausformungen betrachtet.
Abschnitt 34
Auch die zahlreichen Tantras und Āgamas gehen nach dieser Selbstdarstellung aus dem Svāgama hervor.
Abschnitt 35
Śiva nennt den Svāgama seinem eigenen Lebensatem gleich und als in seinem Herzen verschlossen.
Abschnitt 36
Wenn er sich nach innen versenkt, wird dieser Svāgama im Herzen unmittelbar erfahren.
Abschnitt 37
Aus der inneren Versenkung hervorgeholt, wird er in äußerer Sprache mitgeteilt.
Abschnitt 38
So spricht Śiva ihn vor der Göttin aus, nachdem er ihn im eigenen Herzen vergegenwärtigt hat.
Abschnitt 39
Der Svāgama wird als riesige, viele Vidyās umfassende Überlieferung beschrieben.
Abschnitt 40
Er gilt als brahmanhaft und als unvergänglicher Same des Brahmāṇḍa.
Abschnitt 41
Die Göttin soll ihn hören; unter vielen Schriften und Vidyās wird er besonders gerühmt.
Abschnitt 42
Er wird als höchste Vidyā beschrieben, die vielfältige tantrische Lehren umfasst.
Abschnitt 43
Sein Prinzip gilt für Śiva, Viṣṇu, Sonne und andere Gottheiten.
Abschnitt 44
Schließlich erklärt der Vers ausdrücklich, dass in allen Schriften der Vorrang der Śakti gelehrt wird; die letzte Textform ist beschädigt.
Erläuterung
Der Abschnitt verbindet Ritualtechnik mit der śāktischen Grundthese, dass Bewusstsein, Śakti und Körper nicht voneinander getrennt sind.
10. Abstieg durch die Chakras und geistiger Japa
Handlung / Praxisziel
Abstieg durch die Chakras und geistiger Japa.
Sanskrittext (IAST)
atha daśamaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
vanamālādikaṃ devi viṣṇormataṃ śucismite |
tatsarvaṃ parameśāni śaktirūpaṃ na cānyathā || 1 ||
sahasrāre śaktipure bhāvayet parameśvari |
jīvasya brahmaṇaścāpi ekatāṃ yatnataścaret || 2 ||
tato dhyānaṃ prakurvīta svāgame rūḍhitañca yat |
japañca parameśāni manasā ca samācaret || 3 ||
japet samāhito bhūtvā mālayā varṇasaṅkhyayā |
tata ājñāpurīṃ nītvā bhāvayediṣṭadevatām || 4 ||
dhyātvā japtvā ca deveśi sākṣāt suragururbhavet |
viśuddhaṃ prati deveśi lambayenmano vidyayā || 5 ||
viśuddhaṃ paramaṃ padmaṃ ṣaṭcakraṃ tattu gamyate |
ṣaṭcakre parameśāni dhyātvā jaganmayīṃ śivām || 6 ||
taḍitkoṭiprabhāṃ tanvīṃ brahmāṇḍarūpiṇīṃ śivām |
nirīhāṃ niścalāṃ ramyāṃ mahāyogamayīṃ parām || 7 ||
mohinīṃ sarvadevānāṃ ānandārthiyutāṃ parām |
viṣatantumayīṃ devīṃ sākṣādamṛtarūpiṇīm || 8 ||
śivasya yuvatīṃ yogyāṃ vibhāvya śuddhavartini |
manasā parameśāni japedaṣṭaśataṃ priye || 9 ||
hṛtpadmaṃ prati deveśi na svapet paramāṃ parām |
śuddhadhyānañca varṇānāṃ yogapadmasthitāṃ parām || 10 ||
yogapadme maheśāni jīvo manasi bhāvayet |
bhujaṅgarūpiṇīṃ devīṃ nityāṃ kuṇḍalinīṃ parām || 11 ||
avyaktarūpiṇīṃ ramyāṃ dhyānagamyāṃ varānane |
yogapathe maheśāni japedaṣṭaśataṃ punaḥ || 12 ||
na svapejjīvamanasā maṇipūraṃ prati priye |
bhujaṅgabhṛṅgasaṅkāśaṃ maṇipūraṃ mahāprabham || 13 ||
tatrasthaśivaliṅgena yojayet kuṇḍalīṃ parām |
tato jīvo maheśāni tatkṣaṇād brahmacāpnuyāt || 14 ||
tatastu parameśāni jīvastu manasā vṛtaḥ |
dhyātvā brahmamayīṃ śuddhāṃ japedaṣṭaśataṃ priye || 15 ||
tadanu parameśāni svādhiṣṭhānaṃ layet parām |
svādhiṣṭhānaṃ maheśāni śuddhasphaṭikasannibham || 16 ||
bhāvayet tatra deveśaṃ śaṅkhakundasamaprabham |
saṃyojya paramāṃ divyāṃ śivena saha pārvati || 17 ||
sarvaṃ hi parameśāni manasā kuru yatnataḥ |
indriyāṇāṃ pradhānaṃ hi manaḥ sarvatra gīyate || 18 ||
tatra devaṃ śivaṃ śāntaṃ vicintya manasā kṣaṇāt |
paraṃ brahmamayaṃ bhūtvā japedaṣṭaśataṃ tathā || 19 ||
tadanu parameśāni mūlādhārāt vrajet param |
gudapadmaṃ maheśāni mūlādhāraṃ prakīrtitam || 20 ||
caturdalayutaṃ ramyaṃ taruṇāruṇavigraham |
bhāvayet parameśānaṃ sindhuvaruṇavigraham || 21 ||
saṃyojya paramāṃ nityāṃ niṣphalāṃ jñānarūpiṇīm |
śivasaṃyogamātreṇa jīvo brahmamayo bhavet ||
manasā saṃyuto bhūtvā japedaṣṭaśataṃ tathā || 22 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre haragaurīsaṃvāde daśamaḥ paṭalaḥ || 10 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Śiva erklärt: Vanamālā und die übrigen Attribute Viṣṇus sind letztlich selbst Śakti-Gestalten.
Abschnitt 2
Im Sahasrāra, der Stadt der Śakti, soll die Einheit von Jīva und Brahman mit Sorgfalt meditiert werden.
Abschnitt 3
Danach wird entsprechend dem eigenen Āgama meditiert und der Japa geistig vollzogen.
Abschnitt 4
Konzentriert wird nach der vorgeschriebenen Buchstabenzahl rezitiert; dann führt man den Geist zur Ājñā-Stadt und meditiert die Iṣṭadevatā.
Abschnitt 5
Durch Dhyāna und Japa werde der Übende nach Textaussage einem göttlichen Lehrer gleich; anschließend wird der Geist zum Viśuddha herabgeführt.
Abschnitt 6
Im Viśuddha, einem höchsten Lotus, wird die weltumfassende Śivā meditiert.
Abschnitt 7
Sie ist schlank, strahlt wie Millionen Blitze und trägt die Gestalt des gesamten Brahmāṇḍa.
Abschnitt 8
Sie ist wunschlos, unbewegt, schön, von großer Yoga-Natur und amṛtahaft.
Abschnitt 9
Sie ist die junge Gefährtin Śivas; geistig wird sie acht hundertmal rezitiert bzw. verehrt.
Abschnitt 10
Danach wird der Herzlotus erreicht; die Passage fordert reine Meditation der in den Buchstaben und im Yoga-Lotus ruhenden höchsten Śakti.
Abschnitt 11
Im Yoga-Lotus soll der Jīva die ewige Kuṇḍalinī als Schlangengestalt im Geist betrachten.
Abschnitt 12
Sie ist unmanifest, schön und nur durch Meditation zugänglich; auf dem Yogaweg wird erneut acht hundertmal rezitiert.
Abschnitt 13
Danach wird der Jīva mit dem Geist zum Maṇipūra geführt, das leuchtend und schlangenhaft beschrieben wird.
Abschnitt 14
Kuṇḍalinī wird dort mit dem Śivaliṅga verbunden; daraus soll der Jīva unmittelbar Brahman erlangen.
Abschnitt 15
Der vom Geist umgebene Jīva meditiert die reine brahmanhafte Kraft und rezitiert erneut acht hundertmal.
Abschnitt 16
Danach wird die höchste Kraft zum Svādhiṣṭhāna geführt, das kristallklar vorgestellt wird.
Abschnitt 17
Dort wird der helle Gott meditiert und die göttliche Śakti mit Śiva vereinigt.
Abschnitt 18
Alles wird durch den Geist vollzogen, denn der Geist wird als führend unter den Sinnen bezeichnet.
Abschnitt 19
Śiva wird dort friedvoll gedacht; der Übende wird brahmanhaft und rezitiert erneut acht hundertmal.
Abschnitt 20
Danach geht die Bewegung zum Mūlādhāra, das der Text mit dem unteren Lotus identifiziert.
Abschnitt 21
Es besitzt vier Blätter und eine junge rote Farbe; dort wird der höchste Herr in einer wasserhaften bzw. Varuṇa-bezogenen Gestalt meditiert.
Abschnitt 22
Die ewige erkenntnishafte Śakti wird mit ihm verbunden; allein durch Śiva-Saṃyoga wird der Jīva brahmanhaft. Mit dem Geist verbunden wird auch hier acht hundertmal rezitiert.
Erläuterung
Hier steht die Bewegung der Kuṇḍalinī durch den subtilen Körper im Vordergrund; der Text verbindet Cakra-Lehre, Japa und Identifikation mit Śiva.
11. Ajapā, Mātṛkā und weitere Bhūtaśuddhi
Handlung / Praxisziel
Ajapā, Mātṛkā und weitere Bhūtaśuddhi.
Sanskrittext (IAST)
atha ekādaśaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
evaṃ dvādaśadhā devi yatāyātaḥ karoti yaḥ |
sa siddhaḥ sa gamaḥ so'pi mama tulyaḥ sadā priye || 1 ||
vacomātreṇa deveśi tasya vidyā hi siddhaye |
saptānāṃ koṭividyānāṃ mantrāṇāñca varānane || 2 ||
siddhamādhyādikaṃ devi atiguhyataraṃ priye |
aprakāśyamidaṃ tattvaṃ paśorgopyaṃ sadā priye || 3 ||
hṛdaye mama deveśi ajapā sampuṭe sthitam |
sarvāsāṃ naranārīṇāṃ sampuṭaṃ haṃsapakṣiṇam || 4 ||
niḥsaranti maheśāni vidyāmantrāṇi pārvati |
śaktiprasādād deveśi lakṣavarṣaṃ gatastadā || 5 ||
lakṣavarṣaṃ maheśāni bhāvayāmi śucismite |
sampuṭe paramāṃ vidyāṃ sarvavidyāsvarūpiṇīm || 6 ||
puṃrūpāṃ prakṛtirūpāṃ candrasūryasamaprabhām |
vedamātāṃ sadā vandhyāṃ yoginīṃ yogarūpiṇīm || 7 ||
saṃsāratāriṇīṃ devīṃ mahāmokṣapradāyinīm |
praṇamāmi sadā śuddhāṃ nityāṃ vigraharūpiṇīm || 8 ||
praṇamya paramāṃ divyāṃ nigadāmi śucismite |
īśvara uvāca
kāñcanākhyaṃ samuddhṛtya romañca tadanantaram |
sarihariṃ samuddhṛtya tadanu kāñcanaṃ priye || 9 ||
bindvarddhasaṃyutaṃ kṛtvā ṣaṭpadme japamācaret |
aṣṭottaraśataṃ japtvā ṣaṭpadme kamalekṣaṇe || 10 ||
daśadhā prajaped vāpi bhūtaśuddhiphalaṃ labhet |
ekadhā tu samuddhṛtya bhūtaśuddhiṃ samācaret || 11 ||
bhūtaśuddhiṃ maheśāni tadā sāṅgaṃ bhavet priye |
anyathā viphalā pūjā japañca viphalaṃ priye || 12 ||
yugākṣaraṃ japed devi caturyugaphalaṃ labhet |
caturyugajapāddevi yatphalaṃ labhate nṛṇām || 13 ||
tatphalaṃ samavāpnoti ekoccāreṇa pārvati |
ekoccāreṇa deveśi mama toṣo na saṃśayaḥ || 14 ||
sampuṭaṃ parameśāni nityāṃ sarvasvarūpiṇīm |
vibhāvya satataṃ devi ṣaṭcakraṃ satataṃ śive || 15 ||
ekāmupāsya deveśi mahāvidyāmupāsmahe |
anyathā parameśāni mahāvidyāṃ varānane || 16 ||
tadanu parameśāni mahāvidyāmupāsmahe |
anyathā parameśāni pretavat sakalaṃ bhavet || 17 ||
śrī-īśvara uvāca
anyatantraṃ maheśāni nigadāmi punaḥ priye |
tantraṃ tantrasya vakṣyāmi bhūtaśuddhiṃ bhaved yathā || 18 ||
pāpasya kāraṇaṃ devi puruṣaṃ pāpasaṃyutam |
krodhamohayutaṃ kṛṣṇaṃ īṣatpiṅgaṃ varānane || 19 ||
tasya śuddhiṃ pravakṣyāmi nīrajāyatalocane |
pañcānāmapi vāyūnāṃ śuddhiṃ nāsti varānane || 20 ||
svabhāvataḥ sadā śuddhiṃ pañcabhūtātmakaṃ vapuḥ |
rodanañca tathāmūrcchāṃ bhramañca kamalānane || 21 ||
puruṣāt pāparūpācca jāyate kamalānane |
bhūtaśuddhestu mantrāṇi nigadāmi śṛṇu priye || 22 ||
praṇavaṃ trividhaṃ devi vāmā jyeṣṭhā ca pārvati |
tato raudrī maheśāni triprakāraṃ varānane || 23 ||
ādyante praṇavaṃ dattvā pañcāśanmātṛkāṃ japet |
bindvarddhasaṃyutaṃ kṛtvā vidyāṃ bhava vimocinīm || 24 ||
mātā hi mantravidyānāṃ pitā caiva śucismite |
sarvāsāṃ mantravidyānāṃ pitā mātā ca mātṛkā || 25 ||
pitā mātā ca santuṣya anyakrodho nirarthakaḥ |
purātanīmavijñāya bhūtaśuddhiṃ karoti yaḥ || 26 ||
viphalaṃ tasya deveśi bhūtaśuddhiṃ varānane |
bhūtaśuddhiṃ maheśāni japapūjāṃ na śaṃśate || 27 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre haragaurīsaṃvāde ekādaśaḥ paṭalaḥ || 11 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Wer diesen Auf- und Abstieg zwölfmal vollzieht, wird im Text als Siddha und Śiva gleich beschrieben.
Abschnitt 2
Schon sein Wort lässt Vidyās wirksam werden; dies wird auf unzählige Vidyās und Mantras bezogen.
Abschnitt 3
Diese höchste Lehre soll als äußerst geheim und für Ungeeignete verborgen gelten.
Abschnitt 4
Im Herzen Śivas ruht die Ajapā in einem Sampuṭa; für alle Menschen wird sie als Haṃsa-Vogel beschrieben.
Abschnitt 5
Aus ihr gehen Vidyās und Mantras hervor; Śiva führt ihre Offenbarung auf die Gnade der Śakti zurück.
Abschnitt 6
Er meditiere seit unermesslichen Zeiten die höchste Vidyā, die alle Vidyās umfasst.
Abschnitt 7
Sie ist sowohl männliche als auch Prakṛti-Gestalt, sonnen- und mondhell, Mutter des Veda und Yoga-Gestalt.
Abschnitt 8
Sie rettet aus dem Saṃsāra und schenkt große Befreiung; Śiva verneigt sich vor ihr als der reinen, ewigen Göttin.
Abschnitt 9
Danach wird eine weitere, verschlüsselte Lautfolge hergeleitet. Die Begriffe 'Kāñcana', 'Roma' und weitere Chiffren sind technisch und werden nicht frei rekonstruiert.
Abschnitt 10
Mit Bindu und Halbmond verbunden wird die Formel in den sechs Lotuszentren 108-mal rezitiert.
Abschnitt 11
Alternativ kann zehnmal rezitiert werden; auch eine einmalige Herleitung wird als Bestandteil der Bhūtaśuddhi genannt.
Abschnitt 12
Erst dadurch gelte Bhūtaśuddhi als vollständig; andernfalls seien Pūjā und Japa fruchtlos.
Abschnitt 13
Ein bestimmtes Buchstabenpaar wird mit der Frucht von vier Weltzeitaltern verglichen.
Abschnitt 14
Schon einmaliges Aussprechen soll dieselbe Frucht bringen und Śiva erfreuen.
Abschnitt 15
Die höchste Vidyā wird als Sampuṭa, ewig und allgestaltig meditiert; zugleich werden die sechs Chakras vergegenwärtigt.
Abschnitt 16
Durch Verehrung der einen Mahāvidyā werde die Mahāvidyā richtig verehrt; die Formulierung des Textes ist repetitiv.
Abschnitt 17
Ohne diese Verbindung, sagt der Text, werde selbst die Mahāvidyā-Praxis 'wie leblos'.
Abschnitt 18
Śiva beginnt nochmals mit einer anderen tantrischen Erklärung der Bhūtaśuddhi.
Abschnitt 19
Der Pāpapuruṣa wird als Ursache der Verfehlung beschrieben: dunkel, leicht rötlich und von Zorn und Verblendung geprägt.
Abschnitt 20
Nun soll seine Reinigung erklärt werden; die fünf Vāyus selbst gelten dabei nicht als unrein.
Abschnitt 21
Der aus fünf Elementen bestehende Körper ist seiner Natur nach rein; Weinen, Ohnmacht und Verwirrung werden symbolisch dem Pāpapuruṣa zugeschrieben.
Abschnitt 22
Diese Zustände entstehen nach der Darstellung aus der sündhaften Personifikation; nun folgen die Mantras der Bhūtaśuddhi.
Abschnitt 23
Der Praṇava wird dreifach mit Vāmā, Jyeṣṭhā und Raudrī verbunden.
Abschnitt 24
Mit Praṇava am Anfang und Ende werden die fünfzig Mātṛkā-Buchstaben, mit Bindu und Halbmond, als befreiende Vidyā rezitiert.
Abschnitt 25
Die Mātṛkā wird ausdrücklich Vater und Mutter aller Mantra-Vidyās genannt.
Abschnitt 26
Wenn Vater und Mutter zufrieden sind, wird anderer Zorn bedeutungslos; wer die uralte Mātṛkā nicht kennt und Bhūtaśuddhi übt, verfehlt nach dem Text ihre Grundlage.
Abschnitt 27
Dessen Bhūtaśuddhi gilt als fruchtlos; ebenso werden Japa und Pūjā ohne diese Grundlage nicht gepriesen.
Erläuterung
Der Abschnitt verbindet Ritualtechnik mit der śāktischen Grundthese, dass Bewusstsein, Śakti und Körper nicht voneinander getrennt sind.
12. Bhāgavatī-Vidyā und Allgegenwart der Śakti
Handlung / Praxisziel
Bhāgavatī-Vidyā und Allgegenwart der Śakti.
Sanskrittext (IAST)
atha dvādaśaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
etajjñānaṃ maheśāni yaḥ kuryāt satataṃ priye |
mahāyogeśvaraḥ so'pi mama tulyo na saṃśayaḥ || 1 ||
tasya sarvāṇi mantrāṇi vidyā ca parameśvari |
śīghraṃ sidhyati deveśi nātra kāryā vicāraṇā || 2 ||
etadrahasyaṃ paramaṃ sadā brahmavinirṇayam |
yogajñānaṃ tapaḥ śāstraṃ vidyā śilpāni yāni ca || 3 ||
sarvaṃ hi prakṛte rūpaṃ niścayaṃ vacanaṃ mama |
śṛṇu pārvati vakṣyāmi rahasyaṃ paramavyam || 4 ||
bhūtaśuddhermaheśāni vidyāṃ paramagopitām |
nigadāmi śṛṇu prājñe nīrajāyatalocane || 5 ||
śrī-īśvara uvāca
avaśyaṃ bhāvayed devi vidyāṃ bhāgavatābhidhām |
kāmabījaṃ maheśāni triruccārya śucismite || 6 ||
dhīmahīti tato devi vahnijāyāṃ samuddharet |
tatastu parameśāni trividhaṃ kāmamuddharet || 7 ||
bhagavatyā idaṃ devi tena bhāgavataṃ smṛtam |
bhāgavatākhyāṃ mahāvidyāṃ daśadhā japamācaret || 8 ||
divase divase devi prajapet yadi mānavaḥ |
tadeva parameśāni dīkṣāphalamavāpnuyāt || 9 ||
nityāṃ karma maheśāni vidyāṃ bhāgavatābhidhām |
vidyāṃ kalpadrumākārāṃ dharmakāmārthamokṣadām || 10 ||
sarvavedeṣu tantreṣu vidyāṃ bhāgavatābhidhām |
gīyate parameśāni nityā prakṛtirūpiṇī || 11 ||
ata eva maheśāni vidyāṃ bhāgavatābhidhām |
ajñānād yadi vā mohāt kāmādvā kamalekṣaṇe || 12 ||
na japed yadi deveśi dvijaḥ śūdratvamāpnuyāt |
sarvaṃ tasya vṛthā devi kutaḥ pūjā kutaḥ sukham || 13 ||
kṣatriyo'pi varārohe na japed yadi pāmaraḥ |
vaiśyatvaṃ sahasāyāti vaiśyaḥ śūdratvamāpnuyāt || 14 ||
kṣatriyo'pi varārohe prajapedyadekadhā |
brāhmaṇatvaṃ tato yāti sahasā parameśvari || 15 ||
vaiśyastu parameśāni kṣātratvaṃ yāti tatkṣaṇāt |
brāhmaṇo'pi naraśreṣṭhaḥ sākṣād brahma na saṃśayaḥ || 16 ||
śūdrastu parameśāni vaiśyatvaṃ yāti pārvati |
iyaṃ vidyā varārohe sadā bhāgavatābhidhā || 17 ||
imāṃ vidyāṃ maheśāni mātrāmekādaśākṣarīm |
ajñātvā parameśāni purāṇaṃ yastu vācayet || 18 ||
sa yāti narakaṃ ghoraṃ sadā saṃsargiṇā saha |
tasmād yatnena deveśi varjanīyaḥ sa tu dvijaḥ || 19 ||
śrīdevyuvāca
śūdrasya parameśāni nādhikāro vṛṣadhvaja |
vahnijāyānvitāṃ vidyāṃ śūdrasya kathamuccaret || 20 ||
śrī-īśvara uvāca
tantroktaṃ praṇavaṃ devi vahnijāyāñca sundari |
prajapet satataṃ devi nātra kāryā vicāraṇā || 21 ||
śaktividyānvitā devi jāyate yadi pārvati |
prajapet sahasā devi tadā siddhiśca jāyate || 22 ||
gāyatryakṣarasaṃyuktaṃ na japed bhāgavatābhidhām |
śūdrasya parameśāni vidyāṃ bhāgavatīṃ śṛṇu || 23 ||
manmathaṃ triguṇaṃ devi samuddhṛnya varānane |
prathamaṃ caturdaśaṃ dattvā svayaṃ praṇavarūpiṇīm || 24 ||
vahnijāyāṃ pare dattvā prajapet daśadhā yadi |
śūdro'pi parameśāni vaiśyatvaṃ yāti tatkṣaṇāt || 25 ||
tadaiva mahatī siddhiḥ śūdrasya kamalekṣaṇe |
imāṃ bhāgavatīṃ vidyāṃ svāgamaṃ viddhi pārvati || 26 ||
svāgamaṃ paramaṃ brahma anantaśaktisaṃyutam |
tava snehāt samākhyātaṃ sugopyaṃ kamalekṣaṇe || 27 ||
sārātsāraṃ maheśāni vidyāṃ bhāgavatābhidhām |
śūdrasya sakalaṃ devi kathayāmi varānane || 28 ||
manmathatrayamuddhṛtya dhīkāraṃ tadanantaram |
vahnijāyāṃ pare dattvā manmathatrayamuddharet || 29 ||
iyaṃ bhāgavatī vidyā śūdravācyā vidhīyate |
iti te kathitaṃ tattvaṃ mahābhaktyā varānane || 30 ||
kasmaicit pravaktavyaṃ yadīcchedātmanaḥ sukham |
śāntāya ṛjave devi bhaktiścāṇḍālajātiṣu || 31 ||
abhaktāya maheśāni brāhmaṇāya na dāpayet |
abhaktabhyo'pi putrebhyo na dadyāt kamalekṣaṇe || 32 ||
bhaktāya śāntacittāya dadyād vidyāṃ varānane |
abhaktebhyo'pi putrebhyastatra mṛtyumavāpnuyāt || 33 ||
yat kiñcid dṛśyate devi trailokyaṃ sacarācaram |
tatsarvaṃ parameśāni śaktiyuktaṃ suniścitam || 34 ||
sarvatattvaṃ maheśāni parā śaktiśca mohinī |
rūpādi yāni tattvāni tāni tattvāni kuṇḍalī || 35 ||
rūpaṃ hi ṣaḍvidhaṃ devi sarvatantreṣu niścitam |
rasastu ṣaḍvidhaḥ svāhā nānāsvādaḥ syānniścitam || 36 ||
gandhaṃ hi dvividhaṃ devi sarvaśaktiyutaṃ priye |
anyāni yāni tattvāni caturviṃśati sundari || 37 ||
sarvaṃ śaktimayaṃ vijñe krameṇa kamalekṣaṇe |
śuklaṃ raktaṃ tathā pītaṃ haritaṃ kṛṣṇameva ca || 38 ||
vicitrāṇi kramato varṇaṃ kṛṣṇavarṇaṃ prakīrtitam |
rasastu dvividhaṃ devi sugandhi pratigandhakam ||
evaṃ sarvaṃ vijānīyāt sadā śaktimayaṃ priye || 39 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre haragaurisaṃvāde dvādaśaḥ paṭalaḥ || 12 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Wer dieses Wissen beständig übt, wird nach Aussage des Textes ein großer Yogeśvara und Śiva gleich.
Abschnitt 2
Seine Mantras und Vidyās sollen rasch Siddhi erlangen.
Abschnitt 3
Dieses Geheimnis gilt als Entscheidung über Brahman; Yoga, Erkenntnis, Askese, Wissenschaft und Künste werden einbezogen.
Abschnitt 4
Alles wird als Gestalt der Prakṛti erklärt. Nun folgt ein weiteres höchstes Geheimnis.
Abschnitt 5
Śiva kündigt eine besonders verborgene Vidyā der Bhūtaśuddhi an.
Abschnitt 6
Die sogenannte Bhāgavatī-Vidyā soll unbedingt meditiert werden; zunächst wird das Kāma-Bīja dreimal ausgesprochen.
Abschnitt 7
Danach folgt eine mit 'dhīmahi' und der Feuer-Gefährtin bezeichnete Lautkonstruktion; der Mantra wird dreifach aus Kāma-Elementen aufgebaut.
Abschnitt 8
Der Text nennt dies die Bhāgavata- bzw. Bhāgavatī-Mahāvidyā und schreibt zehnfachen Japa vor.
Abschnitt 9
Wer sie täglich rezitiert, soll die Frucht einer Dīkṣā erlangen.
Abschnitt 10
Sie wird als Nitya-Karman und als wunscherfüllende Vidyā beschrieben, die Dharma, Kāma, Artha und Mokṣa schenkt.
Abschnitt 11
In Veden und Tantras werde diese Bhāgavatī-Vidyā als ewige Prakṛti-Gestalt gepriesen.
Abschnitt 12
Gerade deshalb dürfe sie nicht aus Unwissenheit, Verblendung oder Begierde vernachlässigt werden.
Abschnitt 13
Der Text verbindet ihre Unterlassung mit drastischen sozialen und rituellen Abstufungen; diese Aussagen spiegeln seine historische Gesellschaftsordnung.
Abschnitt 14
Ein Kṣatriya, der sie nicht rezitiert, werde nach der Textlogik herabgestuft; ebenso ein Vaiśya.
Abschnitt 15
Umgekehrt behauptet der Text, ein Kṣatriya könne durch einmaligen Japa Brāhmaṇa-Status erlangen.
Abschnitt 16
Ein Vaiśya könne Kṣatriya werden; ein Brāhmaṇa werde geradezu Brahman gleichgesetzt.
Abschnitt 17
Auch ein Śūdra könne nach der Textaussage aufsteigen; die Vidyā wird weiterhin Bhāgavatī genannt.
Abschnitt 18
Wer diese elfsilbige Vidyā nicht kennt und dennoch Purāṇa-Unterweisung erteilt, wird scharf verurteilt.
Abschnitt 19
Er soll nach der polemischen Sprache des Textes Höllenfolgen erleiden; daher sei ein solcher Lehrer zu meiden.
Abschnitt 20
Die Göttin fragt, wie Śūdras diese Vidyā mit einer sonst eingeschränkten Feuer- bzw. Svāhā-Formel sprechen sollen.
Abschnitt 21
Śiva antwortet, dass der im Tantra gelehrte Praṇava und die Feuerformel auch dafür entsprechend verwendet werden sollen.
Abschnitt 22
Wenn die Śakti-Vidyā richtig angewandt wird, entsteht nach Aussage des Textes Siddhi.
Abschnitt 23
Eine mit Gāyatrī-Buchstaben verbundene Fassung solle jedoch nicht in derselben Weise verwendet werden; nun wird eine besondere Bhāgavatī-Vidyā für Śūdras erklärt.
Abschnitt 24
Sie beginnt mit einer dreifachen Manmatha-/Kāma-Herleitung und einer weiteren Lautkomponente; die technische Konstruktion wird nicht frei rekonstruiert.
Abschnitt 25
Mit der Feuer-Gefährtin am Ende wird sie zehnmal rezitiert; der Text behauptet erneut eine Veränderung des rituellen Status.
Abschnitt 26
Auch dadurch soll große Siddhi entstehen; diese besondere Bhāgavatī gilt als Teil des Svāgama.
Abschnitt 27
Der Svāgama ist das höchste Brahman, erfüllt von unendlicher Śakti; aus Liebe offenbart Śiva das streng gehütete Wissen.
Abschnitt 28
Nun erklärt er die für Śūdras bestimmte Form vollständig nach der Logik der Quelle.
Abschnitt 29
Sie enthält drei Manmatha-Elemente, 'dhī' und am Ende wiederum die Feuer-Gefährtin sowie eine weitere Dreierfolge.
Abschnitt 30
Diese Fassung heißt Bhāgavatī-Vidyā für Śūdras. Damit ist das Tattva erklärt.
Abschnitt 31
Die Lehre soll nur an einen friedlichen, aufrichtigen und hingebungsvollen Menschen weitergegeben werden; soziale Herkunft ist im folgenden Vers weniger wichtig als Bhakti.
Abschnitt 32
Einem unhingebungsvollen Brāhmaṇa soll sie nicht gegeben werden, ebenso wenig bloß aufgrund familiärer Nähe.
Abschnitt 33
Dem hingebungsvollen, ruhigen Schüler darf sie gegeben werden; die Drohung gegen falsche Weitergabe ist Teil der esoterischen Schutzsprache.
Abschnitt 34
Was immer in den drei Welten sichtbar ist, bewegt oder unbewegt, ist sicher mit Śakti verbunden.
Abschnitt 35
Alle Tattvas und besonders Formen werden auf die höchste Śakti bzw. Kuṇḍalinī zurückgeführt.
Abschnitt 36
Der Text unterscheidet sechs Arten von Form und sechs Geschmacksrichtungen; die genaue Systematik ist knapp.
Abschnitt 37
Auch Geruch wird gegliedert; die übrigen 24 Tattvas werden ebenfalls einbezogen.
Abschnitt 38
Alles soll letztlich als śaktimaya, von Śakti erfüllt, erkannt werden; Weiß, Rot, Gelb, Grün, Schwarz und gemischte Farben werden genannt.
Abschnitt 39
Die Schlusszeilen nennen nochmals verschiedene Sinnesqualitäten; die Überlieferung ist hier nicht völlig klar. Das Fazit lautet: Alles ist von Śakti erfüllt.
Erläuterung
Der Abschnitt verbindet Ritualtechnik mit der śāktischen Grundthese, dass Bewusstsein, Śakti und Körper nicht voneinander getrennt sind.
13. Siebzehnsilbige Vidyā und Prāṇāyāma
Handlung / Praxisziel
Siebzehnsilbige Vidyā und Prāṇāyāma.
Sanskrittext (IAST)
atha trayodaśaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
atha vakṣyāmi deveśi vidyāṃ śaktimayīṃ priye |
praṇavaṃ prathamaṃ devi uddhṛtya kamalānane || 1 ||
tataḥ kāmaṃ samuddhṛtya praṇavaṃ tadanantaram |
tataḥ praṇavamuddhṛtya māyābījaṃ samuddharet || 2 ||
praṇavaṃ punaruccārya śṛṇu devi varānane |
kāmabījaṃ samuddhṛtya praṇavamuddharet tataḥ || 3 ||
tato māyāṃ samuddhṛtya (vittoddhāraṃ) varānane |
tataḥ paraṃ maheśāni kandarpamuddharet priye || 4 ||
sarvānte vahnilalanāṃ dattvā japaṃ samārabhet |
eṣā tu parameśāni vidyā saptadaśākṣarī || 5 ||
vaiṣṇave gāṇapatye ca śaive ca parameśvari |
śākteṣu parameśāni daśavidyā suśasyate || 6 ||
eṣā vidyā varārohe sarvaśaktimayī priye |
sarvaśaktimayīṃ vidyāṃ na japet yadi pāmaraḥ || 7 ||
sarvaṃ tasya vṛthā devi hāniḥ syāduttarottaram |
vṛthā pūjā maheśāni japastasya vṛthā bhavet || 8 ||
nyāsañca viphalaṃ tasya bhūtaśuddhiśca pārvati |
prāṇāyāmaṃ maheśāni tathaivācamanaṃ priye || 9 ||
sarvāṇi tasya viphalaṃ jāyate kamalānane |
tasmādādau japed vidyāṃ saptadaśākṣarīṃ priye || 10 ||
na japed yadi deveśi jñātvā pūjāṃ samācaret |
sarvaśāstreṣu deveśi vaiṣṇave ca viśeṣataḥ || 11 ||
śaive ca gāṇapatye ca praśastā śaktirūpiṇī |
ādau vidyā maheśāni daśadhā japamācaret || 12 ||
bhūtaśuddhyādikaṃ sarvaṃ tataḥ sādhaka ārabhet |
śrī-īśvara uvāca
bhūtaśuddhi vidhāyetthaṃ mātṛkānyāsamācaret |
tataḥ paraṃ maheśāni prāṇāyāmaṃ varānane || 13 ||
prāṇāyāmaṃ vinā devi nahi pūjāṃ samācaret |
prāṇāyāmatrayaṃ dattvā āsanāni samācaret || 14 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre harapārvatīsaṃvāde trayodaśaḥ paṭalaḥ || 13 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Śiva kündigt eine weitere, ganz von Śakti erfüllte Vidyā an. Zuerst wird der Praṇava aufgenommen.
Abschnitt 2
Darauf folgt das Kāma-Bīja, dann erneut Praṇava und danach das Māyā-Bīja.
Abschnitt 3
Wieder wird Praṇava gesprochen, dann das Kāma-Bīja und anschließend noch einmal Praṇava.
Abschnitt 4
Danach folgt Māyā; die nächste Herleitung ist in der Quelle teilweise unsicher, anschließend wird erneut Kandarpabīja genannt.
Abschnitt 5
Am Ende steht die 'Feuer-Frau', also die Svāhā-Komponente; so entsteht eine siebzehnsilbige Vidyā.
Abschnitt 6
Der Text erklärt diese Vidyā für Vaiṣṇava-, Gāṇapatya-, Śaiva- und Śākta-Kontexte als hoch angesehen.
Abschnitt 7
Sie gilt als allumfassende Śakti-Vidyā; wer sie trotz Kenntnis nicht rezitiert, dem droht nach der Textlogik Verlust.
Abschnitt 8
Pūjā und Japa sollen ohne sie fruchtlos werden.
Abschnitt 9
Ebenso Nyāsa, Bhūtaśuddhi, Prāṇāyāma und Ācamana.
Abschnitt 10
Darum soll der Sādhaka zuerst die siebzehnsilbige Vidyā rezitieren.
Abschnitt 11
Der Text behauptet, diese Regel gelte in vielen Śāstras, besonders in Vaiṣṇava-Kontexten.
Abschnitt 12
Auch in Śaiva- und Gāṇapatya-Praxis wird sie als Śakti-Gestalt gepriesen; zunächst soll sie zehnmal rezitiert werden.
Abschnitt 13
Danach werden Bhūtaśuddhi und anschließend Mātṛkā-Nyāsa vollzogen.
Abschnitt 14
Darauf folgt Prāṇāyāma. Ohne Prāṇāyāma soll nach Aussage des Textes keine Pūjā begonnen werden; drei Prāṇāyāmas gehen dem Sitz und der weiteren Praxis voraus.
Erläuterung
Der Abschnitt verbindet Ritualtechnik mit der śāktischen Grundthese, dass Bewusstsein, Śakti und Körper nicht voneinander getrennt sind.
14. Mantrārtha, Mantracaitanya und kosmische Baumvision
Handlung / Praxisziel
Mantrārtha, Mantracaitanya und kosmische Baumvision.
Sanskrittext (IAST)
atha caturdaśaḥ paṭalaḥ
mantrārthaṃ mantracaitanyaṃ yoniñcāpi na vetti yaḥ |
śatakoṭi japenāpi tasya vidyā na sidhyati || 1 ||
devadeva mahādeva rahasyaṃ pūrvasūcitam |
etattattvaṃ mahādeva kṛpayā vada śaṅkara || 2 ||
śrī-īśvara uvāca
mantrārthaṃ parameśāni sāvadhānāvadhāraya |
tathā ca mantracaitanyaṃ nirvāṇapadamuttamam || 3 ||
prasaṅgāt parameśāni nivadāmi tavājñayā |
mūlādhāre mūlavidyāṃ bhāvayediṣṭadevatām || 4 ||
śuddhasphaṭikasaṅkāśāṃ bhāvayet paramākṣarīm |
bhāvayedakṣaraśreṇīmiṣṭavidyāṃ sanātanīm || 5 ||
mūhūrttārddhaṃ vibhāvyaitāṃ pañcadhyānaparo bhavet |
dhyānaṃ kṛtvā maheśāni muhūrttārddhaṃ tataḥ param || 6 ||
tato jīvo maheśāni manasā kamalekṣaṇe |
svādhiṣṭhānaṃ tato gatvā bhāvayediṣṭadevatām || 7 ||
bandhūkāruṇasaṅkāśāṃ japāsindūra ākṛtim |
vibhāvya akṣaraśreṇīṃ padmamadhyagatāṃ śubhām || 8 ||
tato jīvaḥ prasannātmā pakṣiṇā saha sundarī |
maṇipūraṃ tato gatvā bhāvayediṣṭadevatām || 9 ||
vibhrāma akṣaraśreṇīṃ padmamadhyagatāṃ parām |
śuddhasphaṭikasaṅkāśāṃ śivavakṣopari sthitām || 10 ||
tato jīvo maheśāni pakṣiṇā saha pārvati |
hṛtpadmaṃ prayayau śīghraṃ nīrajāyatalocane || 11 ||
iti vidyāṃ maheśāni bhāvayet kamalopari |
vibhāvya akṣaraśreṇīṃ mahāmarakataprabhām || 12 ||
tato jīvo varārohe viśuddhaṃ prayayau priye |
tatpadmagahanaṃ gatvā pakṣiṇā jīva pārvati || 13 ||
iṣṭavidyāṃ maheśāni ākāśopari bhāvayet |
vibhāvya akṣaraśreṇīṃ haridvarṇaṃ varānane || 14 ||
tatra ājñāpuraṃ devi prayayau jīva pārvati |
pakṣiṇā saha deveśi khañjanākṣi śucismite || 15 ||
iṣṭavidyāṃ maheśāni sākṣād brahmasvarūpiṇīm |
vibhāvya akṣaraśreṇīṃ caturvarṇānurañjitām || 16 ||
ājñācakrāṇi (sambhāvya) vibhāvya varavarṇini |
ṣaṭcakre parameśāni dhyānaṃ kṛtvā śucismite || 17 ||
dhyānena parameśāni yadrūpaṃ samupasthitam |
tadeva parameśāni mantrārthaṃ viddhi pārvati || 18 ||
praṣañcāni tato'tītya jīvastu pakṣiṇā saha |
prayayau paramaṃ ramyaṃ nirvāṇaṃ paramaṃ padam || 19 ||
sahasrāraṃ śivapuraṃ tanmadhye sāttvikīṃ purīm |
kauśikīṃ satataṃ devi purīṃ śaktimayīṃ priye || 20 ||
pakṣiṇā saha deveśi jīvaḥ śīghraṃ prayāti hi |
vibhāvya akṣaraśreṇīmamṛtāntu rasāyanīm || 21 ||
tat sadā śivapuraṃ ramyaṃ kalpavṛkṣatalasthitam |
nānāratnasamākīrṇaṃ tanmūlaṃ kamalānane || 22 ||
vṛkṣañca parameśāni satataṃ triguṇātmakam |
pañcabhūtātmakaṃ vṛkṣaṃ pañcaśākhāsamanvitam || 23 ||
catuḥśākhā caturvedaṃ cakratattvasamanvitam |
caturvarṇayutaṃ puṣpaṃ śuklaṃ raktaṃ śucismite || 24 ||
pītaṃ kṛṣṇaṃ maheśāni puṣpadvayaṃ paraṃ śṛṇu |
haritañca maheśāni vicitraṃ sarvamohanam || 25 ||
ṣaṭpuṇyañca maheśāni------------- midaṃ smṛtam |
anyāni yāni śākhāni kṣudrāṇi nīlalocane || 26 ||
tāni sarvāṇi patrāṇi sarvaśāstrāṇi sundari |
tvagasthimedhāmajjāni vṛkṣaśākhāni ca priye || 27 ||
tāni sarvāṇi deveśi indriyāṇi prakīrtitam |
sarvaśaktimayīṃ devi divyāṃ nīrajalocane || 28 ||
evaṃbhūtaṃ mahāvṛkṣaṃ bhramaraiḥ pariśobhitam |
itihāsapurāṇāni sarvāṇi vṛkṣasaṃsthitam || 29 ||
kokilaiḥ parameśāni śobhitaṃ bahupakṣibhiḥ |
nānāpakṣiyutaṃ ramyaṃ divyastrīgaṇasaṃyutam || 30 ||
devadānavagandharvaśobhitaṃ kamalānane |
bandhubhiḥ śobhitaṃ devi gaṇairatnādikāṅkṣabhiḥ || 31 ||
sūkṣmaṃ hi paramaṃ divyaṃ paryaṅkaṃ sarvamohanam |
candrakoṭisamaṃ devi sarvakoṭisamaprabham || 32 ||
śītāṃśuraśmisaṃyuktaṃ nānāgandhānumoditam |
nānāpuṣpasamūhena racitaṃ hemamālayā || 33 ||
tataḥ paraṃ maheśāni sadāśivaḥ svayaṃ punaḥ |
jīvaḥ pakṣiyuto devi bhāvayet tatra pārvati || 34 ||
sadāśivo maheśāni mahākuṇḍalinīyutaḥ |
evaṃ kalpadrumaṃ dhyātvā tadadho ratnavedikām || 35 ||
tatropari maheśāni paryaṅkaṃ bhāvayet priye |
kāminīkoṭisaṃyuktaṃ cāmarairhastasaṃsthitam || 36 ||
evaṃ vibhāvya manasi sadājīvaṃ śucismite |
yasya yasya maheśāni yadiṣṭaṃ kamalānane || 37 ||
tasya dhyānasamāyukto manasā parameśvari |
jīvo dhyānaparo bhūtvā japedaṣṭaśataṃ priye || 38 ||
mantrākṣarāṇi deveśi mātṛkāpuṭitaṃ kramāt |
kṛtvā jīvaḥ prasannātmā japedaṣṭaśataṃ priye || 39 ||
anulomavilomena kuryāt paramayatnataḥ |
anena kramato devi caitanyaṃ viddhi sundari || 40 ||
mantrārthaṃ mantracaitanyaṃ kathitaṃ tava bhaktitaḥ |
na kasmaicit pravaktavyaṃ yadīcchecchubhamātmanaḥ || 41 ||
idaṃ rahasyaṃ paramaṃ gopanīyaṃ varānane |
śiṣyāya bhaktiyuktāya sādhakāya prakāśayet || 42 ||
vaiṣṇave'pi maheśāni kuryāccaitanyamadtam |
viṣṇumantre maheśāni śivamantre'pyupāsate || 43 ||
caitanyaṃ bahuratnena vaiṣṇavo yatnataścaret |
tataḥ siddho bhavenmantro vidyā ca kamalānane || 44 ||
siddhamantrastu yaḥ kuryāt sa śivo nātra saṃśayaḥ |
brahmāṇḍabhāṇḍamadhye tu viharet sa ca sādhakaḥ || 45 ||
śatakoṭi maheśāni tatpuraścaraṇaṃ smṛtam |
caitanyarahitaṃ devi yo japet na ca pāpakṛt || 46 ||
mantrārthaṃ mantracaitanyaṃ sugopyaṃ bhuvanatraye |
tava bhaktyā mayākhyātaṃ dāso'haṃ tava sundari || 47 ||
ahaṃ mṛtyuñjayo devi prasādāt tava sundari |
tvadvaktrāmbujapīyūṣapānena kamalānane || 48 ||
vajratulyaṃ mama vapuḥ sadāvibhavavarddhanam |
brahmāṇḍaṃ sakalaṃ devi tava rūpamayaṃ sadā || 49 ||
yā śaktiḥ parameśāni sā tvaṃ bhavasi sarvadā |
kṛpāmayi maheśāni prakṛtiḥ śarīramāśritā || 50 ||
satī tvaṃ parameśāni pārvatītvaṃ gatā priye |
satītvaṃ paramaṃ prāptā idānīṃ pārvatī priye || 51 ||
satī snehaṃ maheśāni tyaktvā sundari yat kṛtā |
pārvaṃtītvaṃ gatā bhadre menakāyāṃ śucismite || 52 ||
etasminnantare kāle sadā dhyānaparo hyaham |
iti dhyānaṃ samāgacchan bhūtvā tiṣṭhāmi sundari || 53 ||
dhyānamārgaparo bhūtvā karomi svāgamaṃ japam |
svāvāsaṃ śaktirūpaṃ sadā yat hṛdi saṃsthitam || 54 ||
svāvāsaṃ varṇapuñjāni nānāvidyāni pārvati |
nānāvidyāsu deveśi daśa vidyā pragīyate || 55 ||
etāni svāgamaṃ devi sārātsāraṃ parātparam |
japitvā lakṣavarṣāṇi svāgamaṃ śaktirūpiṇam || 56 ||
siddhiṃ gatā maheśāni svāgame parameśvari |
dhyānamārgaṃ parityajya tava pādeṣu gīyate || 57 ||
yadiṣṭaṃ dhyānamārgeṇa tatsarvaṃ kathayāmi te |
svāgamaṃ hi vinā devi na kiñcid varttate priye || 58 ||
sarvaṃ hi parameśāni brahmāṇḍaṃ svāgame sthitam |
svāgamācca prasūyante koṭiśaḥ kuṇḍa (ma) gnayaḥ || 59 ||
brahmāṇḍaṃ koṭiśo devi nirmāṇaṃ svāgamāt priye |
purāṇāni maheśāni tandraṇi vividhāni ca || 60 ||
yat kiñcid dṛśyate devi sthūlasūkṣmaṃ śucismite |
tat sarvaṃ parameśāni svāgamāt kamalānane || 61 ||
sṛṣṭiñca kurute devi brahmā svāgamāt kamalānane |
sthitiñca kurute viṣṇuḥ svāgamāt naganandini || 62 ||
saṃharāmi jagat sarvaṃ trailokyaṃ sacarācaram |
brahmā viṣṇuśca rudraśca sarve svāgamarūpiṇaḥ || 63 ||
svāgamo brahmaṇo rūpaṃ svāgamaṃ paramaṃ padam |
tejaḥpuñjaṃ maheśāni yaduktaṃ kamalānane || 64 ||
tejaḥpuñjantu deveśi strīrūpaṃ svāgamaṃ priye |
svāgamaṃ muktikaivalyaṃ nirvāṇapadamavyayam || 65 ||
svāgamantu vinā devi sadevāsuramānuṣam |
svāgamaṃ parameśāni mama iṣṭaṃ sadā priye ||
rahasyaṃ svāgamopetaṃ prasaṅgāt kathitaṃ mayā || 66 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre harapārvatīsaṃvāde caturdaśaḥ paṭalaḥ || 14 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Wer Bedeutung des Mantras, Mantra-Caitanya und Yoni nicht kennt, dem wird die Vidyā selbst durch hundert Millionen Wiederholungen nicht siddha.
Abschnitt 2
Die Göttin bittet Mahādeva, dieses bereits angedeutete Geheimnis aus Gnade zu erklären.
Abschnitt 3
Śiva sagt: Höre aufmerksam die Bedeutung des Mantras und ebenso sein Caitanya, das mit dem höchsten Nirvāṇa verbunden wird.
Abschnitt 4
Im Mūlādhāra wird die Mūlavidyā zusammen mit der Iṣṭadevatā meditiert.
Abschnitt 5
Sie wird kristallklar als höchste Buchstabengestalt und als ganze Reihe der Mantra-Akṣaras vorgestellt.
Abschnitt 6
Diese Meditation wird für eine halbe Muhūrta-Zeit gehalten; der Übende vertieft sich in die vorgeschriebene Dhyāna-Folge.
Abschnitt 7
Danach zieht der Jīva mit dem Geist zum Svādhiṣṭhāna und meditiert dort die Iṣṭadevatā.
Abschnitt 8
Sie erscheint rot wie Bandhūka-Blüte und Sindūra; die Buchstabenreihe leuchtet in der Lotusmitte.
Abschnitt 9
Dann gelangt der geläuterte Jīva zusammen mit der vogelartigen Haṃsa-Kraft zum Maṇipūra und meditiert die Iṣṭadevatā.
Abschnitt 10
Dort wird die Buchstabenreihe in der Lotusmitte, kristallklar und auf Śivas Brust ruhend, visualisiert.
Abschnitt 11
Anschließend eilt der Jīva mit dieser Haṃsa-Kraft zum Herzlotus.
Abschnitt 12
Dort erscheint die Vidyā auf dem Lotus, die Buchstabenreihe smaragdgrün leuchtend.
Abschnitt 13
Vom Herzen geht der Jīva zum Viśuddha und tritt in dessen inneren Lotusraum ein.
Abschnitt 14
Die Iṣṭavidyā wird dort im Raum meditiert; die Buchstabenreihe erscheint gelblich bzw. grün.
Abschnitt 15
Dann gelangt der Jīva mit dem Haṃsa zur Ājñā-Stadt.
Abschnitt 16
Die Iṣṭavidyā wird als unmittelbare Brahman-Gestalt gesehen; die Buchstabenreihe ist mit mehreren Farben gefärbt.
Abschnitt 17
Nachdem in den sechs Chakras auf diese Weise meditiert wurde,
Abschnitt 18
gilt genau die in der Meditation hervorgetretene Gestalt als Mantrārtha, als Bedeutung des Mantras.
Abschnitt 19
Der Jīva überschreitet danach den manifesten Bereich und gelangt mit der Haṃsa-Kraft zum höchsten Nirvāṇa.
Abschnitt 20
Im Sahasrāra, der Stadt Śivas, liegt eine sattvische, śaktihafte Stadt, die mit Kauśikī verbunden wird.
Abschnitt 21
Der Jīva gelangt schnell dorthin und meditiert die Buchstabenreihe als amṛtahafte Rasāyanī.
Abschnitt 22
Sadāśivapura wird als herrliche Stadt unter einem Kalpavṛkṣa und mit unzähligen Edelsteinen beschrieben.
Abschnitt 23
Der große Baum besitzt die drei Guṇas und wird zugleich als aus den fünf Elementen bestehend und mit fünf Hauptästen versehen gesehen.
Abschnitt 24
Vier Äste werden mit den vier Veden verbunden; die Blüten tragen vier Farben: Weiß, Rot, Gelb und Schwarz.
Abschnitt 25
Dazu kommen Grün und vielfältige Mischfarben; der Baum ist von faszinierender Pracht.
Abschnitt 26
Eine Passage über sechs weitere Qualitäten bzw. Verdienste ist beschädigt.
Abschnitt 27
Die kleineren Äste und Blätter symbolisieren die verschiedenen Śāstras.
Abschnitt 28
Rinde, Knochen, Fett und Mark werden in die Baummetapher aufgenommen; die Sinnesorgane erscheinen als weitere Teile dieses kosmischen Baumes.
Abschnitt 29
Der ganze Baum ist von Śakti erfüllt und von Bienen umschwärmt; Itihāsas und Purāṇas wohnen gleichsam in ihm.
Abschnitt 30
Kuckucke und viele Vögel beleben ihn; göttliche Frauen erscheinen in dieser visionären Landschaft.
Abschnitt 31
Devas, Dānavas, Gandharvas und weitere Scharen schmücken den Ort.
Abschnitt 32
Darunter steht ein äußerst subtiler, göttlicher Thron bzw. ein Lager, mondhell und alles bezaubernd.
Abschnitt 33
Es ist mit Mondstrahlen, Düften, Blumen und goldenen Girlanden geschmückt.
Abschnitt 34
Darauf wird Sadāśiva selbst zusammen mit dem Jīva vergegenwärtigt.
Abschnitt 35
Sadāśiva erscheint mit Mahākuṇḍalinī; unter dem Kalpavṛkṣa wird eine Edelsteinplattform meditiert.
Abschnitt 36
Darauf befindet sich ein herrliches Lager, umgeben von zahllosen weiblichen Gestalten mit Fächern; dies ist visionäre Tantrasymbolik.
Abschnitt 37
Nachdem dies alles geistig aufgebaut ist, richtet der Jīva sich auf die jeweils eigene Iṣṭadevatā.
Abschnitt 38
Mit ihrer Meditation verbunden wird der Jīva ganz in Dhyāna gesammelt.
Abschnitt 39
Er rezitiert die Vidyā acht hundertmal.
Abschnitt 40
Die Mantra-Buchstaben werden der Reihe nach mit Mātṛkā umschlossen und ebenfalls acht hundertmal rezitiert.
Abschnitt 41
Dies geschieht vorwärts und rückwärts, anuloma und viloma; darin erkennt der Text das Caitanya des Mantras.
Abschnitt 42
So seien Mantrārtha und Mantracaitanya aus Hingabe zur Göttin erklärt.
Abschnitt 43
Die Lehre soll nicht wahllos mitgeteilt, sondern verborgen gehalten werden.
Abschnitt 44
Sie darf einem hingebungsvollen Schüler und ernsthaften Sādhaka offenbart werden.
Abschnitt 45
Der Text behauptet, dass dieselbe Caitanya-Lehre auch bei Vaiṣṇava- und Śaiva-Mantras anzuwenden sei.
Abschnitt 46
Durch diese Belebung werde Mantra oder Vidyā siddha.
Abschnitt 47
Wer ein siddha gewordenes Mantra besitzt, wird im Text Śiva gleichgesetzt und bewegt sich frei im Brahmāṇḍa.
Abschnitt 48
Ohne Mantracaitanya wären selbst enorme Puraścaraṇa-Zahlen nicht ausreichend; die genaue Syntax dieses Verses ist etwas beschädigt.
Abschnitt 49
Mantrārtha und Mantracaitanya gelten als eines der geheimsten Themen der drei Welten; Śiva erklärt es aus Liebe zur Göttin.
Abschnitt 50
Śiva bezeichnet sich als Mṛtyuñjaya durch ihre Gnade und den Nektar ihres Lotusgesichts.
Abschnitt 51
Dadurch sei sein Leib vajragleich und von wachsender Kraft.
Abschnitt 52
Das gesamte Brahmāṇḍa sei immer von ihrer Gestalt erfüllt.
Abschnitt 53
Welche Śakti es auch gibt, sie ist die Göttin selbst; sie ist die mit dem Körper verbundene Prakṛti.
Abschnitt 54
Śiva erinnert an ihre Gestalt als Satī und ihre spätere Geburt als Pārvatī.
Abschnitt 55
Die Überlieferung erzählt den Übergang von Satī zu Pārvatī in Menās Haus.
Abschnitt 56
In dieser Zwischenzeit sei Śiva unablässig in Meditation versunken gewesen.
Abschnitt 57
Auf dem Meditationsweg rezitiert er seinen Svāgama, der als Śakti-Gestalt im Herzen wohnt.
Abschnitt 58
Der Svāgama besteht aus Buchstabenmengen und vielen Vidyās; unter ihnen werden die zehn Mahāvidyās genannt.
Abschnitt 59
Er wird als Essenz der Essenz und als höchste, śaktihafte Offenbarung gepriesen.
Abschnitt 60
Durch unermesslich langen Japa erlange man Siddhi im Svāgama.
Abschnitt 61
Schließlich führt der Weg von bloßer Meditationsmethode wieder zu den Füßen der Göttin.
Abschnitt 62
Alles, was im Dhyānaweg erkannt wird, wird ihr erklärt; ohne Svāgama bestehe nach Aussage des Textes nichts.
Abschnitt 63
Das ganze Brahmāṇḍa ruht im Svāgama; aus ihm entstehen unzählige rituelle Feuer und Systeme.
Abschnitt 64
Auch unzählige kosmische Schöpfungen, Purāṇas und verschiedene Tantras werden auf ihn zurückgeführt.
Abschnitt 65
Alles Sichtbare, grob oder subtil, geht nach dieser Selbstdarstellung aus dem Svāgama hervor.
Abschnitt 66
Brahmā erschafft aus dem Svāgama.
Abschnitt 67
Viṣṇu erhält aus dem Svāgama.
Abschnitt 68
Śiva löst aus dem Svāgama das gesamte bewegliche und unbewegliche Universum auf; Brahmā, Viṣṇu und Rudra sind selbst seine Gestalten.
Abschnitt 69
Der Svāgama wird als Form des Brahman und als höchstes Ziel bezeichnet; er ist das zuvor genannte Lichtbündel.
Abschnitt 70
Dieses Lichtbündel erscheint als weibliche Śakti; Svāgama wird mit Mukti, Kaivalya und unvergänglichem Nirvāṇa identifiziert.
Abschnitt 71
Ohne Svāgama gebe es nach der Sprache des Textes weder Götter, Asuras noch Menschen in ihrer spirituellen Ordnung.
Abschnitt 72
Śiva nennt den Svāgama sein stets Geliebtes und erklärt, dieses mit Geheimnis erfüllte Wissen aus dem Zusammenhang heraus mitgeteilt zu haben.
Erläuterung
Der Abschnitt verbindet Ritualtechnik mit der śāktischen Grundthese, dass Bewusstsein, Śakti und Körper nicht voneinander getrennt sind.
15. Mātṛkā-Nyāsa, Triguṇa-Nyāsa und Ṣoḍhā
Handlung / Praxisziel
Mātṛkā-Nyāsa, Triguṇa-Nyāsa und Ṣoḍhā.
Sanskrittext (IAST)
atha pañcadaśaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
dhanyaṃ yaśasyamāyuṣyaṃ kalikalmaṣanāśanam |
yaḥ kuryānmātṛkānyāsaṃ sa eva śrīsadāśivaḥ || 1 ||
vinā nyāsaṃ maheśāni yo japenmātṛkākṣaram |
sa yāti narakaṃ ghoraṃ vighnastasya pade pade || 2 ||
brahmādayo'pi yāṃ kṛtvā sṛṣṭisthityantakārakāḥ |
dvārakānāyakaḥ kṛṣṇaḥyāṃ kṛtvāpi yuge yuge || 3 ||
yāṃ kṛtvā parameśāni śrīkṛṣṇaḥ strīṣu mohanaḥ |
mātṛkāvarṇamāśritya śrīkṛṣṇaḥ kamalānane || 4 ||
ṣoḍaśastrīsahasrāṇi sa reme mātṛkākāraṇāt |
śrīrāmaśca maheśāni ayodhyāyāṃ varānane || 5 ||
vīryādhikārī deveśi bhuṅkte rājyamakaṇṭakam |
daśavarṣasahasrāṇi rāmo rājyamācīkarat || 6 ||
hatvā ca trividhān vīrān vāraṇādiniśācarān |
mātṛkāvarṇamāśritya sarvaṃ kuryādraghūttamaḥ || 7 ||
pañcāśanmātṛkāṃ devīṃ jananīṃ viśvamohinīm |
pūrvoktatantravad devi sarvaṃ kuryād vicakṣaṇaḥ || 8 ||
prathamaṃ mātṛkāgāyatrīṃ dhyānapūrvāṃ śucismite |
tato japaṃ mātṛkāyāḥ kuryāt sādhakayatnataḥ || 9 ||
ṣaḍaṅgayugalaṃ devi tataḥ kuryāt samāhitaḥ |
tatastu mātṛkādhyānaṃ bahirnyāsaṃ tataḥ param || 10 ||
tataḥ paraṃ maheśāni mātṛkāpānamuttamam |
evamaṣṭamakaṃ devi mātṛkānyāsamācaret || 11 ||
paṭhitvā kavacaṃ devi deheṣu nyāsamācaret |
nyāsasya parameśāni varasya gururūpakam || 12 ||
yannoktaṃ sarvatantreṣu prasaṅgāt kathayāmi te |
triguṇasya maheśāni nyāsaṃ vakṣyāmi saṃśṛṇu || 13 ||
yaṃ vinā parameśāni vyartha-------------------------------|
śivaviṣṇubrahmayutaṃ bindvardhvacandrasaṃyutam || 14 ||
rajaḥ sattvaṃ tamo devi arddha yonī śucismite |
sarvopari maheśāni bindu brahmasvarūpiṇam || 15 ||
nyāsaśca triguṇopetaṃ vinyaset tasya sandhiṣu |
pañcāśanmātṛkāsthāne triguṇaṃ nyāsamācaret || 16 ||
tato bhāvaya deveśi nyāsaṃ trailokyamohanam |
nyāsasya parameśāni rahasyaṃ paramādbhutam || 17 ||
prapañcānāṃ maheśāni daleṣu triguṇaṃ nyaset |
gatañca parameśāni tridhā vartanato bhavet || 18 ||
aṣṭadhā triguṇaṃ devi sahasrāre tato nyaset |
aṣṭottaraśataṃ devi bhinnāyāṃ triguṇaṃ nyaset || 19 ||
nyāsādhikārī deveśi tato bhavati sādhakaḥ |
triguṇanyāsamātreṇa adhikārīti gīyate || 20 ||
anyathā viphalaṃ nyasyaṃ japañca viphalaṃ bhavet |
nyāsañca vividhaṃ devi nānātantreṣu gīyate || 21 ||
mātṛkāparamādhyānaṃ sadā brahmādibhiḥ priye |
nyāsānāṃ parameśāni mātṛkā viśvamohinī || 22 ||
sraṣṭā ca parameśāni gīyate āgamaiḥ priye |
tasmāttu yatnato devi mātṛkānyāsamācaret || 23 ||
rahasyaṃ paramaṃ divyaṃ triguṇanyāsakarmaṇi |
ataḥ paraṃ mātṛkāyāḥ ṣoḍhā mokṣapradāyinī || 24 ||
akṛtvā mātṛkāṃ ṣoḍhāṃ nyāsamanyaṃ karoti yaḥ |
ṣoḍhā ca viphalaṃ tasya mātṛkā viphalaṃ bhavet || 25 ||
kṛtvā tu parameśāni yāni nyāsāni ācaret |
saphalāni sadā tasya anyathā rodanaṃ vane || 26 ||
tasmāttu yatnataḥ ṣoḍhāṃ śṛṇu devi varānane |
ṣoḍhā tu parameśāni sākṣād brahmasvarūpiṇī || 27 ||
nirakṣarā sākṣarā vā koṭicandrasamaprabhām |
brahmaviṣṇunutāṃ ramyāṃ mama sampuṭasaṃsthitām || 28 ||
mama prāṇasamāṃ vidyāṃ sākṣājjyotirmayīṃ śivām |
mātṛṣoḍhāṃ varārohe sāvadhānāvadhāraya || 29 ||
mantrauṅkārakrameṇaiva prasaṅgāt kathayāmi te |
triguṇe puṭitāṃ kṛtvā pañcāśanmātṛkāṃ priye || 30 ||
parayatnena deveśi pañcāśat sthānasandhiṣu |
prathamamanulome tu vilomaṃ tadanantaram || 31 ||
tataḥ paraṃ varārohe triguṇaṃ nyāsamācaret |
aṣṭottaraśataṃ kṛtvā sarvasiddhīśvaro bhavet || 32 ||
nyāsamātreṇa deveśi jīvanmukto bhavennaraḥ |
prapañcānāṃ dale devi prathamaṃ nyāsamācaret || 33 ||
tataḥ paraṃ maheśāni bāhyanyāsaṃ samācaret |
śūdrastu parameśāni caturdaśasvaraṃ nyaset || 34 ||
kavacaṃ hi vinā devi prathamaṃ nyāsamācaret |
caturdaśasvaraṃ puṇyaṃ dīrghapraṇavamucyate ||
tasmāt sarvatra śūdrastu dīrghapraṇavamucyate || 35 ||
|| iti śrībhūtaśuddhitantre harapārvatīsaṃvāde pañcadaśaḥ paṭalaḥ || 15 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Wer Mātṛkā-Nyāsa vollzieht, erlange Glück, Ruhm, langes Leben und Reinigung von den Makeln des Kali-Zeitalters; er werde Sadāśiva gleich.
Abschnitt 2
Wer dagegen Mātṛkā-Buchstaben ohne Nyāsa rezitiert, wird in der polemischen Sprache des Textes mit Hindernissen und Höllenfolgen bedroht.
Abschnitt 3
Auch Brahmā und die übrigen Götter sollen durch diesen Nyāsa zur Schöpfung, Erhaltung und Auflösung befähigt worden sein; Kṛṣṇa wird ebenfalls genannt.
Abschnitt 4
Kṛṣṇa habe, auf die Mātṛkā-Buchstaben gestützt, außergewöhnliche Anziehungskraft besessen.
Abschnitt 5
Der Text verbindet seine Liebesmythologie mit der Kraft der Mātṛkā.
Abschnitt 6
Auch Rāma in Ayodhyā wird als durch diese Kraft gestärkt beschrieben und soll lange ungehindert regiert haben.
Abschnitt 7
Seine Siege werden ebenfalls auf die Mātṛkā-Buchstaben zurückgeführt.
Abschnitt 8
Die fünfzigbuchstabige Mātṛkā wird als Mutter und Weltverzauberin verehrt; der Kenner soll die zuvor gelehrte Ordnung anwenden.
Abschnitt 9
Zuerst werden Mātṛkā-Gāyatrī und Dhyāna vollzogen, danach der Japa.
Abschnitt 10
Es folgen paarweise Ṣaḍaṅga-Nyāsa, Mātṛkā-Dhyāna und äußerer Nyāsa.
Abschnitt 11
Danach nennt der Text eine weitere Mātṛkā-Praxis; insgesamt wird ein achtfacher Nyāsa-Zusammenhang angedeutet.
Abschnitt 12
Nach dem Kavaca wird am Körper Nyāsa vollzogen; der Guru gilt als maßgeblich für dessen richtige Form.
Abschnitt 13
Nun wird ein in anderen Tantras nicht vollständig erklärter Triguṇa-Nyāsa angekündigt.
Abschnitt 14
Die erste Hälfte des Verses ist beschädigt; erhalten ist die Verbindung von Śiva, Viṣṇu, Brahmā, Bindu und Halbmond.
Abschnitt 15
Rajas, Sattva und Tamas werden mit einer halben Yoni und darüber mit dem brahmanhaften Bindu verbunden.
Abschnitt 16
Dieser Triguṇa-Nyāsa wird an den Verbindungsstellen und an den fünfzig Mātṛkā-Orten vorgenommen.
Abschnitt 17
Danach soll der 'die drei Welten bezaubernde' Nyāsa meditiert werden; sein Geheimnis gilt als höchst wunderbar.
Abschnitt 18
Die drei Guṇas werden auf den Blättern der inneren Zentren installiert; die genaue Bewegungsform wird dreifach beschrieben.
Abschnitt 19
Im Sahasrāra wird der Triguṇa-Nyāsa achtfach und in einer weiteren Ordnung 108-mal vollzogen.
Abschnitt 20
Dadurch erlangt der Sādhaka nach Textaussage die Berechtigung zum Nyāsa.
Abschnitt 21
Ohne diese Grundlage werden andere Nyāsas und Japa als fruchtlos erklärt; zugleich verweist der Text auf die Vielfalt der Nyāsa-Systeme.
Abschnitt 22
Unter allen Nyāsas wird Mātṛkā besonders hoch bewertet und von Brahmā und anderen meditiert.
Abschnitt 23
Sie wird als schöpferische Weltverzauberin bezeichnet; darum soll man Mātṛkā-Nyāsa mit Sorgfalt üben.
Abschnitt 24
Als nächstes folgt die sechsfache Mātṛkā-Ṣoḍhā, die Mokṣa schenken soll.
Abschnitt 25
Wer andere Nyāsas ohne diese Ṣoḍhā ausführt, dessen Praxis wird als unvollständig bezeichnet.
Abschnitt 26
Wer sie dagegen vorher vollzieht, soll die folgenden Nyāsas fruchtbar machen.
Abschnitt 27
Darum wird die Ṣoḍhā als unmittelbare Brahman-Gestalt erklärt.
Abschnitt 28
Sie kann als jenseits der Buchstaben und zugleich als buchstabenhaft gedacht werden, mondhell und von Brahmā und Viṣṇu gepriesen.
Abschnitt 29
Śiva nennt sie eine seinem Lebensatem gleiche, lichtvolle Vidyā und fordert Pārvatī auf, aufmerksam zuzuhören.
Abschnitt 30
Die fünfzig Mātṛkā-Buchstaben werden nach der Praṇava-Ordnung in die drei Guṇas eingeschlossen.
Abschnitt 31
Sie werden mit großer Sorgfalt an fünfzig Körperstellen gesetzt, zuerst in Vorwärts-, dann in Rückwärtsfolge.
Abschnitt 32
Danach folgt erneut der Triguṇa-Nyāsa; 108-fache Ausführung soll umfassende Siddhi verleihen.
Abschnitt 33
Schon durch diesen Nyāsa wird im Text Jīvanmukti versprochen; zuerst geschieht er an den Blättern der inneren Zentren.
Abschnitt 34
Danach folgt äußerer Nyāsa. Für Śūdras nennt die Quelle besondere Vokalregeln.
Abschnitt 35
Eine langgezogene Praṇava-Form mit vierzehn Vokalen wird in diesem historischen Regelwerk gesondert zugeordnet; der Abschnitt endet mit dieser Vorschrift.
Erläuterung
Nyāsa wird hier als sakrale Verkörperung der Mātṛkā verstanden. Die genaue traditionelle Durchführung setzt Einweisung voraus.
16. Prāṇāyāma, Śabdabrahman und Kuṇḍalinī-Śakti
Handlung / Praxisziel
Prāṇāyāma, Śabdabrahman und Kuṇḍalinī-Śakti.
Sanskrittext (IAST)
atha ṣoḍaśaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
prāṇāyāmaṃ maheśāni prasaṅgāt kathayāmi te |
jīvaśuddhiṃ manaḥśuddhiṃ prāṇāyāmamidaṃ smṛtam || 1 ||
dvividhaṃ parameśāni prāṇāyāmaṃ samācaret |
prāṇāyāmaṃ vinā devi na pūjāṃ na japañcaret || 2 ||
sagarbhañca vigarbhañca prāṇāyāmaṃ varānane |
japadhyānādibhiryuktaṃ sagarbhaṃ kamalānane || 3 ||
vigarbhañca tathā devi varṇahīnaṃ bhaved dhruvam |
pūrayet ṣoḍaśairvāyumiḍayā parameśvari || 4 ||
catuṣaṣṭyā dhārayettu citrāmadhyagatāṃ priye |
recayet kumbhakārdhena nāḍyā madhyamayā sadā || 5 ||
evaṃ dvādaśād devi prāṇāyāmaṃ samācaret |
prāṇāyāmaṃ maheśāni mahāyogamayaṃ sadā || 6 ||
yogaṃ vinā maheśāni mantrasiddhirna jāyate |
dvayordvayornāmayogo brahmasaṃsiddhikāraṇam || 7 ||
evaṃ hi manasā devi sadā yogaṃ samabhyaset |
yasya yasya ca devasya yathā bhūṣaṇavāhanam || 8 ||
tadeva pūjane tasya cintayet pūrakādibhiḥ |
pūrakaṃ dhārakaṃ devi recakaṃ naganandini || 9 ||
sarvaśaktimayaṃ devi sarvatantreṣu niścitam |
vedānte brahma nirṇitam || 10 ||
vaiśeṣike tu deveśi paramāṇurnigīyate |
nyāse ca parameśāni īśvaraṃ nyāsasammatam || 11 ||
------------------- --puruṣaṃ kūṭarūpiṇam |
mīmāṃsayā tathā devi brahmakarma pragīyate || 12 ||
vedādau turyacaitanyaṃ gīyate satataṃ priye |
tatpuro'pyasti deveśi guptabrahma sanātanam || 13 ||
nirindriyaṃ niścalaṃ hi sākṣāt suptamiva sthitam |
etat sarvaṃ maheśāni śavarūpaṃ nirindriyam || 14 ||
sarveṣāṃ parameśāni śaktiḥ prakṛtirūpiṇī |
tasmāt sarveṣu deveṣu śakteḥ prādhānyamucyate || 15 ||
śaktiḥ kuṇḍalinī samastajananī śatadhā vartanamayī |
sadā tāñca namāmyātmabhūtaye kamalekṣaṇe || 16 ||
tataḥ śaktiṃ vinā devi brahmādyāḥ śavarūpavat |
śavatvaṃ sarvadeveṣu vinā śaktiṃ śucismite || 17 ||
śavarūpa ivāyāti paraṃ brahma sadā priye |
śaktiyuktaṃ yadā brahma tadā devatvamāpnuyāt || 18 ||
svāgamaṃ hi maheśāni prakṛtiṃ viddhi pārvati |
svāgame sarvavedāni nānātantrāṇi vidyate || 19 ||
svāgamaṃ hi vinā devi na kiñcid vidyate priye |
tasmāttu parameśāni sarvaṃ prakṛtimayaṃ smṛtam || 20 ||
brahmāṇḍaṃ koṭinirmāṇaṃ sarvaśaktiyutaṃ sadā |
ādhārañca tathā deyaṃ pāṇḍityaṃ yastu pārvati || 21 ||
mūkatvaṃ kavitāṃ devi yadyadanyaṃ śucismite |
tatsarvaṃ parameśāni śaktiṃ vidyāt śucismite || 22 ||
śaktihiṃ parameśāni brahmadvandvaṃ sadā priye |
śabdabrahma paraṃbrahma śaktiyuktaṃ sadā priye || 23 ||
evaṃ brahmā maheśāni śabdabrahma praśasyate |
śabdasya kāraṇaṃ devi mātṛkāṃ brahmarūpiṇīm || 24 ||
ata eva maheśāni sadā mama hṛdi sthitam |
tava bhaktyā mayā khyātaṃ sugopyaṃ hi śucismite |
na kasmaicit pravaktavyaṃ yadīcchet śubhamātmanaḥ || 25 ||
iti śrībhūtaśuddhitantre harapārvatīsaṃvāde ṣoḍaśaḥ paṭalaḥ || 16 ||
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Śiva sagt: Nun erkläre ich den Prāṇāyāma; er gilt als Reinigung des Jīva und des Geistes.
Abschnitt 2
Prāṇāyāma ist zweifach. Ohne ihn sollen weder Pūjā noch Japa ausgeführt werden.
Abschnitt 3
Unterschieden werden sagarbha und vigarbha: Sagabhra ist mit Japa und Dhyāna verbunden.
Abschnitt 4
Vigarbha ist ohne Buchstabenrezitation. Beim Einatmen über Iḍā wird sechzehnfach gezählt bzw. rezitiert.
Abschnitt 5
Mit 64 Einheiten wird der Atem gehalten und anschließend mit der halben Zahl wieder ausgeatmet; die genaue Nāḍī-Bezeichnung der Zeile ist technisch.
Abschnitt 6
Dieser Prāṇāyāma wird zwölfmal wiederholt und als Mahāyoga beschrieben.
Abschnitt 7
Ohne Yoga entstehe keine Mantrasiddhi; die Verbindung der dualen Kräfte gilt als Ursache der Brahman-Verwirklichung.
Abschnitt 8
So soll Yoga geistig beständig geübt werden; bei jeder Gottheit werden deren Schmuck und Fahrzeug in die Meditation einbezogen.
Abschnitt 9
Diese Attribute werden während Pūraka, Dhāraṇa/Kumbhaka und Recaka vergegenwärtigt.
Abschnitt 10
Diese drei Atemphasen werden als von Śakti erfüllt bezeichnet; danach vergleicht der Text verschiedene philosophische Systeme.
Abschnitt 11
Im Vedānta wird Brahman, im Vaiśeṣika das Atom und in Nyāsa-Kontexten Īśvara als maßgeblich genannt.
Abschnitt 12
Eine beschädigte Zeile scheint einen Puruṣa-Begriff anzuschließen; in der Mīmāṃsā wird Brahman bzw. Veda-Karman hervorgehoben.
Abschnitt 13
Im Veda wird Turīya-Caitanya gelehrt; darüber hinaus spricht der Text von einem verborgenen, ewigen Brahman.
Abschnitt 14
Dieses ist ohne Sinne und unbewegt, gleichsam schlafend; ohne Śakti erscheint es nach der Bildsprache des Textes wie ein Leichnam.
Abschnitt 15
Für alle Systeme ist Prakṛti-Śakti entscheidend; darum wird der Vorrang der Śakti bei allen Gottheiten verkündet.
Abschnitt 16
Kuṇḍalinī-Śakti wird als Mutter aller Wesen und vielfach gewundene Kraft gepriesen; Śiva verneigt sich vor ihr.
Abschnitt 17
Ohne Śakti seien selbst Brahmā und die anderen Götter wie leblos.
Abschnitt 18
Wenn Brahman mit Śakti verbunden ist, tritt es als Gottheit und wirksame Wirklichkeit hervor.
Abschnitt 19
Der Svāgama wird mit Prakṛti identifiziert und als Träger aller Veden und vieler Tantras bezeichnet.
Abschnitt 20
Ohne Svāgama gebe es nichts; daher sei alles von Prakṛti erfüllt.
Abschnitt 21
Schöpfung unzähliger Brahmāṇḍas, Grundlage und Gelehrsamkeit werden auf Śakti zurückgeführt.
Abschnitt 22
Auch Stummheit und Dichtkunst sowie alle anderen Fähigkeiten sollen als Wirkungen der Śakti erkannt werden.
Abschnitt 23
Śabdabrahman und Parabrahman sind stets mit Śakti verbunden.
Abschnitt 24
Die Mātṛkā als Brahman-Gestalt wird Ursache des Lautes genannt; deshalb ruht sie im Herzen Śivas.
Abschnitt 25
Aus Bhakti habe Śiva dieses streng geheime Wissen erklärt; es soll nicht wahllos weitergegeben werden.
Erläuterung
Diese Abschnitte sind besonders wichtig für Prāṇāyāma und Nāḍī-Lehre. Sie sollten quellengetreu gelesen und nicht automatisch mit modernen Atemkursen gleichgesetzt werden.
17. Preis des Tantra und Kurzfassung der Bhūtaśuddhi
Handlung / Praxisziel
Preis des Tantra und Kurzfassung der Bhūtaśuddhi.
Sanskrittext (IAST)
atha saptadaśaḥ paṭalaḥ
śrī-īśvara uvāca
etat tantraṃ maheśāni svargamartyarasātale |
praśastaṃ syāt sadā devi nānyathā mama bhāṣitam || 1 ||
yasmin rājye maheśāni etat tantraṃ hi vartate |
notpātastatra deveśi na ca bhītiḥ kadācana || 2 ||
nāśayurvyādhayo devi tasmin rājye na kutracit |
na ca mārībhayaṃ tatra na ca rogastadā priye || 3 ||
sarvadharmeṣu yaddharmaḥ sarvayajñeṣu yat phalam |
tatphalaṃ labhate devi pustakasya ca pūjanāt || 4 ||
yadgṛhe vidyate devi pustakaṃ mama durlabham |
kāmarūpasamaṃ devi tadgṛhaṃ bhuvi durlabham || 5 ||
pustakañca maheśāni yadgṛhe vidyate sadā |
kāśyādīni ca tīrthāni sarvāṇi tasya mandire || 6 ||
yadgṛhe pustakaṃ devi vidyate kamalānane |
sarvadevamayaḥ sarvadevamayaḥ sadā || 7 ||
etat tantraṃ maheśāni satataṃ yasya mandire |
sarvāgamamayaṃ so'pi sa nānyathā tu kadācana || 8 ||
satataṃ mandire yasya etat tantraṃ varānane |
sarvaśāstrasamaḥ so'pi nānyathā vacanaṃ mama || 9 ||
saṃkṣepeṇa bhūtaśuddhivivaraṇam
ramiti jaladhārayā vahniprākāraṃ vicintya svāṅke uttānau karau kṛtvā so'hamiti jīvātmānaṃ hṛdayasthaṃ dīpakalikākāraṃ mūlādhārastha kulakuṇḍalinyā saha suṣumnāvartmanā mūlādhārasvādhiṣṭhānamaṇipūrakānāhata viśuddhājñākhyaṣaṭ cakrāṇi bhitvā śiro'vasthitādhomukha sahasradalakamalakarṇikāntargataparamātmani saṃyojya tatraiva pṛthivyaptejovāyvākāśagandharasarūpasparśaśabda nāsikā - jihvā - cakṣustvakśrotravākpāṇipādapāyupasthaprakṛtimanobuddhyāhaṅkāra-rūpacaturviṃśatitattvāni līnāni vibhāvya yamiti vāyubījaṃ dhūmravarṇaṃ vāmanāsāpuṭe vicintya tasya ṣoḍaśavārajapena | vāyunā dehamāpūrya nāsāpuṭau dhṛtvā tasya catuḥṣaṣṭhivārajapena kumbhakaṃ kṛtvā vāmakukṣisthakṛṣṇavarṇaṃ pāpapuruṣeṇa saha dehaṃ saṃśoṣya tasya dvātriṃśadvārajapena dakṣiṇanāsayā vāyuṃ recayet, dakṣiṇanāsāpuṭe ramiti vahnibījaṃ raktavarṇaṃ dhyātvā tasya ṣoḍaśavārajapena vāyunā dehamāpūrya nāsāpuṭau dhṛvā tasya catuḥṣaṣṭivārajapena kumbhakaṃ kṛtvā pāpapuruṣeṇa saha dehaṃ mūlādhārotthitavahninā dagdhvā tasya dvātriṃśadvārajapena vāmanāsayā bhasmanā saha ṭhamiti candrabījaṃ śuklavarṇaṃ vāmanāsāyāṃ dhyātvā tasya ṣoḍaśavārajapena lalāṭe candraṃ nītvā nāsāpuṭau dhṛtvā ramiti varuṇabījasya catuḥṣaṣṭivārajapena tasmāllalāṭasthacandrād galitasudhayā mātṛkāvarṇātmikayā samastadehaṃ viracya lamiti pṛthvībījasya dvātriṃśadvārajapena dehaṃ sudṛrḍha vicintya dakṣiṇena vāyuṃ recayet |
iti śrībhūtaśuddhitantraṃ samāptam |
Deutsche Übersetzung / Inhaltswiedergabe
Die folgenden nummerierten Abschnitte geben den vollständigen Text dieses Paṭala in deutscher Übersetzung wieder. Reine Bīja-, Mātṛkā- und Lautfolgen, deren Bedeutung gerade in ihrer Sanskrit-Lautgestalt liegt, werden nicht künstlich semantisch übersetzt, sondern als technische Sanskritformen bezeichnet und in ihrer Funktion erklärt. Beschädigte oder unsichere Stellen der Vorlage werden nicht ergänzt.
Abschnitt 1
Śiva preist dieses Tantra als in Himmel, Erde und Unterwelt gültig und erklärt seine Lehre für maßgeblich.
Abschnitt 2
In einem Reich, in dem dieses Tantra bewahrt werde, soll nach der traditionellen Verheißung kein Unheil und keine Furcht entstehen.
Abschnitt 3
Auch Seuchen und Krankheiten sollen dort fernbleiben; dies ist eine religiöse Verheißung des Textes, keine medizinische Aussage.
Abschnitt 4
Die Verehrung des Buches selbst wird mit der Frucht vieler Dharmas und Opferhandlungen gleichgesetzt.
Abschnitt 5
Ein Haus, in dem dieses Buch aufbewahrt wird, wird mit Kāmarūpa, einem großen Śākta-Pīṭha, verglichen.
Abschnitt 6
Alle heiligen Orte, einschließlich Kāśī, sollen in einem solchen Haus gegenwärtig sein.
Abschnitt 7
Das Haus bzw. der Besitzer des Buches wird als von allen Gottheiten erfüllt gepriesen.
Abschnitt 8
Wer dieses Tantra beständig im Heiligtum bewahrt, wird mit der Gesamtheit der Āgamas verbunden.
Abschnitt 9
Ebenso wird er mit allen Śāstras gleichgesetzt. Danach folgt eine kompakte Zusammenfassung der Bhūtaśuddhi: Feuerkreis, So'ham-Jīva, Kuṇḍalinī, Durchgang durch die sechs Chakras, Auflösung der 24 Tattvas im Paramātman, Austrocknen und Verbrennen des Pāpapuruṣa durch Vāyu- und Feuer-Bīja, Neubildung des Körpers durch Mond- und Varuṇa-Nektar sowie Festigung durch das Erd-Bīja. Mit dieser komprimierten Praxisbeschreibung endet das Werk.
Zusammenfassende Praxispassage am Werkende
Nach Vers 9 folgt im Sanskrit eine längere Prosazusammenfassung der Bhūtaśuddhi. Sie beginnt mit der Visualisierung eines Feuerwalls und dem Gedanken so'ham. Der Jīvātman wird als kleine Flamme im Herzen erkannt und zusammen mit der im Mūlādhāra ruhenden Kula-Kuṇḍalinī durch die Suṣumṇā emporgeführt. Mūlādhāra, Svādhiṣṭhāna, Maṇipūra, Anāhata, Viśuddha und Ājñā werden durchdrungen, bis Jīva und Kuṇḍalinī im nach unten gerichteten tausendblättrigen Lotus mit dem Paramātman vereinigt werden.
Dort werden Erde, Wasser, Feuer, Luft, Raum sowie Geruch, Geschmack, Form, Berührung und Klang, die fünf Erkenntnissinne, die fünf Handlungssinne, Prakṛti, Manas, Buddhi und Ahaṃkāra – zusammen 24 Tattvas – in der höchsten Wirklichkeit aufgelöst.
Danach wird das rauchfarbene Vāyu-Bīja yaṃ im linken Nasengang meditiert. Mit sechzehn Wiederholungen wird eingeatmet, mit 64 gehalten und mit 32 ausgeatmet; dadurch wird der mit dem schwarzen Pāpapuruṣa verbundene alte Körper ausgetrocknet. Anschließend wird das rote Feuer-Bīja raṃ rechts meditiert und der alte Körper im aus dem Mūlādhāra aufsteigenden Feuer verbrannt. Danach wird ein weißes Mond-Bīja meditiert; vom Mond an der Stirn fließt Nektar. Mit dem Varuṇa-Bīja wird aus diesem Nektar ein neuer, aus Mātṛkā-Buchstaben bestehender Körper aufgebaut. Mit dem Erd-Bīja laṃ wird dieser neue Körper gefestigt. So endet die zusammengefasste Bhūtaśuddhi des Werkes.
Hinweis: Die Passage enthält genaue Atemhalte- und Japa-Zahlen. Sie wird hier als Textinhalt dokumentiert und nicht als eigenständige moderne Übungsanleitung empfohlen.
Erläuterung
Der Abschnitt verbindet Ritualtechnik mit der śāktischen Grundthese, dass Bewusstsein, Śakti und Körper nicht voneinander getrennt sind.
Abschluss
In der Handbuch-Darstellung wird sichtbar, dass das Bhutashuddhi Tantra nicht nur über Reinigung spricht, sondern eine vollständige innere Ritualpsychologie entwirft: Auflösung der Elemente, Aufstieg und Rückkehr der Kuṇḍalinī, Mātṛkā, Nyāsa, Prāṇāyāma, innere Pūjā und Mantracaitanya greifen ineinander.
Textgrundlage
Muktabodha M00130, bhūtaśuddhitantra. Beschädigte Stellen der Quelle bleiben unverändert.
Siehe auch
Seminare
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