Niruttara Tantra Übersetzung Teil 2

Aus Yogawiki

Niruttara Tantra – Versübersetzung, Teil 2 enthält die fortlaufende IAST-Transkription und deutsche Übersetzung der Kapitel 5–7 der verwendeten Sanskritausgabe. Die Ausgabe zählt die Verse nicht; alle Nummern auf dieser Seite sind deshalb redaktionelle Kapitelnummern.

Dieser Teil umfasst sämtliche im Druck erhaltenen Texteinheiten der Kapitel 5–7 (122 nummerierte Positionen), einschließlich Sprecherangaben und Kapitelkolophone. Übersetzungsstand: 121 vollständig übersetzt; 1 textgeschädigte Position teilweise übersetzt. Beschädigte Stellen werden unmittelbar am Text bezeichnet; sie sind nicht ergänzt oder rückübersetzt.

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Die Kapitel 5–7 sind als Lehrgespräch zwischen Shiva und der Devi gestaltet.

Kapitel 5 – Rajani, innere Verehrung und Regeln des Virabhava

Die Zählung 5.1–5.54 ist redaktionell. Rajanī („die Nächtliche“, „die Dunkle“) bezeichnet in diesem Kapitel sowohl eine Gestalt der Shakti als auch die eingeweihte Ritualpartnerin. Die teils drastischen Vorschriften gehören zum historischen Kaula-Ritual und sind keine unmittelbare Praxisanweisung für heutige Leser.

Śrīdevy uvāca – Die Göttin sprach:

5.1 kīdṛśīṃ rajanīṃ devīṃ pūjayet kiṃ nivedayet |
tasyā vā kīdṛśī pūjā tadgāyatrī ca kīdṛśī ||

Wie beschaffen ist die Göttin Rajani, die man verehren soll, und was bringt man ihr dar? Wie ist ihre Verehrung, und wie ihre Gayatri?

5.2 japaṃ vā kīdṛśaṃ deva puraścaryā ca kīdṛśī |
sādhanā kīdṛśī tasyā vada me parameśvara ||

Wie ist ihr Japa, o Gott, wie ihre vorbereitende Praxis und wie ihre Sadhana? Sage es mir, höchster Herr.

Śrīśiva uvāca – Shiva sprach:

5.3 nirlobhā kāmanāhīnā nirlajjā dvandvavarjitā |
śivā sattvagatā sādhvī svecchayā viparītagā ||

Sie ist frei von Gier und eigennützigem Begehren, frei von Scham und den Gegensatzpaaren, glückverheißend, von Sattva erfüllt und charakterfest; aus eigenem Willen nimmt sie die umgekehrte Stellung ein.

5.4 evaṃ sā rajanī devī triṣu lokeṣu gopitā |
ātmanā pūjane seva samūle kulavartmanā ||

So ist diese Göttin Rajani in den drei Welten verborgen. Sie wird im Weg des Kula bis zur Wurzel als das eigene Selbst verehrt. [Die Syntax der zweiten Vershälfte ist im Druck unregelmäßig.]

5.5 akṣṇor antargataṃ jyotir vīrāntaḥ pratiṣṭhitam |
yato rūpaṃ paraṃ jyotis tad eva kulamandire ||

Das Licht im Inneren der Augen ist im Innern des Vira gegründet. Woraus die Gestalt des höchsten Lichtes besteht, eben das ist im Tempel des Kula.

5.6 manasā sādhakaṃ vīkṣya ṣoḍaśāt patitāmṛtam |
tenāmṛtena mūlena tarpayed rajanīṃ svayam ||

Der Übende schaue innerlich auf den aus der „Sechzehnten“ herabfallenden Nektar; mit diesem ursprünglichen Nektar sättige er Rajani selbst.

5.7 kulanāthaṃ kulāgāre niyojya bhāvayec chivām |
śvāsocchvāsātmikāṃ gāyatrīṃ tv ajapābrahmarūpiṇīm ||

Nachdem er den Herrn des Kula im Kula-Haus eingesetzt hat, vergegenwärtige er sich die glückverheißende Gayatri, deren Wesen Ein- und Ausatmen ist, die Ajapa in Gestalt des Brahman.

5.8 ajapā rajanīgāyatrī brahmagāyatrī ca yoginām |
ajapā rajanīgāyatrī rajanyāṃ rajanīṃ japet ||

Die Ajapa ist die Rajani-Gayatri und die Brahma-Gayatri der Yogis. In der Nacht rezitiere man durch die Ajapa-Gayatri Rajani.

5.9 na japed divase vidvān brahmavidyātmikāṃ parām |
japen narakam āpnoti ihaiva duḥkhabhāg bhavet ||

Der Kundige soll diese höchste, aus Brahmavidya bestehende Form nicht am Tag rezitieren. Tut er es doch, so droht der Text mit Hölle und Leiden schon in dieser Welt.

5.10 kalānāthaṃ samānīya niyojya kulamandire |
yojayitvā japen mantraṃ kulakena ca tāḍayet ||

Man führe den Herrn der Kala herbei und setze ihn im Kula-Tempel ein. Nach der Vereinigung rezitiere man den Mantra und rege mit dem Kula an.

5.11 viṃśatyā mahatī pūjā śateḥ śataguṇā bhavet |
rajanyāḥ kathitā pūjā dhyānaṃ ca tattvacintanam ||

Mit zwanzig wird die Verehrung groß, mit hundert wird sie hundertfach. Damit sind die Verehrung Rajanis, die Meditation und die Betrachtung der Wirklichkeit dargelegt.

5.12 saṅketajñaḥ kalānāthaṃ sādhayed ekacetasā |
rajanīmūlayogena nirvāṇapadavīṃ vrajet ||

Wer die verschlüsselte Lehre kennt, übe mit gesammeltem Geist auf den Herrn der Kala bezogen. Durch die Vereinigung mit Rajani als Wurzel gelange man auf den Weg zum Nirvana.

5.13 śaṭhaṃ ca cullukaṃ dhūrtaṃ saṅketahīnadāmbhikam |
santyajya sādhayed vidyāṃ mahāmokṣapradāyinīm ||

Den Täuscher, den Unbeherrschten, den Betrüger und den heuchlerischen Menschen ohne Verständnis der Zeichen meide man. Dann übe man die Vidya, die große Befreiung verleiht.

5.14 dhanād vā kāmato vāpi lobhād vā nijamandiram |
kārayed yadi sā pūjā rauravaṃ narakaṃ vrajet ||

Lässt jemand die Verehrung im eigenen Heiligtum um des Geldes, der Begierde oder der Habgier willen vollziehen, so droht der Text mit der Hölle Raurava.

5.15 saṅketajño dṛḍhaṃ jñātvā sādhanaṃ śivasādhanam |
anyathā duḥkham āpnoti sa yāti narakaṃ dhruvam ||

Der Kenner der Zeichen soll fest verstehen, dass diese Sadhana eine Sadhana Shivas ist. Andernfalls erfährt er Leid und geht, so die Warnung des Textes, gewiss in die Hölle.

5.16 prakṛtyarthaṃ vrajed vāpi jñātvā yac ca prapūjayet |
so'pi nirvāṇatāṃ prāpya punar āvṛtya bhūtale ||

Wer um der Prakriti willen voranschreitet und wissend verehrt, erreicht den Zustand des Nirvana und kehrt nicht wieder auf die Erde zurück. [Das für die Verneinung erwartete na fehlt im Druck; die Übersetzung folgt dem erkennbaren Sinn.]

5.17 abhedaprakṛtiṃ jñātvā japahomādikaṃ caret |
sarvadevasvarūpaṃ ca sarvamantrasvarūpiṇīm ||

Nachdem man die ungeteilte Natur erkannt hat, übe man Japa, Homa und die weiteren Handlungen. Man erkenne sie als Gestalt aller Götter und Verkörperung aller Mantras.

5.18 prakṛtes tattvam āsthāya kaivalyaṃ yāti niścitam |
prakṛtes tattvavid devi na sa yonau prajāyate ||

Wer in der Wahrheit der Prakriti gegründet ist, gelangt gewiss zu Kaivalya. Wer ihre Wahrheit kennt, o Göttin, wird nicht wieder in einem Mutterschoß geboren.

5.19 aśodhitam anācāryaṃ strīṣu madyeṣu sūrate |
svīkāre siddhihāniḥ syād rauravaṃ narakaṃ vrajet ||

Wer einen ungereinigten und nicht von einem Lehrer unterwiesenen Menschen bei Frauen, Rauschtrank und Vereinigung zulässt, verliert die Siddhi; der Text droht mit Raurava. [Die erste Vershälfte ist syntaktisch unsicher.]

5.20 kṣudhārtaś ca tṛṣārtaś ca kālikāṃ naiva pūjayet |
pūjayed yadi deveśi kruddhā bhavati kālikā ||

Hungrig oder durstig soll man Kalika nicht verehren. Tut man es dennoch, o Herrin der Götter, wird Kalika nach Aussage des Textes zornig.

5.21 sādhake kṣobham āpanne devīkṣobhaḥ prajāyate |
tasmād bhuktvā ca pītvā ca pūjayet kālikāṃ śubhām ||

Ist der Übende aufgewühlt, entsteht eine Störung der Göttinnenverehrung. Darum verehre man die glückverheißende Kalika, nachdem man gegessen und getrunken hat.

5.22 vinā pītvā surāṃ bhuktvā matsyamāṃsaṃ rajasvalām |
yo japed dakṣiṇāṃ kālīṃ tasya duḥkhaṃ pade pade ||

Wer Dakshina Kali rezitiert, ohne Wein getrunken, Fisch und Fleisch gegessen und die Rajasvala einbezogen zu haben, dem kündigt der Text Leid auf Schritt und Tritt an. [Die Konstruktion ist im Druck knapp und ritualsprachlich mehrdeutig.]

5.23 divyabhāvaṃ vīrabhāvaṃ vinā kālīṃ prapūjayet |
pūjane narakaṃ yāti tasya duḥkhaṃ pade pade ||

Wer Kali ohne Divya- oder Virabhava verehrt, geht durch diese Verehrung nach Aussage des Textes in die Hölle; Leid begegnet ihm auf Schritt und Tritt.

5.24 latāsavaṃ vinā devi kalau kālīṃ na pūjayet |
paśubhāvāśrito devi yadi kālīṃ prapūjayet ||

Ohne den „Wein der Schlingpflanze“, o Göttin, soll man Kali in diesem dunklen Zeitalter nicht verehren. Verehrt jemand sie in der Pashu-Haltung –

5.25 rauravaṃ narakaṃ yāti yāvad āhutasamplavam ||

– so geht er, der Drohung der Schrift zufolge, bis zum Ende des Opferzyklus in die Hölle Raurava.

5.26 latādarśanamātreṇa kālikādarśanaṃ bhavet |
dṛṣṭvā ca sundarīṃ śaktiṃ kālīṃ tatraiva cintayet ||

Schon im Schauen der „Schlingpflanze“, der Ritualpartnerin, werde Kalika geschaut. Beim Anblick der schönen Shakti vergegenwärtige man sich dort Kali selbst.

5.27 śūnyāgāre śmaśāne vā prāntare nirjane vane |
nadītīre parvate vā śaktiṃ tatra prapūjayet ||

In einem verlassenen Haus, auf dem Verbrennungsplatz, in einer Einöde oder einem menschenleeren Wald, an einem Flussufer oder auf einem Berg verehre man dort die Shakti.

5.28 ekākī pūjayec chaktiṃ niḥśaṅko bhayavarjitaḥ |
guruṃ vinā na saṅgaḥ syāt saṅgī syān narakaṃ vrajet ||

Allein, frei von Zweifel und Furcht, verehre man die Shakti. Ohne Guru soll es keine rituelle Vereinigung geben; wer sie dennoch vollzieht, dem droht der Text mit der Hölle.

5.29 saṅgāc ca dhanahāniḥ syāt sarvaṃ saṅgād vinaśyati |
dūtīyāgaṃ tataḥ pūjāṃ rātrau paryaṭanaṃ priye ||

Aus einer solchen ungeleiteten Vereinigung entstehe Verlust des Vermögens, ja alles gehe dadurch zugrunde. Duti-Ritual, Verehrung und nächtliches Umhergehen, o Geliebte –

5.30 ekākī saṃcared vīro niḥśaṅkaḥ saṅgavarjitaḥ ||

– vollziehe der Vira allein, ohne Zweifel und frei von unbefugter Gesellschaft.

5.31 rātrau paryaṭanaṃ nāsti na rātrau śaktipūjanam |
nārcayet kālikāṃ devīṃ śāmbhavīṃ sukhamokṣadām ||

„Kein nächtliches Umhergehen, keine Shakti-Verehrung bei Nacht, keine Verehrung Kalikas, der Shambhavi, die Glück und Befreiung schenkt“ – so lautet der grammatisch klare, inhaltlich jedoch widersprüchliche Drucktext. Vermutlich ist mindestens eine Verneinung verderbt; sie wird hier nicht stillschweigend beseitigt.

5.32 madyaṃ māṃsaṃ tathā matsyaṃ mudrāṃ ca maithunaṃ vinā |
brāhmaṇo vīrabhāvena kālikāyai nivedayet ||

Der Brahmane soll in Virabhava Wein, Fleisch, Fisch, Mudra und Maithuna der Kalika darbringen. [Das im Druck stehende vinā, „ohne“, passt syntaktisch nicht zu der Aufzählung; die Übersetzung folgt dem Kapitelzusammenhang.]

5.33 pūjādravyaṃ maheśāni paśur vā yadi paśyati |
taddravyaṃ ca jale kṣiptvā iṣṭadevaṃ sucintayet ||

Wenn ein Pashu die Ritualgaben erblickt, o große Herrin, werfe man diese Gaben ins Wasser und vergegenwärtige sich aufmerksam die erwählte Gottheit.

5.34 dhūrtaṃ śaṭhaṃ cullukaṃ ca mūrkhaṃ ca dāmbhikaṃ priye |
ete ca pāśavā proktā sarvān bhāvāśritāṃs tyajet ||

Betrüger, Täuscher, Unbeherrschte, Toren und Heuchler, o Geliebte, werden hier als Pashus bezeichnet. Solche Menschen soll man aus der rituellen Gemeinschaft ausschließen.

5.35 paśubhir darśitaṃ dravyaṃ devebhyo na nivedayet |
kulapūjāṃ kuladravyaṃ kulastrīṃ kulamaṅgalam ||

Eine von Pashus erblickte Gabe bringe man den Gottheiten nicht dar. Kula-Puja, Kula-Substanz, Kula-Frau und das glückverheißende Kula –

5.36 gopanīyaṃ paśor agre prakāśān maraṇaṃ bhavet |
brāhmaṇaḥ kṣatriyo vaiśyaḥ śūdraś ca kulayogataḥ ||

– sind vor dem Pashu geheim zu halten; Offenlegung bringe nach Aussage des Textes den Tod. Brahmane, Kshatriya, Vaishya und Shudra können kraft der Verbindung mit dem Kula dazugehören.

5.37 pañcamaiḥ pūjayet kālīṃ mokṣārthī ca kalau priye |
brāhmaṇaiḥ pīyate madyaṃ na madyaṃ dvijapuṅgavaiḥ ||

Mit den „Fünf“ verehre, wer Befreiung sucht, Kali im Kali-Zeitalter, o Geliebte. „Von Brahmanen wird Madya getrunken; nicht Madya von den Besten der Zweimalgeborenen“ – dieses Wortspiel beziehungsweise diese widersprüchliche Lesung bleibt im Druck unerklärt.

5.38 kalāvāsavayogena tarpayed kālikāṃ priye |
pāne bhrāntir bhaved yasya ghṛṇā syād raktaretasoḥ ||

Durch die Verbindung von Kala und Rauschtrank sättige man Kalika, o Geliebte. Wer beim Trinken die Besinnung verliert oder Ekel vor Blut und Samen empfindet –

5.39 sa pāpiṣṭho yajen naiva kālīṃ kaluṣahāriṇīm |

– soll nach dem strengen Urteil des Textes Kali, die Beseitigerin der Befleckung, nicht verehren.

5.40 kālīṃ tārāṃ tathā chinnāṃ tripurāṃ bhairavīṃ tathā |
kalāvāsavayogena sarvadā pūjayed dvijaḥ ||

Kali, Tara, Chinna, Tripura und Bhairavi verehre der Zweimalgeborene stets durch die Verbindung von Kala und Rauschtrank.

5.41 śmaśānabhairavīṃ caiva ugratārāṃ ca pañcamīm |
mātaṅgīṃ ca tathā dhūmrāṃ bagalāṃ bhuvaneśvarīm ||

Ebenso Shmashana-Bhairavi und als fünfte Ugratara, ferner Matangi, Dhumra, Bagala und Bhuvaneshvari –

5.42 rājarājeśvarīṃ bālāṃ tvaritāṃ mahiṣamardinīm |
kalāvetāś ca āsavaiś ca pūjyāś ca dakṣiṇāṃ vinā ||

– Rajarajeshvari, Bala, Tvarita und Mahishamardini. Diese Kalas sollen mit Rauschtränken verehrt werden, mit Ausnahme von Dakshina. [Der Bezug von dakṣiṇāṃ vinā ist nicht völlig sicher.]

5.43 brāhmaṇo vīrabhāvena surāṃ pītvā japen manum |
surābhāve ca gokṣīraṃ dvijo dadyād yuge yuge ||

Der Brahmane rezitiere im Virabhava den Mantra, nachdem er Wein getrunken hat. Ist kein Wein vorhanden, bringe der Zweimalgeborene jeweils Kuhmilch dar.

5.44 dravyābhāve cānukalpaiḥ pūjayet paradevatām |
ekādaśyāṃ vyatīpāte karmalopanaṃ na kārayet ||

Fehlen die vorgeschriebenen Substanzen, verehre man die höchste Gottheit mit Ersatzgaben. Am elften Mondtag und während Vyatipata lasse man die Handlung nicht ausfallen.

5.45 na kṛte ca guror arcā kramāt ko'pi pralīyate |
kevalaṃ viṣayāsaktaḥ pataty eva na saṃśayaḥ ||

Wird die Verehrung des Gurus nicht vollzogen, zerfällt die Ordnung. Wer allein an Sinnesobjekten hängt, fällt gewiss.

5.46 agracakraṃ vīrabhāvaṃ tat kāryaṃ gurusannidhau |
tadabhāve bhrātṛbhiḥ sārdhaṃ kāryaṃ caiva vidhānataḥ ||

Der vorrangige Kreis in Virabhava soll in Gegenwart des Gurus vollzogen werden. Ist er nicht da, führe man ihn vorschriftsgemäß zusammen mit den rituellen Brüdern aus.

5.47 pṛthak pātre pibed dravyaṃ pṛthak pātre ca bhojanam |
śaktiyuktaṃ vased vāpi yugmaṃ yugmavidhānataḥ ||

Aus einem eigenen Gefäß trinke man die Substanz und aus einem eigenen Gefäß esse man. Mit der Shakti sitze man als Paar gemäß der Ordnung der Paare.

5.48 śaktyucchiṣṭaṃ piben madyaṃ vīrocchiṣṭaṃ ca carvaṇam |
svajyeṣṭhasya ca bhoktavyaṃ kaniṣṭhasya na bhojayet ||

Der Vira trinke den von der Shakti übrig gelassenen Wein, die Shakti esse das von ihm übrig gelassene Kaubare. Man darf vom rituell Älteren nehmen, nicht aber den Jüngeren davon speisen.

5.49 nijaśaktiṃ vinā devi śaktyucchiṣṭaṃ pibed yadi |
rauravaṃ narake ghore yāvad indrāś caturdaśa ||

Trinkt jemand ohne seine eigene Shakti den Rest einer anderen Shakti, o Göttin, so droht der Text für die Zeit von vierzehn Indras mit der furchtbaren Hölle Raurava.

5.50 ekāsane vased yas tu bhuñjīta caikabhājane |
parasparam upaspṛśet sa yāti narakaṃ dhruvam ||

Wer auf demselben Sitz sitzt, aus demselben Gefäß isst und sich dabei wechselseitig berührt, geht der strengen Ritualwarnung zufolge gewiss in die Hölle.

5.51 ekāsanastho yo vīro divyo vā kulasundari |
sudhāṃ pītvā vīracakre rauravaṃ narakaṃ vrajet ||

Ein Vira oder Divya, der im Virachakra auf nur einem Sitz den Nektar trinkt, gehe nach Aussage des Textes in Raurava, o Schöne des Kula.

5.52 mahāsiddhīśvaro vāpi bhuktvā pītvā parasparam |
siddhihāniḥ puraskṛtya sa yāti narakaṃ dhruvam ||

Selbst ein Herr großer Siddhis, der mit anderen wahllos Speise und Trank austauscht, verliert zuerst seine Siddhi und geht nach der Warnung des Textes gewiss in die Hölle.

5.53 vinā śaktiṃ pibed dravyaṃ vīro guruparāyaṇaḥ |
tathāpi narake ghore pataty eva na saṃśayaḥ ||

Trinkt ein dem Guru ergebener Vira die Ritualsubstanz ohne Shakti, fällt selbst er nach Aussage des Textes in eine furchtbare Hölle – daran bestehe kein Zweifel.

5.54 śaktyabhāve kuleśāni taddravyaṃ jalataḥ kṣipet |
gurvabhāve tadbhāgaṃ ca jalato vinivedayet ||

Ist keine Shakti anwesend, o Herrin des Kula, gebe man die Substanz ins Wasser. Ist der Guru nicht anwesend, bringe man seinen Anteil dem Wasser dar.

iti śrīniruttaratantre śivapārvatīsaṃvāde pañcamaḥ paṭalaḥ – So endet im ehrwürdigen Niruttara Tantra, im Gespräch zwischen Shiva und Parvati, das fünfte Kapitel.

Kapitel 6 – Nichtdualität und schnelle Siddhi

Die Zählung 6.1–6.30 ist redaktionell. Der Text wechselt zwischen einer nichtdualen Kernaussage und ritualerotischen Vorschriften. Beschädigte oder metrisch ungewöhnliche Stellen werden sichtbar belassen.

Śrīdevy uvāca – Die Göttin sprach:

6.1 rajanīpūjanād eva drutaṃ siddhiḥ kathaṃ bhavet |
etat kathaya me sarvaṃ yady ahaṃ tava vallabhā ||

Wie entsteht allein durch die Verehrung Rajanis rasche Vollendung? Erkläre mir dies ganz, wenn ich dir lieb bin.

Śrīśiva uvāca – Shiva sprach:

6.2 śṛṇu devi pravakṣyāmi lokasaṃśayabhedakam |
yasya vijñānamātreṇa jīvanmuktiḥ prajāyate ||

Höre, o Göttin. Ich verkünde, was die Zweifel der Menschen durchschneidet. Durch dessen bloße Erkenntnis entsteht Befreiung noch zu Lebzeiten.

6.3 ajñānatimirācchannā āvayoḥ smṛtivarjitāḥ |
unmajjanti nimajjanti saṃsārajaladhau janāḥ ||

Vom Dunkel der Unwissenheit bedeckt und der Erinnerung an unser beider Wesen beraubt, tauchen die Menschen im Ozean des Samsara auf und unter.

6.4 sarvā nāryas tvam evāsi sarve'haṃ puruṣāḥ priye |
etadvijñānamātreṇa jāyate siddhibhājanāḥ ||

Alle Frauen bist du selbst; alle Männer bin ich, o Geliebte. Durch das bloße Erkennen dessen werden Menschen zu Gefäßen der Vollendung. [Die Pluralform jāyate … bhājanāḥ ist im Druck grammatisch unregelmäßig.]

Śrīdevy uvāca – Die Göttin sprach:

6.5 sarvajña jagatāṃ nātha sarvalokahite rata |
kenaitad drutasiddhiḥ syāt tan me brūhi kuleśvara ||

Allwissender, Herr der Welten, dem Wohl aller Wesen hingegeben: Wodurch entsteht diese rasche Siddhi? Sage mir das, Herr des Kula.

Śrīśiva uvāca – Shiva sprach:

6.6 capalāsi varārohe hemagaurāṅgi pārvati |
saṃsārabhedakaṃ jñānaṃ kathaṃ te kathayāmy aham ||

Du bist ungestüm, Schönhüftige, goldstrahlende Parvati. Wie könnte ich dir das Wissen mitteilen, das Samsara durchschneidet?

Śrīdevy uvāca – Die Göttin sprach:

6.7 capalāhaṃ sāvahitā mahādeva bhavāmy aham |
saṃsārabhedakaṃ tattvaṃ kathayasva kṛpāṃ kuru ||

Ungestüm bin ich, doch nun werde ich ganz aufmerksam, Mahadeva. Lehre die Wahrheit, die Samsara durchschneidet; erweise mir Gnade.

Śrīśiva uvāca – Shiva sprach:

6.8 saṃsārabhedakaṃ jñānaṃ na prakāśyaṃ kadācana |
prakāśyate yadā yasmin sa hi matsadṛśo bhavet ||

Das Wissen, das Samsara durchschneidet, darf niemals leichtfertig offengelegt werden. Wem es offenbart wird, der wird mir gleich.

6.9 bhītyā vā karṣitā prītyā dhanāḍhyā hīnajā tathā |
cārvaṅgī sasmitā prītā yauvanāhavigrahā ||

Ob aus Scheu oder Zuneigung herbeigeführt, ob wohlhabend oder von niedriger Herkunft: Sie sei von anmutigen Gliedern, lächelnd, liebevoll und von jugendlicher Gestalt. [Das Kompositum yauvanāhavigrahā ist unsicher gelesen.]

6.10 vīkṣyamāṇā tanukṣīṇe prokṣaṇasya ca tatparā |
ānīya vīrabhāvena suprītā cārghyadānataḥ ||

Während sie den schlanken Körper betrachtet und auf die rituelle Besprengung bedacht ist, werde sie im Virabhava herbeigeführt und durch die Darbringung des Arghya erfreut.

6.11 vistīrṇam āsanaṃ dattvā bhavatyā dhyānatatparaḥ |
svayaṃ matsadṛśo bhūtvā niḥspṛho vigataspṛhaḥ ||

Nachdem er einen weiten Sitz bereitet hat, sei er ganz auf die Meditation über dich gerichtet. Selbst mir gleich geworden, sei er frei von Verlangen und Erwartung.

6.12 bindumantreṇa madanasadmani nidhāya cakram |
vaśakārī girīndrajātā ājñākarasya rajanīmathavā ||

Mit dem Bindu-Mantra setze er das Chakra im Haus des Kama ein. Die aus dem König der Berge Geborene oder Rajani wird dem Weisenden willig. [Der Druck bietet einen metrisch und grammatisch auffälligen Wortlaut; die Übersetzung bleibt daher vorsichtig.]

6.13 niśīthe tu baliṃ dattvā niruktavidhinā tataḥ |
āvayoḥ prītijanakaṃ dhyātvā tatparakrameṇa ||

Um Mitternacht bringe er nach der erläuterten Vorschrift die Gabe dar. Dann meditiere er der Reihe nach über das, was die Liebe zwischen uns beiden hervorbringt.

6.14 na kāryaḥ karmasandeho ghṛṇālajjāvivarjitaḥ |
bhavatyā bhāvam āpannaḥ prakṛtisasmitapradaḥ ||

Er zweifle nicht an der Handlung und sei frei von Ekel und Scham. In deine Seinsweise eingetreten, schenke er Prakriti ein Lächeln.

6.15 uttarād eva phalaṃ tasmin puṃsi tadbhāvam āgate |
manojñā sā tu vijñāne krameṇa paritoṣitā ||

Sobald der Mann in jene Haltung gelangt ist, folgt daraus die Frucht. Die Anmutige wird durch sein verständiges, schrittweises Vorgehen zufriedengestellt.

6.16 kiṃ dātāsi varaṃ tvaṃ me sādhutāmbūlatarpite |
sthiradhīr nirīkṣyamāṇe tava cakraṃ rativigrahaṃ vīraḥ ||

„Welchen Segen wirst du mir geben, nachdem du mit gutem Betel erfreut wurdest?“ Festen Sinnes betrachte der Vira dein Chakra als Verkörperung der Liebeskraft. [Der Druck wechselt unvermittelt zwischen direkter Rede und Anweisung.]

6.17 ayutam athavā sahasraṃ śatam aṣṭādhikaṃ japen manum |
sa tu kārtikeyavikramo satatasya mama bhāvaṃ prayāti ||

Er rezitiere den Mantra zehntausendmal, tausendmal oder einhundertachtmal. Dann wird er von der Kraft Karttikeyas und gelangt beständig in mein Wesen.

6.18 viprāste mama parvaṇi nityaṃ yogīndro bhāvanānipuṇaḥ |
kurute gurūpadiṣṭaṃ bhuvi bhairavabhāvam arhati ||

Wer bei meinem Fest stets ein vorzüglicher Yogi und in der inneren Vergegenwärtigung kundig ist, tut, was der Guru gelehrt hat, und wird auf Erden der Seinsweise Bhairavas würdig.

6.19 kathayāmi varārohe śṛṇu tattvaṃ parātparam |
kathitaṃ naiva kasmaicid yadi saṃsāram icchati ||

Ich lehre es dir, Schönhüftige; höre die Wahrheit, die höher als das Höchste ist. Sie wird niemandem mitgeteilt, der weiterhin Samsara begehrt.

6.20 strīpuṃsoḥ saṅgame saukhyaṃ jāyate tat paraṃ padam |
tad āvayoś ca vinyastaṃ yābhyāṃ tābhyāṃ kṛtaṃ nahi ||

In der Vereinigung von Frau und Mann entsteht Glückseligkeit; sie ist jener höchste Zustand. In beiden ist unser beider Wesen niedergelegt – nicht von den beiden Handelnden wird es erschaffen.

6.21 bhājanaḥ sarvavidyānāṃ brāhmaṇaḥ kāminīgaṇe |
vīrāṇāṃ jāyate śreṣṭho bhuvi bhuvi ivāspadam ||

Im Kreis der Geliebten wird der Brahmane zum Gefäß aller Vidyas; unter den Viras wird er zum Vorzüglichsten, gleichsam zu einem Stützpunkt auf Erden. [Die letzte Vershälfte ist im Druck grammatisch uneben.]

6.22 śraddhayā manasā prītiṃ yaḥ kuryād vijitendriyaḥ |
yo'sau kālīṃ bhajed bhaktyā sa eva hi na cānyathā ||

Wer mit Vertrauen und gesammelt, die Sinne gemeistert, liebevolle Freude hervorbringt und Kali hingebungsvoll verehrt – der allein gelangt ans Ziel, nicht anders.

6.23 yaḥ karoti saparyāṃ te devi sadgurum āgataḥ |
sandeho naiva kartavyo yadi saṃsiddhim icchati ||

Wer deine Verehrung vollzieht, o Göttin, nachdem er zu einem wahren Guru gelangt ist, darf keinen Zweifel nähren, wenn er vollkommene Siddhi sucht.

6.24 manorūpā hi saṃsiddhir jāyate nātra saṃśayaḥ |
kulācāre labhet siddhiṃ devānām api durlabhām ||

Die vollkommene Siddhi nimmt die Gestalt des Geistes an – daran bestehe kein Zweifel. Im Kulachara erlange man eine Vollendung, die selbst den Göttern schwer erreichbar ist.

6.25 vartamāne pūjane tu yadi sandehabhājanaḥ |
labhate naiva saṃsiddhiṃ janmakoṭisahasrakaḥ ||

Wer während der Verehrung zum Gefäß des Zweifels wird, erlangt selbst in tausendmal zehn Millionen Geburten keine vollkommene Siddhi.

6.26 iti kathitaṃ paraṃ yat sahasā siddhividhāyakaṃ maheśi |
jagadatidūraṃ viśeṣatas te mṛgaśāvākṣi vidhehi dakṣiṇām ||

So ist dir, große Herrin, das Höchste dargelegt, das rasch Siddhi bewirkt und der Welt besonders fern ist. Rehkalbäugige, gib nun die Dakshina. [Der Vers steht in einem längeren Metrum.]

Śrīdevy uvāca – Die Göttin sprach:

6.27 preyasī tava deveśa girīndrasya ca nandinī |
dakṣiṇā kīdṛśī nātha vada tāṃ ca dadāmy aham ||

Ich bin deine Geliebte, o Herr der Götter, und die Tochter des Königs der Berge. Welche Dakshina wünschst du, Herr? Sage es, und ich werde sie geben.

6.28 evam ākarṇya deveśaḥ sasmito lolalocanaḥ |
svaṃ paśyan girijāṃ vīkṣya śṛṇu devi varānane ||

Als der Herr der Götter dies hörte, lächelte er mit bewegten Augen; sich selbst und Girija betrachtend sprach er: Höre, Göttin mit dem schönen Antlitz.

6.29 aruṇam aruṇatalpaṃ tu prāntadeśe nidhāya |
pṛthulakucanayugalaṃ kroḍe prauḍham āliṅganaṃ yat ||

Ein rotes Lager werde an einem abgelegenen Ort bereitet; die reifen, vollen Brüste werden in einer innigen Umarmung an die Brust genommen.

6.30 svarasavadanebhyaḥ kāmarūpeṇa vakṣaḥ |
sutanu āliṅgitā dakṣiṇābhedasiddhau ||

Mit dem eigenen Geschmack auf den Lippen und in der Gestalt des Begehrens wird die Schöngeformte an die Brust geschlossen: Darin liegt hier die Dakshina zur Verwirklichung des Nichtunterschieds. [Der überlieferte Wortlaut ist metrisch und syntaktisch beschädigt; die Übersetzung gibt nur den noch erkennbaren Sinn wieder.]

iti śrīniruttaratantre śivapārvatīsaṃvāde ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ – So endet im ehrwürdigen Niruttara Tantra, im Gespräch zwischen Shiva und Parvati, das sechste Kapitel.

Kapitel 7 – Abhisheka und Aufnahme in den Kula-Weg

Die Zählung 7.1–7.38 ist redaktionell. Abhiṣeka bezeichnet hier eine rituelle Weihe, nicht lediglich ein öffentliches Übergießen eines Götterbildes. Die sozialen und rituellen Regeln geben die Perspektive des historischen Textes wieder.

Śrīdevy uvāca – Die Göttin sprach:

7.1 bhagavan sarvajīvānāṃ sākṣī tvam asi he prabho |
abhiṣekaṃ purā proktaṃ kīdṛśaṃ kathaya prabho ||

O Herr, du bist der Zeuge aller Lebewesen. Du hast zuvor von Abhisheka gesprochen; erkläre mir, wie diese Weihe beschaffen ist.

Śrīśiva uvāca – Shiva sprach:

7.2 abhiṣekaṃ ca dvividhaṃ rājñāṃ ca jñāninām api |
rājābhiṣekaṃ deveśi vaidikādikriyāṃ caret ||

Abhisheka ist zweifach: für Könige und für Menschen der Erkenntnis. Bei der Königsweihe, o Herrin der Götter, vollziehe man die vedischen und weiteren Riten.

7.3 jñāninām abhiṣekaṃ tu sarvatantreṣu gopitam |
kulacakraṃ krameṇaiva abhiṣekaṃ caret sudhīḥ ||

Die Weihe der Erkennenden ist in allen Tantras verborgen. Der Einsichtige vollziehe die Abhisheka der Reihe nach im Kula-Chakra.

7.4 kulanāthaṃ guruṃ vīkṣya abhiṣekaṃ guruś caret |
sarvaśāntikaraṃ puṣṭyaṃ sarvaroganivāraṇam ||

Nachdem der Guru den Kula-Herrn betrachtet hat, vollziehe er die Weihe. Sie wird als Frieden stiftend, stärkend und alle Krankheiten abwehrend gepriesen.

7.5 dhanadaṃ kāmadaṃ caiva āyuḥśuddhikaraṃ nṛṇām |
svasaubhāgyajananaṃ mahāpātakanāśanam ||

Sie soll Wohlstand und die Erfüllung von Wünschen schenken, das Leben der Menschen läutern, Glück hervorbringen und schwere Verfehlungen tilgen.

7.6 sarvāśāpūrakaṃ devi mantradoṣapraṇāśanam |
sarvārthasādhakaṃ devi dhanavṛddhikaraṃ param ||

Sie erfülle alle Hoffnungen, beseitige Fehler im Mantra, verwirkliche alle Ziele und fördere in höchstem Maß das Gedeihen, o Göttin.

7.7 abhicāraharaṃ sarvaṃ grahadoṣanivāraṇam |
bhūtāveśādiśamanaṃ ḍākinīnāṃ bhayāpaham ||

Sie wehre schädigende Rituale und ungünstige planetarische Einflüsse ab, beruhige Zustände, die als Besessenheit durch Geister verstanden wurden, und nehme die Furcht vor Dakinis.

7.8 tejovṛddhikaraṃ devi sarvatīrthaphalapradam |
strīgateṣv api doṣeṣu śarīre mānase tathā ||

Sie vermehre die Strahlkraft und schenke die Frucht aller heiligen Badeorte. Ebenso soll sie bei körperlichen und geistigen Störungen helfen, auch wenn diese mit Frauen in Verbindung gebracht werden, o Göttin.

7.9 takṣakeṇāpi daṣṭasya viṣapīḍāvināśanam |
tejohrāse bale hrāse buddhihrāse dhanakṣaye ||

Sogar bei einem Biss der Schlange Takshaka soll sie die Qual des Giftes beseitigen; ebenso bei Verlust von Strahlkraft, Stärke, Urteilskraft oder Besitz.

7.10 vikāre deśikaḥ kuryād abhiṣekaṃ vicakṣaṇaḥ |
asaubhāgye ca nārīṇām abhiṣekaḥ pravartate ||

Bei einer Störung vollziehe ein kundiger Lehrer die Weihe. Auch bei Unglück von Frauen wird die Abhisheka angewandt.

7.11 pūrṇābhiṣekī tv anyānām abhiṣeke pravartate |
gurutvaṃ ca labhed devi karmaṇā cābhiṣekataḥ ||

Nur wer die vollständige Weihe empfangen hat, darf andere weihen. Durch die Abhisheka-Handlung erlangt er den Rang eines Gurus, o Göttin.

7.12 vaiṣṇavaṃ gārhapatyaṃ ca sauraṃ śaivaṃ kuleśvari |
abhiṣekaṃ prakurvīta śāktaś ca kulabhūṣaṇaḥ ||

Ein Shakta, eine Zierde des Kula, kann vaishnavische, häuslich-vedische, solare und shivaitische Weihen vollziehen, o Herrin des Kula.

7.13 mantratantraṃ ca sarveṣām abhiṣekād dhi sidhyati |
abhiṣekeṇa sarveṣām adhikārī bhaved dhruvam ||

Mantra und Tantra aller Richtungen gelangen durch die Weihe zur Wirksamkeit. Durch Abhisheka werde man gewiss zu ihrer Ausübung berechtigt.

7.14 abhiṣiktakṛto vipro brahmatvaṃ labhate dhruvam |
abhiṣekakṛtaḥ kṣatro vipradharmatvam āgataḥ ||

Ein geweihter Vipra erlangt gewiss Brahmanenrang; ein geweihter Kshatriya tritt nach Auffassung des Textes in den Dharma eines Vipra ein.

7.15 vaiśyaḥ kṣatriyatāṃ yāti śūdro vaiśyatvam āgataḥ |
abhiṣekeṇa sarvo baddho'pi baddhatāṃ tyajet ||

Ein Vaishya gelange zum Rang eines Kshatriya, ein Shudra zu dem eines Vaishya. Durch die Weihe werfe selbst jeder Gebundene seine Gebundenheit ab.

7.16 brāhmaṇasya surāpāne brāhmaṇyaṃ tyajate kṣaṇāt |
abhiṣekakṛte vipre surāpānaṃ vidhīyate ||

Durch das Trinken von Alkohol verliere ein ungeweihter Brahmane augenblicklich seinen Status; für einen durch Abhisheka geweihten Vipra wird es im Rahmen dieses Rituals zugelassen.

7.17 āgamaḥ pañcamo vedaḥ kuladharmaś ca pañcamaḥ |
śivo'pi pañcamo varṇaḥ siddhavidyāṃ japed yataḥ ||

Der Agama gilt als fünfter Veda, der Kula-Dharma als fünfter Weg. Selbst Shiva wird als „fünfter Varna“ bezeichnet, weil er die Siddha-Vidya rezitiert.

7.18 suvarṇatvaṃ parityajya śivatvaṃ samprajāyate |
abhiṣekaṃ vinā naiva brāhmaṇas tu pibet surām ||

Indem er den herkömmlichen Status ablegt, entsteht Shivasein. Ohne Abhisheka jedoch soll ein Brahmane keinesfalls Alkohol trinken. [Die Lesung suvarṇatvam, wörtlich „Goldsein“, ist im Druck auffällig.]

7.19 pragṛhya siddhavidyāṃ ca saṅketajñas tato bhavet |
sasaṅketajñaḥ kulāgāre nābhiṣekaṃ samācaret ||

Nachdem man die Siddha-Vidya empfangen hat, werde man zum Kenner ihrer verschlüsselten Zeichen. Wer diese Zeichen noch nicht wirklich kennt, soll im Kula-Haus keine Weihe vollziehen. [Das anlautende sa- der zweiten Hälfte ist textlich unsicher.]

7.20 abhiṣekakṛto mantrī kulapūjāṃ samācaret |
kulapūjākṛto mantrī pitṛbhūmiṃ samāśrayet ||

Der geweihte Mantrin vollziehe die Kula-Puja. Nach der Kula-Puja suche er die „Erde der Ahnen“, den Verbrennungsplatz, auf.

7.21 pitṛbhūmikṛtaṃ sthānam ekākī viharet sadā |
ekākī vihared vīraḥ prāntare ca citiprāntare ||

An diesem Ort der Ahnen halte er sich allein auf. Allein bewege sich der Vira in der Einöde und am Rand der Verbrennungsstätte.

7.22 tatra siddhiṃ labhed devi devānām api durlabhām |
kulācāraṃ vinā devi tantramantraṃ na sidhyati ||

Dort erlange er eine Siddhi, die selbst Göttern schwer erreichbar ist. Ohne Kulachara, o Göttin, gelangen Tantra und Mantra nach Aussage der Schrift nicht zur Vollendung.

7.23 siddhavidyāḥ kulāgāre drutaṃ sidhyanti niścitam |
abhiṣekakṛto vipraḥ surāṃ dadyād yuge yuge ||

Die Siddha-Vidyas werden im Kula-Haus rasch wirksam, so versichert der Text. Der geweihte Vipra bringe zu den jeweiligen Zeiten Wein dar.

7.24 surāṃ pītvā japed vidyāṃ kulāgāre viśeṣataḥ |
vijayāṃ cānukalpaṃ ca surābhāve nivedayet ||

Nachdem er Wein getrunken hat, rezitiere er die Vidya besonders im Kula-Haus. Ist kein Wein vorhanden, bringe er Vijaya oder einen Ersatz dar.

7.25 ānandena vinā rāśo na ca tṛpyanti devatāḥ |
pañcamenārcayet kālīṃ kāmākhyāyāṃ viśeṣataḥ ||

Ohne die Fülle der Freude werden die Gottheiten nicht zufriedengestellt. Mit dem Fünffachen verehre man Kali, besonders in Kamakhya.

7.26 kāmākhyāyāṃ viśeṣeṇa kālikā siddhidā bhavet |
kulācāraṃ vinā devi kālīmantraṃ na sidhyati ||

Besonders in Kamakhya wird Kalika als Spenderin der Siddhi gepriesen. Ohne Kulachara, o Göttin, werde der Kali-Mantra nicht wirksam.

7.27 abhiṣekaṃ vinā devi kulakarma karoti yaḥ |
tasya pūjādikaṃ karma cābhicārāya kalpyate ||

Wer ohne Weihe eine Kula-Handlung vollzieht, dessen Puja und weitere Handlungen werden nach der Warnung des Textes zu schädigender Magie.

7.28 abhiṣekaṃ vinā devi siddhavidyāṃ dadāti yaḥ |
tāvat kālaṃ vased ghore yāvac candradivākarau ||

Wer ohne Abhisheka eine Siddha-Vidya weitergibt, soll nach der Drohung des Textes so lange in einem Schreckenszustand verweilen, wie Mond und Sonne bestehen.

7.29 brahmatvaṃ haritvaṃ ca śivatvaṃ ca kuleśvari |
surendravaratvaṃ ca abhiṣekeṇa jāyate ||

Durch die Weihe entstehen Brahmasein, Harisein, Shivasein und der hohe Rang Indras, o Herrin des Kula.

7.30 divyo vīraś ca deveśi kulaśaktiparāyaṇaḥ |
abhiṣekaṃ cared dhīmān mokṣārthī kulakarmasu ||

Der einsichtige Divya oder Vira, der ganz der Kula-Shakti hingegeben ist und in den Kula-Handlungen Befreiung sucht, vollziehe die Weihe, o Herrin der Götter.

7.31 vipraś ca kuladharmajñaḥ kuladravyaparāyaṇaḥ |
sa yāti narakaṃ ghoraṃ kākaṃ vā parajanmani ||

Ein Vipra, der den Kula-Dharma kennt und den Kula-Substanzen ergeben ist, geht – im hier vorausgesetzten Fall fehlender Weihe – nach Aussage des Textes in eine furchtbare Hölle oder wird in einer späteren Geburt zur Krähe. [Der Bedingungssatz ist im Druck verkürzt.]

7.32 tasmāt sarvaprayatnena abhiṣekaṃ samācaret |
abhiṣekaṃ cared devi adhivāsapuraḥsaram ||

Darum soll man die Weihe mit aller Sorgfalt vollziehen. Ihr gehe der vorbereitende Adhivasa-Ritus voraus, o Göttin.

7.33 vṛddhiśrāddhaṃ tataḥ kuryāc chivaśaktiṃ prapūjayet |
guruṃ sampūjya vidhivat svarṇālaṅkārabhūṣaṇaiḥ ||

Danach vollziehe man ein glückverheißendes Ahnenritual und verehre Shiva-Shakti. Den Guru ehre man regelgemäß mit Gold, Schmuck und Zierden.

7.34 tataḥ saṅkalpavidhinā gurūṇāṃ varaṇaṃ caret |
tataḥ pūjāṃ cared devyāḥ pañcamaiś ca pṛthak pṛthak ||

Dann wähle man nach der Sankalpa-Vorschrift die Gurus aus. Anschließend vollziehe man die Verehrung der Göttin und einzeln die Darbringung der Fünf.

7.35 praṇamya sadguruṃ devadevaṃ ca sādhakeśvaraḥ |
gurupūjāṃ vidhāyātha devyā dhyānaparāyaṇaḥ ||

Der Leiter der Übenden verneige sich vor dem wahren Guru und dem Gott der Götter. Nach der Guru-Puja sei er ganz auf die Meditation über die Göttin gerichtet.

7.36 abhiṣekaṃ vidhāyātha śucau deśe ca deśikaḥ |
śūnyāgāre nadītīre bilvamūle tripathāntare ||

Der Lehrer vollziehe dann die Weihe an einem reinen Ort: in einem verlassenen Haus, am Flussufer, an der Wurzel eines Bilva-Baumes oder an einer Dreiwegekreuzung –

7.37 mahātripathāntare vāpi nirjane pitṛkānane |
grāme pātālake vāpi parvate taṭinītaṭe ||

– an einer großen Wegkreuzung, in einer menschenleeren Ahnenstätte, in einem Dorf, an einem abgesenkten Ort, auf einem Berg oder an einem Flussufer.

7.38 devatāyatane vāpi sthānaṃ paricintayet ||

Auch ein Heiligtum einer Gottheit ziehe man als Ort in Betracht.

Anmerkung zur Zählung: Die Druckausgabe setzt den letzten Halbvers als eigene Texteinheit; daher endet die redaktionelle Zählung dieses Kapitels bei 7.38, nicht bei 7.39.

iti śrīniruttaratantre śivapārvatīsaṃvāde saptamaḥ paṭalaḥ – So endet im ehrwürdigen Niruttara Tantra, im Gespräch zwischen Shiva und Parvati, das siebte Kapitel.

Navigation und Textgrundlage

Die übrigen Kapitel stehen auf den über die Navigation verbundenen Übersetzungsseiten. Der Hauptartikel bietet Einordnung, Kapitelübersicht, zentrale Lehren, heutige Praxisanregungen, Literatur und Quellen. Die vollständige entsprechende Schriftfassung steht unter Niruttara Tantra Sanskrit Devanagari.

Textgrundlage ist Niruttaratantram, hg. von Kulabhūṣaṇa Paṇḍita Ramadatta Śukla, 2., überarbeitete und erweiterte Ausgabe, Guptāvatāra Durlabha Tantra-Mālā, 2. Jahr, Maṇi 2, Prayāga: Kalyāṇa Mandira Prakāśana, 5. Oktober 1979.