Brihannila Tantra 108 Verse und Mantras
Brihannila Tantra 108 Verse und Mantras versammelt 108 ausgewählte Versstellen über die Göttliche Mutter, Hingabe, Guru, Mantra, innere Sammlung und Befreiung. Die Auswahl führt von den vielen Gestalten der Shakti zur Frage, wie spirituelle Praxis im eigenen Herzen lebendig wird. Ein Vers am Morgen kann die Übung begleiten, ein Gebet eine Zeit der Stille eröffnen, eine Aussage über das Selbst zum Nachdenken anregen. Entscheidend ist, den Worten aufmerksam zu begegnen und ihnen im eigenen Leben Raum zu geben. Sie kann als Lesebuch, zur gemeinsamen Betrachtung oder als Ausgangspunkt für Meditation dienen.

Der Sanskrittext mit gekennzeichneten Auslassungen in 6.31–44 und die fortlaufende deutsche Übersetzung gehören zum Hauptartikel Brihannila Tantra; die indische Schriftfassung steht unter Brihannila Tantra Sanskrit Devanagari. Hier folgen ausschließlich die deutschen Übersetzungen. Die Originalstellen sind am Schluss in einer Konkordanz aufgeführt. Die Auswahl zählt vollständige nummerierte Versstellen, nicht einzelne Gottesnamen. Manche unmittelbar aufeinanderfolgenden Verse bilden zusammen einen Satz oder Gedankengang. Eckige Klammern ergänzen dort einen für die Einzellektüre nötigen Bezug oder erklären eine schwierige Aussage.
Die Sammlung ist ein Lesebuch zur Betrachtung; sie bildet keine Abfolge von Ritualanweisungen. Die traditionellen Verheißungen von Vollendung und besonderen Fähigkeiten sind religiöse Aussagen des Werkes. Die Auswahl empfiehlt keine magischen oder geheimen Ritualverfahren. Für einen heutigen Zugang zu Yoga sind besonders die Verse über aufmerksame Wiederholung, Mitgefühl, bewusste Sprache und die Einheit des Selbst fruchtbar.
108 ausgewählte Verse
Die eine Mutter und ihre vielen Gestalten
Die Gottesnamen sind Betrachtungsbilder. Sie lassen die Göttliche Mutter als Kraft der Erkenntnis, als Schutz und als nährende Gegenwart erfahrbar werden. Die Zuwendung zu Bedürftigen steht neben der Verehrung ihrer kosmischen Größe.
1. Shri Bhairava sprach: Wie Kali, so Nila und ebenso Annada, Heilvolle. Ihre Mantras werden hier gelehrt, höchste Herrin.
2. Eine einzige Gestalt wird dreifach und wirkt zum Wohl der Welten. Das höchste Ritual Annadas wurde dir erklärt, du Schöne.
3. Annapurna ist eine einzige, Herrin der Götter, und durch verschiedene Gestalten doch vielfältig: Kali, Tara, die große Vidya und Annada, die höchste Herrin.
4. Du bist mir lieber als mein Leben, du mich Verzaubernde. Nicht einen Augenblick lebe ich ohne dich, höchste Herrin.
5. Wie ein Bild in einem makellosen Spiegel und wie Butter in der Milch oder Dickmilch, so bin ich überall in dir erfahrbar, du Ursprung der Welten.
6. Mahakali; die Trägerin der Welt; die Mutter der Welt; die aus der Welt besteht; die Weltenmutter; die Essenz der Welt; die der Welt Wonne schenkt.
7. Die Auflöserin der Welt; Gauri; die Leid und Armut vernichtet; die Bhairava Vergegenwärtigende; die in ihrem Wesen Unendliche; die die Gaben der Sarasvati gewährt.
8. Die die vier Lebensziele verleiht; die Tugendhafte; das Heil alles Heilvollen; Bhadrakali; die Weitäugige; die Wünsche erfüllt; die Verkörperung der schöpferischen Teilkräfte.
9. Die blaue Rede; die am ganzen Leib überaus Helle; die Schöne; die Höchste; die alle Fülle schenkt; die furchtbar Tönende; die von herrlichem Aussehen.
10. Das Selbst, das innere Selbst, weilt im Herzen aller Wesen, Herrin der Götter. Das innere Selbst, das höchste Brahman, ist gegenwärtig und durchdringt den ganzen Körper.
11. Die Segen und Furchtlosigkeit schenkt; Kali; die Verkörperung der Nacht der Zeit; Svadha; Svaha; der Vashat-Ruf; die wie der Herbstmond Leuchtende.
12. Göttin, die du aus Erkenntnis und Erkennendem bestehst und über Erkenntnis und Erkennenden hinausgehst; du Eine und Vielfache, du von universaler Gestalt: Verehrung dir!
13. Gayatri; Savitri; die große blaue Sarasvati; Lakshmi; die mit glückverheißenden Merkmalen versehen und durch alle solchen Zeichen erkennbar ist.
14. Tarini, die Hinüberführende; die mit Tara Verbundene; die Verkörperung der großen Tara; die dem Taraka das Leben nimmt; die Verkörperung der Wonne Taras.
15. Die große Blaue; die große Herrin; die große blaue Sarasvati; die ungestüme Tara; die Getreue; die Tugendhafte; Bhavani; die aus dem Werden befreit.
16. Die mit mondgleichem Antlitz; die herrlich wie der schöne Mond Leuchtende; Ekajata, die Einflechtige; die mit Gazellenaugen; die Segen und Furchtlosigkeit schenkt.
17. Mahakali; die große Göttin; die verborgene Kali; die Segenspenderin; die Mahakala Liebende; die Tugendhafte; die große Herrlichkeit verleiht.
18. Die Befreiung schenkt; die den Himmel gewährt; die Sanfte; die von sanfter Gestalt; die Vernichterin der Götterfeinde; die Täuschung durchschaut; die gewaltig Tönende; Kamala; Bagalamukhi.
19. Die große Befreiung schenkt; Kali; die Verkörperung der Nacht der Zeit; Sarasvati; die beste der Ströme; die himmlische Ganga; die im Himmel wohnt.
20. Die Göttern und Ahnen ihre Opfergaben schenkt; Zufriedenheit; Gedeihen; die schöne Frau; Frieden; Geduld; Geist; Einsicht; die Verkörperung aller Keimsilben.
21. Die aus schrecklicher Not hinüberführt; die selbst hinübergelangt ist; die alle Gruppen der Eigenschaften überschritten hat; die Herrin Ramas; die Liebende; die Liebliche; die Verkörperung der Wonne Ramas.
22. Annada, die Nahrungsspendende; die höchste Maya; die große Göttin; die Geliebte Shivas; Bhavani; der Ursprung der Welten; die Lebensspenderin; die dem Leben Geliebte.
23. Die mit einem Antlitz wie ein erblühter Lotos; die im Lotos wohnt; die Heilvolle; Bhavani; die sich an ihrer Wohnstatt erfreut; die auf dem Lotossitz ruht.
24. Annapurna, die Fülle der Nahrung; die immer Erfüllte; die Schmückende; die mit goldenen Armreifen; die das Leben ihrer Verehrenden ist; die ihre Verehrenden liebt; die sich ihrer Ernährung widmet.
25. Die Ghee liebt; die mit außergewöhnlichen Augen; die mit seitlichen Haarlocken; die Heilvolle; die Heil schenkt; die Schöne; die Reine; die Ungeteilte; das höchste Ziel.
26. Die die Armen liebt; die den Bedrängten zugewandt ist; die sich der Ernährung der Bedürftigen widmet; die voller Liebe zu den Übenden ist; die ihnen Furchtlosigkeit schenkt.
27. Die bei den Übenden weilt; die sich an ihrer Liebe erfreut; die ihnen Wonne schenkt; die durch ihre Liebe erfahrbar wird.
Zuflucht, Mitgefühl und Hingabe
Die Bitte um Zuflucht spricht sowohl Furcht als auch Vertrauen aus. Ein Vers kann langsam gelesen werden; danach darf Raum für das eigene Gebet bleiben. Die Fruchtverheißungen gehören zum traditionellen Lobpreis.
28. Du von schrecklicher Gestalt, du gewaltig Tönende, die du alle Feinde bezwingst, Göttin, die du den Verehrenden Segen schenkst: Beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
29. Göttin, verehrt von Göttern und Asuras, von Siddhas und Gandharvas verehrt, die du Trägheit und Verfehlungen hinwegnimmst: Beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
30. Du mit mächtigem Haarknoten und bewegter Zunge, Göttin, die du rasche Einsicht schenkst: Beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
31. Dir von sanfter Gestalt, von schrecklicher Gestalt, von ungestümer Gestalt sei Verehrung! Dir, deren Gestalt das Schauen ist, sei Verehrung! Beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche! [Eine Variante liest »Schöpfung« statt »Schauen«.]
32. Du vernichtest die Stumpfheit der stumpfen Verehrenden, du ihnen liebevoll Zugewandte. Nimm meine Verblendung hinweg, Göttin; beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
33. Schenke mir Einsicht, schenke mir Ansehen, schenke, schenke mir Dichtkunst! Nimm meine verkehrte Einsicht hinweg, Göttin; beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
34. Du von den Scharen der Götter mit Indra an der Spitze Verehrte, du Mitgefühlvolle, Tara, deren Antlitz dem Herrn der Sterne gleicht: Beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
35. Mahalakshmi, du voll großer Tatkraft, die du Kummer und Qual hinwegträgst! Nimm gnädig mein Hindernis hinweg und gewähre mir alle Vollendung.
36. Mutter Nila-Sarasvati, du schenkst denen, die sich verneigen, Glück und Fülle. In Pratyalidha-Stellung stehst du auf Shivas Herzen, dein Lotosantlitz lächelt. Deine drei Augen gleichen erblühten blauen Lotosblumen; Krummmesser, Schädelschale, Lotos und Schwert hältst du. Du allein bist Zuflucht: Zu dir, der Herrin, nehme ich Zuflucht.
37. Herrin der Rede, Wunschranke der Verehrenden, Herrin aller Zielerfüllung, du schenkst Gelingen im Verfassen von Prosa, Prakrit und Dichtung. Mit deinen drei blauen Lotosaugen, du Meer der Wasser des Mitgefühls: Benetze auch Menschen wie uns aus Gnade mit einem Regen des Nektars des Glücks!
38. Schon bei der Erinnerung an deinen Namen fliehen die Scharen der Bhutas, Pretas, Pishachas und Rakshasas, die Yakshas und Schlangenfürsten, Daityas, mächtigen Danavas und Himmelswesen, Tiere wie Tiger, Dakinis und selbst der zornige Tod. Nicht einmal einen Augenblick vermögen sie den Menschen auf Erden anzusehen, Mutter.
39. Wer diesen heiligen achtstrophigen Tara-Hymnus hingebungsvoll, gesammelt und rein am Morgen, zur Mittagszeit und am Abend rezitiert —
40. erlangt göttliche Dichtkunst und versteht den Sinn aller Lehrwerke. Nachdem er unvergänglichen Wohlstand erlangt und die ersehnten Freuden genossen hat —
41. gewinnt er Ruhm, Schönheit, Freiheit von Krankheit und die Zuneigung aller. Er wird in den Welten bekannt und erlangt am Ende Befreiung.
42. Wer die Göttin Sarasvati mit diesem König der Lobgesänge preist, genießt schon hier alle ersehnten Güter und erlangt Befreiung.
43. Man lasse die Vorstellung der Zweiheit hinter sich; wozu noch viele Worte? Wer Befreiung sucht, erlangt Befreiung; wer Reichtum sucht, erlangt Reichtum.
Guru, Lernen und Überlieferung
Das Werk nennt Anforderungen an den Guru und an die Prüfung des Schülers. Für heutige Leser kann darin die Einladung liegen, Offenheit für Unterweisung mit sorgfältigem Urteilsvermögen zu verbinden.

44. Höre, große Göttin, wie ich den wahren Guru beschreibe. Ein Guru, der die nach außen gerichteten Sinne zurückzunehmen vermag, ist überall selten.
45. Ein Guru, der die inneren Sinne zurückzunehmen vermag, ist überall vortrefflich; er trägt eine untadelige äußere Erscheinung und ist frei von Täuschung.
46. Er führt einen geordneten Lebenswandel, widmet sich der Verehrung der Mahavidya und ist fähig, die in ihrem Ritualhandbuch beschriebenen Verfahrensweisen auszuführen. Ein solcher wird Guru genannt.
47. Darum achte man den Guru stets höher als selbst den Vater. Die Gestalt des Gurus ist die Wurzel der Meditation; die Handlung des Gurus ist die Wurzel der Verehrung.
48. Das Wort des Gurus ist die Wurzel des Mantras; deshalb verehre man zuerst den Guru. Auch Shiva ist der Lehrer der höchsten Vidyas, daran besteht kein Zweifel.
49. Ein, zwei, drei, vier oder fünf Jahre beobachte man die Eignung; man prüfe den Schüler auf seine Befähigung. Andernfalls wird man Leid erfahren.
50. Man vergegenwärtige sich die Einheit der Gottheit mit dem Guru, höchste Herrin. Der Guru ist unmittelbar Mahadeva; der ehrwürdige Guru ist die Gesamtheit aller Gottheiten.
51. [Fehlt die lebendige Überlieferungsfolge,] sind ihre Mantras und Vidyas fruchtlos, daran besteht kein Zweifel. Ein Schüler, der die Angehörigen der Gurulinie nicht kennt, hat seine Verbindung zur Überlieferung verloren.
52. Die heilbringende Linie der Gurus ist höher zu achten als die eigene Abstammung. Es gibt Gurus des Stromes der Vollendeten und Gurus des göttlichen Stromes, Göttin.
53. An erster Stelle steht überall der Mantrageber als höchster Guru, Herrin der Götter. In allen Tantras und Mantras ist er selbst die in Gestalt der Urnatur Erscheinende. [Der Guru wird hier mit der göttlichen Urkraft gleichgesetzt.]
Die Göttin im Herzen und im eigenen Leib
Die Verse beschreiben den rituellen Weg von der äußeren Verehrung zur inneren Gegenwart. Sie dienen hier der Betrachtung; die technischen Mantra- und Kundalini-Verfahren setzen ihre eigene Unterweisung voraus.
Begleitende Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev Die folgende eigenständige Yoga-Vidya-Praxis ist keine Anleitung zu den geheimen Riten des Tantra.
54. Eine ihr [Taras Mantra-Vidya] vergleichbare Vidya ist in den drei Welten überaus selten. Schon durch ihre Wiederholung schenkt sie allen Übenden Befreiung.
55. In der letzten Nachtwache stehe man auf und betrachte die höchste Tarini: von der Wurzel bis zur Brahmaöffnung reichend, feiner als eine Faser des Lotosstängels.
56. [Tarini] ist unmittelbar aus dem Grundmantra gebildet und von der Gestalt unsterblicher Wonne; sie strahlt wie Millionen Sonnen und kühlt wie Millionen Monde.
57. [Tarini] leuchtet wie Millionen Blitze über der Flammenspitze des Zeitenfeuers. Der eigene Leib sei von der Ausbreitung ihres Lichtes ganz durchdrungen.
58. In der letzten Nachtwache stehe man auf, erinnere sich an den Guru im Lotos des Scheitels und vergegenwärtige sich die Grundvidya von der Wurzel bis zur Brahmaöffnung.
59. [Die im Inneren betrachtete Vidya] ist Kundalini, die höchste Gottheit, leuchtend wie die aufgehende Sonne; durch die Abfolge ihres Auf- und Abstiegs wird ihre Gestalt von Nektar erfüllt.
60. Der Herzlotus ist der höchste Ort, die Stätte Brahmans, du von den Göttern Verehrte. Er ist der Sitz des Jiva; das Herz ist die höchste Stätte.
61. Der Herzlotus hat zwölf Blätter und den Glanz von tausend Sonnen. In seiner Mitte vergegenwärtige man den Gott Shiva, den Überwinder des Todes, Geliebte.
62. Erkenne Prakriti als eine kleine Lampenflamme, Parvati. In diesem Licht weilt stets das innere Selbst, Herrin der Götter.
63. In seiner Mitte [der innerlich vergegenwärtigten heiligen Stätte] betrachte man die Göttin gemäß der gelehrten Meditation. Diese Betrachtung vollziehe man im Herzen, große Herrin, du rein Lächelnde.
64. Nachdem man die Elemente gereinigt hat, betrachte man das Weltall als leer und das eigene Selbst als unbefleckt, eigenschaftslos, rein und ganz von Tarini erfüllt.
65. Nachdem man so über die blaue Sarasvati meditiert hat, betrachte man sich selbst als ganz von ihr erfüllt. Dies wird »Reinigung der Elemente« genannt.
66. O Herrin der Götter, leicht durch Hingabe erreichbar, von deinem Gefolge umgeben: Solange ich dich verehre, bleibe hier fest gegenwärtig!
67. Alle Blüten bringe man mit einem von Hingabe erfüllten Herzen dar. Besonders soll man der Göttin Hibiskusblüten schenken, große Herrin.
68. Auch die große rote Kancana-Blüte ist ihr überaus lieb. Mit Hingabe bringe man jede Blüte dar, große Herrin.
69. Eine besonders schöne, wohlschmeckende und erfreuliche Speisegabe bringe man der großen Göttin mit einem hingebungsvollen Herzen dar.
70. Im Herzen meditiere man über das Astra-Bija, leuchtend wie das Zeitenfeuer. Von der Wurzel bis zur Brahmaöffnung vergegenwärtige man sich die ganze Vidya.
71. [Die Vidya] strahlt wie Millionen Sonnen und wurde schon von den Yogis geschaut. Oder man betrachte Kurca [eine Mantrakeimsilbe] im Scheitel, einem Vollmond gleich und von Nektar überflutet.
72. Oder man betrachte die ganze Vidya auf der Zunge in Gestalt einer Lampe und die Zunge selbst als von der Ausbreitung ihres Lichtes erfüllt.
73. Nachdem man alle Glieder [der meditierten Gottheit] betrachtet hat, betrachte man nur ein Glied. Lässt man auch dieses eine Glied los, entsteht Samadhi.
74. Das Licht, das hervortritt, wenn man alle Glieder hinter sich gelassen hat, ist selbst Shiva, der Überwinder des Todes, höchste Herrin, Geliebte.
Mantra als lebendige Gegenwart
Ein mechanisch wiederholter Laut und eine von Bedeutung erfüllte Anrufung sind nicht dasselbe. Der Text beschreibt innere Ergriffenheit als Zeichen lebendiger Praxis. Für die heutige Betrachtung kann die Frage helfen: Verstehe ich die Bedeutung meiner Anrufung, und bin ich mit meiner Aufmerksamkeit bei ihr? Die hier genannte Yoni-Mudra gehört zur besonderen rituellen Unterweisung.
75. [Im inneren Auf- und Abstieg der Shakti] lasse man im Wechsel ihres Gehens und Kommens den Geist dort aufgehen. Dadurch entsteht im Mantra die Flamme, die alle Mantras zum Leuchten bringt.
76. Wie in einem von Dunkelheit erfüllten Haus nichts sichtbar wird, so gelangen Mantras ohne diese Flamme niemals zur Vollendung.
77. Wer die Bedeutung des Mantras, das Bewusstsein des Mantras und die Yoni-Mudra nicht kennt: Wie könnte der selbst durch hundert Millionen Wiederholungen Vollendung erlangen, du Schönantlitzige?
78. Mantras, deren Leben verborgen bleibt, werden keine Frucht schenken, Geliebte. Mantras, die von Bewusstsein erfüllt sind, bewirken stets alle Vollendungen.
79. Welche Offenbarung des eigenen Wesens beim lebendigen Aussprechen des Mantras geschieht, diese Frucht entsteht nicht durch bloß hundert, tausend, hunderttausend oder zehn Millionen Wiederholungen.
80. Der Knoten im Herzen wird durchbrochen, alle Glieder werden durchdrungen; Freudentränen, aufgerichtete Härchen und Ergriffenheit des Körpers entstehen, Herrin des Kula.
81. Durch unablässige Übung der Vergegenwärtigung werde der verdienstvolle, verständige Übende ein Dichter, Redner, großer Yogi und der Befreiung teilhaftig.
82. Nachdem man das Mantra hingebungsvoll wiederholt hat, rezitiere man die hundert Namen. Täglich soll man sie rezitieren, Göttin, wenn man das eigene Heil wünscht.
83. Erfüllt von der Essenz innerer Vergegenwärtigung wird der Yogi zum großen Dichter. Die Bestimmung der inneren Haltung wurde bereits erklärt, schöne Göttin.
84. Durch Rezitation während zehn Millionen Weltaltern und durch hundert Verehrungen entsteht jedoch keine Vollendung, du Schönbrauige, wenn die innere Haltung nicht erwacht.
Erkenntnis und das eine Selbst
Diese Verse gehören im Original zu einem zusammenhängenden Gedankengang. Die Vielfalt der Gestalten wird auf das eine Selbst bezogen. Prakriti wird dabei sowohl als verhüllende als auch als offenbarende Macht verstanden.

85. [Ungeachtet der jeweiligen religiösen Richtung] höre von der Vorrangstellung der Shakti, du schöne Gefährtin Bhairavas. Aus dem höchsten Herrn, der alles umfasst und dessen Wesen Sein, Bewusstsein und Wonne ist —
86. ging Shakti hervor; aus ihr Nada, aus Nada dann Bindu. Aus diesem Bindu, dessen Wesen Zeit und die Entfaltung des Bindu ist —
87. [Aus Bindu] entsteht die ganze Welt mit allem Unbeweglichen und Beweglichen. Von ihm [dem höchsten Sein] soll man hören, über ihn nachdenken und eingehend meditieren.
88. Er soll unmittelbar verwirklicht werden, Herrin der Götter, durch die verschiedenen Agamas, Heilvolle. Von ihm hört man durch die Worte der Offenbarung; man erwägt ihn durch Nachdenken und weitere Mittel.
89. Mit einsichtigen Begründungen und nach der Unterweisung des Gurus soll man über ihn meditieren. Dann wird eben er, das Selbst aller, augenblicklich unmittelbar offenbar.
90. Derselbe ist dort Ursache, und derselbe wird als Wirkung erkannt. In der unmittelbaren Schau jedoch gibt es weder Wirkung noch Ursache, große Göttin.
91. Ebenso erscheint dieses eine Selbst in den Ursprüngen der verschiedenen Körpergestalten. Daraus entstehen die Erscheinungsformen, und zeitliche Unterschiede werden vorgestellt.
92. Man nennt ihn geboren, gestorben, gebunden, befreit, glücklich, gealtert und wissend. Doch er ist weder Frau noch Mann noch geschlechtslos.
93. Durch die Verbindung mit mannigfaltigen Überlagerungen entstehen solche Erscheinungen am Selbst, Heilvolle. Es ist ein einziges, ewiges Selbst, das alle Gestalten umfasst.
94. Es ist unmanifest und manifest; durch Prakriti wird es erkannt. Daher wird es ohne Verbindung mit Prakriti nirgends erkannt.
95. [Nicht allein] durch Bäder und Wasserspenden oder durch Gaben [wird das Selbst erkannt]. Durch Prakriti wird das Selbst erkannt; durch Prakriti wird der Mensch verhüllt.
96. Alles steht unter Prakriti; durch Prakriti wird die Welt getäuscht. Durch Prakriti erfährt man Verschiedenheit, durch Prakriti kann man Nichtverschiedenheit erlangen.
Innere Haltung und Befreiung
Die Rückkehr zur inneren Haltung verbindet Erkenntnis und Alltag. Das gesamte Leben als Ausdruck des Heiligen zu betrachten, fordert Aufmerksamkeit in kleinen Handlungen ebenso wie in ausdrücklich religiösen Übungen. Die Aussagen über jede Zeit als günstige Zeit und über rein geistige Verehrung stammen aus dem besonderen Mahacina-Abschnitt; sie heben nicht sämtliche Regeln des übrigen Werkes auf. Die Verse über Frauen verbinden die Verehrung der Shakti mit dem Gebot, die verehrte Frau nicht zu verletzen.
97. Weil sie spielend Rede schenkt, heißt sie Nila-Sarasvati. Weil sie stets hinüberführt, heißt sie Tara, die Glück und Befreiung schenkt.
98. Jede Zeit ist günstig; nirgends gibt es eine ungünstige. Kein Unterschied besteht zwischen Tag und Nacht, Dämmerung und tiefster Mitternacht.
99. Eine glückverheißende Kula-Shakti [die als Verkörperung der Göttin verehrte Frau] soll man nicht einmal mit einer Blume schlagen. Ist die Shakti erfreut, erkenne auch die Göttin als erfreut, Heilvolle.
100. Sie [die Vidya] besteht aus allen Mantras, ist rein und in allen Tantras verborgen. Denen, die sie nach der Ordnung der Überlieferung verehren, schenkt sie rasch Vollendung.
101. [Die Vidya] schenkt Leben, Wohlstand, Schönheit, Dichtkunst, Wissen und Glück; schließlich das leidfreie Brahman und Befreiung zu Lebzeiten.
102. Vor der Vidya, deren Wesen Brahman ist und die die Frucht aller Wünsche schenkt, verneige man sich mit Sorgfalt: vor der Herrin, die alle ersehnten Gaben gewährt.
103. Durch zahlreiche Wiederholungen, Feueropfer und ausgedehnte körperliche Mühen schenkt die Mantra-Vidya keine Frucht, wenn die innere Haltung fehlt, Göttin.
104. [Was nützen die äußeren Übungen,] wenn der dem Kula Ergebene nicht durch die innere Haltung in seinem Wesen gereinigt ist? Durch die innere Haltung erlangt man Befreiung; durch sie gedeiht die Kula-Linie.
105. Was immer man sagt, wie man schläft, was man tut und was man verehrt: All dies ist eine Erscheinung des Kula. In dieser Betrachtung bewege sich der Einsichtige durch die Welt.
106. Selbst bei schwerstem Vergehen soll man [einer Frau] gegenüber keinen Hass hegen. Frauenhass ist nicht zu üben; vielmehr soll man Frauen besonders verehren.
107. Baden und andere Reinigung geschehen geistig; die höchste Mantrawiederholung ist geistig. Göttlich ist die geistige Verehrung, und geistig sind Vorstellung und weitere Handlungen.
108. Die vom Neid freien Übenden, die diese Mantras empfangen haben, hielten hinsichtlich Dharma, Wunscherfüllung, Wohlergehen und Befreiung nichts für unerreichbar, Göttin.
Mantras und Rezitationsformeln
Die folgenden Formeln stehen ausgeschrieben am Anfang des ersten Kapitels. Sie werden nicht aus den verschlüsselten Lautanweisungen rekonstruiert. Die Wortbedeutungen sind Hilfen zur kontemplativen Rezitation, keine Versprechen bestimmter Wirkungen.
Verehrung Ganeshas
ॐ श्रीगणेशाय नमः ।
oṃ śrīgaṇeśāya namaḥ |
»Om, Verehrung dem ehrwürdigen Ganesha.« Die einleitende Anrufung richtet die Aufmerksamkeit auf Ganesha als den Herrn des Anfangs und der Überwindung von Hindernissen. Man kann die Worte langsam sprechen und sich danach einen Augenblick der Stille lassen.
Verehrung Taras
नमस्तारायै ।
namas tārāyai |
»Verehrung der Tara.« Die kurze, unmittelbar belegte Anrufung lässt sich als Gebet der Hingabe lesen. Der Name Tara erinnert an die Hinüberführende. Die Worttrennung der Umschrift erläutert die Zusammenschreibung namastārāyai.
Ein Gebet zur inneren Sammlung Die Tara-Strophen der Auswahl können auch in deutscher Sprache gebetet werden. Besonders die Bitte um klare Einsicht und um das Hinwegnehmen verkehrter Einsicht verbindet Verehrung mit dem Wunsch nach eigener Veränderung.
Die komplexen Grundmantras des Werkes werden hier nicht als allgemeine Selbstpraxis angeboten. Die Tara-Gayatri in 1.53–54 ist in ihrer überlieferten Wortfolge auffällig; sie wird deshalb nicht als vermeintlich gesicherte vollständige Rezitationsformel ergänzt. Für die beiden oben genannten kurzen Anrufungen ist keine solche Ergänzung nötig.
Begleitende Herzmeditation mit Sukadev Die folgende Anahata-Chakra-Meditation ist eine eigenständige Yoga-Vidya-Übung.
Konkordanz der 108 Verse
Die erste Spalte nennt die laufende Nummer dieser Auswahl, die zweite Kapitel und Vers im Brihannila Tantra.
| Auswahl | Originalstelle |
|---|---|
| 1 | 24.3 |
| 2 | 24.4 |
| 3 | 24.36 |
| 4 | 23.3 |
| 5 | 23.4 |
| 6 | 23.7 |
| 7 | 23.8 |
| 8 | 23.9 |
| 9 | 23.10 |
| 10 | 8.182 |
| 11 | 23.16 |
| 12 | 7.72 |
| 13 | 23.20 |
| 14 | 20.7 |
| 15 | 20.8 |
| 16 | 20.10 |
| 17 | 20.11 |
| 18 | 20.12 |
| 19 | 20.13 |
| 20 | 20.20 |
| 21 | 20.21 |
| 22 | 24.14 |
| 23 | 24.21 |
| 24 | 24.25 |
| 25 | 24.26 |
| 26 | 24.27 |
| 27 | 24.28 |
| 28 | 2.119 |
| 29 | 2.120 |
| 30 | 2.121 |
| 31 | 2.122 |
| 32 | 2.123 |
| 33 | 2.125 |
| 34 | 2.126 |
| 35 | 7.71 |
| 36 | 2.137 |
| 37 | 2.138 |
| 38 | 2.143 |
| 39 | 2.145 |
| 40 | 2.146 |
| 41 | 2.147 |
| 42 | 2.148 |
| 43 | 7.101 |
| 44 | 3.11 |
| 45 | 3.12 |
| 46 | 3.13 |
| 47 | 3.16 |
| 48 | 3.17 |
| 49 | 3.20 |
| 50 | 3.47 |
| 51 | 2.91 |
| 52 | 2.92 |
| 53 | 2.94 |
| 54 | 1.25 |
| 55 | 1.29 |
| 56 | 1.30 |
| 57 | 1.31 |
| 58 | 1.37 |
| 59 | 1.38 |
| 60 | 8.200 |
| 61 | 8.201 |
| 62 | 8.209 |
| 63 | 2.11 |
| 64 | 2.43 |
| 65 | 2.55 |
| 66 | 2.67 |
| 67 | 2.76 |
| 68 | 2.81 |
| 69 | 2.82 |
| 70 | 2.113 |
| 71 | 2.114 |
| 72 | 2.115 |
| 73 | 8.206 |
| 74 | 8.208 |
| 75 | 7.175 |
| 76 | 7.176 |
| 77 | 4.74 |
| 78 | 4.75 |
| 79 | 4.76 |
| 80 | 4.77 |
| 81 | 7.163 |
| 82 | 20.28 |
| 83 | 21.21 |
| 84 | 4.113 |
| 85 | 20.33 |
| 86 | 20.34 |
| 87 | 20.35 |
| 88 | 20.36 |
| 89 | 20.37 |
| 90 | 20.41 |
| 91 | 20.42 |
| 92 | 20.43 |
| 93 | 20.44 |
| 94 | 20.45 |
| 95 | 20.48 |
| 96 | 20.49 |
| 97 | 11.8 |
| 98 | 7.105 |
| 99 | 6.303 |
| 100 | 11.17 |
| 101 | 11.35 |
| 102 | 11.53 |
| 103 | 21.24 |
| 104 | 21.27 |
| 105 | 21.36 |
| 106 | 7.111 |
| 107 | 7.104 |
| 108 | 24.40 |
Seminare
Kundalini Yoga
- 30.10.2026 - 01.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe
Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…- Arjuna Wingen
- 13.11.2026 - 15.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe
Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…- Manuel Hirning
Weitere Seminare zu Yoga, Meditation und spiritueller Praxis.
Textgrundlage
Sanskritgrundlage: Muktabodha Indological Research Institute, Bṛhannīlatantra, Katalognummer M00116, Revision vom 17. September 2008; Ausgabe nach dem Katalog: Madhusudan Kaul, Srinagar 1941. Die Sanskritgrundlage ist mit CC BY-NC 4.0 gekennzeichnet. Die Auswahl bietet deutsche Übersetzungen mit ausdrücklich gekennzeichneten Bezugsergänzungen. Erläuterungen zwischen den thematischen Gruppen sind heutige Lesehilfen, keine zusätzlichen Verse des Werkes.
Die beiden kurzen Sanskritanrufungen stehen vor Vers 1.1. Weitergehende Hinweise zu Lesarten und Nummerierung enthält der Hauptartikel.