Die Verwirklichung des Absoluten - Die Natur der Welt
Die Verwirklichung des Absoluten - Kapitel 2 - Die Natur der Welt
Die Verwirklichung des Absoluten - Kapitel 2
Die Natur der Welt
Die Vedanta-Philosophie ist kein 'Solipsismus ' (Doktrin von der alleinigen Wirklichkeit des eigenen Ich als dem einzigen Objekt wirklicher Erkenntnis), auch kein niederer 'Mentalismus ' (Doktrin, nach der alle Realität Geist ist), geschweige denn eine Bejahung von der absoluten Wirklichkeit der Welt. Die Annäherungsweise des Vedanta (an die Wahrheit) ist integral. ER sagt nicht, dass allein die subjektive Idee, oder allein die objektive Welt wirklich ist, noch hält ER daran fest, dass überhaupt nichts wirklich ist. ER behauptet nicht, dass das Wirkliche allein transzendent oder allein immanent ist, noch dass eins von beiden, - das Subjekt oder Objekt - , höher als das andere steht. Beide befinden sich in Wechselbeziehung zueinander. Vedanta stützt sich auf keinerlei dogmatische Vorstellungen oder irgendeine Ansicht und Aspekt, sondern nimmt die Gesamtheit des Wahren Seins ins Visier. Die Upanishaden als Fundament der Vedanta-Philosophie unternehmen nicht bloß eine subjektive oder individuelle Annäherung an die Wahrheit und begrenzen sich nicht selbst in einem individualistischen 'Subjektivismus' (Doktrin, dass jegliches Erkennen subjektiv ist). Sie wissen, dass das Individuum unvollständig ist. Auch begehen sie nicht den Fehler, Existenz aus einer rein objektiven Sicht heraus zu bestimmen, um so im 'Materialismus '(Doktrin, dass die Wirklichkeit aus stofflicher Materie besteht) zu landen. Tatsächlich kann nichts Objektives als etwas Wirkliches nachgewiesen werden, da kein Objekt unabhängig von den Kriterien des Erkennens, welche die Erkenntnis auf ihre eigenen Verständnissphären begrenzen, wirklich erkannt werden kann. Die Natur der Welt, wie sie außerhalb des Erkennenden existiert, kann nicht für den Wunsch nach den notwendigen Mitteln der Erkenntnis herangezogen werden. Die objektive Beobachtung der Dinge, wie dringend sie auch sein mag, kann uns nicht die absolut vollständige Erkenntnis von ihnen verschaffen, da in jeder Form der Beobachtung eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem Erkenner und dem zu Erkennenden verborgen ist. Je weiter man seine Beobachtungskraft ausdehnt, um so weiter erscheint die Reichweite der Existenz zu sein. Es besteht keine Hoffnung, das Unendliche mittels der Sinneskraft oder durch die geistigen Fähigkeiten, welche alle mit der Erkenntnis fließender Formen beschäftigt sind, zu ergründen.
Der Geist erscheint in dem Moment in einem objektiven, materiellen und vergänglichen Zustand, in dem ER durch den Verstand und die Sinne betrachtet wird. Die Sankhya-Philosophie benutzte die Methode der objektiven Beobachtung und fiel konsequenterweise in die tiefe Kluft (der Unterscheidung) von Purusha (Höchstes Wesen) und Prakriti (Ur-Materie) und war genötigt, diese beiden als zwei ewige Wirklichkeiten anzuschauen. Die Existenz zweier Wirklichkeiten ist offensichtlich ungerechtfertigt und widerspricht dem wahren Drang nach philosophischer Erkenntnis, die die Erfahrung der Einen und unzweifelhaften Existenz sucht. Die Yoga-Philosophie, die auf der Sankhya-Philosophie aufbaut, brachte einen Ishvara hervor, der zusammenhanglos im Existenz-Plan erscheint, denn es ist tatsächlich schwierig, diesem Ishvara irgendeine Bedeutung beizumessen, da ER weder als Schöpfer des Universums noch als Ziel menschlicher Bestrebungen bezeichnet werden kann. Dies ist nicht wesentlich besser als die Aussage, dass es überhaupt keinen Ishvara gibt. Die Nyaya- und Vaiseshika-Philosophie folgen auch der irreführenden Methode einer objektiven Wahrnehmung in ihrer Suche nach wahrer Erkenntnis und befürworten verschiedene Absurditäten wie zum Beispiel letztendliche unabhängige Substanzen und einen transzendentalen Gestalter des Universums, der wirklich nicht an das Universum, so wie es beschaffen ist, heranreicht. Das Mimamsa (indische Philosophie) lässt ebenfalls, - aufgrund seiner objektiven Auffassung von der Wirklichkeit äußerer Formen der Welt -,Gottheiten, himmlische Regionen und so weiter zu. All diese objektiven Philosophien haben versucht, die Existenz auch von der subjektiven Seite her anzuschauen und sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass es eine Vielzahl von ‘Atman' oder Seelen gibt; einige dieser Schulen gingen sogar soweit zu sagen, dass die innewohnende Natur Atmans kein reines Bewusstsein ist. In all diesen Philosophien des Dualismus, der zwischen dem Erfahrenden und dem Erfahrenen aufgestellt wird, besteht eine große Schranke auf dem Weg zur Verwirklichung der absoluten Freiheit, denn dasjenige, das durch ein Objekt begrenzt ist, kann nicht absolut sein. Eine rein objektive Annäherung an die Wahrheit ist blind und würde lediglich zur Wahrnehmung des Geistes als einem bloßen materiellen Phänomen führen, während eine rein subjektive Annäherung beschränkt ist und zum 'Agnostizismus'(Doktrin, wonach das wahre Sein, die Dinge an sich, nicht erkennbar sind) und 'Skeptizismus '(Doktrin, die die Möglichkeit der Erkenntnis vom wahren Wesen der Dinge in Zweifel zieht) usw. führt. Nur ein vollständiger Einblick ins Leben kann uns eine gesunde Philosophie und eine zufriedenstellende Religion vermitteln.
Vedanta ist die feierliche Wissenschaft vom Absoluten, die Göttlich und Vollständig ist. Die Upanishaden werden VEDANTA genannt, da sie die abschließenden und krönenden Teile der Veden sind und die Höchste Essenz der Lehren aus den Veden verkünden. Die Upanishaden erblicken die Existenz als 'Adhyatma', das Individuum, 'Adhibuta', die Welt und 'Adhidaiva', Ishvara oder Gott und sie verkünden die Existenz Brahmans, der alles in seinem transzendentalen Sein umfasst. Sie behaupten nicht, dass nur Adhyatman wirklich ist, was dem Subjektivismus entspräche. Ebenso beharren sie nicht darauf, dass Adhibuta allein wirklich wäre, was dem Materialismus entspräche. Für sie sind Adhyatma, Adhibuta und Adhidaiva Erscheinungs-Phasen Brahmans oder Paramatmans, sozusagen eine dreifache Erscheinung des wahrlich Unteilbaren Brahman'. Diese drei, - Jiva (Einzel-Seele), Jagat (Welt) und Ishvara (Gott) -, mit Brahman als gemeinsamem Grund, erschöpfen die möglichen Prinzipien jeglicher Erfahrung, - sie stellen die Gesamtheit der möglichen Erfahrungen dar. Die Upanishaden verleihen auf unterschiedliche Art und Weise der Einheit des Lebens, der Einheit des Individuums und des Kosmos Ausdruck. "Derjenige, der hier im Individuum wohnt, ist Derselbe, der dort in der Sonne ist", sagt die Taittiriyopanishad. Die Chandogyopanishad setzt den Äther im Herzen mit dem Kosmischen Äther außerhalb gleich. Der Mikro- und Makro-Kosmos sind eins. Uddalaka gibt Svetaketu eine objektive Beschreibung der Wirklichkeit in Form von 'Ekam Sat', dem einen Wirklichen, der Quelle und Grundlage aller Wesen und identifiziert mit artistischer Leichtigkeit diese eine Wirklichkeit mit dem Selbst von Svetaketu. Die Upanishaden porträtieren die Wirklichkeit des Universellen Lebens mit wundervoll dramatischer Schönheit, und die Weisen der Upanishaden waren absolut praktisch veranlagte, mit dem Leben und Sein, und keineswegs mit phantastischen Tagträumen sich auseinandersetzende Menschen. Sie verwirklichten direkt die absolute Wahrheit und wussten, dass Unterscheidungen, auch solche zwischen dem Individuum, der Welt und Gott, relativ sind, und dass die Dinge nur eine Bedeutung als Bestandteil einer Phase des Höchsten Sein' haben.
Wenn sich die Vernunft auf die Shrutis (Hl. Schriften) stützt, verleiht sie uns die Stärke, um die Wahrheit zu lieben. Sie entschleiert die Wahrheit, indem sie die Irrtümer des empirischen Lebens enthüllt. Die materielle Welt der Erfahrung ist nicht wirklich. Materie, Energie (Leben), Verstand, Intellekt usw. sind keine Substanzen, Dinge oder Essenzen, die absolut wirklich sind, sondern lediglich Veränderungen oder Abstufungen im Erkenntnisprozess. Materie ist die, von den Sinnen und dem Verstand beurteilte Wirklichkeit. Objektiviertes Bewusstsein erscheint als Materie. Energie, Verstand und Intellekt sind auch, - auf bestimmten Ebenen wahrgenommen - , Wirklichkeit. Raum, Zeit, Ursache und Objektivität, - die Kategorien des Erkenntnisprozesses -, sind allein für die Wahrnehmung der in Intellekt, Verstand, Energie, Materie usw. aufgeteilten einen Wirklichkeit verantwortlich. Abseits dieser objektiven Abstufungen gibt es kein Universum. Was wirklich in Raum, Zeit, Ursache und Substanz oder Individualität vorhanden ist, ist Brahman oder das Absolute Bewusstsein. Es ist das Absolute, das aufgrund dieser Merkmale oder Beziehungen, die der unergründliche Erkenntnisprozess in die Erfahrung projiziert, als Universum erscheint. Das, von diesen Abstufungen befreite Universum ist Brahman. Diese Merkmale sind keine, im Universum als Wirklichkeit bestehende objektive Tatsachen, sondern Bedingungen, Wege, Veränderungen, Erfindungen, um die Wirklichkeit in Begriffen des individuell Erkennenden zu erkennen. Die Erkenntnis des Universums beruht auf dem fundamentalen und verborgenen Irrtum einer Vorstellung von der Wirklichkeit als einer Getrenntheit, die zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten, wie auch dem verbindenden Erkenntnisprozess besteht. Jene Erkenntnis, die an den Glauben in eine Verursachung gekettet ist, kann keine wirkliche Erkenntnis sein. Als Ergebnis aller Prüfungen wird klar, dass es keine Welt gibt, es sei denn in Form von Erkenntnis-Kategorien, die der Wirklichkeit übergestülpt sind und die das Individuum ergebnislos zu objektivieren versucht; wobei der, in der Welt wahrgenommene oder erkannte gegenwärtige Wert und die relative Wirklichkeit nichts anderes als Brahman ist. Materie ist eine Täuschung und die verschiedenen Naturerscheinungen in Form von Energie, Leben, Denkkraft und Intellekt sind analog dazu nichts als Täuschungen. Die Wahrheit hinsichtlich der Materie und deren wahre Grundlage ist das Absolute selbst. Die Wahrheit hinsichtlich der Energie, des Lebens, der Denkkraft und des Intellektes ist dasselbe Absolute. Wenn das Wort 'Brahman' oder das 'Absolute' geäußert wird, ist bereits alles gesagt. Beifügungen sind lediglich begrenzende Eigenschaften, die nicht zur Vollständigkeit des Absoluten beitragen.
Abhandlung über die Erfahrung
Die Welt ist eine Darstellung von äußerer Vielfalt und scheinbarer Gegensätzlichkeit innerhalb der Existenz. Sie ist eine aufgelöste Erscheinung des ABSOLUTEN, ein begrenzter Ausdruck des UNENDLICHEN, eine Degeneration der Majestät des UNSTERBLICHEN BEWUSSTSEINS, eine wirre Form der SPIRITUELLEN VOLLSTÄNDIGKEIT, eine zerstreute Manifestation der unveränderlichen EWIGKEIT. Ein jedes dieser solchermaßen voneinander getrennten Wesen in der Welt beansprucht für sich selbst eine absolute unabhängige Existenz und betrachtet alle objektiven Individuen als das Nicht-Selbst. Das Nicht-Selbst wird beharrlich im absoluten Gegensatz zu oder zumindest als gänzlich verschieden zu dem eigenen lokalisierten Sein angesehen. Der Ausschluss anderer begrenzter objektiver Körper vom eigenen subjektiven Selbst bewirkt eine Beziehung zwischen den beiden und diese Beziehung ist die Kraft, die das Netzwerk von unterschiedlichen ‘bewussten Individuen’ schafft. Durch die Erhaltung des eigenen Daseins hängt ein Ding durch Kontakt an einem anderen Ding. Ein Mangel an Eigenschaften der Selbstgenügsamkeit enthüllt die, in sich selbst abgegrenzte, betrügerische Natur der relativen Wirklichkeit der Dinge. Die augenfällige Tatsache, dass jedes abgegrenzte Wesen in sich selbst einen, - durch innere Psychosen (Gedanken) und Sinnesoperationen, sich mit anderen objektiven Wesen in Beziehung setzen zu müssen -, Drang ausdrückt, deutet auf die Unfähigkeit und Unmöglichkeit der individualistischen Zentren des Bewusstseins hin, die scheinbare Wahrheit ihrer ausgerufenen Selbstexistenz aufrechtzuerhalten. Das Universum dreht sich unaufhörlich im Kreislauf der Zeit und offenbart in jedem Moment eine neue Charakteristik seiner selbst. Die Dinge ruhen nicht in sich selbst, sondern gehen immer in etwas anderes über. Alles in diesem Universum ist nur Veränderung. Veränderung ist das Gesetz des Lebens. Nichts verbleibt, ohne sich selbst zu verändern. Unzulänglichkeiten, die in den Ergebnissen des verlaufenden Zustandes dieser Existenz empfunden werden, sind die Vorläufer aller weiteren Unternehmungen des Individuums. Handlungen als solches sind unmöglich, solange das Selbst nicht in sich selbst einen Mangel verspürt, der durch eine aktive Bemühung ausgeglichen werden kann, um sich den vermissten Anteil, der zur Vervollständigung seiner Natur beitragen würde, anzueignen. Eine verspürte Notwendigkeit zum Erwerb eines vollendeten Zustandes der Erfahrung ist die Mutter jeglicher Anziehung und Abstoßung. Der gesamte Kosmos scheint ein ruheloses Feld zu sein, wo dynamische Kräfte zur Schlacht aufgestellt sind, um sich gegenseitig für einen edleren Zweck auszurotten. Ruhe, so kann gesagt werden, ist in der Geschichte der Welt von Raum und Zeit nicht vorhanden. Stetes Ringen ist die Bedeutung der phänomenalen Ausdauer. Die UPANISHADEN lösen das Rätsel des relativen Kampfes mittels der intuitiven WAHRNEHMUNG der Essenz (von allem). Der heldenhafte Sprung des Individuums ins Unbekannte ist der Ausdruck des Wunsches nach einer Höheren Freude. Die Unzufriedenheit mit der Begrenztheit im Leben regt die Seele dazu an, die FÜLLE der VOLLKOMMENHEIT in der Wahrheit als GANZES zu erfassen, - jenen vollkommenen Zustand, der bedingt durch das Individuum nicht möglich ist. Daher können die UNIVERSELLE BEWEGUNG und die individuelle Anstrengung, obwohl sich beide in ihrer Uneigennützigkeit voneinander unterscheiden, als eine Reflexion der Neigung hin zur SELBSTVERVOLLKOMMNUNG des SEINS verstanden werden. Der Druck der WAHRHEIT, ausgeübt von der ABSOLUTHEIT des BEWUSSTSEINS, ist die Quelle der Kraft, die die Individuen dazu zwingt, ihre Endlichkeit zu transzendieren und ihre EWIGE RUHE in sich selbst zu finden. Diese beständige WAHRHEIT ist das Höchste Objekt, das die KOSMISCHE BEMÜHUNG innerhalb der Schöpfung sucht, und worin allein alle weiteren Impulse der nach außen strebenden Kräfte ein Ende finden. Der Wunsch, ALLES zu werden, endet in der ERFAHRUNG des UNENDLICHEN. Das Bestreben, die Zustände und Dinge zu transzendieren, deutet auf den unwirklichen Charakter des Universums hin:
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Siehe auch
Literatur
- Divine Life Society - Bookstore - Swami Krishnananda - original in english
- Einige Kostenlose Bücher von Swami Krishnananda
Seminare
Jnana Yoga, Philosophie
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