Einswerdung

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Der Yoga als Weg zur Entsagung und Einswerdung mit Gott

Ausschnitt aus dem Buch "Der Gesang des Heiligen. Eine philosophische Episode des Mahabharatam". Eine Übersetzung der Bhagavadgita von Paul Deussen. Leipzig. F.a. Brockhaus. 1911. S. 43 - 51. So lautet in der Bhagavadgita die Hingebung an die Selbstbezwingung (Atma - Samyama - Yoga).

Krishna und Arjuna mit dem Streitwagen

Der Heilige sprach:

1. (1065.) Wer, ohne auf des Werkes Frucht zu bauen, das Werk vollbringt, das ihm obliegt, der ist ein Sannyasin (Entsagender), ist ein Yogi (Hingegebener), nicht aber, wer ohne Opferfeuer, ohne Werke ist.
2. (1066.) Was man Sannyasa (Entsagung) nennt, das wisse, ist der [wahre] Yoga, Pandusohn, denn keiner ist ein Yogi, der nicht seinen Wünschen entsagt hat.
3. (1067.) Für den Muni, der zum Yoga emporsteigen will, ist die Tätigkeit der Weg; für ebendenselben, nachdem er zum Yoga emporgestiegen ist, ist der Weg die Ruhe.
4. (1068.) Denn wenn einer nicht mehr an den Sinnendingen, nicht mehr an den Werken hängt, wenn er allen Wünschen entsagt hat, dann ist er ein zum Yoga Emporgestiegener.
5. (1069.) Man reiße heraus das Selbst durch das Selbst [aus dem Ozean des Samsara], nicht lasse man das Selbst [in ihm] versinken, denn ein jeder ist der Bundesgenosse seiner selbst, und ein jeder ist auch ein Feind seiner selbst.
6. (1070.) Ein Bundesgenosse seiner selbst ist er dann, wenn er sein Selbst durch das Selbst überwunden hat; solange aber noch die Feindschaft besteht dessen, was [an ihm] nicht Selbst ist, solange ist einer ein Feind seiner selbst.
7. (1071.) Wer sein Selbst überwunden hat und zur Ruhe gelangt ist, in dem hat das höchste Selbst Wohnung genommen, bei Kälte und Hitze, bei Lust und Leid, bei Ehre und Schande.
8. (1072.) Wer an Erkenntnis und Wissen sich ersättigt, erhaben über alles, die Sinne gebändigt, der heißt, als ein Hingegebener, Yogi, gleichmütig blickt er hin auf Erdklumpen, auf Steine und auf Gold.
9. (1073.) Bei Freunden und Genossen, bei Feinden, Gleichgültigen und Unparteischen, bei Gegnern und Verwandten, bei Guten und bei Bösen bleibt er gleichmütig, daran erkennt man ihn.
10. (1074.) Als Yogi [ursprünglich: ein sich Anschickender] schicke er sich an, immerwährend in der Einsamkeit verharrend, alleinstehend, die Regungen seines Herzens bändigend, ohne Hoffnung, ohne umgeben zu sein von den Seinen.
11. (1075.) An einem reinen Orte errichte er für sich einen festen Sitz, nicht zu hoch und nicht zu niedrig, überdeckt mit Gewand, Antilopenfell und Kucagras.
12. (1076.) Daselbst konzentriere er sein Manas auf einen Punkt, unterdrücke die Tätigkeiten des Denkens und der Sinne, setze sich nieder auf den Sitz und spanne den Yoga an zur Läuterung seines Selbstes.
13. (1077.) In gleichmäßiger Richtung Rumpf, Kopf und Hals unbeweglich haltend, blicke er unentwegt auf seine Nasenspitze, ohne nach den Seiten hinzusehen.
14. (1078.) Beruhigten Selbstes und frei von Furcht, in dem Gelübde eines Brahmanschülers beharrend, sein Manas bezähmend und an mich denkend, sitze er da im Yoga, mir einzig ergeben.
15. (1079.) In dieser Weise allezeit sich selbst anschickend und seine Gedanken bändigend, erlangt der Yogi den in mir wurzelnden Frieden, dessen letztes Ende das Nirvanam ist.
16. (1080.) Nicht dem, der übermäßig isst, wird der Yoga zuteil, aber auch nicht dem, der ganz und gar nicht isst, ebenso nicht dem, o Arjuna, der übermäßig zu schlafen pflegt oder zu wachen.
17. (1081.) Wer aber mäßig in Nahrung und Erholung ist, mäßig im Wandeln und Handeln, mäßig im Schlafen und Wachen, dem wird der Yoga zuteil, der schmerzstillende.
18. (1082.) Wenn der Gedanke gezügelt, nur auf den Atman gerichtet ist, wenn einer nicht mehr begehrend ist nach irgendwelchen Lüsten, dann wird er ein Yogabeflissener genannt.
19. (1083.) Wie eine an windstillem Ort stehende Lampe nicht flackert, dieses Gleichnis gilt von dem Yogi, der seine Gedanken unterdrückt hat und seine Seele dem Yoga hingibt.
20. (1084.) Wenn das Denken, unterdrückt, durch den Yogadienst zur Ruhe kommt, wenn man nur das Selbst durch das Selbst schauend an dem Selbste seine Lust hat,
21. (1085.) wenn man jene unendliche, nur von der Buddhi zu erfassende, über die Sinne erhabene Lust empfindet und in diesem Zustande beharrend nicht von der wahren Wesenheit abweicht,
22. (1086.) wenn man das ergriffen hat, von dem man sich bewusst ist, dass es nichts anderes Höheres zu ergreifen gibt, und in ihm beharrend auch durch schweres Leiden nicht erschüttert wird,
23. (1087.) das, soll man wissen, ist der von der Berührung mit Leiden freie Zustand, welchen man den Yoga nennt; und diesem Yoga soll man mit Entschiedenheit sich hingeben, mit unverdrossenem Geiste [Anirvinnacetasa mit Cankara].
24. (1088.) Indem man auf alle aus dem Wunsch entspringenden Lüste ohne Unterschied Verzicht leistet, indem man durch das Manas die Rotte der Sinnesorgane von allen Seiten her niederkämpft,
25. (1089.) soll man vermittelst der mit Festigkeit ergriffenen Buddhi mehr und mehr zur Ruhe kommen, das Manas in dem Atman zum Stillstande bringen und gar nichts mehr denken.
26. (1090.) Wohin auch immer das Manas, das wankelmütige, unbeständige, ausschwärmen möchte, von überallher möge man es zwangsweise in dem Atman wieder zum Gehorsam zurückführen.
27. (1091.) Einen solchen Yogi, der sein Manas zur Ruhe gebracht hat, erfüllt die höchste Wonne, ihn, dessen Leidenschaft (Rajas) beschwichtigt, der zu Brahman, dem sündlosen, geworden ist.
28. (1092.) In dieser Weise allezeit sich seinem Atman hingebend, wird der Yogi, von Sünde frei, mit Lust die in der Einswerdung mit Brahman bestehende, unendliche Wonne erlangen.
29. (1093.) Er schaut sein eigenes Selbst in allen Wesen und alle Wesen in dem eigenen Selbst, mit seinem Selbst dem Yoga hingegeben, erblickt er überall das gleiche Wesen.
30. (1094.) Wer mich in allem sieht und alles sieht in mir, dem gehe ich nicht verloren, und der geht mir nicht verloren.
31. (1095.) Wer mich verehrt als in allen Wesen weilend und in der Einheit feststeht, in welcher Lage er auch immer sein mag, er ist ein Yogi, ist in mir.
32. (1096.) Wer, o Arjuna, wegen der Gleichheit mit dem eigenen Selbste überall das Gleiche sieht, sei es im Glück, sei es im Unglück, er ist ein vollendeter Yogi.

Arjuna sprach:

33. (1097.) Der Yoga, von dem du lehrst, o Madhusudana, dass er in [dem Bewusstsein] der Gleichheit bestehe, der kann doch wegen der Wankelmütigkeit nicht von beständiger Dauer sein.
34. (1098.) Denn wankelmütig ist das Manas, o Krishna, ungestüm, gewaltig, stark, und seine Zügelung, wie die des Windes, ist schwer zu vollbringen.

Der Heilige sprach:

35. (1099.) Ohne Zweifel, o Großarmiger, ist das Manas schwer zu zügeln und beweglich, aber durch Übung, o Kuntisohn, und durch Entsagung wird es bezwungen.
36. (1100.) Von dem freilich, dessen Selbst ungebändigt ist, ist der Yoga schwer zu erlangen, so meine ich; wer aber sich selbst in Gehorsam hält und beherrscht, der kann ihn durch das rechte Mittel erlangen.

Arjuna sprach:

37. (1101.) Wenn einer sich nicht selbst bezwingt, wenn er zwar von Glauben erfüllt ist, aber vom Yoga mit seinem Manas abfällt, und 80 die Yogavollendung nicht erreicht, was wird, o Krishna, aus diesem?
38. (1l02.) Wird er nicht beider [der Frucht des Glaubens und des Yoga] verlustig gehen und zerfließen, wie eine Wolke, die sich zerteilt, da er, o Großarmiger, ohne Halt und auf dem Pfade zu Brahman hin verirrt ist?
39. (1103.) Diesen Zweifel, o Krishna, musst du mir völlig lösen, denn nicht gibt es einen außer dir, der diesen Zweifel lösen könnte.

Der Heilige sprach:

40. (1104.) 0 Prithasohn, ein solcher ist weder in dieser Welt noch in der andern ein Verlorener, denn nicht kann irgendeiner, der etwas Gutes tut, einen schlimmen Gang gehen.
41. (1105.) Daher ein solcher, nachdem er die Welten derjenigen, welche gute Werke getan, erlangt und in ihnen zahllose Jahre geweilt hat, darauf, wenn er auch des Yoga verlustig ging, doch in einem reinen und glücklichen Hause wiedergeboren wird.
42. (1106.) Oder er wird sogar geboren in der Familie weiser Yogis; und das ist schwerer als alles andere in der Welt zu erlangen, dass man einer solchen Geburt teilhaft wird.
43. (1107.) Daselbst erlangt er dieselbe Einsicht, die er schon in seiner frühern Geburt hatte, o Liebling der Kurus, und strebt von ihr aus weiter hin zur Vollendung.
44. (1108.) Vermöge jener seiner frühern Bemühung eben wird er auch wider Willen fortgerissen, ist bestrebt den Yoga kennen zu lernen und kommt über das bloße Wort "Brahman" (Maitr. Up. 6,22) hinaus.
45. (1109.) Und wenn er mit Ernst weiterstrebt, wird er sich als Yogi von der Sünde reinigen und, durch mannigfache Geburten geläutert, endlich den höchsten Weg gehen.
46. (1110.) Der Yogi steht höher als die, welche das Tapas üben, höher auch als die, welche der Erkenntnis leben; der Yogi steht auch höher als die, welche die Werke betreiben; darum werde ein Yogi, o Arjuna.
47. (1111.) Aber unter allen Yogis ist der, welcher sein inneres Selbst mir hingibt und gläubig mich verehrt, der mir am innigsten Verbundene.

Siehe auch

Literatur

  • Paul Deussen: "Der Gesang des Heiligen. Eine philosophische Episode des Mahabharatam". Übersetzung der Bhagavadgita. Leipzig. F.a. Brockhaus. 1911.

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