Bhutashuddhi nach dem Brihat Tantrasara

Aus Yogawiki

Bhutashuddhi nach dem Brihat Tantrasara ist das tantrische Reinigungsritual, in dem der gewöhnliche Körper zunächst in seinen Ursprung zurückgeführt und anschließend als geeigneter Ort der göttlichen Gegenwart neu vergegenwärtigt wird. Trocknen, Verbrennen und Neubilden sind innere Bilder. Es wird kein Feuer an den Körper gebracht. Die Praxis gehört vor Nyasa und Puja; sie ist kein medizinisches Reinigungsverfahren.

Wozu, wann und für wen

Die traditionelle Aufgabe ist deva-bhāva: Die verehrende Person bereitet sich darauf vor, der Gottheit als selbst geheiligtes Wesen zu begegnen. Übe vor einer tantrischen Puja, nach äußerer Reinigung und Guru-Verehrung. Diese ausführliche Form ist für unterwiesene Praktizierende gedacht, die Kundalini-Visualisierung und ruhige Atemretention beherrschen. Benötigt werden ein sauberer Sitz und ungestörte Zeit; äußere Opfergaben sind nicht erforderlich.

Die Quelle nennt Atemverhältnisse 16 : 64 : 32. Das sind Mantra- beziehungsweise Matra-Zählungen, keine verbindlichen Sekundenwerte. Diese längere Fassung setzt voraus, dass das Verhältnis mühelos bleibt. Wenn nicht, wähle die anschließend beschriebene andere, ausdrücklich im Text überlieferte Bhutashuddhi; erzwinge die Haltephasen nicht.

1. Guru und Ausgangshaltung

Sitze aufrecht. Vergegenwärtige den Guru über dem Scheitel als weiß leuchtende Gestalt mit roter Shakti und bringe ihm im Geist Duft, Blumen, Räucherwerk, Licht und Speise dar. Sprich:

akhaṇḍamaṇḍalākāraṃ vyāptaṃ yena carācaram |
tatpadaṃ darśitaṃ yena tasmai śrīgurave namaḥ ||

Verehrung dem verehrten Guru, durch den jene Wirklichkeit gezeigt wurde, deren ungeteilte Ganzheit alles Bewegliche und Unbewegliche durchdringt.

ajñānatimirāndhasya jñānāñjanaśalākayā |
cakṣurunmīlitaṃ yena tasmai śrīgurave namaḥ ||

Verehrung dem verehrten Guru, der die durch das Dunkel des Nichtwissens verschlossenen Augen mit dem Stift der Erkenntnis geöffnet hat.

Lege beide Hände mit den Flächen nach oben in den Schoß. Stelle dir dein individuelles Lebensbewusstsein als kleine Flamme im Herzen vor. Kundalini ruht an der Wirbelsäulenbasis.

2. Aufstieg und Auflösung

Führe die Flamme mit Kundalini durch Sushumna aufwärts: Muladhara, Svadhishthana, Manipura, Anahata, Vishuddha, Ajna; dann in die Mitte des abwärts geöffneten tausendblättrigen Lotus über dem Scheitel. Vereinige sie dort mit dem höchsten Selbst.

Kontext Aufstiegsformel Bedeutung
Nichtshaktische Fassung so'ham Ich bin Das.
Shakti-Puja haṃsaḥ Hamsa: die Formel der Einheit des individuellen und höchsten Lebensbewusstseins.

Wähle die zu deiner Puja gehörige Zeile; sprich nicht beide als eine neue Formel. Lass in der Einheit die 24 Prinzipien aufgehen: fünf Elemente; fünf Sinnesqualitäten; fünf Erkenntnissinne; fünf Handlungskräfte; Prakriti, Manas, Buddhi und Ahamkara. Konkret sind dies Erde, Wasser, Feuer, Luft, Raum; Geruch, Geschmack, Gestalt/Farbe, Berührung, Klang; Riechen, Schmecken, Sehen, Tasten, Hören; Sprechen, Greifen, Gehen, Ausscheiden, Zeugung; Urnatur, koordinierender Geist, unterscheidende Einsicht und Ichbildung.

3. Luft: den alten Körper austrocknen

Bilde mit der rechten Hand den Nasenverschluss: Daumen am rechten Nasenflügel, Ring- und kleiner Finger am linken. Stelle dir links ein rauchgraues Luft-Bija vor. Der Papapurusha im linken Bauch ist das symbolische Bild der eigenen belastenden Handlungen, kein fremdes Wesen, das bekämpft werden soll. Der angeführte Dhyana-Vers beschreibt ihn schwarz, mit roten Augen und rotem Bart, zornvoll, mit Schwert und Schild. Kopf, Arme, Herz, Hüften und Füße verkörpern die traditionellen schweren Verfehlungen, Körperhaare die kleineren; das Bild bündelt die zu bereinigende Belastung.

Atem Mantra und Zahl Innere Handlung
Links einatmen yaṃ 16-mal innerlich Den Körper mit der reinigenden Luftkraft füllen.
Beide Nasenlöcher schließen, halten yaṃ 64-mal innerlich Körper und Papapurusha vollständig austrocknen lassen.
Rechts ausatmen yaṃ 32-mal innerlich Die trocknende Luft wieder ausströmen lassen.

Bedeutung: Yaṃ ist das Luft-Bija; es bezeichnet die bewegende und trocknende Kraft. Es wird nicht durch ein deutsches Wort ersetzt.

4. Feuer: die alte Form zu Asche werden lassen

Stelle dir am rechten Nasenloch das rote Feuer-Bija vor. In Muladhara entzündet sich inneres Feuer.

Atem Mantra und Zahl Innere Handlung
Rechts einatmen raṃ 16-mal innerlich Die Feuerkraft im ganzen Körper vergegenwärtigen.
Halten raṃ 64-mal innerlich Den ausgetrockneten Körper samt dem Bild der belastenden Handlungen vollständig verbrennen lassen.
Links ausatmen raṃ 32-mal innerlich Die zurückbleibende Asche mit dem Atem entlassen.

Bedeutung: Raṃ ist das Feuer-Bija. Die Verbrennung ist ausschließlich eine Visualisierung.

5. Mond, Nektar und Erde: einen neuen Leib bilden

Atem Mantra und Zahl Innere Handlung
Links einatmen ṭhaṃ 16-mal innerlich Einen weißen Mond an die Stirn führen; er ist Quelle des Nektars.
Halten vaṃ 64-mal innerlich Vom Stirnmond strömt Nektar herab, dessen Wesen die Matrika-Laute sind. Daraus den ganzen Leib neu bilden.
Rechts ausatmen laṃ 32-mal innerlich Den neuen Leib fest, tragfähig und gesammelt vergegenwärtigen.

Bedeutung: Ṭhaṃ bezeichnet hier den Mond, vaṃ Wasser und Nektar, laṃ Erde und Festigkeit. Der neue Körper wird als Mantra- und Bewusstseinsleib vorgestellt.

6. Lebensbewusstsein zurückführen

Lass die Kundalini an ihre Basis zurückkehren und alle zuvor aufgelösten Prinzipien wieder an ihren Orten hervortreten. Führe das individuelle Lebensbewusstsein in das Herz.

Kontext Rückkehrformel Bedeutung
Nichtshaktische Fassung haṃsaḥ Hamsa: das Lebensbewusstsein wird im Herzen gegründet.
Shakti-Puja so'ham Ich bin Das.

Lege die rechte Hand auf das Herz und sprich:

āṃ so'ham |

Āṃ; ich bin Das. Die Formel setzt das Lebensbewusstsein im erneuerten Leib ein.

Lasse den Atem wieder gewöhnlich fließen. Bleibe gesammelt. Wenn eine Puja folgt, schließe jetzt den Matrika-Nyasa an; es gibt hier keine Entlassung einer äußeren Gottheit.

Die im Text genannte Alternative ohne diese drei Atemzyklen

Lege die Hände mit den Handflächen nach oben in den Schoß. Der Text bietet ausdrücklich zwei Bhutashuddhi-Verfahren; hier steht seine Alternative aus der Puraścaraṇacandrikā (§ 52). Sie ist eine im Kompendium überlieferte Wahlform.

Vergegenwärtige im Herzen einen Lotus: Dharma ist seine Wurzel, Erkenntnis sein Stängel, die acht Herrlichkeitskräfte sind seine Blütenblätter, Losgelöstheit seine Mitte. Lass ihn mit oṃ aufleuchten. In seiner Mitte ruht dein individuelles Bewusstsein als kleine Flamme. Erwecke im Geist Kundalini an der Basis der Wirbelsäule und führe die Flamme mit ihr durch Sushumna bis zur Einheit mit dem höchsten Selbst über dem Scheitel. Lass die Begrenzung auf den gewöhnlichen Körper in dieser Einheit ruhen.

Für die Rückkehr folgt die allgemeine Anweisung desselben Abschnitts: Bringe Kundalini, Lebensbewusstsein und die körperbildenden Prinzipien wieder an ihre Orte. Sprich dabei so'ham und vergegenwärtige das Lebensbewusstsein im Herzen. Die Formel bezeichnet die Einheit des Selbst mit dem höchsten Bewusstsein. Lege die rechte Hand auf das Herz und sprich:

āṃ so'ham

Āṃ; ich bin Das. Das Bija und die Identitätsformel dienen hier der Einsetzung des Lebensbewusstseins in den erneuerten Körper.

Wähle diese Alternative anstelle der Schritte 2–5. Die Rückkehr richtet sich nach Schritt 6 und nach dem Kontext deiner Puja.

Quellen und Textgestalt

Bṛhattantrasāra des Kṛṣṇānanda Āgamavāgīśa; Sanskrit-Grundlage: Muktabodha, E-Text M00013, nach der Kalkutta-Ausgabe von 1896, die bereitgestellten Dateien Brihat_Tantrasara_Sanskrit_1.txt und Brihat_Tantrasara_Sanskrit_2.txt. Die Absatznummern beginnen innerhalb der Abschnitte wieder neu; deshalb wird immer der Abschnitt mitgenannt.

Pariccheda 2, Sāmānyapūjāpaddhati, §§ 44–52: vollständige innere Auflösung, drei Atemzyklen, abweichende Haṃsa/So’ham-Reihenfolge bei Shakti, Einsetzung des Lebensbewusstseins und Alternative aus der Puraścaraṇacandrikā.

Die digitale Prosaliste der 24 Tattvas ist beschädigt und lässt die Gestaltqualität rūpa aus. Die Liste wurde nach ihrer ausdrücklich genannten 24er-Struktur und den im selben Abschnitt folgenden Erklärungen vollständig entfaltet. Nicht übersetzt werden die Bijas selbst, wohl aber ihre hier zugewiesene Funktion. Historische soziale Einschränkungen einzelner Haṃsa-Verwendungen werden in diesem Kompendium ebenfalls referiert; die hier beschriebene Form setzt die entsprechende Unterweisung voraus.

Siehe auch