Niruttara Tantra Übersetzung Teil 4
Niruttara Tantra – Versübersetzung, Teil 4 enthält die fortlaufende IAST-Transkription und deutsche Übersetzung der Kapitel 12–15 der verwendeten Sanskritausgabe. Die Ausgabe zählt die Verse nicht; alle Nummern auf dieser Seite sind deshalb redaktionelle Kapitelnummern.
Dieser Teil umfasst sämtliche im Druck erhaltenen Texteinheiten der Kapitel 12–15 (250 nummerierte Positionen), einschließlich Sprecherangaben und Kapitelkolophone. Übersetzungsstand: 244 vollständig übersetzt; 6 textgeschädigte Positionen teilweise oder sinngemäß übersetzt. Beschädigte Stellen werden unmittelbar am Text bezeichnet; sie sind nicht ergänzt oder rückübersetzt.
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Kapitel 12 – Purascharana, Einvernehmen und Wahl des Gurus
Die Zählung 12.1–12.49 ist redaktionell. Das Kapitel beschreibt körperbezogene Yantra- und Japa-Riten, betont jedoch zugleich ausdrücklich das Einvernehmen beider Beteiligten und die Notwendigkeit eines vertrauenswürdigen Kula-Gurus. Seine polemischen Begriffe für Außenstehende werden als Aussagen der Schrift, nicht als heutige Wertungen wiedergegeben.
Śrīśiva uvāca – Shiva sprach:
12.1
athānyat sampravakṣyāmi sādhanaṃ bhuvi durlabham |
yena kṛte labhet siddhiṃ devānām api durlabhām ||
Nun lehre ich eine weitere Sadhana, die auf Erden schwer zu finden ist. Durch ihren Vollzug erlange man eine Siddhi, die selbst Göttern schwer erreichbar ist.
12.2
lalāṭe śaktimantraṃ tu trirāvṛttyā likhed budhaḥ |
tanmadhye kāmabījaṃ ca vilikhet kāmalāñchitam ||
Der Kundige schreibe den Shakti-Mantra dreifach auf die Stirn und in dessen Mitte das Kama-Bija, versehen mit dem Zeichen der Liebe.
12.3
kāmena puṭitaṃ kṛtvā pūjayet parameśvarīm |
sampūjya kālikāṃ devīṃ yantraṃ ca paripūjayet ||
Nachdem er den Mantra mit dem Kama-Bija umschlossen hat, verehre er Parameshvari. Nach der vollständigen Verehrung der Göttin Kalika verehre er auch das Yantra.
12.4
tattvacintāparo yogī japel lakṣaṃ nirākulaḥ |
saṃgṛhya kulayoṣit tu pūjayec ca punaḥ punaḥ ||
Ganz in die Betrachtung der Wirklichkeit vertieft, rezitiere der Yogi ungestört hunderttausendmal. Nachdem er eine Kula-Frau als Shakti gewonnen hat, verehre er sie wieder und wieder.
12.5
sahasraṃ tarpayet pīṭhe yantraprakṣālanodakaiḥ |
evaṃ kṛte labhet siddhiṃ satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ ||
Tausendmal vollziehe er am heiligen Sitz Tarpana mit dem Wasser, mit dem das Yantra abgespült wurde. So erlange er Siddhi – wahrlich, daran bestehe kein Zweifel.
12.6
athānyat sampravakṣyāmi puraścaraṇam uttamam |
śataṃ bhāle śataṃ keśe śataṃ sindūramaṇḍale ||
Nun lehre ich eine weitere, höchste Purascharana: je hundert Rezitationen an der Stirn, am Haar und am mit Sindura bezeichneten Kreis.
12.7
śatam ekaṃ mukhābjeṣu puṣpavakṣatre śatadvayam |
śatadvandvaṃ kucadvandve śataṃ ca nābhimaṇḍale ||
Hundert am Lotus des Mundes, zweihundert am im Text so genannten „Blütenfeld“, zweihundert am Paar der Brüste und hundert am Nabelkreis. [Die Lesung puṣpavakṣatre ist im Druck unsicher.]
12.8
śatam ekaṃ kulāgāre prajaped bhaktibhāvataḥ |
evaṃ daśaśataṃ japtvā kulāgāre tato japet ||
Weitere hundert rezitiere er mit hingebungsvoller Haltung im Kula-Heiligtum. Nachdem auf diese Weise tausend Rezitationen vollzogen sind, rezitiere er dort weiter.
12.9
pūjayitvā japen mantraṃ gajāntakasahasrakam |
tatas tu tattvayogena śatam aṣṭottaraṃ japet ||
Nach der Verehrung rezitiere er den Mantra eine durch gajāntaka chiffrierte Tausenderzahl; danach in der Vereinigung mit der Wirklichkeit 108-mal. [Die genaue Zahlenbedeutung von gajāntaka bleibt unsicher.]
12.10 pūjanaṃ ca punas tatra puraścaraṇam ucyate ||
Die erneute Verehrung an diesem Ort wird als Purascharana bezeichnet. [Ein einzelner Halbvers im Druck.]
12.11
athānyat sampravakṣyāmi kulāgārasya sādhanam |
yena kṛte kuleśāni sarvapāpakṣayo bhavet ||
Nun lehre ich eine weitere Sadhana für das Kula-Heiligtum. Durch ihren Vollzug, o Herrin des Kula, sollen alle Verfehlungen vergehen.
12.12
kulāgāre kulāṣṭamyāṃ kulam āhūya pūjayet |
tarpaṇaṃ ca japaṃ homaṃ tattadakṣaratāṃ vrajet ||
Am Kula-Ashtami rufe man im Kula-Heiligtum die Gemeinschaft zusammen und verehre sie. Tarpana, Japa und Homa vollziehe man mit den jeweils zugehörigen Silben.
12.13 kadalītarumūlaṃ ca dviguṇaṃ yadi dṛśyate ||
Wenn dafür der Fuß eines Bananenbaums gewählt wird, gelte die Wirkung als doppelt. [Ein einzelner, sprachlich knapper Halbvers.]
12.14
tatredaṃ mahatī pūjā kartavyā varavarṇini |
tadghṛte brahmavaktreṇa homaṃ kuryād vicakṣaṇaḥ ||
Dort soll diese große Puja vollzogen werden, o Schönfarbige. Mit dem dazugehörigen Ghee vollziehe der Kundige das Homa durch den Brahma-Mund, das Opferfeuer.
12.15
homaṃ kṛtvā japen mantraṃ koṭikoṭiguṇaṃ bhavet |
dviguṇaṃ rajanīmūlaṃ saṃvīkṣya yo japen manum ||
Nach dem Homa rezitiere man den Mantra; seine Wirkung werde millionenfach vervielfacht. Wer beim Anblick des Wurzelbereichs der Rajani den Mantra rezitiert, erlange doppelte Wirkung.
12.16 sa bhavet svasiddhīśas tasya puṇyaṃ na vidyate ||
Er werde zum Herrn der eigenen Siddhi; sein Verdienst sei nicht zu ermessen. [Ein einzelner Halbvers im Druck.]
12.17
rajanī svecchayāhūya sādhakaṃ kulabhūṣaṇam |
viparītā japen mantraṃ tasyāḥ puṇyaṃ na gaṇyate ||
Wenn Rajani aus eigenem Willen einen Sadhaka, eine Zierde des Kula, einlädt und in der umgekehrten Stellung den Mantra rezitiert, sei ihr Verdienst unermesslich.
12.18 rajanyātha kulāgāre puline nipuṇā yadi ||
Wenn Rajani im Kula-Heiligtum oder an einem sandigen Ufer kundig handelt – [ein einzelner Halbvers, fortgeführt in 12.19].
12.19
tatsamā rajanī kāntā kamalā vātha rādhikā |
triṣu lokeṣu sā dhanyā brahmaviṣṇuśivātmikā ||
dann gleicht diese geliebte Rajani Kamala oder Radhika. In den drei Welten ist sie gesegnet und trägt das Wesen Brahmas, Vishnus und Shivas in sich.
12.20
siddhavidyā mahāvidyā mantrayantraphalapradā |
tasyāḥ prasādamātreṇa duṣṭamantro'pi siddhyati ||
Sie ist Siddha-Vidya und Maha-Vidya und schenkt die Frucht von Mantra und Yantra. Allein durch ihre Gnade werde selbst ein fehlerhaft ausgeführter Mantra wirksam.
12.21
tasmāt sarvaprayatnena tām eva śaraṇaṃ vrajet |
ajñāyaṃ rajanīyogaṃ vihared yadi sādhakaḥ ||
Darum nehme man mit aller Hingabe allein zu ihr Zuflucht. Wenn ein Sadhaka die Verbindung mit Rajani vollzieht, ohne sie wirklich zu verstehen,
12.22
japet pūjayet tatra sarvaṃ tan niṣphalaṃ bhavet |
yena tena prakāreṇa rajanītoṣaṇaṃ caret ||
bleiben Japa, Puja und alles dort Vollzogene fruchtlos. Mit geeigneten Mitteln bemühe er sich vielmehr um Rajanis Zufriedenheit.
12.23
bāhyā kroḍanād vāpi rajanyā toṣayet sadā |
yaṃ yaṃ bhāvaṃ rajanyāṃ ca taṃ taṃ bhāvaṃ prakalpayet ||
Durch äußere Zuwendung oder Umarmung stelle er Rajani zufrieden. Welche Haltung sie jeweils ausdrückt, auf eben diese Haltung stelle er sich ein. [Die Lesung des ersten Ausdrucks ist im Druck unsicher; der Grundgedanke des zweiten Halbverses ist klar.]
12.24
atiriktaḥ kṛto bhāvo rauravaṃ narakaṃ vrajet |
kalāyāḥ sammatiṃ kṛtvā sādhayet kulasādhanam ||
Wer ihr eine darüber hinausgehende Absicht aufzwingt, dem droht der Text die Raurava-Hölle. Erst nachdem die Zustimmung der Frau eingeholt wurde, vollziehe man die Kula-Sadhana.
12.25
anyathā narakaṃ yāti satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
kalāpi sādhakaṃ jñātvā sammatiṃ naiva jāyate ||
Andernfalls, so warnt der Text nachdrücklich, gehe man in einen Höllenzustand. Auch wenn die Frau den Sadhaka kennt, entsteht daraus nicht automatisch Zustimmung.
12.26
sā caivaṃ narake ghore vased eva na saṃśayaḥ |
ubhayoḥ sammatiṃ jñātvā sādhayet kulasādhanam ||
Auch für sie verbindet der Text einen gegen ihre Einsicht erfolgenden Fehlvollzug mit schwerem Leid. Erst wenn das Einvernehmen beider feststeht, soll die Kula-Sadhana vollzogen werden.
12.27
asammatakulāsaṅgāt siddhihāniḥ prajāyate |
yo gacched rajanīgehaṃ kulasādhanavarjite ||
Durch eine Kula-Verbindung ohne Zustimmung geht die Siddhi verloren. Wer das Haus einer Rajani aufsucht, obwohl dort keine Kula-Sadhana vorgesehen ist,
12.28
sa eva narakaṃ yāti satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
krodhād vā kāmato vāpi dveṣād vā varavarṇini ||
gehe nach der wiederholten Warnung des Textes in einen Höllenzustand. Weder aus Zorn noch aus Begierde oder Abneigung, o Schönfarbige,
12.29
na gacched rajanīgehaṃ gacchec ca narakaṃ vrajet |
ajñātvā kulasaṅketaṃ kulamārgaṃ viśed yadi ||
soll man Rajanis Haus betreten; wer es dennoch tut, dem droht die Hölle. Wer den Kula-Weg betritt, ohne seine geheimen Zeichen zu kennen,
12.30
sa yāti narakaṃ ghoraṃ kā kathā parajanmani |
guruṃ vilaṅghya śāstre'smin nādhikāro kadācana ||
gehe in schweres Leid – was wäre erst von der nächsten Geburt zu sagen? Wer den Guru übergeht, besitzt nach dieser Schrift niemals die Berechtigung zur Praxis.
12.31
guror ājñāṃ samādāya kulapūjāṃ caret sudhīḥ |
paśor vāpi śaṭhād vāpi dhūrtāc cullukād api ||
Der Einsichtige empfange die Weisung des Gurus und vollziehe dann die Kula-Puja. Von einem Pashu, einem Betrüger, einem Schwindler oder einem sogenannten Chulluka
12.32
na gṛhṇīyāt siddhividyāṃ gṛhṇīyād duḥkhabhāg bhavet |
madhulubdho yathā bhṛṅgaḥ puṣpāt puṣpāntaraṃ vrajet ||
soll man keine Siddha-Vidya empfangen; wer es tut, erlange Leid. Wie eine nach Honig verlangende Biene von Blüte zu Blüte zieht,
12.33
jñānalubdhas tathā śiṣyo guror gurvantaraṃ vrajet |
tasmāt sarvaprayatnena kulīnaṃ gurum āśrayet ||
so kann ein nach Erkenntnis verlangender Schüler von einem Guru zu einem anderen gehen. Mit aller Sorgfalt suche er schließlich Zuflucht bei einem wahrhaft im Kula verwurzelten Guru.
12.34
kulīnas tantramantrāṇām adhikaroti gīyate |
ājanma ca paraṃ vastu kulīnāya nivedayet ||
Nur ein im Kula Verwurzelter gilt als zur Weitergabe von Tantra und Mantra befugt. Ihm soll man das höchste Gut anvertrauen – ein Leben lang.
12.35
śubhe māsi śubhe pakṣe śubhe lagne śubhe dine |
pūrvoktamantrajñānena ghaṭaṃ saṃsthāpayet tataḥ ||
In einem günstigen Monat, einer günstigen Monatshälfte, zu einem günstigen astrologischen Zeitpunkt und an einem günstigen Tag stelle man mit Kenntnis des zuvor gelehrten Mantras das Ritualgefäß auf.
12.36
bhūrjapatreṇa saṃlikhya ghaṭe saṃsthāpya yatnataḥ |
tatra pūjāṃ cared dhīmān mahācīnakrameṇa ca ||
Man schreibe [das Yantra] auf Birkenrinde und lege sie sorgfältig in das Gefäß. Dort vollziehe der Einsichtige die Puja nach der Mahachina-Ritualfolge.
12.37
pūjayitvā tato devīṃ guruḥ svayaṃ vicintayet |
tataḥ kulīnam āśritya mantraṃ tantraṃ vilokayet ||
Nachdem der Guru die Göttin verehrt hat, vergegenwärtige er sie selbst im Geist. Dann stütze man sich auf einen Kula-Lehrer und studiere Mantra und Tantra.
12.38
abhiṣekaṃ ca tatraiva kuryāt kulaparāyaṇaḥ |
paśor vā cullukād vāpi dhūrtāt kulapāsarāt ||
Der dem Kula Zugewandte vollziehe dort auch die Weihe. Von einem Pashu, Chulluka, Betrüger oder jemandem, der das Kula bloßstellt,
12.39
siddhividyāṃ na gṛhṇīyāt gṛhṇīyān narakaṃ vrajet |
japapūjāṃ tathā homaṃ sādhanaṃ sarvakarmasu ||
soll man die Siddha-Vidya nicht empfangen; wer es dennoch tut, dem droht die Hölle. Japa, Puja, Homa und Sadhana in allen Handlungen
12.40
sarvaṃ ca niṣphalaṃ yāti duḥkhaṃ tasya pade pade |
kuladravyāṇi deveśi paśvādibhyo na darśayet ||
werden dann gänzlich fruchtlos, und auf jedem Schritt begegne ihm Leid. Die Kula-Substanzen zeige man Pashus und anderen Außenstehenden nicht, o Herrin der Götter.
12.41
darśayet siddhihāniḥ syād rauravaṃ narakaṃ vrajet |
kulapūjādikaṃ karma paśor agre cared yadi ||
Wer sie zeigt, verliere die Siddhi und gehe nach der Drohung des Textes in die Raurava-Hölle. Wird Kula-Puja oder eine ähnliche Handlung vor einem Pashu vollzogen,
12.42
tat karma niṣphalaṃ yāti kā kathā parajanmani |
paśor ālāpanād devi kulakarma praṇaśyati ||
bleibt die Handlung fruchtlos – von den Folgen in einer späteren Geburt ganz zu schweigen. Selbst durch unbedachte Rede mit einem Pashu, sagt der Text, werde die Kula-Handlung zerstört.
12.43
paśor darśanamātreṇa sudarśanam ācaret |
sa eva dvividho devi dīkṣito'dīkṣitaḥ paśuḥ ||
Schon nach dem Anblick eines Pashu vollziehe man den Sudarshana-Schutzritus. Pashus werden als zweifach unterschieden, o Göttin: als eingeweihte und uneingeweihte.
12.44
dīkṣito hi bhavet pūrvo'dīkṣito hi mahāpaśuḥ |
paśusaṅghāt kuleśāni siddhihāniḥ prajāyate ||
Der erste ist eingeweiht; der Uneingeweihte wird als Maha-Pashu bezeichnet. Durch Gemeinschaft mit einem Pashu gehe nach Aussage des Textes die Siddhi verloren, o Herrin des Kula.
12.45
mahāpaśusamāyogān na kulaṃ śaraṇaṃ vrajet |
paśumātrasamāyogāt pretarājyādhipo bhavet ||
Wer sich eng mit einem Maha-Pashu verbindet, finde keine Zuflucht im Kula. Durch solche Gemeinschaft werde man, so die polemische Warnung des Textes, zum Herrn eines Reiches der Pretas.
12.46
paśumātrasamāyogāt kulakarma praṇaśyati |
tasmāt sarvaprayatnena kulīnaṃ gurum āśrayet ||
Durch enge Gemeinschaft mit einem Pashu gehe die Kula-Handlung zugrunde. Darum suche man mit aller Sorgfalt einen im Kula verwurzelten Guru auf.
12.47 kulīnasevitasyāpi mantrasiddhiḥ prajāyate ||
Auch wer einem solchen Kula-Guru dient, erlange Mantra-Siddhi. [Ein einzelner Halbvers im Druck.]
12.48 paśuṃ śaṭhaṃ ca dhūrtaṃ ca cullukaṃ ca viśeṣataḥ ||
Einen Pashu, Betrüger, Schwindler und insbesondere einen Chulluka [soll man nicht als Guru wählen]. [Ein einzelner Halbvers, dessen Verb in 12.49 folgt.]
12.49 dharmārthakāmamokṣārthī gurutvena na cārcayet ||
Wer Dharma, Wohlstand, erfülltes Leben und Befreiung sucht, soll einen solchen Menschen nicht als Guru verehren. [Ein einzelner Schluss-Halbvers.]
Iti śrīniruttaratantre śivapārvatīsaṃvāde dvādaśaḥ paṭalaḥ – So endet im ehrwürdigen Niruttara Tantra, im Gespräch zwischen Shiva und Parvati, das zwölfte Kapitel.
Kapitel 13 – Zuordnungen der Vidyas und weitere Rajani-Riten
Die Zählung 13.1–13.32 ist redaktionell. Das Kapitel ordnet bestimmten Vidyas Frauen verschiedener historischer Berufs- und Sozialgruppen zu und beschreibt körperbezogene Rajani-Riten, Anziehungsrituale und Wirkungsversprechen. Diese Zuordnungen werden als historische Aussagen des Textes wiedergegeben.
Śrīdevy uvāca – Die Göttin sprach:
13.1
tāsāṃ ca siddhividyānāṃ yasyā yā yāḥ prapūjitāḥ |
tās tāḥ śaktiviśeṣeṇa kathayasva mayi prabho ||
Welche besonderen Shaktis werden bei den einzelnen Siddha-Vidyas verehrt? Erkläre mir diese Zuordnungen, o Herr.
Śrīśiva uvāca – Shiva sprach:
13.2
kulaṃ ca sarvajātīnāṃ kulīnānāṃ kulārcane |
siddhavidyāviśeṣeṇa siddhidā kulapūjane ||
In der Kula-Verehrung umfasst das Kula Menschen aller sozialen Gruppen. Je nach besonderer Siddha-Vidya schenke die Kula-Puja Vollendung.
13.3
śyāmāvidyā na siddhyanti nāpitāṅganayā vinā |
tārāvidyā na siddhyanti cāṇḍālīgamanam vinā ||
Die Shyama-Vidya gelange nach Aussage des Textes nicht ohne eine Frau aus der Gemeinschaft der Barbiere zur Vollendung, die Tara-Vidya nicht ohne rituelle Verbindung mit einer Chandali.
13.4
śrīvidyā ca na siddhyanti brāhmaṇīgamanam vinā |
chinnamastā na siddhyanti kāpālīgamanam vinā ||
Die Shrividya werde nicht ohne die entsprechende Verbindung mit einer Brahmanin vollendet, die Chinnamasta-Vidya nicht ohne eine Kapali-Frau.
13.5
siddhavidyā na siddhyanti bhūmīndratanayāṃ vinā |
jalakāntagṛhe devi bhairavī ca susiddhyati ||
Eine weitere Siddha-Vidya werde nicht ohne die Tochter eines Landherrn vollendet; Bhairavi gelange im Haus einer Frau aus der Fischer-Gemeinschaft rasch zur Wirksamkeit, o Göttin. [Die Berufsbezeichnung jalakāntā ist wörtlich „die dem Wasser Verbundene“.]
13.6
madhyamā rahitā proktā vihitā drutasiddhidā |
sādhayed rajanīṃ sarvāṃ brāhmaṇīṃ yavanāṃ vinā ||
Die Mittlere wird als frei [von einer solchen Bindung] bezeichnet und als schnell Siddhi schenkend gelehrt. Der Sadhaka verehre jede geeignete Rajani, ausgenommen nach der hier gegebenen Regel eine Brahmanin und Yavana-Frau. [Die erste Hälfte ist knapp und die Abgrenzung historisch kontextgebunden.]
13.7
sarvāsthāṃ parityajya sādhayed dvijajāṃ dvijaḥ |
rājarājeśvarī sākṣād dvijajārūpadhāriṇī ||
Ein Zweimalgeborener solle alle anderen Möglichkeiten beiseitelassen und eine Frau aus der eigenen rituellen Gruppe verehren. Rajarajeshvari selbst, so erklärt der Text, trägt ihre Gestalt.
13.8
dvijajātoṣaṇād eva drutaṃ siddhyati sundari |
śreṣṭhavarṇodbhavāṃ rambhāṃ sādhane naiva sādhayet ||
Allein indem er sie zufriedenstellt, gelange die Praxis rasch zur Vollendung, o Schöne. Eine als „Rambha“ bezeichnete Frau aus einer sozial höher bewerteten Gruppe soll in dieser Sadhana jedoch nicht eingesetzt werden.
13.9 sādhayet siddhihāniḥ syād rauravaṃ narakaṃ vrajet ||
Tut er es dennoch, gehe die Siddhi verloren, und der Text droht die Raurava-Hölle an. [Ein einzelner Halbvers im Druck.]
13.10
athānyat sampravakṣyāmi rajanīsādhanāntaram |
yasmin kṛte bhavet siddhir devānām api durlabhā ||
Nun lehre ich eine weitere Rajani-Sadhana. Durch ihren Vollzug entstehe eine Siddhi, die selbst den Göttern schwer erreichbar ist.
13.11
rajanīdviguṇaṃ vīkṣya sahasraṃ yadi sādhakaḥ |
pañcāśaddivasaṃ yāvat tāvac ca pratyahaṃ japet ||
Der Sadhaka blicke auf das im Text „Doppelte der Rajani“ Genannte und rezitiere tausendmal, fünfzig Tage lang, täglich.
13.12
sampūjya rajanīṃ bhūmiṃ saṅgamya prajapen manum |
tadā vādī susiddhaḥ syāj japet kṣititanuṃ vilokayet ||
Nachdem er Rajani verehrt hat, verbinde er sich mit der Erde und rezitiere den Mantra. Dann werde er als Redner vollkommen; er rezitiere, während er den Erdenkörper betrachtet. [Der zweite Halbvers ist metrisch unregelmäßig.]
13.13
parvate hastam āropya śataśaḥ śuddhabhāvataḥ |
kavitāṃ labhate dhīmān devīlokaṃ mṛte vrajet ||
Legt der Einsichtige die Hand auf den „Berg“ und rezitiert hundertfach in reiner Haltung, erlange er dichterische Gabe und gehe nach dem Tod in die Welt der Göttin. [„Berg“ ist im Ritualzusammenhang eine Körperchiffre.]
13.14
padmamadhyaṃ tathā bimbaṃ khañjanaṃ śikharaṃ tathā |
cāmaraṃ vāribimbaṃ ca tilapuṣpaṃ saroruham ||
Die Mitte des Lotus, die Scheibe, den Bachstelzenvogel, den Gipfel, den Yakschweif, die Spiegelung im Wasser, die Sesamblüte und den Wasserlotus –
13.15
trisulaṃ vīkṣya sañjapya śataḥ śuddhabhāvataḥ |
sa sarvarajanīnāthaḥ kalau kalpalatā bhuvi ||
und den im Druck trisula genannten Gegenstand betrachte er und rezitiere hundertmal mit reiner Haltung. Dann werde er im Kali-Zeitalter zum Herrn aller Rajanis und auf Erden wie eine wunscherfüllende Ranke. [Die Lesung trisulam ist nicht sicher.]
13.16
sampūjya rajanīgehaṃ manuṃ tatraiva saṃlikhet |
kalāṃ vā karṇamātreṇa devīṃ dhyātvā punar yajet ||
Nachdem er Rajanis Haus verehrt hat, schreibe er dort den Mantra. Oder er spreche die geheime Lehre nur bis an ihr Ohr, meditiere über sie als Göttin und verehre sie erneut.
13.17
tadudbhavena puṣpeṇa pūjayed bhaktibhāvataḥ |
sa yāti śivatāṃ bhūmau kuladurgagataḥ śuciḥ ||
Mit der aus ihr hervorgegangenen „Blüte“ verehre er hingebungsvoll. Rein und in die schützende Burg des Kula eingetreten, gelange er auf Erden zum Shivasein.
13.18
brahmatarau mahāpadme dhyātvā devīṃ prapūjayet |
tatsudhāsārasāreṇa tarpayed mātṛkāmukhe ||
Am Brahma-Baum, im großen Lotus, meditiere er über die Göttin und verehre sie vollständig. Mit der Essenz ihres Nektars vollziehe er Tarpana am Mund der Matrika.
13.19
kalāpūjākrameṇaiva rajanīveṣṭite yadi |
mahāniśi japen mantraṃ dhruvaṃ mokṣaṃ sa cārhati ||
Wenn er, von Rajani umschlossen, nach der Ordnung der Kala-Puja in der tiefen Nacht den Mantra rezitiert, erlangt er nach Aussage des Textes gewiss Befreiung.
13.20
tithikrameṇa kāmena rajanīveṣṭitā japet |
tadā māsena siddhiḥ syāt sahasrajapamānataḥ ||
Von Rajani umschlossen, rezitiere er nach der Ordnung der Mondtage und mit dem Kama-Prinzip. Durch täglich tausend Rezitationen entstehe Siddhi innerhalb eines Monats.
13.21
aṣṭamyāṃ ca caturdaśyāṃ dviguṇaṃ yadi dṛśyate |
mantraṃ kalāntare devi likhitvā kuṅkumena ca ||
Am achten und vierzehnten Mondtag werde die Wirkung beim Anblick des „Doppelten“ verdoppelt. Den Mantra schreibe man mit Kunkuma in den Bereich der Kala, o Göttin.
13.22
tatpārśve sādhyam ālikhya tāḍayet sṛṣṭivṛṣṭibhiḥ |
sādhyasūktaṃ japet tatra kāmārtā tatra labhyate ||
Daneben zeichne man die Zielperson und berühre das Bild mit den im Text „Schöpfungsregen“ genannten Lauten. Dort rezitiere man das Sadhya-Sukta; die verlangende Zielperson werde dadurch erreicht, behauptet der Text.
13.23
tatra pūjāṃ cared dhīmān mahācīnakrameṇa ca |
grāme pātālake ramye śmaśāne prāntare'pi vā ||
Dort vollziehe der Einsichtige die Puja nach der Mahachina-Ritualfolge – in einem Dorf, an einem abgeschiedenen reizvollen Ort, auf einem Verbrennungsplatz oder in einer Einöde.
13.24
vilikhya yantramantraṃ ca kāmākhyāyāṃ prapūjayet |
tadā rājyam avāpnoti ihaiva kulasundari ||
Nachdem er Yantra und Mantra gezeichnet hat, verehre er in Kamakhya. Dann erlange er noch in diesem Leben königliche Herrschaft, o Schönheit des Kula.
13.25
mṛte ca mokṣam āpnoti satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
rajomūle rajanyāṃ tu yo yāti bilvapañcakaiḥ ||
Nach dem Tod erlange er Befreiung – dies wird nachdrücklich bekräftigt. Wer während Rajanis Menstruation mit fünf Bilva-Blättern zu ihr geht,
13.26
devīm abhyarcya sahasraṃ tu prajapet pitṛkānane |
tadā rājyam avāpnoti yadi vā na palāyate ||
die Göttin verehrt und auf dem Verbrennungsplatz tausendmal rezitiert, erlange königliche Herrschaft, sofern er nicht aus Furcht flieht.
13.27
citāyāṃ rajanīgehe saṅgamya ca japen manum |
yaṃ yaṃ kāmayate kāmaṃ taṃ tam eva dhruvaṃ labhet ||
Auf einer Verbrennungsstätte oder in Rajanis Haus vollziehe er die rituelle Verbindung und rezitiere den Mantra. Welchen Wunsch er auch hegt, den erlange er gewiss, so verspricht der Text.
13.28
punaś ca tatra sampūjya svayambhūkusumena ca |
ihaiva jāyate saukhyam ante ca mokṣam āpnuyāt ||
Er verehre dort erneut mit dem „selbstentstandenen Kusuma“. Schon hier entstehe Wohlergehen, und am Ende erlange er Befreiung.
13.29
mahāvratādine naktaṃ śmaśāne niyutaḥ |
sahasrakapramāṇena kiṃ na siddhyati bhūtale ||
In der Nacht eines großen Gelübdetages verweile er auf dem Verbrennungsplatz und rezitiere im Umfang von tausend. Was könnte dann auf Erden nicht gelingen? [Der erste Halbvers ist im Druck metrisch verkürzt.]
13.30
rajanīrajasā devi piṇḍaṃ ca parikalpayet |
yannāmnā dīyate piṇḍaṃ na gacchet sa yamālayam ||
Mit Rajanis Menstrualblut forme man eine rituelle Pinda-Gabe, o Göttin. In wessen Namen diese Pinda gegeben wird, der gelange nach Aussage der Schrift nicht in Yamas Reich.
13.31
rajanīveṣṭanād eva yat phalaṃ labhate priye |
tasyāpi ṣoḍaśāṃśaṃ ca carenmārgeṇa labhyate ||
Die Frucht, die aus der Umschließung durch Rajani entsteht, o Liebe, werde durch die gewöhnliche äußere Praxis nicht einmal zu einem Sechzehntel erreicht. [Die Formulierung des zweiten Halbverses ist knapp.]
13.32
śavāsanādhikaṃ phalaṃ latāgehe praveśanam |
tasyāpi ṣoḍaśāṃśaṃ ca kalāṃ nārhanti te śavāḥ ||
Das Eintreten in das „Haus der Lata“, die rituelle Vereinigung mit der lebendigen Shakti, wird als fruchtbarer als die Shavasana-Praxis auf einem Leichnam gepriesen. Selbst jene Leichnamriten erreichten nicht ein Sechzehntel dieser Kala, erklärt der Text.
Iti śrīniruttaratantre pārvatīśivasaṃvāde trayodaśaḥ paṭalaḥ – So endet im ehrwürdigen Niruttara Tantra, im Gespräch zwischen Parvati und Shiva, das dreizehnte Kapitel.
Kapitel 14 – Sieben Veśyā-Typen, Kula-Frauen und Tarpana
Die Zählung 14.1–14.108 ist redaktionell. Veśyā bezeichnet in diesem Kapitel nicht durchgehend einen modernen Beruf, sondern mehrfach eine selbstbestimmte, sozial oder rituell ungebundene Frau innerhalb des Kula-Ritus. Wo der Text konkrete Sexualrituale, Altersangaben oder soziale Abwertungen enthält, werden sie als historische Aussagen übersetzt und kritisch kenntlich gemacht.
Śrīdevy uvāca – Die Göttin sprach:
14.1
veśyā ca kīdṛśī deva praśastā kulapūjane |
kasyāḥ saṃsargamātreṇa śreṣṭho bhavati sādhakaḥ ||
Welche Art von Veshya wird für die Kula-Puja empfohlen, o Gott? Durch die bloße Gemeinschaft mit welcher von ihnen wird ein Sadhaka als vortrefflich angesehen?
14.2 nānākulagatā veśyā kathaṃ śastā kulārcane ||
Wie kann eine Veshya, die verschiedenen Kulas angehört hat, in der Kula-Verehrung als geeignet gelten? [Ein einzelner Frage-Halbvers.]
Śrīśiva uvāca – Shiva sprach:
14.3
guptaveśyā mahāveśyā kulaveśyā mahodayā |
rājaveśyā devaveśyā brahmaveśyā ca saptadhā ||
Gupta-Veshya, Maha-Veshya, Kula-Veshya, Mahodaya, Raja-Veshya, Deva-Veshya und Brahma-Veshya – sieben Arten werden unterschieden.
14.4 kulajā guptaveśyā syān nirlajjā madanāturā ||
Eine Kula-Frau, die sich jenseits lähmender Scham nach Liebe sehnt, wird Gupta-Veshya, „verborgene Veshya“, genannt. [Ein einzelner Halbvers.]
14.5 paśubhartṛdhṛtā loke guptaveśyā prakīrtitā ||
Auch eine Frau, die in der Welt mit einem als Pashu bezeichneten Ehemann lebt, wird Gupta-Veshya genannt. [Ein einzelner Halbvers.]
14.6
kulajā kulaveśyā ca mahāveśyā prakīrtitā |
mahāveśyā kuleśāni svecchayā ca digambarī ||
Eine Kula-Frau gilt als Kula-Veshya und wird auch Maha-Veshya genannt. Als Maha-Veshya handelt sie aus eigenem Willen und rituell unbekleidet, o Herrin des Kula.
14.7
kulaveśyā kulīnā ca vīrapatnī kuleśvari |
mahodayā samākhyātā svecchayā viparītagā ||
Eine im Kula verwurzelte Kula-Veshya und Partnerin eines Vira heißt Mahodaya, wenn sie aus eigenem Willen die umgekehrte rituelle Stellung einnimmt.
14.8
rājavad yā ca veśyā syād rājaveśyā prakīrtitā |
devaṃ saṃyojya cakre ca japtvā tu bindupātanam ||
Eine Veshya von königlicher Haltung wird Raja-Veshya genannt. Nachdem sie im Chakra die Gottheit vergegenwärtigt hat, rezitiert sie bis zum Fallen des Bindu.
14.9
bhagaliṅgakapāle ca cumbayec ca punaḥ punaḥ |
evaṃvidhā kulīnā ced brahmaveśyā prakīrtitā ||
Sie küsse wiederholt Yoni, Linga und Schädelschale. Eine so handelnde Kula-Frau wird Brahma-Veshya genannt. [Konkrete historische Ritualanweisung.]
14.10
divyaśaktir vīraśaktis tāsāṃ saṃjñā prakīrtitā |
caturvarṇodbhavānāṃ ca saṃjñitāḥ paribhāṣitāḥ ||
Divya-Shakti und Vira-Shakti sind weitere Bezeichnungen für sie. Diese Benennungen werden auf Frauen aus den vier Varnas angewandt.
14.11
veśyāvad bhramate yasmāt tasmād veśyā prakīrtitā |
varṇasaṅkarato jātā svaveśyāḥ prakīrtitāḥ ||
Weil sie sich frei wie eine Veshya bewegt, wird sie so genannt. Aus Verbindungen über Varna-Grenzen hervorgegangene Frauen bezeichnet der Druck als svaveśyāḥ. [Die letzte Benennung ist unsicher.]
14.12
kulamārge pravṛttā yā sā veśyā mokṣadāyinī |
cumbanāliṅganāghātaṃ rativigrahadarśanam ||
Eine Frau, die den Kula-Weg aufgenommen hat, gilt als eine Veshya, die Befreiung schenkt. Kuss, Umarmung und leidenschaftliche Berührung sowie die Betrachtung des Körpers in der Liebesvereinigung –
14.13
āmantraṇaṃ trisandhyaṃ ca bhagaliṅgasya kīrtanam |
veśyānāṃ ca japāṅgedaṃ śaṅkareṇa puroditam ||
Einladung zu den drei Dämmerungszeiten und die Nennung von Yoni und Linga: Dies wurde von Shiva als Bestandteil ihres Japa gelehrt.
14.14
pāṭhe vinā veśyā na kuryāt sthirasaṅgamam |
japāṅgaḥ pratyahaṃ kuryāt sā śivaḥ saha moditā ||
Ohne Rezitation soll sie keine dauerhafte Vereinigung eingehen. Täglich vollziehe sie die Glieder des Japa; so erfreue sie sich gemeinsam mit Shiva. [Der Numerus im zweiten Halbvers ist im Druck uneinheitlich.]
14.15
niśāyāṃ prajapen mantraṃ svayambhūśivayogataḥ |
veśyānāṃ japamātraṃ tu puraścaraṇam ucyate ||
In der Nacht rezitiere sie den Mantra in der Vereinigung von Svayambhu und Shiva. Für diese Frauen gilt schon die Mantra-Rezitation als Purascharana.
14.16
viparītā japen mantraṃ sā kālī nātra saṃśayaḥ |
yoṣitāṃ mantrasiddhiḥ syād viparītaratau priye ||
Rezitiert sie in der umgekehrten Stellung, gilt sie als Kali – daran bestehe kein Zweifel. In dieser Stellung entstehe für Frauen Mantra-Siddhi, o Liebe.
14.17
viparītaratau japtvā sarvasampattim ālabhet |
viparītaratau japtvā nirvāṇapadavīṃ vrajet ||
Durch Rezitation in der umgekehrten Stellung erlange sie alle Wohlfahrt; durch dieselbe Praxis gelange sie zum Zustand des Nirvana.
14.18
viparītaratau japtvā kālīvad vihared bhuvi |
viparītaratā kālī viparītā ca tāriṇī ||
So rezitierend bewege sie sich auf Erden wie Kali. Die Frau in der umgekehrten Stellung ist Kali; die Umgekehrte ist die rettende Tarini.
14.19
viparītā ca yā veśyā sā kālī nātra saṃśayaḥ |
yoṣidvidyā na siddhyanti viparītaratiṃ vinā ||
Eine Veshya, die diese Stellung einnimmt, gilt als Kali – daran bestehe kein Zweifel. Die Vidyas der Frauen werden nach Aussage des Textes ohne sie nicht vollendet.
14.20
viparītaratā veśyā triṣu lokeṣu pūjitā |
gāḍham āliṅganaṃ dattvā cumbitvā punaḥ punaḥ ||
Eine solche Frau wird in den drei Welten verehrt. Nach fester Umarmung und wiederholten Küssen
14.21
kaṭākṣair darśayed yantraṃ dakṣiṇā kaulikīritā |
evaṃvidhā puraścaryā veśyāyāś ca kuleśvari ||
zeige sie mit Seitenblicken das Yantra; als Dakshina wird sie Kauliki genannt. Dies ist die Form ihrer Purascharana, o Herrin des Kula. [Die Worttrennung dakṣiṇā kaulikīritā ist unsicher.]
14.22
evaṃvidhā bhaved veśyā na veśyā kulaṭā priye |
kulaṭāsaṅgamād eva rauravaṃ narakaṃ vrajet ||
Eine so handelnde Frau gilt hier als Veshya, nicht als kulata, als bloß treulose Frau, o Liebe. Vor einer Verbindung mit Letzterer warnt der Text mit der Raurava-Hölle.
14.23
vīraśaktir bhaved veśyā sā śastā svasvasādhane |
puraścaryāś ca tā veśyā yojayet kulasādhane ||
Die Veshya werde zur Vira-Shakti und gilt in ihrer jeweiligen Sadhana als geeignet. Nach ihrer Purascharana könne man sie in der Kula-Sadhana einsetzen.
14.24
śivaliṅgagatā sādhvī śivaliṅgagatā satī |
śivaliṅgagatā veśyā kīrtitā sā pativratā ||
Ist eine integre Frau, eine Sati oder eine Veshya auf den Shiva-Linga ausgerichtet, wird sie in dieser Lehre als ihrem spirituellen Gemahl treu gepriesen.
14.25
yoniś ca janikā mātā liṅgaś ca janakaḥ pitā |
vibhāvya pitarau bhāvam ubhayoḥ paricintanam ||
Die Yoni ist die gebärende Mutter, der Linga der zeugende Vater. Beide betrachte man als die Eltern und meditiere über ihre Einheit.
14.26
liṅgarūpo mahākālo yonirūpā ca kālikā |
tayor yogaparā dhanyā tayor yogaparo mahān ||
Mahakala trägt die Gestalt des Linga, Kalika die Gestalt der Yoni. Eine Frau, die ihrer Vereinigung hingegeben ist, gilt als gesegnet; ein Mann, der ihr hingegeben ist, als groß.
14.27
svabhairavaṃ vinā veśyā śivapūjāṃ karoti yā |
raurave narake ghore vased āhūtasaṃplavam ||
Vollzieht eine Veshya ohne ihren eigenen Bhairava die Shiva-Puja, droht der Text ihr langes Leiden in der Raurava-Hölle an. [Die letzte Zeitangabe ist im Druck unsicher.]
14.28
svabhairavīṃ vinā vīro manasā naiva saṃsmaret |
smarec ca narakaṃ yāti mahāvyādhiparo bhavet ||
Ohne seine eigene Bhairavi soll ein Vira die Ritualvereinigung nicht einmal im Geist erwägen. Tut er es, drohen dem Text zufolge Höllenleid und schwere Krankheit.
14.29
nānāvīrāśritā veśyā paśuveśyā kuleśvari |
sā veśyā narakaṃ yāti satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ ||
Eine Veshya, die sich wechselnd auf verschiedene Viras stützt, wird als Pashu-Veshya bezeichnet. Der Text droht ihr Höllenleid an und bekräftigt dies nachdrücklich.
14.30 varjanīyā prayatnena kāmād vā lobhato vāpi dhanād vā varavarṇini ||
Eine solche Verbindung sei sorgfältig zu meiden, ob sie aus Begierde, Habgier oder um des Geldes willen gesucht wird, o Schönfarbige. [Metrisch unregelmäßige Einzelzeile.]
14.31 nānāvīrāśritā veśyā veśyā ca narakaṃ vrajet ||
Eine Veshya, die sich vielen Viras anschließt, gehe nach der Drohung des Textes in einen Höllenzustand. [Ein einzelner Halbvers.]
14.32
nānād vā kāmato vāpi lobhād vā kulasundari |
paśusaṅgagatā veśyā sā veśyā narakaṃ vrajet ||
Ob aus wechselnden Motiven, Begierde oder Habgier: Eine Veshya, die eine profane Verbindung eingeht, gehe nach der Warnung des Textes in die Hölle, o Schönheit des Kula. [Das erste Wort nānād ist unsicher.]
14.33
nānāvīrāśritā veśyā paśusaṅgagatā ca yā |
kulasādhanakarmāṇi ||
Eine Veshya, die vielen Viras folgt oder in profaner Gemeinschaft lebt, soll bei den Handlungen der Kula-Sadhana – [die Aussage wird in 14.34 fortgesetzt].
14.34
yojyā cet siddhihāniḥ syāt śreṣṭhaveśyā kulārcane |
rogaḥ śoko bhavet tasya dhanahāniḥ kṣaṇe kṣaṇe ||
nicht eingesetzt werden; geschieht es dennoch, gehe die Siddhi verloren. Für die Kula-Verehrung wähle man eine als vorzüglich geltende Veshya; sonst entstünden Krankheit, Kummer und fortwährender Vermögensverlust.
14.35
tasmāt sarvaprayatnena svaśivaṃ ca samāśrayet |
japapūjādikaṃ veśyā svaśive parikalpayet ||
Darum stütze sich jede mit aller Sorgfalt auf ihren eigenen Shiva. Japa, Puja und die weiteren Riten richte sie auf ihren eigenen Shiva aus.
14.36
puṣpitā kāmam āpannā sadā ramaṇam icchukā |
sarvasiddhipradā veśyā kālikārūpadhāriṇī ||
Während ihrer Menstruation, von Verlangen bewegt und die Vereinigung wünschend, wird sie als Trägerin der Gestalt Kalikas und als Spenderin aller Siddhis gepriesen.
14.37
pitṛbhūmiḥ samākhyātā sadāśivanivāsinī |
śiva eva nare jñeyo liṅgarūpadharo yataḥ ||
Sie wird „Erde der Ahnen“ genannt und als Wohnort Sadashivas verstanden. Im Mann erkenne man Shiva, da er die Gestalt des Linga trägt.
14.38
śivasthānaṃ śmaśānaṃ syāt śmaśānaṃ kulajaṃ gṛham |
aṣṭamyāṃ ca caturdaśyāṃ pakṣayor ubhayor api ||
Der Verbrennungsplatz gilt als Ort Shivas; auch das Haus einer Kula-Frau wird als solcher heiliger Ort verstanden. Dies gelte am achten und vierzehnten Mondtag beider Monatshälften.
14.39
śmaśāne nāgate nārcet avaśyaṃ paśuvad bhavet |
tanmantraṃ pūjitaṃ yena sarvamantraṃ prapūjitam ||
Wer den Verbrennungsplatz nicht aufgesucht hat, soll die entsprechende Verehrung nicht vollziehen; sonst bleibe sie auf der Pashu-Ebene. Wer ihren Mantra verehrt, habe alle Mantras verehrt.
14.40
tatra sañjapya deveśi nirvāṇapadavīṃ vrajet |
mātṛmukhe pitṛmukhaṃ dattvā japet kālīṃ sanātanīm ||
Wer dort rezitiert, gelange zum Nirvana, o Herrin der Götter. In der Vereinigung des „Mundes der Mutter“ mit dem „Mund des Vaters“ rezitiere er die ewige Kali.
14.41
sarvapāpavinirmukto nirvāṇapadavīṃ vrajet |
parasmin guptaveśyā vāpy athavā kulīnā bhavet ||
Von allen Verfehlungen frei gelange er zum Nirvana. Die Partnerin könne eine Gupta-Veshya oder eine Kula-Frau sein, die zuvor einem anderen verbunden war. [Der Lokativ parasmin ist knapp.]
14.42
śukrotsāraṇakālaṃ tu nirvāṇaṃ viddhi pārvati |
tatkālas tu mahākālaḥ phalamātrapraveśinām ||
Den Augenblick der Ejakulation erkenne in diesem Ritual als Nirvana, o Parvati. Jener Augenblick wird als Mahakala für diejenigen bezeichnet, die in die Frucht dieser Praxis eintreten.
14.43
śukrotsāraṇakālaṃ tu kāyena manasāpi vā |
śraddhamadhyakrameṇaiva kulīnāya prakāśayet ||
Den Sinn dieses Augenblicks offenbare man einer Kula-Frau körperlich oder geistig und nur in der vom Text vorgeschriebenen vertrauensvollen Ordnung. [Die Lesung śraddhamadhyakrameṇa ist unsicher.]
14.44
śukrotsāraṇakālasya jñāpanāt kālikā svayam |
jāyate kālikā devī mahākālaṃ vimohayet ||
Durch Erkenntnis dieses Augenblicks werde sie selbst zu Kalika. Als Göttin Kalika bezaubere sie selbst Mahakala.
14.45
kulīnā brahmaveśyā cen nālpasya tapasaḥ phalam |
bahūnāṃ janmanām ante brahmaveśyā prajāyate ||
Eine Kula-Frau als Brahma-Veshya zu erkennen, sei nicht die Frucht geringer Askese. Erst am Ende vieler Geburten werde eine Frau zur Brahma-Veshya.
14.46
tvatsamā prakṛtiḥ kācid yad iti bhūmimaṇḍale |
na tathā tvatsamā śaktis triṣu lokeṣu gīyate ||
Mag es auf dem Erdenkreis irgendeine Prakriti geben, die dir gleicht – in den drei Welten wird doch keine Shakti besungen, die dir völlig gleichkommt. [Der erste Halbvers ist syntaktisch unregelmäßig.]
14.47
sā caiva dakṣiṇā kālī madanāturavihvalā |
vedebhyo jāyate karma karmaṇā bandhanaṃ bhavet ||
Sie ist Dakshina Kali, von der Macht der Liebe bewegt. Aus den Veden entsteht rituelles Handeln, und durch Handeln entsteht Bindung.
14.48
vaidikaṃ karma santyajya surateṣu sadā japet |
āgamoktapatiḥ śambhur āgamoktaḥ patir guruḥ ||
Im Rahmen dieses Kula-Ritus lege man vedisches Ritualhandeln beiseite und rezitiere während der Liebesvereinigung. Der im Agama gelehrte Gemahl ist Shambhu; der vom Agama bestimmte spirituelle Gemahl ist der Guru.
14.49
svapatiḥ kulajāyāś ca na patiś ca vivāhitaḥ |
vivāhitapatityāge dūṣaṇaṃ na kulārcane ||
Als spiritueller Gemahl einer Kula-Frau gilt hier nicht notwendig ihr angetrauter Ehemann. Die Trennung dieser rituellen und ehelichen Rollen wird in der Kula-Verehrung nicht als Verfehlung gewertet.
14.50
vivāhitaṃ patiṃ naiva tyajed vedoktakaṇi |
āgamoktapatistrātā āgamoktapatiḥ śivaḥ ||
Bei den von den Veden gelehrten Pflichten soll sie den angetrauten Ehemann jedoch nicht verlassen. Der vom Agama bestimmte spirituelle Gemahl gilt im Ritual als Beschützer und als Shiva.
14.51
siddhavidyā na siddhyanti āgamoktapatiṃ vinā |
āgamoktapati devi yoṣitāṃ mokṣadāyakaḥ ||
Die Siddha-Vidyas werden nach Aussage des Textes ohne den vom Agama bestimmten spirituellen Partner nicht vollendet. Dieser gilt für die Frauen als Spender der Befreiung, o Göttin.
14.52
kālīṃ naiva yajed yoṣid āgamoktapatiṃ vinā |
kulajā gurave devi patitve varaṇaṃ caret ||
Eine Frau soll Kali nicht ohne diesen rituellen Partner verehren. Die Kula-Frau wähle den Guru für die betreffende Ritualrolle, o Göttin.
14.53
tadā sā guptaveśyā syāt kulajā ca patiṃ vinā |
guptaveśyā bhavet saiva kulamārgapravartitā ||
Dann gilt eine Kula-Frau ohne solchen rituellen Partner als Gupta-Veshya. Sobald sie in den Kula-Weg eingeführt ist, wird sie eben in diesem besonderen Sinn so genannt.
14.54
kulamārgaprasaktāyā sā muktā nātra saṃśayaḥ |
kulajā gurave devi yadi na syāt patīcchukā ||
Ist sie dem Kula-Weg ganz zugewandt, gilt sie als befreit – daran bestehe kein Zweifel. Wünscht die Kula-Frau den Guru nicht als rituellen Partner,
14.55
tasyāḥ śivo mahākālaḥ satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
ṣoḍaśābdā sadā sā syāt kālī vikramatatparā ||
so ist Mahakala selbst ihr Shiva – dies wird nachdrücklich bekräftigt. Danach beginnt der Text eine Reihe symbolischer Alterszuordnungen und nennt Kali sechzehnjährig und tatkräftig.
14.56
tārā pañcadaśābdā cet caturdaśābdā ca sundarī |
trayodaśī conmukhī sā dvādaśābdā ca bhairavī ||
Tara wird mit fünfzehn, Sundari mit vierzehn, Unmukhi mit dreizehn und Bhairavi mit zwölf Jahren bezeichnet. [Historische Symbolzahlen des Textes; sie sind keine zulässige Grundlage heutiger Sexualpraxis. Jede heutige Praxis setzt volljährige, freie und fortdauernde Zustimmung voraus.]
14.57
ekādaśaguṇopetā brahmaveśyā kuleśvari |
mahāsādhvī samākhyātā caturṣu lokeṣu durlabhā ||
Die Brahma-Veshya sei mit elf Eigenschaften ausgestattet, o Herrin des Kula. Sie wird als große, integre Übende bezeichnet, die in den vier Welten schwer zu finden ist. [Der Vers bezieht elf grammatisch auf Eigenschaften, nicht eindeutig auf ein Lebensalter.]
14.58
svarge martye ca pātāle yā yās tiṣṭhanti cāṅganāḥ |
sarvāsām api bhartā ca divyo vīraś ca sādhakaḥ ||
Welche Frauen auch im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt leben: Der Divya, der Vira und der Sadhaka sollen ihnen gegenüber die Verantwortung eines spirituellen Gefährten tragen. [Die patriarchale Formulierung bhartā bedeutet wörtlich „Gemahl/Herr“.]
14.59
yogī divyo yadā vīraḥ sarvanārīpatir bhavet |
divyo'pi vīrabhāvena sarvajātyudbhavāṃ yajet ||
Wenn der Divya-Yogi zum Vira wird, beschreibt ihn der Text als spirituellen Gefährten aller Frauen. Auch als Divya verehre er in Vira-Haltung Shakti in Frauen jeder sozialen Herkunft.
14.60
guptaveśyā mahāveśyā ayodhyā mathurā priye |
māyā ca kulaveśyā syān mahodayā ca kālikā ||
Gupta-Veshya und Maha-Veshya werden symbolisch mit Ayodhya und Mathura verbunden, o Liebe; Kula-Veshya mit Maya und Mahodaya mit Kalika.
14.61
rājaveśyā devaveśyā dvārakā parikīrtitā |
kāñcī ca rājaveśyā syād devaveśyā avantikā ||
Die weiteren Typen werden mit den heiligen Städten Dvaraka, Kanchi und Avantika verbunden; dabei nennt der Druck Raja- und Deva-Veshya in einer nicht ganz eindeutigen Zuordnung.
14.62
dvārāvatī brahmaveśyā saptadhā mokṣadāyikā |
kulīnā bhagavatī sākṣāt kālī tārā sarasvatī ||
Dvaravati wird mit der Brahma-Veshya verbunden. Diese sieben Formen gelten als Spenderinnen der Befreiung. Die Kula-Frau ist unmittelbar Bhagavati, Kali, Tara und Sarasvati.
14.63
kulīnā bhairavī rādhā kulīnā chinnamastakā |
kulīnā sundarī devi kulīnā mahiṣamardinī ||
Die Kula-Frau ist Bhairavi und Radha, Chinnamasta, Sundari und Mahishamardini, o Göttin.
14.64
kulīnā bhuvanā bālā kulīnā bagalāmukhī |
dhūmāvatī kulīnā ca mātaṅgī kulīnā priye ||
Die Kula-Frau ist Bhuvana, Bala und Bagalamukhi; sie ist Dhumavati und Matangi, o Liebe.
14.65
kulīnā cānnapūrṇā ca tripuṭā tvaritā tathā |
pativratā kulīnā ca satī sādhvī mahodayā ||
Die Kula-Frau ist auch Annapurna, Triputa und Tvarita. Sie wird als treu, wahrhaftig, integer und großherzig gepriesen.
14.66
kulīnā mantratantrāṇāṃ siddhidā nātra saṃśayaḥ |
kulajā devakanyā ca kulīnā yoginīgaṇāḥ ||
Die Kula-Frau schenkt die Vollendung von Mantra und Tantra – daran bestehe kein Zweifel. Sie gilt als Göttermaid und als die Schar der Yoginis.
14.67
rambhorvaśī ratirāmā tilottamā kulasundarī |
etāḥ sarvāḥ pṛthag viharanti kulātmajāḥ ||
Rambha, Urvashi, Rati, Rama, Tilottama und die Kula-Sundari – all diese bewegen sich in verschiedenen Gestalten als Töchter des Kula.
14.68
kulajāḥ kulaveśyā yāḥ kuladharmaparāyaṇāḥ |
paśubhartṛāśritā loke kāmakautukalālasāḥ ||
Kula-Frauen und Kula-Veshyas sind dem Kula-Dharma hingegeben. Obwohl sie in der Welt mit einem als Pashu bezeichneten Ehemann leben können, tragen sie das Verlangen nach der besonderen Kula-Erfahrung.
14.69
kulavartmakrameṇaiva sadaiva ramaṇotsukāḥ |
vidagdhā vīrabhāvena vīragopanatatparāḥ ||
Der Ordnung des Kula-Weges folgend, suchen sie die rituelle Vereinigung. Sie sind kundig in der Vira-Haltung und der Wahrung des Vira-Geheimnisses verpflichtet.
14.70
vihitānyāṃ hīnajātāṃ pūjayed athavā yataḥ |
brahmacārī gṛhastho'pi vihitānyāṃ na cārcayet ||
Man verehre nur eine für den Ritus bestimmte Frau aus der vom Text bezeichneten Gruppe. Weder ein Brahmacharin noch ein Haushälter soll eine andere, nicht dafür bestimmte Frau verehren.
14.71
arcayet siddhihāniḥ syād duḥkhaṃ tasya pade pade |
hīnajām vihitāṃ veśyāṃ manasā ca prapūjayet ||
Tut er es dennoch, gehe die Siddhi verloren, und auf jedem Schritt begegne ihm Leid. Die für den Ritus bestimmte Frau verehre er zunächst im Geist als Shakti.
14.72
tadyogaṃ cintayed dhīmān śatam aṣṭottaraṃ japet |
japtvā praṇamya deveśi bhakṣyadravyaṃ nivedayet ||
Der Einsichtige meditiere über die Verbindung mit ihr und rezitiere 108-mal. Danach verneige er sich und bringe Speisen dar, o Herrin der Götter.
14.73
kāmād vā mohato vāpi hīnajām yadi cecchati |
rauravaṃ narakaṃ yāti hīnajātisaṅgamena ca ||
Begehrt er eine solche Frau aus bloßer Lust oder Verblendung, so droht der Text für diese profane Verbindung mit der Raurava-Hölle.
14.74
hīnajātisaṅgamaṃ devi manasā na smaret kalau |
kulakarmapravṛttā yā sā muktā nātra saṃśayaḥ ||
Eine profane Verbindung mit ihr soll man im Kali-Zeitalter nicht einmal im Geist erwägen, o Göttin. Ist sie jedoch aus eigenem Entschluss der Kula-Handlung zugewandt, gilt sie als befreit.
14.75
kulajā kulaveśyā ca bījam ekaṃ samāśrayet |
santyajya paśubhartāraṃ kulamārge praveśayet ||
Eine Kula-Frau oder Kula-Veshya nehme zu einem einzigen Bija Zuflucht. Die zweite Hälfte spricht vom Verlassen eines als Pashu bezeichneten Ehemanns und vom Eintritt in den Kula-Weg. [Historische Vorschrift, keine heutige Empfehlung zum Bruch bestehender Verpflichtungen.]
14.76
kulamārgaṃ samādhṛtya vīram ekaṃ samāśrayet |
kulamārgapravṛttā cet patihīnā bhaved yadi ||
Hat sie den Kula-Weg angenommen, stütze sie sich auf einen einzigen Vira. Ist sie dem Kula-Weg zugewandt und ohne Partner,
14.77
kulajā vā kulīnā vā parajanmani jāyate |
kuladharmaratā śastā kuladharmotsukā tathā ||
werde sie in einer späteren Geburt als Kula-Frau geboren, so verspricht der Text. Wer den Kula-Dharma liebt und aufrichtig erstrebt, gilt als geeignet.
14.78
pūjārhā sā maheśāni patihīnāṃ prapūjayet |
lokācārakrameṇaiva pūjārhā laṅghitā yadi ||
Eine partnerlose Frau gilt als verehrungswürdig, o Maheshani, und soll vollständig verehrt werden. Wird eine Verehrungswürdige aufgrund bloßer gesellschaftlicher Konvention übergangen,
14.79
tāṃ vihāya kuleśāni kulajāṃ ca prapūjayet |
gandhasmaraṇamātreṇa tathā pāpakṣayo bhavet ||
und stattdessen eine andere Kula-Frau verehrt, so bleibe die Handlung unvollständig. Schon durch Erinnerung an ihren Duft sollen Verfehlungen vergehen. [Der Satzanschluss ist im Druck knapp.]
14.80
kulajā ca kulīnāya mantratantraphalapradā |
mahāveśyā bhavet saiva sarvaveśyāphalapradā ||
Die Kula-Frau schenkt einem im Kula Verwurzelten die Frucht von Mantra und Tantra. Sie wird zur Maha-Veshya und verleiht die Frucht aller sieben Formen.
14.81
yāsāṃ ca sarvavidyānāṃ praśastā yā kulārcane |
saiva śaktiviśeṣeṇa sarvaveśyāḥ prakīrtitāḥ ||
Jene, die für alle Vidyas und die Kula-Verehrung empfohlen wird, heißt aufgrund ihrer besonderen Shakti „alle Veshyas“ in einer Gestalt.
14.82
kulīnādarśanenaiva sarvapāpakṣayo bhavet |
kulajānāṃ puraścaryāṃ kulīnāvat kuleśvari ||
Schon durch den Anblick einer Kula-Frau sollen alle Verfehlungen vergehen. Die Purascharana für Kula-Frauen geschehe entsprechend derjenigen für eine Kulina, o Herrin des Kula.
14.83
sarvaveśyā hīnajātā sarvasiddhipradāyinī |
anekajanmanām ante kuladharmaḥ pravartate ||
Die vom Text so bezeichnete „All-Veshya“ schenke sämtliche Siddhis. Erst nach vielen Geburten wende sich ein Mensch dem Kula-Dharma zu.
14.84
kuladharmaṃ vinā devi na ca mokṣaḥ prajāyate |
kulapūjāṃ vinā devi sundarī naiva siddhyati ||
Ohne Kula-Dharma entstehe nach Aussage dieser Schrift keine Befreiung, o Göttin; ohne Kula-Puja werde die Sundari-Vidya nicht vollendet.
14.85
kulapūjāṃ vinā devi pañcamo nahi siddhyati |
kulapūjāṃ vinā naiva bhairavī na ca siddhyati ||
Ohne Kula-Puja werde das „Fünfte“ nicht wirksam, und auch die Bhairavi-Vidya gelange nicht zur Vollendung.
14.86
kulapūjāṃ vinā devi chinnamastā na siddhyati |
kulapūjāṃ vinā devi kālīkulaṃ na siddhyati ||
Ohne Kula-Puja werde Chinnamasta nicht verwirklicht, o Göttin; ohne Kula-Puja gelange das Kali-Kula nicht zur Vollendung.
14.87
kulapūjāṃ vinā devi tattvajñānaṃ na jāyate |
tattvajñānaṃ vinā devi nirvāṇaṃ naiva jāyate ||
Ohne Kula-Puja entstehe keine Erkenntnis der Wirklichkeit; ohne diese Tattva-Erkenntnis entstehe kein Nirvana, o Göttin.
14.88
nirvāṇaṃ śreyasaṃ prāpya mama yogaṃ prajāyate |
nirvāṇaṃ śreyasaṃ cāpi mūlaṃ ca kulamandiram ||
Wenn das höchste Nirvana erreicht ist, entsteht die Vereinigung mit mir. Als Wurzel dieses höchsten Nirvana gilt das Kula-Heiligtum.
14.89
pañcamaiḥ pūjayet kālīṃ kulīnaṃ ca kulamandire |
brahmā viṣṇuś ca rudraś ca īśvaraś ca sadāśivaḥ ||
Mit den fünf rituellen Substanzen verehre man Kali und die Kula-Verkörperung im Kula-Heiligtum. Brahma, Vishnu, Rudra, Ishvara und Sadashiva,
14.90
indrādi dikpālā ādityādinavagrahāḥ |
asitāṅgādayo ye ye bhairavāś ca surādayaḥ ||
die Hüter der Richtungen von Indra an, die neun Planeten von der Sonne an, die Bhairavas von Asitanga an und die Götter insgesamt –
14.91
kulapūjākṛtāḥ sarve kṛtārthāḥ kulināgṛhe |
śaktiṃ vinā maheśāni śaktimantro na siddhyati ||
sie alle gelten durch die Kula-Puja im Haus einer Kulina als zufriedengestellt. Ohne eine lebendige Shakti werde der Shakti-Mantra nicht vollendet, o Maheshani.
14.92
sarveṣāṃ śaktimantrāṇāṃ śaktiḥ siddhipradāyinī |
naṭī kāpālikā veśyā rajakī nāpitāṅganā ||
Bei allen Shakti-Mantras gilt Shakti als Spenderin der Vollendung. Der Text nennt als mögliche Verkörperungen Schauspielerin, Kapalika-Frau, Veshya, Wäscherin und Barbierin,
14.93
yoginī śvapacī śauṇḍī bhūmīndratanayā tathā |
gopinī mālikā ramyā āsāṃ kāryavibhedataḥ ||
ferner Yogini, Shvapachi, Branntweinherstellerin, Tochter eines Landherrn, Hirtin und Gärtnerin. Ihre Bezeichnungen richten sich nach der jeweiligen rituellen Aufgabe.
14.94
caturvarṇodbhavā ramyā kāpālī sā prakīrtitā |
pūjādravyaṃ samālokya nṛtyagītaparāyaṇā ||
Eine anmutige Frau aus einem der vier Varnas, die beim Anblick der Pujagaben ganz in Tanz und Gesang aufgeht, wird Kapali genannt.
14.95
caturvarṇodbhavā ramyā sā naṭī parikīrtitā |
mādyaṃ samālokya veśyā ramaṇam icchatā ||
Eine anmutige Frau aus einem der vier Varnas wird als Nati bezeichnet, wenn sie darstellerisch kundig ist; als Veshya, wenn sie beim Anblick des Ritualgetränks die Vereinigung wünscht. [Der zweite Halbvers ist grammatisch knapp.]
14.96
caturṇāṃ ramyā sā veśyā parikīrtitā |
pūjādravyaṃ samālokya rajo'vasthāṃ prakāśayet ||
Eine anmutige Frau aus einer der vier Gruppen wird Veshya genannt, wenn sie angesichts der Pujagaben ihren Menstruationszustand offenlegt. [Der erste Halbvers ist metrisch verkürzt.]
14.97
sarvavarṇodbhavā ramyā rajakī sā prakīrtitā |
pūjādravyaṃ samālokya kulajā vīram āśrayet ||
Eine anmutige Frau beliebiger Varna-Herkunft wird „Rajaki“ genannt; als Kula-Frau wendet sie sich beim Anblick der Pujagaben einem Vira zu.
14.98
santyajya paśubhartāraṃ karmacaṇḍālinī smṛtā |
śivaśaktisamāyogaḥ yoginī sā vyavasthitā ||
Wenn sie einen als Pashu bezeichneten Ehemann verlässt, wird sie rituell als Karma-Chandalini bezeichnet. Ist sie in der Vereinigung von Shiva und Shakti gegründet, gilt sie als Yogini.
14.99
viparītaratā patyau pātraṃ yā paripṛcchati |
sarvavarṇodbhavā ramyā sā śauṇḍī parikīrtitā ||
Eine anmutige Frau beliebiger sozialer Herkunft, die in der umgekehrten Stellung ihren Partner nach dem Ritualgefäß fragt, wird Shaundi genannt.
14.100
sarvadā yantrasaṃskāro yasyāś ca parijāyate |
saiva bhūmīndrajā ramyā svavarṇodbhavā priye ||
Eine anmutige Frau, durch welche die Weihe des Yantras stets zustande kommt, heißt „Tochter des Landherrn“ und kann aus der eigenen sozialen Gruppe stammen, o Liebe.
14.101 nānāyogyakaraṇasyāpi athānyaṃ gopayed yas tu sarvadā paśusaṅgame ||
Der Druck nennt vielfältige geeignete Handlungen und fordert, das Innere der Praxis bei Begegnungen mit Außenstehenden stets zu verbergen. [Die Einzelzeile ist stark verderbt; nur dieser allgemeine Sinn ist sicher.]
14.102 sarvavarṇodbhavā ramyā gopinī sā prakīrtitā ||
Eine anmutige Frau aus beliebiger sozialer Herkunft wird Gopini genannt. [Ein einzelner Halbvers.]
14.103
pūjādravyaṃ samālokya yā manī parikīrtitā |
sarvavarṇodbhavā ramyā mālinī sā prakīrtitā ||
Wer beim Anblick der Pujagaben die im Druck manī genannte Haltung zeigt, heißt Malini; sie kann aus jeder sozialen Gruppe stammen. [Die erste Benennung ist unsicher.]
14.104
śaktyabhāve maheśāni yāsāṃ ca kāñcid āharet |
saṃśodhya pañcamaṃ tattvaṃ tarpayet kulasundari ||
Ist keine Shakti anwesend, o Maheshani, führe man eine der genannten Frauen herbei. Nachdem das fünfte Tattva rituell gereinigt ist, vollziehe man Tarpana, o Schönheit des Kula.
14.105
aṅguṣṭhānāmikāyogād vāmahastasya pārvati |
tarpayet kālikāṃ vīraḥ sāyudhāṃ parivāhanām ||
Durch Verbindung von Daumen und Ringfinger der linken Hand vollziehe der Vira Tarpana für Kalika mit ihren Waffen und ihrem Gefolge, o Parvati.
14.106
aṅguṣṭho bhairavo devaḥ anāmā śaktir ucyate |
śivaśaktisamāyogāt tarpayet devi dakṣiṇām ||
Der Daumen gilt als Gott Bhairava, der Ringfinger als Shakti. Aus ihrer Verbindung von Shiva und Shakti vollziehe man Tarpana für Dakshina Kali, o Göttin.
14.107
tarpaṇaṃ trividhaṃ devi śreṣṭhaṃ madhyaṃ kanīyasam |
śreṣṭhaṃ ca divyabhāvasya vīrabhāvasya madhyamam ||
Tarpana ist dreifach: höchstes, mittleres und geringeres, o Göttin. Das höchste gehört zum Divya-Bhava, das mittlere zum Vira-Bhava.
14.108 kanīyāṃsaṃ paśūnāṃ ca hṛdi yantre jale kramāt ||
Das geringere gehört zu den Pashus; die drei Formen werden der Reihe nach im Herzen, im Yantra und im Wasser vollzogen. [Ein einzelner Schluss-Halbvers.]
Iti śrīniruttaratantre śivapārvatīsaṃvāde caturdaśaḥ paṭalaḥ – So endet im ehrwürdigen Niruttara Tantra, im Gespräch zwischen Shiva und Parvati, das vierzehnte Kapitel.
Kapitel 15 – Reinigung der fünf Tattvas und Mahavidyas
Die Zählung 15.1–15.61 ist redaktionell. Das Kapitel beschreibt die rituelle Reinigung der fünf Tattvas, hier der fünf makāras (Madya, Mamsa, Mina, Mudra und Maithuna), ferner Nyasas, Gefäß- und Mudra-Riten sowie Reinigungsmantras. Solche Vorschriften gehören in ihren historischen Initiationszusammenhang und sind keine Anleitung zur eigenständigen Ausführung. Bija-Mantras werden nicht frei gedeutet. Mehrere seltene Mantrafolgen sind im Druck beschädigt; diese Unsicherheiten sind jeweils am Ort vermerkt.
Śrīdevy uvāca – Die Göttin sprach:
15.1
deva-deva mahādeva kulamārgaprakāśaka |
pañcamaṃ kīdṛśaṃ dravyaṃ teṣāṃ śuddhis tu kīdṛśī ||
Gott der Götter, großer Gott, Offenbarer des Kula-Weges: Welcher Art ist die fünfte Substanz, und welcher Art ist die Reinigung dieser Dinge?
15.2 tat prakāśaya samyaṅ me mayi nātha kṛpāṃ kuru |
Lege mir dies vollständig dar, o Herr, und erweise mir deine Gnade. [Ein einzelner Halbvers.]
Śrīśiva uvāca – Shiva sprach:
15.3
madyaṃ māṃsaṃ tathā mīnaṃ mudrā maithunapañcamam |
eṣāṃ śuddhiṃ pravakṣyāmi mantrakoṣakrameṇa ca ||
Madya, berauschendes Getränk, Mamsa, Fleisch, Mina, Fisch, Mudra und als fünftes Maithuna, die sexuelle Vereinigung: Ihre Reinigung werde ich nach der Ordnung des Mantra-Schatzes erklären.
15.4
niśīthe muktakeśaś ca sukulaṃ vāmabhāgataḥ |
saṃsthāpya nyāsajālaṃ ca tadgātre vinyaset kramāt ||
Um Mitternacht, mit gelöstem Haar, stelle man die Kula-Partnerin zur Linken auf. Dann bringe man der Reihe nach das Geflecht der Nyasas an ihrem Körper an.
15.5
svagātre ca tato nyasya nyāsajālakrameṇa ca |
bhūtaśuddhir vidheyā ca varṇanyāsaṃ tataś caret ||
Danach vollziehe man dieselbe Folge der Nyasas am eigenen Körper. Es folgt die Reinigung der Elemente; anschließend übe man den Nyasa der Laute.
15.6
aṅganyāsakaranyāsau lipinyāsaṃ tu tatparam |
tato'ntarmātṛkāṃ kṛtvā mātṛkānyāsam ācaret ||
Danach folgen Anga-Nyasa und Kara-Nyasa, die Einsetzung an Gliedern und Händen, sowie der Schriftzeichen-Nyasa. Dann vollziehe man die innere Matrika und den Matrika-Nyasa, die Einsetzung der Lautmütter.
15.7
prāṇāyāmaṃ tataḥ kṛtvā ṛṣinyāsaṃ tataḥ param |
pīṭhanyāsaṃ vyāpakaṃ ca kālīkulasya pūjane ||
Darauf übe man Pranayama, dann Rishi-Nyasa, Pitha-Nyasa und den durchdringenden Nyasa in der Verehrung des Kali-Kula.
15.8
kramabhaṅgo bhaven naiva bhavec ca viphalaṃ dhruvam |
japapūjādikaṃ karma sarvaṃ niṣphalatām iyāt ||
Die vorgeschriebene Reihenfolge darf nicht unterbrochen werden; sonst bleibt die Handlung gewiss ohne Frucht. Japa, Puja und alle übrigen Riten würden wirkungslos.
15.9
tasmāt sarvaprayatnena kramabhaṅgaṃ na kārayet |
jīvanyāsaṃ vyāpakādau vidyārājñīṃ prapūjayet ||
Darum vermeide man mit aller Sorgfalt jede Unterbrechung der Reihenfolge. Beginnend mit dem durchdringenden Nyasa vollziehe man den Jiva-Nyasa und verehre die Königin der Vidyas.
15.10
bodhanyāsaṃ nīlakaṇṭhaṃ kāmaṃ ca parikīrtitam |
tato dhyātvā mahākālīṃ mānasaiḥ paripūjayet ||
Genannt werden ferner Bodha-Nyasa, Nilakantha und Kama. Danach meditiere man über Mahakali und verehre sie vollständig mit inneren, geistigen Gaben.
15.11
tataś ca pañcamaṃ śuddhaṃ viśeṣārghyaṃ tataḥ param |
tataḥ kulaṃ ca sampūjya pañcānāṃ śuddhim ācaret ||
Danach werde das fünfte Tattva gereinigt, dann das besondere Arghya bereitet. Anschließend verehre man das Kula und vollziehe die Reinigung der fünf Tattvas.
15.12
svavāme binduṣaṭkoṇaṃ vṛttaṃ ca caturakam |
caturdvāraṃ ca saṃlikhya sāmānyārghyodakena ca ||
Zu seiner Linken zeichne man mit dem Wasser des allgemeinen Arghya Bindu und Sechseck, Kreis und Viereck sowie vier Tore.
15.13
abhyukṣaṇaṃ tataḥ sthānaṃ tatra devīṃ vicintayet |
nama iti sthāpitādhārayantraṃ saṃsthāpya pūjayet ||
Danach besprenge man den Platz und vergegenwärtige dort die Göttin. Mit „Namaḥ“ stelle man das Träger-Yantra auf und verehre es. [Die Verbindung sthāpitādhārayantram ist im Druck syntaktisch rau.]
15.14
vahner daśakalāṃ tatra pūjayed vidhipūrvakam |
ādy aṣṭadevyāḥ sampūjyās tathā dhūmrārcikā kalāḥ ||
Dort verehre man vorschriftsgemäß die zehn Kalas des Feuers. Zuerst sind die acht Göttinnen und ebenso die Kala Dhumrarchika zu verehren. [Der Druck verbindet Zahl und Aufzählung nicht eindeutig.]
15.15 pūrvaṃ tripadikām iṣṭvā gandhapuṣpeṇa pūjayet ||
Zuerst verehre man Tripadika und bringe Duftstoffe und Blüten dar. [Ein einzelner Halbvers; die Namensform tripadikām ist nach dem Druck wiedergegeben.]
15.16 aṣṭadikṣu ca sūryasya dvādaśīṃ kalām ||
In den acht Himmelsrichtungen verehre man die zwölf Kalas der Sonne. [Ein einzelner, grammatisch verkürzter Halbvers; das Verb wird aus 15.15 ergänzt.]
15.17
tataś ca raktavastreṇa veṣṭayed ghaṭam uttamam |
ghaṭaṃ sampūrayed devi hetunā mūlam uccaran ||
Dann umhülle man das vorzügliche Gefäß mit einem roten Tuch und fülle es, o Göttin, während man mit dem Hetu-Bija das Wurzelmantra spricht.
15.18
oṃ amṛtādikasomasya kalās tatraiva pūjayet |
tatrāpi pañcamudrābhiḥ praṇamya tu kuleśvari ||
Om. Dort verehre man die Kalas des Mondes, beginnend mit Amrita. Auch dort verneige man sich mit den fünf Mudras, o Herrin des Kula.
15.19
nitambasarvaśākāraṃ namo karataladvayam |
hlīṃ nama iti namaskuryāc caturaśrā tu sā smṛtā ||
Man forme mit beiden Handflächen eine Haltung, deren Gestalt der Druck mit nitambasarvaśākāram bezeichnet, und verneige sich mit „Hlīṃ Namaḥ“. Diese gilt als die viereckige Mudra. [Die erste Vershälfte ist im Druck nicht sicher verständlich.]
15.20
puṭākāraṃ karaṃ baddhvā muṣṭibaddhaṃ ca bhūtale |
vidhāya ca namaskuryāt hlīṃ namaḥ saṃvṛtā smṛtā ||
Man forme die Hände zu einer Schale, schließe sie zur Faust, bringe sie zum Boden und verneige sich mit „Hlīṃ Namaḥ“. Diese Mudra heißt Samvrita, „die Umschlossene“.
15.21
kṛtvā puṭāñjaliṃ bhūmau klīṃ namaḥ praṇamet priye |
kathitā sampuṭā mudrā śṛṇu devi puṭāñjalim ||
Man bilde die schalenförmige Anjali, neige sie zur Erde und verneige sich mit „Klīṃ Namaḥ“, o Geliebte. Damit ist die Sampuṭa-Mudra erklärt; höre nun, o Göttin, die Puṭanjali-Mudra.
15.22
vṛddhākaniṣṭhayor mūle niḥkṣipya ca puṭāñjalim |
kṛtvā ca hūṃ namo bhūmau praṇamet sā puṭāñjaliḥ ||
Man lege die Daumen an die Wurzeln der kleinen Finger, bilde so die schalenförmige Anjali und verneige sich mit „Hūṃ Namaḥ“ zur Erde: Das ist die Puṭanjali-Mudra.
15.23
saḥ namo yonimudrāyāḥ pañcamudrāḥ prakīrtitāḥ |
tataḥ kumbhasamīpe tu candanena ca saṃlikhet ||
Mit „Saḥ Namaḥ“ gehört die Yoni-Mudra dazu; damit sind die fünf Mudras gelehrt. Dann zeichne man nahe dem Gefäß mit Sandelpaste.
15.24
trikoṇavṛttabhūbimbaṃ tatra sarvapathikāya ca |
pūjayitvā baliṃ tatra nidhāya parameśvari ||
Dort zeichne man Dreieck, Kreis und das Viereck der Erde für Sarvapathika. Nachdem man ihn verehrt hat, lege man dort eine rituelle Gabe nieder, o höchste Herrin.
15.25
māyādi sarvapathikābhyo namaḥ priye |
balim utsṛjya deveśi tattvamudrākrameṇa ca ||
„Māyā und den Sarvapathikas Ehrerbietung“, o Geliebte. Nachdem man die Gabe dargebracht hat, o Herrin der Götter, fahre man nach der Ordnung der Tattva-Mudra fort. [Die Mantraformel der ersten Hälfte ist im Druck verkürzt.]
15.26
vāmahastena tattvasya mudrāṃ baddhvā maheśvari |
triḥ paribhrāmya sūtreṇa dravyopari kuleśvari ||
Mit der linken Hand bilde man die Mudra des Tattva, o große Herrin, und führe sie dreimal kreisend über der Substanz, wie an einem Faden geführt, o Herrin des Kula.
15.27
devatāpaścime bhāge sthāpayet tat kuleśvari |
evaṃ suṣṭhāpitaṃ kṛtvā pañcīkaraṇam ācaret ||
Man stelle es westlich der Gottheit auf, o Herrin des Kula. Hat man es so sicher aufgestellt, vollziehe man die fünffache Behandlung, das Pañcikarana.
15.28
dravyaṃ darbhaś cāstramantraiḥ santāḍya parameśvari |
ham iti vāmahastena muṣṭiṃ kṛtvā kuleśvari ||
Man berühre die Substanz mit Darbha-Gras und den Astra-Mantras, o höchste Herrin. Mit „Ham“ forme man die linke Hand zur Faust, o Herrin des Kula.
15.29
adhomukhyā ca tarjanyā veṣṭayet triḥ kuleśvari |
mūlena vīkṣaṇaṃ devi astreṇābhyukṣaṇaṃ caret ||
Mit dem nach unten gerichteten Zeigefinger umfahre man sie dreimal, o Herrin des Kula. Mit dem Wurzelmantra schaue man sie rituell an, o Göttin, und mit dem Astra-Mantra besprenge man sie.
15.30
trisugandhasya mūlena gṛhṇīyāt parameśvari |
pañcīkaraṇam ity uktaṃ kramaśo viddhi pārvatī ||
Mit dem Wurzelmantra nehme man die dreifache Duftsubstanz auf, o höchste Herrin. So ist das Pañcikarana erklärt; erkenne seine stufenweise Ordnung, o Parvati.
15.31
kumbhe puṣpaṃ tato dattvā praṇavena kuleśvari |
trikoṇaṃ tatra saṃlikhya tanmadhye ca hasauḥ priye ||
Dann lege man mit dem Pranava eine Blüte in das Gefäß, o Herrin des Kula. Man zeichne dort ein Dreieck und setze in seine Mitte „Hasauḥ“, o Geliebte.
15.32
hasauḥ hasauḥ namo'ntena triś ca tatra prapūjayet |
praṇavaṃ pūrvam uccārya varuṇaṃ tadanantaram ||
Mit „Hasauḥ Hasauḥ“ und abschließendem „Namaḥ“ verehre man dort dreimal. Zuerst spreche man Pranava, unmittelbar danach Varuna.
15.33
vāmadevaṃ tato hy enaṃ vauṣaṭ mantreṇa pūjayet |
sampūjya vāmadevaṃ ca paśupatiṃ tato yajet ||
Dann verehre man diesen Vamadeva mit dem Mantra, das auf „Vauṣaṭ“ endet. Nach der Verehrung Vamadevas verehre man Pashupati. [Die Wörter vor vauṣaṭ sind im Druck schwach, der Satzsinn ist jedoch klar.]
15.34
praṇavaṃ kūrcabījaṃ ca hy enaṃ paśupatiṃ tataḥ |
kūrcayugmam astrabījamantraṃ paśupatiṃ yajet ||
Dann verehre man Pashupati mit Pranava, dem Kurcha-Bija, einer im Druck undeutlichen Verbindung und schließlich mit dem Mantra aus zweimaligem Kurcha- und Astra-Bija. [Die genaue Mantrazusammensetzung ist textlich unsicher.]
15.35
māyābījaṃ samuccārya kālībījaṃ tataḥ param |
tataḥ paraṃ padaṃ devi svāmini ca tataḥ param ||
Man spreche zuerst das Maya-Bija, danach das Kali-Bija, darauf das Wort „Param“, o Göttin, und anschließend „Svāmini“.
15.36
parākoṣagatā devi śūnyavāhinī tataḥ param |
candrasūryāgnibhakṣiṇī paścāt pātraṃ ca tadanantaram ||
Darauf folgen in der Mantraformel „Parākoṣagatā“, o Göttin, „Śūnyavāhinī“, dann „Candrasūryāgnibhakṣiṇī“ und unmittelbar danach „Pātram“. [Es handelt sich um Bestandteile einer Anrufung, nicht um einen syntaktisch fortlaufenden Lehrsatz.]
15.37
viṣayugmaṃ vahnijāyā daśadhā saṃjapet priye |
vāgbhavaṃ bhuvanā lakṣmīr ānandeśvaraḍentakam ||
Man füge zweimal „Viṣa“ und die Feuer-Gemahlin, also „Svāhā“, hinzu und rezitiere zehnmal, o Geliebte. Darauf folgen Vagbhava, Bhuvana, Lakshmi und eine im Druck als ānandeśvaraḍentakam erscheinende Lautfolge. [Das letzte Mantrasegment ist unsicher und wird nicht normalisiert.]
15.38
vidmahe ca tato devi dhīmahīti tadanantaram |
iti gāyatrīṃ trir japtvā ṛktrayaṃ ca japed iti ||
Dann folgen, o Göttin, „Vidmahe“ und unmittelbar darauf „Dhīmahi“. So rezitiere man die Gayatri dreimal und danach die drei Rik-Verse.
15.39
oṃ rāṃ rīṃ hūṃ samuddhṛtya raiṃ rauṃ kraiṃ krauṃ kras tataḥ param |
tataḥ svadhā kṛṣṇaśāpaṃ mocaya dvayaṃ tataḥ param ||
Man spreche Om sowie die im Druck stehende Bija-Folge „Rāṃ Rīṃ Hūṃ, Raiṃ Rauṃ Kraiṃ Krauṃ Kras“. Danach folgen „Svadhā“ und zweimal „Befreie vom Fluch Krishnas“. [Mehrere Zeichen dieser Mantrafolge sind im Druck unscharf; die Wiedergabe folgt dem wahrscheinlichsten Seitenbefund und bleibt unsicher.]
15.40
amṛtaṃ srāvaya dvandvaṃ vahnijāyā kuleśvari |
iti dvādaśadhā japtvā mantrāṇy etāni trir japet ||
Man spreche zweimal „Lass Amrita strömen“ und füge die Feuer-Gemahlin „Svāhā“ hinzu, o Herrin des Kula. Nachdem man dies zwölfmal rezitiert hat, wiederhole man diese Mantras dreimal.
15.41
oṃ eka eva paraṃ brahma sthūlasūkṣmamayaṃ dhruvam |
kacodbhavāṃ brahmahatyāṃ tena te nāśayāmy aham ||
Om. Das höchste Brahman ist einzig, beständig und besteht aus dem Groben wie dem Feinen. Durch diese Wahrheit zerstöre ich für dich die aus kaca entstandene Schuld des Brahmanenmordes. [Das Wort kacodbhavām ist im Druck deutlich, seine Bedeutung in diesem Zusammenhang jedoch unsicher.]
15.42
oṃ sūryamaṇḍalasambhūte varuṇālayasambhave |
amabījamaye devi śukraśāpād vimucyate ||
Om. O du, die aus der Sonnenscheibe entstand und im Wohnsitz Varunas hervorging, o Göttin aus dem Ama-Bija: Sie wird vom Fluch Shukras befreit. [Die Ausgabe druckt amabīja; eine stillschweigende Emendation wird vermieden.]
15.43
oṃ devānāṃ praṇavo bījaṃ brahmānandamayaṃ yadi |
tena satyena me devi brahmahatyāṃ vyapohatu ||
Om. Wenn Pranava das Bija der Götter und von der Seligkeit Brahmans erfüllt ist, dann möge durch diese Wahrheit, o Göttin, die Schuld des Brahmanenmordes von mir weichen.
15.44
iti mantratrayeṇaiva tridhā samabhimantrya ca |
hlīṃ śrīṃ śrūṃ śrīṃkāreti śobhini ca tataḥ param ||
Mit diesen drei Mantras weihe man die Substanz dreimal. Darauf folgen „Hlīṃ Śrīṃ Śrūṃ“, die Bezeichnung „Śrīṃkāra“ und „Śobhini“. [Die Flexion der Mantrawörter ist im Druck unregelmäßig.]
15.45
tato vikāranasyeti dravyasya hara dvayaṃ vahnivallabhā |
iti trayaṃ japtvā drīṃ śrīṃ eṃ ca tataḥ param ||
Darauf rezitiere man die Formel zur Beseitigung der Veränderung der Substanz, zweimal „Hara“ und „Vahnivallabhā“. Nach diesen drei Formeln folgen „Drīṃ Śrīṃ Eṃ“. [Die erste Vershälfte ist metrisch und grammatisch verderbt; wiedergegeben ist der erkennbare Ritualsinn.]
15.46
iti prakāśinīṃ triś ca japtvā tiraskaraṇīṃ japet |
hlīṃ klīṃ eṃ śrīṃ samuddhṛtya tiraskaraṇī tataḥ param ||
So rezitiere man Prakashini dreimal und danach Tiraskarani. Man spreche „Hlīṃ Klīṃ Eṃ Śrīṃ“ und füge darauf „Tiraskaraṇi“ hinzu.
15.47
sakalajanavāgvādini tataḥ sakalapaśuvṛte |
janamanaścakṣus tato devi śrotrajihvā tataḥ param ||
Dann folgen in der Formel „Sakalajanavāgvādini“ und „Sakalapaśuvṛte“, danach, o Göttin, die Wörter für Geist und Auge der Menschen sowie anschließend Ohr und Zunge.
15.48
prāṇokti tiraskaraṇaṃ kuru yugmaṃ tataḥ param |
nīlaṃ hayaṃ samadhiruhya puraḥ prayāntī ||
Nach der Nennung des Lebenshauchs folgt zweimal „Vollziehe die Verhüllung“. Dann beginnt die Meditation: Sie reitet auf einem blauen Pferd und zieht voraus.
15.49 nīlāṃśukābharaṇamālyavilepanāḍhyā ||
Sie ist reich geschmückt mit blauem Gewand, Schmuck, Girlanden und Salben. [Ein einzelner Dhyana-Halbvers.]
15.50 nidrāpaṭena bhuvanāni tirodadhānā ||
Mit dem Schleier des Schlafes verhüllt sie die Welten. [Ein einzelner Dhyana-Halbvers.]
15.51
khaḍgena bhujair bhagavatī paripātu bhaktān |
iti dhyātvā kuleśāni imaṃ mantraṃ tridhā japet ||
Möge die Göttliche mit dem Schwert und mit ihren Armen die Verehrenden ringsum beschützen. Nachdem man sie so meditiert hat, o Herrin des Kula, rezitiere man dieses Mantra dreimal. [Die erste Hälfte ist im Druck metrisch auffällig.]
15.52
ṭhaḥ ṭhaḥ vahnivadhūr devi dravyopari tridhā japet |
pavamānaḥ parānandaḥ parimāṇaḥ paro rasaḥ ||
„Ṭhaḥ Ṭhaḥ“ und die Feuer-Gemahlin „Svāhā“ rezitiere man dreimal über der Substanz, o Göttin. Pavamana ist höchste Seligkeit, das vollkommene Maß und der höchste Geschmack.
15.53 pavamānaṃ paraṃ jñānaṃ tena tvāṃ pāvayāmy aham ||
Pavamana ist höchste Erkenntnis; dadurch reinige ich dich. [Ein einzelner Halbvers.]
15.54 pāvamānaṃ ca trir japtvā vāyubījena śodhayet ||
Nachdem man das Pavamana-Mantra dreimal rezitiert hat, reinige man mit dem Bija des Windes. [Ein einzelner Halbvers.]
15.55
ram iti vahnibījena sandahya praṇamed iti |
kālī tārā mahāvidyā ṣoḍaśī bhuvaneśvarī ||
Mit „Ram“, dem Bija des Feuers, verbrenne man die Unreinheit und verneige sich. Dann beginnt die Liste: Kali, Tara, Mahavidya, Shodashi und Bhuvaneshvari.
15.56
bhairavī chinnamastā ca vidyā dhūmāvatī tathā |
bagalā siddhavidyā ca mātaṅgī kamalātmikā ||
Bhairavi, Chinnamasta, Vidya und Dhumavati, ebenso Bagala, Siddhavidya, Matangi und Kamalatmika.
15.57
etā daśa mahāvidyāḥ siddhavidyāḥ prakīrtitāḥ |
kālī tārā tathā chinnā mātaṅgī bhuvaneśvarī ||
Diese zehn Mahavidyas werden als Siddhavidyas, als vollendete Weisheitsgöttinnen, bezeichnet. Eine weitere Liste beginnt mit Kali, Tara, Chinna, Matangi und Bhuvaneshvari.
15.58
annapūrṇā tathā nityā durgā mahiṣamardinī |
tvaritā tripurā puṭā bhairavī bagalā tathā ||
Es folgen Annapurna, Nitya, Durga, Mahishamardini, Tvarita, Tripura, die im Druck als Puṭā erscheinende Form, Bhairavi und Bagala.
15.59
dhūmāvatī tathā jñeyā kamalā ca sarasvatī |
jayadurgā tathā bhadre tathā tripurasundarī ||
Weiter sind Dhumavati, Kamala, Sarasvati, Jayadurga und Tripurasundari zu kennen, o Segensreiche.
15.60
aṣṭādaśa mahāvidyās tantrādau kathitāḥ priye |
nātra kālaviśuddhiḥ syāt samayā samayādikam ||
Achtzehn Mahavidyas sind zu Beginn des Tantra gelehrt worden, o Geliebte. Für sie ist keine Reinigung der Zeit und keine Bestimmung günstiger oder ungünstiger Zeitpunkte erforderlich. [Die in 15.57–15.59 gedruckte Namensfolge ergibt bei selbständiger Zählung neunzehn Formen; möglicherweise gehört tripurā puṭā bhairavī in 15.58 als zusammengesetzter Name zusammen. Der Druck erklärt dies nicht.]
15.61
na vāratithinakṣatraṃ na yogakaraṇaṃ tathā |
siddhavidyā mahāvidyā yugasevā prakīrtitāḥ ||
Weder Wochentag, Tithi und Nakshatra noch Yoga und Karana sind dafür maßgeblich. Die Siddhavidyas und Mahavidyas werden als zu jeder Zeit zu verehren gelehrt. [Die Lesung yugasevā des Drucks wird sinngemäß als zeitunabhängige Verehrung verstanden.]
Iti śrīniruttaratantre śivapārvatīsaṃvāde pañcadaśaḥ paṭalaḥ – So endet im ehrwürdigen Niruttara Tantra, im Gespräch zwischen Shiva und Parvati, das fünfzehnte Kapitel.
Die übrigen Kapitel stehen auf den über die Navigation verbundenen Übersetzungsseiten. Der Hauptartikel bietet Einordnung, Kapitelübersicht, zentrale Lehren, heutige Praxisanregungen, Literatur und Quellen. Die vollständige entsprechende Schriftfassung steht unter Niruttara Tantra Sanskrit Devanagari.
Textgrundlage ist Niruttaratantram, hg. von Kulabhūṣaṇa Paṇḍita Ramadatta Śukla, 2., überarbeitete und erweiterte Ausgabe, Guptāvatāra Durlabha Tantra-Mālā, 2. Jahr, Maṇi 2, Prayāga: Kalyāṇa Mandira Prakāśana, 5. Oktober 1979.