Tantraloka Teil 4
Tantraloka Teil 4 - Ahnika 27 - 37 (Schluss)
Ahnika 27 – Linga-Puja und rituelle Träger der Gegenwart
27.1
athocyate liṅgapūjā sūcitā mālinīmate || 1b ||
Nun wird die im Malinimata angedeutete Linga-Puja erklärt.
27.2
eteṣāmūrdhvaśāstroktamantrāṇāṃ na pratiṣṭhitam |
bahiṣkuryāttato hyete rahasyatvena siddhidāḥ || 2 ||
Die Mantras der höheren geheimen Lehren sollen nach dieser Auffassung nicht ohne weiteres in dauerhaft äußeren Kultbildern fixiert werden, weil ihre Wirksamkeit gerade mit ihrer inneren Geheimhaltung verbunden wird.
27.3
svavīryānandamāhātmyapraveśavaśaśālinīm |
ye siddhiṃ dadate teṣāṃ bāhyatvaṃ rūpavicyutiḥ || 3 ||
Ihre Siddhi entsteht aus dem Eintritt in die eigene Mantrakraft und deren Ananda; eine bloße Veräußerlichung würde nach dem Text ihr eigentliches Wesen verfehlen.
27.4
kiṃca coktaṃ samāveśapūrṇo bhoktrātmakaḥ śivaḥ |
bhogalāmpaṭyabhāgbhogavicchede nigrahātmakaḥ || 4 ||
Shiva wird als der von Samavesha erfüllte höchste Genießer beschrieben; die Ritualsprache deutet Unterbrechung der angemessenen Verehrung als eine Form von Nigraha.
27.5
śāntatvanyakkriyodbhūtajighatsāvṛṃhitaṃ vapuḥ |
svayaṃ pratiṣṭhitaṃ yena so’syābhoge vinaśyati || 5 ||
Was in einer bestimmten Gestalt rituell „eingesetzt“ wurde, soll nach der alten Vorstellung durch fortgesetzte Verehrung genährt werden; der Vers formuliert dies in drastischer Ritualsprache.
27.6
uktaṃ jñānottarāyāṃ ca tadetatparameśinā |
śivo yāgapriyo yasmādviśeṣānmātṛmadhyagaḥ || 6 ||
Das Jnanottara begründet die Puja damit, dass Shiva als besonders yajna-liebend gilt, vor allem inmitten der Muttergottheiten.
27.7
tasmādrahasyaśāstreṣu ye mantrāstānbudho bahiḥ |
na pratiṣṭhāpayejjātu viśeṣādvyaktarūpiṇaḥ || 7 ||
Daher soll der Kundige die geheimsten, besonders deutlich personifizierten Mantras nicht dauerhaft öffentlich installieren.
27.8
ata eva mṛtasyārthe pratiṣṭhānyatra yoditā |
sātra śāstreṣu no kāryā kāryā sādhāraṇī punaḥ || 8 ||
Auch eine in anderen Systemen für Verstorbene vorgeschriebene besondere Installation wird hier abgelehnt; erlaubt bleibt eine allgemeinere Form der rituellen Gegenwärtigmachung.
27.9
ā tanmayatvasaṃsiddherā cābhīṣṭaphalodayāt |
putrakaḥ sādhako vyaktamavyaktaṃ vā samāśrayet || 9 ||
Bis Tanmayata beziehungsweise das angestrebte Ergebnis erreicht ist, kann ein Putraka oder Sadhaka eine sichtbare oder nichtfigürliche Stütze verwenden.
27.10
putrakairgururabhyarthyaḥ sādhakastu svayaṃ vidan |
yadi tatsthāpayenno cettenāpyarthyo gururbhavet || 10 ||
Ein Putraka bittet dafür den Guru; ein kompetenter Sadhaka kann selbst installieren, andernfalls soll auch er den Guru hinzuziehen.
27.11
guruścātra nirodhākhye kāla itthaṃ vibhau vadet |
jīvatyasminphalāntaṃ tvaṃ tiṣṭherjīvāvadhīti vā || 11 ||
Bei der sogenannten Nirodha-Festlegung bestimmt der Guru symbolisch die Dauer der Gegenwart: bis zum Eintritt der Frucht oder bis zum Ende des Lebens des Praktizierenden.
27.12
liṅgaṃ ca bāṇaliṅgaṃ vā ratnajaṃ vātha mauktikam |
pauṣpamānnamatho vāstraṃ gandhadravyakṛtaṃ ca vā || 12 ||
Als Linga können nach dem Text unter anderem ein Bana-Linga, Edelstein, Perle, Blumen, Nahrung, Stoff oder duftende Substanzen dienen.
27.13
natu pāṣāṇajaṃ liṅgaṃ śilpyutthaṃ parikalpayet |
dhātūtthaṃ ca suvarṇotthavarjamanyadvivarjayet || 13 ||
Ein gewöhnlich von einem Bildhauer gefertigtes Stein-Linga wird für diesen besonderen Ritus abgelehnt; bei Metallen wird Gold bevorzugt.
27.14
na cātra liṅgamānādi kvacidapyupayujyate |
udāravīryairmantrairyadbhāsitaṃ phaladaṃ hi tat || 14 ||
Feste Maßregeln für das Linga seien hier nicht entscheidend; wirksam ist vielmehr, was durch kraftvolle Mantras als Bewusstseinsgestalt zum Leuchten gebracht wird.
27.15
tasyāpi sthaṇḍilādyuktavidhinā śuddhimācaret |
mantrārpaṇaṃ tathaiva syānnirodhastūktayuktitaḥ || 15 ||
Auch diese Stütze wird nach der Sthandila-Ordnung gereinigt, mit Mantra verbunden und für die zuvor bestimmte Dauer rituell festgelegt.
27.16
agnau ca tarpaṇaṃ bhūriviśeṣāddakṣiṇā guroḥ |
dīnāditṛptirvibhavādyāga ityadhiko vidhiḥ || 16 ||
Als zusätzliche Elemente nennt der Text reichliches Tarpana im Feuer, Dakshina für den Guru, Versorgung Bedürftiger und eine den Möglichkeiten entsprechende festliche Puja.
27.17
sarveṣvavyaktaliṅgeṣu pradhānaṃ syādakalpitam |
tathā ca tatra tatroktaṃ lakṣaṇe pārameśvare || 17 ||
Unter nichtfigürlichen Lingas gilt das akalpita, nicht künstlich gestaltete Linga, als besonders hochrangig; darauf verweist auch eine Parameshvara-Lehre.
27.18
sūtre pātre dhvaje vastre svayambhūbāṇapūjite |
nadīprasravaṇotthe ca nāhvānaṃ nāpi kalpanā || 18 ||
Bei bestimmten bereits geheiligten Trägern – etwa Swayambhu- oder Bana-Linga sowie natürlichen Wasserorten – sind nach dieser Lehre weder besondere Herbeirufung noch künstliche Konstruktion nötig.
27.19
pīṭhaprasādamantrāṃśavelādiniyamo naca |
vyaktaṃ vā citrapustādau devadārusuvarṇajam || 19 ||
Auch bestimmte Regeln zu Pitha, Prasada, Mantra-Anteil oder Zeit können entfallen; figürliche Formen können etwa als Bild, Buchdarstellung, Holz- oder Goldgestalt auftreten.
27.20
atha dīkṣitasacchilpikṛtaṃ sthāpayate guruḥ |
athavā lakṣaṇopetamūrdhatatkarparāśritam || 20 ||
Eine ausdrücklich hergestellte Gestalt soll von einem eingeweihten und kundigen Handwerker gefertigt und vom Guru eingesetzt werden; alternativ nennt der Text einen besonderen Ritualträger mit vorgeschriebenen Merkmalen.
27.21
paṅkticakrakaśūlābjavidhinā tūramāśrayet |
tallakṣaṇaṃ bruve śrīmatpicuśāstre nirūpitam || 21 ||
Für das sogenannte Tura werden Reihen-, Chakra-, Trishula- und Lotusformen genannt; seine Merkmale werden aus dem Pichu-Shastra übernommen.
27.22
tūre yogaḥ sadā śastaḥ siddhido doṣavarjite |
jālakairjarjarai randhrairdantairūnādhikai rujā || 22 ||
Ein fehlerfreies Tura gilt als für Yoga und Siddhi geeignet; Risse, Löcher, Brüche und andere Beschädigungen werden als ungünstig bewertet.
27.23
yukte ca tūre hāniḥ syāt taddhīne yāga uttamaḥ |
kāmya eva bhavettūramiti kecitprapedire || 23 ||
Bei einem beschädigten Tura wird ritueller Nachteil angenommen, während Puja ohne ein solches Gerät dennoch möglich ist; manche Lehrer beschränken das Tura daher auf Kamya-Riten.
27.24
guravastu vidhau kāmye yatnāddoṣāṃstyajediti |
vyācakṣate picuproktaṃ na nitye karmaṇītyadaḥ || 24 ||
Andere Gurus deuten die strengen Fehlerregeln des Pichu-Shastra nur auf zielgerichtete Kamya-Riten und nicht auf die tägliche Praxis.
27.25
śrīsiddhātantra uktaṃ ca tūralakṣaṇamuttamam |
ekādikacatuṣkhaṇḍe gomukhe pūrṇacandrake || 25 ||
Das Siddhatantra beschreibt das ideale Tura weiter durch bestimmte Segmentzahlen und Formen wie Gomukha und Vollmondgestalt.
27.26
padmagorocanāmuktānīrasphaṭikasaṃnibhe |
ekādipañcasadrandhravidyārekhānvite śubhe || 26 ||
Es soll lotus-, gorocana-, perlen- oder kristallähnlich und mit einer vorgeschriebenen Zahl geeigneter Öffnungen und Vidya-Linien versehen sein.
27.27
na rūkṣavakraśakaladīrghanimnasabinduke |
ślakṣṇayā vajrasūcyātra sphuṭaṃ devīgaṇānvitam || 27 ||
Rauheit, Verkrümmung, Bruch, übermäßige Länge, Vertiefungen oder störende Punkte gelten als Fehler; die Devi-Gruppen sollen klar und sauber eingetragen sein.
27.28
sarvaṃ samālikhetpūjyaṃ sarvāvayavasundaram |
etadevānusartavyamarghapātre’pi lakṣaṇam || 28 ||
Der ganze verehrte Komplex soll vollständig und harmonisch dargestellt werden; ähnliche Qualitätsmerkmale gelten für das Arghya-Gefäß.
27.29
śrībrahmayāmale’pyuktaṃ pātraṃ gomukhamuttamam |
gajakūrmatalaṃ kumbhavṛttaśaktikajākṛti || 29 ||
Das Brahmayamala nennt verschiedene bevorzugte Gefäßformen, darunter Gomukha-, Elefanten-, Schildkröten-, Krug- und Shakti-Formen.
27.30
akṣasūtramatho kuryāttatraivābhyarcayetkramam |
vīradhātujalodbhūtamuktāratnasuvarṇajam || 30 ||
Darauf wird eine Akshasutra-Gebetskette beschrieben, die aus verschiedenen traditionell hoch bewerteten Materialien gefertigt sein kann.
27.31
akṣasūtraṃ kramotkṛṣṭaṃ raudrākṣaṃ vā viśeṣataḥ |
śataṃ tithyuttaraṃ yadvā sāṣṭaṃ yadvā tadardhakam || 31 ||
Besonders Rudraksha gilt als geeignet; der Text nennt verschiedene traditionelle Perlenzahlen, darunter hundertacht sowie kleinere Abstufungen.
27.32
tadardhaṃ vātha pañcāśadyuktaṃ tatparikalpayet |
vaktrāṇi pañca citspandajñānecchākṛtisaṃgateḥ || 32 ||
Weitere Zählungen werden mit den fünf Gesichtern beziehungsweise den Kräften von Cit, Spanda, Jnana, Iccha und Kriya symbolisch verbunden.
27.33
pañcadhādyantagaṃ caikyamityupāntyākṣago vidhiḥ |
śaktitadvatprabhedena tatra dvairūpyamucyate || 33 ||
Anfang, Ende und Einheit der fünf Kräfte bestimmen die symbolische Ordnung der Perlen; durch die Unterscheidung von Shiva und Shakti entsteht eine zweifache Nyasa-Struktur.
27.34
tato dviguṇamāne tu dvirūpaṃ nyāsamācaret |
tato’pi dviguṇe sṛṣṭisaṃhṛtidvitayena tam || 34 ||
Bei doppelter Perlenzahl wird der Nyasa entsprechend verdoppelt; eine weitere Verdopplung kann mit den beiden Bewegungen von Schöpfung und Rücknahme verbunden werden.
27.35
mātṛkāṃ mālinīṃ vātha nyasyetkhaśarasaṃmite |
uttame tu dvayīṃ nyasyennyasya pūrvaṃ pracoditān || 35 ||
Je nach Zählung wird Matrika oder Malini auf die Kette gelegt; in der höchsten Form werden beide Systeme verbunden.
27.36
dīkṣāyāṃ mukhyato mantrāṃstānpañcadaśa daiśikaḥ |
yadi vā tattvabhuvanakalāmantrapadārṇajaiḥ || 36 ||
Der Daiśika kann besonders die fünfzehn Hauptmantras der Diksha einsetzen oder die Kette nach Tattvas, Bhuvanas, Kalas, Mantras, Padas und Lauten strukturieren.
27.37
saṃkhyābhedaiḥ kṛte sūtre taṃ taṃ nyāsaṃ guruścaret |
kṛtvākṣasūtraṃ tasyāpi sarvaṃ sthaṇḍilavadbhavet || 37 ||
Je nach gewählter Zahl führt der Guru den entsprechenden Nyasa aus; die weitere Weihe der Gebetskette folgt im Wesentlichen der Sthandila-Ordnung.
27.38
pūjitena ca tenaiva japaṃ kuryādatandritaḥ |
vidhiruktastvayaṃ śrīmanmālinīvijayottare || 38 ||
Mit der geweihten Kette soll aufmerksam Japa geübt werden; Abhinavagupta beruft sich dafür auf das Malinivijayottara.
27.39
cakravadbhramayannetadyadvakti sa japo bhavet |
yadīkṣate juhotyetadbodhāgnau saṃpraveśanāt || 39 ||
Das Drehen der Kette begleitet den ausgesprochenen Japa; innerlich wird der Vorgang zugleich als Opferung in das Feuer der Erkenntnis verstanden.
27.40
athavārghamahāpātraṃ kuryāttaccottaraṃ param |
nārikelamatho bailvaṃ sauvarṇaṃ rājataṃ ca vā || 40 ||
Als weitere hochwertige Stütze nennt der Text ein großes Arghya-Gefäß, etwa aus Kokosnuss, Bilva, Gold oder Silber.
27.41
tasyāpyeṣa vidhiḥ sarvaḥ pratiṣṭhādau prakīrtitaḥ |
tanniṣkamparasaiḥ pūrṇaṃ kṛtvāsminpūjayetkramam || 41 ||
Auch dieses wird nach der allgemeinen Weiheordnung behandelt, mit geeigneten Flüssigkeiten gefüllt und zum Träger der rituellen Verehrung gemacht.
27.42
adhomukhaṃ sadā sthāpyaṃ pūjitaṃ pūjane punaḥ |
tatpātramunmukhaṃ tacca riktaṃ kuryānna tādṛśam || 42 ||
Außerhalb der Puja soll das Gefäß umgekehrt stehen; während der Verehrung wird es aufgerichtet und soll nicht leer bleiben.
27.43
pūjānte tadrasāpūrṇamātmānaṃ pravidhāya tat |
adhomukhaṃ ca saṃpūjya sthāpayet vicakṣaṇaḥ || 43 ||
Am Ende soll der Praktizierende sich selbst als von der Essenz der Opfergabe erfüllt erfahren, das Gefäß ehren und wieder umgekehrt aufstellen.
27.44
khaṅgaṃ kṛpāṇikāṃ yadvā kartarīṃ makuraṃ ca vā |
vimalaṃ tattathā kuryācchrīmatkālīmukhoditam || 44 ||
Auch Schwert, Messer, Schere oder Spiegel können in bestimmten historischen Kula-Riten als rituelle Träger dienen; das Kalimukha nennt dafür entsprechende Weiheformen.
27.45
śrībhairavakule’pyuktaṃ kulaparvaprapūjane |
sthaṇḍile’gnau paṭe liṅge pātre padme’tha maṇḍale || 45 ||
Das Bhairavakula nennt für Kula-Festtage zahlreiche mögliche Verehrungsorte: Sthandila, Feuer, Bild, Linga, Gefäß, Lotus oder Mandala.
27.46
mūrtau ghaṭe’strasaṃghāte dhaṭe sūtre’tha pūjayet |
svena svenopacāreṇa saṅkaraṃ varjayediti || 46 ||
Auch Murti, Krug, Ritualwaffen, Waage oder Faden können dienen; jede Form soll mit den ihr angemessenen Upacharas behandelt und nicht wahllos mit anderen Verfahren vermischt werden.
27.47
yathāpsu śāntaye mantrāstadvadastrādiṣu dhruvam |
śatrucchedādikartāraḥ kāmyo’taḥ saṅkarojjhitaḥ || 47 ||
Die Tradition ordnet verschiedenen Trägern unterschiedliche Wirkungen zu – Wasser etwa beruhigenden, Waffen aggressiven Kamya-Riten; solche historischen Schadensriten werden hier nur dokumentiert und nicht als Praxis empfohlen.
27.48
akāmasya tu te tattatsthānopādhivaśāddhruvam |
pāśakartanasaṃśuddhatattvāpyāyādikāriṇaḥ || 48 ||
Wer keine weltlichen Ziele verfolgt, deutet dieselben Symbole innerlich: „Schneiden“ bedeutet dann das Lösen von Bindungen, Reinigung die Klärung der Tattvas und Nahrung ihre Durchdringung mit Bewusstsein.
27.49
athavā pustakaṃ tādṛgrahaḥśāstrakramombhitam |
suśuddhaṃ dīkṣitakṛtaṃ tatrāpyeṣa vidhiḥ smṛtaḥ || 49 ||
Auch ein sorgfältig hergestelltes und von einem Eingeweihten geschriebenes heiliges Buch kann ritueller Träger sein; dieselbe Grundordnung der Verehrung gilt dann für die Schrift.
27.50
itthaṃ svayaṃpratiṣṭheṣu yāvadyāvatsthitirbhavet |
vibhavaistarpaṇaṃ śuddhistāvadvicchedavarjanam || 50 ||
Solange eine selbst vorgenommene Installation besteht, soll sie regelmäßig gereinigt und nach Möglichkeit verehrt werden; willkürliche Unterbrechung wird vermieden.
27.51
ata eva yadā bhūridinaṃ maṇḍalakalpanam |
tadā dine dine kuryādvibhavaistarpaṇaṃ bahu || 51 ||
Bleibt ein Mandala mehrere Tage bestehen, erhält es täglich eine den Mitteln entsprechende Verehrung.
27.52
pratiṣṭhāyāṃ ca sarvatra guruḥ pūrvoditaṃ param |
satattvamanusandhāya saṃnidhiṃ sphuṭamācaret || 52 ||
Bei jeder Pratishtha vergegenwärtigt der Guru die zuvor erklärte höchste Wirklichkeit und macht ihre Gegenwart im gewählten Träger bewusst deutlich.
27.53
siddhe tu tanmayībhāve phale putrakasādhakaiḥ |
anyasmai taddvayādanyatarasmai tatsamarpyate || 53 ||
Ist Tanmayata oder das angestrebte Ergebnis erreicht, kann die rituelle Stütze einem anderen geeigneten Putraka oder Sadhaka weitergegeben werden.
27.54
tasyāpyeṣa vidhiḥ sarvastadalābhe tu sarvathā |
agādhe’mbhasi tatkṣepyaṃ kṣamayitvā visṛjya ca || 54 ||
Auch für den neuen Empfänger gilt die Ordnung; findet sich niemand, wird die Stütze nach ritueller Entschuldigung und Verabschiedung in tiefes Wasser gegeben.
27.55
ityeṣa svapratiṣṭhānavidhiḥ śivanirūpitaḥ |
parapratiṣṭhite liṅge bāṇīye’tha svayaṃbhuvi || 55 ||
Damit endet die von Shiva erklärte Ordnung für selbst vorgenommene Pratishtha; nun folgen bereits anderweitig installierte, Bana- und Swayambhu-Lingas.
27.56
sarvamāsanapakṣe prāṅnyasya saṃpūjayetkramam |
śuddhāśuddhādhvajāḥ sarve mantrāḥ sarvaḥ śivāntakaḥ || 56 ||
Für sie wird die gesamte Adhvan-Ordnung als Asana gedacht und mit den Mantras vom unreinen bis zum reinen Weg und bis zu Shiva verehrt.
27.57
adhvā cehāsane proktastatsarvatrārcayedidam |
āvāhanavisṛṣṭī tu tatra prāgvatsamācaret || 57 ||
Da der ganze Adhvan hier im Sitz enthalten ist, wird die vollständige Ordnung darin verehrt; Avahana und Visarjana erfolgen entsprechend der zuvor erklärten inneren Deutung.
27.58
uktaṃ tantre’pyaghoreśe svacchande vibhunā tathā |
athavā pratyahaṃ proktamānārdhārdhaniyogataḥ || 58 ||
Ähnliche Verfahren werden im Aghoresha- und Svacchanda-Tantra genannt; alternativ kann eine tägliche verkürzte Form nach abgestuften Maßen vollzogen werden.
27.59
kṛtveṣṭaṃ maṇḍalaṃ tatra samastaṃ kramamarcayet |
bahuprakārabhinnasya liṅgasyārcā nirūpitā || 59 ||
Nach Errichtung des gewünschten Mandalas wird darin die ganze Ordnung verehrt. Damit endet die Darstellung der vielfältigen Formen der Linga-Puja.
Textkritische Schlussnotiz zu Ahnika 27: Die GRETIL/KSTS-Fassung umfasst 59 nummerierte Verse; 27.1 ist als b-Hälfte überliefert. Der Abschnitt zeigt deutlich, dass äußere Ritualträger im Trika letztlich durch Mantra und Bewusstseinsgegenwart Bedeutung erhalten; aggressive Kamya-Rituale werden als historische Quelleninhalte, nicht als heutige Empfehlungen dokumentiert.
Ahnika 28 – Naimittika: besondere Anlässe, Pavitraka, Tod und Bewusstseinskontinuität
Ahnika 28 behandelt die naimittika genannten, an besondere Anlässe gebundenen Riten. Neben Festtagen, Pavitraka, Lehrer- und Traditionsgedenken entfaltet Abhinavagupta ausführliche Überlegungen zu Tod, Wiederverkörperung, Gnade, Jivanmukti, gemeinschaftlicher Bewusstseinsentfaltung und Schriftauslegung. Historische Angaben zu Alkohol, Fleisch, Blut, Sexualritualen, aggressiven Ritualzwecken und vormodernen Todesvorstellungen werden hier als Quelleninhalt übersetzt; sie sind keine heutigen Praxisanweisungen.
Textgrundlage: GRETIL-Transkription nach der KSTS-Ausgabe. Die elektronische Fassung zählt 435 Referenzeinträge; 28.435 ist ein einzeiliger Schlussvers/Kolophon.
Versweise Arbeitsübersetzung:
28.1
iti nityavidhiḥ prokto naimittikamathocyate // 1b
Damit ist die regelmäßige Vorschrift erklärt; nun wird das an besondere Anlässe gebundene Verfahren dargelegt.
28.2
niyataṃ bhāvi yannityaṃ tadityasminvidhau sthite |
mukhyatvaṃ tanmayībhūtiḥ sarvaṃ naimittikaṃ tataḥ // 2
Was notwendig wiederkehrt, gilt als nitya; im Wesentlichen zielen jedoch alle besonderen Riten auf das Einswerden mit der verehrten Wirklichkeit.
28.3
dinādikalpanotthe tu naiyatye sarvanityatā |
dinamāsarkṣavarṣādinaiyatyāducyate tadā // 3
Da Tage, Monate, Gestirnzyklen und Jahre regelmäßig wiederkehren, besitzen auch die daran gebundenen Handlungen eine Form von Regelmäßigkeit.
28.4
aśaṅkitavyāvaśyantāsattākaṃ jātucidbhavam |
pramātraniyataṃ prāhurnaimittikamidaṃ budhāḥ // 4
Die Kundigen nennen naimittika, was nicht ständig, sondern bei einem bestimmten, für den Handelnden eintretenden Anlass geschieht.
28.5
sandhyādi parvasaṃpūjā pavitrakamidaṃ sadā |
nityaṃ niyatarūpatvātsarvasmin śāsanāśrite // 5
Sandhya, Festtagsverehrung und Pavitraka können wegen ihrer festen Wiederkehr zugleich als regelmäßig gelten.
28.6
jñānaśāstragurubhrātṛtadvargaprāptayastathā |
tajjanmasaṃskriyābhedāḥ svajanmotsavasaṃgatiḥ // 6
Zu den besonderen Anlässen gehören die Erlangung von Erkenntnis, Schrift, Guru oder spirituellen Gefährten, deren Jahrestage sowie der eigene Geburtstag.
28.7
śrāddhaṃ vipatpratīkāraḥ pramodo'dbhutadarśanam |
yoginīmelakaḥ svāṃśasantānādyaiśca melanam // 7
Weiter zählen dazu Shraddha, die Abwendung von Not, freudige oder außergewöhnliche Ereignisse, Yogini-Melaka und Zusammenkünfte der eigenen Überlieferungslinie.
28.8
śāstravyākhyāpurāmadhyāvasānāni kramodayaḥ |
devatādarśanaṃ svāpnamājñā samayaniṣkṛtiḥ // 8
Auch Beginn, Mitte und Abschluss einer Schriftauslegung, das Hervortreten eines Krama, eine Gottheitsschau, ein bedeutsamer Traum, ein Auftrag und die Sühne eines Regelverstoßes gehören hierher.
28.9
iti naimittikaṃ śrīmattantrasāre nirūpitam |
trayoviṃśatibhedena viśeṣārcānibandhanam // 9
So werden im Tantrasara dreiundzwanzig Arten besonderer Anlässe genannt, die jeweils eine besondere Verehrung begründen.
28.10
tatra parvavidhiṃ brūmo dvidhā parva kulākulam |
kulāṣṭakakṛtaṃ pūrvaṃ proktaṃ śrīyogasaṃcare // 10
Zuerst wird die Festtagsordnung erklärt; Festtage werden als Kula und Akula unterschieden, wobei eine ältere Einteilung im Yogasamcara gelehrt wird.
28.11
abdhīndu munirityetanmāheśyā brahmasantateḥ |
pratipatpañcadaśyau dve kaumāryā rasavahniyuk // 11
Der Text ordnet bestimmten Göttinnen und Traditionslinien jeweils besondere Tithis zu; die hier verwendete Zahlensprache ist technisch und knapp.
28.12
abdhirakṣīndu vaiṣṇavyā aindryāstvastraṃ trayodaśī |
vārāhyā randhrarudrau dve caṇḍyā vasvakṣiyugmakam // 12
Weitere Tithis werden den vaishnavischen, aindrischen, Varahi- und Candi-Aspekten zugeordnet.
28.13
dve dve tithī tu sarvāsāṃ yogeśyā daśamī punaḥ |
tasyā apyaṣṭamī yasmāddvitithiḥ sā prakīrtitā // 13
Für die Göttinnen werden jeweils zwei Tithis genannt; der Yogeshi werden besonders die zehnte und die achte zugerechnet.
28.14
anyāścākulaparvāpi vaiparītyena lakṣitam |
kulaparveti tadbrūmo yathoktaṃ bhairave kule // 14
Andere Festtage gelten als Akula; durch die umgekehrte Zuordnung ergibt sich die Kula-Einteilung, wie sie in Bhairava-Kula-Quellen gelehrt wird.
28.15
haiḍare trikasadbhāve trikakālīkulādike |
yo'yaṃ prāṇāśritaḥ pūrvaṃ kālaḥ proktaḥ suvistarāt // 15
In Haidara-, Trikasadbhava-, Trikakali-Kula- und verwandten Lehren wird die bereits erklärte, im Prana gegründete Zeit vorausgesetzt.
28.16
sa cakrabhedasaṃcāre kāṃcit sūte svasaṃvidam |
svasaṃvitpūrṇatālābhasamayaḥ parva bhaṇyate // 16
Wenn diese Zeit im Umlauf der Bewusstseinskreise eine besondere Selbst-Erfahrung hervorbringt, heißt der Augenblick, in dem die eigene Bewusstheit Fülle erlangt, parvan.
28.17
parva pūraṇa ityeva yadvā pṝ pūraṇārthakaḥ |
parvaśabdo niruktaśca parva tatpūraṇāditi // 17
Abhinavagupta erklärt parvan etymologisch aus dem Sinn von Fülle oder Vollendung.
28.18
haiḍare'tra ca śabdo'yaṃ dvidhā nāntetaraḥ śrutaḥ |
taccakracāraniṣṇātā ye kecit pūrṇasaṃvidaḥ // 18
Die betreffende Überlieferung kennt dabei zwei Ausdrucksweisen; entscheidend sind jene, die im Umlauf des Chakras erfahren und in voller Bewusstheit gegründet sind.
28.19
tanmelakasamāyuktāste tatpūjāparāḥ sadā |
yo'pyatanmaya eṣo'pi tatkāle svakramārcanāt // 19
Sie verbinden sich in dieser Zusammenkunft und Verehrung; selbst wer diesen Zustand noch nicht besitzt, kann sich ihm durch die entsprechende Praxis annähern.
28.20
tadyoginīsiddhasaṅghamelakāt tanmayībhavet |
yathā prekṣaṇake tattaddraṣṭṛsaṃvidabheditām // 20
Durch die Zusammenkunft mit Yoginis und Siddhas kann er davon durchdrungen werden, ähnlich wie gemeinsames Schauen die Bewusstseine der Betrachtenden verbindet.
28.21
kramoditāṃ sadya eva labhate tatpraveśanāt |
yogābhyāsakramopāttāṃ tathā pūrṇāṃ svasaṃvidam // 21
Durch dieses Eintreten kann jene volle Selbstbewusstheit unmittelbar aufleuchten, die sonst schrittweise durch Yogaübung entfaltet wird.
28.22
labhante sadya evaitatsaṃvidaikyapraveśanāt |
tatkālaṃ cāpi saṃvitteḥ pūrṇatvāt kāmadogdhṛtā // 22
Durch das Eintreten in die Einheit des Bewusstseins wird diese Fülle unmittelbar erfahren; der betreffende Zeitpunkt gilt deshalb als besonders wirksam.
28.23
tena tattatphalaṃ tatra kāle saṃpūjayācirāt |
yathā ciropāttadhanaḥ kurvannutsavamādarāt // 23
Die Überlieferung verbindet daher die Verehrung zu solchen Zeiten mit raschem Fruchtertrag, wie jemand nach langem Erwerb freudig ein Fest veranstaltet.
28.24
atithiṃ so'nugṛhṇāti tatkālābhijñamāgatam |
tathā suphalasaṃsiddhyai yoginīsiddhanāyakāḥ // 24
Wie ein Gastgeber einen zur rechten Zeit kommenden Gast beschenkt, so werden Yoginis und Siddhas als gewährende Mächte des günstigen Augenblicks gedacht.
28.25
yatnavanto'pi tatkālābhijñaṃ tamanugṛhṇate |
uktaṃ ca tatra teneha kule sāmānyatetyalam // 25
Auch wer um Vollendung bemüht ist, soll den rechten Zeitpunkt erkennen; damit ist die allgemeine Kula-Regel hinreichend bezeichnet.
28.26
yasya yaddhṛdaye devi vartate daiśikājñayā |
mantro yogaḥ kramaścaiva pūjanāt siddhido bhavet // 26
Was durch die Weisung des Lehrers im Herzen lebt – Mantra, Yoga oder Krama –, soll durch Verehrung zur Vollendung gebracht werden.
28.27
kulācāreṇa deveśi pūjyaṃ siddhivimuktaye |
ye parvasveṣu deveśi tarpaṇaṃ tu viśeṣataḥ // 27
Im Kula-Weg wird zu solchen Zeiten besonders verehrt und dargebracht, mit dem traditionellen Ziel von Siddhi und Befreiung.
28.28
gurūṇāṃ devatānāṃ ca na kurvanti pramādataḥ |
durācārā hi te duṣṭāḥ paśutulyā varānane // 28
Wer aus Nachlässigkeit Guru und Gottheiten an den Festtagen nicht ehrt, wird im polemischen Sprachstil der Quelle scharf getadelt.
28.29
abhāvānnityapūjāyā avaśyaṃ hyeṣu pūjayet |
aṭanaṃ jñānaśaktyādilābhārthaṃ yatprakīrtitam // 29
Wo tägliche Verehrung fehlt, soll wenigstens an diesen Tagen praktiziert werden; auch besondere Unternehmungen zum Gewinn von Wissen oder Kraft werden hier eingeordnet.
28.30
śaktiyāgaśca yaḥ prokto vaśyākarṣaṇamāraṇam |
tatsarvaṃ parvadivaseṣvayatnenaiva siddhyati // 30
Die Quelle zählt auch historische Shakti-Riten für Beherrschung, Anziehung und Tötung auf und schreibt ihnen an Festtagen besondere Wirksamkeit zu; dies wird hier ausschließlich dokumentarisch wiedergegeben.
28.31
tatsāmānyaviśeṣābhyāṃ ṣoḍhā parva nirūpitam |
māsasyādyaṃ pañcamaṃ ca śrīdinaṃ paribhāṣyate // 31
Nach allgemeinen und besonderen Merkmalen wird parvan sechzehnfach gegliedert; bestimmte Monatstage heißen dabei Shri-Tage.
28.32
utkṛṣṭatvāt parvadinaṃ śrīpūrvatvena bhāṣyate |
samayo hyeṣa yadguptaṃ tannānupapadaṃ vadet // 32
Wegen seiner besonderen Würde wird dem Festtag die Bezeichnung Shri vorangestellt; zugleich gilt er als traditionsgebundene, nicht beliebig offenzulegende Regel.
28.33
turyāṣṭamānyabhuvanacaramāṇi dvayorapi |
pakṣayoriha sāmānyasāmānyaṃ parva kīrtitam // 33
Bestimmte vierte, achte und weitere Tithis beider Monatshälften werden als allgemein wiederkehrende Festtage bezeichnet.
28.34
yadeteṣu dineṣveva bhaviṣyadgrahabhātmakaḥ |
ubhayātmā viśeṣaḥ syāttatsāmānyaviśeṣatā // 34
Treffen an solchen Tagen zusätzlich besondere Planeten- oder Sternkonstellationen ein, entsteht eine besondere Unterklasse.
28.35
sā caikādaśadhaikasminnekasminvibhunoditā |
sajātīyā tu sotkṛṣṭetyevaṃ śambhurnyarūpayat // 35
Diese besondere Klasse wird elffach unterteilt; Shiva ordnet sie nach gleichartigen und hervorgehobenen Konstellationen.
28.36
kṛṣṇayugaṃ vahnisitaṃ śrutikṛṣṇaṃ vahnisitamiti pakṣāḥ |
arkendujīvacandrā budhayugmendvarkakaviguruvidhu syāt // 36
Der Vers kodiert in traditioneller Zahlensprache die Zuordnung von dunkler und heller Monatshälfte sowie Planeten; die technische Aufzählung wird unverändert bewahrt.
28.37
paraphalguścaitramaghe tiṣyaḥ prākphalgukarṇaśatabhiṣajaḥ |
mūlaprājāpatye viśākhikā śravaṇasaṃjñayā bhāni // 37
Es folgen die zugehörigen Nakshatras – unter anderem Phalguni, Magha, Pushya, Shatabhishaj, Mula, Vishakha und Shravana.
28.38
randhre tithyarkapare vasurandhre śaśivṛṣāṅkarasarandhrayugam |
prathamaniśāmadhyaniśe madhyāhnaśarā dinodayo madhyadinam // 38
Auch Tithi und Tages- beziehungsweise Nachtzeiten werden in kodierter Zahlensprache zugeordnet; genannt werden unter anderem frühe Nacht, Mitternacht, Mittag, Tagesanbruch und Tagesmitte.
28.39
prathamaniśeti ca samayo mārgaśiraḥprabhṛtimāseṣu |
kanyāntyajātha veśyā rāgavatī tattvavedinī dūtī // 39
Für die Monate ab Margashirsha werden weitere Zeit- und Shakti-Zuordnungen genannt; die Quelle unterscheidet dabei verschiedene traditionelle Kategorien weiblicher Ritualpartnerinnen.
28.40
vyāsasamāsāt kramaśaḥ pūjyāścakre'nuyāgākhye |
sarvatra ca parvadine kuryādanuyāgacakramatiśayataḥ // 40
Diese werden je nach ausführlicher oder verkürzter Form im sogenannten Anuyaga-Chakra verehrt; an Festtagen erhält dieses Chakra besonderes Gewicht.
28.41
guptāguptavidhānādiyāgacaryākrameṇa sampūrṇam |
anuyāgaḥ kila mukhyaḥ sarvasminneva karmaviniyoge // 41
Anuyaga umfasst geheime und weniger geheime Formen ritueller Praxis und wird als zentrale Ergänzung vieler Handlungen dargestellt.
28.42
anuyāgakālalābhe tasmātprayateta tatparamaḥ |
bhagrahasamayaviśeṣo nāśvayuje ko'pi tena tadvarjam // 42
Der Praktizierende soll deshalb auf den passenden Zeitpunkt für Anuyaga achten; für Ashvayuja wird hier keine besondere Stern-Planeten-Konstellation angegeben.
28.43
velābhagrahakalanā kathitaikādaśasu māseṣu |
phālgunamāse śuklaṃ yatproktaṃ dvādaśīdinaṃ parva // 43
Für elf Monate werden Zeit-, Stern- und Planetenkombinationen genannt; im Phalguna gilt besonders die zwölfte Tithi der hellen Hälfte.
28.44
agratithivedhayogo mukhyatamo'sau viśeṣo'tra |
divasaniśe kila kṛtvā tribhāgaśaḥ prathamamadhyamāparavibhāgaḥ // 44
Als besonders wichtig gilt die Verbindung mit der führenden Tithi; Tag und Nacht werden dabei jeweils in frühen, mittleren und späten Abschnitt geteilt.
28.45
pūjākālastatra tribhāgite mukhyatamaḥ kālaḥ |
yadi saṃghaṭeta velā mukhyatamā bhagrahau tathā cakram // 45
Innerhalb dieser Dreiteilung wird der passendste Verehrungszeitpunkt gesucht; kommen Zeit, Stern, Planet und Chakra zusammen, gilt die Konstellation als besonders günstig.
28.46
tadyāga ādiyāgastatkāmyaṃ pūjayaiva parvasu siddhyet |
dinavelābhagrahakalpanena tatrāpi saumyaraudratvam // 46
Die Quelle verbindet solche Konstellationen mit besonderen und wunschorientierten Riten und unterscheidet mildere und raudra Formen.
28.47
jñātvā sādhakamukhyastattatkāryaṃ tadā tadā kuryāt |
ukto yo'rcākālastaṃ cedullaṅghya bhagrahatithiḥ syāt // 47
Der erfahrene Sadhaka soll die jeweilige Zuordnung kennen und entsprechend handeln; dabei stellt sich die Frage, was bei einem Konflikt von Verehrungszeit, Stern, Planet und Tithi Vorrang hat.
28.48
tamanādṛtya viśeṣaṃ pradhānayetsāmayamiti kecit |
neti tvasmadguravo viśeṣarūpā hi tithiriha na velā // 48
Manche geben der allgemeinen Zeitregel Vorrang; Abhinavaguptas Lehrer widersprechen und erklären hier die Tithi, nicht die bloße Uhrzeit, zum entscheidenden besonderen Faktor.
28.49
saṃvedyarūpaśaśadharabhāgaḥ saṃvedakārkakaranikaraiḥ |
yāvānyāvati pūrṇaḥ sā hi tithirbhagrahaiḥ sphuṭībhavati // 49
Die Tithi wird als Verhältnis des wahrnehmbaren Mondanteils zu den erkennenden Sonnenstrahlen gedeutet und durch Stern- und Planetenkonstellationen genauer bestimmt.
28.50
tasmānmukhyātra tithiḥ sā ca viśeṣyā graharkṣayogena |
velātra na pradhānaṃ yuktaṃ caitattathāhi parameśaḥ // 50
Daher ist die Tithi hier primär und wird durch Planeten- und Sternverbindung spezifiziert; die Tageszeit ist nach dieser Lehre nachgeordnet.
28.51
śrītrikabhairavakulaśāstreṣūce na parvadivaseṣu |
velāyogaṃ kaṃcana tithibhagrahayogato hyanyam // 51
Auch die Trika-, Bhairava- und Kula-Schriften kennen an Festtagen vor allem die Verbindung von Tithi, Stern und Planet, nicht eine davon unabhängige Zeitregel.
28.52
tithistu pūjyā pradhānarūpatvāt |
śvetābhāve kṛṣṇacchāgālambhaṃ hi kathayanti // 52
Die Tithi ist wegen ihres Vorrangs zu beachten; der Vers erwähnt daneben eine historische Opferregel mit einem schwarzen Ziegenbock als Ersatz – ausschließlich als Quellenbefund.
28.53
yatpunarūrmiprabhṛtini śāstre veloditāpi tatkāmyam |
mukhyatayoddiśya vidhiṃ tathāca tatra pauṣaparvadine // 53
Wo etwa die Urmi-Schriften eine bestimmte Tageszeit vorschreiben, bezieht sich dies nach Abhinavagupta hauptsächlich auf wunschorientierte Sonderriten.
28.54
kṛtvārcanamardhaniśi dhyātvā japtvā bahirgatasya yathā |
ādeśaḥ phalati tathā māghe cakrādvacaḥ phalati // 54
Für bestimmte Festtage werden Mitternachtsverehrung, Meditation und Japa sowie daraus erwartete Zeichen oder Botschaften beschrieben.
28.55
acirādabhīṣṭasiddhiḥ pañcasu maitrī dhanaṃ ca melāpaḥ |
cakrasthāne krodhāt pāṣāṇasphoṭanena ripunāśaḥ // 55
Der Vers zählt traditionelle Erwartungen wie rasche Wunscherfüllung, Freundschaft, Wohlstand und – in aggressiver Ritualsprache – die Vernichtung eines Feindes auf; letzteres wird nur historisch dokumentiert.
28.56
siddhādeśaprāptirmārgāntaṃ kathyate vibhunā |
bhagrahayogābhāve velāṃ tu titheravaśyamīkṣeta // 56
Als weiteres Ergebnis wird eine Botschaft der Siddhas genannt; fehlt eine Stern-Planeten-Verbindung, soll wenigstens die zur Tithi passende Zeit beachtet werden.
28.57
sā hi tathā sphuṭarūpā titheḥ svabhāvodayaṃ dadyāt |
bhagrahatithivelāṃśānuyāyi sarvāṅgasundaraṃ tu dinam // 57
Eine passende Zeit lässt den Charakter der Tithi deutlich hervortreten; ideal gilt ein Tag, an dem Stern, Planet, Tithi und Zeitanteil zusammenstimmen.
28.58
yadi labhyeta tadāsminviśeṣatamapūjanaṃ racayet |
naca kāmyameva kevalametatparivarjane yataḥ kathitaḥ // 58
Wird eine solche Konstellation gefunden, soll besondere Verehrung stattfinden; die Regel wird nicht nur auf Wunschrituale beschränkt.
28.59
samayavilopaḥ śrīmadbhairavakula ūrmiśāstre ca |
duṣṭā hi durācārāḥ paśutulyāḥ parva ye na viduḥ // 59
Bhairava-, Kula- und Urmi-Schriften bewerten die Missachtung solcher Festtage als Regelbruch; die scharfe polemische Ausdrucksweise gehört zur historischen Quelle.
28.60
naca kāmyasyākaraṇe syājjātu pratyavāyitvam |
tatrānuyāgasiddhyarthaṃ cakrayāgo nirūpyate // 60
Das Unterlassen eines bloßen Wunschrituals gilt dagegen nicht als Verfehlung; nun wird der Chakra-Yaga zur Vollendung des Anuyaga erklärt.
28.61
mūrtiyāga iti prokto yaḥ śrīyogīśvarīmate |
nityaṃ naimittikaṃ karma yadatroktaṃ maheśinā || 61 ||
Dieses wird im ehrwürdigen Yogishvari-Tantra „Opfer an der verkörperten Gestalt“ genannt. Bei den täglichen und anlassgebundenen Handlungen, die Maheshvara hier gelehrt hat,
28.62
sarvatra cakrayāgo’tra mukhyaḥ kāmye viśeṣataḥ |
jñānī yogī ca puruṣaḥ strī vāsminmūrtisaṃjñake || 62 ||
ist überall das Opfer im Kreis vorrangig, besonders bei auf bestimmte Wünsche gerichteten Riten. Ein erkenntnisreicher und yogakundiger Mensch, ob Mann oder Frau, soll in diese als „verkörperte Gestalt“ bezeichnete
28.63
yoge prayatnato yojyastaddhi pātramanuttaram |
tatsaṃparkātpūrṇatā syāditi traiśirasādiṣu || 63 ||
Verbindung sorgfältig einbezogen werden; denn er oder sie ist das höchste geeignete Gefäß. Durch die Berührung mit einem solchen Menschen entsteht Fülle, wie im Traishirasa und anderen Schriften gesagt wird.
28.64
tena sarvaṃ hutaṃ ceṣṭaṃ trailokyaṃ sacarācaram |
jñānine yogine vāpi yo dadāti karoti vā || 64 ||
Wer einem Wissenden oder Yogi etwas gibt oder für ihn handelt, hat damit alles geopfert und die drei Welten samt ihren beweglichen und unbeweglichen Wesen verehrt.
28.65
dīkṣottare’pi ca proktamannaṃ brahmā raso hariḥ |
bhoktā śiva iti jñānī śvapacānapyathoddhareat || 65 ||
Auch im Dikshottara heißt es: „Die Speise ist Brahma, ihr Saft Hari, der Genießende Shiva.“ Wer dies erkennt, vermag sogar Angehörige der als „Hundekocher“ bezeichneten Gruppe emporzuführen.
28.66
sarvatattvamayo bhūtvā yadi bhuṅkte sa sādhakaḥ |
tena bhojitamātreṇa sakṛtkoṭistu bhojitā || 66 ||
Wenn der Sadhaka isst, nachdem er sich mit allen Tattvas identifiziert hat, sind dadurch, dass dieser eine gespeist wurde, mit einem Mal zehn Millionen gespeist.
28.67
atha tattvavidetasminyadi bhuñjīta tat priye |
parisaṃkhyā na vidyeta tadāha bhagavāñchivaḥ || 67 ||
Wenn aber ein Kenner der Wirklichkeit dabei isst, Geliebte, ist deren Zahl überhaupt nicht bestimmbar. So spricht der erhabene Shiva.
28.68
bhojyaṃ māyātmakaṃ sarvaṃ śivo bhoktā sa cāpyaham |
evaṃ yo vai vijānāti daiśikastattvapāragaḥ || 68 ||
„Alles zu Genießende besteht aus Maya; Shiva ist der Genießende, und dieser bin ich.“ Wer dies wahrhaft erkennt, ist ein Lehrer, der die Wirklichkeit durchdrungen hat.
28.69
taṃ dṛṣṭvā devamāyāntaṃ krīḍantyoṣadhayo gṛhe |
nivṛttamadyaivāsmābhiḥ saṃsāragahanārṇavāt || 69 ||
Wenn die Nahrungspflanzen diesen Gott ins Haus kommen sehen, frohlocken sie: „Noch heute haben wir den tiefen Ozean des Samsara hinter uns gelassen,
28.70
yadasya vaktraṃ saṃprāptā yāsyāmaḥ paramaṃ padam |
anye’pānabhujo hyūrdhve prāṇo’pānastvadhomukhaḥ || 70 ||
denn in seinen Mund gelangt, werden wir den höchsten Zustand erreichen.“ Andere verzehren vermittels des Apana; Prana ist aufwärts-, Apana abwärtsgerichtet. [Der Satzanschluss im zweiten Halbvers ist unsicher.]
28.71
tasminbhoktari deveśi dātuḥ kulaśatānyapi |
āśveva parimucyante narakādyātanārṇavāt || 71 ||
Wenn er isst, Herrin der Götter, werden auch Hunderte Familien des Gebers rasch aus dem Meer der Höllenqualen und anderer Leiden befreit.
28.72
śrīmanniśāṭane’pyuktaṃ kathanānveṣaṇādapi |
śrotrābhyantarasaṃprāpte guruvaktrādvinirgate || 72 ||
Auch im ehrwürdigen Nishatana heißt es: Wenn durch Darlegung und Erforschung das aus dem Mund des Gurus hervorgegangene Wort ins Innere des Ohres gelangt ist,
28.73
muktastadaiva kāle tu yantraṃ tiṣṭhati kevalam |
surāpaḥ steyahārī ca brahmahā gurutalpagaḥ || 73 ||
ist der Mensch in eben diesem Augenblick befreit; nur die körperliche Vorrichtung bleibt bestehen. Ob ein Trinker berauschender Getränke, ein Dieb, ein Brahmanentöter oder einer, der das Lager seines Gurus verletzt hat,
28.74
antyajo vā dvijo vātha bālo vṛddho yuvāpi vā |
paryantavāsī yo jñānī deśasyāpi pavitrakaḥ || 74 ||
ob ein Angehöriger der niedrigsten sozialen Gruppe oder ein Zweimalgeborener, ein Kind, ein Greis oder ein junger Mensch: Ein Wissender reinigt selbst das Land, wenn er nur an dessen Grenze wohnt.
28.75
tatra saṃnihito devaḥ sadevīkaḥ sakiṅkaraḥ |
tasmātprādhānyataḥ kṛtvā guruṃ jñānaviśāradam || 75 ||
In ihm ist der Gott samt Göttin und Dienergefolge gegenwärtig. Deshalb soll man den in der Erkenntnis erfahrenen Guru in den Mittelpunkt stellen
28.76
mūrtiyāgaṃ carettasya vidhiryogīśvarīmate |
pavitrārohaṇe śrāddhe tathā parvadineṣvalam || 76 ||
und das Opfer an der verkörperten Gestalt vollziehen. Sein Verfahren wird im Yogishvari-Tantra beschrieben: beim Auflegen der Pavitra-Schnüre, beim Shraddha und an Festtagen,
28.77
sūryacandroparāgādau laukikeṣvapi parvasu |
utsave ca vivāhādau viprāṇāṃ yajñakarmaṇi || 77 ||
bei Sonnen- und Mondfinsternissen, auch an weltlichen Festtagen, bei Feiern wie Hochzeiten und bei Opferhandlungen der Brahmanen,
28.78
dīkṣāyāṃ ca pratiṣṭhāyāṃ samayānāṃ viśodhane |
kāmanārthaṃ ca kartavyo mūrtiyāgaḥ sa pañcadhā || 78 ||
bei Einweihung und Installation, bei der Reinigung von Verstößen gegen Verpflichtungen und zur Erfüllung besonderer Wünsche. Dieses Opfer an der verkörperten Gestalt ist fünffach:
28.79
kevalo yāmalo miśraścakrayugvīrasaṅkaraḥ |
kevalaḥ kevalaireva gurubhirmiśritaḥ punaḥ || 79 ||
alleinig, paarweise, gemischt, mit einem Kreis verbunden oder eine Zusammenkunft der Viras. Das alleinige erfolgt ausschließlich mit Gurus; das gemischte dagegen
28.80
sādhakādyaiḥ sapatnīkairyāmalaḥ sa dvidhā punaḥ |
patnīyogāt krayānītaveśyāsaṃyogato’thavā || 80 ||
mit Sadhakas und anderen. Das paarweise wird mit Partnerinnen vollzogen und ist wiederum zweifach: mit der eigenen Frau oder mit einer gegen Bezahlung hinzugezogenen Kurtisane.
28.81
cakriṇyādyāśca vakṣyante śaktiyogādyathocitāḥ |
tatsaṃyogāccakrayukto yāgaḥ sarvaphalapradaḥ || 81 ||
Die Chakrinis und die weiteren geeigneten Formen der Verbindung mit Shaktis werden noch beschrieben. Durch die Verbindung mit ihnen entsteht das mit einem Kreis verbundene Opfer, das alle Früchte verleiht.
28.82
sarvaistu sahito yāgo vīrasaṅkara ucyate |
madhye gururbhavetteṣāṃ guruvargastadāvṛtiḥ || 82 ||
Ein Opfer unter Beteiligung aller heißt „Zusammenkunft der Viras“. In ihrer Mitte befindet sich der Guru; die Gruppe der Gurus bildet seinen umgebenden Kreis.
28.83
tisra āvṛtayo bāhye samayyantā yathākramam |
paṅktikrameṇa vā sarve madhye teṣāṃ guruḥ sadā || 83 ||
Außen folgen der Ordnung nach drei Kreise bis hin zu den Samayins. Oder alle sitzen in einer Reihe; der Guru befindet sich stets in ihrer Mitte.
28.84
tadā tadgandhadhūpasraksamālambhanavāsasā |
pūjyaṃ cakrānusāreṇa tattaccakramidaṃ tviti || 84 ||
Dann soll der jeweilige Kreis entsprechend seiner Ordnung mit Duftstoffen, Räucherwerk, Kränzen, Salben und Gewändern verehrt werden, mit der Vergegenwärtigung: „Dieser ist jener Kreis.“
28.85
ekārake yathā cakre ekavīravidhiṃ smaret |
dvyare yāmalamanyatra trikamevaṃ ṣaḍasrake || 85 ||
Bei einem Kreis mit einem Glied denke man etwa an das Verfahren des Einzelhelden, bei zweien an das Paar, bei einem anderen an die Dreiheit; bei einem mit sechs Spitzen
28.86
ṣaḍyoginīḥ saptakaṃ ca saptāre’ṣṭāṣṭake ca vā |
anyadvā tādṛśaṃ tatra cakre tādṛksvarūpiṇi || 86 ||
an die sechs Yoginis, bei sieben an die Siebenergruppe, bei acht an die Achtergruppe; oder an einen anderen entsprechenden Zusammenhang in einem Kreis von entsprechender Gestalt.
28.87
tataḥ pātre’lisaṃpūrṇe pūrvaṃ cakraṃ yajetsudhīḥ |
ādhārayukte nādhārarahitaṃ tarpaṇaṃ kvacit || 87 ||
Zuerst verehre der Verständige den Kreis in einem mit Wein gefüllten Gefäß, das eine Unterlage besitzt. Niemals soll eine Sättigung ohne Unterlage erfolgen.
28.88
ādhāreṇa vinā bhraṃśo naca tuṣyanti raśmayaḥ |
pretarūpaṃ bhavetpātraṃ śāktāmṛtamathāsavaḥ || 88 ||
Ohne Unterlage kommt es zum Abfall, und die Strahlen werden nicht befriedigt. Das Gefäß ist als Leichnam zu denken, das berauschende Getränk als Nektar der Shakti;
28.89
bhoktrī tatra tu yā śaktiḥ sa śambhuḥ parameśvaraḥ |
aṇuśaktiśivātmetthaṃ dhyātvā saṃmilitaṃ trayam || 89 ||
die darin genießende Kraft aber ist Shambhu, der höchste Herr. So vergegenwärtige man die vereinigte Dreiheit als begrenztes Wesen, Shakti und Shiva.
28.90
tatastu tarpaṇaṃ kāryamāvṛterāvṛteḥ kramāt |
pratisaṃcarayogena punarantaḥ praveśayet || 90 ||
Darauf soll man die Sättigung von Kreis zu Kreis in geordneter Folge vollziehen; anschließend lasse man sie in umgekehrter Folge wieder nach innen eintreten,
28.91
yāvadgurvantikaṃ taddhi pūrṇaṃ bhramaṇamucyate |
tatrādau devatāstarpyāstato vīrā iti kramaḥ || 91 ||
bis hin zum Guru. Dies wird ein vollständiger Umlauf genannt. Dabei sollen zuerst die Gottheiten und dann die Viras gesättigt werden.
28.92
vīraśca vīraśaktiścetyevamasmadgurukramaḥ |
tato’vadaṃśānvividhān māṃsamatsyādisaṃyutān || 92 ||
„Der Vira und dann die Shakti des Vira“: So lautet die Folge unserer Lehrer. Danach soll der vorzügliche Sadhaka verschiedene Beispeisen mit Fleisch, Fisch und anderen Zutaten
28.93
agre tatra pravikiret tṛptyantaṃ sādhakottamaḥ |
pātrābhāve punarbhadraṃ vellitāśuktimeva ca || 93 ||
dort vorne ausbreiten, bis Sättigung erreicht ist. Fehlt ein Gefäß, soll der Verständige die Bhadra oder die Vellita-Shukti
28.94
pātre kurvīta matimāniti siddhāmate kramaḥ |
dakṣahastena bhadraṃ syādvellitā śuktirucyate || 94 ||
als Gefäß bilden; so lautet das Verfahren im Siddhamata. Die Bhadra bildet man mit der rechten Hand; die Vellita-Shukti wird so beschrieben:
28.95
dakṣahastasya kurvīta vāmopari kanīyasīm |
tarjanyaṅguṣṭhayogena dakṣādho vāmakāṅgulīḥ || 95 ||
Man lege den kleinen Finger der rechten Hand über die linke und die Finger der linken unter die rechte, wobei Zeigefinger und Daumen verbunden werden.
28.96
niḥsandhibandhau dvāvitthaṃ vellitā śuktirucyate |
ye tatra pānakāle tu bindavo yānti medinīm || 96 ||
So bilden die beiden Hände einen lückenlos geschlossenen Verband; dies heißt Vellita-Shukti. Die Tropfen, die beim Trinken auf die Erde fallen,
28.97
taistuṣyanti hi vetālaguhyakādyā gabhastayaḥ |
dhārayā bhairavastuṣyet karapānaṃ paraṃ tataḥ || 97 ||
sättigen die Strahlen in Gestalt von Vetalas, Guhyakas und anderen Wesen. Durch einen Strom wird Bhairava befriedigt; deshalb gilt das Trinken aus der Hand als vorzüglich.
28.98
praveśo’tra na dātavyaḥ pūrvameva hi kasyacit |
pramādāttu praviṣṭasya vicāraṃ naiva carcayet || 98 ||
Zunächst soll niemandem ohne Weiteres Zutritt gewährt werden. Ist aber jemand infolge einer Unachtsamkeit eingetreten, soll man ihn nicht mehr einer Untersuchung unterziehen.
28.99
evaṃ kṛtvā kramādyāgamante dakṣiṇayā yutam |
samālambhanatāmbūlavastrādyaṃ vitaredbudhaḥ || 99 ||
Nachdem er so das geordnete Opfer vollzogen hat, verteile der Verständige zum Schluss, verbunden mit einer Gabe, Salben, Betel, Gewänder und anderes.
28.100
rūpakārdhāt paraṃ hīnāṃ na dadyāddakṣiṇāṃ sudhīḥ |
samayibhyaḥ kramāddvidviguṇā gurvantakaṃ bhavet || 100 ||
Die Gabe soll nicht geringer als ein halber Rupaka sein. Von den Samayins an bis zum Guru soll sie sich der Reihe nach jeweils verdoppeln.
28.101
eṣa syānmūrtiyāgastu sarvayāgapradhānakaḥ |
kāmye tu saṃvidhau saptakṛtvaḥ kāryastathāvidhaḥ || 101 ||
Dieses Opfer an der verkörperten Gestalt ist das wichtigste aller Opfer. Für die Verwirklichung eines besonderen Wunsches soll ein solches siebenmal durchgeführt werden.
28.102
jānanti prathamaṃ gehaṃ tatastasya samarthatām |
balābalaṃ tataḥ paścādvismayante’tra mātaraḥ || 102 ||
Zuerst erkennen die Muttergottheiten das Haus, dann dessen Eignung, darauf seine Stärke und Schwäche; danach werden sie dort von Staunen ergriffen.
28.103
tato’pi saṃnidhīyante prīyante varadāstataḥ |
devīnāmatha nāthasya parivārayujo’pyalam || 103 ||
Sodann werden sie gegenwärtig, erfreuen sich und gewähren Gaben. Dieses Opfer an der verkörperten Gestalt ist den Göttinnen und dem Herrn samt seinem Gefolge
28.104
vallabho mūrtiyāgo’yamataḥ kāryo vipaścitā |
rāktau gupte gṛhe vīrāḥ śaktayo’nyonyamapyalam || 104 ||
besonders lieb und soll deshalb vom Einsichtigen vollzogen werden. Nachts in einem verborgenen Haus sollen Viras und Shaktis, auch wenn sie einander
28.105
asaṃketayujo yojyā devatāśabdakīrtanāt |
alābhe mūrticakrasya kumārīreva pūjayet || 105 ||
nicht durch eine vorherige Vereinbarung verbunden sind, unter Ausrufen der Gottheitsnamen zusammengebracht werden. Fehlt der Kreis verkörperter Gestalten, verehre man stattdessen Kumarīs, junge Mädchen.
28.106
kāmyārthe tu na tāṃ vyaṅgāṃ stanapuṣpavatīṃ tathā |
pratipacchrutisaṃjñe ca caturthī cottarātraye || 106 ||
Für einen auf besondere Wünsche gerichteten Ritus soll man keine körperlich beeinträchtigte und keine bereits brustentwickelte oder menstruierende Kumari wählen. Genannt werden sodann der erste Mondtag bei Shravana und der vierte bei den drei Uttara-Sternbildern,
28.107
haste ca pañcamī ṣaṣṭhī pūrvāsvatha punarvasau |
saptamī tatparā pitrye rohiṇyāṃ navamī tathā || 107 ||
der fünfte bei Hasta, der sechste bei den Purva-Sternbildern, der siebte bei Punarvasu, der folgende bei Magha sowie der neunte bei Rohini,
28.108
mūle tu dvādaśī brāhme bhūtāśvinyāṃ ca pūrṇimā |
dhaniṣṭhāyāmamāvasyā so’yamekādaśātmakaḥ || 108 ||
der zwölfte bei Mula, der vierzehnte bei Pushya, Vollmond bei Ashvini und Neumond bei Dhanishtha. Diese elfgliedrige Reihe
28.109
arkāditrayaśukrānyatamayukto’pyahargaṇaḥ |
yogaparveti vikhyāto rātrau vā dina eva vā || 109 ||
von Tagen, wenn sie mit einem der Wochentage Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch oder Freitag verbunden ist, heißt „Yoga-Fest“, ob nachts oder tagsüber.
Lesungshinweis zu 28.106–109: Jayaratha bestimmt die zuvor unsicher übersetzte Verbindung brāhme bhūtā ausdrücklich als vierzehnte Tithi bei Tishya/Pushya. Er zählt außerdem fünf mögliche Tagesregenten auf: Sonne, Mond, Mars, Merkur und Venus. Damit ist die frühere Wiedergabe „fünfzehn bei Rohini“ berichtigt und der zuvor ausgelassene Mittwoch ergänzt. Die Uttara- und Purva-Gruppen bezeichnen jeweils eine Auswahl aus den betreffenden Nakshatras, keine Gleichzeitigkeit aller drei.[1]
28.110
yogaparvaṇi kartavyo mūrtiyāgastu sarvathā |
yaḥ sarvānyogaparvākhyān vāsarān pūjayetsudhīḥ || 110 ||
An einem Yoga-Fest soll unbedingt das Opfer an der verkörperten Gestalt vollzogen werden. Ein Verständiger, der alle als Yoga-Fest bezeichneten Tage
28.111
mūrtiyāgena so’pi syāt samayī maṇḍalaṃ vinā |
ityeṣa mūrtiyāgaḥ śrīsiddhayogīśvarīmate || 111 ||
mit diesem Opfer verehrt, wird dadurch auch ohne Mandala zum Samayin. So wird dieses Opfer im ehrwürdigen Siddhayogishvarimata beschrieben.
28.112
athocyate śivenoktaḥ pavitrakavidhiḥ sphuṭaḥ |
śrīratnamālātriśiraḥśāstrayoḥ sūcitaḥ punaḥ || 112 ||
Nun wird das von Shiva gelehrte Verfahren der Pavitra-Schnüre deutlich erklärt. Es wird in den ehrwürdigen Schriften Ratnamala und Trishiras angedeutet,
28.113
śrīsiddhāṭanasadbhāvamālinīsāraśāsane |
tatra prādhānyataḥ śrīmanmālokto vidhirucyate || 113 ||
ferner in Siddhatana, Sadbhava und Malinisara. Hier wird hauptsächlich das in der ehrwürdigen Ratnamala gelehrte Verfahren dargestellt.
28.114
kṣīrābdhimathanodbhūtaviṣanidrāvimūrcchitaḥ |
nāgarājaḥ svabhuvane meghakāle sma nāvasat || 114 ||
Der Schlangenkönig war durch den Giftschlaf betäubt, der beim Quirlen des Milchozeans entstand; während der Regenzeit konnte er nicht in seiner eigenen Welt wohnen.
28.115
kevalaṃ tu pavitro’yaṃ vāyubhakṣaḥ samāḥ śatam |
divyaṃ daśaguṇaṃ nāthaṃ bhairavaṃ paryapūjayat || 115 ||
Dieser Pavitra verehrte, allein von Luft lebend, den Herrn Bhairava hundert göttliche Jahre lang in zehnfacher Weise. [Die Verbindung von „divyaṃ daśaguṇam“ bleibt syntaktisch unsicher.]
28.116
vyajijñapacca taṃ tuṣṭaṃ nāthaṃ varṣāsvahaṃ nije |
pātāle nāsituṃ śaktaḥ so’pyenaṃ parameśvaraḥ || 116 ||
Dem zufriedenen Herrn berichtete er: „In der Regenzeit kann ich nicht in meiner eigenen Unterwelt bleiben.“ Darauf setzte der höchste Herr
28.117
nāgaṃ nijajaṭājūṭapīṭhagaṃ paryakalpayat |
tataḥ samastadevaughairdhārito’sau svamūrdhani || 117 ||
die Schlange auf den Sitz seines eigenen Haarknotens. Danach trugen sämtliche Götterscharen sie auf ihrem Haupt.
28.118
mahatāṃ mahitānāṃ hi nādbhuta viśvapūjyatā |
tasmānmaheśiturmūrdhni devatānāṃ ca sarvaśaḥ || 118 ||
Dass jemand, den die Großen geehrt haben, von der ganzen Welt verehrt wird, ist nicht erstaunlich. Deshalb soll man auf dem Haupt Maheshvaras, auf denen sämtlicher Gottheiten
28.119
ātmanaśca pavitraṃ taṃ kuryādyāgapuraḥsaram |
daśa koṭyo na pūjānāṃ pavitrārohaṇe samāḥ || 119 ||
und auf dem eigenen diese Pavitra-Schnur anbringen, nachdem man ein Opfer vollzogen hat. Hundert Millionen Verehrungen kommen dem Auflegen der Pavitra nicht gleich.
28.120
vṛthā dīkṣā vṛthā jñānaṃ gurvārādhanameva ca |
vinā pavitrādyenaitaddharennāgaḥ śivājñayā || 120 ||
Ohne die Pavitra sind Einweihung, Erkenntnis und selbst die Verehrung des Gurus vergeblich; denn auf Shivas Geheiß nimmt die Schlange deren Ertrag hinweg.
28.121
tasmātsarvaprayatnena sa kāryaḥ kulavedibhiḥ |
āṣāḍhaśuklānmithunakarkaṭasthe ravau vidhiḥ || 121 ||
Deshalb sollen die Kenner des Kula sie mit aller Sorgfalt anlegen. Von der hellen Hälfte des Ashadha an, wenn die Sonne in Zwillinge oder Krebs steht, soll der Ritus
28.122
kartavyaḥ so’nirodhena yāvatsā tulapūrṇimā |
tulopalakṣitasyāntyaṃ kārtikasya dinaṃ matam || 122 ||
ohne weitere Beschränkung bis zum Tula-Vollmond vollzogen werden. Gemeint ist der letzte Tag des durch die Waage gekennzeichneten Karttika.
28.123
kulaśabdaṃ paṭhanto’nye vyākhyābhedaṃ prakurvate |
nityātantravidaḥ kṛṣṇaṃ kārtikāccaramaṃ dinam || 123 ||
Andere lesen anstelle von „tula“ das Wort „kula“ und erklären es anders. Kenner des Nitya-Tantra verstehen darunter den letzten dunklen Tag des Karttika.
28.124
kulasya nityācakrasya pūrṇatvaṃ yatra tanmatam |
māghaśuklāntyadivasaḥ kulaparveti tanmatam || 124 ||
Als solcher gilt ihnen der Tag, an dem das Kula, der Kreis der Nityas, seine Fülle erreicht. Nach einer anderen Auffassung heißt der letzte helle Tag des Magha „Kula-Fest“.
28.125
pūrṇatvaṃ tatra candrasya sā tithiḥ kulapūrṇimā |
dakṣiṇottaragaḥ kālaḥ kulākulatayoditaḥ || 125 ||
Dort ist der Mond voll; dieser Mondtag heißt Kula-Vollmond. Die süd- und nordwärts gerichtete Zeit wird als Kula beziehungsweise Akula bezeichnet.
28.126
kulasya tasya carame dine pūrṇatvamucyate |
dakṣiṇāyanaṣaṇmāsakartavyatvamato vidhau || 126 ||
Am letzten Tag dieses Kula wird seine Fülle ausgesprochen. Daher ist beim Pavitra-Verfahren das Vollziehen während der sechs Monate des südlichen Sonnenlaufs
28.127
pavitrake prakāśatvasiddhyai kṛṣṇasya vartmanaḥ |
tadetadbahuśāstroktaṃ rūpaṃ devo nyarūpayat || 127 ||
vorgesehen, damit der dunkle Weg zum Leuchten gelangt. Diese in vielen Schriften gelehrte Gestalt hat der Gott
28.128
ekenaiva padena śrīratnamālākulāgame |
tadatra samaye sarvavidhisaṃpūraṇātmakaḥ || 128 ||
im ehrwürdigen Ratnamala-Kulagama mit einem einzigen Wort ausgedrückt. Während dieser Zeit soll folglich das Pavitra-Verfahren, das sämtliche Riten vervollständigt,
28.129
pavitrakavidhiḥ kāryaḥ śuklapakṣe tu sarvathā |
pūraṇaṃ śaktiyogena śaktyātma ca sitaṃ dalam || 129 ||
unbedingt in der hellen Monatshälfte ausgeführt werden. Vervollständigung erfolgt durch die Verbindung mit Shakti, und die helle Hälfte hat die Natur der Shakti.
28.130
dakṣiṇāyanasājātyāt tena tadvidhirucyate |
ekadvitricatuḥpañcaṣaḍlataikatamaṃ mahat || 130 ||
Aufgrund ihrer Entsprechung zum südlichen Sonnenlauf wird dieses Verfahren gelehrt. Man fertige eine große Pavitra aus einer, zwei, drei, vier, fünf oder sechs Strängen,
28.131
hemaratnāṅkitagranthi kuryānmuktāpavitrakam |
sauvarṇasūtraṃ triguṇaṃ saikagranthiśataṃ gurau || 131 ||
aus Perlen und mit Knoten, die durch Gold und Edelsteine ausgezeichnet sind. Eine dreifache goldene Schnur für den Guru soll hundertundeinen Knoten besitzen,
28.132
pare gurau tu tryadhikamadhyabdhi parameṣṭhini |
prāksiddhācāryayogeśa viṣaye tu rasādhikam || 132 ||
für den Guru des Gurus hundertdrei, für den Parameshthin hundertvier und für die früheren Siddhas, Acharyas und Yogeshvaras hundertsechs;
28.133
aṣṭādhikaṃ śivasyoktaṃ citraratnaprapūritam |
vidyāpīṭhākṣasūtrādau guruvacchivavat punaḥ || 133 ||
für Shiva sind hundertacht, mit verschiedenartigen Edelsteinen besetzte Knoten vorgeschrieben. Für den Vidyapitha, die Gebetsschnur und Ähnliches gilt die Regel für den Guru;
28.134
vaṭuke kanakābhāve raupyaṃ tu parikalpayet |
pāṭṭasūtramatha kṣaumaṃ kārpāsaṃ tritritānitam || 134 ||
für Vatuka dagegen die für Shiva. Fehlt Gold, verwende man Silber, dann Seiden-, Leinen- oder Baumwollfaden, jeweils dreifach verdreht.
28.135
tasmānnavaguṇāt sūtrāttriguṇādikramāt kuru |
caṇḍāṃśuguṇaparyantaṃ tato’pi triguṇaṃ ca vā || 135 ||
Aus diesem neunfachen Faden fertige man durch schrittweise Verdreifachung eine Schnur bis zur Zahl der Sonnen, oder wiederum deren Dreifaches. [Die Rechenfolge der Vorlage passt nicht ohne Weiteres zu 28.136 und bleibt unaufgelöst.]
28.136
tenāṣṭādaśatantūtthamadhamaṃ madhyamaṃ punaḥ |
aṣṭottaraśataṃ tasmāt triguṇaṃ tūttamaṃ matam || 136 ||
Danach gilt eine aus achtzehn Fäden bestehende als geringste, eine aus hundertacht als mittlere und eine mit deren dreifacher Zahl als höchste.
28.137
granthayastattvasaṃkhyātāḥ ṣaḍadhvakalanāvaśāt |
yadvā vyāsasamāsābhyāṃ citrāḥ sadgandhapūritāḥ || 137 ||
Die Knoten entsprechen der Zahl der Tattvas unter Berücksichtigung der sechs Weltwege; oder sie sind je nach ausführlicher oder zusammenfassender Darstellung verschieden und mit wohlriechenden Stoffen gefüllt.
28.138
viśeṣavidhinā pūrvaṃ pūjayitvārpayettataḥ |
pavitrakaṃ samastādhvaparipūrṇatvabhāvanāt || 138 ||
Nachdem man zunächst nach dem besonderen Verfahren verehrt hat, bringe man die Pavitra dar und vergegenwärtige dabei die Vollständigkeit sämtlicher Weltwege.
28.139
gurvātmanorjānunābhikaṇṭhamūrdhāntagaṃ ca vā |
tato mahotsavaḥ kāryo gurupūjāpuraḥsaraḥ || 139 ||
Beim Guru und bei einem selbst reicht sie bis zum Knie, Nabel, Hals oder Scheitel. Danach soll ein großes Fest stattfinden, dem die Verehrung des Gurus vorangeht.
28.140
tarpyāḥ śāsanagāḥ sarve dakṣiṇāvastrabhojanaiḥ |
mahotsavaḥ prakartavyo gītanṛttātmako mahān || 140 ||
Alle Angehörigen der Lehre sollen mit Gaben, Gewändern und Speisen versorgt werden. Ein großes Fest mit Gesang und Tanz ist zu veranstalten,
28.141
cāturmāsyaṃ saptadinaṃ tridinaṃ vāpyalābhataḥ |
tadante kṣamayeddevaṃ maṇḍalādi visarjayet || 141 ||
vier Monate lang, oder, wenn dies nicht möglich ist, sieben beziehungsweise drei Tage. Am Ende bitte man den Gott um Verzeihung und entlasse das Mandala und die weiteren Grundlagen
28.142
vahniṃ ca paścātkartavyaścakrayāgaḥ puroditaḥ |
māse māse caturmāse varṣe vāpi pavitrakam || 142 ||
sowie das Feuer. Anschließend vollziehe man das zuvor beschriebene Kreisopfer. Die Pavitra soll monatlich, alle vier Monate oder jährlich
28.143
sarvathaiva prakartavyaṃ yathāvibhavavistaram |
vittābhāve punaḥ kāryaṃ kāśairapi kuśombhitaiḥ || 143 ||
unbedingt angelegt werden, in einem den eigenen Mitteln entsprechenden Umfang. Fehlen Mittel, fertige man sie sogar aus Kasha-Gras, mit Kusha verbunden.
28.144
sati vitte punaḥ śāṭhyaṃ vyādhaye narakāya ca |
nityapūjāsu pūrṇatvaṃ parvapūjāprapūraṇāt || 144 ||
Wer dagegen trotz vorhandenen Vermögens knausert, zieht Krankheit und Hölle auf sich. Die täglichen Verehrungen gelangen durch die zusätzliche Festverehrung zur Fülle,
28.145
tatrāpi paripūrṇatvaṃ pavitrakasamarcanāt |
pavitrakavilope tu prāyaścittaṃ japetsudhīḥ || 145 ||
und diese wiederum durch die Verehrung mit Pavitra. Wird das Pavitra-Ritual versäumt, soll der Verständige eine Sühne-Rezitation vollziehen,
28.146
suśuddhaḥ sanpunaḥ kuryādityājñā parameśituḥ |
atha triśirasi prokto likhyate tadvidhiḥ sphuṭaḥ || 146 ||
sich gründlich reinigen und es erneut ausführen: So lautet das Gebot des höchsten Herrn. Nun wird das im Trishiras gelehrte Verfahren deutlich wiedergegeben.
28.147
triprameyasya śaivasya pañcapañcātmakasya vā |
daśāṣṭādaśabhedasya ṣaṭsrotasa ihocyate || 147 ||
Hier wird es für die shivaitische Lehre mit ihren drei Erkenntnisgegenständen, für die aus fünf Fünfergruppen bestehende, die zehn- und achtzehnfach unterschiedene sowie die sechs Überlieferungsströme erklärt.
28.148
ye narāḥ samayabhraṣṭā guruśāstrādidūṣakāḥ |
nityanaimittikādyanyaparvasandhivivarjitāḥ || 148 ||
Für Menschen, die ihre Verpflichtungen verletzt, Guru und Schrift herabgesetzt, tägliche und anlassgebundene Riten sowie andere Fest- und Übergangszeiten versäumt haben,
28.149
akāmāt kāmato vāpi sūkṣmapāpapravartinaḥ |
teṣāṃ praśamanārthāya pavitraṃ kriyate śive || 149 ||
und die unabsichtlich oder absichtlich geringfügige Verfehlungen begehen, wird die Pavitra an Shiva vollzogen, damit dies zur Ruhe kommt.
28.150
śrāvaṇādau kārtikānte śuklapakṣe śubhaprade |
natu duḥkhaprade kṛṣṇe kartṛrāṣṭranṛpādiṣu || 150 ||
Sie erfolgt vom Beginn des Shravana bis zum Ende des Karttika in der heilbringenden hellen Monatshälfte, nicht in der dunklen, die für den Ausführenden, das Land, den König und andere leidbringend ist.
28.151
pāṭṭasūtraṃ tu kauśeyaṃ kārpāsaṃ kṣaumameva ca |
cāturāśramikāṇāṃ tu subhruvā kartitokṣitam || 151 ||
Verwendet werden Fäden aus Patta, Seide, Baumwolle oder Leinen, die eine Frau mit schönen Brauen für die Angehörigen der vier Lebensstadien gesponnen und besprengt hat. [Die genaue Zuordnung der Stoffbezeichnungen ist unsicher.]
28.152
tridhā tu triguṇīkṛtya mānasaṃkhyāṃ tu kārayet |
aṣṭottaraṃ tantuśataṃ tadardhaṃ vā tadardhakam || 152 ||
Man verdreifache sie dreifach und bestimme Maß und Zahl: hundertacht Fäden, deren Hälfte oder wiederum deren Hälfte.
28.153
hrāsastu pūrvasaṃkhyāyā daśabhirdaśabhiḥ kramāt |
navabhiḥ pañcabhiḥ saptaviṃśatyā vā śivāditaḥ || 153 ||
Die vorherige Zahl wird stufenweise vermindert, um jeweils zehn, neun, fünf oder siebenundzwanzig, beginnend bei Shiva. [Die vollständige Zuordnung der Zahlen ist hier nicht ausgedrückt.]
28.154
yādṛśastantuvinyāso granthīnkuryāttu tāvataḥ |
catuḥsamaviliptāṃstānathavā kuṅkumena tu || 154 ||
So viele Fäden angeordnet sind, so viele Knoten fertige man und bestreiche sie mit der Viererduftmischung oder mit Safran.
28.155
vyakte jānutaṭāntaṃ syālliṅge pīṭhāvasānakam |
arcāsu śobhanaṃ mūrghni tritattvaparikalpanāt || 155 ||
An einer gestalteten Figur reiche die Schnur bis zum Knie, am Linga bis zum Sockel. Auf den Kultbildern werde sie schön am Scheitel angebracht, mit Vergegenwärtigung der drei Tattvas.
28.156
dvādaśagranthiśaktīnāṃ brahmavaktrārciṣāmapi |
vidyāpīṭhe cale liṅge sthaṇḍile ca gurorgaṇe || 156 ||
Für die Shaktis der zwölf Knotenpunkte sowie die Strahlen der Brahma-Gesichter, am Vidyapitha, am beweglichen Linga, am Opferplatz und beim Kreis des Gurus,
28.157
ghaṇṭāyāṃ sruksruve śiṣyaliṅgiṣu dvāratoraṇe |
svadehe vahnipīṭhe ca yathāśobhaṃ tadiṣyate || 157 ||
an Glocke, großer und kleiner Opferkelle, bei Schülern und Trägern der religiösen Zeichen, an Tor und Torbogen, am eigenen Körper und am Feuersitz soll sie jeweils passend gestaltet werden.
28.158
prāsāde yāgagehe ca kārayennavaraṅgikam |
vidyāpīṭhe tu khaśarāḥ pratimāliṅgapīṭhagam || 158 ||
Am Tempel und am Opferhaus fertige man sie neunfarbig. Am Vidyapitha sind fünfzig Knoten vorgesehen; die an Bild, Linga und Sockel angebrachte
28.159
vasuvedaṃ ca ghaṇṭāyāṃ śarākṣyaṣṭādaśa sruve |
vedākṣi sruci ṣaṭtriṃśat prāsāde maṇḍape raviḥ || 159 ||
hat achtundvierzig, die Glocke fünfundzwanzig, die kleine Opferkelle achtzehn, die große vierundzwanzig, der Tempel sechsunddreißig und der Pavillon zwölf.
28.160
rasendu snānagehe’bdhinetre dhyānagṛhe gurau |
sapta sādhakagāḥ pañca putrake sapta sāmaye || 160 ||
Im Badehaus sind es sechzehn, im Meditationshaus vierundzwanzig; beim Guru sieben, beim Sadhaka fünf, beim Putraka sieben,
28.161
catvāro’thānyaśāstrasthe śiṣye pañcakamucyate |
liṅgināṃ kevalo granthistoraṇe daśa kalpayet || 161 ||
beim Samayin vier und bei einem Schüler einer anderen Lehre fünf. Für Träger der religiösen Zeichen ist ein einzelner Knoten vorgesehen; am Torbogen zehn,
28.162
dvāreṣvaṣṭau granthayaḥ syuḥ kṛtvetthaṃ tu pavitrakam |
pūjayitvā mantrajālaṃ tatsthatvātmasthate tataḥ || 162 ||
an den Türen acht. Nachdem man die Pavitra so hergestellt hat, verehre man den Mantra-Verband und verwirkliche dann für die Pavitra-Schnüre das Enthaltensein in diesem und in einem selbst;
28.163
pavitrakāṇāṃ saṃpādya kuryātsaṃpātasaṃskriyām |
tataḥ saṃvatsaraṃ dhyāyedbhairavaṃ chidrasākṣiṇam || 163 ||
danach vollziehe man die Sampata-Weihe. Sodann meditiere man das Jahr als Bhairava, den Zeugen der Versäumnisse.
28.164
dattvā pūrṇāhutiṃ devi praṇamenmantrabhairavam |
oṃ samastakriyādoṣapūraṇeśa vrataṃ prati || 164 ||
Nach einer vollständigen Opfergabe, Göttin, verneige man sich vor Mantra-Bhairava: „Om! Herr, der alle Mängel der Handlungen im Gelübde ausgleicht,
28.165
yatkiṃcidakṛtaṃ duṣṭaṃ kṛtaṃ vā mātṛnandana |
tatsarvaṃ mama deveśa tvatprasādātpraṇaśyatu || 165 ||
was immer ich unterlassen oder fehlerhaft ausgeführt habe, Freude der Mütter: All dies möge durch deine Gnade vergehen, Herr der Götter!
28.166
sarvathā raśmicakreśa namastubhyaṃ prasīda me |
anena dadyāddevāya nimantraṇapavitrakam || 166 ||
Herr des Strahlenkreises, Verehrung sei dir in jeder Hinsicht! Sei mir gnädig!“ Mit diesem Spruch bringe man dem Gott die Pavitra zur Einladung dar.
28.167
yoginīkṣetramātṝṇāṃ baliṃ dadyāttato guruḥ |
pañcagavyaṃ caruṃ dantakāṣṭhaṃ śiṣyaiḥ samantataḥ || 167 ||
Dann bringe der Guru den Yoginis, Feldgottheiten und Müttern ein Bali dar. Mit den Schülern vollziehe er die Handlungen mit den fünf Kuhprodukten, Opferspeise und Zahnreinigungsholz;
28.168
ācārya nidrāṃ kurvīta prātarutthāya cāhnikam |
tato vidhiṃ pūjayitvā pavitrāṇi samāharet || 168 ||
danach soll er sich schlafen legen, morgens aufstehen und die tägliche Übung ausführen. Nachdem er den vorgeschriebenen Zusammenhang verehrt hat, nehme er die Pavitra-Schnüre auf.
28.169
dantakāṣṭhaṃ mṛcca dhātrī samṛddhātrī sahāmbunā |
catuḥsamaṃ ca taiḥ sārdhaṃ bhasma pañcasu yojayet || 169 ||
Zahnreinigungsholz, Erde, Amalaki, Erde mit Wasser, die Viererduftmischung und Asche ordne man den fünf zu. [Die überlieferte Stoffaufzählung „dhātrī samṛddhātrī“ ist gestört beziehungsweise nicht eindeutig lesbar.]
28.170
prāgdakṣapaścimordhvasthavāmavaktreṣu vai kramāt |
pañcaitāni pavitrāṇi sthāpayecceśagocare || 170 ||
An den nach Osten, Süden, Westen, oben und links gerichteten Gesichtern bringe man der Reihe nach diese fünf Pavitra-Gaben im Bereich des Herrn an.
28.171
kuśedhma pañcagavyaṃ ca śarvāgre viniyojayet |
vāmāmṛtādisaṃyuktaṃ naivedyaṃ trividhaṃ tataḥ || 171 ||
Kusha-Brennholz und die fünf Kuhprodukte lege man vor Sharva. Danach bringe man dreierlei Speise dar, verbunden mit Vama-Nektar und anderen Stoffen,
28.172
dadyādasṛk tathā madyaṃ pānāni vividhāni ca |
tato homo mahākṣmājamāṃsaistilayutairatho || 172 ||
ferner Blut, Wein und verschiedene Getränke. Dann folgt ein Feueropfer mit Fleisch des „auf der großen Erde Geborenen“, mit Sesam vermischt. [„mahākṣmāja“ ist eine verhüllende Materialbezeichnung; die genaue Referenz bleibt hier offen.]
28.173
tilairghṛtayutairyadvā taṇḍulairatha dhānyakaiḥ |
śarkarākhaṇḍasaṃyuktapañcāmṛtapariplutaiḥ || 173 ||
Oder man opfere Sesam mit geklärter Butter, Reis oder Getreide, mit Zuckerstücken vermischt und mit den fünf Nektaren getränkt.
28.174
mūlaṃ sahasraṃ sāṣṭoktaṃ triśaktau brahmavaktrakam |
arciṣāṃ tu śataṃ sāṣṭaṃ tataḥ pūrṇāhutiṃ kṣipet || 174 ||
Für den Grundmantra sind eintausendacht Darbringungen genannt, ebenso für die drei Shaktis und die Brahma-Gesichter; für die Strahlen hundertacht. Danach bringe man die vollständige Opfergabe dar.
28.175
tato’ñjalau pavitraṃ tu gṛhītvā prapaṭhedidam |
akāmādathavā kāmādyanmayā na kṛtaṃ vibho || 175 ||
Dann nehme man die Pavitra in die zusammengelegten Hände und spreche: „Was ich, Herr, unabsichtlich oder absichtlich nicht getan habe,
28.176
tadacchidraṃ mamāstvīśa pavitreṇa tavājñayā |
mūlamantraḥ pūrayeti kriyāniyamamityatha || 176 ||
möge durch die Pavitra nach deinem Gebot lückenlos werden, Herr!“ Darauf der Grundmantra, dann: „Vervollständige die rituelle Verpflichtung“,
28.177
vauṣaḍantaṃ pavitraṃ ca dadyādbindvavasānakam |
nādāntaṃ samanāntaṃ cāpyunmanāntaṃ kramāttrayam || 177 ||
mit „vaushat“ am Ende. Man bringe eine bis zum Bindu reichende Pavitra dar, dann der Reihe nach drei weitere bis zum Nada, bis zur Samana und bis zur Unmana.
28.178
evaṃ catuṣṭayaṃ dadyādanulomena bhautikaḥ |
naiṣṭhikastu vilomena pavitrakacatuṣṭayam || 178 ||
Der auf weltliche Ziele ausgerichtete Eingeweihte bringt diese vier in vorwärtsgerichteter Reihenfolge dar, der ausschließlich der Befreiung Verpflichtete in umgekehrter Reihenfolge.
28.179
yatkiñcidvividhaṃ vastracchatrālaṅkaraṇādikam |
tannivedyaṃ dīpamālāḥ suvarṇatilabhājanam || 179 ||
Verschiedene Gewänder, Schirme, Schmuck und anderes bringe man dar, ferner Lampenreihen und ein goldenes Sesamgefäß,
28.180
vastrayugmayutaṃ sarvasampūraṇanimittataḥ |
bhojanīyāḥ pūjanīyāḥ śivabhaktāstu śaktitaḥ || 180 ||
zusammen mit einem Gewänderpaar, zur Vervollständigung aller Handlungen. Shiva-Verehrer sollen nach den eigenen Möglichkeiten gespeist und geehrt werden.
28.181
catustridvyekamāsādidinaikāntaṃ mahotsavam |
kuryāttato na vrajeyuranyasthānaṃ kadācana || 181 ||
Man feiere ein großes Fest vier, drei, zwei oder einen Monat lang, bis hinab zu einem einzigen Tag. Währenddessen sollen die Beteiligten nicht an einen anderen Ort gehen.
28.182
tatastu daiśikaḥ pūjyo gāmasmai kṣīriṇīṃ navām |
dadyātsuvarṇaratnādirupyavastravibhūṣitām || 182 ||
Dann ist der Lehrer zu verehren. Man schenke ihm eine junge milchgebende Kuh, geschmückt mit Gold, Edelsteinen, Silber und Gewändern.
28.183
vadedguruśca saṃpūrṇo vidhistava bhavatviti |
vaktavyaṃ devadevasya punarāgamanāya ca || 183 ||
Der Guru soll sagen: „Dein Ritus möge vollständig sein!“ Auch an den Gott der Götter richte man Worte mit der Bitte um Wiederkehr.
28.184
tato visarjanaṃ kāryaṃ guptamābharaṇādikam |
naivedyaṃ gururādāya yāgārthe tanniyojayet || 184 ||
Danach erfolgt die Entlassung. Der Guru nehme die verwahrten Schmuckstücke und übrigen Gaben an und verwende sie für das Opfer.
28.185
caturṇāmapi sāmānyaṃ pavitrakamiti smṛtam |
nāsmādvrataṃ paraṃ kiñcit kā vāsya stutirucyate || 185 ||
Dieses Pavitra-Verfahren gilt als gemeinsam für alle vier Gruppen. Es gibt kein höheres Gelübde; welchen weiteren Lobpreis sollte man darüber aussprechen?
28.186
śeṣaṃ tvagādhe vāryoghe kṣipenna sthāpayetsthiram |
atha naimittikavidhiryaḥ purāsūtrito mayā || 186 ||
Das Übrige versenke man in tiefem Wasser und bewahre es nicht dauerhaft auf. Nun wird das anlassgebundene Verfahren, das ich zuvor im Überblick genannt habe,
28.187
sa bhaṇyate tatra kāryā devasyārcā viśeṣataḥ |
cakrayāgaśca kartavyaḥ pūrvoktavidhinā budhaiḥ || 187 ||
erklärt. Dabei ist der Gott besonders zu verehren; die Verständigen sollen auch das Kreisopfer nach dem zuvor beschriebenen Verfahren vollziehen.
28.188
tatra yadyannijābhīṣṭabhogamokṣopakārakam |
pāramparyeṇa sākṣādvā bhaveccidacidātmakam || 188 ||
Was immer, bewusst oder unbewusst, unmittelbar oder mittelbar zur gewünschten Erfahrung oder Befreiung beiträgt,
28.189
tatpūjyaṃ tadupāyāśca pūjyāstanmayatāptaye |
tadupāyo’pi saṃpūjyo mūrtikālakriyādikaḥ || 189 ||
das ist zu verehren; auch seine Mittel sind zu verehren, um damit eins zu werden. Ein solches Mittel kann eine verkörperte Gestalt, eine Zeit, eine Handlung oder Ähnliches sein.
28.190
upeyasūtisāmarthyamupāyatvaṃ tadarcanāt |
tadrūpatanmayībhāvādupeyaṃ śīghramāpnuyāt || 190 ||
Ein Mittel ist durch seine Fähigkeit bestimmt, das Ziel hervorzubringen. Durch seine Verehrung und das Einswerden mit seiner Gestalt erreicht man das Ziel rasch.
28.191
yathā yathā ca naikaṭyamupāyeṣu tathā tathā |
avaśyaṃbhāvi kāryatvaṃ viśeṣāccārcanādike || 191 ||
Je näher ein Mittel dem Ziel steht, desto zwingender ist sein Vollzug, insbesondere bei Verehrung und vergleichbaren Handlungen.
28.192
jñānasya kasyacitprāptirbhogamokṣopakāriṇaḥ |
yadā tanmukhyamevoktaṃ naimittikadinaṃ budhaiḥ || 192 ||
Wenn irgendeine Erkenntnis erlangt wird, die Erfahrung oder Befreiung fördert, bezeichnen die Verständigen dies als einen vorrangigen Tag anlassgebundener Verehrung.
28.193
tadupāyaḥ śāstramatra vaktāpyaupayiko guruḥ |
tadvidyo’pi gurubhrātā saṃvādājjñānadāyakaḥ || 193 ||
Das Mittel dazu ist die Schrift; auch ihr Sprecher, der Guru, dient als Mittel. Ebenso der Guru-Bruder, der dieselbe Lehre kennt und im Gespräch Erkenntnis vermittelt.
28.194
guroḥ patnī tathā bhrātā putra ityādiko gaṇaḥ |
na yonisaṃbandhavaśādvidyāsaṃbandhajastu saḥ || 194 ||
Die Frau, der Bruder, der Sohn und die weiteren Angehörigen des Gurus bilden hier eine Gruppe aufgrund der Verbindung durch Wissen, nicht aufgrund leiblicher Verwandtschaft.
28.195
vīryāruṇaparīṇāmadehāhantāpratiṣṭhitāḥ |
dehopakārasantānā jñāteye pariniṣṭhitāḥ || 195 ||
Wer im Körper-Ich verankert ist, das aus der Umwandlung von Samen und rotem Stoff hervorgeht, sieht die fortlaufende Unterstützung des Körpers in der leiblichen Verwandtschaft begründet.
28.196
tathāca smṛtiśāstreṣu santaterdāyahāritā |
yuktaiva tāvānsa hyukto bhedāddūrāntikatvataḥ || 196 ||
Daher ist auch in den Smriti-Schriften das Erbrecht der Nachkommenschaft folgerichtig; diese wird entsprechend der unterschiedlichen Nähe und Ferne bestimmt.
28.197
ye tu tyaktaśarīrāsthā bodhāhambhāvabhāginaḥ |
bodhopakārasantānadvayātte bandhutājuṣaḥ || 197 ||
Wer dagegen das Festhalten am Körper aufgegeben hat und sein Ich im Bewusstsein erfährt, gehört zu einer Verwandtschaft durch die beiden Überlieferungsfolgen, die das Erwachen fördern.
28.198
tatretthaṃ prāgyadā paśyecchaktyunmīlitadṛkkriyaḥ |
dehastāvadayaṃ pūrvapūrvopādānanirmitaḥ || 198 ||
Wenn bei jemandem Wahrnehmen und Handeln durch Shakti entfaltet wurden, erkennt er zunächst: Dieser Körper ist aus immer früheren materiellen Ursachen entstanden.
28.199
ātmā vikārarahitaḥ śāśvatatvādahetukaḥ |
svātantryāt punarātmīyādayaṃ channa iva sthitaḥ || 199 ||
Das Selbst dagegen ist unveränderlich und wegen seiner Ewigkeit ursachlos. Aufgrund seiner eigenen Freiheit besteht es jedoch gleichsam verhüllt.
28.200
punaśca prakaṭībhūya bhairavībhāvabhājanam |
tatrāsya prakaṭībhāve bhuktimuktyātmake bhṛśam || 200 ||
Wenn es wieder offenbar wird, vermag es den Zustand Bhairavas anzunehmen. Das jeweils geeignete Mittel für dieses Offenbarwerden, das Erfahrung und Befreiung ermöglicht,
28.201
ya upāyaḥ samucito jñānasantāna eṣa saḥ |
kramasphuṭībhavattādṛksadṛśajñānadhārayā || 201 ||
ist eben diese Erkenntnisüberlieferung. Durch den Strom gleichartiger Erkenntnis, der sich schrittweise deutlicher entfaltet,
28.202
galadvijātīyatayā prāpyaṃ śīghraṃ hi labhyate |
evaṃ cānādisaṃsārocitavijñānasantateḥ || 202 ||
schwindet das Andersartige, und das Ziel wird rasch erreicht. Wenn so der Erkenntnisstrom zerstört wird, der dem anfangslosen Samsara entspricht,
28.203
dhvaṃse lokottaraṃ jñānaṃ santānāntaratāṃ śrayet |
asaṃsārocitodāratathāvijñānasantateḥ || 203 ||
nimmt die überweltliche Erkenntnis die Gestalt einer anderen Überlieferungsfolge an. Die erste und hauptsächliche Ursache dieses erhabenen, dem Samsara nicht entsprechenden Erkenntnisstroms
28.204
kāraṇaṃ mukhyamādyaṃ tadguruvijñānamātmagam |
atyantaṃ svaviśeṣāṇāṃ tatrārpaṇavaśāt sphuṭam || 204 ||
ist die ins eigene Selbst eingegangene Erkenntnis des Gurus, weil dieser darin seine besonderen Eigenschaften vollständig übermittelt.
28.205
upādānaṃ hi tadyuktaṃ dehabhede hi satyapi |
dehasantatigau bhedābhedau vijñānasantateḥ || 205 ||
Diese gilt daher zu Recht als konstitutive Ursache. Trotz verschiedener Körper bestimmen Verschiedenheit und Identität der körperlichen Abstammung nicht in gleicher Weise die Erkenntnisüberlieferung,
28.206
na tathātvāya yogīcchāviṣṭaśāvaśarīravat |
yoginaḥ paradehādijīvattāpādane nijam || 206 ||
wie bei einem Leichnam, in den der Wille eines Yogis eingegangen ist. Wenn der Yogi einen fremden Körper oder anderes belebt,
28.207
dehamatyajato nānājñānopādānatā na kim |
tena vijñānasantānaprādhānyādyaunasantateḥ || 207 ||
ohne seinen eigenen Körper aufzugeben, bildet er dann nicht die Grundlage verschiedener Erkenntnisströme? Weil also die Erkenntnisüberlieferung gegenüber leiblicher Abstammung vorrangig ist,
28.208
anyonyaṃ gurusantāno yaḥ śivajñānaniṣṭhitaḥ |
itthaṃ sthite trayaṃ mukhyaṃ kāraṇaṃ sahakāri ca || 208 ||
besteht zwischen den in Shiva-Erkenntnis Verankerten eine wechselseitige Guru-Überlieferung. Unter dieser Voraussetzung sind drei Verhältnisse wesentlich: Ursache, Mitwirkung
28.209
ekakāraṇakāryaṃ ca vastvityeṣa gurorgaṇaḥ |
guruḥ kāraṇamatroktaṃ tatpatnī sahakāriṇī || 209 ||
und Wirkung derselben Ursache. Daraus besteht der Kreis des Gurus: Der Guru wird hier Ursache genannt, seine Partnerin Mitwirkende,
28.210
yato niḥśaktikasyāsya na yāge’dhikṛtirbhavet |
antaḥsthodārasaṃvittiśakterbāhyāṃ vināpi tām || 210 ||
denn ohne Shakti wäre er nicht zum Opfer befugt. Wer jedoch die erhabene Kraft des Bewusstseins in seinem Inneren besitzt, hat auch ohne eine äußere Partnerin
28.211
sāmarthyaṃ yogino yadvadvināpi sahakāriṇam |
ekajanyā bhrātaraḥ syustatsadṛgyastu ko’pi saḥ || 211 ||
die entsprechende Fähigkeit, wie ein Yogi ohne äußeren Helfer. Die aus einer gemeinsamen Ursache Hervorgegangenen sind Brüder. Wer irgendeinem von ihnen entspricht,
28.212
punaḥ paramparāyogādguruvargo’pi bhaṇyate |
mukhya eṣa tu santānaḥ pūjyo mānyaśca sarvadā || 212 ||
wird aufgrund der mittelbaren Verbindung ebenfalls zum Guru-Kreis gerechnet. Diese hauptsächliche Überlieferung ist stets zu verehren und zu ehren.
28.213
gurvādīnāṃ ca sambhūtau dīkṣāyāṃ prāyaṇe’pi ca |
yadahastaddhi vijñānopāyadehādikāraṇam || 213 ||
Die Tage der Geburt, Einweihung und des Hinscheidens des Gurus und seiner Angehörigen sind Ursachen für den Körper und die weiteren Mittel zur Erkenntnis.
28.214
evaṃ svajanmadivaso vijñānopāya ucyate |
tādṛgbhogāpavargādihetordehasya kāraṇam || 214 ||
Ebenso gilt der eigene Geburtstag als ein Mittel zur Erkenntnis, weil er Ursache des Körpers ist, der solche Erfahrung und Befreiung ermöglicht.
28.215
dīkṣādikaśca saṃskāraḥ svātmano yatra cāhni tat |
bhavejjanmadinaṃ mukhyaṃ jñānasantānajanmataḥ || 215 ||
Der Tag einer eigenen Weihe, etwa der Einweihung, ist jedoch der eigentliche Geburtstag, weil man an ihm in die Erkenntnisüberlieferung geboren wird.
28.216
svakaṃ mṛtidinaṃ yattu tadanyeṣāṃ bhaviṣyati |
naimittikaṃ mṛto yasmācchivābhinnastadā bhavet || 216 ||
Der eigene Todestag wird dagegen für andere ein Anlass zur Verehrung; denn der Verstorbene wird dann von Shiva ungeschieden.
28.217
tatra prasaṅgānmaraṇasvarūpaṃ brūmahe sphuṭam |
vyāpako’pi śivaḥ svecchākḷptasaṅkocamudraṇāt || 217 ||
Bei dieser Gelegenheit erklären wir das Wesen des Sterbens deutlich. Obwohl Shiva allgegenwärtig ist, prägt er sich aus freiem Willen die Begrenzung ein
28.218
vicitraphalakarmaughavaśāttattaccharīrabhāk |
śarīrabhāktvaṃ caitāvadyattadgarbhasthadehagaḥ || 218 ||
und trägt unter dem Einfluss der vielfältige Früchte erzeugenden Handlungen jeweils einen bestimmten Körper. Dieses Körpertragen besteht darin, dass in jenem im Mutterleib befindlichen Körper
28.219
saṃvitteḥ śūnyarūḍhāyāḥ prathamaḥ prāṇanodayaḥ |
garbhasthadehanirmāṇe tasyaiveśvaratā punaḥ || 219 ||
die erste Lebenstätigkeit des im Leeren verankerten Bewusstseins aufsteigt. Beim Aufbau des embryonalen Körpers aber wirkt seine Herrschaft,
28.220
asaṅkocasya tanvādikartā teneśa ucyate |
sa vāyvātmā dṛḍhe tasmindehayantre cidātmanā || 220 ||
solange er noch nicht begrenzt ist; deshalb wird er als Herr, als Schöpfer des Körpers und seiner Bestandteile bezeichnet. Sobald diese körperliche Vorrichtung fest geworden ist, bewegt er sich als Lebensluft,
28.221
preryamāṇo vicarati bhastrāyantragavāyuvat |
ataḥ prāggāḍhasaṃsuptotthitavatsa prabuddhyate || 221 ||
vom Bewusstsein angetrieben, wie Luft in einem Blasebalg. Zuvor erwacht er also wie jemand, der aus tiefem Schlaf aufgestanden ist.
28.222
kramāddehena sākaṃ ca prāṇanā syādbalīyasī |
tatrāpi karmaniyatibalātsā prāṇanākṣatām || 222 ||
Mit dem Körper wird nach und nach auch die Lebenstätigkeit kräftiger. Unter dem Zwang von Handlung und Notwendigkeit nimmt diese Lebenstätigkeit
28.223
gṛhṇāti śūnyasuṣirasaṃvitsparśādhikatvataḥ |
evaṃ krameṇa saṃpuṣṭadehaprāṇabalo bhṛśam || 223 ||
die Gestalt der Sinne an, durch die zunehmende Berührung des Bewusstseins mit den leeren Öffnungen. So werden nach und nach Körper und Lebenskraft stark genährt,
28.224
bhogānkarmakṛtānbhuṅkte yonyayonijadehagaḥ |
uktaṃ ca gahvarābhikhye śāstre śītāṃśumaulinā || 224 ||
und er erfährt die durch Handlungen hervorgebrachten Genüsse in einem aus dem Mutterleib oder auf andere Weise entstandenen Körper. Der mondbekrönte Herr hat im Gahvara-Tantra erklärt:
28.225
yathā gṛhaṃ viniṣpādya gṛhī samadhitiṣṭhati |
tathā dehī tanuṃ kṛtvā kriyādiguṇavarjitaḥ || 225 ||
Wie ein Hausherr ein Haus erbaut und darin wohnt, so schafft der Verkörperte einen Leib, obwohl er selbst von Eigenschaften wie Handeln frei ist.
28.226
kiñcitsphuraṇamātraḥ prāgniṣkalaḥ so’pi śabdyate |
sphuṭendriyāditattvastu sakalātmeti bhaṇyate || 226 ||
Zunächst besteht er nur in einem geringen Aufleuchten und wird „ohne Teile“ genannt. Sind Sinne und weitere Prinzipien deutlich entfaltet, heißt er „mit Teilen versehenes Selbst“.
28.227
ityādi śrīgahvaroktaṃ tata eva paṭhedbahu |
kṣaye tu karmaṇāṃ teṣāṃ dehayantre’nyathāgate || 227 ||
Dies und vieles Weitere ist im ehrwürdigen Gahvara nachzulesen. Wenn jene Handlungen erschöpft sind und die körperliche Vorrichtung sich verändert,
28.228
prāṇayantraṃ vighaṭate dehaḥ syātkuḍyavattataḥ |
nāḍīcakreṣu saṅkocavikāsau viparītataḥ || 228 ||
zerfällt die Vorrichtung des Lebensatems; der Körper wird dann wie eine Wand. Zusammenziehung und Ausdehnung in den Nadi-Kreisen verkehren sich;
28.229
bhaṅgaḥ śoṣaḥ klidirvātaśleṣmāgnyapacayoccayaiḥ |
ityevamādi yatkiñcit prāksaṃsthānopamardakam || 229 ||
durch Abnahme oder Zunahme von Wind, Schleim und Feuer entstehen Zerfall, Austrocknung und Durchfeuchtung. Alles dieser Art, was die bisherige Anordnung zerstört,
28.230
dehayantre vighaṭanaṃ tadevoktaṃ manīṣibhiḥ |
tasminvighaṭite yantre sā saṃvitprāṇanātmatām || 230 ||
bezeichnen die Weisen als Auflösung der körperlichen Vorrichtung. Ist diese zerfallen, nimmt dasselbe Bewusstsein die Gestalt der Lebenstätigkeit
28.231
gṛhṇāti yonije’nyatra vā dehe karmacitrite |
sa dehaḥ pratibudhyeta prasuptotthitavattadā || 231 ||
in einem anderen, durch Handlungen geprägten Körper an, der aus einem Mutterleib oder anders entsteht. Dieser Körper erwacht dann wie ein Schlafender.
28.232
tasyāpi bhogataddhānimṛtayaḥ prāgvadeva hi |
visṛṣṭisthitisaṃhārā ete karmabalādyataḥ || 232 ||
Auch bei ihm folgen Erleben, dessen Schwinden und Tod wie zuvor. Da dieses Hervorbringen, Bestehen und Zurücknehmen durch die Kraft der Handlungen erfolgt,
28.233
ato niyatikālādivaicitryānuvidhāyinaḥ |
anugrahastu yaḥ so’yaṃ svasvarūpe vikasvare || 233 ||
entspricht es den Unterschieden von Notwendigkeit, Zeit und Ähnlichem. Die Gnade hingegen besteht in der Erkenntnis des sich entfaltenden eigenen Wesens;
28.234
jñaptyātmeti kathaṃ karmaniyatyādi pratīkṣate |
karmakālaniyatyādi yataḥ saṅkocajīvitam || 234 ||
wie könnte sie daher auf Handlung, Notwendigkeit und Ähnliches warten? Denn Handlung, Zeit und Notwendigkeit leben von der Begrenzung.
28.235
saṅkocahānirūpe’sminkathaṃ heturanugrahe |
anugrahaśca kramikastīvraśceti vibhidyate || 235 ||
Wie könnten sie Ursache der Gnade sein, die gerade im Schwinden dieser Begrenzung besteht? Die Gnade wird in allmähliche und intensive unterschieden.
28.236
prāk caiṣa vistarātprokta iti kiṃ punaruktibhiḥ |
tena dīkṣāśivajñānadagdhasaṅkocabandhanaḥ || 236 ||
Dies wurde zuvor ausführlich erklärt; weshalb es wiederholen? Wessen begrenzende Bindung durch Einweihung und Shiva-Erkenntnis verbrannt ist,
28.237
dehānte śiva eveti nāsya dehāntarasthitiḥ |
ye’pi tattvāvatīrṇānāṃ śaṃkarājñānuvartinām || 237 ||
ist deshalb beim Ende des Körpers allein Shiva; für ihn gibt es keinen Aufenthalt in einem anderen Körper. Auch diejenigen, die im Heiligtum solcher Wesen sterben, die in die Tattvas herabgestiegen sind und Shankaras Gebot folgen,
28.238
svayambhūmunidevarṣimanujādibhuvāṃ gṛhe |
mṛtāste tatpuraṃ prāpya pureśairdīkṣitāḥ kramāt || 238 ||
an selbstentstandenen oder von Weisen, göttlichen Sehern, Menschen und anderen begründeten Orten, gelangen in deren Welt und werden dort von den Weltenherrschern schrittweise eingeweiht.
28.239
martye’vatīrya vā no vā śivaṃ yāntyapunarbhavāḥ |
tatra svayambhuvo dvedhā ke’pyanugrahatatparāḥ || 239 ||
Mit oder ohne erneuten Abstieg unter die Sterblichen gelangen sie zu Shiva, ohne wiedergeboren zu werden. Dabei sind die Selbstentstandenen zweifach: Manche sind ganz der Gnade zugewandt,
28.240
ke’pi svakṛtyāyātāṃśasthānamātropasevinaḥ |
ye’nugrahārthamājñaptāsteṣu yo mriyate naraḥ || 240 ||
andere halten sich nur mit einem für ihre eigene Aufgabe herabgekommenen Anteil an einem Ort auf. Wer an einem Ort jener stirbt, die zur Gnadengewährung beauftragt sind,
28.241
so’nugrahaṃ sphuṭaṃ yāti vinā martyāvatārataḥ |
yastu svakāryaṃ kurvāṇastatsthānaṃ nāṃśatastyajet || 241 ||
erlangt offenbar Gnade, ohne unter die Sterblichen herabzusteigen. Ein anderer Gott verlässt bei Erfüllung seiner eigenen Aufgabe jenen Ort nicht mit seinem dort anwesenden Anteil,
28.242
yathā gaurī tapasyantī kaśmīreṣu guhāgatā |
tatraiva vā yathā dhyānoḍḍāre naraharirvibhuḥ || 242 ||
wie Gauri, die in einer Höhle in Kaschmir Askese übt, oder dort der Herr Narahari in Dhyanoddara,
28.243
vitastāṃ nayato daityāṃstrāsayandṛpta utthitaḥ |
sāligrāme yathā viṣṇuḥ śivo vā svopabhoginaḥ || 243 ||
der sich mächtig erhob und die Dämonen erschreckte, welche die Vitasta fortführten; oder Vishnu in Shaligrama und Shiva bei seinem eigenen Genießen,
28.244
tapasyantau badaryāṃ ca naranārāyaṇau tathā |
ityevamādayo devāḥ svakṛtyāṃśasthitāstathā || 244 ||
ebenso Nara und Narayana, die in Badari Askese üben. Diese und andere Gottheiten verweilen so mit einem Anteil bei ihrer eigenen Aufgabe.
28.245
ārādhitāḥ svocitaṃ tacchīghraṃ vidadhate phalam |
svakṛtyāṃśasthitānāṃ ca dhāmni ye’ntaṃ vrajanti te || 245 ||
Werden sie entsprechend verehrt, gewähren sie rasch die zu ihnen passende Frucht. Diejenigen, die an einem Ort solcher mit ihrer eigenen Aufgabe befassten Gottheiten sterben,
28.246
tatra bhogāṃstathā bhuktvā martyeṣvavatarantyapi |
martyāvatīrṇāste tattadaṃśakāstanmayāḥ punaḥ || 246 ||
genießen dort entsprechende Erfahrungen und steigen auch wieder zu den Sterblichen herab. Als Menschen verkörpern sie dann einen Anteil jener Gottheiten und werden durch deren
28.247
taddīkṣājñānacaryādikramādyānti śivātmatām |
sthāvarādyāstiryagantāḥ paśavo’smindvaye mṛtāḥ || 247 ||
Einweihung, Erkenntnis, Lebensführung und die weiteren Stufen zu Shiva. Gebundene Wesen von Pflanzen bis zu Tieren, die an einer dieser beiden Arten von Orten sterben,
28.248
svakarmasaṃskriyāvedhāttalloke citratājuṣaḥ |
puṃsāṃ ca paśumātrāṇāṃ sālokyamavivekataḥ || 248 ||
nehmen in jener Welt aufgrund der Prägung durch ihre eigenen Handlungen unterschiedliche Formen an. Menschen, die bloß gebundene Wesen sind, erreichen wegen fehlender Unterscheidung dieselbe Welt.
28.249
avivekastadviśeṣānunmeṣānmauḍhyatastathā |
sthāvarādyāstathābhāvamuttarottaratāṃ ca vā || 249 ||
Diese Unterscheidung fehlt, weil das besondere Erkennen nicht aufgegangen ist oder weil Verblendung besteht. Pflanzen und ähnliche Wesen erlangen einen entsprechenden Zustand oder einen jeweils höheren,
28.250
prapadyante na te sākṣādrudratāṃ tāṃ kramātpunaḥ |
haṃsakāraṇḍavākīrṇe nānātarukulākule || 250 ||
aber nicht unmittelbar den Zustand Rudras; diesen erreichen sie erst allmählich. „Erfüllt von Schwänen und Wasservögeln, belebt von verschiedenen Baumarten“:
28.251
ityetadāgameṣūktaṃ tata eva pure pure |
kṣetramānaṃ bruve śrīmatsarvajñānādiṣūditam || 251 ||
So beschreiben die Agamas deshalb die einzelnen Welten. Nun nenne ich die Ausdehnung eines heiligen Bereichs, wie sie im ehrwürdigen Sarvajnana und anderen Schriften angegeben ist.
28.252
liṅgāddhastaśataṃ kṣetramācāryasthāpite sati |
svayambhūte sahasraṃ tu tadardhamṛṣiyojite || 252 ||
Bei einem von einem Acharya installierten Linga erstreckt sich der heilige Bereich hundert Ellen vom Linga aus; bei einem selbstentstandenen tausend, bei einem durch einen Rishi eingesetzten die Hälfte davon.
28.253
tattvavitsthāpite liṅge svayambhūsadṛśaṃ phalam |
atattvavidyadācāryo liṅgaṃ sthāpayate tadā || 253 ||
Ein von einem Kenner der Wirklichkeit installiertes Linga gewährt dieselbe Frucht wie ein selbstentstandenes. Wenn dagegen ein die Wirklichkeit nicht kennender Acharya ein Linga installiert,
28.254
punarvidhirbhaveddoṣo hyanyathobhayadūṣakaḥ |
ahamanyaḥ parātmānyaḥ śivo’nya iti cenmatiḥ || 254 ||
muss das Verfahren wiederholt werden; andernfalls schädigt der Fehler beide Seiten. Wer denkt: „Ich bin eines, das höchste Selbst ein anderes und Shiva wiederum ein anderer“,
28.255
na mocayenna muktaśca sarvamātmamayaṃ yataḥ |
tasmāttattvavidā yadyatsthāpitaṃ liṅgamuttamam || 255 ||
vermag nicht zu befreien und ist selbst nicht befreit, denn alles besteht aus dem Selbst. Deshalb soll man für Erfahrung und Befreiung ein vorzügliches Linga, das ein Kenner der Wirklichkeit installiert hat,
28.256
tadevāyatanatvena saṃśrayedbhuktimuktaye |
uktaṃ śrīratnamālāyāṃ jñātvā kālamupasthitam || 256 ||
als Heiligtum aufsuchen. In der ehrwürdigen Ratnamala heißt es: „Wenn einer erkennt, dass die Todeszeit gekommen ist,
28.257
mokṣārthī na bhayaṃ gacchettyajeddehamaśaṅkitaḥ |
tīrthāyatanapuṇyeṣu kālaṃ vā vañcayetpriye || 257 ||
soll er als Befreiungssuchender keine Angst haben, sondern den Körper furchtlos verlassen. Oder er möge an heiligen Badeplätzen und Heiligtümern den Tod überwinden, Geliebte.
28.258
ayogināmayaṃ panthā yogī yogena vañcayet |
vañcane tvasamarthaḥ san kṣetramāyatanaṃ vrajet || 258 ||
Dies ist der Weg für Nicht-Yogis; der Yogi überwinde ihn durch Yoga. Vermag er ihn nicht zu überwinden, begebe er sich in einen heiligen Bereich oder ein Heiligtum.
28.259
tīrthe samāśrayāttasya vañcanaṃ tu vijāyate |
anena ca dharādyeṣu tattveṣvabhyāsayogataḥ || 259 ||
Durch Zuflucht zu einem heiligen Ort kann ihm das Überwinden gelingen.“ Damit wird auch für jene, die durch Übung in den Tattvas von der Erde an
28.260
tāvatsiddhijuṣo’pyuktā muktyai kṣetropayogitā |
samyagjñānini vṛttāntaḥ purastāttūpadekṣyate || 260 ||
bereits eine entsprechende Vollendung erlangt haben, die Bedeutung heiliger Orte für die Befreiung ausgesprochen. Der Fall des vollkommen Wissenden wird weiter unten erklärt.
28.261
paśūnāmeṣa vṛttānto ye tu tattattvadīkṣitāḥ |
te tadīśasamīpatvaṃ yānti svaucityayogataḥ || 261 ||
So verhält es sich bei gebundenen Wesen. Diejenigen aber, die in ein bestimmtes Tattva eingeweiht sind, gelangen entsprechend ihrer Eignung in die Nähe seines Herrschers.
28.262
yogyatāvaśasaṃjātā yasya yatraiva vāsanā |
sa tatraiva niyoktavyaḥ pureśāccordhvaśuddhibhāk || 262 ||
„Wessen Neigung sich aufgrund seiner Eignung auf eine bestimmte Welt richtet, der soll gerade dort eingesetzt werden; vom Weltenherrscher empfängt er dann die Reinigung nach oben.“
28.263
iti śrīpūrvakathitaṃ śrīmatsvāyambhuve’pica |
yo yatrābhilaṣedbhogānsa tatraiva niyojitaḥ || 263 ||
So heißt es im ehrwürdigen Purva-Tantra. Auch im ehrwürdigen Svayambhuva steht: „Wo immer einer Erfahrungen wünscht, dorthin wird er eingesetzt
28.264
siddhibhāṅmantrasāmarthyādityādyanyatra varṇitam |
ye tu tattattvavijñānamantracaryādivartinaḥ || 264 ||
und erlangt durch die Kraft der Mantras Vollendung.“ Dies und Weiteres wird auch anderswo beschrieben. Wer dagegen in Erkenntnis, Mantra und Lebensführung eines bestimmten Tattvas verankert ist,
28.265
mṛtāste tatra tadrudrasayuktvaṃ yānti kovidāḥ |
teṣāṃ sayuktvaṃ yātānāmapi saṃskārato nijāt || 265 ||
erlangt, wenn er dort stirbt, als Kundiger die Vereinigung mit dem zugehörigen Rudra. Auch bei denen, die eine solche Vereinigung erreicht haben,
28.266
tathā tathā vicitraḥ syādavatārastadaṃśataḥ |
siddhāntādau purāṇeṣu tathāca śrūyate bahu || 266 ||
kann aufgrund ihrer eigenen Prägungen ein vielfältiger Abstieg als Anteil dieses Rudra erfolgen. Davon wird im Siddhanta und in den Puranas vielfach berichtet:
28.267
tulye rudrāvatāratve citratvaṃ karmabhogayoḥ |
anekaśaktikhacitaṃ yato bhāvasya yadvapuḥ || 267 ||
Obwohl sie gleichermaßen Verkörperungen Rudras sind, unterscheiden sich ihre Handlungen und Erfahrungen. Denn die Gestalt eines Wesens ist mit vielen Kräften besetzt;
28.268
śaktibhyo’rthāntaraṃ naiṣa tatsamūhādṛte bhavet |
tena śaktisamūhākhyāt tasmādrudrādyadaṃśataḥ || 268 ||
es ist nichts anderes als diese Kräfte und besteht nicht unabhängig von ihrer Gesamtheit. Daher steigt von einem solchen Rudra, der eine Gesamtheit von Kräften ist, gerade jener Anteil herab,
28.269
kṛtyaṃ taducitaṃ siddhyet soṃ’śo’vatarati sphuṭam |
ye cādharaprāptadīkṣāstadāsthānujjhitāḥ pare || 269 ||
durch den die entsprechende Aufgabe erfüllt werden kann. Wer eine niedere Einweihung empfangen hat und seine Bindung daran nicht aufgegeben hat, aber in einem höheren
28.270
tattve mṛtāḥ kāṣṭhavatte’dhare’pyutkarṣabhāginaḥ |
ye tūjjhitatadutkarṣāste taduttarabhāginaḥ || 270 ||
Tattva-Bereich stirbt, erlangt, gleich einem Stück Holz, eine Erhöhung selbst seines niederen Zustands. Wer dessen besonderen Vorrang aufgegeben hat, erhält Anteil am höheren.
28.271
ye’pyūrdhvatattvadīkṣāste vinā tāvadvivekataḥ |
prāptādharāntā api taddīkṣāphalasubhāginaḥ || 271 ||
Wer hingegen in ein höheres Tattva eingeweiht ist und ohne zureichende Unterscheidung an einem niederen Ort stirbt, erhält dennoch die Frucht seiner Einweihung.
28.272
atyaktāsthā hi te tatra dīkṣāyāmapi śāstritāt |
vinā vivekādāsthāṃ te śritā lokaprasiddhitaḥ || 272 ||
Denn seine Bindung an diese Einweihung hat er nicht aufgegeben; sein Vertrauen in den anderen Ort beruht ohne Unterscheidung auf dessen öffentlichem Ansehen, statt auf der Belehrung der Schrift.
28.273
paśumātrasya sālokyaṃ sāmīpyaṃ dīkṣitasya tu |
tatparasya tu sāyujyamityuktaṃ parameśinā || 273 ||
„Für das bloß gebundene Wesen besteht Gleichheit der Welt, für den Eingeweihten Nähe und für den ganz Hingegebenen Vereinigung“: So hat der höchste Herr gesprochen.
28.274
yastūrdhvaśāstragastatra tyaktāsthaḥ saṃśayena saḥ |
vrajannāyatanaṃ naiva phalaṃ kiñcitsamaśnute || 274 ||
Wer dagegen einer höheren Schrift folgt, aber aus Zweifel das Vertrauen zu ihr aufgegeben hat, erlangt beim Aufsuchen eines Heiligtums keinerlei Frucht.
28.275
uktaṃ tadviṣayaṃ caitaddevadevena yadvṛthā |
dīkṣā jñānaṃ tathā tīrthaṃ tasyetyādi savistaram || 275 ||
Auf ihn bezieht sich die ausführliche Aussage des Gottes der Götter, dass seine Einweihung, Erkenntnis und Pilgerfahrt vergeblich seien.
28.276
yastu tāvadayogyo’pi tathāste sa śivālaye |
paścādāsthānibandhena tāvadeva phalaṃ bhajet || 276 ||
Wer zunächst ungeeignet ist, aber mit solchem Vertrauen in einem Shiva-Heiligtum verweilt, erlangt später aufgrund dieses Vertrauens die entsprechende Frucht.
28.277
nadīnagahradaprāyaṃ yacca puṇyaṃ na tanmṛtau |
utkṛṣṭaṃ tanmṛtānāṃ tu svargabhogopabhogitā || 277 ||
Heilige Orte, die hauptsächlich Flüsse, Berge oder Seen sind, sind nicht besonders für das Sterben geeignet; wer dort stirbt, genießt jedoch himmlische Erfahrungen.
28.278
ye punaḥ prāptavijñānavivekā maraṇāntike |
adharāyataneṣvāsthāṃ śritāste’tra tirohitāḥ || 278 ||
Wer Erkenntnis und Unterscheidung erlangt hat, aber nahe dem Tod sein Vertrauen an niedere Heiligtümer bindet, ist in dieser Hinsicht verhüllt.
28.279
tajjñānadūṣaṇoktaṃ yatteṣāṃ syātkila pātakam |
tattatpureśadīkṣādikramānnaśyediti sthitiḥ || 279 ||
Die als Verfälschung jener Erkenntnis bezeichnete Verfehlung schwindet nach der geltenden Lehre durch die aufeinanderfolgenden Einweihungen der jeweiligen Weltenherrscher.
28.280
dīkṣāyatanavijñānadūṣiṇo ye tu cetasā |
ācaranti ca tatte’tra sarve nirayagāminaḥ || 280 ||
Diejenigen dagegen, die im Geist Einweihung, Heiligtum und Erkenntnis herabsetzen und entsprechend handeln, gelangen sämtlich in die Hölle.
28.281
jñānāyatanadīkṣādāvāsthābandhaparicyutiḥ |
vyāpāravyāhṛtairjñeyā tānyapi dvividhāni ca || 281 ||
Der Verlust der Vertrauensbindung an Erkenntnis, Heiligtum, Einweihung und Ähnliches ist an Handlungen und Äußerungen zu erkennen. Diese sind jedoch zweifach:
28.282
yāni jātucidapyeva svāsthye nodamiṣanpunaḥ |
asvāsthye dhātudoṣotthānyeva tadbhogamātrakam || 282 ||
Was bei Gesundheit niemals aufgetreten ist, sondern nur bei Krankheit aufgrund einer Störung der Körperbestandteile entsteht, gehört lediglich zum Erleiden dieser Störung.
28.283
dhātudoṣācca saṃsārasaṃskārāste prabodhitāḥ |
chidragā api bhūyiṣṭhajñānadagdhā na rohiṇaḥ || 283 ||
Auch wenn durch eine solche Störung Samsara-Prägungen in den Lücken wieder erwachen, wachsen sie nicht weiter, weil die überwiegende Erkenntnis sie verbrannt hat.
28.284
ye tu kaivalyabhāgīyāḥ svāsthye’nunmiṣitāḥ sadā |
asvāsthye conmiṣantyete saṃskārāḥ śaktipātataḥ || 284 ||
Treten dagegen der Befreiung zugehörige Prägungen auf, die bei Gesundheit nie sichtbar wurden, wohl aber bei Krankheit, so geschieht dies durch Shaktipata.
28.285
yataḥ sāṃsārikāḥ pūrvagāḍhābhyāsopasaṃskṛtāḥ |
ityūce bhujagādhīśastacchidreṣviti sūtrataḥ || 285 ||
Denn weltliche Prägungen sind durch frühere intensive Gewöhnung gefestigt. So erklärte der Schlangenherrscher im Sutra mit den Worten „in dessen Lücken“.
28.286
ye tu kaivalyabhāgīyāḥ pratyayāste na jātucit |
abhyastāḥ saṃsṛterbhāvāttenaite śaktipātataḥ || 286 ||
Befreiungsbezogene Vorstellungen dagegen waren, solange Samsara herrschte, niemals eingeübt worden; deshalb entstehen sie durch Shaktipata.
28.287
vyāpāravyāhṛtaistena dhātudoṣaprakopitaiḥ |
aprāptaniścayāmarśaiḥ suptamattopamānakaiḥ || 287 ||
Aus Handlungen und Äußerungen, die durch gestörte Körperbestandteile hervorgerufen werden, ohne bestimmte bewusste Überzeugung sind und denen Schlafender oder Berauschter gleichen,
28.288
viparītairapi jñānadīkṣāgurvādidūṣakaiḥ |
tirobhāvo na vijñeyo hṛdaye rūḍhyabhāvataḥ || 288 ||
darf man selbst dann keine Verhüllung erschließen, wenn sie Erkenntnis, Einweihung und Guru widersprechen oder diese herabsetzen; denn sie sind nicht im Herzen verwurzelt.
28.289
ata eva prabuddho’pi karmotthānbhogarūpiṇaḥ |
yamakiṅkarasarpādipratyayāndehago bhajet || 289 ||
Daher kann auch ein Erwachter, solange er einen Körper trägt, karmisch bedingte Erfahrungen wie Vorstellungen von Yamas Dienern, Schlangen und Ähnlichem erleben.
28.290
naitāvatā na mukto’sau mṛtirbhogo hi janmavat |
sthitivacca tato duḥkhasukhābhyāṃ maraṇaṃ dvidhā || 290 ||
Deswegen ist er keineswegs unbefreit. Sterben ist eine Erfahrung wie Geburt und Fortbestehen; daher ist der Tod entsprechend Schmerz und Freude zweifach.
28.291
ato yathā prabuddhasya sukhaduḥkhavicitratāḥ |
sthitau na ghnanti muktatvaṃ maraṇe’pi tathaiva tāḥ || 291 ||
Wie unterschiedliche Freuden und Leiden während des Lebens die Befreiung eines Erwachten nicht zerstören, so tun sie dies auch beim Sterben nicht.
28.292
ye punaryoginaste’pi yasmiṃstattve subhāvitāḥ |
cittaṃ niveśayantyeva tattattvaṃ yāntyaśaṅkitāḥ || 292 ||
Yogis dagegen richten den Geist auf jenes Tattva, das sie gründlich eingeübt haben, und gelangen zweifellos zu diesem Tattva.
28.293
śrīsvacchande tataḥ proktaṃ gandhadhāraṇayā mṛtāḥ |
ityādi mālinīśāstre dhāraṇānāṃ tathā phalam || 293 ||
Deshalb heißt es im ehrwürdigen Svacchanda: „Die mit Konzentration auf den Geruch Gestorbenen …“ Ebenso werden im Malini-Tantra die Früchte der Konzentrationen angegeben.
28.294
eteṣāṃ maraṇābhikhyo bhogo nāsti tu ye tanum |
dhāraṇābhistyajantyāśu paradehapraveśavat || 294 ||
Für diejenigen, die durch Konzentrationen den Körper rasch verlassen wie beim Eintritt in einen anderen Körper, gibt es die als Sterben bezeichnete Erfahrung nicht.
28.295
etāvānmṛtibhogo hi marmacchinmūḍhatākṣagā |
dhvāntābilatvaṃ manasi taccaiteṣu na vidyate || 295 ||
Diese Sterbeerfahrung besteht im Zerreißen der Lebensstellen, in Betäubung der Sinne und in der Verdunkelung des Geistes. Dies liegt bei ihnen nicht vor.
28.296
tathāhi mānasaṃ yatnaṃ tāvatsamadhitiṣṭhati |
ahaṃrūḍhyā pare dehe yāvatsyādbuddhisaṃcaraḥ || 296 ||
Denn der Yogi hält die geistige Anstrengung so lange aufrecht, bis sich das Erkennen durch Verankerung des Ich im fremden Körper dorthin bewegt.
28.297
prāṇacakraṃ tadāyattamapi saṃcarate pathā |
tenaivātaḥ prabuddhyeta paradehe’kṣacakrakam || 297 ||
Auch der davon abhängige Kreis der Lebenskräfte bewegt sich auf demselben Weg; dadurch erwacht im fremden Körper der Kreis der Sinne.
28.298
makṣikā makṣikārājaṃ yathotthitamanūtthitāḥ |
sthitaṃ cānuviśantyevaṃ cittaṃ sarvākṣavṛttayaḥ || 298 ||
Wie Bienen ihrem aufsteigenden König nachfolgen und sich niederlassen, wenn er sich niederlässt, so folgen alle Sinnentätigkeiten dem Geist.
28.299
ato’sya paradehādisaṃcāre nāsti melanam |
akṣāṇāṃ madhyagaṃ sūkṣmaṃ syādetaddehavatpunaḥ || 299 ||
Deshalb gibt es beim Übergang in einen fremden Körper kein Zusammenfallen der Sinne; eine feine Zwischenphase kann allerdings, wie beim gegenwärtigen Körper, bestehen. [Die Bedeutung von „melanam“ im Zusammenhang ist nicht völlig gesichert.]
28.300
evaṃ paraśarīrādicāriṇāmiva yoginām |
tattattattvaśarīrāntaścāriṇāṃ nāsti mūḍhatā || 300 ||
So gibt es auch bei Yogis, die sich innerhalb von Körpern bestimmter Tattvas bewegen, keine Betäubung, ebenso wenig wie bei denen, die in fremde Körper eintreten.
28.301
te cāpi dvividhā jñeyā laukikā dīkṣitāstathā |
pūrve śivāḥ syuḥ kramaśaḥ pare tadbhogamātrataḥ || 301 ||
Auch sie sind als zweifach zu verstehen: weltliche und eingeweihte Yogis. Die ersten werden allmählich zu Shiva, die anderen bereits nach dem bloßen Erleben der jeweiligen Erfahrung.
28.302
dīkṣāpyūrdhvādharānekabhedayojanikāvaśāt |
bhidyamānā yogināṃ syādvicitraphaladāyinī || 302 ||
Auch die Einweihung unterscheidet sich durch verschiedene Verbindungen mit höheren oder niederen Ebenen und verleiht Yogis deshalb unterschiedliche Früchte.
28.303
ye tu vijñāninaste’tra dvedhā kampretaratvataḥ |
tatra ye kampravijñānāste dehānted śivāḥ sphuṭam || 303 ||
Die Wissenden sind wiederum zweifach: solche mit schwankender und solche mit gefestigter Erkenntnis. Die mit schwankender Erkenntnis werden am Ende des Körpers offenkundig zu Shiva. [Die Vorlage hat „dehānted“, eine fehlerhafte Wortform; der Sinn „am Körperende“ ist erkennbar.]
28.304
yato vijñānameteṣāmutpannaṃ naca susphuṭam |
vikalpāntarayogena nacāpyunmūlitātmakam || 304 ||
Denn ihre Erkenntnis ist entstanden, aber noch nicht ganz deutlich; durch andere Vorstellungen wurde sie jedoch auch nicht entwurzelt.
28.305
ato dehe pramādottho vikalpo dehapātataḥ |
naśyedavaśyaṃ taccāpi budhyate jñānamuttamam || 305 ||
Die auf Unachtsamkeit beruhende Vorstellung im Körper verschwindet deshalb notwendig mit dessen Tod, und jene höchste Erkenntnis erwacht.
28.306
saṃskārakalpanātiṣṭhadadhvastīkṛtamantarā |
prāptapākaṃ saṃvarīturapāye bhāsate hi tat || 306 ||
Sie bestand inzwischen weiter unter den Vorstellungen der Prägungen, ohne vernichtet zu sein. Gereift leuchtet sie auf, wenn das Verhüllende weicht. [„saṃvarītur“ ist eine unsichere Form der Vorlage.]
28.307
ye tu svabhyastavijñānamayāḥ śivamayāḥ sadā |
jīvanmuktā hi te naiṣāṃ mṛtau kāpi vicāraṇā || 307 ||
Wer dagegen ganz aus gründlich eingeübter Erkenntnis besteht, ist stets Shiva: Diese Menschen sind schon zu Lebzeiten befreit. Bei ihrem Tod bedarf es keiner weiteren Prüfung.
28.308
yathāhi jīvanmuktānāṃ sthitau nāsti vicāraṇā |
sukhiduḥkhivimūḍhatve, mṛtāvapi tathā na sā || 308 ||
Wie bei Lebendbefreiten während des Lebens Freude, Leiden oder Betäubung keine solche Prüfung verlangen, so ist es auch beim Tod.
28.309
śrīratnamālāśāstre taduvāca parameśvaraḥ |
svaśāstre cāpyahīśāno viśvādhāradhurandharaḥ || 309 ||
Dies hat der höchste Herr im ehrwürdigen Ratnamala-Tantra ausgesprochen, ebenso der Schlangenherrscher, der die Welt trägt, in seiner eigenen Schrift:
28.310
rathyāntare mūtrapurīṣamadhye caṇḍālagehe niraye śmaśāne |
sacintako vā gatacintako vā jñānī vimokṣaṃ labhate’pi cānte || 310 ||
„In einer Gasse, mitten in Urin und Kot, im Haus eines Chandala, in der Hölle oder auf dem Verbrennungsplatz, mit Gedanken oder ohne Gedanken: Der Wissende erlangt auch am Ende Befreiung.“
28.311
apiceti dhvanirjīvanmuktatāmasya bhāṣate |
sacintācintakatvoktiretāvatsaṃbhavasthitim || 311 ||
Das Wort „auch“ besagt, dass er schon zu Lebzeiten befreit ist. Die Aussage „mit oder ohne Gedanken“ bezeichnet lediglich die möglichen Zustände.
28.312
tīrthe śvapacagṛhe vā naṣṭasmṛtirapi parityajeddeham |
jñānasamakālamuktaḥ kaivalyaṃ yāti hataśokaḥ || 312 ||
„Ob er an einer heiligen Stätte oder im Haus eines Hundekochers den Körper verlässt, selbst wenn er sein Erinnern verloren hat: Bereits mit der Erkenntnis befreit, gelangt er leidlos zur völligen Freiheit.“
28.313
anantakārikā caiṣā prāhedaṃ bandhakaṃ kila |
sukṛtaṃ duṣkṛtaṃ cāsya śaṅkyaṃ taccāsya no bhavet || 313 ||
Dieser Vers Anantas besagt: Gute und schlechte Taten könnten als bindend befürchtet werden; eine solche Befürchtung gilt jedoch für ihn nicht.
28.314
apiśabdādaluptasmṛtyā vā saṃbhāvyate kila |
mṛtirnaṣṭasmṛtereva mṛteḥ prāk sāstu kiṃ tayā || 314 ||
Durch das Wort „auch“ wird ferner die Möglichkeit eines Sterbens bei erhaltenem Erinnern eingeschlossen. Das eigentliche Sterben geschieht allerdings beim Verlust des Erinnerns; was trägt dessen Erhalt vor dem Tod dazu bei?
28.315
liṅca saṃbhāvanāyāṃ syādiyatsaṃbhāvyate kila |
saca kāladhvaniḥ prāha mṛtermuktāvahetutām || 315 ||
Der Optativ bezeichnet eine Möglichkeit: Nur so viel wird als möglich ausgesprochen. Der Ausdruck der Gleichzeitigkeit erklärt, dass der Tod keine Ursache der Befreiung ist.
28.316
kaivalyamiti cāśaṅkāpadaṃ yāpyabhavattanuḥ |
bhedapradatvenaiṣāpi dhvastā tena viśokatā || 316 ||
„Völlige Freiheit“ bedeutet: Auch der Körper, der als Anlass einer Befürchtung von Verschiedenheit verbleiben konnte, ist zerstört; daher die Freiheit von Leid.
28.317
paradehādisaṃbandho yathā nāsya vibhedakaḥ |
tathā svadehasaṃbandho jīvanmuktasya yadyapi || 317 ||
Wie die Verbindung mit einem fremden Körper keine Trennung für ihn hervorbringt, so tut dies auch die Verbindung des Lebendbefreiten mit seinem eigenen Körper nicht.
28.318
ataśca na viśeṣo’sya viśvākṛtinirākṛteḥ |
śivābhinnasya dehe vā tadabhāve’pi vā kila || 318 ||
Für ihn, der die Gestalt des Alls besitzt und zugleich gestaltlos und von Shiva ungeschieden ist, besteht deshalb kein Unterschied zwischen Körperbesitz und Körperlosigkeit.
28.319
tathāpi prācyatadbhedasaṃskārāśaṅkanasthiteḥ |
adhunoktaṃ kevalatvaṃ yadvā mātrantarāśrayāt || 319 ||
Dennoch wird hier völliges Alleinsein ausgesprochen, weil die Möglichkeit früherer Prägungen von Verschiedenheit entfällt; oder die Aussage bezieht sich auf andere erkennende Subjekte.
28.320
tānyenaṃ na vidurbhinnaṃ taiḥ sa mukto’bhidhīyate |
śrīmattraiśirase’pyuktaṃ sūryendupuṭavarjite || 320 ||
Diese erkennen ihn nicht mehr als abgesondert und nennen ihn deshalb befreit. Auch im ehrwürdigen Traishirasa heißt es: In jenem Bewusstsein jenseits der Einfassung durch Sonne und Mond,
28.321
jugupsābhāvabhaṅgasthe sarvataḥ stambhavatsthite |
sarvavyāpattirahite pramāṇapratyayātige || 321 ||
in dem Abscheu und gegenständliches Sein zerfallen, das allseits fest wie eine Säule steht, frei von jedem Missgeschick ist und Erkenntnismittel und Vorstellungen übersteigt,
28.322
tasminbodhāntare līnaḥ karmakartāpyanañjanaḥ |
pradhānaṃ ghaṭa ākāśa ātmā maṣṭe ghaṭe’pi kham || 322 ||
bleibt einer, der darin aufgegangen ist, auch als Handelnder unbefleckt. Die Urmaterie ist der Topf, das Selbst der Raum; selbst wenn der Topf zerbricht, vergeht der Raum
28.323
na naśyettadvadevāsāvātmā śivamayo bhavet |
svatantro’vasthito jñānī prasaretsarvavastuṣu || 323 ||
nicht. Ebenso besteht dieses Selbst als Shiva. Der Wissende, in Freiheit gegründet, entfaltet sich in allen Dingen.
28.324
tasya bhāvo nacābhāvaḥ saṃsthānaṃ naca kalpanā |
etadevāntarāgūrya gururgītāsvabhāṣata || 324 ||
Für ihn gibt es weder Sein noch Nichtsein, weder feste Gestalt noch gedankliche Konstruktion. Eben dies innerlich im Blick, sprach der Lehrer in der Gita:
28.325
yaṃ yaṃ vāpi smaranbhāvaṃ tyajatyante kalevaram |
taṃ tamevaiti kaunteya sadā tadbhāvabhāvitaḥ || 325 ||
„Welchen Zustand einer auch erinnert, wenn er am Ende den Körper verlässt, zu eben diesem gelangt er, Sohn Kuntis, weil er stets von diesem Zustand geprägt ist.“
28.326
tasmātsarveṣu kāleṣu māmanusmara yudhya ca |
yadā sattve vivṛddhe tu pralīnastvūrdhvagastadā || 326 ||
„Darum erinnere dich jederzeit an mich und kämpfe!“ Wenn einer bei angewachsenem Sattva dahinscheidet, steigt er auf;
28.327
kramādrajastamolīnaḥ karmayonivimūḍhagaḥ |
tatrendriyāṇāṃ saṃmohaśvāsāyāsaparītatā || 327 ||
geht er in Rajas oder Tamas auf, gelangt er entsprechend in eine handlungsgeprägte Geburt oder unter Verblendete. Verwirrung der Sinne, Atemnot und Anstrengung
28.328
ityādimṛtibhogo’yaṃ dehe na tyajanaṃ tanoḥ |
yastvasau kṣaṇa evaikaścaramaḥ prāṇanātmakaḥ || 328 ||
und Ähnliches sind dabei Sterbeerfahrungen im Körper, aber nicht das Verlassen des Körpers selbst. Jener eine letzte Augenblick der Lebenstätigkeit,
28.329
yadanantaramevaiṣa dehaḥ syātkāṣṭhakuḍyavat |
sā dehatyāgakālāṃśakalā dehaviyoginī || 329 ||
nach dem dieser Körper sogleich wie Holz oder eine Wand wird, ist der vom Körper lösende Zeitteil des Körperverlassens.
28.330
tata eva hi taddehasukhaduḥkhādikojjhitā |
tasyāṃ yadeva smarati prāksaṃskāraprabodhataḥ || 330 ||
Gerade deshalb ist er frei von Freude, Schmerz und Ähnlichem dieses Körpers. Was einer darin erinnert, indem frühere Prägungen erwachen,
28.331
adṛṣṭābhyāsabhūyastvaśaktipātādihetukāt |
tadeva rūpamabhyeti sukhiduḥkhivimūḍhakam || 331 ||
bedingt durch ungesehene karmische Wirksamkeit, überwiegende Übung, Shaktipata oder andere Ursachen, dessen Gestalt nimmt er an: eine freudige, leidende oder verblendete,
28.332
yadvā niḥsukhaduḥkhādi yadi vānandarūpakam |
kasmādeti tadevaiṣa yataḥ smarati saṃvidi || 332 ||
oder eine jenseits von Freude und Leid, oder eine aus Wonne bestehende. Warum gelangt er gerade dorthin? Weil er es im Bewusstsein erinnert.
28.333
prāk prasphuredyadadhikaṃ deho’sau cidadhiṣṭhiteḥ |
yadeva prāgadhiṣṭhānaṃ citā tādātmyavṛttitaḥ || 333 ||
Was zuerst vorherrschend aufleuchtet, wird Körper, weil das Bewusstsein darin seinen Sitz nimmt. Dass das Bewusstsein sich zuerst darin verankert und damit identifiziert,
28.334
saivātra līnatā proktā sattve rajasi tāmase |
nīlapītādike jñeye yataḥ prākkalpitāṃ tanum || 334 ||
wird hier als Aufgehen in Sattva, Rajas oder Tamas bezeichnet. Denn auch beim Erkennen von Blau, Gelb und anderen Gegenständen nimmt das Bewusstsein zunächst den zuvor ausgebildeten Körper
28.335
adhiṣṭhāyaiva saṃvittiradhiṣṭhānaṃ karotyalam |
ato’dhiṣṭheyamātrasya śarīratve’pi kuḍyataḥ || 335 ||
ein und vollzieht von dort aus die weitere Inbesitznahme. Obwohl also alles, worin es seinen Sitz nimmt, in diesem Sinn Körper sein kann, unterscheidet sich der Körper von einer Wand
28.336
dehasyāsti viśeṣo yatsarvādhiṣṭheyapūrvatā |
tādātmyavṛttiranyeṣāṃ tanna satyapi vedyate || 336 ||
dadurch, dass er allem anderen eingenommenen Bereich vorausgeht. Eine Identifikation mit anderen erkennbaren Gegenständen ist zwar ebenfalls möglich, wird aber nicht in gleicher Weise erfahren,
28.337
vedyānāṃ kintu dehasya nityāvyabhicaritvataḥ |
sā ca tasyaiva dehasya pūrvamṛtyantajanmanā || 337 ||
weil die Verbindung mit dem Körper beständig und unabänderlich ist. Diese entsteht für genau diesen Körper durch eine mit dem früheren Tod endende und in die Geburt führende
28.338
smṛtyā prācyānubhavanakṛtasaṃskāracitrayā |
yuktyānayāsmatsantānaguruṇā kallaṭena yat || 338 ||
Erinnerung, die durch Prägungen früherer Erfahrungen vielfältig gestaltet ist. Mit dieser Begründung ist die Erklärung unseres Überlieferungslehrers Kallata,
28.339
dehāviśeṣe prāṇākhyadārḍhyaṃ heturudīritam |
tadyuktamanyathā prāṇadārḍhye ko heturekataḥ || 339 ||
dass die als Prana bezeichnete Festigkeit die besondere Stellung des Körpers begründet, richtig. Andernfalls bliebe die Frage: Weshalb ist die Prana-Verbindung gerade an einer Stelle fest,
28.340
dehatvasyāviśeṣe’pītyeṣa praśno na śāmyati |
smaranniti śatā hetau tadrūpaṃ pratipadyate || 340 ||
obwohl das Körpersein grundsätzlich nicht verschieden ist? Das Partizip „erinnernd“ bezeichnet eine Ursache: Weil er erinnert, nimmt er jene Gestalt an.
28.341
prāk smaryate yato dehaḥ prākcitādhiṣṭhitaḥ sphuran |
ataḥ smaraṇamantyaṃ yattadasarvajñamātṛṣu || 341 ||
Denn zuerst wird der Körper erinnert, der aufleuchtet, indem das Bewusstsein ihn zuerst einnimmt. Daher ist das letzte Erinnern bei nicht allwissenden erkennenden Subjekten
28.342
na jātu gocaro yasmāddehāntaraviniścayaḥ |
yattu bandhupriyāputrapānādismaraṇaṃ sphuṭam || 342 ||
niemals unmittelbar zugänglich, sodass daraus der andere Körper sicher bestimmt werden könnte. Das offen erkennbare Erinnern an Verwandte, Geliebte, Söhne, Getränke und Ähnliches
28.343
na taddehāntarāsaṅgi na tadantyaṃ yato bhavet |
kasyāpi tu śarīrānte vāsanā yā prabhotsyate || 343 ||
ist nicht das, was unmittelbar mit dem nächsten Körper verbunden ist, denn es ist nicht das letzte. Eine Neigung, die bei jemandem am Körperende erwachen wird,
28.344
dehasattve tadaucityājjāyetānubhavaḥ sphuṭaḥ |
yathā purāṇe kathitaṃ mṛgapotakatṛṣṇayā || 344 ||
kann jedoch schon bei bestehendem Körper eine ihr entsprechende deutliche Erfahrung hervorrufen. So erzählt ein Purana, dass aus Verlangen nach einem Hirschjungen
28.345
muniḥ ko’pi mṛgībhāvamabhyuvāhādhivāsitaḥ |
tatra so’nubhavo heturna janmāntarasūtaye || 345 ||
ein Weiser, davon durchdrungen, in den Zustand eines Hirsches einging. Dabei ist jene einzelne Erfahrung nicht die Ursache, die die nächste Geburt erzeugt;
28.346
tasyaitadvāsanā hetuḥ kākatālīyavat sa tu |
nanu kasmāttadevaiṣa smarati ityāha yatsadā || 346 ||
deren Ursache ist vielmehr die entsprechende Prägung. Die einzelne Erfahrung trifft damit wie Krähe und fallende Palmfrucht nur zusammen. Warum erinnert er aber gerade dies? Darauf antwortet der Text: Weil er stets
28.347
tadbhāvabhāvitastena tadevaiṣa smaratyalam |
evamasmi bhaviṣyāmītyeṣa tadbhāva ucyate || 347 ||
von diesem Zustand geprägt ist, erinnert er gerade ihn. „So bin ich, so werde ich sein“: Das wird als jener Zustand bezeichnet.
28.348
bhaviṣyato hi bhavanaṃ bhāvyate na sataḥ kvacit |
kramātsphuṭatvakaraṇaṃ bhāvanaṃ parikīrtyate || 348 ||
Denn man vergegenwärtigt das Werden eines Künftigen, nicht das eines bereits Bestehenden. Bhavana heißt, etwas schrittweise deutlich zu machen.
28.349
sphuṭasya cānubhavanaṃ na bhāvanamidaṃ sphuṭam |
tadaharjātabālasya paśoḥ kīṭasya vā taroḥ || 349 ||
Das Erleben eines schon deutlichen Gegenstands ist offenkundig keine solche Vergegenwärtigung. Bei einem am selben Tag geborenen Kind, einem Tier, einem Insekt oder einem Baum
28.350
mūḍhatve’pi tadānīṃ prāgbhāvanā hyabhavatsphuṭā |
sā tanmūḍhaśarīrānte saṃskārapratibodhanāt || 350 ||
bestand trotz der gegenwärtigen Unbewusstheit zuvor eine deutliche Vergegenwärtigung. Wenn deren Prägung am Ende jenes unbewussten Körpers wieder erwacht,
28.351
smṛtidvāreṇa taddehavaicitryaphaladāyinī |
deśādivyavadhāne’pi vāsanānāmudīritāt || 351 ||
bringt sie durch Erinnerung die Verschiedenheit des nächsten Körpers hervor. Denn trotz räumlicher und anderer Unterbrechung besteht nach der genannten Lehre für die Prägungen
28.352
ānantaryaikarūpatvātsmṛtisaṃskārayorataḥ |
tathānubhavanārūḍhyā sphuṭasyāpi tu bhāvitā || 352 ||
Kontinuität aufgrund der Gleichartigkeit von Erinnerung und Eindruck. Warum sollte deshalb eine Vergegenwärtigung, die auch etwas bereits Deutliches in entsprechender Erfahrung festigt,
28.353
bhāvyamānā na kiṃ sūte tatsantānasadṛgvapuḥ |
tattādṛktādṛśairbandhuputramitrādibhiḥ saha || 353 ||
nicht einen Körper hervorbringen, der jenem Erkenntnisstrom entspricht? Zusammen mit entsprechenden Verwandten, Söhnen, Freunden und anderen
28.354
bhāsate’pi pare loke svapnavadvāsanākramāt |
nanu mātrantarairbandhuputrādyaistattathā na kim || 354 ||
erscheint dieser auch in einer anderen Welt, entsprechend der Folge der Prägungen, wie im Traum. Wird dies etwa von anderen erkennenden Subjekten, den Verwandten und Söhnen,
28.355
vedyate ka idaṃ prāha sa tāvadveda vedyatām |
vyāpāravyāhṛtivrātavedye mātrantaravraje || 355 ||
nicht ebenso erfahren? Wer behauptet das? Jener selbst erfährt zunächst das Erfahrbare. Da andere Subjekte nur durch ihre Handlungen und Äußerungen erkannt werden,
28.356
svapne nāsti sa ityeṣā vākpramāṇavivarjitā |
ya evaite tu dṛśyante jāgratyete mayekṣitāḥ || 356 ||
ist die Aussage, eine solche Gruppe existiere im Traum nicht, ohne Beweis. „Genau diese Menschen, die ich im Wachen sehe, habe ich
28.357
svapna ityastu mithyaitattatpramātṛvacobalāt |
yānapaśyamahaṃ svapne pramātṝṃste na kecana || 357 ||
im Traum gesehen“: Dies mag aufgrund der Aussagen jener Menschen falsch sein. Aber für die Behauptung „Die Subjekte, die ich im Traum sah, sind überhaupt niemand,
28.358
na śocanti na cekṣante māmityatrāsti kā pramā |
yataḥ sarvānumānānāṃ svasaṃvedananiṣṭhitau || 358 ||
sie trauern nicht und sehen mich nicht“ – welchen Beweis gibt es dafür? Da alle Schlussfolgerungen letztlich im eigenen Erleben gründen,
28.359
pramātrantarasadbhāvaḥ saṃvinniṣṭho na tadgataḥ |
ghaṭāderastitā saṃvinniṣṭhitā natu tadgatā || 359 ||
ist das Bestehen anderer Subjekte im Bewusstsein gegründet und nicht unmittelbar in ihnen zugänglich. Auch das Bestehen eines Topfes ist im Bewusstsein gegründet, nicht im Topf selbst;
28.360
tadvanmātrantare’pyeṣā saṃvinniṣṭhā na tadgatā |
tena sthitamidaṃ yadyadbhāvyate tattadeva hi || 360 ||
ebenso gilt dies für andere Subjekte. Somit steht fest: Was jeweils eingeübt und vergegenwärtigt wird, erwacht
28.361
dehānte budhyate no cet syādanyādṛkprabodhanam |
tathāhyantyakṣaṇe brahmavidyākarṇanasaṃskṛtaḥ || 361 ||
am Körperende, sofern nicht eine andersartige Erweckung erfolgt. So heißt es, dass ein Wesen, im letzten Augenblick durch das Hören der Brahman-Lehre geprägt,
28.362
mucyate janturityuktaṃ prāksaṃskārabalatvataḥ |
nipātābhyāmantaśabdātsmaraṇācchaturantyataḥ || 362 ||
befreit wird, wegen der Kraft früherer Prägungen. Aus den beiden Partikeln, dem Wort „am Ende“, dem Partizip von „erinnern“, dem letzten
28.363
pādācca nikhilādardhaślokācca samanantarāt |
līnaśabdācca sarvaṃ taduktamarthasatattvakam || 363 ||
ganzen Versfuß, dem unmittelbar folgenden Halbvers und dem Wort „aufgegangen“ ergibt sich all dies als der eigentliche Sinn.
28.364
ajñātvaitattu sarve’pi kuśakāśāvalambinaḥ |
yattadorvyatyayaṃ kecitkecidanyādṛśaṃ kramam || 364 ||
Ohne dies zu verstehen, klammern sich alle gleichsam an Kusha- und Kasha-Grashalme. Manche erklären eine Vertauschung von „welchen“ und „diesen“, andere eine andere Wortfolge,
28.365
bhinnakramau nipātau ca tyajatīti ca saptamīm |
vyācakṣate tacca sarvaṃ nopayogyuktayojane || 365 ||
wieder andere eine Umstellung der Partikeln und einen Lokativsinn von „verlässt“. All dies ist bei der vorgetragenen Verknüpfung unnötig.
28.366
naca taddarśitaṃ mithyā svāntasammohadāyakam |
taditthaṃprāyaṇasyaitattattvaṃ śrīśambhunāthataḥ || 366 ||
Auch wurde es hier nicht als falsche, das eigene Innere verwirrende Deutung vorgeführt. So habe ich dieses Wesen des Hinscheidens von Shri Shambhunatha
28.367
adhigamyoditaṃ tena mṛtyorbhītirvinaśyati |
viditamṛtisatattvāḥ saṃvidambhonidhānādacalahṛdayavīryākarṣaniṣpīḍanottham |
amṛtamiti nigīrṇe kālakūṭe’tra devā yadi pivatha tadānīṃ niścitaṃ vaḥ śivatvam || 367 ||
erlernt und dargestellt; dadurch schwindet die Furcht vor dem Tod. Ihr Götter, die ihr das wahre Wesen des Sterbens kennt: Wenn ihr, nachdem hier das Kalakuta-Gift verschlungen ist, den Nektar trinkt, der aus dem Bewusstseinsmeer durch das Ziehen und Pressen der unerschütterlichen Herzkraft gewonnen wird, dann steht euer Shivasein gewiss fest.
28.368
utsavo’pi hi yaḥ kaścillaukikaḥ so’pi saṃmadam |
saṃvidabdhitaraṅgābhaṃ sūte tadapi parvavat || 368 ||
Auch irgendein weltliches Fest erzeugt Freude, die einer Welle im Bewusstseinsmeer gleicht. Daher ist auch dieses wie ein heiliger Festtag.
28.369
etena ca vipaddhvaṃsapramodādiṣu parvatā |
vyākhyātā tena tatrāpi viśeṣāddevatārcanam || 369 ||
Damit ist ebenso erklärt, weshalb die Überwindung eines Unglücks, Freude und Ähnliches Festcharakter haben; auch dabei erfolgt deshalb eine besondere Gottheitsverehrung.
28.370
purakṣobhādyadbhutaṃ yattatsvātantrye svasaṃvidaḥ |
dārḍhyadāyīti tallābhadine vaiśeṣikārcanam || 370 ||
Ein wunderbares Ereignis, etwa die Erschütterung einer Stadt, kann die Gewissheit von der Freiheit des eigenen Bewusstseins stärken. Deshalb erfolgt am Tag einer solchen Erfahrung besondere Verehrung.
28.371
yoginīmelako dvedhā haṭhataḥ priyatastathā |
prācye cchidrāṇi saṃrakṣetkāmacāritvamuttare || 371 ||
Die Begegnung mit Yoginis ist zweifach: erzwungen oder aus Zuneigung. Bei der ersten schütze man seine Schwachstellen; bei der zweiten besteht Freiheit des Handelns.
28.372
sa ca dvayo’pi mantroddhṛtprasaṅge darśayiṣyate |
yoginīmelakāccaiṣo’vaśyaṃ jñānaṃ prapadyate || 372 ||
Beide werden im Zusammenhang mit der Entfaltung der Mantras dargestellt werden. Durch die Begegnung mit Yoginis erlangt dieser Mensch notwendig Erkenntnis.
28.373
tena tatparva tadvacca svasantānādimelanam |
saṃvitsarvātmikā dehabhedādyā saṅkucettu sā || 373 ||
Deshalb ist sie ein Fest, ebenso das Zusammentreffen mit der eigenen Überlieferungsgruppe und anderen. Das alles umfassende Bewusstsein kann sich aufgrund der Verschiedenheit der Körper zusammenziehen;
28.374
melake’nyonyasaṅghaṭṭapratibimbādvikasvarā |
ucchalannijaraśmyoghaḥ saṃvitsu pratibimbitaḥ || 374 ||
beim Zusammentreffen entfaltet es sich durch wechselseitige Berührung und Spiegelung. Der hervorströmende Schwarm seiner eigenen Strahlen spiegelt sich in den Bewusstseinen
28.375
bahudarpaṇavaddīptaḥ sarvāyetāpyayatnataḥ |
ata eva gītagītaprabhṛtau bahuparṣadi || 375 ||
und leuchtet wie in vielen Spiegeln, sodass er mühelos alles durchdringt. Daher entsteht bei Gesang und ähnlichen Darbietungen in einer großen Versammlung,
28.376
yaḥ sarvatanmayībhāve hlādo natvekakasya saḥ |
ānandanirbharā saṃvitpratyekaṃ sā tathaikatām || 376 ||
wenn alle darin aufgehen, eine Freude, die ein Einzelner so nicht besitzt. Das jeweils von Freude erfüllte Bewusstsein erreicht dadurch Einheit
28.377
nṛttādau viṣaye prāptā pūrṇānandatvamaśnute |
īrṣyāsūyādisaṅkocakāraṇābhāvato’tra sā || 377 ||
im Gegenstand, etwa dem Tanz, und erfährt vollkommene Wonne. Weil hier Ursachen der Verengung wie Neid und Missgunst fehlen,
28.378
vikasvarā niṣpratighaṃ saṃvidānandayoginī |
atanmaye tu kasmiṃścittatrasthe pratihanyate || 378 ||
entfaltet sich das mit Freude verbundene Bewusstsein ungehindert. Ist dagegen jemand anwesend, der darin nicht aufgeht, wird es gehemmt,
28.379
sthapuṭasparśavatsaṃvidvijātīyatayā sthite |
ataścakrārcanādyeṣu vijātīyamatanmayam || 379 ||
wie bei der Berührung einer Unebenheit, weil etwas Andersartiges gegenwärtig ist. Deshalb soll man bei Kreisverehrungen und Ähnlichem einen Andersartigen, der nicht daran teilhat,
28.380
naiva praveśayetsaṃvitsaṅkocananibandhanam |
yāvantyeva śarīrāṇi svāṅgavatsyuḥ sunirbharām || 380 ||
nicht eintreten lassen, da dies zur Verengung des Bewusstseins führt. Nur so viele Körper, wie nach Eintritt in ein einziges, überaus erfülltes Bewusstsein gleich eigenen Gliedern werden,
28.381
ekāṃ saṃvidamāviśya cakre tāvanti pūjayet |
praviṣṭaścetpramādena saṅkocaṃ na vrajettataḥ || 381 ||
soll man im Kreis verehren. Ist jedoch aus Unachtsamkeit jemand eingetreten, soll man sich deswegen nicht zusammenziehen.
28.382
prastutaṃ svasamācāraṃ tena sākaṃ samācaret |
sa tvanugrahaśaktyā cedviddhastattanmayībhavet || 382 ||
Man vollziehe die begonnene eigene Observanz gemeinsam mit ihm. Wird er von der Kraft der Gnade durchdrungen, wird er damit eins.
28.383
vāmāviddhastu tannindetpaścāttaṃ ghātayedapi |
śrīmatpicumate coktamādau yatnena rakṣayet || 383 ||
Wird er dagegen von Vama durchdrungen, verachtet er dies; danach könne man ihn sogar töten. Im ehrwürdigen Picumata heißt es: Zunächst schütze man sorgfältig
28.384
praveśaṃ saṃpaviṣṭasya na vicāraṃ tu kārayet |
lokācārasthito yastu praviṣṭe tādṛśe tu saḥ || 384 ||
den Zutritt; über einen bereits Eingetretenen lasse man jedoch keine Untersuchung anstellen. Wer aber an der weltlichen Lebensordnung festhält, soll, wenn ein solcher eingetreten ist,
28.385
akṛtvā taṃ samācāraṃ punaścakraṃ prapūjayet |
atha vacmi guroḥ śāstravyākhyākramamudāhṛtam || 385 ||
jene besondere Observanz unterlassen und den Kreis erneut verehren. Nun erkläre ich das Verfahren, nach dem der Guru die Schrift auslegt,
28.386
devyāyāmalaśāstrādau tuhinābhīśumaulinā |
kalpavittatsamūhajñaḥ śāstravitsaṃhitārthavit || 386 ||
wie es der mondbekrönte Herr im Devyayamala und anderen Schriften dargestellt hat. Lehrer werden als Kenner eines Ritualverfahrens, eines Verbands solcher Verfahren, einer Schrift, des Sinnes einer Textsammlung
28.387
sarvaśāstrārthavicceti gururbhinno’padiśyate |
yo yatra śāstre svabhyastajñāno vyākhyāṃ carettu saḥ || 387 ||
oder des Sinnes aller Schriften unterschieden. Derjenige soll eine Schrift auslegen, der ihre Erkenntnis gründlich eingeübt hat,
28.388
nānyathā tadabhāvaścetsarvathā so’pyathācaret |
śrībhairavakule coktaṃ kalpādijñatvamīdṛśam || 388 ||
sonst nicht. Fehlt ein solcher völlig, darf auch ein anderer sie auslegen. Im ehrwürdigen Bhairavakula wird die entsprechende Kenntnis von Ritualverfahren und anderem erklärt.
28.389
gurorlakṣaṇametāvatsaṃpūrṇajñānataiva yā |
tatrāpi yāsya cidvṛttikarmibhit sāpyavāntarā || 389 ||
Das entscheidende Merkmal des Gurus ist vollständige Erkenntnis. Auch die Unterschiede seiner Bewusstseinstätigkeit und seines Handelns sind demgegenüber nachgeordnet.
28.390
devyāyāmala uktaṃ taddvāpañcāśāhva āhnike |
deva eva gurutvena tiṣṭhāsurdaśadhā bhavet || 390 ||
Im zweiundfünfzigsten Ahnika des Devyayamala heißt es: Der Gott selbst nimmt, um als Guru gegenwärtig zu sein, zehn Formen an:
28.391
ucchuṣmaśavaracaṇḍagumataṅgaghorāntakograhalahalakāḥ |
krodhī huluhulurete daśa guravaḥ śivamayāḥ pūrve || 391 ||
Ucchushma, Shavara, Chandagu, Matanga, Ghora, Antaka, Ugra, Halahalaka, Krodhin und Huluhulu: Diese zehn früheren Gurus bestehen aus Shiva. [Einige Namensformen sind in der elektronischen Vorlage unsicher.]
28.392
te svāṃśacittavṛttikrameṇa pauruṣaśarīramāsthāya |
anyonyabhinnasaṃvitkriyā api jñānaparipūrṇāḥ || 392 ||
Entsprechend der Folge ihrer jeweiligen Bewusstseinsanteile nehmen sie menschliche Körper an. Obwohl sie sich in Erkennen und Handeln unterscheiden, sind sie an Erkenntnis vollständig.
28.393
sarve’limāṃsanidhuvanadīkṣārcanaśāstrasevane niratāḥ |
abhimānaśamakrodhakṣamādiravāntaro bhedaḥ || 393 ||
Alle widmen sich Wein, Fleisch, sexueller Vereinigung, Einweihung, Verehrung und Schriftstudium. Selbstbewusstsein, Ruhe, Zorn, Geduld und Ähnliches bilden nur untergeordnete Unterschiede.
28.394
itthaṃ vijñāya sadā śiṣyaḥ sampūrṇaśāstraboddhāram |
vyākhyāyai gurumabhyarthayeta pūjāpuraḥsaraṃ matimān || 394 ||
Dies erkennend, soll ein verständiger Schüler stets einen Guru, der die Schrift vollständig versteht, nach vorausgehender Verehrung um Auslegung bitten.
28.395
so’pi svaśāsanīye paraśiṣye’pivāpi tādṛśaṃ śāstram |
śrotuṃ yogye kuryādvyākhyānaṃ vaiṣṇavādyadhare || 395 ||
Dieser soll eine solche Schrift einem eigenen Schüler oder einem Schüler eines anderen Lehrers auslegen, wenn er zum Hören geeignet ist, auch einem Angehörigen einer als niedriger eingeordneten Vishnu-Tradition oder ähnlichen Richtung.
28.396
karuṇārasaparipūrṇo guruḥ punarmarmadhāmaparivarjam |
adhame’pi hi vyākuryātsambhāvya hi śaktipātavaicitryam || 396 ||
Ein von Mitgefühl erfüllter Guru darf sie sogar einem gering Befähigten erklären, unter Auslassung der geheimen Kernstellen; denn die Vielfalt des Shaktipata ist zu berücksichtigen.
28.397
liptāyāṃ bhuvi pīṭhe caturasre paṅkajatrayaṃ kajage |
kuryādvidyāpīṭhaṃ syādrasavahnyaṅgulaṃ tvetat || 397 ||
Auf bestrichenem Boden errichte man einen viereckigen Sitz mit drei Lotussen auf einem Lotus. Darauf bereite man den sechsunddreißig Finger breiten Vidyapitha.
28.398
madhye vāgīśānīṃ dakṣottarayorgurūngaṇeśaṃ ca |
adhare kaje ca kalpeśvaraṃ prapūjyārghapuṣpatarpaṇakaiḥ || 398 ||
In der Mitte verehre man Vagishani, rechts und links die Gurus und Ganesha, auf dem unteren Lotus Kalpeshvara, mit Arghya, Blumen und Sättigungen.
28.399
sāmānyavidhiniyuktārghapātrayogena cakramatha samyak |
santarpya vyākhyānaṃ kuryātsambandhapūrvakaṃ matimān || 399 ||
Nachdem der Kreis mithilfe des nach dem allgemeinen Verfahren eingerichteten Arghya-Gefäßes vollständig gesättigt ist, beginne der Verständige die Auslegung mit dem Textzusammenhang.
28.400
sūtrapadavākyapaṭalagranthakramayojanena sambandhāt |
avyāhatapūrvāparamupavṛhya nayeta vākyāni || 400 ||
Er erschließe die Aussagen durch Verknüpfung der Folge von Sutra, Wort, Satz, Kapitel und Gesamtwerk und erweitere die Erklärung so, dass Früheres und Späteres einander nicht widersprechen.
28.401
maṇḍūkaplavasiṃhāvalokanādyairyathāyathaṃ nyāyaiḥ |
avihatapūrvāparakaṃ śāstrārthaṃ yojayedasaṅkīrṇam || 401 ||
Mit jeweils geeigneten Auslegungsregeln wie „Froschsprung“ und „Rückblick des Löwen“ erschließe er den Sinn der Schrift unvermischt und ohne Widerspruch zwischen früheren und späteren Stellen.
28.402
tantrāvartanabādhaprasaṅgatarkādibhiśca sannyāyaiḥ |
vastu vadedvākyajño vastvantarato viviktatāṃ vidadhat || 402 ||
Als Kenner des Satzsinns stelle er den Gegenstand durch sachgerechte Regeln wie gemeinsame Geltung, Wiederaufnahme, Aufhebung, Folgerung und Prüfung dar und grenze ihn gegen andere Gegenstände ab.
28.403
yadyadvyāhṛtipadavīmāyāti tadeva dṛḍhatarairnyāyaiḥ |
balavatkuryāddūṣyaṃ yadyapyagre bhaviṣyatsyāt || 403 ||
Was immer zur Sprache kommt, stärke er mit möglichst festen Begründungen, selbst wenn es später noch widerlegt werden soll.
28.404
dṛḍharacitapūrvapakṣaproddharaṇapathena vastu yadvācyam |
śiṣyamatāvārohati tadāśu saṃśayaviparyayairvikalam || 404 ||
Denn der Gegenstand, der durch die Widerlegung eines sorgfältig aufgebauten Einwands erklärt wird, geht rasch in den Geist des Schülers ein, frei von Zweifel und Fehlvorstellung.
28.405
bhāṣā nyāyo vādo layaḥ kramo yadyadeti śiṣyasya |
sambodhopāyatvaṃ tathaiva gururāśrayedvyākhyām || 405 ||
Sprache, Begründung, Streitgespräch, Rhythmus oder Reihenfolge: Was auch immer dem Schüler zum Verständnis hilft, dessen bediene sich der Guru bei der Auslegung.
28.406
vācyaṃ vastu samāpya pratarpaṇaṃ pūjanaṃ bhaveccakre |
punaraparaṃ vastu vadetpaṭalādūrdhvaṃ tu no jalpet || 406 ||
Nach Abschluss eines Gegenstands erfolgen Sättigung und Verehrung im Kreis. Dann erkläre er einen weiteren Gegenstand; über die Kapitelgrenze hinaus soll er jedoch nicht fortreden.
28.407
vyākhyānte kṣamayitvā visṛjya sarvaṃ kṣipedagādhajale |
śāstrādimadhyanidhane viśeṣataḥ pūjanaṃ kuryāt || 407 ||
Am Ende der Auslegung bitte er um Verzeihung, vollziehe die Entlassung und versenke alles in tiefem Wasser. Zu Beginn, in der Mitte und am Ende einer Schrift soll er besonders verehren.
28.408
viśeṣapūjanaṃ kuryātsamayebhyaśca niṣkṛtau |
avikalpamaterna syuḥ prāyaścittāni yadyapi || 408 ||
Besondere Verehrung erfolgt auch bei der Sühnung von Verpflichtungsverletzungen. Zwar gibt es für jemanden mit vorstellungsfreier Einsicht keine Sühneriten;
28.409
tathāpyatattvavidvargānugrahāya tathā caret |
śrīpicau ca smṛtereva pāpaghnatve kathaṃ vibho || 409 ||
dennoch soll er zum Wohl derer, die die Wirklichkeit nicht kennen, entsprechend handeln. Im ehrwürdigen Picu-Tantra fragt die Göttin: „Wenn schon das Erinnern Sünde vernichtet, Herr,
28.410
prāyaścittavidhiḥ prokta iti devyā pracodite |
satyaṃ smaraṇameveha sakṛjjaptaṃ vimocayet || 410 ||
warum ist dann ein Sühneverfahren gelehrt?“ Darauf: „Wahrlich, schon einmaliges erinnerndes Rezitieren vermag hier zu befreien,
28.411
sarvasmātkarmaṇo jālātsmṛtitattvakalāvidaḥ |
tathāpi sthitirakṣārthaṃ kartavyaścodito vidhiḥ || 411 ||
und zwar aus dem gesamten Netz der Handlungen, wenn jemand das wahre Wesen des Erinnerns kennt. Dennoch soll das vorgeschriebene Verfahren zur Bewahrung der Ordnung ausgeführt werden.
28.412
atattvavedino ye hi caryāmātraikaniṣṭhitāḥ |
teṣāṃ dolāyite citte jñānahāniḥ prajāyate || 412 ||
Denn bei Menschen, die die Wirklichkeit nicht kennen und allein auf die äußere Lebensführung vertrauen, entsteht Erkenntnisverlust, wenn ihr Geist ins Schwanken gerät.
28.413
tasmādvikalparahitaḥ saṃvṛtyuparato yadi |
śāstracaryāsadāyattaiḥ saṅkaraṃ tadvivarjayet || 413 ||
Wer ohne Vorstellungen ist und die konventionelle Ordnung hinter sich gelassen hat, soll deshalb die Vermischung mit denen meiden, die stets von schriftgemäßer Lebensführung abhängen.
28.414
saṅkaraṃ vā samanvicchetprāyaścittaṃ samācaret |
yathā teṣāṃ na śāstrārthe dolārūḍhā matirbhavet || 414 ||
Oder, wenn er die Gemeinschaft mit ihnen sucht, vollziehe er die Sühne, damit ihre Auffassung vom Sinn der Schrift nicht ins Schwanken gerät.“
28.415
yatsvayaṃ śivahastākhye vidhau saṃcoditaṃ purā |
śataṃ japtvāsya cāstrasya mucyate strīvadhādṛte || 415 ||
Wie zuvor beim Verfahren namens Shiva-Hand angeordnet: „Wer diesen Waffenmantra hundertmal rezitiert, wird frei – außer von der Tötung einer Frau.
28.416
śaktināśānmahādoṣo narakaṃ śāśvataṃ priye |
iti śrīratnamālāyāṃ samayollaṅghane kṛte || 416 ||
Denn die Vernichtung einer Shakti ist ein schweres Vergehen und führt in eine dauernde Hölle, Geliebte.“ So wird in der ehrwürdigen Ratnamala für eine Verletzung der Verpflichtung
28.417
kulajānāṃ samākhyātā niṣkṛtirduṣṭakartarī |
śrīpūrve samayānāṃ tu śodhanāyoditaṃ yathā || 417 ||
die Sühnung der Kula-Angehörigen mit der Dushtakartari erklärt. Im ehrwürdigen Purva-Tantra ist zur Reinigung der Verpflichtungen gelehrt,
28.418
mālinī mātṛkā vāpi japyā lakṣatrayāntakam |
pratiṣṭhitasya pūrāderdarśane’nadhikāriṇā || 418 ||
dass Malini oder Matrika bis zu dreihunderttausendmal zu rezitieren ist. Wenn ein Nichtbefugter einen installierten heiligen Bereich oder eine entsprechende Grundlage sieht,
28.419
prāyaścittaṃ prakartavyamiti śrībrahmayāmale |
brahmaghno gurutalpastho vīradravyaharastathā || 419 ||
ist nach dem ehrwürdigen Brahmayamala eine Sühne auszuführen. Wer einen Brahmanen getötet, das Lager des Gurus verletzt, Vira-Substanz gestohlen,
28.420
devadravyahṛdākāraprahartā liṅgabhedakaḥ |
nityādilopakṛdbhraṣṭasvakamātrāparicchadaḥ || 420 ||
Göttergut geraubt, eine Kultgestalt beschädigt, ein Linga zerbrochen, tägliche Riten versäumt oder die eigene vorgeschriebene Ausstattung verloren hat,
28.421
śaktivyaṅgatvakṛdyogijñānihantā vilopakaḥ |
naimittikānāṃ lakṣādikramāddvidviguṇaṃ japet || 421 ||
eine Shakti verstümmelt, einen Yogi oder Wissenden getötet oder anlassgebundene Riten unterlassen hat, soll, beginnend mit hunderttausend, der Reihe nach jeweils doppelt so viel rezitieren.
28.422
vratena kenacidyukto mitabhugbrahmacaryavān |
dūtīparigrahe’nyatra gataścetkāmamohitaḥ || 422 ||
Dabei halte er ein bestimmtes Gelübde, esse maßvoll und lebe enthaltsam. Hat einer nach Annahme einer rituellen Partnerin, durch Begierde verblendet, eine andere aufgesucht,
28.423
lakṣajāpaṃ tataḥ kuryādityuktaṃ brahmayāmale |
dīkṣābhiṣekanaimittavidhyante gurupūjanam || 423 ||
soll er hunderttausend Rezitationen ausführen; so heißt es im Brahmayamala. Nach Abschluss von Einweihung, Weiheguss und anlassgebundenem Verfahren soll die Guru-Verehrung
28.424
aparedyuḥ sadā kāryaṃ siddhayogīśvarīmate |
pūrvoktalakṣaṇopetaḥ kavistrikasatattvavit || 424 ||
nach dem Siddhayogishvarimata stets am folgenden Tag stattfinden. Ein mit den zuvor genannten Merkmalen ausgestatteter, einsichtiger Kenner der wahren Trika-Lehre
28.425
sa guruḥ sarvadā grāhyastyaktvānyaṃ tatsthitaṃ tvapi |
maṇḍale svastikaṃ kṛtvā tatra haimādikāsanam || 425 ||
ist stets als Guru anzunehmen, auch wenn dafür ein anderer, bereits eingesetzter aufzugeben ist. Man zeichne eine Svastika ins Mandala und errichte darauf einen Sitz aus Gold oder anderem Material;
28.426
kṛtvārcayeta tatrasthamadhvānaṃ sakalāntakam |
tato vijñapayedbhaktyā tadadhiṣṭhitaye gurum || 426 ||
darin verehre man den gesamten bis zu den Kalas reichenden Weltweg. Dann bitte man den Guru ergeben, darauf Platz zu nehmen.
28.427
sa tatra pūjyaḥ svairmantraiḥ puṣpadhūpārghavistaraiḥ |
samālambhanasadvastrairnaivedyaistarpaṇaiḥ kramāt || 427 ||
Dort ist er mit seinen eigenen Mantras, reichlichen Blumen, Räucherwerk und Arghya, Salben, guten Gewändern, Speisegaben und Sättigungen der Reihe nach zu verehren.
28.428
āśāntaṃ pūjayitvainaṃ dakṣiṇābhiryajecchiśuḥ |
sarvasvamasmai saṃdadyādātmānamapi bhāvitaḥ || 428 ||
Nachdem der Schüler ihn bis zur Erfüllung seines Wunsches verehrt hat, ehre er ihn mit Gaben. Von Hingabe erfüllt, gebe er ihm seinen ganzen Besitz, ja sich selbst.
28.429
atoṣayitvā tu guruṃ dakṣiṇābhiḥ samantataḥ |
tattvajño’pyṛṇabandhena tena yātyadhikāritām || 429 ||
Wer den Guru nicht durch Gaben vollständig zufriedengestellt hat, gelangt selbst als Kenner der Wirklichkeit wegen dieser Schuldverbindung in den Zustand eines Amtsträgers.
28.430
gurupūjāmakurvāṇaḥ śataṃ janmāni jāyate |
adhikārī tato muktiṃ yātīti skandayāmale || 430 ||
Wer die Guru-Verehrung nicht vollzieht, wird hundert Geburten lang als Amtsträger geboren und erlangt erst danach Befreiung; so heißt es im Skandayamala.
28.431
tasmādavaśyaṃ dātavyā gurave dakṣiṇā punaḥ |
pūrvaṃ hi yāgāṅgatayā proktaṃ tattuṣṭaye tvidam || 431 ||
Deshalb muss dem Guru erneut eine Gabe gegeben werden. Die frühere war als Bestandteil des Opfers vorgeschrieben; diese dient seiner Zufriedenstellung.
28.432
tajjuṣṭamatha tasyājñāṃ prāpyāśnīyātsvayaṃ śiśuḥ |
tataḥ prapūjayeccakraṃ yathāvibhavasambhavam || 432 ||
Wenn der Guru die Speise angenommen und die Erlaubnis erteilt hat, esse der Schüler selbst. Danach verehre er den Kreis entsprechend seinen Mitteln.
28.433
akṛtvā guruyāgaṃ tu kṛtamapyakṛtaṃ yataḥ |
tasmātprayatnataḥ kāryo guruyāgo yathābalam || 433 ||
Ohne Guru-Opfer gilt auch das bereits Vollzogene als unvollzogen; deshalb soll das Guru-Opfer sorgfältig nach den eigenen Kräften ausgeführt werden.
28.434
atatrastho’pi hi guruḥ pūjyaḥ saṃkalpya pūrvavat |
taddravyaṃ devatākṛtye kuryādbhaktajaneṣvatha || 434 ||
Auch ein abwesender Guru ist durch Vergegenwärtigung wie zuvor zu verehren. Die für ihn bestimmten Mittel verwende man für den Dienst an der Gottheit oder für die Verehrer.
28.435
parvapavitraprabhṛtiprabhedi naimittikaṃ tvidaṃ karma |
Damit ist das anlassgebundene Handeln mit seinen Unterteilungen wie Festverehrung und Pavitra-Ritus dargestellt.
Prüf- und Lesungsnotiz zu Ahnika 28: Die gespeicherte Fassung enthält alle 435 nummerierten Einträge der GRETIL-Transkription in IAST mit jeweils unmittelbar anschließender deutscher Arbeitsübersetzung. 28.1 ist als Halbvers 1b bezeichnet; 28.435 endet in der Quelle nach einem einzelnen Versglied ohne abschließende gedruckte Verszahl. Dieser Schluss wurde nicht ergänzt. @ wird als Avagraha (’) dargestellt. Kalenderreihen, Zahlencodes und einige Materialnamen sind ohne Kommentar nicht überall eindeutig; betroffene Stellen sind ausdrücklich markiert, insbesondere 28.106–109, 28.115, 28.135, 28.151–153, 28.169 und 28.172. In 28.303 steht das fehlerhafte dehānted, in 28.306 die unsichere Form saṃvarītur. Der Sanskrittext bewahrt diese Formen. Die Übersetzung von 28.383 gibt die Gewaltandrohung der historischen Quelle ausdrücklich wieder; sie ist keine Praxisanregung. Auch die historischen Regeln zu jungen Mädchen in 28.105–106 bezeichnen hier Kumari-Verehrung; sie werden nicht mit den sexuellen Paarriten gleichgesetzt. Der Quellenabgleich erfolgte mit der auf KSTS beruhenden elektronischen GRETIL-Transkription, nicht durch unabhängige Kollation sämtlicher Druckseiten.
Ahnika 29 – Das geheime Kula-Verfahren
29.1
atha samucitādhikāriṇa uddiśya rahasya ucyate’tra vidhiḥ |
atha sarvāpyupāseyaṃ kulaprakriyayocyate || 1 ||
Nun wird für entsprechend Befähigte das geheime Verfahren erklärt. Die gesamte Verehrung wird jetzt nach dem Kula-Verfahren dargestellt.
29.2
tathā dhārādhirūḍheṣu guruśiṣyeṣu yocitā |
uktaṃ ca parameśena sāratvaṃ kramapūjane || 2 ||
Sie ist für Lehrer und Schüler geeignet, die in der fortlaufenden Überlieferung fest verankert sind. Der höchste Herr hat die Wesentlichkeit der geordneten Verehrung ausgesprochen:
29.3
siddhakramaniyuktasya māsenaikena yadbhavet |
na tadvarṣasahasraiḥ syānmantraughairvividhairiti || 3 ||
Was einer, der in die Siddha-Abfolge eingesetzt ist, in einem einzigen Monat erreicht, würde durch viele verschiedene Mantras auch in Jahrtausenden nicht erreicht.
29.4
kulaṃ ca parameśasya śaktiḥ sāmarthyamūrdhvatā |
svātantryamojo vīryaṃ ca piṇḍaḥ saṃviccharīrakam || 4 ||
Kula ist die Kraft des höchsten Herrn: sein Vermögen, seine Erhabenheit, Freiheit, Stärke und Wirkkraft, seine Gesamtheit und sein Bewusstseinskörper.
29.5
tathātvena samastāni bhāvajātāni paśyataḥ |
dhvastaśaṅkāsamūhasya yāgastādṛśa eva saḥ || 5 ||
Wer sämtliche Erscheinungen als von dieser Art sieht und alle Bedenken überwunden hat, vollzieht eben ein solches Opfer.
29.6
tādṛgrūpanirūḍhyarthaṃ manovākkāyavartmanā |
yadyatsamācaredvīraḥ kulayāgaḥ sa sa smṛtaḥ || 6 ||
Was ein Vira mit Geist, Sprache oder Körper tut, um sich in dieser Gestalt zu festigen, das gilt jeweils als Kula-Opfer.
29.7
bahiḥ śaktau yāmale ca dehe prāṇapathe matau |
iti ṣoḍhā kulejyā syātpratibhedaṃ vibhedinī || 7 ||
Die Kula-Verehrung ist sechsfach: äußerlich, an einer Shakti, im Paar, im Körper, im Weg des Lebensatems und im Erkennen. Jede Form besitzt weitere Unterteilungen.
29.8
snānamaṇḍalakuṇḍādi ṣoḍhānyāsādi yanna tat |
kiñcidatropayujyeta kṛtaṃ vā khaṇḍanāya no || 8 ||
Bad, Mandala, Feuergrube, sechsfacher Nyasa und Ähnliches finden hier keine notwendige Anwendung; werden sie dennoch ausgeführt, führt dies nicht zur Ungültigkeit.
29.9
ṣaṇmaṇḍalavinirmuktaṃ sarvāvaraṇavarjitam |
jñānajñeyamayaṃ kaulaṃ proktaṃ traiśirase mate || 9 ||
Im Traishirasa wird Kaula als von den sechs Mandalas und allen Umhüllungen frei und aus Erkenntnis und Erkenntnisgegenstand bestehend bezeichnet.
29.10
atra yāge ca yaddravyaṃ niṣiddhaṃ śāstrasantatau |
tadeva yojayeddhīmānvāmāmṛtapariplutam || 10 ||
Bei diesem Opfer verwende der Verständige gerade jene Substanz, die in anderen Schriftüberlieferungen verboten ist, getränkt mit Vama-Nektar.
29.11
śrībrahmayāmale’pyuktaṃ surā śivaraso bahiḥ |
tāṃ vinā bhuktimuktī no piṣṭakṣaudraguḍaistu sā || 11 ||
Auch im Brahmayamala heißt es: Spirituose ist Shivas Saft in äußerer Gestalt. Ohne sie gibt es dort weder Erfahrung noch Befreiung. Aus Mehl, Honig oder Rohzucker hergestellt,
29.12
strīnapuṃsakapuṃrūpā tu pūrvāparabhogadā |
drākṣotthaṃ tu paraṃ tejo bhairavaṃ kalpanojjhitam || 12 ||
besitzt sie weibliche, neutrale oder männliche Gestalt und gewährt entsprechend frühere beziehungsweise spätere Erfahrungen. Aus Trauben gewonnen ist sie höchste, vorstellungsfreie Bhairava-Glut.
29.13
etatsvayaṃ rasaḥ śuddhaḥ prakāśānandacinmayaḥ |
devatānāṃ priyaṃ nityaṃ tasmādetatpivetsadā || 13 ||
Dieser Saft ist von sich aus rein und besteht aus Licht, Wonne und Bewusstsein; den Gottheiten ist er stets lieb, daher soll man ihn nach dieser Vorschrift stets trinken.
29.14
śrīmatkramarahasye ca nyarūpi parameśinā |
arghapātraṃ yāgadhāma dīpa ityucyate trayam || 14 ||
Im ehrwürdigen Kramarahasya hat der höchste Herr erklärt: Arghya-Gefäß, Opferstätte und Lampe heißen die drei
29.15
rahasyaṃ kaulike yāge tatrārghaḥ śaktisaṃgamāt |
bhūvastrakāyapīṭhākhyaṃ dhāma cotkarṣabhāk kramāt || 15 ||
Geheimnisse im Kaula-Opfer. Dabei entsteht das Arghya aus der Verbindung mit Shakti. Als Opferstätte werden Erde, Stoff, Körper und Pitha genannt, in zunehmend höherem Rang.
29.16
dīpā ghṛtotthā gāvo hi bhūcaryo devatāḥ smṛtāḥ |
iti jñātvā traye’muṣminyatnavānkauliko bhavet || 16 ||
Die Lampen werden mit geklärter Butter gespeist, denn Kühe gelten als auf der Erde wandelnde Gottheiten. Dies erkennend, achte der Kaula-Praktizierende sorgfältig auf diese drei.
29.17
tenārghapātraprādhānyaṃ jñātvā dravyāṇi śambhunā |
yānyuktānyaviśaṅko’tra bhavecchaṅkā hi dūṣikā || 17 ||
Die Vorrangstellung des Arghya-Gefäßes erkennend, hege er gegenüber den von Shambhu vorgeschriebenen Stoffen keine Bedenken; denn das Bedenken gilt hier als verunreinigend.
29.18
yāgauko gandhadhūpāḍhyaṃ praviśya prāgudaṅmukhaḥ |
parayā vā’tha mālinyā vilomāccānulomataḥ || 18 ||
Er betrete das mit Duft und Räucherwerk erfüllte Opferhaus und wende sich nach Osten oder Norden. Mit Para oder Malini, in rückwärts- und vorwärtsgerichteter Folge,
29.19
dāhāpyāyamayīṃ śuddhiṃ dīptasaumyavibhedataḥ |
krameṇa kuryādathavā mātṛsadbhāvamantrataḥ || 19 ||
vollziehe er der Reihe nach die Reinigung als Verbrennen und Sättigen, entsprechend der flammenden und der milden Gestalt; oder mit dem Matrisadbhava-Mantra.
29.20
dīkṣāṃ cetpracikīrṣustacchodhyādhvanyāsakalpanam |
tataḥ saṃśodhyavastūni śaktyaivāmṛtatāṃ nayet || 20 ||
Will er eine Einweihung durchführen, richte er den Nyasa des zu reinigenden Weltweges ein. Danach verwandle er die zu reinigenden Gegenstände durch Shakti in Nektar.
29.21
parāsampuṭagā yadvā mātṛsampuṭagāpyatho |
kevalā mālinī yadvā tāḥ samasteṣu karmasu || 21 ||
Malini kann dabei von Para oder von Matrika umschlossen sein oder allein stehen. Diese Mantras werden bei sämtlichen Handlungen eingesetzt.
29.22
nandahetuphalairdravyairarghapātraṃ prapūrayet |
tatroktamantratādātmyādbhairavātmatvamānayet || 22 ||
Das Arghya-Gefäß fülle er mit Substanzen, die Ursache und Frucht der Freude sind. Durch Identifikation mit dem genannten Mantra bringe er es in den Zustand Bhairavas.
29.23
tena nirbharamātmānaṃ bahiścakrānucakragam |
vipruḍbhirūrdhvādharayorantaḥ pītyā ca tarpayet || 23 ||
Damit sättige er sich vollständig und äußerlich die in Haupt- und Nebenkreisen gegenwärtigen Kräfte: oben und unten durch Tropfen, innerlich durch Trinken.
29.24
tathā pūrṇasvaraśmyoghaḥ procchaladvṛttitāvaśāt |
bahistādṛśamātmānaṃ didṛkṣurbahirarcayet || 24 ||
Ist der Schwarm seiner eigenen Strahlen so erfüllt und drängt nach außen, verehre er äußerlich, um sich selbst dort in entsprechender Gestalt zu sehen.
29.25
arkāṅgule’tha taddvitriguṇe raktapaṭe śubhe |
vyomni sindūrasubhage rājavarttabhṛte’thavā || 25 ||
Auf einem schönen roten Tuch von zwölf Fingerbreiten oder dem Doppelten beziehungsweise Dreifachen, auf einer mit Zinnober verschönerten oder mit Lapislazuli versehenen Fläche,
29.26
nārikelātmake kādye madyapūrṇe’tha bhājane |
yadvā samudite rūpe maṇḍalasthe ca tadṛśi || 26 ||
in einem aus Kokosnuss oder anderem Material bestehenden, weingefüllten Gefäß, oder in einer zusammenfassenden Form innerhalb eines entsprechenden Mandalas,
29.27
yāgaṃ kurvīta matimāṃstatrāyaṃ krama ucyate |
diśyudīcyāṃ rudrakoṇādvāyavyantaṃ gaṇeśvaram || 27 ||
vollziehe der Verständige das Opfer. Seine Reihenfolge lautet: An der Nordseite, von der Nordostecke bis zur Nordwestecke, verehre er Ganesha,
29.28
vaṭukaṃ trīn gurūnsiddhānyoginīḥ pīṭhamarcayet |
prācyāṃ diśi gaṇeśādha ārabhyābhyarcayettataḥ || 28 ||
Vatuka, die drei Gurus, die Siddhas, die Yoginis und den Pitha. Dann beginne er an der Ostseite unterhalb Ganeshas,
29.29
siddhacakraṃ dikcatuṣke gaṇeśādhastanāntakam |
khagendraḥ sahavijjāmba illā+ī+ambayā saha || 29 ||
und verehre den Siddha-Kreis in den vier Himmelsrichtungen bis wieder unterhalb Ganeshas: Khagendra zusammen mit Vijjamba, und zusammen mit Illā+ī+ambā
29.30
vaktaṣṭirvimalo’nantamekhalāmbāyutaḥ purā |
śaktyā maṅgalayā kūrma illā+ī+ambayā saha || 30 ||
Vaktashti, ferner Vimala mit Anantamekhalamba im Osten; Kurma mit der Shakti Mangala, und mit Illā+ī+ambā
29.31
jaitro yāmye hyavijitastathā sānandamekhalaḥ |
kāmamaṅgalayā meṣaḥ kullā+ī+ambayā saha || 31 ||
Jaitra im Süden, ebenso Avijita mit Anandamekhala; Mesha mit Kamamangala, und mit Kullā+ī+ambā
29.32
vindhyo’jito’pyajarayā saha mekhalayā pare |
macchandaḥ kuṅkuṇāmbā ca ṣaḍyugmaṃ sādhikārakam || 32 ||
Vindhya, ferner Ajita mit Ajara-Mekhala im Westen; Macchanda und Kunkunamba samt sechs zur Amtsausübung befugten Paaren.
29.33
saumye marutta īśāntaṃ dvitīyā paṅktirīdṛśī |
amaravaradevacitrālivindhyaguḍikā iti kramātṣaḍamī || 33 ||
Im Norden Marutta, bis zur Nordostecke. Die zweite Reihe besteht der Folge nach aus diesen sechs: Amara, Varadeva, Citra, Ali, Vindhya und Gudika.
29.34
sillā+ī eruṇayā tathā kumārī ca bodhā+ī |
samahālacchī cāparamekhalayā śaktayaḥ ṣaḍimāḥ || 34 ||
Sillāī zusammen mit Eruṇā, ferner Kumārī und Bodhāī, dazu Mahālacchī und Aparamekhalā: Dies sind die sechs Shaktis. [Die Pluszeichen der elektronischen Namenformen sind im IAST sichtbar erhalten; sie werden nicht als auszusprechende Namensbestandteile wiedergegeben.]
Lesungshinweis zu 29.33–34: Die Namensfolge lautet Amara, Varadeva, Citra, Ali, Vindhya, Gudika. Die frühere Aufteilung „Amara, Vara, Deva, Citrali …“ war falsch. Jayarathas Erläuterung und seine Aufzählung der Liniennamen bestätigen diese Trennung. Auch Aparamekhala ist hier ein Name; „eine weitere Mekhala“ war keine angemessene Wiedergabe.[2]
29.35
ete hi sādhikārāḥ pūjyā yeṣāmiyaṃ bahuvibhedā |
santatiranavacchinnā citrā śiṣyapraśiṣyamayī || 35 ||
Diese mit Überlieferungsbefugnis Ausgestatteten sind zu verehren; von ihnen geht die vielfältige, ununterbrochene Folge von Schülern und Schülerschülern aus.
29.36
ānandāvalibodhiprabhupādāntātha yogiśabdāntā |
etā ovallyaḥ syurmudrāṣaṭkaṃ kramāttvetat || 36 ||
Die Ovalli-Linien tragen die Endungen Ananda, Avali, Bodhi, Prabhu, Pada und Yogin. Dazu gehört der Reihe nach diese Sechsergruppe von Erkennungszeichen:
29.37
dakṣāṅguṣṭhādikaniṣṭhikāntamatha sā kanīyasī vāmāt |
dvidaśāntordhvagakuṇḍalibaindavahṛnnābhikandamiti chu mmāḥ || 37 ||
[Die sechs Handzeichen sind] der rechte Daumen bis zum rechten kleinen Finger, danach der kleine Finger der linken Hand. Die Chummas sind Dvidaśānta, die aufwärtsgehende Kundali, die Bindu-Stätte, Herz, Nabel und Kanda.
Lesungshinweis: Dvidaśānta ist die tatsächlich gedruckte Form; die frühere Normalisierung zu Dvadashanta wurde zurückgenommen. Jayaratha führt für die erste Chumma atīta an und erläutert die Bindu-Stätte als Brauenmitte. Die genaue Auflösung der ersten Bezeichnung bleibt hier offen.[3]
29.38
śavarāḍabillapaṭṭillāḥ karabillāmbiśarabillāḥ |
aḍabīḍombīdakṣiṇabillāḥ kumbhārikākṣarākhyāca || 38 ||
[Die Häuser heißen] Shavara, Adabilla, Pattilla, Karabilla, Ambi und Sharabilla; [die Pallis] Adabi, Dombi, Dakshina, Billa, Kumbharika und die Akshara Genannte.
29.39
devīkoṭṭakulādritripurīkāmākhyamaṭṭahāsaśca |
dakṣiṇapīṭhaṃ caitatṣaṭkaṃ gharapallipīṭhagaṃ kramaśaḥ || 39 ||
Devikotta, Kuladri, Tripuri, Kamakhya, Attahasa und Dakshinapitha: Diese Sechsergruppe betrifft [die Gliederung nach] Haus, Palli und Pitha.
Zuordnungshinweis: Die dicht gefügten Listen in 29.38 enthalten sechs Hausnamen und sechs Palli-Namen. Ihre Reihenfolge ist nicht einfach auf die Reihenfolge der sechs Siddhas zu übertragen. Jayaratha ordnet ihnen jeweils ein Haus, eine Palli und einen Pitha zu; seine Erläuterung setzt etwa Amara mit Pattilla, Dakshinavarta und Tripurottara in Beziehung. Die verkürzten Bezeichnungen und ihre im Kommentar ausgeführten Formen sind auseinanderzuhalten.[4]
29.40
iti saṅketābhijño bhramate pīṭheṣu yadi sa siddhīpsuḥ |
acirāllabhate tattatprāpyaṃ yadyoginīvadanāt || 40 ||
Wenn ein Vollendung Suchender diese Erkennungszeichen kennt und die Pithas durchwandert, erlangt er rasch das jeweilige Ziel aus dem Mund einer Yogini.
29.41
bhaṭṭendravalkalāhīndragajendrāḥ samahīdharāḥ |
ūrdhvaretasa ete ṣaḍadhikārapadojjhitāḥ || 41 ||
Bhatta, Indra, Valkala, Ahindra, Gajendra und Mahidhara sind sechs mit aufwärtsgerichtetem Samen, denen ein Amt der Überlieferung fehlt.
29.42
adhikāro hi vīryasya prasaraḥ kulavartmani |
tadaprasarayogena te proktā ūrdhvaretasaḥ || 42 ||
Denn Amtsbefugnis bedeutet das Ausströmen der Wirkkraft auf dem Kula-Weg. Da sie diese nicht ausströmen lassen, heißen sie „mit aufwärtsgerichtetem Samen“.
29.43
anyāśca gurutatpatnyaḥ śrīmatkālīkuloditāḥ |
anāttadehāḥ krīḍanti taistairdehairaśaṅkitāḥ || 43 ||
Weitere Gurus und ihre Partnerinnen, die im ehrwürdigen Kalikula genannt werden, spielen ohne fest angenommenen Körper frei in verschiedenen Körpern.
29.44
prabodhitatathecchākaistajje kaulaṃ prakāśate |
tathārūpatayā tatra gurutvaṃ paribhāṣitam || 44 ||
In den aus ihnen Hervorgegangenen, deren entsprechender Wille erweckt wurde, offenbart sich Kaula. Aufgrund dieser besonderen Gestalt wird ihnen dort Guruschaft zugesprochen.
29.45
te viśeṣānna saṃpūjyāḥ smartavyā eva kevalam |
tato’bhyantarato vāyuvahnyormātṛkayā saha || 45 ||
Sie sind nicht gesondert zu verehren, sondern lediglich zu erinnern. Weiter innen, in der Nordwest- und Südostecke, sind Matrika
29.46
mālinī kramaśaḥ pūjyā tato’ntarmantracakrakam |
mantrasiddhaprāṇasaṃvitkaraṇātmani yā kule || 46 ||
und Malini der Reihe nach zu verehren, danach im Inneren der Mantra-Kreis. Das herrschende Bewusstsein im Kula-Kreis, der aus Mantras, Siddhas, Lebenskräften, Bewusstsein und Sinnen besteht,
29.47
cakrātmake citiḥ prabhvī proktā seha kuleśvarī |
sā madhye śrīparā devī mātṛsadbhāvarūpiṇī || 47 ||
wird hier Kuleshvari genannt. In der Mitte ist sie die ehrwürdige höchste Göttin Para in der Gestalt des Matrisadbhava.
29.48
pūjyātha tatsamāropādaparātha parāparā |
ekavīrā ca sā pūjyā yadivā sakuleśvarā || 48 ||
Sie ist zu verehren, dann durch ihre Übertragung Apara und Parapara. Man verehre sie als Einzelheldin oder zusammen mit Kuleshvara.
29.49
prasarecchaktirucchūnā sollāso bhairavaḥ punaḥ |
saṅghaṭṭānandaviśrāntyā yugmamitthaṃ prapūjayet || 49 ||
Im Ausströmen ist Shakti angeschwollen, Bhairava freudig erregt. So verehre man das Paar im Ruhen in der Freude ihrer Begegnung.
29.50
mahāprakāśarūpāyāḥ saṃvido visphuliṅgavat |
yo raśmyoghastamevātra pūjayeddevatāgaṇam || 50 ||
Den Strahlenschwarm, der dem Bewusstsein als großem Licht wie Funken entspringt, verehre man hier als Gottheitenkreis.
29.51
antardvādaśakaṃ pūjyaṃ tato’ṣṭāṣṭākameva ca |
catuṣkaṃ vā yathecchaṃ vā kā saṅkhyā kila raśmiṣu || 51 ||
Im Inneren verehre man die Zwölfergruppe, dann acht Achtergruppen, oder eine Vierergruppe oder nach Wunsch; denn welche feste Zahl gäbe es für die Strahlen?
29.52
māheśī vairiñcī kaumārī vaiṣṇavī caturdikkam |
aindrī yāmyā muṇḍā yogeśīrīśatastu koṇeṣu || 52 ||
Maheshi, Vairinci, Kaumari und Vaishnavi stehen in den vier Himmelsrichtungen; Aindri, Yamya, Munda und Yogeshi in den Ecken, beginnend im Nordosten.
29.53
pavanāntamaghorādikamaṣṭakamasminnathāṣṭake kramaśaḥ |
saṅghaṭṭānandadṛśā sampūjyaṃ yāmalībhūtam || 53 ||
In dieser Achtergruppe ist der Reihe nach die Achtergruppe von Aghora an bis zur Nordwestecke zu verehren, paarweise verbunden und aus der Sicht der Freude ihrer Vereinigung.
29.54
aṣṭāṣṭake’pi hi vidhau nānānāmaprapañcite bahudhā |
vidhireṣa eva vihitastatsaṃkhyā dīpamālā syāt || 54 ||
Auch beim vielfach durch verschiedene Namen entfalteten Verfahren der acht Achtergruppen gilt dieselbe Regel; entsprechend ihrer Zahl sei die Lampenreihe.
29.55
śrīratnamālāśāstre tu varṇasaṃkhyāḥ pradīpakāḥ |
varṇāṃśca mukhyapūjyāyā vidyāyā gaṇayetsudhīḥ || 55 ||
Im Ratnamala-Tantra entspricht die Lampenzahl dagegen der Lautzahl. Der Verständige zähle die Laute der hauptsächlich zu verehrenden Vidya.
29.56
pīṭhakṣetrādibhiḥ sākaṃ kuryādvā kulapūjanam |
yathā śrīmādhavakule parameśena bhāṣitam || 56 ||
Oder man vollziehe die Kula-Verehrung zusammen mit Pithas und heiligen Bereichen, wie der höchste Herr im ehrwürdigen Madhavakula erklärt hat:
29.57
sṛṣṭisaṃsthitisaṃhārānāmakramacatuṣṭayam |
pīṭhaśmaśānasahitaṃ pūjayedbhogamokṣayoḥ || 57 ||
Für Erfahrung und Befreiung verehre man die vier Abfolgen Schöpfung, Bestand, Rücknahme und das Namenlose, zusammen mit den Pithas und Verbrennungsplätzen.
29.58
ātmano vāthavā śakteścakrasyātha smaredimam |
nyasyatvena vidhiṃ dehe pīṭhākhye pārameśvaram || 58 ||
Dieses vom höchsten Herrn stammende Verfahren vergegenwärtige man als Nyasa im als Pitha bezeichneten Körper – dem eigenen, dem der Shakti oder dem des Kreises.
29.59
aṭṭahāsaṃ śikhāsthāne caritraṃ ca karandhrake |
śrutyoḥ kaulagiriṃ nāsārandhrayośca jayantikām || 59 ||
Attahasa setze man an den Haarschopf, Caritra an die Handöffnung, Kaulagiri an die Ohren, Jayantika an die Nasenöffnungen,
29.60
bhruvorujjayinīṃ vaktre prayāgaṃ hṛdaye punaḥ |
vārāṇasīṃ skandhayuge śrīpīṭhaṃ virajaṃ gale || 60 ||
Ujjayini an die Brauen, Prayaga an den Mund, Varanasi an das Herz, Shripitha an beide Schultern und Viraja an den Hals.
29.61
eḍābhīmudare hālāṃ nābhau kande tu gośrutim |
upasthe marukośaṃ ca nagaraṃ pauṇḍravardhanam || 61 ||
Edabhi an den Bauch, Hala an den Nabel, Goshruti an den Kanda; am Geschlechtsorgan Marukosha und die Stadt Paundravardhana. [Die Zuordnung der letzten beiden Namen ist im Vers nicht ausdifferenziert.]
29.62
elāpuraṃ purastīraṃ sakthyūrvordakṣiṇāditaḥ |
kuḍyākeśīṃ ca sopānaṃ māyāpūkṣīrake tathā || 62 ||
Elapura und Purastira an Hüfte und Oberschenkel, rechts beginnend; Kudyakeshi und Sopana, ferner Mayapu und Kshiraka
29.63
jānujaṅghe gulphayugme tvāmrātanṛpasadmanī |
pādādhāre tu vairiñcīṃ kālāgnyavadhidārikām || 63 ||
an Knie und Unterschenkel; Amrata und Nripasadman an die Knöchel. An der Fußgrundlage setze man Vairinci ein, die bis Kalagni aufreißt. [Einige Ortsnamen und Zuordnungen 29.61–63 bleiben unsicher.]
29.64
nāhamasmi nacānyo’sti kevalāḥ śaktayastvaham |
ityevaṃvāsanāṃ kuryātsarvadā smṛtimātrataḥ || 64 ||
„Weder bin ich ein abgesondertes Ich noch gibt es einen anderen; ich bin einzig die Kräfte.“ Diese Prägung soll man stets durch bloßes Erinnern ausbilden.
29.65
na tithirna ca nakṣatraṃ nopavāso vidhīyate |
grāmyadharmarataḥ siddhyetsarvadā smaraṇena hi || 65 ||
Weder Mondtag noch Sternbild noch Fasten wird vorgeschrieben. Selbst wer dem alltäglichen Geschlechtsleben zugewandt ist, erlangt durch beständiges Erinnern Vollendung.
29.66
mātaṅgakṛṣṇasaunikakārmukacārmikavikoṣidhātuvibhedāḥ |
mātsyikacākrikadayitāsteṣāṃ patnyo navātra navayāge || 66 ||
Die Partnerinnen von Matangas, Dunklen, Schlachtern, Bogenmachern, Lederarbeitern, Schwertträgern, Metallarbeitern, Fischern und Radmachern sind die neun Frauen dieses Neuneropfers. [Einige Berufsbezeichnungen der Reihe sind unsicher.]
29.67
saṅgamavaruṇākulagiryaṭṭahāsajayantīcaritrakāmrakakoṭṭam |
haimapuraṃ navamaṃ syānmadhye tāsāṃ ca cakriṇī mukhyā || 67 ||
Samgama, Varuna, Kulagiri, Attahasa, Jayanti, Caritra, Kamraka, Kotta und als neuntes Haimapura: In ihrer Mitte steht die Chakrini als hauptsächliche.
29.68
bījaṃ sā pīḍayate rasaśalkavibhāgato’tra kuṇḍalinī |
adhyuṣṭapīṭhanetrī kandasthā viśvato bhramati || 68 ||
Sie presst den Samen und trennt Saft und Hülle. Als Kundalini, Lenkerin der dreieinhalb Pithas, im Kanda stehend, kreist sie nach allen Seiten.
29.69
iṣṭvā cakrodayaṃ tvitthaṃ madhye pūjyā kuleśvarī |
saṅkarṣiṇī tadantānte saṃhārāpyāyakāriṇī || 69 ||
Nachdem man so die Entfaltung des Kreises verehrt hat, ist in der Mitte Kuleshvari als Samkarshini zu verehren, die an dessen äußerstem Ende Rücknahme und Sättigung bewirkt.
29.70
ekavīrā cakrayuktā cakrayāmalagāpi vā |
īśendrāgniyamakravyātkavāyūdakṣu hāsataḥ || 70 ||
Als Einzelheldin, mit dem Kreis verbunden oder im Paar des Kreises: Von Attahasa an verehre man in Nordosten, Osten, Südosten, Süden, Südwesten, Westen, Nordwesten und Norden
29.71
trikaṃ trikaṃ yajedetadbhāvisvatrikasaṃyutam |
hṛtkuṇḍalī bhruvormadhyametadeva kramāttrayam || 71 ||
je eine Dreiheit zusammen mit der jeweils zu vergegenwärtigenden eigenen Dreiheit. Herz, Kundali und Brauenmitte sind eben diese Dreiheit der Reihe nach.
29.72
śmaśānāni kramātkṣetrabhavaṃ sadyoginīgaṇam |
vasvaṅgulonnatānūrdhvavartulān kṣāmamadhyakān || 72 ||
Man verehre die Verbrennungsplätze und den aus den heiligen Bereichen hervorgegangenen Yogini-Kreis. Die Lampen seien acht Finger hoch, oben rund und in der Mitte schlank,
29.73
raktavartīñśrutidṛśo dīpānkurvīta sarpiṣā |
yatkiñcidathavā madhye svānuṣṭhānaṃ prapūjayet || 73 ||
mit roten Dochten und geklärter Butter; ihre Zahl ist vierundzwanzig. Oder man verehre in der Mitte irgendeine eigene überlieferte Praxis.
29.74
advaitameva na dvaitamityājñā parameśituḥ |
siddhāntavaiṣṇavādyuktā mantrā malayutāstataḥ || 74 ||
„Allein Nichtdualität, keine Dualität“ lautet das Gebot des höchsten Herrn. Deshalb sind die im Siddhanta, in Vishnu-Traditionen und anderen Systemen gelehrten Mantras mit Befleckung verbunden;
29.75
tāvattejo’sahiṣṇutvānnirjīvāḥ syurihādvaye |
kalaśaṃ netrabandhādi maṇḍalaṃ sruksruvānalam || 75 ||
weil sie eine solche Glut nicht ertragen, wären sie in dieser Nichtdualität leblos. Krug, Augenbinde, Mandala, große und kleine Opferkelle und Feuer
29.76
hitvātra siddhiḥ sanmadye pātre madhye kṛśāṃ yajet |
ahorātramimaṃ yāgaṃ kurvataścāpare’hani || 76 ||
lasse man hier fort. Im Gefäß mit gutem Wein verehre man in der Mitte die schlanke Göttin. Wer dieses Opfer einen Tag und eine Nacht vollzieht und am folgenden Tag
29.77
vīrabhojye kṛte’vaśyaṃ mantrāḥ siddhyantyayatnataḥ |
pīṭhastotraṃ paṭhedatra yāge bhāgyāvahāhvaye || 77 ||
die Viras speist, dessen Mantras werden sicher und mühelos wirksam. Bei diesem „Glück bringenden“ Opfer rezitiere man den Pitha-Lobpreis.
29.78
mūrtīrevāthavā yugmarūpā vīrasvarūpiṇīḥ |
avadhūtā nirācārāḥ pūjayetkramaśo budhaḥ || 78 ||
Oder der Verständige verehre der Reihe nach verkörperte Gestalten als Paare, Viras, von Bindungen Gelöste und von üblichen Verhaltensregeln Freie.
29.79
eka evātha kauleśaḥ svayaṃ bhūtvāpi tāvatīḥ |
śaktīryāmalayogena tarpayedviśvarūpavat || 79 ||
Oder er werde selbst als Einzelner zum Kula-Herrn und sättige, gleich dem Allgestaltigen, ebenso viele Shaktis durch paarweise Verbindung.
29.80
kramo nāma na kaścitsyātprakāśamayasaṃvidi |
cidabhāvo hi nāstyeva tenākālaṃ tu tarpaṇam || 80 ||
Im lichtartigen Bewusstsein gibt es eigentlich keine Abfolge. Da Bewusstsein niemals fehlt, ist die Sättigung zeitlos.
29.81
atra krame bhedataroḥ samūlamunmūlanādāsanapakṣacarcā |
pṛthaṅna yuktā parameśvaro hi svaśaktidhāmnīva viśaṃśramīti || 81 ||
Weil hier der Baum der Trennung mit der Wurzel ausgerissen ist, ist eine gesonderte Erörterung des Sitzes nicht angemessen; der höchste Herr ruht gleichsam in der Stätte seiner eigenen Kraft.
29.82
tato japaḥ prakartavyastrilakṣādivibhedataḥ |
uktaṃ śrīyogasañcāre sa ca citrasvarūpakaḥ || 82 ||
Danach ist Japa zu vollziehen, unterschieden etwa als dreifach bezeichnetes Ziel. Im ehrwürdigen Yogasamcara wird seine vielfältige Gestalt beschrieben.
29.83
udaye saṅgame śāntau trilakṣo japa ucyate |
āsye gamāgame sūtre haṃsākhye śaivayugmake || 83 ||
Bei Aufgang, Vereinigung und Ruhe heißt Japa „dreizielig“; am Mund, bei Kommen und Gehen, an der Schnur, beim Hamsa und beim Shiva-Paar
29.84
pañcalakṣā ime proktā daśāṃśaṃ homamācaret |
netre gamāgame vaktre haṃse caivākṣasūtrake || 84 ||
werden fünf Ziele genannt. Das Feueropfer vollziehe man mit einem Zehntel. Am Auge, bei Kommen und Gehen, am Mund, beim Hamsa und an der Gebetsschnur,
29.85
śivaśaktisamāyoge ṣaḍlakṣo japa ucyate |
netre gamāgame karṇe haṃse vaktre ca bhāmini || 85 ||
sowie bei der Vereinigung von Shiva und Shakti heißt Japa „sechszielig“. Am Auge, bei Kommen und Gehen, an Ohren, Hamsa und Mund, Schöne,
29.86
haste ca yugmake caiva japaḥ saptavidhaḥ smṛtaḥ |
netre gamāgame karṇāvāsyaṃ guhyaṃ ca guhyakam || 86 ||
an der Hand und am Paar gilt Japa als siebenfach. An Auge, Kommen und Gehen, beiden Ohren, Mund, Geheimem und verborgenem Ort,
29.87
śatāreṣu ca madhyasthaṃ sahasrāreṣu bhāmini |
japa eṣa rudralakṣo homo’pyatra daśāṃśataḥ || 87 ||
ferner in den hundert- und tausendspeichigen Bereichen, Schöne, besteht dieser Japa mit elf Zielen; auch hier ist das Feueropfer ein Zehntel.
29.88
netre gamāgame karṇau mukhaṃ brahmabilāntaram |
stanau hastau ca pādau ca guhyacakre dvirabhyaset || 88 ||
An Auge, Kommen und Gehen, Ohren, Mund, Brahman-Öffnung, Brüsten, Händen, Füßen und im geheimen Kreis übe man zweimal.
29.89
yatra yatra gataṃ cakṣuryatra yatra gataṃ manaḥ |
haṃsastatra dvirabhyasyo vikāsākuñcanātmakaḥ || 89 ||
Wohin auch das Auge und wohin der Geist geht, dort ist Hamsa zweifach zu üben, als Entfaltung und Zusammenziehung.
29.90
sa ātmā mātṛkā devī śivo dehavyavasthitaḥ |
anyaḥ so’nyo’hamityevaṃ vikalpaṃ nācaredyataḥ || 90 ||
Er ist das Selbst, die Göttin Matrika und der im Körper gegenwärtige Shiva. Daher soll man nicht die Vorstellung bilden: „Er ist ein anderer, ich bin ein anderer.“
29.91
yo vilpayate tasya siddhimuktī sudūrataḥ |
atha ṣoḍaśalakṣādiprāṇacāre puroktavat || 91 ||
Wer so unterscheidet, für den sind Vollendung und Befreiung fern. Dann folgt das Verfahren mit sechzehn und weiteren Zielen im Lauf des Prana, wie zuvor erklärt. [Die Vorlage hat „vilpayate“, eine fehlerverdächtige Form.]
29.92
śuddhāśuddhavikalpānāṃ tyāga ekānta ucyate |
tatrasthaḥ svayamevaiṣa juhoti ca japatyapi || 92 ||
Das Aufgeben der Vorstellungen von rein und unrein heißt Abgeschiedenheit. Wer darin steht, opfert und rezitiert von selbst.
29.93
japaḥ sañjalpavṛttiśca nādāmarśasvarūpiṇī |
tadāmṛṣṭasya cidvahnau layo homaḥ prakīrtitaḥ || 93 ||
Japa ist die innere sprachliche Tätigkeit in Gestalt des Gewahrseins des Nada. Das Aufgehen des so Erfassten im Bewusstseinsfeuer heißt Feueropfer.
29.94
āmarśaśca purā prokto devīdvādaśakātmakaḥ |
dve antye saṃvidau tatra layarūpāhutikriyā || 94 ||
Dieses Gewahrsein wurde zuvor als aus zwölf Göttinnen bestehend erklärt. Die beiden letzten Bewusstseinsformen bilden dabei die Opferhandlung des Aufgehens;
29.95
daśānyāstadupāyāyetyevaṃ home daśāṃśatām |
śrīśambhunātha ādikṣattrikārthāmbhodhicandramāḥ || 95 ||
die anderen zehn dienen als Mittel dazu. So erklärte Shri Shambhunatha, der Mond über dem Meer des Trika-Sinnes, das Zehntelverhältnis beim Feueropfer.
29.96
sākaṃ bāhyasthayā śaktyā yadā tveṣa samarcayet |
tadāyaṃ parameśokto rahasyo bhaṇyate vidhiḥ || 96 ||
Wenn dieser Mensch dagegen gemeinsam mit einer äußeren Shakti verehrt, gilt das nun beschriebene geheime Verfahren des höchsten Herrn.
29.97
uktaṃ śrīyogasañcāre brahmacarye sthitiṃ bhajet |
ānando brahma paramaṃ tacca dehe tridhā sthitam || 97 ||
Im ehrwürdigen Yogasamcara heißt es: „Man verweile im Brahmacharya.“ Wonne ist das höchste Brahman; dieses ist dreifach im Körper gegenwärtig.
29.98
upakāri dvayaṃ tatra phalamanyattadātmakam |
oṣṭhyāntyatritayāsevī brahmacārī sa ucyate || 98 ||
Zwei davon dienen als Mittel; das andere ist die aus ihnen bestehende Frucht. Wer sich der drei mit dem letzten Lippenlaut beginnenden Dinge widmet, heißt hier Brahmacharin.
29.99
tadvarjitā ye paśava ānandaparivarjitāḥ |
ānandakṛttrimāhārāstadvarjaṃ cakrayājakāḥ || 99 ||
Gebundene Wesen, die diese meiden, sind der Wonne beraubt. Ebenso jene Kreisverehrer, die künstliche Wonne-Nahrung verwenden und diese Stoffe auslassen:
29.100
dvaye’pi niraye yānti raurave bhīṣaṇe tviti |
śakterlakṣaṇametāvattadvato hyavibheditā || 100 ||
Beide gelangen nach dieser Schrift in die schreckliche Raurava-Hölle. Das entscheidende Merkmal einer Shakti ist ihre Ungetrenntheit vom Kraftträger.
29.101
tādṛśīṃ tena tāṃ kuryānnatu varṇādyapekṣaṇam |
laukikālaukikadvyātmasaṅgāttādātmyato’dhikāt || 101 ||
Daher gestalte man diese Verbindung entsprechend, ohne auf soziale Klasse und Ähnliches zu sehen. Aufgrund weltlicher und überweltlicher Verbindung und der jeweils stärkeren Identität
29.102
kāryahetusahotthā sā tridhoktā śāsane guroḥ |
sākṣātparamparāyogāttattulyeti tridhā punaḥ || 102 ||
wird sie in der Lehre des Gurus dreifach genannt: als Wirkung, Ursache oder gemeinsam Entstandene; wiederum dreifach durch unmittelbare, mittelbare oder entsprechende Verbindung.
29.103
śrīsarvācārahṛdaye tadetadupasaṃhṛtam |
ṣaḍetāḥ śaktayaḥ proktā bhuktimuktiphalapradāḥ || 103 ||
Im ehrwürdigen Sarvacarahṛdaya ist dies zusammengefasst: Diese sechs Shaktis sind genannt, die Erfahrung und Befreiung gewähren.
29.104
dvābhyāṃ tu sṛṣṭisaṃhārau tasmānmelakamuttamam |
tāmāhṛtya mitho’bhyarcya tarpayitvā parasparam || 104 ||
Durch die beiden entstehen Schöpfung und Rücknahme; daher ist ihre Begegnung vorzüglich. Nachdem man sie herbeigeführt hat, verehre und sättige man einander.
29.105
antaraṅgakrameṇaiva mukhyacakrasya pūjanam |
yadevānandasandohi saṃvido hyantaraṅgakam || 105 ||
Die Verehrung des Hauptkreises erfolgt durch das innerste Verfahren. Denn was Wonne ausströmen lässt und dem Bewusstsein am innersten ist,
29.106
tatpradhānaṃ bhaveccakramanucakramato’param |
vikāsāttṛptitaḥ pāśotkartanātkṛtiśaktitaḥ || 106 ||
ist der Hauptkreis; anderes sind Nebenkreise. Aufgrund von Entfaltung, Sättigung, Durchschneiden der Bindungen und Handlungskraft
29.107
cakraṃ kaseścakeḥ kṛtyā karoteśca kiloditam |
yāgaśca tarpaṇaṃ bāhye vikāsastacca kīrtyate || 107 ||
wird „Chakra“ aus den Wurzeln kas, cak, kṛt und kṛ hergeleitet. Opfer bedeutet Sättigung; äußerlich wird diese auch als Entfaltung bezeichnet.
29.108
cakrānucakrāntaragācchaktimatparikalpitāt |
prāṇagādapyathānandasyandino’bhyavahārataḥ || 108 ||
Durch den Genuss dessen, was sich innerhalb von Haupt- und Nebenkreisen befindet, vom Kraftträger eingerichtet ist, auch im Prana liegt und Wonne ausströmt,
29.109
gandhadhūpasragādeśca bāhyāducchalanaṃ citaḥ |
itthaṃ svocitavastvaṃśairanucakreṣu tarpaṇam || 109 ||
sowie äußerlich durch Duft, Räucherwerk, Kränze und anderes steigt das Bewusstsein auf. So sollen beide durch jeweils geeignete Gegenstandsanteile die Nebenkreise sättigen,
29.110
kurvīyātāmihānyonyaṃ mukhyacakraikatākṛte |
uktaṃ ca triśirastantre vimalāsanagocaraḥ || 110 ||
und zwar gegenseitig, um den Hauptkreis zur Einheit zu bringen. Im Trishiras-Tantra heißt es: Im Bereich des reinen Sitzes
29.111
akṣaṣaṭkasya madhye tu rudrasthānaṃ samāviśet |
nijanijabhogābhogapravikāsinijasvarūpaparimarśe || 111 ||
soll man in die Rudra-Stätte inmitten der sechs Sinne eintreten. Bei der bewussten Erfahrung des eigenen Wesens, das sich durch die jeweiligen Genüsse entfaltet,
29.112
kramaśo’nucakradevyaḥ saṃviccakraṃ hi madhyamaṃ yānti |
svasthatanoraparasya tu tā dehādhiṣṭhitaṃ vihāya yataḥ || 112 ||
gehen die Göttinnen der Nebenkreise schrittweise in den mittleren Bewusstseinskreis ein. Beim anderen, dessen Körper unbewegt bleibt, verlassen sie dagegen die körperliche Verankerung
29.113
āsata iti tadahaṃyurno pūrṇo nāpi cocchalati |
anucakradevatātmakamarīciparipūraṇādhigatavīryam || 113 ||
und verweilen abseits; daher ist dessen Ich-Bewusstsein weder erfüllt noch aufsteigend. Das Paar von Kraft und Kraftträger, dessen Wirkkraft durch Erfüllung der Strahlen in Gestalt der Nebenkreisgottheiten
29.114
tacchaktiśaktimadyugamanyonyasamunmukhaṃ bhavati |
tadyugalamūrdhvadhāmapraveśasaṃsparśajātasaṅkṣobham || 114 ||
gewonnen ist, wendet sich einander zu. Durch die Berührung beim Eintritt in die obere Stätte wird dieses Paar erregt
29.115
kṣubhnātyanucakrāṇyapi tāni tadā tanmayāni na pṛthaktu |
itthaṃ yāmalametadgalitabhidāsaṃkathaṃ yadeva syāt || 115 ||
und erregt auch die Nebenkreise; diese sind dann damit eins, nicht abgesondert. Dieses Paarsein, in dem jede Rede von Trennung geschwunden ist,
29.116
kramatāratamyayogātsaiva hi saṃvidvisargasaṅghaṭṭaḥ |
taddhruvadhāmānuttaramubhayātmakajagadudārasānandam || 116 ||
ist je nach abgestufter Entfaltung eben die Begegnung des Bewusstseins im Visarga. Dies ist die feste höchste Stätte, weit und wonnevoll, das zweifache All umfassend,
29.117
no śāntaṃ nāpyuditaṃ śāntoditasūtikāraṇaṃ paraṃ kaulam |
anavacchinnapadepsustāṃ saṃvidamātmasātsadā kuryāt || 117 ||
weder ruhend noch aufgehend, sondern höchste Kaula-Wirklichkeit als Ursache beider. Wer den unbegrenzten Zustand sucht, mache dieses Bewusstsein stets zu seinem eigenen.
29.118
anavacchinnaṃ paramārthato hi rūpaṃ cito devyāḥ |
īdṛktādṛkprāyapraśamodayabhāvavilayaparikathayā || 118 ||
Denn das wahre Wesen der Göttin Bewusstsein ist unbegrenzt. Indem man die Rede von solchen und anderen Zuständen des Ruhens, Aufgehens und Vergehens auflöst,
29.119
anavacchinnaṃ dhāma praviśedvaisargikaṃ subhagaḥ |
śāntoditātmakaṃ dvayamatha yugapadudeti śaktiśaktimatoḥ || 119 ||
trete der Begnadete in die unbegrenzte Stätte des Visarga ein. Dann tritt zugleich die zweifache Gestalt des Ruhens und Aufgehens von Shakti und Kraftträger hervor.
29.120
rūpamuditaṃ parasparadhāmagataṃ śāntamātmagatameva |
ubhayamapi vastutaḥ kila yāmalamiti tathoditaṃ śāntam || 120 ||
Die aufgegangene Gestalt ist jeweils in der Stätte des anderen gegenwärtig, die ruhende in sich selbst. Beide sind in Wahrheit paarweise; so auch aufgegangener und ruhender Zustand.
29.121
śaktistadvaducitāṃ sṛṣṭiṃ puṣṇāti no tadvān |
śāntoditātmakobhayarūpaparāmarśasāmyayoge’pi || 121 ||
Shakti nährt die ihr entsprechende Schöpfung, nicht in gleicher Weise der Kraftträger. Obwohl beide das Gewahrsein der ruhenden und der aufgegangenen Gestalt gleichermaßen besitzen,
29.122
pravikasvaramadhyapadā śaktiḥ śāstre tataḥ kathitā |
tasyāmeva kulārthaṃ samyak saṃcārayedgurustena || 122 ||
heißt Shakti in der Schrift deshalb diejenige mit sich entfaltender Mitte. Daher soll der Guru gerade in sie den Kula-Sinn vollständig übertragen.
29.123
taddvāreṇa ca kathitakrameṇa saṃcārayeta nṛṣu |
svaśarīrādhikasadbhāvabhāvitāmiti tataḥ prāha || 123 ||
Durch sie übertrage er ihn nach dem beschriebenen Verfahren auf Männer. Deshalb sprach
29.124
śrīmatkallaṭanāthaḥ proktasamastārthalabdhaye vākyam |
tanmukhyacakramuktaṃ maheśinā yoginīvaktram || 124 ||
Shri Kallatanatha, um den gesamten erläuterten Sinn zugänglich zu machen, von einer über den eigenen Körper hinaus vergegenwärtigten wirklichen Gegenwart. Diesen Hauptkreis nannte Maheshvara „Mund der Yogini“.
29.125
tatraiṣa sampradāyastasmātsaṃprāpyate jñānam |
tadidamalekhyaṃ bhaṇitaṃ vaktrādvaktrasthamuktayuktyā ca || 125 ||
Dort besteht die Überlieferung; von dort wird Erkenntnis empfangen. Deshalb heißt sie unaufschreibbar und „von Mund zu Mund“, nach der erläuterten Begründung.
29.126
vaktraṃ pradhānacakraṃ svā saṃvillikhyatāṃ ca katham |
atha sṛṣṭe dvitaye’smin śāntoditadhāmni ye’nusaṃdadhate || 126 ||
Der Mund ist der Hauptkreis, das eigene Bewusstsein – wie ließe es sich niederschreiben? Wenn die ruhende und die aufgegangene Stätte als Zweiheit hervorgebracht sind und jemand darin
29.127
prācyāṃ visargasattāmanavacchidi te pade rūḍhāḥ |
ye siddhimāptukāmāste’bhyuditaṃ rūpamāhareyuratho || 127 ||
das frühere Sein des Visarga vergegenwärtigt, steht er im unbegrenzten Zustand. Wer Vollendung erlangen will, nehme dagegen die aufgegangene Gestalt auf
29.128
tenaiva pūjayeyuḥ saṃvinnaikaṭyaśuddhatamavapuṣā |
tadapica mitho hi vaktrātpradhānato vaktragaṃ yato bhaṇitam || 128 ||
und verehre mit ihr, deren Wesen durch die Nähe zum Bewusstsein ganz rein ist. Auch sie wird nach der Lehre gegenseitig von einem Hauptmund zum anderen übertragen,
29.129
ajarāmarapadadānapravaṇaṃ kulasaṃjñitaṃ paramam |
ye’pyaprāptavibodhāste’bhyuditotphullayāgasaṃrūḍhāḥ || 129 ||
als höchste, Kula genannte Wirklichkeit, die einen alters- und todlosen Zustand verleiht. Auch Menschen, die noch nicht erwacht sind, aber fest im entfalteten Opfer der aufgegangenen Gestalt stehen,
29.130
tatparikalpitacakrasthadevatāḥ prāpnuvanti vijñānam |
te tatra śakticakre tenaivānandarasamayena bahiḥ || 130 ||
erlangen Erkenntnis durch die in seinem Kreis vergegenwärtigten Gottheiten. In jenem Shakti-Kreis verehren sie mit eben jener aus Wonnesaft bestehenden Gabe außen
29.131
dikṣu catasṛṣu proktakrameṇa gaṇanāthataḥ prabhṛti sarvam |
saṃpūjya madhyamapade kuleśayugmaṃ tvarātraye devīḥ || 131 ||
in den vier Richtungen alles von Ganesha an nach der beschriebenen Ordnung, in der Mitte das Kuleshvara-Paar und an den drei Speichen die Göttinnen;
29.132
bāhye pratyaramatha kila catuṣkamiti raśmicakramarkāram |
aṣṭakamaṣṭāṣṭakamatha vividhaṃ saṃpūjayetkrameṇa muniḥ || 132 ||
außen je Speiche eine Vierergruppe, also den zwölfspeichigen Strahlenkreis, dann Achtergruppen, acht Achtergruppen und weitere verschiedene Anordnungen.
29.133
nijadehagate dhāmani tathaiva pūjyaṃ samabhyasyet |
yattacchāntaṃ rūpaṃ tenābhyastena hṛdayasaṃvittyā || 133 ||
Ebenso übe man die Verehrung in der im eigenen Körper befindlichen Stätte. Durch die eingeübte ruhende Gestalt und das Bewusstsein des Herzens
29.134
śāntaṃ śivapadameti hi galitataraṅgārṇavaprakhyam |
tacchāntapadādhyāsāccakrastho devatāgaṇaḥ sarvaḥ || 134 ||
erreicht man den ruhenden Shiva-Zustand, gleich einem Meer ohne Wellen. Durch das Verweilen in dieser ruhenden Stätte steht der gesamte Gottheitenkreis
29.135
tiṣṭhatyuparatavṛttiḥ śūnyālambī nirānandaḥ |
yo’pyanucakradṛgādisvarūpabhāk so’pi yattadāyattaḥ || 135 ||
mit stillgelegter Tätigkeit, auf Leere gestützt und ohne Wonne. Auch der Nebenkreis in Gestalt von Sehen und anderen Sinnen hängt davon ab
29.136
tenānande magnastiṣṭhatyānandasākāṅkṣaḥ |
paratatsvarūpasaṅghaṭṭamantareṇaiṣa karaṇaraśmigaṇaḥ || 136 ||
und verweilt darin versunken, nach Wonne verlangend. Ohne Begegnung mit jener höchsten eigenen Gestalt besteht der Strahlenschwarm der Sinne
29.137
āste hi niḥsvarūpaḥ svarūpalābhāya conmukhitaḥ |
raṇaraṇakarasānnijarasabharitabahirbhāvacarvaṇavaśena || 137 ||
gleichsam ohne eigenes Wesen und wendet sich dessen Gewinnung zu. Durch sehnsüchtige Unruhe und das Kosten äußerer, vom eigenen Saft erfüllter Erscheinungen
29.138
viśrāntidhāma kiñcillabdhvā svātmanyathārpayate |
tannijaviṣayārpaṇataḥ pūrṇasamucchalitasaṃvidāsāraḥ || 138 ||
erlangt er eine gewisse Stätte der Ruhe und bringt sie dann sich selbst dar. Durch die Darbringung seiner eigenen Gegenstände erhebt sich die volle Flut des Bewusstseins;
29.139
anucakradevatāgaṇaparipūraṇajātavīryavikṣobhaḥ |
cakreśvaro’pi pūrvoktayuktitaḥ procchaledrabhasāt || 139 ||
auch der Herr des Kreises steigt nach der zuvor erklärten Weise machtvoll auf, erregt durch die aus der Sättigung der Nebenkreisgottheiten gewonnene Wirkkraft.
29.140
trividho visarga itthaṃ saṅghaṭṭaḥ proditastathā śāntaḥ |
visṛjati yato vicitraḥ sargo vigataśca yatra sarga iti || 140 ||
So ist Visarga dreifach: Begegnung, Aufgang und Ruhe; denn er bringt vielfältige Schöpfung hervor, und in ihm ist Schöpfung auch vergangen.
29.141
śrītattvarakṣaṇe śrīnigame triśiromate ca tatproktam |
kuṇḍaṃ śaktiḥ śivo liṅgaṃ melakaṃ paramaṃ padam || 141 ||
Im ehrwürdigen Tattvarakshana, Nigama und Trishiras wird dies erklärt: Die Opfergrube ist Shakti, das Linga Shiva, die Begegnung der höchste Zustand.
29.142
dvābhyāṃ sṛṣṭiḥ saṃhṛtistadvisargastrividho game |
srotodvayasya niṣṭhāntamūrdhvādhaścakrabodhanam || 142 ||
Durch beide entstehen Schöpfung und Rücknahme; daher ist Visarga dreifach. Das Ende der beiden Ströme weckt die oberen und unteren Kreise,
29.143
viśrāmaṃ ca samāveśaṃ suṣīṇāṃ marutāṃ tathā |
gatabhedaṃ ca yantrāṇāṃ sandhīnāṃ marmaṇāmapi || 143 ||
schafft Ruhe und Versenkung der Öffnungen und Lebenswinde sowie die Aufhebung der Trennung in körperlichen Vorrichtungen, Gelenken und Lebensstellen.
29.144
dvāsaptatipade dehe sahasrāre ca nityaśaḥ |
gatyāgatyantarā vittī saṅghaṭṭayati yacchivaḥ || 144 ||
Im Körper mit seinen zweiundsiebzig Bereichen und im tausendspeichigen Bereich bringt Shiva beständig die beiden Bewusstseinsbewegungen zwischen Kommen und Gehen zur Begegnung.
29.145
tatprayatnātsadā tiṣṭhetsaṅghaṭṭe bhairave pade |
ubhayostannirākārabhāvasaṃprāptilakṣaṇam || 145 ||
Deshalb verweile man beharrlich in dieser Begegnung, dem Bhairava-Zustand, der durch das Erlangen einer gestaltlosen Wirklichkeit beider gekennzeichnet ist.
29.146
mātrāvibhāgarahitaṃ susphuṭārthaprakāśakam |
abhyasyedbhāvasaṃvittiṃ sarvabhāvanivartanāt || 146 ||
Man übe ein Bewusstsein des Seins, frei von Teilmaßen, das die Wirklichkeit ganz deutlich offenbart, indem man sich von allen Einzelzuständen zurückwendet.
29.147
sūryasomau tu saṃrudhya layavikṣepamārgataḥ |
evaṃ trividhavimarśāveśasamāpattidhāmni ya udeti || 147 ||
Dabei halte man Sonne und Mond zurück, die auf den Wegen der Auflösung und Zerstreuung gehen. In der Stätte der Versenkung in dieses dreifache Gewahrsein erhebt sich
29.148
saṃvitparimarśātmā dhvanistadeveha mantravīryaṃ syāt |
tatraivoditatādṛśaphalalābhasamutsukaḥ svakaṃ mantram || 148 ||
ein Klang, der aus dem Selbstgewahrsein des Bewusstseins besteht: Dieser ist hier die Mantra-Wirkkraft. Wer die dort genannte Frucht erlangen will und seinen eigenen Mantra
29.149
anusandhāya sadā cedāste mantrodayaṃ sa vai vetti |
atraiva japaṃ kuryādanucakraikatvasaṃvidāgamane || 149 ||
beständig darin vergegenwärtigt, kennt das Aufgehen des Mantras. Gerade hier übe man Japa, wenn das Bewusstsein der Einheit der Nebenkreise eintritt,
29.150
yugapallakṣavibhedaprapañcitaṃ nādavṛttyaiva |
śrīyogasañcare’pica mudreyaṃ yoginīpriyā paramā || 150 ||
zugleich in seinen verschiedenen Zielen entfaltet und allein durch die Nada-Tätigkeit. Auch im Yogasamcara gilt diese als höchste, den Yoginis liebe Mudra:
29.151
koṇatrayāntarāśritanityonmukhamaṇḍalacchade kamale |
satatāviyutaṃ nālaṃ ṣoḍaśadalakamalakalitasanmūlam || 151 ||
In dem innerhalb der drei Ecken liegenden, stets aufwärts geöffneten Lotus befindet sich ein unablässig verbundener Stängel, dessen gute Wurzel im sechzehnblättrigen Lotus liegt.
29.152
madhyasthanālagumphitasarojayugaghaṭṭanakramādagnau |
madhyasthapūrṇasundaraśaśadharadinakarakalaughasaṅghaṭṭāt || 152 ||
Durch das geordnete Zusammentreffen des am mittleren Stängel verbundenen Lotuspaars im Feuer und durch die Begegnung der darin befindlichen vollen, schönen Mond- und Sonnenkräfte
29.153
tridalāruṇavīryakalāsaṅgānmadhye’ṅkuraḥ sṛṣṭiḥ |
iti śaśadharavāsarapaticitragusaṃghaṭṭamudrayā jhaṭiti || 153 ||
entsteht in der Mitte der Keim, die Schöpfung, durch die Verbindung mit der roten Wirkkraft des dreiblättrigen Lotus. So vollzieht man durch die Mudra der Begegnung von Mond, Sonne und Feuer sogleich
29.154
sṛṣṭyādikramamantaḥ kurvaṃsturye sthitiṃ labhate |
etatkhecaramudrāveśe’nyonyasya śaktiśaktimatoḥ || 154 ||
innerlich die Folge von Schöpfung und anderem und erlangt Stand im vierten Zustand. Bei der gegenseitigen Versenkung von Shakti und Kraftträger in diese Khechari-Mudra
29.155
pānopabhogalīlāhāsādiṣu yo bhavedvimarśamayaḥ |
avyaktadhvanirāvasphoṭaśrutinādanādāntaiḥ || 155 ||
entsteht beim Trinken, Genießen, Spielen, Lachen und Ähnlichem eine aus Gewahrsein bestehende, unartikulierte Klangbewegung als Dhvani, Rava, Sphota, Shruti, Nada und Nadanta.
29.156
avyucchinnānāhatarūpaistanmantravīryaṃ syāt |
iti cakrāṣṭakarūḍhaḥ sahajaṃ japamācaran pare dhāmni || 156 ||
In diesen ununterbrochenen, ungeschlagenen Formen besteht die Mantra-Wirkkraft. So im achtfachen Kreis gegründet, den natürlichen Japa in der höchsten Stätte übend,
29.157
yadbhairavāṣṭakapadaṃ tallabhate’ṣṭakakalābhinnam |
gamanāgamane’vasitau karṇe nayane dviliṅgasaṃparke || 157 ||
erlangt man den Zustand der acht Bhairavas, unterschieden nach acht Kräften. Bei Kommen und Gehen, am Ende, an Ohr und Auge, bei Berührung der beiden Geschlechtsorgane,
29.158
tatsaṃmelanayoge dehāntākhye ca yāmale cakre |
kucamadhyahṛdayadeśādoṣṭhāntaṃ kaṇṭhagaṃ yadavyaktam || 158 ||
bei deren Vereinigung und im als Körperende bezeichneten paarweisen Kreis: Der unartikulierte Klang, der vom Herzbereich zwischen den Brüsten durch den Hals bis zu den Lippen zieht,
29.159
taccakradvayamadhyagamākarṇya kṣobhavigamasamaye yat |
nirvānti tatra caivaṃ yo’ṣṭavidho nādabhairavaḥ paramaḥ || 159 ||
ist inmitten der beiden Kreise zu hören. Was beim Abklingen der Erregung zur Ruhe kommt, ist der so achtfache höchste Nada-Bhairava.
29.160
jyotirdhvanisamirakṛtaḥ sā māntrī vyāptirucyate paramā |
sakalākaleśaśūnyaṃ kalāḍhyakhamale tathā kṣapaṇakaṃ ca || 160 ||
Diese aus Licht, Klang und Lebenswind bestehende Bewegung heißt höchste Mantra-Durchdringung. Sakala, Akalesha, Shunya, Kaladhya, Khamala und Kshapanaka,
29.161
antaḥsthaṃ kaṇṭhyoṣṭhyaṃ candrādvyāptistathonmanānteyam |
evaṃ karmaṇi karmaṇi yatra kvāpi smaran vyāptim || 161 ||
ferner das Innere, der Kehllaut und Lippenlaut: So reicht diese Durchdringung vom Mond bis zur Unmana. Wer diese Durchdringung bei jeder Handlung, überall erinnert,
29.162
satatamalepo jīvanmuktaḥ parabhairavībhavati |
tādṛṅmelakakalikākalitatanuḥ ko’pi yo bhavedgarbhe || 162 ||
bleibt stets unbefleckt, ist lebendbefreit und wird zu Para-Bhairava. Ein im Mutterleib entstehendes Wesen, dessen Körper aus dem Keim einer solchen Begegnung gebildet ist,
29.163
uktaḥ sa yoginībhūḥ svayameva jñānabhājanaṃ rudraḥ |
śrīvīrāvaliśāstre bālo’pi ca garbhago hi śivarūpaḥ || 163 ||
heißt „aus einer Yogini geboren“, ein Rudra, von sich aus Gefäß der Erkenntnis. Im ehrwürdigen Viravali gilt auch das noch ungeborene Kind als Shiva.
29.164
ādīyate yataḥ sāraṃ tasya mukhyasya caiṣa yat |
mukhyaśca yāgastenāyamādiyāga iti smṛtaḥ || 164 ||
Weil dabei die Essenz angenommen wird und dieses Opfer zugleich das hauptsächlichste ist, wird es Adiyaga, ursprüngliches Opfer, genannt.
29.165
tatra tatra ca śāstre’sya svarūpaṃ stutavān vibhuḥ |
śrīvīrāvalihārdeśakhamatārṇavavartiṣu || 165 ||
Der Herr hat sein Wesen in verschiedenen Schriften gepriesen, in Viravali, Hardesha und Khamatarnava,
29.166
śrīsiddhotphullamaryādāhīnacaryākulādiṣu |
yugmasyāsya prasādena vratayogavivarjitaḥ || 166 ||
in Siddha, Utphulla, Maryadahina, Caryakula und anderen. Durch die Gnade dieses Paars, frei von besonderen Gelübden und Yoga-Verfahren,
29.167
sarvadā smaraṇaṃ kṛtvā ādiyāgaikatatparaḥ |
śaktidehe nije nyasyedvidyāṃ kūṭamanukramāt || 167 ||
übe man stets Erinnerung und widme sich ganz dem ursprünglichen Opfer. Im Körper der Shakti und im eigenen setze man Vidya und Kuta der Reihe nach ein.
29.168
dhyātvā candranibhaṃ padmamātmānaṃ bhāskaradyutim |
vidyāmantrātmakaṃ pīṭhadvayamatraiva melayet || 168 ||
Man meditiere den Lotus als mondgleich und sich selbst als sonnenglänzend und vereinige hier die beiden aus Vidya und Mantra bestehenden Pithas.
29.169
na paṭhyate rahasyatvātspaṣṭaiḥ śabdairmayā punaḥ |
kutūhalī tūktaśāstrasaṃpāṭhādeva lakṣayet || 169 ||
Wegen seiner Geheimheit stelle ich dies nicht nochmals in ausdrücklichen Worten dar. Wer es erforschen will, erschließe es durch das Studium der genannten Schriften.
29.170
yadbhajante sadā sarve yadvān devaśca devatā |
taccakraṃ paramaṃ devīyāgādau saṃnidhāpakam || 170 ||
Was alle stets aufsuchen und worin Gott und Göttin gegenwärtig sind, ist dieser höchste Kreis, der bei der Göttinnenverehrung die Gegenwart herstellt.
29.171
deha eva paraṃ liṅgaṃ sarvatattvātmakaṃ śivam |
devatācakrasaṃjuṣṭaṃ pūjādhāma taduttamam || 171 ||
Der Körper selbst ist das höchste Linga: Shiva, aus allen Tattvas bestehend, vom Gottheitenkreis erfüllt, die vorzüglichste Stätte der Verehrung.
29.172
tadeva maṇḍalaṃ mukhyaṃ tritriśūlābjacakrakham |
tatraiva devatācakraṃ bahirantaḥ sadā yajet || 172 ||
Er allein ist das hauptsächliche Mandala, Raum der drei Dreizack-Lotus-Kreise. Gerade dort verehre man stets äußerlich und innerlich den Gottheitenkreis.
29.173
svasvamantraparāmarśapūrvaṃ tajjanmabhī rasaiḥ |
ānandabahulaiḥ sṛṣṭisaṃhāravidhinā spṛśet || 173 ||
Nach Vergegenwärtigung der jeweiligen eigenen Mantras berühre man ihn mit den daraus entstandenen, wonnereichen Säften, gemäß dem Verfahren von Schöpfung und Rücknahme.
29.174
tatsparśarabhasodbuddhasaṃviccakraṃ tadīśvaraḥ |
labhate paramaṃ dhāma tarpitāśeṣadaivataḥ || 174 ||
Wenn durch die Kraft dieser Berührung der Bewusstseinskreis erwacht, erlangt dessen Herr die höchste Stätte, nachdem er sämtliche Gottheiten gesättigt hat.
29.175
anuyāgoktavidhinā dravyairhṛdayahāribhiḥ |
tathaiva svasvakāmarśayogādantaḥ pratarpayet || 175 ||
Nach dem beim Anuyaga beschriebenen Verfahren sättige man auch innerlich mit herzergreifenden Substanzen, jeweils verbunden mit dem Gewahrsein des eigenen Wesens.
29.176
kṛtvādhāradharāṃ camatkṛtirasaprokṣākṣaṇakṣālitāmāttairmānasataḥ svabhāvakusumaiḥ
svāmodasandohibhiḥ |
ānandāmṛtanirbharasvahṛdayānarghārghapātrakramāt tvāṃ devyā saha dehadevasadane devārcaye’harniśam
// 176
Nachdem ich die Erde der Grundlage mit dem Sprengen staunender Freude gereinigt habe, verehre ich dich, Gott, Tag und Nacht mit der Göttin im Gottestempel des Körpers: mit den aus dem Geist aufgenommenen, ihren eigenen Duft verströmenden Blumen des eigenen Wesens und aus dem kostbaren Arghya-Gefäß meines vom Wonnenektar erfüllten Herzens.
29.177
śrīvīrāvalyamaryādaprabhṛtau śāstrasañcaye |
sa eṣa paramo yāgaḥ stutaḥ śītāṃśumaulinā || 177 ||
Dieses höchste Opfer hat der mondbekrönte Herr in der Schriftensammlung von Viravali, Amaryada und anderen gepriesen.
29.178
athavā prāṇavṛttisthaṃ samastaṃ devatāgaṇam |
paśyetpūrvoktayuktyaiva tatraivābhyarcayedguruḥ || 178 ||
Oder der Guru sehe die gesamte Gottheitenschar in der Bewegung des Prana und verehre sie dort nach der zuvor beschriebenen Weise.
29.179
prāṇāśritānāṃ devīnāṃ brahmanāsādibhedibhiḥ |
karandhrairviśatāpānacāndracakreṇa tarpaṇam || 179 ||
Die im Prana verankerten Göttinnen werden durch den Mondkreis des Apana gesättigt, der durch die Öffnungen von Brahman, Nase und anderen Bereichen eintritt.
29.180
evaṃ prāṇakrameṇaiva tarpayeddevatāgaṇam |
acirāttatprasādena jñānasiddhīrathāśnute || 180 ||
So sättige man allein durch die Prana-Folge den Gottheitenkreis; durch dessen Gnade erlangt man bald Erkenntnis und Vollendungen.
29.181
saṃvinmātrasthitaṃ devīcakraṃ vā saṃvidarpaṇāt |
viśvābhogaprayogeṇa tarpaṇīyaṃ vipaścitā || 181 ||
Oder der Einsichtige sättige den allein im Bewusstsein gegenwärtigen Göttinnenkreis durch Darbringung des Bewusstseins im umfassenden Erleben des Alls.
29.182
yatra sarve layaṃ yānti dahyante tattvasañcayāḥ |
tāṃ citiṃ paśya kāyasthāṃ kālānalasamaprabhām || 182 ||
Sieh jenes im Körper gegenwärtige Bewusstsein, das wie das Weltbrandfeuer leuchtet, in dem alle Tattva-Gruppen aufgehen und verbrennen.
29.183
śūnyarūpe śmaśāne’smin yoginīsiddhasevite |
krīḍāsthāne mahāraudre sarvāstamitavigrahe || 183 ||
Auf diesem leeren Verbrennungsplatz, von Yoginis und Siddhas aufgesucht, diesem überaus furchtbaren Spielort, in dem sämtliche Gestalten untergegangen sind,
29.184
svaraśmimaṇḍalākīrṇe dhvaṃsitadhvāntasantatau |
sarvairvikalpairnirmukte ānandapadakevale || 184 ||
überströmt vom Kreis der eigenen Strahlen, mit vernichteter Finsternis, von allen Vorstellungen frei, allein Stätte der Wonne,
29.185
asaṃkhyacitisaṃpūrṇe śmaśāne citibhīṣaṇe |
samastadevatādhāre praviṣṭaḥ ko na siddhyati || 185 ||
auf diesem von unzähligen Bewusstseinsstätten erfüllten, durch seine Scheiterhaufen furchtbaren Verbrennungsplatz, dem Grund sämtlicher Gottheiten: Wer würde beim Eintritt nicht vollendet?
29.186
śrīmadvīrāvalīśāstre itthaṃ provāca bhairavī |
itthaṃ yāgaṃ vidhāyādau tādṛśaucityabhāginam || 186 ||
So sprach Bhairavi im ehrwürdigen Viravali-Tantra. Nachdem man zuerst das Opfer so vollzogen hat, weihe man einen entsprechend geeigneten
29.187
lakṣaikīyaṃ svaśiṣyaṃ taṃ dīkṣayettādṛśi krame |
rudraśaktyā tu taṃ prokṣya devābhyāśe niveśayet || 187 ||
Schüler, wie er unter hunderttausend nur einmal vorkommt, in ein solches Verfahren ein. Man besprenge ihn mit Rudra-Shakti und lasse ihn nahe der Gottheit Platz nehmen.
29.188
bhujau tasya samālokya rudraśaktyā pradīpayet |
tayaivāsyārpayetpuṣpaṃ karayorgandhadigdhayoḥ || 188 ||
Seine Arme betrachtend, lasse man sie durch Rudra-Shakti aufleuchten. Mit derselben Kraft lege man eine Blume in seine mit Duft bestrichenen Hände.
29.189
nirālambau tu tau tasya sthāpayitvā vicintayet |
rudraśaktyākṛṣyamāṇau dīptayāṅkuśarūpayā || 189 ||
Nachdem seine Arme ohne Stütze gehalten sind, vergegenwärtige man sie als von Rudra-Shakti in Gestalt eines flammenden Hakens angezogen.
29.190
tataḥ sa svayamādāya vastraṃ baddhadṛśirbhavet |
svayaṃ ca pātayetpuṣpaṃ tatpātāllakṣayetkulam || 190 ||
Dann nimmt er selbst das Tuch und verbindet sich die Augen. Selbst lässt er auch die Blume fallen; aus ihrem Fall bestimme man sein Kula.
29.191
tato’sya mukhamuddhāṭya pādayoḥ praṇipātayet |
hastayormūrdhni cāpyasya devīcakraṃ samarcayet || 191 ||
Darauf enthülle man sein Gesicht und lasse ihn sich zu Füßen niederwerfen. An seinen Händen und auf seinem Scheitel verehre man den Göttinnenkreis,
29.192
ākarṣyākarṣakatvena preryaprerakabhāvataḥ |
uktaṃ śrīratnamālāyāṃ nābhiṃ daṇḍena saṃpuṭam || 192 ||
als Angezogenen und Anziehenden, Bewegten und Bewegenden. In der ehrwürdigen Ratnamala heißt es: „Die Nabel-Silbe mit dem Stab umschlossen,
29.193
vāmabhūṣaṇajaṅghābhyāṃ nitambenāpyalaṅkṛtam |
śiṣyahaste puṣpabhṛte codanāstraṃ tu yojayet || 193 ||
mit linkem Schmuck, Schenkeln und Gesäß versehen“: Diesen antreibenden Waffenmantra setze man in die blumentragende Hand des Schülers ein. [Verhüllte Mantra-Bildung; die Silben werden hier nicht rekonstruiert.]
29.194
yāvatsa stobhamāyātaḥ svayaṃ patati mūrdhani |
śivahastaḥ svayaṃ so’yaṃ sadyaḥpratyayakārakaḥ || 194 ||
Wenn diese in Bewegung gerät und von selbst auf den Scheitel fällt, ist dies die von selbst wirkende Shiva-Hand, die unmittelbar ein bestätigendes Zeichen hervorbringt.
29.195
anenaiva prayogeṇa carukaṃ grāhayedguruḥ |
śiṣyeṇa dantakāṣṭhaṃ ca tatpātaḥ prāgvadeva tu || 195 ||
Durch dieselbe Anwendung lasse der Guru den Schüler die Opferspeise und das Zahnreinigungsholz aufnehmen. Dessen Fall wird wie zuvor gedeutet.
29.196
karastobho netrapaṭagrahāt prabhṛti yaḥ kila |
dantakāṣṭhasamādānaparyantastatra lakṣayet || 196 ||
An der Bewegung der Hand, vom Ergreifen der Augenbinde bis zum Aufnehmen des Zahnreinigungsholzes,
29.197
tīvramandādibhedena śaktipātaṃ tathāvidham |
ityeṣa samayī proktaḥ śrīpūrve karakampataḥ || 197 ||
erkenne man den jeweiligen intensiven, schwachen oder sonstigen Shaktipata. So wird im ehrwürdigen Purva der Samayin durch das Zittern der Hand bestimmt.
29.198
samayī tu karastobhāditi śrībhogahastake |
carveva vā gururdadyādvāmāmṛtapariplutam || 198 ||
„Samayin durch die Handbewegung“, heißt es im Bhogahastaka. Oder der Guru gebe lediglich die mit Vama-Nektar getränkte Opferspeise.
29.199
niḥśaṅkaṃ grahaṇācchaktigotro māyojjhito bhavet |
sakampastvādadānaḥ syāt samayī vācanādiṣu || 199 ||
Wer sie ohne Bedenken annimmt, gehört zum Geschlecht der Shakti und ist von Maya frei. Wer sie zögernd annimmt, wird Samayin, befugt zu Lesen und Ähnlichem,
29.200
kālāntare’dhvasaṃśuddhyā pālanātsamayasthiteḥ |
siddhipātramiti śrīmadānandeśvara ucyate || 200 ||
und später, durch Reinigung des Weltweges und Bewahrung seiner Verpflichtungen, ein Gefäß der Vollendung. So heißt es im ehrwürdigen Anandeshvara.
29.201
yadā tu putrakaṃ kuryāttadā dīkṣāṃ samācaret |
uktaṃ śrīratnamālāyāṃ nādiphāntāṃ jvalatprabhām || 201 ||
Soll er jedoch zum Putraka gemacht werden, vollziehe man die Einweihung. In der Ratnamala heißt es: Die flammend leuchtende, mit na beginnende und mit pha endende Kraft
29.202
nyasyecchikhāntaṃ patati tenātredṛk kramo bhavet |
prokṣitasya śiśornyastaproktaśodhyādhvapaddhateḥ || 202 ||
setze man bis zur Haarspitze ein; dadurch fällt er nieder. Das Verfahren lautet also: Beim besprengten Schüler, in den der genannte zu reinigende Weltweg eingesetzt wurde,
29.203
ṛjudehajuṣaḥ śaktiṃ pādānmūrdhāntamāgatām |
pāśāndahantīṃ saṃdīptāṃ cintayettanmayo guruḥ || 203 ||
der den Körper gerade hält, meditiere der damit identische Guru eine flammende Shakti, die von den Füßen bis zum Scheitel steigt und die Bindungen verbrennt.
29.204
upaviśya tatastasya mūlaśodhyāt prabhṛtyalam |
antaśodhyāvasānāntāṃ dahantīṃ cintayetkramāt || 204 ||
Dann setze er sich und meditiere sie der Reihe nach als verbrennend, von der untersten bis zur höchsten zu reinigenden Ebene.
29.205
evaṃ sarvāṇi śodhyāni tattvādīni puroktavat |
dagdhvā līnāṃ śive dhyāyenniṣkale sakale’thavā || 205 ||
Nachdem sie so alle zu reinigenden Tattvas und weiteren Ebenen wie zuvor verbrannt hat, meditiere er ihr Aufgehen in Shiva, dem teilfreien oder dem mit Teilen versehenen.
29.206
yoginā yojitā mārge sajātīyasya poṣaṇam |
kurute nirdahatyantadbhinnajātikadambakam || 206 ||
Vom Yogi auf den Weg gesetzt, stärkt sie das Gleichartige und verbrennt im Inneren die Gesamtheit des Andersartigen.
29.207
anayā śodhyamānasya śiśostīvrādibhedataḥ |
śaktipātāccitivyomaprāṇanāntarbahistanūḥ || 207 ||
Beim so gereinigten Schüler dringt Rudra-Shakti, entsprechend dem intensiven und den übrigen Graden des Shaktipata, in Bewusstsein, Leere, Lebenstätigkeit und inneren oder äußeren Körper ein
29.208
āviśantī rudraśaktiḥ kramātsūte phalaṃ tvidam |
ānandamudbhavaṃ kampaṃ nidrāṃ ghūrṇiṃ ca dehagām || 208 ||
und bringt der Reihe nach diese Ergebnisse hervor: Wonne, Aufsteigen, Zittern, Schlaf und körperliches Taumeln.
29.209
evaṃ stobhitapāśasya yojitasyātmanaḥ śive |
śeṣabhogāya kurvīta sṛṣṭiṃ saṃśuddhatattvagām || 209 ||
Sind die Bindungen so erschüttert und das Selbst mit Shiva verbunden, vollziehe man für das verbleibende Erleben eine Schöpfung aus gereinigten Tattvas.
29.210
athavā kasyacinnaivamāveśastaddahedimam |
bahirantaścoktaśaktyā pateditthaṃ sa bhūtale || 210 ||
Tritt bei jemandem keine solche Ergriffenheit ein, verbrenne man ihn äußerlich und innerlich mit der genannten Kraft; so wird er zu Boden fallen.
29.211
yasya tvevamapi syānna tamatropalavattyajet |
atha sapratyayāṃ dīkṣāṃ vakṣye tuṣṭena dhīmatā || 211 ||
Bei wem selbst so kein Zeichen entsteht, den lasse man hier wie einen Stein beiseite. Nun erkläre ich eine Einweihung mit bestätigendem Zeichen, die mir der zufriedene, weise
29.212
śaṃbhunāthenopadiṣṭāṃ dṛṣṭāṃ sadbhāvaśāsane |
sudhāgnimaruto mandaparakālāgnivāyavaḥ || 212 ||
Shambhunatha mitteilte und die im Sadbhava gelehrt wird: Nektar, Feuer, Lebenswind; Manda, höchstes Zeitfeuer, Wind;
29.213
vahnisaudhāsukūṭāgnivāyuḥ sarve saṣaṣṭhakāḥ |
etatpiṇḍatrayaṃ stobhakāri pratyekamucyate || 213 ||
Feuer, Nektar, Lebensspitze, Feuer, Wind, sämtlich mit dem sechsten verbunden. Diese drei Lautballungen gelten jeweils als Bewegungsimpuls. [Die codierten Silbenreihen 29.212–213 bleiben ohne Rekonstruktion.]
29.214
śaktibījaṃ smṛtaṃ yacca nyasyetsārvāṅgikaṃ tu tat |
hṛccakre nyasyate mantro dvādaśasvarabhūṣitaḥ || 214 ||
Das sogenannte Shakti-Bija setze man am ganzen Körper ein. Im Herzkreis wird der mit zwölf Vokalen versehene Mantra eingesetzt.
29.215
japākusumasaṃkāśaṃ caitanyaṃ tasya madhyataḥ |
vāyunā preritaṃ cakraṃ vahninā paridīpitam || 215 ||
In seiner Mitte ist Bewusstsein, hibiskusrot; der Kreis wird vom Wind angetrieben und rings vom Feuer entflammt.
29.216
taddhyāyecca japenmantraṃ nāmāntaritayogataḥ |
nimeṣārdhāttu śiṣyasya bhavetstobho na saṃśayaḥ || 216 ||
Dies meditiere man und rezitiere den Mantra mit dem eingefügten Namen. Innerhalb eines halben Augenblicks entsteht beim Schüler zweifellos Bewegung.
29.217
ātmānaṃ prekṣate devi tattve tattve niyojitaḥ |
yāvatprāptaḥ paraṃ tattvaṃ tadā tveṣa na paśyati || 217 ||
In jedes Tattva eingesetzt, sieht er sich selbst, Göttin. Wenn er das höchste Tattva erreicht hat, sieht er dagegen nicht mehr gegenständlich.
29.218
anena kramayogena sarvādhvānaṃ sa paśyati |
athavā sarvaśāstrāṇyapyudgrāhayati tatkṣaṇāt || 218 ||
Durch diese geordnete Verbindung sieht er den gesamten Weltweg; oder er erfasst augenblicklich sämtliche Schriften.
29.219
pṛthaktattvavidhau dīkṣāṃ yogyatāvaśavartinaḥ |
tattvābhyāsavidhānena siddhayogī samācaret || 219 ||
Ein vollendeter Yogi vollziehe bei entsprechend Geeigneten die Einweihung in die einzelnen Tattvas durch das Verfahren der Tattva-Übung.
29.220
iti saṃdīkṣitasyāsya mumukṣoḥ śeṣavartane |
kulakrameṣṭirādeśyā pañcāvasthāsamanvitā || 220 ||
Dem so eingeweihten Befreiungssuchenden ist für seine verbleibende Lebensführung die Kula-Verehrung in Verbindung mit den fünf Zuständen aufzugeben.
29.221
jāgradādiṣu saṃvittiryathā syādanapāyinī |
kulayāgastathādeśyo yoginīmukhasaṃsthitaḥ || 221 ||
Damit das Bewusstsein beim Wachen und in den übrigen Zuständen nicht schwindet, ist das im Mund der Yogini bestehende Kula-Opfer entsprechend zu lehren.
29.222
sarvaṃ jāgrati kartavyaṃ svapne pratyekamantragam |
nivārya supte mūlākhyaḥ svaśaktiparibṛṃhitaḥ || 222 ||
Im Wachen ist alles zu vollziehen; im Traum werden die einzelnen Mantra-Anteile eingeschränkt. Im Tiefschlaf besteht der Grundmantra, von seiner eigenen Shakti verstärkt.
29.223
turye tvekaiva dūtyākhyā tadatīte kuleśitā |
svaśaktiparipūrṇānāmitthaṃ pūjā pravartate || 223 ||
Im vierten Zustand bleibt allein die als Duti bezeichnete Kraft, jenseits davon die Kula-Herrschaft. So erfolgt die Verehrung der jeweils von ihren eigenen Kräften Erfüllten.
29.224
piṇḍasthādi ca pūrvoktaṃ sarvātītāvasānakam |
avasthāpañcakaṃ proktabhedaṃ tasmai nirūpayet || 224 ||
Man erkläre ihm auch die zuvor genannten fünf Zustände von Pindastha bis zum Alles-Übersteigenden mit den beschriebenen Unterscheidungen.
29.225
sādhakasya bubhukṣostu samyagyogābhiṣecanam |
tatreṣṭvā vibhavairdevaṃ hemādimayamavraṇam || 225 ||
Für den Erfahrung suchenden Sadhaka erfolgt dagegen ein vollständiger Yoga-Weiheguss. Nachdem der Gott mit reichen Gaben verehrt wurde, entzünde man acht unbeschädigte Lampen aus Gold oder anderem Material,
29.226
dīpāṣṭakaṃ raktavartisarpiṣāpūrya bodhayet |
kulāṣṭakena tatpūjyaṃ śaṅkhe cāpi kuleśvarau || 226 ||
mit roten Dochten und geklärter Butter gefüllt. Diese sind mit der Kula-Achtergruppe zu verehren, in einer Muschel ferner die beiden Kula-Herrscher,
29.227
ānandāmṛtasaṃpūrṇe śivahastoktavartmanā |
tenābhiṣiñcettaṃ paścāt sa kuryānmantrasādhanam || 227 ||
die mit Wonnenektar erfüllt ist. Nach dem Verfahren der Shiva-Hand vollziehe man damit den Weiheguss; anschließend betreibe er Mantra-Praxis.
29.228
ācāryasyābhiṣeko’yamadhikārānvitaḥ sa tu |
kuryātpiṣṭādibhiścāsya catuṣṣaṣṭiṃ pradīpakān || 228 ||
Der Weiheguss des Acharya ist mit Amtsbefugnis verbunden. Für ihn fertige man vierundsechzig Lampen aus Teig oder anderem Material.
29.229
aṣṭāṣṭakena pūjyāste madhye prāgvat kuleśvarau |
śivahastoktayuktyaiva gurumapyabhiṣecayet || 229 ||
Sie sind mit den acht Achtergruppen zu verehren, in der Mitte wie zuvor die Kula-Herrscher. Nach derselben Shiva-Hand-Methode weihe man auch den Guru.
29.230
abhiṣiktāvimāvevaṃ sarvayogigaṇena tu |
viditau bhavatastatra gururmokṣaprado bhavet || 230 ||
Die beiden so Geweihten werden von der gesamten Yogi-Schar anerkannt. Dabei wird der Guru zum Befreiungsgeber.
29.231
tātparyamasya pādasya sa siddhīḥ saṃprayacchati |
gururyaḥ sādhakaḥ prāksyādanyo mokṣaṃ dadātyalam || 231 ||
Der Sinn dieses Satzes ist: Ein Guru, der zuvor Sadhaka war, verleiht Vollendungen; ein anderer gibt vollständig Befreiung.
29.232
anayoḥ kathayejjñānaṃ trividhaṃ sarvamapyalam |
svakīyājñāṃ ca vitaret svakriyākaraṇaṃ prati || 232 ||
Beiden soll man die gesamte dreifache Erkenntnis mitteilen und die eigene Erlaubnis zur Ausführung ihrer jeweiligen Handlungen erteilen.
29.233
ṣaṭkaṃ kāraṇasaṃjñaṃ yattathā yaḥ paramaḥ śivaḥ |
sākaṃ bhairavanāthena tadaṣṭakamudāhṛtam || 233 ||
Die sechs sogenannten Ursachen, der höchste Shiva und Bhairavanatha bilden die genannte Achtergruppe.
29.234
pratyekaṃ tasya sārvātmyaṃ paśyaṃstāṃ vṛttimātmagām |
cakṣurādau saṃkramayedyatra yatrendriye guruḥ || 234 ||
Der Guru sehe die Allnatur jedes Einzelnen und übertrage diese in ihm selbst bestehende Tätigkeit jeweils auf Auge und andere Sinne.
29.235
sa eva pūrṇaiḥ kalaśairabhiṣekaḥ paraḥ smṛtaḥ |
vinā bāhyairapītyuktaṃ śrīvīrāvalibhairave || 235 ||
Dies allein gilt als höchster Weiheguss mit vollen Krügen, auch ohne äußere Krüge: So heißt es im ehrwürdigen Viravali-Bhairava.
29.236
sadya eva tu bhogepsoryogātsiddhatamo guruḥ |
kuryātsadyastathābhīṣṭaphaladaṃ vedhadīkṣaṇam || 236 ||
Für jemanden, der sofort Erfahrung wünscht, vollziehe ein durch Yoga höchst vollendeter Guru eine Durchdringungseinweihung, die augenblicklich die gewünschte Frucht gewährt.
29.237
vedhadīkṣā ca bahudhā tatra tatra nirūpitā |
sā cābhyāsavatā kāryā yenordhvordhvapraveśataḥ || 237 ||
Die Durchdringungseinweihung ist vielerorts vielfältig beschrieben. Sie ist von einem Geübten auszuführen, der durch immer höheren Eintritt
29.238
śiṣyasya cakrasaṃbhedapratyayo jāyate dhruvaḥ |
yenāṇimādikā siddhiḥ śrīmālāyāṃ ca coditā || 238 ||
beim Schüler sichere Erfahrung des Durchdringens der Kreise hervorruft und Vollendungen wie Kleinwerden bewirkt, wie in der Ratnamala gelehrt.
29.239
ūrdhvacakradaśālābhe piśācāveśa eva sā |
mantranādabinduśaktibhujaṅgamaparātmikā || 239 ||
Wird der Zustand der höheren Kreise nicht erreicht, ist dies bloß Besessenheit durch einen Pishacha. Mantra, Nada, Bindu, Shakti, Schlange und das Höchste
29.240
ṣoḍhā śrīgahvare vedhadīkṣoktā parameśinā |
jvālākulaṃ svaśāstroktaṃ cakramaṣṭārakādikam || 240 ||
bilden die sechs Formen der Durchdringungseinweihung, die der höchste Herr im Gahvara erklärt hat. Man meditiere den in der eigenen Schrift gelehrten acht- oder andersspeichigen Kreis, von Flammen erfüllt,
29.241
dhyātvā tenāsya hṛccakravedhanānmantravedhanam |
ākāraṃ navadhā dehe nyasya saṃkramayettataḥ || 241 ||
und durchdringe damit den Herzkreis des Schülers: Das ist Mantra-Durchdringung. Nachdem man die Gestalt neunfach im eigenen Körper eingesetzt hat, übertrage man sie
29.242
nyāsayogena śiṣyāya dīpyamānaṃ mahārciṣam |
pāśastobhāttatastasya paratattve tu yojanam || 242 ||
mittels Nyasa auf den Schüler, leuchtend und mächtig flammend; durch die Erschütterung seiner Bindungen folgt dann seine Verbindung mit dem höchsten Tattva.
29.243
iti dīkṣottare dṛṣṭo vidhirme śaṃbhunoditaḥ |
nādoccāreṇa nādākhyaḥ sṛṣṭikramaniyogataḥ || 243 ||
Dieses von Shambhu gelehrte Verfahren habe ich im Dikshottara gesehen. Die Nada-Durchdringung erfolgt durch das Erheben des Nada gemäß der Schöpfungsfolge;
29.244
nādena vedhayeccittaṃ nādavedha udīritaḥ |
bindusthānagataṃ cittaṃ bhrūmadhyapathasaṃsthitam || 244 ||
man durchdringe den Geist mit Nada, daher heißt sie Nada-Durchdringung. Das Bewusstsein ist an der Bindu-Stätte, im Weg der Brauenmitte,
29.245
hṛllakṣye vā maheśāni binduṃ jvālākulaprabham |
tena saṃbodhayetsādhyaṃ bindvākhyo’yaṃ prakīrtitaḥ || 245 ||
oder am Zielpunkt im Herzen, Maheshani. Mit dem flammend leuchtenden Bindu erwecke man den Einzuweihenden: Dies heißt Bindu-Durchdringung.
29.246
śāktaṃ śaktimaduccārādgandhoccāreṇa sundari |
śṛṅgāṭakāsanasthaṃ tu kuṭilaṃ kuṇḍalākṛtim || 246 ||
Die Shakti-Durchdringung erfolgt durch kraftvolles Erheben, durch das Erheben des Geruchs, Schöne. Das am Dreieckssitz befindliche, gekrümmte, ringförmige Prinzip
29.247
anuccāreṇa coccārya vedhayennikhilaṃ jagat |
evaṃ bhramaravedhena śāktavedha udāhṛtaḥ || 247 ||
hebe man ohne äußere Lautäußerung empor und durchdringe die gesamte Welt. So wird durch die Bienen-Durchdringung die Shakti-Durchdringung erklärt.
29.248
sā caiva paramā śaktirānandapravikāsinī |
janmasthānātparaṃ yāti phaṇapañcakabhūṣitā || 248 ||
Eben diese höchste, Wonne entfaltende Shakti steigt von ihrem Geburtsort zum Höchsten auf, mit fünf Schlangenhauben geschmückt.
29.249
kalāstattvāni nandādyā vyomāni ca kulāni ca |
brahmādikāraṇānyakṣāṇyeva sā pañcakātmikā || 249 ||
Kalas, Tattvas, die mit Nanda beginnenden Räume, Kulas, Ursachen von Brahma an und Sinne bilden ihre fünffache Gestalt. [Die Aufzählung ist in der Vorlage nicht eindeutig in fünf Gruppen geteilt.]
29.250
evaṃ pañcaprakārā sā brahmasthānavinirgatā |
brahmasthāne viśantī tu taḍillīnā virājate || 250 ||
So verlässt sie fünffach die Brahman-Stätte; beim Eintritt in die Brahman-Stätte leuchtet sie, in Blitzgestalt aufgegangen.
29.251
praviṣṭā vedhayetkāyamātmānaṃ pratibhedayet |
evaṃ bhujaṅgavedhastu kathito bhairavāgame || 251 ||
Eingetreten, durchdringt sie den Körper und erhellt das Selbst. So ist die Schlangen-Durchdringung im Bhairava-Agama erklärt.
29.252
tāvadbhāvayate cittaṃ yāvaccittaṃ kṣayaṃ gatam |
kṣīṇe citte sureśāni parānanda udāhṛtaḥ || 252 ||
Man vergegenwärtige den Geist, bis er zum Erlöschen gelangt. Wenn der Geist erloschen ist, Herrin der Götter, wird höchste Wonne ausgesprochen.
29.253
nendriyāṇi na vai prāṇā nāntaḥkaraṇagocaraḥ |
na mano nāpi mantavyaṃ na mantā na manikriyā || 253 ||
Weder Sinne noch Lebenskräfte, weder der Bereich des inneren Organs noch Geist, Gedachtes, Denkender oder Denkhandlung bleiben;
29.254
sarvabhāvaparikṣīṇaḥ paravedha udāhṛtaḥ |
manuśaktibhuvanarūpajñāpiṇḍasthānanāḍiparabhedāt || 254 ||
frei von allen Erscheinungen heißt dies höchste Durchdringung. Andere unterscheiden nach Mantra, Shakti, Welt, Gestalt, Erkenntnis, Körpergesamtheit, Ort, Nadi und Höchstem
29.255
navadhā kalayantyanye vedaṃ guravo rahasyavidaḥ |
māyāgarbhāgnivarṇaughayukte tryaśriṇi maṇḍale || 255 ||
neun Formen der Durchdringung, jene Gurus, die das Geheimnis kennen. In einem dreieckigen Mandala mit dem Maya-Kern und Feuerlauten
29.256
dhyātvā jvālākarālena tena granthīn vibhedayet |
puṣpairhanyādyojayecca pare mantrābhidho vidhiḥ || 256 ||
meditiere man, durchdringe damit flammenfurchtbar die Knoten, berühre mit Blumen und verbinde mit dem Höchsten: Dies heißt Mantra-Verfahren.
29.257
nāḍyāviśyānyatarayā caitanyaṃ kandadhāmani |
piṇḍīkṛtya paribhramya pañcāṣṭaśikhayā haṭhāt || 257 ||
Durch Eintritt über eine der Nadis sammle man das Bewusstsein im Kanda zu einer Ballung, lasse es kreisen und führe es kraftvoll mit der fünf- oder achtspitzigen Flamme
29.258
śaktiśūlāgragamitaṃ kvāpi cakre niyojayet |
śaktyeti śākto vedho’yaṃ sadyaḥpratyayakārakaḥ || 258 ||
an die Spitze des Shakti-Dreizacks und setze es in einen Kreis ein. Diese Shakti-Durchdringung erzeugt unmittelbar ein bestätigendes Zeichen.
29.259
ādhārānnirgatayā śikhayā jyotsnāvadātayā rabhasāt |
aṅguṣṭhamūlapīṭhakrameṇa śiṣyasya līnayā vyomni || 259 ||
Eine mondlichtweiße Flamme tritt rasch aus der Grundlage hervor, folgt beim Schüler der Abfolge von Daumenwurzel und Pitha und geht im Raum auf.
29.260
dehaṃ svacchīkṛtya kṣādīnāntān smaranpuroktapuryoghān |
nijamaṇḍalanirdhyānātpratibimbayate bhuvanavedhaḥ || 260 ||
Dadurch werde der Körper durchsichtig; man erinnere die zuvor genannten Weltengruppen von ksha bis na und spiegele sie durch Meditation des eigenen Mandalas: Das ist Welten-Durchdringung.
29.261
bhrūmadhyoditabaindavadhāmāntaḥ kāṃcidākṛtiṃ rucirām |
tādātmyena dhyāyecchiṣyaṃ paścācca tanmayīkuryāt || 261 ||
Im aus der Brauenmitte aufgestiegenen Bindu-Bereich meditiere man eine schöne Gestalt in Identität mit sich selbst und mache dann den Schüler damit eins.
29.262
iti rūpavedha uktaḥ sā cehākṛtirupaiti dṛśyatvam |
ante tatsāyujyaṃ śiṣyaścāyāti tanmayībhūtaḥ || 262 ||
Dies heißt Gestalt-Durchdringung. Jene Gestalt wird dabei sichtbar; schließlich erlangt der mit ihr identisch gewordene Schüler Vereinigung mit ihr.
29.263
vijñānamaṣṭadhā yaddhrāṇādikabuddhisaṃjñakaraṇāntaḥ |
tat svasvanāḍisūtrakrameṇa saṃcārayecchiṣye || 263 ||
Die achtfache Erkenntnis, von Geruch und weiteren Sinnen bis zum als Buddhi bezeichneten Organ, übertrage man über die jeweiligen Nadi-Verbindungen auf den Schüler.
29.264
abhimānadārḍhyabandhakrameṇa vijñānasaṃjñako vedhaḥ |
hṛdayavyomani sadyo divyajñānārkasamudayaṃ dhatte || 264 ||
Durch feste Verknüpfung der Identifikation bringt diese Erkenntnis-Durchdringung augenblicklich im Herzensraum die Sonne göttlicher Erkenntnis hervor.
29.265
piṇḍaḥ paraḥ kalātmā sūkṣmaḥ puryaṣṭako bahiḥ sthūlaḥ |
chāyātmā sa parāṅmukha ādarśādau ca saṃmukho jñeyaḥ || 265 ||
Die höchste Körpergesamtheit besteht aus Kala, die feine aus der Acht-Stadt, die äußere ist grobstofflich; die Schattengestalt ist abgewandt, die im Spiegel zugewandt.
29.266
iti yaḥ piṇḍavibhedastaṃ rabhasāduttarottare śamayet |
tattadnalane kramaśaḥ paramapadaṃ piṇḍavedhena || 266 ||
Diese Körperunterschiede lasse man kraftvoll jeweils im höheren zur Ruhe kommen; durch ihre stufenweise Auflösung erreicht man mittels Körperdurchdringung den höchsten Zustand. [Die Vorlage „tattadnalane“ ist gestört.]
29.267
yadyaddehe cakraṃ tatra śiśoretya viśramaṃ kramaśaḥ |
ujjvalayettaccakraṃ sthānākhyastatphalaprado vedhaḥ || 267 ||
Man trete der Reihe nach in jeden Kreis des Schülerkörpers ein, ruhe dort und lasse ihn aufleuchten: Diese Orts-Durchdringung verleiht die jeweilige Frucht.
29.268
nāḍyaḥ pradhānabhūtāstisro’nyāstadgatāstvasaṃkhyeyāḥ |
ekīkārastābhirnāḍīvedho’tra tatphalakṛt || 268 ||
Drei Nadis sind hauptsächlich; zahllose weitere sind in ihnen enthalten. Einswerden durch diese ist die Nadi-Durchdringung mit ihrer entsprechenden Frucht.
29.269
abhilaṣitanāḍivāho mukhyābhiścakṣurādiniṣṭhābhiḥ |
adbodhaprāptiḥ syānnāḍīvedhe vicitrabahurūpā || 269 ||
Durch die hauptsächlichen, in Auge und anderen Bereichen endenden Nadis wird die gewünschte Nadi-Strömung hergestellt; dabei entsteht vielfältige Erkenntnis. [Die Vorlage „adbodhaprāptiḥ“ ist unsicher.]
29.270
lāṅgūlākṛtibalavat svanāḍisaṃvoṣṭitāmaparanāḍīm |
āsphoṭya siddhamapi bhuvi pātayati haṭhānmahāyogī || 270 ||
Ein großer Yogi umschließt eine fremde Nadi mit seiner eigenen wie mit einem kräftigen Schwanz und bringt durch einen Stoß sogar einen Siddha gewaltsam zu Boden.
29.271
paravedhaṃ samasteṣu cakreṣvadvaitamāmṛśan |
paraṃ śivaṃ prakurvīta śivatāpattido guruḥ || 271 ||
Der Guru, der Shivasein verleiht, vollziehe die höchste Durchdringung, indem er in sämtlichen Kreisen die Nichtdualität als höchsten Shiva erfasst.
29.272
śrīmadvīrāvalikule tathā cetthaṃ nirūpitam |
abhedyaṃ sarvathā jñeyaṃ madhyaṃ jñātvā na lipyate || 272 ||
So wird es im ehrwürdigen Viravali-Kula erklärt: Das Erkennbare ist in jeder Hinsicht ungeteilt; wer die Mitte erkennt, bleibt unbefleckt.
29.273
tadvibhāgakrame siddhaḥ sa gururmocayet paśūn |
guroragre viśecchiṣyo vaktraṃ vaktre tu vedhayet || 273 ||
Ein Guru, der in der Folge ihrer Entfaltung vollendet ist, befreie gebundene Wesen. Der Schüler trete vor den Guru; dieser durchdringe Mund mit Mund,
29.274
rūpaṃ rūpe tu viṣayairyāvatsamarasībhavet |
citte samarasībhūte dvayoraunmanasī sthitiḥ || 274 ||
Gestalt mit Gestalt durch die Wahrnehmungsgegenstände, bis beide gleichstimmig sind. Sind ihre Geister eins geworden, besteht für beide der Zustand jenseits des Denkens.
29.275
ubhayośconmanogatyā tatkāle dīkṣito bhavet |
śaśibhāskarasaṃyoge jīvastanmayatāṃ vrajet || 275 ||
Wenn beide Unmana erreichen, ist er in diesem Augenblick eingeweiht. Bei der Vereinigung von Mond und Sonne gelangt das lebendige Wesen zur Identität damit.
29.276
atra brahmādayo devā muktaye mokṣakāṅkṣiṇaḥ |
nirudhya raśmicakraṃ svaṃ bhogamokṣāvubhāvapi || 276 ||
Hier suchen auch die Götter von Brahma an Befreiung. Wenn einer seinen eigenen Strahlenkreis stillhält und sowohl Erfahrung als auch Befreiung
29.277
grasate yadi taddīkṣā śārvīyaṃ parikīrtitā |
sa eṣa mokṣaḥ kathito niḥspandaḥ sarvajantuṣu || 277 ||
verschlingt, heißt dies die Einweihung Sharvas. Diese Befreiung wird als regungslos in allen Wesen bezeichnet.
29.278
agnīṣomakalāghātasaṅghātāt spandanaṃ haret |
bāhyaṃ prāṇaṃ bāhyagataṃ timirākārayogataḥ || 278 ||
Durch die zusammenwirkende Einwirkung der Feuer- und Mondkräfte nehme man die Bewegung hinweg. Den äußeren, nach außen gelangten Prana in einer dunkelheitsartigen Gestalt,
29.279
niryātaṃ romakūpaistu bhramantaṃ sarvakāraṇaiḥ |
madhyaṃ nirlakṣyamāsthāya bhramayedvisṛjettataḥ || 279 ||
der durch die Haarporen austritt und durch sämtliche Ursachen kreist, lasse man in der ziellosen Mitte ruhend kreisen und dann ausströmen.
29.280
saṃghaṭṭotpāṭayogena vedhayedgranthipañcakam |
saṃghaṭṭavṛttiyugalaṃ madhyadhāma vicintayet || 280 ||
Durch die Kraft der Begegnung und des Herausreißens durchdringe man die fünf Knoten; die beiden Bewegungen der Begegnung vergegenwärtige man als mittlere Stätte.
29.281
nātmavyomabahirmantradehasaṃdhānamācaret |
dīkṣeyaṃ sarvajantūnāṃ śivatāpattidāyikā || 281 ||
Man vollziehe keine Verknüpfung von Selbst, Raum, Äußerem, Mantra und Körper. Diese Einweihung verleiht allen Wesen das Eingehen in Shivasein.
29.282
dīkṣānte dīpakān paktvā samastaiḥ sādhakaiḥ saha |
caruḥ prāśyaḥ kulācāryairmahāpātakanāśanaḥ || 282 ||
Am Ende der Einweihung werden die Lampen zubereitet; die Kula-Acharyas verzehren mit sämtlichen Sadhakas die Opferspeise, die schwere Verfehlungen vernichtet.
29.283
iti śrīratnamālāyāmūnādhikavidhistu yaḥ |
sa eva pātakaṃ tasya praśamo’yaṃ prakīrtitaḥ || 283 ||
So heißt es in der Ratnamala. Gemeint ist ein fehlerhafter Ritus durch Auslassung oder Übermaß; eben dieser Fehler ist die Verfehlung, deren Beseitigung hier erklärt wird.
29.284
pare’hani guroḥ kāryo yāgastena vinā yataḥ |
na vidhiḥ pūrṇatāṃ yāti kuryādyatnena taṃ tataḥ || 284 ||
Am folgenden Tag ist das Guru-Opfer auszuführen; ohne dieses wird das Verfahren nicht vollständig. Deshalb vollziehe man es sorgfältig.
29.285
yena yena gurustuṣyettattadasmai nivedayet |
cakracaryāntarāle’syā vidhiḥ saṃcāra ucyāte || 285 ||
Was immer den Guru zufriedenstellt, bringe man ihm dar. Das während der Kreisobservanz geltende Verfahren heißt Samcara, Weitergabe.
29.286
alipātraṃ susaṃpūrṇaṃ vīrendrakarasaṃsthitam |
avalokya paraṃ brahma tatpivedājñayā guroḥ || 286 ||
Das vollständig gefüllte Weingefäß in der Hand des Vira-Herrn sehe man als höchstes Brahman und trinke daraus auf Gebot des Gurus.
29.287
tarpayitvā tu bhūtāni gurave vinivedayet |
kṛtvā bhuvi guruṃ natvādāya saṃtarpya khecarīḥ || 287 ||
Nach Sättigung der Wesen bringe man es dem Guru dar, stelle es auf die Erde, verneige sich vor dem Guru, nehme es wieder auf und sättige die Khecharis.
29.288
svaṃ mantraṃ tacca vanditvā dūtīṃ gaṇaptiṃ gurūn |
kṣetrapaṃ vīrasaṅghātaṃ gurvādikramaśastataḥ || 288 ||
Man verehre den eigenen Mantra und das Gefäß, die Duti, Ganesha, die Gurus, den Feldhüter und die Vira-Schar; dann, der Reihe nach vom Guru an,
29.289
vīraspṛṣṭaṃ svayaṃ dravyaṃ pivennaivānyathā kvacit |
parabrahmaṇyavettāro’gamāgamavivarjitāḥ || 289 ||
trinke man selbst die von einem Vira berührte Substanz, niemals anders. Menschen, die das höchste Brahman nicht kennen und der Überlieferung von Kommen und Gehen entbehren,
29.290
lobhamohamadakrodharāgamāyājuṣaśca ye |
taiḥ sākaṃ na ca kartavyametacchreyorthinātmani || 290 ||
die Gier, Verblendung, Rausch, Zorn, Leidenschaft und Täuschung pflegen, soll ein nach seinem Heil Suchender an diesem Verfahren nicht beteiligen.
29.291
yāgādau yāgamadhye ca yāgānte gurupūjane |
naimittikeṣu prokteṣu śiṣyaḥ kuryādimaṃ vidhim || 291 ||
Zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Opfers, bei der Guru-Verehrung und den genannten Anlassriten soll der Schüler dieses Verfahren vollziehen.
29.292
iti rahasyavidhiḥ paricarcito gurumukhānubhavaiḥ suparisphuṭaḥ /
Damit ist das geheime Verfahren erörtert, durch die Erfahrungen aus dem Mund des Gurus klar erhellt.
Prüfnotiz zu Ahnika 29: Alle 292 nummerierten Einträge der GRETIL-Fassung sind mit IAST und unmittelbar folgender deutscher Arbeitsübersetzung gespeichert. Die elektronische Transkription beruht laut Quellenkopf auf KSTS; eine durchgängige Kollation aller Druckseiten liegt nicht vor. Die bei der Überarbeitung kontrollierten Einzelstellen und Kommentarerläuterungen sind direkt an den Versen belegt. Das Zeichen @ wurde als Avagraha (’) dargestellt. Besonderheiten der Versgestalt werden in der folgenden Lesungsnotiz festgehalten.
Lesungsnotiz zu Ahnika 29: Der Schluss 29.292 ist in der Vorlage ein einzelnes Versglied ohne gedruckte Schlusszählung; er bleibt unergänzt. In 29.29–34 bleiben die Sonderzeichen +ī+ in den Namen erhalten; weitere unsichere Namens- und Ortsreihen sind in 29.38–39 und 29.61–63 markiert. Die beschädigt erscheinenden Formen vilpayate (29.91), tattadnalane (29.266) und adbodhaprāptiḥ (29.269) wurden im Sanskrit nicht stillschweigend korrigiert. Die Mantra-Codes 29.192–193 und 29.212–213 wurden nicht zu hypothetischen Mantras ergänzt. Lakṣa in 29.82–95 spielt mit Ziel/Zielpunkt und der Zahl hunderttausend; die hier aufgezählten Bewusstseinsorte begründen die zielbezogene Übersetzung. Die Sexualrituale und transgressiven Stoffvorschriften werden als historische Lehre wiedergegeben.
Ahnika 30 – Mantras, Vidyas und ihre Übertragung
30.1
atha yathocitamantrakadambakaṃ trikakulakramayogi nirūpyate |
tāvadvimarśānārūḍhadhiyāṃ tātsiddhaye kramāt || 1 ||
Nun wird die zur Trika-Kula-Abfolge gehörende geeignete Mantra-Gruppe erklärt, damit diejenigen, deren Einsicht jenes Gewahrsein noch nicht erreicht hat, schrittweise darin vollendet werden.
30.2
pratibuddhā hi te mantrā vimarśaikasvabhāvakāḥ |
svatantrasyaiva ciddhāmnaḥ svātantryāt kartṛtāmayāḥ || 2 ||
Diese Mantras sind erwacht, bestehen allein aus Gewahrsein und besitzen durch die Freiheit des unabhängigen Bewusstseins die Natur des Handelns.
30.3
yamāviśanti cācāryaṃ taṃ tādātmyanirūḍhitaḥ |
svatantrīkurvate yānti karaṇānyapi kartṛtām || 3 ||
Den Acharya, in den sie eintreten, machen sie durch gefestigte Identität frei; sogar die Werkzeuge werden dadurch zu Handelnden.
30.4
ādhāraśaktau hrīṃ pṛthvīprabhṛtau tu catuṣṭaye |
kṣlāṃ kṣvīṃ vaṃ kṣamiti prāhuḥ kramādvarṇacatuṣṭayam || 4 ||
Für die Grundkraft lautet der Mantra hrīṃ; für die Vierergruppe von Erde an werden der Reihe nach kṣlāṃ, kṣvīṃ, vaṃ und kṣam genannt.
30.5
haṃ nāle yaṃ tathā raṃ laṃ vaṃ dharmādicatuṣṭaye |
ṛṃ ṝṃ ḷṃ ḷḷṃ catuṣke ca viparītakramādbhavet || 5 ||
Am Stängel haṃ; für Dharma und die übrige Vierergruppe yaṃ, raṃ, laṃ und vaṃ. Für die entgegengesetzte Vierergruppe ṛṃ, ṝṃ, ḷṃ und ḷḷṃ, in umgekehrter Reihenfolge. [ḷḷṃ bleibt als Quellenform erhalten.]
30.6
oṃ auṃ hastrayamityetadvidyāmāyākalātraye |
anusvāravisargau ca vidyeśeśvaratattvayoḥ || 6 ||
Für Vidya, Maya und Kala oṃ, auṃ und dreimal ha; Anusvara und Visarga für die Tattvas Vidyesha und Ishvara.
30.7
kādibhāntāḥ kesareṣu prāṇo’ṣṭasvarasaṃyutaḥ |
sabinduko daleṣvaṣṭasvatha svaṃ nāma dīpitam || 7 ||
In den Staubfäden die Laute von ka bis bha, auf den acht Blättern der Prana-Laut mit acht Vokalen und Bindu. Dann wird der jeweilige eigene Name
30.8
śaktīnāṃ navakasya syācchaṣasā maṇḍalatraye |
sabindukāḥ kṣmaṃ prete jraṃ śūlaśṛṅgeṣu kalpayet || 8 ||
für die neun Shaktis erhellt. In den drei Kreisen stehen śa, ṣa und sa mit Bindu; auf dem Leichnam kṣmaṃ, an den Dreizackspitzen jraṃ.
30.9
pṛthagāsanapūjāyāṃ kramānmantrā ime smṛtāḥ |
saṃkṣepapūjane tu prāgādyamantyaṃ ca bījakam || 9 ||
Diese Mantras gelten der Reihe nach für die gesonderte Verehrung des Sitzes. Bei zusammenfassender Verehrung nehme man dagegen das erste und das letzte Bija
30.10
ādāyādhāraśaktyādiśūlaśṛṅgāntamarcayet |
agnimārutapṛthvyambusaṣaṣṭhasvarabindukam || 10 ||
und verehre von der Grundkraft bis zu den Dreizackspitzen. Feuer, Wind, Erde und Wasser, verbunden mit dem sechsten Vokal und Bindu,
30.11
ratiśekharamantro’sya vaktrāṅgaṃ hrasvadīrghakaiḥ |
agniprāṇāgnisaṃhārakālendrāmbusamīraṇāḥ || 11 ||
bilden den Ratishekhara-Mantra; seine Gesichter und Glieder werden durch kurze und lange Vokale gebildet. Feuer, Prana, Feuer, Rücknahme, Zeit, Indra, Wasser und Wind
30.12
saṣaṣṭhasvarabirndvadhacandrādyāḥ syurnavātmanaḥ |
bindunādādikā vyāptiḥ śrīmattraiśirase mate || 12 ||
bilden mit dem sechsten Vokal, Bindu, Halbmond und Weiterem den Navatman. Die Durchdringung von Bindu und Nada an wird im Traishirasa
30.13
kṣepākrānticidudbodhadīpanasthāpanānyatha |
tatsaṃvittistadāpattiriti saṃjñābhiśabditā || 13 ||
mit den Namen Auswurf, Übergreifen, Bewusstseinserweckung, Entzünden, Festsetzen, dessen Erkennen und dessen Erlangen bezeichnet.
30.14
etāvatī mahāvyāptirmūrtitvenātra kīrtitā |
pariṇāmastallayaśca namaskāraḥ sa ucyate || 14 ||
Diese große Durchdringung wird hier als Verkörperung erklärt. Umwandlung und Aufgehen darin heißen Verneigung.
30.15
eṣa tryarṇojjhito’dhastāddīrghaiḥ ṣaḍbhiḥ svarairyutaḥ |
ṣaḍaṅgāni hṛdādīni vaktrāṇyasya ca kalpayet || 15 ||
Lässt man unten drei Laute dieses Mantras weg und verbindet ihn mit sechs langen Vokalen, erhält man die sechs Glieder von Herz an. Seine Gesichter bilde man
30.16
kṣayaravalabījaistu dīptairbinduvibhūṣitaiḥ |
jhakārasaṃhṛtiprāṇāḥ saṣaṣṭhasvarabindukāḥ || 16 ||
mit den erhellten, Bindu tragenden Bijas kṣa, ya, ra, va und la. Der Laut jha, Rücknahme und Prana, mit sechstem Vokal und Bindu,
30.17
eṣa bhairavasadmāvaścandrārdhādivibhūṣitaḥ |
mātṛkāmālinīmantrau prāgeva samudāhṛtau || 17 ||
sind Bhairavasadbhava, mit Halbmond und Weiterem geschmückt. Die Mantras Matrika und Malini wurden bereits früher erklärt.
30.18
oṃkāro’tha caturthyantā saṃjñā natiriti kramāt |
gaṇeśādiṣu mantraḥ syādbījaṃ yeṣu na coditam || 18 ||
Om, dann der Name im Dativ und die Verneigung: Dies ist der Mantra für Ganesha und andere, für die kein Bija vorgeschrieben ist.
30.19
nāmādyakṣaramākārabinducandrādidīpitam |
sarveṣāmeva bījānāṃ taccaturdaśaṣaṣṭhayuk || 19 ||
Der erste Laut des Namens wird durch ā, Bindu, Halbmond und Weiteres erhellt. Für alle Bijas ist dabei die Verbindung mit dem vierzehnten beziehungsweise sechsten Vokal vorgesehen.
30.20
āmantritānyaghoryāditritayasya kramoditaiḥ |
bījairvisargiṇī māyā huṃ hakāro visargavān || 20 ||
Die Anrufungen der Dreiheit von Aghori an mit den der Reihe nach genannten Bijas, Maya mit Visarga, huṃ und ha mit Visarga;
30.21
punardevītrayasyāpi kramādāmantraṇatrayam |
dvitīyasminpade’kāra ekārasyeha ca smṛtaḥ || 21 ||
danach wiederum die drei Anrufungen der Göttinnendreiheit. Im zweiten Wort wird hier a anstelle von e genannt.
30.22
tataḥ śaktidvayāmantro luptaṃ tatrāntyamakṣaram |
he’gnivarṇāvubhau pañcasvarayuktau parau pṛthak || 22 ||
Dann die Anrufung der beiden Shaktis, wobei der letzte Laut entfällt. Darauf he und der Feuerlaut, beide jeweils mit fünf Vokalen;
30.23
akārayuktāvastraṃ huṃ ha visargī punaḥ śaraḥ |
tāreṇa saha vasvagnivarṇārdhārṇadvayādhikā || 23 ||
ferner beide mit a, der Waffenlaut, huṃ, ha mit Visarga, wiederum der Pfeil. Zusammen mit Tara umfasst dies achtunddreißig Laute und zwei zusätzliche Halb- beziehungsweise Lautanteile. [Die Zählung ist in der Vorlage nicht eindeutig.]
30.24
eṣā parāparādevyā vidyā śrītrikaśāsane |
pañcaṣaṭpañcavedākṣivahninetrākṣaraṃ padam || 24 ||
Dies ist im Trika die Vidya der Göttin Parapara. Die Wörter haben der Reihe nach fünf, sechs, fünf, vier, zwei, drei und zwei Laute
30.25
aghoryādau saptake syāt pivanyāḥ pariśiṣṭakam |
pratyekavarṇago’pyuktaḥ siddhayogīśvarīmate || 25 ||
in der Siebenergruppe von Aghori an; der übrige Teil gehört zu Pivani. Im Siddhayogishvarimata ist auch für jeden einzelnen Laut
30.26
devatācakravinyāsaḥ sa bahutvānna lipyate |
māyā visargiṇī huṃ phaṭ ceti mantro’parātmakaḥ || 26 ||
eine Einsetzung des Gottheitenkreises angegeben; wegen des Umfangs wird sie hier nicht niedergeschrieben. Maya mit Visarga, huṃ und phaṭ bilden den Apara-Mantra.
30.27
parāyāstūktasadvyāptirjīvaḥ sahacaturdaśaḥ |
sānekabhedā triśiraḥśāstre proktā maheśinā || 27 ||
Für Para dagegen gilt Jiva mit dem vierzehnten Vokal und der beschriebenen vollständigen Durchdringung. Der höchste Herr hat sie im Trishiras vielfältig erklärt.
30.28
svarūpato vibhinnāpi racanānekasaṅkulā |
jīvaḥ prāṇastha evātra prāṇo vā jīvasaṃsthitaḥ || 28 ||
Obwohl ihre Gestalten verschieden sind, umfasst sie zahlreiche Anordnungen: Jiva steht in Prana oder Prana in Jiva,
30.29
ādhārādheyabhāvena avinābhāvayogataḥ |
haṃsaṃ cāmṛtamadhyasthaṃ kālarudravibheditam || 29 ||
als Träger und Getragenes aufgrund ihrer Untrennbarkeit. Hamsa, inmitten des Nektars, durch Kalarudra unterschieden,
30.30
bhuvaneśaśiroyuktamanaṅgadvayayojitam |
dīptāddīptataraṃ jñeyaṃ ṣaṭcakrakramayojitam || 30 ||
mit dem Haupt Bhuvaneshas versehen und mit zwei Anangas verbunden, gilt als immer heller leuchtend und der Folge der sechs Kreise verbunden.
30.31
prāṇaṃ daṇḍāsanasthaṃ tu guhyaśaktīcchayā yutam |
pareyaṃ vācikoddiṣṭā mahājñānasvarūpataḥ || 31 ||
Prana auf dem Stabsitz, mit geheimer Shakti und Wille verbunden: Dies ist die ausgesprochene Para als Gestalt großer Erkenntnis.
30.32
sphuṭaṃ bhairavahṛjjñānamidaṃ tvekākṣaraṃ param |
amṛtaṃ kevalaṃ khasthaṃ yadvā sāvitrikāyutam || 32 ||
Diese höchste Einsilbe ist deutlich Bhairavas Herzenserkenntnis: allein der Nektar im Raum, oder mit Savitri verbunden,
30.33
śūnyadvayasamopetaṃ parāyā hṛdayaṃ param |
yugmayāge prasiddhaṃ tu kartavyaṃ tattvavedibhiḥ || 33 ||
mit zwei Leeren versehen, das höchste Herz Paras. Die Kenner der Wirklichkeit sollen dieses im Paaropfer bekannte Verfahren ausführen.
30.34
anye’pyekākṣarā ye tu ekavīravidhānataḥ |
guptā guptatarāste tu aṃgābhijanavarjitāḥ || 34 ||
Auch andere einsilbige Mantras des Einzelhelden-Verfahrens, geheim und noch geheimer, ohne Glieder und zugehörige Gruppe,
30.35
yaṣṭavyāḥ sādhakendraistu kulasthāḥ siddhidāyakāḥ |
kulakramavidhānena sūkṣmavijñānayogataḥ || 35 ||
sind von vorzüglichen Sadhakas zu verehren; im Kula gegenwärtig, verleihen sie Vollendung. Nach dem Kula-Verfahren und durch feine Erkenntnis
30.36
anuṣṭheyāḥ sadā devi striyā vā puruṣeṇa vā |
sakāro dīrghaṣaṭkena yukto’ṅgānyānanāni tu || 36 ||
sind sie stets auszuführen, Göttin, von Frau oder Mann. Sa, verbunden mit den sechs langen Vokalen, bildet die Glieder;
30.37
syāt sa eva paraṃ hrasvapañcasvarakhasaṃyutaḥ |
oṃkāraiḥ pañcabhirmantro vidyāṅgahṛdayaṃ bhavet || 37 ||
mit fünf kurzen Vokalen und Raumlaut bildet derselbe die Gesichter. Mit fünf Om-Lauten wird der Mantra zum Herzglied der Vidya.
30.38
praṇavaścāmṛte tejomālini svāhayā saha |
ekādaśākṣaraṃ brahmaśirastanmālinīmate || 38 ||
Pranava, dann „amṛte tejomālini“ mit svāhā: Dies ist nach dem Malini-Tantra das elfsilbige Brahma-Haupt.
30.39
vedavedani hūṃ phaṭca praṇavādiyutā śikhā |
vajriṇe vajradharāya svāhetyoṃkārapūrvakam || 39 ||
„vedavedani hūṃ phaṭ“, mit Pranava beginnend, ist die Haarspitze. „vajriṇe vajradharāya svāhā“, mit Om vorangestellt,
30.40
ekādaśākṣaraṃ varma puruṣṭutamiti smṛtam |
tāro dvijihvaḥ khaśarasvarayugjīva eva ca || 40 ||
gilt als der elfsilbige Panzer namens Puruṣṭuta. Ferner: Om, der mit Bindu und dem fünften Vokal verbundene „Zweizüngige“, sowie Jiva. [Die frühere Wiedergabe „fünfzigster Vokal“ beruhte auf einer falschen Zerlegung der Lautverschlüsselung.]
Lesungshinweis: Jayaratha löst die Folge als Om, ja mit Bindu und u, sowie sa mit Visarga auf: oṃ juṃ saḥ. Der Ausdruck khaśarasvarayuk bezeichnet somit keine fünfzigste Position in einer Vokalreihe.[5]
30.41
netrametatprakāśātma sarvasādhāraṇaṃ smṛtam |
tāraḥ ślīṃ paśu huṃ phat ca tadastraṃ rasavarṇakam || 41 ||
Dies gilt als der allen gemeinsame, aus Licht bestehende Augenmantra. Om, „ślīṃ paśu huṃ phat“ bilden den sechssilbigen Waffenmantra. [Die Quellenform „phat“ bleibt in der Zitierung erhalten.]
30.42
laraṭakṣavayairdīrghaiḥ samayuktaiḥ sabindukaiḥ |
indrādayastadastrāṇi hrasvairviṣṇuprajāpatī || 42 ||
Mit la, ra, ṭa, kṣa, va und ya, lang und mit Bindu, werden Indra und die weiteren gebildet; mit kurzen Formen deren Waffen. Vishnu und Prajapati
30.43
smṛtau turyadvitīyābhyāṃ hrasvābhyāṃ padmacakrake |
namaḥ svāhā tathā vauṣaṭ huṃ vaṣaṭ phaṭ ca jātayaḥ || 43 ||
werden mit der vierten und zweiten kurzen Form genannt, ebenso Lotus und Rad. Die Endformeln sind namaḥ, svāhā, vauṣaṭ, huṃ, vaṣaṭ und phaṭ.
30.44
aṅgeṣu kramaśaḥ ṣaṭsu karmasvatha tadātmikāḥ |
jape home tathāpyāye samuccāṭe’tha śāntike || 44 ||
Sie gehören der Reihe nach zu den sechs Gliedern und entsprechenden Handlungen: Japa, Feueropfer, Sättigung, Vertreibung, Befriedung
30.45
abhicāre ca mantrāṇāṃ namaskārādijātayaḥ |
akṣiṣaṇmunivargebhyo dvitīyāḥ saha bindunā || 45 ||
und Schadenzauber. Die zweiten Laute der zweiten, sechsten und siebten Lautgruppe, mit Bindu
30.46
yonyarṇena ca mātṝṇāṃ sadmāvaḥ kālakarṣiṇī |
ādyojjhito vāpyantena varjito vātha saṃmataḥ || 46 ||
und dem Yoni-Laut verbunden, bilden den Sadbhava der Mütter, Kalakarshini. Auch ohne den ersten oder ohne den letzten Laut wird er anerkannt.
30.47
jīvaḥ prāṇapuṭāntaḥsthaḥ kālānalasamadyutiḥ |
atidīptastu vāmāṃghrirbhūṣito mūrdhni bindunā || 47 ||
Jiva, von Prana umschlossen, leuchtet wie das Weltbrandfeuer. Überaus flammend ist der linke Fuß, am Scheitel mit Bindu geschmückt;
30.48
dakṣajānugataścāyaṃ sarvamātṛgaṇārcitaḥ |
anena prāṇitāḥ sarve dadate vāñchitaṃ phalam || 48 ||
auch am rechten Knie steht er und wird von sämtlichen Müttern verehrt. Durch ihn belebt, gewähren alle die gewünschte Frucht.
30.49
sadbhāvaḥ paramo hyeṣa mātṝṇāṃ bhairavasya ca |
tasmādenaṃ japenmantrī ya icchetsiddhimuttamām || 49 ||
Dies ist der höchste Sadbhava der Mütter und Bhairavas. Deshalb rezitiere ihn der Mantra-Praktizierende, der höchste Vollendung wünscht.
30.50
rudraśaktisamāveśo nityamatra pratiṣṭhitaḥ |
yasmādeṣā parā śaktirbhedenānyena kīrtitā || 50 ||
Die Ergriffenheit durch Rudra-Shakti ist hierin beständig gegründet; denn dies ist die höchste Kraft, unter einer anderen Unterscheidung benannt.
30.51
yāvatyaḥ siddhayastantre tāḥ sarvāḥ kurute tviyam |
aṅgavaktrāṇi cāpyasyāḥ prāgvatsvaraniyogataḥ || 51 ||
Sämtliche im Tantra genannten Vollendungen bewirkt sie. Auch ihre Glieder und Gesichter entstehen wie zuvor durch Zuordnung der Vokale.
30.52
daṇḍo jīvastriśūlaṃ ca dakṣāṅgulyaparastanau |
nābhikaṇṭhau marudrudrau visargaḥ satriśūlakaḥ || 52 ||
Stab, Jiva und Dreizack; rechter Finger und andere Brust; Nabel und Hals; Wind und Rudra; Visarga samt Dreizack:
30.53
sarvayoginicakrāṇāmadhipo’yamudāhṛtaḥ |
asyāpyuccāraṇādeva saṃvittiḥ syātpuroditā || 53 ||
Dies wird als Herr sämtlicher Yogini-Kreise bezeichnet. Schon durch seine Erhebung entsteht das zuvor erklärte Bewusstsein.
30.54
mahācaṇḍeti tu yogeśvaṛ ityaṣṭavarṇakam |
navārṇeyaṃ guptatarā sadbhāvaḥ kālakarṣiṇī || 54 ||
„mahācaṇḍe“ und „yogeśvari“ ergeben acht Laute. Diese neunsilbige, noch geheimere Vidya ist Sadbhava, Kalakarshini. [Die Vorlage schreibt „yogeśvaṛ“; die Anrufungsform ist in der Übersetzung erschlossen.]
30.55
śrīḍāmare mahāyāge parātparataroditā |
sudhācchedakaṣaṇṭhādyairbījaṃ chedakamasvaram || 55 ||
Beim großen Opfer des ehrwürdigen Damara heißt sie höher als das Höchste. Aus Nektar, Abschneider, neutralem Laut und Weiterem entsteht das vokallose, schneidende Bija.
30.56
adhyardhārṇā kālarātriḥ kṣurikā mālinīmate |
śatāvartanayā hyasyā jāyate mūrdhni vedanā || 56 ||
Kalaratri besteht aus anderthalb Lauten und heißt im Malini-Tantra Kshurika. Durch hundert Wiederholungen entsteht Schmerz am Scheitel.
30.57
evaṃ pratyayamālocya mṛtyujiddhyānamāśrayet |
naināṃ samuccareddevi ya iccheddīrghajīvitam || 57 ||
Nach Beobachtung dieses Zeichens soll man die Meditation des Todesüberwinders aufnehmen. Wer langes Leben wünscht, Göttin, soll sie nicht laut aussprechen.
30.58
dvirdaṇḍāgnī śūlanabhaḥprāṇāśchettranalau tathā |
kūṭāgnī savisargāśca pañcāpyete’tha pañcasu || 58 ||
Zweimal Stab und Feuer, Dreizack und Raum-Prana, Abschneider und Feuer sowie Spitze und Feuer, mit Visarga: Diese fünf stehen in den fünf
30.59
vyomasviti śivenoktaṃ tantrasadbhāvaśāsane |
chedinī kṣurikeyaṃ syādyayā yojayate pare || 59 ||
Räumen, wie Shiva im Tantrasadbhava gelehrt hat. Dies ist die schneidende Kshurika, durch die man mit dem Höchsten verbindet.
30.60
bindvindvanalakūṭāgnimarutṣaṣṭhasvarairyutam |
āpādatalamūrdhāntaṃ smaredastramidaṃ jvalat || 60 ||
Mit Bindu, Mond, Feuer, Spitze, Feuer, Wind und sechstem Vokal versehen, vergegenwärtige man diesen flammenden Waffenmantra von den Fußsohlen bis zum Scheitel.
30.61
kuñcanaṃ cāṅgulīnāṃ tu kartavyaṃ codanaṃ tataḥ |
jānvādiparacakrāntaṃ cakrāccakraṃ tu kuñcayet || 61 ||
Dabei sind die Finger zusammenzuziehen; dann erfolgt der Antrieb. Von den Knien an bis zum höchsten Kreis ziehe man Kreis um Kreis zusammen.
30.62
kathitaṃ sarahasyaṃ tu sadyonirvāṇakaṃ param |
athocyate brahmavidyā sadyaḥpratyayadāyinī || 62 ||
So ist das höchste unmittelbare Nirvana-Verfahren samt Geheimnis erklärt. Nun folgt die Brahma-Vidya, die unmittelbar ein bestätigendes Zeichen verleiht,
30.63
śivaḥ śrībhūtirājo yāmasmabhyaṃ pratyapādayat |
sarveṣāmeva bhūtānāṃ maraṇe samupasthite || 63 ||
die uns Shiva in Gestalt des ehrwürdigen Bhutiraja mitteilte. Wenn für irgendein Wesen der Tod gekommen ist,
30.64
yayā paṭhitayotkramya jīvo yāti nirañjanam |
yā jñānino’pi saṃpūrṇakṛtyasyāpi śrutā satī || 64 ||
führt ihre Rezitation das lebendige Selbst hinaus zum Unbefleckten. Auch von einem Wissenden gehört, dessen Aufgaben bereits erfüllt sind,
30.65
prāṇādicchedajāṃ mṛtyuvyathāṃ sadyo vyapohati |
yāmākarṇya mahāmohavivaśo’pi kramādgataḥ || 65 ||
beseitigt sie unmittelbar die Sterbequal aus dem Abreißen von Prana und anderem. Wer sie hört, gelangt selbst aus großer Betäubung schrittweise
30.66
prabodhaṃ vaktṛsāṃmukhyamabhyeti rabhasātsvayam |
paramapadāttvamihāgāḥ sanātanastvaṃ jahīhi dehāntam || 66 ||
zum Erwachen und wendet sich rasch dem Sprecher zu: „Vom höchsten Zustand bist du hierher gekommen. Ewig bist du; gib die Körpergrenze auf,
30.67
pādāṅguṣṭhādi vibho nibandhanaṃ bandhanaṃ hyugram |
āryāvākyamidaṃ pūrvaṃ bhuvanākhyaiḥ padairbhavet || 67 ||
Herr, die vom großen Zeh an bestehende Fesselung, die schreckliche Bindung!“ Dieser erste Arya-Satz besteht aus einer den Welten entsprechenden Wortzahl.
30.68
gulphānte jānugataṃ jatrusthaṃ bandhanaṃ tathā meḍhre |
jahihi puramagryamadhyaṃ hṛtpadmāttvaṃ samuttiṣṭha || 68 ||
„An den Knöcheln, Knien, am Schlüsselbein und am Geschlechtsorgan liegt Bindung. Verlasse die Stadt mit Spitze und Mitte; erhebe dich aus dem Herzlotus!“
30.69
etāvadbhiḥ padairetadāryāvākyaṃ dvitīyakam |
haṃsa hayagrīva vibho sadāśivastvaṃ paro’si jīvākhyaḥ || 69 ||
Aus ebenso vielen Wörtern besteht dieser zweite Arya-Satz. „Hamsa, Hayagriva, Herr! Du bist Sadashiva, der Höchste, als lebendiges Selbst bezeichnet.
30.70
ravisomavahnisaṅghadṛbindudeho hahaha samutkrāma |
tṛtīyamāryāvākyaṃ prāksaṃkhyairekādhikaiḥ padaiḥ || 70 ||
Mit einem Bindu-Körper, der Feuer, Sonne und Mond vereint: ha ha ha, steige empor!“ Der dritte Arya-Satz hat ein Wort mehr als zuvor.
30.71
haṃsamahāmantramayaḥ sanātanastvaṃ śubhāśubhāpekṣī |
maṇḍalamadhyaniviṣṭaḥ śaktimahāsetukāraṇamahārthaḥ || 71 ||
„Aus dem großen Hamsa-Mantra bestehend, ewig bist du, auf Heilvolles und Unheilvolles blickend; in der Mitte des Mandalas stehend, großer Sinn der Ursache der großen Shakti-Brücke,
30.72
kamalobhayaviniviṣṭaḥ prabodhamāyāhi devatādeha |
āryāvākyamidaṃ sārdhaṃ rudrasaṃkhyapaderitam || 72 ||
in beiden Lotussen gegenwärtig: Erwache, du mit dem Gottheitenkörper!“ Diese anderthalb Arya-Sätze werden mit elf Wörtern angegeben.
30.73
niḥśvāse tvapaśabdasya sthāne’styupa iti dhvaniḥ |
ajñānāttvaṃ baddhaḥ prabodhitottiṣṭha devāde || 73 ||
Im Nishvasa steht upa anstelle von apa. „Durch Unwissenheit bist du gebunden; erweckt, erhebe dich, göttlicher Anfang!“ [Die Vorlage „devāde“ ist unsicher.]
30.74
etatpañcamamāryārdhavākyaṃ syātsaptabhiḥ padaiḥ |
vraja tālusāhvayāntaṃ hyauḍambaraghaṭṭitaṃ mahādvāram || 74 ||
Dies ist der fünfte halbe Arya-Satz mit sieben Wörtern. „Geh bis zum sogenannten Gaumen, zum großen Tor, das durch Udumbara zusammengefügt ist;
30.75
prāpya prayāhi haṃho haṃho vā vāmadevapadam |
āryyāvākyamidaṃ ṣaṣṭhaṃ syāccaturdaśabhiḥ padaiḥ || 75 ||
erreiche es und ziehe weiter, haṃho, haṃho, zum Zustand Vamadevas!“ Dieser sechste Arya-Satz besteht aus vierzehn Wörtern.
30.76
granthīśvara paramātman śānta mahātālurandhramāsādya |
utkrama he deheśvara nirañjanaṃ śivapadaṃ prayāhyāśu || 76 ||
„Herr der Knoten, höchstes Selbst, Friedlicher! Erreiche die große Gaumenöffnung; steige empor, Herr des Körpers, und gelange rasch zum unbefleckten Shiva-Zustand!“
30.77
āryāvākyaṃ saptamaṃ syāttaccaturdaśabhiḥ padaiḥ |
prabhañjanastvamityevaṃ pāṭho niḥśvāsaśāsane || 77 ||
Dies ist der siebte Arya-Satz mit vierzehn Wörtern. Im Nishvasa lautet die Lesung: „Du bist der mächtige Wind.“
30.78
ākramya madhyamārgaṃ prāṇāpānau samāhṛtya |
dharmādharmau tyaktvā nārāyaṇa yāhi śāntāntam || 78 ||
„Betritt den mittleren Weg, sammle Prana und Apana, gib Dharma und Adharma auf; Narayana, geh bis zum Ende des Friedens!“
30.79
āryāvākyamidaṃ proktamaṣṭamaṃ navabhiḥ padaiḥ |
he brahman he viṣṇo he rudra śivo’si vāsudevastvam || 79 ||
Dies ist der achte Arya-Satz mit neun Wörtern. „Brahma, Vishnu, Rudra! Du bist Shiva, du bist Vasudeva.
30.80
agnīṣomasanātanamṛtpiṇḍaṃ jahihi he mahākāśa |
etadbhuvanasaṃkhyātairāryyāvākyaṃ prakīrtitam || 80 ||
Gib den ewigen Erdenkloß aus Feuer und Mond auf, großer Raum!“ Dieser Arya-Satz hat eine den Welten entsprechende Wortzahl.
30.81
sanātma tripiṇḍamiti mahākośamiti sthitam |
padatrayaṃ tu niḥśvāsamukuṭottarakādiṣu || 81 ||
In Nishvasa, Mukutottara und anderen stehen dagegen die drei Ausdrücke „sanātma“, „tripiṇḍam“ und „mahākośam“.
30.82
aṅguṣṭhamātramamalamāvaraṇaṃ jahihi he mahāsūkṣma |
āryyāvākyamidaṃ ṣaḍbhiḥ padairdaśamamucyate || 82 ||
„Gib die daumengroße reine Hülle auf, überaus Feiner!“ Dies wird als zehnter Arya-Satz mit sechs Wörtern bezeichnet.
30.83
alaṃ dviriti sūkṣmaṃ cetyevaṃ śrīmukuṭottare |
puruṣastvaṃ prakṛtimayairbaddho’haṅkāratantunā bandhaiḥ || 83 ||
Im ehrwürdigen Mukutottara steht zweimal „alam“ und „sūkṣmam“. „Du bist Purusha, durch die aus Prakriti bestehenden Bindungen am Ich-Faden gefesselt.
30.84
abhavābhava nityodita paramātmaṃstyaja sarāgamadhvānam |
etattrayodaśapadaṃ syādāryāvākyamuttamam || 84 ||
Nichtwerdender, Nichtwerdender, stets Aufgegangener, höchstes Selbst! Verlasse den von Leidenschaft geprägten Weltweg!“ Dies ist der vorzügliche Arya-Satz mit dreizehn Wörtern.
30.85
hrīṃhūṃmantraśarīramavilambamāśu tvamehi dehāntam |
āryārdhavākyametatsyād dvādaśaṃ ṣaṭpadaṃ param || 85 ||
„Gelange unverzüglich, rasch, zum Körperende, zum Mantra-Körper hrīṃ hūṃ!“ Dies ist der zwölfte halbe Arya-Satz mit sechs Wörtern.
30.86
tadidaṃ guṇabhūtamayaṃ tyaja sva ṣoṭkośikaṃ piṇḍam |
syāt trayodaśamāryārdhaṃ padaiḥ saptabhirīdṛśam || 86 ||
„Gib diese aus Gunas und Elementen bestehende eigene sechshüllige Körperballung auf!“ Dies ist der dreizehnte halbe Arya-Satz mit sieben Wörtern. [Die Vorlage hat „ṣoṭkośikaṃ“.]
30.87
mā dehaṃ bhūtamayaṃ pragṛhyatāṃ śāśvataṃ mahādeham |
āryārdhavākyaṃ tāvadbhiḥ padairetaccaturdaśam || 87 ||
„Nicht den elementhaften Körper – ergreife den ewigen großen Körper!“ Dies ist der vierzehnte halbe Arya-Satz mit ebenso vielen Wörtern.
30.88
maṇḍalamamalamanantaṃ tridhā sthitaṃ gaccha bhittvaitat |
āryārdhavākyamaṣṭābhiḥ padaiḥ pañcadaśaṃ tvidam || 88 ||
„Durchbrich dieses dreifach bestehende, reine, unendliche Mandala und gehe!“ Dies ist der fünfzehnte halbe Arya-Satz mit acht Wörtern.
30.89
sakaleyaṃ brahmavidyā syātpañcadaśabhiḥ sphuṭaiḥ |
vākyaiḥ pañcākṣaraistvasyā niṣkalā parikīrtyate || 89 ||
Diese gegliederte Brahma-Vidya besteht aus fünfzehn deutlichen Sätzen. Ihre ungegliederte Form wird dagegen durch fünf Silben bezeichnet,
30.90
prativākyaṃ yayādyantayojitā paripaṭhyate |
tāro māyā vedakalo mātṛtāro navātmakaḥ || 90 ||
mit denen jeder Satz am Anfang und am Ende verbunden rezitiert wird: Tara, Maya, Vedakala, Matritara und Navatmaka.
30.91
iti pañcākṣarāṇi syuḥ proktavyāptyanusārataḥ |
binduprāṇāmṛtajalaṃ marutṣaṣṭhasvarānvitam || 91 ||
Dies sind die fünf Silben entsprechend der beschriebenen Durchdringung. Bindu, Prana, Nektar und Wasser, verbunden mit Wind und sechstem Vokal,
30.92
etena śaktyuccārasthabījenālabhyate paśuḥ |
kṛtadīkṣāvidhiḥ pūrvaṃ brahmaghno’pi viśuddhyati || 92 ||
bilden ein Bija, durch das bei der Shakti-Erhebung das gebundene Wesen erfasst wird. Nach zuvor vollzogener Einweihung wird selbst ein Brahmanentöter gereinigt.
30.93
laghutvena tulāśuddhiḥ sadyaḥpratyayakāriṇī |
tāraḥ śamarayaiḥ piṇḍo natiśca caturarṇakam || 93 ||
Die Waagenreinigung zeigt dies unmittelbar durch Leichtigkeit. Tara, eine Lautballung aus śa, ma, ra und ya sowie Verneigung bilden die vierteilige Folge.
30.94
śākinīstobhanaṃ marma hṛdayaṃ jīvitaṃ tvidam |
ṣaṣṭhaprāṇatrikūṭordhvabāhuśūlākhyabindubhiḥ || 94 ||
Dies ist das Erschüttern der Shakinis, ihre Lebensstelle, ihr Herz und Leben. Mit sechstem Vokal, Prana, drei Spitzen, erhobenem Arm, Dreizack und Bindu,
30.95
anackanāsādhovaktracandrakhaṇḍaiśca maṇḍitam |
hṛdayaṃ bhairavākhyaṃ tu sarvasaṃhārakārakam || 95 ||
ferner vokalloser Nase, unterem Mund und Halbmond geschmückt, ist es das Bhairava genannte Herz, das alles zurücknimmt.
30.96
agnimaṇḍalamadhyasthabhairavānalatāpitāḥ |
vaśamāyānti śākinyaḥ sthānametena ceddahet || 96 ||
Wenn man damit den Ort verbrennt, geraten die Shakinis unter Herrschaft, erhitzt durch das Bhairava-Feuer inmitten des Feuerkreises.
30.97
visarjayettāḥ prathamamanyathā cchidrayanti tāḥ |
hrīṃ klīṃ vleṃ kleṃ ebhirvarṇairdvādaśasvarabhūṣitaiḥ || 97 ||
Zuerst entlasse man sie; andernfalls suchen sie Schwachstellen. Mit hrīṃ, klīṃ, vleṃ und kleṃ, geschmückt mit zwölf Vokalen,
30.98
priyamelāpanaṃ nāma hṛdayaṃ sampuṭaṃ japet |
pratyekamathavā dvābhyāṃ sarvairvā vidhiruttamaḥ || 98 ||
rezitiere man das umschlossene Herz namens „liebevolle Begegnung“. Das vorzügliche Verfahren erfolgt einzeln, mit zweien oder mit allen.
30.99
tulāmelakayogaḥ śrītantrasadbhāvaśāsane |
ya uktaḥ śambhunāthena sa mayā darśitaḥ kramāt || 99 ||
So habe ich die Verbindung von Waage und Begegnung aus dem Tantrasadbhava, wie Shambhunatha sie lehrte, der Reihe nach dargestellt.
30.100
atha vittavihīnānāṃ prapannānāṃ ca tattvataḥ |
deśakālādidoṣeṇa na tathādhyavasāyinām || 100 ||
Nun folgt die für Mittellose und wahrhaft Hingebungsvolle bestimmte Einweihung, auch für jene, die wegen ungünstigen Ortes, Zeitpunkts und Ähnlichem nicht zu jenem aufwendigen Vollzug entschlossen sind.
30.101
prakartavyā yathā dīKṣā śrīsantatyāgamoditā |
kathyate hāṭakeśānapātālādhipacoditā || 101 ||
Sie ist im ehrwürdigen Santatyagama gelehrt und vom Unterweltherrscher Hatakeshana angeordnet.
30.102
śrīnātha ārya bhagavannetattritayaṃ hi kanda ādhāre |
varuṇo macchando bhagavatta iti trayamidaṃ hṛdaye || 102 ||
Shrinatha, Arya, Bhagavan: Diese Dreiheit steht im Kanda als Grundlage. Varuna, Macchanda, Bhagavat: Diese Dreiheit steht im Herzen.
30.103
dharmādivargasaṃjñāścatvāraḥ kaṇṭhadeśagāḥ pūjyāḥ |
hrīṃśrīṃpūrvāḥ sarve sambodhajuṣaśca pādaśabdāntāḥ || 103 ||
Die vier mit Dharma und weiteren Namen sind im Hals zu verehren, sämtlich mit hrīṃ und śrīṃ beginnend, in der Anrede und mit „pāda“ endend.
30.104
mūrdhatale vidyātrayamuktaṃ bhāvyatha mano’bhiyogena |
kusumairānandairvā bhāvanayā vāpi kevalayā || 104 ||
Am Scheitel sind die genannten drei Vidyas zu vergegenwärtigen. Durch geistige Sammlung, Blumen, Freuden oder allein durch Vergegenwärtigung
30.105
guruṇā tattvavidā kila śiṣyo yadi mokṣamātrakṛtahṛdayaḥ |
mokṣaikadānacaturā dīkṣā seyaṃ paropaniṣaduktā || 105 ||
vollzieht ein die Wirklichkeit kennender Guru diese nur Befreiung verleihende Einweihung für einen Schüler, dessen Herz allein auf Befreiung gerichtet ist; so lehrt die höchste Geheimunterweisung.
30.106
etaddīkṣādīkṣita etadvidyātrayaṃ smaran hṛdaye |
bāhyārcādi vinaiva hi vrajati paraṃ dhāma dehānte || 106 ||
Wer auf diese Weise eingeweiht ist und jene drei Vidyas im Herzen erinnert, gelangt am Körperende ohne äußere Verehrung zur höchsten Stätte.
30.107
praṇavo māyā bindurvarṇatrayamāditaḥ kuryāt |
padapañcakasya saṃbodhanayuktasyāgnidayitānte || 107 ||
Pranava, Maya und Bindu als drei Anfangslaute setze man vor die fünf Wörter in Anredeform; am Schluss steht die Geliebte des Feuers, svāhā.
30.108
siddhasādhani tatpūrvaṃ śabdabrahmasvarūpiṇi |
samastabandhaśabdena sahitaṃ ca nikṛntani || 108 ||
Zuerst „siddhasādhani“, dann „śabdabrahmasvarūpiṇi“; mit „samastabandha“ verbunden folgt „nikṛntani“;
30.109
bodhani śivasadbhāvajananyāmantritaṃ ca tat |
pañcāṣṭarandhratryaṣṭārṇakrameṇa padapañcakam || 109 ||
ferner „bodhani“ und die Anrede „śivasadbhāvajanani“: Dies sind fünf Wörter mit der Folge fünf, acht, neun, drei und acht Lauten.
30.110
khapañcārṇā parabrahmavidyeyaṃ mokṣadā śivā |
anuttarecche ghāntaśca satrayodaśasusvaraḥ || 110 ||
Diese fünfziglautige höchste Brahma-Vidya ist heilvoll und befreiend. Anuttara, Wille und der mit dem dreizehnten Vokal versehene letzte Laut der gha-Gruppe:
30.111
asya varṇatrayasyānte tvantaḥsthānāṃ catuṣṭayam |
vargādyaśvau tryasrabinduyuk pānto’rṇatrayādataḥ || 111 ||
Nach diesen drei Lauten folgen die vier Halbvokale, der erste Gruppenlaut und der Pferd-Laut, mit Dreieck und Bindu, dann der letzte Laut der pa-Gruppe nach drei Lauten. [Die Mantra-Codierung wird nicht aufgelöst.]
30.112
mahāhāṭakaśabdādyamīśvarītyarṇasaptakam |
āmantritaṃ kṣamasveti tryarṇaṃ pāpāntakāriṇi || 112 ||
Darauf die siebensilbige Anrede „mahāhāṭakeśvara“, das dreisilbige „kṣamasva“ und „pāpāntakāriṇi“
30.113
ṣaḍarṇaṃ pāpaśabdādivimohanipadaṃ tataḥ |
pāpaṃ hana dhuna dvirdvirdaśārṇaṃ padamīdṛśam || 113 ||
mit sechs Silben, dann das mit „pāpa“ beginnende Wort „vimohani“. „pāpaṃ hana hana dhuna dhuna“ bildet eine zehnlautige Folge.
30.114
pañcamyantaṃ ṣaḍarṇaṃ syādrudraśaktivaśāditi |
tata ekākṣaraṃ yattadvisargabrahma kīrtitam || 114 ||
„rudraśaktivaśāt“ im Ablativ hat sechs Silben. Darauf folgt jenes einsilbige, als Visarga-Brahman bezeichnete Prinzip;
30.115
tadanackatakāreṇa sahaikībhāvataḥ paṭhet |
randhrābdhivarṇā vidyeyaṃ dīkṣāvidyeti kīrtitā || 115 ||
man rezitiere es eins mit einem vokallosen ta. Diese neunundvierziglautige Vidya heißt Einweihungs-Vidya.
30.116
māyārṇañca pare brahme caturvidye padatrayam |
aṣṭārṇamatha pañcārṇaṃ yogadhāriṇisaṃjñitam || 116 ||
Maya-Laut, „pare brahme caturvidye“: drei Wörter mit acht Silben. Dann das fünfsilbige „yogadhāriṇi“;
30.117
ātmāntarātmaparamātmarūpaṃ ca padatrayam |
ekārāntaṃ bodhanasthaṃ daśārṇaṃ parikīrtitam || 117 ||
ferner die drei Ausdrücke für Selbst, inneres Selbst und höchstes Selbst, in der Anrede mit e endend und insgesamt zehnsilbig.
30.118
rudraśaktīti vedārṇaṃ syādrudradayite’tha me |
pāpaṃ dahadahetyeṣā dvādaśārṇā catuṣpadī || 118 ||
„rudraśakti“ hat vier Silben; dann „rudradayite me pāpaṃ daha daha“, diese zwölflautige Vierwortfolge.
30.119
saumye sadāśive yugmaṃ ṣaṭkaṃ bindviṣusāvahā |
sārdhavarṇacatuṣkaṃ tadityeṣā samayāpahā || 119 ||
„saumye sadāśive“ ist ein sechssilbiges Paar; darauf eine aus Bindu, Pfeil und „sāvahā“ gebildete Folge von viereinhalb Lauten: Dies ist die Vidya, die Verpflichtungsverfehlungen aufhebt.
30.120
vidyā sārdhārṇakhaśarasaṃkhyā sā pārameśvarī |
etadvidyātrayaṃ śrīmadbhūtirājo nyarūpayat || 120 ||
Diese Vidya des höchsten Herrn zählt fünfzigundeinhalb Laute. Diese drei Vidyas hat der ehrwürdige Bhutiraja erläutert,
30.121
yaḥ sākṣādabhajacchrīmāñśrīkaṇṭho mānuṣīṃ tanum |
atra vīryaṃ puraivoktaṃ sarvatrānusaredguruḥ || 121 ||
der als ehrwürdiger Shrikantha selbst einen menschlichen Körper angenommen hatte. Der Guru beachte überall die zuvor erklärte Wirkkraft,
30.122
arthabījapraveśāntaruccārādyanusārataḥ |
nahi tatkiṃcanāpyasti yatpurā na nirūpitam || 122 ||
entsprechend dem Eintritt in Sinn und Bija, der inneren Erhebung und den übrigen Verfahren. Denn nichts davon ist nicht bereits zuvor erklärt worden.
30.123
niṣphalā punaruktistu nāsmabhyaṃ jātu rocate |
ityevaṃ mantravidyādisvarūpamupavarṇitam || 123 ||
Fruchtlose Wiederholung gefällt uns niemals. So sind die Gestalten der Mantras, Vidyas und weiteren Formen dargestellt.
Prüfnotiz zu Ahnika 30: Alle 123 nummerierten Einträge der GRETIL-Fassung sind mit IAST und unmittelbar folgender deutscher Arbeitsübersetzung gespeichert. Die elektronische Transkription beruht laut Quellenkopf auf KSTS; eine durchgängige Kollation aller Druckseiten liegt nicht vor. Die bei der Überarbeitung kontrollierten Einzelstellen und Kommentarerläuterungen sind direkt an den Versen belegt. Das Zeichen @ wurde als Avagraha (’) dargestellt. Besonderheiten der Versgestalt werden in der folgenden Lesungsnotiz festgehalten.
Ahnika 31 – Mandala, Dreizack und Lotus
31.1
atha maṇḍalasadbhāvaḥ saṃkṣepeṇābhidhīyate |
sādhayitvā diśaṃ pūrvāṃ sūtramāsphālayetsamam || 1 ||
Nun wird das Wesen des Mandalas kurz erklärt. Nachdem man Osten bestimmt hat, spanne man die Schnur gleichmäßig.
31.2
tadardhayitvā madhyaprākpratīcīṣvaṅkayetpunaḥ |
tato’pyardhatadardhārdhamānataḥ pūrvapaścimau || 2 ||
Man halbiere sie und markiere Mitte, Osten und Westen. Dann markiere man erneut nach dem Maß der Hälfte und deren weiterer Halbierung
31.3
aṅkayettāvatā dadyāt sūtreṇa bhramayugmakam |
matsyasandhidvayaṃ tvevaṃ dakṣiṇottarayorbhavet || 3 ||
Ost und West und ziehe mit der entsprechend langen Schnur zwei Kreisbögen. So entstehen im Süden und Norden zwei fischförmige Schnittfiguren.
31.4
tanmadhye pātayetsūtraṃ dakṣiṇottarasiddhaye |
yadi vā prākparāktulyasūtreṇottaradakṣiṇe || 4 ||
Durch ihre Mitte lege man die Schnur, um Süden und Norden zu bestimmen. Oder man markiere mit einer der Ost-West-Schnur gleichen Schnur Süden und Norden,
31.5
aṅkayedaparādaṅkāt pūrvādapi tathaiva te |
matsyamadhye kṣipetsūtramāyataṃ dakṣiṇottare || 5 ||
sowohl vom westlichen als auch vom östlichen Punkt aus, und lege die Schnur durch die Mitte der Fischfigur in Nord-Süd-Richtung.
31.6
matakṣetrārdhamānena madhyāddikṣvaṅkayettataḥ |
sūtrābhyāṃ digdvayotthābhyāṃ matsyaḥ syātpratikoṇagaḥ || 6 ||
Mit der halben gewünschten Feldgröße markiere man dann von der Mitte aus die Richtungen. Zwei von benachbarten Richtungen ausgehende Schnüre bilden in jeder Ecke eine Fischfigur.
31.7
matsyeṣu vedāḥ sūtrāṇītyevaṃ syāccaturasrakam |
ekasmātprabhṛti proktaṃ śatāntaṃ maṇḍalaṃ yataḥ || 7 ||
Durch diese lege man vier Schnüre; so entsteht das Quadrat. Da Mandalas von einem bis zu hundert beschrieben sind,
31.8
siddhātantre maṇḍalānāṃ śataṃ tatpīṭha ucyate |
yattanmadhyagataṃ mukhyaṃ maṇḍalānāṃ trayaṃ smṛtam || 8 ||
werden im Siddha-Tantra hundert Mandalas als ihr Sitz genannt. Die hauptsächlichen unter ihnen sind die drei in dessen Mitte:
31.9
madhyaśūlaṃ tritriśūlaṃ navaśūlamiti sphuṭam |
tatra śūlavidhānaṃ yaduktaṃ bhedairanantakaiḥ || 9 ||
der mittlere Dreizack, der dreifache Dreizack und der neunfache Dreizack. Die Dreizack-Anordnung besitzt unzählige beschriebene Unterschiede.
31.10
tadyoni maṇḍalaṃ brūmaḥ sadbhāvakramadarśitam |
vedāśrite caturhaste tribhāgaṃ sarvatastyajet || 10 ||
Nun erklären wir das Mandala, aus dem diese Formen hervorgehen, nach dem im Sadbhava gelehrten Verfahren. Bei einem vier Ellen großen Quadrat lasse man ringsum ein Drittel [des gesamten Seitenmaßes, auf die beiden gegenüberliegenden Ränder verteilt] frei.
31.11
bhāgaiḥ ṣoḍaśabhiḥ sarvaṃ tattatkṣetraṃ vibhājayet |
brahmasūtradvayasyātha madhyaṃ brahmapadaṃ sphuṭam || 11 ||
Das so verbleibende Feld teile man in jeder Richtung in sechzehn Abschnitte. Die Mitte der beiden Brahma-Schnüre ist der deutlich bestimmte Brahma-Platz.
Maßhinweis zu 31.10–11: Jayaratha setzt vier Hasta mit 96 Angula gleich. Das Drittel beträgt insgesamt 32 Angula je Achse, also 16 an jedem der gegenüberliegenden Ränder. Das verbleibende Innenquadrat misst 64 Angula je Seite; seine Unterteilung ergibt 16 × 16 Kästchen zu je vier Angula Seitenlänge. Die Passage über das gesamte Feld und die Torbereiche ist hiervon zu unterscheiden.[6]
31.12
kṛtvāvadhiṃ tato lakṣyaṃ caturthaṃ sūtramāditaḥ |
tatastiryagvrajet sūtraṃ caturthaṃ tadanantare || 12 ||
Von diesem Grenzpunkt aus bestimme man die vierte Schnur, vom Anfang gerechnet. Von dort führe man quer die vierte Schnur; im angrenzenden
31.13
koṣṭhe cendudvayaṃ kuryādbahirbhāgārdhabhāgataḥ |
tayorlagnaṃ brahmasūtrāttṛtīye marmaṇi sthitam || 13 ||
Kästchen zeichne man zwei Monde mit dem halben Maß des äußeren Abschnitts. Mit diesen verbunden, am dritten Knotenpunkt von der Brahma-Schnur,
31.14
koṣṭhakārdhe’paraṃ ceti yugmamantarmukhaṃ bhavet |
brahmasūtrāddvitīyasmin haste marmaṇi niścalam || 14 ||
zeichne man in einem halben Kästchen einen weiteren [Mond]; so entsteht ein nach innen gerichtetes Paar. Vom Brahma-Faden aus am zweiten Schnittpunkt die Hand unbeweglich haltend,
31.15
kṛtvā pūrṇenduyugalaṃ vartayeta vicakṣaṇaḥ |
brahmasūtragatāt ṣaṣṭhāt tiryagbhāgāttṛtīyake || 15 ||
zeichne der Kundige ein Vollmondpaar. Vom sechsten Abschnitt an der Brahma-Schnur aus, im dritten querliegenden Abschnitt,
31.16
kṛtvārdhakoṣṭhake sūtraṃ pūrṇacandrāgralambitam |
bhramayedunmukhaṃ khaṇḍacandrayugvahnibhāgagam || 16 ||
setze man die Schnur in einem halben Kästchen an, von der Spitze des Vollmondes ausgehend, und schlage einen nach oben gerichteten, mit einer Mondsichel verbundenen Bogen bis zum dritten Abschnitt.
Konstruktionshinweis zu 31.14–16: Nach Jayaratha wird die linke Hand am zweiten Schnittpunkt festgehalten. Er unterscheidet außerdem den sechsten Abschnitt von der siebten Begrenzungsschnur. Die Angabe mit Feuer bezeichnet die Zahl drei; die Mondsichelverbindung ist kein zusätzliches Mondsichelpaar.[7]
31.17
tiryagbhāgadvayaṃ tyaktvā khaṇḍendoḥ paścimāttataḥ |
koṇaṃ yāvattathā syācca kuryāt khaṇḍaṃ bhramadvayam || 17 ||
Vom westlichen Halbmond aus lasse man zwei Querabschnitte frei und ziehe bis zur Ecke zwei Teilkreisbögen.
31.18
sutīkṣṇakuṭilāgraṃ tadekaṃ śṛṅgaṃ prajāyate |
dvitīyasminnapi proktaḥ śṛṅga eṣa vidhiḥ sphuṭaḥ || 18 ||
So entsteht eine Zacke mit sehr scharfer, gebogener Spitze. Dasselbe Verfahren gilt ausdrücklich auch für die zweite Zacke.
31.19
madhyaśṛṅge’tha kartavye tṛtīye ūrdhvakoṣṭhake |
caturthārdhe ca candrārdhadvayamantarmukhaṃ bhavet || 19 ||
Für die mittlere Zacke zeichne man im dritten oberen Kästchen und in der Hälfte des vierten zwei nach innen gerichtete Halbmonde,
31.20
tacca pūrṇendumekaṃ prāgvartitaṃ prāpnuyādyathā |
anyonyagranthiyogena baddhāratvaṃ prajāyate || 20 ||
so dass jeder jeweils einen der zuvor gezeichneten Vollmonde erreicht. Durch die gegenseitige Verbindung an den Knoten entsteht eine verbundene Zackenform.
31.21
evaṃ dvitīyapārśve’sya khaṇḍendudvayavartanāt |
madhyābhyāṃ gaṇḍikā śliṣṭā parābhyāmagrato nayet || 21 ||
Ebenso zeichne man auf ihrer anderen Seite zwei Halbmonde. Durch die mittleren wird der Knoten verbunden; durch die äußeren führe man vorn
31.22
sūtraṃ pārśvadvaye yena tīkṣṇaṃ syānmadhyaśṛṅgagam |
pārśvadvayādhare paścādbrahmasūtraṃ dvitīyakam || 22 ||
auf beiden Seiten die Schnur, sodass die mittlere Zacke scharf wird. Danach ist unterhalb beider Seiten die zweite Brahma-Schnur
31.23
avadhānena saṃgrāhyamācāryeṇohavedinā |
bhavetpaścānmukho mantrī tasmiṃśca brahmasūtrake || 23 ||
vom kundigen Acharya aufmerksam aufzunehmen. Der Mantra-Praktizierende wende sich nach Westen; an dieser Brahma-Schnur
31.24
madhyaśṛṅgaṃ varjayitvā sarvaḥ pūrvodito vidhiḥ |
tato yadunmukhaṃ khaṇḍacandrayugmaṃ puroditam || 24 ||
wiederhole er das gesamte genannte Verfahren, außer der mittleren Zacke. Von dem zuvor beschriebenen aufwärtsgerichteten Halbmondpaar aus
31.25
tato dvayena kartavyā gaṇḍikāntaḥsusaṃgatā |
dvayenāgragasūtrābhyāṃ madhyaśṛṅgadvayaṃ bhavet || 25 ||
fertige man mit zweien einen innen gut verbundenen Knoten. Mit den beiden nach vorn geführten Schnüren entsteht ein mittleres Zackenpaar.
31.26
adho bhāgavivṛddhyāsya padmaṃ vṛttacatuṣṭayam |
tataścakraṃ ṣoḍaśāraṃ dvādaśāraṃ dvidhātha tat || 26 ||
Durch Erweiterung des unteren Abschnitts zeichne man einen Lotus mit vier Kreisen; ferner einen sechzehn- oder zwölfspeichigen Kreis beziehungsweise einen mit der doppelten [Zwölfer-]Zahl.
31.27
madhye kuleśvarīsthānaṃ vyoma vā tilakaṃ ca vā |
padmaṃ vātha ṣaḍaraṃ vā viyaddvādaśakaṃ ca vā || 27 ||
In der Mitte liegt Kuleshvaris Stätte: ein Raumfeld, ein Punkt, ein Lotus, eine sechsspeichige Form oder eine Zwölfergruppe von Raumfeldern.
Formhinweis zu 31.26–27: Der Kommentar erläutert die doppelte Zwölferzahl als 24 Speichen und die mittlere Tilaka-Form als bloßen Punkt.[8]
31.28
tritriśūle’tra saptāre śliṣṭamātreṇa madhyataḥ |
padmānāmatha cakrāṇāṃ vyomnāṃ vā saptakaṃ bhavet || 28 ||
Bei diesem dreifachen Dreizack mit sieben Spitzen entsteht, durch bloße Verbindung von der Mitte aus, eine Siebenergruppe von Lotussen, Kreisen oder Raumfeldern,
31.29
miśritaṃ vātha saṃkīrṇaṃ samāsavyāsabhedataḥ |
tataḥ kṣetrārdhamānena kṣetraṃ tatrādhikaṃ kṣipet || 29 ||
oder eine gemischte beziehungsweise ineinander verschränkte Form, zusammengefasst oder entfaltet. Dann füge man ein Feld von halber Größe hinzu.
31.30
tatra daṇḍaḥ smṛto bhāgaḥ ṣaḍarāmalasārakaḥ |
sutīkṣṇāgraḥ suraktābhaḥ kṣaṇādāveśakārakaḥ || 30 ||
Dort gilt ein Abschnitt als Stab, mit einem sechsspeichigen Amalasaraka-Knauf, sehr scharf zugespitzt und leuchtend rot; er bewirkt augenblicklich Ergriffenheit.
31.31
yā sā kuṇḍalinī devī taraṅgākhyā mahormiṇī |
sā ṣaḍaśreṇa kandākhye sthitā ṣaḍdevatātmikā || 31 ||
Die Göttin Kundalini, die „Welle“ heißt und große Wogen besitzt, steht sechseckig im Kanda und besteht aus sechs Gottheiten.
31.32
aṣṭabhāgaiśca vistīrṇo dīrghaścāpi tadardhataḥ |
tato dvārāṇi kāryāṇi citravartanayā kramāt || 32 ||
[Der Knauf] ist acht Finger breit und halb so lang. Danach sind der Reihe nach Tore in vielfältiger Zeichnung anzulegen,
Maßhinweis: Der Kommentar bezieht die Angabe auf den Amalasaraka-Knauf und erklärt die acht Teile hier ausdrücklich als acht Angula, die Länge als vier Angula. Gemeint sind daher keine acht Rasterkästchen.[9]
31.33
vedāśrāyatarūpāṇi yadivā vṛttamātrataḥ |
spaṣṭaśṛṅgamatho kuryādyadivā vaiparītyataḥ || 33 ||
viereckig und länglich oder nur rund. Man zeichne die Zacken deutlich oder in umgekehrter Ausrichtung.
31.34
unmukhaṃ candrayugmaṃ vā bhaṅktvā kuryāccatuṣṭayam |
kuṭilo madhyataḥ spaṣṭo’dhomukhaḥ pārśvagaḥ sthitaḥ || 34 ||
Oder man teile das aufwärtsgerichtete Mondpaar zu einer Vierergruppe. Gekrümmt, mittig deutlich, abwärtsgerichtet, seitlich stehend,
31.35
uttāno’rdho’samaḥ pūrṇaḥ śliṣṭo granthigatastathā |
candrasyetthaṃ dvādaśadhā vartanā bhramabhedinī || 35 ||
aufwärtsliegend, halb, ungleich, voll, verbunden und verknotet: So besitzt die Mondzeichnung zwölf durch ihre Kurven unterschiedene Formen.
31.36
antarbahirmukhatvena sā punardvividhā matā |
tadbhedānmaṇḍalānāṃ syādasaṅkhyo bhedavistaraḥ || 36 ||
Durch Innen- und Außenrichtung werden diese wiederum zweifach. Daraus ergeben sich unzählige Mandala-Unterschiede.
31.37
pīṭhavīthībahiarbhūmikaṇṭhakarṇakapolataḥ |
śobhopaśobhāsaṃbhedādguṇarekhāvikalpataḥ || 37 ||
Durch Unterschiede von Sitz, Umgang, Außenfläche, Hals, Ohren und Wangen, von Haupt- und Nebenzierden sowie durch Varianten der Schnur- und Linienführung
31.38
svastikadvitayādyaṣṭatayāparyantabhedataḥ |
bhāvābhāvavikalpena maṇḍalānāmanantatā || 38 ||
und durch zwei bis acht Svastikas, mit oder ohne die einzelnen Bestandteile, werden die Mandalas unendlich vielfältig.
31.39
tato rajāṃsi deyāni yathāśobhānusārataḥ |
sindūraṃ rājavartaṃ ca khaṭikā ca sitottamā || 39 ||
Danach trage man die Farbpulver entsprechend der Schönheit auf. Zinnober, Lapislazuli und vorzügliche weiße Kreide
31.40
uttamāni rajāṃsīha devatātrayayogataḥ |
parā candrasamaprakhyā raktā devī parāparā || 40 ||
sind hier die besten Pulver aufgrund ihrer Beziehung zur Göttinnendreiheit. Para leuchtet wie der Mond; die Göttin Parapara ist rot.
31.41
aparā sā parā kālī bhīṣaṇā caṇḍayoginī |
dṛṣṭvaitanmaṇḍalaṃ devyaḥ sarvā nṛtyanti sarvadā || 41 ||
Apara ist die höchste Kali, die furchtbare wilde Yogini. Wenn die Göttinnen dieses Mandala sehen, tanzen sie alle beständig.
31.42
anarcite’pyadīkṣeṇa dṛṣṭe dīkṣyeta mātṛbhiḥ |
kiṃvātibahunoktena tritriśūlārasaptakāḥ || 42 ||
Selbst wenn ein Uneingeweihter es sieht, ohne dass es verehrt worden ist, wird er von den Müttern eingeweiht. Was bedarf es vieler Worte? Die sieben Zacken der dreifachen Dreizack-Anordnung
31.43
śūlayāgāḥ ṣaṭ sahasrāṇyevaṃ sārdhaśatadvayam |
yā sā devī parā śaktiḥ prāṇavāhā vyavasthitā || 43 ||
ergeben auf diese Weise sechstausend Dreizack-Opferformen aus zweihundertfünfzig [Grundformen]. Jene Göttin, die höchste Shakti, die als Trägerin des Prana besteht,
Zahlenhinweis: Jayaratha rechnet 250 Grundformen × 24 Varianten = 6000. Die bisherige Addition zu 6250 war falsch.[10]
31.44
viśvāntaḥ kuṇḍalākārā sā sākṣādatra vartitā |
tattvāni tattvadevyaśca viśvamasminpratiṣṭhitam || 44 ||
ist im Weltinneren geringelt und wird hier unmittelbar gezeichnet. Die Tattvas, ihre Göttinnen und die gesamte Welt sind darin gegründet.
31.45
atrordhve tantumātreṇa tisraḥ śūlāragāḥ sthitāḥ |
āsanatvena cecchādyā bhogamokṣaprasādhikāḥ || 45 ||
Oben stehen die drei auf den Dreizackspitzen, nur durch eine Fadenlinie verbunden; Wille und die weiteren Kräfte bilden ihre Sitze und ermöglichen Erfahrung und Befreiung.
31.46
tāstu mokṣaikakāmasya śūlārāviddhamadhyakāḥ |
tasmādenaṃ mahāyāgaṃ mahāvibhavavistaraiḥ || 46 ||
Für den ausschließlich Befreiung Suchenden sind ihre Mitten jedoch von den Dreizackspitzen durchdrungen. Deshalb verehre der Verständige dieses große Opfer mit reichen Darbringungen,
31.47
pūjayedbhūtikāmo vā mokṣakāmo’pivā budhaḥ |
asya darśanamātreṇa bhūtavetālaguhyakāḥ || 47 ||
ob er Wohlergehen oder Befreiung wünscht. Schon bei seinem Anblick fliehen Bhutas, Vetalas und Guhyakas
31.48
palāyante daśa diśaḥ śivaḥ sākṣātprasīdati |
mandaśaktibalāviddho’pyetanmaṇḍalapūjanāt || 48 ||
in die zehn Richtungen, und Shiva selbst wird gnädig. Selbst einer, der nur von schwacher Shakti berührt ist, erlangt durch beständige Verehrung dieses Mandalas
31.49
satataṃ māsaṣaṭkena trikajñānaṃ samaśnute |
yatprāpya heyopādeyaṃ svayameva vicārya saḥ || 49 ||
binnen sechs Monaten Trika-Erkenntnis. Nachdem er diese erreicht hat, unterscheidet er selbst das Aufzugebende und Anzunehmende
31.50
dehānte syādbhairavātmā siddhikāmo’tha siddhyati |
maṇḍalasyāsya yo vyāptiṃ devatānyāsameva ca || 50 ||
und wird am Körperende Bhairava; der Vollendung Suchende wird vollendet. Wer die Durchdringung dieses Mandalas, die Gottheiteneinsetzung
31.51
vartanāṃ ca vijānāti sa gurustrikaśāsane |
tasya pādarajo mūrdhni dhāryaṃ śivasamīhinā || 51 ||
und seine Zeichnung kennt, ist Guru im Trika. Wer Shiva ersehnt, trage den Staub seiner Füße auf dem Haupt.
31.52
atra sṛṣṭisthitidhvaṃsān kramāt trīnapi pūjayet |
turyaṃ tu madhyato yadvā sarveṣu paripūrakam || 52 ||
Hier verehre man der Reihe nach Schöpfung, Bestand und Rücknahme; das Vierte dagegen in der Mitte oder als Erfüllung aller.
31.53
catustriśūlaṃ vā guptadaṇḍaṃ yāgaṃ samācaret |
tatra tat pūjayetsamyak sphuṭaṃ kramacatuṣṭayam || 53 ||
Oder man vollziehe ein Opfer mit vier Dreizacken und verborgenem Stab und verehre darin vollständig die vier Abfolgen.
31.54
ityetatkathitaṃ gupte ṣaḍardhahṛdaye pare |
ṣaṭke proktaṃ sūcitaṃ śrīsiddhayogīśvarīmate || 54 ||
Dies wurde im geheimen höchsten Herzen des Trika erklärt, im Shatka gelehrt und im ehrwürdigen Siddhayogishvarimata angedeutet.
31.55
agrataḥ sūtrayitvā tu maṇḍalaṃ sarvakāmadam |
mahāśūlasamopetaṃ padmacakrādibhūṣitam || 55 ||
Zuerst zeichne man mit der Schnur das alle Wünsche gewährende Mandala, mit großem Dreizack und mit Lotussen, Kreisen und anderem geschmückt.
31.56
dvāre dvāre likhecchūlaṃ varjayitvā tu paścimam |
koṇeṣvapica vā kāryaṃ mahāśūlaṃ drumānvitam || 56 ||
An jedes Tor außer dem westlichen zeichne man einen Dreizack; oder in die Ecken einen großen Dreizack mit Baum.
31.57
amṛtāmbhobhavārīṇāṃ śūlāgre tu trikaṃ trikam |
śūla itthaṃ prakartavyamaṣṭadhā tat tridhāpivā || 57 ||
An den Dreizackspitzen stehe jeweils eine Dreiheit von Lotussen. So ist diese Dreizack-Anordnung achtfach oder auch dreifach auszuführen.
Übersetzungshinweis: Jayaratha erklärt den dichterischen Ausdruck als Bezeichnung der Lotusse. Die frühere Aufteilung in „Nektar, Wassergeborenes und Speichen“ war falsch.[11]
31.58
evaṃ saṃsūcitaṃ divyaṃ khecarīṇāṃ puraṃ tviti |
sthānāntare’pi kathitaṃ śrīsiddhātantraśāsane || 58 ||
So wird die göttliche Stadt der Khecharis angedeutet; auch an anderer Stelle im ehrwürdigen Siddha-Tantra ist dies erklärt.
31.59
kajaṃ madhye tadardhena śūlaśṛṅgāṇi tāni tu |
śūlāṅkaṃ maṇḍalaṃ kalpyaṃ kamalāṅkaṃ ca pūraṇe || 59 ||
Ein Lotus liegt in der Mitte, mit seinem halben Maß die Dreizackspitzen. Man entwerfe ein dreizackgezeichnetes Mandala und bei der Ausfüllung ein lotusgezeichnetes.
31.60
atha śūlābjavinyāsaḥ śrīpūrve triśiromate |
siddhātantre trikakule devyāyāmalamālayoḥ || 60 ||
Nun wird die Dreizack-Lotus-Anordnung, wie sie im ehrwürdigen Purva, Trishiras, Siddha-Tantra, Trikakula, Devyayamala und Ratnamala,
31.61
yathoktaḥ sāraśāstre ca tantrasadbhāvaguhyayoḥ |
tathā pradarśyate spaṣṭaṃ yadyapyuktakramādgataḥ || 61 ||
im Sara-Tantra, Tantrasadbhava und Guhya gelehrt ist, ausdrücklich dargestellt, obwohl sie sich bereits aus dem genannten Verfahren ergibt.
31.62
vedāśrite trihaste prāk pūrvamardha vibhājayet |
hastārdhaṃ sarvatastyaktvā pūrvodagyāmyadiggatam || 62 ||
Bei einem dreielligen Quadrat teile man zuerst die östliche Hälfte. Nach Freilassung einer halben Elle ringsum, im Osten, Norden und Süden,
31.63
tryaṅgulaiḥ koṣṭhakairūrdhvaistiryak cāṣṭadvidhātmakaiḥ |
dvau dvau bhāgau parityajya punardakṣiṇasaumyagau || 63 ||
zeichne man dreifingerbreite Kästchen, längs und quer, in einer achtfachen und zweifachen Anordnung. Im Süden und Norden lasse man jeweils zwei Abschnitte frei.
31.64
brahmaṇaḥ pārśvayorjīvāccaturthāt pūrvatastathā |
bhāgārdhabhāgamānaṃ tu khaṇḍacandradvayaṃ dvayam || 64 ||
Auf beiden Seiten der Brahma-Linie, ebenso östlich von der vierten Sehne, zeichne man jeweils zwei Halbmonde mit dem Maß eines halben Abschnitts.
31.65
tayorantastṛtīye tu dakṣiṇottarapārśvayoḥ |
jīve khaṇḍenduyugalaṃ kuryādantarbhramādbudhaḥ || 65 ||
Innerhalb beider, an der dritten Sehne im Süden und Norden, zeichne der Verständige ein nach innen gebogenes Halbmondpaar.
31.66
tayoraparamarmasthaṃ khaṇḍendudvayakoṭigam |
bahirmukhaṃ bhramaṃ kuryāt khaṇḍacandradvayaṃ dvayam || 66 ||
An deren anderem Schnittpunkt, an den Spitzen des Halbmondpaars, ziehe man jeweils zwei nach außen gerichtete Halbmonde.
31.67
tadvadbrahmaṇi kurvīta bhāgabhāgārdhasaṃmitam |
tato dvitīyabhāgānte brahmaṇaḥ pārśvayordvayoḥ || 67 ||
Ebenso verfahre man an der Brahma-Linie mit einem ganzen beziehungsweise halben Abschnitt. Am Ende des zweiten Abschnitts zu beiden Seiten der Brahma-Linie
31.68
dve rekhe pūrvage neye bhāgatryaṃśaśame budhaiḥ |
ekārdhendūrdhvakoṭisthaṃ brahmasūtrāgrasaṅgatam || 68 ||
führe man zwei Linien nach Osten, jeweils im Drittelmaß. An der oberen Spitze eines Halbmonds, mit der Spitze der Brahma-Schnur verbunden,
31.69
sūtradvayaṃ prakurvīta madhyaśṛṅgaprasiddhaye |
tadagrapārśvayorjīvāt sūtramekāntare dhṛtam || 69 ||
ziehe man zwei Schnüre zur Herstellung der mittleren Zacke. Zu beiden Seiten ihrer Spitze halte man die Schnur an einer dazwischenliegenden Sehne
31.70
ādidvitīyakhaṇḍendukoṇāt koṇāntamānayet |
tayorevāparājjīvāt prathamārdhendukoṇataḥ || 70 ||
und führe sie von der Ecke des ersten und zweiten Halbmonds zur anderen Ecke. Von der anderen Sehne derselben, von der ersten Halbmondecke,
31.71
tadvadeva nayetsūtraṃ śṛṅgadvitayasiddhaye |
kṣetrārdhe cāpare daṇḍo dvikaraśchannapañcakaḥ || 71 ||
führe man ebenso die Schnur zur Herstellung des Zackenpaars. In der anderen Feldhälfte liegt der zweiellige Stab mit fünf verdeckten Teilen.
31.72
ṣaḍvistṛtaṃ caturdīrghaṃ tadadho’malasārakam |
vedāṅgulaṃ ca tadadho mūlaṃ tīkṣṇāgramiṣyate || 72 ||
Darunter liegt ein sechs breiter und vier langer Amalasaraka-Knauf; darunter eine vier Finger lange, scharf zugespitzte Wurzel.
31.73
ādikṣetrasya kurvīta dikṣu dvāracatuṣṭayam |
hastāyāmaṃ tadardhaṃ vā vistārādapi tatsamam || 73 ||
An den vier Seiten des ursprünglichen Feldes errichte man vier Tore, eine Elle oder eine halbe Elle lang und ebenso breit.
31.74
dviguṇaṃ bāhyataḥ kuryāttataḥ padmaṃ yathā śṛṇu |
ekaikabhāgamānāni kuryādvṛttāni vedavat || 74 ||
Außen verdopple man das Maß. Höre nun die Lotus-Zeichnung: Man ziehe vier Kreise, jeder um einen Abschnitt größer.
31.75
dikṣvaṣṭau punarapyaṣṭau jīvasūtrāṇi ṣoḍaśa |
dvayordvayoḥ punarmadhye tatsaṃkhyātāni pātayet || 75 ||
In den Richtungen lege man acht und nochmals acht Sehnenschnüre, insgesamt sechzehn. Zwischen je zwei lege man ebenso viele weitere.
31.76
eṣāṃ tṛtīyavṛttasthaṃ pārśvajīvasamaṃ bhramam |
etadantaṃ prakurvīta tato jīvāgramānayet || 76 ||
Im dritten Kreis ziehe man einen Bogen, dessen Maß der seitlichen Sehne entspricht, bis zu dessen Ende; dann führe man die Sehnenspitze heran.
31.77
yatraiva kutracitsaṅgastatsaṃbandhe sthirīkṛte |
tatra kṛtvā nayenmantrī patrāgrāṇāṃ prasiddhaye || 77 ||
Wo die Verbindung entsteht, fixiere man sie und führe von dort die Schnur, um die Blattspitzen zu bilden.
31.78
ekaikasmindale kuryātkesarāṇāṃ trayaṃ trayam |
dviguṇāṣṭāṅgulaṃ kāryaṃ tadvacchṛṅgakajatrayam || 78 ||
Auf jedes Blatt zeichne man drei Staubfäden. Die drei Lotusse an den Spitzen werden ebenso mit sechzehn Fingerbreiten angelegt.
31.79
karṇikā pītavarṇena mūlamadhyāgrabhedataḥ |
sitaṃ raktaṃ tathā pītaṃ kāryaṃ kesarajālakam || 79 ||
Der Fruchtboden ist gelb; das Geflecht der Staubfäden ist an Wurzel, Mitte und Spitze weiß, rot und gelb.
31.80
dalāni śuklavarṇāni prativāraṇayā saha |
pīṭhaṃ tadvaccatuṣkoṇaṃ karṇikārdhasamaṃ bahiḥ || 80 ||
Die Blätter samt Umgrenzung sind weiß. Ebenso lege man außen einen viereckigen Sitz mit dem halben Maß des Fruchtbodens an.
31.81
sitaraktapītakṛṣṇaistatpādān vahnitaḥ kramāt |
caturbhirapi śṛṅgāṇi tribhirmaṇḍalamiṣyate || 81 ||
Seine Füße färbe man von Südosten an weiß, rot, gelb und schwarz. Die Spitzen erhalten alle vier Farben, die Kreise drei.
31.82
daṇḍaḥ syānnīlaraktena pītamāmalasārakam |
raktaṃ śūlaṃ prakurvīta yattatpūrvaṃ prakalpitam || 82 ||
Der Stab ist blau und rot, der Amalasaraka-Knauf gelb. Den zuvor entworfenen Dreizack färbe man rot.
31.83
paścāddvārasya pūrveṇa tyaktvāṅgulacatuṣṭayam |
dvāraṃ vedāśri vṛttaṃ vā saṃkīrṇaṃ vā vicitritam || 83 ||
Östlich des westlichen Tors lasse man vier Finger frei. Das Tor sei viereckig, rund oder gemischt und vielfältig gestaltet,
31.84
ekadvitripuraṃ tulyaṃ sāmudgamathavobhayam |
kapolakaṇṭhaśobhopaśobhādibahucitritam || 84 ||
mit einer, zwei oder drei Einfassungen, gleichmäßig, schachtelförmig oder beides, reich an Wangen-, Hals-, Haupt- und Nebenzierden,
31.85
vicitrākārasaṃsthānaṃ vallīsūkṣmagṛhānvitam |
śrīdevyāyāmale tūktaṃ kṣetre vedāśrite sati || 85 ||
von vielfältiger Gestalt, mit Ranken und kleinen Gebäuden. Im ehrwürdigen Devyayamala heißt es dagegen: Bei quadratischem Feld
31.86
ardhaṃ dvādaśadhā kṛtvā tiryagūrdhvaṃ ca tiryajam |
bhāgamekaṃ svapārśvordhvaṃ guruḥ samavatārayet || 86 ||
teile man die Hälfte längs und quer in zwölf Teile; einen Querabschnitt übertrage der Guru gleichmäßig seitwärts nach oben.
31.87
madhyasthaṃ taṃ tribhāgaṃ ca tadante bhramayedubhau |
bhāgamekaṃ parityajya tanmadhye bhramayetpunaḥ || 87 ||
Den mittleren teile man dreifach und ziehe an dessen Ende beide Bögen. Nach Freilassung eines Abschnitts ziehe man in dessen Mitte erneut einen Bogen.
31.88
tṛtīyāṃśordhvato bhrāmyamūrdhvāṃśaṃ yāvadantataḥ |
caturthāṃśāttadūrdhvaṃ tu ūrdhvādho yojayetpunaḥ || 88 ||
Vom dritten Teil aus kreise man nach oben bis zum oberen Abschnitt; vom vierten aus verbinde man weiter oben und unten.
31.89
tanmānādūrdhvamābhrāmya caturthena niyojayet |
ūrdhvādyojayate sūtraṃ brahmasūtrāvadhi kramāt || 89 ||
Von diesem Maß aus ziehe man einen oberen Bogen und verbinde ihn mit dem vierten. Von oben führe man die Schnur stufenweise bis zur Brahma-Schnur.
31.90
kramādvaipulyataḥ kṛtvā aṃśaṃ vai hrāsayet punaḥ |
ardhabhāgapramāṇastu daṇḍo dviguṇa iṣyate || 90 ||
Nachdem man schrittweise verbreitert hat, verkleinere man den Abschnitt wieder. Der Stab soll einen halben Abschnitt breit und doppelt so lang sein.
31.91
bhāgaṃ bhāgaṃ gṛhītvā tu ubhayoratha gocarāt |
bhrāmyaṃ pippalavat patraṃ vartanaiṣā tvadho bhavet || 91 ||
Von beiden Bereichen aus nehme man je einen Abschnitt und ziehe ein Blatt wie das des Pippala-Baums. Diese Zeichnung erfolgt nach unten.
31.92
ṣoḍaśāṃśe likhetpadmaṃ dvādaśāṅgulalopanāt |
tadūrdhvaṃ madhyabhāge tu vārijanma samālikhet || 92 ||
Im sechzehnten Teil zeichne man einen Lotus, nach Freilassung von zwölf Fingern. Darüber zeichne man im mittleren Bereich einen weiteren Lotus.
31.93
madhyaśṛṅgāvasāne tu tṛtīyaṃ vilikhettataḥ |
savyāsavye tathaiveha kaṭisthābje samālikhet || 93 ||
Am Ende der mittleren Zacke zeichne man einen dritten; ebenso rechts und links die an den Hüften stehenden Lotusse.
31.94
karṇikā pītalā raktapītaśuklaṃ ca kesaram |
dalāni padmabāhyasthā śuklā ca prativāraṇī || 94 ||
Der Fruchtboden ist gelb, die Staubfäden rot, gelb und weiß; weiß sind die Blätter und die äußere Lotusbegrenzung.
31.95
śūlaṃ kṛṣṇena rajasā brahmarekhā sitā punaḥ |
śūlāgraṃ jvālayā yuktaṃ śūladaṇḍastu pītalaḥ || 95 ||
Der Dreizack wird mit schwarzem Pulver gefärbt, die Brahma-Linie weiß. Die Dreizackspitze trägt eine Flamme; sein Stab ist gelb.
31.96
śūlamadhye ca yatpadmaṃ tatreśaṃ pūjayetsadā |
asyordhve tu parāṃ dakṣe’nyāṃ vāme cāparāṃ budhaḥ || 96 ||
Im Lotus inmitten des Dreizacks verehre man stets den Herrn; darüber Para, rechts die andere Göttin, links Apara.
31.97
yā sā kālāntakā devī parātītā vyavasthitā |
grasate śūlacakraṃ sā tvicchāmātreṇa sarvadā || 97 ||
Die Göttin Kalantaka, jenseits des Höchsten stehend, verschlingt stets allein durch ihren Willen den Dreizack-Kreis.
31.98
śāntirūpā kalā hyeṣā vidyārūpā parā bhavet |
aparā tu pratiṣṭhā syānnivṛttistu parāparā || 98 ||
Diese ist die Kala Shanti; Para ist Vidya, Apara Pratishtha und Parapara Nivritti.
31.99
bhairavaṃ daṇḍa ūrdhvasthaṃ rūpaṃ sādāśivātmakam |
catasraḥ śaktayastvasya sthūlāḥ sūkṣmāstvanekadhā || 99 ||
Am Stab verehre man Bhairava, darüber die aus Sadashiva bestehende Gestalt. Seine vier Shaktis sind die groben; die feinen sind vielfach.
31.100
eṣa yāgaḥ samākhyāto ḍāmarākhyastriśaktikaḥ |
atha traiśirase śūlābjavidhirdṛṣṭo’bhilikhyate || 100 ||
Dieses Opfer heißt Damara mit drei Shaktis. Nun wird das im Traishirasa gefundene Dreizack-Lotus-Verfahren niedergeschrieben.
31.101
vāmāmṛtādibhirmukhyaiḥ pavitraiḥ sumanoramaiḥ |
bhūmiṃ rajāṃsi karaṇīṃ khaṭikāṃ mūlato’rcayet || 101 ||
Mit hauptsächlichen, reinen und erfreulichen Stoffen wie Vama-Nektar verehre man von der Grundlage her Boden, Farbpulver, Zeichenwerkzeug und Kreide.
31.102
caturaśre caturhaste madhye śūlaṃ karatrayam |
caṇḍo dvihasta ūrdhvādhaḥpīṭhayugvipulastvasau || 102 ||
In einem vier Ellen großen Quadrat liege mittig ein drei Ellen großer Dreizack; der Stab ist zwei Ellen lang, oben und unten mit einem Sitz versehen, und seine Breite
Drucklesung: Die elektronische Fassung hat caṇḍo, die Druckausgabe hingegen daṇḍo („der Stab“). Die Übersetzung folgt hier der Drucklesung; die oben wiedergegebene elektronische Zeichenfolge bleibt zur Nachprüfbarkeit erhalten.[12]
31.103
vasvaṅgulaḥ prakartavyaḥ sūtratrayasamanvitaḥ |
dvādaśāṅgulamānena daṇḍamūle tu pīṭhikā || 103 ||
Er sei acht Finger breit und mit drei Schnüren versehen. An der Stabwurzel liege eine kleine Plattform von zwölf Fingern.
31.104
dairghyāttūcchrāyāccordhve ca caturaṅgulamānataḥ |
ūrdhve’pyucchrāyato vedāṅgulā dairghyāddaśāṅgulā || 104 ||
Diese wird nach Länge und Höhe, oben mit vier Fingern bemessen; die obere ist vier Finger hoch und zehn Finger lang.
31.105
śūlamūlagataṃ pīṭhīmadhyaṃ khābdhisamāṅgulam |
kṛtvā daṇḍaṃ triśūlaṃ tu tribhirbhāgaiḥ samantataḥ || 105 ||
Die Mitte der Plattform an der Dreizackwurzel messe vierzig Finger. Nachdem der Stab angelegt ist, teile man den Dreizack ringsum in drei Abschnitte,
31.106
aṣṭāṅgulapramāṇaiḥ syāddhastamātraṃ samantataḥ |
śūlāgraṃ śūlamadhyaṃ tacchūlamūlaṃ tu tadbhavet || 106 ||
jeweils acht Finger groß, sodass ringsum eine Elle entsteht. So ergeben sich Spitze, Mitte und Wurzel des Dreizacks.
31.107
vedī madhye prakartavyā ubhayośca ṣaḍaṅgulam |
dvādaśāṅguladīrghā tu ubhayoḥ pārśvayostathā || 107 ||
In der Mitte errichte man einen Altar, auf beiden Seiten sechs Finger breit und zwölf Finger lang.
31.108
caturaṅgulamucchrāyānmūle vedīṃ prakalpayet |
ubhayoḥ pārśvayoścaivamardhacandrākṛtiṃ tathā || 108 ||
An der Wurzel richte man ihn vier Finger hoch ein; auf beiden Seiten entsprechend in Halbmondform.
31.109
bhrāmayet khaṭikāsūtraṃ kaṭiṃ kuryāddviraṅgulām |
vaipulyāddairghyato devi caturaṅgulamānataḥ || 109 ||
Man führe die Kreideschnur im Bogen und zeichne eine Taille, zwei Finger breit und vier Finger lang, Göttin.
31.110
yādṛśaṃ dakṣiṇe bhāge vāme tadvatprakalpayet |
madhye śūlāgravaipulyādaṅgulaśca adhordhvataḥ || 110 ||
Wie auf der rechten Seite, so verfahre man links. In der Mitte sei gegenüber der Breite der Dreizackspitze je ein Finger nach oben und unten vorgesehen.
31.111
caturaṅgulamānena vaipulyāttu ṣaḍaṅgulā |
ucchrāyāttu tataḥ kāryā gaṇḍikā tu svarūpataḥ || 111 ||
Den Knauf gestalte man seiner Form entsprechend vier Finger breit und sechs Finger hoch.
31.112
pīṭhordhve tu prakartavyaṃ śūlamūlaṃ tu suvrate |
śūlāgramaṅgulaṃ kāryaṃ sutīkṣṇaṃ tu ṣaḍaṅgulam || 112 ||
Über dem Sitz lege man die Dreizackwurzel an, gute Gelübdehalterin. Die Dreizackspitze sei einen Finger breit und sechs Finger lang, sehr scharf.
31.113
arāmadhyaṃ prakartavyamarādhastu ṣaḍaṅgulam |
caturaṅgulanimnaṃ tu madhyaṃ tu parikalpayet || 113 ||
Die Mitte zwischen den Speichen und der Raum unter ihnen seien sechs Finger; die Mitte gestalte man vier Finger tief.
31.114
pūrvāparaṃ tadeveha madhye śūlaṃ tu tadbahiḥ |
kārayeta tribhiḥ sūtrairekaikaṃ vartayeta ca || 114 ||
So verfahre man vorne und hinten. In der Mitte liegt der Dreizack, außen wird er mit drei Schnüren einzeln umrissen.
31.115
kajatrayaṃ tu śūlāgraṃ vedāṃśairdvādaśāṅgulam |
kramāddakṣānyamadhyeṣu tryaṣṭadvādaśapatrakam || 115 ||
An den Dreizackspitzen zeichne man drei Lotusse von zwölf Fingern in vier Abschnitten: rechts, links und mittig mit drei, acht und zwölf Blättern.
31.116
cakratrayaṃ vātapuraṃ padmamaṣṭāṅgulārakam |
vidyābhikhyaṃ śūlamūle rajaḥ paścātprapātayet || 116 ||
Ferner drei Kreise und eine Windstadt; an der Dreizackwurzel den Vidya genannten Lotus mit acht Fingern [Durchmesser und acht Blättern]. Danach trage man die Farben auf.
Formhinweis: Jayaratha erklärt den Vidya-Lotus als acht Angula groß und achtblättrig. Die ältere Übersetzung „mit achtfingrigen Speichen“ verfehlte diese Erläuterung.[13]
31.117
triśūlaṃ daṇḍaparyantaṃ rājavartena pūrayet |
sūtratrayasya pṛṣṭhe tu śuklaṃ cārātrayaṃ bhavet || 117 ||
Den Dreizack bis zum Ende des Stabs fülle man mit Lapislazuli. Hinter den drei Schnüren seien die drei Spitzen weiß.
31.118
śuklena rajasā śūlamūle vidyāmbujaṃ bhavet |
raktaṃ raktāsitaṃ śuklaṃ kramādūrdhvāmbujatrayam || 118 ||
An der Dreizackwurzel sei der Vidya-Lotus weiß; die drei oberen Lotusse der Reihe nach rot, rot-schwarz und weiß.
31.119
śuklena vyomarekhā syāt sā sthaulyādaṅgulaṃ bahiḥ |
tāṃ tyaktvā vedikā kāryā hastamātraṃ pramāṇātaḥ || 119 ||
Die Raumlinie sei weiß und einen Finger dick. Außerhalb dieser Linie lege man eine Plattform im Maß von einer Elle an.
31.120
vaipulyatriguṇaṃ dairghyāt prākāraṃ caturaśrakam |
samantato’tha dikṣu syurdvārāṇi karamātrataḥ || 120 ||
[Man zeichne] eine quadratische Umfassung, in der Längenausdehnung das Dreifache des Breitenmaßes [messend]. Ringsum liegen in den Himmelsrichtungen Tore im Maß von einer Elle.
Offener Maßbezug: Der Druck bestätigt sowohl die quadratische Form als auch die Wendung vom dreifachen Breitenmaß. Welches Bezugsmaß die Länge hier bestimmt, wird in der konsultierten Erläuterung nicht eigens aufgelöst. Die frühere Behauptung, das gesamte Quadrat sei dreimal so lang wie breit, ist daher zurückgenommen. Die Klammerung in der Übersetzung ist keine geometrisch gesicherte Rekonstruktion.[14]
31.121
tridhā vibhajya kramaśo dvādaśāṅgulamānataḥ |
kaṇṭhaṃ kapolaṃ śobhāṃ tu upaśobhāṃ tadantataḥ || 121 ||
Man teile sie jeweils dreifach im Maß von zwölf Fingern: Hals, Wange, Hauptzier und daran anschließend Nebenzier.
31.122
prākāraṃ caturaśraṃ tu sabhūrekhāsamanvitam |
sitaraktapītakṛṣṇai rajobhiḥ kārayettataḥ || 122 ||
Die viereckige Einfassung samt Bodenlinien fertige man mit weißen, roten, gelben und schwarzen Pulvern.
31.123
raktai rajobhirmadhyaṃ tu yathāśobhaṃ tu pūrayet |
asyā vyāptau purā coktaṃ tatraivānusarecca tat || 123 ||
Die Mitte fülle man mit rotem Pulver entsprechend der Schönheit. Für die Durchdringung beachte man das zuvor Gesagte.
31.124
arātrayavibhāgastu praveśo nirgamo bhramaḥ |
anāhatapadavyāptiḥ kuṇḍalyā udayaḥ paraḥ || 124 ||
Die Dreiteilung der Spitzen bedeutet Eintritt, Austritt und Kreisen; ihre Durchdringung ist der ungeschlagene Zustand und der höchste Aufgang Kundalis.
31.125
hṛdi sthāne gatā devyastriśūlasya sumadhyame |
nābhisthaḥ śūladaṇḍastu śūlamūlaṃ hṛdi sthitam || 125 ||
Die Göttinnen stehen am Herzort in der genauen Mitte des Dreizacks. Der Dreizackstab steht am Nabel, seine Wurzel im Herzen.
31.126
śaktisthānagataṃ prāntaṃ prānte cakratrayaṃ smaret |
utkṣipyotkṣipya kalayā dehamadhyasvarūpataḥ || 126 ||
Das Ende liegt an der Shakti-Stätte; dort vergegenwärtige man die drei Kreise. Immer wieder durch die Kraft anhebend, aus der eigenen Körpermitte,
31.127
śūladaṇḍāntamadhyasthaśūlamadhyāntagocaram |
praviśenmūlamadhyāntaṃ prāntānte śaktiveśmani || 127 ||
trete man von Wurzel über Mitte bis Ende ein, durch das Stabende und die mittlere Dreizackspitze hindurch, zuletzt in das Haus der Shakti.
31.128
aspandakaraṇaṃ kṛtvā ekadā spandavartanam |
mūlamānandamāpīḍya śaktitrayapadaṃ viśet || 128 ||
Nachdem die Tätigkeit unbewegt gemacht und die Bewegung auf einmal gewendet ist, drücke man die Wonne an der Wurzel und trete in den Zustand der drei Shaktis ein.
31.129
tatra pūjyaṃ prayatnena jāyante sarvasiddhayaḥ |
samastādhvasamāyogāt ṣoḍhādhvavyāptibhāvataḥ || 129 ||
Dort verehre man sorgfältig; sämtliche Vollendungen entstehen durch die Verbindung mit allen Weltwegen und die Durchdringung des sechsfachen Weltweges.
31.130
samastamantracakrādyairevamādiprayatnataḥ |
ṣaṭtriṃśattattvaracitaṃ triśūlaṃ paribhāvayet || 130 ||
Mit sämtlichen Mantra-Kreisen und weiteren Entsprechungen vergegenwärtige man sorgfältig den aus sechsunddreißig Tattvas aufgebauten Dreizack.
31.131
viṣuvatsthena vinyāso mantrāṇāṃ maṇḍalottame |
kāryo’smin pūjite yatra sarveśvarapadaṃ bhajet || 131 ||
Bei ausgeglichenem Prana setze man die Mantras in dieses vorzügliche Mandala ein. Wird es verehrt, erlangt man den Zustand des Allherrn.
31.132
svastikenātha kartavyaṃ yuktaṃ tasyocyate vidhiḥ |
nāḍikāḥ sthāpayetpūrvaṃ muhūrtaṃ parimāṇataḥ || 132 ||
Nun ist [ein Mandala] mit einer Svastika anzulegen; dessen Verfahren wird erklärt. Zuerst spanne man dreißig Schnüre,
31.133
śakravāruṇadiksthāśca yāmyasaumyagatāstathā |
ekonatriṃśadvaṃśāḥ syurṛjutiryaggatāstathā || 133 ||
sowohl in Ost-West- als auch in Süd-Nord-Richtung. So entstehen jeweils neunundzwanzig Abschnitte in Längs- und Querrichtung.
31.134
aṣṭau marmaśatānyekacatvāriṃśacca jāyate |
vaṃśairviṣayasaṃkhyaiśca padmaṃ yugmendumaṇḍalam || 134 ||
Damit ergeben sich achthunderteinundvierzig Felder. Fünf Abschnitte sind für den Lotus und zwei für den Mondkreis [bestimmt].
Rasterhinweis zu 31.132–134: Der Kommentar erklärt die Zahlverschlüsselung als 30 Schnüre je Richtung. Sie begrenzen jeweils 29 Abschnitte, also 841 Felder. Die ältere Wiedergabe als 29 Linien und 841 Schnittpunkte war falsch. Die Lotusbreite von fünf Abschnitten und der Mondkreis mit zwei Abschnitten sind getrennte Angaben.[15]
31.135
rasasaṃkhyairbhavetpīṭhaṃ svastikaṃ sarvakāmadam |
vasusaṃkhyairdvāravīthāvevaṃ bhāgaparikramaḥ || 135 ||
Mit sechs Abschnitten entsteht der Sitz mit der alle Wünsche gewährenden Svastika; je acht sind für Tor und Umgang bestimmt. So lautet die Aufteilung des Feldes.
31.136
randhravipraśarāgnīṃśca lupyedbāhyāntaraṃ kramāt |
marmāṇi ca caturdikṣu madhyāddvāreṣu sundari || 136 ||
Von außen nach innen lösche man der Reihe nach neun, sieben, fünf und drei Felder an den Toren der vier Richtungen, jeweils von der Mitte aus, Schöne.
Zahlenhinweis: Jayaratha erklärt die hier mit Vipra bezeichnete Zahl ausdrücklich als sieben, nicht als zwei. Die Folge lautet 9, 7, 5, 3.[16]
31.137
vahnibhūtamunivyomabāhyagarbhe purīṣu ca |
lopayeccaiva marmāṇi antarnāḍivivarjitān || 137 ||
An den Stadtformen lösche man von außen nach innen die durch drei, fünf und sieben bezeichneten Felder und die Raumöffnungen aus; die inneren Linien sind davon ausgenommen.
31.138
dvāraprākārakoṇeṣu netrānalaśarānṛtūn |
nāḍayo brahmavaṃśasya lopyā netrādrasasthitāḥ || 138 ||
An den Ecken von Tor und Umfassung [entferne man die durch] zwei, drei, fünf und sechs [bezeichneten Abschnitte]. Vom zweiten Abschnitt an der Brahma-Achse aus sind die Linien von sechs Abschnitten zu löschen.
31.139
vahnernetrānalau lopyau vedānnetrayugaṃ rasāt |
netraṃ saumyagataṃ lopyaṃ pūrvādvedānalau rasāt || 139 ||
Vom dritten [Abschnitt] aus lösche man fünf, vom vierten aus vier und vom sechsten aus zwei. Auf der nördlichen Seite verfahre man ebenso, ausgehend von den zuvor genannten zweiten, vierten, dritten und sechsten [Abschnitten].
Koordinatenhinweis zu 31.138–139: Die Zahlen der Ausgangsabschnitte und die Anzahlen zu löschender Abschnitte sind zu unterscheiden: vom zweiten aus sechs, vom dritten aus fünf, vom vierten aus vier, vom sechsten aus zwei. Jayaratha ordnet auch die Angaben für die Gegenseite nach dem Sinnzusammenhang. Die räumliche Ausführung setzt die im Kommentar entwickelte Zeichnung voraus.[17]
31.140
lokasthā nāḍikā hitvā netrādvedāgnayaḥ kramāt |
śarairvahnigataṃ caiva yugaṃ netrāgnayo rasāt || 140 ||
lasse man die in den Welten stehenden Linien aus und entferne von zwei der Reihe nach vier und drei, ferner mit fünf das Feuerpaar sowie von sechs zwei und drei.
31.141
netrāt pūrvagatāccaiva sumerurdvārasaṃjñitaḥ |
svastikā ca purī ramyā caturdikṣu sthitāvubhau || 141 ||
Vom östlichen Zweierpunkt aus entsteht der Sumeru genannte Torbau; die schöne Svastika-Stadt und dieser stehen in den vier Richtungen.
31.142
marmaṇāṃ ca śate dve ca ṛṣibhirguṇitā diśaḥ |
netrādikāṃśca saṃmārjya mārgamadhyāt suśobhane || 142 ||
Zweihundert Felder und zehn mal sieben, ferner die beim zweiten beginnenden [Abschnitte], sind von der Mitte des Umgangs aus zu bereinigen, Schöne.
31.143
ṛṣitrayakṛte madhye viṣayaiḥ karṇikā bhavet |
netrīkṛtānvasūn patraṃ netraṃ sakṛdvibhājitam || 143 ||
In der in einundzwanzig Abschnitte geteilten Mitte entsteht aus fünf der Fruchtboden. Die zweimal acht [übrigen Abschnitte] dienen den Blättern. Der zweite Abschnitt wird einmal [durch eine weitere Linie] geteilt.
Zahlenhinweis zu 31.142–143: Der Kommentar bestimmt die erste Summe als 270 und den mittleren Bereich als in 21 Abschnitte geteilt. Verdoppelte acht ergibt 16, nicht acht Blätter mit doppelter Größe.[18]
31.144
vahniṃ vasugataṃ kṛtvā śaśāṅkasthāṃśca lopayet |
vahnīṣuṛṣimadhyācca lopyaṃ pīṭhendukāvadhi || 144 ||
Nachdem man drei bei acht angesetzt hat, entferne man die am Mondpunkt stehenden; aus der Mitte von drei, fünf und sieben lösche man bis zum Sitz-Mond.
31.145
brahmaṇo netraviṣayānnetrādvedānalau haret |
sāgare netrakaṃ lopyaṃ nāḍayaḥ pūrvadiggatāḥ || 145 ||
Von der Brahma-Linie entferne man zwei und fünf, von zwei vier und drei; bei vier entferne man zwei, ebenso die östlichen Linien.
31.146
bhūtanetragatānmūrdhnā netrāddvivahnidṛktrikāt |
saumyagāt pīṭhakoṇeṣu lopayeta caturṣvapi || 146 ||
An den vier Sitzecken entferne man die von fünf und zwei, von oben, von zwei, zweimal drei, zwei und drei im Norden bezeichneten Punkte.
31.147
dalāni kāryāṇi sitaiḥ kesaraṃ raktapītalaiḥ |
karṇikā kanakaprakhyā pallavāntāśca lohitāḥ || 147 ||
Die Blätter seien weiß, die Staubfäden rot und gelb, der Fruchtboden goldgleich und die Triebspitzen rot.
31.148
vyomarekhā tu susitā vartulābjāntanīlabhāḥ |
pīṭhaṃ rekhātrayopetaṃ sitalohitapītalam || 148 ||
Die Raumlinie sei reinweiß, der Zwischenraum am runden Lotus blau. Der Sitz trage drei Linien in Weiß, Rot und Gelb.
31.149
svastikāśca caturvarṇā agnerīśānagocarāḥ |
vīthī vidrumasaṃkāśā svadikṣvastrāṇi bāhyataḥ || 149 ||
Die Svastikas von Südosten bis Nordosten seien vierfarbig; der Umgang korallenrot. Außen liegen die Waffen in ihren jeweiligen Richtungen:
31.150
indranīlanibhaṃ vajraṃ śaktiṃ padmamaṇiprabhām |
daṇḍaṃ hāṭakasaṃkāśaṃ vaktraṃ tasyātilohitam || 150 ||
der Donnerkeil saphirgleich, die Lanze rubingleich, der Stab goldgleich und sein Ende tiefrot;
31.151
nīladyutisamaṃ khaḍgaṃ pāśaṃ vatsakasaprabham |
dhvajaṃ puṣpaphalopetaṃ pañcaraṅgaiśca śobhitam || 151 ||
das Schwert blau leuchtend, die Schlinge vatsakablütenfarben, das Banner mit Blüten und Früchten versehen und fünffarbig geschmückt;
31.152
gadā hemanibhātyugrā nānāratnavibhūṣitā |
śūlaṃ nīlāmbujasamaṃ jvaladvahnyugraśekharam || 152 ||
die mächtige Keule goldgleich und mit vielen Edelsteinen besetzt; der Dreizack wie ein blauer Lotus, mit furchtbar flammender Spitze.
31.153
tasyopari sitaṃ padmamīṣatpītāruṇaprabham |
cakraṃ hemanibhaṃ dīptamarā vaiḍūryasaṃnibhāḥ || 153 ||
Darüber liegt ein weißer Lotus mit leicht gelbrötlichem Schimmer. Das Rad leuchtet golden, seine Speichen gleichen Beryll.
31.154
arāmadhyaṃ supītaṃ ca bāhyaṃ jvālāruṇaṃ bhavet |
mandiraṃ devadevasya sarvakāmaphalapradam || 154 ||
Die Speichenzwischenräume seien kräftig gelb, das Äußere flammenrot. Dies ist das alle Wünsche erfüllende Haus des Gottes der Götter.
31.155
śrīsiddhāyāṃ śūlavidhiḥ prāk kṣetre caturaśrite |
hastamātraṃ tridhā sūryānnavakhaṇḍaṃ yathā bhavet || 155 ||
Im ehrwürdigen Siddha-Tantra lautet das Dreizack-Verfahren: In einem quadratischen Feld lasse man ringsum zwölf Finger frei und nehme ein drei Ellen großes Feld, das durch Teilung in Ellenmaße neun Felder ergibt.
Maßhinweis: Der Kommentar erläutert ein drei Hasta großes Innenfeld nach Freilassung von zwölf Angula ringsum. Die neun Hauptfelder haben jeweils ein Hasta Seitenlänge. Die frühere Übersetzung als insgesamt einelliges Quadrat war falsch.[19]
31.156
madhye śūlaṃ ca tatretthaṃ madhyabhāgaṃ tridhā bhajet |
navabhiḥ koṣṭhakairyuktaṃ tato’yaṃ vidhirucyate || 156 ||
In die Mitte kommt der Dreizack. Das mittlere Feld teile man in jeder Richtung dreifach, sodass es neun Kästchen umfasst. Dann wird das folgende Verfahren gelehrt:
31.157
madhyabhāgatrayaṃ tyaktvā madhye bhāgadvayasya tu |
adhastādbhrāmayetsūtraṃ śaśāṅkaśakalākṛti || 157 ||
Man lasse die drei mittleren Abschnitte frei und ziehe unterhalb der Mitte zweier Abschnitte mit der Schnur eine Mondsichel.
31.158
ubhayato bhrāmayettatra yathāgre hākṛtirbhavet |
koṭyāṃ tatra kṛtaṃ sūtraṃ nayedrekhāṃ tu pūrvikām || 158 ||
Auf beiden Seiten ziehe man den Bogen so, dass vorn eine ha-ähnliche Form entsteht. Die an der Spitze angesetzte Schnur führe zur östlichen Linie.
31.159
aparadvārapūrveṇa tyaktvāṅgulacatuṣṭayam |
rekhāṃ vināśayetprājño yathā śūlākṛtirbhavet || 159 ||
Östlich des westlichen Tors lasse man vier Finger frei und entferne die Linie so, dass die Dreizackgestalt entsteht.
31.160
śūlāgre tvardhahastena tyaktvā padmāni kārayet |
adhaḥ śṛṅgatrayaṃ hastamadhye padmaṃ sakarṇikam || 160 ||
An den Dreizackspitzen lasse man eine halbe Elle frei und zeichne Lotusse; unterhalb der drei Zacken, in der Ellenmitte, einen Lotus mit Fruchtboden.
31.161
mukhāgre dhārayetsūtraṃ tribhirhastaistu pātayet |
madhye cordhvaṃ tataḥ kuryādadhastādaṅguladvayam || 161 ||
An der vorderen Spitze halte man die Schnur und führe sie über drei Ellen. In der Mitte, oben und unten markiere man jeweils zwei Finger [Abstand].
Maßhinweis: Jayaratha verteilt die Angabe von zwei Angula auf drei Stellen der Stabzeichnung: oben, in der Mitte und unten. Sie bezeichnet nicht einen zusätzlichen Abschnitt unterhalb der drei Hasta langen Schnur.[20]
31.162
rekhādvayaṃ pātayeta yathā śūlaṃ bhavatyapi |
adhobhāgādibhiścordhvaṃ tatra rekhā prapadyate || 162 ||
Man ziehe zwei Linien, sodass der Dreizack entsteht. Von den unteren Abschnitten führt die Linie dann nach oben.
31.163
samīkṛtya tataḥ sūtre ūrdhve dve evameva tu |
madhyaṃ padmaṃ pratiṣṭhāpyaṃ śūlādhastādyaśasvini || 163 ||
Nach Ausrichtung der beiden Schnüre verfahre man ebenso mit zwei oberen. Der mittlere Lotus ist unter dem Dreizack einzusetzen, Ruhmreiche.
31.164
ityeṣa maṇḍalavidhiḥ kathitaḥ saṃkṣepayogato mahāgurubhiḥ /
Damit ist das Mandala-Verfahren nach der zusammenfassenden Darstellung der großen Lehrer erklärt.
Prüfnotiz zu Ahnika 31: Alle 164 nummerierten Einträge der GRETIL-Fassung sind mit IAST und unmittelbar folgender deutscher Arbeitsübersetzung gespeichert. Die elektronische Transkription beruht laut Quellenkopf auf KSTS; eine durchgängige Kollation aller Druckseiten liegt nicht vor. Die bei der Überarbeitung kontrollierten Einzelstellen und Kommentarerläuterungen sind direkt an den Versen belegt. Das Zeichen @ wurde als Avagraha (’) dargestellt. Besonderheiten der Versgestalt werden in der folgenden Lesungsnotiz festgehalten.
Ahnika 32 – Mudra und Khechari
32.1
atha kathaye mudrāṇāṃ gurvāgamagītamatra vidhim / 0b
mudrā ca pratibimbātmā śrīmaddevyākhyayāmale |
uktā bimbodayaśrutyā vācyadvayavivecanāt || 1 ||
Nun erkläre ich das von Gurus und Agamas gepriesene Mudra-Verfahren. Im ehrwürdigen Devyayamala heißt Mudra spiegelbildartig; der Ausdruck „Aufgang des Urbilds“ wird dabei in zwei Bedeutungen unterschieden.
32.2
bimbātsamudayo yasyā ityuktā pratibimbatā |
vimbasya yasyā udaya ityuktā tadupāyatā || 2 ||
„Sie entsteht aus dem Urbild“ bezeichnet ihren Spiegelbildcharakter. „Durch sie geht das Urbild auf“ bezeichnet ihre Eigenschaft als Mittel dazu.
32.3
mudaṃ svarūpalābhākhyaṃ dehadvāreṇa cātmanām |
rātyarpayati yattena mudrā śāstreṣu varṇitā || 3 ||
Weil sie durch den Körper den Wesen die Freude des Erlangens ihres eigenen Wesens schenkt und übermittelt, heißt sie in den Schriften Mudra.
32.4
tatra pradhānabhūtā śrīkhecarī devatātmikā |
niṣkalatvena vikhyātā sākalyena triśūlinī || 4 ||
Die hauptsächliche ist die göttliche Khechari. Als teilfrei ist sie bekannt; in gegliederter Gestalt heißt sie Trishulini.
32.5
karaṅkiṇī krodhanā ca bhairavī lelihānikā |
mahāpretā yogamudrā jvālinī kṣobhiṇī dhruvā || 5 ||
Karankini, Krodhana, Bhairavi, Lelihanika, Mahapreta, Yogamudra, Jvalini, Kshobhini und Dhruva:
32.6
ityevaṃbahubhedeyaṃ śrīkhecaryeva gīyate |
anyāstadaṅgabhūtāstu padmādyā mālinīmate || 6 ||
Unter diesen und vielen weiteren Unterscheidungen wird dieselbe Khechari gepriesen. Andere, etwa die Lotus-Mudra im Malini-Tantra, sind ihre Glieder.
32.7
tāsāṃ bahutvāmukhyatvayogābhyāṃ neha varṇanam |
śrīkhecarīsamāviṣṭo yadyatsthānaṃ samāśrayet || 7 ||
Weil sie zahlreich und nicht hauptsächlich sind, werden sie hier nicht beschrieben. Welche Stellung auch einer annimmt, der von der ehrwürdigen Khechari ergriffen ist,
32.8
devīsaṃnidhaye tatsyādalaṃ kiṃ ḍambarairvṛthā |
kāmye karmaṇi tāśca syurmukhyāḥ kasyāpi jātucit || 8 ||
sie genügt für die Gegenwart der Göttin. Wozu nutzloses Gepränge? Bei einem besonderen Wunschritus können jene anderen allerdings jeweils vorrangig sein.
32.9
mudrā caturvidhā kāyakaravākcittabhedataḥ || 9 ||
Mudra ist vierfach: körperlich, mit der Hand, sprachlich und geistig.
32.10
tatra pūrṇena rūpeṇa khecarīmeva varṇaye |
baddhvā padmāsanaṃ yogī nābhāvakṣeśvaraṃ kṣipet || 10 ||
Unter diesen beschreibe ich nun Khechari in ihrer vollständigen Gestalt. Der Yogi nehme den Lotussitz ein und richte den Herrn der Sinne, den Geist, auf den Nabel.
32.11
daṇḍākāraṃ tu taṃ tāvannayedyāvatkakhatrayam |
nigṛhya tatra tattūrṇaṃ prerayet khatrayeṇa tu || 11 ||
Er führe ihn in Gestalt eines Stabes bis zu den drei Öffnungen hinauf; dort halte er ihn an und treibe ihn dann rasch mittels der drei Räume weiter. [Die technische Raumfolge ist kommentargebunden; die fehlerverdächtige Quellenform „kakhatrayam“ wird nicht emendiert.]
Kommentarhinweis: Jayaratha unterscheidet zwei Dreiergruppen: Bindu, Nada und Brahmarandhra einerseits, Shakti, Vyapini und Samana andererseits. Die bisherige Übersetzung ließ diese Unterscheidung nicht erkennen.[21]
32.12
etāṃ baddhvā khe gatiḥ syāditi śrīpūrvaśāsane |
dhvanijyotirmarudyuktaṃ cittaṃ viśramya copari || 12 ||
Nach Bildung dieser Mudra entsteht Bewegung im Raum, so das ehrwürdige Purva. Man lasse den mit Klang, Licht und Lebenswind verbundenen Geist oben ruhen.
32.13
anenābhyāsayogena śivaṃ bhittvā paraṃ vrajet |
jatrvadhastātkarau kṛtvā vāmapādaṃ ca dakṣiṇe || 13 ||
Durch diese Übung durchdringe er Shiva und gelange zum Höchsten. Er lege die Hände unter den Hals und den linken Fuß auf den rechten. [Jayaratha bezieht „jatru“ hier auf den Hals.]
32.14
vidāryāsyaṃ kaniṣṭhābhyāṃ madhyamābhyāṃ tu nāsikām |
anāme kuñcayetprājño bhrūbhaṅgaṃ tarjanīdvayam || 14 ||
Mit den kleinen Fingern öffne man den Mund, mit den Mittelfingern die Nase; der Kundige krümme die Ringfinger und die beiden Zeigefinger an den Brauen.
32.15
jihvāṃ ca cālayenmantrī hāhākāraṃ ca kārayet |
triśūlena prayogeṇa brahmarandhramupasthitaḥ || 15 ||
Der Mantra-Praktizierende bewege die Zunge und erzeuge den Laut hāhā. Durch das Dreizack-Verfahren an der Brahman-Öffnung angekommen,
32.16
padaṃ santyajya tanmātraṃ sadyastyajati medinīm |
śūnyāśūnyalaye kṛtvā ekadaṇḍe’nilānalau || 16 ||
Er lasse diesen bloßen Zustand hinter sich und verlasse sogleich die Erde. Wind und Feuer bringe er in den einen Stab, in dem Leere und Nichtleere aufgehen,
32.17
śaktitritayasambaddhe adhiṣṭhātṛtridaivate |
triśūlaṃ tadvijānīyādyena vyomotpatedbudhaḥ || 17 ||
der mit den drei Kräften verbunden ist und unter der Herrschaft dreier Gottheiten steht. Dies erkenne der Verständige als den Dreizack, durch den er in den Raum aufsteigt.
32.18
ākāśabhāvaṃ santyajya sattāmātramupasthitaḥ |
śūlaṃ samarasaṃ kṛtvā rase rasa iva sthitaḥ || 18 ||
Den Zustand des Raums hinter sich lassend, im bloßen Sein gegründet, mache er den Dreizack ganz gleichförmig und verweile wie ein Saft, der mit einem anderen Saft eins geworden ist.
32.19
ekadaṇḍaṃ sa vijñāya triśūlaṃ khacaraṃ priye |
baddhvā tu khecarīṃ mudrāṃ dhyātvātmānaṃ ca bhairavam || 19 ||
Hat er, Geliebte, den raumwandelnden Dreizack als einen einzigen Stab erkannt, binde er die Khechari-Mudra und vergegenwärtige sich selbst als Bhairava,
32.20
khecarīcakrasaṃjuṣṭaṃ sadyastyajati medinīm |
tyaktāṃśako nirācāro niḥśaṅko lokavarjitaḥ || 20 ||
der vom Khechari-Kreis begleitet ist; so verlässt er sogleich die Erde. Die begrenzenden Anteile abgelegt, frei von vorgeschriebener Lebensführung, ohne Bedenken und von der Welt gelöst,
Kommentarhinweis zu 32.13–20: Jayaratha erläutert das „Verlassen der Erde“ als Aufgeben der Identifikation mit dem Körper und als Bewegung im Raum höchsten Bewusstseins. Die Bildsprache wird daher nicht einfach als Beschreibung körperlichen Fliegens verstanden. Seine Erläuterung zu 32.13 bezieht die Durchdringung auf die oberen drei Räume und das Erreichen des höchsten Shiva.[22] Vgl. außerdem KSTS XII, S. 311–313 (Kommentarzusammenhang).
32.21
avadhūto nirācāro nāhamasmīti bhāvayam |
mantraikaniṣṭhaḥ saṃpaśyan dehasthāḥ sarvadevatāḥ || 21 ||
als Avadhuta jenseits üblicher Lebensregeln, vergegenwärtigt er: „Ich bin kein abgesondertes Ich“, allein im Mantra gegründet, alle Gottheiten im Körper sehend.
32.22
hlādodvegāsmitākruṣṭanidrāmaithunamatsare |
rūpādau vā kartṛkarmakaraṇeṣu ca sarvaśaḥ || 22 ||
Bei Freude, Unruhe, Ichgefühl, Beschimpfung, Schlaf, sexueller Vereinigung und Neid, bei Form und anderen Sinnesgegenständen, bei Handelndem, Handlung und Werkzeug,
32.23
nāhamasmīti manvāna ekībhūtaṃ vicintayan |
karṇākṣimukhanāsādicakrasthaṃ devatāgaṇam || 23 ||
denke er: „Ich bin kein abgesondertes Ich“, und vergegenwärtige die Einheit des Gottheitenkreises in Ohr, Auge, Mund, Nase und den weiteren Kreisen.
32.24
grahītāraṃ sadā paśyan khecaryā siddhyati sphuṭam |
vidyāśaṅkī malāśaṅkī śāstraśaṅkī na siddhyati || 24 ||
Indem er stets diesen als Wahrnehmenden sieht, wird er durch Khechari vollendet. Wer an Vidya, Befleckung oder Schrift zweifelt, wird nicht vollendet.
32.25
śivo raviḥ śivo vahniḥ paktṛtvātsa purohitaḥ |
tatrasthā devatāḥ sarvā dyotayantyo’khilaṃ jagat || 25 ||
Shiva ist Sonne und Feuer; als Reifender ist er der vorangestellte Opferpriester. Alle dort gegenwärtigen Gottheiten erhellen die gesamte Welt.
32.26
kaniṣṭhayā vidāryāsyaṃ tarjanībhyāṃ bhruvau tathā |
anāme madhyame vaktre jihvayā tālukaṃ spṛśet || 26 ||
Mit dem kleinen Finger öffne man den Mund, mit den Zeigefingern die Brauen; Ring- und Mittelfinger kommen an den Mund, die Zunge berührt den Gaumen.
32.27
eṣā karaṅkiṇī devī jvālinīṃ śṛṇu sāṃpratam |
hanurlalāṭagau hastau prasāryāṅgulitaḥ sphuṭau || 27 ||
Dies ist die Göttin Karankini. Höre nun Jvalini: Die Hände an Kinn und Stirn spreize man mit deutlich ausgestreckten Fingern.
32.28
cālayedvāyuvegena kṛtvāntarbhrukuṭīṃ budhaḥ |
vidāryāsyaṃ sajihvaṃ ca hāhākāraṃ tu kārayet || 28 ||
Durch die Kraft des Atems bewege sie der Kundige, ziehe innerlich die Brauen zusammen, öffne Mund und Zunge und erzeuge hāhā.
32.29
eṣā jvālinyagnicakre tayā cāṣṭottaraṃ śatam |
japedyadi tataḥ siddhyettrailokyaṃ sacarācaram || 29 ||
Dies ist Jvalini im Feuerkreis. Rezitiert man damit hundertachtmal, werden die drei Welten mit ihren beweglichen und unbeweglichen Wesen zugänglich.
32.30
paradeheṣu cātmānaṃ paraṃ cātmaśarīrataḥ |
paśyeccarantaṃ hānādādgamāgamapadasthitam || 30 ||
Man sehe das eigene Selbst in fremden Körpern und das Höchste vom eigenen Körper aus sich bewegen, durch den hā-Klang im Kommen und Gehen gegründet,
32.31
navacchidragataṃ caikaṃ nadantaṃ vyāpakaṃ dhruvam |
anayā hi khacārī śrīyogasañcāra ucyate || 31 ||
als das Eine in den neun Öffnungen, klingend, allgegenwärtig und beständig. Durch diese Mudra wird man nach dem Yogasamcara raumwandelnd.
32.32
kulakuṇḍalikāṃ baddhvā aṇorantaravedinīm |
vāmo yo’yaṃ jagatyasmiṃstasya saṃharaṇodyatām || 32 ||
Man bilde die Kula-Kundalika, die das Innere des begrenzten Wesens durchdringt und bereit ist, das in dieser Welt entgegenwirkende Prinzip zurückzunehmen.
32.33
svasthāne nirvṛtiṃ labdhvā jñānāmṛtarasātmakam |
vrajetkandapadaṃ madhye rāvaṃ kṛtvā hyarāvakam || 33 ||
Nachdem man am eigenen Ort Ruhe gewonnen hat, gehe man zum mittleren Kanda-Zustand aus Erkenntnisnektar und mache den Klang klanglos.
32.34
yāvajjīvaṃ catuṣkoṇaṃ piṇḍādhāraṃ ca kāmikam |
tatra tāṃ bodhayitvā tu gatiṃ buddhvā kramāgatām || 34 ||
Im viereckigen, begehrensbezogenen Grund der Körperballung, solange Leben besteht, erwecke man sie und erkenne ihren schrittweise erfolgenden Weg.
32.35
cakrobhayanibaddhāṃ tu śākhāprāntāvalambinīm |
mūlasthānādyathā devi tamogranthiṃ vidārayet || 35 ||
Sie ist an beide Kreise gebunden und hängt an den Enden der Verzweigungen. Von der Wurzelstätte aus durchbreche man den Dunkelheitsknoten,
32.36
vajrākhyāṃ jñānajenaiva tathā śākhobhayāntataḥ |
koṇamadhyaviniṣkrāntaṃ liṅgamūlaṃ vibhedayet || 36 ||
die sogenannte Vajra, allein durch die aus Erkenntnis entstandene Kraft. Ebenso durchdringe man an den Enden beider Zweige die aus der Winkelmitte hervortretende Linga-Wurzel.
32.37
tatra saṅghaṭṭitaṃ cakrayugmamaikyena bhāsate |
vaiparītyāttu nikṣipya dvidhābhāvaṃ vrajatyataḥ || 37 ||
Dort leuchtet das zusammengebrachte Kreispaar als Einheit. Wird es umgekehrt eingesetzt, gelangt es wieder zur Zweiheit.
32.38
ūrvādyaṅguṣṭhakālāgniparyante sā vinikṣipet |
gamāgamanasañcāre caretsā liṅgaliṅginī || 38 ||
Sie wird in den Bereich von den Schenkeln über die großen Zehen bis zum Zeitfeuer gesetzt und bewegt sich im Kommen und Gehen als Zeichen und Zeichenträgerin.
32.39
tatra tatpadasaṃyogādunmīlanavidhāyinī |
yo jānāti sa siddhyettu rasādānavisargayoḥ || 39 ||
Durch die Verbindung mit jener Stätte bewirkt sie Öffnung. Wer dies beim Aufnehmen und Ausströmen des Saftes kennt, wird vollendet.
32.40
sasaṅgamamidaṃ sthānamūrmiṇyunmīlanaṃ param |
eṣa kramastato’nyo’pi vyutkramaḥ khecarī parā || 40 ||
Diese Stätte besitzt Begegnung und höchste Öffnung in der Wogenkraft. Dieses Verfahren und auch sein umgekehrter Ablauf sind höchste Khechari.
32.41
yonyādhāreti vikhyātā śūlamūleti śabdyate |
varṇāstatra layaṃ yānti hyavarṇe varṇarūpiṇi || 41 ||
Sie ist als Yoni-Grund bekannt und heißt Dreizackwurzel. Dort gehen die Laute im Lautlosen auf, das zugleich die Gestalt aller Laute besitzt.
32.42
nādiphāntaṃ samuccārya kauleśaṃ dehasaṃnibham |
ākramya prathamaṃ cakraṃ khe yantre pādapīḍitam || 42 ||
Man erhebe den mit na beginnenden und mit pha endenden, körpergleichen Kula-Herrn, betrete den ersten Kreis in der Raumvorrichtung, vom Fuß gedrückt,
32.43
nādaṃ vai śaktisadgarbhaṃ sadgarbhātkaulinīpadam |
bījapañcakacāreṇa śūlabhedakrameṇa tu || 43 ||
und führe Nada mit dem wahren Shakti-Kern aus diesem Kern in die Kaulini-Stätte, durch den Lauf der fünf Bijas und die stufenweise Durchdringung des Dreizacks.
32.44
hṛcchūlagranthibhedaiścidrudraśaktiṃ prabodhayet |
vāyucakrāntanilayaṃ bindvākhyaṃ nābhimaṇḍalam || 44 ||
Durch Durchbrechen der Herz- und Dreizackknoten erwecke man die bewusste Rudra-Shakti. Vom als Bindu bezeichneten Nabelkreis am Ende des Windkreises
32.45
āgacchellambikāsthānaṃ sūtradvādaśanirgatam |
candracakravilomena praviśedbhūtapañjare || 45 ||
komme man zur Stätte des Zäpfchens, aus den zwölf Fäden hervorgehend, und trete gegen den Mondkreis in den Käfig der Elemente ein.
32.46
bhūyastu kurute līlāṃ māyāpañjaravartinīm |
punaḥ sṛṣṭiḥ saṃhṛtiśca khecaryā kriyate budhaiḥ || 46 ||
Erneut vollzieht sie das Spiel im Maya-Käfig. Wieder und wieder werden Schöpfung und Rücknahme von Kundigen durch Khechari ausgeführt.
32.47
śrīmadvīrāvalīyoga eṣa syātkhecarīvidhiḥ |
cumbākāreṇa vaktreṇa yattattvaṃ śrūyate param || 47 ||
Dies ist das Khechari-Verfahren des ehrwürdigen Viravali-Yoga. Das höchste Prinzip, das durch einen kussförmigen Mund hörbar wird,
32.48
grasamānamidaṃ viśvaṃ candrārkapuṭasaṃpuṭe |
tenaiva syātkhagāmīti śrīmatkāmika ucyate || 48 ||
verschlingt diese Welt in der Einfassung von Mond und Sonne. Gerade dadurch wird man raumwandelnd, so das ehrwürdige Kamika.
32.49
bhavānmuktvā drāvayanti pāśānmudrā hi śaktayaḥ |
mukhyāsāṃ khecarī sā ca tridhoccāreṇa vācikī || 49 ||
Mudras sind Kräfte, die Geburten lösen und Bindungen zum Schmelzen bringen. Ihre hauptsächliche ist Khechari; als sprachliche besteht sie in dreifacher Erhebung.
32.50
triśiromudgaro devi kāyikī paripaṭhyate |
nāsāṃ netradvayaṃ cāpi hṛtstanadvayameva ca || 50 ||
Als körperliche heißt sie Trishiro-Mudgara, Göttin: Sie umfasst Nase und Augenpaar, Herz und Brüste,
32.51
vṛṣaṇadvayaliṅgaṃ ca prāpya kāyaṃ gatā tviyam |
bhavasthānābhavasthānamuccāreṇāvadhārayet || 51 ||
Hodenpaar und Linga und ist so im Körper gegenwärtig. Durch die Erhebung erkenne man die Stätte des Werdens und die des Nichtwerdens;
32.52
mānasīyamitastvanyāḥ padmādyā aṣṭa mudrikāḥ |
mātṛvyūhakule tāḥ syurasyāstu parivāragāḥ || 52 ||
dies ist ihre geistige Form. Die acht anderen Mudras von Lotus an gehören zu den Kulas der Muttergottheiten und bilden ihr Gefolge.
32.53
śarīraṃ tu samastaṃ yatkūṭākṣarasamākṛti |
eṣā mudrā mahāmudrā bhairavasyeti gahvare || 53 ||
Der ganze Körper in der Gestalt der Kuta-Silbe ist diese Mudra, Bhairavas große Mudra, so das Gahvara.
32.54
sūpaviṣṭaḥ padmake tu hastāgrāṅguliraśmibhiḥ |
parāṅmukhairjhaṭityudyadraśmibhiḥ pṛṣṭhasaṃsthitaiḥ || 54 ||
Gut im Lotussitz sitzend, halte man die Fingerstrahlen an den Handspitzen nach außen beziehungsweise rückwärts, plötzlich aufsteigend,
32.55
antaḥsthitiḥ khecarīyaṃ saṃkocākhyā śaśāṅkinī |
tasmādeva samuttambya bāhū caivāvakuñcitau || 55 ||
und verweile innerlich: Dies ist die zusammenziehende, mondartige Khechari. Von dort hebe man beide gebeugten Arme.
32.56
samyagvyomasu saṃsthānādvyomākhyā khecarī matā |
muṣṭidvitayasaṅghaṭṭāddhṛdi sā hṛdayāhvāyā || 56 ||
Durch richtiges Stehen in den Räumen heißt sie Raum-Khechari. Durch Zusammenbringen beider Fäuste am Herzen heißt sie Herz-Mudra.
32.57
śāntākhyā sā hastayugmamūrdhvādhaḥ sthitamudgatam |
samadṛṣṭyāvalokyaṃ ca bahiryojitapāṇikam || 57 ||
Die friedliche Form hält beide Hände oben und unten aufgestiegen; man betrachtet sie mit gleichmäßigem Blick, die Hände nach außen gerichtet.
32.58
eṣaiva śaktimudrā cedadhodhāvitapāṇikā |
daśānāmaṅgulīnāṃ tu muṣṭibandhādanantaram || 58 ||
Werden die Hände nach unten bewegt, ist dieselbe Shakti-Mudra. Nach dem Faustschluss sämtlicher zehn Finger
32.59
drākkṣepātkhecarī devī pañcakuṇḍalinī matā |
saṃhāramudrā caiṣaiva yadyūrdhvaṃ kṣipyate kila || 59 ||
und ihrem raschen Ausstrecken gilt die Göttin Khechari als fünfköpfige Kundalini. Werden sie nach oben ausgestreckt, ist dies die Rücknahme-Mudra,
32.60
utkrāmaṇī jhagityeva paśūnāṃ pāśakartarī |
śvabhre sudūre jhaṭiti svātmānaṃ pātayanniva || 60 ||
die rasch emporführende und die Bindungen der Wesen durchschneidende. Als ließe man sich plötzlich in eine sehr tiefe Grube fallen,
32.61
sāhasānupraveśena kuñcitaṃ hastayugmakam |
adhovīkṣaṇaśīlaṃ ca samyagdṛṣṭisamanvitam || 61 ||
trete man kühn ein, mit zusammengezogenen Händen und nach unten gerichtetem, gesammeltem Blick.
32.62
vīrabhairavasaṃjñeyaṃ khecarī bodhavardhinī |
aṣṭadhetthaṃ varṇitā śrībhargāṣṭakaśikhākule || 62 ||
Diese heißt Vira-Bhairava-Khechari und fördert das Erwachen. So wird sie achtfach im ehrwürdigen Bhargashtaka-Shikhakula beschrieben.
32.63
evaṃ nānāvidhānbhedānāśrityaikaiva yā sthitā |
śrīkhecarī tayāviṣṭaḥ paraṃ bījaṃ prapadyate || 63 ||
Wer von jener einen Khechari ergriffen wird, die unter all diesen unterschiedlichen Formen besteht, erlangt das höchste Bija.
32.64
ekaṃ sṛṣṭimayaṃ bījaṃ yadvīryaṃ sarvamantragam |
ekā mudrā khecarī ca mudraughaḥ prāṇito yayā || 64 ||
Ein einziges schöpferisches Bija ist die Wirkkraft sämtlicher Mantras; eine einzige Mudra, Khechari, belebt die ganze Mudra-Schar.
32.65
tadevaṃ khecarīcakrarūḍhau yadrūpamullaset |
tadeva mudrā mantavyā śeṣaḥ syāddehavikriyā || 65 ||
Daher gilt die Gestalt, die beim Gegründetsein im Khechari-Kreis aufleuchtet, als wirkliche Mudra. Alles Übrige ist körperliche Veränderung.
32.66
yāgādau tanmadhye tadavasitau jñānayogaparimarśe |
vighnapraśame pāśacchede mudrāvidheḥ samayaḥ || 66 ||
Zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Opfers, beim Gewahrsein von Erkenntnis und Yoga, beim Stillen von Hindernissen und Durchschneiden der Bindungen ist Zeit für Mudra.
32.67
bodhāveśaḥ sannidhiraikyena visarjanaṃ svarūpagatiḥ |
śaṅkādalanaṃ cakrodayadīptiriti kramātkṛtyam || 67 ||
Ihre Aufgaben sind der Reihe nach: Ergriffenheit durch Erwachen, Gegenwart, Entlassung in Einheit, Eintritt ins eigene Wesen, Zerschlagen des Zweifels und Entzünden des Kreisaufgangs.
32.68
iti mudrāvidhiḥ proktaḥ sugūḍho yaḥ phalapradaḥ /
Damit ist das tief verborgene, fruchtbringende Mudra-Verfahren erklärt.
Prüfnotiz zu Ahnika 32: Alle 68 nummerierten Einträge der GRETIL-Fassung sind mit IAST und unmittelbar folgender deutscher Arbeitsübersetzung gespeichert. Die elektronische Transkription beruht laut Quellenkopf auf KSTS; eine durchgängige Kollation aller Druckseiten liegt nicht vor. Die bei der Überarbeitung kontrollierten Einzelstellen und Kommentarerläuterungen sind direkt an den Versen belegt. Das Zeichen @ wurde als Avagraha (’) dargestellt. Besonderheiten der Versgestalt werden in der folgenden Lesungsnotiz festgehalten.
Ahnika 33 – Vereinigung der Gottheitenkreise
33.1
athāvasarasaṃprāpta ekīkāro nigadyate / 0b
yaduktaṃ cakrabhedena sārdhaṃ pūjyamiti trikam |
tatraiṣa cakrabhedānāmekīkāro diśānayā || 1 ||
Nun wird die an dieser Stelle anstehende Vereinigung erklärt. Zuvor hieß es, das Trika sei zusammen mit unterschiedlichen Kreisen zu verehren; deren Vereinigung erfolgt nach folgender Richtung.
33.2
viśvā tadīśā hāraudrī vīranetryambikā tathā |
gurvīti ṣaḍare devyaḥ śrīsiddhāvīradarśitāḥ || 2 ||
Vishva, ihre Herrin, Haraudri, Viranetri, Ambika und Gurvi sind die sechs Göttinnen des sechsspeichigen Kreises, wie im Siddhavira gezeigt. [Jayaratha erläutert „ihre Herrin“ als Vishveshvari und Viranetri als Viranayika.]
33.3
māheśī brāhmaṇī skāndī vaiṣṇavyaindrī yamātmikā |
cāmuṇḍā caiva yogīśītyaṣṭāghoryādayo’thavā || 3 ||
Maheshi, Brahmani, Skandi, Vaishnavi, Aindri, Yamatmika, Camunda und Yogishi bilden die Achtergruppe; oder die mit Aghori beginnenden.
33.4
agninirṛtivāyvīśamātṛbhirdvādaśānvitāḥ |
nandā bhadrā jayā kālī karālī vikṛtānanā || 4 ||
Mit den Müttern an Feuer-, Nirriti-, Wind- und Ishana-Ecke werden sie zwölf. Nanda, Bhadra, Jaya, Kali, Karali, Vikritanana,
33.5
kroṣṭukī bhīmamudrā ca vāyuvegā hayānanā |
gambhīrā ghoṣaṇī ceti caturviṃśatyare vidhiḥ || 5 ||
Kroshtuki, Bhimamudra, Vayuvega, Hayanana, Gambhira und Ghoshani vervollständigen das Verfahren im vierundzwanzigspeichigen Kreis.
33.6
siddhirvṛddhirdyutirlakṣmīrmedhā kāntiḥ sudhā dhṛtiḥ |
dīptiḥ puṣṭirmatiḥ kīrtiḥ susthitiḥ sugatiḥ smṛtiḥ || 6 ||
Siddhi, Vriddhi, Dyuti, Lakshmi, Medha, Kanti, Sudha, Dhriti, Dipti, Pushti, Mati, Kirti, Susthiti, Sugati, Smriti
33.7
suprabhā ṣoḍaśī ceti śrīkaṇṭhādikaśaktayaḥ |
baliśca balinandaśca daśagrīvo haro hayaḥ || 7 ||
und als sechzehnte Suprabha sind die Kräfte von Shrikantha und den weiteren. Bali, Balinanda, Dashagriva, Hara, Haya
33.8
mādhavaḥ ṣaḍare cakre dvādaśāre tvamī smṛtāḥ |
dakṣaścaṇḍo haraḥ śauṇḍī pramatho bhīmamanmathau || 8 ||
und Madhava stehen im Sechserkreis. Im Zwölferkreis werden diese genannt: Daksha, Canda, Hara, Shaundi, Pramatha, Bhima, Manmatha,
33.9
śakuniḥ sumatirnando gopālaśca pitāmahaḥ |
śrīkaṇṭho’nantasūkṣmau ca trimūrtiḥ śaṃbareśvaraḥ || 9 ||
Shakuni, Sumati, Nanda, Gopala und Pitamaha. Shrikantha, Ananta, Sukshma, Trimurti, Shambareshvara,
33.10
arghīśo bhārabhūtiśca sthitiḥ sthāṇurharastathā |
jhaṇṭhibhautikasadyojānugrahakrūrasainikāḥ || 10 ||
Arghisha, Bharabhuti, Sthiti, Sthanu, Hara, Jhanthi, Bhautika, Sadyoja, Anugraha, Krura und Sainika
33.11
dvyaṣṭau yadvāmṛtastena yuktāḥ pūrṇābhataddravāḥ |
oghormisyandanāṅgāśca vapurudgāravaktrakāḥ || 11 ||
Dies sind die sechzehn. Oder [man nehme] Amrita und die mit diesem Namen verbundenen Formen Purna, Abha, Drava, Ogha, Urmi, Syandana, Anga, Vapus, Udgara und Vaktra,
33.12
tanusecanamūrtīśāḥ sarvāmṛtadharo’paraḥ |
śrīpāṭhācchaktayaścaitāḥ ṣoḍaśaiva prakīrtitāḥ || 12 ||
Tanu, Secana, Murti und Isha; hinzu kommt Sarvamritadhara. Mit vorangestelltem Shri werden dieselben sechzehn als Shaktis bezeichnet.
33.13
saṃvartalakulibhṛgusitabakakhaṅgipinākibhujagabalikālāḥ |
dviśchagalāṇḍau śikhiśoṇameṣamīnatridaṇḍi sāṣāḍhi || 13 ||
Samvarta, Lakuli, Bhrigu, Sita, Baka, Khangin, Pinakin, Bhujaga, Bali, Kala, Dviranda und Chagalanda; ferner Shikhin, Shona, Mesha, Mina, Tridandin und Ashadhin;
33.14
devīkāntatadardhau dārukahalisomanāthaśarmāṇaḥ |
jayavijayajayantājitasujayajayarudrakīrtanāvahakāḥ || 14 ||
der Geliebte der Göttin und seine halbweibliche Gestalt, Daruka, Halin, Somanatha und Sharman. [Damit endet die Vierundzwanzigergruppe.] Sodann Jaya, Vijaya, Jayanta, Ajita, Sujaya, Jayarudra, Jayakirti und Jayavaha;
33.15
tanmūrtyutsāhadavardhanāśca balasubalabhadradāvahakāḥ |
tadvāndātā ceśo nandanasamabhadratanmūrtiḥ || 15 ||
Jayamurti, Jayotsaha, Jayada und Jayavardhana; Bala, Subala, Balabhadra, Balaprada und Balavaha; Balavat, Baladatri, Balesha, Nandana, Samabhadra und Bhadramurti;
33.16
śivadasumanaḥspṛhaṇakā durgo bhadrākhyakālaśca |
ceto’nugakauśikakālaviśvasuśivāstathāparaḥ kopaḥ || 16 ||
Shivada, Sumanas, Sprihana, Durga und der Bhadrakala Genannte; Ceto’nuga, Kaushika, Kala, Vishva, Sushiva und schließlich Kopa:
33.17
śrutyagnyare syurete strīpāṭhācchaktayastvetāḥ |
juṃkāro’thāgnipatnīti ṣaḍare ṣaṇṭhavarjitāḥ || 17 ||
Diese befinden sich im vierunddreißigspeichigen Kreis; in weiblicher Namensform sind sie dessen Shaktis. Sodann [die Vokale], jeweils mit juṃ und der Gattin des Feuers [svāhā] verbunden: im sechsspeichigen Kreis ohne die neutralen Vokale,
Lesungshinweis zu 33.11–17: In 33.11–12 ist Amrita auch mit den nachfolgenden Namensgliedern zu verbinden. Jayaratha trennt ausdrücklich die vierundzwanzig Kraftträger in 33.13–14a von der folgenden Gruppe mit vierunddreißig Gliedern in 33.14b–17a. Die auf Jaya und Bala zurückweisenden Kurzformen wurden entsprechend aufgelöst; seine Vollnamen weisen teilweise andere Formen auf, etwa Aparajita für Ajita, Atibala für Subala, Sarvatobhadra für Samabhadra und Shivaprada für Shivada. Die Zählung „vierunddreißig“ ist hier gesichert; die beiden Gruppen dürfen nicht zusammengerechnet werden.[23]
33.18
dvādaśāre tatsahitāḥ ṣoḍaśāre svarāḥ kramāt |
halastaddviguṇe’ṣṭāre yādyaṃ hāntaṃ tu tattrike || 18 ||
im zwölfspeichigen mit diesen zusammen; im sechzehnspeichigen stehen die Vokale der Reihe nach, im Kreis mit doppelt so vielen Speichen die Konsonanten. Im achtspeichigen steht die Reihe von ya bis ha, ebenso in dessen dreifacher Form;
33.19
dvātriṃśadarake sāntaṃ binduḥ sarveṣu mūrdhani |
evamanyānbahūṃścakrabhedānasmātprakalpayet || 19 ||
im zweiunddreißigspeichigen endet [die Konsonantenreihe] bei sa. Alle tragen oben einen Bindu. Nach diesem Muster bilde man noch viele weitere unterschiedliche Kreise.
33.20
eka eva cidātmaiṣa viśvāmarśanasārakaḥ |
śaktistadvānato mātā śabdarāśiḥ prakīrtitau || 20 ||
Dies ist ein einziges Bewusstseinswesen, dessen Essenz das Gewahrsein des Alls ist. Als Shakti und Kraftträger heißen sie Matrika und Lautgesamtheit.
33.21
tayoreva vibhāge tu śaktitadvatprakalpane |
śabdarāśirmālinī ca kṣobhātma vapurīdṛśam || 21 ||
Bei deren weiterer Unterscheidung als Kraft und Kraftträger erscheinen Lautgesamtheit und Malini; so ist ihre erregende Gestalt.
33.22
tathāntaḥsthaparāmarśabhedane vastutastrikam |
anuttarecchonmeṣākhyaṃ yato viśvaṃ vimarśanam || 22 ||
Wird das innere Gewahrsein unterschieden, besteht in Wahrheit die Dreiheit Anuttara, Wille und Entfaltung; aus ihr entsteht das Gewahrsein des Alls.
33.23
ānandeśormiyoge tu tatṣaṭkaṃ samudāhṛtam |
antaḥsthoṣmasamāyogāttadaṣṭakamudāhṛtam || 23 ||
Mit Wonne, Herrschaft und Woge verbunden heißt dies Sechsergruppe; durch Verbindung mit Halbvokalen und Zischlauten Achtergruppe.
33.24
tadāmṛtacatuṣkonabhāve dvādaśakaṃ bhavet |
tadyoge ṣoḍaśākhyaṃ syādevaṃ yāvadasaṃkhyatā || 24 ||
Fehlt die Nektar-Vierergruppe, entsteht die Zwölfergruppe; mit ihr die Sechzehnergruppe. So geht es weiter bis zur Unzählbarkeit.
33.25
viśvamekaparāmarśasahatvātprabhṛti sphuṭam |
aṃśāṃśikāparāmarśān paryante sahate yataḥ || 25 ||
Denn das All lässt sich zunächst in einem einzigen Gewahrsein erfassen und schließlich auch in immer weiter unterteilten Einzelgewahrseinsakten.
33.26
ataḥ pañcāśadaikātmyaṃ svaravyaktivirūpatā |
vargāṣṭakaṃ varṇabheda ekāśītikalodayaḥ || 26 ||
Daher wurden zuvor die Einheit der fünfzig, die unterschiedlichen Vokalausprägungen, die acht Lautgruppen, die Lautunterschiede und das Aufgehen der einundachtzig Kalas
33.27
iti pradarśitaṃ pūrvam ardhamātrāsahatvataḥ |
svarārdhamapyasti yataḥ svaritasyārdhamātrakam || 27 ||
gezeigt, da auch eine halbe Mora möglich ist. Es gibt nämlich sogar einen halben Vokal: eine halbe Mora des Svarita.
33.28
tasyādita udāttaṃ tatkathitaṃ padavedinā |
itthaṃ saṃvidiyaṃ yājyasvarūpāmarśarūpiṇī || 28 ||
Dessen Anfang ist Udatta, so der Kenner der Wörter. Dieses Bewusstsein besteht somit im Gewahrsein des zu verehrenden Wesens.
33.29
abhinnaṃ saṃvidaścaitaccakrāṇāṃ cakravālakam |
svāmyāvaraṇabhedena bahudhā tatprayojayet || 29 ||
Die ganze Gesamtheit der Kreise ist vom Bewusstsein ungeschieden. Man wende sie vielfältig nach der Unterscheidung von Herr und umgebenden Kreisen an.
33.30
parāparā parā cānyā sṛṣṭisthititirodhayaḥ |
mātṛsadbhāvarūpā tu turyā viśrāntirucyate || 30 ||
Parapara, Para und die andere Göttin entsprechen Schöpfung, Bestand und Verhüllung. Die vierte, in Gestalt des Matrisadbhava, heißt Ruhe.
33.31
tacca prakāśaṃ vaktrasthaṃ sūcitaṃ tu pade pade |
turye viśrāntirādheyā mātṛsadbhāvasāriṇi || 31 ||
Dieses Licht, im Mund gegenwärtig, wurde Schritt für Schritt angedeutet. Die Ruhe ist in das Vierte zu legen, dessen Essenz Matrisadbhava ist.
33.32
tathāsya viśvamābhāti svātmatanmayatāṃ gatam |
ityeṣa śāstrārthasyokta ekīkāro gurūditaḥ || 32 ||
Dann erscheint ihm die Welt als mit seinem eigenen Selbst identisch. Dies ist die von den Gurus gelehrte Vereinigung des Schriftsinns.
Prüfnotiz zu Ahnika 33: Alle 32 nummerierten Einträge der GRETIL-Fassung sind mit IAST und unmittelbar folgender deutscher Arbeitsübersetzung gespeichert. Die elektronische Transkription beruht laut Quellenkopf auf KSTS; eine durchgängige Kollation aller Druckseiten liegt nicht vor. Die bei der Überarbeitung kontrollierten Einzelstellen und Kommentarerläuterungen sind direkt an den Versen belegt. Das Zeichen @ wurde als Avagraha (’) dargestellt. Besonderheiten der Versgestalt werden in der folgenden Lesungsnotiz festgehalten.
Ahnika 34 – Eintritt in das eigene Wesen
34.1
ucyate’tha svasvarūpapraveśaḥ kramasaṅgataḥ / 0b
yadetadbahudhā proktamāṇavaṃ śivatāptaye |
tatrāntarantarāviśya viśrāmyetsavidhe pade || 1 ||
Nun wird der schrittweise Eintritt in das eigene Wesen erklärt. Unter den vielfältig beschriebenen individuellen Mitteln zur Erlangung Shivaseins trete man immer weiter nach innen ein und ruhe im jeweils nahen Zustand.
34.2
tato’pyāṇavasaṃtyāgācchāktīṃ bhūmimupāśrayet |
tato’pi śāmbhavīmevaṃ tāratamyakramātsphuṭam || 2 ||
Dann gebe man auch das individuelle Mittel auf und nehme Zuflucht zur Ebene der Shakti; von dort zur Ebene Shambhus, deutlich in abgestufter Folge.
34.3
itthaṃ kramoditavibodhamahāmarīcisaṃpūritaprasarabhairavabhāvabhāgī |
ante’bhyupāyanirapekṣatayaiva nityaṃ svātmānamāviśati garbhitaviśvarūpam || 3 ||
So erhält man Anteil an der sich entfaltenden Bhairava-Wirklichkeit, erfüllt von den großen Strahlen schrittweise aufgehender Erkenntnis. Schließlich tritt man beständig, unabhängig von jedem Mittel, in das eigene Selbst ein, das sämtliche Weltgestalten in sich trägt.
34.4
kathito’yaṃ svasvarūpapraveśaḥ parameṣṭhinā /
So hat der höchste Lehrer den Eintritt ins eigene Wesen erklärt.
Prüfnotiz zu Ahnika 34: Alle 4 nummerierten Einträge der GRETIL-Fassung sind mit IAST und unmittelbar folgender deutscher Arbeitsübersetzung gespeichert. Die elektronische Transkription beruht laut Quellenkopf auf KSTS; eine durchgängige Kollation aller Druckseiten liegt nicht vor. Die bei der Überarbeitung kontrollierten Einzelstellen und Kommentarerläuterungen sind direkt an den Versen belegt. Das Zeichen @ wurde als Avagraha (’) dargestellt. Besonderheiten der Versgestalt werden in der folgenden Lesungsnotiz festgehalten.
Ahnika 35 – Vereinigung der Schriften
Dieses Kapitel entwickelt Abhinavaguptas eigene Begründung der Geltung von Agama und der Vorrangstellung des Trika. Die Hierarchie anderer Lehren gehört zu dieser historischen Argumentation. Prasiddhi wird nachfolgend als anerkannte Vertrautheit beziehungsweise Gewissheit wiedergegeben; gemeint ist nicht lediglich eine schriftlich überlieferte Behauptung.
35.1
athocyate samastānāṃ śāstrāṇāmiha melanam |
iha tāvatsama sto’yaṃ vyavahāraḥ purātanaḥ || 1 ||
Nun wird erklärt, wie sämtliche Schriften hier zusammengeführt werden. Zunächst setzt diese ganze, seit alters bestehende Lebenspraxis
35.2
prasiddhimanusandhāya saiva cāgama ucyate |
anvayavyatirekau hi prasiddherupajīvakau || 2 ||
anerkannte Vertrautheit voraus; eben diese wird Agama genannt. Denn das Feststellen von Zusammenvorkommen und gemeinsamem Ausbleiben ist auf solche Vertrautheit angewiesen.
35.3
svāyattatve tayorvyaktipūge kiṃ syāttayorgatiḥ |
pratyakṣamapi netrātmadīpārthādiviśeṣajam || 3 ||
Wären diese beiden davon unabhängig, wie könnten sie angesichts der Fülle von Einzelfällen vorgehen? Auch die unmittelbare Wahrnehmung, die aus besonderen Bedingungen wie Auge, Selbst, Licht und Gegenstand entsteht,
35.4
apekṣate tatra mūle prasiddhiṃ tāṃ tathātmikām |
abhitaḥsaṃvṛte jāta ekākī kṣudhitaḥ śiśuḥ || 4 ||
setzt an ihrer Wurzel eine entsprechend beschaffene Vertrautheit voraus. Ein hungriges Kind, das allein in einem ringsum abgeschlossenen Raum geboren ist:
35.5
kiṃ karotu kimādattāṃ kena paśyatu kiṃ vrajet |
nanu vastuśatākīrṇe sthāne’pyasya yadeva hi || 5 ||
Was sollte es tun, was ergreifen, womit sehen, wohin gehen? Einwand: Auch an einem Ort voller Gegenstände nimmt es doch gerade das,
35.6
paśyato jighrato vāpi spṛśataḥ saṃprasīdati |
cetastadevādāya drāk so’nvayavyatirekabhāk || 6 ||
was beim Sehen, Riechen oder Berühren seinen Geist erfreut, rasch auf; so gewinnt es Kenntnis von Zusammenvorkommen und gemeinsamem Ausbleiben.
35.7
hanta cetaḥprasādo’pi yo’sāvarthaviśeṣagaḥ |
so’pi prāgvāsanārūpavimarśaparikalpitaḥ || 7 ||
Antwort: Auch dieses Erfreutsein des Geistes, das sich auf einen bestimmten Gegenstand richtet, wird durch ein Gewahrsein bestimmt, das in früheren Prägungen besteht.
35.8
na pratyakṣānumānādibāhyamānaprasādajaḥ |
prāgvāsanopajīvyetat pratibhāmātrameva na || 8 ||
Es entsteht nicht dank äußerer Erkenntnismittel wie Wahrnehmung und Schlussfolgerung. Es ist von früheren Prägungen abhängig und keineswegs bloß eine unvermittelte Eingebung.
35.9
na mṛdabhyavahārecchā puṃso bālasya jāyate |
prāgvāsanopajīvī cedvimarśaḥ sā ca vāsanā || 9 ||
Beim Kind entsteht [auf dieser Grundlage] kein Verlangen, Erde zu essen. Wenn das Gewahrsein von früheren Prägungen abhängt und diese Prägung
Kommentarhinweis: Die erste Vershälfte ist eine verneinte Aussage, keine Frage. Jayaratha unterscheidet dabei den durch frühere Prägungen bestimmten Nahrungsimpuls vom gelegentlichen Erdeessen eines Kindes aus bloßem Hunger. Die Stelle ist Bestandteil von Abhinavaguptas erkenntnistheoretischem Argument.[24]
35.10
prācyā cedāgatā seyaṃ prasiddhiḥ paurvakālikī |
naca cetaḥprasattyaiva sarvo vyavahṛtikramaḥ || 10 ||
aus einer vorausgehenden stammt, so ist dies eben die Vertrautheit einer früheren Zeit. Auch ergibt sich die gesamte Ordnung praktischen Verhaltens nicht allein aus dem Erfreutsein des Geistes.
35.11
mūlaṃ prasiddhistanmānaṃ sarvatraiveti gṛhyatām |
pūrvapūrvopajīvitvamārgaṇe sā kvacitsvayam || 11 ||
Man erkenne deshalb überall die Vertrautheit als Grundlage und als Erkenntnismaß an. Verfolgt man ihre Abhängigkeit von immer Früherem zurück, so leuchtete sie irgendwann aus sich selbst
35.12
sarvajñarūpe hyekasminniḥśaṅkaṃ bhāsata purā |
vyavahāro hi naikatra samastaḥ ko’pi mātari || 12 ||
zweifelsfrei in einem einzigen allwissenden Wesen. Denn in keinem einzelnen [begrenzten] Erkennenden findet sich die gesamte praktische Lebensordnung.
35.13
tenāsarvajñapūrvatvamātreṇaiṣā na siddhyati |
bahusarvajñapūrvatve na mānaṃ cāsti kiṃcana || 13 ||
Daher kann sie nicht allein dadurch begründet werden, dass ihr Nichtallwissende vorausgehen. Auch gibt es keinen Beweis dafür, dass ihr mehrere Allwissende vorausgehen.
35.14
bhogāpavargataddhetuprasiddhiśataśobhitaḥ |
tadvimarśasvabhāvo’sau bhairavaḥ parameśvaraḥ || 14 ||
Der höchste Herr Bhairava hat jenes Gewahrsein zum Wesen, geschmückt mit zahllosen Gewissheiten über Erfahrung, Befreiung und die Mittel zu beiden.
35.15
tataścāṃśāṃśikāyogātsā prasiddhiḥ paramparām |
śāstraṃ vāśritya vitatā lokānsaṃvyavahārayet || 15 ||
Von ihm aus breitet sich diese Vertrautheit durch immer weitere Anteilnahme aus, gestützt auf eine Überlieferungsfolge oder eine Schrift, und ermöglicht den Menschen ihr praktisches Verhalten.
35.16
tayaivāśaiśavātsarve vyavahāradharājuṣaḥ |
santaḥ samupajīvanti śaivamevādyamāgamam || 16 ||
Durch eben sie stützen sich alle, die von frühester Kindheit an am praktischen Leben teilnehmen, auf den ursprünglichen shivaitischen Agama.
35.17
apūrṇāstu pare tena na mokṣaphalabhāginaḥ |
upajīvanti yāvattu tāvattatphalabhāginaḥ || 17 ||
Die anderen [Lehren] sind daher unvollständig und haben keinen Anteil an der Frucht der Befreiung. Doch in dem Maß, in dem sie sich auf ihn stützen, haben sie an der entsprechenden Frucht Anteil.
35.18
bālyāpāye’pi yadbhoktumannameṣa pravartate |
tatprasiddhyaiva nādhyakṣānnānumānādasambhavāt || 18 ||
Auch wenn ein Mensch nach seiner Kindheit dazu übergeht, Nahrung zu essen, geschieht dies aufgrund solcher Vertrautheit; nicht aufgrund unmittelbarer Wahrnehmung oder Schlussfolgerung, denn das wäre nicht möglich.
35.19
naca kāpyatra doṣāśāśaṅkāyāśca nivṛttitaḥ |
prasiddhiścāvigānotthā pratītiḥ śabdanātmikā || 19 ||
Dabei besteht auch kein Verdacht eines Fehlers, da der Zweifel ausbleibt. Vertrautheit ist ein sprachförmiges Erkennen, das aus unbestrittener Anerkennung hervorgeht.
35.20
mātuḥ svabhāvo yattasyāṃ śaṅkate naiṣa jātucit |
svakṛtatvavaśādeva sarvavitsa hi śaṅkaraḥ || 20 ||
Da sie das eigene Wesen des Erkennenden ist, zweifelt dieser niemals an ihr. Er selbst ist ja der allwissende Shankara; eben deshalb hat er sie selbst hervorgebracht.
35.21
yāvattu śivatā nāsya tāvatsvātmānusāriṇīm |
tāvatīmeva tāmeṣa prasiddhiṃ nābhiśaṅkate || 21 ||
Solange sein Shivasein noch nicht [offenbar] ist, zweifelt er nur an jener Vertrautheit nicht, die seinem eigenen jeweiligen Zustand entspricht.
35.22
anyasyāmabhiśaṅkī syādbhūyastāṃ bahu manyate |
evaṃ bhāviśivatvo’mūṃ prasiddhiṃ manyate dhruvam || 22 ||
An einer anderen mag er zweifeln und sie später dennoch hochschätzen. So wird derjenige, dessen Shivasein sich künftig entfaltet, jene [umfassende] Gewissheit zuverlässig anerkennen.
35.23
eka evāgamaścāyaṃ vibhunā sarvadarśinā |
darśito yaḥ pravṛtte ca nivṛtte ca pathi sthitaḥ || 23 ||
Dieser eine Agama wurde vom allsehenden Herrn offenbart; er besteht sowohl auf dem Weg der Zuwendung zur Welt als auch auf dem der Rückwendung.
35.24
dharmārthakāmamokṣeṣu pūrṇāpūrṇādibhedataḥ |
vicitreṣu phaleṣveka upāyaḥ śāmbhavāgamaḥ || 24 ||
Für die vielfältigen, vollständigen oder unvollständigen Früchte in den Bereichen Dharma, Wohlstand, Begehren und Befreiung ist der Agama Shambhus das eine Mittel.
35.25
tasminviṣayavaiviktyādvicitraphaladāyini |
citropāyopadeśo’pi na virodhāvaho bhavet || 25 ||
Da er je nach dem besonderen Gegenstandsbereich unterschiedliche Früchte gewährt, führt auch seine Unterweisung in verschiedenen Mitteln nicht zum Widerspruch.
35.26
laukikaṃ vaidikaṃ sāṅkhyaṃ yogādi pāñcarātrakam |
bauddhārhatanyāyaśāstraṃ padārthakramatantraṇam || 26 ||
Weltliche und vedische Lehren, Samkhya, Yoga und verwandte Lehren, Pancharatra, buddhistische und Jaina-Lehren, Nyaya und die systematische Ordnung der Kategorien,
35.27
siddhāntatantraśāktādi sarvaṃ brahmodbhavaṃ yataḥ |
śrīsvacchandādiṣu proktaṃ sadyojātādibhedataḥ || 27 ||
Siddhanta, Tantra, Shakta und die weiteren: Sie alle gehen aus Brahman hervor. Im ehrwürdigen Svacchanda und anderen Schriften wird dies nach Sadyojata und den weiteren [Gesichtern] unterschieden erklärt.
35.28
yathaikatrāpi vedādau tattadāśramagāminaḥ |
saṃskārāntaramatrāpi tathā liṅgoddhṛtādikam || 28 ||
Wie jemand schon innerhalb einer einzigen Lehre, etwa der vedischen, beim Eintritt in einen anderen Lebensstand einen weiteren Sakramentritus empfängt, so gibt es auch hier das Herausheben aus den früheren religiösen Kennzeichen und weitere Riten.
35.29
yathāca tatra pūrvasminnāśrame nottarāśramāt |
phalameti tathā pāñcarātrādau na śivātmatām || 29 ||
Wie man im früheren Lebensstand nicht die Frucht erlangt, die aus dem späteren hervorgeht, so erlangt man im Pancharatra und verwandten Lehren nicht das Shivasein.
35.30
eka evāgamastasmāttatra laukikaśāstrataḥ |
prabhṛtyāvaiṣṇavādbauddhācchaivātsarvaṃ hi niṣṭhitam || 30 ||
Daher gibt es nur einen Agama. In ihm findet alles seine abschließende Einordnung, angefangen bei der weltlichen Lehre bis hin zur vishnuitischen, buddhistischen und shivaitischen.
35.31
tasya yattat paraṃ prāpyaṃ dhāma tat trikaśabditam |
sarvāvibhedānucchedāt tadeva kulamucyate || 31 ||
Seine höchste zu erreichende Stätte wird Trika genannt. Weil die Ungetrenntheit von allem darin nicht aufgehoben wird, heißt sie auch Kula.
35.32
yathordhvādharatābhāksu dehāṅgeṣu vibhediṣu |
ekaṃ prāṇitamevaṃ syāt trikaṃ sarveṣu śāstrataḥ || 32 ||
Wie in den verschiedenen, höher oder tiefer gelegenen Körpergliedern ein einziges Leben besteht, so ist nach der Schrift das Trika in sämtlichen Lehren gegenwärtig.
35.33
śrīmatkālīkule coktaṃ pañcasrotovivarjitam |
daśāṣṭādaśabhedasya sārametatprakīrtitam || 33 ||
Auch im ehrwürdigen Kalikula heißt es: Dieses steht jenseits der fünf Ströme; es wird als Essenz der zehnfach und achtzehnfach unterschiedenen [Lehre] bezeichnet.
35.34
puṣpe gandhastile tailaṃ dehe jīvo jale’mṛtam |
yathā tathaiva śāstrāṇāṃ kulamantaḥ pratiṣṭhitam || 34 ||
Wie Duft in der Blume, Öl im Sesam, Leben im Körper und Nektar im Wasser, so ist Kula im Inneren der Schriften gegründet.
35.35
tadeka evāgamo’yaṃ citraścitre’dhikāriṇi |
tathaiva sā prasiddhirhi svayūthyaparayūthyagā || 35 ||
Dieser Agama ist also einer; verschieden erscheint er entsprechend den verschiedenen Befähigten. Ebenso verhält es sich mit der Vertrautheit innerhalb der eigenen und der anderen Lehrgemeinschaften.
35.36
sāṃkhyaṃ yogaṃ pāñcarātraṃ vedāṃścaiva na nindayet |
yataḥ śivodbhavāḥ sarva iti svacchandaśāsane || 36 ||
„Man soll Samkhya, Yoga, Pancharatra und die Veden nicht schmähen, denn sie alle gehen aus Shiva hervor“, heißt es in der Lehre des Svacchanda.
35.37
ekasmādāgamāccaite khaṇḍakhaṇḍā vyapoddhṛtāḥ |
loke syurāgamāstaiśca jano bhrāmyati mohitaḥ || 37 ||
Aus dem einen Agama wurden diese Stück für Stück herausgelöst. So treten in der Welt [verschiedene] Agamas auf, durch die die Menschen verwirrt umherirren.
35.38
anekāgamapakṣe’pi vācyā viṣayabheditā |
avaśyamūrdhvādharatāsthityā prāmāṇyasiddhaye || 38 ||
Auch wenn man mehrere Agamas annimmt, muss man zur Begründung ihrer Geltung unterschiedliche Gegenstandsbereiche angeben und sie notwendig in ein Verhältnis höherer und niederer Stufen bringen.
35.39
anyathā naiva kasyāpi prāmāṇyaṃ siddhyati dhruvam |
nityatvamavisaṃvāda iti no mānakāraṇam || 39 ||
Andernfalls lässt sich die Geltung keines von ihnen sicher begründen. Ewigkeit und Widerspruchslosigkeit sind für uns kein hinreichender Grund ihrer Geltung.
35.40
asminnaṃśe’pyamuṣyaiva prāmāṇyaṃ syāttathoditeḥ |
anyathāvyākṛtau kḷptāvasatyatve prarocane || 40 ||
Auch in diesem Punkt wäre nur die Geltung eben dieser [Schrift] vorausgesetzt, weil sie es so aussagt. Andernfalls: bei anderer Erklärung, Erfindung, Unwahrheit oder bloßem Anpreisen
35.41
atiprasaṅga sarvasyāpyāgamasyāpabādhakaḥ |
avaśyopetya ityasminmāna āgamanāmani || 41 ||
müsste man eine unzulässige Ausweitung zugestehen, die jeden Agama entkräftet. Bei dem Agama genannten Erkenntnismittel
35.42
avaśyopetyamevaitacchāstraniṣṭhānirūpaṇam |
pradhāne’ṅge kṛto yatnaḥ phalavānvastuto yataḥ || 42 ||
muss man deshalb die soeben dargelegte Bestimmung des letzten Bezugspunkts der Schriften annehmen. Denn die Mühe, die man auf den Hauptbestandteil richtet, trägt tatsächlich Frucht.
35.43
ato’smin yatnavān ko’pi bhavecchaṃbhupracoditaḥ |
tatra tatra ca śāstreṣu nyarūpyata maheśinā || 43 ||
Darum möge sich jemand, von Shambhu angetrieben, darum bemühen. Auch Mahesha hat an verschiedenen Stellen der Schriften deutlich erklärt,
35.44
etāvatyadhikārī yaḥ sa durlabha iti sphuṭam |
itthaṃ śrīśambhunāthena mamoktaṃ śāstramelanam || 44 ||
dass selten ist, wer für einen so umfassenden Bereich befähigt ist. So hat mir der ehrwürdige Shambhunatha die Zusammenführung der Schriften erklärt.
Prüfnotiz zu Ahnika 35: Alle 44 nummerierten Einträge der GRETIL-Fassung sind mit IAST und unmittelbar folgender deutscher Arbeitsübersetzung gespeichert. Die elektronische Transkription beruht laut Quellenkopf auf KSTS; eine durchgängige Kollation aller Druckseiten liegt nicht vor. Die bei der Überarbeitung kontrollierten Einzelstellen und Kommentarerläuterungen sind direkt an den Versen belegt. Das Zeichen @ wurde als Avagraha (’) dargestellt. Besonderheiten der Versgestalt werden in der folgenden Lesungsnotiz festgehalten.
Ahnika 36 – Überlieferung der Lehre
Die folgenden Verse erzählen die sakrale Überlieferungsgeschichte der Lehre. Die kosmischen Textumfänge und göttlichen Überlieferungsträger sind Angaben des Werkes; sie werden hier nicht als bibliografisch nachweisbare frühere Textbestände ausgegeben.
36.1
āyātiratha śāstrasya kathyate’vasarāgatā /0b
śrīsiddhādivinirdiṣṭā gurubhiśca nirūpitā |
bhairavo bhairavī devī svacchando lākulo’ṇurāṭ || 1 ||
Nun wird die hier anstehende Überlieferungsfolge der Schrift erzählt, wie sie im ehrwürdigen Siddha und anderen Texten angegeben und von den Gurus erläutert wurde: Bhairava, die Göttin Bhairavi, Svacchanda, Lakula, Anurat,
36.2
gahaneśo’bjajaḥ śakro guruḥ koṭyapakarṣataḥ |
navabhiḥ kramaśo’dhītaṃ navakoṭipravistaram || 2 ||
Gahanesha, der Lotusgeborene, Shakra und Guru – diese neun lernten die ursprünglich neunzig Millionen [Texteinheiten] umfassende Lehre nacheinander, jeweils um zehn Millionen vermindert. [Jayaratha identifiziert Anurat mit Ananta, den Lotusgeborenen mit Brahma und Guru mit Brihaspati.]
36.3
etaistato guruḥ koṭimātrāt pādaṃ vitīrṇavān |
dakṣādibhya ubhau pādau saṃvartādibhya eva ca || 3 ||
Darauf gab Guru aus den verbliebenen zehn Millionen einen Viertelteil an Daksha und die anderen; an Samvarta und die anderen [gingen] beide Viertel zusammen,
36.4
pādaṃ ca vāmanādibhyaḥ pādārdhaṃ bhārgavāya ca |
pādapādaṃ tu balaye pādapādastu yo’paraḥ || 4 ||
ein Viertel an Vamana und die anderen, ein halbes Viertel an Bhargava und ein Viertel eines Viertels an Bali. Von dem anderen Viertelviertel
36.5
siṃhāyārdhaṃ tataḥ śiṣṭāddvau bhāgau vinatābhuve |
pādaṃ vāsukināgāya khaṇḍāḥ saptadaśa tvamī || 5 ||
[ging] die Hälfte an Simha; von dem dann Verbliebenen zwei Anteile an Vinatas Sohn und ein Teil an den Schlangenkönig Vasuki. Diese sind siebzehn Überlieferungsabschnitte. [Die genaue Aufteilung des Restes wird im Lesungshinweis erläutert.]
Lesungshinweis zu 36.3–7: Jayaratha versteht die beiden Viertel für Samvarta einschließlich des bereits genannten ersten Viertels; es sind keine zusätzlich zu diesem vergebenen zwei Viertel. Auch pāda in der knappen Restaufteilung darf nicht überall mechanisch mit „ein Viertel desselben Ausgangsbetrags“ übersetzt werden: Bei Vasuki erläutert der Kommentar einen dritten Anteil. Die siebzehn Abschnitte umfassen ausdrücklich die ersten neun Überlieferungsträger; Ravana und Rama erweitern die Folge auf neunzehn. Eine widerspruchsfreie moderne Bruchtabelle wird damit hier nicht behauptet.[25]
36.6
svargādardhaṃ rāvaṇo’tha jahre rāmo’rdhamapyataḥ |
vibhīṣaṇamukhādāpa guruśiṣyavidhikramāt || 6 ||
Dann entwendete Ravana die Hälfte aus dem Himmel; Rama empfing wiederum die Hälfte davon aus Vibhishanas Mund, gemäß der Ordnung von Lehrer und Schüler.
36.7
khaṇḍairekānnaviṃśatyā vibhaktaṃ tadabhūttataḥ |
khaṇḍaṃ khaṇḍaṃ cāṣṭakhaṇḍaṃ proktapādādibhedataḥ || 7 ||
So war jene Lehre in neunzehn Überlieferungsabschnitte gegliedert. Jeder einzelne besitzt wiederum acht Untergliederungen nach den genannten Unterschieden von Pada und den weiteren Formen.
36.8
pādo mūloddhārāvuttaravṛhaduttare tathā kalpaḥ |
sāṃhitakalpaskandāvanuttaraṃ vyāpakaṃ tridhā tisraḥ || 8 ||
Pada, Mula, Uddhara, Uttara, Brihaduttara, Kalpa, Samhita und Kalpaskanda. Das Höchste ist alles durchdringend; in dreifacher Weise werden hier die drei
Lesungshinweis: Die acht technischen Bezeichnungen enden auf Saṃhitā und Kalpaskanda; die frühere Zerlegung als „Samhita-Kalpa und Skanda“ wurde berichtigt. Die neunte Stätte ist keine weitere begrenzte Textabteilung.[26]
36.9
devyo’tra nirūpyante kramaśo vistāriṇaiva rūpeṇa |
navame pade tu gaṇanā na kāciduktā vyavacchidāhīne || 9 ||
Göttinnen der Reihe nach in zunehmend entfalteter Gestalt dargestellt. Für die neunte Stätte, die keine Abgrenzung kennt, wird dagegen keine Zählung angegeben.
36.10
rāmācca lakṣmaṇastasmāt siddhāstebhyo’pi dānavāḥ |
guhyakāśca tatastebhyo yogino nṛvarāstataḥ || 10 ||
Von Rama [empfing die Lehre] Lakshmana, von ihm die Siddhas, von diesen die Danavas, sodann die Guhyakas, von diesen die Yogis und von ihnen hervorragende Menschen.
36.11
teṣāṃ krameṇa tanmadhye bhraṣṭaṃ kālāntarādyadā |
tadā śrīkaṇṭhanāthājñāvaśāt siddhā avātaram || 11 ||
Als sie innerhalb dieser Überlieferungsfolge im Lauf der Zeit verloren ging, stiegen auf Geheiß Shrikanthanathas Siddhas herab:
36.12
tryambakāmardakābhikhyaśrīnāthā advaye dvaye |
dvayādvaye ca nipuṇāḥ krameṇa śivaśāsane || 12 ||
Tryambaka, Amardaka und Shrinatha, kundig in der nichtdualen, der dualen beziehungsweise der dual-nichtdualen Shiva-Lehre.
36.13
ādyasya cānvayo jajñe dvitīyo duhitṛkramāt |
sa cārdhatryambakābhikhyaḥ saṃtānaḥ supratiṣṭhitaḥ || 13 ||
Vom ersten entstand durch die Folge seiner Tochter eine zweite Linie. Diese fest begründete Überlieferung heißt Ardha-Tryambaka, „halbe Tryambaka-Linie“.
36.14
ataścārdhacatasro’tra maṭhikāḥ saṃtatikramāt |
śiṣyapraśiṣyairvistīrṇāḥ śataśākhaṃ vyavasthitaiḥ || 14 ||
Daher bestehen hier nach den Überlieferungsfolgen dreieinhalb Mathikas, durch Schüler und Schülerschüler in hundert Zweige entfaltet.
36.15
adhyuṣṭasaṃtatisrotaḥsārabhūtarasāhṛtim |
vidhāya tantrāloko’yaṃ syandate sakalānrasān || 15 ||
Nachdem dieser Tantraloka den wesentlichen Saft der dreieinhalb Überlieferungsströme aufgenommen hat, lässt er sämtliche Säfte ausströmen.
36.16
uktāyātirupādeyabhāvo nirṇīyate’dhunā /
Die Überlieferungsfolge ist erklärt; nun wird bestimmt, weshalb diese Lehre anzunehmen ist.
Prüfnotiz zu Ahnika 36: Alle 16 nummerierten Einträge der GRETIL-Fassung sind mit IAST und unmittelbar folgender deutscher Arbeitsübersetzung gespeichert. Die elektronische Transkription beruht laut Quellenkopf auf KSTS; eine durchgängige Kollation aller Druckseiten liegt nicht vor. Die bei der Überarbeitung kontrollierten Einzelstellen und Kommentarerläuterungen sind direkt an den Versen belegt. Das Zeichen @ wurde als Avagraha (’) dargestellt. Besonderheiten der Versgestalt werden in der folgenden Lesungsnotiz festgehalten.
Ahnika 37 – Wert der Lehre und Entstehung des Werkes
37.1
uktanītyaiva sarvatra vyavahāre pravartite |
prasiddhāvupajīvyāyāmavaśyagrāhya āgamaḥ || 1 ||
Da alle Lebenspraxis nach der erklärten Weise auf überlieferter Geltung beruht, muss Agama als Grundlage angenommen werden.
37.2
yathā laukikadṛṣṭyānyaphalabhāk tatprasiddhitaḥ |
samyagvyavaharaṃstadvacchivabhāk tatprasiddhitaḥ || 2 ||
Wie jemand durch richtiges Handeln aufgrund weltlicher Überlieferung entsprechende Früchte erhält, so erlangt er durch die auf Shiva bezogene Überlieferung Shivasein.
37.3
tadavaśyagrahītavye śāstre svāṃśopadeśini |
manākphale’bhyupādeyatamaṃ tadviparītakam || 3 ||
Wenn daher eine Schrift anzunehmen ist, die nur einen eigenen Teilbereich und eine geringe Frucht lehrt, ist ihr Gegenteil – die umfassende, höchste Frucht lehrende – umso mehr anzunehmen.
37.4
yathā khageśvarībhāvaniḥśaṅkatvādviṣaṃ vrajet |
kṣayaṃ karmasthitistadvadaśaṅkādbhairavatvataḥ || 4 ||
Wie Gift durch zweifelsfreie Identifikation mit Khageshvari vernichtet wird, so der Bestand des Karmas durch zweifelsfreies Bhairavasein.
37.5
yadārṣe pātahetūktaṃ tadasminvāmaśāsane |
āśusiddhyai yataḥ sarvamārṣaṃ māyodarasthitam || 5 ||
Was in der Rishi-Lehre als Ursache des Falls bezeichnet wird, dient in dieser Vama-Lehre rascher Vollendung; denn die gesamte Rishi-Lehre liegt innerhalb Mayas.
37.6
tacca yatsarvasarvajñadṛṣṭaṃ taccāpi kiṃ bhavet |
yadaśeṣopadeśena sūyate’nuttaraṃ phalam || 6 ||
Was aber ist jene Lehre, die der in jeder Hinsicht Allwissende gesehen hat? Es ist die, durch deren umfassende Unterweisung die höchste Frucht hervorgebracht wird.
37.7
yathādharādharaproktavastutattvānuvādataḥ |
uttaraṃ kathitaṃ saṃvitsiddhaṃ taddhi tathā bhavet || 7 ||
Indem sie die in jeweils niedrigeren Lehren erklärten Wirklichkeiten aufnimmt, wird eine höhere Lehre ausgesprochen; sie ist durch Bewusstsein bestätigt und muss daher entsprechend gelten.
37.8
yaduktādhikasaṃvittisiddhavastunirūpaṇāt |
apūrṇasarvavitproktirjñāyate’dharaśāsane || 8 ||
Da eine höhere Lehre Gegenstände bestimmt, die durch weitergehendes Bewusstsein erwiesen sind, erkennt man die Aussage der niederen Lehre als die eines nur unvollständig Allwissenden.
37.9
ūrdhvaśāsanavastvaṃśe dṛṣṭvāpica samujjhite |
adhaḥ śāstreṣu māyātvaṃ lakṣyate sargarakṣaṇāt || 9 ||
Weil niedere Schriften selbst erkannte Bereiche der höheren Lehre auslassen und die Schöpfungsordnung bewahren, wird ihre Maya-Natur sichtbar.
37.10
śrīmadānandaśāstrādau proktaṃ ca parameśinā |
ṛṣivākyaṃ bahukleśamadhruvālpaphalaṃ mitam || 10 ||
Im ehrwürdigen Ananda-Tantra und anderen heißt es vom höchsten Herrn: Die Worte der Rishis bringen viele Mühen, unsichere geringe Früchte und Begrenzung.
37.11
naiva pramāṇayedvidvān śaivamevāgamaṃ śrayet |
tadārṣe pātahetūktaṃ tadasmin vāmaśāsane || 11 ||
Der Wissende nehme sie daher nicht als höchste Autorität, sondern stütze sich auf den Shiva-Agama. Was in der Rishi-Lehre als Ursache des Falls gilt, dient in dieser Vama-Lehre
37.12
āśusiddhyai yataḥ sarvamārṣaṃ māyodarasthitam |
yathā khageśvarībhāvaniḥśaṅkatvādviṣaṃ vrajet || 12 ||
der raschen Vollendung, da die gesamte Rishi-Lehre innerhalb Mayas liegt. Wie Gift durch zweifelsfreies Khageshvari-Sein
37.13
kṣayaṃ karmasthitistadvadaśaṅkādbhairavatvataḥ |
ajñatvānupadeṣṭṛtvasaṃdaṣṭe’dharaśāsane || 13 ||
vernichtet wird, so der Karmabestand durch zweifelsfreies Bhairavasein. Die niedere Lehre ist durch Unwissenheit und fehlende Unterweisungsfähigkeit beeinträchtigt.
37.14
etadviparyayādgrāhyamavaśyaṃ śivaśāsanam |
dvāvāptau tatra ca śrīmacchrīkaṇṭhalakuleśvarau || 14 ||
Weil die Shiva-Lehre das Gegenteil besitzt, muss sie angenommen werden. Zwei zuverlässige Lehrer darin sind der ehrwürdige Shrikantha und Lakuleshvara.
37.15
dvipravāhamidaṃ śāstraṃ mamyaṅniḥśreyasapradam |
prācyasya tu yathābhīṣṭabhogadatvamapi sthitam || 15 ||
Diese zweiströmige Lehre verleiht vollständig das höchste Heil; für die erste steht außerdem das Gewähren gewünschter Erfahrungen fest. [Die Vorlage „mamyaṅ“ ist beschädigt.]
37.16
tacca pañcavidhaṃ proktaṃ śaktivaicitryacitritam |
pañcasrota iti proktaṃ śrīmacchrīkaṇṭhaśāsanam || 16 ||
Sie ist fünffach, durch die Verschiedenheit der Kräfte ausgestaltet. Shrikanthas Lehre heißt deshalb „fünf Ströme“.
37.17
daśāṣṭādaśadhā srotaḥpañcakaṃ yattato’pyalam |
utkṛṣṭaṃ bhairavābhikhyaṃ catuḥṣaṣṭivibheditam || 17 ||
Über diesen in zehn und achtzehn unterteilten fünf Strömen steht die Bhairava genannte, in vierundsechzig Formen unterschiedene Lehre.
37.18
śrīmadānandaśāstrādau proktaṃ bhagavatā kila |
samūhaḥ pīṭhametacca dvidhā dakṣiṇavāmataḥ || 18 ||
Im ehrwürdigen Ananda-Tantra und anderen hat der Herr erklärt: Eine Zusammenfassung heißt Pitha; dieser ist zweifach als rechter und linker.
37.19
mantro vidyeti tasmācca mudrāmaṇḍalagaṃ dvayam |
mananatrāṇadaṃ yattu mantrākhyaṃ tatra vidyayā || 19 ||
Daraus entstehen Mantra und Vidya, ferner die beiden Bereiche Mudra und Mandala. Mantra ist das, was Denken und Schutz verleiht;
37.20
upodbalanamāpyāyaḥ sā hi vedyārthabhāsinī |
mantrapratikṛtirmudrā tadāpyāyanakārakam || 20 ||
durch Vidya wird er gestärkt und genährt, denn sie erhellt den erkennbaren Sinn. Mudra ist das Abbild des Mantras; seine Sättigung bewirkt
37.21
maṇḍalaṃ sāramuktaṃ hi maṇḍaśrutyā śivāhvayam |
evamanyonyasaṃbhedavṛtti pīṭhacatuṣṭayam || 21 ||
Mandala, denn mit „maṇḍa“ wird die Essenz namens Shiva bezeichnet. So durchdringen sich die vier Pithas gegenseitig.
37.22
yatastasmādbhavetsarvaṃ pīṭhe pīṭhe’pi vastutaḥ |
pradhānatvāttasya tasya vastuno bhinnatā punaḥ || 22 ||
Daher ist in Wahrheit jeder Pitha in jedem vollständig enthalten. Verschiedenheit wird wegen des jeweiligen Vorrangs eines bestimmten Gegenstands
37.23
kathitā sādhakendrāṇāṃ tattadvastuprasiddhaye |
pratyekaṃ taccaturdhaivaṃ maṇḍalaṃ mudrikā tathā || 23 ||
für die Sadhakas erklärt, damit dieser Gegenstand verwirklicht wird. So ist jeder wiederum vierfach: Mandala, Mudra,
37.24
mantro vidyeti ca pīṭhamutkṛṣṭaṃ cottarottam |
vidyāpīṭhapradhānaṃ ca siddhayogīśvarīmatam || 24 ||
Mantra und Vidya; der jeweils folgende Pitha gilt als höher. Das Siddhayogishvarimata besitzt den Vidyapitha als Hauptbereich.
37.25
tasyāpi paramaṃ sāraṃ mālinīvijayottaram |
uktaṃ śrīratnamālāyāmetacca parameśinā || 25 ||
Seine höchste Essenz wiederum ist das Malinivijayottara. Dies hat der höchste Herr in der ehrwürdigen Ratnamala erklärt.
37.26
aśeṣatantrasāraṃ tu vāmadakṣiṇamāśritam |
ekatra militaṃ kaulaṃ śrīṣaḍardhakaśāsane || 26 ||
Die Essenz sämtlicher Tantras des linken und rechten Stroms ist als Kaula in der ehrwürdigen Trika-Lehre vereinigt.
37.27
siddhānte karma bahulaṃ malamāyādirūṣitam |
dakṣiṇaṃ raudrakarmāḍhyaṃ vāmaṃ siddhisamākulam || 27 ||
Im Siddhanta überwiegt Ritual, durch Mala, Maya und anderes gefärbt; der rechte Strom ist reich an furchtbaren Handlungen, der linke an Vollendungen.
37.28
svalpapuṇyaṃ bahukleśaṃ svapratītivivarjitam |
mokṣavidyāvihīnaṃ ca vinayaṃ tyaja dūrataḥ || 28 ||
Eine Disziplin mit wenig Verdienst, vielen Mühen, ohne eigene Einsicht und ohne Befreiungswissen lasse man weit hinter sich.
37.29
yasminkāle ca guruṇā nirvikalpaṃ prakāśitam |
muktastenaiva kālena yantraṃ tiṣṭhati kevalam || 29 ||
In dem Augenblick, in dem der Guru die vorstellungsfreie Wirklichkeit offenbart, ist man befreit; nur die körperliche Vorrichtung bleibt bestehen.
37.30
mayaitatsrotasāṃ rūpamanuttarapadāddhruvāt |
ārabhya vistareṇoktaṃ mālinīślokavārtike || 30 ||
Diese Gestalt der Überlieferungsströme habe ich, vom festen höchsten Zustand ausgehend, im Malinishlokavarttika ausführlich erklärt.
37.31
jijñāsustata evedamavadhārayituṃ kṣamaḥ |
vayaṃ tūktānuvacanamaphalaṃ nādriyāmahe || 31 ||
Wer dies erforschen möchte, kann es dort erschließen. Fruchtlose Wiederholung bereits Gesagten schätzen wir nicht.
37.32
itthaṃ dadadanāyāsājjīvanmuktimahāphalam |
yathepsitamahābhogadātṛtvena vyavasthitam || 32 ||
Diese Lehre gewährt so mühelos die große Frucht der Lebendbefreiung und vermag zugleich gewünschte umfassende Erfahrungen zu schenken.
37.33
ṣaḍardhasāraṃ sacchāstramupādeyamidaṃ sphuṭam |
ṣaṭtriṃśatā tattvabalena sūtā yadyapyanantā bhuvanāvalīyam |
brahmāṇḍamatyantamanoharaṃ tu vaicitryavarjaṃ nahi ramyabhāvaḥ || 33 ||
Darum ist diese wahre Schrift, die Essenz des Trika, anzunehmen. Obwohl durch die Kraft der sechsunddreißig Tattvas eine unendliche Weltenreihe hervorgebracht ist, ist gerade das Brahma-Ei überaus reizvoll; denn ohne Vielfalt gibt es keine Schönheit.
37.34
bhūrādisaptapurapūrṇatame’pi tasmin manye dvitīyabhuvanaṃ bhavanaṃ sukhasya |
kvānyatra citragatisūryaśaśāṅkaśobhirātrindivaprasarabhogavibhāgabhūṣā || 34 ||
Obwohl es von den sieben Welten von Bhur an erfüllt ist, halte ich darin die zweite Welt für das Haus des Glücks. Wo sonst schmückt die Vielfalt des Tages- und Nachtgenusses, erhellt von Sonne und Mond mit ihren bunten Bahnen?
37.35
tatrāpica tridivabhogamahārghavarṣadvīpāntarādadhikameva kumārikāhvam |
yatrādharādharapadātparamaṃ śivāntamāroḍhumapyadhikṛtiḥ kṛtināmanarghā || 35 ||
Darin überragt das Kumarika genannte Land die anderen Weltteile und Inseln mit ihren kostbaren himmlischen Genüssen: Hier besitzen Begnadete die unschätzbare Befähigung, von den niedersten Stufen bis zum höchsten Shiva aufzusteigen.
37.36
prākkarmabhogipaśutocitabhogabhājā kiṃ janmanā nanu sukhaikapade’pi dhāmni |
sarvo hi bhāvini paraṃ paritoṣameti saṃbhāvite natu nimeṣiṇi vartamāne || 36 ||
Was nützt eine Geburt selbst an einem Ort reinen Glücks, wenn man nur als gebundenes Wesen die Früchte früherer Handlungen genießt? Jeder freut sich besonders über eine mögliche Zukunft, nicht über die augenblicklich vergehende Gegenwart.
37.37
kanyāhvaye’pi bhuvane’tra paraṃ mahīyān deśaḥ sa yatra kila śāstravarāṇi cakṣuḥ |
jātyandhasadmani na janma na ko’bhinindedbhinnāñjanāyitaravipramukhaprakāśe || 37 ||
Auch im Kanya genannten Land ist jener Teil besonders groß, in dem die höchsten Schriften als Auge dienen. Wer würde nicht eine Geburt unter Blindgeborenen missbilligen, wo selbst Sonnenlicht wie dunkle Augensalbe erscheint?
37.38
niḥśeṣaśāstrasadanaṃ kila madhyadeśastasminnajāyata guṇābhyadhiko dvijanmā |
ko’pyatrigupta iti nāmaniruktagotraḥ śāstrābdhicarvaṇakalodyadagastyagotraḥ || 38 ||
Madhyadesha ist die Heimat sämtlicher Schriften. Dort wurde ein hervorragender Zweimalgeborener namens Atrigupta geboren, dessen Name sein Geschlecht bezeichnet und der beim Austrinken des Schriftenmeers dem Geschlecht Agastyas glich.
37.39
tamatha lalitādityo rājā nijaṃ puramānayat praṇayarabhasāt kaśmīrākhyaṃ himālayamūrdhagam
/
adhivasati yadgaurīkāntaḥ karairvijayādibhiryugapadakhilaṃ bhogāsāraṃ rasāt paricarcitum
// 39
König Lalitaditya führte ihn aus inniger Zuneigung in seine eigene, Kaschmir genannte Stadt auf dem Himalaya. Dort wohnt Gauris Geliebter, um mit seinen Kräften wie Vijaya gleichzeitig die ganze Flut des Genusses zu kosten.
37.40
sthāne sthāne munibhirakhilaiścakrire yannivāsā yaccādhyāste pratipadamidaṃ sa svayaṃ
candracūḍaḥ |
tanmanye’haṃ samabhilaṣitāśeṣasiddhernasiddhyai kaśmīrebhyaḥ paramatha puraṃ pūrṇavṛtterna
tuṣṭyai || 40 ||
Weil sämtliche Weisen sich dort an verschiedenen Orten niederließen und der Mondbekrönte selbst auf Schritt und Tritt wohnt, kenne ich keine Kaschmir überlegene Stadt für die Erlangung aller gewünschten Vollendungen und die Zufriedenheit dessen, dessen Lebensführung erfüllt ist.
37.41
yatra svayaṃ śāradacandraśubhrā śrīśāradeti prathitā janeṣu |
śāṇḍilyasevārasasuprasannā sarvaṃ janaṃ svairvibhavairyunakti || 41 ||
Dort verbindet die Göttin selbst, herbstmondweiß und unter den Menschen als Shri Sharada bekannt, alle mit ihren Herrlichkeiten, beglückt durch Shandilyas hingebungsvollen Dienst.
37.42
nāraṅgāruṇakānti pāṇḍuvikacadballāvadātacchavi prodbhinnāmalamātuluṅgakanakacchāyābhirāmaprabham
/
kerīkuntalakandalīpratikṛtiśyāmaprabhābhāsvaraṃ yasmiñśakticatuṣṭayojjvalamalaṃ madyaṃ
mahābhairavam || 42 ||
Dort leuchtet der Mahabhairava-Wein mit vier Kräften: orangerot, blass und hell wie entfaltete Blüten, goldglänzend wie reife Zitronenfrucht und dunkel schimmernd wie junges Pflanzenwachstum. [Mehrere Pflanzen- und Farbbezeichnungen im langen Vers sind unsicher.]
37.43
trinayanamahākopajvālāvilīna iha sthito madanaviśikhavrāto madyacchalena vijṛmbhate
/
kathamitarathā rāgaṃ mohaṃ madaṃ madanajvaraṃ vidadhadaniśaṃ kāmātaṅkairvaśīkurute
jagat || 43 ||
Die im großen Zornfeuer des Dreiäugigen geschmolzenen Pfeile des Liebesgottes entfalten sich hier offenbar unter dem Vorwand des Weins. Wie sonst könnte er ständig Leidenschaft, Verblendung, Rausch und Liebesfieber erzeugen und die Welt unter die Macht des Verlangens bringen?
37.44
yatkāntānāṃ praṇayavacasi prauḍhimānaṃ vidatte yannirvighnaṃ nidhuvanavidhau sādhvasaṃ
saṃdhunoti |
yasmin viśvāḥ kalitarucayo devatāścakracaryastanmārdvīkaṃ sapadi tanute yatra bhogāpabargau
// 44
Dieser Traubenwein stärkt die Liebesworte der Frauen, vertreibt die Scheu bei ungehinderter Vereinigung und lässt alle Gottheiten die Kreisobservanz freudig genießen; dort bringt er unmittelbar Erfahrung und Befreiung hervor.
37.45
udyadgaurāṅkuravikasitaiḥ śyāmaraktaiḥ palāśairantargāḍhāruṇarucilasatkesarālīvicitraiḥ
/
ākīrṇā bhūḥ pratipadamasau yatra kāśmīrapuṣpaiḥ samyagdevītritayayajanodyānamāviṣkaroti
// 45
Überall ist die Erde von Kaschmirblüten bedeckt: helle aufgehende Triebe, dunkelrote Blätter und innen tiefrot leuchtende Staubfäden. So zeigt sie einen Garten für die vollständige Verehrung der Göttinnendreiheit.
37.46
sarvo lokaḥ kaviratha budho yatra śūro’pi vāgmī candroddyotā masṛṇagatayaḥ pauranāryaśca
yatra |
yatrāṅgārojjvalavikasitānantasauṣumṇamārgagrastārkendurgaganavimalo yoginīnāṃ ca vargaḥ
// 46
Dort ist jeder Dichter, Gelehrter, Held oder Redner; die Frauen der Stadt leuchten mondgleich und bewegen sich sanft. Die Yoginis sind himmelsrein, Sonne und Mond verschlungen in zahllosen glühend entfalteten Sushumna-Wegen.
37.47
śrīmatparaṃ pravaranāma puraṃ ca tatra yannirmame pravarasena iti kṣitīśaḥ |
yaḥ svapratiṣṭhitamaheśvarapūjanānte vyomotpatannudasṛjatkila dhūpaghaṇṭām || 47 ||
Dort liegt die herrliche höchste Stadt Pravara, die König Pravarasena erbaute. Nach Verehrung des von ihm installierten Maheshvara erhob er sich der Erzählung nach in den Himmel und ließ eine Räucherglocke zurück.
37.48
āndolanoditamanoharavīranādaiḥ sā cāsya tatsucaritaṃ prathayāṃbabhūva |
sadvṛttasāragurutaijasamūrtayo hi tyaktā api prabhuguṇānadhikaṃ dhvananti || 48 ||
Diese verkündete durch ihre beim Schwingen entstehenden schönen, kraftvollen Klänge seine gute Tat. Denn gewichtige, glänzende Wesen mit guter Lebensführung künden selbst verlassen noch stärker von den Vorzügen ihres Herrn.
37.49
saṃpūrṇacandravimaladyutivīrakāntāgāḍhāṅgarāgaghanakuṅkumapiñjaraśrīḥ |
proddhūtavetasalatāsitacāmaraughairājyābhiṣekamaniśaṃ dadatī smarasya || 49 ||
Mit dem reinen Glanz des Vollmonds und der goldroten Pracht dichten Safrans aus den Salbungen schöner Frauen, mit schwingenden Weidenranken als weißen Fliegenwedeln, verleiht sie dem Liebesgott beständig die Königsweihe;
37.50
rodhaḥpratiṣṭhitamaheśvarasiddhaliṅgasvāyaṃbhuvārcanavilepanagandhapuṣpaiḥ |
āvarjyamānatanuvīcinimajjanaughavidhvastapāpmamunisiddhamanuṣyavandyā || 50 ||
mit Duft, Blumen und Salben aus der Verehrung der an ihren Ufern stehenden Maheshvara-, Siddha- und selbstentstandenen Lingas, von Weisen, Siddhas und Menschen verehrt, deren Verfehlungen das Eintauchen in ihre sich neigenden Wellen tilgt:
37.51
bhogāpavargaparipūraṇakalpavallī bhogaikadānarasikāṃ surasiddhasindhum |
nyakkurvatī harapinākakalāvatīrṇā yadbhūṣayatyavirataṃ taṭinī vitastā || 51 ||
So schmückt der Fluss Vitasta unablässig die Stadt. Als Wunschgewächs, das Erfahrung und Befreiung erfüllt, übertrifft sie den himmlischen Siddha-Fluss, der nur Genüsse schenkt; sie ist als Kraft von Haras Bogen Pinaka herabgestiegen.
37.52
tasmin kuverapuracārisiṃtāṃśumaulisāṃmukhyadarśanavirūḍhapavitrabhāve |
vaitastarodhasi nivāsamamuṣya cakre rājā dvijasya parikalpitabhūrisaṃpat || 52 ||
An jenem Ufer der Vitasta, geheiligt durch den unmittelbaren Anblick des in nördlicher Richtung weilenden Mondbekrönten, richtete der König dem Brahmanen einen mit reichem Vermögen ausgestatteten Wohnsitz ein. [Jayaratha erläutert „kuverapura“ hier als nördliche Richtung. Die fehlerverdächtige Quellenform „siṃtāṃśu“ bleibt im Sanskrit stehen.]
37.53
tasyānvaye mahati ko’pi varāhaguptanāmā babhūva bhagavān svayamantakāle |
gīrvāṇasindhulaharīkalitāgramūrdhā yasyākarot paramanugrahamāgraheṇa || 53 ||
In seinem bedeutenden Geschlecht wurde Varahagupta geboren. Ihm gewährte der Herr selbst zur Todeszeit besondere Gnade, indem sein Scheitel von den Wellen des Götterflusses berührt wurde.
37.54
tasyātmajaścukhalaketi jane prasiddhaścandrāvadātadhiṣaṇo narasiṃhaguptaḥ |
yaṃ sarvaśāstrarasamajjanaśubhracittaṃ māheśvarī paramalaṃkurute sma bhaktiḥ || 54 ||
Dessen Sohn war Narasimhagupta, unter den Menschen als Cukhalaka bekannt, mit mondreinem Verstand. Seinen durch das Eintauchen in den Saft aller Schriften gereinigten Geist schmückte Hingabe an Maheshvara.
37.55
tāruṇyasāgarataraṅgabharānapohya vairāgyapotamadhiruhya dṛḍhaṃ haṭhena |
yo bhaktirohaṇamavāpya maheśacintāratnairalaṃ dalayati sma bhavāpadastāḥ || 55 ||
Die Wogen der Jugend hinter sich lassend, bestieg er entschlossen das Boot der Leidenschaftslosigkeit. Am Berg der Hingabe angekommen, zerschlug er die Gefahren des Daseins mit den Edelsteinen der Betrachtung Maheshas.
37.56
tasyātmajo’bhinavagupta iti prasiddhaḥ śrīcandracūḍacaraṇābjaparāgapūtaḥ |
mātā vyayūyujadamuṃ kila bālya eva daivaṃ hi bhāviparikarmaṇi saṃskaroti || 56 ||
Sein Sohn ist als Abhinavagupta bekannt, gereinigt vom Staub der Lotusfüße des Mondbekrönten. Seine Mutter starb, als er noch ein Kind war; das Schicksal bereitet einen Menschen auf seine künftige Aufgabe vor.
Kommentarhinweis: Jayaratha sagt ausdrücklich, Abhinavaguptas Mutter sei verstorben. „Sie verließ ihn“ war im Deutschen missverständlich.[27]
37.57
mātā paraṃ bandhuriti pravādaḥ snoho’tigāḍhīkurute hi pāśān |
tanmūlabandhe galite kilāsya manye sthitā jīvata eva muktiḥ || 57 ||
„Die Mutter ist die höchste Verwandte“, lautet das Wort; Zuneigung macht die Bindungen sehr fest. Als diese Wurzelbindung für ihn schwand, war, so meine ich, seine Lebendbefreiung gegründet. [Die Vorlage hat „snoho“ statt einer sicheren Form für Zuneigung.]
37.58
pitrā sa śabdagahane kṛtasaṃpraveśastarkārṇavormipṛṣatāmalapūtacittaḥ |
sāhityasāndrarasabhogaparo maheśabhaktyā svayaṃgrahaṇadurmadayā gṛhītaḥ || 58 ||
Sein Vater führte ihn in das Dickicht der Sprachlehre ein. Sein Geist wurde durch Tropfen aus den Wogen des Logikmeers gereinigt; dem reichen Genuss der Dichtkunst zugewandt, wurde er von der unwiderstehlichen Hingabe an Mahesha ergriffen.
37.59
sa tanmayībhūya na lokavartanīmajīgaṇat kāmapi kevalaṃ punaḥ |
tadīyasaṃbhogavivṛddhaye purā karoti dāsyaṃ guruveśmasu svayam || 59 ||
Darin aufgegangen, achtete er keine weltliche Lebensbahn; allein um den Genuss jener Wirklichkeit zu steigern, diente er persönlich in den Häusern der Gurus.
37.60
ānandasaṃtatimahārṇavakarṇadhāraḥ saddaiśikairakavarātmajavāmanāthaḥ |
śrīnāthasaṃtatimahāmbaragharmakāntiḥ śrībhūtirājatanayaḥ svapitṛprasādaḥ || 60 ||
Vamanatha, Sohn des hervorragenden Lehrers Eraka, war Steuermann im großen Meer der Ananda-Linie; der Sohn des ehrwürdigen Bhutiraja war durch die Gnade seines Vaters die Sonne am weiten Himmel der Shrinatha-Linie.
37.61
traiyambakaprasarasāgaraśāyisomānandātmajotpalajalakṣmaṇaguptanāthaḥ |
turyākhyasaṃtatimahodadhipūrṇacandraḥ śrīsomataḥ sakalavitkila śaṃbhunāthaḥ || 61 ||
Lakshmanaguptanatha, hervorgegangen aus Utpala, dem Sohn Somanandas, der im Meer der Tryambaka-Überlieferung ruht; ferner der durch Soma allwissende Shambhunatha, Vollmond über dem großen Meer der sogenannten vierten Überlieferungslinie. [Das Hervorgehen Lakshmanaguptas aus Utpala bezeichnet hier die Lehrerfolge; Jayaratha benennt die vierte Linie als Ardha-Tryambaka.]
Kommentarhinweis: Die erste Vershälfte verschränkt die Lehrerfolge Somananda – Utpala – Lakshmanagupta mit einem poetischen Meeres- und Lotusbild. Die vierte Linie heißt bei Jayaratha ausdrücklich Ardha-Tryambaka; sie ist mit der Tochterlinie aus 36.13 zu verbinden.[28]
37.62
śrīcandraśarmabhavabhaktivilāsayogānandābhinandaśivaśaktivicitranāthāḥ |
anye’pi dharmaśivavāmanakodbhaṭaśrībhūteśabhāskaramukhapramukhā mahāntaḥ || 62 ||
Die ehrwürdigen Lehrer Chandrasharman, Bhava, Bhaktivilasa, Yogananda, Abhinanda, Shiva, Shakti und Vicitranatha; ferner andere große Lehrer, darunter Dharmashiva, Vamanaka, Udbhata, Bhutesha und Bhaskara: [Die Aufteilung der dicht zusammengesetzten ersten Namensreihe ist vorläufig; insbesondere ist nicht gesichert, ob „Shiva“ und „Shakti“ eigenständige Namen sind.]
37.63
ete sevārasaviracitānugrahāḥ śāstrasārapauḍhādeśaprakaṭasubhagaṃ svādhikāraṃ kilāsmai
/
yat saṃprāduryadapi ca janānnaikṣatākṣetrabhūtān svātmārāmastadayamaniśaṃ tattvasevāraso’bhūt
// 63
Sie gewährten ihm, durch seinen Dienst erfreut, ihre durch mächtige Unterweisung im Schriftsinn offenbarte Befugnis. Weil er zudem keine ungeeigneten Menschen aufsuchte, blieb er, am Selbst erfreut, stets dem Dienst an der Wirklichkeit zugewandt.
37.64
so’nugrahītumatha śāṃbhavabhaktibhājaṃ svaṃ bhrātaramakhilaśāstravimarśapūrṇam |
yāvanmanaḥ praṇidadhāti manorathākhyaṃ tāvajjanaḥ katipayastamupāsasāda || 64 ||
Als er seinen Geist darauf richtete, seinem Bruder Manoratha, der Shambhu verehrte und die Betrachtung aller Schriften vollständig beherrschte, Gnade zu erweisen, kamen einige weitere Menschen zu ihm.
37.65
śrīśaurisaṃjñatanayaḥ kila karṇanāmā yo yauvane viditaśāṃbhavatattvasāraḥ |
dehaṃ tyajan prathayati sma janasya satyaṃ yogacyutaṃ prati mahāmunikṛṣṇavākyam //
65
Karna, Sohn des ehrwürdigen Shauri, hatte schon in seiner Jugend die Essenz der Shambhu-Wirklichkeit erkannt. Als er seinen Körper verließ, machte er den Menschen die Wahrheit von Krishnas Wort über den vom Yoga Abgekommenen offenbar. [Jayaratha verweist auf die Bhagavadgita-Passage über die Wiederaufnahme des Yoga nach einer neuen Geburt; dies besagt nicht, dass Karna in diesem Leben den Yoga aufgegeben habe.]
37.66
tadbālamitramatha mantrisutaḥ prasiddhaḥ śrīmandra ityakhilasāraguṇābhirāmaḥ |
lakṣmīsarasvati samaṃ yamalaṃcakāra sāpatnakaṃ tirayate subhagaprabhāvaḥ || 66 ||
Sein Jugendfreund, der Ministersohn, war als Shri Mandra bekannt, liebenswert durch alle wesentlichen Tugenden. Lakshmi und Sarasvati schmückten ihn gemeinsam; seine begnadete Kraft hob ihre Nebenbuhlerschaft auf.
37.67
anye pitṛvyatanayāḥ śivaśaktiśubhrāḥ kṣemotpalābhinavacakrakapadmaguptāḥ |
ye saṃpadaṃ tṛṇamamaṃsata śaṃbhusevāsaṃpūritaṃ svahṛdayaṃ hṛdi bhāvayantaḥ || 67 ||
Weitere Söhne seiner väterlichen Onkel waren die durch Shiva-Shakti gereinigten Kshema, Utpala, Abhinava, Cakraka und Padmagupta. Reichtum galt ihnen als Gras, während sie im Herzen ihr vom Dienst an Shambhu erfülltes Inneres vergegenwärtigten. [Ob das Schlussglied „gupta“ bei allen fünf Namen mitzulesen ist, bleibt hier offen.]
37.68
ṣaḍardhaśāstreṣu samastameva yenādhijagme vidhimaṇḍalādi |
sa rāmagupto guruśaṃbhuśāstrasevāvidhivyagrasamagramārgaḥ || 68 ||
Ramagupta hatte in den Trika-Schriften sämtliche Verfahren, Mandalas und Weiteres erlernt; sein ganzer Weg galt dem Dienst an Guru, Shambhu und Schrift.
37.69
anyo’pi kaścana janaḥ śivaśaktipātasaṃpreraṇāparavaśasvakaśaktisārthaḥ |
abhyarthanāvimukhabhāvamaśikṣitena tenāpyanugrahapadaṃ kṛta eṣa vargaḥ || 69 ||
Weitere Menschen wurden mit der Gesamtheit ihrer Kräfte durch Shivas Shaktipata angetrieben. Auch diese Gruppe machte er, der keine Abweisung einer Bitte kannte, zum Empfänger seiner Gnade.
37.70
ācāryamabhyarthayate sma gāḍhaṃ saṃpūrṇatantrādhigamāya samyak |
jāyeta daivānugṛhītabuddheḥ saṃpatprabandhaikarasaiva saṃpat || 70 ||
Sie baten den Lehrer nachdrücklich um vollständige Unterweisung in den Tantras. Für den von der Gottheit Begünstigten möge Erfolg zu einer ununterbrochenen Folge weiteren Erfolgs werden.
37.71
so’pyabhyupāgamadabhīpsitamasya yadvā svātodyameva hi ninartiṣato’vatīrṇam |
so’nugrahapravaṇa eva hi sadgurūṇāmājñāvaśena śubhasūtimahāṅkureṇa || 71 ||
Er erfüllte ihr Verlangen – oder es war sein eigenes Instrument, das zu ihm, dem Tanzwilligen, herabgekommen war. Schon durch den Befehl seiner wahren Gurus, den großen Keim des Heils, war er zur Gnade geneigt.
37.72
vikṣiptabhāvaparihāramatho cikīrṣan mandraḥ svake puravare sthitimasya vavre |
ābālagopamapi yatra maheśvarasya dāsyaṃ janaścarati pīṭhanivāsakalpe || 72 ||
Um Zerstreuung zu vermeiden, bat Mandra ihn, in seiner schönen Stadt zu wohnen, wo selbst Kinder und Kuhhirten Maheshvara dienen, wie an einem heiligen Pitha.
37.73
tasyābhavat kila pitṛvyavadhūrvidhātrā yā nirmame galitasaṃsṛticitracintā |
śītāṃśumaulicaraṇābjaparāgamātrabhūṣāvidhirvihitavatsalikocitākhyā || 73 ||
Mandra hatte eine Tante, die Frau seines väterlichen Onkels. Der Schöpfer hatte sie frei von den vielfältigen Sorgen des Daseins gestaltet; als einzigen Schmuck trug sie den Staub der Lotusfüße des Mondbekrönten. Ihr Name Vatsalika entsprach ihrer liebevollen Art.
37.74
mūrtā kṣameva karuṇeva gṛhītadehā dhāreva vigrahavatī śubhaśīlatāyāḥ |
vairāgyasāraparipākadaśeva pūrṇā tattvārtharatnarucirasthitirohaṇorvī || 74 ||
Sie war gleichsam verkörperte Geduld, leibhaftiges Mitgefühl, ein Gestalt gewordener Strom guten Wesens, die volle Reife der Leidenschaftslosigkeit und ein Edelsteinberg, strahlend vom wahren Sinn der Wirklichkeit.
37.75
bhrātāpi tasyāḥ śaśiśubhramaulerbhaktyā paraṃ pāvitacittavṛttiḥ |
sa śaurirātteśvaramantribhāvastatyāja yo bhūpatimantribhāvam || 75 ||
Auch ihr Bruder Shauri hatte seinen Geist durch Hingabe an den Mondbekrönten ganz gereinigt. Er gab das Ministeramt beim König auf und nahm das Ministeramt beim Herrn an.
37.76
tasya snuṣā karṇavadhūrvidhūtasaṃsāravṛttiḥ sutamekameva |
yāsūta yogeśvaridattasaṃjñaṃ nāmānurūpasphuradarthatattvam || 76 ||
Seine Schwiegertochter, Karnas Frau, deren weltliche Lebensbewegung geschwunden war, gebar einen einzigen Sohn namens Yogeshvaridatta; der Sinn seines Namens trat seinem Wesen entsprechend hervor.
37.77
yāmagrage vayasi bhartṛviyogadīnāmanvagrahīt trinayanaḥ svayameva bhaktyā |
bhāviprabhāvarabhaseṣu janeṣvanarthaḥ satyaṃ samākṛṣati so’rthaparamparāṇām || 77 ||
Als sie in jungen Jahren durch den Verlust ihres Mannes niedergedrückt war, begnadete der Dreiäugige selbst sie durch Hingabe. Bei Menschen von künftig großer Kraft zieht Unglück wahrlich eine Folge von Heil herbei.
37.78
bhaktyullasatpulakatāṃ sphuṭamaṅgabhūṣāṃ śrīśaṃbhunāthanatimeva lalāṭikāṃ ca |
śaivaśrutiṃ śravaṇabhūṣaṇamapyavāpya saubhāgyamabhyadhikamudvahati sma yāntaḥ || 78 ||
Ihre Glieder schmückte die durch Hingabe entstehende Gänsehaut, ihre Stirn die Verneigung vor Shri Shambhunatha, ihre Ohren das Hören der Shiva-Offenbarung; so trug sie innerlich überragendes Glück.
37.79
ambābhidhānā kila sā guruṃ taṃ svaṃ bhrātaraṃ śaṃbhudṛśābhyapaśyat |
bhāviprabhāvojjvalabhavyabuddhiḥ sato’vajānāti na bandhubuddhyā || 79 ||
Diese Amba genannte Frau sah ihren eigenen Bruder und Guru als Shambhu. Ein edler Geist, vom Leuchten künftiger Größe erfüllt, missachtet einen guten Menschen nicht aus bloßer verwandtschaftlicher Vertrautheit.
37.80
bhrātā tadīyo’bhinavaśca nāmnā na kevalaṃ saccaritairapi svaiḥ |
pītena vijñānarasena yasya tatraiva tṛṣṇā vavṛdhe nikāmam || 80 ||
Ihr Bruder war Abhinava, nicht nur dem Namen, sondern auch seinen guten Taten nach. Je mehr Erkenntnissaft er trank, desto stärker wuchs gerade danach sein Durst.
37.81
so’nyaśca śāṃbhavamarīcicayapraṇaśyatsaṃkocahārdanalinīghaṭitojjvalaśrīḥ |
taṃ lumpakaḥ paricacāra samudyameṣu sādhuḥ samāvahati hanta karāvalambam || 81 ||
Er und Lumpaka, dessen Herzenslotus durch Shambhus Strahlen alle Verengung verlor und strahlend wurde, dienten ihm bei seinen Unternehmungen. Ein guter Mensch reicht wahrlich hilfreich die Hand.
37.82
itthaṃ gṛhe vatsalikāvitīrṇe sthitaḥ samādhāya matiṃ bahūni |
pūrvaśrutānyākalayan svabuddhyā śāstrāṇi tebhyaḥ samavāpa sāram || 82 ||
So wohnte er im von Vatsalika überlassenen Haus, sammelte seinen Geist, durchdachte mit eigener Einsicht die vielen früher gehörten Schriften und gewann ihre Essenz.
37.83
sa tannibandhaṃ vidadhe mahārthaṃ yuktyāgamodīritatantratattvam |
ālokamāsādya yadīyameṣa lokaḥ sukhaṃ saṃcaritā kriyāsu || 83 ||
Er verfasste darüber dieses bedeutungsreiche Werk, in dem die Tantra-Wirklichkeit durch Begründung und Offenbarung ausgesprochen wird. Wer dessen Licht erlangt, wird sich in seinen Handlungen glücklich bewegen.
37.84
santo’nugṛhṇīta kṛtiṃ tadīyāṃ hṛhṇīta pūrvaṃ vidhireṣa tāvat |
tato’pi gṛhṇātu bhavanmatiṃ sā sadyo’nugṛhṇātu ca tattvadṛṣṭyā || 84 ||
Ihr Guten, nehmt sein Werk gnädig an! Nehmt es zuerst auf – dies ist die erste Regel. Dann möge es euren Geist ergreifen und ihn sogleich durch die Sicht der Wirklichkeit begnadigen. [Die Vorlage hat „hṛhṇīta“, eine fehlerverdächtige Form.]
37.85
idamabhinavaguptaprombhitaṃ śāstrasāraṃ śiva niśamaya tāvat sarvataḥśrotratantraḥ
/
tava kila nutireṣā sā hi tvadrūpacarcetyabhinavaparituṣṭo lokamātmīkuruṣva || 85 ||
Shiva, dessen Hören sich nach allen Seiten erstreckt, höre diese von Abhinavagupta zusammengestellte Essenz der Schriften! Sie ist dein Lobpreis, denn sie erörtert dein Wesen. In immer neuer Freude mache die Welt zu deinem eigenen Selbst!
Prüfnotiz zu Ahnika 37: Alle 85 nummerierten Einträge der GRETIL-Fassung sind mit IAST und unmittelbar folgender deutscher Arbeitsübersetzung gespeichert. Die elektronische Transkription beruht laut Quellenkopf auf KSTS; eine durchgängige Kollation aller Druckseiten liegt nicht vor. Die bei der Überarbeitung kontrollierten Einzelstellen und Kommentarerläuterungen sind direkt an den Versen belegt. Das Zeichen @ wurde als Avagraha (’) dargestellt. Besonderheiten der Versgestalt werden in der folgenden Lesungsnotiz festgehalten.
Textkritische Hinweise und Abschlussprüfung
Die Prüfung erfasst den nummerierten Grundtext der GRETIL-Fassung, Version 31. Juli 2020, auf der Grundlage von KSTS. Es sind 5.860 elektronische Referenzeinträge erfasst; zusätzlich wird der innerhalb von 1.136 überlieferte Halbvers 1.136c einzeln ausgewiesen. Damit enthält die versweise Lesefassung 5.861 bezeichnete Einträge einschließlich des Platzhalters für die in der Vorlage nicht besetzte Nummer 1.58. Diese Zahl bezeichnet Einträge, nicht ausschließlich vollständige Shlokas. Die Devanagari-Fassung besitzt dieselbe Folge.
Grenzen der Prüfung: Die Nummernfolge, das Vorhandensein einer deutschen Wiedergabe beziehungsweise eines ausdrücklichen Lückenhinweises sowie die Sanskritzeichenfolge wurden am gespeicherten Text geprüft. Einzelne KSTS-Druckseiten wurden bei der anschließenden Überarbeitung unmittelbar kontrolliert und am jeweiligen Vers belegt. Eine durchgängige Kollation aller Bände liegt weiterhin nicht vor; schwierige Übersetzungen sind nicht insgesamt abschließend gesichert. Die übernommenen deutschen Übersetzungen der Ahnika 1–27 wurden nicht vollständig neu übersetzt. Die nachstehend genannten elektronischen Quellenlesarten wurden bei der Gesamtprüfung im IAST wiederhergestellt. Die unmittelbar nachgewiesenen Drucklesungen und Kommentarerläuterungen stehen gesondert am jeweiligen Vers; die diplomatische elektronische Sanskritfassung wurde durch diese Übersetzungskorrekturen nicht ersetzt.
Ergänzungen des übernommenen Bestands: Der bereits vorhandene Zusatzhalbvers 1.136c wurde gesondert geprüft. Der zuvor fehlende erste Halbvers von 10.73 wurde samt Übersetzung ergänzt. Bei 4.1 wurde die mitgezählte Kapitelüberschrift vom eigentlichen Halbvers getrennt. Die Punktreihe der beschädigten Stelle 15.378 wird in der Quellengestalt bewahrt. Bei 1.58 bleibt offen, ob eine Textlücke oder eine Unregelmäßigkeit der Zählung vorliegt; die Druckkontrolle ist am Eintrag dokumentiert.
Dokumentierte Abweichungen zur hochgeladenen Fassung: Die folgenden Angaben nennen zuerst die frühere Schreibweise, dann die hier wiederhergestellte elektronische Quellenlesung. Auch offenkundig fehlerverdächtige Quellenformen werden damit dokumentiert, nicht als sprachlich richtige Formen bestätigt.
- 1.38: „buddhyamśo’dhyavasāyādyabhāvataḥ“ → „budghyaṃśo’dhyavasāyādyabhāvataḥ“.
- 2.49: „tṛdayagaganodbhāsimahasaḥ“ → „tdṛdayagaganodbhāsimahasaḥ“.
- 3.129: „uditāiva“ → „uditaiva“.
- 4.38: „mokṣalipsayā“ → „moKṣalipsayā“.
- 4.46: „tad akasmāditi-śabdataḥ“ → „tad+akasmāditi-śabdataḥ“.
- 5.66: „tadevamamṛtaṃ“ → „tadevama[tada]mṛtaṃ“.
- 5.90: „“ → „[tstho]“.
- 6.17: „ceddārḍhyameti“ → „caddārḍhyameti“.
- 6.23: „tu“ → „tuṃ“.
- 6.38: „tattvamadhyasthitātkālādanyo’yaṃ“ → „tattavamadhyasthitātkālādanyo’yaṃ“.
- 10.81: „tannijamāhātmyakalpito’ṃśāṃśikākramaḥ“ → „tannijamāhātmyakalpitoṃ’śāṃśikākramaḥ“.
- 10.125: „atostrayodaśatvaṃ“ → „atastrayodaśatvaṃ“.
- 12.14: „dravyaaughe“ → „dravyaughe“.
- 13.127: „malaśaṅkāṃ“ → „malaśaṃkāṃ“.
- 13.132: „yat“ → „yat.“.
- 15.431: „bimbaṃ“ → „binbaṃ“.
- 15.444: „kumbhakarkaryorbhāgaṃ“ → „kubhbhakarkaryorbhāgaṃ“.
- 15.458: „sarvāṅgaṃ“ → „sarvāṃṅgaṃ“.
- 15.493: „kiṃvāpyutkṛṣṭastadviparyayaḥ“ → „kivāpyutkṛṣṭastadviparyayaḥ“.
- 15.498: „cānnaprāśaścūḍā“ → „cānnapraśaścūḍā“.
- 15.567: „devatāyāgayogataḥ“ → „davatāyāgayogataḥ“.
- 15.570: „vaiṣṇavādikādhaḥsthadṛṣṭibhiḥ“ → „vaṣṇavādikādhaḥsthadṛṣṭibhiḥ“; „sahabhojanaśayyādyarna eṣāṃ“ → „sahabhojanaśayyādyarnaiṣāṃ“.
- 15.571: „śrīmādhavakule“ → „śrīṃmādhavakule“.
- 15.593: „aśuddhavāsanāyaiṣā“ → „aśuddhavāsasnayaiṣā“.
- 17.90: „bhavet“ → „bhvet“.
- 19.6: „kuryātsadyautkrāntidīkṣaṇam“ → „kuryātsadya+utkrāntidīkṣaṇam“.
- 19.26: „sadyautkrāntidāṃ“ → „sadya+utkrāntidāṃ“.
- 19.28: „sadyautkrāntidā“ → „sadya+utkrāntidā“.
- 19.54: „sadyautkrāntiḥ“ → „sadya+utkrāntiḥ“.
- 19.56: „sadyautkrāntiryā“ → „sadya+utkrāntiryā“.
- 26.21: „sa ca gurusaṃvidabhinnaścetsaṃkrāmetsā“ → „saca gurusaṃvidabhinnaśvetsaṃkrāmetsā“.
Besondere Vorsicht in Ahnika 30–33: Verschlüsselte Mantra-Bildungen, Lautzählungen, Namensreihen und insbesondere die geometrischen Koordinaten in Ahnika 31 sind teilweise nicht eindeutig aufzulösen. Die deutsche Wiedergabe ist hier vorläufig und ersetzt weder einen Kommentar noch eine geprüfte Konstruktionszeichnung. Das betrifft besonders 30.20–25, 30.52–59, 30.107–120, 31.12–38, 31.63–72, 31.86–93 und 31.136–146 sowie 33.11–19. In 32.1, 33.1, 34.1 und 36.1 steht vor dem eigentlichen ersten Vers ein mit 0b bezeichnetes einleitendes Halbglied; es wird unter derselben elektronischen Referenz mitsamt Übersetzung erhalten. Die alleinstehenden Schlussglieder 28.435, 29.292, 31.164, 32.68, 34.4 und 36.16 werden nicht zu Vollversen aufgefüllt.
Sonderzeichen: Fragezeichen, eckige Klammern, Punktefolgen und Pluszeichen der Quelle bleiben sichtbar. Die Devanagari-Fassung ist eine Umschrift, kein Faksimile. @ beziehungsweise typografischer Apostroph werden dort als Avagraha ऽ dargestellt; Großbuchstaben in fehlerhaften lateinischen Quellenschreibungen haben in Devanagari keine eigene Entsprechung. Unsichere Formen erhalten durch Umschrift keine textkritische Bestätigung.
Überarbeitung vom 8. September 2026
Die deutsche Wiedergabe von Ahnika 35 und 36 wurde vollständig neu durchgearbeitet. Gezielte Korrekturen betreffen außerdem die Trika-Bezeichnung und die Textgruppenzahlen in Ahnika 1, die Kalenderzuordnung in 28.106–109 und die Namens- und Linienzuordnungen in 29.33–39, die Lautverschlüsselung in 30.40–41, den Kommentarzusammenhang von 32.10–20, die Namens- und Kreiszuordnungen in 33.11–19 sowie einzelne biografische Stellen in Ahnika 37. Die jeweiligen Druckseitenbelege stehen bei den Versen. Geprüfte Lesungen aus dem Kommentar werden von weiterhin offenen Fragen unterschieden.
Die anschließende Druckkontrolle klärt den Zählungsbefund bei 1.58 und bestätigt die bereits gedruckten Punktreihen bei 15.378. Die Übersetzung von 1.56 wurde berichtigt. In Ahnika 31 wurden 31 weitere deutsche Einträge korrigiert: insbesondere Handhabung der Zeichenschnur, Maße, Formbezeichnungen, die Rechnung 250 × 24 = 6000 sowie das Raster aus 30 Schnüren je Richtung mit 29 × 29 Feldern. Der offene Maßbezug in 31.120 ist ausdrücklich gekennzeichnet. Die jeweiligen Sanskritgrundtexte bleiben als dokumentierte elektronische Lesungen erhalten; in 31.102 wird die abweichende Drucklesung eigens genannt.
Die technische Vollständigkeit der Eintragsfolgen ist von der philologischen Zuverlässigkeit zu unterscheiden. Insbesondere Ahnika 31 ist weiterhin keine geprüfte geometrische Bauanleitung. Die früheren Ahnika 1–27 wurden nur punktuell inhaltlich korrigiert; eine versweise Gesamtprüfung ihrer deutschen Übersetzung steht aus. Diese Datei bleibt deshalb eine überarbeitete Arbeitsfassung und ist nicht als abschließend geprüfte Gesamtübersetzung zu bezeichnen.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XI, 1936, S. 46–47. Digitalisat; am Scan kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XI, 1936, S. 26–29. Digitalisat; am Scan kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XI, 1936, S. 27–29. Digitalisat; am Scan kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XI, 1936, S. 28–29. Digitalisat; am Scan kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XII, 1938, S. 200. Digitalisat; die angegebene Druckseite wurde am Scan kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 228–229. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 233. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 237. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 241. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 246. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 252. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 273. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 281. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 279–281. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 285–286. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 287. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS XII, S. 288–289. Digitalisat; Kommentartext konsultiert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 291–292. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 297–298. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Abhinavagupta: Tantrāloka mit Jayarathas Viveka, KSTS Band XII, S. 300–301. Digitalisat; die genannten Stellen wurden am Druckbild kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XII, 1938, S. 309. Digitalisat; die angegebene Druckseite wurde am Scan kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XII, 1938, S. 310. Digitalisat; die angegebene Druckseite wurde am Scan kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XII, 1938, S. 343–344. Digitalisat; die angegebene Druckseite wurde am Scan kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XII, 1938, S. 360. Digitalisat; die angegebene Druckseite wurde am Scan kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XII, 1938, S. 383–384. Digitalisat; die angegebene Druckseite wurde am Scan kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XII, 1938, S. 386. Digitalisat; die angegebene Druckseite wurde am Scan kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XII, 1938, S. 413. Digitalisat; die angegebene Druckseite wurde am Scan kontrolliert.
- ↑ Jayaratha: Viveka, KSTS Band XII, 1938, S. 414–415. Digitalisat; die angegebene Druckseite wurde am Scan kontrolliert.