Matsyendra Samhita Übersetzung
Matsyendra Samhita Übersetzung: Hier findest du eine Übersetzung der Matsyendra Samhita zusammen mit den Sanskrit Versen. Lass dich inspirieren, ergründe außergewöhnliche Aspekte der Tantra Praxis, verbinde dich mit deinem göttlichen Kern. Anmerkung: Matsyendra Samhita ist kein Text für Yoga Anfänger :-).
Diese deutsche Übersetzung der Matsyendra Samhita vereint die zugänglichen Kapitel und Einzelstellen der Matsyendra Samhita auf einer Seite. Enthalten sind Kapitel 1–20 und 27; die Lesefassung von Kapitel 28; 22.24, 40.1ab und 40.29–69, das Fragment 44.27, 54.15cd sowie 55.42–44. Diese kommentierte Teilausgabe bewahrt die überlieferte Reihenfolge; die zwischen den aufgenommenen Kapiteln liegenden Lücken sind im Hauptartikel dokumentiert.
Die Rahmenerzählung führt in die Überlieferung der Lehre ein. Reinigung, Sitzhaltungen, Atemschulung und Sammlung gehen in Meditation, innere Verehrung, Mantra und Einweihungsrituale über. Weitere Kapitel behandeln Schrift und Guru, Khechari, Nektarvorstellungen und innere Körperorte. Die ergänzenden Abschnitte erschließen rituelle Stofflehre, Kula und Maya-Verehrung.
Grundlage ist Sensharma 1994; in den jeweils bezeichneten Bereichen folgen Text und Nummerierung den Editionen und Matsyendra-Lesarten bei Mallinson 2003. Die Verse 40.29–69 und 22.24 beruhen auf Kiss 2020; einzelne Zitate und Korrekturen berücksichtigen Kiss 2011. Die genaue Textgrundlage und abweichende Nummerierungen stehen bei den Kapiteln und Versen.[1][2][3][4]
Jede nummerierte Textstelle steht einzeln in IAST mit unmittelbar folgender deutscher Wiedergabe. Abschnittsüberschriften sind redaktionell. †…† kennzeichnet problematische Wortfolgen; unübersetzbare Bestandteile und Textlücken bleiben ausdrücklich benannt.
Die Ritual- und Körperanweisungen werden in ihrem historischen Zusammenhang übersetzt. Für eine heutige Annäherung sind Freiwilligkeit, persönliche Grenzen, Einvernehmlichkeit, körperliche Sicherheit und verantwortliche Anleitung maßgeblich. Die als Wirkungsversprechen wiedergegebenen Aussagen sind Aussagen der Schrift.
Direkt zu den aufgenommenen Kapiteln: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · 11 · 12 · 13 · 14 · 15 · 16 · 17 · 18 · 19 · 20 · 22 · 27 · 28 · 40 · 44 · 54 · 55
Kapitel 1: Matsyendra und der Chola-König: Rahmenerzählung
Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 1–13, erneut am klareren Scan geprüft.[5]
matsyendrasaṃhitā
Die Sammlung des Matsyendra.
| oṃ śrīgaṇeśāya namaḥ |
Om. Verehrung dem ehrwürdigen Ganesha.
| śrīnāthāya namaḥ |
Verehrung dem ehrwürdigen Herrn.
1.1
oṃ vande śambhujagannāthaṃ sarvavijñānadhīmayam |
sarvāgamamahāratnadhāmaṃ sāgaram īśvaram || 1.1 ||
Om. Ich verehre Shambhu, den Herrn der Welt, dessen Wesen die Einsicht in alles Wissen ist: Ishvara, den Ozean und die Heimstatt der großen Juwelen aller Agamas.
Anmerkung: Śambhu folgt dem gedruckten Verbesserungsvorschlag zu saṃbhu; bei dhāmam ergänzt die Ausgabe den Schlusskonsonanten. Der Ozean ist hier ein Bild für den Reichtum der Lehre.
1.2
aprameyaguṇādhāraṃ sarvaiśvaryaphalapradam |
vande ’haṃ śāṃbhavīsūnuṃ heraṃbhaṃ viśvavanditam || 1.2 ||
Ich verehre Herambha, den Sohn der Shambhavi, den die ganze Welt verehrt: die Grundlage unermesslicher Vorzüge, der alle Früchte göttlicher Macht gewährt.
Anmerkung: Herambha ist hier ein Name Ganeshas. Der Avagraha in vande ’ham ist im Druck ergänzt.
1.3
sarvaśāstrakalādhāraṃ sarvajñatvapradāyinīm |
vāgīśvarīm ahaṃ vande vāgaiśvaryaprasiddhaye || 1.3 ||
Ich verehre Vagishvari, die Trägerin aller Wissenschaften und Künste, die Allwissenheit gewährt, damit Meisterschaft der Rede erlangt werde.
Anmerkung: Pradāyinīm, vande und vāgaiśvarya folgen den gedruckten Verbesserungen. Die maskuline Form ādhāram bleibt im Sanskrit unverändert.
1.4
aśeṣaduritavrātanīhārakulabhāvanaḥ |
śivādiguravo mahyaṃ prasīdantu kṛpālavaḥ || 1.4 ||
Mögen die barmherzigen Gurus, beginnend mit Shiva, mir gnädig sein. Ihre erste Bezeichnung verbindet die Gesamtheit der Verfehlungen mit Nebel; die abschließende Bestimmung kulabhāvanaḥ ist nicht sicher aufzulösen.
Anmerkung: Prasīdantu folgt der gedruckten Berichtigung. Das Kompositum nīhārakulabhāvanaḥ ist grammatisch und bildlich nicht eindeutig. Die frühere Umschreibung als „Reinigung“ war eine Deutung aus dem Lobpreiskontext; sie ist durch die erhaltene Wortgestalt nicht hinreichend gesichert. Weder Sonne noch Wind oder eine bestimmte Art der Auflösung des Nebels werden ergänzt.
1.5
śivaśaivāgamāṃbhodhau samyak krīḍāvinodinam |
matsyendranāthaṃ naumi sarvajñaṃ yogināṃ varam || 1.5 ||
Ich verneige mich vor Matsyendranatha, dem Allwissenden, dem Besten der Yogis, der sich im Ozean der Shiva- und Shaiva-Agamas im Spiel erfreut.
Anmerkung: Der erste Versfuß folgt der von Kiss 2011, Anm. 6, S. 189–190, ausdrücklich für alle fünf Handschriften angegebenen Lesung śivaśaivāgamāṃbhodhau. Sensharma druckt śivaśaivāgamāṃbhoyau und schlägt śivaśaivāgamābhyāṃ yo vor. Matsyendranāthaṃ naumi und varam folgen weiterhin den Berichtigungen des Drucks; k ist bei samyak ergänzt. Die Lesung aus Kiss wurde an der digitalen Textwiedergabe, nicht selbst an den Handschriften geprüft.
1.6
yena śambhumukhodgītaṃ śāstrasāraṃ sudurlabham |
samyag āśrāvitaṃ vande matsyendranātham akalmaṣam || 1.6 ||
Ich verehre den makellosen Matsyendranatha, durch den der schwer zugängliche Kern der Lehre, aus Shambhus Mund verkündet, auf rechte Weise zu Gehör gebracht wurde.
Anmerkung: Samyag āśrāvitam folgt dem fraglichen Druckvorschlag samyagā zu samyag; der Matsyendra-Name und akalmaṣam enthalten ebenfalls gedruckte Berichtigungen.
1.7
purā yogīvaraḥ kaścid abhicchat siddhim ātmanaḥ |
cacāra dharaṇīm etāṃ nirmamo nirahaṃkṛtiḥ || 1.7 ||
Einst wanderte ein hervorragender Yogi auf dieser Erde umher. Er suchte die eigene Vollendung, frei von Besitzdenken und Ichhaftigkeit.
Anmerkung: Yogīvara und abhicchat folgen den gedruckten Berichtigungen. Die Form abhicchat ist sprachlich uneben; die Erzählung führt sein Streben nach Siddhi ein.
1.8
sa pūrvaṃ dāsajātīyo nāvam āruhya sāgare |
vaḍiśena mahāmatsyān ānayaty atighṛṇaḥ || 1.8 ||
Früher hatte er der Dasa-Gemeinschaft angehört. Er fuhr mit einem Boot auf das Meer hinaus und fing große Fische mit dem Angelhaken. Eine abschließende Charakterisierung ist sprachlich unsicher.
Anmerkung: Der Druck berichtigt pūrva zu pūrvam und schlägt ghṛ für nṛ vor. Die daraus entstehende Form atighṛṇaḥ erlaubt hier keine sichere moralische Charakterisierung. Dāsa wird als überlieferte Gruppenbezeichnung bewahrt und nicht ohne Weiteres als „Sklave“ übersetzt.
1.9
kadācit puline nadyā guptācāraparāyaṇān |
śaivāgamoktavidhinā saparyāsaktamānasān || 1.9 ||
Eines Tages sah er am sandigen Ufer eines Flusses Menschen, die sich einer verborgenen Ritualpraxis widmeten und ganz in Verehrung versunken waren, nach dem Verfahren der shivaitischen Agamas.
Anmerkung: Das Verb „sah“ und die Bezeichnung als Brahmanen folgen in Vers 10. Ci folgt dem fraglichen Druckvorschlag zu vi.
1.10
dadarśa brāhmaṇān sādhūn vivikte bhaktibhāvanāt |
†samāsasādaraṃ yevaṃ† dṛṣṭvā ca vaḍiśāyudhaḥ || 1.10 ||
Er erblickte rechtschaffene Brahmanen an einem abgelegenen Ort, von Hingabe erfüllt. Als der mit dem Angelhaken Ausgerüstete sie sah, näherte er sich offenbar; die entsprechende Wortverbindung ist entstellt.
Anmerkung: Der Druck versieht samāsasādaraṃ yevaṃ mit einem Fragezeichen und berichtigt vaḍikṣā zu vaḍiśā. Die Art seiner Annäherung wird nicht frei ausgeschmückt.
1.11
jālodyatakaraṃ taṃ ca dṛṣṭvā te ’pi dvijottamāḥ |
babhuvur vyathitāḥ sarve sākaṃ bhayaśaṅkitāḥ || 1.11 ||
Als auch jene vorzüglichen Brahmanen ihn mit dem erhobenen Netz in der Hand sahen, gerieten sie alle gemeinsam in Unruhe und Furcht.
Anmerkung: Te ’pi, dvijottamāḥ, sākaṃ und śaṅkitāḥ folgen den Druckverbesserungen. Der klarere Scan bestätigt sākaṃ, „gemeinsam“. Die frühere Ablesung pākaṃ und die daraus entstandene Deutung als gekochtes Ritualessen waren Erfassungsfehler und entfallen.
1.12
sa cāpi tān upāsādya dāsaḥ samabhivīkṣya ca |
abravīt ke bhavanto ’smin puline ’tra samāgatāḥ || 1.12 ||
Der Dasa trat zu ihnen, betrachtete sie und sprach: „Wer seid ihr, die ihr hier an diesem Ufer zusammengekommen seid?“
Anmerkung: Bhavanto und der Avagraha vor atra folgen den gedruckten Berichtigungen. Im Druck steht keine zusätzliche selbstständige Sprecherformel.
1.13
kim idaṃ kriyate karma bhavadbhir iha gṛhitaiḥ |
brūta me sakalaṃ viprā bhavatām atra saṃsthitim || 1.13 ||
„Was ist dies für eine Handlung, die ihr hier ausführt? Sagt mir alles, Brahmanen, und erklärt mir euren Aufenthalt hier.“ Die zusätzliche Bestimmung gṛhitaiḥ in der ersten Zeile bleibt unklar.
Anmerkung: Der Alternativscan macht bhavadbhir iha gṛhitaiḥ lesbar; es liegt dort keine gedruckte Lücke vor. Gṛhitaiḥ mit kurzem i wird so wiedergegeben, ist aber als Bestimmung der angesprochenen Personen nicht sicher zu deuten. Brūta und saṃsthitim folgen den Druckkorrekturen.
1.14
te cāpi procuḥ sa asmābhiḥ pūjyate parameśvaraḥ |
śambhur girijayā sākam arcyate śāstramārgataḥ || 1.14 ||
Sie antworteten: „Er, der höchste Herr, wird von uns verehrt. Shambhu wird gemeinsam mit Girija nach dem Weg der Lehrschrift angebetet.“
Anmerkung: Der klarere Scan bestätigt śāstramārgataḥ. Asmābhiḥ und das mit Fragezeichen vorgeschlagene pūjyate folgen Sensharmas Verbesserungen der gestörten Druckzeile; sa bleibt als vorausweisendes „er“ erhalten. Die Übersetzung beruht an dieser Stelle auf den editorischen Vorschlägen des Drucks.
1.15
nedaṃ ca viditaṃ karma sarvajñena śivetareṇa |
ghṛṇītaṃ paśupāśau ca vedanāyātanāhatam || 1.15 ||
„Diese Handlung ist keinem anderen Allwissenden als Shiva bekannt.“ Der folgende Halbvers nennt Abscheu beziehungsweise Verachtung, die Fesseln des gebundenen Wesens und ein Geschlagensein von Schmerz und Qual; ihre grammatische Verbindung bleibt unklar.
Anmerkung: Der Alternativscan macht die zuvor ausgefallenen Wortgruppen lesbar. Śivetareṇa folgt dem gedruckten Ersatz für śivetaraṃ; die erste Aussage erhält damit eine vorsichtige Übersetzung. Paśupāśau bleibt ein fraglich vorgeschlagener Ersatz. Ghṛṇītam und die Kasusverbindung der zweiten Zeile sind nicht sicher zu deuten.
1.16
ya śivoktām imāṃ sādhu saparyāṃ guptam ācaret |
jīvanmuktaḥ sa vijñeyaḥ †sarvadoṣabhayosthitaḥ† || 1.16 ||
„Wer diese von Shiva gelehrte Verehrung in rechter Weise im Verborgenen ausführt, soll als ein zu Lebzeiten Befreiter erkannt werden.“ Die Schlussbestimmung zu Fehlern und Furcht bleibt in der gedruckten Wortgestalt unklar.
Anmerkung: Ācaret und sa vijñeyaḥ sind im Alternativscan lesbar; jīvanmuktaḥ und doṣa folgen den Druckverbesserungen. Der Schluss wird vorläufig als bhayosthitaḥ abgelesen. Eine erwartbare Aussage über das Freisein von Furcht wird ohne weiteren geprüften Zeugen nicht in den Sanskrittext eingesetzt.
1.17
tasmād vimuktair asmābhiḥ pūjyate parameśvaraḥ |
prāk dhyāta bahudoṣāṇi pravadanti bahurmukhāni || 1.17 ||
„Darum wird der höchste Herr von uns als Befreiten verehrt.“ Die zweite Zeile enthält einen Rückbezug mit prāk, eine gestörte Form von „betrachten“, „zahlreiche Fehler“ und „sie sprechen“. Sie ergibt in dieser Druckgestalt keinen zuverlässigen zusammenhängenden Satz.
Anmerkung: Die ehemals als verblasst ausgelassenen Wörter sind im Alternativscan lesbar. Dhyāta und bahudoṣāṇi folgen Sensharmas Vorschlägen. Bahurmukhāni wird als Druckform beibehalten; eine Herstellung bahirmukhāḥ, „die nach außen Gewandten“, wird nicht ohne weiteren Beleg vorgenommen.
1.18
sa samyagvedinaḥ pūjām imāṃ ye vighnayanti hi |
te yoginīśāpahatāḥ vinaśyanty acireṇa tu || 1.18 ||
„Wer diese Verehrung der recht Erkennenden stört, wird vom Fluch der Yoginis getroffen und geht bald zugrunde.“
Anmerkung: Das isolierte sa am Versanfang bleibt im Sanskrit stehen. Die Drohung wird als Aussage der historischen Figuren wiedergegeben.
1.19
tasmāt tvayāpi sanmārgarakṣāsaṃprāptabuddhimān |
na vaktavyam imaṃ guhyaṃ lokadvayajigīṣuṇā || 1.19 ||
„Darum sollst auch du dieses Geheimnis nicht weitererzählen, wenn du beide Welten gewinnen willst und deinen Sinn auf den Schutz des rechten Weges richtest.“
Anmerkung: Die Kasusverbindung ist uneben; lokadvaya bezeichnet diesseitige und jenseitige Welt.
1.20
yadi tvam idam anyeṣāṃ na vadiṣyasi dāsaja kadācana |
ṣaṇmāsād āsādayasi svasiddhiṃ paramadurlabhām || 1.20 ||
„Wenn du anderen niemals davon erzählst, Dasa-Sohn, wirst du in sechs Monaten deine eigene, überaus schwer erreichbare Vollendung erlangen.“
Anmerkung: Die Verbverbindung nach ṣaṇmāsāt folgt dem gedruckten Berichtigungsvorschlag. Der Druck erwägt auch bei dāsaja einen Ersatz durch kadācana; die überlieferte Anrede wird hier erhalten.
1.21
ity uktvā vācas tān bhūyaḥ sāntvayann iva dāsajaḥ |
nāhaṃ vakṣyāmi bhadraṃ vaḥ pareṣām īdṛśīṃ sthitim || 1.21 ||
Darauf sprach der Dasa-Sohn erneut zu ihnen, als wollte er sie beruhigen: „Ich werde anderen nichts von diesem Geschehen berichten. Wohlergehen sei euch!“
Anmerkung: Uktvā, vācaḥ und dāsajaḥ folgen den Druckverbesserungen. Der Satzbau des ersten Halbverses bleibt uneben; bhadraṃ vaḥ ist im Druck fraglich markiert.
1.22
yuṣmad dveṣa na me kaścid dhūrya vrajata nirbhayāḥ |
jālo ’smad daivataṃ tena †śayemenānyathālayaḥ† || 1.22 ||
„Ich hege keinerlei Feindschaft gegen euch; geht ohne Furcht. Das Netz ist unsere Gottheit.“ Die anschließende Versicherung ist in der gedruckten Form nicht zuverlässig verständlich.
Anmerkung: D und der Avagraha sowie die Endung von nirbhayāḥ sind im Druck ergänzt. Dhūrya und der mit Fragezeichen versehene Schluss bleiben unübersetzt; daraus wird kein genauer Schwur rekonstruiert.
1.23
ity uktvā te na viśvāsaṃ prāpya niyāntrikaṃ ca tam |
procuḥ paramasaṃtuṣṭās tasyānugrahakāriṇaḥ || 1.23 ||
Nach diesen Worten sprachen sie voller Freude, um ihm ihre Gunst zu erweisen. Die vorausgehende Aussage über das Gewinnen von Vertrauen und die Wortgruppe niyāntrikaṃ ca tam bleiben wegen des gestörten Satzbaus und einer mehrdeutigen Worttrennung unsicher.
Anmerkung: Der Druck berichtigt einzelne Formen zu uktvā, te und niyāntrikam. Bei der Trennung te na viśvāsaṃ prāpya hieße es „sie, ohne Vertrauen gewonnen zu haben“; die identische Buchstabenfolge erlaubt jedoch auch tena viśvāsaṃ prāpya, „dadurch/durch ihn Vertrauen gewonnen habend“. Ohne besseren Textzeugen lässt sich die Trennung hier nicht allein aus den Druckabständen entscheiden. Der Sanskritwortlaut bleibt unverändert. Die frühere Aussage, eine Verneinung sei eindeutig gedruckt und deshalb zwingend zu übersetzen, war zu bestimmt. Der zweite Halbvers mit procuḥ und paramasaṃtuṣṭāḥ ist klar.
1.24
kim īhase dhanaṃ dattam asmābhir athavā priyam |
vidyāṃ vā durlabhatarāṃ brūhi yat te manomayam || 1.24 ||
„Was begehrst du: Reichtum, den wir dir schenken, oder etwas anderes, das dir lieb ist? Oder eine besonders schwer zugängliche Vidya? Sage, was du im Sinn hast.“
Anmerkung: Vidyā bezeichnet hier ein durch Unterweisung und Einweihung vermitteltes Wissen beziehungsweise eine entsprechende Mantra-Lehre.
1.25
tair uktaḥ sa mahāsiddhir ity uvāca kṛtāñjaliḥ |
vidyāṃ dattām abhicchāmi bhavadbhir atidurlabhām || 1.25 ||
So von ihnen angesprochen, erwiderte er mit ehrfürchtig gefalteten Händen: „Ich wünsche die überaus schwer zugängliche Vidya als Gabe von euch.“
Anmerkung: Mahāsiddhi folgt der Druckkorrektur zu mahāviddhi. Abhicchāmi wird als Wunschäußerung beibehalten; der Druck schlägt abhijānāmi vor, was an dieser Stelle „ich erkenne“ bedeuten würde. Die vorausgehende Frage stützt die Wunschdeutung, ersetzt jedoch keine Handschriftenkollation.
1.26
tad asya sahavaraṃ bhāvaṃ dṛṣṭvā procur vidāṃ varāḥ |
anenābhṛtamatsyena mahāpātakahāriṇā || 1.26 ||
Als die vorzüglichen Wissenden seine Gesinnung sahen, sprachen sie zu ihm. Der folgende Halbvers nennt einen herbeigebrachten Fisch als Mittel, das schwere religiöse Verfehlungen beseitigt.
Anmerkung: Tad asya, ha und dṛṣṭvā folgen Druckverbesserungen. Sahavaram und die Verbindung anenābhṛtamatsyena sind sprachlich uneben. Der genaue Zusammenhang des Fisches mit der anschließenden Einweihung wird nicht durch eine hinzugefügte Ritualanweisung ersetzt.
1.27
†nirdūtākhilapāpārucāṃ† vidyāṃ divyām avāpsyasi |
ity uktaḥ sābhiṣekānāṃ saprasādāṃ yathāvidhiḥ || 1.27 ||
„Du wirst die göttliche Vidya erlangen.“ Der vorangehende Ausdruck betrifft die Beseitigung aller religiösen Verfehlungen, ist jedoch entstellt. Danach ist von der Gabe der Vidya mit Einweihung, Gunst und vorgeschriebenem Verfahren die Rede.
Anmerkung: Die Druckverbesserungen betreffen unter anderem pāpā, rucāṃ, avāpsyasi, sābhiṣekānāṃ und vidhiḥ. Auch nach diesen Eingriffen bleibt die ganze Satzgestalt unsicher. Die Fortsetzung steht in Vers 28. Der klarere Scan bestätigt die gedruckte Ergänzung rdū in nirdūtā-; die zuvor verkürzte Erfassung nirdtā- entfällt.
1.28
daduḥ vidyāṃ mahātmāno yoginīnāṃ mahodayām |
datvā vidyāṃ ca saṃdṛśya yogitvaṃ ca dhīmataḥ || 1.28 ||
Die großen Seelen gaben ihm die hochwirksame Vidya der Yoginis. Nachdem sie diese Vidya vermittelt und dem Einsichtigen das Yogisein eröffnet hatten, folgte ihre Unterweisung.
Anmerkung: Daduḥ und saṃdṛśya folgen den gedruckten Verbesserungen. Der genaue Sinn von saṃdṛśya yogitvam ist nicht eindeutig; „eröffnet“ gibt die erkennbare Vermittlung vorsichtig wieder.
1.29
procuḥ taṃ karmajñāḥ sasneham anuśāsanam |
japadhyānaparo nityām imāṃ vidyām atandritaḥ || 1.29 ||
Die Kenner des Rituals erteilten ihm liebevoll diese Unterweisung: „Widme dich ohne Nachlässigkeit der Rezitation und Meditation dieser beständigen Vidya.“
Anmerkung: Procuḥ, taṃ und japadhyānaparo folgen den Druckvorschlägen. Der Imperativ ist im Sanskrit nicht ausdrücklich gesetzt; die deutsche Aufforderung verdeutlicht den Unterweisungszusammenhang.
1.30
varṣatrayeṇa yā siddhir jāyate hy ajarāmarāḥ |
maheśvaraprasādena jāyate siddhir uttamā || 1.30 ||
„Die Vollendung, die in drei Jahren entsteht und frei von Alter und Tod macht, wird durch die Gunst Maheshvaras zur höchsten Vollendung.“
Anmerkung: Die Endung ajarāmarāḥ ist grammatisch uneben. Der folgende Vers verkürzt die hier genannte Frist ausdrücklich auf sechs Monate; beide Angaben werden beibehalten.
1.31
ṣaṇmāsāj jāyate satyam ity uktvā prayayur dvijāḥ |
dāso ’pi tat parityajya svajālavaḍiśādikam || 1.31 ||
„In sechs Monaten entsteht sie, wahrhaftig!“ Mit diesen Worten gingen die Brahmanen fort. Auch der Dasa gab darauf sein Netz, seinen Angelhaken und die übrigen Geräte auf.
Anmerkung: Uktvā und der Avagraha nach dāso folgen den gedruckten Korrekturen beziehungsweise Ergänzungen.
1.32
tyaktasaṃsārabandhuś ca paśupāśavivarjitaḥ |
tasminn eva sariddvīpe japann āste mahāyaśāḥ || 1.32 ||
Er löste sich von den Bindungen seines weltlichen Lebens und ließ die Fesseln des gebundenen Wesens hinter sich. Auf eben jener Flussinsel blieb der Hochangesehene und widmete sich der Rezitation.
Anmerkung: D ist bei sariddvīpe im Druck ergänzt. Die Bezeichnung „Flussinsel“ folgt dem Wortlaut; eine geografische Identifikation wird nicht behauptet.
1.33
tapasyābhiratasyāsya vijitendriyapaddhateḥ |
vatsarārdham atikrāntaṃ ahorātraṃ samaṃ tadā || 1.33 ||
Während er sich der Askese widmete und die Tätigkeit seiner Sinne bezwang, verging ein halbes Jahr. Tag und Nacht wurden ihm dabei gleich.
Anmerkung: Vijitendriyapaddhateḥ folgt dem gedruckten Vorschlag. Der Wortabstand im Sanskrit wird im Folgenden als tapasyābhiratasyāsya verstanden, ohne Änderung der Lautfolge.
1.34
ṣaṇmāsānte mahābhāgaṃ snātum apy āgataṃ jale |
jagrāha āsādya ca mahān grāho daivapracoditaḥ || 1.34 ||
Am Ende der sechs Monate kam der Begnadete zum Wasser, um zu baden. Da näherte sich ein großes Wassertier und verschlang ihn, vom Schicksal angetrieben.
Anmerkung: Māsānte, bhāgam, ca und pracoditaḥ folgen den Druckverbesserungen. Grāha bezeichnet ein ergreifendes Wassertier; die Erzählung nennt es später ausdrücklich einen großen Fisch. Eine zoologische Gleichsetzung wird nicht erzwungen.
1.35
girikūṭanibhasyāsya dehamadhyaṅgato ’pi sat |
†namabhābhaṃ prasavya† stattatkoṭaraṃ vahinā || 1.35 ||
Er war nun im Inneren des Körpers dieses Tieres, das einem Berggipfel glich. Die folgende Beschreibung eines Hohlraums und von Feuer ist in der vorliegenden Lesung nicht zuverlässig verständlich.
Anmerkung: Der Druck markiert mehrere Wortformen als fraglich und bietet koṭa als Berichtigung. Weder eine konkrete Körperhaltung noch eine bestimmte Feuertechnik wird aus dem gestörten Halbvers ergänzt. Im Alternativscan wird der fragliche Anfang als namabhābhaṃ abgelesen; die Wortgruppe bleibt unverständlich.
1.36
matsyagrastaṃ svam ātmānaṃ manyamāno mahādyutiḥ |
tatrāpi japann eva nināya katicid dinam || 1.36 ||
Der Strahlende erkannte, dass ein Fisch ihn verschlungen hatte. Auch dort verbrachte er einige Tage, unablässig rezitierend.
Anmerkung: Japann eva folgt dem gedruckten Berichtigungsvorschlag zu japyaiva. Die Zeitangabe bleibt unbestimmt.
1.37
etasminn eva kāle tu kailāsādriniketanam |
papṛcchāsādya girijā yogaśāstraṃ sugopitam || 1.37 ||
Zur selben Zeit trat Girija zu dem auf dem Berg Kailasa Wohnenden und fragte ihn nach der streng verborgenen Yogalehre.
Anmerkung: Kāle, kailāsa und papṛcchā folgen den gedruckten Verbesserungen.
1.38
bhagavan mama sarvajña śambho vaktuṃ tvam arhasi |
yogaṃ yogavidāṃ śreṣṭha jarāmaraṇanāśanam || 1.38 ||
„Erhabener, Allwissender, Shambhu, bester Kenner des Yoga: Bitte erkläre mir den Yoga, der Alter und Tod vernichtet.“
Anmerkung: Yogaṃ folgt der gedruckten Kasuskorrektur. Die Wirkung ist Gegenstand der Bitte im historischen Lehrdialog.
1.39
mahīdharendrasutayā pṛṣṭa uvāca maheśvaraḥ |
nehāhaṃ saṃprapaśyāmi yogaṃ paramadurlabham || 1.39 ||
Von der Tochter des Bergkönigs gefragt, antwortete Maheshvara: „Hier sehe ich diesen überaus schwer zugänglichen Yoga nicht.“
Anmerkung: Pṛṣṭa und u bei uvāca folgen dem Druck. Saṃprapaśyāmi heißt wörtlich „ich sehe“; der folgende Ortswechsel legt nahe, dass die Eignung des Ortes für die Unterweisung gemeint ist. Das Verb wird nicht stillschweigend in „ich werde lehren“ geändert.
1.40
śṛṇayu stvapare devi sugopyaṃ mṛtyunāśanam |
tasmād viviktāñ cāsādya vakṣe deśe samāhitaḥ || 1.40 ||
„Andere könnten hier mithören, Göttin, obwohl die den Tod vernichtende Lehre streng verborgen bleiben soll. Darum werde ich sie an einem abgelegenen Ort gesammelt darlegen.“
Anmerkung: Die Form śṛṇayu stvapare ist im Druck fraglich. Viviktāñ cā und vakṣe folgen fraglichen Verbesserungen. Die Deutung als Sorge vor Mithörenden wird durch den ausdrücklich folgenden Rückzug gestützt.
1.41
ity uktvā bhagavān śambhu girīndrasutayā saha |
prayayau jaladher dvīpaṃ vijanaṃ bahukānanam || 1.41 ||
Nach diesen Worten zog der erhabene Shambhu mit der Tochter des Bergkönigs auf eine menschenleere, dicht bewaldete Insel im Meer.
Anmerkung: Uktvā und dvīpam folgen Druckverbesserungen; hu ist bei bahukānanam ergänzt.
1.42
tadāsīnaḥ kvacid deśe vivikte vijane śivaḥ |
yogaśāstraṃ samācaṣṭa devyai candrārdhaśekharaḥ || 1.42 ||
Dort setzte sich Shiva, der den Halbmond als Scheitelschmuck trägt, an einen abgeschiedenen, menschenleeren Ort und erklärte der Göttin die Yogalehre.
Anmerkung: Tadā, vijane und śekharaḥ folgen den Druckvorschlägen; die Halbmondbezeichnung enthält dort ebenfalls eine Buchstabenberichtigung.
1.43
dāsaṃ grastvā mahāmatsyaḥ sarvataḥ paricakraman |
tad dvīpagahvaraṃ prāpya tathā ca †vidhiyāṭinaḥ† || 1.43 ||
Der große Fisch, der den Dasa verschlungen hatte, bewegte sich umher und gelangte zu einer Höhlung jener Insel. Der Schluss, der diesen Weg näher begründet, ist entstellt.
Anmerkung: Grastvā folgt der gedruckten Ergänzung. Der klarere Scan erlaubt die Ablesung paricakraman, „umherziehend“, doch die Form ist im Satz unregelmäßig. Vidhiyāṭinaḥ bleibt sprachlich unsicher; ein göttlicher Auftrag wird nicht als zusätzliche gesicherte Aussage eingesetzt. Die gedruckte Nummer ist 43.
1.44
tasyopariṣṭād viśvātmā śivaḥ paramadurlabhaḥ |
yogaśāstraṃ samācaṣṭa girijāyai sugopitam || 1.44 ||
Über ihm erklärte Shiva, die Seele des Alls, der so schwer zugänglich ist, Girija die streng verborgene Yogalehre.
Anmerkung: Viśvātmā folgt der gedruckten Berichtigung zu viśyātmā.
1.45
matsyadehagataḥ śrīmān sa ca dāsakulottamaḥ |
aśrauṣīd akhilaṃ śāstraṃ samyak śambhumukhodgatam || 1.45 ||
Jener begnadete Angehörige der Dasa-Gemeinschaft hörte im Körper des Fisches die ganze Lehre genau, so wie sie aus Shambhus Mund hervorging.
Anmerkung: Aśrauṣīd akhilam folgt der gedruckten Berichtigung. Diese Szene begründet innerhalb der Erzählung Matsyendras Empfang der Lehre.
1.46
yaḥ pūrvaṃ vipravāgvajrahatapātakaparvataḥ |
bhūyaḥ śrīśāmbhavaṃ śāstraṃ śrutavān amṛtopamam || 1.46 ||
Schon zuvor war der Berg seiner Verfehlungen vom Donnerkeil der Worte der Brahmanen getroffen worden. Nun hörte er darüber hinaus die ehrwürdige Shambhu-Lehre, die dem Unsterblichkeitstrank gleicht.
Anmerkung: Yaḥ, pūrvaṃ und vajra folgen den gedruckten Verbesserungen. Der Donnerkeil ist ein ausdrücklich im Text enthaltenes Bild.
1.47
tacchāstraśravaṇoddhūtamahāpātakasañcayaḥ |
babhūva nirmalamatiḥ sarvajñaḥ sarvayogirāṭ || 1.47 ||
Durch das Hören dieser Lehre wurde die angesammelte schwere Verfehlung von ihm abgeschüttelt. Er wurde von klarem Geist, allwissend und ein König unter allen Yogis.
Anmerkung: Die Wortgestalt śāstra, uddhūta und die Endung sañcayaḥ folgen den gedruckten Berichtigungen.
1.48
bhagavān api tatraiva samāsīno maheśvaraḥ |
yogaśāstraṃ tadā devyai śatakoṭipravistaram || 1.48 ||
Der erhabene Maheshvara saß dort und legte der Göttin eine Yogalehre dar, die sich über hundert Koti erstreckte.
Anmerkung: Das Verb folgt in Vers 49. Koti ist das traditionelle Zahlwort für zehn Millionen; der Vers nennt jedoch nicht ausdrücklich die gezählte Einheit. Die Angabe wird deshalb nicht als bibliografischer Umfang dieser Samhita behandelt.
1.49
uvāca cākhilaṃ tena śubhaṃ devyai sudurlabham |
samāpya śāstraṃ vidhivat viśvapāḥ śaṅkaraḥ || 1.49 ||
Er sprach diese ganze heilsame, schwer zugängliche Lehre zur Göttin. Nachdem Shankara, der Hüter der Welt, die Unterweisung in rechter Weise beendet hatte, wandte er sich zum Aufbruch.
Anmerkung: Uvāca, śāstram und viśvapāḥ folgen gedruckten Berichtigungen; der Aufbruch ist die Fortsetzung in Vers 50.
1.50
gantum aicchan maheśātmā tasmāt svadhāma pūjitaṃ |
athovāca jalaukasadehamadhyagato mahān || 1.50 ||
Mahesha wollte von dort zu seiner verehrten eigenen Wohnstatt zurückkehren. Da sprach der Große, der sich im Inneren des Wasserwesens befand.
Anmerkung: Aicchan ma-, tasmāt sva und jalaukasa folgen den gedruckten Vorschlägen. Die Form maheśātmā bleibt im Sanskrit unverändert.
1.51
abhīṣṭadarśanaṃ tasya śivasya parameṣṭhinaḥ |
bhagavaṃs tvanmukhodgītaṃ śāstrāṇām ativistarāt || 1.51 ||
Er ersehnte den Anblick Shivas, des höchsten Herrn, und sprach: „Erhabener, aus deinem Mund ist die Lehre in großer Ausführlichkeit hervorgegangen.“
Anmerkung: Abhīṣṭa folgt dem gedruckten Ersatz. Der erste Halbvers ist grammatisch unvollständig; „er ersehnte“ verdeutlicht die erkennbare Aussage. Die Bitte reicht über die folgenden Verse.
1.52
grāhadehāntarasthena preritena vidhātṛṇā |
mamānugrahakāmena bhavatā parameśvaraḥ || 1.52 ||
„Ich befinde mich im Inneren des Wassertieres, vom Schicksal hierher geführt. Du aber, höchster Herr, wolltest mir deine Gunst erweisen.“
Anmerkung: Vidhātṛṇā folgt dem fraglichen Druckvorschlag. Die Instrumentalformen sind syntaktisch nicht eindeutig verknüpft; die Übersetzung macht die im Zusammenhang erkennbare Bitte verständlich, ohne den Satzbau als gesichert auszugeben.
1.53
idaṃ deśam anuprāpya proktaṃ śāstram anuttamam |
vipradattaprasādasya bhuktapātakapaddhateḥ || 1.53 ||
„Du bist an diesen Ort gekommen und hast die unübertreffliche Lehre verkündet. Mir wurde bereits die Gunst der Brahmanen zuteil; die Folge meiner Verfehlungen ist damit verbunden.“
Anmerkung: Paddhateḥ folgt dem Druckvorschlag. Bhuktapātaka bedeutet dem Wortlaut nach eine erfahrene oder verbrauchte Verfehlungsfolge; die genaue Beziehung zum empfangenen Segen bleibt offen.
1.54
tvayoktaṃ śāmbhavaṃ śāstraṃ sukaraṃ bhavatu prabho |
iti vyāhṛtam ākarṇya śambhu smṛtvā muhūrtakam || 1.54 ||
„Möge die von dir gelehrte Shambhu-Lehre für mich leicht zu verwirklichen sein, Herr!“ Shambhu hörte diese Worte und sann einen Augenblick nach.
Anmerkung: Der Druck schlägt zur Form śambhuḥ einen anderen Vokalausgang vor; die grammatisch unebene Druckgestalt bleibt erkennbar. Die Antwort folgt in Vers 55.
1.55
provāca girijāṃ devīṃ sarvalokanamaskṛtaḥ |
mahādeśo ’yam iti matvā mayā śubhe || 1.55 ||
Der von allen Welten Verehrte sprach zur Göttin Girija: „Gütige, ich habe diesen Ort als einen großen, besonderen Ort angesehen.“
Anmerkung: Mahādeśo ’yam ist lesbar, aber sein genauer Gegensatz zur nun entdeckten Anwesenheit des Fischers bleibt offen. Der Satz führt in Vers 56 weiter.
1.56
proktaṃ yogaṃ tad vaipi matsyoktaṃ martyajanmanā |
madbhaktavacanād eva matprasādaprabhāvataḥ || 1.56 ||
„Ich habe den Yoga verkündet; er ist nun von einem Sterblichen im Zusammenhang mit diesem Fisch aufgenommen worden – durch das Wort meiner Verehrer und durch die Macht meiner Gunst.“
Anmerkung: Die erste Zeile bleibt beschädigt, insbesondere tad vaipi und matsyoktam. Va folgt dem Druckersatz; prabhāvataḥ ist dessen fraglicher Vorschlag. „Aufgenommen worden“ gibt nur den Erzählzusammenhang wieder und ist keine sichere Einzelübersetzung von matsyoktam.
1.57
tasmād asya punar dāsye varaṃ bhaktapracoditaḥ |
satyaṃ kartum abhīcchāmi tatprasādādhṛtātmanām || 1.57 ||
„Darum werde ich ihm erneut eine Gunst gewähren, von meinen Verehrern dazu bewegt. Ich möchte die Zusage jener wahr machen, deren Inneres von jener Gnade getragen wird.“
Anmerkung: Abhīcchāmi folgt dem gedruckten Vorschlag. Welche Zusage und welche Verehrer gemeint sind, wird im folgenden Vers ausdrücklich auf die Brahmanen bezogen.
1.58
brāhmaṇānāṃ vacaḥ śrutvā guptajñānavidām aham |
†ity ukto tpādya matsyaṃ† tanum ujjahārāsya koṣṭhataḥ || 1.58 ||
„Ich habe die Worte der Brahmanen gehört, die das verborgene Wissen kennen.“ Nach diesen Worten holte der Herr den Körper des Yogi aus dem Bauch des Fisches heraus. Die vorausgehende Handlung am Fisch ist im Druck entstellt.
Anmerkung: Ujjahārāsya folgt dem fraglichen Druckvorschlag. Der Übergang nach ity ukto ist nicht zuverlässig lesbar; ein Aufschneiden, Töten oder anderes konkretes Verfahren wird nicht ergänzt. Das Objekt „Yogi“ folgt in Vers 59.
1.59
yoginaṃ tam udārātmā bhagavān parameśvaraḥ |
so ’pi dṛṣṭvā tadā rudraṃ sārdhaṃ girijayā sthitam || 1.59 ||
Der großherzige erhabene höchste Herr befreite so jenen Yogi. Dieser erblickte Rudra, der gemeinsam mit Girija vor ihm stand.
Anmerkung: Tam udārātmā, dṛṣṭvā und sārdhaṃ folgen gedruckten Verbesserungen. Das Verb „befreite“ nimmt das Herausholen aus Vers 58 wieder auf.
1.60
tatprasādaṃ samālabhya divyajñānanidhiḥ svayam |
tuṣṭāva parameśānaṃ ekāgracchadayogataḥ || 1.60 ||
Nachdem er dessen Gunst empfangen hatte, pries er selbst, nun eine Schatzkammer göttlichen Wissens, den höchsten Herrn in gesammelter Hinwendung.
Anmerkung: Tatprasādam und samālabhya folgen fraglichen Druckvorschlägen. Tuṣṭāva wird aus den getrennt gedruckten Bestandteilen zusammengezogen. Ekāgracchadayogataḥ ist sprachlich auffällig; die Übersetzung hält den erkennbaren Bezug auf Einspitzigkeit fest.
1.61
oṃ namas te śambhave devāya śivāya parameṣṭhine |
divyayogamahāśāstraśāradāyākhilātmane || 1.61 ||
Om. Verehrung dir, Shambhu, dem Gott, Shiva, dem höchsten Herrn! Verehrung dem in der großen Lehre des göttlichen Yoga Erfahrenen, dessen Wesen alles ist.
Anmerkung: Devāya, śivāya und śāstra folgen den gedruckten Berichtigungen. Die Form śārada wird hier im Sinn von kundig beziehungsweise erfahren verstanden; ihre genaue Gestalt bleibt sprachlich auffällig.
1.62
namas te bhogine yogadāyine śubhayogine |
mahāsatrāya sanmārgapāline mṛtyumūrtaye || 1.62 ||
Verehrung dir, dem Genießenden, der Yoga gewährt, dem heilsamen Yogi; dir, der das große Opfer ist, den rechten Weg bewahrt und die Gestalt des Todes trägt.
Anmerkung: Bhogine und mahāsatrāya folgen den gedruckten Verbesserungen. Die ungewöhnliche Opferbezeichnung wird wörtlich erhalten; mṛtyumūrti wird nicht in einen unbelegt „den Tod überwindenden“ Ausdruck geändert.
1.63
ḍākinyādimahāsaptayoginīvṛndamaṇḍalaiḥ |
saptādhārapade samyak pūjitāyā rūpiṇe || 1.63 ||
Verehrung dir, der an den sieben Stützpunkten von den Kreisen der sieben großen Yoginis, beginnend mit Dakini, in rechter Weise verehrt wird und Gestalt annimmt.
Anmerkung: Pūjitāyā rūpiṇe ist grammatisch uneben. Die Zahl sieben ist ausdrücklich belegt; sie wird nicht an eine andere Chakra-Zählung angepasst.
1.64
yoginīnāṃ catuḥṣaṣṭiḥ ṣaṇṇāṃ madhyanivāsine |
paramāmṛtasaṃtṛptasadbhāvānandamūrtaye || 1.64 ||
Verehrung dir, der inmitten der Yoginis wohnt, deren Zahl als vierundsechzig genannt wird; dir, dessen Gestalt die Freude des wahren Seins ist, gesättigt vom höchsten Nektar. Zugleich enthält die Zeile eine nicht sicher zuzuordnende Sechserzahl.
Anmerkung: Ṣaṇṇām folgt dem fraglichen Druckvorschlag zu ṣaṇā. Vierundsechzig und sechs werden nicht zu einer einzigen ungeprüften Yogini-Systematik verbunden.
1.65
jīvanmuktapadaprāptikāraṇāmṛtadāyine |
bhaktānām akhilajñānapradānāsaktacetase || 1.65 ||
Verehrung dir, der den Nektar gewährt, durch den die Stufe der Befreiung zu Lebzeiten erreicht wird; dir, dessen Sinn darauf gerichtet ist, den Verehrenden umfassendes Wissen zu schenken.
1.66
svaprasādasamuktaṃ bhaktapātakarāśaye |
†svaprajāpyān† japyādi vighnakoṭivibhedine || 1.66 ||
Verehrung dir, dessen eigene Gnade mit der Aufhebung der angesammelten Verfehlungen seiner Verehrer verbunden wird und der Millionen Hindernisse der Rezitation und anderer Übungen durchbricht. Ein Teil der ersten Bestimmung und eine weitere Wortform sind nicht sicher verständlich.
Anmerkung: Der Alternativscan zeigt svaprasādasamu-ktaṃ mit einem Trennstrich, keine durch Punkte bezeichnete Lücke. Die Wortform samuktam bleibt unklar, ebenso das im Druck fraglich markierte svaprajāpyān. Ghna bei vighna ist im Druck ergänzt.
1.67
śrīśāṃbhavamahāśāstrapradhānasuradhenave |
kalpadrumāya bhaktānāṃ kāmitārthapradāyine || 1.67 ||
Verehrung dir, der die vorzügliche göttliche Wunschkuh der großen ehrwürdigen Shambhu-Lehre ist; dir, dem Wunschbaum, der den Verehrenden ihre ersehnten Ziele gewährt.
Anmerkung: Wunschkuh und Wunschbaum sind die ausdrücklich verwendeten Bilder des Lobpreises.
1.68
svaśaktimahima … ta paśupāśāya māyine |
ramaṇīyaguṇādhāramūrtaye liṅgamūrtaye || 1.68 ||
Verehrung dir, dem Träger der Maya, dessen eigene Shakti in Beziehung zu den Fesseln der gebundenen Wesen gesetzt wird; dir, dessen Gestalt die Grundlage lieblicher Vorzüge ist, der die Gestalt des Linga trägt. Die genaue Wirkung der Shakti fehlt in der ersten Zeile.
Anmerkung: Die Auslassung nach mahima ist bereits im Druck markiert. Ohne das fehlende Wort ist nicht gesichert, ob die Fesseln hier geschaffen, getragen oder gelöst werden.
1.69
bhairavāṣṭakarūpāya bhaktānāṃ bhayahāriṇe |
argalāhi mahāmantrarūpiṇe mantrabhedini || 1.69 ||
Verehrung dir, der die Gestalt der acht Bhairavas hat und den Verehrenden die Furcht nimmt; dir, der die Gestalt eines großen Mantras trägt und dessen Unterschiede oder Geheimnisse erschließt.
Anmerkung: Argalāhi folgt dem gedruckten Vorschlag zu aralāhi, bleibt aber als genauere Mantrabezeichnung unklar. Mantrabhedini wird vorsichtig im Sinn des Unterscheidens oder Erschließens übersetzt.
1.70
bālārkabimbamadhyottha sudhāvi … nasvaiḥ |
santārpitamahāmūrtibhedakoṭiśatātmane || 1.70 ||
Verehrung dir, dessen Wesen hundert Koti verschiedener großer Gestalten umfasst, die mit dem aus der Mitte der jungen Sonnenscheibe hervorgehenden Nektar gesättigt werden. Die genauere Beschreibung der Nektarströme ist lückenhaft.
Anmerkung: Bālārkabimba folgt der gedruckten Berichtigung; die Lücke nach sudhāvi steht im Druck, der Rest ist dort fraglich. Die Koti-Zahl gehört zum Lobpreis und ist keine Kapitel- oder Verszählung.
1.71
bhvādikūṭanyastajarākālamṛtyubhayātmane |
sādrikūṭamahādivyaniṣkalārūparūpiṇe || 1.71 ||
Verehrung dir, dessen Wesen mit Alter, Zeit und Todesfurcht in einer hier entstellten Wortverbindung genannt wird; dir, der eine große göttliche, ungeteilte Gestalt trägt, verbunden mit einer Berggipfel- oder Kuta-Bezeichnung.
Anmerkung: Der klarere Scan bestätigt bhvādikūṭa- und mṛtyu-. Ny, sādrikūṭa und divya folgen gedruckten Verbesserungen. Die genaue Beziehung der Kuta-Bezeichnungen zu Alter, Zeit und Todesfurcht bleibt unklar; ihre Wirkung wird nicht aus verwandten Mantralehren ergänzt.
1.72
krādikūṭamahābījatrayasaṃsthitaśodhine |
labdhasāmrājyavibhavaśrīvidyāyogacāriṇe || 1.72 ||
Verehrung dir, der durch die drei großen, in der mit kra beginnenden Kuta-Gruppe stehenden Bijas reinigt; dir, der im Yoga der Shri Vidya wandelt und die Herrlichkeit souveräner Herrschaft erlangt hat.
Anmerkung: Śodhine und labdhasāmrājya folgen den gedruckten Berichtigungen. Krādi ist die gedruckte Lautbezeichnung; sie wird nicht stillschweigend in kādi geändert. Śrīvidyā ist hier ausdrücklich genannt, doch die genaue Mantraform wird nicht ergänzt.
1.73
bhautikādimahāmūlavidyātrayasamarthine |
sadyaḥ saṃlabdhasadbhāvaparamānandaśāline || 1.73 ||
Verehrung dir, der die drei großen Wurzel-Vidyas, beginnend mit der Bhautika-Bezeichnung, wirksam macht; dir, der vom höchsten Glück des unmittelbar erlangten wahren Seins erfüllt ist.
Anmerkung: Samarthine und saṃlabdha folgen den Druckverbesserungen. Bhautika wird als technische Bezeichnung erhalten; die drei Vidyas sind hier nicht mit vollständigen Lautfolgen ausgeschrieben.
1.74
mahāśrīśāmbhavīdīkṣālabdhabrahmādisampade |
valipalitanāśaikamūrtaye ’mṛtadāyine || 1.74 ||
Verehrung dir, dem durch die große ehrwürdige Shambhavi-Einweihung die Fülle Brahmas und der weiteren göttlichen Mächte zuteilwird; dir, dessen Gestalt allein Falten und graues Haar vernichtet und Unsterblichkeitsnektar gewährt.
Anmerkung: Valipalita und a vor mṛta folgen den Druckverbesserungen. Die jugendliche Erneuerung ist ein Versprechen des Lobpreises.
1.75
gupta … varṇavidyālabdhasiddhiparāmṛtaiḥ |
hālāhalollolakalanaśamakāriṇe || 1.75 ||
Verehrung dir, der durch die höchsten Nektare der Siddhi, erlangt aus einer verborgenen Laut-Vidya, das Aufwallen des Halahala-Giftes befriedet.
Anmerkung: Die nähere Laut- beziehungsweise Zahlenbezeichnung vor varṇavidyā ist im Scan verblasst; eine sichere Silbenzahl wird nicht behauptet. Hālāhalollola folgt der deutlich gedruckten Berichtigung.
1.76
divyāmṛta … candrapūjitavigrahe |
jarāmaraṇārtidāriṇe pāpahāriṇe || 1.76 ||
Verehrung dir, dessen Gestalt mit göttlichem Nektar, Mond und Verehrung beschrieben wird; dir, der die Qual von Alter und Tod zerreißt und Verfehlung hinwegnimmt.
Anmerkung: Jarāmaraṇārtidāriṇe ist im klareren Scan lesbar. Mehrere Buchstabengruppen der ersten Zeile bleiben auch dort verblasst; deren genauer Zusammenhang bleibt unübersetzt.
1.77
śrīśāmbhavāmṛtāsvāda … yogakalevare |
vilīnapātakavrātahāriṇe paramāṇave || 1.77 ||
Verehrung dir, dem höchsten winzigen Wesen, dessen Yogakörper mit dem Genuss des ehrwürdigen Shambhu-Nektars verbunden ist; dir, der die Masse der sich auflösenden Verfehlungen hinwegnimmt.
Anmerkung: Die Verbindung vor yogakalevare ist im Scan verblasst. Paramāṇu kann das kleinste Teilchen oder eine äußerste Feinheit bezeichnen; „höchstes winziges Wesen“ bewahrt hier den Zusammenhang des Lobpreises, ohne eine moderne Atomtheorie zu unterstellen.
1.78
mahādhāmāgra … †tyadhra madhyavāsipaṭāṅghiṇe† |
mahārasāyanāsvādāmṛtapūtamahātmanī || 1.78 ||
Verehrung dir, dessen erste Bestimmung einen großen Licht- oder Aufenthaltsraum nennt, aber nicht zuverlässig lesbar ist; dir, dessen großes Wesen durch den Nektar des Genusses des großen Rasayana gereinigt ist.
Anmerkung: Die erste Zeile enthält eine gedruckte Lücke und weitere unsichere Lesungen. Auch die Endung mahātmanī bleibt auffällig. Eine konkrete Topografie oder Gottheitsgestalt wird nicht ergänzt.
1.79
mahāvyādhimahāmṛtyumahāpalitadāriṇe |
sarvāvayavasaundaryaguṇaśṛṅgāraveṣiṇe || 1.79 ||
Verehrung dir, der schwere Krankheit, großen Tod und starkes Ergrauen durchbricht; dir, dessen Erscheinung mit der Schönheit und den Vorzügen aller Körperglieder geschmückt ist.
Anmerkung: Śṛṅgāra folgt dem gedruckten Ersatz für saṃhārṇa. Palita bezeichnet graues Haar; die ungewöhnliche Steigerung bleibt im Deutschen erkennbar.
1.80
namas te paramānandarūparūpāya śambhave |
mahābhūtapiśācādibhayaharte mahātmane || 1.80 ||
Verehrung dir, Shambhu, dessen Gestalt die Gestalt höchsten Glücks ist; dir, der die Furcht vor mächtigen Geisterwesen, Pishachas und anderen Wesen nimmt, der großen Seele.
Anmerkung: Harte folgt der gedruckten Korrektur zu hantrai. Die religiöse Wesenwelt wird als Bestandteil des Lobpreises wiedergegeben.
1.81
mahotpātamahāghoraduḥkhaghnabhayanāśine |
namas te kṣetrapālāya lokarakṣāvidhāyine || 1.81 ||
Verehrung dir, der große Unheilszeichen, schreckliches Leiden und Furcht vernichtet; dir, dem Hüter des heiligen Ortes, der den Schutz der Welt bewirkt.
Anmerkung: Das lange Kompositum verbindet mehrere Bedrohungen; seine Binnenbezüge sind sprachlich uneben, die Schutzfunktion ist klar erkennbar.
1.82
guptācāraguhāṃ prāṇagrasanāsaktacetase |
śrīmatsamayasanmārgapālakānāṃ mahātmanām || 1.82 ||
Verehrung dir, dessen Sinn auf das Verschlingen von Leben gerichtet ist; der genaue Zielbegriff im Zusammenhang mit der verborgenen Praxis bleibt unklar. Der anschließende Satz nennt die großen Seelen, welche die ehrwürdigen Verpflichtungen und den rechten Weg bewahren.
Anmerkung: Guptācāraguhām ist sprachlich unklar. Eine Lesung mit druh, „verletzen“, wäre denkbar, wurde aber nicht an einem zweiten Zeugen geprüft. Daher wird kein bestimmter Personenkreis als Ziel des Verschlingens ergänzt. Der Genitiv der zweiten Zeile setzt sich in Vers 83 fort.
1.83
mahāsāmrājyasaubhāgyayogavṛddhipradāyine |
śaktyāliṅgitadevāya śambhave sakalātmane || 1.83 ||
Verehrung dir, der große Herrschaft, glückliche Fülle und das Wachsen des Yoga schenkt; dir, dem von Shakti umarmten Gott, Shambhu, dessen Wesen alles umfasst.
Anmerkung: Der Genitiv der großen Seelen aus Vers 82 kann als Empfänger dieser Gaben angeschlossen werden. Die Umarmung durch Shakti ist ausdrücklich im Wortlaut genannt.
1.84
namaḥ śivābhyām iṣṭā phaladābhyāṃ yatātmane |
śrīmanmaheśvarajñānapālakābhyāṃ namo namaḥ || 1.84 ||
Verehrung dem göttlichen Shiva-Paar, das die ersehnten Früchte gewährt; Verehrung der gesammelten Gestalt! Wieder und wieder Verehrung dem Paar, das das ehrwürdige Wissen Maheshvaras bewahrt.
Anmerkung: Die Doppelanrede śivābhyām steht neben dem Singular yatātmane. Der Druck bietet zu iṣṭā einen unvollständigen Verbesserungsvorschlag. Die Wortfolge wird nicht zu einem grammatisch glatten neuen Sanskritvers umgestaltet.
1.85
evaṃ stutaḥ śivaḥ śāntaḥ prāptenānena yoginā |
prasādāt tu mukhaṃ prāha varaṃ ca pradadau tadā || 1.85 ||
So von diesem zu ihm gelangten Yogi gepriesen, sprach der friedvolle Shiva gütig zu ihm und gewährte ihm eine Gunst.
Anmerkung: Stutaḥ, śāntaḥ und mukhaṃ folgen den Druckverbesserungen. Mukhaṃ prāha, wörtlich „er sprach das Gesicht“, ist uneben; die Übersetzung versteht darin die mündliche Antwort, ohne einen neuen Sanskritausdruck einzusetzen.
1.86
†na caivaṃ hyāha† taṃ śāstraṃ suguptaṃ bhavatā śrutaṃ |
tadārabhya divārātraṃ niyatam atandrataḥ || 1.86 ||
„Du hast diese streng verborgene Lehre gehört. Von nun an soll sie Tag und Nacht beständig und ohne Nachlässigkeit deine Hinwendung bestimmen.“ Der einleitende Ausdruck ist beschädigt.
Anmerkung: Suguptam, tadārabhya, divārātraṃ und niyatam atandrataḥ folgen gedruckten Berichtigungen. Ein ausdrückliches Verb für die Übung fehlt; die deutsche Fassung erschließt den Mahnungszusammenhang. Der Druck versieht den Anfang mit einem Fragezeichen.
1.87
bhaviṣyāmi tato yogī loke ’smin hy ajarāmaraḥ |
ātmavantaṃ mahātmānaṃ śiṣyaṃ kṛtvā jitendriyam || 1.87 ||
„Dann werde ich in dieser Welt ein Yogi sein, frei von Alter und Tod. Nimm einen in sich gefestigten, großherzigen Schüler an, der seine Sinne bezwungen hat.“
Anmerkung: Der Druck liest bhaviṣyāmi, „ich werde“, obwohl im Redekontext eine Aussage über Matsyendra zu erwarten wäre. Diese Personabweichung wird nicht stillschweigend zu „du wirst“ verbessert. Tato und yogī folgen Druckvorschlägen.
1.88
brūhi guhyam idaṃ śāstraṃ asmin loke yathā bhavet |
matprasādāc ca te siddhir bhaviṣyaty ajarāmarā || 1.88 ||
„Lehre diese geheime Schrift, damit sie in dieser Welt weiterbesteht. Durch meine Gunst wird dir die Vollendung zuteil, die frei von Alter und Tod ist.“
Anmerkung: Ajarāmarā folgt der gedruckten Endungskorrektur. Der Schüler aus Vers 87 ist der Empfänger der Unterweisung.
1.89
yasmāt tvam iha matsyasya madhyadeśāt samudgataḥ |
tasmān matsyendranāthākhyo bhaviṣyasi jagattraye || 1.89 ||
„Weil du hier aus dem Inneren eines Fisches hervorgekommen bist, wirst du in den drei Welten den Namen Matsyendranatha tragen.“
Anmerkung: Tvam folgt der gedruckten Berichtigung. Dies ist die ausdrückliche Namenserklärung innerhalb der Erzählung, kein Nachweis einer historischen Biografie.
1.90
yad idaṃ vyāhṛtaṃ stotraṃ tvayā yogavidāṃ vara |
japatāṃ yogasaṃsiddhiṃ dadāmi varṣatrayāt || 1.90 ||
„Bester der Yogakenner, denjenigen, die diesen von dir gesprochenen Lobpreis rezitieren, gewähre ich nach drei Jahren die Vollendung des Yoga.“
Anmerkung: Vara folgt der gedruckten Vokativkorrektur. Der Druck schlägt vatsara für varṣa vor; beide bezeichnen hier ein Jahr. Die Dreijahresfrist bleibt als Aussage der Schrift erhalten.
1.91
ity uktvā antarhitaḥ śambhuḥ saha devyā trilocana |
yogimatsyendranātho ’pi yathā bhagavato divam || 1.91 ||
Nach diesen Worten verschwand der dreiäugige Shambhu gemeinsam mit der Göttin. Auch der Yogi Matsyendranatha richtete sich nach dem Erhabenen; der genauere Anschluss der zweiten Zeile ist entstellt.
Anmerkung: Uktvā, antarhitaḥ und divam folgen gedruckten Verbesserungen. Divam bedeutet „Himmel“ oder „Tag“ und passt hier nicht eindeutig; es wird nicht als gesicherte Lesung für „Anweisung“ ausgegeben.
1.92
kṛtvā yasya samārādhya guhyācāravidhānavit |
†tvad bhedā rasikāṃ† siddhiṃ devair api sudurlabhām || 1.92 ||
Als Kenner des verborgenen Ritualverfahrens vollzog er Verehrung und erlangte offenbar eine selbst für die Götter schwer zugängliche Siddhi. Ihre genauere Bezeichnung ist im zweiten Halbvers entstellt.
Anmerkung: Guhyācāra folgt der gedruckten Berichtigung. Kṛtvā yasya und tvad bhedā rasikām lassen keinen sicheren vollständigen Satzbau zu; das Erlangen ergibt sich nur aus dem Erzählzusammenhang.
1.93
tataḥ śambhor vacaḥ śrutvā lokānugrahakāmyayā |
medinīṃ paricakrāma †vidhinūn† śiṣyam ātmanaḥ || 1.93 ||
Nachdem er Shambhus Wort gehört hatte, wanderte er auf der Erde umher, um der Welt Gunst zu erweisen und einen Schüler für sich zu finden.
Anmerkung: Vidhinūn ist im Druck mit Fragezeichen versehen. Die Suche nach einem Schüler ergibt sich aus śiṣyam ātmanaḥ und dem folgenden Vers; das beschädigte Verb selbst bleibt nicht sicher übersetzbar.
1.94
sa loke nāsasādaikaṃ śiṣyam ātmaguṇopamaṃ |
yadā na lebhe sarvajñaṃ śiṣyaṃ yogavidāṃ varaḥ || 1.94 ||
In der Welt fand er keinen einzigen Schüler, der ihm an Vorzügen gleichkam. Als der Beste der Yogakenner keinen allwissenden Schüler gewinnen konnte, setzte er seine Wanderung fort.
Anmerkung: Der letzte deutsche Satzanschluss nimmt die Handlung des folgenden Verses auf. Die Verneinung in loke nāsasāda bleibt erhalten.
1.95
yad evaṃ vyāhṛtaṃ vācā paricakrāma bhūtale |
ādhimṛtyumahāgrāhagrastam etac carācaram || 1.95 ||
Während er auf der Erde umherwanderte, sprach er: „Diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt ist von dem großen Wassertier des seelischen Leidens und des Todes verschlungen!“
Anmerkung: Die grammatisch unebene Einleitung wird als Erzähleranschluss verstanden. Das Wassertier greift das ausdrücklich in der Rahmenerzählung verwendete Bild wieder auf.
1.96
vidyamāne ’mṛte divye śambhuprokte sudurlabhe |
ity †udghair udirtv↠cā caraty eva divāniśam || 1.96 ||
„Und doch ist der göttliche, schwer zugängliche Nektar vorhanden, den Shambhu verkündet hat!“ Es folgt eine entstellte Ausdrucksform über das Ausrufen dieser Worte; er wandert Tag und Nacht weiter.
Anmerkung: Die zweite Zeile wird im Alternativscan vorläufig als ity udghair udirtvā cā caraty eva abgelesen; tvā ist ein gedruckter Ersatz. Die Ausdrucksform vor carati lässt sich grammatisch nicht sicher auflösen. Der erkennbare Fortgang der Erzählung ersetzt deshalb keine Einzelübersetzung der gestörten Wörter.
1.97
tataḥ kālena mahatā colo rājā mahāyaśāḥ |
suśrāva tasya tāṃ vāṇīṃ durjñeyaṃ budhaiḥ janaiḥ || 1.97 ||
Nach langer Zeit hörte der hochberühmte Chola-König jene Worte, die selbst verständige Menschen nur schwer ergründen konnten.
Anmerkung: Colo folgt der ausdrücklichen Druckberichtigung zu voto. Hier wird der Schüler als Chola-König eingeführt; der Name Goraksha steht an dieser Stelle nicht.
1.98
sa vivikte mahātmānaṃ matsyendraṃ yogināṃ varam |
abravīd bhūpatiḥ prītyā jijñāsas tasya kāraṇam || 1.98 ||
Der König sprach Matsyendra, den großherzigen Besten der Yogis, an einem abgelegenen Ort freundlich an. Er wollte den Grund seiner Worte erfahren.
Anmerkung: Der Schlusskonsonant von abravīt und bhū bei bhūpati sind im Druck ergänzt. Jijñāsas ist eine unebene Form, deren Fragesinn im Zusammenhang klar ist.
1.99
kas tvaṃ prākṛtaveṣeṇa cariṣy anamaropamaḥ |
kā tvayā gīyate gāthā śambhuproktā ca kā śubhā || 1.99 ||
„Wer bist du, der du in gewöhnlicher Kleidung umherziehst und doch einem Unsterblichen gleichst? Welchen Vers singst du, und welche heilsame Lehre hat Shambhu verkündet?“
Anmerkung: Kas tvam, cariṣy, tvayā und śubhā folgen gedruckten Verbesserungen. Anamaropamaḥ ist im Druck fraglich; der Vergleich mit einem Unsterblichen bleibt eine vorsichtige Deutung.
1.100
śrotum icchāmi te guhyaṃ śrotavyaṃ yadi sattama |
ity uktaḥ sa mahāyogī colena dharaṇībhujā || 1.100 ||
„Ich möchte dein Geheimnis hören, bester Mensch, wenn es für mich zu hören bestimmt ist.“ So wurde der große Yogi vom Chola-König angesprochen.
Anmerkung: Guhyam und uktaḥ folgen den gedruckten Berichtigungen. Die Bitte setzt eine zulässige Unterweisung innerhalb des Textes voraus.
1.101
provācainaṃ ta vaktavyaṃ guhyaṃ rājakulodbhavam |
kālena te pravakṣyāmīty uktvāntaradhīyata || 1.101 ||
Er antwortete dem aus königlichem Geschlecht Stammenden: „Dieses Geheimnis … Zu gegebener Zeit werde ich es dir erklären.“ Nach diesen Worten verschwand er.
Anmerkung: Ta vor vaktavyam ist im Druck mit Fragezeichen versehen; ob hier eine Verneinung fehlt, lässt sich nicht sicher entscheiden. Te, pravakṣyāmīty uktvāntar- und dhīyata folgen gedruckten Verbesserungen.
1.102
tasminn antarhite matsyanāthe colamahīpatiḥ |
cintāśokasamāviṣṭaḥ pradadhyau manasā ciram || 1.102 ||
Als Matsyanatha verschwunden war, verfiel der Chola-König in Sorge und Trauer. Lange sann er darüber nach.
Anmerkung: Tasminn antarhite, cintāśoka und samāviṣṭaḥ folgen den gedruckten Verbesserungen.
1.103
hā hanta khalv ayaṃ ko nu caraty etan mahītale |
kimarthaṃ yati rogataḥ kiṃ mayā prakṛtaṃ tasya || 1.103 ||
„Ach, wer ist dieser, der hier auf der Erde umherzieht? Warum …? Was habe ich ihm getan?“ Die mittlere Frage ist im Druck entstellt.
Anmerkung: Caraty etan folgt dem Druckvorschlag. Yati steht mit Fragezeichen; rogataḥ lässt sich hier nicht sicher einordnen. Die Frage wird nicht frei zu einem bestimmten Grund seines Verschwindens ergänzt.
1.104
nūnam eṣa svayaṃ śambhur athavā harir avyayaḥ |
nānyeṣām īdṛśo bhāvo bhaviṣyati kadācana || 1.104 ||
„Gewiss ist er Shambhu selbst oder der unvergängliche Hari. Bei anderen wird eine solche Erscheinung niemals vorkommen.“
Anmerkung: Bhāvo folgt der gedruckten Berichtigung. Hari bezeichnet hier Vishnu; die Identifikation ist eine Vermutung des Königs innerhalb der Erzählung.
1.105
kadā paśyāmy ahaṃ bhūyaḥ iti saṃcintya pārthivaḥ |
cintāṃ tīvrāṃ samāpede tad darśanasamutsukaḥ || 1.105 ||
„Wann werde ich ihn wiedersehen?“ Mit diesem Gedanken geriet der König in tiefe Sorge, voller Sehnsucht nach seinem Anblick.
Anmerkung: Die erste Wortfolge folgt dem gedruckten Berichtigungsvorschlag einschließlich des Visarga in bhūyaḥ. Die zusätzliche Endung wird jetzt auch in IAST und Devanagari erfasst.
1.106
punaś ca cintayāmāsa kālena mahatā tapaḥ |
guhyam etat pravakṣyāmīty uktvā ’ntarhitaḥ svayam || 1.106 ||
Wieder dachte er lange darüber nach: „Er selbst ist verschwunden, nachdem er gesagt hatte: Ich werde dieses Geheimnis erklären.“ Das zusätzliche Wort tapas lässt sich in der ersten Zeile nicht sicher einordnen.
Anmerkung: Die gedruckte Berichtigung stellt uktvā her. Die Formulierung wird nicht zu einer schon vollzogenen langjährigen Askese erweitert.
1.107
etad eva devānugrahaṃ mama sāmprataṃ |
ity uktvā niryayau rājā nagarād †ekapavasaḥ† || 1.107 ||
„Eben dies ist jetzt für mich göttliche Gunst.“ Mit diesen Worten verließ der König die Stadt; eine weitere Bestimmung seines Aufbruchs ist unklar.
Anmerkung: Devā und uktvā folgen den Druckverbesserungen. Ekapavasaḥ ist im Druck fraglich und wird nicht ohne Zeugen in „allein“ oder eine bestimmte Kleidungsvorschrift aufgelöst.
1.108
matsyendranāthaṃ yogīndraṃ draṣṭum icchan udāradhīḥ |
cacāra †sacāram etāṃ† avadhūtaḥ śivaḥ svayam || 1.108 ||
Der hochgesinnte König wollte Matsyendranatha, den Herrn der Yogis, sehen. Er wanderte als Avadhuta umher, wie Shiva selbst. Eine nähere Bezeichnung seines Wandergebiets ist sprachlich gestört.
Anmerkung: Matsyendranātham und sacāram etām folgen den Druckvorschlägen; letzterer bleibt unverständlich. Avadhuta bezeichnet einen von gewöhnlichen Bindungen gelösten Asketen.
1.109
tam eva manasā dhyāyan śākamūlakṣatāśanaḥ |
atha saṃvatsare pūrṇe gomante nāgasattame || 1.109 ||
Er dachte in seinem Herzen nur an ihn und ernährte sich von Blattgemüse und Wurzeln; eine weitere Nahrungsbezeichnung ist unsicher. Als ein Jahr vergangen war, befand er sich am vorzüglichen Berg Gomanta.
Anmerkung: Kṣatā im Nahrungskompositum ist im Druck mit Fragezeichen versehen. Nāga wird hier im Ortszusammenhang als Berg verstanden; eine moderne geografische Identifikation Gomantas wird nicht behauptet.
1.110
kadācit … ṣā tapto rājā saṃśayam āgataḥ |
śrameṇa mahatā yuktaḥ tathā tatva mahītale || 1.110 ||
Eines Tages wurde der König von einer hier nicht erhaltenen Bedrängnis gequält und geriet in Zweifel oder Gefahr. Von großer Erschöpfung erfasst, befand er sich am Boden; die genaue Handlung ist nicht sicher lesbar.
Anmerkung: Die Lücke nach kadācit ist gedruckt. Saṃśaya folgt einer Berichtigung; tatva ist fraglich. Durst, Hunger oder ein Sturz werden nicht als gesicherte Ursache ergänzt.
1.111
tato matsyendranātho ’pi … prāptaṃ narādhipaṃ |
vismāpayan jagāmāśu rūpavibhu tiraskṛtam || 1.111 ||
Darauf kam Matsyendranatha rasch zu dem König und versetzte ihn in Staunen. Die Beschreibung des Zustands des Königs und der dabei gezeigten Gestalt ist lückenhaft beziehungsweise entstellt.
Anmerkung: Die Lücke vor prāptam steht im Druck; n bei vismāpayan ist ergänzt. Rūpavibhu ist fraglich markiert. Eine bestimmte Verkleidung oder Verwandlung wird hier nicht rekonstruiert.
1.112
narādhipaḥ tato madhī pūrṇakalāpabhṛt |
śriyā kadācit hy anupātaiḥ śucir vṛtaḥ || 1.112 ||
Der Vers nennt den König, eine Fülle von Teilen oder Kräften, Glanz und reine Begleitung. Wegen der gestörten Satzgestalt lässt sich nicht sicher bestimmen, wem welche Erscheinung zugeschrieben wird.
Anmerkung: Narādhipaḥ und śriyā folgen Druckvorschlägen; t ist bei kadācit ergänzt. Madhī ist fraglich markiert. Eine ausformulierte Szene würde über den gesicherten Text hinausgehen.
1.113
†mahālacumad↠khyāto pūrṇamānākṣimaṇḍalaḥ |
prādurāsan surās tasya paurvāṃ gāthām udīrayan || 1.113 ||
Es folgt eine weitere unsichere Gestaltbeschreibung. Götter traten hervor; dabei wurde sein früherer Vers ausgesprochen.
Anmerkung: Prādurāsan folgt dem gedruckten Ersatz. Mahālacumadā ist fraglich; pūrṇamānākṣimaṇḍalaḥ lässt sich nicht sicher als Augen- oder Mondvergleich bestimmen. Das Subjekt von udīrayan stimmt nicht eindeutig mit surāḥ überein.
1.114
so ’pi dṛṣṭvā tadā prāptaṃ tañ ca veṣam aninditam |
āsāv iti ca vijñāya paridadhyau muhūrtakam || 1.114 ||
Auch er sah den Angekommenen und dessen untadelige Erscheinung. Als er erkannte: „Er ist es!“, sann er einen Augenblick nach.
Anmerkung: Tañ ca folgt dem Druckvorschlag. Āsāv iti wird im Zusammenhang der Wiedererkennung als die Demonstrativform asāv iti verstanden, „er ist es“. Der Druck hat jedoch ein langes Anfangs-ā und ein Fragezeichen; diese unregelmäßige Form wird im Sanskrit unverändert bewahrt. Die Übersetzung benennt jetzt den erkennbaren Pronominalbezug, ohne eine neue Handschriftenlesung zu behaupten. Sensharma 1994, Sanskritseite 11, Alternativscan PDF 90, erneut am Seitenbild geprüft.
1.115
nindite tatsvarūpeṇa mohaṃ viṣyati mām ayam |
tasmād itaṃ mokṣyāmi vandanīyaś ca sarvathā || 1.115 ||
„Dieser verwirrt mich durch seine Gestalt … Er ist in jeder Hinsicht zu verehren.“ Der Zusammenhang der abwertenden Gestaltbeschreibung und der dazwischenstehenden Entschließung bleibt im Druck unklar.
Anmerkung: Viṣyati, mām ayam und tasmād itam sind fraglich markiert. Aus mokṣyāmi wird keine konkrete Entschließung wie Festhalten, Freilassen oder Entsagen rekonstruiert.
1.116
ity uktvotthāya tatpādau gṛhītvā vākyam abravīt |
kas tvaṃ me brūhi tattvena tṛpto ’haṃ tava sāmpratam || 1.116 ||
Nach diesen Worten erhob er sich, ergriff dessen Füße und sprach: „Wer bist du? Sage es mir wahrheitsgemäß. Durch dich bin ich jetzt erfüllt.“
Anmerkung: Uktvā folgt dem gedruckten Berichtigungsvorschlag. Die wörtliche Fügung „ich bin durch dich gesättigt“ wird als Erfüllung wiedergegeben.
1.117
tvaddarśanam abhīcchatrai paye … tvā mahīm imām |
kathañcid †amahadrākṣaṃ† tvaṃ ca me tiraskṛtaḥ || 1.117 ||
„Ich begehrte deinen Anblick und durchwanderte diese Erde. Irgendwie habe ich dich gesehen“ – die Verbform ist im Druck gestört. „Und du wurdest von mir zurückgewiesen.“ Die erste Zeile enthält weitere beschädigte und fehlende Wörter.
Anmerkung: Der Druck enthält eine Lücke und mehrere Fragezeichen. Der vergrößerte Alternativscan zeigt nach kathañcid die bislang unzureichend erfasste Folge amahadrākṣaṃ; insbesondere das sichtbare ma wird nun bewahrt. Die Form bleibt mit Cruces bezeichnet und wird nicht stillschweigend zu aham adrākṣam verbessert. Im Schluss lässt sich tvaṃ ca me tiraskṛtaḥ dagegen syntaktisch als „und du wurdest von mir zurückgewiesen“ verstehen: tvaṃ ist das Subjekt, me die beim passiven Partizip mögliche Genitivangabe des Handelnden. Das gedruckte Fragezeichen bleibt als Lesungsproblem dokumentiert; eine bestimmte Art der Zurückweisung wird nicht ergänzt. Sensharma 1994, Sanskritseite 11, Alternativscan PDF 90, einschließlich Vergrößerung erneut geprüft.
1.118
kim etad iti vijñānaṃ naiva śaknomi cintayan |
brūhi me tava vṛttāntaṃ kas tvaṃ prakṛtarūpavān || 1.118 ||
„Was dies bedeutet, vermag ich trotz Nachdenkens nicht zu erkennen. Erzähle mir deine Geschichte: Wer bist du in deiner eigentlichen Gestalt?“
Anmerkung: Śaknomi und kas tvam folgen Druckverbesserungen. Brūhi, „erzähle/sage“, steht deutlich im Alternativscan und wird nachgetragen. Der frühere Hinweis auf ein fehlendes Verb beruhte auf einer Auslassung der Erfassung, nicht auf einer Lücke des Drucks.
1.119
ity uktaḥ sāntvayitvā enaṃ samyak pṛṣṭaṃ dvijena |
vivikte sābhiṣiktāṃ ca vidyāṃ datvā mahāśayāḥ || 1.119 ||
So angesprochen, beruhigte er ihn und vermittelte ihm an einem abgelegenen Ort die Vidya zusammen mit der Einweihung.
Anmerkung: Sābhiṣiktām folgt dem fraglichen Druckvorschlag. Dvijena, „durch einen Brahmanen“, und die Pluralform mahāśayāḥ fügen sich nicht eindeutig in die Szene ein; diese Bestandteile bleiben ungeklärt.
1.120
yogitvaṃ pradadau tasmai samyak proktena karmaṇā |
yadā yogatāpāsta paśupāśo mahāyatiḥ || 1.120 ||
Durch die vorschriftsgemäß erklärte Handlung verlieh er ihm das Yogisein. Als der große Asket durch die Hitze oder Kraft des Yoga die Fesseln des gebundenen Wesens abgelegt hatte, konnte die Unterweisung beginnen.
Anmerkung: Tāpā folgt dem Druckersatz zu mṛta; y ist bei mahāyatiḥ ergänzt. Yogatāpāsta ist sprachlich uneben, lässt aber die Verbindung von Yoga und Beseitigung der Fesseln erkennen.
1.121
tadāsya kathayāmāsa śāmbhavaṃ śāstram uttamam |
śrutaṃ mayā śambhumukhāt śāstrasāraṃ sudurlabham || 1.121 ||
Da erklärte er ihm die höchste Shambhu-Lehre: „Ich habe aus Shambhus Mund den schwer zugänglichen Kern der Lehrschriften gehört.“
Anmerkung: Mit dieser Rede beginnt die Weitergabe der zuvor belauschten Unterweisung an den König.
1.122
kathyamānaṃ maheśānyai yac chṛṇu samāhitaḥ |
śivena ca samākhyātaṃ sacchiṣyāyedam uttamam || 1.122 ||
„Höre gesammelt, was der großen Herrin erklärt wurde. Diese höchste Lehre wurde von Shiva verkündet und ist für einen würdigen Schüler bestimmt.“
Anmerkung: Die Kasus- und Satzverbindung bleibt uneben; die Vermittlung von Shiva über Matsyendra an den Schüler ist ausdrücklich erkennbar.
1.123
mayā proktaṃ na vaktavyaṃ lokānugrahakāraṇāt |
tvaṃ cec chrutvā samabhyasya śāstraṃ śāmbhavam uttamam || 1.123 ||
„Was ich dir erkläre, soll nicht unterschiedslos weitererzählt werden; es steht im Zusammenhang mit der Gunst für die Welt. Wenn du die höchste Shambhu-Lehre gehört und gründlich geübt hast, folgt die beschriebene Verwirklichung.“
Anmerkung: Samabhyasya folgt dem Druckvorschlag. Na vaktavyam, „es soll nicht gesagt werden“, steht tatsächlich im Text und wird nicht entfernt. Der genaue Anschluss von lokānugrahakāraṇāt ist offen; „unterschiedslos“ erläutert den vorangehenden Bezug auf geeignete Schüler, steht aber nicht als eigenes Sanskritwort da.
1.124
†mumahāyogasāmrājyaṃ† labdhvā jitvā jarāmaraḥ |
śāstrāṇām amṛtaṃ sarveṣāṃ sarvajñena śivena ca || 1.124 ||
„Du erlangst die große Souveränität des Yoga und überwindest Alter und Tod. Diese Lehre ist der Nektar aller Lehrschriften und stammt vom allwissenden Shiva.“
Anmerkung: Jitvā folgt der Druckkorrektur. Der Beginn mu- und jarāmaraḥ sind beschädigt; die Übersetzung gibt den erkennbaren Sinn wieder, ohne diese Formen als gesichert aufzulösen. Der zweite Satz setzt sich in Vers 125 fort.
1.125
matpraṇītam amalaṃ śāstraṃ tatpramāṇaṃ na saṃśayaḥ |
yadi ced apramāṇaṃ syāt śāstraṃ sarvatra cākhilam || 1.125 ||
„Die von mir verkündete reine Lehre ist eine gültige Erkenntnisgrundlage, daran besteht kein Zweifel. Wäre diese ganze Lehre überall ungültig, müsste die folgende Frage gestellt werden.“
Anmerkung: M bei amalam und sarvatra folgen Druckverbesserungen. Der Wechsel von Shivas Verkündigung in Vers 124 zur ersten Person mat- bleibt im Wortlaut erhalten; die Sprecherperspektive ist nicht ganz eindeutig.
1.126
kiṃ pramāṇaṃ jagaty asmin dṛśyate śāstrakoṭiṣu |
pramāṇaṃ śāmbhavaśāstraṃ pravadanti vipaścitaḥ || 1.126 ||
„Welche gültige Erkenntnisgrundlage wäre dann in dieser Welt unter den Millionen Lehrschriften zu finden? Die Einsichtigen bezeichnen die Shambhu-Lehre als solche Erkenntnisgrundlage.“
Anmerkung: Pramāṇa wird hier erkenntnistheoretisch als gültige Erkenntnisgrundlage übersetzt. Die Vorrangbehauptung gehört zur Selbstdarstellung der Schrift.
1.127
tasmāj jñeyam idaṃ śāstraṃ guruvaktrāt sudurlabham |
yogavidyāvihīnānāṃ paśūnām asurātmanām || 1.127 ||
„Darum soll man diese schwer zugängliche Lehre aus dem Mund eines Gurus kennenlernen. Denen aber, die ohne Yoga-Wissen sind und als gebundene Wesen von dämonischer Gesinnung beschrieben werden, soll sie nicht mitgeteilt werden.“
Anmerkung: Paśūnām folgt der gedruckten Vokalkorrektur. Das Mitteilungsverbot folgt ausdrücklich in Vers 129; die historische abwertende Fremdbezeichnung wird als Aussage der Schrift wiedergegeben.
1.128
bahirmukhānāṃ tannindāmānasānāṃ durātmanām |
guhyācāradruhāṃ tarkabhedavādopasevinām || 1.128 ||
„Ebenso wenig den nach außen Gewandten, deren Sinn auf ihre Schmähung gerichtet ist, den Böswilligen, den Verletzern der verborgenen Praxis und denen, die sich trennenden Streitreden hingeben.“
Anmerkung: Die Genitivreihe setzt das Verbot aus Vers 127 fort. Tarkabhedavāda wird als polemische Bezeichnung der Schrift für bestimmte Streit- und Unterscheidungsreden verstanden; es ist keine heutige Ablehnung wissenschaftlicher Prüfung.
1.129
śambhuprasādahīnānāṃ tatsaparyāvirodhinām |
na vaktavyam idaṃ śāstraṃ gopyaṃ śrīśambhubhāṣitam || 1.129 ||
„Denen, die ohne Shambhus Gunst sind und seiner Verehrung entgegenstehen, soll diese verborgene, vom ehrwürdigen Shambhu gesprochene Lehre nicht mitgeteilt werden.“
Anmerkung: Hier steht das ausdrückliche Prädikat zu den Personenlisten in Vers 127–128.
1.130
nedaṃ lākṣaṇikaṃ śāstraṃ paśudhīvṛddhigocaram |
guruprasādato labhyaṃ nopahāsyaṃ hi sāttvikaiḥ || 1.130 ||
„Diese Lehre ist keine bloß durch äußere Kennzeichen bestimmte Lehre und kein Gegenstand der sich ausweitenden Erkenntnis gebundener Wesen. Sie wird durch die Gunst des Gurus erlangt und soll von Menschen reiner Gesinnung nicht verspottet werden.“
Anmerkung: Nopahāsyam folgt dem gedruckten Vorschlag. Lākṣaṇika und paśudhīvṛddhigocara sind mehrdeutig; die Übersetzung bewahrt die Abgrenzung der Schrift, ohne daraus ein allgemeines Verbot vernünftiger Untersuchung abzuleiten.
1.131
na saṃsadi vadet enaṃ satām api kadācana |
vijaneṣu pravaktavyam ity ājñā pārameśvarī || 1.131 ||
„Man soll sie niemals in einer Versammlung vortragen, selbst nicht in einer Versammlung guter Menschen. An abgelegenen Orten soll sie gelehrt werden: So lautet der Befehl des höchsten Herrn.“
Anmerkung: Vadet enam und vijaneṣu folgen gedruckten Berichtigungen. Die Geheimhaltung gehört zum historischen Einweihungsrahmen.
1.132
taṃ ca śrutvā idaṃ śāstraṃ samyag abhyasya yatnataḥ |
colendranātha nāmā tvaṃ bhaviṣyasi yogirāṭ || 1.132 ||
„Wenn du diese Lehre gehört und mit Sorgfalt richtig geübt hast, wirst du den Namen Cholendranatha tragen und ein König der Yogis sein.“
Anmerkung: Colendranātha nāmā ist im Druck fraglich markiert, der Namensbestandteil aber lesbar. Er wird nicht durch den aus anderen Überlieferungszusammenhängen bekannten Namen Goraksha ersetzt.
1.133
purā mahārṇavamadhye tu dvīpavarye maheśvaram |
papraccha parameśānī vivikte śṛṇvato tam || 1.133 ||
„Einst fragte die höchste Herrin Maheshvara an einem abgeschiedenen Ort auf einer vorzüglichen Insel mitten im großen Meer. Ich hörte dabei zu.“
Anmerkung: Arṇava ist im Druck ergänzt. Śṛṇvato tam ist syntaktisch uneben; die deutsche Ich-Perspektive folgt Matsyendras ausdrücklich erzählter Zeugenschaft.
1.134
tat te vakṣyāmy ahaṃ sarvaṃ siddhānāṃ hitakāmyayā
tapo na sāro ’dhyayanaṃ na sāro
yajño ’tha dānapracayaṃ na sāra
sampatticaya na sāro
divyāgamo ’yaṃ khalu sārasāraḥ || 1.134 ||
„Dies alles werde ich dir erklären, aus dem Wunsch nach dem Wohl der Siddhas. Askese ist nicht das Wesentliche, Studium ist nicht das Wesentliche; Opfer und das Anhäufen von Gaben sind nicht das Wesentliche, auch nicht die Ansammlung von Reichtum. Dieser göttliche Agama ist wahrhaft der innerste Kern.“
Anmerkung: Die ungewöhnliche Druckgestalt mit einer einleitenden Langzeile und vier weiteren Zeilen bleibt erhalten; fehlende Halbverszeichen werden nicht ergänzt. Avagraha und ayaṃ folgen den Druckergänzungen. Die Vorrangbehauptung ist die abschließende Aussage der Schrift, keine heutige Abwertung von Studium oder Hilfsbereitschaft.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ prathamaḥ paṭalaḥ || 1 ||
So endet Kapitel 1 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 2: Rituelle Körperreinigung und innere Haltung
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 14–20.
|| dvitīyaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 2.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 93–99; Sanskritseiten 14–20.[6]
śrīdevy uvāca
Die ehrwürdige Göttin sprach:
2.1
jaya sarvajña viśveśa tryambakākhilavandita |
sarvāgamamahāśāstrasārajña parameśvara || 2.1 ||
Sei siegreich, Allwissender, Herr des Alls, Dreiäugiger, von allen Verehrter! Du kennst den innersten Gehalt aller großen Agama-Lehrwerke, höchster Herr.
Anmerkung: Parameśvara folgt der im Druck angegebenen Vokativkorrektur.
2.2
bhavatāṃ kathitaṃ śāstraṃ mayāśrāvi suvistarāt |
†tantrameṣu† ciraṃ śāstraṃ śāmbhavaṃ yogasādhanam || 2.2 ||
Ich habe die von dir ausführlich dargelegte Lehre gehört. Der folgende Halbvers nennt die Shambhu-Lehre als Weg zur Verwirklichung des Yoga; tantrameṣu und der Bezug von ciram („lange“) bleiben unsicher.
Anmerkung: Mayāśrāvi folgt der gedruckten Berichtigung zu mayā śrīvi. Tantrameṣu ist im Druck fraglich; ciram und der Satzanschluss lassen sich nicht sicher auflösen. Die frühere Formulierung „Nun spreche ich von“ war eine freie Überleitung ohne entsprechendes Verb im Sanskrit und wurde entfernt.
2.3
na ca vistarataḥ prokto idānīṃ vistarād vada |
aprakāśyaṃ mahāśāstram ity ādau proktavān svayam || 2.3 ||
Du hast diesen Gegenstand noch nicht ausführlich erklärt; sprich jetzt eingehend darüber. Zu Beginn hast du selbst gesagt, dass diese große Lehre nicht öffentlich bekannt gemacht werden soll.
Anmerkung: Der Vers führt die Bitte der Göttin fort. Er beschreibt den Überlieferungsrahmen des Textes.
2.4
deśo ’yaṃ nirjanaḥ śānto nirābādho ’pi dṛśyate |
yogasāraṃ mamācakṣva tasmād iha yathā tathā || 2.4 ||
Dieser Ort ist menschenleer, friedlich und frei von Störungen. Darum erkläre mir hier den Kern des Yoga so, wie er ist.
Anmerkung: Ayaṃ, śānto und ’pi folgen den gedruckten Verbesserungen beziehungsweise Ergänzungen.
2.5
dehaśuddhiḥ kathaṃ deva kathaṃ syād āsanakramaḥ |
prāṇāyāmaḥ kathaṃ proktaḥ pratyāhāraḥ kathaṃ bhavet || 2.5 ||
Wie geschieht die Reinigung des Körpers, o Gott? Wie ist die Folge der Asanas? Wie wird Pranayama gelehrt, und wie vollzieht sich der Rückzug der Sinne?
2.6
kathaṃ sādhāraṇo yogo dhyānayogaś ca kīdṛśaḥ |
kathaṃ śrīkuṇḍalinīyogaḥ triliṅgā cāpi kīdṛśī || 2.6 ||
Was ist der gewöhnliche Yoga, und wie ist der Yoga der Meditation beschaffen? Wie vollzieht sich der ehrwürdige Kundalini-Yoga, und was ist mit der dreifachen Linga-Gestalt gemeint?
Anmerkung: Kuṇḍalinī folgt dem Druckvorschlag zu kuṇḍalī. Triliṅgā steht in weiblicher Form; die Frage allein erlaubt noch keine sichere Bestimmung des zugehörigen Ritualbegriffs.
2.7
kāni kṣetrāṇi dehe ’smin kāni tīrthāni śaṅkaraḥ |
sarvasnānādhikasnānaṃ kaḥ paraḥ parameśvaraḥ || 2.7 ||
Welche heiligen Stätten befinden sich in diesem Körper, welche Pilger- und Übergangsorte, o Shankara? Welches ist das höchste Bad, das alle anderen Bäder übertrifft, o höchster Herr?
Anmerkung: Die gedruckten Anredeformen mit Visarga sind grammatisch uneben und werden im Sanskrit beibehalten.
2.8
kāpyauṣadhaprayogāni kiñ cid eva rasāyanam |
kathaṃ syāt pādukāsiddhir dehasiddhiḥ kathaṃ bhavet || 2.8 ||
Welche Anwendungen von Heilmitteln gibt es, und was ist Rasayana? Wie erlangt man die Vollendung der Sandalen, und wie kommt die Vollendung des Körpers zustande?
Anmerkung: Kāpyauṣadha folgt der gedruckten Berichtigung; du ist bei pādukā ergänzt. Pādukāsiddhi ist ein historischer Begriff für außergewöhnliche Fähigkeiten im Zusammenhang mit Sandalen; die hier nur gestellte Frage beschreibt noch kein Verfahren.
2.9
vetālasiddhiś ca kathaṃ kapālasya ca sādhanam |
katham añjanasiddhis syād yakṣiṇīsiddhir eva ca || 2.9 ||
Wie erlangt man die Siddhi eines Vetala, und wie führt man die Sadhana mit einem Schädel aus? Wie kommt die Siddhi durch Augensalbe zustande, und wie die Siddhi einer Yakshini?
Anmerkung: Vetala und Yakshini bezeichnen Wesen der historischen Ritualwelt. Die einzelnen Siddhis werden als Gegenstände der Frage erhalten und nicht in psychologische Symbole umgedeutet.
2.10
aṇimādiḥ kathaṃ deva yoginīmelanaṃ katham |
etāny eva tathānyāni bhavatā sūcitāni ca |
tāni sarvāṇi brūhi vistareṇa maheśvara || 2.10 ||
Wie entstehen die Fähigkeiten, beginnend mit dem Winzigwerden, o Gott, und wie geschieht die Begegnung mit den Yoginis? Diese und weitere Dinge hast du angedeutet. Erkläre sie mir alle ausführlich, o großer Herr.
Anmerkung: Drei Langzeilen im Druck. Der Visarga bei aṇimādiḥ ist dort als Zusatz verzeichnet.
śrīmaheśvaraḥ uvāca
Der ehrwürdige große Herr sprach:
2.11
śṛṇu devi pravakṣyāmi yogaśāstraṃ sudurlabham |
yena vijñānamātreṇa †bhairavā bhavitāni† ca || 2.11 ||
Höre, Göttin, ich werde die schwer zugängliche Yogalehre darlegen. Schon ihr Erkennen wird hier mit Bhairava verbunden; die genaue Aussage des zweiten Halbverses ist jedoch entstellt.
Anmerkung: Bhavitāni übernimmt den ausdrücklich fraglich gedruckten Ersatz für bhovitāni. Der Alternativscan bestätigt diese Buchstabenfolge; die Form und ihr Anschluss an bhairavā bleiben grammatisch unklar. Ein bestimmtes Verwandlungsversprechen wird nicht ergänzt.
2.12
dehaśuddhiṃ pravakṣyāmi tatrādau sarvasiddhaye |
na siddhir jāyate tena vinā varṣāyutair api || 2.12 ||
Zuerst werde ich darin die Reinigung des Körpers erklären, die allen Siddhis dient. Ohne sie entsteht nach dieser Lehre keine Siddhi, selbst in Zehntausenden von Jahren nicht.
2.13
tasmāt sarvaprayatnena dehaśuddhiṃ samācaret |
yena samyagāpūtātmā siddhiṃ pāramikāṃ labhet || 2.13 ||
Darum soll man sich mit ganzem Bemühen der Körperreinigung widmen. Durch sie erlangt der in rechter Weise gereinigte Übende die höchste Vollendung.
Anmerkung: Samyagāpūtātmā und pāramikām sind sprachlich ungewöhnliche Druckformen. Die Übersetzung folgt dem Reinigungs- und Vollendungskontext.
2.14
prātaḥ snātvā yathā nyāyaṃ bhasmanā salilena vā |
mantrasnānaṃ prakurvīta tad yathā śṛṇu pārvati || 2.14 ||
Nachdem man am Morgen vorschriftsgemäß mit Asche oder Wasser gebadet hat, soll man das Mantrabad vollziehen. Höre, Parvati, wie dies beschrieben wird.
Anmerkung: Baden mit Asche bezeichnet eine rituelle Reinigung; es wird nicht mit einem Wasserbad gleichgesetzt.
2.15
gṛhītvā dakṣiṇe haste jalaṃ culukamātrakam |
vāmāṅguṣṭhānāmayā ca spṛśan tena samāhitaḥ || 2.15 ||
Man nimmt eine Hohlhand voll Wasser in die rechte Hand und berührt es, innerlich gesammelt, mit Daumen und Ringfinger der linken Hand.
Anmerkung: Spṛśan tena folgt dem Druckvorschlag zu sparśa tena. Die Form anāmayā ist als Fingerbezeichnung uneben; die Übersetzung versteht die im Ritualkontext naheliegende Bezeichnung des Ringfingers, ohne den Sanskritwortlaut zu normalisieren.
2.16
sabindukair bhūtabījaiḥ pañcapraṇavasaṃyutaiḥ |
prajapet saptadhā devi mūlamantreṇa ca tridhā || 2.16 ||
Über dem Wasser soll man, o Göttin, die mit Bindu versehenen Element-Bijas, verbunden mit fünf Pranavas, siebenmal rezitieren und den Wurzelmantra dreimal.
Anmerkung: Die Zahlen fünf, sieben und drei stehen ausdrücklich im Text. Die einzelnen Element-Bijas und der Wurzelmantra sind hier nicht ausgeschrieben und werden nicht ergänzt.
2.17
vāmāṅguliśilāyogāj jalena saha dīpitam |
pātakaṃ prakṣiped vāme śivavajraśilopari || 2.17 ||
Die religiöse Verfehlung soll nach dieser Vorstellung zusammen mit dem Wasser fortgeschleudert werden, links auf den Shiva-Vajra-Stein. Die erste Wortverbindung beschreibt eine Berührung oder Verbindung mit den linken Fingern und einem Stein, bleibt aber sprachlich unklar.
Anmerkung: Der Druck ergänzt j vor jalena und berichtigt vajru zu vajra. Dīpitam bedeutet „entflammt“ beziehungsweise „zum Leuchten gebracht“; wie genau dies auf Wasser und Verfehlung bezogen wird, ist nicht sicher aufzulösen.
2.18
athācamya tvātmānaṃ doṣahatyādiśāntaye |
prokṣayen mūlamantreṇa tatpūtaṃ triḥ pibej jalam || 2.18 ||
Dann soll man das rituelle Wasserschlürfen vollziehen und sich unter dem Wurzelmantra besprengen, um Verfehlungen, Tötungsschuld und Ähnliches zu befrieden. Von dem dadurch gereinigten Wasser soll man dreimal trinken.
Anmerkung: Die Wortverbindung doṣahatyādi wird in ihrem religiösen Reinigungskontext übersetzt.
2.19
tataḥ svadeham ābhāvya mudrayā dhenurūpayā |
mūrdhādipādaparyantaṃ muktaśeṣaṃ punas tanum || 2.19 ||
Dann soll man den eigenen Körper vom Kopf bis zu den Füßen mithilfe der kuhförmigen Mudra vergegenwärtigen. Der Körper wird erneut als von den verbliebenen Belastungen befreit vorgestellt.
Anmerkung: Svadeham ābhāvya folgt der gedruckten Korrektur zu svadeham asnāvyā. Muktaśeṣam ist sprachlich auffällig; die deutsche Fassung bezeichnet vorsichtig den erkennbaren Reinigungssinn. Der Satz läuft in Vers 20 weiter.
2.20
paribhāvya ciraṃ devi bhūtabījais tathā punaḥ |
pāde guhye ca maune ca hṛdi mūrdhni sabindukaiḥ || 2.20 ||
Nachdem man diese Vorstellung längere Zeit aufrechterhalten hat, o Göttin, soll man erneut die mit Bindu versehenen Element-Bijas anordnen: an den Füßen, im Genitalbereich, am Herzen und am Scheitel; eine weitere Ortsangabe ist unklar.
Anmerkung: Mūrdhni folgt der Ergänzung zu mū. Maune bedeutet wörtlich „im Schweigen“ und ist in dieser Ortsliste nicht sicher verständlich; es wird nicht unbelegt durch Nabel oder Mund ersetzt.
2.21
vinyasya vyāpayet pañcatārasampuṭapūrvakaiḥ |
prajapec ca yathāśakti pañcapraṇavasampuṭāt || 2.21 ||
Nach dieser Anordnung soll man die Bijas den Körper durchdringen lassen, versehen mit einer Umrahmung durch fünf Tara-Laute. Man soll entsprechend dem eigenen Vermögen rezitieren, mit der Umrahmung durch fünf Pranavas.
Anmerkung: Sampuṭa bezeichnet das rituelle Einfassen einer Formel durch vor- und nachgestellte Laute. Die Passage schreibt keine zusätzliche vollständige Lautfolge aus.
2.22
evaṃ proktaṃ mayā devi karma tad aghamarṣaṇam |
anena snānamātreṇa gatāhorātripātakam || 2.22 ||
So habe ich, o Göttin, das Aghamarshana genannte Verfahren erklärt, das Abstreifen religiöser Verfehlung. Schon durch dieses Bad wird nach der Aussage des Textes die Verfehlung des vergangenen Tages und der vergangenen Nacht beseitigt.
Anmerkung: Aghamarṣaṇam folgt der gedruckten Buchstabenberichtigung. Im zweiten Halbvers fehlt das ausdrücklich ausgesprochene Prädikat.
2.23
sarvatīrthasthānapuṇyam āpnuyān nātra saṃśayaḥ |
bhasmasnānavidhiṃ vakṣye yena yogī malakṣayam || 2.23 ||
Man erlangt dadurch, so heißt es ohne Zweifel, das religiöse Verdienst aller heiligen Pilgerstätten. Nun werde ich das Verfahren des Aschebades erklären, durch das der Yogi die Auflösung seiner Unreinheit erlangt.
Anmerkung: Vidhiṃ folgt der gedruckten Kasuskorrektur. Das Prädikat zum zweiten Halbvers steht zu Beginn von Vers 24.
2.24
labhate sarvasiddhīnām ādhipatyam avāpnuyāt |
vāmahastatale bhasmaṃ gṛhītvā parameśvari || 2.24 ||
Dadurch erlangt er jene Reinigung und die Herrschaft über alle Siddhis. Für das folgende Verfahren soll man Asche in die linke Handfläche nehmen, o höchste Herrin.
Anmerkung: Der erste Satz schließt an Vers 23 an; die Handlungsbeschreibung setzt sich in Vers 25 fort.
2.25
saṃspṛśan dakṣahastena nyāsam evaṃ samācaret |
pañcatāraṃ samuccārya vyomendrānanabinduvat || 2.25 ||
Während man die Asche mit der rechten Hand berührt, soll man folgenden Nyasa ausführen: zuerst fünf Tara-Laute aussprechen, dann eine Bija, die durch die Bezeichnungen Raum, Indra, Gesicht und Bindu beschrieben wird.
Anmerkung: Saṃspṛśan folgt der gedruckten Berichtigung. Das Wort bīja folgt in Vers 26. Die Umschreibung wird nicht ohne zuverlässigen Schlüssel zu einer vermeintlich sicheren Lautform zurückgerechnet.
2.26
bījam uktā †nivṛtyaṃ† te pravedec ca kalātmane |
namo taṃ deva deveśi pādayoḥ parivinyaset || 2.26 ||
Nach der Bija soll man eine Formel aussprechen, in der offenbar Nivritti und „dem Wesen der Kala“ (kalātmane) genannt werden. Mit „Verehrung“ soll sie an den Füßen angeordnet werden, o Herrin der Götter.
Anmerkung: Nivṛtyaṃ ist im Druck mit Fragezeichen versehen; auch namo taṃ deva und pravedec ca sind uneben. Die genaue Mantraform ist nicht gesichert und wird nicht ergänzt.
2.27
catuḥ praṇavam uccārya vyomāmbuśaśidṛgyutam |
sabindukaṃ bījam uktvā pratiṣṭhā śabdam uccaret || 2.27 ||
Man soll vier Pranavas aussprechen, dann eine mit Bindu versehene Bija, beschrieben durch Raum, Wasser, Mond und Auge. Darauf soll das Wort „Pratishtha“ ausgesprochen werden.
Anmerkung: Die Bezeichnungen der Bija-Bestandteile werden übersetzt, aber nicht zu einer ungeprüften Mantrafolge aufgelöst.
2.28
kalātmane namo ’ntaṃ ca nābhau mantraṃ pravinyaset |
praṇavatrayam uccārya kaṇṭhe †śānalanṛt† svanaiḥ || 2.28 ||
Den Mantra mit dem Abschluss „kalātmane namaḥ“ soll man am Nabel anordnen. Anschließend werden drei Pranavas ausgesprochen; die folgende Verbindung mit Kehle und Lauten ist nicht zuverlässig verständlich.
Anmerkung: Der Druck ergänzt den Avagraha in namo ’ntam. Die fraglich unterstrichene Folge wird im klareren Scan als śānalanṛt abgelesen; die frühere Kürzung śāntanṛt entfällt. Die Wort- beziehungsweise Lautfolge bleibt unverständlich. Kaṇṭhe, „an der Kehle“, wird nicht stillschweigend an eine andere Körperstelle versetzt.
2.29
bindubīja samuccārya punar vidyākalātmane |
namo taṃ hṛdi vinyasya punaś ca praṇavadvayam || 2.29 ||
Nach dem Aussprechen der Bindu-Bija folgt „vidyākalātmane“ mit einer Verehrungsformel. Dies soll man am Herzen anordnen und danach wiederum zwei Pranavas aussprechen.
Anmerkung: Der Druck ergänzt sa bei samuccārya. Namo taṃ ist fraglich markiert; die genaue Formel bleibt ungesichert, auch wenn die Anordnung am Herzen klar genannt wird.
2.30
procya vyomānalamahābhautikārdhendubhūṣitam |
bījaṃ procya mahāśāntir ādyante ca kalātmane || 2.30 ||
Dann soll man die Bija aussprechen, die durch Raum, Feuer, Mahabhautika und den Halbmond geschmückt ist. Danach werden Mahashanti sowie die Anfangs- und Endstellung des Ausdrucks „kalātmane“ erwähnt.
Anmerkung: Procya folgt jeweils dem Druckvorschlag zu proktā. Die unebene Fügung mahāśāntir ādyante erlaubt keine sichere Rekonstruktion der gesamten Formel.
2.31
namo taṃ vinyased vaktre procya ca praṇavaṃ punaḥ |
vyomayugmānugrahe … bījānte śāntyabhītakam || 2.31 ||
Die mit Verehrung verbundene Formel soll im Gesicht angeordnet werden; darauf wird erneut ein Pranava gesprochen. Die folgende Bija-Beschreibung enthält eine Textlücke, sodass ihr Wortlaut und Abschluss nicht sicher übersetzt werden können.
Anmerkung: Vaktre und procya folgen gedruckten Verbesserungen; yu ist ergänzt. Namo taṃ ist fraglich markiert. Nach anugrahe zeigt die Ausgabe eine längere Lücke; śāntyabhītakam wird nicht stillschweigend zu śāntyatītam geändert.
2.32
padam uktvā kalā te vai †cātaveti† namaḥ padam |
mantraṃ pravinyaset mūrdhni pratilomena caiva hi || 2.32 ||
Nach weiteren, teilweise entstellten Wörtern der Kala-Formel und dem Wort „namaḥ“ soll man den Mantra am Scheitel anordnen, und zwar in umgekehrter Reihenfolge.
Anmerkung: Mūrdhni folgt der gedruckten Berichtigung. Cātaveti ist mit Fragezeichen versehen; kalā te vai lässt sich nicht zu einem sicheren Formeltext verbinden.
2.33
etāny evaṃ pravinyasyec chāntyatītādikān kramāt |
evaṃ vinyasya medhāvī ṛṣyādīn vinyaset punaḥ || 2.33 ||
So soll man diese, beginnend mit Shantyatita, der Reihe nach anordnen. Nach diesem Nyasa soll der Einsichtige wiederum den Rishi und die weiteren Zuordnungen anordnen.
Anmerkung: Hier ist śāntyatīta ausdrücklich lesbar. Daraus wird die beschädigte Wortfolge in Vers 31 nicht ohne Kennzeichnung ersetzt.
2.34
atha mūrdhā ca ṛṣir anuṣṭupś chanda ucyate |
devatā parameśāni devaḥ paśupatiḥ svayam || 2.34 ||
Als Rishi wird hier Murdhan genannt, als Versmaß Anushtubh. Die Gottheit ist, o höchste Herrin, der Gott Pashupati selbst.
Anmerkung: Mūrdhā und anuṣṭup folgen den gedruckten Verbesserungen. Ob mūrdhā an dieser Stelle wirklich ein Eigenname oder ein gestörter Nyasa-Hinweis zum Kopf ist, bleibt offen; die Übersetzung gibt die erkennbare Aufzählungsform wieder.
2.35
ṛṣyādīnāṃ tu vinyasya punar eva samuccaret |
agnir iti vāyur iti vyometi jalam ity api || 2.35 ||
Nachdem der Rishi und die weiteren Zuordnungen angeordnet sind, soll man erneut die Wörter „Feuer“, „Wind“, „Raum“ und „Wasser“ aussprechen.
Anmerkung: Die folgenden Verse erläutern die Verbindung dieser Wörter mit bhasman, „Asche“. Die Formeln werden nur in der tatsächlich ausgeschriebenen Gestalt wiedergegeben.
2.36
tri mantrāṇi ca bhasmāni bhasmāntāni pṛthak pṛthak |
sarvaṃ ha vā padaṃ procya bhasmapadaṃ punaḥ || 2.36 ||
Die drei Mantras sollen jeweils mit dem Wort für Asche enden; die zusätzliche Pluralform bhasmāni („Aschen“) ist syntaktisch nicht sicher angeschlossen. Nach den Wörtern „sarvaṃ ha vā“ soll wiederum das Wort „Asche“ ausgesprochen werden.
Anmerkung: Tri, „drei“, wird jetzt auch im deutschen Text ausdrücklich wiedergegeben. Vers 35 zählt dagegen vier Wörter auf; dieser Widerspruch wird nicht ausgeglichen. Bhasmāni steht neben bhasmāntāni und bleibt grammatisch uneben; daraus wird keine neue Formel ergänzt. Procya folgt dem Druckvorschlag; sarvaṃ ha vā steht mit Fragezeichen. Sanskritseite 17, Alternativscan PDF 96, erneut am Bild geprüft.
2.37
mana ity etāni padaṃ cakṣuṣi padam uccaret |
bhasmānīni padaṃ bhūyaḥ †proktāyaṃ† vākṣareṇa tu || 2.37 ||
Man soll außerdem die Wörter „Geist“ und „Augen“ aussprechen und wiederum ein Wort für „Asche“. Der Schluss, der die Lautverbindung näher bestimmen soll, ist nicht zuverlässig verständlich.
Anmerkung: Cakṣuṣi folgt der gedruckten Ergänzung kṣu. Bhasmānīni ist die gedruckte, grammatisch auffällige Form; proktāyaṃ ist fraglich markiert. Es wird keine bekannte Parallelformel als Ersatz eingesetzt.
2.38
rudravāraṃ japitvaivaṃ vibhāvya ca kare tridhā |
ādyāṃ cā pañca dhī kṣatvā †nemeśanāya† ceti ca || 2.38 ||
Nach einer Rudra-Zahl von Rezitationen soll man die Asche in der Hand als dreigeteilt vorstellen. Die folgende Teilungs- und Mantraanweisung ist im Druck an mehreren Stellen beschädigt.
Anmerkung: Rudravāram kann eine Zählung nach den Rudras bezeichnen; eine Zahl wird hier nicht zusätzlich als gesichert eingesetzt. Der Druck versieht cā, dhī kṣatvā und nemeśanāya mit Fragezeichen.
2.39
ākāśātmane nama iti śirasy ekaṃ vinikṣipet |
maṃ tatpadaṃ samuccārya puruṣāyānilātmane || 2.39 ||
Mit „Verehrung dem, dessen Wesen der Raum ist“ soll man einen Anteil auf den Kopf geben. Danach soll man die unsichere Lautfolge maṃ und das Wort tat aussprechen, anschließend „puruṣāyānilātmane“: „dem Purusha, dessen Wesen der Wind ist“.
Anmerkung: Maṃ ist im Druck mit Fragezeichen versehen und bleibt als Mantrabestandteil ungesichert. Tatpadam bedeutet hier das ausdrücklich auszusprechende Wort tat; dieser Bestandteil war in der deutschen Fassung bisher nicht eigens wiedergegeben. Der Satz setzt sich in Vers 40 mit namaḥ fort. Sanskritseite 17, Alternativscan PDF 96, einschließlich der Mantrastelle erneut am Bild geprüft.
2.40
namaś ceti dvitīyāṃśe savibhajya ca pañcadhā |
pañcārṇair dhīs tatheśādimūrtibhiḥ sacaturthakaiḥ || 2.40 ||
Mit dem anschließenden „namaḥ“ wird der zweite Anteil in fünf Teile geteilt. Dabei werden die fünf Laute und die Gestalten, beginnend mit Isha, jeweils in der Dativform verwendet. Die zusätzlich gedruckte Form dhīs lässt sich nicht sicher zuordnen.
Anmerkung: Der klarere Scan zeigt zwischen pañcārṇair und tatheśādi die zuvor ausgelassene Folge dhīs. Sie wird bewahrt und als ungeklärter Bestandteil gezählt. Caturthaka wird grammatisch auf den vierten Kasus, den Dativ der Anrufung, bezogen. Der Anschluss der Körperanordnung folgt in Vers 41.
2.41
ūrdhvaṃ pradakṣiṇe divye paścime pramukheṣu ca |
vaktrātmane ti natyaṃ taiḥ karmaṇe ca vinikṣipet || 2.41 ||
Die Anordnung betrifft die obere, rechte, westliche und vordere Richtung. Die weiteren Angaben zu Gesicht, Verehrung und Handlung sind im Druck sprachlich beschädigt und lassen keine zuverlässige Einzelanweisung erkennen.
Anmerkung: Der Alternativscan bestätigt das Anusvara in der fraglich gedruckten Folge natyaṃ taiḥ. Divye passt nicht eindeutig in die Richtungsfolge. Eine fehlende oder entstellte fünfte Richtungsangabe wird nicht aus anderen Ritualtexten ergänzt.
2.42
punas tṛtīyakaṃ cāṃśaṃ proktā pañcākṣaraṃ sudhīḥ |
kuryād yogī tripuṇḍāṇi sarvaduḥkhopaśāntaye || 2.42 ||
Dann soll der einsichtige Yogi unter dem fünfsilbigen Mantra mit dem dritten Anteil Tripundra-Zeichen anbringen, um alles Leiden zu befrieden.
Anmerkung: Tripundra bezeichnet die drei waagerechten Aschestriche. Die fünf Silben werden an dieser Stelle nicht ausdrücklich ausgeschrieben.
2.43
†etadotneyam† uddiṣṭaṃ snānaṃ pātakanāśanam |
puṇyaṃ pāśupataṃ devi paśupāśavimocanam || 2.43 ||
Dieses heilige Pashupata-Bad, o Göttin, wird als Vernichtung religiöser Verfehlung und als Befreiung von den Fesseln des gebundenen Wesens beschrieben. Die einleitende Wortform bleibt unklar.
Anmerkung: Der fragliche Versanfang wird im Alternativscan als etadotneyam abgelesen; die bisherige Form etadotameyam enthielt einen Erfassungsfehler. Der Ausdruck bleibt unverständlich. Paśu bezeichnet hier das durch Bindungen begrenzte Wesen, nicht bloß ein Tier.
2.44
evaṃ snānādisaṃśuddhaḥ prātaḥ prātaḥ samāhitaḥ |
sapta sapta yathā nyāyaṃ śoṣaṇādi samācaret || 2.44 ||
So durch Bad und die weiteren Handlungen gereinigt, soll man jeden Morgen gesammelt die Verfahren, beginnend mit dem Austrocknen, jeweils siebenmal nach der Vorschrift ausführen.
Anmerkung: Śoṣaṇa leitet eine Folge innerer Reinigungsbilder ein. Die anschließende Verbindung mit Atemhandlungen bleibt als historische Textaussage erkennbar.
2.45
bhāṃ tāṃ taṃ bindusaṃyuktaṃ uccaran praṇavādikam |
iḍayā vāyum āpūrya kumbhakena maheśvari || 2.45 ||
Unter einer mit Pranava beginnenden, mit Bindu versehenen Lautfolge soll der Atem durch Ida eingezogen und angehalten werden, o große Herrin. Die am Versanfang gedruckte Folge lautet bhāṃ tāṃ taṃ; ihr genauer Aufbau ist nicht sicher zu deuten.
Anmerkung: Die Bija-Stelle wurde am Seitenbild gelesen. Sie wird nicht durch eine geläufige Element-Bija ersetzt; die syntaktische Beziehung der drei sichtbaren Lautgruppen bleibt offen.
2.46
mūlādhāre smared binduṃ ṣaḍgālaṅkṛtamaṇḍalam |
dhūmrābhaṃ †mattilaṃ† bījaṃ tasya madhye vibhāvayet || 2.46 ||
Im Muladhara soll man einen Bindu und ein mit sechs Bestandteilen geschmücktes Mandala vergegenwärtigen. In dessen Mitte soll eine rauchfarbene Bija betrachtet werden; ihre gedruckte Bezeichnung ist unklar.
Anmerkung: Ṣaḍgālaṅkṛta folgt dem fraglichen Druckvorschlag zu ṣaḍgālākita. Die genaue Form des Mandalas und die Lautform der durch mattilam bezeichneten Bija bleiben unsicher; „sechseckig“ wird nicht ohne Weiteres eingesetzt.
2.47
tanmadhyād adbhutaṃ vāyuṃ āpādatalamastakam |
śoṣayantaṃ svakaṃ dehaṃ pāpmanā saha saṃsmaret || 2.47 ||
Man soll sich den aus dieser Mitte hervorgehenden wunderbaren Wind vorstellen, der den eigenen Körper von den Fußsohlen bis zum Kopf zusammen mit der religiösen Verfehlung austrocknet.
Anmerkung: Dies ist eine innere Vergegenwärtigung des historischen Reinigungsrituals.
2.48
atha taṃ rudram anilaṃ devi piṅgalayā śanaiḥ |
pramuñcet pūrvavad bījam uccared bhuvaneśvari || 2.48 ||
Dann soll jener Rudra-Wind langsam durch Pingala freigegeben werden, o Göttin. Die Bija soll wie zuvor ausgesprochen werden, o Herrin der Welt.
Anmerkung: Rudram wird als gedruckte Bestimmung des Windes erhalten; die konkrete Bija wird hier nicht wiederholt.
2.49
bhūyaḥ samatanur bhūtvā prāṇārṇaṃ prajapec chanaiḥ |
yathā śakticaraṃ dhyāyet saśuṣkaṃ sakalevaram || 2.49 ||
Mit wieder ausgerichtetem Körper soll man die Prana-Silbe langsam rezitieren und den Körper als ausgetrocknet betrachten. Die Dauer oder Weise dieser Betrachtung richtet sich offenbar nach dem eigenen Vermögen.
Anmerkung: Yathā śakticaram ist sprachlich gestört. Die Übersetzung hält den erkennbaren Bezug auf śakti, das Vermögen, fest, ohne eine feste Dauer zu ergänzen.
2.50
saptakṛtvaś cared evaṃ śoṣaṇaṃ parvatātmaje |
tataḥ svacchṛdaye dīptāṃ suraktaprabhayānvitam || 2.50 ||
Siebenmal soll dieses Austrocknen vollzogen werden, Tochter des Berges. Dann soll im eigenen Herzen ein leuchtendes, von tiefrotem Glanz erfülltes Bild betrachtet werden.
Anmerkung: Saptakṛtva folgt dem gedruckten Vorschlag. Der Gegenstand des Bildes, der Feuerkreis, steht zu Beginn von Vers 51; die gedruckte Form svacchṛdaye ist uneben.
2.51
kṛśānor maṇḍalaṃ dhyātvā tanmadhye bījam ānasam |
pātāntabindusahitaṃ dhyāyet tadvarṇamadhyataḥ || 2.51 ||
Man soll den Kreis des Feuers betrachten und in dessen Mitte eine Bija, die mit Bindu verbunden ist. Der Vers beschreibt die Lautbildung noch näher; ānasam und pātānta lassen sich dabei nicht sicher auflösen.
Anmerkung: Die Bija-Bezeichnungen werden in der gedruckten Form bewahrt. Eine bestimmte Feuersilbe wird nicht aus einem anderen Ritual eingesetzt.
2.52
prādurbhūtamahājvālāmaṇḍalodāravigraham |
grahaṃ citrārkaṃ cintayed arkanāḍīmārgeṇa khe gatim || 2.52 ||
Man soll eine mächtige Gestalt vergegenwärtigen, die als Kreis großer Flammen hervortritt. Der weitere Halbvers verbindet einen strahlenden Sonnenkörper mit einer Bewegung durch den Weg der Sonnen-Nadi in den Raum.
Anmerkung: Grahaṃ citrārkam und khe gatim lassen sich syntaktisch nicht sicher verbinden. Die Übersetzung nennt die lesbaren Bildbestandteile, ohne einen fehlenden Atemschritt zu rekonstruieren.
2.53
prapūrya kumbhakāvasthāṃ prāpya vāyuṃ viśoṣitam |
pradahed ātmano dehaṃ enasā sākam ātmavit || 2.53 ||
Nachdem der sich selbst Erkennende den Atem eingezogen hat und in den Atemhalt eingetreten ist, soll er den ausgetrockneten eigenen Körper zusammen mit seiner Verfehlung in der Vorstellung verbrennen.
Anmerkung: Vāyum ist als nachgestelltes Objekt zu prapūrya, „den Atem eingezogen habend“, verständlich; viśoṣitam gehört zum folgenden deham, „den ausgetrockneten Körper“. Dafür ist keine Sanskritänderung erforderlich. Ātmavit ist im Druck fraglich markiert. Die vorherige Ablesung wird am zweiten Scan bestätigt; der Visualisationsrahmen ergibt sich aus 51–52.
2.54
punar viśodhitaṃ prāṇam iḍācakreṇa vā tvaran |
vimucyet svasya dehas tu yathāśakty ānalaṃ jayet || 2.54 ||
Dann soll man, sich beeilend, den wiederum gereinigten Atem über den Ida-Kreis freigeben. Die anschließende Anweisung verbindet den eigenen Körper und das Feuer mit dem Maß des eigenen Vermögens, bleibt jedoch sprachlich unklar.
Anmerkung: Tvaran heißt „sich beeilend“ und wird jetzt ausdrücklich in der deutschen Wiedergabe berücksichtigt. Der Druck hat außerdem jayet, „besiegen“; sein Bezug im gestörten Schluss bleibt offen. Die Wörter werden nicht ohne Textzeugen in „langsam“ oder „rezitieren“ verwandelt. Es handelt sich um die historische Textaussage, keine ergänzte heutige Atemanweisung.
2.55
pūrvoktasaṃkhyayā samyag ācared devi dāhanam |
anena vidhinā sarvaṃ pātakāni dahet dhruvam || 2.55 ||
Das Verbrennen soll nach dieser Darstellung in der zuvor genannten Anzahl und auf rechte Weise vollzogen werden, o Göttin. Durch dieses Verfahren verbrennt man gewiss alle religiösen Verfehlungen, verspricht der Text.
Anmerkung: Die Zahl verweist im unmittelbaren Zusammenhang auf das vorher genannte siebenmalige Verfahren; sie wird nicht als neue ausgeschriebene Zahl im Sanskrit ergänzt.
2.56
agre devi bhruvor madhye suṣiraṃ candramaṇḍalam |
yaśohāraṃ samuddiṣṭaṃ tanmadhyasthaṃ vibhāvayet || 2.56 ||
Vorn zwischen den Brauen soll man einen hohlen Mondkreis betrachten, o Göttin, und etwas in seiner Mitte Befindliches, das hier mit yaśohāram bezeichnet wird.
Anmerkung: Yaśohāram wäre wörtlich „den Ruhm raubend“; seine Funktion als Bild- oder Lautbezeichnung bleibt unklar. Auf diesen Vers folgt im Druck unmittelbar Nr. 58. Eine Nummer 57 oder ihr Wortlaut wird nicht ergänzt.
2.58
tatas tad varṇitaṃ bhūtaṃ caindratārasudhātanum |
śravaṃ samamṛtaṃ śubhraṃ bhāvayec ciram ādarāt || 2.58 ||
Dann soll man lange und mit Hingabe das beschriebene weiße, nektarartige Wesen betrachten, das mit einer Mond- und Tara-Bezeichnung verbunden ist. Der Vers spricht von strömendem Amrita; die genaue Wortverbindung ist beschädigt.
Anmerkung: Śravaṃ samamṛtam ist im Druck mit Fragezeichen versehen. Auch caindratāra ist als technische Laut- oder Bildbezeichnung nicht sicher aufzulösen. Die gedruckte Nummer 58 bleibt erhalten.
2.59
iḍācakre samāpūrya pavanaṃ kumbhakānvitam |
taccandragatapīyūṣadhārayā śītalātmanā || 2.59 ||
Nach dem Einziehen des Atems durch den Ida-Kreis und dem Atemhalt soll der Körper mit dem kühlenden Nektarstrom aus jenem Mond übergossen werden.
Anmerkung: Das Verb des Übergießens steht am Beginn von Vers 60. Die Übersetzung erhält den Satzanschluss und den Vorstellungscharakter der Passage.
2.60
āsiñcya analasaṃdivyaṃ punarjātaṃ ca tat tanum |
cintayet kaluṣair muktaṃ tejorūpaṃ cidātmavit || 2.60 ||
Nach diesem Übergießen soll man den neu entstandenen Körper betrachten: frei von Befleckungen und von der Gestalt des Lichtes. Der Text nennt ein Erkennen des Bewusstseinswesens; die zusätzliche Feuerbeschreibung analasaṃdivyam in der ersten Zeile bleibt unklar.
Anmerkung: Tat tanum wird ohne lautliche Ergänzung so gegliedert. Analasaṃdivyam ist auch im zweiten Scan die gedruckte Form; ihre genaue Bildung und Bedeutung bleiben offen. Die bisherige Umschreibung „durch das Feuer verwandelt“ war eine Deutung aus dem Zusammenhang und keine sichere Einzelübersetzung.
2.61
piṅgalāyāṃ samutsṛjya yathāśakti japec ca tam |
saptakṛtvas tu kṛtvaivam iḍāpiṅgalayoḥ pare || 2.61 ||
Nach dem Freigeben des Atems durch Pingala soll man jene Formel entsprechend dem eigenen Vermögen rezitieren. Dieses Verfahren soll siebenmal vollzogen werden; danach wendet sich die Beschreibung Ida und Pingala gemeinsam zu.
Anmerkung: Kṛtvaivam folgt dem gedruckten Verbesserungsvorschlag. Pare ist syntaktisch nicht eindeutig; der deutsche Anschluss greift die Fortsetzung in Vers 62 auf.
2.62
āpūrya kumbhakaḥ prāṇaṃ pinākīśaṃ sabindukam |
proccarantaṃ mahāśaktisārabhūtaṃ kalevaram || 2.62 ||
Nach dem Einziehen und Anhalten des Prana wird die mit Bindu versehene Bezeichnung Pinakisha ausgesprochen. Der Körper soll als das innerste Wesen der großen Shakti betrachtet werden.
Anmerkung: Die grammatischen Anschlüsse von kumbhakaḥ und proccarantam sind uneben. Pinākīśa bedeutet als Name „Herr des Pinaka-Bogens“ und dient hier offenbar einer Lautbezeichnung; eine konkrete Silbe wird nicht rekonstruiert. Das Verb des Betrachtens folgt in Vers 63.
2.63
sambhāvec chanair vāyuṃ ubhābhyāṃ samyag utsṛjet |
bhūyaḥ samatanuḥ svacchaṃ svadehaṃ devatāmayam || 2.63 ||
So soll man ihn vergegenwärtigen und den Atem langsam und auf rechte Weise durch beide Bahnen freigeben. Mit erneut ausgerichtetem Körper soll man den eigenen Leib als klar und von Gottheit erfüllt betrachten.
Anmerkung: Sambhāvet führt den vorherigen Satz fort; die Schlussbestimmung erhält ihre Fortsetzung in Vers 64.
2.64
dhyāyec ciraṃ prasannātmā japet mantrāṇi caiva hi |
anena vidhinā śuddhadehe †sminor† siddhayaḥ || 2.64 ||
Mit heiterem, geklärtem Inneren soll man lange meditieren und die Mantras rezitieren. In dem durch dieses Verfahren gereinigten Körper kommen die Siddhis zur Entfaltung.
Anmerkung: Sminor ist im Druck mit Fragezeichen versehen und bleibt unübersetzt. Das Prädikat zur zweiten Aussage steht am Beginn von Vers 65.
2.65
pravartante ’cirād eva cānyathānarthakṛd bhavet |
bhāvena saha śuddhaś cet sarvayogam āpnuyāt || 2.65 ||
Die Siddhis treten nach Aussage des Textes bald hervor; andernfalls kann das Verfahren Unheil bewirken. Wer zugleich in seiner inneren Haltung gereinigt ist, erlangt den ganzen Yoga.
Anmerkung: Acirāt folgt der gedruckten Ergänzung a. Bhāva umfasst hier innere Haltung, geistige Ausrichtung und Vergegenwärtigung; bloße äußere Reinigung genügt nach den folgenden Versen nicht.
2.66
bhāvahīnasya naivāsti siddhir varṣāyutair api |
udakumbhasahasreṇa mṛdāḍhakaśatena vā || 2.66 ||
Wer ohne diese innere Haltung ist, erlangt keine Siddhi, selbst in Zehntausenden von Jahren nicht. Auch tausend Wasserkrüge oder hundert Adhaka-Maße Erde reichen dazu nicht aus.
Anmerkung: Der zweite Halbvers setzt sich in Vers 67 fort. Āḍhaka ist ein traditionelles Mengenmaß; eine moderne Umrechnung wird nicht behauptet.
2.67
api varṣasahasreṇa bhāvaduṣṭo na śudhyati |
tasmād etāni deveśi bhāvapūtaḥ samācaret |
iti ṣaṇmāsataḥ śuddhaḥ samyag yogaṃ priye labhet || 2.67 ||
Selbst in tausend Jahren wird nicht rein, wessen innere Haltung verdorben ist. Darum soll man diese Handlungen, o Herrin der Götter, mit gereinigter innerer Ausrichtung vollziehen. Wer so sechs Monate lang gereinigt wurde, erlangt nach dem Versprechen der Schrift den Yoga auf rechte Weise, meine Liebe.
Anmerkung: Drei Langzeilen im Druck. Die Zeitangaben tausend Jahre und sechs Monate bleiben als Aussagen der Schrift erhalten.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ dvitīyaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 2 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 3: Asanas und Bedingungen der Übung
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 21–25.
|| tṛtīyaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 3.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 100–104; Sanskritseiten 21–25.[7]
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
3.1
athāsanakramaṃ vakṣye sādhakānāṃ hitāya vai |
yadabhyāsakrameṇaiva sthiratvaṃ sukaraṃ bhavet || 3.1 ||
Nun werde ich zum Wohl der Übenden die Reihenfolge der Asanas erläutern. Durch das schrittweise Einüben dieser Folge soll sich Festigkeit leicht einstellen.
Anmerkung: Athāsanakramam folgt der von Kiss 2011, Anm. 6, S. 190, für alle fünf Handschriften angegebenen Lesung. Sensharma druckt yathāsatakramam und schlägt yathāgatakrama vor. Yadabhyāsakrameṇaiva folgt weiterhin der Druckverbesserung. Diese gezielte Korrektur beruht auf Kiss’ publiziertem Zeugnis, nicht auf einer eigenen Handschriftenkollation.
3.2
samādāya śucau deśo … + … + … †vastītaraṃ chadaṃ† |
śaṅkhaṃ ca dakṣiṇe sthāpya samyag vāmorumūrdhani || 3.2 ||
An einem reinen Ort soll man etwas bereitstellen; der betreffende Abschnitt über die Unterlage ist im Druck lückenhaft. Anschließend wird das Platzieren des śaṅkha rechts oben auf dem linken Oberschenkel beschrieben.
Anmerkung: Die Punkte und Pluszeichen geben die gedruckten Lückenmarkierungen wieder. Die folgende Wortgruppe ist unsicher lesbar. Śaṅkha ist hier eine nicht eindeutig bestimmte anatomische Bezeichnung; sie wird nicht ohne Beleg durch Ferse oder Knöchel ersetzt. Dakṣiṇe folgt der Druckkorrektur.
3.3
samagrīvaśirovaktraṃ hastau vinyasya copari |
ākuñcya gudamekāgro vīrāsanam idaṃ param || 3.3 ||
Hals, Kopf und Gesicht gleichmäßig ausgerichtet, soll man die beiden Hände oben auflegen und mit gesammeltem Geist den After zusammenziehen. Dies ist die vorzügliche Heldenhaltung, Virasana.
Anmerkung: Vaktraṃ und hastau folgen den im Druck ergänzten Wortteilen. Der Text wird als historische Beschreibung wiedergegeben; die Haltung wird nicht mit einer heutigen gleichnamigen Asana gleichgesetzt.
3.4
anena āsanayogena yogarūḍhaḥ prasidhyati |
na cābhyāsavidhi vai tac chetsyati sarvasiddhaye || 3.4 ||
Durch die Übung dieser Haltung gelangt der im Yoga Gefestigte zur Vollendung. Der zweite Halbvers spricht vom Übungsverfahren und allen Siddhis, ist aber syntaktisch beschädigt und nicht verlässlich als ganzer Satz übersetzbar.
Anmerkung: Die Formen abhyāsavidhi und chetsyati bleiben wie gedruckt. Aus der unklaren Verneinung wird keine sichere Regel über das Unterbrechen oder Fortsetzen der Übung konstruiert.
3.5
tasyaivaṃ dakṣiṇāṃ jaṅghāṃ nyased vāmorumūrdhake |
kūrmāsanaṃ tad vijñeyaṃ sarvendriyavaśaṃ karam || 3.5 ||
Dabei soll man den rechten Unterschenkel oben auf den linken Oberschenkel legen. Dies ist als Kurmasana, Schildkrötenhaltung, zu erkennen; sie soll die Sinne unter Kontrolle bringen.
Anmerkung: Tasyaivaṃ und sarvendriyavaśaṃ karam folgen den Druckvorschlägen. Tad vijñeyaṃ bedeutet „dies ist zu erkennen als“; die frühere Arbeitslesung tad dvitīyaṃ und die Zählung als „zweite Haltung“ waren falsch.
3.6
dakṣapādaṃ ca vāmoru mūle vinyasya tatpadam |
dakṣorumūlapīṭhārthaṃ kalpayet sudṛḍhāsanam || 3.6 ||
Man soll den rechten Fuß an die Wurzel des linken Oberschenkels legen und den anderen Fuß als Stütze an der Wurzel des rechten Oberschenkels anordnen, sodass ein sehr fester Sitz entsteht.
Anmerkung: Tatpadam wird im Zusammenhang als der andere Fuß verstanden; das Demonstrativpronomen bezeichnet ihn nicht ausdrücklich als links.
3.7
bāhuyugmaṃ samutkṣya śvalikāsaṃmīritam |
sarvasiddhipradaṃ devi sarvarogavināśanam || 3.7 ||
Es folgt eine Anordnung der beiden Arme. Sie wird śvalikā genannt beziehungsweise damit verbunden und soll, Göttin, alle Siddhis verleihen und alle Krankheiten beseitigen. Die genaue Armhaltung ist aus der beschädigten Lesung nicht sicher zu bestimmen.
Anmerkung: Die fraglich gedruckte Bezeichnung wird im klareren Scan als śvalikā abgelesen. Eine Herstellung svastikā wird ohne weiteren Textzeugen nicht übernommen. Auch die vorausgehende Armhandlung und saṃmīritam bleiben sprachlich uneben.
3.8
vāmagulpham adhaḥ kṛtvā kūrcopari ca dakṣiṇam |
gudenāpīḍya vai jānuyugalaṃ paripālya ca || 3.8 ||
Man soll den linken Knöchel unten und den rechten oberhalb des kūrca anordnen, mit dem After Druck ausüben und beide Knie in ihrer Lage halten.
Anmerkung: Kūrca bezeichnet hier eine Körperstelle oder Stützfläche, deren genaue Lage aus dem Wortlaut nicht eindeutig hervorgeht. Der Satz wird im Folgenden fortgeführt.
3.9
vāmahastāṅgulīmūlam avaṣṭabhya yathābalam |
dakṣiṇahastāṅgulimūlaiḥ parivartya ca tattalo || 3.9 ||
Man soll sich nach Maßgabe der eigenen Kraft auf die Basis der Finger der linken Hand stützen und die Handfläche mithilfe der Fingerwurzeln der rechten Hand drehen.
Anmerkung: Mūlam folgt dem eingeklammerten Druckvorschlag. Tattalo ist die unebene gedruckte Schlussform. Die Übersetzung lässt die genaue Lage der Hände offen.
3.10
ūrumūladvaye pīḍya sthānāgre sthāpayeddṛśau |
kukkuṭāsanam etad dhi manasaḥ sthirakāraṇam || 3.10 ||
Nachdem man an beiden Oberschenkelwurzeln Druck ausgeübt hat, soll man den Blick vor sich auf einen Ort richten. Dies ist Kukkutasana, die Hahnenhaltung, die den Geist festigen soll.
Anmerkung: Ūrumūladvaye folgt dem Druckvorschlag; sthānāgre und dṛśau sind bei der Nachprüfung deutlicher lesbar. Die genaue Lage des Blickpunktes wird nicht weiter bestimmt.
3.11
ūrumūladvayād adhastāt pādayugmaṃ nidhāya ca |
tayor madhye sthiraguda pṛcchānucchya niścalaḥ || 3.11 ||
Man soll beide Füße unterhalb der Oberschenkelwurzeln anordnen und unbeweglich bleiben. Der zweite Halbvers enthält eine beschädigte Angabe über die Lage des Afters zwischen ihnen und eine weitere nicht sicher deutbare Bewegung.
Anmerkung: Die fragend markierte Druckfolge pṛcchānucchya lässt sich nicht verlässlich auflösen. Ein fehlender Körperteil wird nicht ergänzt.
3.12
tathā karataladvandvaṃ śilathya parasparam |
ūrvor upari vinyasya nāsikām avalokayet || 3.12 ||
Man soll beide Handflächen gegeneinander lockern, sie auf den Oberschenkeln ablegen und zur Nase blicken.
Anmerkung: Śilathya folgt dem im Druck vorgeschlagenen Ersatz śila- für sama-. Die genaue Handstellung bleibt sprachlich unsicher; eine bestimmte Mudra wird nicht ergänzt.
3.13
mayūrāsanam etad vai sarvavyādhivināśanam |
etasya bāhuyugalaṃ kārayed daṇḍayugmavat || 3.13 ||
Dies ist Mayurasana, die Pfauenhaltung, die alle Krankheiten beseitigen soll. Dabei soll man die beiden Arme wie ein Paar Stäbe ausrichten.
Anmerkung: Vināśanam und daṇḍayugmavat folgen den Druckverbesserungen. Die Beschreibung reicht über die Versgrenze hinaus.
3.14
karadvayatalaṃ bhūmau puṭākāraṃ nidhāpayet |
kiñcid ānamitaṃ tu niścalasthiramānasaḥ || 3.14 ||
Man soll beide Handflächen schalenförmig auf den Boden setzen und sich ein wenig neigen, mit unbeweglichem, gefestigtem Geist.
Anmerkung: Die Ergänzung d nach kiñci und die Schlussform mānasaḥ folgen den Druckvorschlägen.
3.15
purovalokayed samagrīvaḥ samāhitaḥ |
vyāghrāsanam idaṃ sadyo vyādhighnaṃ yogasiddhidam || 3.15 ||
Mit gleichmäßig ausgerichtetem Hals und gesammeltem Geist soll man nach vorn blicken. Dies ist die Tigerhaltung, Vyaghrasana; sie soll Krankheiten sofort beseitigen und Yogavollendung verleihen.
Anmerkung: Sa- vor magrīvaḥ folgt dem Druckvorschlag anstelle der unklaren Fügung dābhyāṃ. Der Text wird nicht an eine heutige Tigerhaltung angepasst.
3.16
vāmapādam athottānaṃ kṛtvā dakṣorumaṇḍale |
dakṣapādaṃ tu vāmorau tathābhūtaṃ nidhāpayet || 3.16 ||
Man soll den linken Fuß nach oben wenden und im Bereich des rechten Oberschenkels anordnen; den rechten Fuß soll man in derselben Weise auf dem linken Oberschenkel ablegen.
Anmerkung: Der Alternativscan zeigt eindeutig dakṣorumaṇḍale, „im Bereich des rechten Oberschenkels“. Die frühere Ablesung dakṣorumūlale und die daraus entstandene Festlegung auf die Oberschenkelwurzel entfallen.
3.17
ūrubhyām upari sthāpya bāhuṃ nyasya yathārthataḥ |
karapṛṣṭhaṃ dakṣasyāsya nyased vāmatalāntare |
ṛjugrīvaśiro bhūtvā tathābhūtaṃ nidhāpayet || 3.17 ||
Man soll den Arm oberhalb der Oberschenkel richtig ablegen und den Rücken der rechten Hand in die linke Handfläche legen. Hals und Kopf sollen aufrecht sein; so soll man die Anordnung beibehalten.
Anmerkung: Nyasya, dakṣasyāsya und ṛju folgen Druckverbesserungen. Der Vers hat drei Langzeilen. Die Anweisung zu Arm und Händen wird im folgenden, zusätzlich bezeichneten Vers wiederholt. Im Alternativscan ist vāmatalāntare mit kurzem a in tala lesbar; die linke Handfläche ist gemeint.
3.18a
ūrubhyām upari sthāpya bāhuṃ nyasya yathārthataḥ |
karapṛṣṭhaṃ dakṣasyāsya nyased vāmatalāntare || 3.18a ||
Man soll den Arm oberhalb der Oberschenkel richtig ablegen und den Rücken der rechten Hand in die linke Handfläche legen.
Anmerkung: Der Druck bezeichnet diese Einheit mit 18a und stellt sie vor Vers 18. Sie wiederholt die ersten beiden Zeilen von 17. Reihenfolge und Wiederholung bleiben erhalten; die Einheit wird separat gezählt und übersetzt. Im Alternativscan ist vāmatalāntare mit kurzem a in tala lesbar; die linke Handfläche ist gemeint.
3.18
ṛjugrīvaśiro bhūtvā nāsikām avalokayet |
tannimīlanaṃ conmīlanaṃ kuryād ākuñcya vai gudam || 3.18 ||
Mit aufrechtem Hals und Kopf soll man zur Nase blicken, ein Schließen und Öffnen vornehmen und dabei den After zusammenziehen.
Anmerkung: Der klarere Scan zeigt tannimīlanam, „das Schließen“, statt der früheren Ablesung tannimīlitam. Unmīlanam folgt der Druckverbesserung. Das Objekt von Schließen und Öffnen ist nicht ausdrücklich genannt; es wird keine zusätzliche Atemtechnik daraus entwickelt.
3.19
samadehasthiramatiḥ padmāsanam idaṃ padam |
sarvayogaprasiddhyartham abhyastaṃ bhavati priye || 3.19 ||
Mit gleichmäßig ausgerichtetem Körper und festem Geist nimmt man diesen Padmasana genannten Sitz ein. Geliebte, er wird zur Vollendung aller Yogaübungen geübt.
Anmerkung: Padam kann hier Sitz, Zustand oder Grundlage bezeichnen. Der historische Text nennt die Lotusstellung ausdrücklich.
3.20
vāmajaṅghopari sthāpya dakṣajaṅghāṃ jitendriyaḥ |
dakṣajaṅghādhare vāmagulphapārśvaṃ nidhāpayet || 3.20 ||
Mit beherrschten Sinnen soll man den rechten Unterschenkel auf den linken legen und die Seite des linken Knöchels unterhalb des rechten Unterschenkels anordnen.
3.21
hastādinābhiparyantaṃ padmāsanavad ācaret |
vijayāsanam etad dhi sarvasiddhikaraṃ param || 3.21 ||
Die Anordnung von den Händen bis zum Nabel soll man wie in der Lotusstellung ausführen. Dies ist Vijayāsana, die Siegeshaltung, vorzüglich und alle Siddhis bewirkend.
3.22
ūrubhyām upari sthāpya pādayugmaṃ prayatnataḥ |
dakṣiṇaṃ savyadeśe ca savyaṃ dakṣiṇadeśake || 3.22 ||
Man soll beide Füße sorgfältig auf den Oberschenkeln ablegen, den rechten auf der linken Seite und den linken auf der rechten.
3.23
karadvayaṃ pṛṣṭhadeśe parivartya prayatnataḥ |
pādāṅguṣṭhayugaṃ samyak karābhyāṃ saṃnigṛhya ca || 3.23 ||
Man soll beide Hände behutsam nach hinten führen und mit ihnen die beiden großen Zehen festhalten.
Anmerkung: Die Übersetzung beschreibt die Anordnung im historischen Text; sie ist keine Empfehlung, sie ohne Anleitung nachzuahmen.
3.24
kiñcid uttānahṛdayo nāsikām avalokayet |
dṛḍhāsanam idaṃ proktaṃ sadyo rogavināśanam || 3.24 ||
Mit etwas angehobenem Brustbereich soll man zur Nase blicken. Dies wird Dridhasana, die feste Haltung, genannt und soll Krankheiten unmittelbar beseitigen.
Anmerkung: Hṛdaya wird hier wegen der körperlichen Anordnung als Brust- oder Herzbereich verstanden.
3.25
etasyāṅguṣṭhayor mūle kūrpare saṃniveśayet |
parivartya karau spṛṣṭhāṅgulītala gopitā || 3.25 ||
Bei dieser Haltung soll man die Ellenbogen an der Basis der beiden großen Zehen anordnen und die Hände drehen. Die folgende Angabe über Finger und Handflächen ist sprachlich beschädigt.
Anmerkung: Kūrpare folgt dem Druckvorschlag. Die Folge spṛṣṭhāṅgulītala gopitā erlaubt keine sichere Rekonstruktion der Handstellung.
3.26
aṅgulīpṛṣṭhayo hetu cibukaṃ saṃnidhāpayet |
aṅguṣṭhau saralau kṛtvā tālumūlasamāśritau || 3.26 ||
Man soll das Kinn an den Rückseiten der Finger anlegen und beide Daumen gerade ausrichten, an die Gaumenwurzel herangeführt.
Anmerkung: Die Druckform hetu ist syntaktisch auffällig. Tālumūla bedeutet Gaumenwurzel; die räumliche Anordnung bleibt schwierig und wird nicht in eine vermeintlich sichere moderne Technik umgedeutet.
3.27
dhṛtvā sthiramanā bhūtvā gṛdhrāsanam idaṃ param |
sarvadoṣakṣayakaraṃ sarvopadravanāśanam || 3.27 ||
Indem man diese Anordnung hält und den Geist festigt, nimmt man die vorzügliche Geierhaltung, Gṛdhrāsana, ein. Sie soll alle Fehler beseitigen und alle Störungen zum Verschwinden bringen.
3.28
vāmagulphakapṛṣṭhe tu dakṣagulphaṃ nidhāpayet |
pātayitvā maheśāni jānuyugmaṃ mahītale || 3.28 ||
Man soll den rechten Knöchel auf der Rückseite des linken ablegen und beide Knie zum Boden hinabsinken lassen, große Herrin.
3.29
ūrvoḥ kūrparam ādhāya kṛtāñjalipuṭau karau |
kuce cibukasaṃyogān nāsikāgraṃ nirīkṣayet || 3.29 ||
Man soll die Ellenbogen auf den Oberschenkeln ablegen und beide Hände zur Grußgebärde zusammenführen. Mit dem Kinn an der Brust soll man auf die Nasenspitze schauen.
Anmerkung: Kuce ist im Alternativscan klar lesbar: „an der Brust“. Die bisherige Ablesung kṛce war ein Erfassungsfehler. Der Text benennt damit den Brustkontakt des Kinns ausdrücklich.
3.30
garuḍāsanam etad vai sarvasiddhikaraṃ bhavet |
gudenāpīḍya dharaṇīṃ pādābhyām api ca sphuṭam || 3.30 ||
Dies ist Garudasana, die Garuda-Haltung, die alle Siddhis bewirken soll. Es folgt die Anweisung, mit dem After und auch mit den Füßen fest gegen den Boden zu drücken.
Anmerkung: Der zweite Halbvers leitet die folgende Haltung ein. Der Name Garudasana wird nicht mit der heute meist so genannten stehenden Gleichgewichtshaltung gleichgesetzt.
3.31
jānvoru … karau sthāpya sthiraṃ deśe bhaved dṛḍham |
etad yakṣāsanaṃ sarvavighnacchedasya kāraṇam || 3.31 ||
Nach einer lückenhaften Ortsangabe zu Knie und Oberschenkel soll man beide Hände ablegen und fest und beständig bleiben. Dies ist Yakshasana, die Yaksha-Haltung; sie soll alle Hindernisse durchtrennen.
Anmerkung: Die Auslassungspunkte stehen im Druck. Jānvoru gibt die lesbare Wortgruppe wieder; die genaue Position der Hände ist nicht gesichert.
3.32
ūruyugmamūlaṃ pīṭhārthaṃ jaṅghā vāśiliṣya pārvati |
pādayugmaṃ paścimau nyasya paryaṅkena dṛḍhaṃ tanum || 3.32 ||
Parvati, es folgt eine Anordnung der Unterschenkel an den beiden Oberschenkelwurzeln zur Bildung eines Sitzes; beide Füße werden hinten abgelegt. Der Körper soll im Paryanka-Sitz gefestigt werden. Die genaue Anordnung ist wegen der beschädigten Wortformen nicht sicher zu erschließen.
Anmerkung: Pādayugmam folgt der Druckverbesserung; paścimau ist im Druck fraglich markiert. Der klarere Scan zeigt paryaṃkena, hier lautlich gleichwertig paryaṅkena geschrieben. Damit ist ein Paryanka-Sitz benannt; vāśiliṣya und die genaue Beinführung bleiben unklar.
3.33
kamaṭī mudrayā mūle samavaṣṭabhya yatnataḥ |
samadehasthiro bhūtvā siddhāsanam idaṃ param || 3.33 ||
Man soll sich an der Wurzel mit der Kamaṭī-Mudra sorgfältig abstützen und den Körper gleichmäßig und fest halten. Dies ist die vorzügliche Siddhasana, die Haltung des Vollendeten.
Anmerkung: Kamaṭī ist bereits im Druck mit Fragezeichen versehen. Die technische Bezeichnung bleibt unübersetzt; eine bestimmte moderne Mudra wird nicht als ihre sichere Entsprechung eingesetzt.
3.34
sarvasiddhipradaṃ devi sarvavyādhivināśanam |
jaṅghābhyām ūruyugmaṃ ca samāśritya nipātya ca || 3.34 ||
Göttin, diese Haltung soll alle Siddhis verleihen und alle Krankheiten beseitigen. Sodann werden die beiden Oberschenkel an den Unterschenkeln abgestützt und niedergelassen; die Anordnung setzt sich in Vers 35 fort.
Anmerkung: Nipātya mit langem ā ist im klareren Scan lesbar und wird als kausative Handlung, „niedergelegt/niedergelassen habend“, wiedergegeben. Der zweite Halbvers beginnt die folgende Haltung.
3.35
karpūraṃ staṃbhavat kṛtvā pārśvenaikena saṃśrayet |
etat proktaṃ mayā devi vṛṣabhāsanam uttamam || 3.35 ||
Etwas, das hier mit karpūram bezeichnet ist, soll wie ein Pfosten angeordnet werden; dann soll man sich auf einer Seite abstützen. Dies habe ich, Göttin, als die vorzügliche Stierhaltung, Vṛṣabhāsana, bezeichnet.
Anmerkung: Die gedruckte Folge karpūraṃstaṃ bhavatkṛtvā wird ohne Buchstabenänderung als karpūraṃ staṃbhavat kṛtvā gegliedert. Damit sind der Vergleich „wie ein Pfosten“ und kṛtvā, „angeordnet/gemacht habend“, verständlich. Karpūra bedeutet gewöhnlich Kampfer, ist hier aber als Objekt der Körperanordnung weiterhin problematisch. Eine Umstellung zu kūrpara, „Ellenbogen“, wird ohne geprüften Textzeugen nicht vorgenommen. Sensharma 1994, Sanskritseite 24, Alternativscan PDF 103, erneut am Seitenbild verglichen.
3.36
sarvarogavighātārthaṃ proktam etan mahātmabhiḥ |
eṣa cānye ca bahavo hy āsanāni yogasiddhidāḥ || 3.36 ||
Die großen Seelen haben sie zur Beseitigung aller Krankheiten gelehrt. Diese und viele weitere Haltungen sollen die Vollendung im Yoga verleihen.
Anmerkung: Die Endung -ni von āsanāni folgt dem eingeklammerten Druckvorschlag. Die grammatische Unebenheit des Satzes bleibt im Sanskrit erhalten.
3.37
yathāsyāsaṃ yathāyogaṃ teṣām ekataraṃ bhajet |
sa siddhe hy āsane samyak sarvendriyavaśīkaram || 3.37 ||
Man soll eine dieser Haltungen wählen, entsprechend den eigenen Möglichkeiten und ihrer Eignung. Ist die Haltung richtig beherrscht, folgt die Beherrschung aller Sinne.
Anmerkung: Yathāsyāsaṃ ist die unebene Druckform. Die Wiedergabe als „entsprechend den eigenen Möglichkeiten“ ist eine vorsichtige Kontextdeutung, keine Textverbesserung.
3.38
bhaviṣyati dṛḍhakāyaṃ manoniścalatā tathā |
abhyastenāsanenaiva samāsīno divāniśam || 3.38 ||
Der Körper wird fest, und ebenso kommt der Geist zur Ruhe. In eben dieser eingeübten Haltung soll der Yogi bei Tag und Nacht sitzen und den im folgenden Vers beschriebenen Yoga üben.
Anmerkung: Die Folge abhyaste nāsane naiva ist buchstabengetreu als abhyastenāsanenaiva lesbar: abhyastena āsanena eva, „in eben der eingeübten Haltung“. Das vermeintliche na gehört zur Instrumentalendung -ena beziehungsweise zum Sandhi; es wird keine tatsächlich erforderliche Verneinung getilgt. Der Instrumental beschreibt die Sitzweise von samāsīnaḥ, und das Prädikat yogaṃ yuñjīta folgt in 3.39. Die erste Vershälfte schließt die Wirkungsbeschreibung von 3.37 ab. Der zweite Halbvers erhält damit einen zusammenhängenden deutschen Anschluss. Sensharma 1994, Sanskritseite 24, Alternativscan PDF 103, am Seitenbild erneut verglichen.
3.39
yogaṃ yuñjīta vijane niḥśabde jantuvarjite |
susame ca susaṃmṛṣṭe gandhadhūpādivāsite || 3.39 ||
Man soll Yoga an einem abgeschiedenen, stillen, von Tieren oder Ungeziefer freien Ort üben, auf ebenem, gut gereinigtem Boden, von Düften und Räucherwerk erfüllt.
Anmerkung: Jantu ist allgemein ein Lebewesen; im Zusammenhang der Ortsreinigung werden hier störende Tiere oder Ungeziefer verstanden.
3.40
śivāśrame guhasthāne gṛhe vāpi viviktake |
śrīparāmṛtasaṃtṛptas acetano niyatātmavān || 3.40 ||
Man soll in einem Shiva-Heiligtum, in einer Höhle oder in einem abgeschiedenen Haus üben, selbstbeherrscht und im Bewusstsein vom ehrwürdigen höchsten Nektar erfüllt.
Anmerkung: Die Kompositumsgrenze zwischen saṃtṛpta und sacetana ist nicht eindeutig. Die Übersetzung liest die positive Bewusstseinsbestimmung; eine Aussage über Bewusstlosigkeit wird daraus nicht gewonnen.
3.41
abhyased aniśaṃ yogī sarvasiddhyartham ādarāt |
ekāgramatir abhyastat pramāṇaṃ suniścayaḥ || 3.41 ||
Der Yogi soll unablässig und mit Hingabe zur Erlangung aller Siddhis üben, mit einspitzigem Geist und fester Entschlossenheit. Die gedruckte Folge abhyastat pramāṇaṃ bleibt syntaktisch unklar.
Anmerkung: Ādarāt und pramāṇam folgen Druckergänzungen. Die unklare Folge wird nicht in eine bestimmte Übungsdauer oder ein Maß umgedeutet.
3.42
nityodyuktaḥ sadotsāhī guruvacanamṛtāśayaḥ |
mṛdghaṭādi niśaṃ yogī sarvasiddhyartham ācaret || 3.42 ||
Stets eifrig und immer zuversichtlich, innerlich vom Nektar der Worte des Gurus erfüllt, soll der Yogi zur Erlangung aller Siddhis üben. Der zweite Halbvers nennt Tongefäße und Ähnliches; deren Einbindung in den Satz bleibt unklar.
Anmerkung: Der Alternativscan zeigt die fraglich gedruckte Folge mṛdghaṭādi, wörtlich „Tongefäße und Ähnliches“. Die frühere Ablesung mudghaṭādi entfällt. Ein möglicher Vergleich wird wegen der anschließenden Lücke nicht zu einem nicht erhaltenen vollständigen Satz ergänzt.
3.43
… vibhedena bhaved utsāhayogataḥ |
tathā bhavati deho ’yam abhyāsena tu yoginaḥ |
sahasā nābhyased yogaṃ śanaiḥ samyak tam ācaret || 3.43 ||
Der Anfang der Aussage fehlt; der lesbare Teil verbindet Unterschied oder Entfaltung mit dem Einsatz von Eifer. So verändert sich dieser Körper des Yogi durch Übung. Man soll Yoga nicht übereilt üben, sondern ihn allmählich und richtig ausführen.
Anmerkung: Die Lücke steht bereits im Druck. Der Vers hat drei Langzeilen; die klare Mahnung zur allmählichen Übung wird trotz des beschädigten Anfangs wiedergegeben.
3.44
yugapat sevito doṣān karoti bahūṃs tanau |
tasmād abhyāsayogena śanair yogaś ca sidhyati || 3.44 ||
Wird Yoga auf einmal oder übermäßig betrieben, verursacht er viele Störungen im Körper. Deshalb gelangt der Yoga durch wiederholtes Üben allmählich zur Vollendung.
Anmerkung: Der Alternativscan bestätigt die Lokativform tanau, „im Körper“, statt der früheren Ablesung tano. „Übermäßig“ erläutert hier den Zusammenhang von yugapat, wörtlich „auf einmal“.
3.45
ekakālaṃ dvikālaṃ vā trikālaṃ vāpi pārvati |
sarvavighnapraśāntyarthaṃ bhūtebhyo balim āharet |
anyathā bahūn vighnān kurvanti parameśvari || 3.45 ||
Einmal, zweimal oder auch dreimal täglich, Parvati, soll man den Wesen eine Opfergabe darbringen, um alle Hindernisse zu beruhigen. Andernfalls bereiten sie viele Hindernisse, höchste Herrin.
Anmerkung: Bahūn folgt dem Druckvorschlag für bahūnā. Der Vers hat drei Langzeilen. Die Opfergabe gehört zur historischen Ritualordnung dieses Yogatextes.
3.46
snānādibhiḥ śuddhatanuḥ svadehe
viśoṣadāha … vanādi kṛtvā |
adyāpi saṃtatamatiḥ pravarāsanāni
saṃsiddhim eti va cirāya maheśi yogī || 3.46 ||
Durch Baden und Ähnliches am Leib gereinigt, soll der Yogi am eigenen Körper Trocknung, Verbrennung und weitere, wegen einer Lücke nicht bestimmbare Vorgänge vollziehen. Mit beständiger Aufmerksamkeit und den vorzüglichen Haltungen gelangt er zur Vollendung, große Herrin; der genaue zeitliche Sinn des beschädigten Schlusses bleibt offen.
Anmerkung: Im Druck fehlen Buchstaben vor vanādi; va ist fragend markiert. Der Wortlaut wird weder zu einer modernen Reinigungsroutine noch zu einem sicheren Versprechen rascher Vollendung ergänzt. Der Schlusskolophon folgt unmittelbar auf Nr. 46.
Schlusskolophon
|| iti matsyendrasaṃhitāyāṃ tṛtīyaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 3 der Matsyendra Samhita.
Kapitel 4: Atemschulung und Nadi-Lehre
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 26–34.
|| caturthaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 4.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 105–113; Sanskritseiten 26–34.[8]
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
4.1
athātaḥ saṃpravakṣyāmi prāṇasaṃyamanakramam |
yasmin siddhe bhaved yogī samyagyogaviśeṣavit || 4.1 ||
Nun werde ich die Reihenfolge der Lenkung des Lebensatems erläutern. Wer sie beherrscht, wird ein Yogi, der die Besonderheiten des Yoga richtig kennt.
Anmerkung: Prāṇa bezeichnet hier den Lebensatem beziehungsweise die Lebenswinde im yogischen Körpermodell.
4.2
prāṇasyaiva jayo yoga prāṇasyaiva jayas tathā |
prāṇasyaiva jayād devi siddhiḥ devi sudurlabhaḥ || 4.2 ||
Die Beherrschung des Lebensatems selbst ist Yoga; auf seine Beherrschung kommt es an. Durch eben diese Beherrschung entsteht, Göttin, die nur sehr schwer erreichbare Vollendung.
Anmerkung: Jayād folgt der im Druck ergänzten Endung d. Die Wiederholung und die grammatisch unebenen Endungen bleiben im Sanskrit erhalten.
4.3
nājīrṇe na rasodgāre na ca viṇmūtradhāraṇe |
na chardi nātisāre ca nātibhūtasamanvite || 4.3 ||
Bei Verdauungsstörungen, beim Aufstoßen von Flüssigkeit, beim Zurückhalten von Stuhl oder Urin, bei Erbrechen und Durchfall soll man diese Übung nicht ausführen. Die letzte Bestimmung atibhūtasamanvita ist nicht sicher zu deuten.
Anmerkung: Die Verbotsreihe reicht bis 4.6. Die letzte Form wird nicht stillschweigend zu einer bestimmten Krankheit oder psychischen Verfassung ergänzt.
4.4
naityamye gurukāryevā na cāpi kṣutpipāsataḥ |
na daṃśamaśakākīrṇe na ca śvāpadasevite || 4.4 ||
Auch unter den im Text unklar bezeichneten Umständen naityamya und gurukāryevā, bei Hunger oder Durst, an einem Ort voller stechender Insekten und Mücken oder dort, wo Raubtiere leben, soll man nicht üben.
Anmerkung: Die ersten beiden Druckformen sind mit Fragezeichen versehen. Ihre genaue Bedeutung bleibt offen; die anschließenden Bedingungen sind verständlich.
4.5
na nadīsamudratīre vā na jalāśayasaṃnidhau |
śmaśāne caityavṛkṣe vā na mahājanasaṃsadi || 4.5 ||
Ebenso soll man nicht am Ufer eines Flusses oder Meeres, nahe einem Wasserbecken, auf einem Leichenplatz, bei einem heiligen Baum oder in einer großen Menschenversammlung üben.
Anmerkung: Das erste na ist im Druck eingeklammert ergänzt. Die Aufzählung beschreibt die örtlichen Bedingungen dieses Textes und wird nicht als allgemeine Regel aller tantrischen Traditionen ausgegeben.
4.6
prāṇāyāmaṃ na kurvīta kuryāc ced vyādhibhāg bhavet |
sthitaḥ śivāśrame guhe niḥśabde janavarjite || 4.6 ||
Unter diesen Bedingungen soll man kein Pranayama ausführen; täte man es, so würde man nach Aussage des Textes von Krankheit betroffen. Stattdessen soll man in einem Shiva-Heiligtum oder einer Höhle verweilen, still und menschenleer.
Anmerkung: Śivāśrame folgt der Druckergänzung vā. Der zweite Halbvers beginnt die positive Ortsbeschreibung.
4.7
āsanaṃ mūlasampūrṇaṃ vinyasen mṛgacarmaṇā |
tatrāsīnaḥ sukhaṃ yogī gurvādīn saṃpraṇamya ca || 4.7 ||
Man soll einen an seiner Basis ausreichend bedeckten Sitz mit einem Antilopenfell herrichten. Der Yogi soll darauf bequem sitzen und sich vor dem Guru und den anderen Verehrungswürdigen verneigen.
Anmerkung: Mūlasampūrṇaṃ ist eine nicht ganz eindeutige Beschreibung der Sitzunterlage. Das Tierfell wird als historischer Bestandteil genannt.
4.8
abhyased āsanenaiva samāsīnaḥ samāhitaḥ |
recakaḥ pūrakaś caiva kumbhakaś ca prakīrtitaḥ || 4.8 ||
In dieser Haltung sitzend und gesammelt soll man üben. Genannt werden Rechaka, das Ausatmen, Puraka, das Einatmen, und Kumbhaka, das Zurückhalten des Atems.
Anmerkung: Die Begriffe bezeichnen die vom Text unterschiedenen Atemphasen.
4.9
nāsikāpuṭasya aṅgulyāpīḍyaikam apareṇa ca |
udaryaṃ recayed vāyuṃ recakaḥ sa udāhṛtaḥ || 4.9 ||
Eine Nasenöffnung wird mit einem Finger zugedrückt; durch die andere wird die Luft aus dem Bauchbereich herausgelassen. Dies nennt man Rechaka.
Anmerkung: Udaryaṃ folgt der im Druck ergänzten Anfangssilbe u. Die Wiedergabe beschreibt das historische Verfahren; sie ist keine individuelle Atemanleitung. Der klarere Scan zeigt den Genitiv nāsikāpuṭasya. Ekam wird als die eine der beiden Nasenöffnungen verstanden; die unregelmäßige gedruckte Konstruktion wird nicht stillschweigend verbessert.
4.10
bāhyena vāyunā dehaṃ dṛtivat pūrayet śubhe |
pūraṇāt pūrakaḥ proktaḥ kumbhakaṃ ca tathā śṛṇu || 4.10 ||
Mit der äußeren Luft wird der Körper wie ein Blasebalg gefüllt, Glückverheißende. Wegen dieses Füllens heißt die Phase Puraka. Höre nun ebenso vom Kumbhaka.
4.11
na muñcati na gṛhṇāti vāyum antar bahiḥ sthitam |
sampūrṇakumbhakavat tiṣṭhed acalaḥ sa tu kumbhakaḥ || 4.11 ||
Man lässt die innen befindliche Luft nicht hinaus und nimmt die außen befindliche nicht auf. Unbewegt verharrt man wie ein vollständig gefülltes Gefäß; dies ist Kumbhaka.
Anmerkung: Na und -vat folgen den Druckvorschlägen. Der Vergleich mit dem gefüllten Gefäß erklärt die Bezeichnung.
4.12
laghur dvādaśamātras tu madhyamo dviguṇaḥ smṛtaḥ |
triguṇaś cottamaḥ proktaḥ ṣaṭtriṃśattālamātrakaḥ || 4.12 ||
Die geringe Stufe umfasst zwölf Zeiteinheiten, die mittlere gilt als doppelt so lang, die höchste als dreifach: sechsunddreißig Taktmaße.
Anmerkung: Die Ergänzung ṇa und die Zahl ṣaṭtriṃśat folgen den Druckverbesserungen. Mātrā ist das historische Maß; es wird nicht ohne Beleg in Sekunden umgerechnet.
4.13
akāraś caikamātra syād ākāras tu dvimātrakaḥ |
†tadekavindunādādyas† triguṇaḥ parikīrtitaḥ || 4.13 ||
Der kurze Laut a zählt als eine Einheit, der lange Laut ā als zwei. Für eine weitere, mit Bindu und Nada verbundene Lautbildung wird das Dreifache genannt; die genaue Wortverbindung des zweiten Halbverses bleibt unklar.
Anmerkung: Dvimātrakaḥ folgt dem Druckvorschlag. Die beschädigte Lautbeschreibung wird nicht zu einer bestimmten, vermeintlich vorgeschriebenen Mantrasilbe ergänzt. Der Schlusskonsonant vor triguṇaḥ ist s, nicht c. Die Binnenlesung der Lautbeschreibung bleibt auch im zweiten Scan unsicher.
4.14
ityādi kramayogena saṃsiddhātmā dine dine |
yad yat sukaratām eti tatra tatrādhikaṃ caret || 4.14 ||
Durch eine solche schrittweise Übung vervollkommnet man sich Tag für Tag. Wo eine Übung leicht ausführbar wird, soll man dort entsprechend weitergehen.
4.15
mā ātmamātrādhikaṃ vāpi cānyat kuryād dine dine |
yad yad abhāsatām eti na tat tatyakto parivrajet || 4.15 ||
Man soll Tag für Tag nichts über das eigene Maß hinaus ausführen. Der zweite Halbvers enthält eine beschädigte Aussage über das Vertrautwerden mit einer Übung und ihr Aufgeben oder Fortführen.
Anmerkung: Die Wiederholung dine dine und tatyakto folgen Druckvorschlägen; der zweite ist fragend markiert. Der Anschluss von abhāsatām und tatyakto lässt keine sichere Gesamtübersetzung zu.
4.16
śanair abhyāsayogena yadā prāṇo jito bhavet |
tadā cihnāni dṛśyante yoginaḥ siddhisūcakā || 4.16 ||
Wenn der Lebensatem durch allmähliche Einübung beherrscht wird, zeigen sich beim Yogi Zeichen, die Vollendung anzeigen sollen.
Anmerkung: Cihnāni folgt der inhaltlich entscheidenden Druckverbesserung von vighnāni, „Hindernisse“. Die folgende Liste beschreibt traditionelle Erfahrungszeichen.
4.17
prathamaś ciñciṇīnādo dvitīyaḥ kiṅkiṇīravaḥ |
tṛtīyaṃ veṇunādaḥ syād ghaṇṭānādaś caturthakaḥ || 4.17 ||
Das erste ist ein ciñciṇī genannter Klang, das zweite das Klingen kleiner Glöckchen, das dritte ein Flötenton und das vierte der Klang einer Glocke.
Anmerkung: Ciñciṇī bleibt als lautmalende, nicht eindeutig bestimmbare Bezeichnung erhalten. Die anderen Klangvergleiche sind im Wortlaut erkennbar.
4.18
pañcamas tālanādaḥ syād bhṛṅganādaś ca ṣaṣṭhakaḥ |
saptamo daundubho nādo bherīnādas tathāṣṭamaḥ || 4.18 ||
Das fünfte ist der Klang von Taktinstrumenten, das sechste das Summen einer Biene, das siebte der Klang einer Dundubhi-Trommel und das achte der einer Bheri-Trommel.
Anmerkung: Die Endungen von saptamo, daundubho, nādo und der Anschluss von tathā folgen Druckverbesserungen. Tāla kann hier auch eine rhythmisch geschlagene Klangquelle bezeichnen.
4.19
navamo meghanādaś ca daśamaḥ sāgarasvanaḥ |
svedas tu prathamo devi dvitīyo kampa ucyate || 4.19 ||
Das neunte ist Donnerklang, das zehnte das Rauschen des Meeres. Göttin, bei einer weiteren Zeichenreihe gilt Schwitzen als das erste und Zittern als das zweite.
Anmerkung: Die Druckkorrektur kampa ersetzt kaṇṭha und ist für den Sinn wesentlich. Der Wechsel der Aufzählung fällt in die Mitte des Verses.
4.20
tṛtīyo ’dbhutakampaś ca caturtho ’pi galas tathā |
śarīrasya ūrdhvāṅgri citraṃ pañcamaḥ prakīrtitaḥ || 4.20 ||
Als drittes wird ein außergewöhnliches Beben genannt. Die vierte Bezeichnung lautet gala; als fünftes folgt eine beschädigte Angabe zu einer auffälligen Aufwärtsstellung der Füße oder des Körpers.
Anmerkung: Die Wörter gala und ūrdhvāṅgri sowie ihr Satzbezug sind nicht hinreichend klar. Die Vorschläge citraṃ und pañcamaḥ verbessern die Stelle nicht so weit, dass eine genaue Bewegung beschrieben werden könnte.
4.21
ṣaṣṭañ ca dūraśravaṇaṃ ca saptamaṃ dūradarśanam |
divyājñā cāṣṭamaṃ devi navamaṃ khecarī gatiḥ || 4.21 ||
Das sechste ist das Hören aus der Ferne, das siebte das Sehen aus der Ferne, das achte göttliches Wissen, Göttin, und das neunte die Bewegung im Raum.
Anmerkung: Die genannten Fähigkeiten werden als Aussagen der Schrift wiedergegeben. Divyājñā kann auch eine göttliche Weisung bezeichnen.
4.22
jīvanmokṣaṃ ca daśamaṃ trikālajñānam eva ca |
cihnāny etāni dṛśyante nirvighne sati yoginaḥ || 4.22 ||
Als zehntes gelten Befreiung zu Lebzeiten und Wissen um die drei Zeiten. Diese Zeichen sollen sich beim Yogi zeigen, wenn die Übung frei von Hindernissen ist.
Anmerkung: Trikāla bezeichnet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Vers verbindet Befreiung mit außergewöhnlichem Wissen.
4.23
asamyak kārakasyeha vighnāḥ prādurbhavanti ca |
hikkā kāśas tathābhyāse karṇadantākṣivedanā || 4.23 ||
Bei dem, der die Übung nicht richtig ausführt, treten dagegen Hindernisse auf: Schluckauf, Husten sowie Schmerzen an Ohren, Zähnen und Augen während der Übung.
Anmerkung: Kāśa ist die gedruckte Form im Sinne von Husten. Diese historische Warnung ersetzt keine heutige medizinische Beurteilung.
4.24
vātaṃ pittaṃ saṃnipātaṃ śūlaghātyudarāmayāḥ |
grahaṇījvaraṃ saṃmohamūrcchātisārasādhvasā || 4.24 ||
Genannt werden Störungen von Vata und Pitta, eine Verbindung der Krankheitsfaktoren, stechende Schmerzen und Bauchleiden, Verdauungsstörungen, Fieber, Verwirrung, Ohnmacht, Durchfall und Angst.
Anmerkung: Die Komposita śūlaghāty- und grahaṇījvara sowie die Kasusendungen sind uneben. Die Begriffe werden innerhalb der historischen Krankheitslehre übersetzt, nicht mit heutigen Diagnosen gleichgesetzt.
4.25
tasmāc chanair yo japecca yogī saṃsiddhaye cirāt |
tasmād rogacikitsāṃ tu śṛṇu devi yathā tathā || 4.25 ||
Deshalb soll der Yogi allmählich rezitieren, um mit der Zeit zur Vollendung zu gelangen. Höre nun, Göttin, von der Behandlung der Krankheiten.
Anmerkung: Japecca ist die gedruckte Form. Sie wird nicht stillschweigend zu einem Verb für Atemlenkung geändert.
4.26
snigdhāṃ yavāgūmat †pūmra† pītvā tatraivādhārayet |
cintayed amṛtaṃ dehe sarvarogāpanuttaye || 4.26 ||
Nach dem Trinken eines fetthaltigen Getreidebreis wird eine Sammlung an der betreffenden Stelle beschrieben. Man soll im Körper Nektar vergegenwärtigen, um alle Krankheiten zu beseitigen. Die Form pūmra bleibt unklar.
Anmerkung: Die erste Zeile ist sprachlich beschädigt und im Druck fragend markiert. Es wird keine moderne Rezeptur, Menge oder Behandlung daraus abgeleitet. Zum Vergleich: Birch 2018, S. 58, Anm. 254, zitiert Kiss’ englische Übersetzung von 4.25–28ab, die den Brei als gehaltvoll und sehr heiß bezeichnet. Dies hilft beim Vergleich der Deutung, liefert aber keinen geprüften Sanskritwortlaut für die hier unsichere Folge; eine Rückübersetzung in den Grundtext erfolgt deshalb nicht.[9]
4.27
āgneyīṃ dhāraṇāṃ dhyāyed yoge vāyavyavāruṇau |
mūrcchāyām adhiyāte ca bhūtapretādyupadrave || 4.27 ||
Im Yoga soll man die feurige Sammlung meditieren sowie die dem Wind und dem Wasser zugeordneten Sammlungen: bei Ohnmacht und den im Text genannten Störungen durch Bhutas, Pretas und ähnliche Wesen.
Anmerkung: Adhiyāte ist nicht sicher deutbar. Die historischen Vorstellungen von Wesen und Besessenheit werden nicht als heutige Krankheitsursachen behauptet.
4.28
prajaped vai śanaiḥ prāṇaṃ viṣadoṣe ca dāruṇe |
sarvarogaprapīḍāsu prakṣad yogī saṣi bhavet || 4.28 ||
Bei schwerer Vergiftung soll er langsam rezitieren; der Text nennt dabei den Lebensatem (prāṇa), dessen Bezug zum Rezitieren nicht eindeutig ist. Die weitere Aussage über den von Krankheiten bedrängten Yogi ist wegen der Formen prakṣad und saṣi nicht verlässlich übersetzbar.
Anmerkung: Prajapet bezeichnet das Rezitieren; die frühere Erweiterung zu einer allgemeinen „Arbeit mit dem Lebensatem“ war zu unbestimmt. Der Anschluss des Akkusativs prāṇam bleibt offen. Prakṣad und saṣi sind im Druck fragend markiert. Die Passage wird als historische Textaussage dokumentiert, ohne daraus ein heutiges Verfahren bei Vergiftung abzuleiten.
4.29
pinākipīṭhagomedas tathā pāvakamārutau |
sa … śa vindumad bījam ucyate roganāśanam || 4.29 ||
Es werden Pinakin, Pitha, Gomeda sowie Feuer und Wind genannt; anschließend folgt eine lückenhafte Lautanweisung mit Bindu. Die so bezeichnete Keimsilbe soll Krankheiten beseitigen.
Anmerkung: Die Folge steht im Zusammenhang einer verschlüsselten Mantraherleitung. Die Lücke wird nicht ergänzt, und aus den Bezeichnungen wird keine scheinbar gesicherte Silbe zusammengesetzt.
4.30
bījānte vaidyaśabdaṃ ca meyo daṇḍī ca daṇḍinau |
vyomasūno ’gnijāpānto tāśadyo ’yaṃ mahāmanuḥ || 4.30 ||
Am Ende der Keimsilbe soll das Wort vaidya, „Arzt“, stehen. Dann folgen die nicht sicher aufzulösende Bezeichnung meya, Daṇḍin („Stabträger“) in zwei verschiedenen Kasusformen und Vyomasūnu („Sohn des Raumes“), ferner eine Angabe zu Feuer und Rezitation sowie ein beschädigter Abschluss. Dies wird als großes Mantra bezeichnet.
Anmerkung: Die Herleitung bleibt sprachlich und hinsichtlich ihrer Lautschlüssel unsicher. Daṇḍī und daṇḍinau sind als Formen von daṇḍin erkennbar; vyomasūnu ist wörtlich „Sohn des Raumes“. Diese Wortbedeutungen sind von ihrer nicht gesicherten Zuordnung zu einzelnen Mantralauten zu unterscheiden. Meyo, agnijāpānto und tāśadyo ergeben noch keine zuverlässige gesamte Lautanweisung. Es wird kein bekanntes Heilmantra eingesetzt.
4.31
ṣaḍdīrghasvarayuktena bījena dhānam ucyate |
pradarśya amṛtamudrāṃ ca mantreṇa vyāpayet tanuḥ || 4.31 ||
Mit der Keimsilbe, die mit den sechs langen Vokalen verbunden ist, wird ein dhāna genanntes Verfahren angegeben. Nachdem man die Amrita-Mudra gezeigt hat, soll man den Körper mit dem Mantra durchdringen.
Anmerkung: Dhānam steht im Druck mit Fragezeichen; ein fehlender Anfang wie nyā- oder dhyā- wird nicht ergänzt. Pradarśya folgt dem eingeklammerten Verbesserungsvorschlag.
4.32
kundendusphaṭikāmalaṃ trinayanaṃ divyāmṛtāraṃ ghaṭaṃ
vite dakṣakare tathetarakare sarvauṣadhīnāṃ rasaiḥ |
pūrṇaṃ pātravaraṃ dadhat svaśirasā śrīvaidyanāthaṃ prabhuṃ
dhyāyan vyādhigaṇaiḥ kṣaṇo na manujo muktaś ciraṃ jīvati || 4.32 ||
Man soll den ehrwürdigen Herrn Vaidyanatha meditieren: rein wie Jasmin, Mond und Bergkristall, dreiäugig, in Verbindung mit einem Gefäß göttlichen Nektars in der rechten Hand und einem vorzüglichen, mit den Säften aller Heilpflanzen gefüllten Gefäß in der anderen. Der Schluss verbindet diese Meditation mit Befreiung von Krankheiten und langem Leben, ist in seiner genauen Aussage jedoch beschädigt.
Anmerkung: Die Formen divyāmṛtāraṃ, vite und die Schlussfolge kṣaṇo na verhindern eine sichere Gesamtübersetzung. Svaśirasā folgt der Druckergänzung. Die Verneinung na wird nicht stillschweigend gestrichen. Vier längere metrische Zeilen werden erhalten.
4.33
evaṃ dhyātvā japen mantraṃ saptasāhasram ādarāt |
mucyate sarvarogaiś ca tathā bhūtādyupadravaiḥ || 4.33 ||
Nachdem man so meditiert hat, soll man das Mantra mit Hingabe siebentausendmal rezitieren. Dadurch werde man, so der Text, von allen Krankheiten und von Störungen durch Bhutas und ähnliche Wesen befreit.
Anmerkung: Die Zahl siebentausend ist ausdrücklich angegeben; die Wirkung wird als traditionelles Versprechen wiedergegeben.
4.34
athavā anyaprakāreṇa devaṃ dhanvantariṃ smaret |
prajapet tanmanuṃ sarvavyādhipīḍāvināśanam || 4.34 ||
Oder man soll auf andere Weise den Gott Dhanvantari vergegenwärtigen und sein Mantra rezitieren, das jede Bedrängnis durch Krankheit beseitigen soll.
Anmerkung: Tanmanuṃ folgt der eingeklammerten Druckergänzung. Dhanvantari wird hier ausdrücklich genannt.
4.35
manutārānvadhovindu maṇḍitaṃ bījam īritam |
dānto meṣopīṭhastho vindumantaraye punaḥ || 4.35 ||
Die Keimsilbe wird als mit einer Verbindung von Mantra, Tāra und einem unteren Bindu geschmückt bezeichnet. Es folgen Angaben zu dānta, zum Sitz des meṣa und erneut zum Bindu; ihre genaue Lautbedeutung ist nicht gesichert.
Anmerkung: Die fragend markierten Komposita bleiben erhalten. Die verschlüsselte Folge wird nicht zu einem vertrauten Dhanvantari-Mantra ergänzt.
4.36
triyugāṃ nāhitārādiraṇuṃ yuktomadāntakṛt |
bījavarṇena pañcāṅgaṃ kārayed ādareṇa tu || 4.36 ||
Die erste Zeile enthält eine nicht zuverlässig deutbare Lautanweisung. Mit dem Laut der Keimsilbe soll man hingebungsvoll das fünffache Gliederverfahren ausführen.
Anmerkung: Die Druckformen triyugāṃ nāhitārādiraṇuṃ und yuktomadāntakṛt sind fragend markiert. Pañcāṅga ist erkennbar; die fünf Glieder werden hier nicht einzeln genannt und nicht ergänzt.
4.37
śrīmacchāradacandrakoṭisadṛśaṃ divyauṣadhapūritaṃ
pātraṃ ca amṛtakumbhamadhya vidadhad dorbhyāṃ varaṃ cābhayam |
sarvavyādhisamuccayakṣayakarā padmasahasracchade
vyādhiḥ sarvajarāpamṛtyubhayahā syād āśu dhanvantariḥ || 4.37 ||
Dhanvantari wird in einer Gestalt vergegenwärtigt, die zehn Millionen herrlichen Herbstmonden gleicht, mit einem Gefäß göttlicher Heilmittel, einem Nektartopf und den Gebärden der Wunscherfüllung und Furchtlosigkeit. Auf einem tausendblättrigen Lotus soll er Krankheiten, Altern und die Furcht vor vorzeitigem Tod beseitigen.
Anmerkung: Mehrere Kasusformen und insbesondere vyādhiḥ sind sprachlich beschädigt. Die Ikonografie ist in Grundzügen verständlich; die genaue Verteilung der Gegenstände auf die Hände bleibt offen. Vier längere metrische Zeilen werden erhalten.
4.38
evaṃ dhyātvā japen mantraṃ pūrvaṃ sevyaṃ anuttamam |
sadyaḥ pramucyate rogair bhūtigrahaiḥ vighrasaṃcayaiḥ || 4.38 ||
Nachdem man so meditiert hat, soll man das zuvor zu pflegende, unübertreffliche Mantra rezitieren. Dadurch werde man unmittelbar von Krankheiten, von ergreifenden Wesen und von angesammelten Hindernissen befreit.
Anmerkung: Die Formen bhūtigraha und vighra sind uneben. Das Versprechen gehört zum historischen Mantra- und Heilungszusammenhang.
4.39
yāny auṣadhāni vidyante vyādhighnāni maheśvari |
etāni śyād dābhya ca śṛṇu nāḍīviśodhanam || 4.39 ||
Dies sind die vorhandenen, Krankheiten beseitigenden Mittel, große Herrin. Nach einer beschädigten Überleitung folgt die Aufforderung: Höre nun von der Reinigung der Nadis.
Anmerkung: Die Folge śyād dābhya ist unsicher lesbar und im Druck fragend markiert. Sie wird nicht zu einer bestimmten Handlung ergänzt.
4.40
mūlādhārāt samudyantaṃ suṣumṇā parikīrtitā |
iḍā ca piṅgalā caiva tasya savye ca dakṣiṇe || 4.40 ||
Als Sushumna wird die vom Muladhara aufsteigende Bahn bezeichnet. Ida und Pingala befinden sich links und rechts von ihr.
Anmerkung: Die grammatischen Endungen sind uneben; die drei Nadi-Namen und ihre Grundanordnung sind klar erkennbar.
4.41
iḍā tasyāḥ sthitā savye dakṣiṇe piṅgalā sthitā |
iḍāyāṃ piṅgalāyāṃ ca parataś candrabhāskarau || 4.41 ||
Ida liegt links von ihr und Pingala rechts. Ida und Pingala werden dem Mond und der Sonne zugeordnet.
Anmerkung: Parataḥ bleibt in seinem genauen Bezug offen; die ausdrückliche Zuordnung wird im folgenden Vers erläutert.
4.42
iḍāyāṃ candramo jñeya piṅgalāyāṃ raviḥ smṛtaḥ |
bhāvayitvā atha sakalaṃ kālarātridivātmakam || 4.42 ||
In Ida soll man den Mond erkennen, in Pingala die Sonne. So soll man sich das Ganze als Zeit vorstellen, die aus Nacht und Tag besteht.
Anmerkung: Der zweite Halbvers bleibt syntaktisch unverbunden. Kāla bezeichnet hier die Zeit, deren Verschlingen Vers 44 anspricht.
4.43
candras tāmasa ity uktaḥ sūryo rājasa ucyate |
viṣabhāgo raver bhāgaḥ somabhāge ’mṛtaḥ smṛtaḥ || 4.43 ||
Der Mond wird als tamas-geprägt bezeichnet, die Sonne als rajas-geprägt. Der Anteil der Sonne ist der Anteil des Giftes; im Anteil des Mondes befindet sich, so heißt es, der Unsterblichkeitstrank.
Anmerkung: Tamas und Rajas bezeichnen hier kosmologische Qualitäten. Die Gleichsetzung des Mondes mit Tamas darf nicht stillschweigend durch ein vertrauteres Yoga-Schema ersetzt werden.
4.44
bhoktṛ suṣumṇā kālasya guhyam etad udāhṛtam |
anyadhamanyaḥ proktāḥ gāndhārī haritajihvakā || 4.44 ||
Sushumna ist die Verzehrerin der Zeit: Damit ist dieses Geheimnis ausgesprochen. Als weitere Bahnen werden Gandhari und Haritajihvaka genannt.
Anmerkung: Haritajihvakā steht so im Druck; Vers 48 nennt Hastijihvika. Die beiden Namensformen werden nicht ohne Nachweis vereinheitlicht.
4.45
†sapūṣālaṃ vikācaiva† †yajño ’smitrāpi† śaṅkhinī |
†kurharīvi† ca viddhiḥ prādhānyāt †vyāpikāstanau† || 4.45 ||
Die Aufzählung setzt mit mehreren entstellten Namen fort; Shankhini ist sicher erkennbar. Sie werden offenbar als die hauptsächlichen, den Körper durchziehenden Bahnen bezeichnet. Die übrigen Namen und der genaue Satzbau lassen sich aus diesem Druck nicht zuverlässig übersetzen.
Anmerkung: Der Herausgeber setzt hier mehrfach Fragezeichen. Die Namen werden nicht aus anderen Nadi-Listen ergänzt. Auch der zweite Scan beseitigt die Schwierigkeiten der übrigen Namen und der Buchstabenfolge nach ca nicht; die vorläufige Ablesung wird nicht als gesicherte Namensliste behandelt.
4.46
kācin nāḍī bahirvakrāt yā mātu hṛdi budhyate |
†papātu tuṣṭemāpnoti kośe ra† iva kalpanā || 4.46 ||
Es ist von einer bestimmten Nadi, einer äußeren Öffnung oder Krümmung und dem Herzen der Mutter die Rede. Der folgende Vergleich und die Aussage des zweiten Halbverses sind im verwendeten Text nicht zuverlässig verständlich.
Anmerkung: Die Lesungen mātu und kośe ra sind bereits im Druck fraglich. Bahirvakrāt wird ohne unbelegte Änderung zu bahirvaktrāt beibehalten; eine zusammenhängende Übersetzung wäre spekulativ.
4.47
mātur āhārarasajaiḥ dhātubhiḥ puṣyate kramāt |
gāndhārī nāma yā jihvā piṅgalāpārśvavartinī || 4.47 ||
Durch die Gewebe oder Grundbestandteile, die aus dem Nahrungssaft der Mutter entstehen, wird der Körper nach und nach genährt. Die Gandhari genannte Bahn liegt an der Seite von Pingala.
Anmerkung: Das grammatische Subjekt des ersten Halbverses ist ausgelassen; „der Körper“ ist aus dem Zusammenhang ergänzt. Im zweiten steht jihvā, wörtlich „Zunge“, anstelle einer eindeutigen Bezeichnung als Nadi.
4.48
unmukhī brahmarandhrāntaṃ bahuśākhā samudyatā |
iḍāyāḥ pārśvagā nāḍī samproktā hastijihvikā || 4.48 ||
Nach oben gerichtet steigt sie mit vielen Verzweigungen bis zum Brahmarandhra auf. Die Nadi, die an der Seite von Ida verläuft, wird Hastijihvika genannt.
Anmerkung: Brahmarandhra bezeichnet die Öffnung am Scheitel im yogischen Körperbild. Der erste Halbvers setzt die Beschreibung der Gandhari fort.
4.49
bahuśākhā bahuskandhā mūlāt kāṃtu mukhonmukhī |
†samukhālaṃ† †vukhau† cobhe pārśvayor ūrdhvage smṛte || 4.49 ||
Sie hat viele Zweige und viele größere Verästelungen und richtet sich von der Wurzel zum Gesicht hin auf. Ferner werden zwei beidseitig aufsteigende Bahnen erwähnt; ihre Namen sind im Druck nicht zuverlässig lesbar.
Anmerkung: Der Druck bietet kāṃtu mit dem fraglichen Vorschlag yātu; samukhālaṃ und vukhau sind ebenfalls mit Fragezeichen versehen. Diese Namen bleiben unübersetzt.
4.50
karāṅgulyā paryantaṃ bahuśākhā samudyatāḥ |
yaśasvinī ca dakṣasya pādāṅguṣṭhāntam iṣyate || 4.50 ||
Mit vielen Zweigen erstrecken sie sich bis zu den Fingern der Hände. Yashasvini reicht, so wird gelehrt, bis zum großen Zeh des rechten Fußes.
Anmerkung: Der Text folgt den gedruckten Ergänzungen zu karāṅgulyā und paryantam; der Druck liest zunächst karāṅgulpha und parya. Die Kasus- und Numerusformen bleiben uneben.
4.51
bahuśākhāvibhedena mūlādhārād adhomukhāḥ |
śaṅkhinī yā mahānāḍī vāme cādhomukhī sthitā || 4.51 ||
Mit ihren vielen unterschiedlichen Zweigen verlaufen sie vom Muladhara abwärts. Die große Nadi Shankhini liegt auf der linken Seite und ist ebenfalls nach unten gerichtet.
Anmerkung: Der erste Halbvers führt die Beschreibung von Vers 50 fort.
4.52
śākhopaśākhabhedena pādāṅgulyaṃ tam īśvari |
kuhur iti ca yā nāḍī sādhaś cordhvaṃ ca susthitāḥ || 4.52 ||
Mit ihren Zweigen und Nebenzweigen reicht sie bis zu den Zehen, o Herrin. Die als Kuhu bezeichnete Nadi erstreckt sich sowohl abwärts als auch aufwärts.
Anmerkung: Der klarere Scan zeigt kuhur iti; die bisher gesetzte Auslassungsmarke und die Aussage, der Name fehle im Druck, entfallen. Der gedruckte kurze u-Vokal wird beibehalten. Pādāṅgulyaṃ tam ist grammatisch unregelmäßig; die Übersetzung versteht darin die Reichweitenangabe bis zu den Zehen.
4.53
bahuśākhāvibhedena dehaṃ vyāpya vyavasthitā |
sarasvatī ca mūlotthā jihvāgrāntaṃ vyavasthitā || 4.53 ||
Mit vielen verschiedenen Verzweigungen durchzieht sie den ganzen Körper. Sarasvati geht von der Wurzel aus und erstreckt sich bis zur Zungenspitze.
Anmerkung: Der erste Halbvers setzt die unvollständig überlieferte Beschreibung von Vers 52 fort.
4.54
jayā ca vijayā vyomā nābhimūle samudbhavet |
ayugme netrakarṇāntiṃ kapolaṃ vyāpya saṃsthitā || 4.54 ||
Jaya, Vijaya und Vyoma entstehen an der Nabelwurzel. Sie verlaufen zu Augen und Ohren und durchziehen die Wangen.
Anmerkung: Ayugme, „im Ungepaarten“, und die Form netrakarṇāntim lassen keine sichere genaue Zuordnung der drei genannten Bahnen zu. Dieser Zusatz bleibt ungeklärt.
4.55
suṣumṇā dakṣe vāme ca ubhe iḍāpiṅgale sthite |
vāmadakṣiṇanāsānta śarīre ’smin vyavasthite || 4.55 ||
Rechts und links von Sushumna liegen die beiden Bahnen Ida und Pingala. In diesem Körper erstrecken sie sich bis zur linken beziehungsweise rechten Nasenöffnung.
Anmerkung: Der Druck ergänzt den Anfangsvokal von iḍā. Die Kasusform suṣumṇā bleibt unverändert; die räumliche Aussage ist erkennbar.
4.56
evaṃ devi samākhyātā nāḍayaḥ prādhānyataḥ śubhe |
bahutvāc caiva nāmāni samyak vaktuṃ na śakyate || 4.56 ||
So sind dir, o Göttin, o Gütige, die wichtigsten Nadis erklärt. Weil es so viele gibt, lassen sich ihre Namen nicht alle ausführlich nennen.
4.57
śākhopaśākhatāṃ prāptāḥ śirā lakṣatrayātmakam |
ardhalakṣam iti prāhuḥ śarīrārdhvicārakaiḥ || 4.57 ||
Die in Zweige und Nebenzweige gegliederten Gefäße werden auf dreihunderttausend beziffert. Zugleich steht hier die Angabe eines halben Laksha, also fünfzigtausend, die den Betrachtern des Körpers zugeschrieben wird.
Anmerkung: Der Druck liest ardhalakṣam und schlägt fraglich sārdhalakṣam vor. Damit könnte eine abweichende Gesamtzahl gemeint sein; aus dem gedruckten Wortlaut ergibt sich keine sichere einheitliche Summe. Auch śarīrārdhvicārakaiḥ ist uneben.
4.58
†tadbhāśca† bahūnāhu tābhiḥ sarvābhir eva ca |
vyāpnoti sarvato vāyur yena dehaḥ pravartate || 4.58 ||
Von vielen weiteren Teilen oder Unterteilungen ist die Rede. Durch all diese Bahnen breitet sich überall der Lebenswind aus, durch den der Körper tätig wird.
Anmerkung: Tadbhāśca ist bereits im Druck fraglich; der genaue Gegenstand der ersten Aussage bleibt offen. Die zweite Aussage ist verständlich.
4.59
†dehatrimūlādhāre† tu dehādyantasamīraṇaḥ |
nāḍībhyām astam abhyeti prāṇato hi ṣaḍaṅgule || 4.59 ||
Der Vers spricht vom Lebenswind im Muladhara und von seinem Weg durch zwei Nadis; dabei wird ein Maß von sechs Fingerbreiten genannt. Ausgangspunkt, Ziel und genauer Bezug dieses Maßes lassen sich aus der vorliegenden Lesung nicht sicher bestimmen.
Anmerkung: Dehatrimūlādhāre und der Anschluss von dehādyantasamīraṇaḥ sind unsicher. Eine konkrete Atemtechnik wird daraus nicht rekonstruiert.
4.60
ahorātram anendubhyāṃ ūrdhvādho vṛttir iṣyate |
vāmadakṣiṇanāḍībhyāṃ syād vā dakṣiṇāyanam || 4.60 ||
Tag und Nacht wird ein Auf- und Abwärtsverlauf gelehrt. Durch die linke und die rechte Nadi vollzieht sich dabei ein „südlicher Gang“ (dakṣiṇāyana).
Anmerkung: Anendubhyām ist unklar. Ein astronomisches Bild wird erkennbar, doch der Druck erlaubt keine sichere Zuordnung aller Bewegungen zu Sonne und Mond.
4.61
yāś ca nāḍyāḥ śarīre ’smin †māhatyaya† vyavasthite |
tāsu sarvāsu deveśi vicaranti tu vāyavaḥ || 4.61 ||
In allen Nadis, die in diesem Körper angeordnet sind, bewegen sich die Lebenswinde, o Herrin der Götter.
Anmerkung: Der Druck ergänzt nāḍyāḥ und versieht māhatyaya mit einem Fragezeichen. Dessen möglicher Zusatzsinn bleibt unübersetzt.
4.62
prāṇo ’pānaḥ samānaś ca udāno vyāna eva ca |
nāgaḥ kūrmaś †cakṣakarau† devadatto dhanañjayaḥ || 4.62 ||
Genannt werden Prana, Apana, Samana, Udana und Vyana sowie Naga, Kurma, ein unklar überlieferter weiterer Name, Devadatta und Dhananjaya.
Anmerkung: Der Druck hat cakṣakarau mit Fragezeichen. Obwohl Vers 72 Kṛkala nennt, wird der beschädigte Name hier nicht stillschweigend ersetzt.
4.63
ete nāḍīsu sarvāsu vasanti daśa vāyavaḥ |
eteṣu vāyavaḥ pañca nare prāṇādayaḥ smṛtāḥ || 4.63 ||
Diese zehn Lebenswinde wohnen in allen Nadis. Unter ihnen gelten beim Menschen die fünf, beginnend mit Prana, als die Hauptwinde.
Anmerkung: Nare folgt dem fraglichen Korrekturvorschlag des Drucks zu naśaḥ; „Hauptwinde“ erläutert die hier vorgenommene Auswahl der ersten fünf.
4.64
teṣu mukhyataraḥ prāṇaḥ skandhaḥ syād adhaḥ pratiṣṭhitaḥ |
āsyanāsikayor madhye hṛdaye bhānumaṇḍale || 4.64 ||
Unter diesen ist Prana der vorzüglichste. Er ist unterhalb der Schulter, zwischen Mund und Nase, im Herzen und im Sonnenkreis angesiedelt.
Anmerkung: Die Ortsliste reicht bis Vers 65. Die Form skandhaḥ ist syntaktisch uneben; die Übersetzung versteht sie als Ortsangabe.
4.65
pādāṅguṣṭhe ca prāṇa eteṣv api ca tiṣṭhati |
apāne †miṭpāyośca† kuru dakṣiṇajānuṣu || 4.65 ||
Auch im großen Zeh hält sich Prana auf: An diesen Orten ist er gegenwärtig. Für Apana werden der Afterbereich und das rechte Knie genannt; ein Teil der Ortsangaben ist entstellt.
Anmerkung: Apāne folgt der gedruckten Korrektur von āpāne. Miṭpāyośca ist im Druck als fraglich bezeichnet; auch kuru fügt sich nicht sicher ein. Die Liste wird in Vers 66 fortgeführt.
4.66
jaṃghodareṣu kaṭyāṃ ca sthāneṣv eteṣu tiṣṭhati |
vyānaḥ śroṇimadhyasthaḥ bhrūka … gulphayor dvayo || 4.66 ||
Er hält sich in den Unterschenkeln, im Bauch und in der Hüftgegend auf. Vyana befindet sich in der Mitte des Beckens, im Brauenbereich und an beiden Knöcheln; zwischen diesen Angaben fehlt Text.
Anmerkung: Śroṇi folgt dem fraglichen Druckvorschlag zu śrīśākṣi. Nach bhrūka markiert bereits die Ausgabe eine Lücke. Die Übersetzung dieser Einheit bleibt daher lückenhaft.
4.67
nāgādivāyavaḥ pañca tvag … diṣu ca saṃsthitā |
daśasaṃkhyā prakārādi prāṇakūrmeti kīrtyate || 4.67 ||
Die fünf Winde, beginnend mit Naga, befinden sich in der Haut und in weiteren, hier fehlenden Körperbestandteilen. Die folgende Aussage nennt die Zahl zehn; ihr genauer Zusammenhang und die Lesung prāṇakūrma bleiben unklar.
Anmerkung: Die Lücke nach tvag ist im Druck vorhanden. Prāṇakūrmeti wird nicht ohne zweiten Zeugen in prāṇakarmeti geändert.
4.68
apānavāyor yat karma viśamūtrādivisarjanam |
dehāvayavaceṣṭādiḥ vyānakarmeti kīrtyate || 4.68 ||
Die Tätigkeit des Apana-Windes besteht in der Ausscheidung von Kot, Urin und Ähnlichem. Die Bewegung der Körperglieder und verwandte Vorgänge werden als Tätigkeit von Vyana bezeichnet.
Anmerkung: Der Druck hat viśa an der Stelle des Wortes für Kot; die Übersetzung folgt dem eindeutigen Ausscheidungskontext, ohne die Sanskritform stillschweigend zu berichtigen.
4.69
udānakarma yat proktaṃ dehastho nayanādikam |
poṣaṇādiḥ samānasya śarīre karma kīrtayati || 4.69 ||
Als Tätigkeit von Udana wird das Führen oder Bewegen im Körper und Ähnliches bezeichnet. Ernährung und verwandte Vorgänge nennt der Text die Tätigkeit von Samana im Körper.
Anmerkung: Nayana kann das Führen beziehungsweise Bewegen, aber auch das Auge bezeichnen. Dehastho nayanādikam ist grammatisch uneben; eine genaue physiologische Zuordnung bleibt unsicher.
4.70
bhuktaṃ sarvarasaṃ gātre vyāpayan vahninā saha |
dvisaptatisahasreṣu nāḍīmārgeṣu sañcaran || 4.70 ||
Zusammen mit dem Feuer verteilt er den gesamten aufgenommenen Nahrungssaft im Körper und bewegt sich dabei durch zweiundsiebzigtausend Nadi-Bahnen.
Anmerkung: Das Subjekt Samana wird in Vers 71 ausdrücklich genannt; „er“ erhält den Satzanschluss.
4.71
samānavāyur eva etad dehaṃ vyāpya vyavasthitaḥ |
udgārādiguṇo yas tu nāga ity eva kīrtyate || 4.71 ||
So durchdringt gerade der Samana-Wind diesen Körper. Der Wind, zu dessen Wirkungen das Aufstoßen gehört, wird Naga genannt.
Anmerkung: Nāga ity eva folgt der ausdrücklich gedruckten Berichtigung zu nāgametīni.
4.72
nimīlanādi kūrmasya drutaṃ ca kṛkalasya ca |
devadattasya deveśi tandrākarmeti kīrtyate || 4.72 ||
Das Schließen der Augen und Ähnliches gehört zu Kurma; eine rasche Bewegung wird Kṛkala zugeordnet. Schläfrigkeit wird als Tätigkeit von Devadatta bezeichnet, o Herrin der Götter.
Anmerkung: Der Druck hat drutam, „rasch“, und kṛkala; weder „Niesen“ noch eine normalisierte Namensform wird unbelegt eingesetzt. Welche Bewegung gemeint ist, bleibt offen.
4.73
dhanañjayasya śophādi sarvakarmasamīkṛtā |
jñātvaiva vāyusaṃsthānaṃ nāḍīsthānaṃ ca yatnataḥ || 4.73 ||
Dhananjaya wird das Anschwellen und Ähnliches zugeschrieben. Nachdem man die Anordnung der Lebenswinde und die Lage der Nadis sorgfältig erkannt hat, folgt die nun beschriebene Reinigung.
Anmerkung: Sarvakarmasamīkṛtā ist grammatisch und inhaltlich nicht sicher aufzulösen. Die Fortsetzung steht in Vers 74; der entsprechende Satzanschluss ist im Deutschen verdeutlicht. Der klarere Scan bestätigt śophādi, „Anschwellen und Ähnliches“, statt der früheren Ablesung śoṣādi. Die frühere Wiedergabe „Austrocknen“ ist damit korrigiert.
4.74
nāḍīsaṃśodhanaṃ kuryāt yathāvidhipurassaram |
nāḍīśuddhiṃ vinā devi prāṇāyāmo na sidhyati || 4.74 ||
Man soll die Nadis nach dem vorgeschriebenen Verfahren reinigen. Ohne Reinigung der Nadis, o Göttin, gelangt Pranayama nicht zum Erfolg.
Anmerkung: Nāḍīśuddhim folgt der gedruckten Kasuskorrektur. Dies ist die historische Aussage des Textes über seine eigene Praxisordnung.
4.75
nāḍīṣu samyak siddhais tu sukaraṃ prāṇasādhanam |
śanaiḥ saṃśodhayen nāḍī recakādividhānavit || 4.75 ||
Sind die Nadis in rechter Weise vorbereitet, lässt sich die Schulung des Prana leicht ausführen. Wer das Verfahren des Ausatmens und der weiteren Atemphasen kennt, soll die Nadis allmählich reinigen.
Anmerkung: Der Druck korrigiert siddhās tu zu siddhais tu; die grammatische Unebenheit bleibt. Śanaiḥ, „allmählich“, ist für die folgenden Verse wesentlich.
4.76
oṃkārair dhāraṇāyogaiḥ prāṇāyāmaiś ca bheṣajaiḥ |
praśudhyante śanair nāḍyo yogino yatnataḥ kramāt || 4.76 ||
Durch Om-Rezitationen, Konzentrationsübungen, Pranayama und Heilmittel werden die Nadis des Yogi bei beharrlichem Bemühen nach und nach gereinigt.
Anmerkung: Die Aufzählung gibt die historische Verbindung von Mantra, Yoga und Heilmitteln wieder.
4.77
yuga … āśrayed yogī nāḍīśuddhiṃ śanaiś caret |
yac chīghram abhyaset sadyas tasya rogo ’bhijāyato || 4.77 ||
Der Yogi soll sich an das hier nur unvollständig überlieferte Verfahren halten und die Nadi-Reinigung langsam ausführen. Wer übereilt übt, bei dem entsteht sogleich Krankheit.
Anmerkung: Nach yuga zeigt der Druck eine Lücke; ā ist dort als Ergänzung gesetzt. Die Warnung vor übereilter Übung ist trotz des fehlenden Beginns klar lesbar.
4.78
mahodarāmayacchardir atisāro mahājvaraḥ |
saṃbhavanty acireṇaiva jahi samyak pravartanāt || 4.78 ||
Schwere Bauchleiden, Erbrechen, Durchfall und hohes Fieber können, so der Text, rasch auftreten. Sie sollen durch richtiges Vorgehen überwunden werden.
Anmerkung: Der letzte Halbvers ist syntaktisch uneben: jahi heißt „überwinde“. Die Krankheitsnamen werden historisch übersetzt und nicht als medizinische Diagnose angewendet.
4.79
śuṇṭhīkaṣāyaṃ susnigdhaṃ pītvā taddhāraṇābalāt |
pūrvoktamantrasmaraṇān mucyate vyādhibhiḥ śubhe || 4.79 ||
Nach Aussage des Textes wird man, o Gütige, von den Krankheiten frei, wenn man eine mit reichlich Fett bereitete Ingwerabkochung getrunken hat: durch die Kraft jener Konzentration und durch das Erinnern des zuvor genannten Mantras.
Anmerkung: Śuṇṭhī und taddhāraṇā folgen den gedruckten Berichtigungsvorschlägen. Das historische Heilversprechen ist keine heutige Behandlungsempfehlung.
4.80
yadābhir vyādhibhis tyaktas tadā prāṇe jite tathā |
svecchayā vartate deham †ātmanādṛcāliṣyati† || 4.80 ||
Wenn er von diesen Krankheiten frei ist und Prana gemeistert hat, kann er den Körper nach eigenem Willen bewegen. Der letzte Ausdruck, der offenbar eine selbstbestimmte Bewegung näher beschreibt, ist nicht sicher verständlich.
Anmerkung: Ātmanādṛcāliṣyati wird in der gedruckten Gestalt bewahrt; eine bestimmte Fähigkeit wird daraus nicht ergänzt.
4.81
yāvad āsanam utsṛjya deho vyoma na cāśrayet |
tāvad rogāś ca vighnāś ca saṃbhaviṣyanti anekadhā || 4.81 ||
Solange der Körper die Sitzfläche noch nicht verlassen hat und sich noch nicht in den Luftraum erhebt, werden nach dieser Darstellung vielfältige Krankheiten und Hindernisse auftreten.
Anmerkung: Der Vers spricht von einer übernatürlichen Erhebung des Körpers. Anekadhā folgt der gedruckten Korrektur von anekadhī.
4.82
yadā svadeham uddhṛtya yogī vyomaṃ samāśrayet |
tadopasargās tad vighnakārakāḥ na saṃbhavanti hi || 4.82 ||
Wenn der Yogi seinen eigenen Körper emporgehoben hat und im Luftraum verweilt, treten jene störenden Bedrängnisse, so heißt es, nicht mehr auf.
Anmerkung: Der Visarga von vighnakārakāḥ ist im Druck als Ergänzung angegeben.
4.83
nāgāḥ surendrakanyāś ca yakṣiṇyaḥ siddhakanyakāḥ |
prārthayiṣyanti taṃ devi †chatstha† yena bhayāturāḥ || 4.83 ||
Nagas, Töchter des Götterkönigs, Yakshinis und Töchter der Siddhas werden ihn aufsuchen oder umwerben, o Göttin. Ein weiterer Ausdruck ist entstellt; der Vers spricht zugleich davon, dass sie von Furcht erfüllt sind.
Anmerkung: Zu chatstha bietet der Druck fraglich sustha. Der genaue Zusammenhang der Furcht mit dem Yogi bleibt unklar; er wird nicht durch eine Legende ergänzt.
4.84
śṛṇoti divyavārtā ca divyadarśanam eva ca |
rasāyanādyauṣadhaṃ ca svayaṃ pravartate || 4.84 ||
Er hört himmlische Kunde und empfängt himmlische Schau. Auch Rasayana-Mittel und andere Arzneien treten ihm nach dieser Darstellung von selbst entgegen.
Anmerkung: Rasayana bezeichnet hier Mittel der Verjüngung beziehungsweise Lebensverlängerung im traditionellen Kontext.
4.85
nṛpāś ca pṛthivīdānai bahumānais ca puṣkaraiḥ |
yogina saṃpravartante vighnārtham itare ’pi ca || 4.85 ||
Könige wenden sich mit Landschenkungen und reichen Ehrenbezeugungen an den Yogi; auch andere kommen zu ihm. All dies kann ihm zum Hindernis werden.
Anmerkung: Puṣkaraiḥ folgt der gedruckten Korrektur zu puskaraiḥ. Die Kasusformen sind uneben; die Warnung vor den Verlockungen von Anerkennung ist erkennbar.
4.86
yasyājñā vartate devi tiryagmanunagādiṣu |
evaṃ prāptān mahābhogān deva †suṣumṇāvyā vāyuṃ† || 4.86 ||
Sein Befehl gilt, o Göttin, unter Tieren, Menschen, Nagas und weiteren Wesen. Die auf diese Weise erlangten großen Genüsse werden im folgenden Vers zum Gegenstand der Entsagung gemacht; der Schluss dieses Verses ist gestört.
Anmerkung: Der Druck ergänzt m in der Aufzählung und schlägt für die offenbar eingedrungene Wortgruppe suramahībhujām, „der Götter und Könige“, vor. Dieser Vorschlag wird dokumentiert, aber nicht als gesicherter Grundtext eingesetzt.
4.87
tṛṇavad yas tyajed yogī sa parāṃ siddhim āpnuyāt |
yadā prāṇaṃ svake dehe svecchayā nāyatra kṣamaḥ || 4.87 ||
Der Yogi, der diese Genüsse wie wertloses Gras aufgibt, erlangt die höchste Vollendung. Wenn er fähig ist, Prana in seinem eigenen Körper nach seinem Willen zu führen, folgt die nächste Atemhandlung.
Anmerkung: Nāyatra ist im Druck mit Fragezeichen versehen; „zu führen“ erschließt den erkennbaren Zusammenhang, ohne eine Sanskritkorrektur als gesichert auszugeben. Der Satz setzt sich in Vers 88 fort.
4.88
tadā suṣumṇāstha vāyuṃ sannirudhya samutsṛjet |
suṣumṇāyāṃ ca śuddhāyāṃ śudhyante tāś ca nāḍikāḥ || 4.88 ||
Dann soll er nach dieser Anweisung den in Sushumna befindlichen Lebenswind anhalten und wieder freigeben. Wenn Sushumna gereinigt ist, werden auch die übrigen Nadis rein.
Anmerkung: Suṣumṇāstha folgt der gedruckten Berichtigung zu suṣumṇāvyā. Die Passage wird als historische Anweisung wiedergegeben; Dauer und Intensität werden nicht ergänzt.
4.89
svaravarṇaprabhāvāḥ syāt ṣaḍādhāraṃ ca śudhyati |
vin mūtraśleṣmadoṣāṇāṃ alpatā caiva jāyate || 4.89 ||
Stimme, Körperfarbe und Ausstrahlung entfalten sich; auch die sechs Stützpunkte werden gereinigt. Kot, Urin und Schleim beziehungsweise die damit bezeichneten Ausscheidungen und Belastungen werden nach Aussage des Textes geringer.
Anmerkung: Die fraglich gedruckte Form vin wird im Zusammenhang der Reihe mūtra-śleṣma als unregelmäßige Schreibung des Kotwortes viṭ verstanden. In der entsprechenden Verbindung wäre regulär viṇmūtra- zu erwarten; der Druck setzt jedoch ein dentales n. Die Sanskritlesung vin bleibt unverändert, die Übersetzung „Kot“ ist eine begründete Deutung der unregelmäßigen Form, keine neu gelesene Variante. Vgl. die im selben Kapitel tatsächlich geprüfte Verbindung viṇmūtradhāraṇe in 4.3. Ṣaḍādhāra heißt „sechs Stützpunkte“; daraus wird kein modernes Chakra-Schema ergänzt. Sanskritseite 34, Alternativscan PDF 113, erneut am Seitenbild geprüft.
4.90
nirdoṣa bahusāmarthya cirād varṣaśataṃ tathā |
iti prāṇajayayukto yogaṃ yuñjan maheśvari |
kālena mahatā yogaṃ prāpya siddhiṃ parāṃ vrajet || 4.90 ||
Ohne Gebrechen und mit großer Kraft soll er lange, einhundert Jahre, leben. So mit der Meisterung des Prana verbunden und Yoga übend, o große Herrin, gelangt er im Laufe langer Zeit zum Yoga und erreicht die höchste Vollendung.
Anmerkung: Der Schlussvers hat drei gedruckte Langzeilen. „Leben“ ergänzt das im ersten Halbvers fehlende Prädikat; Lebensdauer und Vollendung werden als Versprechen der Schrift wiedergegeben.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ caturthaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 4 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 5: Rückzug der Sinne
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 35–36.
|| pañcamaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 5.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 114–115; Sanskritseiten 35–36.[10]
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
5.1
atha pratyāharet cittaṃ niḥsṛtaṃ bhogatṛṣṇayā |
yato yato ’nukramati manaś cañcalam asthiram || 5.1 ||
Nun soll man das Bewusstsein zurückholen, das aus Verlangen nach Genuss nach außen geströmt ist – wohin auch immer der bewegliche, unstete Geist wandert.
Anmerkung: Die Lesung pratyāharet folgt dem im Druck mit Fragezeichen vorgeschlagenen Ersatz für pratyāhari. Das gedruckte yato ’nukramati übernimmt den dort ergänzten Avagraha.
5.2
tatas tato ’nusaṃgṛhya svātmany eva layaṃ bhavet |
†manobhājinam† atyugraṃ nigṛhṇīyāt punaḥ punaḥ || 5.2 ||
Von dort soll man ihn jeweils zurücksammeln; die Auflösung soll im eigenen Selbst geschehen. Immer wieder soll man das überaus Ungestüme zügeln. Die gedruckte Wortfolge manobhājinam ist in diesem Zusammenhang nicht sicher deutbar.
Anmerkung: Die Buchstabenfolge manobhājinam bleibt unsicher. Die Deutung als „wildes Ross des Geistes“ würde eine nicht durch eine zweite geprüfte Quelle gestützte Textverbesserung voraussetzen; sie wird deshalb nicht in die Übersetzung aufgenommen.
5.3
prāṇāyāmaparo devi bahudhā paridhāvitam |
yasmin tattve samāsaktaṃ mano yadi na tiṣṭhati || 5.3 ||
Göttin, wenn bei einem dem Pranayama zugewandten Menschen der vielfältig umherschweifende Geist nicht bei der Wirklichkeit verweilt, auf die er sich gerichtet hat,
Anmerkung: Der Satz wird in 5.4 fortgeführt. Prāṇāyāmaparo folgt dem im Druck fragend vorgeschlagenen paro statt karo; tattve folgt der dortigen Verbesserung von stratve.
5.4
punaḥ punar nigṛhyaiva yogī sthirataraṃ nayet |
viṣayeṣu samāsannānīndriyāṇi śanaiḥ śanaiḥ || 5.4 ||
soll der Yogi ihn immer wieder zügeln und zu größerer Festigkeit führen. Die an ihren Gegenständen haftenden Sinne soll er nach und nach zurücknehmen,
Anmerkung: Der zweite Halbvers setzt sich syntaktisch in 5.5 fort; „zurücknehmen“ gibt bereits die dort folgende Tätigkeit wieder.
5.5
saṃnigṛhya nigṛhyaivaṃ ca manaḥ pratyāharet sadā |
mana eva maheśāni kāraṇaṃ bandhamokṣayoḥ || 5.5 ||
indem er sie einsammelt und festhält; so soll er den Geist stets zurückziehen. Denn der Geist selbst, große Herrin, ist die Ursache von Bindung und Befreiung.
Anmerkung: Der Druck setzt vaṃ in Klammern hinter nigṛhyai. Als Ergänzung gelesen ergibt dies nigṛhyaivaṃ, „indem man so zurückhält“. Die Wiederholung gegenüber saṃnigṛhya bleibt erhalten.
5.6
tasmāt sarvaprayatnena mano nirmalatāṃ nayet |
yoṣidannapāneṣu samutkrāntaṃ samantataḥ || 5.6 ||
Deshalb soll man den Geist mit aller Anstrengung zur Klarheit führen – den Geist, der sich nach allen Seiten Frauen, Speisen und Getränken zuwendet.
Anmerkung: Die Reihe nennt konkrete Gegenstände des Begehrens aus der Perspektive des historischen Textes. Nirmalatā bedeutet Reinheit oder Ungetrübtheit.
5.7
saṃnigṛhya prayatnena śuddhatattve niveśayet |
saṃnirudhya mano devi prayatnād eva tiṣṭhati || 5.7 ||
Man soll ihn mit Sorgfalt zurückhalten und in der reinen Wirklichkeit ruhen lassen. Göttin, wenn der Geist gesammelt ist, bleibt er durch eben diese Bemühung beständig.
Anmerkung: Eva folgt der ausdrücklichen Druckverbesserung von naiva. Diese Änderung betrifft eine Verneinung und entscheidet deshalb über den Sinn des zweiten Halbverses.
5.8
ākṛṣyākṛṣya yatnena tanmano vaśam ānayet |
manaso vijayo yogo manaso vijayas tapaḥ || 5.8 ||
Indem man den Geist immer wieder sorgfältig zurückholt, soll man ihn unter eigene Führung bringen. Die Überwindung des Geistes ist Yoga; die Überwindung des Geistes ist Askese.
5.9
manaso vijayo jñānaṃ tasmāt pratyāharet manaḥ |
indriyāṇi ca sarvāṇi śanaiḥ pratyāharet sudhīḥ || 5.9 ||
Die Überwindung des Geistes ist Erkenntnis. Deshalb soll man den Geist zurückholen; der Verständige soll auch alle Sinne allmählich zurückziehen.
5.10
śrotram ākāśam īśāni śabdatanmātralakṣaṇam |
vyomni ca tat samādhāya tatkarma ca samāharet || 5.10 ||
Herrin, das Hörvermögen gehört zum Raum und hat die subtile Klangqualität zu seinem Kennzeichen. Man soll es im Raum sammeln und auch seine Tätigkeit zurücknehmen.
Anmerkung: Vyomni folgt der Druckverbesserung von vyomnai. Śabdatanmātra bezeichnet die subtile Klangqualität; karma meint hier die Sinnestätigkeit.
5.11
tvak vāyumayaṃ devi sparśatanmātralakṣaṇam |
tat samāveśya pavane tatkarma samatikramet || 5.11 ||
Göttin, die Haut ist dem Wind zugehörig und hat die subtile Berührungsqualität zu ihrem Kennzeichen. Man soll sie im Wind aufgehen lassen und ihre Tätigkeit überschreiten.
Anmerkung: Tvak folgt dem fragend vorgeschlagenen Druckersatz. Im zweiten Halbvers steht tat samāveśya; die frühere Arbeitslesung tattvam āveśya war ein Erfassungsfehler.
5.12
cakṣus tejomayaṃ vidyāt rūpatanmātralakṣaṇam |
tattejasi samādhāya tasya karma ca saṃharet || 5.12 ||
Man soll wissen, dass das Sehvermögen aus Feuer besteht und die subtile Gestaltqualität zu seinem Kennzeichen hat. Man soll es im Feuer sammeln und seine Tätigkeit zurücknehmen.
5.13
jihvā vārimayī devi rasaṃ tanmātralakṣaṇam |
tām asmin saṃniveśyaiva tatkarma parisaṃharet || 5.13 ||
Göttin, die Zunge ist dem Wasser zugehörig und hat die subtile Geschmacksqualität zu ihrem Kennzeichen. Man soll sie eben darin versenken und ihre Tätigkeit zurücknehmen.
Anmerkung: Vārimayī und saṃniveśya folgen den Druckverbesserungen von vāyomayī und saṃviveśya. Die erste Änderung ersetzt Wind durch Wasser und ist inhaltlich wesentlich.
5.14
ghrāṇaṃ mahīmayaṃ vidyād gandhaṃ tanmātralakṣaṇam |
tat samāveśyaiva tatraiva tatkarma haraṇaṃ caret || 5.14 ||
Man soll wissen, dass das Riechvermögen aus Erde besteht und die subtile Geruchsqualität zu seinem Kennzeichen hat. Man soll es eben dort aufgehen lassen und seine Tätigkeit zurücknehmen.
Anmerkung: Die Lesung tat samāveśyaiva wurde erneut am Druck geprüft; die frühere Arbeitsfassung hatte eine falsche Wortgrenze.
5.15
vākpāṇipādatritayaṃ pāyūpasthadvayaṃ kramāt |
etad bhūteṣu saṃveśya tatkarma parisaṃharet || 5.15 ||
Die Dreiheit von Rede, Händen und Füßen sowie das Paar von Ausscheidungs- und Geschlechtsorgan soll man der Reihe nach in die Elemente zurückführen und ihre Tätigkeit zurücknehmen.
Anmerkung: Tritayaṃ folgt der Druckkorrektur von cañcayaṃ; pari ergänzt die im Druck vermerkte Lesung. Gemeint sind die fünf Handlungsvermögen.
5.16
yadā yadā mano devi cendriyāṇi ca karmasu |
samutkrāmanti hy apyanti maheśāni tadā tadā || 5.16 ||
Göttin, wann immer der Geist und die Sinne zu ihren Tätigkeiten hervortreten und sich ihnen zuwenden, große Herrin, soll man sie jeweils zurückrufen.
Anmerkung: Der Satz reicht bis 5.17. Samutkrāmanti folgt der gedruckten Ergänzung krā. Die Form apyanti ist in diesem Zusammenhang sprachlich auffällig; die Übersetzung fasst sie vorsichtig als Hinwendung auf.
5.17
saṃnigṛhya sthirīkuryāt indriyāṇi manas tathā |
yadā niścalatām eti manaḥ sarvendriyaiḥ saha |
śanair abhyāsayogena pratyāhāram upakramet || 5.17 ||
Man soll die Sinne und ebenso den Geist zurückhalten und festigen. Wenn der Geist zusammen mit allen Sinnen unbeweglich wird, soll man durch allmähliche Einübung den Pratyahara beginnen.
Anmerkung: Der Schlussvers hat im Druck drei Langzeilen. Diese Form bleibt erhalten.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ pañcamaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 5 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 6: Sammlung und rituelle Opfergabe
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 37–39.
|| ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 6.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 116–118; Sanskritseiten 37–39.[11]
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
6.1
dhāraṇāṃ saṃpravakṣyāmi yena doṣakṣayo bhavet |
prāṇāyāmaṃ †dviṣaṭkañcu† dhāraṇā yogaḥ ucyate || 6.1 ||
Ich werde die Dhārana erläutern, durch die die Fehler vergehen sollen. Zwölf Pranayamas werden im Yoga als eine Dhārana, eine Sammlung, bezeichnet. Die zusätzliche gedruckte Schlussfolge ñcu bleibt unklar.
Anmerkung: Der klarere Scan zeigt hinter dviṣaṭka die fraglich gedruckte Folge ñcu, die in der früheren Erfassung auf einen Nasal verkürzt war. Die erkennbare Zahl bedeutet zweimal sechs; die genaue Satzfügung bleibt unsicher.
6.2
dhāraṇā trividhā devi tāṃ śṛṇuṣva yathāvidhiḥ |
ādau prāṇān samāgṛhya dhārayed vāyudhāraṇām || 6.2 ||
Göttin, die Sammlung ist dreifach; höre ihre regelgemäße Darstellung. Zunächst soll man die Lebenswinde sammeln und die Sammlung des Windes ausführen.
Anmerkung: Śṛṇuṣva und der Plural prāṇān folgen den Druckverbesserungen. Die frühere Arbeitsfassung hatte den zweiten Vorschlag irrtümlich als Singular wiedergegeben.
6.3
vāyudhāraṇādādhvastamahāpātakasañcayaḥ |
āgneyīṃ dhāraṇāṃ dhyāyet sarvadoṣāpanuttaye || 6.3 ||
Nachdem die Anhäufung schwerer Verfehlungen durch die Sammlung des Windes vernichtet ist, soll man zur Beseitigung aller Fehler die feurige Sammlung meditieren.
Anmerkung: Sañcayaḥ folgt dem im Druck vermerkten Ersatz von śa durch sa. Die sprachlich unebene Anfangsform vāyudhāraṇādādhvasta- bleibt erhalten. Pātaka bezeichnet religiöse Verfehlungen, keine medizinische Diagnose.
6.4
agnimārutasaṃyogād vāruṇākarmayogataḥ |
saṃsiddhayogino dehe cihnam etat pradṛśyate || 6.4 ||
Durch die Verbindung von Feuer und Wind und durch die Ausübung der Wasserhandlung zeigt sich am Körper des vollendeten Yogi das folgende Kennzeichen.
Anmerkung: Der im Druck eingeklammerte Vorschlag cihname verbindet sich mit dem folgenden tat zu cihnam etat, „dieses Kennzeichen“. Die anschließenden Wirkungsangaben in 6.5 erläutern es. Die früher angenommene Unlesbarkeit dieser Wortgruppe ist damit behoben.
6.5
cala varṇaprasādaṃ ca svaralāghavasauṣṭhavam |
ārogyaṃ śīghragāmitvam arogatvaṃ ca jāyate || 6.5 ||
Es entstehen Beweglichkeit, ein klares Aussehen, Leichtigkeit und Wohlklang der Stimme, Gesundheit, rasches Fortkommen und Freiheit von Krankheit.
Anmerkung: Cala steht im Druck mit Fragezeichen; sauṣṭhavam folgt der dort vorgeschlagenen Verbesserung von soṣṭhika. Die wiederholte Aussage zu Gesundheit wird erhalten und als traditionelles Wirkungsversprechen gelesen.
6.6
evaṃ siddhas tanur yogī †kṣutpipāsāvidhātanīm† |
dhārayed vāraṇāṃ bhūyaḥ amṛtākhyāṃ maheśvari || 6.6 ||
Der so am Körper vollendete Yogi soll sodann die Vāraṇā genannte Sammlung ausführen, die „Nektar“ heißt, große Herrin. Die gedruckte Bestimmung zu Hunger und Durst ist sprachlich beschädigt.
Anmerkung: Die feminine Form vāraṇāṃ und amṛtākhyāṃ ist am vergrößerten Druck bestätigt. Die lange Wortform des ersten Halbverses bleibt unsicher; sie wird nicht als sichere Beseitigung von Hunger und Durst übersetzt. Die Binnenfolge wird im klareren Scan als vidhātanīm, ohne y nach dh, gelesen. Auch damit ist keine eindeutige grammatische Herstellung gewonnen.
6.7
mūrdhādipādaparyantaṃ plāvayed mṛtāṃ śuci |
saṃbhṛtya cintayej jīve ’mṛtaprathanena tu || 6.7 ||
Vom Kopf bis hinab zu den Füßen soll man den Körper überfluten. Nachdem man den Nektar gesammelt hat, soll man seine Ausbreitung im lebendigen Selbst betrachten. Die Wörter mṛtāṃ śuci des ersten Halbverses bleiben in ihrer gedruckten Form unklar.
Anmerkung: Der Druck ergänzt d nach plāvaye und schlägt prathanena für praśānena vor. Die sinngemäß zu erwartende Form amṛta wird im ersten Halbvers nicht stillschweigend eingesetzt. Mūrdhādi bedeutet „vom Kopf an“, nicht Muladhara.
6.8
dehaṃ cāmṛtasaṃpūrṇaṃ tat †tṛṣiparimoditam† |
bhāvayed aniśaṃ yogī jarāmaraṇaśāntaye || 6.8 ||
Der Yogi soll den Körper unablässig als von Nektar erfüllt und ganz erfreut vergegenwärtigen, zur Beruhigung von Alter und Tod. Der Anfang der Bestimmung tṛṣiparimoditam bleibt unsicher.
Anmerkung: Der zweite Teil des Wortes lautet parimoditam, „ganz erfreut“. Die frühere Lesung paripīḍitam und ihre Übersetzung als Durstqual waren Erfassungsfehler. Ob am Wortanfang tṛṣi oder eine beschädigte Form von tṛpti vorliegt, ist nicht sicher entschieden.
6.9
divyāmṛtamahādhyānadhāraṇāpūtavigrahaḥ |
kṣutpipāsāmahānidrājarārogair vimucyate || 6.9 ||
Wessen Leib durch Meditation und Sammlung auf den göttlichen Nektar gereinigt ist, der wird von Hunger, Durst, schwerem Schlaf, Alter und Krankheiten frei.
Anmerkung: Kṣut folgt dem Druckersatz für kṣat. Die Aussage ist das Wirkungsversprechen der Schrift. Der zweite Scan bestätigt den langen Vokal in dhāraṇā vor pūta; die Zusammensetzung bedeutet „durch Sammlung gereinigt“.
6.10
ṣaṇmāsaṃ dhārayed yas tu divyāmṛtadhāraṇām |
valīpalitanirmuktaḥ sa yogī yogabhāk bhavet || 6.10 ||
Wer die Sammlung auf den göttlichen Nektar sechs Monate lang ausführt, soll von Falten und grauem Haar frei werden; dieser Yogi erhält Anteil am Yoga.
Anmerkung: Yogī und yogabhāk folgen den im Druck vermerkten Verbesserungen von yoyo und yogabhā. Die Dauer von sechs Monaten wird unverändert wiedergegeben.
6.11
sidhyanti sarvakāryāṇi vāñchitāni maheśvari |
tat dhāraṇān maheśāni dṛśyante yogasiddhayaḥ || 6.11 ||
Alle ersehnten Vorhaben gelingen, große Herrin. Durch diese Sammlung, Herrin, zeigen sich die Vollkommenheiten des Yoga.
Anmerkung: Der Druck liest tat dhāraṇān maheśāni. Der Auslaut -n vor m kann die lautlich angepasste Ablativendung -t wiedergeben. Die frühere Arbeitsfassung hatte diese Wortgrenze falsch erfasst.
6.12
tasmāt sarvaprayatnena dhāraṇāyogam ācaret |
śanair dhāraṇayā siddhiḥ dhāraṇāṃ ca samutkramet || 6.12 ||
Deshalb soll man die Übung der Sammlung mit aller Sorgfalt pflegen. Durch die Sammlung stellt sich allmählich Vollendung ein, und die Sammlung selbst soll sich weiter entfalten.
Anmerkung: Die Schlussform samutkramet ist sprachlich auffällig; der Zusammenhang legt ein Fortschreiten der Sammlung nahe.
6.13
prāṇāyāmaiḥ dahed doṣaṃ dhāraṇābhiś ca kilbiṣam |
sarvendriyavaśīkāraḥ pratyāhāreṇa jāyate || 6.13 ||
Durch Pranayamas soll man Fehler verbrennen und durch Sammlungen Verfehlungen; durch Pratyahara entsteht die Beherrschung aller Sinne.
Anmerkung: Kilbiṣam folgt der Druckverbesserung von kiviṣam. Die drei Übungsarten erhalten hier jeweils eine eigene Funktion.
6.14
devi śirasā yogaṃ yad dhi kuryād dine dine |
maddāsaḥ siddhim āpannaḥ tadāsakto parivrajet || 6.14 ||
Göttin, wenn mein Diener Tag für Tag Yoga „mit dem Kopf“ ausübt, soll er, zur Vollendung gelangt und diesem Yoga zugewandt, umherwandern.
Anmerkung: Śirasā und tadāsakto folgen den Druckverbesserungen. Maddāsaḥ, siddhim āpannaḥ und parivrajet sind am vergrößerten Druck lesbar. Die frühere Lesung parivarjet, „er soll meiden“, war falsch. Śirasā bleibt in seinem technischen Sinn offen; daraus wird keine bestimmte Haltung abgeleitet.
6.15
dhāraṇāyāṃ ca siddhāyāṃ yogīno yac cetasaḥ |
vighnārtham abhivartante guhyakāḥ kalikāmukāḥ || 6.15 ||
Wenn die Sammlung des Yogi gelungen ist, treten die streitliebenden Guhyakas heran, um Hindernisse zu bereiten. Die gedruckte Fügung yac cetasaḥ lässt sich dabei nicht sicher zuordnen.
Anmerkung: Yogīno ist die gedruckte Form. Die Fügung yac cetasaḥ bleibt sprachlich beschädigt. Der Vers nennt hier Guhyakas, keine Yoginis.
6.16
tasmāt teṣāṃ baliṃ dadyād abhīcchan siddhim ātmanaḥ |
anyathā vartamānasya vighnaṃ kurvanti dāruṇā || 6.16 ||
Wer für sich Vollendung wünscht, soll ihnen deshalb eine Opfergabe darbringen. Handelt er anders, bereiten die Furchtbaren ihm Hindernisse.
Anmerkung: Bali ist hier eine rituelle Speise- oder Opfergabe. Welche Stoffe gemeint sind, wird erst im Folgenden beschrieben.
6.17
rogair bahuvidhair devi tamasā nidrā tat tathā |
pratibandhaiś ca vividhair aviśvāsaiś ca jṛmbhaṇaiḥ || 6.17 ||
Göttin, sie behindern ihn durch vielerlei Krankheiten, durch Dunkelheit und Schlaf, durch verschiedene Hemmungen, Misstrauen und Gähnen. Die Form tat tathā und die Kasusverbindungen sind sprachlich beschädigt.
Anmerkung: Tamasā und tat tathā folgen den eingeklammerten Druckverbesserungen. Aviśvāsaiḥ bedeutet „durch Misstrauen“; die frühere Wiedergabe als Hilflosigkeit beruhte auf einer falschen Erfassung.
6.18
tasmāt teṣāṃ baliṃ dadyād yathāvan niyatātmavān |
ekakālaṃ dvikālaṃ vā trikālaṃ vā baliṃ haret || 6.18 ||
Deshalb soll der Selbstbeherrschte ihnen die Opfergabe in der vorgeschriebenen Weise darbringen. Einmal, zweimal oder dreimal täglich soll er sie hinaustragen.
6.19
ardharātre viśeṣeṇa tad yathā śṛṇu pārvati |
ekānte vijane deśe kṛtvā maṇḍalam uttamam || 6.19 ||
Besonders gilt dies für die Mitte der Nacht; höre, Parvati, wie es geschehen soll. An einem abgeschiedenen, menschenleeren Ort soll man ein vorzügliches Mandala anlegen,
Anmerkung: Kṛtvā folgt der Druckverbesserung von ṛtvā. Der Satz setzt sich mit dem Mantra in 6.20 und der Beschreibung in 6.21 fort.
6.20
aiṃ vyāpaka maṃ maṇḍalāya aim itthaṃ sakṛd arcayet |
caturasraṃ maheśāni maṇḍalaṃ kusumākṣataiḥ || 6.20 ||
„aiṃ – dem alles Durchdringenden; maṃ – dem Mandala; aim“: So soll man einmal verehren. Große Herrin, das viereckige Mandala wird mit Blüten und ungebrochenen Reiskörnern verehrt.
Anmerkung: Maṇḍalāya und kusumākṣataiḥ folgen eingeklammerten Druckverbesserungen. Die Schlussform ist ऐम्, hier aim, gegenüber dem eingangs geschriebenen ऐं, aiṃ. Die frühere Folge aiṃm hatte einen zusätzlichen Nasalpunkt. Sakṛd arcayet ist am Druck bestätigt: „einmal verehren“.
6.21
tatra maṇḍalam ādhāya sādhāraṃ pātram uttamam |
arghyārghaṃ pūrṇasalilaṃ sapuṣpaṃ sākṣataṃ gṛhe || 6.21 ||
Dort soll man das Mandala anlegen und im Haus ein vorzügliches Gefäß auf einen Untersatz stellen, mit Wasser gefüllt, mit Blüten und ungebrochenen Reiskörnern, für die Arghya-Gabe.
Anmerkung: Die Druckform arghyārghaṃ ist sprachlich uneben. Der Wechsel vom abgeschiedenen Ort in 6.19 zum Haus bleibt stehen.
6.22
baliṃ dadyāc ca mantreṇa tarjanyā saṃpradarśayan |
sarvabhūtebhya ity ante haṃ kāraṃ samyag uddharet || 6.22 ||
Man soll die Opfergabe mit dem Mantra darbringen und sie mit dem Zeigefinger anzeigen. Nach den Worten „allen Wesen“ soll man die Silbe haṃ richtig hervorbringen.
Anmerkung: Dadyāc ca folgt der Druckergänzung ca. Der zitierte Mantrabestandteil lautet im Druck sarvabhūtebhya ohne ausgeschriebenen Visarga.
6.23
svārhaṃ toyaṃ mahāmantraḥ tārapañcakasaṃpuṭaḥ |
sarvavighnavighātārtha īritaḥ parameśvari || 6.23 ||
Das große Mantra, von einer Fünfheit von Tāra-Silben umschlossen, wird zur Vernichtung aller Hindernisse gelehrt, höchste Herrin. Die Anfangsfolge svārhaṃ toyaṃ – mit dem Wort für Wasser – bleibt syntaktisch unklar.
Anmerkung: Der Druck liest toyaṃ, „Wasser“, nicht teṣāṃ, „ihr“. Svārhaṃ wird nicht stillschweigend in svāhā geändert. Die konkrete Tāra-Folge ist hier nicht ausgeschrieben.
6.24
sarvasyātithi bhūtāṃś ca bhūtānāṃś ca tarpayet |
dakṣiṇe sakalān yakṣāt yakṣakanyāś ca tarpayet || 6.24 ||
Man soll die als Gäste gekommenen Wesen sättigen; der folgende, grammatisch beschädigte Ausdruck bhūtānāṃś ca bleibt unklar. Im Süden soll man alle Yakshas und die Yaksha-Mädchen sättigen.
Anmerkung: Sarvasyātithi, bhūtānāṃś und yakṣāt sind sprachlich auffällige Druckformen. Der offene Ausdruck wird nicht in eine erfundene Wesenliste aufgelöst.
6.25
paścime rākṣasān devi tathā rākṣasayoṣitaḥ |
uttare kṣetrapālāṃś ca tatkanyāś ca pratarpayet || 6.25 ||
Im Westen soll man die Rakshasas und ihre Frauen sättigen, Göttin; im Norden die Hüter des Ritualortes und ihre Töchter.
Anmerkung: Kṣetrapāla bedeutet Hüter eines Feldes, Ortes oder Ritualraums.
6.26
ūrdhvāyāṃ diśi devāṃś ca devakanyāś ca tarpayet |
adhastād diśi nāgāṃś ca nāgakanyāṃś ca tarpayet || 6.26 ||
In der oberen Richtung soll man die Götter und Göttermädchen sättigen; in der unteren Richtung die Nagas und Naga-Mädchen.
Anmerkung: Die maskuline Form nāgakanyāṃś wird wie gedruckt bewahrt, im Deutschen entsprechend dem Wort kanyā als „Mädchen“ verstanden.
6.27
madhye carācaragurumāṃś ca bhuvane saha |
bhairavān yoginīkṣetranāyakān gaṇakān api || 6.27 ||
In der Mitte soll man auch die Bhairavas, die Führer der Yogini-Orte und die als Gaṇakas bezeichneten Wesen sättigen. Die erste Zeile nennt einen Guru im Zusammenhang mit der beweglichen und unbeweglichen Welt; ihre genaue Aussage bleibt beschädigt.
Anmerkung: Carācaragurumāṃś ist die problematische Drucklesung; der erkennbare Bestandteil guru, „Lehrer“, wird jetzt auch in der deutschen Teilwiedergabe berücksichtigt. Saha und gaṇakān api folgen den eingeklammerten Verbesserungen. Gaṇaka wird nicht ohne weiteren Nachweis mit gaṇa, „Schar“, gleichgesetzt; seine genaue Bedeutung in dieser Wesenliste bleibt offen. Der erste Halbvers ist weiterhin nicht zuverlässig als ganzer Satz übersetzbar.
6.28
tarpayetāṃś ca bhūtādyai bhāvayed api vyathitān |
tatparāmṛtasaṃtṛptāṃ bhāvayet sacarācaram || 6.28 ||
Man soll jene Wesen sättigen und sie auch als bedrängt vergegenwärtigen. Die bewegliche und unbewegliche Welt soll man als von jenem höchsten Nektar ganz befriedigt betrachten.
Anmerkung: Der eingeklammerte Druckvorschlag ist vyathitān, „bedrängt/gequält“. Die zwischenzeitliche Ablesung vyaṣṭitān und die Übersetzung „einzeln“ waren falsch und werden zurückgenommen. Bhūtādyai und die Kasusverbindungen bleiben sprachlich uneben.
6.29
anena balinā tṛptāḥ yoginaḥ siddhim uttamām |
viśanti bhūtanāthās te cānyathā vighnayanti ca || 6.29 ||
Durch diese Opfergabe gesättigt, gehen jene Herren der Wesen in die höchste Vollendung des Yogi ein; andernfalls bereiten sie Hindernisse.
Anmerkung: Tṛptāḥ ist als „gesättigt“ lesbar. Die Übersetzung folgt wörtlich viśanti, „sie gehen ein“, und liest yoginaḥ als Genitiv. Die ungewöhnliche Aussage bleibt deutungsbedürftig; ein besser passendes Verb für „verleihen“ wird nicht in den Text eingesetzt.
6.30
anena vāñchitā tṛptāḥ yoginaṃ yogasādhakam |
rakṣayanti maheśāni vighnam utsādayanti ca |
tasmāt sarvaprayatnena baliṃ dadyād vicakṣaṇaḥ || 6.30 ||
Die herbeigewünschten und dadurch gesättigten Wesen schützen den Yogi, der Yoga ausübt, große Herrin, und beseitigen Hindernisse. Deshalb soll der Verständige die Opfergabe mit aller Sorgfalt darbringen.
Anmerkung: Drei Langzeilen im Druck. Vāñchitā wird als „herbeigewünscht“ verstanden. Tṛptāḥ, „gesättigt“, ist lesbar; die frühere Arbeitslesung tṛtāḥ war unvollständig.
6.31
na dānaiḥ †yajñainaṃ† tapobhir bhraiḥ
na copavāsair niyamaiḥ kadācit |
saṃsiddhya devi śiśu yogamārgaṃ
vinā guruṃ tatphaladānadakṣam || 6.31 ||
Weder durch Gaben, Opfer und asketische Übungen noch durch Fasten und Regeln gelangt man jemals zur Vollendung des Yogaweges, Göttin, ohne den Guru, der seine Frucht zu verleihen vermag. Die gedruckten Wörter bhraiḥ und śiśu bleiben dabei unübersetzt.
Anmerkung: Dānaiḥ und bhraiḥ folgen den eingeklammerten Druckvorschlägen; śiśu steht dort mit Fragezeichen. Der Schluss lautet tatphaladānadakṣam, „fähig, dessen Frucht zu verleihen“, und bezieht sich auf den Guru. Der Vers hat vier kürzere Zeilen. Der klarere Scan zeigt die unregelmäßige Form yajñainaṃ. Der Bezug auf ein Opfer bleibt erkennbar; die gedruckte Form wird nicht stillschweigend zum regulären Instrumental yajñena verkürzt.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 6 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 7: Gottesbilder, Lichtmeditation und Samadhi
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 40–49.
|| saptamaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 7.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 119–128; Sanskritseiten 40–49.[12]
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
7.1
athātaḥ saṃpravakṣyāmi dhyānayogam anuttamam |
yena vijñānamātreṇa yogī syād īśvaraḥ svayam || 7.1 ||
Nun werde ich den unübertrefflichen Yoga der Meditation erklären. Schon durch dessen Erkennen wird der Yogi nach dieser Lehre Ishvara selbst.
7.2
pūrvoktāsanam abhyasya samāsīno jitendriyaḥ |
dhyāyet parataraṃ tattvaṃ niścalena antarātmanā || 7.2 ||
Nachdem er die zuvor beschriebene Sitzhaltung eingeübt hat, soll er sich setzen, seine Sinne beherrschen und mit unbewegtem Inneren die höchste Wirklichkeit betrachten.
Anmerkung: Pūrvoktāsanam und tattvam folgen den gedruckten Berichtigungen.
7.3
sarvavighnanivṛtyarthaṃ pūrvaṃ dhyāyen mahāvapuḥ |
pātālatalapādaṃ ca bhūkaṭi vyomadehakam || 7.3 ||
Um alle Hindernisse zu beseitigen, soll er zuerst einen gewaltigen Körper vergegenwärtigen: Seine Füße reichen in die Unterwelt, die Erde bildet seine Hüfte und der Raum seinen Leib.
Anmerkung: Der Druck hat bhūkaṭi und schlägt bhrukuṭi, „Brauenfurche“, vor. Hier bleibt bhūkaṭi erhalten, weil die Zuordnung von Erde und Hüfte in der kosmischen Körperbeschreibung verständlich ist; dies ist eine begründete Entscheidung für die gedruckte Ausgangslesung.
7.4
svargādilokaśīrṣā ca digbāhuṃ devatābhayam |
ādityacandranayanaṃ nakṣatragaṇabhūṣaṇam || 7.4 ||
Die Himmelswelten und die weiteren oberen Welten bilden seinen Kopf, die Himmelsrichtungen seine Arme. Sonne und Mond sind seine Augen, die Scharen der Sterne sein Schmuck. Die zusätzliche Bestimmung devatābhayam bleibt unklar.
Anmerkung: Śīrṣā folgt der gedruckten Berichtigung. Devatābhayam wird nicht stillschweigend zu devatāmayam, „aus Gottheiten bestehend“, geändert.
7.5
samudravasanaṃ vyāptabrahmāṇḍam adbhutam |
brahmāditṛṇaparyantaṃ jagad etac carācaram || 7.5 ||
Die Meere sind sein Gewand; wunderbar durchdringt er das Weltei. Die ganze bewegliche und unbewegliche Welt, von Brahma bis zum Grashalm, gehört zu diesem Bild.
Anmerkung: Der Zusammenhang mit den Haarporen folgt in Vers 6.
7.6
svaromakūpakaṃ dhyāyet svadehaṃ ca jaganmayam |
evaṃ dhyāyen mahārūpaṃ devi cittasthirāptaye || 7.6 ||
Diese Welt soll man als die Haarporen des eigenen Körpers betrachten und den eigenen Leib als das ganze Weltall. So soll man die große Gestalt vergegenwärtigen, Göttin, um Festigkeit des Geistes zu erlangen.
Anmerkung: Die ungewöhnliche Einzahl svaromakūpakam bleibt erhalten. Die Darstellung spricht ausdrücklich von der Vergegenwärtigung des eigenen Körpers.
7.7
iti pradhyāya tat samyag yoginaś cittavṛttayaḥ |
śanaiḥ niścalatāṃ yānti divyajñānavicintanāt || 7.7 ||
Wenn der Yogi dies auf rechte Weise betrachtet, kommen seine geistigen Bewegungen allmählich zur Ruhe, durch die Besinnung auf göttliches Wissen.
Anmerkung: Pradhyāya und der Visarga von śanaiḥ folgen den gedruckten Berichtigungen beziehungsweise Ergänzungen.
7.8
evaṃ cittaṃ sthirīkṛtya taṃ ca dhyānam upakramet |
dhyāyet svahṛdaye padmaṃ śivaśaktyātmakaṃ param || 7.8 ||
Nachdem der Geist so gefestigt ist, soll er mit der folgenden Meditation beginnen: Im eigenen Herzen betrachtet er einen höchsten Lotus, dessen Wesen Shiva und Shakti sind.
7.9
tārakaṃ daṃ śaktināmi prāsādamaṇikarṇikām |
agnimaṇḍalapatra … sūryamaṇḍalakesaram || 7.9 ||
Dieser Lotus wird mit Tara und Shakti verbunden; sein juwelenartiger Fruchtboden trägt eine Prasada-Bezeichnung. Die Blätter werden dem Feuerkreis, die Staubfäden dem Sonnenkreis zugeordnet. Einzelne Begriffe und ein Teil der Blattbeschreibung sind beschädigt.
Anmerkung: Daṃ, śaktināmi und agnimaṇḍalapatra sind unsicher; nach patra steht im Druck eine Lücke. Prāsāda kann hier auch eine Mantrabezeichnung sein. Eine bestimmte Bija wird nicht rekonstruiert.
7.10
somamaṇḍalakiñjalka bālārkayutabhāskaram |
navaśaktisamāyuktaṃ cintayec ciram ātmavit || 7.10 ||
Der sich selbst Erkennende soll ihn lange betrachten: mit dem Mondkreis als Blüteninnerem, leuchtend wie von der jungen Sonne erfüllt und mit neun Shaktis verbunden.
Anmerkung: Kiñjalka bezeichnet ebenfalls einen Blütenteil, häufig Staubfäden; die genaue Unterscheidung von kesara in Vers 9 bleibt offen. Die neun Shaktis werden hier nicht namentlich aufgezählt.
7.11
tanmadhye parameśānaṃ dhyāyed ātmaviśuddhaye |
nīlajīmūtasaṃkāśaṃ jaṭābaddhamahoragam || 7.11 ||
In seiner Mitte soll man zur eigenen Reinigung den höchsten Herrn betrachten: dunkel wie eine blaue Regenwolke, mit einer großen Schlange in seinem verfilzten Haar.
7.12
bālenduśekharaṃ bhīmaṃ huṅkāravyāptadiṅmukham |
khaḍgamūlān navadharaṃ nāgapāśacaraṃ prabhum || 7.12 ||
Er trägt den jungen Mond als Scheitelschmuck und ist furchterregend; sein Hum-Ruf erfüllt die Himmelsrichtungen. Der Herr wird außerdem mit einem Schwert und einer Schlangenschlinge beschrieben; die genaue Waffen- und Armangabe ist entstellt.
Anmerkung: Khaḍgamūlān ist im Druck fraglich. Navadharam und nāgapāśacaram werden nicht zu einer gesicherten Anzahl von Händen oder Waffen umgedeutet.
7.13
kapālaghaṇṭāsahitaṃ viṣārṇaṃ varadaṃ tathā |
raktāmbarādharaṃ raktamālyagandhavibhūṣitam || 7.13 ||
Er trägt eine Schädelschale und eine Glocke und gewährt Gaben. Rote Gewänder umhüllen ihn; rote Kränze und Duftstoffe schmücken ihn. Eine weitere Bestimmung ist unklar.
Anmerkung: Kapālaghaṇṭā und viṣārṇam sind im Druck mit Fragezeichen versehen; ambarā folgt dessen Berichtigung. Viṣārṇam wird nicht zu einer erfundenen Waffe oder Bija ergänzt.
7.14
nāgāṣṭakamahāhāraṃ garjantaṃ bhayanāśanam |
vyāghracarmaparidhānaṃ siṃhacarmottaracchadam || 7.14 ||
Eine große Kette aus acht Schlangen schmückt ihn. Er brüllt und vernichtet Furcht; ein Tigerfell ist sein Gewand, ein Löwenfell sein Obergewand.
7.15
nūpuracchannahīrādibhūṣaṇaiḥ paribhūṣitām |
somasūryāgninayanaṃ daṃṣṭrā tiryaṅ mahānalam || 7.15 ||
Er ist mit Fußringen, Diamanten und weiterem Schmuck geziert. Mond, Sonne und Feuer sind seine Augen. Hauzähne und ein großes seitwärts gerichtetes Feuer werden als weitere Merkmale genannt.
Anmerkung: Paribhūṣitām und daṃṣṭrā folgen den Druckvorschlägen. Die weibliche Endung steht in einer männlichen Gestaltbeschreibung. Daṃṣṭrā tiryaṅ mahānalam ist syntaktisch nicht sicher aufzulösen; der genaue Ursprung oder Verlauf des Feuers bleibt offen.
7.16
†asantam† akhilaṃ doṣaṃ vighnakoṭivibhedakam |
sarvaśatrukṣayakaraṃ mahāmṛtyuvināśanam || 7.16 ||
Er verschlingt jeden Makel, durchbricht Millionen Hindernisse, vernichtet alle Feinde und beseitigt den großen Tod.
Anmerkung: Die Wiedergabe „verschlingt“ deutet das gedruckte asantam als fehlerhafte Schreibung von aśantam. Dies ist eine grammatische Deutung, keine durch einen weiteren geprüften Textzeugen belegte Verbesserung; der Grundtext bleibt unverändert. Die Aussagen gehören zur historischen Visualisation der Gottheit.
7.17
valīpalitadaurbhāgyaṃ jarārogavināśanam |
sarvasiddhikaraṃ devaṃ bhairavaṃ bhaktarakṣakam || 7.17 ||
Bhairava wird als Gott betrachtet, der Falten, graues Haar, Unglück, Alter und Krankheit vernichtet, alle Siddhis bewirkt und seine Verehrer schützt.
Anmerkung: Die Kasusverbindung des ersten Kompositums ist uneben; die Reihe der traditionellen Wirkungszuschreibungen bleibt erhalten.
7.18
mādhvīmadasamāghūrṇaṃ nayanatrayamaṇḍalam |
madirānandaṃ cetaskaṃ sarvalokaguruṃ haram || 7.18 ||
Seine drei Augen rollen im Rausch des Honigweins; sein Geist ist von der Freude des berauschenden Tranks erfüllt. Er ist Hara, der Guru aller Welten.
Anmerkung: Mādhvī und madirā benennen alkoholische Getränke beziehungsweise deren Rausch. Diese konkrete Ritualvorstellung wird nicht ausschließlich symbolisch übersetzt.
7.19
dhyāyed ekāgrayā buddhyā sarvavighnaśāntaye |
tad vāmāṅkasthalagatāṃ caṇḍikāṃ duḥkhanāśinīm || 7.19 ||
Mit einspitziger Einsicht soll man ihn betrachten, um alle Hindernisse zu befrieden. Auf seinem linken Schoß sitzt Chandika, die Vernichterin des Leidens.
Anmerkung: Buddhyā und śāntaye folgen den gedruckten Berichtigungen. Die folgende Beschreibung gilt der Göttin.
7.20
kālābhrāñjanasaṃkāśaṃ va … rdhva śiroruhām |
muṇḍāsanam aṅkitāṃ †ṛsma sarpakṣaṃ kalam aṅkitām† || 7.20 ||
Sie gleicht dunkler Wolke und schwarzer Augenschminke. Die Beschreibung nennt ihr Haar und einen mit Schädeln verbundenen Sitz; die näheren Merkmale sind teilweise lückenhaft und entstellt.
Anmerkung: Die Lücke in der Haarbeschreibung steht im Druck. Mehrere weitere Wortverbindungen sind dort fraglich markiert. Aufgerichtetes Haar oder ein bestimmter Kopfschmuck wird nicht als gesichert ergänzt. Im zweiten Halbvers wird sarpakṣaṃ statt der früheren Ablesung sapakṣa gelesen; auch diese gedruckte Folge bleibt in ihrem Zusammenhang unsicher.
7.21
raktagandhaprasūnākṣaiḥ bhūṣitāṃ bhūṣaṇair api |
ṣaḍvaktraṃ dvādaśabhujāṃ prativaktraṃ trilocanām || 7.21 ||
Rote Duftstoffe, Blüten und weitere Gaben schmücken sie, ebenso ihre Schmuckstücke. Sie hat sechs Gesichter und zwölf Arme; in jedem Gesicht befinden sich drei Augen.
Anmerkung: Prasūnākṣaiḥ sowie die vaktra-Formen folgen den Druckvorschlägen. Die genaue Bedeutung von akṣa in der ersten Verbindung bleibt offen; die Zahlen sechs, zwölf und drei sind klar lesbar.
7.22
vyāghracarmaparidhānāṃ siṃhacarmottaracchadām |
vajrāṅkuśadharāṃ cakraśaṅkhakheṭatriśūlinīm || 7.22 ||
Sie trägt ein Tigerfell als Gewand und ein Löwenfell darüber. In ihren Händen hält sie Donnerkeil, Elefantenhaken, Rad, Muschelhorn, Schild und Dreizack.
Anmerkung: Vajrāṅkuśadharām folgt der gedruckten Berichtigung. Die Waffenliste setzt sich im nächsten Vers fort.
7.23
kartrikādaṇḍamuśalavaradābhayadhāriṇīm |
bhadrāṃ trinetrāṃ bhaktārtibhañjanīṃ candraśekharām || 7.23 ||
Sie trägt Schneidemesser, Stab und Keule und zeigt die Gesten des Gewährens und der Furchtlosigkeit. Die Gütige hat drei Augen, zerbricht das Leid ihrer Verehrer und trägt den Mond als Scheitelschmuck.
Anmerkung: Candraśekharām folgt der gedruckten Berichtigung. Die Dreiäugigkeit wiederholt die Angabe von Vers 21, ohne die sechs Gesichter aufzuheben.
7.24
bhaktatāpatrayaharāṃ kālagrasanarūpiṇīm |
mādhvīpūrṇakāṃdhrāṃ … navayauvanagocarām || 7.24 ||
Sie nimmt ihren Verehrern die drei Arten der Bedrängnis und erscheint als die Zeit Verschlingende. Eine weitere Bestimmung verbindet sie mit der Fülle von Honigwein; sie zeigt sich in frischer Jugend.
Anmerkung: Mādhvīpūrṇakāṃdhrām ist unsicher; der Druck setzt danach zwei kreuzartige Fehlerzeichen, hier als … kenntlich gemacht. M ist am Schluss ergänzt. Ein Trinkgefäß oder eine weitere Hand wird nicht erfunden.
7.25
yoginīgaṇaśaṃmukhyāṃ bhairavīṃ bhayahāriṇīm |
sarvepsitaphalaprāptikāraṇāṃ kāraṇatrayām || 7.25 ||
Bhairavi wird als Hervorragende unter den Yogini-Scharen und als die Furcht Nehmende betrachtet. Sie ist die Ursache dafür, dass alle ersehnten Früchte erlangt werden, und wird zugleich als dreifache Ursache bezeichnet.
Anmerkung: Der Druckvorschlag lautet śaṃ, nicht śe. Die unregelmäßige Verbindung gaṇaśaṃmukhyā bleibt erhalten; mukhyā trägt die Wiedergabe „Hervorragende“. Sarvepsita folgt ebenfalls dem gedruckten Vorschlag. Welche drei Ursachen kāraṇatrayā meint, wird hier nicht erläutert.
7.26
evaṃ dhyāyec ciraṃ devīṃ yogī yogaphalāptaye |
sarvopadravaśāntyarthaṃ sarvābhīṣṭaphalāptaye || 7.26 ||
So soll der Yogi die Göttin lange betrachten, um die Frucht des Yoga zu erlangen, alle Bedrängnisse zu befrieden und die ersehnten Früchte zu gewinnen.
Anmerkung: C ist im Druck bei dhyāyec ergänzt. Der Vers formuliert die Absicht der historischen Meditation.
7.27
anena dhyānayogena kālamṛtyubhayād api |
mucyate parameśāni na mayoktaṃ mṛṣā bhavet || 7.27 ||
Durch diesen Yoga der Meditation wird man selbst von der Furcht vor Zeit und Tod befreit, höchste Herrin. Was ich gesagt habe, soll nicht falsch sein.
Anmerkung: Die Aussage ist das Wirkungsversprechen des sprechenden Ishvara.
7.28
adhītyaitan mahādhyānatyaktopadravasañcayaḥ |
punaḥ dhyāyen mahādevi sarvopadravaśāntaye || 7.28 ||
Nachdem er diese große Meditation erlernt und die angesammelten Bedrängnisse hinter sich gelassen hat, soll er erneut meditieren, große Göttin, um alle Bedrängnisse zu befrieden.
Anmerkung: Die Wortverbindung folgt der im Druck vorgeschlagenen Zusammensetzung. Im folgenden Vers beginnt ein weiteres Gottesbild.
7.29
hṛdambujasamāsīnaṃ bālasūryasamaprabham |
devyā samāśliṣṭatanuṃ suvarṇasamavarṇayā || 7.29 ||
Er sitzt im Lotus des Herzens und leuchtet wie die junge Sonne. Sein Körper wird von der Göttin umarmt, deren Farbe dem Gold gleicht.
Anmerkung: Hṛdambuja und sama folgen den gedruckten Verbesserungen.
7.30
bhasmoddhūlitasarvāṅgaṃ dadhānaṃ vyāghracarmaṇi |
śmaśānasthitaṃ śāntaṃ trinetraṃ candraśekharam || 7.30 ||
Sein ganzer Körper ist mit Asche bestäubt, und er trägt ein Tigerfell. Friedvoll verweilt er auf dem Verbrennungsplatz, dreiäugig und mit dem Mond als Scheitelschmuck.
Anmerkung: Ddhūlita, sarvāṅga, śma und kha folgen den gedruckten Berichtigungen. Die Verbindung von Friedlichkeit und Verbrennungsplatz bleibt erhalten.
7.31
lalāṭasthalabālendusutādivyasudhāsnātam |
varābhayamahāṭaṅkamṛgamudrādharaṃ śivam || 7.31 ||
Shiva ist in göttlichem Nektar gebadet, der von dem jungen Mond an seiner Stirn herabkommt. Er zeigt die Gesten des Gewährens und der Furchtlosigkeit und trägt ein großes Beil sowie die Hirsch-Geste.
Anmerkung: Snātam folgt der gedruckten Berichtigung zu sutam. Die frühere Wortform suta in bālendusuta ist uneben und wird im Zusammenhang als Herkunft des Nektars verstanden. Mṛgamudrā kann eine Hirsch-Handgeste bezeichnen; ein wirklicher Hirsch wird nicht zusätzlich in die Hände gesetzt.
7.32
akṣasrakpustakadharaṃ prasannaṃ parameśvaram |
mahāmaṇḍalasambaddhaṃ mahāphaṇiphaṇāñcitam || 7.32 ||
Der höchste Herr ist freundlich und trägt Gebetskette und Buch. Er ist mit einem großen Mandala verbunden und von der Haube einer großen Schlange überdacht.
Anmerkung: Sambaddham bedeutet „verbunden“; die genaue räumliche Beziehung zum Mandala wird nicht näher festgelegt.
7.33
navayauvanasampannaṃ grastaṃ kālabhayādikam |
sumukhaṃ cārusarvāṅgaṃ guptavijñānagocaram || 7.33 ||
Er erscheint in frischer Jugend, hat die Furcht vor der Zeit und weitere Bedrohungen verschlungen, besitzt ein schönes Gesicht und anmutige Glieder und ist Gegenstand verborgenen Erkennens.
Anmerkung: Sumukham folgt der Druckkorrektur. Grastam ist grammatisch uneben; die Deutung des Verschlingens entspricht der vorausgehenden Schutzgestalt.
7.34
paśupāśaughadalanaṃ tārakaṃ bhayavāridheḥ |
sarvajñāsphārasāmarthyadāyakaṃ sarvasiddhidam || 7.34 ||
Er zerbricht die Menge der Fesseln des gebundenen Wesens und führt über den Ozean der Furcht. Er gewährt die weitreichende Macht des allwissenden Erkennens und schenkt alle Siddhis.
Anmerkung: Sarvajñāsphāra ist ein auffälliges Kompositum; sein Bezug auf Erkenntnis und Macht bleibt in der Übersetzung offen genug, um keine zusätzliche Lehre einzuführen.
7.35
evaṃ dhyāyen mahādevaṃ sarvaduḥkhopaśāntaye |
sarvasattvapralayāyaiva sarvāśāsiddhihetave || 7.35 ||
So soll Mahadeva betrachtet werden: zur Befriedung allen Leidens, zur Auflösung aller Wesen und als Ursache dafür, dass alle Wünsche erfüllt werden.
Anmerkung: Pralayāyaiva folgt dem fraglichen Druckvorschlag. Die Auflösung aller Wesen steht neben den heilsamen Wirkungen und wird nicht als ausschließlich psychologische Auflösung umgedeutet.
7.36
athavānyat prakāreṇa dhyāyed dhṛtasarasīgṛhe |
śuddhasphaṭikasaṃkāśaṃ śaraccandrāyutaprabham || 7.36 ||
Oder man soll ihn auf eine andere Weise betrachten: rein wie Bergkristall und leuchtend wie zehntausend Herbstmonde. Die Ortsangabe dhṛtasarasīgṛhe ist nicht sicher verständlich.
Anmerkung: Das Bild des Herzlotus wäre im Zusammenhang naheliegend, steht aber nicht eindeutig in der gedruckten Wortform und wird deshalb nicht eingesetzt.
7.37
akṣamālādharaṃ śāntaṃ prasannaṃ varadaṃ prabhum |
viśiṣṭabhayasaṃyuktaṃ rajatādrisamaprabham || 7.37 ||
Der Herr trägt eine Gebetskette, ist friedvoll, freundlich und gewährt Gaben. Er leuchtet wie ein Silberberg. Eine zusätzliche Bestimmung verbindet ihn im Druck mit einer besonderen Furcht.
Anmerkung: Viśiṣṭabhayasaṃyuktam bedeutet wörtlich „mit besonderer Furcht verbunden“. Die erwartbare Furchtlosigkeit darf ohne Textzeugen nicht durch einen eingefügten Vokal hergestellt werden.
7.38
sarvamṛtyupraśamanaṃ valipalitanāśanam |
divyāsāramahāvarṣavarṣamāṇaṃ samantataḥ || 7.38 ||
Er befriedet jede Todesbedrohung, vernichtet Falten und graues Haar und lässt nach allen Seiten einen gewaltigen göttlichen Regenguss niedergehen.
Anmerkung: Divyāsāra folgt dem gedruckten Ersatz für divyāsana. Die Aussage bleibt Teil der Visualisation.
7.39
vasudhā varṣāpātena sahasā śītalātmanā |
†duṣucarmaśatair musma† bhāvayed ātmanas tanum || 7.39 ||
Durch den plötzlich herabfallenden, kühlenden Regen soll der eigene Körper betrachtet werden; auch die Erde wird genannt. Der Ausdruck dazwischen ist so entstellt, dass die genaue Wirkung auf Körper oder Haut nicht sicher bestimmt werden kann.
Anmerkung: Varṣāpātena und śītalātmanā folgen Druckverbesserungen. Die fragliche Wortfolge wird nicht durch eine Beschreibung gesunder Haut ersetzt.
7.40
anena dhyānayogena mucyate duḥkhabandhanāt |
sāttviko ’haṃ caret dhyāyann abhīṣṭasiddhim ātmanaḥ || 7.40 ||
Durch diesen Yoga der Meditation wird man von der Bindung an Leiden frei. In der Vorstellung „Ich bin von reiner Qualität“ soll man fortfahren und die eigene ersehnte Vollendung betrachten.
Anmerkung: Dhyāyan folgt dem gedruckten Ersatz. Sāttvika bezeichnet eine von Sattva, Klarheit und Ausgeglichenheit geprägte Qualität.
7.41
athavānyat prakāreṇa dhyānayogaṃ vadāmi te |
hṛtpadmakarṇikāmadhye śuddhadīpaśikhākṛtiḥ || 7.41 ||
Oder ich erkläre dir den Yoga der Meditation auf andere Weise: Im Fruchtboden des Herzlotus erscheint eine Gestalt wie die reine Flamme einer Lampe.
Anmerkung: Der Satz führt in die folgende Lichtbeschreibung.
7.42
aṅguṣṭhaparvasadṛśaṃ koṭisūryasamaprabham |
kadambagolakākāraṃ tārāsūryam iva sthitam || 7.42 ||
Sie gleicht in ihrer Größe einem Daumenglied, leuchtet wie zehn Millionen Sonnen, hat die kugelige Gestalt einer Kadamba-Blüte und steht wie eine Sternensonne da.
Anmerkung: Der klarere Scan zeigt aṅguṣṭhaparvasadṛśam, „einem Daumenglied gleich“. Der erste Vergleich ist damit lesbar; adṛṣṭaparva war ein Ablesefehler. Tārāsūrya wird als zusammengesetztes Lichtbild „Sternensonne“ wiedergegeben; die genaue Beziehung der beiden Bestandteile ist nicht erläutert.
7.43
dhyāyed vā raśmibhir jvalat dīpyamānaṃ samantataḥ |
nirālambe pade śūnye yat teja upajāyate || 7.43 ||
Oder man soll das ringsum leuchtende, mit Strahlen flammende Licht betrachten, das im leeren, von keiner Stütze getragenen Zustand hervortritt.
Anmerkung: Śūnya wird als „leer“ wiedergegeben; eine zusätzliche philosophische Systemzuordnung wird aus dem Wort allein nicht abgeleitet.
7.44
tad deham abhyasen nityaṃ yogī yogaprasiddhaye |
divyamaṇḍalamadhyasthaṃ sravantam amṛtadravam || 7.44 ||
Zur Verwirklichung des Yoga soll der Yogi diese Körpergestalt beständig einüben: Sie befindet sich inmitten eines göttlichen Mandalas und lässt flüssigen Nektar strömen.
Anmerkung: Abhyasen und sravantam folgen den gedruckten Berichtigungen.
7.45
dhyāyet tanmaṇḍalaṃ divyaṃ sarvaraktaṃ sitaṃ kramāt |
mūrtidhyānaṃ ca tenaiva krameṇa tu samācaret || 7.45 ||
Er soll das göttliche Mandala der Reihe nach als ganz rot und als weiß betrachten. Auch die Meditation der Gestalt soll er in eben dieser Reihenfolge ausführen.
Anmerkung: Die gedruckte Trennung te naiva wird als tenaiva, aus tena eva, „in eben dieser“, mit dem folgenden Instrumental krameṇa verbunden. Diese Worttrennung bewahrt sämtliche Sanskritbuchstaben und ergibt einen regulären Satzanschluss. Es wird kein na aus dem Text entfernt: Das n gehört in dieser Analyse zum Pronomen tena. Die frühere Annahme einer zwingenden Verneinung wird zurückgenommen. Mūrtidhyānam folgt dem gedruckten Verbesserungsvorschlag. Sanskritseite 44, Alternativscan PDF 123, erneut betrachtet.
7.46
tatprabhāpaṭalavyāptaṃ śarīraṃ paricintayet |
so ’ham ityādibhāvena śanair aham iti smaret || 7.46 ||
Man soll den Körper als von dessen Lichtfülle durchdrungen betrachten. Mit einer Vergegenwärtigung wie „Das bin ich“ soll man allmählich das „Ich“ erinnern.
Anmerkung: Bhā und śanair aham iti folgen den gedruckten Berichtigungen. So ’ham wird als Identifikationsformel übersetzt und nicht als hier ausdrücklich beschriebene Atemtechnik ausgegeben.
7.47
svahṛdgatamahājyoti viniryad amṛtāṃśubhiḥ |
trilokam akhilaṃ yogī †kāvyamānaṃ† vicintayet || 7.47 ||
Der Yogi soll sich die ganzen drei Welten unter den Nektarstrahlen vorstellen, die von dem großen Licht in seinem eigenen Herzen ausgehen. Was diese Strahlen genau bewirken, ist durch das unklare Wort kāvyamānam nicht sicher bestimmt.
Anmerkung: Svahṛdgata folgt der gedruckten Berichtigung. In der Wortverbindung svahṛdgata-mahājyoti-viniryad-amṛtāṃśubhiḥ gehen die Strahlen von dem im Herzen befindlichen großen Licht aus. Kāvyamānam wird nicht stillschweigend durch „überflutet“ oder „erfüllt“ ersetzt.
7.48
anena dhyānayogena yogī syād īśvaraḥ svayam |
svadehaṃ bhāvayed yogī koṭisūryasamaprabham || 7.48 ||
Durch diesen Yoga der Meditation wird der Yogi nach Aussage der Lehre Ishvara selbst. Er soll den eigenen Körper als leuchtend wie zehn Millionen Sonnen vergegenwärtigen.
7.49
samyagātmā vibhedena so ’cirād yogam āpnuyāt |
ātmānaṃ cintayed yogī samyag īśvaravigraham || 7.49 ||
Durch rechte Unterscheidung des Selbst erlangt er bald den Yoga. Der Yogi soll sich selbst ausdrücklich als die Gestalt Ishvaras betrachten.
Anmerkung: Der erste Halbvers wird mit vibhedena, „durch Unterscheidung“, wiedergegeben. Samyagātmā ist grammatisch unregelmäßig; der Bezug der Unterscheidung auf das Selbst ist eine kontextuelle Deutung. Die ausdrückliche Identifikation mit Ishvara folgt im zweiten Halbvers.
7.50
tadbhāvanātas tv acirāt siddhiṃ śrīśāmbhavīṃ labhet |
śivo ’ham †mamevo ’ham† acintyo ’ham aṇur bhuvaḥ |
evaṃ dhyānavidhau dhyāyed ātmānaṃ vibhedataḥ || 7.50 ||
Durch diese Vergegenwärtigung erlangt er bald die ehrwürdige Shambhavi-Vollendung. „Ich bin Shiva. Ich bin undenkbar; ich bin das feinste Wesen der Welt.“ So soll er im Meditationsverfahren sein eigenes Wesen auf verschiedene Weise betrachten. Eine weitere Ich-Aussage ist entstellt.
Anmerkung: Der Druck bietet zu mamevo einen fraglichen Vorschlag mamevā; beide erlauben keine sichere Übersetzung. Der dreizeilige Umfang bleibt erhalten.
7.51
ānandaśītakiraṇodayapūrṇitāśāṃ
vistāraphenaparirañjitadivyatoyam |
nānāvidhapravaradaivatamatsyajuṣṭaṃ
śrīmat sudhāvivaram asmi vidhūtapāpā || 7.51 ||
„Ich bin der herrliche Nektarraum, frei von Verfehlung: Die aufgehenden kühlen Strahlen der Freude erfüllen seine Weiten; ausgedehnter Schaum schmückt sein göttliches Wasser; mannigfaltige vorzügliche Gottheiten bewegen sich darin wie Fische.“
Anmerkung: Pūrṇitāśām und nānāvidha folgen den gedruckten Berichtigungen. Die Kasusformen wechseln; die räumlich-wässrige Selbstvergegenwärtigung bleibt als Ich-Aussage erhalten.
7.52
śrīsadguroḥ karuṇādikuliśakhaṇḍana
pāpād riktaṭha nicaye mama dehagehe |
…
… || 7.52 ||
„Im Haus meines Körpers … durch den Donnerkeil der Barmherzigkeit und weiterer Kräfte des ehrwürdigen wahren Gurus … frei von Verfehlung …“ Die erhaltene Wortfolge ist beschädigt; die beiden weiteren Zeilen fehlen im Druck.
Anmerkung: Kha folgt der gedruckten Berichtigung. Die Wortgrenzen von pāpād riktaṭha nicaye sind unsicher. Die Ausgabe zeigt zwei ganze Zeilen als Punktreihen; sie werden nicht ergänzt.
7.53
koṭīndubhāskaranibhaṃ †parāmāṇḍakalpam†
āvismarāmi paramaṃ mahadātmarūpam |
vidyutsahasraruciraṃ trasareṇukalpam
ānandasāndraparimoditabhāvagamyam || 7.53 ||
„Ich vergegenwärtige die höchste, große Gestalt des Selbst, die zehn Millionen Monden und Sonnen gleicht: schön wie tausend Blitze, fein wie ein Staubkörnchen, erreichbar durch eine von dichter Freude erfüllte innere Haltung.“ Eine zusätzliche Größenbeschreibung ist entstellt.
Anmerkung: Nibham, sāndra und parimodita folgen gedruckten Berichtigungen. Āvismarāmi ist als Verb auffällig; die positive Vergegenwärtigung ist eine kontextuelle Deutung. Parāmāṇḍakalpam wird nicht unbelegt zu paramāṇukalpam geändert.
7.54
pīyūṣavārinidhim īśvaram aprameyam
mā vismarāmi hṛdaye sumahāntaṃ moham |
ṣaṭpadmakoṭarakapāṭavighāṭitena
yaj jyotir ūrdhvam upayānti taḍillateva || 7.54 ||
„Möge ich den unermesslichen Herrn, den Ozean des Nektars, im Herzen nicht vergessen.“ Der weitere Text nennt eine sehr große Verblendung und ein Licht, das nach dem Öffnen der Tore in den Höhlungen der sechs Lotusse wie ein Blitzband aufsteigt; der genaue Satzanschluss bleibt gestört.
Anmerkung: Die erste Zeile, mā, sumahāntam und upayānti folgen Druckvorschlägen. Moham, „Verblendung“, wird nicht stillschweigend in eine Verehrungsform oder göttliche Bestimmung geändert. Ein vollständiger syntaktischer Zusammenhang ist nicht gesichert.
7.55
pīyūṣarūpaghanasārasahasravṛṣṭi
meghe bhajāmi hṛdaye paramātmadīpam |
sañcitasvabhāvaparivṛṃhitavīcijāla
svānandaśīkarasamuccayasiktadehaḥ || 7.55 ||
„Im Herzen verehre ich die Lampe des höchsten Selbst, in einer Wolke, aus der tausendfach nektargleicher Kampfer regnet. Mein Körper wird von der Fülle der Tropfen seiner eigenen Freude benetzt; genannt wird dabei ein Wellennetz, das durch seine eigene Natur vermehrt ist.“ Die genaue Anbindung von sañcita, „angesammelt“, bleibt unsicher.
Anmerkung: Der Alternativscan bestätigt saṃcita mit dem gedruckten Vorschlag sañcita-, nicht saṃvit. Deshalb entfällt die frühere Übersetzung dieses Wortes als „Bewusstsein“. Die übrigen gedruckten Korrekturen betreffen vṛṣṭi- und das Schluss-m von dīpam. Ghanasāra bezeichnet Kampfer; die Bildsprache wird nicht zu einer stofflichen Rezeptur umgedeutet.
7.56
sadbhāvagamyavimalottamacittavṛtti
sevāsamutsukajanā valistiḍkarīti |
bhūvyomavāyuśikhi nīravibhedacittam
ekaṃ tad asya jagato vibhavāya tattvam || 7.56 ||
Die erste Hälfte beschreibt Menschen, die sich der Verehrung einer reinen, höchsten, durch wahre innere Haltung erreichbaren Bewusstseinsbewegung zuwenden; ihr genauer Satzbau ist entstellt. Die zweite nennt Erde, Raum, Wind, Feuer und Wasser als unterschiedliche Erscheinungsweisen: Ein einziges Prinzip bringt diese Welt zur Entfaltung.
Anmerkung: Ti und bhūvyo folgen Druckvorschlägen; śikhi ist fraglich markiert. Valistiḍkarīti ist nicht zuverlässig übersetzbar. Die Elementreihe wird in ihrer tatsächlichen Reihenfolge erhalten.
7.57
tat sarvakāraṇam acintyam anantam ādyam
jyotir manovacanadūrgamam asti saṃvit |
yad brahmakandam asilāgamanālaputram
ānandapiṅgalasudhājaladivyasāram || 7.57 ||
Dieses Bewusstsein ist die Ursache von allem: undenkbar, unbegrenzt, ursprünglich, ein Licht jenseits der Reichweite von Geist und Rede. Es wird außerdem als Brahman-Wurzel mit einem Agama-Stängel und als göttlicher Nektarsaft der Freude beschrieben; Teile dieses Lotusbildes sind entstellt.
Anmerkung: Ra bei kāraṇa ist im Druck ergänzt. Asilāgamanālaputram und ānandapiṅgala sind unsicher; weder „alle Agamas“ noch ein bestimmter Blattkranz wird als unbezweifelter Wortlaut eingesetzt.
7.58
siddhyaṣṭakapravarapatravirājamānaṃ
tadyogībhāvakamalabhramaro ’ham asmi |
nityo ’haṃ nirvikalpo ’haṃ nirādhāro ’ham avyayaḥ |
saccidānandarūpo ’haṃ brahmaivāhaṃ na saṃśayaḥ || 7.58 ||
„Ich bin die Biene am Lotus jener yogischen Vergegenwärtigung, der mit den vorzüglichen Blättern der acht Siddhis glänzt. Ich bin ewig, frei von begrifflichen Unterscheidungen, ohne Stütze und unvergänglich. Mein Wesen ist Sein, Bewusstsein und Glück. Ich bin Brahman selbst, daran besteht kein Zweifel.“
Anmerkung: Der Vers verbindet zwei längere poetische Zeilen mit zwei reguläreren Langzeilen. Die acht Siddhis werden hier nicht namentlich aufgeführt. Die Ich-Aussagen gehören zur Meditation des Textes.
7.59
brahmaivāhaṃ na saṃsārī mukto ’ham iti bhāvayet |
anena dhyānayogena jīvanmuktitvam āpnuyāt || 7.59 ||
„Ich bin Brahman selbst; ich bin kein im Kreislauf Gebundener. Ich bin frei.“ So soll man sich vergegenwärtigen. Durch diesen Yoga der Meditation erlangt man nach Aussage des Textes die Befreiung zu Lebzeiten.
Anmerkung: Der Avagraha bei mukto ’ham ist im Druck ergänzt.
7.60
yadā vikalpāḥ kuṭilā yānti vilayaṃ śive |
tadā ullāsavijño yaḥ sarvatra samadarśanaḥ || 7.60 ||
Wenn die verwickelten begrifflichen Vorstellungen in Shiva zur Auflösung kommen, erkennt der Übende das freudige Aufleuchten und schaut überall mit gleichem Blick.
Anmerkung: Ullāsavijña folgt dem fraglichen Druckvorschlag zu mullāsavijña. Der Satz ist grammatisch unvollständig; die Übersetzung verbindet die erkennbaren Aussagen über Auflösung, Freude und Gleichsicht.
7.61
dhyānena labhate yogaṃ dhyānaiḥ siddhiṃ sudurlabhām |
dhyānena nu jarāṃ mṛtyuṃ taratīti mṛṣā tat || 7.61 ||
Durch Meditation erlangt man Yoga, durch Meditationen die schwer zugängliche Siddhi. Dass man aber durch Meditation Alter und Tod überschreite – das ist, so lautet der hier gedruckte Satz, falsch.
Anmerkung: Yogaṃ und mṛṣā folgen den gedruckten Berichtigungen. Vor mṛṣā steht keine verlässlich lesbare Verneinung. Der Satz widerspricht den umliegenden Wirkungsversprechen; er wird nicht durch ein erfundenes na in deren Gegenteil verwandelt. Ein zweiter Textzeuge ist hier besonders nötig.
7.62
dhyānayoge bhaved vighno yogino niyataḥ śivaḥ |
vyādhibhiś copasargaiś ca tathā guhyakabhūtake || 7.62 ||
Beim Yoga der Meditation können dem Yogi Hindernisse begegnen: Krankheiten, Bedrängnisse sowie Einwirkungen von Guhyakas und Geisterwesen.
Anmerkung: Bhūtake folgt dem Druckvorschlag. Niyataḥ śivaḥ ist im Satz nicht sicher zuzuordnen; insbesondere ist śivaḥ hier keine eindeutig reguläre Anrede. Dieser Rest bleibt offen.
7.63
yadā samutthitaṃ vighnaṃ yogī paśyati pārvati |
tadā bhūtabaliṃ dadyāt pūrvoktavidhinā sudhīḥ || 7.63 ||
Wenn der Yogi ein aufgetretenes Hindernis bemerkt, Parvati, soll der Einsichtige nach dem zuvor beschriebenen Verfahren eine Opfergabe für die Geisterwesen darbringen.
Anmerkung: Bali wird als konkrete rituelle Gabe verstanden; die Stoffe werden an dieser Stelle nicht erneut aufgezählt.
7.64
pūrvoktair japayogaiś ca vakṣyamāṇaiś ca bheṣajaiḥ |
dānair japais tathā homaiḥ śamayed vighnam utthitam || 7.64 ||
Mit den zuvor beschriebenen Rezitationsübungen, den später zu erklärenden Heilmitteln, mit Gaben, Rezitationen und Feueropfern soll das aufgetretene Hindernis befriedet werden.
Anmerkung: D bei śamayed ist im Druck ergänzt. Die Wiederholung der Rezitation bleibt erhalten; die Passage wird nicht zu einer heutigen medizinischen Anweisung gemacht.
7.65
sargopasargaśāntyarthaṃ devaṃ mṛtyuñjayaṃ japet |
pañcasvānāsanagato deveśi caturānanaḥ || 7.65 ||
Um entstehende Bedrängnisse zu befrieden, soll man den Gott Mrityunjaya, den Sieger über den Tod, rezitierend anrufen. Die anschließende Beschreibung nennt eine Viergesichtigkeit und eine unsichere Sitzbezeichnung.
Anmerkung: Pañcasvāna wird im Druck mit dem fraglichen Vorschlag snāna versehen; auch āsanagata ist fraglich. Der Zusammenhang mit der folgenden verschlüsselten Mantraangabe bleibt offen.
7.66
bindunaktādisahito bhṛgus tārādir īritaḥ |
mantro mṛtyuñjaye devi mahāmṛtyuvināśanaḥ || 7.66 ||
Die als Bhṛgu bezeichnete Lautgestalt wird mit Bindu und weiteren, teilweise unklar bezeichneten Bestandteilen verbunden und beginnt mit Tara. So wird der Mantra zu Mrityunjaya beschrieben, Göttin, der den großen Tod vernichtet.
Anmerkung: Sahita folgt dem Druckersatz für mahita; tro bei mantro ist ergänzt. Nakta ist als technische Lautbezeichnung nicht sicher aufzulösen. Die verschlüsselte Angabe wird nicht in eine ungeprüfte Bija-Folge verwandelt.
7.67
vipakṣaḥ sarvavighnānāṃ sumahāvīrahānalaḥ |
mantrā te sādhanā proktā pratilomena cocyate || 7.67 ||
Er ist der Gegner aller Hindernisse, ein gewaltiges Feuer. Die Mantra-Sadhana wird anschließend in umgekehrter Folge beschrieben; der genaue Anschluss und ein Teil der Feuerbezeichnung sind unklar.
Anmerkung: Vipakṣa folgt dem Druckvorschlag zu tripakṣa. Vīrahānala könnte ein „Helden vernichtendes Feuer“ bezeichnen, fügt sich hier aber nicht sicher ein. Mantrā te sādhanā proktā ist grammatisch uneben.
7.68
puṭitaḥ pañcatāreṇa samyak siddhikaraḥ smṛtaḥ |
daṅkinī triguṇā kuryāt ṣaḍaṅgaṃ vidhipūrvakam || 7.68 ||
Von fünf Tara-Lauten eingerahmt, gilt er als in rechter Weise Siddhi bewirkend. Die folgende Anweisung verbindet eine dreifache Laut- oder Dakinī-Bezeichnung mit dem vorschriftsmäßigen sechsfachen Nyasa.
Anmerkung: Der Visarga bei siddhikaraḥ ist im Druck ergänzt. Daṅkinī ist die auffällige gedruckte Form; ob ein Wesen, eine Bija oder eine entstellte Verfahrensangabe gemeint ist, bleibt offen. Ṣaḍaṅga bedeutet sechs Glieder; der Nyasa-Bezug ist eine Kontextdeutung.
7.69
dhyānayogaṃ paraṃ guhyaṃ śṛṇu me parameśvari |
dhyānaś ca trividhaḥ proktaḥ tatkarmasādhakaḥ |
daśaśatadalapadmaṃ koṭicandravadānanaṃ
karadhṛtavaramudrāpāśavedākṣasūtram |
dhṛtaśaśadharakhaṇḍodgīrṇapīyūṣavarṣaṃ
stutam iti paribhāvya †projñate† mohajālaiḥ || 7.69 ||
Höre von mir den höchsten verborgenen Yoga der Meditation, größte Herrin. Die Meditation wird als dreifach und als Mittel für die entsprechenden Wirkungen bezeichnet. Das erste Bild nennt einen tausendblättrigen Lotus und ein Gesicht wie zehn Millionen Monde. In den Händen befinden sich Gewährungsgeste, Schlinge, Veda und Gebetskette; von der getragenen Mondsichel ergießt sich Nektarregen. Nach dieser Vergegenwärtigung folgt eine Aussage über die Netze der Verblendung, deren Verb nicht zuverlässig verständlich ist.
Anmerkung: Der Vers reicht über die Seiten 46–47 und enthält zwei einleitende Lehrzeilen sowie die anschließende längere Bildbeschreibung. Trividhaḥ und tatkarma folgen Druckvorschlägen. Projñate ist fraglich markiert; eine Befreiungsaussage wird nicht als gesicherte Übersetzung dieses Wortes ausgegeben.
7.70
hṛdayakamalamadhye candrakarpūramuktā
rajatakumudabhāsaṃ sūkṣmam īśānam ādyam |
smarati yadi sa rogai vighnajālopasarga
vraṇaduritabhayād yair mucyate devi yogī || 7.70 ||
Wenn der Yogi im Herzlotus den feinen, ursprünglichen Ishana vergegenwärtigt, der wie Mond, Kampfer, Perlen, Silber und weiße Wasserlilien leuchtet, wird er nach dieser Darstellung von Krankheiten, Hindernissen, Bedrängnissen, Wunden, Verfehlung und Furcht befreit, Göttin.
Anmerkung: Vraṇa folgt der gedruckten Berichtigung zu vraja. Die Kasusverbindungen sind uneben; die genannten Bedrohungen bleiben in der Übersetzung einzeln erhalten.
7.71
gaganajaladabhāsaṃ śūlakhaṭvāṅgaghaṇṭā
kuliśavarakapālābhīti hastāravindam |
sakaladuritabhūtapretakūṣmāṇḍavarṇā
grasananiratam īśaṃ dhyāyataḥ syād abhīṣṭam || 7.71 ||
Wer den Herrn betrachtet, der wie eine Wolke am Himmel leuchtet und in seinen lotosgleichen Händen Dreizack, Khatvanga-Stab, Glocke, Donnerkeil und Schädelschale trägt sowie Gewährung und Furchtlosigkeit zeigt, erlangt nach Aussage des Textes das Ersehnte. Der Herr ist ganz darauf gerichtet, Verfehlungen und die Scharen von Bhutas, Pretas und Kushmandas zu verschlingen.
Anmerkung: Kha ist im Druck bei khaṭvāṅga ergänzt. Varṇā in der Wesenreihe ist sprachlich uneben und wird vorsichtig als Gruppe oder Schar verstanden. Die furchterregende Handlung bleibt Bestandteil der historischen Visualisation.
7.72
prajaped aṣṭasāhasraṃ dhyātvā itthaṃ parameśvaram |
sargopasargavighnādyair mucyate vyādhibhis tathā || 7.72 ||
Nachdem man den höchsten Herrn auf diese Weise betrachtet hat, soll der Mantra achttausendmal rezitiert werden. Dadurch wird man nach dem Versprechen des Textes von entstehenden Bedrängnissen, Hindernissen und Krankheiten frei.
Anmerkung: Die Zahl achttausend ist ausdrücklich gedruckt.
7.73
japed dvādaśalakṣaṃ tu ya imaṃ mantram ādarāt |
valipalitanirmukta ajarāmaratāṃ vrajet || 7.73 ||
Wer diesen Mantra mit Hingabe zwölf Laksha, also 1.200.000-mal, rezitiert, wird nach dieser Aussage von Falten und grauem Haar frei und gelangt zu einem Zustand ohne Alter und Tod.
Anmerkung: D bei japed ist ergänzt. Die numerische Umrechnung folgt dem Zahlwort Laksha = 100.000; das Wirkungsversprechen wird nicht als Tatsachenbehauptung übernommen.
7.74
yasmiṃs tattve niviṣṭaṃ tu mano niścalatāṃ vrajet |
yadā tadā maheśāni dhyānayogam upakramet || 7.74 ||
Wann immer der Geist, in ein bestimmtes Wirklichkeitsprinzip versenkt, unbeweglich wird, soll man, große Herrin, den Yoga der Meditation aufnehmen.
Anmerkung: T bei upakramet ist im Druck ergänzt. Die Bezugnahme auf ein tattva wird nicht auf ein zusätzliches, hier ungenanntes Objekt eingeschränkt.
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
7.75
samādhiṃ saṃpravakṣyāmi yena yogī śivo bhavet |
dhyānasiddhaṃ tu yad rūpaṃ yogadṛṣṭyā nirīkṣayet || 7.75 ||
Ich werde nun Samadhi erklären, durch den der Yogi Shiva wird. Die Gestalt, die in der Meditation gefestigt wurde, soll er mit dem yogischen Blick betrachten.
Anmerkung: Vor diesem Vers steht erneut die Sprecherangabe īśvara uvāca. Samadhi wird hier ausdrücklich als eigener Abschnitt innerhalb desselben Kapitels eingeführt.
7.76
punaḥ punaḥ prasannātmā nikhilena tu cetasā |
yadā yadā layaṃ yāti rūpaṃ tac cetasā saha || 7.76 ||
Wieder und wieder soll er dies mit geklärtem Inneren und seinem ganzen Geist tun. Wann immer jene Gestalt zusammen mit dem Geist in Auflösung eingeht, setzt die folgende Anweisung an.
Anmerkung: Cetasā folgt dem gedruckten Ersatz für venasā. Der Satz läuft über die Versgrenze zu 77.
7.77
tadā tadā yogadṛśā samalakṣasthiraṃ nayet |
dhyānāt saptaguṇaḥ kālaḥ samādhir abhidhīyate || 7.77 ||
Dann soll er sie mit dem yogischen Blick wieder in eine auf ihr Ziel gerichtete Festigkeit führen. Als Samadhi wird eine Zeitspanne bezeichnet, die siebenmal so lang ist wie die Meditation.
Anmerkung: Samalakṣasthiram ist sprachlich auffällig; die genaue Methode der Stabilisierung bleibt offen. Der Faktor sieben steht ausdrücklich im Druck; eine moderne Minutenangabe wird nicht ergänzt.
7.78
tatra sthitaṃ bhāvaṃ svarūpeṇa caliṣyati |
paśyaty ekāgrayā buddhyā samādhisthaḥ sa ucyate || 7.78 ||
Wer den dort befindlichen Zustand mit einspitziger Einsicht in seinem eigenen Wesen schaut, wird als „in Samadhi befindlich“ bezeichnet. Zugleich enthält die erste Zeile die Aussage „wird sich bewegen“, deren Bezug unklar bleibt.
Anmerkung: Paśyaty ekāgrayā folgt dem Druckvorschlag. Caliṣyati ist positiv gedruckt und wird nicht durch ein eingefügtes na zu Unbeweglichkeit verändert.
7.79
ekāgratir avyagro niścalo niścalendriyaḥ |
paśyed ātmāvibhedena samādhisthaḥ sadāśivam || 7.79 ||
Einspitzig, unzerstreut, unbewegt und mit ruhigen Sinnen soll der in Samadhi Verweilende Sadashiva ohne Trennung vom eigenen Selbst schauen.
Anmerkung: Der Druck ergänzt den Visarga bei samādhisthaḥ. Ātmāvibhedena kann als ātma-avibhedena, „ohne Unterscheidung vom Selbst“, getrennt werden; diese Trennung folgt der ausdrücklichen Identifikationsmeditation des Kapitels.
7.80
samādhau dṛśyate devi vahnijyotir mahan mahaḥ |
yasmin tuṣṭe bhavet muktiḥ samādhisthasya yoginaḥ || 7.80 ||
Im Samadhi erscheint, Göttin, ein großes Leuchten wie Feuerlicht. Wenn dieses gnädig oder zufrieden ist, wird dem in Samadhi befindlichen Yogi Befreiung zuteil.
Anmerkung: Mahaḥ und muktiḥ folgen gedruckten Verbesserungen. Tuṣṭe bedeutet „zufrieden“ und bleibt als personifizierende Bestimmung des Lichtes erhalten.
7.81
samyak samādhau saṃsiddhi yogī yogena ca kṣaṇāt |
yad yat smarati vai rūpaṃ tat tat paśyati niścitam || 7.81 ||
Ist der Samadhi auf rechte Weise verwirklicht, sieht der Yogi durch Yoga augenblicklich jede Gestalt, an die er sich erinnert oder die er vergegenwärtigt – so lautet das Versprechen.
Anmerkung: Yad yat folgt der gedruckten Berichtigung. Saṃsiddhi ist grammatisch uneben, der Zusammenhang mit der vollzogenen Sammlung aber erkennbar.
7.82
samādhau sādhite sadyaḥ cihnāny etāni pārvati |
dṛśyante yogino yogāḥ siddhasāmānyasādhanāḥ || 7.82 ||
Sobald Samadhi verwirklicht ist, erscheinen dem Yogi diese Zeichen, Parvati. Sie werden als Fähigkeiten beziehungsweise Mittel bezeichnet, die den Siddhas gemeinsam sind.
Anmerkung: Sadyaḥ enthält eine gedruckte Ergänzung. Siddhasāmānyasādhanāḥ ist ein mehrdeutiges Kompositum; die folgende Liste bestimmt den gemeinten Bereich näher.
7.83
ājñāsiddhiś cāpalyaṃ balavarṇaprasādhanam |
ārogyaṃ vyādhināśaś ca śīghragāmitvam eva ca || 7.83 ||
Genannt werden die Wirksamkeit des eigenen Befehls, Behändigkeit, die Entfaltung von Kraft und Körperfarbe, Gesundheit, das Verschwinden von Krankheiten und rasche Fortbewegung.
Anmerkung: Vyādhināśaś ca folgt der gedruckten Berichtigung. Cāpalya bedeutet auch Unbeständigkeit; im Kontext der Fähigkeiten wird es vorsichtig als Behändigkeit verstanden.
7.84
svecchayā dhāraṇaṃ dehe vāyoḥ śrīkhecarīgaṇaḥ |
devānāṃ darśanaṃ yogī samyagātmapradarśanam || 7.84 ||
Weiter nennt der Text das Halten des Lebenswindes im Körper nach eigenem Willen, eine Schar ehrwürdiger Khecharis, das Schauen der Götter und die rechte Offenbarung des eigenen Selbst.
Anmerkung: Svecchayā folgt der Druckberichtigung. Bei śrīkhecarīgaṇaḥ fehlt eine eindeutige Tätigkeitsangabe; eine Begegnung, Beherrschung oder Zugehörigkeit wird deshalb nicht frei ergänzt.
7.85
sarvendriyavaśīkāraḥ sarvajñatvaṃ ca tatkṣaṇāt |
trikālajñānasāmarthyam īśvaratvaṃ ca pārvati || 7.85 ||
Hinzu kommen die Beherrschung aller Sinne, augenblickliche Allwissenheit, die Fähigkeit, die drei Zeiten zu erkennen, und göttliche Herrschaft, Parvati.
Anmerkung: Die drei Zeiten sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Aussagen sind traditionelle Siddhi-Zuschreibungen.
7.86
ete cānye ca bahavo dṛśyante yogasiddhayaḥ |
yadā samādhir nirvighnaḥ siddhiṃ yāti yatipriye || 7.86 ||
Diese und viele weitere Yoga-Siddhis zeigen sich, wenn Samadhi ohne Hindernisse zur Verwirklichung gelangt, Geliebte der Asketen.
7.87
tadā yogī jarāmṛtyukālādyaiḥ parimucyate |
siddhīnām ādhipatyaṃ ca labhate nātra saṃśayaḥ || 7.87 ||
Dann wird der Yogi nach dieser Lehre von Alter, Tod, Zeit und weiteren Begrenzungen befreit. Er erlangt die Herrschaft über die Siddhis; daran besteht, so der Text, kein Zweifel.
Anmerkung: Der Visarga in kālādyaiḥ und das lange ī in siddhīnām folgen gedruckten Ergänzungen beziehungsweise Verbesserungen.
7.88
samādhau yadi vighnāni sambhavantīha yoginaḥ |
tān pūrvoktaprakāreṇa samyag utsārya pārvati || 7.88 ||
Wenn hier im Samadhi Hindernisse für den Yogi entstehen, soll er sie auf die zuvor beschriebene Weise in rechter Form beseitigen, Parvati.
Anmerkung: Sambhavantīha folgt dem Druckvorschlag. Der Satz setzt sich in Vers 89 fort.
7.89
samādhiṃ sādhayaty evaṃ śanais taṃ ca samutkramet |
etat te vyāhṛtaṃ devi samādhir atidurlabham || 7.89 ||
So verwirklicht er Samadhi und schreitet darin allmählich voran. Damit habe ich dir, Göttin, diesen überaus schwer zugänglichen Samadhi erklärt.
Anmerkung: Śanais tam und vyāhṛtam folgen gedruckten Verbesserungen. Die Kasusendungen sind uneben; das allmähliche Vorgehen ist ausdrücklich genannt.
7.90
guruprasādāmṛṣa tadnirdhūtapāpmā
maheśayogīśubhayogasaṃsthaḥ |
samabhyaset siddhim adhīcchur evam
utsāhavān ātmavid ādareṇa || 7.90 ||
Wer durch die Gunst des Gurus von Verfehlung gereinigt ist und im heilsamen Yoga des Mahesha-Yogi steht, soll auf diese Weise mit Eifer, Selbsterkenntnis und Hingabe üben, wenn er Vollendung begehrt.
Anmerkung: Der Druck markiert guruprasādāmṛṣa als fehlerhaft; die genaue Verbindung mit Nektar oder Berührung ist nicht gesichert. Nirdhūta, saṃsthaḥ, samabhyaset und ha in utsāha folgen Druckverbesserungen. Ein Rest der Anfangsform bleibt unübersetzt.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ saptamaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 7 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 8: Innere Verehrung und Mantra-Verwirklichung
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 50–57.
|| aṣṭamaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 8.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 129–136; Sanskritseiten 50–57.[13]
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
8.1
atha āntarārcanaṃ vakṣye sarvasiddhipradāyakam |
śuddhe manorame deśe sanniviṣṭaḥ suniścitaḥ || 8.1 ||
Nun werde ich die innere Verehrung erklären, die alle Siddhis gewährt. Dafür nimmt man an einem reinen, angenehmen Ort Platz, mit fester Entschlossenheit.
Anmerkung: Āntarārcanam folgt der gedruckten Berichtigung zu āntararcanam. Die Gabe aller Siddhis ist die Selbstaussage des Textes.
8.2
ātmānaṃ bhāvayec chuddhatattvagocaram īśvaraḥ |
dhyātvā ciraṃ praśāntātmā pūrvoktadhyānayogāt || 8.2 ||
Mit befriedetem Inneren soll man lange nach dem zuvor beschriebenen Meditationsyoga verweilen und sich selbst im Bereich der reinen Wirklichkeit als Ishvara vergegenwärtigen.
Anmerkung: Die Ergänzung chu und praśāntātmā folgen dem Druck. Die Kasusverbindung mit īśvaraḥ ist dort fraglich markiert; die Selbstidentifikation bleibt eine kontextuelle Deutung.
8.3
pūjayed gandhapuṣpādyair yogī bhāvamayaiḥ śubhaiḥ |
ṣaḍādhāreṣu vidhivad dvādaśānte viśeṣataḥ || 8.3 ||
Der Yogi soll mit heilsamen Duftstoffen, Blumen und weiteren Gaben verehren, die aus innerer Vergegenwärtigung bestehen: vorschriftsgemäß an den sechs Stützpunkten und besonders am Dvadashanta.
Anmerkung: D bei vidhivad ist im Druck ergänzt. Dvādaśānta bezeichnet einen „Zwölfer-Endpunkt“ im yogischen Körperraum; dessen Lage wird hier nicht durch eine zusätzliche moderne Maßangabe festgelegt.
8.4
pūjayec chambhum avyagraṃ śaktyā sahitam avyayam |
saṃsmaran niyato devi pīyūṣārṇavam uttamam || 8.4 ||
Gesammelt soll er den unvergänglichen Shambhu zusammen mit Shakti verehren, Göttin, und dabei beständig den höchsten Nektarozean vergegenwärtigen.
Anmerkung: Śaktyā folgt dem gedruckten Ersatz für sakrā. Die Form avyagram ist als Bestimmung des Verehrenden grammatisch uneben.
8.5
suśubhrasphāṭikābhāsaṃ divyakallolavṛṃhitam |
tanmadhye vipulaṃ devi ratnadvīpaṃ vibhāvayet || 8.5 ||
Dieser Ozean leuchtet hell wie reiner Kristall und ist von göttlichen Wogen erfüllt. In seiner Mitte soll man, Göttin, eine weite Juweleninsel vergegenwärtigen.
Anmerkung: Suśubhra folgt der gedruckten Berichtigung. Ratnadvīpa ist hier ein inneres Ritualbild, keine geografisch bestimmte Insel.
8.6
sarvatra tu kusumaṃ hṛdyaṃ tanmadhye kānanaṃ smaret |
pārijātaiḥ kadambaiś ca mandāraiḥ candanaiḥ kucaiḥ || 8.6 ||
In ihrer Mitte soll man einen Wald betrachten, in dem überall erfreuliche Blüten wachsen: mit Parijata-, Kadamba-, Mandara- und Sandelbäumen sowie einer im Druck kuca genannten Pflanze.
Anmerkung: Sarvatra tu folgt dem Druckvorschlag zu sarvartu. Kucaiḥ ist als Pflanzenname nicht sicher bestimmbar und wird nicht ohne Nachweis durch eine vertraute Art ersetzt.
8.7
bilvāmalakajambīracampakāśokapāṭalaiḥ |
bakulair dāḍimair āmraiḥ jambūnāgavaṭādibhiḥ || 8.7 ||
Dort stehen Bilva, Amalaki, Jambira, Champaka, Ashoka und Patala, ferner Bakula, Granatapfel, Mango, Jambu, Naga, Vata und weitere Bäume.
Anmerkung: Der Alternativscan zeigt dāḍimair āmraiḥ, „mit Granatapfel- und Mangobäumen“. Die frühere Ablesung dāḍibhir und der vermeintliche Name Dadi entfallen. Die übrigen Pflanzenbezeichnungen bleiben überwiegend in lesbarer Umschrift.
8.8
svakṣaiḥ kuvarakair devi mahākharjūragostanaiḥ |
samālair mālatīgulmaiḥ śatapatraiś ca vanajaiḥ || 8.8 ||
Weiter nennt die Beschreibung Svaksha und Kuvaraka, große Dattelpalmen, Gostana, Samala, Malati-Sträucher, hundertblättrige Blüten und weitere wildwachsende Pflanzen, Göttin.
Anmerkung: Svakṣa ist im Druck fraglich; samāla und kuvaraka bleiben als gedruckte Formen stehen. Vanajaiḥ folgt dem Vorschlag zu vañjulaiḥ. Eine genaue Bestimmung aller Arten bleibt offen.
8.9
aśvatthaiḥ karṇikāraiś ca saralair arjunair api |
etair anyaiś ca vividhaiḥ pādapair upaśobhitam || 8.9 ||
Ashvattha-, Karnikara-, Sarala- und Arjuna-Bäume wachsen dort. Diese und viele weitere verschiedene Bäume schmücken den Wald.
8.10
mandamārutasaṃbhinnaṃ kusumāmodadiṅmukham |
tanmadhye bhāvayed yogīvaraḥ sarvaguṇādhikam || 8.10 ||
Ein sanfter Wind bewegt ihn, und der Duft der Blüten erfüllt alle Richtungen. In seiner Mitte soll der vorzügliche Yogi einen Ort vergegenwärtigen, der alle guten Eigenschaften in besonderem Maß besitzt.
Anmerkung: Der Gegenstand wird in den folgenden Versen als großer See näher beschrieben.
8.11
kalhāraiḥ kamalair arghya puṣpaiḥ saugandhikaiḥ śubhaiḥ |
haṃsasārasakāraṇḍaiś camaraiś cakravākibhiḥ || 8.11 ||
Dort wachsen Kalhara- und Kamala-Lotusse sowie duftende, glückverheißende Blüten. Hamsas, Sarasa- und Karanda-Vögel, die hier als Camara bezeichneten Tiere und Chakravaka-Vögel beleben den Ort.
Anmerkung: Arghya und cakravākibhiḥ folgen Druckvorschlägen. Camaraiḥ ist in dieser Vogelreihe nicht eindeutig; daraus wird keine sichere zoologische Zuordnung abgeleitet.
8.12
anyaiḥ kalakalārāvair vihagair upaśobhitam |
mahāsarasi tanmadhye puline ’timanohare || 8.12 ||
Weitere Vögel mit lebhaftem Stimmengewirr schmücken diesen großen See. In seiner Mitte befindet sich ein überaus lieblicher Sandstrand, an dem die folgende Vorstellung ansetzt.
Anmerkung: Der Avagraha vor ati ist im Druck ergänzt. Der Satz läuft in Vers 13 weiter.
8.13
paritaḥ pārijātaṃ maṇḍapaṃ paribhāvayet |
ratnarcitagavākṣā … ś caturdvāravirājitam || 8.13 ||
Man soll dort einen Pavillon betrachten, ringsum von Parijata-Bäumen umgeben, mit juwelenbesetzten Fenstern und vier glänzenden Eingängen. Ein Teil der Beschreibung fehlt.
Anmerkung: Die Lesung pārijātam und t bei ratnarcita folgen gedruckten Ergänzungen. Die Lücke nach gavākṣā steht im Druck. Die Verbindung der Parijatas mit der Umgebung des Pavillons ist eine Deutung des unebenen Satzbaus.
8.14
†ratnopakṣṇāsaṃ† saṃśobhitakapāṭāṣṭakasaṃyutam |
patākādhvajamālābhiḥ śobhitaṃ maṅgalāṅkuraiḥ || 8.14 ||
Der Pavillon besitzt acht geschmückte Türflügel und ist mit Wimpeln, Fahnen, Girlanden und glückverheißenden Keimlingen geziert. Eine weitere Juwelenbestimmung am Anfang ist entstellt.
Anmerkung: Der unklare Anfang wird am klareren Scan als ratnopakṣṇāsaṃ abgelesen; ein zuvor angenommenes pt ist nicht erkennbar. T bei saṃśobhita folgt dem Druckvorschlag. Die Juwelenbestimmung bleibt unsicher. Acht Türflügel können zu den vier Eingängen des vorherigen Verses gehören; eine weitergehende Architektur wird nicht rekonstruiert.
8.15
kalaśair mukuraiś citrais toraṇair vividhāsanaiḥ |
sahasradīpasaṃyuktaṃ dīpadaṅka virājitam || 8.15 ||
Gefäße, Spiegel, reich gestaltete Torbögen und verschiedene Sitze schmücken ihn. Tausend Lampen sind dort angeordnet; eine weitere Bezeichnung des Lampenschmucks ist unklar.
Anmerkung: Dīpadaṅka ist im Druck mit Fragezeichen versehen und wird nicht zu einem bestimmten Leuchtertyp ergänzt.
8.16
vitānakṣatramālādāmavirājitam |
jambakāsmīra kastūrīmṛganābhitamālakaiḥ || 8.16 ||
Baldachine und Girlandenschnüre schmücken ihn. Genannt werden außerdem Kasturi-Moschus, als mṛganābhi bezeichneter Moschus und Tamala sowie eine unsichere weitere Duftstoffbezeichnung.
Anmerkung: Vitānakṣatra und jambakāsmīra sind nicht eindeutig. Kṣatra wird nicht unbelegt zu chatra, „Schirm“, verbessert. Die erste gedruckte Zeile ist kürzer und bleibt in dieser Form erhalten.
8.17
candanāgurukarpūrair moditadigambaraṃ |
puṣpaprakarasaṃkīrṇaṃ dhūpāmodasugandhitam || 8.17 ||
Sandel, Agarholz und Kampfer erfüllen den umgebenden Raum mit Wohlgeruch. Blütenmengen sind ausgestreut, und der Duft des Räucherwerks durchzieht alles.
Anmerkung: Candanāguru folgt der gedruckten Berichtigung zu candanāgara.
8.18
ratnadīpādbhutadyutaṃ rakṣitaṃ sarvadaivataiḥ |
itthaṃ dhyātvā maheśāni maṇḍapaṃ paramātmanaḥ |
tanmadhye bhāvayen mantrī pārijātaṃ supuṣpitam || 8.18 ||
Juwelenlampen verleihen ihm wunderbaren Glanz, und alle Gottheiten schützen ihn. Nachdem der Mantra-Übende den Pavillon des höchsten Selbst so betrachtet hat, große Herrin, soll er in seiner Mitte einen reich blühenden Parijata-Baum vergegenwärtigen.
Anmerkung: Ratnadīpa, maṇḍapa und paramātmanaḥ folgen gedruckten Verbesserungen. Der Vers hat drei Langzeilen. Der Alternativscan bestätigt sarvadaivataiḥ, „durch alle Gottheiten“, statt der früheren Ablesung svadaivataiḥ.
8.19
bhramad bhramarasaṃgītaṃ varṣantaṃ kusumotkaram |
tasyādhastāt smared yogī ratnasiṃhāsanaṃ śubham || 8.19 ||
Umherschwirrende Bienen umgeben ihn mit ihrem Gesang, und er lässt Blüten in Fülle herabregnen. Unter ihm soll der Yogi einen glückverheißenden Juwelenthron betrachten.
8.20
ratnakāñcanasandīptaṃ priyakājinam aṅkitam |
divyavastrāvṛtaṃ saumyaṃ tasya madhye vrajaṃ smaret || 8.20 ||
Der Thron leuchtet von Juwelen und Gold, ist mit einem Priyaka-Fell belegt und von göttlichen Stoffen bedeckt. In seiner freundlichen Mitte soll man einen weiteren, hier unklar bezeichneten Gegenstand vergegenwärtigen.
Anmerkung: Priyaka und vrajam sind im Druck fraglich. Aus dem folgenden Lotusbild lässt sich die Fortsetzung vermuten; der unsichere Ausdruck vrajam wird dennoch nicht stillschweigend als „Lotus“ ersetzt.
8.21
tārakaṃ śaktitālaṃ prāsmatamanukarṇikaṃ |
vahnimaṇḍalapatrākṣa sūryamaṇḍalakesaram || 8.21 ||
Die folgende Lotusbeschreibung verbindet Tara und Shakti mit Stängel beziehungsweise Fruchtboden. Die Blätter werden einem Feuerkreis, die Staubfäden einem Sonnenkreis zugeordnet. Die nähere Mantra- und Fruchtbodenbezeichnung ist entstellt.
Anmerkung: Prāsmatamanukarṇikam ist im Druck mit Fragezeichen versehen; kṣa ist bei patrā ergänzt. Die ähnlich formulierte Stelle 7.9 ist ebenfalls beschädigt und liefert keine sichere Ergänzung.
8.22
somamaṇḍalakiñjalkaṃ śivaśaktyātmakaṃ padam |
tatkarṇikāyām āsīnaṃ †divyasandiṣṭavigraham† || 8.22 ||
Sein Blüteninneres ist der Mondkreis; dieses Feld hat Shiva und Shakti zum Wesen. Auf seinem Fruchtboden sitzt eine göttliche Gestalt; die nähere Bezeichnung ihrer Erscheinung ist nicht zuverlässig lesbar.
Anmerkung: Padam ist die gedruckte Form und wird nicht in padmam geändert. Die folgende Bezeichnung wird im klareren Scan vorläufig als divyasandiṣṭavigraham abgelesen. Diese Wortverbindung bleibt unsicher; die frühere Ablesung divyasacchitavigraham wird zurückgenommen.
8.23
prasannaṃ varadaṃ sarvaṃ śaraccandrasamaprabham |
vyāghracarmaparidhānaṃ ṭaṅkaśūlabhayānvitam || 8.23 ||
Die Gestalt ist freundlich, gewährt Gaben, umfasst alles und leuchtet wie der Herbstmond. Sie trägt ein Tigerfell sowie Beil und Dreizack. Eine weitere Bestimmung, die das Wort für Furcht enthält, ist unklar.
Anmerkung: Sarvam wird als „alles umfassend“ wiedergegeben; der Druck hat sarvam, nicht den Shiva-Namen śarvam. Bhaya heißt „Furcht“, lässt sich hier aber nicht sicher in die Beschreibung der Attribute einordnen. Es wird nicht ohne zusätzlichen Zeugen zu abhaya, „Furchtlosigkeit“, geändert.
8.24
naramudrādharaṃ śāntaṃ sarvālaṅkāram aṅkitam |
padmāsanasthitaṃ sarvapārśvagaiḥ parivāritam || 8.24 ||
Er hält eine als nara-mudrā bezeichnete Geste, ist friedvoll und mit allem Schmuck geziert. Im Lotussitz verweilend, ist er von Begleitern ringsum umgeben.
Anmerkung: Dharaṃ und der Visarga bei pārśvagaiḥ folgen gedruckten Verbesserungen. Naramudrā bleibt als unsichere Gestenbezeichnung erhalten und wird nicht ohne Beleg als Hirsch- oder Gewährungsgeste ausgegeben.
8.25
sarvajñānanidhiṃ devi sarvajñaṃ parameśvaram |
samānoditacandrārkakoṭibhānuvigraham || 8.25 ||
Der höchste Herr ist eine Schatzkammer allen Wissens, Göttin, und allwissend. Seine Gestalt leuchtet wie Millionen Monde und Sonnen, die zugleich aufgehen.
Anmerkung: Nidhiṃ und candrārka folgen gedruckten Berichtigungen.
8.26
śarīraduḥkhaśamanaṃ samastābhīṣṭasādhakam |
sarvamantramayaṃ śubhraṃ sarvayogamayaṃ śivam || 8.26 ||
Er befriedet körperliches Leiden und verwirklicht alles Ersehnte. Dieser helle Shiva besteht aus allen Mantras und aus allem Yoga.
Anmerkung: Die Wirkungszuschreibungen gehören zum historischen Meditationsbild.
8.27
navayauvanasampannaṃ sarvalakṣaṇabhūṣitam |
ta … māṇḍasthalagatām vikāmaṃ marārcitam || 8.27 ||
Er besitzt frische Jugend und ist mit allen glückverheißenden Merkmalen ausgestattet. Die folgende Beschreibung wechselt zu einer weiblichen Gestalt an seiner Seite oder seinem Schoß, ist aber lückenhaft und entstellt.
Anmerkung: Die Lücke nach ta steht im Druck; vikāmaṃ marārcitam ist fraglich markiert. Ein Name der Göttin oder die genaue Seite wird hier nicht ergänzt.
8.28
bhaktatāpatrayaharāṃ sarvamṛtyuvināśinīm |
evaṃ dhyātvā śivaṃ yogī samāvāhyam avarudhya ca || 8.28 ||
Sie nimmt ihren Verehrern die drei Arten der Bedrängnis und vernichtet jede Todesbedrohung. Nachdem der Yogi Shiva auf diese Weise betrachtet hat, soll er ihn herbeirufen und im Ritualraum festhalten.
Anmerkung: Śivaṃ yogī folgt der gedruckten Berichtigung. Die erste Zeile führt die Beschreibung der Göttin aus Vers 27 fort; die grammatisch unebene Anrufungsform bleibt im Sanskrit erhalten.
8.29
mātṛkāṃ vinyased bhūyaḥ śrīkaṇṭhādīn api smaret |
śivāgamoktavinyāsaiḥ samyag vinyastavigrahaḥ || 8.29 ||
Darauf soll die Matrika angeordnet werden, und man soll an Shrikantha und die weiteren Gestalten denken. Durch die im Shiva-Agama gelehrten Anordnungen wird die eigene Gestalt vorschriftsgemäß mit Nyasa versehen.
Anmerkung: Mātṛkā bezeichnet hier die Buchstabenmächte; die einzelnen Buchstaben werden in diesem Vers nicht ausgeschrieben.
8.30
pravibhedena bhāvena pūjayet parameśvaram |
prathamaṃ guruherambau pūjayed vāmadakṣakam || 8.30 ||
Mit entsprechend unterschiedener innerer Vergegenwärtigung soll man den höchsten Herrn verehren. Zuerst werden Guru und Herambha links beziehungsweise rechts verehrt.
Anmerkung: Bhāvena und he bei heramba folgen den Druckverbesserungen. Die Links-rechts-Zuordnung folgt der Reihenfolge der beiden Namen.
8.31
śāstāram āryaṃ baṭukaṃ kṣetreśaṃ ca yathākramam |
agnirakṣo ’nileśānakoṇeṣu paripūjayet || 8.31 ||
Shastar, Arya, Batuka und Kshetresha sollen der Reihe nach in den Ecken des Feuers, des Rakshas, des Windes und Ishanas verehrt werden.
Anmerkung: Die Richtungsbezeichnungen entsprechen im üblichen Ritualschema Südosten, Südwesten, Nordwesten und Nordosten. Āryam ist die gedruckte männliche Form und wird nicht ohne Beleg in eine weibliche Gottheit umgedeutet.
8.32
navaśaktīr yajed aṣṭapatramadhye tu pārvati |
namo bhagavate proktvā bhṛgakoṭiśatā akṣarān || 8.32 ||
Die neun Shaktis soll man, Parvati, inmitten der acht Lotusblätter verehren. Man spricht „namo bhagavate“, „Verehrung dem Erhabenen“, und anschließend weitere, hier unsicher bezeichnete Laute.
Anmerkung: Śaktī und proktvā folgen gedruckten Vorschlägen. Bhṛgakoṭiśatā ist im Druck fraglich; daraus wird keine erfundene Mantra-Lautfolge oder Wiederholungszahl gewonnen.
Unnummerierte Textlücke
X X X
X X X
Unnummerierte Auslassungszeichen des Drucks zwischen 8.32 und 8.34; Umfang und Wortlaut des fehlenden Textes sind hier nicht bestimmbar.
8.34
proktāguṇāsaśakyaṃ te yuktāya padam uccaret |
anantāya padaṃ proktvā yogapadyapadaṃ vadet || 8.34 ||
Nach einer entstellten Lautanweisung soll man den Ausdruck „te yuktāya“ sprechen, darauf „anantāya“, „dem Unendlichen“, und anschließend den als yogapadya bezeichneten Ausdruck.
Anmerkung: Proktāguṇāsaśakyam ist im Druck fraglich. Proktvā folgt dem Vorschlag zu dhāktā. Die Mantrafolge lässt sich nicht zuverlässig rekonstruieren. Vor diesem Vers stehen zwei unnummerierte Reihen von je drei X; eine Versnummer 33 ist nicht gedruckt.
8.35
pīṭhasane namo toḍastārādiḥ pīṭhapūjane |
āvāhya pūrvamantreṇa sāṅgaṃ saparivārakam || 8.35 ||
Bei der Verehrung des Sitzes folgt eine weitere entstellte Mantraanweisung mit „namo“ und Tara am Anfang. Mit dem zuvor genannten Mantra soll man die Gottheit samt ihren Gliedern und ihrem Gefolge herbeirufen.
Anmerkung: Ṭha ist im Druck ergänzt. Pīṭhasane und toḍa bleiben unsicher; daraus wird kein verwendbares Mantra ergänzt. Tara ist hier eine Lautbezeichnung, nicht sicher der Eigenname einer Göttin.
8.36
mānasena vidhānena bhāvapuṣpaiḥ samarcayet |
tattadāgamamārgeṇa yogī saṃpūjya yatnataḥ || 8.36 ||
Nach dem inneren Verfahren soll man mit Blumen der Vergegenwärtigung verehren. Nachdem der Yogi so sorgfältig dem Weg des jeweiligen Agama entsprechend verehrt hat, folgt die nächste Gabe.
Anmerkung: Der Satz setzt sich in Vers 37 fort.
8.37
tarpayed bhāvasudhayā naivedyair bhāvisādhitaiḥ |
kuṃ kaṃ ca kalpayitvā tu bhāvajvālitapāvakaiḥ || 8.37 ||
Mit dem Nektar der Vergegenwärtigung und mit innerlich bereiteten Speisegaben soll man die Gottheit sättigen. Dann folgt eine unklare Anweisung zu kuṃ und kaṃ sowie zum Feuer, das durch Vergegenwärtigung entzündet wird.
Anmerkung: Bhāvasudhayā und jvālita folgen Druckvorschlägen. Die getrennt gedruckten Zeichen kuṃ kaṃ werden nicht stillschweigend zu kuṇḍakam, „Feuergrube“, ergänzt. Die Kasusverbindung mit pāvakaiḥ ist uneben.
8.38
juhuyād varuṇasamidhādyaiś ca tadbhavaiḥ |
dharmādharma havīrdīpte ātmāgnau manasā hunet || 8.38 ||
Man soll die entsprechenden Varuna-Holzstücke und weitere innerlich hervorgebrachte Gaben opfern. Dharma und Adharma, rechtes und unrechtes Handeln, soll man im Geist als Opfergaben in das flammende Feuer des Selbst darbringen.
Anmerkung: Juhuyād folgt dem fragend gedruckten Vorschlag zu juhuyādrāva. Die Verbindung dharmādharma havīrdīpte ist grammatisch beschädigt; die Übersetzung folgt den erkennbaren Opferbegriffen.
8.39
dattvā pūrṇāhutiṃ devi homakarma samāpya ca |
samāpya pūjāśeṣaṃ ca tatprasāda pavitrakam || 8.39 ||
Nachdem man die abschließende volle Opfergabe dargebracht, das Feueropfer beendet und die übrige Verehrung abgeschlossen hat, Göttin, folgt eine unvollständig formulierte Bestimmung über die reinigende Gnade beziehungsweise Opfergabe.
Anmerkung: Tatprasāda pavitrakam besitzt im Druck keinen eindeutigen syntaktischen Anschluss; der Rest wird nicht frei ergänzt.
8.40
pūjayec ca yathāśakti dattvā balividhiṃ śubham |
saparyaiṣā mayā proktā śāṃbhavībhāvasādhanī || 8.40 ||
Nach Kräften soll man verehren und die glückverheißende Bali-Gabe darbringen. Diese von mir gelehrte Verehrung verwirklicht die Shambhu zugehörige innere Haltung.
Anmerkung: Saparyaiṣā folgt dem Druckvorschlag. Śāṃbhavībhāva bezeichnet hier die auf Shambhu bezogene Vergegenwärtigung; eine bestimmte moderne Mudra wird daraus nicht abgeleitet.
8.41
mānayā sadṛśī loke saparyā devi vidyate |
athavānyaprakāreṇa pūjoktā parameśvari || 8.41 ||
Eine Verehrung, die dieser gleicht, findet sich in der Welt, Göttin – der Satzanfang ist jedoch unsicher. Oder die Verehrung wird auf eine andere Weise gelehrt, höchste Herrin.
Anmerkung: Der Druck liest mānayā, nicht das zu erwartende nānayā, „keine dieser vergleichbare“. Die verständliche Parallele 8.71 hat ausdrücklich nānayā; sie wird hier nicht stillschweigend eingesetzt. Athavānyaprakāreṇa und pūjoktā folgen Druckvorschlägen.
8.42
pūrvavad vijane deśe samāsīno jitendriyaḥ |
dhyāyet tu maṇḍalaṃ pūrvaṃ prabhākiraṇabhāskaram || 8.42 ||
Wie zuvor sitzt man an einem einsamen Ort und beherrscht die Sinne. Zunächst soll man einen Kreis betrachten, der mit leuchtenden Strahlen wie die Sonne glänzt.
Anmerkung: Der Visarga bei jitendriyaḥ ist im Druck ergänzt.
8.43
tanmadhye parameśāni ātmānaṃ jyotirūpiṇam |
nivātastho yathā dīpas tathā niścalavigraham || 8.43 ||
In seiner Mitte soll man sich selbst als Lichtgestalt betrachten, höchste Herrin: so unbewegt wie eine Lampe an einem windstillen Ort.
8.44
koṭisūryapratīkāśaṃ jvalantam amṛtaṃ śubhaḥ |
smaret tadavibhedena svarakṣāṃ tanmayaṃ śanaiḥ || 8.44 ||
Man vergegenwärtigt sich den strahlenden, unsterblichen Zustand, hell wie Millionen Sonnen. Mit ihm ungetrennt soll man allmählich ganz von ihm erfüllt werden; zugleich nennt der Satz den eigenen Schutz.
Anmerkung: Śubhaḥ und die Kasusverbindung svarakṣāṃ tanmayam sind uneben. Der genaue Zusammenhang des Schutzes bleibt offen.
8.45
samastadevatāpuñjapañjaraṃ guṇarañjitam |
dhyātvetthaṃ pūjayed ekaṃ bhāvapuṣpāmṛtādibhiḥ || 8.45 ||
So betrachtet man das von Eigenschaften erfüllte Gefüge aller Gottheiten und verehrt das Eine mit Blumen, Nektar und weiteren Gaben der inneren Vergegenwärtigung.
Anmerkung: Pañjara bedeutet wörtlich ein Gerüst oder umschließendes Gefüge; es wird hier auf die Gesamtheit der Gottheiten bezogen.
8.46
tad eva juhuyād yogī havibhir bhāvasādhibhiḥ |
evam ārādhayan śambhum ātmarūpam akalmaṣam || 8.46 ||
Eben diesem soll der Yogi Opfergaben darbringen, die innerlich bereitet sind. So verehrt er den makellosen Shambhu als Gestalt seines eigenen Selbst.
Anmerkung: Juhuyād übernimmt die im Druck ergänzten Silben. Der Satz läuft in Vers 47 weiter.
8.47
yogasāmrājyasampadbhir yujyate so ’cirād eva |
athāntarasaparyāyām antarāyo bhaviṣyati || 8.47 ||
Schon bald wird er mit den reichen Gaben der Herrschaft über den Yoga verbunden. Wenn bei dieser inneren Verehrung ein Hindernis entsteht, folgt dafür die nächste Anweisung.
Anmerkung: Der Druck bietet vor bhaviṣyati ein fragendes „na?“. Diese Negation wird nicht in den Grundwortlaut übernommen: Der Anschluss an die Abwehr von Hindernissen in 48 trägt die bedingende Übersetzung.
8.48
bhāvasiddhena balinā tadbhogais tasya tarpaṇaiḥ |
śameyed upasargāñ ca dāruṇāt || 8.48 ||
Durch eine innerlich verwirklichte Bali-Gabe, durch zugehörige Genussgaben und Sättigungen soll man die bedrängenden Störungen besänftigen. Das Schlusswort dāruṇāt bezeichnet etwas Schreckliches; seine grammatische Verbindung bleibt offen.
Anmerkung: Śameyed folgt dem fragenden Druckvorschlag zu śamayoghrasaṃyātam. Dāruṇāt ist als Ablativ von dāruṇa, „schrecklich“, erkennbar, hat aber keinen eindeutigen Anschluss; insbesondere ist es keine reguläre Beifügung zum Akkusativ upasargān. Die zweite Zeile ist in dieser Druckverbesserung verkürzt.
8.49
mūlādhāre taḍidvarṇa bhābhāsitadigantaram |
bālasūryasahasrābhaṃ suśuddhaṃ guṇāvarjitam || 8.49 ||
Im Muladhara wird die Gottheit mit der Farbe des Blitzes betrachtet; ihr Licht erhellt die Richtungen. Sie gleicht tausend jungen Sonnen, ist ganz rein und nicht ohne Eigenschaften.
Anmerkung: Der Druck ergänzt a in guṇa-(a)varjitam; deshalb wird hier „nicht ohne Eigenschaften“ übersetzt. Die unergänzte Form guṇavarjitam in 8.63 lautet anders und wird gesondert übersetzt.
8.50
svaśaktividhṛtaṃ devi samāsīnam anupamam |
pūrvavad bhāvasudhayā saṃtarpya paripūjayet || 8.50 ||
Die unvergleichliche, sitzende Gottheit wird von ihrer eigenen Shakti getragen, Göttin. Wie zuvor soll man sie mit dem Nektar innerer Vergegenwärtigung sättigen und verehren.
8.51
bhāvārcyacaraṇā homaḥ kartavyas tatra yoginaḥ |
evaṃ sampūjayan yogī vatsarāt siddhim āpnuyāt || 8.51 ||
Dort soll der Yogi eine innere Verehrung und ein Feueropfer vollziehen; die genaue Bezeichnung der Verehrung ist uneben. Wenn er so verehrt, erlangt er nach einem Jahr die Siddhi, heißt es.
Anmerkung: Bhāvārcyacaraṇā ist die unsichere gedruckte Verbindung. Die Jahresangabe ist ein Wirkungsversprechen der Schrift.
8.52
sarvajñāṃ sārasāmarthyāṃ devair api sudurlabhām |
ṣaḍdalakamale devi svādhiṣṭhāne maheśvaram || 8.52 ||
Diese Siddhi ist allwissend und von umfassender Kraft; selbst für die Götter ist sie schwer zu erlangen. Im sechsblättrigen Lotus des Svadhishthana, Göttin, wird sodann Maheshvara betrachtet.
Anmerkung: Sārasāmarthyām ist grammatisch uneben; die Übersetzung gibt eine kontextuelle Deutung. Svādhiṣṭhāne folgt der gedruckten Berichtigung zu svādiṣṭāne.
8.53
madhyagataṃ mahāsūryakiraṇābhāsam ucyate |
jyotirmaṇḍalamadhyasthaṃ bhāvagamyaṃ suniścalam || 8.53 ||
Er befindet sich in der Mitte und besitzt, so heißt es, den Glanz der Strahlen einer großen Sonne. Mitten im Lichtkreis verweilt er ganz unbewegt und ist durch innere Vergegenwärtigung zugänglich.
8.54
pūjayan bhāvamātreṇa yaḥ pūjayati nityaśaḥ |
saṃsiddhim aṣṭamāsena labhate devi durlabhām || 8.54 ||
Wer ihn beständig allein durch innere Vergegenwärtigung verehrt, erlangt nach acht Monaten eine schwer erreichbare Vollendung, Göttin.
Anmerkung: Pūjayan folgt dem Druckvorschlag zu pūjayad. Die gedruckte Wiederholung des Verehrens ist im Deutschen zusammenhängend wiedergegeben.
8.55
maṇipūre mahāpadme jāmbunadasamaprabhām |
saṃ … r gairikābhāsam acañcalam anūpamam || 8.55 ||
Im großen Lotus des Manipura gleicht sein Glanz dem Jambunada-Gold; außerdem wird ein rötlicher Ockerglanz genannt. Er ist unbewegt und unvergleichlich. Zwischen den Farbbestimmungen fehlt Text.
Anmerkung: Maṇipūre folgt der Druckkorrektur. Jāmbunadasamaprabhām und der nach der Lücke stehende Anschluss r gairikābhāsam sind im Druck fraglich markiert. Die Lücke wird nicht aufgefüllt.
8.56
manomayamahādravyaiḥ pūjya pūrvoktamārgataḥ |
ṣaṇmāsāl labhate siddhiṃ vāñchitāṃ parameśvari || 8.56 ||
Nachdem man ihn nach dem zuvor beschriebenen Weg mit kostbaren, aus dem Geist gebildeten Gaben verehrt hat, erlangt man nach sechs Monaten die ersehnte Siddhi, höchste Herrin.
Anmerkung: Pūjya steht im Druck für den hier erwarteten gerundialen Anschluss; der Zusammenhang ist deutlich.
8.57
anāhate mahāpadme japākusumasaṃprabham |
pravālāṅkurasaṃkāśaṃ sahasrārkasamaprabham || 8.57 ||
Im großen Lotus des Anahata besitzt er den Glanz einer Japa-Blüte; er gleicht einem Korallenspross und strahlt wie tausend Sonnen.
Anmerkung: Japā bezeichnet hier die rote Blüte, nicht die Mantrarezitation japa.
8.58
pūrvoktavidhinā yogī sampūjya parameśvari |
caturmāsād anu pāpmāmeti siddhiṃ janapriye || 8.58 ||
Nachdem der Yogi ihn nach der zuvor gelehrten Vorschrift verehrt hat, höchste Herrin, wird nach vier Monaten eine Siddhi genannt, du den Menschen Liebe. Das zugehörige Prädikat ist entstellt.
Anmerkung: Catur folgt dem Druckvorschlag zu yatu. Pāpmāmeti ist mit Fragezeichen gedruckt und wird nicht stillschweigend zu prāpnoti, „erlangt“, verbessert.
8.59
viśuddhau candrasaṃkāśaṃ prabhāmaṇḍalamadhyagam |
sudhāstutatanum śāntaṃ pūrvavat paripūjayet || 8.59 ||
Im Vishuddha gleicht er dem Mond und befindet sich in einem Lichtkreis. Man soll die friedvolle Gestalt wie zuvor verehren; ihre nähere Beziehung zum Nektar ist im gedruckten Ausdruck unklar.
Anmerkung: Sudhāstutatanum ist die unsichere Druckform; die vertrautere Vorstellung eines nektarträufelnden Körpers wird nicht als sichere Lesung eingesetzt.
8.60
sa trimāsān mahāsiddhiṃ labhate devi durlabhām |
candrakoṭipratīkāśam ājñāyāṃ parameśvari || 8.60 ||
Nach drei Monaten erlangt er eine schwer erreichbare große Siddhi, Göttin. Im Ajna erscheint die Gottheit sodann wie Millionen Monde, höchste Herrin.
Anmerkung: Trimāsān ist die gedruckte, grammatisch unebene Zeitangabe.
8.61
pūrvoktavidhānena pūjayed bhāvasādhanaiḥ |
dvimāsād abhisiddhānām ādhipatyam anuttamam || 8.61 ||
Nach der zuvor gelehrten Vorschrift soll man mit Mitteln der inneren Vergegenwärtigung verehren. Nach zwei Monaten wird die unübertreffliche Herrschaft über die Vollendeten zugesprochen.
Anmerkung: Das Prädikat der zweiten Zeile ist aus dem fortlaufenden Zusammenhang erschlossen.
8.62
dvādaśānte mahādevaṃ śaraccandrārbudaprabham |
śuddhasphaṭikamuktābhaṃ ya … tya maṇisannibham || 8.62 ||
Am Dvadashanta wird Mahadeva betrachtet, der wie zahllose Herbstmonde leuchtet, wie reiner Kristall und Perlen glänzt und einem Juwel gleicht. Eine nähere Beschreibung fehlt im Druck.
Anmerkung: Dvādaśānte folgt dem Vorschlag zu dvādaṃte. Arbuda bezeichnet eine sehr große Zahl; der lückenhafte Anschluss vor maṇi wird bewahrt.
8.63
sudhāvarṣaṃ pravarṣantaṃ sarvayogaphalapradam |
sudhāmaṇḍalamadhyasthaṃ niścalaṃ guṇavarjitam || 8.63 ||
Er lässt einen Regen von Nektar niedergehen und gewährt die Frucht allen Yoga. Inmitten des Nektarkreises verweilt er unbewegt und frei von Eigenschaften.
Anmerkung: Yoga folgt dem Druckvorschlag zu yāga. Guṇavarjitam steht hier ohne die a-Ergänzung von 8.49.
8.64
sarvāntarāyavyādhighnaṃ kālagrasanatatparam |
mahopasargaduritamṛtyupīḍābhayāpaham || 8.64 ||
Er vernichtet alle Hindernisse und Krankheiten und ist ganz auf das Verschlingen der Zeit gerichtet. Schwere Bedrängnisse, Unheil, Todesqual und Furcht nimmt er hinweg.
Anmerkung: Diese Zuschreibungen beschreiben die meditierte Gottheit und sind keine medizinische Aussage dieser Bearbeitung.
8.65
sarvārogya mahāsampat sāmānyapadadāyakam |
pīyūṣavarṣaṃ varṣantaṃ valīpalitahāriṇam || 8.65 ||
Er gewährt Gesundheit und großen Reichtum sowie einen als sāmānyapada bezeichneten Zustand. Nektar regnet aus ihm herab; Falten und graues Haar nimmt er hinweg.
Anmerkung: Sarvārogya folgt dem Druckvorschlag zu sarvaroga. Sāmānyapada ist hier nicht eindeutig und wird nicht unbelegt als höchste Befreiung bestimmt.
8.66
aṇimādimahāsiddhisādhanaikataraṃ śivam |
sarvajñasiddhidaṃ kālatrayavijñānadāyakam || 8.66 ||
Shiva wird als ein vorzügliches Mittel zur Verwirklichung der großen Siddhis wie Anima betrachtet. Er gewährt die Siddhi der Allwissenheit und die Erkenntnis der drei Zeiten.
Anmerkung: Anima ist die Fähigkeit, sich winzig klein zu machen; die drei Zeiten sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die ungewöhnliche Steigerung sādhanaikatara wird kontextuell wiedergegeben.
8.67
sarvasiddhipradātāraṃ jīvanmuktipadaṃ param |
tarpayed bhāvasudhayā bhāvapuṣpaiś ca pūrvavat || 8.67 ||
Er schenkt alle Siddhis und ist die höchste Stätte der Befreiung zu Lebzeiten. Wie zuvor soll man ihn mit dem Nektar und den Blumen der inneren Vergegenwärtigung sättigen.
Anmerkung: Bhāvasudhayā folgt der Druckkorrektur.
8.68
evaṃ krameṇa yo yogī pūjayet parameśvaram |
māsatrayeṇa sarvāsāṃ siddhīnām adhipo bhavet || 8.68 ||
Der Yogi, der den höchsten Herrn in dieser Reihenfolge verehrt, wird nach drei Monaten zum Herrn aller Siddhis, heißt es.
8.69
ajarāmaratām eti vatsarārdhaprayogataḥ |
ātmānaṃ tanmayaṃ dhyātvā samyag evāvibhedataḥ || 8.69 ||
Durch eine Anwendung über ein halbes Jahr erlangt er Freiheit von Alter und Tod. Dabei betrachtet er sich selbst als ganz von ihm erfüllt, in vollkommener Ungetrenntheit.
Anmerkung: Ardha folgt der gedruckten Berichtigung. Die erste Aussage ist das traditionelle Wirkungsversprechen; die Betrachtung setzt sich in 70 fort.
8.70
pūjayen manasā bhāvakusumais tat sudhādravaiḥ |
acireṇaiva kālena sa yogī yogabhāk bhavet || 8.70 ||
Im Geist soll er mit Blumen der Vergegenwärtigung und mit Nektarflüssigkeiten verehren. Schon nach kurzer Zeit wird dieser Yogi des Yoga teilhaftig.
8.71
ity eṣā vyāhṛtā devi pūjā te parameśvari |
nānayā sadṛśī pūjā sarvaśāstreṣu dṛśyate || 8.71 ||
So ist dir diese Verehrung erklärt worden, Göttin, höchste Herrin. In allen Lehrschriften findet sich keine Verehrung, die ihr gleichkäme.
Anmerkung: Die Negation nānayā ist hier deutlich gedruckt; vgl. die abweichende unsichere Form in 8.41.
8.72
ātmasaṃsthaṃ parityajya bahiḥsaṃsthaṃ yajec chivam |
karasthaṃ pāyasaṃ tyakā lihet kūrparam eva saḥ || 8.72 ||
Wer Shiva im eigenen Selbst aufgibt und ihn außerhalb verehrt, gleicht einem Menschen, der den Milchreis in seiner Hand zurücklässt und stattdessen seinen Ellenbogen leckt.
Anmerkung: Bahiḥsaṃstham folgt dem Druckvorschlag. Die Wortfolge der zweiten Zeile ist im Druck fraglich; besonders tyakā ist beschädigt. Das erkennbare Gleichnis wird übersetzt, ohne den Sanskrittext zu tyaktvā zu verbessern.
8.73
ātmarūpī paraḥ śambhuḥ jagad etat tadāśrayam |
tasmin sampūjanaṃ devi pūjitaṃ sacarācaram || 8.73 ||
Der höchste Shambhu hat die Gestalt des Selbst; diese Welt ruht auf ihm. Wird er verehrt, Göttin, ist damit alles Bewegliche und Unbewegliche verehrt.
Anmerkung: Der Visarga bei śambhuḥ ist im Druck ergänzt; der Satzbau der zweiten Zeile bleibt uneben.
8.74
hiṃsādidoṣamuktatvād antaraṅgavimuktidam |
tasmāt sarvaprayatnena śivam antaḥ samarcayet || 8.74 ||
Da die innere Verehrung von Fehlern wie Schädigung frei ist, schenkt sie innere Befreiung. Deshalb soll man mit aller Sorgfalt Shiva im Inneren verehren.
Anmerkung: Śivam antaḥ folgt der Druckkorrektur. Hiṃsā wird als Schädigung beziehungsweise Gewalt verstanden, nicht auf eine einzige Opferform verengt.
8.75
pūjaiṣā śāmbhavī guhyā prāṇāyāmādayas tathā |
yogaś ca mantrasiddhiś ca siddhyantīti suniścitam || 8.75 ||
Diese geheime Verehrung Shambhus, ebenso Pranayama und die weiteren Übungen, der Yoga und die Mantra-Verwirklichung gelangen dadurch sicher zur Vollendung.
Anmerkung: Siddhyantīti folgt dem gedruckten Verbesserungsvorschlag. Der Zusammenhang mit Mantra-Verwirklichung wird in 76–83 weiter erläutert.
8.76
anyathā kliśyante devi na siddhir upajāyate |
asiddhamantrayogataḥ asiddhir upajāyate || 8.76 ||
Andernfalls müht man sich vergeblich, Göttin, und keine Siddhi entsteht. Aus der Verbindung mit einem nicht verwirklichten Mantra geht Misslingen hervor.
8.77
guhyakā bhūtavetālā vyādhayo mṛtyuś cāpare |
vighnayanti samāsādya pīḍayanti ca yoginam || 8.77 ||
Guhyakas, Bhutas und Vetalas, Krankheiten, der Tod und weitere Mächte kommen heran, stören den Yogi und bedrängen ihn.
Anmerkung: Die Wesen gehören zur historischen rituellen Weltdeutung des Textes.
8.78
tasmāt sarvaprayatnena mantram ādau prasādhayet |
mantrasiddhiṃ vinā yogī yogāṃ prayujyate || 8.78 ||
Deshalb soll man zuerst mit aller Sorgfalt das Mantra zur Verwirklichung bringen. Ohne Mantra-Siddhi wendet der Yogi Yoga an – die Negation dieses zweiten Satzes ist im Druck lediglich vorgeschlagen.
Anmerkung: Der Druck setzt vor prayujyate ein fragendes „na?“. Der nicht ergänzte Wortlaut wird wiedergegeben; mit dem vorgeschlagenen na ergäbe sich „soll Yoga nicht anwenden“. Der folgende Vers schildert die Gefahr eines solchen Versuchs. Der Alternativscan zeigt die unregelmäßige Form yogāṃ mit langem ā; sie wird im Grundtext beibehalten.
8.79
tasya dhātugatā devi yoginaṃ bhakṣayanti tam |
bhairave saha deveśi japite mantravarjite || 8.79 ||
In seine Körperbestandteile eingedrungen, verzehren sie diesen Yogi, Göttin. Dann folgt eine unklare Bedingung über Bhairava, Rezitation und das Fehlen eines Mantras, Herrin der Götter.
Anmerkung: Yoginaṃ und japite folgen Druckvorschlägen. Saha und mantravarjite lassen sich mit bhairave japite nicht zu einem verlässlichen Satz verbinden; die ungewöhnliche Mantra-Verneinung wird nicht wegkorrigiert.
8.80
kṣaṇāt siddhiṃ prayacchanti mantrasiddhasya yoginaḥ |
asamyag yuñjate vāpi tasmān mantraṃ jape sudhīḥ || 8.80 ||
Dem Yogi, der sein Mantra verwirklicht hat, gewähren sie im Augenblick Siddhi, sogar wenn seine Anwendung nicht ganz richtig ist. Deshalb soll der Verständige das Mantra rezitieren.
Anmerkung: Die Formen yuñjate und jape sind im Satz uneben. Die Aussage privilegiert im historischen Kontext Mantra-Siddhi; daraus wird keine heutige Erlaubnis zu unachtsamer Körperpraxis abgeleitet.
8.81
yad yad samīhate devi mantrasiddhiḥ prayojanam |
tat tad āśu labhet sadyo nirvighnena surārcite || 8.81 ||
Welches Ziel der im Mantra Vollendete auch erstrebt, Göttin: Er erlangt es rasch, unmittelbar und ohne Hindernis, du von den Göttern Verehrte.
Anmerkung: Der Visarga bei mantrasiddhiḥ ist im Druck ergänzt; die Form ist als Personenbezeichnung grammatisch uneben. Die Übersetzung folgt dem Zusammenhang mit mantrasiddhasya yoginaḥ in 80.
8.82
na jarāmṛtyur vā rogā bhūtāyakṣāś ca guhyakāḥ |
japinaṃ nopasarpanti bhayabhītāḥ samantataḥ || 8.82 ||
Alter und Tod, Krankheiten, Bhutas, Yakshas und Guhyakas nähern sich dem Rezitierenden nicht; ringsum sind sie von Furcht ergriffen.
Anmerkung: Die erste Zeile beginnt bereits mit na, die zweite hat zusätzlich nopasarpanti. Diese doppelte Negationsgestalt bleibt im Sanskrit erhalten; der deutsche Satz folgt der abwehrenden Aussage.
8.83
tasmāj japen mahāvidyāṃ yoginīṃ hṛdayaṅgamām |
na karmaṇā sādhanasaṃvidhānai
na vāyurodhair na ca pūjayāntaḥ
na siddhir uktāpi ca mantrasiddhau |
prajāyate siddhir atīva divyā || 8.83 ||
Deshalb soll man die große Vidya, die Yogini, rezitieren, die zum Herzen dringt. Nicht durch Handlungen und Anordnungen der Sadhana, nicht durch das Anhalten des Atems und nicht durch Verehrung wird die Siddhi zugesprochen – der genaue Anschluss dieser Verneinungen ist uneben. Bei der Mantra-Verwirklichung aber entsteht eine überaus göttliche Siddhi.
Anmerkung: Na vāyurodhair na folgt dem Druckvorschlag zu naivāyurodhair na. Pūjayāntaḥ und na siddhir uktāpi sind syntaktisch unsicher; die Übersetzung gibt den erkennbaren Gegensatz unter Vorbehalt wieder. Alle fünf gedruckten Zeilen gehören zur Nummer 83.
Schlusskolophon
|| iti matsyendrasaṃhitāyām aṣṭamaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 8 der Matsyendra Samhita.
Kapitel 9: Mantraherleitung, Nyasa und Einweihung
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 58–63.
|| navamaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 9.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 137–142; Sanskritseiten 58–63.[14]
śrī īśvara uvāca
Der ehrwürdige Ishvara sprach:
9.1
atha guhyaṃ pravakṣyāmi mantrarājaṃ maheśvari |
yatsiddhau sarvasiddhiḥ syād yogino nātra saṃśayaḥ || 9.1 ||
Nun werde ich den geheimen König der Mantras erklären, höchste Herrin. Wird er verwirklicht, entstehen für den Yogi alle Siddhis; daran besteht hier kein Zweifel.
Anmerkung: Sarvasiddhiḥ folgt der gedruckten Kasuskorrektur. Das Wirkungsversprechen ist die Aussage Ishvaras im Text.
9.2
mantroddhāraṃ pravakṣyāmi sarvasiddhipradaṃ param |
mahācamatkārakaraṃ mahāmuktipravartakam || 9.2 ||
Ich werde die höchste Herleitung des Mantras erklären, die alle Siddhis gewährt, großes Staunen hervorruft und die große Befreiung in Gang setzt.
Anmerkung: Mantroddhāra folgt der Druckverbesserung. Gemeint ist die verschlüsselte Herleitung von Lauten, keine Rückgewinnung aus einer modernen Übersetzung.
9.3
mahāmṛtyupraśamanaṃ samājñāparikṛntanam |
svājñāsaṃsiddhidaṃ devi jarāpalitahānidam || 9.3 ||
Sie besänftigt den großen Tod, durchschneidet eine als samājñā bezeichnete Befehlsgewalt und verleiht dem eigenen Gebot Wirksamkeit, Göttin. Alter und graues Haar nimmt sie hinweg.
Anmerkung: Ob samājñā hier die Anordnung einer anderen Macht oder etwas anderes bezeichnet, bleibt terminologisch offen.
9.4
bhūtapretopasargādidāraṇaṃ śatrunāśanam |
coravyāghramahāsarpaparacakrādivāraṇam || 9.4 ||
Sie zerreißt Bedrängnisse durch Bhutas, Pretas und ähnliche Mächte und vernichtet Feinde. Diebe, Tiger, große Schlangen, feindliche Heere und weitere Gefahren wehrt sie ab.
Anmerkung: Die genannten Schutzwirkungen gehören zum historischen Mantralob.
9.5
trailokyamohanaṃ devi trikālajñānadāyakam |
aṇimādipradaṃ jīvanmuktidaṃ khecarapradam || 9.5 ||
Sie bezaubert die drei Welten, Göttin, gewährt Wissen um die drei Zeiten, verleiht Anima und weitere Fähigkeiten, Befreiung zu Lebzeiten und das Sichbewegen im Luftraum.
Anmerkung: Khecara wird hier seiner wörtlichen yogischen Bedeutung entsprechend wiedergegeben; der Vers beschreibt keine moderne Flugtechnik.
9.6
bahunātra kim uktena jarāmaraṇanāśanam |
avargaś ca kavargaś ca pavargaś ca cavargakam || 9.6 ||
Wozu hier viele Worte? Sie vernichtet Alter und Tod. Nun werden die Lautgruppen genannt: die a-Gruppe, die ka-Gruppe, die pa-Gruppe und die ca-Gruppe.
Anmerkung: Cavargakam folgt dem Druckvorschlag zum wiederholten pavargakam; die ungewöhnliche Reihenfolge bleibt bestehen.
9.7
tavargaś ca ṭavargaś ca yavargaś ceti saptakam |
ḍākinī śākinī caiva lākinī kākinī tathā || 9.7 ||
Hinzu kommen die ta-, ṭa- und ya-Gruppe; zusammen sind es sieben. Als zugehörige Gestalten werden Dakini, Shakini, Lakini und Kakini genannt.
Anmerkung: Ṭavarga folgt dem fragenden Druckvorschlag zu einem zweiten yavarga. Die Aufzählung der Yoginis setzt sich in Vers 8 fort.
9.8
sākinī hākinī devi yakṣiṇī ceti kīrtitā |
saptādhāreṣu vikhyātā vargasaptakaṃ saṃśrayāt || 9.8 ||
Sakini, Hakini und Yakshini werden weiter genannt, Göttin. An den sieben Stützpunkten sind sie bekannt und stehen mit den sieben Lautgruppen in Verbindung.
Anmerkung: Das Schluss-t bei saṃśrayāt ist im Druck ergänzt. Śākinī in 7 und sākinī in 8 sind unterschiedlich geschrieben und werden nicht vereinheitlicht.
9.9
nāthasaptakasaṃyuktā yoginyo yogasiddhidā |
tāsāṃ hṛdayagomaṃśe sarvamantrapradhānavān || 9.9 ||
Diese Yoginis sind mit sieben Nathas verbunden und verleihen Yoga-Siddhi. In einem entstellten Ausdruck wird ihr Herzbereich mit dem Vorrang unter allen Mantras verbunden.
Anmerkung: Der Druck schlägt yogino für yoginyo vor; hier bleibt die auf die sieben weiblichen Namen bezogene Ausgangslesung. Hṛdayagomaṃśe ist fraglich und nicht zuverlässig übersetzbar.
9.10
taṃ procyamānam adhunā śṛṇu yogimanaḥpriyam |
tṛtīyaṃ kākinīvargā vardhayed akṣaraṃ padam || 9.10 ||
Höre nun seine Erklärung, die dem Herzen der Yogis lieb ist. Man soll den dritten Laut aus Kakinis Gruppe verlängern beziehungsweise erweitern.
Anmerkung: Vardhayed akṣaram folgt dem Druckvorschlag; kākinīvargā ist grammatisch uneben. Die konkrete Silbe wird aus dieser unsicheren Herleitung nicht ergänzt.
9.11
yakṣiṇī dvitīyaṃ paścāt yakṣiṇī tṛtīyaṃ punaḥ |
sākinī prathamaṃ devi yakṣiṇī saptamaṃ tataḥ || 9.11 ||
Darauf folgt der zweite Laut Yakshinis, dann ihr dritter; anschließend der erste Sakinis, Göttin, und danach der siebte Yakshinis.
Anmerkung: Die gedruckten Zahlen werden einzeln bewahrt. Die Lautgruppen werden nicht anhand fremder Chakra-Schemata umsortiert.
9.12
aṣṭamaṃ yakṣiṇī vargāḥ dat param udīritam |
vahni (aṃ) pīṭha (u) śikhī (†tapharlaraṃ†) yoni (†eaiṃraṃ†) mantram īritam || 9.12 ||
Danach wird der achte Laut von Yakshinis Gruppe genannt; der Anschluss „dat“ ist entstellt. Es folgen die Chiffren Feuer, Sitz, Flammenträger und Schoß. Der Druck fügt ihnen einzelne Lautdeutungen bei; eine verlässliche Gesamtform des Mantras ist daraus hier nicht gesichert.
Anmerkung: Udīritam folgt der Druckkorrektur. Nach dat stehen im Druck zwei kleine x als problematisierende Zeichen. Die eingeklammerten Lautdeutungen sind editorische Zusätze des Drucks, keine selbständig überlieferte zweite Versfassung. Besonders tapharlaraṃ und eaiṃraṃ sind als Ablesung unsicher und bedürfen eines weiteren Zeugen. Auch die erneute Vergrößerung des Alternativscans erlaubt für diese beiden eingeschobenen Lautfolgen keine vorbehaltlose Freigabe; sie sind nun unmittelbar durch Kreuze als unsicher markiert.
9.13
puṭitaṃ pañcatāreṇa (ū ṝ ta trā) sarvajñatvaṃ pradakṣaṇāt |
daṇḍabinduyutai (aṃ) vahnirakṣarai (aṃ) kramaśaḥ sudhīḥ || 9.13 ||
Das Mantra wird mit dem fünffachen Tara umschlossen; der Druck fügt die Zeichen „ū ṝ ta trā“ bei. Allwissenheit wird zusammen mit pradakṣaṇāt, „durch Rechtsumrundung“, genannt; der genaue Anschluss ist unsicher. Der Verständige soll der Reihe nach mit Strich und Punkt versehene Feuerlaute verwenden.
Anmerkung: Puṭitam und pañcatāreṇa folgen Druckvorschlägen. Pradakṣaṇāt ist im Druck fraglich; die wörtliche Wiedergabe bezeichnet zunächst das rechtsherum Umrunden, klärt aber seine Funktion in der Lautanweisung nicht. Beide eingeklammerten aṃ stehen im Druck; die Lautliste ū ṝ ta trā wird nicht zu einer vermeintlich sicheren fünfsilbigen Formel ergänzt. Der Alternativscan bestätigt den langen ersten Vokal ū.
9.14
tenaivānala vāgbindu … saddhiḥ puroditaiḥ |
nābhānte tu viśuddhyādiḥ dhāmanāma samīrayet || 9.14 ||
Mit dem zuvor genannten Feuerlaut und weiteren, nur teilweise erhaltenen Lautbestimmungen soll man anschließend die Bezeichnung des Ortes aussprechen, beginnend mit viśuddhi. Eine weitere Ortsbestimmung lautet im Druck nābhānte.
Anmerkung: Die Lücke steht im Druck. Viśuddhyādiḥ und der Visarga bei puroditaiḥ sind Druckvorschläge. Nābhānte und saddhiḥ werden nicht durch vermutete Mantrawörter ersetzt.
9.15
jvālāmantaṃ tatas tantu dhātunāma samīrayet |
dvitīyāntaṃ ca rakṣeti yugalaṃ proccaret tataḥ || 9.15 ||
Darauf soll die Bezeichnung des Körperbestandteils ausgesprochen werden, mit jvālām am Ende; der Anschluss ist uneben. Im Akkusativ steht die entsprechende Bezeichnung, und anschließend spricht man zweimal „rakṣa“, „schütze“.
Anmerkung: Samīrayet, rakṣeti und das Schluss-t bei proccaret folgen Druckkorrekturen. Jvālāmantam bleibt syntaktisch unsicher; keine vollständige Schutzformel wird daraus hergestellt.
9.16
pātiyuktānya munyāhu ṣaḍaṅgāni maheśvari |
karāṅgulīṣu vinyasyet kaniṣṭhādiṣu mantravit || 9.16 ||
Die sechs Glieder des Mantras werden in einer entstellten Anfangsbestimmung genannt, höchste Herrin. Der Mantra-Kundige soll sie auf den Fingern der Hände anordnen, beim kleinen Finger beginnend.
Anmerkung: Pātiyuktānya munyāhu ist im Druck fraglich und nicht zuverlässig übersetzbar.
9.17
pañcabhiś cāpareṇaiva talayos tanupṛṣṭhayoḥ |
hṛdayādiṣu ca nyasyed yathāvidhiḥ purassaram || 9.17 ||
Mit den fünf und dem weiteren Bestandteil erfolgt die Anordnung auf den Handflächen und den Rückseiten sowie am Herzen und den weiteren Stellen, der Vorschrift entsprechend.
Anmerkung: Purassaram und der Visarga bei yathāvidhiḥ folgen Druckvorschlägen. Tanupṛṣṭhayoḥ ist als „Rückseiten“ kontextuell auf den Handnyasa bezogen, bleibt sprachlich uneben.
9.18
mantrī daṇḍī binduyugmo tadanyena lavāyubhiḥ |
sāghīśaṃ binduyuktaṃ tu bījayuktaṃ sudurlabham || 9.18 ||
Der Mantra-Übende verbindet Strich und zwei Punkte mit weiteren, entstellten Lautbestimmungen. Ein Ausdruck sāghīśam wird genannt, mit Punkt und Bija versehen und sehr schwer zu erlangen.
Anmerkung: Mantrī folgt dem Druckvorschlag. Lavāyubhiḥ und das fraglich gedruckte sāghīśam ergeben keine sichere Mantraherleitung. Die genaue Silbenfolge bleibt offen. Die gedruckte Form binduyugmo mit o wird beibehalten; die frühere Ablesung binduyugmau mit au war unzutreffend.
9.19
bījānte dakṣiṇapadaṃ dvādaśāṅgādhivāsitam |
varadeti samuccārya parameśvari ceti vai || 9.19 ||
Nach dem Bija folgt der Ausdruck dakṣiṇa, verbunden mit einer Bestimmung über zwölf Glieder. Dann spricht man „varade“, „du Gabenspendende“, und „parameśvari“, „höchste Herrin“.
Anmerkung: Dvādaśāṅgādhivāsitam ist rituell nicht eindeutig; die zwölf Glieder werden hier nicht durch eine fremde Liste ergänzt.
9.20
parāpare padaṃ proktvā vadet paramakāraṇo |
paramapadaśamānte vigrahe padam uccaret || 9.20 ||
Nachdem man „parāpare“, „du Höchste und Nichthöchste“, gesagt hat, folgt eine Bezeichnung der höchsten Ursache. Nach einer entstellten weiteren Bestimmung soll man „vigrahe“, „du Gestalt“, aussprechen.
Anmerkung: Proktvā und śamānte folgen Druckvorschlägen; paramakāraṇo und paramapadaśamānte sind grammatisch unsicher. Die Wörter werden nicht zu einem neu konstruierten Anrufungsmantra verbunden.
9.21
sarvaduḥkhā spadaṃ proktalohito ’gnisamanvitaḥ |
śamanīti padaṃ bhūyaś cety ehīti padaṃ tataḥ || 9.21 ||
Die Zeile nennt sarvaduḥkhāspadam, „Ort aller Leiden“, sowie Rot und Feuer in einer unklaren Verbindung. Dann folgt „śamanī“, „Besänftigende“, und anschließend „ehi“, „komm“.
Anmerkung: Sarvaduḥkhā spadam lässt sich bei unveränderter Buchstabenfolge als sarva-duḥkha-āspadam, „Ort aller Leiden“, verbinden. Seine Funktion in der Mantraanweisung und der Anschluss proktalohita bleiben unsicher. Der Avagraha bei ’gni ist im Druck ergänzt. Die gedruckten Wörter werden nicht zu einer vermeintlich sicher rekonstruierten Anrufung zusammengestellt.
9.22
matprāṇaśakti rakṣeti gugule hṛdaye nyaset |
mantra yamāla rakṣārtham īritaḥ parameśvari || 9.22 ||
Mit den Worten „Schütze meine Lebenskraft“ soll die Anordnung am Herzen erfolgen. Ein weiterer Ausdruck lautet gugule. Dieses Mantra beziehungsweise Mantrapaar ist zum Schutz erklärt worden, höchste Herrin.
Anmerkung: Gugule und yamāla sind im Druck fraglich. Mantra folgt dem Vorschlag zu maśaṃ. Die Übersetzung von matprāṇaśakti rakṣa folgt dem erkennbaren Sinn trotz des unebenen Kasus.
9.23
atha nyāsavidhiṃ vakṣye yena vinyastavigrahaḥ |
sarvapātakanirmuktaḥ siddhiparamikāṃ labhet || 9.23 ||
Nun erkläre ich das Verfahren des Nyasa. Wer dadurch seine Gestalt mit den Lauten versehen hat, wird von allen Verfehlungen frei und erlangt eine höchste Siddhi.
Anmerkung: Siddhiparamikām ist die unebene Druckform; die Zuordnung von parama zur Siddhi folgt dem Zusammenhang.
9.24
cutkī tale brahmapade bhālākṣi śravaṇe dvaye |
sabindukaiḥ mantravarṇaiḥ pañcavarṇaiḥ pañcasampuṭaiḥ || 9.24 ||
Die mit Punkten versehenen Mantralaute und fünf Laute mit fünffacher Umschließung werden an mehreren Stellen angeordnet: an einer unklar bezeichneten Stelle, am Brahma-Ort, an Stirn und Augen sowie an beiden Ohren.
Anmerkung: Cutkī ist fraglich. Die Visarga- und sampuṭa-Korrekturen folgen dem Druck. Der Anfang cutkī tale wird nicht unbelegt in eine bestimmte Körperstelle aufgelöst.
9.25
vinyaset parameśāni nāsikāṅgadvaye tathā |
vadane coṣṭhayor devi cibuke ca nyaset punaḥ || 9.25 ||
Weiter soll man sie an den beiden Teilen der Nase anordnen, höchste Herrin, im Gesicht, an beiden Lippen und sodann am Kinn, Göttin.
Anmerkung: Nāsikāṅgadvaye und cibuke folgen den gedruckten Verbesserungen; die Kinnform wird nicht weiter zu civuke oder cubuke vereinheitlicht.
9.26
vaktranyāsam idaṃ proktaṃ trailokyakṣobhakārakam |
kaṇṭhe stanadvaye cāṃśayugale kakudau hṛdi || 9.26 ||
Dies wird der Gesichtsnyasa genannt, der die drei Welten erschüttert. Die nächste Anordnung erfolgt an der Kehle, beiden Brüsten, beiden Schultern, am oberen Rücken und am Herzen.
Anmerkung: Kakudau folgt dem Druckvorschlag. Āṃśa ist die gedruckte Langvokalform; der Körperzusammenhang legt die Schultern nahe.
9.27
tathā kūrparayoḥ pāṇyoḥ pārśvayor jaṭhare punaḥ |
hṛdayanyāsam uddiṣṭaṃ mahāpātakanāśanam || 9.27 ||
Ebenso erfolgt sie an den Ellenbogen, Händen und Flanken sowie am Bauch. Dies heißt Herznyasa und vernichtet nach der Schrift schwere Verfehlungen.
Anmerkung: Pārśvayor folgt der Druckkorrektur.
9.28
sarvavyādhiharaṃ bhadre sarvarakṣākaraṃ bhavet |
nābhau pṛṣṭhe kaṭiyuge guhye cāṇḍadvaye tathā || 9.28 ||
Er nimmt alle Krankheiten hinweg, Glückverheißende, und gewährt umfassenden Schutz. Danach werden Nabel, Rücken, beide Hüftseiten, Genitalbereich und beide Hoden genannt.
Anmerkung: Die erste Zeile ist ein traditionelles Wirkungsversprechen; die Körperstellen werden wörtlich wiedergegeben.
9.29
mūle gude sphicakaṭyāṃ liṅgāgre nābhimūlake |
madhyanyāsam idaṃ proktaṃ mahāmṛtyuvināśanam || 9.29 ||
An der Wurzel, am After, im Gesäß- und Hüftbereich, an der Spitze des Glieds und am Nabelgrund erfolgt diese Anordnung. Sie heißt mittlerer Nyasa und vernichtet den großen Tod.
Anmerkung: Sphicakaṭyām ist die unebene gedruckte Verbindung für Gesäß und Hüfte. Mūla bleibt als „Wurzel“ wiedergegeben; eine zusätzliche anatomische Gleichsetzung wird nicht eingesetzt.
9.30
sarvavighnapraśamanaṃ sarvalokavaśīkaram |
ūrvor mūle tathā madhye corvor agre tayor adhaḥ || 9.30 ||
Sie besänftigt alle Hindernisse und bringt alle Welten unter Einfluss. Die folgende Anordnung betrifft den Ansatz und die Mitte beider Oberschenkel, ihre Enden und den Bereich darunter.
Anmerkung: Vaśīkara wird als historische Machtzuschreibung übersetzt, ohne daraus eine heutige Einflussnahme auf andere abzuleiten.
9.31
jānvagre jānumūle ca jaṅghayos tu pade tathā |
pādanyāsam idaṃ devi sarvārthapratipādakam || 9.31 ||
Vorn an den Knien, an ihrem Ansatz, an beiden Unterschenkeln und an den Füßen wird die Anordnung fortgesetzt. Dies ist der Fußnyasa, Göttin, der alle Ziele gewährt.
Anmerkung: Jānvagre und jānumūle folgen den gedruckten Berichtigungen.
9.32
sarvajñatvapadaṃ divyaṃ sarvajīvamanoharam |
tataḥ samastamantreṇa kāntaṃ pādāntam ātmavit || 9.32 ||
Er ist eine göttliche Stätte der Allwissenheit und zieht die Herzen aller Wesen an. Darauf soll der Kenner des Selbst mit dem ganzen Mantra eine Anordnung bis zu den Füßen vornehmen; der Ausgangspunkt ist entstellt bezeichnet.
Anmerkung: Kāntam ist im Druck nicht eindeutig als Kopfbezeichnung lesbar. Die häufige Lesung „vom Kopf bis zu den Füßen“ wird deshalb hier nicht als gesicherter Wortlaut ausgegeben.
9.33
pādāt kāntaṃ ca vinyasyed devi vyāpakayogataḥ |
trisandhyam arddharātre ca yad enaṃ svavigrahe || 9.33 ||
Von den Füßen zurück bis zu der unklar als kāntam bezeichneten Stelle soll man das Mantra in umfassender Weise anordnen, Göttin. Wer dies an den drei Tagesübergängen und um Mitternacht an seinem eigenen Körper tut, setzt die folgende Verheißung in Gang.
Anmerkung: Das Schluss-d bei vinyasyed ist im Druck ergänzt; kāntam entspricht der offenen Stelle in 32. Der Satz läuft in 34 weiter.
9.34
nyaset tadā vatsarādhikāṇimādi guṇānvitaḥ |
bhaviṣyati maheśāni sarvapātakavarjitaḥ || 9.34 ||
Wenn er diese Anordnung vollzieht, wird er nach einer im Druck uneben formulierten Jahresfrist mit Anima und weiteren Fähigkeiten ausgestattet sein, große Herrin, und frei von allen Verfehlungen.
Anmerkung: Vatsarādhikāṇimādi lässt sich nicht sicher zwischen „nach mehr als einem Jahr“ und einer beschädigten Jahresangabe aufteilen; keine präzisere Dauer wird behauptet.
9.35
evaṃ nyased śiro dhyānam evaṃ samācaret |
amṛtārṇavamadhye tu ratnadvīpe manohare || 9.35 ||
So erfolgt die Anordnung; der Anschluss mit „Kopf“ ist uneben. Dann soll man die Meditation ausführen: Inmitten des Nektarozeans liegt eine liebliche Juweleninsel.
Anmerkung: Nyased und śiro folgen Druckverbesserungen. Die syntaktische Verbindung von śiras mit dem Vorhergehenden bleibt offen.
9.36
udyānaṃ bhāvayed divyaṃ divyakalpadrumāśritam |
tanmadhye bhāvayed devi parāmṛtamahānadīm || 9.36 ||
Man soll einen göttlichen Garten vergegenwärtigen, in dem göttliche Wunschbäume stehen. In seiner Mitte betrachtet man, Göttin, einen großen Fluss höchsten Nektars.
Anmerkung: Bhāvayed und parāmṛta folgen den gedruckten Verbesserungen.
9.37
tasyāś ca puline ramye kadambavanam uttamam |
saṃsmaret phalapuṣpārghyaṃ bhramaragītasanāditam || 9.37 ||
An seinem lieblichen Ufer betrachtet man einen vorzüglichen Kadamba-Wald, reich an Früchten und Blüten, der vom Gesang der Bienen widerhallt.
Anmerkung: Puline und bhramara folgen Druckvorschlägen. Phalapuṣpārghyam ist sprachlich uneben; die Übersetzung gibt den erkennbaren Gartenkontext wieder.
9.38
tat koṭarolitacāruśaśāṅkavarṇaṃ
kādambarīvarasudhā parimoditāsam |
tadgandhalolupa samāgatarājahaṃsa
sāraṅga kokilaśukādivihaṅgajuṣṭam || 9.38 ||
Aus den Baumhöhlungen kommt ein schöner, mondfarbener Kadambari-Nektar; seine genaue Beschreibung ist entstellt. Nach seinem Duft verlangen die herbeigekommenen königlichen Hamsas. Saranga-, Kokila-, Papageien- und weitere Vögel beleben den Wald.
Anmerkung: Koṭarolita und parimoditāsam sind unsicher. Kādambarī ist eine Getränkebezeichnung; eine ausschließlich symbolische Auslegung wird nicht vorausgesetzt. Die vier längeren Druckzeilen bleiben erhalten.
9.39
tasmin vane vipulasahasradīptaṃ
madhyamarūḍhaṃ kusumotkarapārijātam |
siṃhāsanapravaradarpaṇapūrṇakumbhaṃ
rājad vitānavaram akampam ujjvalantam || 9.39 ||
In diesem Wald wird ein Parijata-Baum inmitten einer Fülle von Blüten betrachtet; die erste Zeile nennt weiten, tausendfachen Glanz in einer unebenen Verbindung. Ein vorzüglicher Thron, Spiegel und volle Gefäße gehören zum Bild. Ein herrlicher Baldachin strahlt darüber, unbewegt und leuchtend.
Anmerkung: Madhyamarūḍham ist fraglich gedruckt. In vipulasahasradīptam ist sahasra, „tausend“, ausdrücklich vorhanden und wird nun als „tausendfach“ berücksichtigt. Die syntaktische Zuordnung bleibt offen; insbesondere nennt der Ausdruck keine eindeutig bestimmte Zahl von Lampen.
9.40
śrīmaṇḍale puṭita vahni purasya madhye |
vidyutprabhāvilasitaṃ kamalaḥ bimbaṃ |
siṃhāsano parivṛtā san sūryacandra
vyavasthitaṃ vidhi dhṛtāpṛkasiddhiyalam || 9.40 ||
Im Shri-Mandala, inmitten einer von Feuer umschlossenen Stadt, erscheint ein Lotusbild im Glanz des Blitzes. Thron, Sonne und Mond werden genannt; die nähere Anordnung und die abschließende Siddhi-Bestimmung sind schwer entstellt.
Anmerkung: Śrīmaṇḍale, bimbam, parivṛtā, vyavasthitam und vidhi folgen Druckvorschlägen. Puṭita und dhṛtāpṛkasiddhiyalam sind fraglich. Die Aufteilung der langen Druckzeilen richtet sich nach den erkennbaren Verszeilen, nicht nach dem druckbedingten Umbruch innerhalb eines Kompositums.
9.41
tat karṇikāgatam acintyam anekacandra
muktāmaṇisphuṭitakumbhavitānabhāsam |
bhālasthaladhṛtacāruśaśāṅkakhaṇḍa
nirgata sudhārasasamādhutadivyagātram || 9.41 ||
Auf dem Fruchtboden befindet sich die undenkbare Gestalt. Viele Monde, Perlen, Juwelen, Gefäße und Baldachine werden in ihrer Glanzbeschreibung verbunden. Ihre Stirn trägt eine schöne Mondsichel; deren Nektarsaft benetzt den göttlichen Körper.
Anmerkung: Nirgata folgt der Druckkorrektur. Das lange Kompositum muktāmaṇisphuṭitakumbhavitānabhāsa ist nicht in allen Beziehungen eindeutig; die genannten Bildelemente werden ohne erfundene Architektur wiedergegeben.
9.42
vidyullatāsadṛśacārutaraṃ prabandha
ratnādijālam amalaṃ lāṅgamanḍakalpam |
kādambarīvarasudhāparipūrṇapātraṃ
saṃsaktapāṇitalam uddhṛtaratnadaṇḍam || 9.42 ||
Die Gestalt ist schön wie eine Blitzranke und mit einem reinen Gefüge von Juwelen geschmückt; eine nähere Schmuckbezeichnung ist entstellt. In ihrer Hand liegt ein Gefäß, ganz gefüllt mit vorzüglichem Kadambari-Nektar, und sie hält einen Juwelenstab empor.
Anmerkung: Das zusätzliche d in uddhṛta folgt dem Druck. Lāṅgamanḍakalpam bleibt als Lesung und Deutung unsicher.
9.43
prāleyacandradhavalo tramaśeṣabhāra
śrīkuṇḍalāṅgada mahāvalayādibhūṣam |
mandasmitāñcitamukhaṃ kamanīyajālaṃ
bhūṣā vibhūṣitam ajādisuraughavandyam || 9.43 ||
Die Gestalt ist weiß wie Schnee und Mond und trägt leuchtende Ohrringe, Armspangen, große Armreifen und weiteren Schmuck. Ihr Gesicht ist von einem sanften Lächeln geziert, sie ist lieblich geschmückt und wird von den Götterscharen mit Aja verehrt. Eine Bestimmung der ersten Zeile ist entstellt.
Anmerkung: Le folgt einer Ergänzung des Drucks; der Anschluss nach candradhavalo und śrīkuṇḍalāṅgada sind dort fraglich. Aja bleibt als Gottesbezeichnung stehen, ohne hier eine ungesicherte Identifizierung einzusetzen.
9.44
tadvāmāṃ … lagatā
… bhāvayet parameśvari |
alolamaṇitāṭaṅkāmatā pramadireṇapam || 9.44 ||
An seiner linken Seite soll eine weibliche Gestalt vergegenwärtigt werden, höchste Herrin. Die Beschreibung ist stark lückenhaft; Juwelenohrringe sind noch erkennbar, der übrige Schluss lässt sich nicht zuverlässig übersetzen.
Anmerkung: Die beiden langen Lücken und die fragliche Schlussfolge stehen im Druck. Name, Haltung und fehlende Attribute der weiblichen Gestalt werden nicht ergänzt.
Unnummerierte Textlücke
X X X
X X X
Unnummerierte Auslassungszeichen des Drucks vor 9.46; zwei Reihen mit je drei X. Die dazwischen erwartete Versnummer ist nicht gedruckt. Umfang und Wortlaut des fehlenden Textes sind nicht bestimmbar.
9.46
kucaṃ mandārabhārodhanu mandasmitayutānanām |
cārugraiveyamaṇḍulāṃ vṛttottuṅgastanāñcitām || 9.46 ||
Ihr Gesicht zeigt ein sanftes Lächeln; sie trägt schönen Halsschmuck und besitzt runde, hohe Brüste. Der Anfang verbindet in entstellter Weise Brust und Mandara mit einer weiteren Bestimmung.
Anmerkung: Nach 44 folgt im Druck 46; Nr. 45 steht nicht dort. Die erste Wortfolge und graiveyamaṇḍulām sind unsicher. Die körperliche Bildbeschreibung wird nicht ausschließlich symbolisch umgedeutet.
Unnummerierte Textlücke
X X X
X X X
Unnummerierte Auslassungszeichen des Drucks vor 9.48; zwei Reihen mit je drei X. Die dazwischen erwartete Versnummer ist nicht gedruckt. Umfang und Wortlaut des fehlenden Textes sind nicht bestimmbar.
9.48
cārurūporuṇāyugām āraktapādapaṅkajām |
śobhālāvaṇyasaundaryasamudāyasvarūpiṇīm || 9.48 ||
Ihre Lotusfüße sind rötlich gefärbt; eine vorangehende Beschreibung ihrer schönen Körpergestalt ist entstellt. Sie verkörpert die Gesamtheit von Glanz, Anmut und Schönheit.
Anmerkung: Pāda folgt dem Druckvorschlag zu pada. Cārurūporuṇāyugām ist fraglich. Nach 46 folgt unmittelbar 48; keine Nr. 47 ist gedruckt.
9.49
śyāmalāṃ śivapārśvasthāṃ komalāṃ yauvanojjvalām |
bhaktatāpatrayīśatruṃ madhurasmitacandrikām || 9.49 ||
Sie ist dunkel, steht an Shivas Seite, ist zart und strahlt vor Jugend. Als Feindin der dreifachen Bedrängnis ihrer Verehrer ist sie Mondlicht von süßem Lächeln.
9.50
nakhāṅkuravinirbhinnakālamṛtyuyamādikām |
sarvasāmrājyasampattipradātṛsurabhūruhām || 9.50 ||
Mit ihren sprossartigen Nägeln zerreißt sie Kala, Tod, Yama und weitere Mächte. Sie ist ein göttlicher Wunschbaum, der allen Reichtum der Herrschaft gewährt.
Anmerkung: Kala und Yama bleiben in dieser dichterischen Reihe nebeneinander stehen; die Namen werden nicht zu einer einzigen Figur zusammengezogen.
9.51
sarvalakṣaṇasampannāṃ sarvābharaṇabhūṣitām |
saptādhāreṣu mantrāṇāṃ bhāvayed bhāvayogataḥ || 9.51 ||
Sie besitzt alle glückverheißenden Merkmale und ist mit allem Schmuck geziert. Durch den Yoga innerer Vergegenwärtigung soll man sie an den sieben Stützpunkten der Mantras betrachten.
Anmerkung: Sarvā folgt der gedruckten Berichtigung zu sarbhā.
9.52
vidyuj jāmbūnada javā līnāśuklābhiraktākāḥ |
koṭicandranibhaṃ cāndraṃ varṇās te prakīrtitāḥ || 9.52 ||
Als Farben werden Blitzglanz, Jambunada-Gold und die Japa-Blüte genannt, sodann weitere entstellte Farbwörter. Auch Mondglanz, der Millionen Monden gleicht, gehört zur Reihe.
Anmerkung: Javā und varṇās folgen Druckvorschlägen; līnāśuklābhiraktākāḥ lässt sich nicht zuverlässig in sieben Farben zerlegen. Daher wird keine vollständige Farbzuordnung zu den sieben Stützpunkten konstruiert.
9.53
evaṃ varṇātmakaṃ dehaṃ bhāvayitvā vicakṣaṇaḥ |
japed vidyāṃ maheśāni śarvavidyādhināyikām || 9.53 ||
Nachdem der Kundige den Körper so aus Lauten beziehungsweise Farben bestehend vergegenwärtigt hat, soll er die Vidya rezitieren, große Herrin, die Herrscherin über Sharvas Vidyas.
Anmerkung: Varṇa kann hier Laut und Farbe verbinden. Im Druck steht śarva, nicht sarva; deshalb wird nicht stillschweigend „Herrscherin über alle Vidyas“ eingesetzt. Sharva ist ein Name Shivas.
9.54
samyag dīkṣavidhau devi guruṇā samudīritam |
nānyathā phaladaṃ mantraṃ kalpakoṭiśatair api || 9.54 ||
Das Mantra muss bei der Einweihung vom Guru vorschriftsgemäß ausgesprochen worden sein, Göttin. Andernfalls trägt es selbst nach Hunderten Millionen Weltzeitaltern keine Frucht.
Anmerkung: Dīkṣa ist die gedruckte Kurzvokalform; die Übersetzung nimmt die eindeutige Einweihungsbedeutung auf.
9.55
vināpi kalāśāsakaiḥ dīkṣāgurumukhāt śrutā |
kumbhapūjāvidhau samyak kṛtvā prokṣaṇamārgataḥ |
tasyāpi gurubhaktasya jāyate siddhir uttamā || 9.55 ||
Auch ohne die hier als kalāśāsaka bezeichneten Elemente gilt: Wird die Vidya aus dem Mund des Einweihungsgurus empfangen und das Verfahren der Gefäßverehrung mit Besprengung richtig vollzogen, entsteht auch für diesen dem Guru Ergebenen eine höchste Siddhi.
Anmerkung: Kalāśāsakaiḥ ist terminologisch unklar; eine bestimmte Klasse von Einweihungselementen wird nicht ergänzt. Die drei Langzeilen gehören gemeinsam zur Nummer 55.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ navamaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 9 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 10: Einweihungsmandala und Yogini-Verehrung
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 64–71.
|| daśamaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 10.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 143–150; Sanskritseiten 64–71.[15]
10.1
dīkṣāvidhiṃ pravakṣyāmi yena yogī malakṣayam |
prāpnoti durlabhāṃ siddhim acirād eva pārvati || 10.1 ||
Ich werde das Einweihungsverfahren erklären, durch das der Yogi rasch das Schwinden seiner Unreinheit und eine schwer erreichbare Siddhi erlangt, Parvati.
10.2
ekānte vijane deśe paśudṛṣṭigocare |
samaṃ bhūmitalaṃ kṛtvā darpaṇodarasannibham || 10.2 ||
An einem abgeschiedenen, menschenleeren Ort, der im Blickbereich der Nichtinitiierten liegt, soll der Boden eben und glatt wie die Innenfläche eines Spiegels hergerichtet werden.
Anmerkung: Paśudṛṣṭi folgt der Druckverbesserung. Paśudṛṣṭigocare bedeutet im vorliegenden Wortlaut „im Blickbereich der Nichtinitiierten“; paśu bezeichnet hier die außerhalb der Einweihung Stehenden. Diese positive Aussage wird übersetzt, obwohl sie zum abgeschiedenen, menschenleeren Ort in Spannung steht. Das erwartbare verneinende a von agocare wird nicht eingefügt. Der Alternativscan zeigt darpaṇodara, wörtlich die Innenfläche eines Spiegels; die frühere Ablesung darpaṇādarśa war falsch. Der Vers ist damit ohne ausgelassenes Wort wiedergegeben, sein überlieferter Sinn bleibt auffällig.
10.3
vastraprāvaraṇair devi maṇḍalena vitānake |
bhūṣayitvā yathānyāyaṃ upalipya vidhānataḥ || 10.3 ||
Man schmückt den Ort mit Stoffbahnen, Göttin, und richtet Mandala und Baldachin her. Der Boden wird vorschriftsgemäß bestrichen und alles nach der geltenden Ordnung gestaltet.
Anmerkung: Prāvaraṇair und yathānyāyam folgen Druckvorschlägen; die Kasusverbindung mit maṇḍalena vitānake ist uneben.
10.4
upaviśyāsane divye prāṅmukho niyataḥ śanaiḥ |
vighnān utsārya yatnena prāṇāyāmair jitendriyaḥ || 10.4 ||
Nach Osten gewandt nimmt man langsam und gesammelt auf einem göttlichen Sitz Platz. Sorgfältig werden Hindernisse vertrieben, und durch Pranayama werden die Sinne beherrscht.
10.5
svapuro dakṣiṇe bhāge vidadhyān maṇḍalaṃ śive |
caturasraṃ maheśāni madhye vartularājitam || 10.5 ||
Rechts vor sich soll man ein quadratisches Mandala anlegen, Shiva, große Herrin, dessen Mitte von einem Kreis geziert ist.
Anmerkung: Vartularājitam folgt der Druckverbesserung.
10.6
tatra śaṅkhaṃ pratiṣṭhāpya sādhāraṃ pātrakaṃ tu vā |
pūrayed gandhatoyena hetu miśreṇa yogavit || 10.6 ||
Dort stellt der Yogakundige ein Muschelhorn oder ein Gefäß mit Unterlage auf und füllt es mit Duftwasser, das mit einem als hetu bezeichneten Stoff gemischt ist.
Anmerkung: Pūrayed und gandhatoyena folgen Druckvorschlägen. Hetu ist im Druck fraglich; die stoffliche Bestimmung wird hier nicht ohne weiteren Beleg festgelegt.
10.7
ādhāraṃ gātraṃ saṃcintya pātram arkaṃ vicintayet |
vāri somamayaṃ dhyātvā tattanmantraiḥ prayujya ca || 10.7 ||
Man betrachtet die Unterlage als Körper und das Gefäß als Sonne. Das Wasser wird als mondhaft vergegenwärtigt und mit den jeweiligen Mantras verbunden.
Anmerkung: Gātram und pātram arkam folgen den gedruckten Verbesserungen; die Gleichsetzung der Unterlage mit dem Körper bleibt wegen der unebenen Vorlage vorläufig.
10.8
ṣaḍaṅgān arcayen mūlavidyayā saptavārakam |
prajapya prokṣayet tena saparyāsādhanādikam || 10.8 ||
Die sechs Glieder soll man verehren, die Grundvidya siebenmal rezitieren und mit dem Wasser die Gegenstände der Verehrung und die weiteren Hilfsmittel besprengen.
Anmerkung: Arcayen folgt dem Druckvorschlag. Siebenmal bezieht sich auf die ausdrücklich genannte Rezitation.
10.9
tadarghyavāriṇā devi svapuro †vāmakaiḥ† punaḥ |
vahan nāḍīnyutaṃ ruddhvā garuḍāsanam āsthitaḥ || 10.9 ||
Mit diesem Arghya-Wasser verfährt man erneut links vor sich, Göttin, während man den Garuda-Sitz einnimmt. Eine dazwischenstehende Anweisung zum Verschließen und zu Nadis ist entstellt.
Anmerkung: Ruddhvā folgt der Druckkorrektur. Vahan nāḍīnyutam ist nicht zuverlässig verständlich und wird nicht zu einer modernen Atemanweisung vervollständigt. Die erste Zeile hat im klareren Scan die grammatisch unebene Form vāmakaiḥ; die Wiedergabe „links“ folgt dem erkennbaren Wortstamm.
10.10
nadat parṇā ḍanā devi caturasraṃ prakārayet |
tanmadhye vartulaṃ padmaṃ kārayed vidhipūrvakam || 10.10 ||
Man soll ein Quadrat anlegen, Göttin, und in seiner Mitte vorschriftsgemäß einen runden Lotus gestalten. Die anfängliche Material- oder Handlungsbestimmung ist entstellt.
Anmerkung: Vartulam folgt dem Druckvorschlag. Nadat parṇā ḍanā ist im Druck fraglich und nicht zuverlässig übersetzbar.
10.11
maṇḍalakaṃ pravakṣyāmi yena pūjāphalaṃ labhet |
vinā tena maheśāni na siddhim adhigacchati || 10.11 ||
Ich werde die Mandala-Bestimmung erklären, durch die man die Frucht der Verehrung erlangt. Ohne sie erreicht man keine Siddhi, große Herrin.
Anmerkung: Maṇḍalakam folgt dem fragenden Druckvorschlag zu maṇḍalākam; die folgende Lautanweisung zeigt, dass auch ein zugehöriges Mantra gemeint sein kann.
10.12
rodhanapadaṃ samuccārya candrasūryapadaṃ vadet |
agnigarbhapadaṃ paścāt svarayugmaṃ tato vadet || 10.12 ||
Man spricht den Ausdruck rodhana, „Verschließen“, dann die Ausdrücke Mond und Sonne. Darauf folgt agnigarbha, „Feuer im Inneren“, und anschließend ein Paar von Vokalen.
Anmerkung: Rodhanapadam und svarayugmam folgen Druckvorschlägen. Welche konkreten Vokale gemeint sind, wird hier nicht ergänzt.
10.13
dharmārthakāmamokṣāntalābhaṃ kuru yugmaṃ tataḥ |
mahāsamayaśakalānte khecarīpadam īrayet || 10.13 ||
Es folgt eine Bitte um das Erlangen von Dharma, Wohlstand, Verlangenserfüllung und Befreiung, mit zweimaligem „kuru“, „bewirke“. Dann soll nach einer unsicheren Bestimmung mit mahāsamaya das Wort khecarī gesprochen werden.
Anmerkung: Yugmam und śakalānte folgen fragenden Druckvorschlägen. Die genaue Wortfolge um mahāsamaya bleibt offen; eine fertige Mantraform wird nicht konstruiert.
10.14
mudrām iti samuccārya janavīsyapāṭayeti ca |
śāṃbhavavyāsapadaṃ proktā yā padaṃ ca samuccaret || 10.14 ||
Man spricht „mudrām“, dann eine entstellte Aufforderung. Ein weiterer Ausdruck verbindet Shambhava mit vyāsa; anschließend wird die Lautfolge yā genannt.
Anmerkung: Janavīsyapāṭayeti und der Anschluss śāṃbhavavyāsapadaṃ proktā sind fraglich gedruckt. Die Anweisung ist nicht zuverlässig zu einem Mantra auflösbar.
10.15
pavultarthināṃ sidhyaṃ te sāmardhvaṃ dahayuk punaḥ |
pamutkāki ca yugmāṃ te kāleyukārada punaḥ || 10.15 ||
Die beiden Zeilen enthalten schwer entstellte Lautanweisungen. Erkennbar sind ein Bezug auf Verwirklichung, eine Verbindung mit „daha“, „verbrenne“, sowie eine Wiederholung als Paar. Die übrige Wortfolge lässt sich nicht zuverlässig übersetzen.
Anmerkung: Beide Zeilen sind im Druck mit Fragezeichen versehen. Die wiedergegebenen Buchstaben sind eine vorläufige Ablesung des Drucks; keine daraus gebildete Ritualformel wird behauptet.
10.16
maṇḍalāṃ te ca brahmāṇḍaṃ khaṃ kalāntaṃ vadet tadā |
vidyad idagnisārdhyā duḥkhaṃ u yuktaṃ vadet tadā || 10.16 ||
Danach werden Mandala, Weltei, khaṃ und eine Bestimmung kalānta genannt. Eine weitere entstellte Zeile spricht von Feuer, Leiden und einer Verbindung mit u; ihr genauer Sinn bleibt offen.
Anmerkung: Kalāntam folgt dem fragenden Druckvorschlag. Die zweite Zeile ist insgesamt unsicher; khaṃ und u bleiben als gedruckte Lautangaben erhalten.
10.17
mahācandrāsavo prokto hasahem iti ki punaḥ |
maṇḍalāṇur ayaṃ devi pañcapraṇavasampuṭaḥ || 10.17 ||
Genannt wird ein großer Mondtrank, danach eine unsichere Lautfolge hasahem. Dieses Mandala-Mantra, Göttin, ist von fünf Pranavas umschlossen.
Anmerkung: Die erste Zeile ist im Druck fraglich. Maṇḍalāṇu bezeichnet hier das zugehörige Mantra; die fünf Pranavas werden nicht durch erfundene Silben ergänzt.
10.18
anena vidhinā kṛtvā maṇḍalaṃ vidhipūrvakam |
pūrvādiṣu caturdikṣu madhye vai ratnapañcakān || 10.18 ||
Hat man nach diesem Verfahren das Mandala ordnungsgemäß hergestellt, werden fünf Juwelen in den vier Richtungen, im Osten beginnend, und in der Mitte angeordnet.
Anmerkung: Caturdikṣu folgt dem Druckvorschlag. Der Satz wird in 19–20 fortgesetzt.
10.19
gatasva martyayā tālaṃ nāgasaṃghāḥ krameṇa tu |
īśānādiṣu koṇeṣu madhye vai tārapañcakam || 10.19 ||
Eine entstellte erste Zeile nennt unter anderem Schlangenscharen und eine Reihenfolge. In den Ecken, bei Ishana beginnend, und in der Mitte werden die fünf Taras angeordnet.
Anmerkung: Der Visarga bei saṃghāḥ ist im Druck ergänzt. Gatasva martyayā tālam bleibt unübersetzbar; die fünf Taras werden hier nicht mit den zuvor genannten Juwelen gleichgesetzt.
10.20
vinyasyādhāram ādhāya hethātra padam uccaret |
āsanāya tathaikāraṃ binduyuktaṃ punar vadet || 10.20 ||
Nach der Anordnung setzt man die Unterlage ein und spricht einen unsicher als hethātra gedruckten Ausdruck. Darauf folgen „āsanāya“, „für den Sitz“, und der Laut ai mit einem Punkt.
Anmerkung: Hethātra ist fraglich gedruckt. Aikāra bezeichnet den Laut ai; die Anweisung binduyuktam ist im Druck ausdrücklich vorhanden.
10.21
anenādhāram abhyarcat pañcāṅgamaṇḍalaṃ smaret |
tatpātraṃ samādhāya dhyāyantaṃ pariśodhitam || 10.21 ||
Damit soll man die Unterlage verehren und das Mandala der fünf Glieder vergegenwärtigen. Das Gefäß wird aufgestellt und als gereinigt betrachtet.
Anmerkung: Ādhāra, pañcāṅgamaṇḍala, samādhāya und dhyāyantam folgen Druckvorschlägen; der letzte bleibt grammatisch uneben.
10.22
purato vāgnivānaiva śrīpātrādhāra ucyate |
āsanān tu deveśi pātraṃ dhyāyed divāniśam || 10.22 ||
Vor dem Übenden wird die Unterlage des ehrwürdigen Ritualgefäßes beschrieben; ihre nähere Bestimmung ist entstellt. Das Gefäß soll betrachtet werden, Herrin der Götter; der Druckvorschlag lautet dabei „Tag und Nacht“.
Anmerkung: Vāgnivānaiva folgt dem Druckvorschlag und bleibt unklar. Der Druck ersetzt divākaram, „Sonne“, durch divāniśam, „Tag und Nacht“; diese folgenreiche Änderung ist nicht unabhängig abgesichert. Āsanān ist ebenfalls uneben.
10.23
saṃśodhitaṃ ghaṭasthena pūrayet sudhāhetunā |
sad viniyena deveśi śodhayitvā krameṇa tam || 10.23 ||
Das gereinigte Gefäß soll mit dem im Krug befindlichen Nektarstoff gefüllt werden. Nach einer weiteren unklaren Bestimmung wird es der Reihe nach gereinigt, Herrin der Götter.
Anmerkung: Sudhā folgt dem Druckvorschlag; sad viniyena ist fraglich. Hetu wird hier wegen der Verbindung sudhāhetu zunächst als Nektarstoff bezeichnet, ohne eine konkrete Zutat zu ergänzen.
10.24
sa dvādaśānto jvalitaḥ mudrayā devamudrayā |
dhārāmadhyasamāpūrṇāṃ bhāvayet somarūpiṇam || 10.24 ||
Ein leuchtender Dvadashanta wird mit einer göttlichen Mudra verbunden. Man soll das Gefäß als mondhaft und ganz von einem Strom erfüllt betrachten; der Satzbau ist uneben.
Anmerkung: Dhārāmadhya folgt dem Druckeinsatz dhārāma(dhya). Die wechselnden Genera und die Zuordnung des Dvadashanta bleiben unsicher.
10.25
pūrvavajakṣṇa madhye madhye koṇeṣu madhyake |
pañcaratnāni vinyasya vinyaset tārapañcakam || 10.25 ||
Wie zuvor werden die fünf Juwelen in den Ecken und in der Mitte angeordnet; anschließend ordnet man die fünf Taras an. Eine nähere Ortsbestimmung am Anfang ist entstellt.
Anmerkung: Vinyaset folgt dem Druckvorschlag. Pūrvavajakṣṇa ist fraglich; die Wiederholung madhye madhye bleibt im Sanskrit erhalten.
10.26
†vāmāṅguṣṭhānāṃma† yotsvasvasalinevasevari |
saptavāraṃ sakṛj japtvā vidhivan mūlavidyayā || 10.26 ||
Eine entstellte Anweisung beginnt mit dem linken Daumen. Anschließend wird die Grundvidya vorschriftsgemäß rezitiert; der Druck nennt sowohl siebenmal als auch einmal.
Anmerkung: Die erste Zeile ist als Ganzes fraglich. Vidhivan folgt dem Druckvorschlag; ein fragendes a vor vidyā wird nicht übernommen. Saptavāram und sakṛt werden nicht durch Weglassen harmonisiert. Der Anusvara in der unebenen Anfangsfolge nāṃma ist am zweiten Scan sichtbar und wird jetzt mitgeführt.
10.27
pūjayed gandhapuṣpādyair dhūpadīpādi darśayet |
… protmānaṃ pūjopakaraṇāni ca || 10.27 ||
Mit Düften, Blumen und weiteren Gaben soll man verehren, Räucherwerk und Licht darzeigen. In der lückenhaften zweiten Zeile werden die Gegenstände der Verehrung genannt; eine weitere Handlung bleibt unklar.
Anmerkung: Die Lücke steht im Druck. Protmānam wird nicht ohne Nachweis zu einer Anweisung zum Besprengen des eigenen Körpers ergänzt.
10.28
dravyāntaraṃ maṇḍalaṃ ca sarvavidyāmayaṃ bhavet |
tato pūrvoktavidhinā samyag vinyastavigrahaḥ || 10.28 ||
Auch die übrigen Stoffe und das Mandala werden ganz von den Vidyas erfüllt. Darauf versieht man den eigenen Körper nach dem zuvor genannten Verfahren vorschriftsgemäß mit Nyasa.
10.29
siddhakharahodrikta kusumai raktacandanaiḥ |
ṣaṭkoṇaṃ vilikhed devi aṣṭakarṇikakesaram || 10.29 ||
Mit Blüten und rotem Sandel soll man eine sechseckige Figur zeichnen, Göttin. Der Druck nennt acht Fruchtböden beziehungsweise Staubfäden; eine anfängliche Stoffbestimmung ist entstellt.
Anmerkung: Siddhakharahodrikta ist fraglich. Vilikhed und aṣṭa folgen Druckvorschlägen. Die Verbindung aṣṭakarṇikakesaram erlaubt hier keine sichere zeichnerische Rekonstruktion.
10.30
sahasradalasaṃyuktaṃ bhāvanāvihitaṃ tadā |
paścime ṣoḍaśadalaṃ bhātvaṃśaṃ vāyukoṇake || 10.30 ||
Durch innere Vergegenwärtigung wird die Figur mit tausend Blättern versehen. Im Westen steht ein sechzehnblättriger Lotus; für die Windecke folgt eine unklare Bestimmung bhātvaṃśa.
Anmerkung: Bhātvaṃśam wird nicht ohne Nachweis in eine Blattzahl verbessert. Die Windecke bezeichnet den Nordwesten.
10.31
irodaśadale pūrve ṣakāraṃ parikalpayet |
caturdalam athyāgneyyāṃ dviguṇaṃ nirṛtikoṇake || 10.31 ||
Im Osten wird ein Lotus mit entstellt bezeichneter Blattzahl und dem Laut ṣa genannt. In der Feuerecke werden vier Blätter angesetzt, in der Nirriti-Ecke das Doppelte.
Anmerkung: Irodaśadale, ṣakāram und athyāgneyyām sind im Druck fraglich. Die Angaben vier und doppelt bleiben erhalten; die östliche Blattzahl wird nicht zu zwölf ergänzt.
10.32
tato bahir vilikhed yantraṃ tato bahiḥ parameśvari |
catuḥṣaṣṭidalaṃ padmaṃ hṛdgatam eva ca || 10.32 ||
Darum herum soll man das Yantra zeichnen, höchste Herrin, und weiter außen einen vierundsechzigblättrigen Lotus, der im Herzen vergegenwärtigt wird.
Anmerkung: Tato, catuḥṣaṣṭidalam und hṛdgatam folgen den Druckvorschlägen; der letzte ist fraglich markiert.
10.33
bahir ālikhya tad taṃ yogī bhūpureṇa samanvitam |
caturdvārasamāyuktaṃ samyag āprokṣya pūjayet || 10.33 ||
Der Yogi zeichnet außen eine Einfassung mit vier Toren. Nachdem er die Figur sorgfältig besprengt hat, soll er sie verehren.
Anmerkung: Tad folgt dem fragenden Druckvorschlag; der Anschluss tad tam bleibt uneben. Samyag āprokṣya übernimmt die gedruckte Verbesserung. Bhūpura ist die äußere Einfassung des Ritualdiagramms.
10.34
madhye vinyasya kalaśam aṣṭagandhodakānvitam |
ṣaḍ eva kalaśān koṇeṣv ādhāya parameśvari || 10.34 ||
In die Mitte setzt man einen Krug mit Wasser, das acht Duftstoffe enthält. In die Ecken werden genau sechs weitere Krüge gestellt, höchste Herrin.
10.35
sampūjya gandhapayasā divyārghyajalasaṃyutān |
raktavastraiḥ samācchannān raktayuktān prapūjayet || 10.35 ||
Man verehrt die mit göttlichem Arghya-Wasser gefüllten Krüge mit Duftwasser. Sie sind mit roten Stoffen bedeckt und mit Rot beziehungsweise Blut versehen; so werden sie verehrt.
Anmerkung: Raktayuktān ist wörtlich mehrdeutig zwischen roter Färbung und Blut. Der Vers allein entscheidet die stoffliche Bedeutung nicht; keine der Möglichkeiten wird verschwiegen oder als gesichert eingesetzt.
10.36
madhye śivau samāvāhya pūjya sarvopacārakaiḥ |
japetvāraṃ śivaṃ śāntaṃ yoginīṣaṭkamadhyagam || 10.36 ||
In der Mitte ruft man das Shiva-Paar herbei und verehrt es mit allen Darbringungen. Eine Rezitationsanweisung schließt sich an; betrachtet wird der friedvolle Shiva inmitten von sechs Yoginis.
Anmerkung: Śivau ist Dual und bezeichnet das göttliche Paar. Japetvāram ist uneben und gibt hier keine sicher bestimmbare Wiederholungszahl.
10.37
pūjayitvā yathānyāyaṃ tarpayitvā parāmṛtaiḥ |
ṣaṭkoṇakalaśeṣv evaṃ ḍākinyādyāḥ samarcayet || 10.37 ||
Nachdem man sie ordnungsgemäß verehrt und mit höchstem Nektar gesättigt hat, soll man entsprechend Dakini und die weiteren Göttinnen in den Krügen der sechs Ecken verehren.
Anmerkung: Pūjayitvā folgt der Druckkorrektur.
10.38
tattaddaleṣu deveśi tās tāḥ samyak prapūjayet |
catuḥṣaṣṭidale bāhye taduktanyāsamārgataḥ || 10.38 ||
Auf den jeweiligen Blättern verehrt man die entsprechenden Göttinnen sorgfältig, Herrin der Götter. Auf dem äußeren vierundsechzigblättrigen Lotus folgt man dem dafür gelehrten Nyasa-Verfahren.
10.39
nidhyaṣṭakasamāyuktāḥ siddhayas tv aṇimādayaḥ |
tathā caṭakabhūrakau durgākṣetreśam eva ca || 10.39 ||
Dort gehören die Siddhis wie Anima zusammen mit den acht Schätzen hin. Außerdem werden Caṭaka und Bhūraka sowie Durga und Kshetresha genannt.
Anmerkung: Caṭakabhūrakau ist als Namenspaar unsicher; vertraute Gottheitsnamen werden nicht an seine Stelle gesetzt. Durgākṣetreśam ist grammatisch uneben, die beiden Namen sind jedoch erkennbar. Der erste Konsonant ist im Alternativscan c, nicht v.
10.40
catuṣkoṇeṣu sampūjya dhūpadīpāni darśayet |
pūjānte juhuyād vahnau baliṃ dadyād yathāvidhiḥ || 10.40 ||
Nach ihrer Verehrung in den vier Ecken zeigt man Räucherwerk und Lichter dar. Zum Abschluss der Puja opfert man ins Feuer und bringt vorschriftsgemäß eine Bali-Gabe dar.
Anmerkung: Tu bei catuṣkoṇeṣu ist im Druck ergänzt.
10.41
śrīśabdānte varapadaṃ †maṣīvarṇān† samuccaret |
nāthānte śrīpadaṃ procya paramāṇām udīrayet || 10.41 ||
Nach dem Wort śrī folgt vara; anschließend werden unsicher bezeichnete Laute genannt. Nach nātha wird erneut śrī gesprochen, darauf ein Ausdruck paramāṇām.
Anmerkung: Procya folgt dem Druckvorschlag. Maṣīvarṇān ist fraglich; paramāṇām ist als Anrufungsbestandteil nicht eindeutig. Es wird keine vollständige Guruformel daraus ergänzt. Der klarere Scan zeigt ṣ anstelle des zuvor abgelesenen dh; die Lautanweisung bleibt inhaltlich unsicher.
10.42
svārīpūṇīc ca śrīparṇān pādukāṃ pūjayāmi ca |
procya sampūjayed devi tarpayāmīti tarpayet || 10.42 ||
Nach weiteren entstellten Anrufungsbestandteilen spricht man „pādukāṃ pūjayāmi“, „ich verehre die Sandale“, und vollzieht die Verehrung, Göttin. Mit „tarpayāmi“, „ich sättige“, bringt man die Sättigungsgabe dar.
Anmerkung: Svārīpūṇīc ist fraglich; śrīparṇān bleibt unklar. Procya und tarpayāmīti folgen Druckvorschlägen. Die Singularform pādukām wird nicht stillschweigend verdoppelt.
10.43
anena krame yogena pūjayet sarvadevatāḥ |
ādau śirasi deveśaṃ ṣaḍādhāreṣu caiva hi || 10.43 ||
Nach diesem geordneten Verfahren soll man alle Gottheiten verehren: zuerst den Herrn der Götter am Kopf und dann an den sechs Stützpunkten.
Anmerkung: Śirasi folgt der Druckkorrektur. Die Verbindung krame yogena ist im Druck grammatisch uneben.
10.44
pūjayitvā maheśāni bahir eva samarcayet |
pūrvaṃ giriṇeśānau pūjayed vāmadakṣiṇe || 10.44 ||
Nach dieser Verehrung, große Herrin, verehrt man auch im äußeren Ritualraum. Zuerst werden die als Giri und Ishana bezeichneten Gestalten links und rechts verehrt.
Anmerkung: Pūjayed folgt der Druckkorrektur. Giriṇeśānau ist als Dualform unsicher und wird nicht ohne weitere Quelle in Guru und Ganesha verbessert.
10.45
tathā baṭukabhairavaṃ durgākṣetrapatīn kramāt |
tattanmantraiḥ samabhyarcya tarpayitvā parāmṛtaiḥ || 10.45 ||
Darauf verehrt man der Reihe nach Batuka-Bhairava, Durga und die Herren des Ritualfeldes mit ihren jeweiligen Mantras und sättigt sie mit höchstem Nektar.
Anmerkung: Baṭukabhairavam folgt der Druckkorrektur. Die Pluralverbindung durgākṣetrapatīn ist sprachlich uneben.
10.46
viśvanāthaṃ yajec chambhuṃ śuddhakāraṇavāriṇā |
paścime kalaśe devi haṃsānandena saṃyutām || 10.46 ||
Shambhu, den Herrn des Alls, soll man mit reinem kāraṇa-Wasser verehren. Im westlichen Krug, Göttin, erscheint die im nächsten Vers genannte Göttin zusammen mit Hamsananda.
Anmerkung: Yajec chambhum folgt dem Druckvorschlag. Kāraṇa ist eine rituelle Stoffbezeichnung; die konkrete Zusammensetzung des Wassers ist hier nicht sicher bestimmt.
10.47
ḍākinīṃ pūjayet samyag daleṣu kramayogataḥ |
amṛtākarṣiṇī caiva indrāṇīśānir eva ca || 10.47 ||
Dakini soll man dort sorgfältig verehren. Auf den Blättern folgen der Reihe nach Amritakarshini, Indrani und Ishani.
Anmerkung: Die Namensfolge indrāṇīśāniḥ ist im Druck uneben; die Trennung der beiden erkennbaren Namen ist eine editorische Wortgliederung.
10.48
umā cordhvaṃ lakā ṛddhi ṛhalakā tathaiva ca |
bhūṣā tathaikatīrāya aiśvaryā ca tathāparā || 10.48 ||
Weiter nennt die Liste Uma, Urdhva beziehungsweise Lakā, Riddhi, Ṛhalakā, Bhusha, Ekatiraya, Aishvarya und Apara. Mehrere Namen und ihre Trennung sind unsicher.
Anmerkung: Ṛhalakā und tathaikatīrāya sind im Druck fraglich. Die Folge cordhvaṃ lakā lässt keine sichere Zahl selbstständiger Namen erkennen; sie wird nicht zu einer gewünschten Gesamtzahl ergänzt.
10.49
†oṃkāratvoṣadh↠devi yakṣarakṣāṃsi ṣoḍaśa |
daleṣu teṣu vikhyātā yoginyo yogasiddhidāḥ || 10.49 ||
Eine entstellte Namens- beziehungsweise Lautfolge beginnt mit Omkara. Yakshas und Rakshas werden genannt; sechzehn Yoginis sind auf diesen Blättern bekannt und verleihen Yoga-Siddhi, Göttin.
Anmerkung: Yakṣarakṣāṃsi folgt dem Druckvorschlag zu yakṣarājñāś ca. Oṃkāratvoṣadhā ist nicht zuverlässig bestimmbar. Die Zahl sechzehn steht ausdrücklich im Druck; sie wird nicht zur Ergänzung fehlender Namen benutzt. Tvoṣadhā folgt der erneuten Bildablesung; die Worttrennung bleibt offen.
10.50
vāyavye kalaśe nityānandabhairavasaṃyutām |
rākinīṃ pūjayed devi daleṣu ca maheśvari || 10.50 ||
Im Krug der Windecke soll man Rakini zusammen mit Nityananda-Bhairava verehren, Göttin; auch auf den Blättern erfolgt die Verehrung, höchste Herrin.
Anmerkung: Die Windecke ist der Nordwesten. Rākinī wird so geschrieben wie in dieser Druckstelle.
10.51
kālarātri ca sāvitrī gāyatrī ca tṛtīyakā |
ghaṇṭākarṇāsaṃjñā ca … rṇā cakā tathaiva ca || 10.51 ||
Kalaratri, Savitri und als dritte Gayatri werden genannt, sodann die Ghantakarna Genannte. Danach folgt eine Lücke mit nur teilweise erhaltenen Namensresten.
Anmerkung: Die Auslassung steht im Druck; rṇā cakā ist fraglich. Es werden keine Gottheitsnamen aus anderen Listen eingesetzt.
10.52
bhayābhayā ca hūṃkārī jñānarūpā tathaiva ca || 10.52 ||
Weiter folgen Bhayabhaya, Humkari und Jnanarupa.
Anmerkung: Die Nummer 52 umfasst im Druck nur diese eine Langzeile. Bhayābhayā könnte auch in zwei Namen geteilt werden; die zusammengesetzte Form bleibt hier erhalten.
10.53
taṅkarasthā ca hūṃkāriyuktā daladevatā |
īśānyekalaśe devi … dhāna de na saṃyutām || 10.53 ||
Eine Taṅkarastha genannte Blattgottheit wird zusammen mit Humkari genannt. Im Krug der Ishana-Ecke, Göttin, folgt eine weitere Zuordnung, deren Partnername lückenhaft erhalten ist.
Anmerkung: Die Lücke und die fragliche Folge dhāna de na saṃyutām stehen im Druck. Ein aus den anderen Paarungen erwartbarer Ananda-Name wird nicht ergänzt.
10.54
lākinīṃ pūjayet tatra daleṣv evaṃ prapūjayet |
kāmarīti tathā pāṭakāriṇī rākinī tathā || 10.54 ||
Dort soll man Lakini verehren und auf den Blättern entsprechend Kamariti, Patakarini und Rakini.
Anmerkung: Pāṭakāriṇī ist im Druck fraglich; rākinī folgt dem Vorschlag zu rāmiṇī. Die Namen werden nicht anhand späterer Standardlisten vereinheitlicht.
10.55
tāmasī †sthānco† drākṣā pūrṇirdhātrī ca nandinī |
pārvatī caiva kaṭṭakārī daśa ceti prakīrtitāḥ || 10.55 ||
Tamasi, die unsicher gedruckte Sthancho, Draksha, Purnirdhatri, Nandini, Parvati und Kattakari schließen die Reihe ab. Zehn werden insgesamt genannt.
Anmerkung: Sthānco folgt der vorläufigen Ablesung des fragenden Druckvorschlags; pūrṇirdhātrī und kaṭṭakārī bleiben fraglich. Der Alternativscan zeigt eindeutig drākṣā, nicht die zuvor gelesene Form brāhmā. Die Zahl zehn bezieht sich auf die mit 54 begonnene Reihe.
10.56
pūrvasyāṃ diśi kumbhaṃ bhogānandasamanvitam |
kākinīṃ pūjayet tatra daleṣu kramayogataḥ || 10.56 ||
Im Krug der östlichen Richtung soll man Kakini zusammen mit Bhogananda verehren. Auf den Blättern folgen die zugehörigen Göttinnen der Reihe nach.
10.57
bandinī bhadrakālī ca māyā caiva yaśasvinī |
ramā lamboṣṭhikā caiva divyās tatra prakīrtitāḥ || 10.57 ||
Bandini, Bhadrakali, Maya, Yashasvini, Rama und Lamboshthika werden dort als die göttlichen Gestalten genannt.
Anmerkung: Yaśasvinī folgt dem Druckvorschlag. Die Namen bleiben von anderen Yogini-Listen unterschieden.
10.58
āgneyāṃ kalaśe devi lolānandena saṃyutām |
śākinīṃ pūjayed devi daleṣu varadāṃ śriyam || 10.58 ||
Im Krug der Feuerecke soll man Shakini zusammen mit Lolananda verehren, Göttin. Auf den Blättern folgen Varada und Shri.
Anmerkung: Āgneyām folgt der Druckverbesserung und bezeichnet den Südosten. Varadāṃ śriyam kann alternativ „die gabenspendende Shri“ bedeuten; die anschließende Viererreihe legt hier zwei Namen nahe, ohne die Alternative auszuschließen.
10.59
caṇḍāṃ sarasvatīṃ caiva pūjayet kramayogataḥ |
nairṛtyāṃ kalaśe bhūṣāṃ nandena saha kākinīm || 10.59 ||
Chanda und Sarasvati soll man der Reihe nach verehren. Im Krug der Nirriti-Ecke wird erneut Kakini genannt, zusammen mit einer unsicher als bhūṣāṃ nandena gedruckten Begleitung.
Anmerkung: Nairṛtyām und kalaśe folgen Druckvorschlägen. Der Druck hat hier wieder kākinīm; dies wird nicht ohne Zeugen zu hākinīm verbessert. Bhūṣāṃ nandena wird nicht ungekennzeichnet zu einem sicheren Partnernamen zusammengezogen.
10.60
yugahaṃsavatīṃ caiva dalayoś ca samāvatīm |
madhye paraśivaṃ bhaktā pūrvoktamanunā yajet || 10.60 ||
Auf den beiden Blättern werden Yugahamsavati und Samavati verehrt. In der Mitte soll man Para-Shiva mit Hingabe und mit dem zuvor genannten Mantra verehren.
Anmerkung: Yuga folgt dem fragenden Druckvorschlag zu puja. Bhaktā ist grammatisch uneben; die Übersetzung gibt den devotionalen Zusammenhang wieder. Manu ist hier eine Bezeichnung des Mantras.
10.61
vṛnte pūrvāditāḥ pūjyāḥ śrīkaṇṭhādyāḥ saśaktikāḥ |
catuḥṣaṣṭidale bāhyā tāvatyo yoginīḥ svayam || 10.61 ||
Am Stängel sind Shrikantha und die weiteren Gestalten zusammen mit ihren Shaktis zu verehren, im Osten beginnend. Auf dem äußeren vierundsechzigblättrigen Lotus werden ebenso viele Yoginis angeordnet.
Anmerkung: Die Kasusformen der zweiten Zeile sind im Druck uneben; die Zahlbeziehung ist ausdrücklich vorhanden.
10.62
pūjayet sarvasiddhyarthaṃ tāsāṃ nāmāni vai śṛṇu |
akṣobhyarikṣaka … ca rākṣapaṇīkṣayā || 10.62 ||
Man soll sie verehren, um alle Siddhis zu erlangen. Höre nun ihre Namen: Die erste Namensfolge ist lückenhaft und entstellt; akṣobhya ist als Anfang erkennbar.
Anmerkung: Akṣobhyarikṣaka und rākṣapaṇīkṣayā ergeben keine verlässliche Trennung selbstständiger Namen. Die Lücke steht im Druck; keine fehlenden Namen werden ergänzt.
10.63
piṅgalākṣī kṣayākṣeṇā śilā lilā tathaiva ca |
layalālā dalaṃkā ca laṃkeśī lālasāḍhyā || 10.63 ||
Pingalakshi, Kshayakshena, Shila, Lila, Layalala, Dalanka, Lankeshi und Lalasadhya folgen in der Liste.
Anmerkung: Kṣayākṣeṇā, lilā und layalālā sind im Druck fraglich. Die Namen werden in lesbarer Umschrift bewahrt; eine sichere sprachliche oder ikonografische Identifikation wird nicht behauptet.
10.64
karālā kulinī caiva viśālākṣī tathaiva ca |
†huḍḍārī† vaḍavāvaktrā tathaiva ca mahodarā || 10.64 ||
Karala, Kulini, Vishalakshi, die vorläufig als Huddari gelesene Göttin, Vadavavaktra und Mahodara werden weiter genannt.
Anmerkung: Der beim ersten Erfassen ausgelassene Name vor vaḍavāvaktrā ist im Alternativscan vorhanden und nun wiedergegeben. Die Konsonantenverbindung in huḍḍārī bleibt bei dieser Druckqualität unsicher; daher ist die Ablesung markiert. Kulinī steht mit kurzem i im Druck.
10.65
mantradī sarvatvakāla †tharāvai kālaṃjayik↠|
vidyujjihvā ca raktākṣī tathaiva ca karakiṇī || 10.65 ||
Die Reihe fährt fort mit Mantradi und einer entstellten Folge sarvatvakāla tharāvai kālaṃjayikā. Danach werden Vidyujjihva, Raktakshi und Karakini genannt.
Anmerkung: Die erste Zeile ist im Druck fraglich; ihre Namenanzahl lässt sich nicht sicher bestimmen. Keine Normalisierung auf bekannte Namen erfolgt. Die vorläufige Ablesung der zweiten Hälfte berücksichtigt jetzt v in tharāvai und die Stellung des Anusvara vor j in kālaṃjayikā; der Wortlaut bleibt unsicher.
10.66
meghanādā ggārūḍīgrā kālakaṇṭhī varapradā |
candrā candrāvatī caiva prapañcā pralayāntikā || 10.66 ||
Meghanada, die unsicher geschriebene Ggarudigra, Kalakanthi und Varaprada folgen, sodann Chandra, Chandravati, Prapancha und Pralayantika.
Anmerkung: Ggārūḍīgrā ist im Druck fraglich; die ungewöhnliche Schreibung wird nicht ohne Nachweis zu Garudi verbessert.
10.67
ripuvaktrā viśālā ca piśitā caiva lolupā |
vāminī vaminī caiva tapatī pāvanī tathā || 10.67 ||
Ripuvaktra, Vishala, Pishita, Lolupa, Vamini, Vamini, Tapati und Pavani werden genannt.
Anmerkung: Die beiden im Deutschen gleich aussehenden Namen lauten im Sanskrit vāminī und vaminī, mit verschiedenem erstem Vokal. Beide bleiben erhalten.
10.68
kṣatānanā vahatkukṣi vikṛtā visvarūpiṇī |
yamajihvā jayantī ca durjayā ca yamāntikā || 10.68 ||
Kshatanana, Vahatkukshi, Vikrita, Visvarupini, Yamajihva, Jayanti, Durjaya und Yamantika folgen.
Anmerkung: Vahatkukṣi und visvarūpiṇī sind die vorläufig abgelesenen Druckformen; keine Verbesserung zu bṛhatkukṣi oder viśvarūpiṇī wird vorausgesetzt.
10.69
vikālī revatī caiva pūtanā vijayā tathā |
catuḥṣaṣṭi dalaiś caiva tapanī pāvatī tathā || 10.69 ||
Vikali, Revati, Putana und Vijaya werden weiter genannt, sodann Tapani und Pavati. Die Zeile bezieht sich zugleich auf die vierundsechzig Blätter.
Anmerkung: Der Satzbau mit catuḥṣaṣṭi dalaiḥ ist uneben. Pāvatī bleibt als gedruckte Form stehen, ohne Ergänzung zu Pārvatī.
10.70
… |
… yoginīḥ paripūjayet || 10.70 ||
Die Yoginis soll man verehren. Der vorausgehende Text dieser Einheit fehlt.
Anmerkung: Die Nummer 70 enthält im Druck eine lange Auslassung und nur den kurzen erhaltenen Satzschluss. Yoginīḥ folgt dem Druckvorschlag. Die Auslassungszeichen erstrecken sich über die ganze erste und den Anfang der zweiten Langzeile; diese Zweiteilung wird jetzt wiedergegeben.
10.71
paścimādi maheśāni tad bahiś cāṣṭapatrake |
dalamūleṣu pūjāś ca bhairavamātṛbhiḥ saha || 10.71 ||
Außerhalb davon werden auf dem achtblättrigen Lotus, bei den Blattansätzen und im Westen beginnend, Bhairavas zusammen mit den Müttern verehrt, große Herrin.
Anmerkung: Die Kasusverbindung bhairavamātṛbhiḥ ist uneben. Die Namen beider Gruppen werden in 72–74 ausgeschrieben.
10.72
asitāṅgo ruruś caṇḍaḥ krodhaś conmatta bhairavaḥ |
kapālī bhīṣaṇākṣaś ca saṃhāraś cāṣṭabhairavāḥ || 10.72 ||
Die acht Bhairavas sind Asitanga, Ruru, Chanda, Krodha, Unmatta-Bhairava, Kapali, Bhishanaksha und Samhara.
Anmerkung: Bhīṣaṇākṣa ist die Form dieses Drucks; sie wird nicht durch eine geläufigere Namensliste ersetzt.
10.73
brāhmī ca maṅgalā caiva māheśī carcikā tathā |
kaumārī caiva yogeśī vaiṣṇāvī harasiddhikā || 10.73 ||
Die Göttinnen heißen Brahmi und Mangala, Maheshi und Charchika, Kaumari und Yogeshi, Vaishnavi und Harasiddhika.
Anmerkung: Die Paarbildung folgt der späteren Angabe von je zwei Shaktis in 75; die Reihenfolge bleibt unverändert.
10.74
vārāhī caiva bhadrā ca aindrī kilikilā tathā |
cāmuṇḍā kālarātrīś ca mahālakṣmīś ca bhīṣaṇā || 10.74 ||
Es folgen Varahi und Bhadra, Aindri und Kilikila, Chamunda und Kalaratri, Mahalakshmi und Bhishana.
Anmerkung: Kilikilā ist im Druck fraglich markiert. Die ungewöhnlichen Visargaformen in der zweiten Zeile bleiben im Sanskrit erhalten. Die zweite kurze i-Matra ist im klareren Scan sichtbar.
10.75
pūrvādidalamūleṣu śaktidvayasamanvitān |
bhairavān pūjayed devi sarvābhīṣṭaphalāptaye || 10.75 ||
An den Blattansätzen, nun im Osten beginnend, soll man die Bhairavas mit jeweils zwei Shaktis verehren, Göttin, um alle ersehnten Früchte zu erlangen.
Anmerkung: Der Osten in 75 steht neben dem Westen in 71. Diese Richtungsabweichung wird nicht stillschweigend vereinheitlicht.
10.76
dalāgre siddhayaḥ pūjyāḥ sarvādinidhivāhanaḥ |
aṇimā mahimā caiva garimā ca tatheśitā || 10.76 ||
An den Blattspitzen sind die Siddhis zu verehren; eine weitere Verbindung mit Schätzen und Trägern ist unklar. Genannt werden Anima, Mahima, Garima und Ishitā.
Anmerkung: Sarvādinidhivāhanaḥ ist syntaktisch unsicher. Die Siddhinamen bezeichnen Kleinheit, Größe, Schwere und Herrschaft; sie werden nicht als heutige körperliche Fähigkeiten behauptet.
10.77
vaśitvaṃ ca maheśāni prākāmyaśaktir eva ca |
prāptiś ca laghimā cāṣṭasiddhayaḥ sarvakarmasu || 10.77 ||
Hinzu kommen Vashitva, die Macht des Prakamya, Prapti und Laghima, große Herrin. Diese acht Siddhis gelten für alle Handlungen.
Anmerkung: Prāptiś ca laghimā ca ist im Druck als Ergänzung eingeklammert und wird hier mit dieser Grundlage übernommen; sarvakarmasu ist ein weiterer Druckvorschlag. Gemeint sind Einfluss, freie Wunscherfüllung, Erlangen und Leichtigkeit.
10.78
tathā padmamahāpadmau makarakacchapas tathā |
mukundo nandano nīlaḥ śaṅkhaś caivāṣṭamo nidhiḥ || 10.78 ||
Die acht Schätze sind Padma, Mahapadma, Makara, Kacchapa, Mukunda, Nandana, Nila und als achter Shankha.
Anmerkung: Die Namen bezeichnen personifizierte Schatzmächte im Ritualkontext. Der unebene Zusammenschluss von Makara und Kacchapa wird im Sanskrit bewahrt.
10.79
indrādyāś caiva lokeśāḥ pūjyāḥ pūrvāditaḥ kramāt |
iti sampūjya deveśi dhūpadīpāni ca kramāt || 10.79 ||
Indra und die weiteren Weltenherren sind der Reihe nach, im Osten beginnend, zu verehren. Nach dieser Verehrung, Herrin der Götter, werden nacheinander Räucherwerk und Lichter dargebracht.
10.80
dattvā naivedyam avadatvā agrau balim āharet |
sādhāraṃ caṣakaṃ sthāpya maṇḍale caturasrake || 10.80 ||
Nach Darbringung der Speisegabe folgt eine unklare Handlung, dann wird vorn die Bali-Gabe dargebracht. Man setzt einen Becher mit Unterlage in ein quadratisches Mandala.
Anmerkung: Avadatvā ist fraglich gedruckt; es wird nicht ohne Beleg zu einer weiteren Opferhandlung ergänzt.
10.81
annapūrṇaṃ salilaṃ sa dvitīyaṃ sahenukaṃ |
puṣpatāmbūladīpādyaṃ pūrvamantreṇa dāpayet || 10.81 ||
Nahrung und Wasser werden in einer unebenen Gefäßbestimmung genannt, außerdem ein zweiter Bestandteil mit einem unsicheren Zusatz. Blumen, Betel, Licht und weitere Gaben soll man mit dem zuvor genannten Mantra darbringen lassen.
Anmerkung: Annapūrṇaṃ salilam sa dvitīyam ist syntaktisch unklar; sahenukam ist fraglich. Die Gefäßfüllung wird nicht aus der erwartbaren Ritualfolge ergänzt.
10.82
tarjanīmudrayā devi dhyāyet taṃ bhūtaveṣṭitam |
bhairavān yoginīvṛndaṃ kṣetreśā nāśāṃ nāyakam || 10.82 ||
Mit der Zeigefinger-Mudra soll man die Gottheit von Bhutas umgeben betrachten, Göttin. Bhairavas, die Schar der Yoginis, Kshetresha und ein Führer werden genannt; die genaue Zuordnung ist entstellt.
Anmerkung: Kṣetreśā nāśāṃ nāyakam ist im Druck fraglich. Tarjanīmudrā wird wörtlich als Zeigefingergeste wiedergegeben; keine konkrete Handhaltung wird hinzuerfunden.
10.83
tat tanmantraiś ca santarpya bhūtādibhyo yathāvidhiḥ |
tri tri bindunipātena tarpayet parameśvari || 10.83 ||
Mit den jeweiligen Mantras soll man sie vorschriftsgemäß sättigen. Für die Bhutas und die weiteren Wesen lässt man jeweils drei Tropfen fallen und bringt so die Sättigungsgabe dar, höchste Herrin.
Anmerkung: Die Wiederholung tri tri ist ausdrücklich distributiv wiedergegeben: jeweils drei Tropfen.
Schlusskolophon
|| iti matsyendrasaṃhitāyāṃ daśamaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 10 der Matsyendra Samhita.
Kapitel 11: Mudras, Lobpreis und Übertragung der Einweihung
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 72–78.
|| ekādaśaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 11.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 151–157; Sanskritseiten 72–78.[16]
11.1
atha naivedyam utsṛjya mukhavāsādi dāpayet |
mudrāś ca darśayet paścāt pūjānte sarvasiddhaye || 11.1 ||
Nach Darbringung der Speisegabe lässt man Mundduft und weitere Gaben reichen. Zum Abschluss der Puja zeigt man die Mudras, um alle Siddhis zu erlangen.
Anmerkung: Mukhavāsa ist eine Gabe zur Erfrischung des Mundes; keine bestimmte Mischung wird ergänzt.
11.2
dakṣavyāṃśo bhujau devi parivartya tathāṅgulīḥ |
tarjanībhyāṃ samākrānte sarvarddhi … madhyame || 11.2 ||
Die Arme und Finger werden gegeneinander gewendet, Göttin; die Zeigefinger greifen auf die Mittelfinger. Die genaue Seitenzuordnung und ein Teil der Fingerbeschreibung sind beschädigt.
Anmerkung: Der Druck bietet vāmau als fragenden Ersatz für dakṣavyāṃśo. Die Lücke steht dort ausdrücklich. Diese unvollständige Beschreibung trägt keine heutige Ausübungsanweisung.
11.3
aṅguṣṭhau tu maheśāni kārayet saralāv api |
eṣā hi khecarī mudrā sarvasiddhipradāyinī || 11.3 ||
Die beiden Daumen soll man gestreckt halten, große Herrin. Dies ist die Khechari-Mudra, die alle Siddhis gewährt.
Anmerkung: Khecarī ist hier ausdrücklich eine Handgeste im Zusammenhang mit 2, nicht ohne Weiteres die gleichnamige Zungenpraxis anderer Texte.
11.4
puṭākārau karau kṛtvā tarjanyaṅguṣṭhakau samau |
kārayet saralākārau dīpamudreyam īritā || 11.4 ||
Man formt die Hände wie eine Schale und hält Zeigefinger und Daumen gleichmäßig und gestreckt. Dies wird Dipa-Mudra, die Lampengeste, genannt.
Anmerkung: Die Verteilung der Finger auf beide Hände wird vom unebenen Dual nicht in allen Einzelheiten geklärt.
11.5
sarvasiddhikarī devi sarvavighnavināśinī |
etasyā eva madhyamā tarjanyoḥ kuṭilā gatiḥ || 11.5 ||
Sie bewirkt alle Siddhis und vernichtet alle Hindernisse, Göttin. Ausgehend von dieser Geste folgt eine gebogene Bewegung im Bereich von Mittel- und Zeigefingern; die Formulierung ist undeutlich.
Anmerkung: Der Mittelteil ist im Scan verblasst; madhyamā ist eine unsichere Ablesung, keine gesicherte Lesart der Handschrift. Der Visarga bei tarjanyoḥ ist im Druck ergänzt. Auch der zweite Scan zeigt an dieser Stelle einen Druckausfall; der Mittelteil bleibt vorläufig.
11.6
aṅguṣṭhau śṛṅgavat kṛtvā śṛṅgamudreyam īritā |
sarvaduḥkhapraśamanī sarvopadravanāśinī || 11.6 ||
Die Daumen werden wie Hörner geformt. Dies heißt Shringa-Mudra, die Horngeste. Sie besänftigt alles Leiden und vernichtet jede Bedrängnis.
Anmerkung: Die beschädigten linken Wortteile wurden auch am zweiten Scan vergrößert geprüft. Die Ablesung śṛṅgavat und sarvaduḥkha bleibt wegen des tatsächlichen Druckausfalls vorläufig.
11.7
karau saṃśliṣya cānyānyam aṅgulīvyatyathena ca |
mudraiṣā saubharī nāma sarvavyādhivināśinī || 11.7 ||
Man verbindet beide Hände miteinander und verschränkt die Finger. Diese Geste heißt Saubhari; sie vernichtet nach der Schrift alle Krankheiten.
Anmerkung: Aṅgulīvyatyathena ist die unebene Druckform. Die Heilzuschreibung gehört zum historischen Text.
11.8
etāḥ mudrāḥ mayākhyātā devi proktāḥ śubhāvahāḥ |
tataḥ svamūrdhni kamale sahasradalasaṅkule || 11.8 ||
Diese glückverheißenden Mudras habe ich dir erklärt, Göttin. Danach richtet sich die Verehrung auf den von tausend Blättern erfüllten Lotus am eigenen Scheitel.
Anmerkung: Die ergänzten Visargas sowie devi und sahasradalasaṅkule folgen den Druckvorschlägen. Der Satz führt in 9 weiter.
11.9
pādukāmantram uccārya gurunāthaṃ prapūjayet |
tathā samarpitaśeṣeṇa kāraṇena samanvitam || 11.9 ||
Man spricht das Paduka-Mantra und verehrt den Guru als Herrn. Die folgende Gabe enthält kāraṇa, das von der zuvor dargebrachten Opfergabe übrig ist.
Anmerkung: Der Anschluss samanvitam bezieht sich auf den Becher in 10. Die genaue stoffliche Bedeutung von kāraṇa wird aus dieser Stelle allein nicht festgelegt.
11.10
caṣakaṃ tat samudhṛtya gurave ca nivedayet |
tattvatrayāṇunāṃ dattvā vicāraṃ binduḥ tarpaṇam || 11.10 ||
Diesen Becher hebt man empor und bringt ihn dem Guru dar. Danach folgt eine entstellte Anweisung mit den Mantras der drei Tattvas und einer Sättigung durch Tropfen.
Anmerkung: Dhṛ und binduḥ folgen Druckvorschlägen. Tattvatrayāṇunām ist fraglich; vicāram und der Kasusanschluss von binduḥ bleiben offen. Eine Wiederholungszahl wird hier nicht ergänzt.
11.11
stutibhiś ca namaskṛtya pūjayet kramayogataḥ |
oṃ namo ’nantarūpāya śambhave paramāṇuve || 11.11 ||
Mit Lobpreis und Verneigung verehrt man der Reihe nach: „Om. Verehrung Shambhu, dessen Gestalt unendlich ist, dem feinsten Urteilchen.“
Anmerkung: Der Avagraha ist im Druck ergänzt. Paramāṇu kann hier den höchsten subtilen Punkt bezeichnen; die Übersetzung setzt keine moderne Atomlehre voraus. Der Lobpreis geht in 12–18 weiter.
11.12
sarvamantramahāyogaphaladānaikahetave |
namo ’nalātmane ’nantaśaktaye paramātmane || 11.12 ||
„Verehrung dem einzigen Grund, der die Früchte aller Mantras und des großen Yoga gewährt; dem, dessen Wesen Feuer ist, dessen Shakti unendlich ist, dem höchsten Selbst.“
Anmerkung: Die Avagrahas folgen den Ergänzungen des Drucks.
11.13
divyajñānasudhā†tṛsirūpiṇe† viśvarūpiṇe |
vedapañcakaṣaḍvedapañcavedakramāsane || 11.13 ||
„Verehrung dem, dessen Gestalt die Sättigung durch den Nektar göttlichen Wissens ist und der alle Gestalten umfasst; dem, dessen Sitz mit einer unklaren Folge von fünf, sechs und wiederum fünf Vedas beschrieben wird.“
Anmerkung: Die zweite Zeile ist im Druck fraglich. Die Zahlenfolge wird erhalten, ohne daraus ein nicht belegtes System von Wissenswegen zu konstruieren. Der zweite Scan zeigt in der ersten Zeile tṛsi, nicht das zuvor eingesetzte tṛpti. „Sättigung“ setzt eine Deutung auf tṛpti voraus; diese ist als Deutung der verderbten Druckform, nicht als bestätigte Lesart, beibehalten.
11.14
tacchaktigaṇasaṃśleṣatṛptitṛptāya śambhave |
bhādikūṭasamutpanna jyotirliṅgasvarūpiṇe || 11.14 ||
„Verehrung Shambhu, der durch die Erfüllung in der Vereinigung mit den Scharen seiner Shaktis erfüllt ist; dem, dessen Wesen das Licht-Linga ist, das aus dem mit bha beginnenden Mantrablock entsteht.“
Anmerkung: Tṛpti folgt dem Druckvorschlag zu kṛtti. Bhādi wird nicht zu hādi oder einer vertrauten Shri-Vidya-Formel verbessert.
11.15
sādikūṭārṇasambhūtaśaktyāliṅgitamūrtaye |
ābrahmastambaparyantamūtāmūrtasvarūpiṇe || 11.15 ||
„Verehrung dem, dessen Gestalt von der Shakti umarmt wird, die aus den Lauten des mit sa beginnenden Mantrablocks entsteht; dem, der alles Gestalthafte und Gestaltlose von Brahma bis zum Grasbüschel umfasst.“
Anmerkung: Mūtāmūrta ist die gedruckte, beschädigte Form; die erkennbare Paarung wird als mūrta–amūrta verstanden, ohne den IAST-Wortlaut stillschweigend zu verbessern.
11.16
svaprasādāmṛtollāsasarvavṛttivikāśine |
taruṇāmṛtakalloladhārādṛkpāta bhiṣaje || 11.16 ||
„Verehrung dem, der durch das Aufleuchten des Nektars seiner Gnade alle Regungen entfaltet; dem heilenden Herrn, dessen Blick wie ein Strom frischer Nektarwogen herabfällt.“
Anmerkung: Bhiṣaje folgt dem fragenden Druckvorschlag zu bheṣajaḥ. Die syntaktische Verbindung des langen Blick-Kompositums bleibt uneben.
11.17
svabhaktiratito vyādhijarāmṛtyuvināśine |
namo yogāmṛtadhvasta sasa yoni kalevare || 11.17 ||
„Verehrung dem, der aus Freude an seinen Verehrern Krankheit, Alter und Tod vernichtet.“ Die zweite Zeile verbindet den Nektar des Yoga mit einer Auflösung sowie mit Geburtsschoß und Körper; ihr Zusammenhang ist entstellt.
Anmerkung: Ratito folgt dem Druckvorschlag. Sasa ist fraglich gedruckt und wird nicht ohne Zeugen zu einem bekannten Kompositum ergänzt.
11.18
paramānandarūpendra dayakṣyādavāmṛtāmbhase |
rucibhāvaghanasāraugha sāntaduṣkarakarmaṇe |
yogino yogasāmrājya dakṣiṇe śambhave namaḥ || 11.18 ||
„Verehrung Shambhu, der höchste Wonne verkörpert und dem Yogi die Herrschaft des Yoga gewährt.“ Dazwischen nennt der Lobpreis Nektarwasser, innere Haltung und schwer auszuführende Handlungen in stark entstellten Verbindungen.
Anmerkung: Die erste Zeile ist fraglich gedruckt; auch die Anschlüsse der zweiten sind nicht verlässlich. Alle drei Langzeilen stehen hier unter Nummer 18; der erhaltene Lobpreis ersetzt nicht die ausdrücklich offenen Bestandteile.
11.19
sarvajñāsiddhisāmrājyayogavidyāsvarūpiṇīm |
jīvanmuktipradāṃ vande bhairavīṃ viśvanāyakām || 11.19 ||
Ich verehre Bhairavi, die Herrin des Alls: Sie verkörpert die Yogavidya, die mit Allwissenheit, Siddhi und umfassender Herrschaft verbunden ist, und schenkt Befreiung zu Lebzeiten.
Anmerkung: Der Alternativscan zeigt sarvajñā-, mit kurzem a nach v. Die frühere Abtrennung sarva-ājñā und die daraus abgeleitete „Befehlsgewalt“ waren nicht begründet. Die ungewöhnliche Kompositionsform und die genaue Gliederung des langen Wortes bleiben mehrdeutig.
11.20
madhye vāgbhavamadhyasthā ṣaṭkaracitā viśvānanā viśvagā |
pañcapretakṛtāsanā kujatanur jyāṣṭaprakārojjvalā |
vidyutkoṭinibhaprabhā bhavabhayapradhvaṃsinī bhāsate |
bhūyān me bhuvaneśvarī bhuvanasūrīṣṭāptaye yakṣiṇī || 11.20 ||
In der Mitte, im Vagbhava, leuchtet die allgesichtige, alles durchdringende Göttin, deren Gestalt mit sechs Händen beschrieben wird. Fünf Pretas bilden ihren Sitz. Sie strahlt wie Millionen Blitze und vernichtet die Furcht vor dem Dasein. Möge Bhuvaneshvari, hier Yakshini genannt, mir zur Erfüllung des Ersehnten dienen. Weitere Gestaltbestimmungen sind entstellt.
Anmerkung: Vāgbhavamadhyasthā und ṣaṭkaracitā folgen Druckvorschlägen. Kujatanuḥ, jyāṣṭaprakāra und bhuvanasūrīṣṭāptaye bleiben unklar. Die fünf Pretas werden hier nicht ohne geprüfte Namensliste identifiziert.
11.21
padmapāṇicatuṣṭayena karadī … nagānanā |
nanu ye varadābhaya takadadhatī tvadyathibhūtasthitā |
mūlasthā bhuvanādhvagā hṛdayagā dugdhodanaikapriyā |
sānandā jvalatopamā vitaratu śreyāṃsi me kākinī || 11.21 ||
Möge Kakini mir Heil gewähren: Sie wird mit vier lotushaften Händen beschrieben und mit den Gesten des Gewährens und der Furchtlosigkeit verbunden. Sie weilt an der Wurzel, durchzieht den Weltenweg, befindet sich im Herzen, liebt Milchreis, ist voller Freude und gleicht einer Flamme. Mehrere Verbindungen am Anfang sind lückenhaft oder entstellt.
Anmerkung: Die gedruckte Lücke bleibt stehen. Tī, hṛdayagā, jvalatopamā und vitaratu folgen den Druckverbesserungen. Der Vers beginnt auf Sanskritseite 73 und endet auf 74; alle vier Langzeilen sind unter derselben Nummer wiedergegeben.
11.22
śyāmāṅgo varaṣeṭ sadā karasaro gholo bhajanti trikā |
spandadvayavatī śiromanubhavā bhāvāsanāsthāyinī |
kāmasthā padamārgaśodhanakarī raktagraṃ haikāgratā |
svādhiṣṭhānagatā sitoda rucirā sā pātu māṃ kākinī || 11.22 ||
Möge die schöne Kakini mich schützen. Sie weilt im Svadhishthana und auf einem Sitz innerer Vergegenwärtigung; sie reinigt einen als pada-mārga bezeichneten Weg. Dunkle Körperfarbe, zwei Bewegungen und weitere Körper- und Bewusstseinsbestimmungen werden genannt, doch große Teile des Verses sind entstellt.
Anmerkung: Sadā folgt einem Druckvorschlag. Die zahlreichen Fragezeichen des Drucks betreffen unter anderem varaṣeṭ, die anschließende Handbestimmung, spandadvayavatī, śiromanubhavā, kāmasthā und sitoda. Der erneut gedruckte Name kākinī wird nicht geändert.
11.23
varṇādhvapratiti śodhinī śikharito bheraṇḍavaktrayā |
vṛkṣārohaṇatatparā prabhupadasyāṃ kusyamāśuddhyām |
mātasyā na gatiḥ sa †nāti† nilayā piṅgānuḍānāpriyā |
mām avyād cirāddikhānujanitā māṃsāśitā lākinī || 11.23 ||
Möge Lakini mich schützen. Sie wird als Reinigerin des Lautweges bezeichnet, mit einer Bheranda-Gesichtsbestimmung verbunden und dem Ersteigen von Bäumen zugewandt beschrieben. Sie isst Fleisch. Die übrigen Bestimmungen über Ort, Bewegung und Vorlieben sind stark entstellt.
Anmerkung: Vṛkṣa folgt dem Druckvorschlag zu guccha. Die übrigen fraglichen Folgen bleiben als vorläufige Ablesungen stehen; bheraṇḍavaktra wird nicht ohne Beleg in eine bestimmte Tierart übersetzt. Der konkrete Fleischbezug wird nicht ausschließlich symbolisch gedeutet. Die erneut verglichene dritte Zeile hat nāti, nicht gati; die Verbindung bleibt unübersetzt.
11.24
medasthāṃ haritaprabhāṃ kavacajāṃ mantrādhvasaṃśodhinīṃ |
dadhyanūnātiruciṃ yo he nanu ca tṛṣādyāṃ biḍālāsanām |
dānasthānagatāṃ śaśāṅkavibhavasthāṃ śūlamudā jvalāṃ |
yogasthām abhirasthagolakapadāṃ vandāmahe kākinīm || 11.24 ||
Wir verehren Kakini: Sie befindet sich im Fettgewebe, leuchtet grün, entsteht aus dem Schutzpanzer und reinigt den Mantraweg. Sie liebt Dickmilch und besitzt einen Katzensitz. Mondglanz, Dreizack und ihr Verweilen im Yoga werden genannt; weitere Bestimmungen des Ortes und ihrer Haltung sind entstellt.
Anmerkung: Nū folgt einem Druckeinsatz. Der zweite Halbvers und abhirasthagolakapadām sind besonders unsicher. Der Name kākinī bleibt wie gedruckt; die anatomische Zuordnung medas wird nicht durch eine moderne Chakratabelle ersetzt.
11.25
vibhrāṇā lakuṭaṃ ca mūkam asitā pañcabhūvalkojjvalā |
raudrasthānapadānugā dhvam ajitābhītāsitāsthipriyā |
uddvānaikarucit svakraṣṭukṛtārīhā javād vanditā |
paryāri ca kalādhvaśodhanavatī bhūyān mude śākinī || 11.25 ||
Möge Shakini Freude schenken. Sie trägt einen Stock und einen unsicher bezeichneten weiteren Gegenstand, erscheint dunkel und ist mit einem Rudra zugehörigen Ort verbunden. Knochen gehören zu ihren Vorlieben, und sie reinigt den Kala-Weg. Die übrigen Epitheta sind stark entstellt.
Anmerkung: Ein a vor jita folgt der gedruckten Ergänzung. Pañcabhūvalkojjvalā, dhvam und mehrere Folgen der dritten Zeile sind fraglich; die Art der Knochenvorliebe und die übrigen Gegenstände bleiben offen.
11.26
devīṃ śūlakapālalalitakarāṃ mṛṇyāsya ṣaṭyognim |
bhāṇu prabhavāṃ valakṣa vihagārūḍhāṃ satattvādhvagām |
hāridrābhanibhāṃ saśāṃbhavapadāṃ pādasthitāpāṭalāṃ |
vande sarvagatāṃ saṃvidavasatiṃ śūlasthitāṃ hākinīm || 11.26 ||
Ich verehre Hakini, die alles durchdringende Göttin und Wohnstätte des Bewusstseins. Ihre Hände tragen Dreizack und Schädelschale; sie reitet auf einem Vogel, durchzieht den Tattva-Weg und leuchtet wie Kurkuma. Eine Shambhu zugehörige Stätte und das Stehen am Dreizack werden genannt. Andere Körper- und Farbbestimmungen sind entstellt.
Anmerkung: Mṛṇyāsya ṣaṭyognim, bhāṇu und valakṣa sind fraglich gedruckt. Die Verbindung pādasthitāpāṭalām bleibt unklar; keine zusätzliche Gesichts- oder Armezahl wird ergänzt.
11.27
kapālaśūlaṣaṭkāṅgavalayānvitapāṇayaḥ |
śrīkaṇṭhādyāḥ svasvamantraiḥ pūjanīyāḥ prayatnataḥ || 11.27 ||
Shrikantha und die weiteren Gestalten sollen sorgfältig mit ihren jeweiligen Mantras verehrt werden. Ihre Hände sind mit Schädelschalen, Dreizacken und einer unklar bezeichneten Gruppe von Schmuck- oder Armgegenständen versehen.
Anmerkung: Mantraiḥ und die Visargas folgen Druckvorschlägen. Ṣaṭkāṅgavalaya ist nicht eindeutig; es wird nicht ohne Quelle zu khaṭvāṅga verbessert.
11.28
teṣāṃ ca śaktayaḥ śūlakapālasahitāḥ śubhāḥ |
catuḥṣaṣṭidale devi yoginyo yogasiddhidāḥ || 11.28 ||
Ihre glückverheißenden Shaktis tragen Dreizack und Schädelschale. Auf dem vierundsechzigblättrigen Lotus stehen die Yoginis, Göttin, die Yoga-Siddhi gewähren.
11.29
sarvābharaṇasampannāḥ sarvāḥ marakataprabhāḥ |
sākṣataṃ tilakaṃ bhāle vibhrantyaḥ samarāṃbharāḥ || 11.29 ||
Sie alle tragen reichen Schmuck und leuchten wie Smaragde. Auf der Stirn tragen sie ein Tilaka-Zeichen mit ungebrochenen Reiskörnern. Die letzte Bestimmung samarāṃbharāḥ ist unklar.
Anmerkung: Die Visargas sind im Druck ergänzt. Samarāṃbharāḥ ist fraglich und wird nicht zu einem bestimmten Gewand- oder Kriegsattribut ergänzt.
11.30
madirāsarvasampūrṇāḥ kapolojjvalapāṇayaḥ |
mātradaṅkadharāḥ kiñcit smitānanasaroruhāḥ || 11.30 ||
Sie werden als ganz mit berauschendem Getränk erfüllt beschrieben. Ihre Lotusgesichter zeigen ein leichtes Lächeln. Die Bestimmungen der leuchtenden Hände beziehungsweise Wangen und eines getragenen Gegenstands sind entstellt.
Anmerkung: Der Druck hat kapola, „Wange“, nicht sicher kapāla, „Schädelschale“. Mātradaṅkadharāḥ ist fraglich. Die naheliegende Schalenbeschreibung wird ohne zusätzlichen Zeugen nicht als gesicherter Wortlaut eingesetzt.
11.31
veṇībandhojjvalanmālyā bhairavāṅkasamāśrayāḥ |
te ’pi śūlakapāloddhūtā trikaṭibhūṣaṇāḥ || 11.31 ||
Ihre geflochtenen Haare sind mit leuchtenden Girlanden geschmückt, und sie nehmen auf Bhairavas Schoß Platz. Auch die männlichen Gestalten tragen Dreizack und Schädelschale; eine weitere Schmuckbestimmung ist unklar.
Anmerkung: Der Visarga bei samāśrayāḥ ist im Druck ergänzt. Te ’pi wechselt zur männlichen Form; trikaṭibhūṣaṇāḥ bleibt unsicher.
11.32
madirāghūrṇitadṛśaḥ śoṇavastrānulepanāḥ |
bhairavāṅkasamārūḍhāḥ pada prauḍhābujānanāḥ || 11.32 ||
Ihre Augen rollen vom berauschenden Getränk. Sie tragen rote Gewänder und rote Salbungen und sitzen auf Bhairavas Schoß. Ihre Gesichter werden in einer unebenen Wendung mit voll entfalteten Lotussen verglichen.
Anmerkung: Die Genus- und Kasusformen wechseln im Druck. Pada prauḍhābujānanāḥ ist beschädigt; der Lotusvergleich bleibt eine kontextuelle Deutung.
11.33
yaṣṭavyāṃ mātaraḥ svāṣṭadaṣṭapatreṣv abhīṣṭadāḥ |
dalāgre siddhayaḥ pūjyāḥ vidhivan nidhivāhanāḥ |
tattantroktavidhinā herambādīn samarcayet || 11.33 ||
Die Mütter, die Ersehntes gewähren, werden auf den acht Blättern verehrt. An den Blattspitzen verehrt man vorschriftsgemäß die Siddhis mit den Schätzen als Trägern. Herambha und die weiteren Gestalten werden nach dem jeweils in ihrem Tantra gelehrten Verfahren verehrt.
Anmerkung: Yaṣṭavyām und svāṣṭadaṣṭapatreṣv abhīṣṭadāḥ sind im Druck fraglich; die Übersetzung der Blattzuordnung folgt dem erkennbaren Ritualzusammenhang. Die drei Langzeilen bilden eine nummerierte Einheit.
11.34
svāṃśāṣṭakoddīpitamūlavarṇe
ṣaḍbhis tapyāḥ ṣaṭsvarabheditaiva |
sva svānukūṭair api nāma coktaṃ
māṃ dakṣayugmaṃ tv atha dhātunām || 11.34 ||
Der Grundlaut wird durch eine eigene Achtergruppe zum Leuchten gebracht und in Verbindung mit sechs Vokalen behandelt. Eigene Mantrablöcke, Namen, māṃ, eine doppelte dakṣa-Bestimmung und die Körperbestandteile werden genannt. Die genaue Lautanweisung ist entstellt.
Anmerkung: Die Visargaergänzung und dhātunām folgen Druckvorschlägen. Mehrere Satzteile sind fraglich; keine daraus erschlossene Mantraform wird ausgegeben.
11.35
dakṣeti yugmaṃ tv atha śarvaṣṭāṣṭaṃ vaśaṃ karīt yeva jadhobhitākhyau |
devi citoktānam ity athā citev vidhepadam uccarīyatādit |
vālarāsmābhi ca
sādikūṭam uccārya vāñchāya yugaṃ tathānte || 11.35 ||
Es folgt zweimal eine mit dakṣa beginnende Lautangabe, danach eine entstellte Anweisung zur Unterwerfung oder Beeinflussung. Auch die folgende Zeile ist nicht zuverlässig verständlich. Am Schluss wird der mit sa beginnende Mantrablock ausgesprochen und ein mit vāñchā, „Wunsch“, verbundener Ausdruck verdoppelt.
Anmerkung: Ṭa bei sādikūṭam folgt dem Druckeinsatz. Die beiden langen ersten Zeilen und vālarāsmābhi sind im Druck fraglich; die hier bewahrte Folge trägt keine zuverlässig rekonstruierte Ritualformel.
11.36
vyomavaraikādi yatoghanādya
nāmāvasāne ’pi ca pādukānte |
sa lohitātvīśa jayāmi ceti
rasoranaṅgo ’pi ca vāgbhavaṃ ca || 11.36 ||
Eine entstellte Lautreihe beginnt mit vyoma, „Raum“. Es folgen Anweisungen zum Ende eines Namens und zum Ende von pādukā. Danach stehen weitere unsichere Wörter, darunter jayāmi, „ich siege“, sowie Vagbhava.
Anmerkung: Die erste und dritte Zeile sind fraglich gedruckt; die Avagrahas werden bewahrt. Es wird nicht ohne Zeugen jayāmi zu pūjayāmi verbessert.
11.37
anena saptakramabheditena
prapūjayet pārvati sapta devīḥ |
sa pañcatārair api mātṛkārṇaiḥ
śrīkaṇṭhamukhyān api pūjayec ca || 11.37 ||
Mit diesem nach sieben Abfolgen unterschiedenen Verfahren soll man die sieben Göttinnen verehren, Parvati. Mit den fünf Taras und den Matrika-Lauten verehrt man auch Shrikantha und die weiteren Gestalten.
11.38
dale catuḥṣaṣṭimaye ca tattan
mūlārṇamūrtair api pañcatāraiḥ |
aṣṭāṣṭāgamoktakramamantravarye
brahmārṇamukhyā na sitāṃkādīn || 11.38 ||
Auf dem vierundsechzigblättrigen Lotus erfolgt die Verehrung mit den jeweiligen Grundlauten und den fünf Taras, nach den vorzüglichen Mantras der in achtmal acht Agamas gelehrten Folge. Die abschließende Namensbestimmung ist entstellt.
Anmerkung: Brahmārṇamukhyā na sitāṃkādīn ist im Druck fraglich. Die mehrfachen Achterzahlen werden bewahrt, ohne daraus zusätzliche Texttitel oder Gottheitsnamen zu ergänzen.
11.39
vargāṣṭakair eva ca siddhivṛndaṃ
tadbījayuktān api lokanāthān |
tataḥ śirasi deveśi paramparyakrameṇa tu
gurubhaktir yajed bhaktyā saguruṃ taṃ samarcayet || 11.39 ||
Mit den acht Lautgruppen verehrt man die Schar der Siddhis und mit den zugehörigen Bijas auch die Weltenherren. Darauf verehrt der dem Guru Ergebene am Scheitel in der Reihenfolge der Überlieferung den Guru samt seinem Guru, Herrin der Götter.
Anmerkung: Lokanāthān folgt dem Druckvorschlag. Die Form gurubhaktiḥ ist als Bezeichnung des Verehrenden uneben. Der Wechsel von zwei kürzeren zu zwei längeren Verszeilen bleibt sichtbar.
11.40
vidyamāne gurau sthāne muktavyomni laye nayet |
labdhānujñaḥ prasādārthaṃ tattvamantrais tribhiḥ punaḥ || 11.40 ||
Ist der Guru gegenwärtig, erfolgt eine unebene Anweisung, etwas an seinem Ort im freien Raum aufzulösen. Nachdem man seine Zustimmung erhalten hat, werden für die Prasada-Gabe erneut die drei Tattva-Mantras verwendet.
Anmerkung: Das Objekt von laye nayet fehlt im Satz; die Anweisung wird nicht durch eine angenommene Auflösung des Guru-Bildes vervollständigt. Die ausdrückliche Zustimmung bleibt erhalten.
11.41
prasādīkṛtya taccheṣaṃ caruprāsanam eva ca |
atha śiṣyaṃ samānīya bhaktipraṇatacetasā || 11.41 ||
Man bereitet den Rest als Prasada und ebenso die Darreichung des Charu. Danach führt man den Schüler herbei, dessen Geist sich in Hingabe neigt.
Anmerkung: Caru ist eine rituelle Speise; ihre genaue Zusammensetzung wird hier nicht angegeben.
11.42
sāmānyārgheṇa saṃprokṣya tattvamantrair api tridhā |
dadyāt prasādaṃ deveśi samyag baṭukam eva ca || 11.42 ||
Mit dem allgemeinen Arghya-Wasser und den Tattva-Mantras besprengt man ihn dreifach. Darauf wird Prasada gegeben, Herrin der Götter; die anschließende Bestimmung baṭukam bleibt unklar.
Anmerkung: Baṭukam steht im Druck; es ist hier nicht sicher als Göttername, Gegenstand oder Schreibfehler bestimmbar und wird nicht unbelegt ersetzt.
11.43
tataḥ prāṅmukham āsīnaṃ śiṣyaṃ gurur udāradhīḥ |
paścimadigghaṭaṃ gṛhya samyak tam abhiṣecayet || 11.43 ||
Der Schüler sitzt nach Osten gewandt. Der großgesinnte Guru nimmt den Krug aus der westlichen Richtung und vollzieht mit ihm die Weihebesprengung des Schülers.
Anmerkung: Der Visarga bei udāradhīḥ sowie gṛhya und samyak folgen Druckverbesserungen.
11.44
athālaṅkṛtam āsīnaṃ pūjāsthāne punar guruḥ |
prokṣyārghyavāriṇā dadyāt tattanmantraḥ prasādakam || 11.44 ||
Der geschmückte Schüler sitzt nun am Ort der Verehrung. Der Guru besprengt ihn erneut mit Arghya-Wasser und reicht die Prasada-Gabe unter Verwendung der entsprechenden Mantras.
Anmerkung: Prokṣya folgt dem Druckvorschlag; tattanmantraḥ steht mit ergänztem Visarga, bleibt als Instrumentalanschluss grammatisch uneben.
11.45
trivāraṃ paridadyāt tu mātreṇa amṛtam uttamam |
†svadopaṃ† parameśāni paśupāśavimocanam || 11.45 ||
Dreimal soll er den höchsten Nektar reichen, der von den Fesseln des gebundenen Wesens befreit, höchste Herrin. Eine Maß- beziehungsweise Mantrabestimmung und der Anfang der zweiten Zeile sind unsicher.
Anmerkung: Mātreṇa ist fraglich gedruckt. Am Anfang der zweiten Zeile zeigt der Alternativscan eine vorläufig als svadopam gelesene Form; die frühere Wiedergabe als „eigene Fehler“ ist damit nicht gesichert. Die Zahl dreimal ist lesbar und bleibt erhalten.
11.46
athāsīnasya śiṣyasya pratilomena mātṛkāṃ |
śarīre vinyaset sarvapāpasaṃharaṇāya ca || 11.46 ||
Am Körper des sitzenden Schülers soll man die Matrika in umgekehrter Reihenfolge anordnen, um alle Verfehlungen aufzulösen.
Anmerkung: Pratiloma, die umgekehrte Reihenfolge, wird vom anschließenden anuloma ausdrücklich unterschieden.
11.47
punaś caivānulomena saptavāraṃ pravinyaset |
śrīkaṇṭhādīn nyasen mūlaṃ mantranyāsam athāparam || 11.47 ||
Danach ordnet man sie siebenmal in der gewöhnlichen Reihenfolge an. Es folgen die Anordnung Shrikanthas und der weiteren Gestalten sowie der Grundmantra-Nyasa und ein weiterer Nyasa.
Anmerkung: Die Verbindung mūlaṃ mantranyāsam ist im Druck uneben; die Unterscheidung der genannten Anordnungen folgt dem Satzverlauf.
11.48
vakṣyamāṇakrameṇaiva yoginīnyāsam eva ca |
saptadhāreṣu vinyasya śiṣyasya paramārthavit || 11.48 ||
Nach der noch zu erklärenden Reihenfolge führt der Kenner der höchsten Wirklichkeit auch den Yogini-Nyasa an den sieben Stützpunkten des Schülers aus.
Anmerkung: Saptadhāreṣu ist die gedruckte Form; sie wird nicht im Sanskrit zu saptādhāreṣu normalisiert.
11.49
evaṃ vinyastadehas tu namaskṛtya guruṃ ca punaḥ |
procya mantravaraṃ śiṣyāya dattvā vāsyasamīhitam || 11.49 ||
Mit der so vorgenommenen Körperanordnung folgt erneut eine Verneigung vor dem Guru. Das vorzügliche Mantra wird ausgesprochen und dem Schüler gegeben; eine weitere Bestimmung über das Ersehnte ist entstellt.
Anmerkung: Procya und śiṣyāya folgen Druckvorschlägen. Der Subjektwechsel und vāsyasamīhitam sind nicht eindeutig; die Handlungsträger werden deshalb nicht über den Wortlaut hinaus festgelegt.
11.50
athāsya saptadhāreṣu saptavarṇān anusmaret |
pravaded dakṣiṇe karṇe mantrarājaṃ guruḥ svayam || 11.50 ||
An seinen sieben Stützpunkten vergegenwärtigt man die sieben Laute beziehungsweise Farben. Der Guru selbst spricht dem Schüler den König der Mantras ins rechte Ohr.
Anmerkung: Das Schluss-d bei pravaded und der Visarga bei guruḥ sind im Druck ergänzt. Varṇa bleibt bewusst zwischen Laut und Farbe offen.
11.51
mūrdhni hastau samādhāya bhūyas tam anuśāsayet |
prajapec ca saptavṛtyā svasāmarthyaṃ prarakṣitum || 11.51 ||
Der Guru legt beide Hände auf seinen Scheitel und unterweist ihn weiter. Er rezitiert außerdem in sieben Durchgängen, um seine eigene Wirkkraft zu bewahren.
Anmerkung: Saptavṛtyā ist die unebene Druckform; die Siebenzahl ist deutlich.
11.52
śiṣyo ’pi guruṇā labdhaṃ japet mantraṃ śatāvaram |
tato varaṃ samudhṛtya bhuñjīta saha tena tu || 11.52 ||
Auch der Schüler rezitiert das vom Guru empfangene Mantra hundertmal. Danach nimmt er das als varaṃ bezeichnete Vorzügliche beziehungsweise die Gabe auf und isst gemeinsam mit ihm.
Anmerkung: Der Avagraha ist im Druck ergänzt. Der zweite Scan zeigt varaṃ, nicht das zuvor gelesene caraṃ. Der genaue Gegenstand bleibt offen; ein Verweis auf die Charu-Speise wird deshalb nicht als sichere Wortbedeutung gegeben.
11.53
śiṣyo ’syābharaṇaiḥ vastraiḥ gurum abhyarcayet punaḥ |
dine dine yathāśakti japed vidyāṃ prasannadhīḥ || 11.53 ||
Der Schüler verehrt den Guru erneut mit Schmuck und Gewändern. Tag für Tag soll er nach seinen Kräften die Vidya rezitieren, mit heiterem Geist.
Anmerkung: Avagraha und Visargas folgen den Ergänzungen des Drucks.
11.54
anena vidhinā dattā vidyā bhavati kāryadā |
anyathā gṛhṇataḥ siddhiṃ na dadāti surārcite || 11.54 ||
Die auf diese Weise übertragene Vidya führt zum beabsichtigten Ergebnis. Wer sie anders empfängt, dem schenkt sie keine Siddhi, du von den Göttern Verehrte.
Anmerkung: Kāryadā und die Ergänzung da in dadāti folgen Druckvorschlägen. Die Negation na bleibt ausdrücklich erhalten.
11.55
tasmāt sarvaprayatnena dīkṣāṃ prāpya japen manum |
etat guhyatamaṃ devi dīkṣākarmam athoditam || 11.55 ||
Deshalb soll man mit aller Sorgfalt zuerst die Einweihung empfangen und dann das Mantra rezitieren. Dieses höchst geheime Einweihungsritual ist nun erklärt, Göttin.
Anmerkung: Die Form dīkṣākarmam wird wie gedruckt bewahrt.
11.56
sarvasiddhikaraṃ puṇyaṃ sarvayogaphalapradam |
sarvaiśvaryakaraṃ caiva sarvalokajayāvaham |
sarvavighnapraśamanaṃ samastābhīṣṭadāyakam || 11.56 ||
Es ist heilsam, bewirkt alle Siddhis und gewährt die Früchte allen Yoga. Es verleiht jede Herrschermacht und den Sieg über alle Welten, besänftigt sämtliche Hindernisse und erfüllt alles Ersehnte.
Anmerkung: Ka bei sarvaloka folgt der Ergänzung des Drucks. Alle drei Langzeilen gehören zur Nummer 56; die Aussagen sind der Lobpreis des Rituals im Text.
11.57
na mantrasiddhir na ca yogalābho na vāsya pūjā phaladānasiddhiḥ |
na cāpi mṛtyur na jarā japec ca vinaiva dīkṣāvidhinā maheśi || 11.57 ||
Ohne das Einweihungsverfahren gibt es keine Mantra-Siddhi, keinen Gewinn des Yoga und keinen Erfolg der Verehrung, höchste Herrin. Die zweite Zeile setzt jedoch „nicht Tod, nicht Alter“ und eine Rezitationsform aneinander; ihr genauer Sinn ist im vorliegenden Wortlaut widersprüchlich und bleibt offen.
Anmerkung: Alle gedruckten Verneinungen sind bewahrt. Es wird weder eine nicht vorhandene Aussage über das Überwinden von Tod und Alter ergänzt noch eine Warnung vor Tod und Alter durch Änderung der Negationen hergestellt. Die erste Zeile hat yogalābho mit o, wie der Alternativscan zeigt.
Schlusskolophon
|| iti matsyendrasaṃhitāyāṃ ekādaśaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 11 der Matsyendra Samhita.
Kapitel 12: Mantra-Sadhana und Yogini-Verwirklichung
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 79–84.
|| dvādaśaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 12.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 158–163; Sanskritseiten 79–84.[17]
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
12.1
athātaḥ saṃpravakṣyāmi mantrasādhanam uttamam |
nadīsamudratīreṣu parvatāgreṣu vā sudhīḥ || 12.1 ||
Nun werde ich die höchste Mantra-Sadhana erklären. Der Verständige begibt sich an Fluss- oder Meeresufer oder auf Berggipfel.
Anmerkung: Parvatāgreṣu und sudhīḥ folgen Druckverbesserungen. Der Satz setzt sich in 2 fort.
12.2
śivālaye gṛhe vāpi pūjāṃ kṛtvā puroditām |
vinā ca kulaśāsakair vijane parameśvari || 12.2 ||
Auch in einem Shiva-Heiligtum oder zu Hause, an einem abgeschiedenen Ort, vollzieht er die zuvor gelehrte Verehrung, höchste Herrin. Der Text nennt dabei ausdrücklich das Fehlen der Kula-Lehrer.
Anmerkung: Vinā kulaśāsakaiḥ bedeutet „ohne die Kula-Lehrer beziehungsweise Kula-Leiter“. Das wird nicht zu einem Gegenteil verbessert; eine zuvor empfangene Einweihung ist dadurch nicht ausdrücklich aufgehoben.
12.3
madmasāt prasannātmā samyag āsīnam āsane |
kuṅkumākṣatadivyāṅge raktavasanadharāsanaḥ || 12.3 ||
Mit heiterem Inneren sitzt er ordnungsgemäß auf seinem Sitz. Sein göttlich vorgestellter Körper trägt Safran und ungebrochene Reiskörner; rote Kleidung beziehungsweise ein roter Sitz werden genannt. Der Anfang und einzelne Kasusverbindungen sind entstellt.
Anmerkung: Kuṅkumākṣata folgt dem Druckvorschlag zu kuṅkumakṣoda. Madmasāt und raktavasanadharāsanaḥ sind uneben; ein bestimmter Sitzname wird nicht ergänzt.
12.4
divyapuṣpāvṛto maunī kālāgaruvidhūpitaḥ |
candanāgarukarpūrair adhivāsitavigrahaḥ || 12.4 ||
Von göttlichen Blumen umgeben, schweigt er. Dunkles Agarholz dient als Räucherwerk, und Sandel, Agarholz sowie Kampfer durchduften seinen Körper.
Anmerkung: Maunī folgt der gedruckten Langvokalkorrektur.
12.5
pūrvavan mātrā samāsthāya mudrāsannaddhavigrahaḥ |
pūrvoktadhyānayogena saṃcintya layam ārabhet || 12.5 ||
Wie zuvor nimmt er die im Druck unklar als mātrā bezeichnete Haltung ein und versieht seinen Körper mit Mudras. Nach der zuvor beschriebenen Meditation beginnt er die innere Auflösung.
Anmerkung: Mātrā ist fraglich; mudrāsannaddha folgt dem Druckvorschlag. Laya wird hier als innere Auflösung übersetzt, ohne eine nicht genannte Technik hinzuzufügen.
12.6
candanāgarukarpūramṛganābhisugandhitam |
rudrākṣasphāṭikamayīm akṣamālāṃ kare dhṛtam || 12.6 ||
In der Hand hält er eine Gebetskette aus Rudraksha und Kristall, die nach Sandel, Agarholz, Kampfer und Moschus duftet.
Anmerkung: Der Genuswechsel zu dhṛtam ist im Druck uneben; der Gegenstand ist eindeutig.
12.7
sahasraṃ vartayen nityaṃ mantrarājaṃ samāhitam |
sa labhed durgamāṃ siddhiṃ devair api sudurlabhām || 12.7 ||
Gesammelt wiederholt er täglich tausendmal den König der Mantras. Dadurch erlangt er eine schwer zugängliche Siddhi, die selbst den Göttern nur schwer erreichbar ist.
Anmerkung: Labhed und durgamām folgen Druckergänzungen. Die Zeitangabe zu dieser Verheißung steht in 8.
12.8
varṣatrayeṇa deveśi satyam etan na saṃśayaḥ |
pūjayitvā yathānyāyaṃ yadi lakṣaṃ japen manuḥ || 12.8 ||
Nach drei Jahren geschieht dies, Herrin der Götter; so erklärt es der Text für wahr und zweifelsfrei. Wenn man nach ordnungsgemäßer Verehrung das Mantra hunderttausendmal rezitiert, folgt eine weitere Verheißung.
Anmerkung: Manuḥ steht grammatisch uneben im Nominativ. Die drei Jahre gehören zum in 7 begonnenen Satz; die hunderttausend Wiederholungen beginnen den nächsten.
12.9
sa saptajanmaprabhavaiḥ pātakaiḥ parimucyate |
lakṣadvayena deveśi koṭijanmasamudbhavaiḥ || 12.9 ||
Er wird von den Verfehlungen aus sieben Geburten befreit. Bei zweihunderttausend Wiederholungen, Herrin der Götter, gilt dies für Verfehlungen aus zehn Millionen Geburten.
Anmerkung: Der zweite Satz setzt sich in 10 fort. Koṭi wird als zehn Millionen wiedergegeben.
12.10
mucyate pātakair yogī siddhiṃ ca labhate parām |
lakṣatrayeṇa mūko ’pi vāgīśatvam avāpnuyāt || 12.10 ||
Von diesen Verfehlungen wird der Yogi frei und erlangt eine höchste Siddhi. Bei dreihunderttausend Wiederholungen soll selbst ein Sprachloser die Herrschaft über die Rede gewinnen.
Anmerkung: Der Avagraha ist im Druck ergänzt. Dies ist ein traditionelles Wirkungsversprechen und keine heutige Aussage zur Behandlung von Sprachstörungen.
12.11
sarvajñatvam asambādhaṃ labhate nātra saṃśayaḥ |
caturlakṣaṃ yadi japen mantram etat samāhitaḥ || 12.11 ||
Uneingeschränkte Allwissenheit erlangt er, heißt es, ohne Zweifel. Wenn er dieses Mantra gesammelt vierhunderttausendmal rezitiert, folgt die nächste Wirkung.
12.12
labhate stambhanasiddhiḥ loke paramadurlabhām |
agnistambhaṃ jalastambhaṃ meghānilanivāraṇam || 12.12 ||
Er erlangt die in der Welt sehr seltene Siddhi des Stillstellens: Feuer und Wasser anzuhalten sowie Wolken und Wind abzuwehren.
Anmerkung: Der Visarga bei stambhanasiddhiḥ ist im Druck ergänzt, obwohl der Akkusativ erwartet wäre. Stambhana bezeichnet hier die im Text behauptete rituelle Macht des Stillstellens.
12.13
sainyastambhaṃ gatistambhaṃ cakṣuḥstambham anuttamam |
yad yad vāñchati deveśi tat tat saṃbhavati kṣaṇāt || 12.13 ||
Auch Heere, Bewegung und das Sehen kann er auf höchste Weise stillstellen. Was immer er wünscht, Herrin der Götter, das tritt augenblicklich ein, heißt es.
Anmerkung: Va in saṃbhavati ist im Druck ergänzt. Die Machtzuschreibungen werden als historische Textaussagen wiedergegeben.
12.14
pañcalakṣeṇa deveśi loke vai śravaṇopamaḥ |
ājñāsiddhim avāpnoti sarvabādhāvivarjitaḥ || 12.14 ||
Bei fünfhunderttausend Wiederholungen erlangt er die Wirksamkeit seines Gebots, frei von jeder Bedrängnis. Er wird dabei mit Vaishravana verglichen, Herrin der Götter.
Anmerkung: Im Druck steht loke vai śravaṇopamaḥ mit unebener Worttrennung. Die Verbindung zu Vaiśravaṇa, dem Schatzherrn, ist eine kontextuelle Zusammenschreibung, keine neue Handschriftenlesung.
12.15
sāmrājyaguṇasampanno valipalitavarjitaḥ |
bhaviṣyati maheśāni cirañjīvī sare r api || 12.15 ||
Er wird mit den Vorzügen umfassender Herrschaft ausgestattet sein, frei von Falten und grauem Haar und lange leben, große Herrin. Der letzte Zusatz ist entstellt.
Anmerkung: Sare r api ist im Druck fraglich und bleibt unübersetzt.
12.16
ṣaḍlakṣaṃ vidhivaj japtvā yogī khecaratāṃ labhet |
sudūradarśanaṃ caiva dūraśravaṇam eva ca || 12.16 ||
Nach sechshunderttausend vorschriftsgemäßen Wiederholungen erlangt der Yogi das Sichbewegen im Luftraum, das Sehen in sehr große Ferne und das Hören aus der Ferne.
12.17
manojavaṃ kāmarūpaṃ parakāyapraveśanam |
svacchandamṛtyur devānāṃ sahakrīḍā sudarśanam || 12.17 ||
Er gewinnt die Schnelligkeit des Geistes, die Annahme einer gewünschten Gestalt, das Eintreten in einen anderen Körper und die freie Bestimmung seines Todes. Auch Spielgemeinschaft mit den Göttern und ihr Schauen werden genannt.
Anmerkung: Der Kasuswechsel bei svacchandamṛtyuḥ ist uneben. Die Körperwechselvorstellung bleibt eine historische Aussage des Textes.
12.18
aṅgulyagranipātādyai bhūmer api ca kampanam |
icchec chaktaḥ svayaṃ pātuṃ samudram api nāturam || 12.18 ||
Schon durch das Senken einer Fingerspitze kann er die Erde erbeben lassen, heißt es. Wenn er es will, vermag er selbst das Meer auszutrinken, ohne davon beeinträchtigt zu werden.
Anmerkung: Aṅgulyagra folgt dem Druckvorschlag. Die Grammatik von bhūmer und nāturam ist uneben; das dichterische Machtszenario ist erkennbar.
12.19
śarīrād agninirmāṇaṃ tatrāpabhayavarjitaḥ |
śakyaṃ jagad idaṃ dagdhuṃ yad icched aprayatnataḥ || 12.19 ||
Er kann aus dem Körper Feuer hervorbringen und ist dabei frei von Gefahr. Wollte er es, so könnte er diese Welt ohne Mühe verbrennen, behauptet die Schrift.
Anmerkung: Tatrāpabhaya ist eine unebene Verbindung; die Übersetzung folgt dem erkennbaren Furcht- beziehungsweise Gefahrenbezug.
12.20
trikālajñatvam advandvaṃ parica vijñayā |
va … kā vu viṣādīnāṃ pratiṣṭhāṃ bho parājayaḥ || 12.20 ||
Wissen um die drei Zeiten und Freiheit von Gegensätzen werden genannt. Die weitere Aussage, unter anderem über Gifte und deren Überwindung, ist lückenhaft und stark entstellt.
Anmerkung: Die Lücke und Fragezeichen stehen im Druck. Eine genaue Schutzwirkung gegen Gift wird aus den Resten nicht rekonstruiert.
12.21
etāny anyāṃś ca deveśi siddhiṃ cātyantadurlabhām |
ṣaṭlakṣajapamātreṇa yogī bhavati sarvadā || 12.21 ||
Diese und weitere äußerst seltene Siddhis werden dem Yogi durch sechshunderttausend Wiederholungen zugesprochen, Herrin der Götter.
Anmerkung: Die Genus- und Kasusverbindungen sowie bhavati sind im Druck uneben; die Zahl und der Zusammenhang mit der vorhergehenden Liste sind deutlich.
12.22
saptalakṣaṃ yadi japed vidyām etām anuttamām |
sa śivaḥ sarvalokānām ādhipatyam avāpnuyāt || 12.22 ||
Wenn er diese unübertreffliche Vidya siebenhunderttausendmal rezitiert, ist er Shiva und erlangt die Herrschaft über alle Welten.
12.23
kartā hartā ca pātā ca svayam eva jagattraye |
svecchāgamanasaṃyukto jīved ācandratārakam || 12.23 ||
Er selbst wird zum Schöpfer, Auflöser und Bewahrer der drei Welten. Er bewegt sich nach eigenem Willen und lebt, solange Mond und Sterne bestehen.
12.24
iti siddhamanur devi yoginīvṛndapūjitaḥ |
bhairavāsau bhaven nūnaṃ yantrarājaprabhāvataḥ || 12.24 ||
Hat er das Mantra so verwirklicht, wird er von den Scharen der Yoginis verehrt, Göttin. Durch die Macht des Königs der Yantras wird er gewiss zu Bhairava.
Anmerkung: Der Druck hat yantrarāja, nicht mantrarāja. Diese Benennung wird trotz des vorangehenden Mantra-Kontexts nicht geändert; bhairavāsau ist grammatisch uneben.
12.25
atha kūṭān pravakṣyāmi yoginīnāṃ mahodayāt |
yaiḥ sādhayanti deveśi yogino nijavāñchitam || 12.25 ||
Nun werde ich die Mantrablöcke der Yoginis erklären, durch deren großes Wirken die Yogis ihr eigenes Ersehntes verwirklichen, Herrin der Götter.
Anmerkung: Der Visarga bei yaiḥ ist im Druck ergänzt. Kūṭa bezeichnet hier einen verschlüsselten Mantrablock.
12.26
vidyā rudrākṣaro devi prathamaḥ paripaṭhyate |
tasmād vidyākṣaro yattu dvitīyaṃ varṇam ucyate || 12.26 ||
Als erster wird der mit Vidya und Rudra bezeichnete Laut gelehrt, Göttin. Daraus wird in einer unebenen Anweisung ein weiterer Vidya-Laut als zweiter Laut genannt.
Anmerkung: Yattu folgt dem fragenden Druckvorschlag. Die verschlüsselte Zuordnung zu konkreten Buchstaben bleibt offen; rudrākṣara wird hier nicht als Rudraksha-Perle missverstanden.
12.27
sarvasmād api ca svarṇas tṛtīyaḥ parikīrtitaḥ |
kevalaḥ saptadaśako varṇaḥ proktaḥ caturdaśaḥ || 12.27 ||
Ein als svarṇa bezeichneter Laut wird als dritter genannt. Die zweite Zeile nennt den siebzehnten und zugleich den vierzehnten Laut in einem widersprüchlichen Zusammenhang.
Anmerkung: Die Visargas folgen Druckvorschlägen; caturdaśaḥ ist fraglich markiert. Die Zahl siebzehn wird nicht zu einer anderen Zahl geändert, und vierzehn nicht stillschweigend als „vierter“ wiedergegeben.
12.28
tasmād dvāviśaṃko devi pañcamo kārya īritaḥ |
ṣaṣṭhaṃ ca śaṣṭavartyaṃ syāt saptamaṃ prāṇam ucyate || 12.28 ||
Eine wahrscheinlich auf zweiundzwanzig bezogene Lautbestimmung soll als fünfter Bestandteil dienen, Göttin. Der sechste wird unklar bezeichnet; der siebte heißt Prana.
Anmerkung: Dvāviśaṃkaḥ und śaṣṭavartyam sind fraglich gedruckt. Die vermutete Zahl zweiundzwanzig wird als Deutung, nicht als gesicherte Lesung angegeben.
12.29
ete varṇā maheśāni kūṭānyaṃ kulam āśritāḥ |
eteṣām eva varṇānām ekaikasya maheśvari || 12.29 ||
Diese Laute bilden zum Kula gehörige Mantrablöcke, große Herrin. Zu jedem einzelnen dieser Laute folgt nun eine weitere Anweisung, höchste Herrin.
Anmerkung: Kūṭānyam ist im Druck fraglich; der Satz wird in 30 fortgesetzt.
12.30
ete viṣād ani jalapāvakādīn samuddharet |
sa viśad vidra nādākhya vāyuḥ sāgaravarṇakaḥ || 12.30 ||
Weitere Laute werden durch Gift, Wasser, Feuer und ähnliche Chiffren hergeleitet. Die zweite Zeile nennt Nada, Wind und Meer in einer entstellten Verbindung.
Anmerkung: Das Schluss-t bei samuddharet ist ergänzt. Viṣād ani und sa viśad vidra sind fraglich; keine verwendbare Silbenfolge wird daraus konstruiert.
12.31
ma° śa° te ṣaṭsvarayute vā talena ṣaḍaṅgakaṃ |
vṛtyā pṛṣṭha yamo varṇa saptadhā teṣu vinyaset || 12.31 ||
Die abgekürzten Angaben ma° und śa° werden mit sechs Vokalen und den sechs Gliedern in Verbindung gebracht. Ein Yama-Laut soll siebenfach angeordnet werden; die nähere Reihenfolge ist entstellt.
Anmerkung: Die erste Zeile und vṛtyā pṛṣṭha sind im Druck fraglich. Hinter ma und śa stehen im Alternativscan hochgestellte Kürzungskreise, keine zweipunktigen Visargas. Die Abkürzungen werden bewahrt und nicht zu vollständigen Lautfolgen aufgelöst.
12.32
vyāpakena ku vinyasya dhyāyet saptavibhedataḥ |
pūrvoktapūjāmantreṇa brahmarandhre pravinyaset || 12.32 ||
Nach einer umfassenden Anordnung betrachtet man die sieben unterschiedlichen Gestalten. Mit dem zuvor genannten Verehrungsmantra erfolgt die Anordnung am Brahmarandhra.
Anmerkung: Ku ist die unebene gedruckte Anschlussform und wird nicht stillschweigend zu tu verbessert.
12.33
haṃ sā naṃ dāṃ kagā devi ḍākinyo ghoravigrahāḥ |
vidrumajvalanāntā sa viśuddhavigrahamadhyagā || 12.33 ||
Die Lautfolge „haṃ sā naṃ dāṃ“ und ein unsicherer Anschluss stehen vor der Beschreibung der schreckgestaltigen Dakini, Göttin. Koralle und Feuer bestimmen ihren Glanz; sie befindet sich in einer reinen Gestalt beziehungsweise im Vishuddha-Bereich.
Anmerkung: Kagā ist fraglich gedruckt, der Visarga bei vigrahāḥ ergänzt. Die wechselnden Numeri sowie viśuddhavigrahamadhyagā erlauben keine sichere Lokalisierung nach einem Standardschema.
12.34
kamaṇḍaluṃ kartariṃ ca dhārayantīṃ varapradām |
evaṃ dhyātvā japen maunī ḍākinīkūṭam uttamam || 12.34 ||
Sie hält ein Wassergefäß und ein Schneideinstrument und gewährt Gaben. Nachdem man sie so betrachtet hat, rezitiert man schweigend den höchsten Mantrablock Dakinis.
Anmerkung: Kartari bezeichnet ein Schneideinstrument; seine genaue Form wird nicht aus fremden Darstellungen ergänzt.
12.35
lakṣāvṛtyā viśuddhā cet ḍākinī vaśyati priye |
siddhyaty asya maheśāni yogavidyā sudurlabhā || 12.35 ||
Wenn sie durch hunderttausend Wiederholungen gereinigt ist, wird Dakini dem Übenden zugänglich beziehungsweise untertan, Geliebte. Für ihn verwirklicht sich die schwer erreichbare Yogavidya, große Herrin.
Anmerkung: Viśuddhā cet heißt wörtlich „wenn sie gereinigt ist“; das feminine viśuddhā wird auf Dakini bezogen, lakṣāvṛtyā auf die hunderttausend Wiederholungen. Die Form vaśyati bleibt grammatisch auffällig; ihre Wiedergabe als Zugänglich- beziehungsweise Untertanwerden ist eine Kontextdeutung. Die Machtbeziehung wird als historische Aussage bewahrt, ohne daraus eine heutige Praxis des Beherrschens abzuleiten.
12.36
dig dale maṇipūrākhye pāśāṅkuśadharāparā |
ṣaḍānāṃ saṃkagāvindā sarvāśritaphalapradā || 12.36 ||
Im Manipura genannten Lotus mit zehn Blättern erscheint eine weitere Göttin, die Schlinge und Elefantenhaken trägt. Sie gewährt allen bei ihr Zuflucht Suchenden die Frucht; eine weitere Bestimmung ist entstellt.
Anmerkung: Dig, wörtlich „Richtung“, wird hier als Zahlwort für zehn verstanden. Ṣaḍānāṃ saṃkagāvindā ist fraglich gedruckt; weder eine Gesichtsanzahl noch ein Gottesname wird daraus ergänzt.
12.37
ḍākinī nāma deveśi yoginī yogasiddhidā |
tatkūṭaṃ lakṣamānena dhyātvedaṃ prajapet sudhīḥ || 12.37 ||
Diese Yogini heißt Dakini und gewährt Yoga-Siddhi, Herrin der Götter. Nachdem der Verständige dieses Bild betrachtet hat, soll er ihren Mantrablock hunderttausendmal rezitieren.
Anmerkung: Der Name ḍākinī wird im Druck wiederholt; keine vermeintlich korrektere Yogini aus einer anderen Chakra-Zuordnung wird eingesetzt.
12.38
tataḥ paśyati tāṃ devi maṇipūre mahāmbuje |
sarvayogaphalaprāptiṃ labhate nātra saṃśayaḥ || 12.38 ||
Dann schaut er sie im großen Lotus des Manipura, Göttin, und erlangt die Früchte allen Yoga; daran lässt die Schrift keinen Zweifel.
12.39
nāsty asādhakaṃ kiñcit trailokye sacarācare |
svādhiṣṭhāne ṣaḍāre tu bhogānandāṅgagāminī || 12.39 ||
In den drei Welten, unter allem Beweglichen und Unbeweglichen, bleibt ihm nichts Unerreichbares. Im sechsspeichigen Svadhishthana erscheint sodann eine Göttin, die sich zu Bhoganandas Körper beziehungsweise Schoß begibt.
Anmerkung: Asādhakam ist im Druck uneben; ṣaḍāre fraglich. Aṅga heißt Körperglied; die spezifische Schoßdeutung bleibt eine Möglichkeit, nicht eine sichere Gleichsetzung.
12.40
mūlamukadharā devi varadā haritaprabhā |
evaṃ jñātvā tu tatkūṭaṃ lakṣyāvṛtyā yadā japet || 12.40 ||
Sie gewährt Gaben und leuchtet grün, Göttin; ein getragener Gegenstand ist entstellt bezeichnet. Kennt man sie auf diese Weise, so rezitiert man ihren Mantrablock in einer hier uneben als lakṣyāvṛtti bezeichneten Wiederholungszahl.
Anmerkung: Mūlamukadharā ist fraglich. Der Kontext legt hunderttausend Wiederholungen nahe, doch lakṣyāvṛtyā wird im Sanskrit nicht zu lakṣāvṛtyā verbessert.
12.41
tataḥ paśyati tām āśu svādhiṣṭhāne ca rājake |
kākinī nāma deveśi yoginī yogadāyinī || 12.41 ||
Darauf schaut er sie rasch im Svadhishthana, das hier zusätzlich rājaka genannt wird. Sie heißt Kakini, Herrin der Götter, eine Yogini, die Yoga schenkt.
Anmerkung: Rājake ist terminologisch unklar und bleibt als Zusatz erkennbar.
12.42
trikālajñānam āpnoti khecaratvaṃ ca labhyate |
vāksiddhiṃ kāyasiddhiṃ ca vāñchitārthaprasādhanam || 12.42 ||
Er erlangt Wissen um die drei Zeiten und das Sichbewegen im Luftraum, die Vollendung der Rede und des Körpers sowie die Verwirklichung des Ersehnten.
12.43
yoginī siddhim āpnoti śākinī japasādhanāt |
ājñāyāṃ dvidale bālasūrya†koṭirasamaprabham† || 12.43 ||
Durch die Rezitationspraxis Shakinis wird Yogini-Siddhi erlangt; der Satzbau ist uneben. Im zweiblättrigen Ajna folgt eine Gestalt, die wie Millionen junger Sonnen leuchtet.
Anmerkung: Der Druck hat yoginī und śākinī ohne eindeutigen syntaktischen Anschluss. Die Namen werden nicht zur Anpassung an 45 verändert. Die zweite Zeile zeigt im Alternativscan ein zusätzliches r in koṭirasamaprabham. Die Lichtbeschreibung ist nach dem erkennbaren Zusammenhang wiedergegeben; die unebene Wortverbindung bleibt markiert.
12.44
mūṣānandāṅgagā śūlakapālārpitapāṇinīm |
halakṣa vihagārūḍhāṃ khecarair upaśobhitām || 12.44 ||
Sie befindet sich bei Mushanandas Körper beziehungsweise Schoß und hält Dreizack und Schädelschale in den Händen. Sie reitet auf einem Vogel und ist von Luftgängern umgeben. Eine weitere Gestaltbestimmung ist entstellt.
Anmerkung: Mūṣānanda ist die vorläufig abgelesene Druckform des Namens. Halakṣa ist fraglich und wird nicht ohne Beleg in eine Farbbezeichnung umgewandelt.
12.45
evaṃ dhyātvā ca taṃ kūlaṃ lakṣamānāṃ japed budhaḥ |
tataḥ praviśati paramājñāyāṃ lākinīṃ śivām || 12.45 ||
Nach dieser Betrachtung soll der Verständige den hier als kūla bezeichneten Mantrablock hunderttausendmal rezitieren. Danach folgt ein Eintritt im höchsten Ajna, verbunden mit der glückverheißenden Lakini; die genaue Satzfügung ist unklar.
Anmerkung: Praviśati folgt dem Druckvorschlag. Kūlam wird nicht ungekennzeichnet zu kūṭam verbessert; der Akkusativ lākinīm passt nicht glatt zu praviśati. Der Namenswechsel von śākinī in 43 zu lākinī bleibt bestehen.
12.46
taddarśanasamudhvastamahāpātakasañcayam |
aṇimādiguṇair yuktā khecarīsiddhim āpnuyāt || 12.46 ||
Durch ihren Anblick wird die angesammelte schwere Verfehlung zerstört. Mit Anima und weiteren Fähigkeiten ausgestattet, erlangt man die Khechari-Siddhi.
Anmerkung: Aṇimādiguṇair yuktā folgt der Druckkorrektur; der Wechsel zur weiblichen Form bleibt im Sanskrit bestehen. Der Bezug auf Luftgängertum ergibt sich aus dem Kapitelkontext.
12.47
sahasrāramahāpadme pañcapretakṛtāsanām |
vidyutkoṭinibhāṃ sākṣāt pareśānasamanvitām || 12.47 ||
Im großen tausendblättrigen Lotus betrachtet man die Göttin, deren Sitz aus fünf Pretas besteht. Sie gleicht Millionen Blitzen und ist unmittelbar mit Pareshana verbunden.
Anmerkung: Pareśāna bezeichnet den höchsten Herrn. Die Namen der fünf Pretas werden in diesem Vers nicht genannt.
12.48
pāśāṅkuśadhanurbāṇādhṛtahastacatuṣṭayām |
dhyātvetthaṃ parameśānīṃ japel lakṣaṃ ca tanmanum || 12.48 ||
Ihre vier Hände halten Schlinge, Elefantenhaken, Bogen und Pfeil. Nachdem man die höchste Herrin so betrachtet hat, rezitiert man ihr Mantra hunderttausendmal.
12.49
sa śiva sarvavidyogī bhairabho ’bhibhavet dhruvam |
valipalitanirmuktaḥ sarvavyādhivivarjitaḥ || 12.49 ||
Dieser allwissende Yogi wird mit Shiva und Bhairava gleichgesetzt; die Verbform ist uneben. Er ist frei von Falten und grauem Haar und von allen Krankheiten, heißt es.
Anmerkung: Der Druck hat bhairabho ’bhibhavet. Die geläufigere Form bhairavo bhavet wird nicht stillschweigend eingesetzt; der behauptete Gleichsetzungszusammenhang bleibt als Deutung gekennzeichnet.
12.50
ajaraś cāmaro bhūtvā jīved ācandratārakam |
pratyekajapakāle tu pūjā kāryā vipaścitā || 12.50 ||
Frei von Alter und Tod lebt er, solange Mond und Sterne bestehen. Bei jeder Rezitationszeit soll der Kundige die Verehrung vollziehen.
Anmerkung: Die Lebensdauer ist ein Wirkungsversprechen der Schrift.
12.51
sarvavighnanivṛttyarthaṃ sarvābhīṣṭaphalāptaye |
mahāsaptatikūṭena manunā proktamārgataḥ || 12.51 ||
Zur Beseitigung aller Hindernisse und zum Erlangen aller ersehnten Früchte verwendet man nach dem gelehrten Weg das Mantra mit dem großen siebzigteiligen Block.
Anmerkung: Mahāsaptatikūṭa ist die gedruckte Bezeichnung. Die siebzig Bestandteile werden hier nicht ausgeschrieben oder aus fremden Formeln ergänzt.
12.52
rātrau pūjārato maunī lakṣamātraṃ yadā japet |
samāsīnaṃ pitṛvane sampradīptahutāśane || 12.52 ||
Nachts, schweigend und der Verehrung zugewandt, rezitiert man hunderttausendmal, im „Wald der Ahnen“ bei einem hell brennenden Feuer sitzend.
Anmerkung: Pitṛvana bezeichnet hier den Verbrennungsplatz. Die historische Ritualszene wird beschrieben; samāsīnam ist im Druck grammatisch uneben.
12.53
sahasraṃ juhuyād yogī chāgāsṛkklṛptapāyasaiḥ |
ājyaiś ca bilvair vidhivat samiddhiḥ pūjya pūrvavat || 12.53 ||
Der Yogi bringt tausend Opfergaben dar: Milchreis, der mit Ziegenblut bereitet ist, geklärte Butter und Bilva-Gaben. Dabei wird wie zuvor verehrt und das Feuer vorschriftsgemäß unterhalten.
Anmerkung: Chāgāsṛk folgt der Druckkorrektur. Samiddhiḥ ist grammatisch uneben; der genaue Bezug zum Brennmaterial bleibt vorläufig. Die konkrete Blutgabe wird nicht in ein ausschließlich symbolisches Bild umgedeutet.
12.54
madirānandato bhūtvā siddhimūlā manonmanā |
yoginaḥ sapta ye tatra yathā vibhavavistaram || 12.54 ||
Eine Freude am berauschenden Getränk wird mit Manonmana, der Wurzel der Siddhi, verbunden. Die sieben Yogis an diesem Ort werden genannt, entsprechend der verfügbaren Fülle. Der genaue Handlungszusammenhang ist beschädigt.
Anmerkung: Die wechselnden Kasus und Genera lassen offen, wer in der ersten Zeile handelt. Yoginaḥ ist männlich gedruckt; es wird nicht ungekennzeichnet in sieben Yoginis geändert.
12.55
baliṃ ca dadyāc ca chāgāsṛgdhārayā hetumiśrayā |
asapatnevatā rātriṃ vicaret yāma paryarya || 12.55 ||
Eine Bali-Gabe wird mit einem Strom von Ziegenblut, vermischt mit hetu, dargebracht. Danach soll man sich nachts während einer unklar bezeichneten Wache umherbewegen; weitere Bedingungen sind entstellt.
Anmerkung: Vicaret und yāma folgen Druckvorschlägen. Asapatnevatā und paryarya sind fraglich. Hetu bleibt als rituelle Stoffbezeichnung stehen; eine konkrete Rezeptur wird nicht ergänzt.
12.56
prātaḥ parāmṛtair eto bhairavaṃ yoginīyutām |
kumārī baṭukaś caiva tarpayed dravyavistaraiḥ || 12.56 ||
Am Morgen sättigt man Bhairava zusammen mit den Yoginis, ebenso Kumari und Batuka, mit höchstem Nektar und vielfältigen Gaben.
Anmerkung: Eto ist fraglich; baṭukaś und tarpayed folgen Druckergänzungen. Der Kasuswechsel yoginīyutām ist uneben. Ob kumārī hier eine Göttin oder eine Ritualteilnehmerin bezeichnet, wird aus diesem Vers allein nicht entschieden.
12.57
bhojanānte namaskṛtya yācet siddhim abhīpsitām |
anujñātas tu bhuñjīta śeṣaṃ tu niyatātmavān || 12.57 ||
Nach der Speisung verneigt man sich und bittet um die ersehnte Siddhi. Erst nach erteilter Zustimmung nimmt man gesammelt den Rest zu sich.
Anmerkung: Yācet entspricht der im Druck getrennten Folge yā cet; hier handelt es sich um Wortgliederung, nicht um eine ergänzte Silbe.
12.58
anena vidhinā yogī yathābhilaṣitāṃ gatim |
samprāpya devavad vyomni vicaraty ajarāmaraḥ || 12.58 ||
Durch dieses Verfahren erlangt der Yogi die gewünschte Daseinsweise. Wie ein Gott bewegt er sich im Raum, frei von Alter und Tod, heißt es.
12.59
tadā samastalokānām ādhipatyam avāpnuyāt |
etad uktaṃ mayā guhyaṃ sarvaśāstreṣu durlabham || 12.59 ||
Dann erlangt er die Herrschaft über alle Welten. Dieses Geheimnis, das in allen Lehrschriften schwer zu finden ist, habe ich erklärt.
12.60
uttamaṃ yogamantrāṇāṃ bhairavair yoginīyutam |
anena mantravaryeṇa vāñchitārthān avāpnuyāt |
ihāmutra ca bhadraṃ te pratipatyāśnute phalam || 12.60 ||
Dieser höchste unter den Yogamantras ist mit Bhairavas und Yoginis verbunden. Durch dieses vorzügliche Mantra erlangt man die ersehnten Ziele. Heil sei dir hier und jenseits; wer es aufnimmt, gewinnt seine Frucht.
Anmerkung: Alle drei Langzeilen gehören zur Nummer 60. Danach folgt ein weiterer Schlussvers mit stark verblasster Nummerierung.
Schlussvers nach 12.60
śrīsampad yogavṛddhipradam amaragaṇair apyaśakra prala … |
gopyālokeṣu vidyāsu dhavalayaśasāṃ dhāmaṃ cāpya priyāṇām |
bhaktānāṃ guptadhīnāṃ gurukaruṇāsudhātṛptam tṛsyaprādhānāṃ |
mantro ’yaṃ sarvasārāgamatilakasat sevyatāṃ siddhibhāvaiḥ ||
Dieses Mantra verleiht Glück, Wohlstand und Wachstum im Yoga. Der lückenhafte Lobpreis nennt die Götterscharen, die Bewahrung der Vidya im Verborgenen und die Stätte reinen Ruhmes. Die Verehrer mit behütetem Inneren werden durch den Nektar der Gnade des Guru gesättigt. Das Mantra wird als Zierde der Agamas gepriesen und soll mit einer auf Siddhi gerichteten Haltung verehrt werden. Mehrere Verbindungen bleiben entstellt.
Anmerkung: Schlussvers nach 12.60. Im Alternativscan sind am Ende sehr blasse Ziffernreste sichtbar, möglicherweise 61; sie werden nicht als sicher gelesene Versnummer in die Zählung aufgenommen. Die Lücke der ersten Zeile und das fragliche tṛsyaprādhānām stehen im Druck; weitere Kasusanschlüsse sind uneben. Das Schluss-m in sudhātṛptam ist am klareren Scan wiederhergestellt. Die deutlich gedruckte Zahl 62 steht erst hinter dem anschließenden Kolophon und wird dort wiedergegeben.
Schlusskolophon
|| iti matsyendrasaṃhitāyāṃ dvādaśaḥ paṭalaḥ || 62 ||
So endet Kapitel 12 der Matsyendra Samhita.
Kapitel 13: Yogini-Nyasa, drei Mandalas und Mantra-Glieder
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 85–93.
|| trayodaśaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 13.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 164–172; Sanskritseiten 85–93, einschließlich sämtlicher Prosa-/Mantraabschnitte.[18]
śrī īśvara uvāca
Der ehrwürdige Ishvara sprach:
13.1
athātaḥ saṃpravakṣyāmi yoginīnyāsam uttamam |
yena vinyasya dehas tu ṣaṇmāsād bhairavāyate || 13.1 ||
Nun erkläre ich den höchsten Yogini-Nyasa. Wird der Körper dadurch mit den Gottheiten versehen, wird man nach sechs Monaten Bhairava gleich, heißt es.
Anmerkung: Vinyasya folgt dem Druckvorschlag; der Satzbau mit dehas tu bleibt uneben.
13.2
mahāsamarṣimantraṃ tatkūṭaṃ hṛdayāmbuje |
bhāvayel lakṣasūryābhaṃ tadudbhūtāṃ svakāṃ tanum || 13.2 ||
Im Herzlotus betrachtet man den Block des hier als mahāsamarṣi bezeichneten Mantras, leuchtend wie hunderttausend Sonnen, und den eigenen Körper als daraus hervorgegangen.
Anmerkung: Das Schluss-ṃ bei mantraṃ ist im Druck ergänzt. Mahāsamarṣi ist als Mantrabezeichnung unsicher und wird nicht anhand ähnlicher Namen verbessert.
13.3
koṭisūryasannibhāṃ bhāvayed ekadāsthitaḥ |
mūrdhni śrīnātham ādhāya svavāme pādukāvalim || 13.3 ||
Gesammelt betrachtet man den Körper als Millionen Sonnen gleich. Am Scheitel wird Shrinatha angeordnet, links von sich die Reihe der Padukas.
Anmerkung: Sannibhām folgt dem Druckvorschlag. Die Padukas stehen im Ritualzusammenhang für die verehrte Guru-Überlieferung; eine zusätzliche Namensreihe wird hier nicht eingesetzt.
13.4
dakṣiṇe gaṇān vinyasya kṣetre sapṛṣṭhadeśake |
kātyāyanīṃ ca purataḥ tattanmantraiḥ pravinyaset || 13.4 ||
Rechts ordnet man die Ganas an, am rückwärtigen Bereich folgt eine Bestimmung des Ritualfeldes. Vorne wird Katyayani mit ihrem zugehörigen Mantra angeordnet.
Anmerkung: Gaṇān folgt dem Druckvorschlag. Kṣetre sapṛṣṭhadeśake ist uneben; ein fehlender Name wie Kshetresha wird nicht ergänzt.
13.5
vinyasen mātṛkām ādau devi menaughaśāntaye |
sudhābinduvisargādiḥ tathā binduvisargakaiḥ || 13.5 ||
Zuerst soll man die Matrika anordnen, Göttin, zur Besänftigung einer unklar bezeichneten Menge. Nektarpunkt, Visarga sowie weitere Punkt- und Visargaformen werden genannt.
Anmerkung: Menaughaśāntaye ist fraglich gedruckt; die Ergänzung zu einer bestimmten Geistberuhigung wird nicht vorgenommen. Visargādiḥ folgt dem Druckvorschlag.
13.6
vinyasen niyato yogī ṛṣyādinyāsapūrvakam |
†śivabhaktyālakaṃ† rūpaṃ dhyātvā vigatamatsaraḥ || 13.6 ||
Gesammelt und frei von Missgunst vollzieht der Yogi die Anordnung, beginnend mit dem Nyasa des Rishi und der weiteren Angaben. Dabei betrachtet er eine in unebener Form mit Hingabe an Shiva verbundene Gestalt.
Anmerkung: Der Rishi-Nyasa betrifft die rituellen Angaben zu Seher und Mantra. Die zweite Zeile hat im klareren Scan śivabhaktyālakam, nicht das zuvor normalisierend gelesene śivabhaktyātmakam. Die Verbindung bleibt grammatisch unsicher.
13.7
śrīkaṇṭhādīn pravinyasya śaktiyuktān svasiddhaye |
tadarsthi maṇḍalanyāsam ucyate sarvasiddhidam || 13.7 ||
Shrikantha und die weiteren Gestalten werden zusammen mit ihren Shaktis zur eigenen Vollendung angeordnet. Danach wird der Mandala-Nyasa erklärt, der alle Siddhis gewährt; ein Verbindungswort ist entstellt.
Anmerkung: Tadarsthi ist fraglich gedruckt. Die Übersetzung „danach“ gibt nur den erkennbaren Fortgang wieder, keine gesicherte Auflösung dieses Wortes.
13.8
yena vinyastadehas tu yogī syāt tejasāṃ nidhiḥ |
raktadaśadale padme maṇipūrakasaṃjñake || 13.8 ||
Durch diese Anordnung am Körper wird der Yogi zu einer Schatzkammer der Strahlkraft. Im roten zehnblättrigen Lotus, der Manipura heißt, beginnt die folgende Betrachtung.
13.9
ādīkṣita pravilasat āsāyatra samujjvale |
karṇikāyāṃ mahāratnaṃ trikoṇaṃ paribhāvayet || 13.9 ||
Auf dem Fruchtboden soll man ein großes juwelenhaftes Dreieck vergegenwärtigen. Die vorangehende Bestimmung seines Leuchtens und seines Ortes ist entstellt.
Anmerkung: Ādīkṣita, pravilasat und āsāyatra sind im Druck fraglich. Das Dreieck und der Fruchtboden sind lesbar; weitere geometrische Einzelheiten werden nicht ergänzt.
13.10
dhātuvarṇaṃ ca tanmadhye suraktaṃ bindum ullikhet |
tadudbhūtaṃ kṛśānuṃ ca raktaśvetāṃśukaṃ prabhum || 13.10 ||
In seiner Mitte zeichnet man den Gewebelaut und einen tiefroten Punkt. Daraus geht Krishanu, das Feuer, hervor, der Herr in rotem und weißem Gewand.
Anmerkung: Dhātuvarṇam und ullikhet folgen Druckvorschlägen; der zweite ist fraglich. Der konkrete Gewebelaut wird im Vers nicht ausgeschrieben und daher nicht ergänzt.
13.11
śaktisvastikasaṃyuktaṃ mayūravarapṛṣṭhagam |
prasannavadanaṃ svarṇamālālaṅkṛtavakṣasam || 13.11 ||
Er ist mit Shakti und Svastika versehen und sitzt auf dem Rücken eines prächtigen Pfaus. Sein Gesicht ist freundlich, und eine goldene Girlande schmückt seine Brust.
Anmerkung: Die erste Zeile ist im Druck fraglich. Śakti kann hier eine Waffe oder eine göttliche Kraft bezeichnen; eine eindeutige Gleichsetzung mit einer bestimmten Göttin wird nicht vorgenommen.
13.12
svabhaktadehasaṃllīnaṃ mahāpātakanāśanam |
sarvasiddhipradaṃ devaṃ svapriyābhīṣṭasiddhidam || 13.12 ||
Der Gott geht in den Körper seines Verehrers ein, vernichtet schwere Verfehlungen und schenkt alle Siddhis. Er verwirklicht das Ersehnte der ihm Lieben.
Anmerkung: Saṃllīna folgt der gedruckten Verbesserung zu saṃlīna.
13.13
tadrūparūpam ātmānaṃ bhāvayitvā ciraṃ priye |
yaṃ agnimaṇḍalāya dharmapradasakalayuktāya namaḥ || 13.13 ||
Nachdem man sich lange in seiner Gestalt vergegenwärtigt hat, Geliebte, spricht man: „Yaṃ. Verehrung dem Feuerkreis, der Dharma gewährt und mit allen Teilen versehen ist.“
Anmerkung: Sakalayukta ist die gedruckte Form und wird nicht stillschweigend zu einer anderen Anzahl von Kalas verbessert.
13.13a
karṇikāyāṃ nyased etaṃ manuṃ bhūyo ’pi vinyaset |
uttiṣṭha piṅgalahari lohitākṣa | sarvakarmāṇi dehi dāpaya svāhā | āgaccha |
āvāhanena mantreṇa kuryāt prāṇakarmāṇi dhāparaṃ |
brahmā ṛṣir anuṣṭupchandaḥ | śrīprāṇaśaktir devatā | ām̐ hīṃ kroṃ |
ām̐ hīṃ kroṃ śabdarūpasparśarasagandhātmane krīṃ hīṃ āṃ śirase svāhā |
ām̐ hīṃ kroṃ vākpāṇipādapāyūpasthātmane kroṃ hīṃ ām̐ śikhāyai vaṣaṭ |
ām̐ hīṃ kroṃ vacanādānavisargānandātmane kroṃ hīṃ āṃ kavacāya hūṃ |
ām̐ hīṃ kroṃ manobuddhyahaṃkāracittātmane kroṃ hīṃ āṃ netrāya vaṣaṭ |
ām̐ hīṃ kroṃ haṃsaprāṇātmane kroṃ hīṃ āṃ astrāya phaṭ |
evam aṅgāni vinyasya dhyāyet śāstroktamārgataḥ || 13.13a ||
Dieses Mantra wird auf dem Fruchtboden angeordnet. Es folgt: „Erhebe dich, Pingalahari, Rotäugiger! Gewähre alle Handlungen, lass sie gewähren. Svaha. Komm!“ Mit dem Anrufungsmantra vollzieht man die Einsetzung der Lebenskraft; das Schlusswort dieser Anweisung ist unklar.
Brahma ist der Rishi, Anushtubh das Versmaß, die ehrwürdige Pranashakti die Gottheit. Es folgen die Bijas ām̐ hīṃ kroṃ.
„Dem, dessen Wesen Klang, Gestalt, Berührung, Geschmack und Geruch sind: krīṃ hīṃ āṃ; für den Kopf, svāhā. Dem, dessen Wesen Rede, Hände, Füße, Ausscheidungs- und Geschlechtsorgan sind: kroṃ hīṃ ām̐; für den Haarschopf, vaṣaṭ. Dem, dessen Wesen Sprechen, Ergreifen, Ausscheiden und Wonne sind: kroṃ hīṃ āṃ; für den Schutzpanzer, hūṃ. Dem, dessen Wesen Denken, Unterscheidungsvermögen, Ichbewusstsein und Bewusstseinsfeld sind: kroṃ hīṃ āṃ; für das Auge, vaṣaṭ. Dem, dessen Wesen Hamsa und Lebenskraft sind: kroṃ hīṃ āṃ; für die Waffe, phaṭ.“ Vor jeder dieser fünf Anrufungen stehen die Bijas ām̐ hīṃ kroṃ.
Nachdem man die Glieder so angeordnet hat, meditiert man nach dem in der Lehrschrift angegebenen Weg.
Anmerkung: Der Druck nummeriert diese gemischte Vers- und Prosapassage 13(अ), hier 13a. Āvāhanena und rasa folgen Druckvorschlägen; dhāparam ist fraglich. Nach dehi stehen leere runde Klammern, eine Druckauffälligkeit ohne ergänzbaren Wortlaut. Die Anrufungen verwenden gedruckt hīṃ, nicht hrīṃ. Ām̐ mit Chandrabindu ist eine vorläufige Ablesung des Nasalzeichens und bedarf einer unabhängigen Prüfung; der Unterschied zu āṃ bleibt erhalten. Krīṃ in der Kopfzeile weicht von kroṃ in den folgenden Zeilen ab und wird nicht vereinheitlicht. Die Bijas werden nicht lexikalisch übersetzt. Die Zeilen und Nasalzeichen wurden am zweiten Scan erneut betrachtet. Die verblassten beziehungsweise sehr kleinen Einzelzeichen bleiben dort vorläufig, wo die Bildgrundlage keine vorbehaltlose Festlegung erlaubt.
Unnummerierter Abschnitt: Einsetzung der Lebenskraft
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 86.
ām̐ hīṃ kroṃ śrīṃ yaṃ raṃ laṃ vaṃ śaṃ ṣaṃ haṃ |
devadattasya jīva iha sthitaḥ devadattasya sarvendriyāṇi vāṅmanā haṃsa prāṇā ihāyāntu svāhā |
yaṃ raṃ laṃ vaṃ śaṃ ṣaṃ saṃ haṃ śrīṃ hīṃ kroṃ ām̐ |
prāṇapratiṣṭho ’yam uktaḥ | sānnidhyakṣatakṣaṇāt daleṣu vinyased | ādikṣāntavarṇaḥ saṃhitākalpaḥ |
Es werden die Bijas ām̐ hīṃ kroṃ śrīṃ yaṃ raṃ laṃ vaṃ śaṃ ṣaṃ haṃ gesprochen. „Devadattas Lebenswesen ist hier gegenwärtig. Alle Sinne Devadattas, seine Rede und sein Geist, Hamsa und die Lebenskräfte sollen hierherkommen. Svaha.“ Darauf folgt die Lautreihe yaṃ raṃ laṃ vaṃ śaṃ ṣaṃ saṃ haṃ śrīṃ hīṃ kroṃ ām̐.
Dies wird Einsetzung der Lebenskraft genannt. Eine nähere Bestimmung ihrer unmittelbaren Gegenwart ist entstellt. Dann erfolgt die Anordnung auf den Blättern. Genannt werden die Laute von a bis kṣa und eine Regel der Samhita.
Anmerkung: Unnummerierte Prosa nach 13a. Devadatta ist ein im Ritualformular verwendeter Personenname; er wird nicht durch einen erfundenen Namen ersetzt. Die zweite Lautreihe enthält zusätzlich saṃ. Sānnidhyakṣatakṣaṇāt ist fraglich; die Kasusformen sind teilweise uneben. Die Nasalzeichen werden wie in 13a vorläufig zwischen Chandrabindu und Anusvara unterschieden.
Unnummerierter Abschnitt: Anrufungen der Feuer-Kalas
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 86–87.
yaṃ dhū ārciṣeṇam | raṃ ūṣmāyaiḥ | laṃ julinyaiḥ |
vaṃ jvālinyai | daṃ visphulliṅginyai vāhanāyai |
śaṃ śriyai | saṃ svarūpāyai | laṃ havyavāhāyai |
kṣaṃ kavyavāhāyai vinyaset |
Man ordnet folgende Anrufungen an: „Yaṃ dhū“, gefolgt von dem unklaren Ausdruck ārciṣeṇam; „raṃ für Ushma; laṃ für Julini; vaṃ für Jvalini; daṃ für Visphullingini, für Vahana; śaṃ für Shri; saṃ für Svarupa; laṃ für Havyavaha; kṣaṃ für Kavyavaha.“ Havyavaha und Kavyavaha bezeichnen die Träger des Götter- beziehungsweise Ahnenopfers.
Anmerkung: Dhū und ārciṣeṇam sind fraglich gedruckt; havyavāhāyai und das Schluss-t bei vinyaset folgen Druckvorschlägen. Visphulliṅginyai vāhanāyai ist ohne zusätzliche Bija-Zuordnung gedruckt; keine Zeile für eine erwartete zehnte Kala wird ergänzt. Die beiden laṃ bleiben erhalten.
13.14
deśakalāpāvakasya yathākramaṃ tanmayaṃ
vāṅmanodehaṃ dhyātvā mantraṃ japec chanaiḥ svarūpaṃ |
kaṭārṇa kamale kūṭam imaṃ dhyātvā tadudbhavaṃ |
svaśaktyāliṅgitaṃ bhānuṃ dhyāyec ciram ananyadhīḥ |
padmayugmaṃ ca vibhrāṇaṃ hastābhyāṃ raktavāsasam |
prasannavadanaṃ cāru kirīṭādivibhūṣitam || 13.14 ||
Sprache, Geist und Körper werden als von diesem Feuer erfüllt betrachtet; eine Bestimmung des Ortes und der Kalas ist uneben. Langsam rezitiert man das Mantra. Nachdem man den Mantrablock in einem unsicher bezeichneten Lotus betrachtet hat, meditiert man lange und ungeteilt über die daraus hervorgehende Sonne, die von ihrer eigenen Shakti umarmt wird. Sie trägt in beiden Händen ein Lotuspaar, rote Gewänder und eine Krone mit weiterem Schmuck; ihr schönes Gesicht ist freundlich.
Anmerkung: Kaṭārṇa ist fraglich gedruckt; tadudbhavam folgt dem Druckvorschlag. Die Nummer 14 steht erst nach der ganzen gemischten Passage. Die Beschreibung wird daher mit ihren vorausgehenden Anweisungen unter dieser Nummer bewahrt.
13.15
bhaktānāṃ dharmārthakāmārthasādhane paraṃ prabhum |
tadrūpam ātmānaṃ cintayitvā punar nyaset || 13.15 ||
Man betrachtet ihn als höchsten Herrn, der seinen Verehrern Dharma, Wohlstand und die Ziele ihres Verlangens verwirklicht. Nachdem man sich selbst in seiner Gestalt vergegenwärtigt hat, vollzieht man erneut Nyasa.
Anmerkung: Tad folgt dem Druckvorschlag zu iti. Der wiederholte artha-Bestandteil bleibt im Sanskrit erhalten.
13.16
klīṃ maṃ sūryamaṇḍalāya vasupradadvādaśakalāyuktāya namaḥ |
anenaivaṃ pravinyasya kuryād āvāhanaṃ punaḥ |
oṃ hīṃ hīṃ samārtaṇḍabhairavāya prakāśaśaktisahitāya āgacchāgaccha huṃ svāhā |
pūrvavan mantravaryeṇa kuryāt prāṇapratiṣṭhām |
dhyāyec cāpi yathānyāyaṃ tejomaṇḍaladhāriṇām || 13.16 ||
„Klīṃ maṃ. Verehrung dem Sonnenkreis, der Reichtum schenkt und mit zwölf Kalas versehen ist.“ Nach dieser Anordnung erfolgt erneut die Anrufung: „Om hīṃ hīṃ. Für Samartanda-Bhairava zusammen mit Prakashashakti: Komm, komm! Huṃ svāhā.“ Wie zuvor vollzieht man mit dem vorzüglichen Mantra die Einsetzung der Lebenskraft und meditiert vorschriftsgemäß über die Gestalt, die einen Kreis des Glanzes trägt.
Anmerkung: Punaḥ und prāṇapratiṣṭhām folgen Druckvorschlägen. Samārtaṇḍabhairava ist die gedruckte Form und wird nicht stillschweigend zu Mārtaṇḍabhairava geändert. Huṃ hat hier einen kurzen Vokal; die Mantrafolge oṃ hīṃ hīṃ bleibt genau in dieser Wiederholung.
Unnummerierter Abschnitt: Die zwölf Sonnen-Kalas
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 87.
tat kalāś catyase devi kādimaṃta arṇapatrake |
kaṃ bhaṃ tāpinyai namaḥ | khaṃ vaṃ tāpinyai namaḥ |
gaṃ phaṃ marīcyai ghaṃ paṃ marīcyai ḍaṃ naṃ jvālinyai caṃ dhaṃ rucyai namaḥ |
chaṃ daṃ suṣumṇāyai jaṃ thaṃ gadāyai daṃ taṃ viśvāyai |
traṃ ṇaṃ bodhinyai ṭaṃ ḍhaṃ dhāriṇyai ṭhaṃ ḍaṃ kṣamāyai namaḥ |
saurakalāṃ devi daladvādaśake nyaset |
tadātmakaṃ smaran dehaṃ japed bījaṃ maheśvari ||
Die Sonnen-Kalas werden auf den mit Lauten bezeichneten Blättern angeordnet; die Einleitung ist entstellt. Es folgen: „Kaṃ bhaṃ, Verehrung Tapini. Khaṃ vaṃ, Verehrung Tapini. Gaṃ phaṃ für Marichi; ghaṃ paṃ für Marichi; ḍaṃ naṃ für Jvalini; caṃ dhaṃ, Verehrung Ruchi. Chaṃ daṃ für Sushumna; jaṃ thaṃ für Gada; daṃ taṃ für Vishva; traṃ ṇaṃ für Bodhini; ṭaṃ ḍhaṃ für Dharini; ṭhaṃ ḍaṃ, Verehrung Kshama.“
Diese Sonnen-Kalas soll man auf den zwölf Blättern anordnen, Göttin. Man betrachtet den Körper als aus ihnen bestehend und rezitiert das Bija, höchste Herrin.
Anmerkung: Catyase und kādimaṃta arṇapatrake sind fraglich. Die mehrfach vom Druck ergänzten namaḥ sind übernommen. Die Namen tāpinī und marīci erscheinen jeweils doppelt; auch die ungewöhnlichen Lautpaare bleiben stehen. Keine Harmonisierung mit einer anderweitig bekannten Kala-Liste.
Unnummerierter Abschnitt: Vorstellung und Anrufung des Mondes
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 87–88.
viśuddhe ṣoḍaśadale susitaṃ bījam ātmavit |
dhyātvā tadudbhavaṃ somaṃ kalāṣoḍaśasaṃyutam ||
varṣaṃ tam amṛtaṃ dhyāyet svaśaktyāliṅgitaṃ priye |
prāṇān api pratiṣṭhāpya pūrvoktamanunā punaḥ ||
oṃ somāya namaḥ | āgacchāgaccha svāhā |
āvāhya anena mantreṇa dhyātvā tanmadhye īśvari
patreṣu svaradīpteṣu kalāṣoḍaśakaṃ nyaset ||
Im sechzehnblättrigen Vishuddha betrachtet der Kenner des Selbst ein sehr weißes Bija und den daraus hervorgehenden Soma, der mit sechzehn Kalas versehen ist. Er meditiert über ihn, von seiner Shakti umarmt und Nektar regnend, Geliebte. Erneut setzt man mit dem zuvor genannten Mantra die Lebenskräfte ein.
„Om. Verehrung Soma. Komm, komm! Svaha.“ Mit diesem Mantra ruft man ihn herbei und betrachtet ihn in der Mitte, Herrin. Auf den von Vokalen erhellten Blättern werden die sechzehn Kalas angeordnet.
Anmerkung: Susitam ist fraglich gedruckt; tanmadhye īśvari folgt dem Druckvorschlag. Varṣaṃ tam amṛtam ist sprachlich uneben; die Übersetzung als Nektarregen folgt dem erkennbaren Bildzusammenhang.
Unnummerierter Abschnitt: Mantra des Mondkreises
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 88.
sauṃ ḍaṃ somamaṇḍalāya kāmapradaṣoḍaśakalātmane namaḥ |
anena devi mantreṇa madhye tanmaṇḍalaṃ nyaset |
„Sauṃ ḍaṃ. Verehrung dem Mondkreis, der Wünsche erfüllt und dessen Wesen die sechzehn Kalas sind.“ Mit diesem Mantra, Göttin, ordnet man den Mondkreis in der Mitte an.
Anmerkung: Der zweite Laut lautet im Druck ḍaṃ und wird nicht anhand anderer Ritualfassungen ersetzt.
Unnummerierter Abschnitt: Anrufungen der sechzehn Mond-Kalas
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 88.
amṛtāyai namaḥ | ānandāyai namaḥ |
īṃ pūṣāyai | īṃ tuṣṭyai | īṃ puṣṭyai | kuṃ ratyai | ṝṃ kṛtyai |
ṝṃ ṝṃ śityai | ḷṃ candrikāyai | ḹṃ kāntyai | eṃ jyotsnāyai |
aiṃ śriyai | oṃ prītyai | auṃ gadāyai namaḥ |
aṃ pūrṇāyai | aḥ pūrṇāmṛtāyai namaḥ |
kalāḥ sudhānibhāḥ saumyāḥ ṣoḍaśaiva pravinyaset |
„Verehrung Amrita. Verehrung Ananda. Īṃ für Pusha; īṃ für Tushti; īṃ für Pushti; kuṃ für Rati; ṝṃ für Kritya; ṝṃ ṝṃ für Shiti; ḷṃ für Chandrika; ḹṃ für Kanti; eṃ für Jyotsna; aiṃ für Shri; oṃ für Priti; auṃ, Verehrung Gada; aṃ für Purna; aḥ, Verehrung Purnamrita.“
Diese sechzehn milden, nektargleichen Kalas soll man anordnen.
Anmerkung: Die gedruckte Reihe enthält wiederholtes īṃ und ṝṃ sowie kuṃ und gadā. Diese Auffälligkeiten bleiben stehen. Die sehr kleinen Zeichen an den vokalischen ṛ/ḷ-Lauten und śityai sind vorläufige Ablesungen und bedürfen einer weiteren Prüfung. Das letzte namaḥ folgt dem Druckeinsatz; bei den vorherigen Kurzformeln wird es nicht hinzugefügt.
Unnummerierter Abschnitt: Übergang vom dreifachen Mandala zu den Yoginis
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 88.
evaṃ trimaṇḍalanyāsam uktaṃ devi prasiddhaye |
kaṇṭhādhāraparyantaṃ bhrūmadhye brahmarandhrake
ḍākinyādyā nyased devi yoginīḥ sarvasiddhidāḥ ||
saptadhāreṣu saṃcintya saptavarṇāni ca kramāt |
svakūṭajvalitāny eva tatsambhūtāś ca devatāḥ ||
smṛtvā nyāsaṃ pṛccha vītadehasya navatāptaye |
So ist der Nyasa der drei Mandalas zur Verwirklichung erklärt, Göttin. Bis zur Kehlstütze, zwischen den Brauen und am Brahmarandhra ordnet man Dakini und die weiteren Yoginis an, die alle Siddhis gewähren. An den sieben Stützpunkten betrachtet man der Reihe nach die sieben Laute beziehungsweise Farben, durch ihre eigenen Mantrablöcke entflammt, und die daraus entstandenen Gottheiten. Eine letzte Anweisung über Nyasa und die Erneuerung des Körpers ist entstellt.
Anmerkung: Pṛccha vītadehasya navatāptaye ist syntaktisch unklar. Die Körperstellen werden nicht durch eine modern vereinheitlichte Liste ergänzt.
Unnummerierter Abschnitt: Mantrablock und Blattgöttinnen der Dakini
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 88.
ḍākinye iti karṇikāyāṃ pravinyaset ḍa ma la va ra yu°
tatkūṭaṃ raktavarṇaṃ ca dhyātvā tatkūṭasambhavām |
kākinīṃ bhāvayed devi tato daleṣu vinyaset ||
Mit „für Dakini“ erfolgt die Anordnung auf dem Fruchtboden, zusammen mit der Lautreihe ḍa ma la va ra yu°. Man betrachtet diesen Mantrablock als rot und die daraus hervorgehende Kakini. Danach werden die Göttinnen auf den Blättern angeordnet.
Anmerkung: Das Schluss-t, ca und saṃ in sambhavām folgen Druckergänzungen. Der Druck wechselt von ḍākinye zu kākinīm; beide Formen bleiben erhalten. Hinter yu steht im klareren Scan ein einzelner hochgestellter Kürzungskreis; die frühere Wiedergabe als Visarga war falsch. Die Abkürzung yu° wird nicht aufgelöst.
Unnummerierter Abschnitt: Blattanrufungen mit Vokalen
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 88–89.
āṃ akarṇikāyāṃ prabhṛtāyai namaḥ |
āṃ ākarṣiṇye namaḥ |
iṃ indrāyai namaḥ |
īṃ īśānyai namaḥ |
uṃ umāyai namaḥ |
ūṃ ūrdhvakeśyai namaḥ |
ṝṃ ṝdhāyai namaḥ |
ḷṃ lukāyai namaḥ |
ḹṃ lūṣāyai namaḥ |
eṃ ekavīrāyai namaḥ |
aiṃ aiśvaryāya namaḥ |
oṃ oṃkārāya namaḥ |
auṃ auṣadhāyai namaḥ |
aṃ ambikāyai namaḥ |
aḥ akṣarāyai namaḥ |
„Āṃ, Verehrung der am Fruchtboden als erste Genannten“ – die genaue Bestimmung ist uneben. „Āṃ, Verehrung Akarshini. Iṃ, Verehrung Indra. Īṃ, Verehrung Ishani. Uṃ, Verehrung Uma. Ūṃ, Verehrung Urdhvakeshi. Ṝṃ, Verehrung Ṝdha. Ḷṃ, Verehrung Luka. Ḹṃ, Verehrung Lusha. Eṃ, Verehrung Ekavira. Aiṃ, Verehrung Aishvarya. Oṃ, Verehrung Omkara. Auṃ, Verehrung Aushadha. Aṃ, Verehrung Ambika. Aḥ, Verehrung Akshara.“
Anmerkung: Namaḥ der ersten Anrufung und uṃ vor Umā folgen Druckergänzungen beziehungsweise -vorschlägen. Die kleinen Zeichen der vokalischen ṛ/ḷ-Reihe sind noch nicht unabhängig abgesichert. Der gedruckte Anfang āṃ akarṇikāyāṃ prabhṛtāyai ist uneben. Es sind fünfzehn ausgeschriebene Anrufungen vorhanden; eine sechzehnte wird nicht erfunden.
Unnummerierter Abschnitt: Schutzformel und Hamsananda-Paduka
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 89.
evaṃ daleṣu vinyasya madhye bhūyaḥ pravinyaset |
pūrvoktanyāsamārgeṇa dhyātvā devaśasaśaktikām ||
ḍāṃ ḍīṃ ḍaṃ ḍaṃ ḍaiṃ ḍauṃ ḍaḥ kamalavāyuṃ ḍākinīnāṃ rakṣa tvam
caṃ rakṣa rakṣa sarvaśatruvaśaṃkari devi namaś cāmuṇḍe varade vicce |
sakṣamalaṃ vyūha sakṣamala vayaṃ |
eṃ klīṃ kṣauṃ śrīṃ haṃsānandanāthaśrīpādukāṃ pūjayāmi |
kṣauḥ klīṃ eṃ ḍāṃ ḍākinyai namaḥ iti madhye bhūyaḥ pravinyaset |
Nach der Anordnung auf den Blättern vollzieht man sie erneut in der Mitte und betrachtet die Gottheit mit ihrer Shakti nach dem zuvor genannten Nyasa-Verfahren. Es folgt die Lautreihe ḍāṃ ḍīṃ ḍaṃ ḍaṃ ḍaiṃ ḍauṃ ḍaḥ und eine unklare Verbindung von Lotuswind und Dakini. „Schütze du; caṃ, schütze, schütze, Göttin, die alle Feinde unter Einfluss bringt. Verehrung, Chamunda, Gabenspendende, vicce.“ Die anschließende Folge sakṣamalaṃ vyūha sakṣamala vayaṃ bleibt unverständlich.
„Eṃ klīṃ kṣauṃ śrīṃ. Ich verehre die ehrwürdige Paduka des Herrn Hamsananda. Kṣauḥ klīṃ eṃ ḍāṃ. Verehrung Dakini.“ Damit erfolgt erneut die Anordnung in der Mitte.
Anmerkung: Sa, tvam und vaśaṃkari folgen Druckkorrekturen. Die zwei aufeinanderfolgenden ḍaṃ sind vorläufig wie gedruckt wiedergegeben, nicht zur erwarteten Vokalreihe ergänzt. Kamalavāyum und sakṣamalaṃ … sind entstellt. Kṣauṃ und kṣauḥ unterscheiden sich im gedruckten Nasal-/Visargazeichen; die Lesung bedarf weiterer Prüfung.
Unnummerierter Abschnitt: Roter Block im Anahata und elf Blattanrufungen
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 89.
ra ma la va ra yūṃ etat kūṭaṃ raktavarṇam anāhatapadme smaret |
tatkūṭajanitāṃ devi śaṅkinīṃ pūrvavat smaret |
taddaleṣu nyased devaṃ nyasya tannāmapūrvakaṃ rākinyai namaḥ iti |
vinyasyaivaṃ pravinyaset |
kaṃ kālarātryai namaḥ |
khaṃ khatitāyai namaḥ |
gaṃ gāyatryai namaḥ |
ghaṃ ghaṇṭākāriṇyai namaḥ |
ṭaṃ ṭarṇyai namaḥ |
caṃ cāmuṇḍāyai namaḥ |
chaṃ chāyāyai namaḥ |
phaṃ phaṃkāriṇyai namaḥ |
ḍaṃ jñānasvarūpiṇyai namaḥ |
ṭaṃ ṭaṅkahastāyai namaḥ |
ḍhaṃ ḍhaṃkāriṇyai namaḥ |
Die Lautreihe ra ma la va ra yūṃ wird als roter Mantrablock im Anahata-Lotus betrachtet. Die daraus entstandene Shankini soll man wie zuvor vergegenwärtigen. Auf den Blättern wird die Gottheit mit ihrem Namen angeordnet: „Verehrung Rakini.“ Danach folgen die einzelnen Anrufungen:
„Kaṃ, Verehrung Kalaratri. Khaṃ, Verehrung Khatita. Gaṃ, Verehrung Gayatri. Ghaṃ, Verehrung Ghantakarini. Ṭaṃ, Verehrung Ṭarni. Caṃ, Verehrung Chamunda. Chaṃ, Verehrung Chhaya. Phaṃ, Verehrung Phamkarini. Ḍaṃ, Verehrung Jnanasvarupini. Ṭaṃ, Verehrung Tankahasta. Ḍhaṃ, Verehrung Dhamkarini.“
Anmerkung: Pūrvavat und namaḥ bei ṭaṅkahastā folgen Druckvorschlägen. Śaṅkinī und rākinī sind unterschiedliche Formen dieses Abschnitts und werden nicht gleichgesetzt. Die Folge enthält elf ausgeschriebene Blattanrufungen; die nächste Seite beginnt mit der Anordnung einer Gestalt auf einem Blatt, ohne klar ausgeschriebene zwölfte Anrufung. Einige Namen und Lautzeichen sind unsicher.
Unnummerierter Abschnitt: Schutzformel und Nityananda-Paduka
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 90.
ekaṃ bhānuṃ dale nyasya punar madhye ca vinyaset |
dhyātvā pūrvoktavidhinā yathāvad vijitendriyaḥ ||
rīṃ rīṃ rūṃ lūṃ raiṃ rauṃ raḥ ramalavarayūṃ rākinī māṃ rakṣa rakṣa |
rakṣa sarvatyetyādi pūrvavan nityānandanāthaśrīpādukāṃ pūjayāmi |
śaṃ śākinyai namaḥ | iti madhye devi punar nyaset |
Man ordnet eine Sonnengestalt auf einem Blatt und dann erneut in der Mitte an. Mit beherrschten Sinnen meditiert man nach dem zuvor genannten Verfahren. „Rīṃ rīṃ rūṃ lūṃ raiṃ rauṃ raḥ ramalavarayūṃ. Rakini, schütze mich, schütze!“ Es folgt eine entstellte, mit „schütze“ beginnende Wiederaufnahme. „Wie zuvor verehre ich die ehrwürdige Paduka des Herrn Nityananda. Śaṃ, Verehrung Shakini.“ Damit wird die Anordnung in der Mitte erneut vollzogen, Göttin.
Anmerkung: Die ungewöhnliche Silbe lūṃ bleibt stehen. Sarvatyetyādi ist fraglich gedruckt. Der Wechsel rākinī–śākinī sowie die Verwendung von śaṃ werden nicht harmonisiert. Der zweite Scan bestätigt zweimal rīṃ am Anfang; die frühere erste Silbe rāṃ wird korrigiert.
Unnummerierter Abschnitt: Lakini im Manipura
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 90.
maṇipūrakamadhye tu lāṃ lākinyai iti vada vinyaset |
ḍaṃ ḍāmaryai namaḥ |
taṃ tāmasyai namaḥ |
thaṃ sthāṇavyai namaḥ |
paṃ pārvatyai namaḥ |
phaṃ phaṭkāriṇyai namaḥ |
daleṣu daśasu nyasya bhūyo vinyaset sudhīḥ |
laṃ lākinyādi pūrvavat manmāṃ rakṣa …
chānandanātha śrīpādukāṃ pūjayāmi |
śrī lāṃ lākinyai namaḥ |
namo madhye nyaset bhūyo ’pi pārvati |
In der Mitte des Manipura wird „lāṃ, für Lakini“ gesprochen und angeordnet. Es folgen: „Ḍaṃ, Verehrung Damari. Taṃ, Verehrung Tamasi. Thaṃ, Verehrung Sthanavi. Paṃ, Verehrung Parvati. Phaṃ, Verehrung Phatkarini.“
Nach der Anordnung auf den zehn Blättern ordnet der Verständige erneut an: „Laṃ, Lakini … wie zuvor; schütze mich …“ Danach steht eine Textlücke. „Ich verehre die ehrwürdige Paduka des Herrn Chananda. Śrī lāṃ, Verehrung Lakini.“ Mit namaḥ erfolgt nochmals die Anordnung in der Mitte, Parvati.
Anmerkung: Iti, mehrere namaḥ, der Avagraha und śrīpādukāṃ pūjayāmi folgen gedruckten Ergänzungen. Nur fünf Blattanrufungen sind hier ausgeschrieben, obwohl zehn Blätter genannt werden. Der vor dem Paduka-Ausdruck erhaltene Name lautet chānandanātha; er steht nach einer Lücke und wird nicht vervollständigt. Laṃ und lāṃ bleiben unterschieden.
Unnummerierter Abschnitt: Kakini im Svadhishthana
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 90–91.
svādhiṣṭhāne ca kāṃ pūrvaṃ kākinyai ca namo nyaset |
pūrvavat dhyānayogena dhyātvā ṣaṭpatrake nyaset |
vaṃ vadhinyai namaḥ |
bhaṃ prakālyai namaḥ |
maṃ māyāyai namaḥ |
yaṃ yaśasvinyai namaḥ |
raṃ ramāyai namaḥ |
laṃ lamboṣṭhyai namaḥ |
evaṃ vinyasya patreṣu karṇikāyāṃ nyaset |
kākrīṃ ityādi pūrvavat manmedaṃ rakṣa rakṣa |
bhogānandanāthaśrīpādukāṃ pūjayāmi |
kāṃ kākinyai namo | taṃ ca mantramadhye punar nyaset |
Im Svadhishthana ordnet man zuerst „kāṃ, Verehrung Kakini“ an. Nach der Meditation wie zuvor folgt die Anordnung auf den sechs Blättern: „Vaṃ, Verehrung Vadhini. Bhaṃ, Verehrung Prakali. Maṃ, Verehrung Maya. Yaṃ, Verehrung Yashasvini. Raṃ, Verehrung Rama. Laṃ, Verehrung Lamboshthi.“
Dann erfolgt die Anordnung auf dem Fruchtboden. Es folgt die mit kākrīṃ beginnende Wiederaufnahme wie zuvor: „Schütze mein Fettgewebe, schütze! Ich verehre die ehrwürdige Paduka des Herrn Bhogananda. Kāṃ, Verehrung Kakini.“ Dies wird erneut in der Mitte des Mantras angeordnet.
Anmerkung: Mehrere namaḥ sowie pūjayāmi folgen Ergänzungen des Drucks. Kākrīṃ ist die gedruckte Anfangsfolge und bleibt uneben. Manmedam wird als Bezug auf medas, Fettgewebe, verstanden; die vorliegende Form ist grammatisch beschädigt.
Unnummerierter Abschnitt: Sakini am vierblättrigen Grundlotus
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 91.
mūle caturdale padme sāṃ sākinyai namo nyaset |
vaṃ varadāyai saśriyai namaḥ |
ṣaṃ ṣaḍāyai namaḥ |
saṃ sarasvatyai namaḥ |
evaṃ patreṣu vinyasya madhye devi pravinyaset |
sāṃ sīm ityādi pūrvavat madasthi rakṣa rakṣa |
vīrānandanāthaśrīpādukāṃ pūjayāmi |
kākinyai ca punarmantraṃ namo ca taṃ madhyato nyaset |
Im vierblättrigen Grundlotus wird „sāṃ, Verehrung Sakini“ angeordnet. Es folgen: „Vaṃ, Verehrung Varada zusammen mit Shri. Ṣaṃ, Verehrung Shada. Saṃ, Verehrung Sarasvati.“ Nach den Blättern erfolgt die Anordnung in der Mitte, Göttin. „Sāṃ sīm …“, wie zuvor, „schütze meinen Knochen, schütze! Ich verehre die ehrwürdige Paduka des Herrn Virananda.“ Darauf wird erneut ein Mantra mit „Verehrung Kakini“ in der Mitte angeordnet.
Anmerkung: Namaḥ bei ṣaḍāyai, vi in vinyasya sowie die beiden ca der Schlusszeile folgen Druckvorschlägen. Saśriyai kann Shri zusätzlich bezeichnen; eine vierte selbstständige Mantrazeile wird nicht ergänzt. Sākinī und kākinī stehen so nebeneinander im Druck. Sīm hat am Ende m, nicht einen stillschweigend eingesetzten Anusvara.
Unnummerierter Abschnitt: Bhakini zwischen den Brauen
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 91.
bhrūmadhye dvidale vibhāṃ bhākinīṃ nyaset |
haṃ haṃ samprai namaḥ |
kṣaṃ samāvatyai namaḥ |
daladvaye ca vinyasya dhyātvā pūrvoktamārgataḥ |
śaṃ hīm ityādi pūrvavat tanme majjāṃ śukraṃ rakṣa rakṣa |
mu svānandanāthaśrīpādukāṃ pūjayāmi |
evaṃ vinyasya vai madhye bhāṃ bhākinyai namaḥ |
Zwischen den Brauen, auf dem zweiblättrigen Lotus, ordnet man die leuchtende Bhakini an. „Haṃ haṃ, Verehrung Sampra; kṣaṃ, Verehrung Samavati.“ Nach der Anordnung auf den beiden Blättern meditiert man wie zuvor. „Śaṃ hīm …“, entsprechend der früheren Formel, „schütze mein Mark und meinen Samen, schütze!“ Eine unsichere Silbe mu geht der Anrufung voraus: „Ich verehre die ehrwürdige Paduka des Herrn Svananda.“ In der Mitte folgt: „Bhāṃ, Verehrung Bhakini.“
Anmerkung: Bhākinīm, śukram und pūjayāmi folgen Druckvorschlägen. Samprai und mu sind fraglich; der Name bhākinī wird nicht ohne Zeugen zu hākinī geändert. Der Samenbezug śukra steht konkret im Druckvorschlag und wird nicht ausschließlich symbolisch übersetzt.
Unnummerierter Abschnitt: Yakshini am Brahmarandhra und Abschluss des Körpernyasa
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 91.
tathā yāṃ yakṣiṇyai namaḥ |
iti brahmarandhre pravinyaset |
sarvābhyo yoginībhyaś ca namo ’nte parito nyaset |
pūrvoktamālāmanunā bhrūmadhye devi pravinyaset |
yāṃ yīm ityādi pūrvavat matprāṇaśaktiṃ rakṣa |
paramaśivanāthaśrīpādukāṃ pūjayāmi |
yakṣiṇyai namaḥ |
ity ante yāmi yīmi ityādi punaḥ sthāpya prāṇapratiṣṭhamantraṃ ca pratyekaṃ vinyaset |
śive punaḥ padāntaṃ mastakādipādāvadhi mahāmantreṇa vinyaset |
nyāsasyāsya samāptaye tataḥ khaṇḍaṃ gaṃ vinyaset |
„Yāṃ, Verehrung Yakshini“ wird am Brahmarandhra angeordnet. Ringsum setzt man „Verehrung allen Yoginis“ an. Mit dem zuvor genannten Mala-Mantra erfolgt außerdem die Anordnung zwischen den Brauen, Göttin. „Yāṃ yīm …“, wie zuvor, „schütze meine Lebenskraft! Ich verehre die ehrwürdige Paduka des Herrn Parama-Shiva. Verehrung Yakshini.“
Danach setzt man die mit yāmi yīmi beginnende Folge erneut ein und ordnet das Mantra der Lebenskrafteinsetzung jeweils gesondert an. Mit dem großen Mantra wird der Bereich vom Kopf bis zu den Füßen versehen. Zum Abschluss dieses Nyasa folgt ein Abschnitt mit gaṃ.
Anmerkung: Pūjayāmi, namaḥ und yīmi folgen Druckeinsätzen. Bhrūmadhye ist fraglich gedruckt. Der wiederholte Ausdruck padāntam vor mastakādipādāvadhi ist uneben; die erkennbare Körperstrecke wird übersetzt. Die Schreibungen yīm und yāmi werden nicht vereinheitlicht. Mālāmanu, ein als „Girlande“ bezeichneter längerer Mantra, ist im klareren Scan deutlich; die frühere Ablesung mātṛmanu war falsch.
Unnummerierter Abschnitt: Anfang einer weiteren verschlüsselten Mantraherleitung
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 91–92.
proktasthāneṣu sādhakaḥ haṃ sthiraś ca kṣakāvarma
netrādidyordhvaṃ |
ko tri hy ekadaśaka dvi tri aṅgule viśet
vyomātmānaṃ taṃ vihaṃta namaḥ padam udīrayet |
ciraṃ kasvāntasvarīśā kevalāḥ parikīrtitāḥ |
bhānuḥ svarayutaḥ paścāt āpaṭho so ’nūlārdhataḥ |
bhādi khādikṣakārādiḥ triviśa visargavān |
visargāntāntago punaḥ svaṅganetravibhūṣitaḥ |
parameśvari śabdānte tathā paramakarṇikāḥ ||
An den zuvor genannten Stellen vollzieht der Sadhaka eine weitere, weitgehend entstellte Lautanordnung. Haṃ, ein mit kṣa verbundener Schutzbezug und eine Ortsbestimmung oberhalb der Augen sind noch erkennbar. Es folgen die Zahlen drei, elf, zwei und nochmals drei sowie Fingerbreitenangaben, deren genaue Verbindung unklar ist. Genannt werden Raum als Wesen und der Ausdruck namaḥ.
Die anschließende Herleitung nennt einzelne Laute, Sonne, Vokale, eine teilweise erhaltene Halbierungsbestimmung und Visarga. Weiter erscheinen mit bha, kha und kṣa beginnende Lautbezeichnungen, Glieder und Augen. Am Ende steht parameśvari, danach eine Bestimmung des höchsten Fruchtbodens. Der Wortlaut trägt keine zuverlässige Gesamtform des Mantras.
Anmerkung: Aṅgule und viśet folgen Druckvorschlägen. Kṣakāvarma, netrādidyordhvam, vihaṃta, kasvāntasvarīśā und mehrere weitere Folgen sind im Druck fraglich. Die Zahlenreste werden nicht in eine neue Mantra- oder Körpergeometrie übersetzt. Svarayutaḥ ist mit kurzem a nach v gedruckt und bezeichnet die Verbindung mit einem Vokal. Die erkennbaren Zahlwörter tri, ekadaśaka, dvi und tri sind nun in ihrer Reihenfolge auch in der deutschen Teilwiedergabe genannt.
Unnummerierter Abschnitt: Herz- und Kopfmantra in verschlüsselter Form
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 92.
ḍaṇike pūrvabījānto hṛnmantraḥ parikīrtitaḥ |
vyomanalendu vāmākṣi bījānto viśvavandite ||
padam uktvā ha de varṇaḥ svaravidyādhipe padaṃ
lohitāyuto hādi rikārārdho trir eva ca ||
vīdhyo tadarṇike pūrṇi pūrvabījaḥ śikho manuḥ
bhoma talāśivi hanto bīja sīyoṃga vigrahe ||
Ein mit dem früheren Bija schließender Ausdruck wird als Herzmantra bezeichnet. Raum, Feuer, Mond und linkes Auge dienen als Lautchiffren, du vom All Verehrte. Danach werden ha und de sowie der Ausdruck svaravidyādhipe, „Herrin der Laut-Vidya“, genannt. Rot, ein mit ha beginnender Bestandteil, ein halbes ri und eine dreifache Wiederholung folgen in einer unebenen Anweisung.
Anschließend wird ein Kopf- beziehungsweise Schopfmantra mit dem früheren Bija genannt. Die übrigen Folgen um vīdhyo, pūrṇi und bhoma talāśivi sind stark entstellt und bleiben unübersetzt.
Anmerkung: Mehrere Ausdrücke der zweiten Hälfte sind mit Fragezeichen gedruckt. Śikho manuḥ ist als Schopfmantra verstanden; keine fertig entschlüsselte Formel wird eingesetzt. Die dreifache Wiederholung bleibt ausdrücklich erhalten.
Unnummerierter Abschnitt: Schutzanrufung mit roter Yoni
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 92.
padam uktvā mahāvarṇo vāyuḥ sadyogini dvayaṃ |
kale trinet rasandhīśo rāsvādī padam uccaret |
sadyaḥ pañcasvarayuto prathamo vahnivarṇakaḥ |
lohite yoni saṃśliṣṭe madaghūrṇitalocane |
rakṣa māṃ rakṣa khaṃ vahi rakṣa binduyutāṃ śivām ||
Nach einem weiteren Wort folgen ein großer Laut, Wind und ein doppelt zu sprechender Ausdruck mit Yogini. Eine Bestimmung zu Kala und dem Dreiäugigen ist entstellt. Dann wird der erste Feuerlaut mit fünf Vokalen verbunden.
„Du Rote, mit der Yoni Vereinigte, deren Augen vom Rausch rollen: Schütze mich, schütze! Khaṃ … schütze die mit dem Punkt versehene glückverheißende Gestalt.“ Die genaue Funktion von vahi in dieser Anrufung bleibt offen.
Anmerkung: Yoni folgt dem Druckvorschlag zu yoti. Mahāvarṇo, trinet rasandhīśo und rāsvādī sind fraglich. Die konkrete Yoni- und Rauschbeschreibung bleibt erhalten; eine ausschließlich symbolische Deutung wird nicht vorausgesetzt.
Unnummerierter Abschnitt: Mahamaya und weitere Lautchiffren
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 92.
†ākāraukārāvindrāgni† mantra dvi trayaṃ vadet |
mahāmāye padaṃ prokto meṣo merudhiyakṣarāḥ |
sa meṣa śeṣa śeṣā hi vahniyukto ’sir iva ca |
śāṃbhobhaivaṃ taṃ saṃyukto dvirl etolpo dṛgānvitaḥ |
mumākānto dṛśāṃ dīśo kālo vyomaditīyayān ||
dviraṃḍo bhautikayuto (eai) ravivarṇo (aṃ kha pha ra) tat param
lohito ’nanta bhavāyukalo ’nantendur eva ca ||
Die Herleitung beginnt mit einer Vokalchiffre, die sich in die Bezeichnungen für ā und au aufteilen lässt; anschließend werden Indra und Agni sowie eine zwei- beziehungsweise dreifache Wiederholung genannt. Es folgt „mahāmāye“, „du große Maya“. Widder, Meru, Feuer, Schwert, Auge, Zeit und Raum erscheinen als weitere Lautchiffren, doch die Wortfolgen sind weitgehend entstellt.
Der Druck verbindet einen als bhautika bezeichneten Bestandteil mit den Lauten e und ai und erläutert eine Sonnenlautfolge durch aṃ kha pha ra. Danach werden Rot, Ananta, Bhava und wiederum Ananta mit dem Mond verbunden. Eine gesicherte Mantrafolge lässt sich hieraus nicht herstellen.
Anmerkung: Die Klammerangaben eai und aṃ kha pha ra sind Erläuterungen des Drucks und werden als solche bewahrt. Die fraglichen Formen werden nicht anhand einer bekannten Chandi- oder Maya-Formel ersetzt. Der Sanskritwortlaut wurde lediglich in lesbare Wortgruppen getrennt. Der Alternativscan zeigt am Anfang ākāraukārāvindrāgni; die frühere Lesung mit bindu („Punkt“) war falsch. Die genaue Auflösung der Vokalchiffre bleibt offen. Die Vokalbezeichnungen werden als ā-kāra und au-kāra analysiert; ihr Anschluss in der gedruckten Folge ākāraukārāvindrāgni bleibt uneben. Diese Wortdeutung ändert keinen Sanskritbuchstaben und liefert keine vollständige Mantraentschlüsselung.
Unnummerierter Abschnitt: Fortsetzung bis Parapara
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 92–93.
pālīśānte (ya) gha bījānto ka ca vāṇagurudīritaḥ |
harānugraha †vincante† pa re padam udīrayet |
parāparamaye vāryāḥ paramārthanaye punaḥ |
parameśvarīpadaṃ bhūyaḥ paścāt pāhi padaṃ punaḥ ||
Eine als pālīśānta bezeichnete Chiffre wird im Druck durch ya erläutert. Gha, Bija, ka, ca, Pfeil und Guru werden in der folgenden entstellten Herleitung genannt. Danach folgt ein Bezug auf Haras Gnade und eine Lautfolge pa re. Parapara und eine Bestimmung zum Lehrweg der höchsten Wirklichkeit schließen sich an. Dann spricht man erneut parameśvarī und anschließend pāhi, „schütze“.
Anmerkung: Pālīśānte mit der Erklärung „das heißt ya“ und die vorläufige Form vincante folgen Druckvorschlägen. Die englische Erläuterung i.e. des Herausgebers wird im deutschen Kommentar wiedergegeben. Der klarere Scan zeigt harānugraha, Haras Gnade, und paramārthanaye, zum Lehrweg der höchsten Wirklichkeit; die früheren Ablesungen haraputra und parasārṇaye waren falsch. Der genaue syntaktische Anschluss bleibt unsicher.
Unnummerierter Abschnitt: Augen- und Waffenmantra: Abschluss der Herleitung
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 93.
māṃ māṅgalyaprade sarvabījānto netramantrakam (īṃ auṃ) |
vyomāgni kādi bījānto caṇḍicaṇḍāyudhe padam |
caṇḍeśvari candra bhūyaḥ cakārāti niṣūditi ||
mahāsaṃhāraśabdānte caṇḍike rakṣa rakṣa mām |
pūrva bījayuto mantro hy astrākhyaḥ parikīrtitaḥ ||
ete mantrā maheśāni ṣaḍaṅgānāṃ mayoditāḥ ||
yaiḥ sādhayanti yogīndrā vāñchitaṃ nātra saṃśayaḥ ||
„Mich, du Glückspendende …“: Mit einer Bestimmung über alle Bijas wird das Augenmantra bezeichnet; der Druck fügt īṃ auṃ bei. Raum und Feuer, eine mit ka beginnende Lautbestimmung und caṇḍicaṇḍāyudhe, eine Anrufung Chandis mit ihrer schrecklichen Waffe, folgen. Eine weitere Anrufung an Chandeshvari ist entstellt.
Nach dem Ausdruck mahāsaṃhāra, „große Auflösung“, spricht man: „Chandike, schütze mich, schütze!“ Mit dem früheren Bija verbunden heißt dieses Mantra Waffenmantra. Diese Mantras der sechs Glieder habe ich erklärt, große Herrin. Durch sie verwirklichen die führenden Yogis ihr Ersehntes, heißt es ohne Zweifel.
Anmerkung: Īṃ auṃ ist eine Lauterläuterung des Drucks. Die Form cakārāti niṣūditi ist beschädigt und wird nicht frei zu einem ausführlichen Vernichtungssatz ergänzt. Yaiḥ folgt dem Druckvorschlag zu ye.
Unnummerierter Abschnitt: Wirkungen und Schluss des Yogini-Nyasa
Redaktionelle Abschnittsgrenze; Sensharma 1994, Sanskritseiten 93.
etan nyāsaṃ maheśāni kīrtitaṃ yogipūjitam |
trikālaṃ vinyased devi dvātraṃśakārakam ||
ṣaṇmāsād devatā satyaṃ bhairavābho bhaved dhruvam ||
dvivarṣāt kāmarūpatvaṃ jāyate nātra saṃśayaḥ |
vismitā ca purā nyasta nyāsaṃ sarvārthasādhakam ||
tena devi nṛsiṃhādi dhatte rūpam amoghadṛk |
amoghatāṃ yāti śive tasya dhāga kadācana ||
tasmāt sarvaprayatnena nyased dehasthirātaye |
na vyādhir na jarāmṛtyur na caivānye vibhīṣakāḥ |
taṃ draṣṭum api śaktāḥ syur nyāsaṃ yaṃ vajrapañjaraḥ ||
Dieser von Yogis verehrte Nyasa ist erklärt, große Herrin. Dreimal täglich soll er angeordnet werden; eine zusätzliche zweiunddreißig betreffende Bestimmung ist uneben. Nach sechs Monaten wird man einer Gottheit beziehungsweise Bhairava gleich, heißt es. Nach zwei Jahren entsteht die Fähigkeit, jede gewünschte Gestalt anzunehmen.
Eine weitere Zeile über einen früher vollzogenen, alle Ziele verwirklichenden Nyasa ist entstellt. Durch ihn nimmt der mit unfehlbarem Blick Begabte Gestalten wie die des Menschlöwen an, Göttin. Eine anschließende Aussage über Unfehlbarkeit bleibt beschädigt.
Deshalb soll man die Anordnung sorgfältig zur Festigung des Körpers vollziehen. Weder Krankheit noch Alter und Tod noch andere Schrecken vermögen den so Geschützten auch nur anzusehen: Dieser Nyasa ist ein Vajra-Gefüge, ein diamantener Schutzpanzer.
Anmerkung: Etan, devi, dvātraṃśakārakam, das Schluss-d bei ṣaṇmāsād und vismitā folgen Druckvorschlägen. Dhāga ist fraglich. Die Schlussgrammatik ist uneben; die Verneinungen bleiben erhalten. Die unnummerierten Wirkungssätze werden nicht nachträglich mit Versnummern 17–41 versehen.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ trayodaśaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 13 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 14: Schrift, Guru und Khechari-Lehre
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 94–100; Durchgehend mit den Matsyendra-Lesarten in Mallinson 2003, Vollkollation S. 195–222, verglichen und selektiv verbessert. Zählung, Reihenfolge und längere Fassung nach Sensharma; alle Eingriffe bei den Versen dokumentiert..
|| caturdaśaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 14.
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
14.1
atha devi pravakṣyāmi vidyāṃ khecarasaṃhitām |
yayā vijñāyate ’bhyāsāt loke ’sminn ajarāmaraḥ || 14.1 ||
Nun, Göttin, werde ich die mit Khechara verbundene Vidya darlegen, durch deren Übung in dieser Welt einer als frei von Alter und Tod erkannt wird.
Anmerkung: Khecarasaṃhitām und yayā sind bei Mallinson für die Matsyendra-Zeugen μ belegt. Sensharma liest khecarīsaṃhitām und yathā. Die schwierige Form vijñāyate, „wird erkannt“, bleibt erhalten; sie wird nicht dem anderslautenden Haupttext der Khecarividya angeglichen. Khecara bedeutet „im Raum wandelnd“; Vidya bezeichnet hier eine Mantra- und Yogalehre.
14.2
mṛtyu-vyādhijarāgrastaṃ dṛṣṭvā viśvam idaṃ priye |
buddhiṃ dṛḍhatarāṃ kṛtvā khecarīṃ tu samāśrayet || 14.2 ||
Wenn man diese von Tod, Krankheit und Alter ergriffene Welt sieht, Geliebte, soll man seinen Entschluss festigen und bei Khechari Zuflucht suchen.
Anmerkung: Dṛṣṭvā, „nachdem man gesehen hat“, folgt allen drei Matsyendra-Zeugen im Apparat. Buddhiṃ übernimmt Sensharmas Verbesserung; im Apparat J₆/J₇ vuddhiṃ, eine abweichende b/v-Schreibung.
14.3
jarāmṛtyugadaghnī yā khecarīṃ vetti bhūtale |
granthataś cārthataś cāpi tadabhyāsaprayogataḥ || 14.3 ||
Khechari vernichtet Alter, Tod und Krankheit. Wer sie auf Erden aus der Schrift, aus deren Sinn sowie durch die Anwendung ihrer Übung kennt, ist der im folgenden Vers bezeichnete Lehrer.
Anmerkung: Ghnī yā folgt μ, tadabhyāsaprayogataḥ J₆/J₇. Die Relativkonstruktion wechselt unregelmäßig vom femininen yā zum unausgedrückten männlichen Kenner; die Übersetzung macht den Zusammenhang mit taṃ … guruṃ in Vers 4 erkennbar. Sensharmas verderbte Wörter werden dadurch ersetzt.
14.4
taṃ devi sarvabhāvena guruṃ matvā samāśrayet |
durlabhā khecarīvidyā tadabhyāsaṃ ca durlabham || 14.4 ||
Diesen Menschen soll man mit ganzem Wesen als Guru anerkennen und sich ihm anvertrauen, Göttin. Schwer zu erlangen sind die Khechari-Vidya und ebenso ihre Übung.
Anmerkung: Durlabhā khecarīvidyā folgt μ. Der anschließende Akkusativ tadabhyāsaṃ … durlabham ist ebenfalls so bezeugt und bleibt als grammatische Unebenheit erhalten.
14.5
abhyāsamelanaṃ caiva yugapan naiva sidhyati |
abhyāsamātranirato na vindeteha melakam || 14.5 ||
Übung und Zusammenkunft gelangen nicht zugleich zur Vollendung. Wer sich allein der Übung widmet, findet hier die Zusammenkunft nicht.
Anmerkung: Nirataḥ, „hingegeben“, folgt J₆/J₇; A und Sensharma haben virataḥ, „abgewandt/innehaltend“. Die Lesart ändert die Aussage deutlich. Die unregelmäßige Form vindeteha folgt μ. Melana beziehungsweise melaka meint zunächst „Zusammenkunft“; ihre Bedeutung wird in Verbindung mit Schrift und Guru entfaltet.
14.6
abhyāsāl labhate devi janmajanmāntare kvacit |
melane bhujagānāṃ ca janmānte tu na labhyate || 14.6 ||
Durch Übung erlangt man es vielleicht in einer späteren Geburt, Göttin. Der zweite Halbvers spricht von einer Zusammenkunft der Schlangen und davon, dass etwas am Ende einer Geburt nicht erlangt werde; seine genaue Verknüpfung bleibt offen.
Anmerkung: Bhujagānām, „der Schlangen“, steht im Druck. Es wird nicht durch das im Zusammenhang erwartbare yoginām ersetzt. Auch das Bezugswort zu labhate fehlt. Mallinson bestätigt die problematische Schlangenlesart: A melane bhujagānāṃ ca, J₇ melanaṃ bhujagānāṃ ca, J₆ melanaṃ bhujagā nāma. Die Schwierigkeit wird durch den Vergleich nicht beseitigt.
14.7
abhyāsaṃ bahujanmānte kṛtvā sadbhāvasādhitam |
melake labhate devi yogī janmāntare kvacit || 14.7 ||
Nachdem der Yogi über viele Geburten hinweg eine durch rechte innere Haltung getragene Übung vollzogen hat, erlangt er, Göttin, vielleicht in einer anderen Geburt die Zusammenkunft.
Anmerkung: Der Druck hat melake statt des syntaktisch erwartbaren Akkusativs melakam; die Übersetzung gibt den wahrscheinlichen Satzsinn wieder. Sadbhāva kann auch den wahren Zustand bezeichnen. A stützt sadbhāvasādhitam; J₆/J₇ lesen tadbhāvasādhitam, „durch jenen Zustand verwirklicht“.
14.8
yadā tan melakaṃ karma tadā śivatvam āpnuyāt |
vimuktiṃ saṃsṛtivṛttāt labhate parameśvari |
tadā tat siddhim āpnoti tad uktaṃ śāstrasaṃtatau || 14.8 ||
Wenn jenes Geschehen der Zusammenkunft eintritt, soll er Shiva-Sein erlangen. Er gewinnt Befreiung aus dem Kreislauf des Daseins, höchste Herrin. Dann erreicht er die Vollendung; so wird es in der Überlieferungsfolge der Schriften gelehrt.
Anmerkung: Drei gedruckte Langzeilen. Yadā, āpnuyāt und vimuktiṃ folgen den im Druck gebotenen Verbesserungen zu tadā, āpnoti und vimuktiḥ. Der Zusatz über Shiva-Sein und Befreiung ist auch für A im Apparat zu 1.8a nachgewiesen, dort in abweichender grammatischer Fassung. Er fehlt an dieser Stelle in J₆/J₇; die längere Gestalt des verwendeten Drucks bleibt erhalten.
14.9
granthataś cārthataś caiva labhate melakaṃ tadā |
tadā śivatvam āpnoti vimuktaḥ saṃsṛtivṛttāt || 14.9 ||
Wenn er die Zusammenkunft aus der Schrift und ihrem Sinn erlangt, erreicht er Shiva-Sein, befreit aus dem Kreislauf des Daseins.
Anmerkung: Arthataḥ folgt der Ergänzung ta im Druck. Zur Schlussform bieten die Matsyendra-Zeugen abweichende, teilweise unsichere Lesungen: A vṛtān, J₆ vra*j*āt, J₇ vṛtāt. Die deutsche Wiedergabe versteht die Wortgruppe als Bindung an den Kreislauf des Daseins.
14.10
śāstraṃ vinā samāvoḍhuṃ guravo ’pi na śaknuyuḥ |
tasmāt sudurlabhataraṃ labhyaṃ śāstram idaṃ priye || 14.10 ||
Ohne die Schrift vermögen selbst Gurus es nicht vollständig aufzunehmen. Deshalb muss diese überaus schwer zugängliche Schrift erlangt werden, Geliebte.
Anmerkung: Samāvoḍhum folgt A; J₆/J₇ samāvoḍham. Das Verb sam-ā-vah bezeichnet ein Aufnehmen oder Herantragen; sein Objekt ist nicht ausgesprochen. Sensharmas samāroḍhum, „emporzusteigen“, wird ersetzt. Sudurlabhataraṃ ist durch J₆ gestützt.
14.11
yāvan na labhyate granthas tāvad gāṃ paryaṭed imām |
yadā sa labhyate devi tadā siddhiḥ kare sthitā || 14.11 ||
Solange das Buch nicht erlangt wird, soll man diese Erde durchwandern. Sobald es erlangt ist, Göttin, liegt die Vollendung in der Hand.
Anmerkung: Die Passivformen labhyate sowie siddhiḥ sind im Apparat für die Matsyendra-Zeugen belegt. Sie bestätigen die entsprechenden Druckverbesserungen.
14.12
na śāstreṇa vinā siddhir aṭato ’pi jagattraye |
tasmān melakadātāraṃ śāstradātāram īśvari || 14.12 ||
Ohne die Schrift gibt es keine Vollendung, selbst wenn einer die drei Welten durchwandert. Deshalb soll man den Geber der Zusammenkunft und den Übermittler der Schrift, Herrin, in der nun genannten Weise betrachten.
Anmerkung: Siddhir aṭato folgt μ: „Vollendung … des Umherwandernden“. Sensharmas Worttrennung mit raṭataḥ würde „des laut Rufenden“ ergeben. Der Satz setzt sich in Vers 13 fort.
14.13
tadabhyāsapradātāraṃ śivaṃ matvā sadā yajet |
tantrāś ca bahavo devi mayā proktāḥ surārcite || 14.13 ||
Auch den, der ihre Übung vermittelt, soll man als Shiva ansehen und stets verehren. Viele Tantras habe ich gelehrt, Göttin, die du von den Göttern verehrt wirst.
Anmerkung: Yajet, „soll verehren“, folgt μ; Sensharma japet, „soll rezitieren“. Śivaṃ behält die bereits im Druck ausgewiesene Ergänzung bei; A/J₆ śiva, J₇ śivaṃ. Tantrāś ist in A/J₆ belegt.
14.14
na teṣu khecarīsiddhir ākhyātā mṛtyunāśinī |
mahākālaṃ ca mārtaṇḍaṃ vivekādyaṃ ca śāṃvaram || 14.14 ||
In ihnen ist die den Tod vernichtende Vollendung der Khechari nicht dargelegt. Genannt werden Mahakala und Martanda, Vivekadya sowie Shamvara.
Anmerkung: Śāṃvaram folgt J₆/J₇; A und Sensharma śābharam. Die Werktitel oder Titelbestandteile werden nicht ohne weitere Belege mit bestimmten erhaltenen Tantras gleichgesetzt. Die Aufzählung setzt sich in Vers 15 fort.
14.15
viśuddheśvarasaṃjñaṃ ca tathā vai jālaśaṃvaram |
eteṣu tantravaryeṣu tadabhyāsaprakāśitam || 14.15 ||
Hinzu kommen das Vishuddheshvara genannte Werk und ebenso Jalashamvara. In diesen vortrefflichen Tantras ist die betreffende Übung dargelegt.
Anmerkung: Viśuddheśvarasaṃjñaṃ und jālaśaṃvaram sind für μ belegt. Der zweite Name wird als Einheit gelesen; die frühere Wiedergabe als ein „vortreffliches Netz-Werk“ entfällt. Die Endungen in tadabhyāsaprakāśitam bleiben unregelmäßig; keine Gleichsetzung mit einem Yoginijala-Tantra.
14.16
kvacit spaṣṭaṃ tathāspaṣṭa kvacit taṃ melakādikam |
asmin tantre vare divye melakādi prakāśitam || 14.16 ||
Mancherorts ist die Zusammenkunft mit dem, was zu ihr gehört, deutlich, andernorts undeutlich dargelegt. In diesem vortrefflichen göttlichen Tantra wird die Zusammenkunft mitsamt dem Zugehörigen offengelegt.
Anmerkung: Spaṣṭaṃ tathāspaṣṭa folgt A; J₆/J₇ bieten spṛṣṭaṃ tathāspṛ, Sensharma spṛṣṭaṃ tathāspṛṣṭam. Die fehlende Akkusativendung nach tathāspaṣṭa wird nicht ergänzt. Die deutsche Wiedergabe folgt dem in A belegten Gegensatz „deutlich/undeutlich“.
14.17
yady ajñeyaṃ bhavet kiñcid durjñeyaṃ khecarīmate |
tataḥ samyag ihāsmābhis tava devi prakāśitam || 14.17 ||
Was in der Khechari-Lehre unerkennbar oder schwer zu verstehen sein mag, das ist hier von uns für dich angemessen offengelegt worden, Göttin.
Anmerkung: Yady ajñeyam, „wenn etwas unerkennbar ist“, folgt A und dem korrigierten J₇; J₆ ist an dieser Stelle unsicher. Die ergänzte Endung in kiñcid bleibt nach Sensharma. Die übrige Fassung ist durch μ gestützt.
14.18
tasmāc chāstraṃ pralabhyeta mayoktam idam adbhutam |
gopanīyaṃ suguptatvān na sarvatra prakāśitam || 14.18 ||
Darum soll man diese wunderbare, von mir verkündete Schrift erlangen. Sie ist geheim zu halten; weil sie tief verborgen ist, wurde sie nicht überall bekannt gemacht.
Anmerkung: Pralabhyeta ist durch μ gestützt. Die kürzere Fassung mit suguptatvān bleibt nach Sensharma; A suguptatvā, J₇ suguptatvān maheśāni, J₆ suguhyatvān maheśāni. Die längeren Fassungen überschreiten hier das übliche Versmaß.
14.19
manmukhāmburuhāj jātaṃ yas tu śāstrāmṛtaṃ vadet |
sa eva hi guruḥ satyam arthato vetti yaḥ punaḥ || 14.19 ||
Wer den aus dem Lotus meines Mundes hervorgegangenen Nektar der Schrift ausspricht, ist wahrhaft ein Guru. Wer ihn darüber hinaus seinem Sinn nach versteht, wird im folgenden Vers noch höher gestellt.
Anmerkung: Der Satzanschluss reicht nach 20.
14.20
sa cādhikaḥ samākhyāto na gurus tena cādhikaḥ |
labdhvā śāstram idaṃ guhyaṃ anyeṣāṃ na prakāśayet || 14.20 ||
Dieser wird als höherstehend bezeichnet; kein Guru ist ihm überlegen. Hat man hier die geheime Schrift erlangt, soll man sie anderen nicht offenbaren.
Anmerkung: Cādhikaḥ samākhyāto, idaṃ und die Verneinung na in der letzten Zeile sind durch J₆ gestützt. Na gurus tena cādhikaḥ ist die unebene Vergleichsformulierung von μ; sie wird als „kein Guru ist ihm überlegen“ verstanden.
14.21
suvicārya pravaktavyam ekamārgopajīvinā |
ṣaṭpadaṃ paramaṃ śāstraṃ yathā tathā prakāśayet || 14.21 ||
Wer von dem einen Weg lebt, soll sie erst nach guter Prüfung weitergeben. Wer die höchste Schrift mit ihren sechs Gliedern beliebig bekannt macht, fällt unter die im nächsten Vers ausgesprochene Drohung.
Anmerkung: Paramaṃ nach dem Druckvorschlag zu parasaṃ. Ṣaṭpada kann „mit sechs Gliedern/Schritten“ heißen; welche Einteilung gemeint ist, wird hier nicht erklärt. Satzanschluss in 22.
14.22
sa śīghraṃ bhakṣyate devi yoginībhiḥ śivājñayā |
granthi nodgranthayed asya vinā kaulikatarpaṇāt || 14.22 ||
Dieser wird, Göttin, auf Shivas Befehl rasch von den Yoginis verzehrt. Den Knoten dieses Buches soll man nicht lösen, ohne zuvor eine Kaula-Darbringung vollzogen zu haben.
Anmerkung: Granthi nodgranthayed asya folgt μ. Gemeint ist das Lösen des Buchbandes; der erwartete Akkusativ granthim steht in den Matsyendra-Zeugen ohne auslautendes m. Kaulika-tarpaṇa bezeichnet die Darbringung zur rituellen Sättigung; vinā mit Ablativ ist ungewöhnlich.
14.23
pūjitaṃ śubhavastrasthaṃ divyadhūpasudhūpitam |
śrāvayed vijane sthāne yogine yogaśāline || 14.23 ||
Das verehrte, in ein schönes Tuch gelegte und mit göttlichem Räucherwerk wohl beduftete Buch soll man an einem abgeschiedenen Ort einem im Yoga erfahrenen Yogi vorlesen.
Anmerkung: Śubhavastrastham ist durch J₆ gestützt: „in einem schönen Tuch befindlich“. Damit ist die zuvor verderbte Angabe zur Ausstattung des Buches geklärt. Śrāvayed folgt J₆/J₇, vijane sthāne μ.
14.24
yasminn apūjitaṃ śāstraṃ idaṃ tiṣṭaṃti vai gṛhe |
tatrāgnirudgahārātripīḍā bhavati niścitam || 14.24 ||
Wo diese Schrift unverehrt im Haus aufbewahrt wird, treten gewiss Bedrängnisse auf. Die zweite Zeile nennt Feuer; die anschließende Wortreihe der Unheilsarten bleibt unsicher.
Anmerkung: Apūjitaṃ und die unregelmäßige Verbform tiṣṭaṃti folgen μ, vai gṛhe J₆/J₇. Damit sind Verneinung und Hausbezug belegt. Rudgahārātri folgt A/J₆; J₇ rudgṛhārātri. Die geglättete Lesart ruggrahārāti des Khecarividya-Haupttextes wird nicht als Matsyendra-Lesart eingesetzt.
14.25
yatremaṃ pūjitaṃ granthaṃ gṛhe tiṣṭhati pārvati |
tatra sarvārthadāyinyo vasanti kuladevatāḥ || 14.25 ||
Wo dieses Buch verehrt im Haus aufbewahrt wird, Parvati, wohnen die Kula-Gottheiten, die alle Ziele gewähren.
Anmerkung: Yatremaṃ folgt μ, gṛhe und dāyinyo J₆. Die unebene Akkusativfügung imaṃ … granthaṃ bleibt erhalten. Tiṣṭhati ist gegenüber der graphischen Form tiṣṭati normalisiert.
14.26
tasmāt sarvaprayatnena gopanīyaṃ vijānatā |
yo ’smin yogī mayoktāni saṃsiddhīni samīhate || 14.26 ||
Deshalb muss der Verständige es mit aller Sorgfalt geheim halten. Der Yogi, der die von mir genannten Vollendungen in diesem Werk anstrebt, soll tun, was der nächste Vers sagt.
Anmerkung: Saṃsiddhīni ist die in μ bezeugte unregelmäßige Bezeichnung der Vollendungen. Der Satz läuft nach Vers 27 weiter.
14.27
sa yogī sarvabhāvena gopaye pustakaṃ tv idam |
ahaṃ tas tu guruṃ devi yatrāste pustakaṃ svayam || 14.27 ||
Dieser Yogi soll dieses Buch mit seinem ganzen Wesen bewahren. Dort, wo das Buch selbst vorhanden ist, bin ich der Guru, Göttin.
Anmerkung: Gopaye, ahaṃ tas tu guruṃ und yatrāste folgen dem Apparat: die letzten Wörter nach J₆/J₇, die übrigen nach μ. Mehrere grammatische Unebenheiten bleiben erhalten. Der Zusammenhang legt die Aussage nahe, dass Shiva dort Guru ist, wo das Buch selbst anwesend ist.
14.28
guṇāguṇaṃ maheśāni pustakasya ca rakṣaṇe |
prakaṭaṃ ca mayā proktaṃ idānīṃ khecarīṃ śṛṇu || 14.28 ||
Vorzüge und Nachteile im Zusammenhang mit der Bewahrung des Buches habe ich nun deutlich dargelegt, große Herrin. Höre jetzt von Khechari.
Anmerkung: Guṇāguṇam folgt J₆: „Vorzug und Nichtvorzug“, hier als „Vorzüge und Nachteile“ verstanden. A/J₇ guṇāśuṇam; Sensharmas Aufforderung guṇān śṛṇu entfällt. Rakṣaṇe folgt μ.
14.29
yatrāste ca gurur devi divyayogaprasādhakaḥ |
tatra gatvā ca tenoktāṃ vidyāṃ saṃgṛhya khecarīm || 14.29 ||
Dorthin, wo der Guru weilt, der den göttlichen Yoga zur Vollendung bringt, soll man gehen, Göttin, und die von ihm gelehrte Khechari-Vidya empfangen.
Anmerkung: Der Satz setzt sich in 30 fort. J₆/J₇ haben den unregelmäßigen Akkusativ guruṃ anstelle des hier nach Sensharma beibehaltenen gurur; am Satzsinn ändert dies nichts.
14.30
tenoktā samyagabhyāsaṃ kuryād ādāv atandritaḥ |
vidyāṃ ca khecarīṃ devi pravakṣye yogasiddhidām || 14.30 ||
Zu Beginn soll man unermüdlich die rechte, von ihm gelehrte Übung ausführen. Ich werde die Khechari-Vidya darlegen, Göttin, die die Vollendung des Yoga gewährt.
Anmerkung: Tenoktā ist im Druck grammatisch uneben; pravakṣye übernimmt dessen Verbesserung zu pravakṣe. Die klare Wendung ādāv atandritaḥ bleibt nach dem verwendeten Druck. Die vollständige Kollation bietet für μ dagegen āhāv und für J₆/J₇ alaṃdritaḥ; sie liefert hier keine bessere Lesung.
14.31
na tayā rahito yogī khecarīsiddhibhāg bhavet |
khecaryā khecarīṃ yuñjan khecarībījapūrvayā || 14.31 ||
Ohne diese Vidya erlangt der Yogi keinen Anteil an der Khechari-Vollendung. Indem er Khechari mit jener Khechari übt, der das Khechari-Bija vorangeht, erreicht er das im nächsten Vers Genannte.
Anmerkung: Khecarībījapūrvayā ist durch μ belegt; das frühere isolierte bījaṃ entfällt. Die feminine Instrumentalform gehört zu khecaryā. Die wiederholte Bezeichnung Khechari kann Mantra und Praxis zugleich betreffen; der Vers benennt ihre genaue Zuordnung nicht.
14.32
khecarādhipatir bhūtvā khecareṣu sadā vaset |
khecarāvasathaṃ vahnir ahnīmaṇḍalabhūṣitam || 14.32 ||
Zum Herrn der im Raum Wandelnden geworden, soll er stets unter ihnen wohnen. Es folgt eine verschlüsselte Bija-Beschreibung mit der „Wohnstätte des Khechara“, Feuer und einem schmückenden Mandala; dessen Bestimmung ahnī bleibt unklar.
Anmerkung: Vahnir ahnīmaṇḍalabhūṣitam folgt μ; khecarāvasatham A/J₇. Sensharmas Verbesserung zu ravi, „Sonne“, wird nicht übernommen. Weder Sonnenscheibe noch ein bestimmter Bija-Laut sind damit verlässlich erschlossen. Anschluss in Vers 33.
14.33
vyākhyātaṃ khecarībījaṃ tena yogaḥ prasidhyati |
mastakākhyo mahācaṇḍā śikhivahnikavajrabhṛt || 14.33 ||
So ist das Khechari-Bija erklärt; durch dieses kommt der Yoga zur Vollendung. Es folgt eine weitere verschlüsselte Reihe: „der Kopf Genannte“, Mahachanda, Flamme, Feuer und die nicht sicher gliederbare Wortgruppe kavajrabhṛt.
Anmerkung: Mastakākhyo mahācaṇḍā und vahnikavajrabhṛt folgen dem ersten Vorkommen in μ, śikhi folgt J₇; A śivi, J₆ śiṃkhi. Der Apparat stellt eine lesbare Lautfolge bereit, sichert aber noch keine eindeutige Entschlüsselung aller Decknamen.
14.34
pūrvabījayutā vidyā vyākhyātā hy atidurlabhā |
ṣaḍaṅgavidyāṃ vakṣyāmi tathā ṣaṭsvarabhinnayā || 14.34 ||
Die mit dem vorangehenden Bija verbundene, äußerst schwer zugängliche Vidya ist damit erklärt. Nun werde ich die Vidya mit sechs Gliedern darlegen, die durch sechs Vokale unterschieden wird.
Anmerkung: Pūrvabījayutā folgt μ; „zuvor“ als selbstständiges Adverb entfällt. Die Instrumentalform bhinnayā folgt J₆ und bleibt syntaktisch uneben. Die spätere verwandte Passage in Versen 54–55 wird nicht mit dieser zusammengezogen.
14.35
kuryād devi yathānyāyaṃ sarvavidyāptihetave |
someśān navamaṃ varṇaṃ pratilomena coddharet || 14.35 ||
Man soll ordnungsgemäß verfahren, Göttin, um alle Vidyas zu erlangen. Von Somesha aus soll man rückwärts den neunten Laut entnehmen.
Anmerkung: Yathānyāyaṃ folgt J₆; A/J₇ und Sensharma yathānyāsaṃ, „entsprechend dem Nyasa“. Sarvavidyāptihetave folgt dem ersten Vorkommen in μ. Der mit Someśa bezeichnete Ausgangslaut wird hier nicht eigenmächtig bestimmt.
14.36
tasyās triṃśakam ākhyātaṃ akṣaraṃ candrarūpakam |
tasmād apy aṣṭakaṃ varṇe vilomenāvaraṃ priye || 14.36 ||
Von ihr wird der dreißigste Laut genannt, mondgestaltig. Von diesem aus wiederum wird beim Laut der achte, rückwärts liegende bezeichnet, Geliebte.
Anmerkung: Tasyās triṃśakam und apy aṣṭakaṃ varṇe folgen μ, vilomenāvaraṃ J₆/J₇. Damit ist die Zahl dreißig belegt. Die Bezugnahme mit tasyāḥ und die Kasusfügung bleiben uneben; eine fertige Mantraformel wird daraus nicht ergänzt.
14.37
tathā tatvaṃcamaṃ devi tadādir api pañcamam |
indro ’pi bindusaṃbhinnaṃ kūṭo ’yaṃ parikīrtitaḥ || 14.37 ||
Ferner folgt, Göttin, die unsichere Angabe tatvaṃcamam; ausgehend davon wird wiederum ein fünfter genannt. Auch Indra, mit Bindu versehen, gehört dazu: Dies wird als Mantra-Verbund bezeichnet.
Anmerkung: Tatvaṃcamam folgt J₆/J₇. Es wird nicht als das philosophische tattva übersetzt und nicht ohne Beleg zu tatpañcamam verbessert. Pañcamam und bindusaṃbhinnam folgen μ, parikīrtitaḥ J₆. Die verschlüsselte erste Angabe bleibt unübersetzt.
14.38
gurūpadeśalabhyaṃ ca sarvayogaprasiddhidam |
yat tasya devajā māyā virūpā kāraṇāśrayā || 14.38 ||
Dieser Verbund ist durch die Unterweisung des Gurus zu erlangen und gewährt die Vollendung allen Yoga. Es folgt die Aussage über eine aus der Gottheit geborene, vielgestaltige Maya, die auf Ursachen beruht; ihr Satz wird im nächsten Vers abgeschlossen.
Anmerkung: Ca ergänzt nach μ. Devajā und kāraṇāśrayā sind durch μ bestätigt; sie werden nicht den anderslautenden Lesarten dehajā und karaṇāśrayā des Khecarividya-Haupttextes angeglichen. Virūpā kann „verschieden gestaltet“ oder „missgestaltet“ heißen. Die genaue Satzfügung mit yat tasya bleibt offen.
14.39
svapno ’pi na bhavet tasya nityaṃ dvādaśajāpyataḥ |
ya imāṃ pañcalakṣāṇi japed atisuyantritaḥ || 14.39 ||
Für ihn soll jene Maya bei täglicher zwölffacher Rezitation nicht einmal im Traum auftreten. Wer diese Vidya wohlbeherrscht fünfhunderttausendmal rezitiert, erfährt das im folgenden Vers Genannte.
Anmerkung: Die Verbindung svapno ’pi ist grammatisch uneben; die Übersetzung schließt sie an 38 an. Dvādaśa wird als zwölf belassen, ohne eine ungedruckte Einheit „Hunderttausend“ hinzuzusetzen. Ya folgt dem Druckvorschlag. Atisuyantritaḥ folgt A; J₆/J₇ atisuyantritaṃ. Die Anzahl pañcalakṣāṇi beträgt fünfhunderttausend.
14.40
tasmāt śrīkhecarīsiddhiḥ svayam eva pravartate |
naśyanti sarvavighnāni prasīdanti ca devatāḥ || 14.40 ||
Dadurch stellt sich die ehrwürdige Khechari-Vollendung von selbst ein. Alle Hindernisse verschwinden, und die Gottheiten werden gnädig.
Anmerkung: Tasmāt folgt A, prasīdanti J₆, devatāḥ J₇. A/J₇ prasīdati; A/J₆ devatā. Die Verbindung ca bleibt nach Sensharma; im Apparat ist der betreffende Laut in J₆ unsicher.
14.41
valīpalitanāśaś ca bhaviṣyati na saṃśayaḥ |
evaṃ labdhvā mahāvidyām abhyāsaṃ kārayet tataḥ || 14.41 ||
Auch Falten und graue Haare werden verschwinden, daran besteht nach dieser Lehre kein Zweifel. Nachdem man so die große Vidya erlangt hat, soll man anschließend die Übung ausführen lassen beziehungsweise ausführen.
Anmerkung: Valīpalita mit langem ī ist durch μ gestützt. Kārayet ist eine Kausativform; ein bestimmter weiterer Handlungsträger wird nicht ergänzt.
14.42
anyathā kliśyato devi na siddhiḥ khecarīpade |
yady abhyāsavidhau vidyāṃ labhed yaś ca sudhāmayāṃ || 14.42 ||
Andernfalls gibt es für den sich Abmühenden keine Vollendung im Khechari-Zustand, Göttin. Wenn jemand bei der Übung die nektarhafte Vidya erlangt, folgt die Aussage des nächsten Verses.
Anmerkung: Vidyāṃ ist durch J₆ gestützt, siddhiḥ und sudhāmayāṃ durch J₆/J₇; yady und labhed yaś ca folgen μ. Damit ist der Gegenstand des Erlangens benannt. Yady … yaś ca bleibt eine unebene Konstruktion, doch ist ihr Zusammenhang übersetzbar.
14.43
tataḥ saṃmelakādau ca labdhā vidyāṃ samujjayet |
nānayā rahito devi na kvacit siddhibhāg bhavet || 14.43 ||
Sodann soll er die bei der Zusammenkunft und den damit verbundenen Vorgängen empfangene Vidya zur Entfaltung bringen. Die zweite Zeile sagt in der Fassung von J₆: „Nicht ohne sie, Göttin, soll er irgendwo keinen Anteil an der Vollendung haben.“ Diese doppelte Verneinung ergibt keine sichere Lehraussage.
Anmerkung: Labdhā und samujjayet folgen μ; rahito folgt J₆ gegenüber sahito in A/J₇ und Sensharma. Die Verbform samujjayet ist unsicher; „zur Entfaltung bringen“ gibt nur einen möglichen Sinn. Keine der geprüften Matsyendra-Fassungen beseitigt sämtliche Schwierigkeiten.
14.44
yadedaṃ labhyate śāstraṃ tadā vidyāṃ samāśrayet |
tatas tantroditāṃ siddhim āśu saṃlabhate priye || 14.44 ||
Wenn diese Schrift erlangt ist, soll man sich der Vidya anvertrauen. Dann erlangt man rasch die im Tantra gelehrte Vollendung, Geliebte.
Anmerkung: Yadedaṃ und saṃlabhate folgen J₆/J₇; tantroditāṃ ist in μ belegt.
14.45
tālumūlaṃ samutkṛṣya saptavāsaram ātmavit |
svagurūktaprakāreṇa malaṃ sarvaṃ viśodhayet || 14.45 ||
Nach der historischen Anweisung soll der Selbstkundige sieben Tage lang am Gaumenansatz emporziehen und auf die vom eigenen Guru gelehrte Weise alle Unreinheit beseitigen.
Anmerkung: Die Verse 45–65 beschreiben Eingriffe an Zunge und Gaumen. Die folgende Übersetzung dokumentiert sie als historischen Text und ist keine Anleitung zur heutigen Ausführung. Tālumūlaṃ ist Akkusativ; ein im Druck nicht genanntes anatomisches Gewebe wird nicht ergänzt.
14.46
snuhīpatraṃ nibhaṃ śastraṃ sutīkṣṇaṃ snigdhanirmalam |
samādāya tatas tena romamātraṃ samucchinet || 14.46 ||
Der Text beschreibt, dass man ein Schneideinstrument nimmt, einem Snuhi-Blatt ähnlich, sehr scharf, glatt und rein, und damit einen Einschnitt von der Breite eines Haares macht.
Anmerkung: Snuhī, patraṃ und romamātram sind für A/J₆ belegt; J₇ hat yantram anstelle von patram. Die unebene Worttrennung snuhīpatraṃ nibham bleibt sichtbar. Samucchinet normalisiert lediglich die graphische Schreibung samuchinet. Der historische Eingriff ist keine Empfehlung zur Ausführung.
14.47
chitvā saindhavapathyābhyāṃ cūrṇitābhyāṃ pragharṣayet |
punaḥ saptadine prāpte romamātraṃ samucchinet || 14.47 ||
Nach dem Einschneiden beschreibt der Text das Einreiben mit pulverisiertem Steinsalz und Pathya. Nach Ablauf weiterer sieben Tage soll erneut ein Einschnitt von der Breite eines Haares erfolgen.
Anmerkung: Saindhavapathyābhyāṃ folgt A/J₇; J₆ hat eine zusätzliche Visarga nach saindhava. Die Größenangabe romamātram ist in A/J₇ und mit unsicherem ma auch in J₆ belegt. Chitvā bewahrt die graphische Form der Matsyendra-Zeugen; samucchinet ist orthographisch normalisiert.
14.48
evaṃ krameṇa ṣaṇmāsaṃ nityoyuktaḥ samācaret |
ṣaṇmāsād rasanāmūlaśirābandhaḥ praṇaśyati || 14.48 ||
So soll der Betreffende nach dieser Darstellung sechs Monate lang regelmäßig und schrittweise verfahren. Nach sechs Monaten verschwinde die Bindung der Ader beziehungsweise des Bandes an der Zungenwurzel.
Anmerkung: Nityoyuktaḥ ist die unebene Druckform. Śirā ist vormoderne Körperterminologie; ihre Gleichsetzung mit einer bestimmten heutigen anatomischen Struktur wird hier nicht vorausgesetzt.
14.49
atha vāgīśvarīdhāmaśiro vastreṇa veṣṭitam |
śanair utkarṣayed yogī kālavelāvidhānavit || 14.49 ||
Darauf soll der Yogi die Spitze der „Wohnstätte der Herrin der Rede“, in ein Tuch gehüllt, langsam hervorziehen, kundig der Einteilung von Zeit und Übungsgelegenheiten.
Anmerkung: Die Wortfolge ist für μ belegt. Śiras wird als Schlussglied von vāgīśvarīdhāmaśiras, „Spitze der Wohnstätte der Herrin der Rede“, aufgefasst; nicht als erstes Glied eines Wortes für „Kopftuch“. Die Wohnstätte bezeichnet im Zusammenhang die Zunge.
14.50
punaḥ ṣaṇmāsamātreṇa nityasaṃgharṣaṇāt priye |
bhrūmadhyāvadhi cābhyeti tiryak karṇabilāvadhi || 14.50 ||
Nach weiteren sechs Monaten täglichen Reibens soll sie, Geliebte, bis zur Mitte zwischen den Brauen reichen, seitwärts bis zur Ohröffnung.
Anmerkung: Cābhyeti folgt J₆/J₇, karṇabilāvadhi μ. Die zuvor unklaren Wörter sind damit durch Matsyendra-Zeugen belegt, nicht aus einer modernen anatomischen Deutung ergänzt.
14.51
adhastāt cibukaṃ mūlaṃ prayāti kramakāritā |
punaḥ saṃvatsarāṇāṃ tu tritayād eva līlayā || 14.51 ||
Bei schrittweisem Vorgehen gelangt sie nach unten bis zum Ansatz des Kinns. Nach weiteren drei Jahren erreicht sie mühelos die im nächsten Vers genannten Stellen.
Anmerkung: Kramakāritā und tritayād eva folgen μ; die vermeintliche Anrede devi entfällt. Adhastāt bleibt als ausdrücklich ausgewiesene Verbesserung Sensharmas erhalten; μ bietet adha(s) svā.
14.52
keśāntam ūrdhvaṃ kramati ryak sakhāvadhi priye |
adhastāt kaṇṭhakūpāntaṃ punar varṣatrayeṇa tu || 14.52 ||
Aufwärts gelangt sie bis zur Haargrenze, Geliebte. Die seitliche Grenze bleibt in ryak sakhāvadhi unklar. Nach unten reicht sie bis zum Ende der Halsgrube; nach wiederum drei Jahren folgt die Aussage des nächsten Verses.
Anmerkung: Ūrdhvaṃ kramati, ryak sakhāvadhi und kūpāntaṃ folgen μ. Das verstümmelte ryak ist als Rest von tiryak erkennbar. Die Lesart śaṅkhāvadhi, „bis zur Schläfe“, des Khecarividya-Haupttextes ist für diese Matsyendra-Zeugen nicht belegt und wird nicht eingesetzt.
14.53
brahmarandhrāntam āvṛtya tiṣṭhaty amaravandite |
tiryak cūlītale yāti adhaḥ kaṇṭhabilāvadhi || 14.53 ||
Dann bleibt sie bestehen, nachdem sie das Ende der Brahma-Öffnung umschlossen hat, du von den Unsterblichen Verehrte. Seitwärts gelangt sie zum Grund des Haarschopfes, nach unten bis zur Halsöffnung.
Anmerkung: Randhrāntam folgt J₆/J₇, cūlītale A, das bei Sensharma ausgefallene yāti ist in allen kollationierten Zeugen belegt. Tiṣṭhaty normalisiert die graphische Schreibung tiṣṭaty. Die ungewöhnliche Körperbeschreibung wird nicht anatomisch rekonstruiert.
14.54
śanaiḥ śanaiḥ mastakāc ca mahāvastraṃ kapāṭadhṛk |
pūrvabījayutā vidyāpy ākhyātā yāti durlabhā || 14.54 ||
„Langsam, langsam“: Der erste Halbvers spricht vom Kopf, einem großen Tuch und einem „Torhalter“, ist aber nicht sicher konstruierbar. Anschließend wird erneut die mit dem früheren Bija verbundene, schwer zugängliche Vidya erwähnt; auch dieser Satz ist gestört.
Anmerkung: Kapāṭadhṛk ist die vorläufige, im Druck selbst fragliche Ablesung. Yāti durlabhā wird nicht zu hy atidurlabhā verbessert, obwohl Vers 34 eine ähnliche Aussage enthält. Die Wiederholung ist in μ als zweites Vorkommen der in der Vollkollation unter 1.33c–34b behandelten Passage belegt. A stützt kapāṭadhṛk, J₆ hat kaṇayata anstelle von kapāṭa; dies liefert keine verlässliche Verbesserung. Die Wiederholung bleibt an ihrer Stelle erhalten. Śanaiḥ śanaiḥ wird nun ausdrücklich als „langsam, langsam“ wiedergegeben; der weitere Satzbau bleibt gestört.
14.55
tasyāḥ ṣaḍaṅgaṃ kurvīta tathā ṣaṭ dvārabhinnayā |
kuryād devi yathānyāyaṃ sarva siddhyāptihetave || 14.55 ||
Man soll ihre sechs Glieder vollziehen und ordnungsgemäß verfahren, Göttin, um alle Vollendungen zu erlangen. Die zusätzliche Bestimmung spricht von sechs verschiedenen Toren.
Anmerkung: Der Druck liest dvāra, „Tor“, nicht svara, „Vokal“, wie in 34. Die unebene Fügung ṣaṭ dvārabhinnayā wird nicht angeglichen. Der Gegensatz svara/dvāra ist im Apparat für die beiden Vorkommen ausdrücklich bestätigt; die Wiederholungen werden nicht harmonisiert.
14.56
śanaiḥ śanaiḥ prakartavyam abhyāsaṃ yugapan nahi |
yugapad yaś cared asya śarīraṃ vilayaṃ vrajet || 14.56 ||
Die Übung ist nach und nach auszuführen, keinesfalls auf einmal. Wer alles auf einmal betreibt, dessen Körper würde zugrunde gehen.
Anmerkung: Der historische Text warnt hier selbst ausdrücklich vor tödlicher Überforderung; dies macht die beschriebenen Eingriffe nicht zu einer sicheren heutigen Praxis.
14.57
tasyā śanaiḥ śanaiḥ kāryam abhyāsaṃ varavarṇini |
yadā ca bāhyamārgeṇa jihvā brahmabilaṃ vrajet || 14.57 ||
Ihre Übung soll langsam und schrittweise erfolgen, du Schönfarbige. Wenn die Zunge auf dem äußeren Weg die Brahma-Öffnung erreicht, gilt die folgende Anweisung.
Anmerkung: Der Wortlaut bāhyamārgeṇa, „auf dem äußeren Weg“, wird bewahrt. Satzanschluss in 58.
14.58
tadā brahmārgalaṃ devi durbhedyaṃ tridaśair api |
aṅgulyagreṇa saṃghṛṣya jihvām atra niveśayet || 14.58 ||
Dann beschreibt der Text, Göttin, das Reiben des selbst für die Götter schwer zu durchdringenden Brahma-Riegels mit der Fingerspitze und das Einführen der Zunge an dieser Stelle.
Anmerkung: Jihvām atra folgt J₆/J₇. Die bei Sensharma und A verderbte Wortfolge ist damit durch weitere Matsyendra-Zeugen geklärt; es handelt sich nicht um ein hier zusätzlich zu rezitierendes Mantra.
14.59
evaṃ varṣatrayaṃ kṛtvā brahmadvāraṃ praviśyati |
brahmadvāre praviṣṭe tu samyaṅ mathanam ārabhet || 14.59 ||
Nachdem man dies drei Jahre getan hat, tritt man nach der Darstellung des Textes durch das Brahma-Tor. Ist das Tor betreten, soll das ordnungsgemäße „Quirlen“ beginnen.
Anmerkung: Praviśyati und brahmadvāre folgen J₆/J₇; mathanam, „Quirlen/Reiben“, ist durch μ belegt, ārabhet durch A/J₇. J₆ wiederholt nach dem ersten Halbvers Teile von Vers 58; diese zusätzliche Doppelung wird als Variante vermerkt, nicht in den durchgehenden Drucktext eingefügt.
14.60
mathanena vinā kecit sādhayanti vipaścitaḥ |
khecarīmantrasiddhasya sidhyate manthanaṃ vinā || 14.60 ||
Manche Kundige gelangen ohne dieses Quirlen zur Vollendung. Wer im Khechari-Mantra vollendet ist, erreicht sie auch ohne Quirlen.
Anmerkung: Mathanena und die zweite Form manthanam folgen beide μ. Der Wechsel zwischen den beiden gleichbedeutenden Wortformen bleibt erhalten. Sidhyate folgt J₆/J₇. Die Möglichkeit der Vollendung ohne den körperlichen Vorgang ist ausdrücklich belegt.
14.61
japaṃ ca manthanaṃ caiva kṛtvā śīghraṃ phalaṃ labhet |
svarṇajāṃ raupyajāṃ vāpi lohajāṃ vā śalākikām || 14.61 ||
Durch Rezitation und Quirlen zusammen soll man die Frucht rasch erlangen. Der Text nennt dafür ein kleines Stäbchen aus Gold, Silber oder Eisen.
Anmerkung: Lohajāṃ ist durch μ belegt. Der Satz setzt sich in Vers 62 fort; die Materialien begründen keine heutige Anwendungsempfehlung.
14.62
niyojya nāsikārandhre dṛḍhasnigdhena tantunā |
prāṇān nirudhya hṛdaye dṛḍham āsanam āsthitaḥ || 14.62 ||
Er beschreibt dessen Anbringung an der Nasenöffnung mit einem festen, glatten Faden. Der Übende hält dabei die Lebenshauche im Herzen zurück und nimmt einen festen Sitz ein.
Anmerkung: Der genaue Zusammenhang von Stäbchen und Faden ist im Wortlaut knapp; es werden keine zusätzlichen Handgriffe ergänzt.
14.63
śanaiḥ sa mathanaṃ kuryāt bhrūmadhye nyasya cakṣuṣī |
ṣaṇmāsān mathanāvasthā tāvataiva prajāyate || 14.63 ||
Langsam soll er das Quirlen vornehmen, während die Augen auf die Mitte zwischen den Brauen gerichtet werden. Nach sechs Monaten entsteht dadurch der Zustand des Quirlens.
Anmerkung: Sa mathanam folgt J₆, cakṣuṣī J₆/J₇, ṣaṇmāsān mathanāvasthā μ und tāvataiva J₇. A tāvanaiva, J₆ tāvan naiva, mit Verneinung. Die Wiedergabe folgt der positiven Aussage von J₇. Die Bedeutung des als Ergebnis bezeichneten Zustandes bleibt erklärungsbedürftig.
14.64
samyaksaṃruddhajīvasya yoginas tanmayātmanaḥ |
yathā suṣupti valināṃ yathābhāvas tathā bhavet || 14.64 ||
Für den Yogi, dessen Lebenshauch ganz zurückgehalten ist und dessen Selbst darin aufgeht, soll ein entsprechender Zustand entstehen. Der Vergleich mit Tiefschlaf ist erkennbar; die zugehörige Bestimmung valinām bleibt unsicher.
Anmerkung: Saṃruddhajīvasya, suṣupti valinām und yathā … tathā folgen μ, yoginas J₆/J₇. Damit wird die erste Zeile klarer. Die im Haupttext der Khecarividya gewählte Form bālānām, „der Kinder“, ist für μ nicht belegt; sie wird nicht übernommen.
14.65
na sadā mathanaṃ śastaṃ māsi māse samācaret |
sadā rasanayā devi mārgaṃ tu parisaṃkramet || 14.65 ||
Ständiges Quirlen wird nicht empfohlen; man soll es Monat für Monat ausführen. Mit der Zunge jedoch soll man, Göttin, den Weg regelmäßig durchlaufen.
Anmerkung: Mathanaṃ śastaṃ und das erste māsi folgen μ; das zweite māse J₆/J₇. Māsi ist eine unregelmäßige Lokativform. Die Verneinung des ständigen Quirlens bleibt ausdrücklich erhalten.
14.66
evaṃ dvādaśavarṣānte saṃsiddhiḥ parameśvari |
śarīre sakalaṃ viśvaṃ paśyaty ātmāvibhedataḥ || 14.66 ||
So tritt nach zwölf Jahren Vollendung ein, höchste Herrin. Er sieht das ganze Weltall im Körper, ohne Trennung vom Selbst.
Anmerkung: Saṃsiddhiḥ und ātmāvibhedataḥ sind durch J₆/J₇ gestützt. Die erste Aussage nennt „Vollendung“, nicht das Adjektiv „vollendet“.
14.67
brahmāṇḍe yan mahāmārgaṃ rājadantordhvamaṇḍale |
bhrūmadhye taṃ vijānīyāt bhrūkūṭaṃ siddhisevitam || 14.67 ||
Den großen Weg im Brahma-Ei, im Bereich oberhalb des Königs-Zahns, soll man in der Mitte zwischen den Brauen erkennen: die von Vollendung erfüllte Brauenstelle.
Anmerkung: Bhrūkūṭaṃ folgt J₆/J₇; siddhisevitam ist in μ belegt und wird wörtlich als „von Vollendung aufgesucht/erfüllt“ verstanden. Die andere Lesart siddhasevitam würde „von den Siddhas aufgesucht“ bedeuten. Rājadanta bleibt ein technisch nicht sicher lokalisierter Körperausdruck.
14.68
caṇakāṅkurasaṃkāśaṃ tatra saṃyojayen manaḥ |
lihan rasanayā taṃ tu sravantaṃ paramāmṛtam || 14.68 ||
Dort soll er den Geist auf das richten, was einem Kichererbsenspross gleicht, während er mit der Zunge jenen herabfließenden höchsten Nektar aufleckt.
Anmerkung: Lihan rasanayā folgt J₇, taṃ tu μ. Sravantam behält Sensharmas auslautendes m; A/J₇ sravanta. Der Vergleich wird auf die zuvor beschriebene Stelle bezogen; ein weiterer Chakra-Name wird nicht ergänzt.
14.69
śanair abhyāsamārgeṇa caturvarṣaṃ pibet priye |
valīpalitanāśaś ca saṃsiddhiḥ paramā bhavet || 14.69 ||
Auf dem Weg allmählicher Übung soll er vier Jahre davon trinken, Geliebte. Falten und graues Haar sollen verschwinden, und höchste Vollendung soll eintreten.
Anmerkung: Abhyāsamārgeṇa und die Visarga in saṃsiddhiḥ folgen Druckvorschlägen. Diese Zeit- und Wirkungsangaben werden als Aussagen des Werkes wiedergegeben. Die Genitivform abhyāsamārgasya in μ ergibt keine bessere Konstruktion; Sensharmas ausgewiesene Verbesserung bleibt erhalten.
14.70
sarvaśāstrārthavettā ca jīved varṣasahasrakam |
kanyābilamahīpādarasavādādi siddhayaḥ || 14.70 ||
Er soll den Sinn aller Schriften kennen und tausend Jahre leben. Dann werden besondere Fähigkeiten aufgezählt: Mädchen, Höhlen, Erde beziehungsweise Herrschaft, Füße und Alchemie erscheinen in einer nicht sicher gliederbaren Wortreihe.
Anmerkung: Die Zusammensetzung kanyābilamahīpādarasavādādi lässt sich nicht eindeutig in die üblichen Siddhi-Kategorien zerlegen. Sie wird nicht zu einer vermeintlich festen Standardliste verbessert. Anschluss in 71. Auch μ bietet kanyābilamahīpāda; die schwer deutbare Reihe ist damit als Überlieferungsproblem bestätigt.
14.71
yoginaḥ saṃpravartante pañcavarṣeṇa pārvati |
samyag rasanayā yogī sravantam amṛtodakam || 14.71 ||
Diese Fähigkeiten stellen sich für den Yogi nach fünf Jahren ein, Parvati. Mit der Zunge nimmt der Yogi ordnungsgemäß das fließende Nektarwasser auf, wie der nächste Vers weiter ausführt.
14.72
pītvā pītvā viśet svasthaṃ vratastho dvādaśābdakam |
anenābhyāsayogena valīpalitavarjitaḥ || 14.72 ||
Nachdem er wiederholt getrunken hat, soll er zwölf Jahre lang an seinem Gelübde festhalten und in einen Zustand des In-sich-Ruhens eintreten. Durch diese Verbindung von Übung und Yoga wird er frei von Falten und grauem Haar.
Anmerkung: Pītvā pītvā viśet svasthaṃ vratastho dvādaśābdakam ist in μ belegt; insbesondere sind nun zwölf Jahre ausdrücklich genannt. Svastham wird substantivisch als Zustand des In-sich-Ruhens aufgefasst. Diese Deutung der ungewöhnlichen Akkusativfügung bleibt unsicher, während die Zeitangabe gesichert ist.
14.73
vajrakāyo mahāyogī varṣalakṣaṃ prajīvati |
daśanāgasahasrāṇāṃ balena sahitaḥ priye || 14.73 ||
Der große Yogi mit diamantfestem Körper lebt nach dieser Verheißung hunderttausend Jahre, Geliebte, ausgestattet mit der Kraft von zehntausend Elefanten.
Anmerkung: Varṣalakṣam und daśanāgasahasrāṇām werden mit ihren tatsächlichen Zahlenwerten wiedergegeben.
14.74
sa dūradarśanaḥ caiva dūraśravaṇam eva ca |
nigrahānugrahe śaktiḥ sarvatra balavān bhavet || 14.74 ||
Er besitzt Fernsicht und Ferngehör, die Macht zu Zurückweisung und Begünstigung, und ist überall kraftvoll.
Anmerkung: Die Kasusformen sind uneben; nigraha und anugraha bezeichnen hier die beiden Seiten der behaupteten Wirkmacht.
14.75
etādyāḥ siddhayo devi bhrūmadhye saṃbhavanti hi |
ākāśe rasanāṃ kṛtvā dantapaṅktīr nipīḍayet || 14.75 ||
Diese und weitere Vollendungen entstehen nach der Lehre in der Brauenmitte, Göttin. Nach dem Ansetzen der Zunge im Raum beschreibt der Text ein Zusammendrücken der Zahnreihen.
Anmerkung: Etādyāḥ, „diese und weitere“, liest die in μ bezeugte Folge etā-dyāḥ zusammen. Dantapaṅktīr nipīḍayet folgt J₇. A und Sensharma haben na pīḍayet, „soll nicht drücken“; J₆ hat ni, aber ein verderbtes Verb. Die positive Anweisung von J₇ wird nicht mit der abweichenden Verneinung vermischt.
14.76
kākacañcupuṭaṃ vaktraṃ kṛtvā tad amṛtaṃ pibet |
bhānuvatsarataḥ satyaṃ jarāmaraṇavarjitaḥ || 14.76 ||
Der Mund soll wie ein Krähenschnabel geformt werden, um jenen Nektar zu trinken. Der zweite Halbvers verspricht Freiheit von Alter und Tod nach einer mit Bhanu bezeichneten Jahreszahl.
Anmerkung: Jarāmaraṇavarjitaḥ ist durch μ belegt. Bhānu, „Sonne“, kann als Zahlenwort zwölf bezeichnen; die historische Zeitangabe wird hier dennoch nicht ohne ausdrücklichen Vorbehalt in zwölf Jahre umgeschrieben.
14.77
khecaratvam avāpnoti jīvaty ā candratārakam |
pādukākhaḍgavetālasiddhadravyamanaḥśilā || 14.77 ||
Er erlangt die Fähigkeit, im Raum zu wandeln, und lebt, solange Mond und Sterne bestehen. Es folgen Sandalen, Schwert, Vetala, wirkmächtige Substanzen und Manahshila.
Anmerkung: Vetāla folgt J₇, siddhadravya und manaḥśilā μ beziehungsweise J₆/J₇. A/J₆ vetolaḥ. Vetala bezeichnet einen Leichengeist; die Aufzählung betrifft behauptete magische Fähigkeiten und Mittel. Die Kasusreihe bleibt uneben und setzt sich in Vers 78 fort.
14.78
aṃjanaṃ vivaraś caiva kheṭakaṃ yakṣiṇī tathā |
yat kiñcit siddham anyac ca vidyate bhuvanatraye || 14.78 ||
Augensalbe, unterirdischer Zugang, Khetaka und eine Yakshini werden ebenfalls genannt, dazu jede andere Vollendung, die es in den drei Welten gibt.
Anmerkung: Anyac ca und vidyate folgen Druckverbesserungen. Kheṭaka kann unter anderem „Schild“ heißen, ist als Siddhi-Bezeichnung hier aber nicht sicher erklärt. Aṃjana wird mit der gedruckten Anusvara-Schreibung bewahrt. Satzanschluss in 79. Die weitere Kollation bietet keine klare Verbesserung des Schlusses: A siddhamayaṃ, J₆/J₇ sidhamayaṃ, dazu A vidyāne und J₆/J₇ vidyā te. Die hier übersetzte klare Fassung beruht daher weiterhin auf Sensharmas ausgewiesenen Druckverbesserungen, nicht auf einer gesicherten gemeinsamen Handschriftenlesart.
14.79
tat sarvam eva sahasā sādhayet sādhakottamaḥ || 14.79 ||
All dies soll der vortrefflichste Sadhaka unverzüglich verwirklichen.
Anmerkung: Diese nummerierte Einheit besteht im Druck nur aus einer Langzeile.
Schlusskolophon
|| iti matsyendrasaṃhitāyāṃ caturdaśaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 14 der Matsyendra Samhita.
Kapitel 15: Nektarorte, Kalas und innere Körperwelt
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 101–108; Durchgehend mit den Matsyendra-Lesarten in Mallinson 2003, Vollkollation S. 224–250, verglichen und selektiv verbessert; Druckzählung unverändert, einschließlich zweier mit 62 bezeichneter Positionen..
|| pañcadaśaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 15.
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
15.1
yatra brahmārgaladvāraṃ durvijñeyaṃ maheśvari |
kalā catuṣkaṃ tatrasthaṃ caturvargātmakaṃ param || 15.1 ||
Dort, wo sich das schwer zu erkennende Tor des Brahma-Riegels befindet, große Herrin, weilt die höchste Vierheit der Kalas, deren Wesen die vier Lebensziele bilden.
Anmerkung: Brahmārgaladvāraṃ folgt J₆/J₇, caturvargātmakaṃ J₆; A/J₇ und Sensharma caturvaktrātmakaṃ, „mit vier Gesichtern“. Caturvarga wird im Zusammenhang mit den folgenden Herrschaftsbereichen als die Vierheit der Lebensziele verstanden. Catuṣkam bleibt Sensharmas ausgewiesene Verbesserung. Kalā bezeichnet hier eine personifizierte Kraft beziehungsweise einen Nektaranteil.
15.2
pūrvabhāge kṛtā nāma guptā dakṣiṇagocarā |
śivā paścimadigbhāge parāparaśivottare || 15.2 ||
Im östlichen Bereich heißt sie Krita; Gupta gehört zum südlichen. Shiva liegt im westlichen Bereich, Paraparashiva im nördlichen.
Anmerkung: Paścimadigbhāge und śivottare sind durch die Matsyendra-Zeugen gestützt. Die Namen Krita, Gupta, Shiva und Paraparashiva bleiben erhalten; keine Ersetzung durch geläufigere Namenslisten.
15.3
tad dvāraṃ rasanāgreṇa bhittvā pūrvakalāmṛtam |
yadā pibati vai yogī māsādharmādhipo bhavet || 15.3 ||
Wenn der Yogi nach dem Durchbrechen jenes Tors mit der Zungenspitze den Nektar der östlichen Kala trinkt, wird er nach der Verheißung des Textes innerhalb eines Monats zum Herrn des Dharma.
Anmerkung: Māsādharmādhipo folgt J₆/J₇. Die graphisch verkürzte Folge wird im Sinne von māsād dharmādhipo verstanden. A und Sensharma bieten einen halben Monat und lassen den Herrschaftsbereich unklar. Die Wahl von J₆/J₇ ändert daher sowohl die Zeitangabe als auch ihren Gegenstand.
15.4
yadā guptāmṛtaṃ dakṣe yogī rasanayā lihet |
māsād eva na sandehaḥ sākṣād artheśvaro bhavet || 15.4 ||
Wenn der Yogi rechts den Nektar der Gupta mit der Zunge aufleckt, wird er nach nur einem Monat unmittelbar zum Herrn des Reichtums, daran besteht nach dem Text kein Zweifel.
Anmerkung: Artheśvara ist als artheśvara, „Herr über Besitz/Ziele“, verstanden; es wird keine bestimmte Gottheit ergänzt. Die Visarga in sandehaḥ folgt der Druckergänzung.
15.5
tat paścimakalājātaṃ śuddhaṃ pibati jihvayā |
yadā tadā mahāyogī māsāt kāmeśvaro bhavet || 15.5 ||
Wenn der große Yogi mit der Zunge das Reine trinkt, das aus der westlichen Kala entsteht, wird er nach einem Monat zum Herrn des Begehrens.
Anmerkung: Kāmeśvara kann zugleich ein göttlicher Titel sein; die Übersetzung bewahrt die wörtliche Bedeutung. Die Wortgruppe śuddhaṃ pibati jihvayā ist für μ belegt. Dort kalājālam anstelle des bei Sensharma beibehaltenen kalājātam; der Zusammenhang wird weiterhin als Hervorgehen aus der westlichen Kala verstanden.
15.6
uttarasthakalājātam amṛtaṃ prapibed yadā |
tadāsau pārameṣṭhīnām ādhipatyam avāpnuyāt || 15.6 ||
Wenn er den Nektar trinkt, der aus der im Norden befindlichen Kala entsteht, soll er die Oberherrschaft über die Parameshthins erlangen.
Anmerkung: Pārameṣṭhīnām mit langem ī folgt J₆. Gemeint sind höchste beziehungsweise an höchster Stelle stehende Wesen; eine bestimmte Gruppe wird hier nicht zusätzlich festgelegt.
15.7
tadūrdhvamaṇḍale līnaṃ brahmarandhre parāmṛtam |
yadā tadāsau pibati jīvanmuktaḥ śivo bhavet || 15.7 ||
Wenn er den höchsten Nektar trinkt, der im darüberliegenden Mandala, im Brahmarandhra, verborgen ist, wird er zu Shiva, bereits im Leben befreit.
Anmerkung: Līnaṃ folgt J₆ und bezieht sich auf den Nektar; A/J₇ und Sensharma līne. Damit entfällt die frühere Übersetzung „bei aufgelöstem Mandala“. Die ungewöhnliche Verbindung yadā tadāsau bleibt nach μ erhalten.
15.8
māse māse vidhiṃ yadā dvādaśābdaṃ samācaret |
sarvarogavinirmuktaḥ sarvajñaguṇapūritaḥ || 15.8 ||
Wenn er das Verfahren Monat für Monat zwölf Jahre lang vollzieht, soll er von allen Krankheiten frei und von den Eigenschaften des Allwissenden erfüllt sein.
Anmerkung: Dvādaśābdam, „zwölf Jahre“, ist für A/J₇ belegt; J₆ hat die b/v-Schreibung dvādaśāvdam. Die übrige Satzgestalt bleibt nach Sensharma. Die Wirkung wird als Verheißung des Werkes wiedergegeben; Anschluss in Vers 9.
15.9
jāyate śivavad yogī loke ’sminn ajarāmaraḥ |
catuṣkalāmṛtaṃ dvāpi pītvā pītvā maheśvari || 15.9 ||
So wird der Yogi in dieser Welt Shiva gleich und frei von Alter und Tod. Immer wieder trinkt er den Nektar der vier Kalas, große Herrin; die Verknüpfung am Ende der ersten Satzhälfte des zweiten Halbverses ist verderbt.
Anmerkung: Catuṣkalāmṛtam folgt μ. Die unklare Folge dvāpi ist ebenfalls in allen drei Matsyendra-Zeugen belegt und wird nicht aus dem Khecarividya-Haupttext zu vāri, „Wasser“, verbessert. Die konkrete Lücke betrifft die Satzverknüpfung, nicht den Nektarbezug.
15.10
brahmasthāne tathā jihvāṃ sa niyojyāmṛtaṃ pibet |
susvādu śītalaṃ hṛdyaṃ kṣīravarṇam aphenilam || 15.10 ||
Nachdem er die Zunge am Brahma-Ort angesetzt hat, soll er Nektar trinken: wohlschmeckend, kühl, angenehm, milchfarben und schaumlos.
Anmerkung: Aphenilam, „schaumlos“, ist für μ belegt und ersetzt die unsichere Druckablesung aphelinam. Hṛdyam folgt A; J₆/J₇ hadyam.
15.11
māsamātraprayogeṇa jāyate śivavat svayam |
dvimāse sarvaśāstrārthaṃ samyag jānāti pārvati || 15.11 ||
Durch einen Monat dieser Anwendung soll er selbst Shiva gleich werden. Nach zwei Monaten erkennt er den Sinn aller Schriften richtig, Parvati.
15.12
svatantraḥ śivavan māsatraye bhavati vai śive |
caturmāse maheśāni sarvajñatvaṃ pravartate || 15.12 ||
Nach drei Monaten wird er unabhängig wie Shiva, Göttin. Im vierten Monat tritt Allwissenheit ein, große Herrin.
Anmerkung: Caturmāse folgt μ; die unregelmäßige Zusammensetzung wird als „im vierten Monat“ verstanden.
15.13
pañcamāse mahāsiddhis trailokyam api paśyati |
ṣaṇmāse paramānandaṃ guṇasadbhāvapūjitaḥ || 15.13 ||
Im fünften Monat entsteht große Vollendung; er schaut auch die drei Welten. Im sechsten Monat wird höchste Wonne genannt; er ist durch das wahre Wesen der Eigenschaften geehrt.
Anmerkung: Guṇasadbhāvapūjitaḥ folgt μ und ersetzt guṇasandānapūjitaḥ. Paramānandam und mahāsiddhiḥ bleiben die grammatisch unebenen Matsyendra-Lesarten. Der Satz setzt sich in Vers 14 fort.
15.14
jāyate nātra sandeho jīvanmuktaḥ parāvare |
saptamāse mahābhūtapiśācoragarākṣasaiḥ || 15.14 ||
Er wird zum bereits im Leben Befreiten, daran besteht kein Zweifel, du Göttin des Höheren und Niederen. Im siebten Monat verbindet sich die Aussage mit großen Geistern, Pishachas, Schlangenwesen und Rakshasas, wie der nächste Vers ausführt.
Anmerkung: Parāvare ist für J₆/J₇ belegt und wird als Anrede der Göttin verstanden. Mahābhūta wird wegen der anschließenden Wesenliste vorläufig als „große Geister“ übersetzt; auch ein Bezug auf die großen Elemente ist sprachlich möglich.
15.15
saha saṃvartate nityaṃ svecchayā hṛṣṭamānasaḥ |
aṣṭame māsaparyāye devaiḥ sammelanaṃ bhavet || 15.15 ||
Mit diesen verkehrt er beständig nach eigenem Willen und mit freudigem Geist. Im achten Monatsabschnitt soll eine Zusammenkunft mit den Göttern stattfinden.
Anmerkung: Saha, „mit“, wird nach μ zusammengeschrieben und nimmt die Instrumentalreihe aus Vers 14 auf.
15.16
navame māsy adṛśyatvaṃ sūkṣmatvaṃ caiva jāyate |
daśame kāmarūpatvaṃ sarvalokaprakāśanā || 15.16 ||
Im neunten Monat entstehen Unsichtbarkeit und Feinheit. Im zehnten folgen die Fähigkeit, jede gewünschte Gestalt anzunehmen, und das Offenbarwerden aller Welten.
Anmerkung: Die abschließende Form prakāśanā ist grammatisch uneben.
15.17
ekādaśe trikālajñaḥ sarvalokeśvaraḥ prabhuḥ |
jāyate śivavad devi satyam etan mayoditam || 15.17 ||
Im elften Monat wird er zum Kenner der drei Zeiten, zum mächtigen Herrn aller Welten, Shiva gleich, Göttin. Dies habe ich wahrhaft ausgesprochen.
Anmerkung: Die „drei Zeiten“ sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
15.18
yatra tūlītalaṃ proktaṃ kedāraṃ prāhur īśvari |
tatra somakalāś cāṣṭau vikhyātā vīravandite || 15.18 ||
Die Stelle, die als Tulitala bezeichnet wird, nennt man Kedara, Herrin. Dort sind acht lunare Kalas bekannt, du von den Helden Verehrte.
Anmerkung: Tūlītalaṃ folgt J₆; A/J₇ tūlītalām. Die Form wird nicht dem cūlitala des Khecarividya-Haupttextes angeglichen. Somakalāś folgt J₆/J₇; A saumakalāś. Danach fehlt im Druck die Nummer 19. Die vergleichbare Textfolge des Apparats zeigt, dass aus der fehlenden Nummer allein kein verlorener ganzer Vers folgt.
15.20
amṛtā prathamā devi dvitīyā mānadāhvayā |
pūṣā tuṣṭiś ca … ratiś caiva dhṛtis tathā || 15.20 ||
Die erste heißt Amrita, Göttin, die zweite Manada. Genannt werden ferner Pusha und Tushti; nach einer Textlücke folgen Rati und Dhriti.
Anmerkung: Die sichtbare Punktlücke des Drucks bleibt erhalten. Auch μ fehlt der im Khecarividya-Haupttext stehende Abschnitt puṣṭiś ca; dieser wird nicht als Matsyendra-Text ergänzt. Nach der Gesamtzahl acht fehlt in der erhaltenen Namensreihe mindestens ein Name. Die nicht vergebene Drucknummer 19 ist davon zu unterscheiden.
15.21
śaṅkhinī cāṣṭamī sarvāḥ parāmṛtamahārṇavāḥ |
tad dhāmābhimukhīṃ jihvāṃ yadā yogī karoti ca || 15.21 ||
Die achte ist Shankhini; alle sind große Ozeane höchsten Nektars. Wenn der Yogi die Zunge ihrem Ort zuwendet, gilt die folgende Aussage.
Anmerkung: Jihvāṃ und abhimukhīṃ sind durch μ beziehungsweise J₆/J₇ gestützt. Śaṅkhinī ist ausdrücklich die achte Kala; die andere Lesart śaśinī des Khecarividya-Haupttextes wird nicht übernommen. Parāmṛtamahārṇavāḥ bleibt Sensharmas kürzere Form gegenüber paramāmṛtamahārṇavāḥ in J₆/J₇.
15.22
aṣṭadhā sravate tatra tadā tuhinasaṃtatiḥ |
tadāplavanasaṃyogāt kalevaragadakṣayaḥ || 15.22 ||
Dann fließt dort achtfach ein Strom von Kühle. Durch die Verbindung mit diesem Überfluten sollen die Krankheiten des Körpers schwinden.
Anmerkung: Tadāplavanasaṃyogāt und kalevaragadakṣayaḥ sind für μ belegt. Die Aussage betrifft das Schwinden der Körperkrankheiten, nicht unmittelbar die Unvergänglichkeit des Körpers. Die Stammsilbe -plavana- hat gegenüber -plāvana- ein kurzes a.
15.23
aṣṭabhir māsaparyāyaiḥ khecaratvaṃ prajāyate |
bhrūmadhyaṃ nāma yad dhāma tat proktaṃ somamaṇḍalam || 15.23 ||
Nach acht Monatsabschnitten entsteht die Fähigkeit des Raumwandelns. Der Ort, der Brauenmitte heißt, wird als Mondmandala bezeichnet.
Anmerkung: Yad dhāma ist im Druck fraglich, aber im Satz verständlich.
15.24
kalācatuṣkaṃ tatroktaṃ paramāmṛtaniketanam |
caṇḍikākhyā ca kāntiś ca jyotsnā śrīś ceti nāmataḥ || 15.24 ||
Dort wird eine Vierheit von Kalas gelehrt, eine Wohnstätte höchsten Nektars. Ihre Namen sind Chandika, Kanti, Jyotsna und Shri.
Anmerkung: Caṇḍikākhyā folgt μ, graphisch caṃḍikākhyā; der Name lautet Chandika, nicht die vom Khecarividya-Haupttext gewählte Candrika. Paramāmṛta ist die längere, metrisch unebene Lesart von μ.
15.25
tatra jihvāṃ samāveśya pītvā pītvā samāviśet |
devi māsacatuṣkeṇa jāyate nirupadrava || 15.25 ||
Dorthin soll er die Zunge bringen, immer wieder trinken und darin aufgehen. Nach vier Monaten, Göttin, wird er als frei von Bedrängnis beschrieben.
Anmerkung: Nirupadrava ist durch J₆/J₇ belegt; die fehlende Nominativendung wird nicht ergänzt. Der Apparat hat außerdem deva bhāsacatuṣkeṇa, während die klare Zeitangabe und die Anrede hier nach Sensharma beibehalten werden.
15.26
vajrakāyo bhavet satyaṃ tadāsravanapātataḥ |
tadūrdhvavajrakandākhyaṃ śilākhecaramadhyagam || 15.26 ||
Durch das Herabfallen jenes Ausflusses erhält er nach dem Text wahrhaft einen diamantfesten Körper. Oberhalb davon liegt der „Vajrakanda“ genannte Ort; seine nähere Lagebeschreibung ist unsicher.
Anmerkung: Die Folge śilākhecaramadhyagam wird nicht sicher verstanden. Vajrakanda heißt wörtlich etwa „Diamantwurzel“ oder „Vajra-Knolle“; die nächste Zeile ordnet sie der Stirn zu. Der Apparat bestätigt śilā-khecara-madhyagam für μ; auch hier bleibt die räumliche Verknüpfung unklar. Die erste Zeile ist in J₆ als tadāplavanapātataḥ, in A als tadāplāvanapānataḥ belegt.
15.27
lalāṭaṃ taṃ vijānīyāt tatra devi kalātrayam |
pritis tathāṅgajā pūrṇā tatra jihvāṃ praveśayet || 15.27 ||
Diesen Ort soll man als Stirn erkennen. Dort befinden sich drei Kalas, Göttin: Priti, Angaja und Purna. Dorthin soll die Zunge nach der historischen Darstellung gelangen.
Anmerkung: Pritis tathāṅgajā pūrṇā folgt μ. Die Wortgrenzen ergeben drei ausdrücklich bezeugte Namen; Priti hat im Apparat einen kurzen Anfangsvokal. Keine Ergänzung eines aus einer fremden Liste entnommenen Namens.
15.28
kṣīradhārāmṛtaṃ śītaṃ sravantaṃ jihvayā pibet |
māsatrayeṇa deveśi sarvavyādhivivarjitaḥ || 15.28 ||
Mit der Zunge soll er den kühl herabfließenden Nektar eines Milchstroms trinken. Nach drei Monaten ist er nach der Verheißung von allen Krankheiten frei, Herrin der Götter.
Anmerkung: Der Satz wird in 29–30 weitergeführt.
15.29
acchedyaḥ sarvaśastraiś ca abhedyaḥ sarvalekhakaiḥ |
acintyaḥ sarvavijñānair virūpaviṣamānvitaiḥ || 15.29 ||
Keine Waffe kann ihn zerschneiden; kein Ritzwerkzeug soll ihn durchdringen können. Er ist durch keine der verschiedenartigen, mit Ungleichheit verbundenen Erkenntnisweisen gedanklich erfassbar.
Anmerkung: Lekhakaiḥ folgt J₆ gegenüber lokaśai in A und leśakaiḥ in J₇; hier als Ritz- oder Schreibwerkzeuge verstanden. Die merkwürdige Bestimmung virūpaviṣamānvitaiḥ ist für μ belegt; ihre Deutung als Kennzeichnung begrenzter Erkenntnis bleibt unsicher.
15.30
bhairavābho bhavet satyaṃ vajrakandaprabhāvataḥ |
nāsikordhādharoṣṭhau rājadantaṃ mahāpathāṃ || 15.30 ||
Durch die Macht des Vajrakanda soll er wahrhaft wie Bhairava erscheinen. Anschließend werden Nase, Ober- und Unterlippe, der Königs-Zahn und ein großer Weg genannt; ihre räumliche Zuordnung ist verderbt.
Anmerkung: Der Druck markiert rājadantaṃ und mahāpathāṃ als fraglich. Nāsikordhādharoṣṭhau bleibt in der vorläufigen Druckablesung stehen. A/J₇ und J₆ bieten ebenfalls gestörte Ortsangaben. Rājadantaṃ ist dagegen durch μ bestätigt. Die Raumordnung lässt sich durch diesen Vergleich noch nicht sicher herstellen.
15.31
tatra pūrṇāmṛtaṃ devi śītalā ca kalāhvayāṃ |
samprāpya kumbhakāvasthāṃ rasanāgreṇa saṃspṛśet || 15.31 ||
Dort werden Purnamrita und Shitala als Kalas genannt, Göttin. Im Zustand des Atemanhaltens soll der Ort mit der Zungenspitze berührt werden.
Anmerkung: Kalāhvayāṃ ist im Druck fraglich. Die erste Zeile könnte auch „voller Nektar“ als Sachangabe enthalten; die Namensgliederung bleibt vorläufig. Die abweichenden Matsyendra-Lesungen pūrṇāmṛtaṃ/pūrṇāmṛte, śītatā/śīlatā und kalāhvayāṃ klären die Namensfrage nicht. Die beiden Namen werden deshalb ausdrücklich nur als vorläufige Gliederung verstanden.
15.32
tatra sañjāyate susvādu śītalaṃ jalam |
svamanas tatra saṃyojya piben māsatrayaṃ vratī || 15.32 ||
Dort entsteht wohlschmeckendes, kühles Wasser. Der Gelübdetreue soll seinen Geist damit verbinden und nach dieser Darstellung drei Monate lang davon trinken.
Anmerkung: Nach sañjāyate ergänzt der Druck in Klammern devi. Diese entbehrliche Ergänzung wird nicht in den Grundtext aufgenommen; das Versmaß bleibt entsprechend kürzer. Der Apparat bestätigt, dass μ die Anrede devi an dieser Stelle nicht enthält.
15.33
ajarāmaratām eti sarvavyādhivivarjitaḥ |
gudabījāntarasthānam ādhāraṃ parikīrtitam || 15.33 ||
Er erlangt nach der Lehre Freiheit von Alter und Tod und ist von allen Krankheiten frei. Als Adhara, „Grundlage“, wird der Ort zwischen After und Bija bezeichnet.
Anmerkung: Bīja heißt wörtlich „Same“ und kann hier den Genitalbereich bezeichnen. Es wird nicht ohne Hinweis als exakt bestimmtes Organ übersetzt.
15.34
tatra pañcakalāḥ proktāḥ pragalat paramāmṛtāḥ |
sudhā sudhāmayī prajñā kālaghnī jñānadāyakā || 15.34 ||
Dort werden fünf Kalas gelehrt, aus denen höchster Nektar strömt: Sudha, Sudhamayi, Prajna, Kalaghni und Jnanadayaka.
Anmerkung: Kālaghnī und jñānadāyakā folgen μ und ersetzen Kālaśrī und Jñānadāyikā. Die Namen bedeuten hier „die Zeit beziehungsweise den Tod Vernichtende“ und „Erkenntnisgebende“. Die Sanskritnamensformen werden nicht an die Varianten anderer Textzweige angeglichen.
15.35
kalāḥ pañcasudhādhārāḥ kīrtitāḥ sarvasiddhidāḥ |
tatrasthā paramā śaktiḥ māyākuṇḍalinī śive || 15.35 ||
Diese fünf Kalas werden als Nektarströme gepriesen, die alle Vollendungen gewähren. Dort weilt die höchste Shakti, Maya-Kundalini, Göttin.
Anmerkung: Die drei Visarga-Ergänzungen folgen dem Druck. Māyākuṇḍalinī ist die hier verwendete Verbindung; sie wird nicht auf ein bloß physiologisches Geschehen reduziert.
15.36
tatrākuñcanayogena kumbhakena surārcite |
mūlaśaktyā samāsādya tatragaṃ śītalāmṛtam || 15.36 ||
Durch Zusammenziehung und Atemanhalten soll man dort, du von den Göttern Verehrte, mit der Wurzel-Shakti den an diesem Ort befindlichen kühlen Nektar erreichen.
Anmerkung: Der Satz setzt sich in 37 fort. Ākuñcana wird als Zusammenziehung übersetzt; ein zusätzlicher moderner Bandha-Name wird nicht in den Vers eingefügt.
15.37
suṣumṇayā samunnadhya svādhiṣṭhānādipaṅkajāt |
vasudhāvṛṣṭisaṃsiktaṃ smared brahmāṇḍakāvadhi || 15.37 ||
Der Vers beschreibt einen Vorgang durch Sushumna aus dem Svadhishthana-Lotus und den weiteren Lotusorten sowie die Vorstellung eines vom Regen benetzten Körpers bis zum Brahma-Ei. Das Verb samunnadhya und die genaue Gliederung von vasudhāvṛṣṭi bleiben unsicher.
Anmerkung: Samunnadhya folgt J₆/J₇; A samunnayya. Svādhiṣṭhānādi ist durch J₆ gestützt. μ bietet va-sudhā-vṛṣṭi; „Nektarregen“ ist darin erkennbar, doch das vorausgehende va bleibt unklar. Es wird nicht ohne Kennzeichnung zu tat oder ca verbessert.
15.38
tatrastham amṛtaṃ gṛhya śaktiḥ śrīkuṇḍalī parā |
suṣumṇāmārgam āsādya brahmadhāmāntam īyuṣī || 15.38 ||
Die Shakti, die höchste ehrwürdige Kundali, nimmt den dort befindlichen Nektar auf, betritt den Weg der Sushumna und geht bis zum Ende der Brahma-Wohnstätte.
Anmerkung: Parā folgt J₆/J₇; brahmadhāmāntam, „bis zum Ende der Brahma-Wohnstätte“, folgt J₆. Die übrigen Wörter sind durch μ gestützt. Die Quelle bietet einen Gang zum Endpunkt, nicht den früher isolierten Akkusativ tam.
15.39
mūlapañcakalājātā sudhātṛptipariplutā |
āpādamastaparyantaṃ vyāpayantīṃ tanuṃ smaret || 15.39 ||
Man soll sie sich vorstellen: aus den fünf Kalas der Wurzel hervorgegangen, von Nektarsättigung überflutet und den Körper vom Fuß bis zum Kopf durchdringend.
Anmerkung: Mūlapañcakalājātā folgt J₆. Āpādamastaparyantam ist die verkürzte Form von μ; der Sinn „vom Fuß bis zum Kopf“ bleibt erkennbar. Die wechselnden Kasus von jātā und vyāpayantīm werden nicht im Grundtext geglättet.
15.40
pañcamāsaprayogeṇa pañcabhūtajayaṃ labhet |
śivasāmyo bhavet satyaṃ trikālābhyāsayogataḥ || 15.40 ||
Nach fünf Monaten der Anwendung soll man die fünf Elemente beherrschen. Durch Übung zu drei Tageszeiten erlangt man nach der Lehre wahrhaft Gleichheit mit Shiva.
Anmerkung: Trikāla wird hier als drei Übungszeiten verstanden, im Unterschied zu den drei Zeiten des Wissens in 17. Śivasāmyaḥ steht in einer unebenen Konstruktion.
15.41
nābhisthānaṃ hi yad devi svādhiṣṭhānaṃ tad ucyate |
tatra divyāmṛtamayaṃ kalātrayam udīritam || 15.41 ||
Der Nabelort, Göttin, wird Svadhishthana genannt. Dort wird eine Dreiheit von Kalas gelehrt, die aus göttlichem Nektar bestehen.
Anmerkung: Hi yad ergänzt nach μ. Gerade die abweichende Bezeichnung nābhisthānam, „Nabelort“, ist im Matsyendra-Zweig belegt; der Khecarividya-Haupttext hat liṅgasthānam. Die ausdrückliche Gleichsetzung mit Svadhishthana wird nicht einem heutigen Chakra-Schema angepasst.
15.42
susūkṣmā paramāhlādā vidyā ceti prakīrtitāḥ |
pūrvavat kumbhakāvasthāṃ prāpya śaktiṃ prabodhya ca || 15.42 ||
Sie werden Susukshma, Paramahlada und Vidya genannt. Wie zuvor soll man in den Zustand des Atemanhaltens eintreten und die Shakti erwecken.
Anmerkung: Susūkṣmā und prabodhya ca folgen Druckverbesserungen. Die Namen bedeuten etwa „die überaus Feine“, „höchste Freude“ und „Wissen/Mantra-Lehre“. Der Satz wird in 43 fortgesetzt. Susūkṣmā, prakīrtitāḥ und prabodhya ca sind nun durch J₆ gestützt; paramāhlāda ohne Endlänge bleibt als graphische Variante in μ verzeichnet.
15.43
pītvā brahmāṇḍaparyantaṃ plāvayed yaḥ svakāṃ tanum |
yogī trimāsaparyāye pūrvoktaṃ labhate phalam || 15.43 ||
Der Yogi, der trinkt und seinen eigenen Körper bis zum Brahma-Ei damit überflutet, erlangt nach drei Monaten die zuvor genannte Frucht.
Anmerkung: Plāvayed yaḥ, „wer überfluten lässt“, folgt μ. Pītvā ist ausdrücklich der Matsyendra-Wortlaut gegenüber nītvā im Khecarividya-Haupttext. Es geht um das Trinken und Überfluten innerhalb der beschriebenen Körpervorstellung.
15.44
gudameḍhrāntaraṃ yad vai veṇudaṇḍaṃ tad ucyate |
kalācatuṣkaṃ tatroktaṃ parāmṛtarasātmakam || 15.44 ||
Der Raum zwischen After und Glied wird Venu-Danda, „Bambusstab“, genannt. Dort wird eine Vierheit von Kalas gelehrt, deren Wesen der Saft höchsten Nektars ist.
Anmerkung: Meḍhrāntaram folgt J₇, veṇudaṇḍam μ. Die zuvor unklare Bezeichnung ist damit durch Matsyendra-Zeugen belegt. Die ungewöhnliche Lokalisation wird beibehalten; die Stelle wird nicht allein wegen des Namens zur Wirbelsäule umgedeutet.
15.45
suśītā ca mahātṛptiḥ palitaghnī valīkṣayā |
tatra śaktiṃ samudbodhya pūrvavat plāvayet tanum || 15.45 ||
Sie heißen Sushita, Mahatripti, Palitaghni und Valikshaya. Dort soll die Shakti erweckt und der Körper wie zuvor überflutet werden.
Anmerkung: Die Namen bedeuten ungefähr „die sehr Kühle“, „große Sättigung“, „Vernichterin grauen Haars“ und „Schwinden der Falten“. Das sind rituelle Namen und Wirkungszuschreibungen.
15.46
caturmāsaprayogeṇa pūrvoditaṃ phalaṃ labhet |
piṅgalā-ravi-vāhākhyā iḍākhyā candravāhinī || 15.46 ||
Nach vier Monaten der Anwendung soll man die zuvor genannte Frucht erlangen. Pingala heißt Sonnenbahn; die Ida genannte Bahn ist mondtragend.
Anmerkung: Vāhākhyā folgt dem Druckvorschlag zu vivāhākhyā. Die Namensverbindung wird nicht durch ein zusätzliches anatomisches Modell erweitert.
15.47
viṣavāho raver bāhuḥ sudhāvāho niśākare |
abhyāsaṃ sūryavāhākhye candravāhe ca śasyate || 15.47 ||
Gifttragend ist der „Arm der Sonne“, nektartragend wird die Mondseite beschrieben. Die Übung in der Sonnenbahn und in der Mondbahn wird empfohlen.
Anmerkung: Raver bāhuḥ folgt A; J₆/J₇ raver vāhuḥ. Die Bezeichnung „Arm der Sonne“ ist ungewöhnlich; der sonnenbezogene Wortlaut ist nun belegt, seine technische Bedeutung jedoch nicht sicher. Niśākare ist die unebene Lokativform von μ.
15.48
dhāraṇaṃ candravāhena yogī kumbhakam ācaret |
śaśivāhena pavanaṃ pūrayed ātmanas tanum || 15.48 ||
Der Yogi soll das Halten beziehungsweise Atemanhalten über die Mondbahn vollziehen. Durch die Mondbahn soll er seinen Körper mit Atem füllen.
Anmerkung: Pavanam, „Atem/Wind“, ist für μ belegt und ersetzt die frühere Lesung evaṃ tu. Die erste Zeile bleibt syntaktisch gedrängt; Candra und Shashin bezeichnen beide den Mond.
15.49
ravivāhena cotsargaḥ śasyate dehavṛddhaye |
etat te vyāhṛtaṃ devi kalāsthānaṃ ca tadguṇaḥ || 15.49 ||
Das Ausströmen durch die Sonnenbahn wird zur Stärkung des Körpers empfohlen. Damit habe ich dir, Göttin, die Orte der Kalas und ihre Eigenschaften dargelegt.
Anmerkung: Tadguṇaḥ steht im Singular, obwohl die vorausgehende Darstellung mehrere Eigenschaften behandelt.
15.50
ataḥparaṃ pravakṣyāmi parāmṛta-mahāpadam |
vajrakande lalāṭe tu prajvalac candrasannibham || 15.50 ||
Nun werde ich den großen Ort höchsten Nektars erklären. Im Vajrakanda an der Stirn erscheint er leuchtend wie der Mond.
Anmerkung: Parāmṛta folgt dem Druckvorschlag zu parābhūta. Der Satz wird in 51 näher bestimmt.
15.51
laṃ-garbhaṃ caturasraṃ ca tatra devaḥ paraḥ śivaḥ |
devatās tam upāsante yoginyaḥ śaktisaṃyutam || 15.51 ||
Er ist viereckig und trägt laṃ in seinem Inneren. Dort weilt der höchste Gott Shiva; Gottheiten und Yoginis verehren ihn, verbunden mit Shakti.
Anmerkung: Das Bija laṃ ist am Seitenbild geprüft.
15.52
cūlītale mahādevi lakṣasūryasamaprabham |
trikoṇamaṇḍalaṃ madhye devaṃ liṅgātmakaṃ śivam || 15.52 ||
Am Grund des Haarschopfes, große Göttin, wird ein dreieckiges Mandala vorgestellt, strahlend wie hunderttausend Sonnen. In seiner Mitte befindet sich der Gott Shiva in Gestalt eines Linga.
Anmerkung: Cūlītale und die Zusammensetzung lakṣasūryasamaprabham folgen J₆/J₇. Die Zahl hunderttausend gehört somit eindeutig zum Sonnenvergleich.
15.53
raṃ-garbhamadhyagaṃ devi svaśaktyāliṅgitaṃ param |
devatāgaṇasajuṣṭaṃ bhāvayet parameśvari || 15.53 ||
Man soll ihn sich vorstellen, Göttin: im Inneren bei raṃ weilend, den Höchsten, von seiner eigenen Shakti umarmt und von Scharen der Gottheiten aufgesucht.
Anmerkung: Das Bija raṃ ist am Seitenbild geprüft. Bhāvayet bezeichnet hier eine bewusst hervorgebrachte meditative Vorstellung.
15.54
dakṣaśaṅkhe mahābhāge ṣaḍbinduvalayānvitam |
yaṃ-garbhaṃ dhūmravarṇaṃ ca tatra devaṃ maheśvaram || 15.54 ||
An der rechten Schläfe, du Hochbegnadete, befindet sich ein rauchfarbenes Gebilde mit einem Kreis von sechs Punkten und yaṃ im Inneren. Dort soll der Gott Maheshvara vorgestellt werden.
Anmerkung: Das im Druck stehende ṣaḍbinduvalaya wird als „Kreis von sechs Punkten“ übersetzt; eine andere geometrische Figur wird nicht substituiert. Der Apparat bestätigt ṣaḍbinduvalaya im Matsyendra-Zweig, graphisch ṣaḍviṃḍuvalaya. Das Bija yaṃ ist ebenfalls für μ belegt.
15.55
liṅgākāraṃ smared devi śaktiyuktaṃ gaṇāvṛtam |
vāmaśaṅkho ’rdhacandrābhaṃ svapadmaṃ maṇḍalaṃ śive || 15.55 ||
Man soll ihn in Linga-Gestalt vergegenwärtigen, Göttin, mit Shakti verbunden und von Scharen umgeben. An der linken Schläfe wird, Göttin, ein halbmondgleiches Mandala mit seinem eigenen Lotus beschrieben.
Anmerkung: Ardhacandrābham folgt J₆; A/J₇ rddhacandrābham. Svapadmam ist durch μ belegt. Vāmaśaṅkho bleibt als unregelmäßige Ortsangabe erhalten und wird im Kontext lokal verstanden. Die frühere Lesung „oberhalb der linken Schläfe“ entfällt.
15.56
vaṃgarbhaṃ dṛḍhaṃ pakṣa madhye tatra liṅgaṃ sudhāmayam |
gokṣīradhavalākāraṃ śaraccandrāyutaprabham || 15.56 ||
Es trägt vaṃ im Inneren. Darin befindet sich ein nektarartiges Linga, weiß wie Kuhmilch und strahlend wie zehntausend Herbstmonde. Die nähere Angabe zur Mitte ist verderbt.
Anmerkung: Dṛḍhaṃ pakṣa folgt J₆/J₇ und bleibt eine gestörte Bestimmung. Die Matsyendra-Zeugen schreiben am Anfang va ohne Bindu; die hier beibehaltene Form vaṃ folgt der am Druckbild erfassten Ausgabe Sensharmas. Der Unterschied ist für die Mantraform wesentlich. Die Zahl āyuta beträgt zehntausend.
15.57
svaśaktisahitaṃ sarvadevatāgaṇasevitam |
evaṃ devi caturdikṣu sthānāny uktāni vai mayā || 15.57 ||
Es ist mit seiner eigenen Shakti verbunden und wird von allen Gottheitenscharen verehrt. So habe ich die Orte in den vier Richtungen dargelegt, Göttin.
Anmerkung: Der erste Halbvers schließt an das Linga in 56 an.
15.58
teṣāṃ madhye mahāvṛttaṃ haṃgarbhaṃ tatra pārvati |
parameśaḥ paraḥ śambhuḥ svaśaktyā sahitaḥ sthitaḥ || 15.58 ||
In ihrer Mitte liegt ein großer Kreis mit haṃ im Inneren, Parvati. Dort weilt der höchste Herr, der erhabene Shambhu, mit seiner eigenen Shakti verbunden.
Anmerkung: Sahitaḥ folgt J₆, sthitaḥ μ. Die singularische Konstruktion ist damit belegt. Das Bija haṃ folgt μ.
15.59
liṅgākāro gaṇayutaḥ sūryakoṭisamaprabhaḥ |
pṛthivyadhipatir bhāle paścime sūryanāyakaḥ || 15.59 ||
Er hat Linga-Gestalt, ist von seinem Gefolge umgeben und strahlt wie zehn Millionen Sonnen. An der Stirn weilt der Herr der Erde, im Westen der Sonnenherr.
Anmerkung: Gaṇayutaḥ folgt J₆/J₇ gegenüber guṇayutaḥ in A und Sensharma. Gemeint ist hier das Gefolge, nicht „Eigenschaften“. Der Sonnenvergleich und seine Zahl sind durch μ gestützt.
15.60
dakṣaśaṅkhe nīlapatir vāme jalapatiḥ śivaḥ |
madhye vyomādhipaḥ śambhu sthānāḥ pañca mayoditāḥ || 15.60 ||
An der rechten Schläfe weilt Nilapati, links Shiva als Herr des Wassers. In der Mitte befindet sich Shambhu, der Herr des Raumes. So sind die fünf Orte von mir genannt.
Anmerkung: Nīlapatir und mayoditāḥ folgen J₆. Die lange Vokalform nīla ist in μ belegt; sie wird nicht stillschweigend zu anila, „Wind“, nach dem Khecarividya-Haupttext verändert. Die Kapitelstelle zählt ausdrücklich fünf Orte auf; sthānāḥ und śambhu bleiben grammatisch uneben.
15.62 (erste Druckstelle)
vyomādhipasya devasya śirordhve caturaṅgule |
jyotirmaṃḍalamadhyasthaṃ koṭicandrasamaprabham || 15.62 ||
Vier Fingerbreit oberhalb des Hauptes des Gottes, der den Raum beherrscht, befindet sich inmitten eines Lichtmandalas etwas, das wie zehn Millionen Monde strahlt.
Anmerkung: Der Druck hat hier bereits die Nummer 62 und beim folgenden Vers erneut 62; die Nummer 61 erscheint nicht. „62a“ ist ausschließlich ein redaktioneller Unterscheidungszusatz für die erste Druckstelle. Der Satz setzt sich in der zweiten fort.
15.62 (zweite Druckstelle)
divyāmṛtamayaṃ bhāṇḍaṃ mūlabandhakavāṭakam |
urdhver ūrdhvaṃ mahāśailam abhedyam amṛtāspadam || 15.62 ||
Es ist ein Gefäß voll göttlichen Nektars, mit dem Wurzelverschluss als Tor. Darauf folgt die schwierige räumliche Angabe urdhver ūrdhvam; genannt wird ein großer, unzerbrechlicher Fels als Stätte des Nektars.
Anmerkung: Bhāṇḍam, „Gefäß“, folgt μ und ersetzt die frühere Deutung als Stirn. Kavāṭakam folgt A. Die Raumangabe ist auch in μ gestört und bleibt unübersetzt. 62b ist der redaktionelle Unterscheidungszusatz für die zweite mit 62 bezeichnete Druckposition.
15.63
śītalāmṛtamadhye tu vilīnaṃ liṅgam īśvari |
trasareṇupratīkāśaṃ koṭicandrasamaprabham || 15.63 ||
Mitten im kühlen Nektar liegt das Linga verborgen beziehungsweise aufgelöst, Herrin: winzig wie ein im Licht schwebendes Staubteilchen und strahlend wie zehn Millionen Monde.
Anmerkung: Trasareṇu ist ein sehr feines Staubteilchen. Vilīna lässt sowohl „eingegangen/aufgelöst“ als auch „verborgen“ zu.
15.64
heyopādeyarahitam ajñānatimirāpaham |
atītya pañca sthānāni paratattvopalabdhaye || 15.64 ||
Es ist frei davon, verworfen oder angenommen werden zu müssen, und beseitigt die Finsternis des Nichtwissens. Um die höchste Wirklichkeit zu erkennen, soll man die fünf Orte überschreiten; die Handlung wird im folgenden Vers fortgesetzt.
Anmerkung: Pañca sthānāni, „fünf Orte“, ist durch μ belegt. Die früher unklare Folge yaṃ ca entfällt. Der zweite Halbvers gehört syntaktisch zum folgenden Vers.
15.65
parāmṛtaghaṭādhārakavāṭaṃ kumbhakānvitam |
manasā saha vāgīśīm ūrdhvavaktrāṃ prasārayet || 15.65 ||
Zum Tor des Behälters mit dem Gefäß höchsten Nektars soll man unter Atemanhalten die Herrin der Rede gemeinsam mit dem Geist nach oben gewendet ausstrecken.
Anmerkung: Ghaṭādhāra ist durch J₆/J₇ gestützt; kavāṭa und ūrdhvavaktrām durch μ. Die erste Wortreihe wird als Zusammensetzung zum Tor des Nektargefäßes verstanden. Vāgīśī bezeichnet hier die Zunge; die ungewohnte Akkusativkonstruktion lässt die Zielverknüpfung nur sinngemäß erkennen.
15.66
saṃruddhaprāṇasaṃcāro yogī rasanayārgalam |
līlayodghāṭayet satyaṃ saṃprāpya manasā saha || 15.66 ||
Der Yogi, dessen Prana-Bewegung zurückgehalten ist, soll mit der Zunge den Riegel mühelos öffnen, nachdem er ihn gemeinsam mit dem Geist erreicht hat.
Anmerkung: Die genaue Verbindung von saṃprāpya und manasā saha ist offen, doch die genannten Handlungen sind erkennbar.
15.67
śītalekṣurasasvādu tatra kṣīrāmṛtaṃ hitam |
yogapānaṃ piben madhyaṃ durlabhaṃ vividhair api || 15.67 ||
Dort befindet sich zuträglicher Milchnektar, süß wie kühler Zuckerrohrsaft. Man soll den mittleren Yoga-Trank trinken, der selbst für die verschiedenen Wesen schwer zu erlangen ist.
Anmerkung: Śītalekṣurasasvādu folgt J₆/J₇ und klärt die Geschmacksbeschreibung. Madhyam und vividhair folgen μ; die Übersetzung ergänzt zu „verschiedenen“ das nicht ausgesprochene Bezugswort „Wesen“. Die engere Deutung „selbst für die Götter“ würde die abweichende Lesart vibudhair voraussetzen. Die ungewöhnliche Bestimmung madhyam bleibt deutungsbedürftig.
15.68
tat sudhātṛptisaṃtṛptaḥ parāvasthām upetya ca |
unmanyā tatra saṃyogaṃ labdhvā brahmāṇḍakāntare || 15.68 ||
Durch jene Nektarsättigung gesättigt, gelangt er zu einem höchsten Zustand und gewinnt dort die Verbindung mit Unmani im Inneren des Brahma-Eis.
Anmerkung: Parāvasthām und brahmāṇḍakāntare sind durch μ gestützt. Saṃtṛptaḥ, „gesättigt“, bleibt nach Sensharma; μ bietet saṃtaptaḥ, „erhitzt/gequält“. Diese inhaltlich erhebliche Abweichung wird nicht als bloße Orthographie behandelt. Unmani bezeichnet den über gewöhnliches Denken hinausgehenden Zustand beziehungsweise eine entsprechende Shakti; Anschluss in Vers 69.
15.69
nādabindumayaṃ māṃsaṃ yogī yogena bhakṣayet |
etad rahasyaṃ deveśi durlabhaṃ parikīrtitam || 15.69 ||
Durch Yoga soll der Yogi das aus Nada und Bindu bestehende Fleisch verzehren. Dieses schwer zugängliche Geheimnis ist damit dargelegt, Herrin der Götter.
Anmerkung: Māṃsa heißt tatsächlich „Fleisch“. Der Vers bestimmt es ausdrücklich als aus nāda und bindu bestehend; diese textinterne Umdeutung wird wiedergegeben, ohne alle Fleischrituale des Werkes pauschal zu symbolisieren. J₇ bestätigt māṃsaṃ; A/J₆ haben māsaṃ. Der Fleischbezug folgt somit nicht allein der Deutung des Herausgebers.
15.70
sarvajñena śivenoktaṃ yat phalaṃ śāstrasaṃtatau |
tat phalaṃ labhate satyaṃ ṣaṇmāsān nātra saṃśayaḥ || 15.70 ||
Welche Frucht der allwissende Shiva in der Folge der Schriften gelehrt hat, diese Frucht erlangt er wahrhaft nach sechs Monaten; daran besteht nach dem Text kein Zweifel.
Anmerkung: Ṣaṇmāsān steht in einer unebenen Zeitkonstruktion. Die Zahl sechs bleibt erhalten.
15.71
saṃprāpya siddhisantānaṃ yogī yogam apīśvari |
na vetti tasya vaktavyaṃ na kvacit siddhim icchatā || 15.71 ||
Ein Yogi, der eine Folge von Vollendungen erlangt hat, kennt selbst den Yoga nicht, Herrin. Wer Vollendung wünscht, soll ihm diese Lehre keinesfalls mitteilen.
Anmerkung: Saṃprāpya ist eine positive Absolutivform: „nachdem er erlangt hat“. Im verwendeten Wortlaut steht davor keine Verneinung. Die beiden tatsächlichen Verneinungen sind na vetti, „kennt nicht“, und na ... vaktavyam, „soll nicht mitgeteilt werden“. Die auffällige Gegenüberstellung von erlangten Vollendungen und fehlendem Yoga-Wissen wird übersetzt, ohne ein zusätzliches na einzufügen. Dies ist eine Wiedergabe des ungewöhnlichen vorliegenden Satzes, keine Ergänzung nach dem abweichenden Khecarividya-Text. Sanskritseite 107, Alternativscan PDF 186, erneut betrachtet.
15.72
na jānanti guruṃ devaṃ śāstroktān samayāṃs tathā |
dambhakauṭilyaniratās teṣāṃ śāstraṃ na dāpayet || 15.72 ||
Denen, die Guru, Gottheit und die in der Schrift gelehrten Verpflichtungen nicht anerkennen und sich in Heuchelei und Arglist ergehen, soll man die Schrift nicht übergeben.
Anmerkung: Samaya bezeichnet hier rituelle beziehungsweise initiatorische Verpflichtungen.
15.73
jihvāmūle sthito devi sarvatejomayo ’nalaḥ |
tadagre bhāskaraś candro bhālamadhye pratiṣṭhitaḥ || 15.73 ||
An der Zungenwurzel befindet sich, Göttin, das aus aller Glut bestehende Feuer. An ihrer Spitze steht die Sonne; der Mond ist in der Mitte der Stirn angesiedelt.
Anmerkung: Sarvatejomayo ist durch μ belegt. Die konkrete Zuordnung lautet: Feuer an der Zungenwurzel, Sonne an der Zungenspitze, Mond in der Stirnmitte.
15.74
evaṃ yo vetti deveśi tasya siddhiḥ prajāyate |
mathitvā maṇḍalaṃ vahneḥ samudbodhya prayatnataḥ || 15.74 ||
Wer dies so kennt, Herrin der Götter, für den entsteht Vollendung. Dann wird das Quirlen und sorgfältige Erwecken des Feuermandalas beschrieben.
Anmerkung: Maṇḍalaṃ und siddhiḥ sind durch μ gestützt. Die Aussage geht in Vers 75 weiter.
15.75
uṣṇasāradravitaṃ bhālajaṃ candramaṇḍalam |
bhāskarādhiṣṭhitāgreṇa rasanena samāśrayet || 15.75 ||
Mit der Zunge, deren Spitze von der Sonne eingenommen ist, soll er sich dem in der Stirn entstandenen Mondmandala nähern, das durch die Kraft der Hitze flüssig geworden ist.
Anmerkung: Uṣṇasāradravitaṃ und bhālajaṃ folgen μ, der Beginn ohne tad A. Adhiṣṭhitāgreṇa folgt A mit bloßer Normalisierung der Konsonantenverbindung ṣṭh. Rasanena ist die grammatisch unregelmäßige, aber übereinstimmend bezeugte Form für „mit der Zunge“. Der Text benennt Hitze als Ursache der Verflüssigung.
15.76
tac candragalitaṃ devi śītalaṃ tat payo ’mṛtam |
nāsikārandhraniryātaṃ pātreṇa parisaṃgrahet || 15.76 ||
Jene kühle Nektarflüssigkeit, die vom Mond herabgetropft ist und aus der Nasenöffnung austritt, soll nach der historischen Anweisung in einem Gefäß aufgefangen werden, Göttin.
Anmerkung: Candragalitaṃ folgt J₆/J₇; tat payo ’mṛtam nach J₇, gegenüber A tat paayoṃṛtam und J₆ yat payomṛtam. Payaḥ kann Wasser, Flüssigkeit oder Milch bedeuten; keine heutige medizinische Deutung des Sekrets wird ergänzt.
15.77
tenāṅgamardanāt satyaṃ nāḍīśuddhiḥ prajāyate |
gudaliṅgohataṃ devi nirgamaṃ cāmarīrasam || 15.77 ||
Durch Einreiben des Körpers damit soll wahrhaft Reinigung der Nadis entstehen. Anschließend wird Amari-Flüssigkeit in Verbindung mit dem Anal- und Genitalbereich genannt, Göttin; die genaue Formulierung ihres Hervorgehens bleibt gestört.
Anmerkung: Nāḍīśuddhiḥ folgt J₆ gegenüber nāḍīsiddhiḥ in A/J₇ und Sensharma. Gudaliṅgohatam, nirgamaṃ cāmarīrasam sind in μ bestätigt. Cāmarīrasam wird als ca amarīrasam getrennt; die übrige gestörte Wortfolge erlaubt noch keine genaue Gewinnungsanweisung.
15.78
kalāmṛtaṃ ca saṃloḍya saṃskṛtya cādharārasaiḥ |
tenāṅgamardanaṃ kṛtvā yogī loke nirāmayaḥ || 15.78 ||
Der Text beschreibt ein Vermischen mit Kala-Nektar und eine Bearbeitung mit den Säften der unteren Bereiche. Nach dem Einreiben des Körpers damit soll der Yogi in der Welt frei von Krankheit sein.
Anmerkung: Adharārasa bleibt terminologisch unsicher; eine bestimmte Substanz wird nicht ergänzt. Aṅga folgt der Druckergänzung ga. Die gesundheitliche Aussage ist ein historisches Wirkungsversprechen. Der Apparat bestätigt kalāmṛtaṃ für μ gegenüber kakṣāmṛtaṃ in anderen Zweigen. Das fehlende aṅga ist in J₇ ausdrücklich belegt; saṃskṛtyaṃ bleibt als Variante zur hier nach Sensharma verwendeten Form saṃskṛtya dokumentiert.
15.79
balavān jāyate satyaṃ valīpalitavarjitaḥ |
jihvāmūlaṃ samuddhṛṣya tatra jātaṃ madadravam || 15.79 ||
Er wird nach dieser Verheißung wahrhaft kraftvoll und frei von Falten und grauem Haar. Sodann nennt der Text das Reiben an der Zungenwurzel und die dabei entstehende Mada-Flüssigkeit.
Anmerkung: Samuddhṛṣya folgt J₆/J₇ und wird im Zusammenhang als Reiben verstanden; Sensharma samutkṛṣya, „emporziehend“. Madadravam ist in A/J₇ belegt, in J₆ teilweise unsicher. Tatra bleibt nach Sensharma gegenüber der gestörten Form tapra in μ. Mada bezeichnet Rausch oder Erregung; eine moderne Sekretbezeichnung wird nicht ergänzt.
15.80
svadehe mardayet pūrvād rasanā vatsarārddhataḥ |
caturaṅgulavṛddhā ca jāyate nātra saṃśayaḥ || 15.80 ||
Diese soll nach der historischen Anweisung am eigenen Körper verrieben werden. Nach einem halben Jahr sei die Zunge um vier Fingerbreiten gewachsen, daran bestehe kein Zweifel.
Anmerkung: Pūrvād ist eine unebene Anschlussform. Die behauptete Verlängerung wird als Textaussage dokumentiert, nicht als überprüfte Wirkung.
15.81
utkṛṣya rasanām ūrdhve dakṣiṇāṅgulibhiḥ śive |
vāmahastāṅgulibhiś ca ghaṇṭikāṃ sphoṭayec chive || 15.81 ||
Mit den Fingern der rechten Hand soll nach dem Text die Zunge emporgezogen werden, Göttin. Mit den Fingern der linken Hand wird ein Öffnen beziehungsweise Beiseitedrücken des Zäpfchens beschrieben.
Anmerkung: Ghaṇṭikā, „kleine Glocke“, ist in μ belegt und wird hier anatomisch als Zäpfchen verstanden. Mallinson erläutert die entsprechende KhV-Stelle in seiner Übersetzung S. 166. Die Deutung von sphoṭayet als Beiseitedrücken bleibt kontextbezogen; der historische Eingriff ist keine heutige Ausübungsanweisung.
15.82
mathitvā vāmakaṃ sthānam ūrdhvavaktraṃ śanaiḥ śanaiḥ |
trikūṭordhvaṃ ca vajrāntyo śivasthānaṃ samāśrayet || 15.82 ||
Nach langsamem Reiben des linken, nach oben gewandten Ortes soll man sich oberhalb des Trikuta der Shiva-Stätte nähern. Die dazwischenstehende Bestimmung ist verderbt.
Anmerkung: Vāmakaṃ und vajrāntyo sind als problematische Matsyendra-Lesungen bestätigt. Ūrdhvavaktram, „nach oben gewandt“, folgt μ und ersetzt ūrdhvavakram. Die genaue räumliche Bedeutung der Anweisung bleibt offen; der anderslautende Haupttext der Khecarividya wird nicht übernommen. Die deutsche Wiedergabe war bei der früheren Textkorrektur nicht angepasst worden: „gebogen“ wird jetzt durch „gewandt“ ersetzt.
15.83
eṣā te khecarī mudrā kathitā mṛtyunāśinī |
sarvasiddhipradā devi jīvanmuktipradāyinī || 15.83 ||
Damit ist dir die Khechari-Mudra erklärt, Göttin: als Vernichterin des Todes, als Geberin aller Vollendungen und als Spenderin der Befreiung schon im Leben.
Anmerkung: Der zuvor blass gelesene zweite Halbvers sarvasiddhipradā devi jīvanmuktipradāyinī ist im Zusatz nach Vollkollation 2.82b ausdrücklich für μ belegt. Dort folgen auch der Matsyendra-Kolophon zu Kapitel 15 und die Sprecherangabe vor Kapitel 16. Der Schluss ist damit als eigener Matsyendra-Rahmen gesichert.
Schlusskolophon
|| iti matsyendrasaṃhitāyāṃ pañcadaśaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 15 der Matsyendra Samhita.
Kapitel 16: Übungsstörungen, innerer Aufstieg und Madira-Verehrung
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 109–118; Verse 1–97: Sensharma 1994, selektiv verbessert nach den ausdrücklich für A/J₆/J₇ belegten Matsyendra-Lesarten in Mallinson 2003, Vollkollation S. 250–282 (2.82cd–124d und 3.1a–55b). Verse 98–114: Mallinson 2003, Anhang B, S. 297. Gedruckte Nummerierung 1–97 und Kolophon bleiben nach Sensharma; 56a/56b sind redaktionelle Unterscheidungen der beiden Druckstellen mit Nummer 56..
|| ṣoḍaśaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 16.
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
16.1
evam abhyāsaśīlasya tadvighnārthaṃ bhavanti hi |
bhaṭabhedāś ca catvāro naṭabhedās tathaiva ca || 16.1 ||
Bei einem Menschen, der so regelmäßig übt, treten zu seiner Behinderung vier Bhaṭa-Arten und ebenso Naṭa-Arten auf.
Anmerkung: Tadvighnārtham, „zu seiner Behinderung“, folgt μ; bhavanti und der Plural naṭabhedās sind ebenfalls durch Matsyendra-Zeugen gestützt. Damit entfällt das bisher unverständliche tatadvidhā. Bhaṭa und naṭa sind überlieferte Gruppenbezeichnungen für die folgenden Übungsstörungen; ihre genaue Herkunft bleibt ungeklärt. Sie werden nicht durch medizinische Standardbegriffe ersetzt.
16.2
aṅgaśoṣaḥ kṣudhālasyaṃ kaṇḍū dehavivarṇatā |
bhaṭasya pratyayāś caite teṣāṃ śṛṇu ca bheṣajam || 16.2 ||
Austrocknung der Glieder, Hunger und Mattigkeit, Juckreiz sowie Verfärbung des Körpers werden als Zeichen des Bhaṭa genannt. Höre nun von den dafür gelehrten Mitteln.
Anmerkung: Kaṇḍū und dehavivarṇatā folgen J₆/J₇ beziehungsweise μ. Die Vierzahl aus Vers 1 setzt vermutlich voraus, dass kṣudhālasya als ein zusammengehöriger Symptomenkomplex verstanden wird. Bheṣaja bezeichnet hier das historische Heilmittelkonzept; die folgenden Angaben sind keine heutige Behandlungsempfehlung.
16.3
mano nirviṣayaṃ puḍakā trimāsam amarīrasam |
deham udvartayet tasya dehavṛddhiḥ prajāyate || 16.3 ||
Der Geist soll ohne Sinnesgegenstände sein. Es folgt eine dreimonatige Anwendung von Amari-Flüssigkeit zum Einreiben des Körpers, der dadurch nach dem Text erstarken soll. Die verbindende Wortfolge ist verderbt.
Anmerkung: Puḍakā ist nun ausdrücklich für A belegt; J₆ puḍkā, J₇ pudakā. Die Stelle bleibt verderbt. Das kṛtvā des Khecarividya-Haupttextes wird nicht als Matsyendra-Lesung eingesetzt. Tasya und dehavṛddhiḥ sind durch μ bestätigt. Amarīrasa wird nicht ohne weitere Grundlage mit einer bestimmten Körperflüssigkeit gleichgesetzt.
16.4
trir udvartanakaṃ kuryāt divārātrau tathaiva ca |
rasanām ūrdhvam āyojya vajrakandapadonmukhīm || 16.4 ||
Dreimal soll nach der historischen Anweisung das Einreiben erfolgen, bei Tag und Nacht. Dazu wird die Zunge nach oben, zum Vajrakanda hin, ausgerichtet.
Anmerkung: Padonmukhīm, „zum Ort hin gerichtet“, folgt J₇; A/J₆ paronmukhīm. Die Matsyendra-Zeugen haben nur einmal trir, „dreimal“, nicht das verdoppelte tris trir anderer Textzweige. Ob die Dreizahl für Tag und Nacht zusammen oder jeweils gilt, bleibt deshalb offen.
16.5
tatsudhāṃ lihataḥ satyaṃ kṣudhālasyaṃ ca naśyati |
tatsudhām amarīṃ devi gṛhītvā cāṅgamardanāt || 16.5 ||
Beim Auflecken jenes Nektars sollen Hunger und Mattigkeit wahrhaft verschwinden. Wenn man den als Amari bezeichneten Nektar aufnimmt und den Körper damit einreibt, Göttin, folgt die in Vers 6 genannte Wirkung.
Anmerkung: Hier verbindet der Text sudhā und amarī ausdrücklich; diese Stelle rechtfertigt dennoch keine pauschale Gleichsetzung aller entsprechenden Ausdrücke im Werk. J₆/J₇ bieten amarī ohne Anusvara; die klarere Akkusativform amarīṃ bleibt nach Sensharma.
16.6
svaśarīravivarṇatvaṃ kaṇḍūtvaṃ ca praṇaśyati |
naṭabhedāś ca catvāro bahudhā saṃsthitāḥ priye || 16.6 ||
Die Verfärbung des eigenen Körpers und der Juckreiz sollen verschwinden. Vier Naṭa-Arten bestehen in vielerlei Formen, Geliebte.
Anmerkung: Kaṇḍūtvaṃ folgt μ mit langem ū. Naṭabhedāś und saṃsthitāḥ sind ausdrücklich durch J₆ beziehungsweise J₇ gestützt. Die Herkunft der Gruppenbezeichnung bleibt offen.
16.7
netrarogo ’ṅgaśoṣaś ca dāho bhrāntis tathaiva ca |
bhedam ekaṃ mayā proktaṃ dvitīyam adhunā śṛṇu || 16.7 ||
Augenkrankheit, Austrocknung der Glieder, Brennen und Schwindel beziehungsweise Verwirrung: Dies ist die erste von mir genannte Art. Höre nun die zweite.
Anmerkung: Bhrāntis tathaiva ca ist für J₆/J₇ beziehungsweise μ belegt und schließt die beschädigte Aufzählung des Drucks. Aṅgaśoṣaś folgt J₆/J₇; das Zittern der Glieder, aṅgavepa, aus dem Khecarividya-Haupttext wird nicht übernommen.
16.8
dantaruk cālpasatvaṃ ca dehalāghavanāśanam |
tṛtīyabhedaṃ ca tathā śṛṇu devi mahājvaraḥ || 16.8 ||
Zahnschmerz, geringe Kraft und der Verlust der Leichtigkeit des Körpers bilden die zweite Reihe. Höre nun auch die dritte Art, Göttin: hohes Fieber.
Anmerkung: Cālpasatvam folgt J₆/J₇; sattva wird hier als Kraft beziehungsweise Widerstandsfähigkeit verstanden. Dehalāghavanāśanam ist durch μ belegt. Damit ist nicht das Schwinden der Körperwärme, sondern der Leichtigkeit gemeint.
16.9
śiroruk śleṣmadoṣaś ca caturthaṃ sampradhāryatām |
vamanaṃ śvāsadoṣaś ca netrāndhatvaṃ tathaiva ca || 16.9 ||
Hinzu kommen Kopfschmerz und eine Störung des Schleims. Beachte nun die vierte Art: Erbrechen, Atemstörung und Blindheit der Augen.
Anmerkung: Śleṣma gehört zur vormodernen Körpersäftelehre. Die Aufzählung wird in 10 fortgesetzt. Die Satzgestalt caturthaṃ ist für μ belegt; die grammatisch klarere Form śvāsadoṣaś bleibt nach Sensharma gegenüber svāsadoṣaṃ in μ erhalten.
16.10
durjayā ca tathā nidrā teṣāṃ śṛṇu ca bheṣajam |
samūlā chvāsasaṃbhinnām ūrdhvaṃ kuṇḍalinīṃ nayet || 16.10 ||
Auch schwer zu überwindender Schlaf gehört dazu. Höre von den gelehrten Mitteln. Der Text beschreibt dann ein Emporführen der Kundalini von der Wurzel; die dazugehörige Bestimmung ist verderbt.
Anmerkung: Samūlā chvāsasaṃbhinnām folgt J₆/J₇; A saṃmūlā chāsasaṃbhinnām. Darin ist ein Bezug auf śvāsa, Atem, möglich, doch die Wortgrenzen und die grammatische Verbindung bleiben gestört. Das mūlādhārāt suṣumnāyām des Khecarividya-Haupttextes ist keine Matsyendra-Lesung und wird nicht eingesetzt.
16.11
niścalām ūrdhvagāṃ jihvāṃ kṛtvā kumbhakam āśrayet |
śaktikṣobhān maheśāni jalanādaḥ pravartate || 16.11 ||
Nachdem die Zunge ruhig nach oben gerichtet ist, soll der Übende in Atemanhalten eintreten. Aus der Bewegung oder Erregung der Shakti entsteht nach der Darstellung ein Wasserklang, große Herrin.
Anmerkung: Śaktikṣobhān ist für μ belegt und erklärt die zuvor gestörte Herleitung des Klangs. Jalanādaḥ bleibt der ausdrücklich bezeugte Matsyendra-Wortlaut; keine Übernahme von mahānādaḥ aus dem Khecarividya-Haupttext.
16.12
yadā śṛṇoti taṃ nādaṃ tadā muktaḥ sa ucyate |
cintayed amṛtāsiktaṃ svadehaṃ parameśvari || 16.12 ||
Wenn er diesen Klang hört, wird er als befreit bezeichnet. Er soll sich den eigenen Körper von Nektar benetzt vorstellen, höchste Herrin.
16.13
anena devi māsena sarvadoṣaiḥ pramucyate |
anenaiva vidhānena dvimāsāntaṃ yadācaret || 16.13 ||
Dadurch soll er innerhalb eines Monats von allen Störungen frei werden, Göttin. Wenn er eben dieses Verfahren bis zum Ende des zweiten Monats ausübt, gilt die folgende Aussage.
Anmerkung: Die gesundheitliche Aussage wird als Behauptung des Werkes wiedergegeben. Sarvadoṣaiḥ, „von allen Störungen“, ist die Matsyendra-Lesung, während andere Zeugen pūrvadoṣaiḥ haben. Ebenso ist dvimāsāntam durch J₆/J₇ gestützt.
16.14
tadā śṛṇoti karṇābhyāṃ mahāgajavaradhvanim |
pūrvavac cintayed dehaṃ dvitīyair mucyate gadaiḥ || 16.14 ||
Dann hört er mit beiden Ohren den Laut eines großen, ausgezeichneten Elefanten. Er soll sich den Körper wie zuvor vorstellen und wird nach der Lehre von der zweiten Gruppe der Krankheiten frei.
Anmerkung: Mahāgajavaradhvanim ist für μ belegt. Das vara wird daher nicht dem rava, „Brüllen“, des Khecarividya-Haupttextes angeglichen. Dvitīyair ... gadaiḥ bezeichnet die zweite Krankheitsgruppe.
16.15
trimāsāt siṃhanādaṃ ca śrutvā pūrvavat smaret |
tṛtīyabhedadoṣaiś ca mucyate nātra saṃśayaḥ || 16.15 ||
Nachdem er nach drei Monaten einen Löwenlaut gehört hat, soll er wie zuvor vergegenwärtigen. So wird er von den Störungen der dritten Art frei, daran besteht nach dem Text kein Zweifel.
Anmerkung: Siṃhanādam, „Löwenlaut“, ist ausdrücklich für μ belegt. Dort steht auch das unregelmäßige śṛṇutvā; das klarere śrutvā wird hier nach Sensharma beibehalten. Keine Ersetzung des Löwenlauts durch den Brahma-Klang des anderen Textzweigs.
16.16
meghanādam aghorākhyaṃ caturthe māsi paryayet |
śrutvā pūrvavad abhyasya bhrāntidoṣaiś ca mucyate || 16.16 ||
Im vierten Monat wird der als Aghora bezeichnete Wolken- oder Donnerklang genannt. Nachdem er ihn hört und wie zuvor übt, soll er von den Störungen des Schwindels beziehungsweise der Verwirrung frei werden. Die genaue Verbindung des Verbs paryayet bleibt offen.
Anmerkung: Bhrāntidoṣaiś ca mucyate folgt J₆/J₇ und klärt den zweiten Halbvers. Paryayet ist auch in μ belegt, fügt sich hier aber nicht sicher in den Satz ein; die Schwierigkeit wird nicht durch das māsaparyaye anderer Zeugen verdeckt.
16.17
evaṃ sthiramatir dhyānam abhyasec ca dvikālakam |
sādhayet pravṛtaḥ satyaṃ jāyate hy ajarāmaraḥ || 16.17 ||
So soll er mit festem Geist zweimal täglich die Meditation üben und sich ihrer Verwirklichung widmen. Nach der Verheißung wird er wahrhaft frei von Alter und Tod.
Anmerkung: Dvikālakam, „zweimal täglich“, ist für μ belegt und wird nicht zu trikālataḥ, „dreimal täglich“, geändert. Pravṛtaḥ steht in A/J₇, avṛtaḥ in J₆; eine Zeitangabe von drei Jahren lässt sich daraus nicht als Matsyendra-Wortlaut gewinnen.
16.18
bhaṭadoṣacatuṣkasya naṭadoṣasya caiva hi |
nivāraṇaṃ mayā proktaṃ bhūyaḥ śṛṇu surādhipe || 16.18 ||
Damit habe ich die Abwehr der vier Bhaṭa-Störungen und der Naṭa-Störung gelehrt. Höre nun weiter, Herrin der Götter.
Anmerkung: Surādhipe folgt J₆/J₇; A surādhipa. Damit ist die Göttinnenanrede im Matsyendra-Zweig belegt. Sensharmas narādhipaḥ und die daran geknüpfte Vermutung eines Wechsels zum Chola-König werden für diese Stelle nicht beibehalten. Bhaṭa und naṭa bleiben Gruppenbezeichnungen mit ungeklärter Herkunft.
16.19
yo ’smin śānte pare tattve yoge yogī sukhātmake |
praviṣṭaḥ sarvatattvajñaḥ tasya pādaṃ namāmy aham || 16.19 ||
Vor dem Fuß jenes Yogis verneige ich mich, der alle Wirklichkeitsprinzipien kennt und in diesen friedvollen, höchsten, glückseligen Yoga eingegangen ist.
Anmerkung: Pādaṃ ist der Singular in μ; pādau des Khecarividya-Haupttextes wird nicht übernommen. Der Sprecher sagt „ich verneige mich“; daraus folgt kein neu einzufügender Sprecherwechsel.
16.20
prathamaṃ cālanaṃ devi dvitīyaṃ maṃthanaṃ bhavet |
tṛtīyaṃ pānam uddiṣṭaṃ caturthaṃ ca praveśakam || 16.20 ||
Als Erstes gilt das Bewegen, Göttin, als Zweites das Quirlen, als Drittes das Trinken und als Viertes das Eintreten.
Anmerkung: Die Matsyendra-Zeugen bestätigen die Folge cālana, mathana, pāna, praveśaka: Bewegen, Quirlen, Trinken, Eintreten. Die abweichende, teilweise konjektural hergestellte Viererfolge im Khecarividya-Haupttext wird nicht übernommen. Die Schreibweise maṃthana bleibt nach Sensharma.
16.21
tālumūlaṃ samuddhṛṣya jihvām utkarṣayet priye |
cālanaṃ tad vijānīyād brahmārgalavibhedanam || 16.21 ||
Nach dem Reiben am Gaumenansatz beschreibt der Text ein Emporziehen der Zunge, Geliebte. Dies soll als „Bewegen“ erkannt werden. Danach wird das Durchbrechen des Brahma-Riegels genannt; seine anschließende Bezeichnung ist in Vers 22 gestört.
Anmerkung: Samuddhṛṣya folgt J₆/J₇, A samudhṛṣya; damit ist Reiben, nicht ein Anheben des Gaumens gemeint. Der letzte Ausdruck gehört syntaktisch zum folgenden Vers. Die anatomischen Einzelheiten des historischen Verfahrens bleiben unbestimmt.
16.22
taṃ vadanti sma … tantunā priye |
lohakīlapraveśena yathā maṃthanam ārabhet || 16.22 ||
„Dies nennt man …“, Geliebte. Der Satz enthält anschließend „mit einer Schnur“, doch das zugehörige Wort fehlt. Es folgt die Beschreibung, wie durch das Einführen eines Metallstifts das Quirlen begonnen werden soll.
Anmerkung: Sma und tantunā priye sind ausdrücklich für μ belegt und werden in die beschädigte Druckzeile aufgenommen. Der Apparat zeigt davor eine Lücke von vier Silben; außerdem fehlt μ das bhedanam am Anfang des vergleichbaren Halbverses. Weder bhedanam noch mathanam werden aus dem Khecarividya-Haupttext ergänzt. Die historische Aussage wird nicht zu einer heutigen Ausübungsanweisung ausgebaut.
16.23
maṃthanaṃ tad vijānīyād yogivṛddhikaraṃ priye |
udghārgatam ākāśe jihvām ūrdhvaṃ prasārayet || 16.23 ||
Dies soll als „Quirlen“ verstanden werden, das den Yogi fördern soll, Geliebte. Anschließend wird ein Ausstrecken der Zunge nach oben in den Raum beschrieben; die nähere Angabe ist verderbt.
Anmerkung: Udghārgatam folgt J₆/J₇; A udarghorgatam. Die Form bleibt unverständlich. Der Khecarividya-Haupttext udghāṭyārgalam wird nicht als überlieferter Matsyendra-Wortlaut eingesetzt. Yogī steht auch in μ; der Druckwortlaut yogivṛddhikaraṃ bleibt hier erhalten.
16.24
praveśaṃ prāhur īśāni yogasiddhipravartakam |
brahmārgalaprabhedena jihvāsaṃkramaṇena ca || 16.24 ||
Dies nennt man „Eintreten“, Herrin, das die Vollendung des Yoga hervorbringen soll. Durch das Durchbrechen des Brahma-Riegels und das Voranschreiten der Zunge entsteht die in Vers 25 genannte Erfahrung.
16.25
pratyayaḥ parameśāni kṣaṇārdhāt saṃprajāyate |
ādāv ānandabhāvatvaṃ nidrāhānir ataḥparam || 16.25 ||
Nach einem halben Augenblick entsteht ein Erfahrungszeichen, höchste Herrin: zuerst ein Zustand der Freude, danach das Schwinden des Schlafs.
Anmerkung: Kṣaṇārdhāt, „nach einem halben Augenblick“, folgt μ und ersetzt die falsche Zeitablesung kṣaṇordhvāt. Ataḥ param bleibt Sensharmas klare Fassung gegenüber ataḥ padam in μ. Die behaupteten Kennzeichen sind keine heutige Empfehlung zur Schlafverkürzung.
16.26
saṃgamaṃ bhojanaṃ devi svalpam alpaṃ prajāyate |
puṣṭiḥ sañjāyate tejovṛddhiś ca bhavati priye || 16.26 ||
Verkehr und Nahrungsaufnahme werden nach dieser Beschreibung gering, Göttin. Zugleich entstehen Kräftigung und Zunahme an Glanz beziehungsweise Lebenskraft, Geliebte.
Anmerkung: Saṃgama kann allgemeinen Umgang oder Geschlechtsverkehr bezeichnen; der Vers entscheidet dies nicht eindeutig. Die doppelte Formulierung svalpam alpam wird als Verstärkung verstanden.
16.27
na jarā na ca mṛtyuś ca na vyādhiḥ palitaṃ na ca |
ūrdhvaretā maheśāni aṇimādiguṇānvitaḥ || 16.27 ||
Es gibt nach der Verheißung weder Alter noch Tod, weder Krankheit noch graues Haar. Der Übende trägt den Samen aufwärts, große Herrin, und ist mit den Fähigkeiten der Kleinheit und den weiteren Siddhis ausgestattet.
Anmerkung: Ūrdhvaretas wird körpernah übersetzt; eine rein psychologische Deutung wäre hier eine zusätzliche Auslegung. Die Visarga in vyādhiḥ folgt der Druckergänzung. Vyādhiḥ ist nun zusätzlich durch J₆/J₇ gestützt. Deren unregelmäßiges ūrdhvareto wird nicht an die Stelle der klareren Druckform ūrdhvaretā gesetzt.
16.28
yadi niścalabhāvena yogī bhāvaṃ prasārayet |
tadā proktān imān samyak phalān labhati pārvati || 16.28 ||
Wenn der Yogi mit unerschütterlicher Haltung seine innere Vorstellung entfaltet, erlangt er nach der Lehre diese zuvor genannten Früchte, Parvati.
Anmerkung: Bhāva kann Haltung, Vorstellung und verwirklichter Zustand heißen. Die unregelmäßigen Maskulinformen proktān … phalān bleiben im Sanskrit stehen.
16.29
jihvāgre śrīś ca vāgīśā saṃsthitā vīravandite |
jihvāmūlādhare bhāge bandhamṛtyuḥ pratiṣṭhitaḥ || 16.29 ||
An der Zungenspitze weilen Shri und die Herrin der Rede, du von den Helden Verehrte. Im Wurzelbereich der Zunge befindet sich Bindung und Tod.
Anmerkung: Śrīś ca folgt J₆ und unterscheidet zwei Göttinnen; A/J₇ lassen ca aus und ermöglichen die andere Deutung „ehrwürdige Herrin der Rede“. Jihvāmūlādhare bhāge folgt μ; seine Zusammensetzung ist uneben. Bandhamṛtyuḥ wird weiterhin als Verbindung von Bindung und Tod wiedergegeben.
16.30
bandhamṛtyupadaṃ sarvam unmūlaya gaṇāmbike |
tadagreṇa viśāmy ahaṃ dhāma śrīśambhusaṃjñakam || 16.30 ||
Entwurzle die ganze Stätte von Bindung und Tod, Mutter der Scharen. Mit ihrer Spitze trete ich in die Wohnstätte ein, die den Namen des ehrwürdigen Shambhu trägt.
Anmerkung: Sensharmas ausdrücklich vorgeschlagene Verbesserung viśāmy ahaṃ bleibt erhalten. A/J₆ haben viśā mohaṃ, J₇ visā mohaṃ; der Apparat liefert somit keine unabhängige Bestätigung der ersten Person. Die Übersetzung folgt hier dem Druckvorschlag, nicht einem sicher überlieferten Ich-Satz. Keine Ergänzung eines Sprechers.
16.31
anena devi yogena manasā sādhite cale |
unmanyāveśam āyāti yogī tallayam āpnuyāt || 16.31 ||
Wenn das Bewegliche durch den Geist gemeistert ist, gelangt der Yogi durch diesen Yoga, Göttin, in Unmani, den Zustand jenseits des gewöhnlichen Denkens; er soll darin Auflösung erlangen. Was hier „das Bewegliche“ bezeichnet, bleibt offen.
Anmerkung: Unmanyāveśam āyāti folgt J₆/J₇ und beseitigt den falschen Numerus. Manasā sādhite cale ist auch in μ belegt und bleibt hinsichtlich cale unsicher; kein Einsetzen von adhiṣṭhitena aus einem anderen Textzweig. Sādhite cale ist als Lokativkonstruktion verstanden, manasā als Instrumental: „wenn das Bewegliche durch den Geist gemeistert ist“. Diese grammatische Wiedergabe entscheidet nicht, ob mit cale etwa ein körperlicher Vorgang gemeint ist.
16.32
layasya pratyayaḥ sadyaḥ saṃbhavaty avicārataḥ |
jihvāgre mana ādhāya dṛśā tad dhāma lakṣayet || 16.32 ||
Ein Erfahrungszeichen der Auflösung soll unmittelbar und ohne Überlegung entstehen. Nachdem der Geist an die Zungenspitze gelegt ist, soll jener Ort mit dem Blick wahrgenommen werden.
Anmerkung: Avicārataḥ lässt sich auch als „ohne weiteres Erwägen“ verstehen; es wird nicht zu einer Aufforderung gegen verantwortliche Prüfung verallgemeinert.
16.33
mūlāt suṣumṇāmārgeṇa pavanaṃ cordhvam ānayet |
brahmadhāmagato yogī manaḥ śūnye niveśayet || 16.33 ||
Durch den Weg der Sushumna von der Wurzel her soll der Atemwind nach oben geführt werden. An der Brahma-Wohnstätte angelangt, soll der Yogi den Geist in die Leere versenken.
Anmerkung: Mūlāt suṣumṇāmārgeṇa ist ausdrücklich für J₆/J₇ belegt: „von der Wurzel durch den Weg der Sushumna“. Der bisher unregelmäßige erste Ausdruck wird dadurch geklärt.
16.34
dhyāyet parataraṃ tattvaṃ heyopādeyavarjitam |
ākāśagaṅgā sravati brahmasthānāt suśītalam || 16.34 ||
Man soll über die höchste Wirklichkeit meditieren, frei von Verwerfen und Annehmen. Der Himmelsganges strömt vom Brahma-Ort herab, überaus kühl.
Anmerkung: Ākāśagaṅgā sravati folgt J₆; A/J₇ sravatiṃ. Suśītalam bleibt die grammatisch unebene Matsyendra-Form, sinngemäß auf den Strom bezogen. Brahmasthānāt wird nach Sensharma gegenüber brahmāsthānāt in μ beibehalten.
16.35
prapiban māsamātreṇa vajrakāyo bhaved dhruvam |
divyakāyo bhavet satyaṃ divyavāg divyadarśanaḥ || 16.35 ||
Wer davon trinkt, soll nach nur einem Monat gewiss einen diamantfesten Körper besitzen. Er soll wahrhaft einen göttlichen Körper, göttliche Rede und göttliche Schau erlangen.
16.36
divyabuddhir bhaved devi divyaśravaṇa eva ca |
jihvāgre koṭicandrābhāṃ vāgīśīṃ paribhāvayet || 16.36 ||
Göttliche Einsicht und göttliches Gehör sollen entstehen, Göttin. An der Zungenspitze soll die Herrin der Rede vorgestellt werden, strahlend wie zehn Millionen Monde.
Anmerkung: Vāgīśīṃ ist ausdrücklich die Matsyendra-Lesung. Das divyaśravaṇa eva des Drucks bleibt gegenüber divyaśravaṇam eva in μ erhalten; Mallinson weist die entsprechende Form des Haupttextes als Verbesserung Sandersons aus.
16.37
parāmṛtakalātṛptāṃ kavitāṃ labhate kṣaṇāt |
jihvāgre saṃsthitāṃ lakṣmīṃ parāmṛtavimoditaḥ || 16.37 ||
Indem er sich die zuvor genannte Göttin als von den Kalas höchsten Nektars gesättigt vorstellt, erlangt er in einem Augenblick Dichtkunst. Dann richtet sich die Meditation auf Lakshmi an der Zungenspitze; der Yogi ist durch höchsten Nektar erfreut.
Anmerkung: Kalātṛptāṃ, kavitāṃ und vimoditaḥ sind für μ belegt. Der Beginn schließt an die Vorstellung Vāgīśīs in Vers 36 an. Vimoditaḥ ist maskulin und wird auf den Yogi des anschließenden Verses bezogen, nicht auf Lakshmi.
16.38
dhyāyan yogī maheśāni yogasāmrājyam āpnuyāt |
sahajāḥ pañca vikhyātāḥ piṇḍe ’smin paramātmake || 16.38 ||
Indem der Yogi darüber meditiert, große Herrin, soll er die höchste Herrschaft im Yoga erlangen. Fünf angeborene Größen sind in diesem Körper bekannt, dessen Wesen das Höchste ist.
Anmerkung: Sahajāḥ, vikhyātāḥ und paramātmake sind nun durch μ gestützt. Paramātmake wird vorläufig als „dessen Wesen das Höchste ist“ verstanden; Mallinson markiert diese Form im Haupttext als problematisch. Die fünf angeborenen Größen werden in 40–41 aufgezählt.
16.39
yadā sañjāyate dehaṃ mātṛdehe pitṛkṣaṇāt |
tatra sārdhaṃ bhavanti sma dehe vṛddhim upeyuṣi || 16.39 ||
Wenn der Körper im Körper der Mutter entsteht, sind jene Größen gemeinsam darin vorhanden, während der Körper heranwächst. Der Ausdruck pitṛkṣaṇāt über den väterlichen Anteil oder Zeitpunkt bleibt unsicher.
Anmerkung: Deham folgt J₆/J₇, pitṛkṣaṇāt und upeyuṣi μ. Der letzte Ausdruck klärt den lokalen Satzanschluss „im heranwachsenden Körper“. Pitṛkṣaṇāt bleibt verderbt oder terminologisch dunkel; weder ein Entwicklungsstadium noch eine Zeugungstheorie wird ergänzt.
16.40
ādyā kuṇḍalinīśaktiḥ prathamā sahajā sthitā |
dvitīyā ca suṣumṇākhyā jihvā caiva tṛtīyakā || 16.40 ||
Die ursprüngliche Kundalini-Shakti ist die erste angeborene Größe. Die zweite heißt Sushumna, und die dritte ist die Zunge.
Anmerkung: Ca nach dvitīyā ist für μ belegt. Die Aufzählung der drei ersten angeborenen Größen ist damit durch die Matsyendra-Zeugen gestützt.
16.41
tālusthānaṃ caturthaṃ ca brahmasthānaṃ ca pañcamam |
unnadhya sahajām ādyā dvitīye sahaje viśet || 16.41 ||
Der Gaumenort ist die vierte, der Brahma-Ort die fünfte angeborene Größe. Danach beschreibt der Vers ein Eintreten der ersten in die zweite; das vorausgehende Verb und die Kasusverbindung bleiben gestört.
Anmerkung: Unnadhya folgt J₆/J₇, ādyā A; J₆/J₇ haben āyā. Damit ist eine Bezugnahme auf die erste Größe, Kundalini, möglich; der bisherige Eigenname Maya entfällt. Dvitīye sahaje viśet ist für μ gestützt. Das Verb wird nicht ohne Kennzeichnung in das unnīya des Khecarividya-Haupttextes verwandelt.
16.42
tṛtīya sahajām ūrdhvā caturtha sahajā viśet |
caturtha sahajāṃ bhitvā sahajaṃ pañcamaṃ viśet || 16.42 ||
Die dritte angeborene Größe soll nach oben in die vierte eintreten. Nachdem die vierte durchbrochen ist, soll die fünfte betreten werden.
Anmerkung: Die grammatisch unebene Wortfolge folgt den ausdrücklich verzeichneten Lesarten von μ beziehungsweise J₆/J₇. Ūrdhvā klärt die Richtung und ersetzt das falsch abgelesene mūrdhā, „Kopf“. Das abschließende viśet folgt J₆/J₇ gegenüber bhyaset in A. Gemeint sind Zunge, Gaumenort und Brahma-Ort aus 40–41; die Kasusformen bleiben im Sanskrit sichtbar.
16.43
etad bhedaṃ mayā proktaṃ durvijñeyaṃ kuleśvari |
mūlāt kuṇḍalinīśaktiṃ suṣumṇāmārgam āgatām || 16.43 ||
Diese schwer erkennbare Unterscheidung habe ich dargelegt, Herrin des Kula. Nun wird Kundalini-Shakti beschrieben, die von der Wurzel her den Weg der Sushumna betreten hat.
Anmerkung: Der Satz reicht über 44 bis 45.
16.44
lūtaikatantupratimāṃ koṭisūryasamaprabhām |
praviśya ghaṇṭikāmārgaṃ śivadvārārgalaṃ śive || 16.44 ||
Sie gleicht einem einzigen Spinnenfaden und strahlt wie zehn Millionen Sonnen. Nach dem Eintreten in den Weg am Gaumenzäpfchen beschreibt der Text das Durchbrechen des Riegels am Shiva-Tor, Göttin, im anschließenden Vers.
Anmerkung: Lūtaikatantupratimāṃ folgt μ, samaprabhām und ghaṇṭikāmārgaṃ J₆/J₇. Damit werden der Spinnenfadenvergleich und das Gaumenzäpfchen als Bezugspunkt klarer. Keine Gleichsetzung mit einer darüber hinaus genau bestimmten modernen Anatomie.
16.45
bhittvā rasanayā yogī kumbhakena maheśvari |
praviśet koṭisūryābhaṃ dhāma svāyambhuvaṃ priye || 16.45 ||
Nachdem der Yogi den Riegel mit der Zunge und mit Atemanhalten durchbrochen hat, soll er in die aus sich selbst entstandene Wohnstätte eintreten, große Herrin, strahlend wie zehn Millionen Sonnen, Geliebte.
Anmerkung: Das Objekt des Durchbrechens wird aus 44 übernommen.
16.46
tatrāmṛtamahāmbhodhau śītakallolamālinī |
pītvā viśramya ca sudhāṃ paramānandapūrṇayā || 16.46 ||
Dort, im großen Nektarozean mit seinen kühlen Wogen, trinkt der Yogi Nektar und findet Ruhe. Die Aussage setzt sich mit dem von höchster Wonne erfüllten Geist in Vers 47 fort.
Anmerkung: Tatrāmṛtamahāmbhodhau folgt μ; es ist ein zusammengesetzter Nektarozean, keine gesondert genannte „Unsterbliche“. Mālinī mit langem ī folgt J₆/J₇ und bleibt grammatisch uneben. Paramānandapūrṇayā gehört zum Instrumental buddhyā am Anfang von 47; der zuvor offene Satzanschluss ist damit geklärt.
16.47
buddhyā tatsudhayā tṛptam ātmadehaṃ prabhāvayet |
anena devi yogena jāyate divyadarśanam || 16.47 ||
Mit einem von höchster Wonne erfüllten Geist soll er sich den eigenen Körper als von jenem Nektar gesättigt vergegenwärtigen. Durch diesen Yoga entsteht nach der Lehre göttliche Schau, Göttin.
Anmerkung: Buddhyā nimmt paramānandapūrṇayā aus 46 auf. Die Wiedergabe macht diesen Zusammenhang ausdrücklich. Prabhāvayet und devi yogena bleiben die Matsyendra-Lesungen, keine Angleichung an den anderen Textzweig.
16.48
khecaratvaṃ bhavet satyaṃ sarvarogakṣayas tathā |
vañcanaṃ kālamṛtyuś ca trailokyabhramaṇaṃ tathā || 16.48 ||
Raumwandeln, das Schwinden aller Krankheiten, das Überlisten von Zeit und Tod sowie das Wandern durch die drei Welten werden als Früchte verheißen.
Anmerkung: Vañcanam bleibt Sensharmas sinngemäße Verbesserung; A/J₆ haben vacanam, J₇ cañcanam, und μ anschließend kālamṛtyuś ca. Die Übersetzung „Überlisten von Zeit und Tod“ folgt daher einer verbesserten Druckfassung, nicht einer grammatisch unversehrten Matsyendra-Lesung.
16.49
aṇimādiguṇopetāṃ saṃsiddhiṃ labhate dhruvam |
yogīndratvam avāpnoti gatir avyāhatā bhavet || 16.49 ||
Gewiss erlangt er eine Vollendung mit den Fähigkeiten der Kleinheit und den weiteren Siddhis. Er wird zum Herrn der Yogis, und seine Bewegung ist ungehindert.
Anmerkung: Guṇopetāṃ saṃsiddhiṃ labhate bleibt nach Sensharmas grammatischer Herstellung erhalten. μ hat guṇopetaṃ; A/J₇ verbinden saṃsiddhi beziehungsweise saṃsiddho mit labhate, J₆ hat saṃsiddho jāyate. Die Lesung der Druckfassung ist daher eine editorische Formung. Yogīndratvam avāpnoti ist dagegen durch μ gestützt.
16.50
navanāgasahasrāṇāṃ balena sahitaḥ svayam |
jāyate śivavad devi satyaṃ satyaṃ mayoditam || 16.50 ||
Er selbst wird mit der Kraft von neuntausend Elefanten ausgestattet und Shiva gleich, Göttin. Wahrhaft, wahrhaft habe ich es ausgesprochen.
Anmerkung: Balena, „mit der Kraft“, ist für μ belegt und ersetzt balenaṃ. Auch navanāgasahasrāṇām ist bestätigt: neuntausend Elefanten.
16.51
iḍāpiṅgalayor madhye suṣumṇā jyotirūpiṇī |
varṇarūpagaṇaiḥ sākaṃ tejas tatra nirāmayam || 16.51 ||
Zwischen Ida und Pingala liegt die lichtgestaltige Sushumna. Dort befindet sich unversehrter Glanz, zusammen mit den Gruppen von Farben und Gestalten.
Anmerkung: Gaṇaiḥ sākaṃ folgt μ. Die Übersetzung benennt daher Gruppen von Farben und Gestalten, nicht zusätzlich Eigenschaften. Der Khecarividya-Haupttext hat dagegen eine Aussage über das Freisein von solchen Bestimmungen; sie wird nicht übernommen.
16.52
suṣumṇābhujagākāśe yat tat kuṇḍalinī parā |
gaṅgā ca yamunā caiva iḍāpiṅgalasaṃjñake || 16.52 ||
In einem als Sushumna-Schlangenraum bezeichneten Bereich wird die höchste Kundalini genannt. Ganga und Yamuna tragen die Namen Ida und Pingala.
Anmerkung: Suṣumṇā bhujagākāśe und yat tat sind in A/J₇ beziehungsweise μ bestätigt. Die syntaktische Schwierigkeit bleibt. Die anschauliche „Gestalt einer schlafenden Schlange“ aus dem Khecarividya-Haupttext wird nicht als Matsyendra-Wortlaut eingesetzt.
16.53
gaṅgāyamunayor madhye tāṃ śaktiṃ sanniveśayet |
brahmabodhāvadhi śive paramāmṛtarūpiṇīm || 16.53 ||
Zwischen Ganga und Yamuna soll diese Shakti eingesetzt werden, Göttin, deren Gestalt höchster Nektar ist, bis zur Brahman-Erkenntnis.
Anmerkung: Paramāmṛtarūpiṇīm folgt μ und stimmt mit der Shakti als Objekt überein. Brahmabodhāvadhi bleibt Sensharmas ausdrücklich gekennzeichneter Druckvorschlag; μ hat das metrisch verkürzte brahmadhāvadhi. Die Übersetzung „bis zur Brahman-Erkenntnis“ beruht also auf Sensharmas Verbesserung, nicht auf einer Bestätigung des Wortes bodha durch den Apparat.
16.56 (erste Druckstelle)
tanmayo jāyate satyaṃ paramāmṛtatanuḥ svayam |
śivadhāmagatā śaktiḥ parameśāspadaṃ padam || 16.56 ||
Er wird wahrhaft davon erfüllt und selbst zu einem Körper höchsten Nektars. Die zur Shiva-Wohnstätte gelangte Shakti wird mit dem Ort des höchsten Herrn verbunden.
Anmerkung: Paramāmṛtatanuḥ folgt dem Druckvorschlag zu paramāmṛtatanuṃ. Der zweite Halbvers ist syntaktisch knapp. Hier steht im Druck die Nummer 56, obwohl die Stelle zwischen 53 und 55 liegt; eine Nummer 54 wird nicht eingeführt. „56a“ dient nur der redaktionellen Unterscheidung. Die Kollation bestätigt parameśāspadaṃ padam. Paramāmṛtatanuḥ bleibt Druckverbesserung; J₆/J₇ tanu, A tanuṃ. Für den zweiten Halbvers werden die Nominative śivadhāmagatā śaktiḥ nach A und Sensharma beibehalten; J₆/J₇ haben Akkusative.
16.55
tadbhāgatṛptisaṃtṛptā paramānandarūpitā |
siñcantī yogino deham āpādatalamastakam || 16.55 ||
Von der Sättigung durch jenen Anteil erfüllt, höchste Wonne verkörpernd, benetzt sie den Körper des Yogis von den Fußsohlen bis zum Kopf.
Anmerkung: Tadbhāga und paramānandarūpitā folgen μ, siñcantī J₆, āpādatalamastakam J₆/J₇. Damit ist die Ausdehnung über den Körper nun ausdrücklich belegt. Bhāga, „Anteil“, wird im Zusammenhang mit dem zuvor genannten Nektar verstanden; keine Übernahme des bhoga anderer Zeugen. Die Nektarbeschreibung steht im nächsten Vers.
16.56 (zweite Druckstelle)
sudhayā śiśirasnigdhaśītayā parameśvari |
punas tenaiva mārgeṇa prayātaḥ svapadaṃ śive || 16.56 ||
Sie benetzt ihn mit frischem, sanftem, kühlem Nektar, höchste Herrin. Dann ist er auf demselben Weg an seinen eigenen Ort zurückgekehrt, Göttin.
Anmerkung: Die erste Zeile folgt μ beziehungsweise J₆/J₇ und ergänzt das Benetzen aus 55. Prayātaḥ ist der maskuline Singular von μ; die Übersetzung bezieht ihn auf den Yogi, während der weitere Zusammenhang auch eine Rückkehr der Shakti erwarten lässt. Der Numerusfehler der bisherigen Druckablesung entfällt. „56b“ bezeichnet redaktionell die zweite Druckstelle mit der Nummer 56.
16.57
etad rahasyam ākhyātaṃ yogaṃ yogīndravandite |
utsṛjya sarvaśāstrāṇi japahomādikaṃ ca yat || 16.57 ||
Dieser geheime Yoga ist erklärt, du von den Herren der Yogis Verehrte. Der Text fordert nun ein Zurücklassen aller Schriften sowie von Rezitation, Feueropfer und ähnlichen Handlungen.
Anmerkung: Etad rahasyam ākhyātam ist für J₆/J₇ belegt. Auch die ungewöhnliche Form yogaṃ und japahomādikaṃ ca yat sind Matsyendra-Lesungen; sie werden nicht aus dem anderen Textzweig geglättet.
16.58
dharmādharmavinirmukto yogī yogaṃ samabhyaset |
rasanām ūrdhvagāṃ kṛtvā trikūṭe sanniveśayet || 16.58 ||
Frei von Verdienst und Verfehlung soll der Yogi den Yoga üben. Er richtet die Zunge aufwärts und bringt sie nach der Darstellung in den Trikuta-Ort.
Anmerkung: Trikūṭe ist für μ belegt; saṃniveśayet wird mit derselben Lautfolge als sanniveśayet geschrieben. Das zuvor abgelesene trikuṭeśam, ein „Trikuta-Herr“, entfällt. Samabhyaset bleibt die klare Druckform gegenüber samābhyaset in J₆/J₇.
16.59
brahmāṇḍe brahmarekhādho rājadantordhvamaṇḍale |
trikūṭaṃ taṃ vijānīhi tatra liṅgaṃ samujjvalam || 16.59 ||
Im Brahma-Ei, unterhalb der Brahma-Linie, im Bereich oberhalb des Königs-Zahns, liegt der Ort, den du als Trikuta erkennen sollst. Dort befindet sich ein hell leuchtendes Linga.
Anmerkung: Brahmarekhādho, „unterhalb der Brahma-Linie“, ist für μ belegt und ersetzt den vermeintlichen Linienweg. Vijānīhi und samujjvalam sind durch J₆/J₇ beziehungsweise J₆ gestützt.
16.60
kālakarmavinirmuktaṃ durvijñeyaṃ surair api |
iḍāyāṃ rātrir uddiṣṭā piṅgalāyām ahaḥ smṛtaḥ || 16.60 ||
Dieses Linga ist frei von Zeit und Handlung und selbst für die Götter schwer zu erkennen. Ida wird als Nacht bezeichnet, Pingala als Tag.
Anmerkung: Kālakarma, „Zeit und Handlung“, ist für μ belegt; die abweichende editorische Herstellung kālakrama im Khecarividya-Haupttext wird nicht übernommen. Der unregelmäßige maskuline Satzschluss smṛtaḥ zu ahaḥ bleibt ebenfalls nach μ erhalten.
16.61
candrādityau sthitau devi nityaṃ rātridivātmakau |
na divā pūjayel liṅgaṃ rātrau na ca maheśvari || 16.61 ||
Mond und Sonne bestehen beständig als Nacht und Tag, Göttin. Das Linga soll weder am Tag noch bei Nacht verehrt werden, große Herrin.
Anmerkung: Beide Verneinungen werden beibehalten. Der folgende Vers erklärt die Aussage durch das Zurückhalten von „Tag und Nacht“, also der zuvor benannten Atembahnen.
16.62
sarvadā pūjayel liṅgaṃ divārātrinirodhavāḥ |
ahorātrimayaṃ devaṃ kālakarmasvabhāvajam || 16.62 ||
Beständig soll das Linga verehrt werden; dabei nennt der Text ein Zurückhalten von Tag und Nacht. Der Gott wird als aus Tag und Nacht bestehend und aus dem Wesen von Zeit und Handlung hervorgegangen bezeichnet. Die grammatische Verbindung dieser Aussagen bleibt gestört.
Anmerkung: Divārātrinirodhavāḥ folgt μ; die Endung ist unklar. Devam ist für A/J₇ belegt, J₆ vedam. Aus der vom anderen Textzweig abweichenden Fügung wird keine sicher hergestellte Aussage über das Ausschalten des Tages-Nacht-Rhythmus rekonstruiert.
16.63
kālakarmanirodhena kālamṛtyuñjayaṃ labhet |
kālakarmavinirmuktaṃ cintayann ātmanas tanum || 16.63 ||
Durch das Zurückhalten von Zeit und Handlung soll der Übende den Sieg über Zeit und Tod erlangen. Dabei stellt er sich den eigenen Körper als von Zeit und Handlung frei vor.
Anmerkung: Kālamṛtyujayaṃ labhet ist für μ belegt; die Druckform kālamṛtyuñjayaṃ wird als entsprechende Verbindung von „Sieg über Zeit und Tod“ beibehalten. Cintayann ātmanas bleibt Sensharmas Satzgliederung gegenüber cintayan nātmanas in J₆/J₇; die zusätzliche Nasalfolge wird nicht als gesicherte Verneinung interpretiert.
16.64
pūjayed bhāvapuṣpeṇa tarpayet paṅkajāmṛtaiḥ |
evaṃ ṣaṇmāsayogena jāyate hy ajarāmaraḥ || 16.64 ||
Mit der Blume seiner inneren Haltung soll er verehren und mit den Nektaren der Lotusse sättigen. Durch sechs Monate dieses Yoga soll er frei von Alter und Tod werden.
Anmerkung: Bhāvapuṣpa ist ausdrücklich eine innere „Blume“; die metaphorische Übersetzung ist daher textlich begründet.
16.65
sarvajñatvaṃ labhet satyaṃ śivasāmyo nirāmayaḥ |
tālumūle samāveśya rasanām ūrdhvavaktrakām || 16.65 ||
Er soll wahrhaft Allwissenheit erlangen, Shiva gleich und frei von Krankheit werden. Sodann beschreibt der Text das Ansetzen der nach oben gewendeten Zunge am Gaumenansatz.
Anmerkung: Satzanschluss in 66.
16.66
tatra jātaṃ tu piban sītkāreṇa śanaiḥ śanaiḥ |
prapibet pavanaṃ yogī nirālambe pade śive || 16.66 ||
Während er das dort Entstandene trinkt, soll der Yogi langsam mit einem zischenden Laut den Atemwind trinken, Göttin, im stützenlosen Zustand.
Anmerkung: Nirālambe folgt μ, graphisch nirālaṃve. Sītkāreṇa ist ausdrücklich durch J₆/J₇ bestätigt. Die erste Wortfolge tatra jātaṃ tu piban bleibt die sinngemäße Druckfassung; A hat tat trajātaṃ tu pivan, J₆/J₇ tat trajātaṃ bhu pivan. Die Stelle enthält nach den Matsyendra-Zeugen nicht ausdrücklich das sudhāṃ des anderen Textzweigs.
16.67
manaḥ saṃyojya conmanyā sahajaṃ yogam ācaret |
anena yogī ṣaṇmāsāj jāyate hy ajarāmaraḥ || 16.67 ||
Den Geist mit Unmani verbindend, soll er den natürlichen Yoga ausüben. Dadurch soll der Yogi nach sechs Monaten frei von Alter und Tod werden.
Anmerkung: Sahaja wird hier als „natürlich, von selbst gegeben“ verstanden, während 38–42 den Ausdruck auf fünf angeborene Körpergrößen beziehen.
16.68
cibukaṃ yojayed devi ṣoḍaśasvaramaṇḍale |
bhrūmadhye cakṣuṣī nyasya jihvām ūrdhvaṃ prasārayet || 16.68 ||
Der Text beschreibt ein Ansetzen des Kinns am Kreis der sechzehn Vokale, Göttin. Nachdem der Blick beider Augen auf die Mitte zwischen den Brauen gerichtet ist, soll die Zunge nach oben ausgestreckt werden.
Anmerkung: Cakṣuṣī nyasya folgt J₆/J₇ beziehungsweise μ und klärt die zuvor verderbte Blickangabe. Die sechzehn Vokale sind ebenfalls in den Matsyendra-Zeugen bestätigt. Die Übersetzung beschreibt das historische Verfahren.
16.69
saṃprāpya kumbhakāvasthāṃ iḍāpiṅgalarodhanāt |
mūlaśaktiṃ samudbodhya bhittvā ṣaṭsarasīruhān || 16.69 ||
Durch das Zurückhalten von Ida und Pingala tritt der Übende in den Zustand des Atemanhaltens ein, erweckt die Wurzel-Shakti und durchbricht die sechs Lotusse.
Anmerkung: Die Folge wird in 70 fortgesetzt. Die Zahl sechs ist ausdrücklich gedruckt.
16.70
taḍitsahasrasaṅkāśāṃ brahmāṇḍodaramadhyage |
dhāmni śītāmṛtāmbhodhau sanniveśya ciraṃ vaset || 16.70 ||
Die wie tausend Blitze strahlende Shakti soll in die Wohnstätte inmitten des Brahma-Eis eingesetzt werden, in den Ozean kühlen Nektars; dort soll der Übende lange verweilen.
Anmerkung: Die feminine Akkusativform nimmt die Shakti aus 69 auf.
16.71
yadā brahmamaye dhāmni yogī vasati līlayā |
tadā nirjīvavad dehaṃ bhā visphurati tatpadam || 16.71 ||
Wenn der Yogi mühelos in der von Brahman erfüllten Wohnstätte verweilt, erscheint der Körper wie leblos, und jener Zustand leuchtet auf.
Anmerkung: Vasati folgt μ. Die graphisch getrennte Folge bhā vi sphurati wird als Aufleuchten beziehungsweise Entfaltung von Glanz verstanden; der Anschluss von tatpadam bleibt gedrängt. Deham ist die unregelmäßige Matsyendra-Form gegenüber dem Lokativ dehe anderer Zeugen.
16.72
anena devi yogena dinasaptakam ācaret |
tadā tadā sa bhavati jarāmaraṇavarjitaḥ || 16.72 ||
Diesen Yoga soll er nach der Anweisung sieben Tage lang üben, Göttin. Dann werde er frei von Alter und Tod.
Anmerkung: Dinasaptakam bestätigt die Dauer von sieben Tagen. Sa bhavati folgt J₆/J₇. Die doppelte Zeitpartikel tadā tadā bleibt die Matsyendra-Wortfolge; sie wird im Deutschen sinngemäß als „dann“ wiedergegeben.
16.73
māsamātraprayogeṇa jīved ācandratārakam |
yadā brahmapuraṃ bhittvā yogī vrajati līlayā || 16.73 ||
Nach nur einem Monat der Anwendung soll er leben, solange Mond und Sterne bestehen. Wenn der Yogi die Brahma-Stadt durchbricht und mühelos weitergeht, folgt die in Vers 74 genannte Befreiung.
16.74
tadā śivatvam āpnoti tyaktvā deham imaṃ śive |
na punaḥ pibate mātu stanaṃ saṃsāracakramā || 16.74 ||
Dann erlangt er den Shiva-Zustand, nachdem er diesen Körper verlassen hat, Göttin. Er trinkt nicht erneut an der Brust der Mutter und tritt nach der Aussage nicht wieder in den Daseinskreislauf ein.
Anmerkung: Śivatvam ist ausdrücklich für J₆/J₇ belegt und ersetzt das falsch abgelesene akhilatvam. Tyaktvā deham imam ist die Matsyendra-Fassung. Pibate, mātu und stanaṃ sowie der unregelmäßige Schluss saṃsāracakramā folgen μ beziehungsweise A/J₇; der Aussagekern über die ausbleibende Wiedergeburt bleibt klar.
16.75
tadā tu yogino vṛddhis tyaktaṃ deham imaṃ priye |
tadā sthirāsano bhūtvā mūlaśaktiṃ samujjvalām || 16.75 ||
Der erste Halbvers verbindet das Wachstum beziehungsweise die Entfaltung des Yogis mit dem Verlassen dieses Körpers, ist jedoch sprachlich gestört. Danach soll er einen festen Sitz einnehmen und die hell leuchtende Wurzel-Shakti betrachten, Geliebte.
Anmerkung: Vṛddhis und tyaktaṃ sind tatsächlich Matsyendra-Lesungen. Die glattere Aussage über einen Entschluss, den Körper zu verlassen, im Khecarividya-Haupttext beruht auf abweichenden Lesarten. Sie wird hier nicht als sicherer Wortlaut ergänzt. Der erste Halbvers bleibt offen.
16.76
koṭisūryapratīkāśāṃ bhāvayec ciram ātmavit |
āpādatalaparyantaṃ prasṛtaṃ jīvam ātmanaḥ || 16.76 ||
Der Selbstkundige soll sie lange als so strahlend wie zehn Millionen Sonnen vorstellen. Dann richtet sich die Darstellung auf sein eigenes Lebensprinzip, das bis zu den Fußsohlen ausgebreitet ist.
Anmerkung: Die Handlung am Lebensprinzip wird in 77 ergänzt.
16.77
saṃhatya kramayogena mūlādhārapadaṃ nayet |
tatra kuṇḍalinīśaktiṃ saṃvartānalasannibhām || 16.77 ||
Dieses soll er schrittweise zusammenziehen und zum Muladhara-Ort führen. Dort wird die Kundilini-Shakti betrachtet, die dem Feuer der Weltauflösung gleicht.
Anmerkung: Kuṇḍalinīśaktiṃ folgt μ. Auch saṃhatya ist durch A/J₆ belegt; es wird nicht an saṃhṛtya des anderen Textzweigs angeglichen. Der Weltauflösungsfeuer-Vergleich bleibt nach den Matsyendra-Zeugen erhalten.
16.78
jīvānityaṃ cendriyāṇi grasantīṃ cintayed dhiyā |
saṃprāpya kumbhakāvasthāṃ taḍidvalayabhāsurām || 16.78 ||
Im Geist soll sie als diejenige vorgestellt werden, die die Sinne verschlingt, leuchtend wie ein Ring aus Blitzen. Dabei erreicht der Übende den Zustand des Atemanhaltens. Der vorausgehende Ausdruck jīvānityam mit einem Bezug zum Lebensprinzip bleibt unklar.
Anmerkung: Jīvānityam folgt μ; die Gliederung ist unsicher. Insbesondere wird jīvānilam, „Lebensatem“, aus dem Khecarividya-Haupttext nicht eingesetzt. Bhāsurām folgt der korrigierten Lesung von J₆ und stimmt mit der weiblichen Gestalt überein. Grasantīṃ bleibt Sensharmas grammatische Form gegenüber grasatīṃ/grasantī in den Zeugen.
16.79
mūlād unnīya deveśi svādhiṣṭhānapadaṃ nayet |
tatra saṃjīvam akhilaṃ grasantīṃ cintayec ca tām || 16.79 ||
Von der Wurzel her soll sie emporgeführt werden zum Svadhishthana-Ort, Herrin der Götter. Dort soll man sie sich vorstellen, wie sie das Lebensprinzip ganz verschlingt.
Anmerkung: Svādhiṣṭhānapadaṃ folgt J₆ und ersetzt die Druckablesung khādhiṣṭhāna. Tatra saṃjīvam und cintayec ca tām sind für μ belegt; saṃjīva wird hier als Lebensprinzip verstanden. Das tatrasthaṃ jīvam des anderen Textzweigs wird nicht eingesetzt.
16.80
taḍitkoṭipratīkāśāṃ tasmād unnīya satvaram |
maṇipūrapadaṃ prāṇaṃ tatra sūryaṃ yadācaret || 16.80 ||
Von dort wird die wie zehn Millionen Blitze leuchtende Shakti rasch zum Manipura-Ort emporgeführt. Der zweite Halbvers verbindet Prana, Sonne und eine Handlung, deren genaue Fügung unklar bleibt.
Anmerkung: Prāṇa und sūrya yad sind ausdrücklich für μ beziehungsweise J₆/J₇ belegt; A sūryaṃ yad. Der Text bleibt nach Sensharma stehen und der zweite Halbvers bleibt offen. Die klare Fügung prāpya ... pūrvavad des Khecarividya-Haupttextes wird nicht zur Matsyendra-Lesung erklärt.
16.81
samunnīya padasthānād anāhatapadaṃ nayet |
tatra sthitvā kṣaṇaṃ devi pūrvavad dhi satīṃ smaret || 16.81 ||
Vom erreichten Ort aus soll sie zum Anahata-Ort emporgeführt werden. Dort verweilt man einen Augenblick und vergegenwärtigt sich Sati wie zuvor, Göttin.
Anmerkung: Anāhatapadam folgt μ, dhi satīṃ A; J₆/J₇ dha satīṃ. Satīṃ lässt sich als weibliches Objekt auf die Shakti beziehen, doch die vorangehende Partikel ist unregelmäßig. Der Khecarividya-Haupttext grasatīṃ, „verschlingend“, wird nicht übernommen.
16.82
unnīya ca punaḥ padme ṣoḍaśāre niveśayet |
tatrāpi cintayed devi pūrvavad yogam ātmavit || 16.82 ||
Dann soll sie weiter emporgeführt und in den sechzehnspeichigen Lotus eingesetzt werden. Auch dort soll der Selbstkundige den zuvor beschriebenen Yoga vergegenwärtigen, Göttin.
Anmerkung: Pūrvavad yogam ātmavit ist für μ belegt und klärt den Bezug „wie zuvor“. Der sechzehnspeichige Lotus wird nicht ohne zusätzliche Identifikation durch einen anderen Namen ersetzt.
16.83
tasmād unnīya bhrūmadhyaṃ nītvā jīvaṃ graset punaḥ |
grastajīvāṃ mahāśaktiṃ koṭisūryasamaprabhām || 16.83 ||
Von dort wird sie zur Brauenmitte emporgeführt, wo das Lebensprinzip erneut verschlungen wird. Die große Shakti erscheint, nachdem sie es verschlungen hat, strahlend wie zehn Millionen Sonnen.
Anmerkung: Graset punaḥ ist durch μ bestätigt und ergänzt die verlorene Verbendung. Der Sprecher beschreibt das Versenken des Lebensprinzips in der Shakti innerhalb der inneren Körpervorstellung.
16.84
manasā saha vāgīśi bhittvā brahmārgalaṃ kṣaṇāt |
parāmṛta mahāmbhodhau viśvāsaṃ samyag ācaret || 16.84 ||
Zusammen mit dem Geist soll nach der Darstellung der Brahma-Riegel in einem Augenblick durchbrochen werden, Herrin der Rede. Im großen Ozean höchsten Nektars soll Vertrauen beziehungsweise ein Sich-Anvertrauen vollzogen werden.
Anmerkung: Viśvāsam, „Vertrauen/Sich-Anvertrauen“, ist ausdrücklich die Matsyendra-Lesung gegenüber viśrāmam, „Ruhe“, in anderen Textzweigen. Die Übersetzung bewahrt diese Abweichung. Die Anrede vāgīśi ist ebenfalls durch μ belegt.
16.85
tatrasthaṃ paramaṃ devi śivaṃ paramakāraṇam |
śaktyā saha samāyojya tayor aikyaṃ vibhāvayet || 16.85 ||
Der dort weilende höchste Shiva, die höchste Ursache, soll mit Shakti verbunden werden, Göttin. Man soll ihre Einheit vergegenwärtigen.
16.86
yadi mocitum udyuktaḥ kālaṃ kālavibhāgavit |
yāvad vrajati taṃ kālaṃ tāvat tatra sukhaṃ vaset || 16.86 ||
Wenn der Kundige der Zeiteinteilung sich daranmacht, die Zeit „freizugeben“, soll er dort so lange glücklich verweilen, wie jene Zeitspanne vergeht. Was mocitum, „freizugeben/zu befreien“, in dieser Verbindung genau bedeutet, bleibt offen.
Anmerkung: Mocitum folgt μ, udyuktaḥ J₆/J₇, vrajati J₆. Die bisher stark beschädigte Satzgestalt wird dadurch lesbarer. Das erwartbare „die Zeit überlisten“ beruht hier jedoch auf vañcitum in anderen Textzeugen und wird nicht als Matsyendra-Text eingesetzt.
16.87
brahmadvārārgalasyādho dehe kālaprayojanam |
tasmād ūrdhvapade devi na hi kālaprayojanam || 16.87 ||
Im Körper unterhalb des Riegels am Brahma-Tor ist die Zeit wirksam. Am Ort oberhalb davon, Göttin, hat die Zeit keine Wirksamkeit.
Anmerkung: Die zusammengeschriebene Form brahmadvārārgalasyādho ist für μ belegt. Hi im zweiten Halbvers ist laut Vollkollation allen Zeugen gemeinsam und wird ergänzt. Die Aussage über die fehlende Wirksamkeit der Zeit ist eine Vorstellung des Werkes, keine moderne körperliche Tatsachenbehauptung.
16.88
yadā devy ātmanaḥ kālam atikrāntaṃ prapaśyati |
tadā brahmārgalaṃ bhittvā śaktiṃ mūlapade nayet || 16.88 ||
Wenn er erkennt, Göttin, dass die ihm zugemessene Zeit verstrichen ist, soll er die Shakti durch den Brahma-Riegel hindurch an den Wurzelort zurückführen.
Anmerkung: Ātmanaḥ kālam und prapaśyati folgen J₆/J₇. Damit entfällt der bisher missverständliche Satz über ein „Eintreten“; gemeint ist das Wahrnehmen des Zeitablaufs. Mūlapade bleibt der Matsyendra-Lokativ.
16.89
śaktiṃ dehātmasūtraṃ tu svajīvaṃ cendriyaiḥ saha |
tattat karmaṇi saṃyojya svasya dehaṃ sukhaṃ caret || 16.89 ||
Shakti, den als Faden des Körper-Selbst bezeichneten Zusammenhang und das eigene Lebensprinzip mitsamt den Sinnen soll der Übende wieder mit ihren jeweiligen Tätigkeiten verbinden und sich im eigenen Körper wohl bewegen.
Anmerkung: Saṃyojya ist nun durch J₆/J₇ gestützt. Die Fügung śaktiṃ dehātmasūtraṃ bleibt nach Sensharma; μ hat dehātmasūnam, das keine eindeutige zusätzliche Deutung trägt. Ebenso bleibt svasya dehaṃ Druckform gegenüber svasya dehaḥ in μ. Die Übersetzung ist eine vorsichtige Deutung dieser gestörten Fügung.
16.90
anena devi yogena vañcayet kālamārgaṇam |
yadi mānuṣyakaṃ dehaṃ tyaktum icchā pravartate || 16.90 ||
Durch diesen Yoga soll der Pfeil der Zeit überlistet werden, Göttin. Falls der Wunsch entsteht, den menschlichen Körper zu verlassen, folgt im Text die anschließende Darstellung.
Anmerkung: Kālamārgaṇam bleibt Sensharmas sinngebende Herstellung, „Pfeil der Zeit“. μ hat kālam ārgaṇam; die Wortbildung ist dort gestört. Die Wahl des Drucks wird nicht als unabhängige Bestätigung durch den Apparat ausgegeben.
16.91
tataḥ paramasantuṣṭo brahmasthānaṃ gataṃ śivam |
śaktyā saṃyojya nirbhinnavyomabrahmaśilāṃ viśet || 16.91 ||
Dann soll der vollkommen Zufriedene den am Brahma-Ort weilenden Shiva mit Shakti verbinden und in den Bereich des durchbrochenen Raum-Brahma-Felsens eingehen.
Anmerkung: Nirbhinnavyomabrahmaśilām folgt Sensharmas Gliederung des komplizierten Kompositums. μ hat nirbhinna vyoma brahmāśilāṃ; die genaue Beziehung zwischen Raum, Brahman und Fels bleibt unsicher. Die Aussage beschreibt eine historische Vorstellung vom Verlassen des Körpers.
16.92
vyomatattvaṃ mahāvyomni vāyutattvam athānile |
tejastattvaṃ tathā tejasy āptatvaṃ jalamaṇḍale || 16.92 ||
Das Raumprinzip soll im großen Raum aufgehen, das Windprinzip im Wind, das Feuerprinzip im Feuer und das Wasserprinzip im Wassermandala.
Anmerkung: Vyomatattvam folgt μ mit normalisierter Doppelkonsonanz. Āptatvam ist die für A/J₆ belegte, unregelmäßige Langvokalform des Wasserprinzips; der Elementzusammenhang stützt die Deutung. Damit entfällt der zuvor unverständliche Ausdruck āmatvam. Das Verb ergibt sich aus niveśayet in Vers 93.
16.93
dharātattvaṃ dharābhāge nirālambe manaḥ pare |
vyomādiguṇatattveṣu svendriyāṇi niveśayet || 16.93 ||
Das Erdprinzip soll er in den Erdbereich, den Geist in das stützenlose Höchste und die eigenen Sinne in die Eigenschafts- und Wirklichkeitsprinzipien des Raumes und der übrigen Elemente versenken.
Anmerkung: Nirālambe ... pare folgt J₆/J₇ mit normalisiertem b/v und ersetzt niścalaṃ vai. Stützenlosigkeit bestimmt das höchste Ziel; sie ist hier keine zusätzliche Bezeichnung eines unbewegten Geistes.
16.94
evaṃ sāṃsārikaṃ tyaktvā paratattvāvalambakaḥ |
adṛṣṭaḥ pañcabhūtādyair bhittvā sūryasya maṇḍalam || 16.94 ||
So lässt er das zum Daseinskreislauf Gehörige zurück und hält sich an die höchste Wirklichkeit. Für die fünf Elemente und die weiteren Mächte unsichtbar durchbricht er nach der Lehre die Sonnenscheibe.
Anmerkung: Adṛṣṭaḥ, „unsichtbar“, ist ausdrücklich die Matsyendra-Lesung und wird nicht zur Konjektur aspṛṣṭaḥ, „unberührt“, des Khecarividya-Haupttextes geändert. Paratattvāvalambakaḥ bleibt die Druckform gegenüber parātatvāvalamvakaḥ in J₆/J₇.
16.95
paratattve pare śānte śive līnaḥ śivāyate |
na kalpakoṭisāhasraiḥ punarāvartanaṃ bhavet || 16.95 ||
In die höchste, friedvolle Wirklichkeit Shivas eingegangen, wird er Shiva gleich. Selbst nach Tausenden von zehn Millionen Weltzeitaltern soll es keine Rückkehr mehr geben.
Anmerkung: Līnaḥ folgt J₆/J₇ und klärt den Bezug auf den Yogi. Sāhasraiḥ mit langem ā folgt J₆. Die großen kosmischen Zeiträume bleiben eine Befreiungsverheißung der Schrift.
16.96
anugrahāya lokānāṃ yadi dehaṃ na saṃtyajet |
pralayānte tanuṃ tyaktvā svātmany evāvatiṣṭhate || 16.96 ||
Wenn er den Körper zum Segen der Welten nicht verlässt, gibt er ihn erst am Ende der Weltauflösung auf und ruht dann allein im eigenen Selbst.
Anmerkung: Pralayānte ist ausdrücklich durch J₆/J₇ gestützt; evāvatiṣṭhate durch J₆. Die Negation na im vorausgehenden Halbvers ist ebenfalls belegt und bleibt erhalten.
16.97
ity eṣā khecarīmudrā khecarādhipatitvadā |
janmamṛtyujarārogavalipalitanāśinī || 16.97 ||
Dies ist die Khechari-Mudra, die Herrschaft über die Raumwandelnden verleihen soll: als Vernichterin von Geburt, Tod, Alter, Krankheit, Falten und grauem Haar gepriesen.
Anmerkung: Nach 97 folgt im Druck 99; eine mit 98 bezeichnete Einheit ist nicht vorhanden.
16.98
anayā sadṛśī vidyā kva cic chāstrāntare na hi |
khecarīmelanaṃ devi suguptaṃ na prakāśayet || 16.98 ||
Eine ihr gleiche Vidya gibt es in keiner anderen Schrift. Die Khechari-Zusammenkunft soll sorgfältig geheim gehalten und nicht öffentlich gemacht werden, Göttin.
Anmerkung: Ab hier bis 16.114 folgt der Grundtext Mallinson 2003, Anhang B, S. 297; Kapitelanfang und Kolophon bleiben zunächst nach Sensharma. Dieser Vers entspricht Sensharmas Drucknummer 99.
16.99
tasya cābhyāsayogo ’yaṃ tava snehāt prakāśitaḥ |
madirā nāma yā devi sarvayogīndravanditā || 16.99 ||
Diese mit ihr verbundene Yogaübung wurde aus Zuneigung zu dir offenbart. Jene Göttin, die Madira heißt, wird von allen Herren der Yogis verehrt.
Anmerkung: Tasya cābhyāsayogo ist Mallinsons Emendation. Der zweite Halbvers führt die personifizierte Madira ein; der Text verbindet die Göttin mit berauschenden Getränken. Dieser Vers entspricht Sensharmas Drucknummer 100.
16.100
naināṃ yo vetti loke ’smin sa paśuḥ procyate śive |
nityam abhyāśaśīlasya aṭato ’pi jagattrayam || 16.100 ||
Wer sie in dieser Welt nicht kennt, wird als gebundenes Wesen bezeichnet, Göttin. Selbst wer unaufhörlich übt und die drei Welten durchwandert,
Anmerkung: Dieser ganze Vers war in der bisherigen Fassung nach Sensharma nicht enthalten. Die zweite Hälfte beginnt einen über 101 bis 102 laufenden Satz. Abhyāśa ist die Schreibweise des benutzten Editionsdrucks; der Sinn entspricht abhyāsa, „Übung“.
16.101
guruvaktropasaṃlabdhāṃ vidyām abhyasato ’pi ca |
khecarīmelanādiṣu nityaṃ sapremacetasaḥ || 16.101 ||
und die aus dem Mund des Gurus empfangene Vidya übt, selbst wer der Khechari-Zusammenkunft und den damit verbundenen Vollzügen stets liebevoll zugewandt ist,
Anmerkung: Die Satzergänzung folgt in 102. Khecarīmelanādiṣu und sapremacetasaḥ sind ausdrücklich als Emendationen Mallinsons dokumentiert; sie klären die vorher gestörte Wortfolge.
16.102
na sidhyati mahāyogaṃ madirārādhanaṃ vinā |
tatprasādavihīnasya tannindāparacetasaḥ || 16.102 ||
dessen großer Yoga kommt ohne die Verehrung Madiras nicht zur Vollendung. Wer ihrer Gunst entbehrt und im Geist ihrer Schmähung zugewandt ist,
Anmerkung: Die zweite Hälfte setzt sich in 103 fort. Mallinson konjiziert die Genitive im Singular -vihīnasya und -cetasaḥ statt der pluralischen Zeugentexte.
16.103
paśoḥ pāśaprabaddhasya yogaḥ kleśāya jāyate |
sarvajñena śivenoktāṃ pūjāṃ saṃ tyajya mādirīm || 16.103 ||
für dieses durch Fesseln gebundene Wesen wird Yoga zur Mühsal. Wer die Madira-Verehrung aufgibt, die der allwissende Shiva gelehrt hat,
Anmerkung: Der Satz wird in 104 beendet. Mādirī bezeichnet eine auf Madira bezogene Verehrung; die Stoff- und Göttinnenebene werden nicht gegeneinander ausgespielt.
16.104
yuñjataḥ satataṃ devi yogo nāśāya jāyate |
vāruṇyā tarpayed devi sarvalokamayaṃ śivam || 16.104 ||
für den wird selbst beständiges Yogaüben zum Verderben, Göttin. Mit Varuni soll Shiva, der alle Welten umfasst, gesättigt werden.
Anmerkung: Śivam ist Mallinsons Emendation des in den Zeugen gebotenen śive. Dadurch wird der Empfänger der Darbringung ausdrücklich benannt. Varuni ist hier ein berauschendes Getränk; die Warnung und die Opferanweisung gehören zur historischen Rituallehre.
16.105
gauḍī mādhvī ca paiṣṭī ca tathā kādambarī varāḥ |
kādambarī ca drumajā mādhvī madhusamudbhavā || 16.105 ||
Gaudi, Madhvi, Paishti und Kadambari gelten als vorzügliche Sorten. Kadambari stammt vom Baum, Madhvi entsteht aus Honig.
Anmerkung: Die Getränkenamen werden beibehalten. Eine bestimmte Baumart nennt der Vers nicht; drumajā folgt den Jodhpur-Zeugen.
16.106
paiṣṭī piṣṭasamudbhūtā gauḍīkṣurasasambhavā |
tāsām ekatamāṃ gṛhya tarpayet sarvadevatāḥ || 16.106 ||
Paishti entsteht aus Mehl, Gaudi aus Zuckerrohrsaft. Eine dieser Sorten soll genommen werden, um alle Gottheiten zu sättigen.
Anmerkung: Gaudī/Gauḍī ist hier mit retroflexem ḍ im Sanskrit wiedergegeben. Die Herstellung wird im historischen Wortlaut knapp beschrieben und nicht zu einer heutigen Anleitung erweitert.
16.107
asaktaḥ sumahāpūjāṃ yadi kartuṃ ca sādhakaḥ |
kuryād bindvekadānaṃ vā guruvākyāvalambakaḥ || 16.107 ||
Wenn der Sadhaka die überaus große Verehrung nicht ausführen kann, soll er wenigstens einen einzigen Tropfen darbringen und sich dabei auf das Wort des Gurus stützen.
Anmerkung: Mallinson druckt asaktaḥ, wörtlich „nicht anhaftend“, in einer grammatisch schwierigen Verbindung mit kartum. Die Übersetzung versteht die Stelle im Sinne von aśaktaḥ, „nicht imstande“, wie es Sensharmas 16.107 ausdrücklich bietet; der Sanskritgrundtext bewahrt asaktaḥ. Bindvekadānam klärt die zuvor unleserliche Bezeichnung der kleinen Darbringung.
16.108
ekabindupradānena tṛpyante koṭidevatāḥ |
tasmāt saṃ pūjya yuñjīta tatprasādapavitritaḥ || 16.108 ||
Durch die Darbringung eines einzigen Tropfens werden zehn Millionen Gottheiten gesättigt. Deshalb soll man zuerst verehren und dann Yoga üben, durch ihre Gunst gereinigt.
Anmerkung: Die Einzeltropfenangabe stimmt mit 107 überein. Die sehr große Empfängerzahl ist eine Aussage der Schrift.
16.109
anyathā kleśa eva syān na siddhir janmakoṭiṣu |
sarve sidhyanti mantrāś ca yogāś ca parameśvari || 16.109 ||
Andernfalls entsteht nur Mühsal und selbst in Millionen von Geburten keine Vollendung. Alle Mantras und Yogas hingegen gelangen zur Vollendung, höchste Herrin,
Anmerkung: Janmakoṭiṣu bezeichnet Zehnmillionenmengen von Geburten; die freie deutsche Mehrzahl bewahrt die unbestimmte große Menge. Die Bedingung folgt in 110.
16.110
samyakpūjāprayogena madirānandacetasaḥ |
asaṃ pūjya pibed devi madirāṃ yaḥ sa pāpabhāk || 16.110 ||
bei dem, dessen Geist an Madira Freude hat, durch die rechte Ausführung der Verehrung. Wer Madira trinkt, ohne zuvor verehrt zu haben, trägt nach dem Text Schuld, Göttin.
Anmerkung: Die Warnung unterscheidet rituellen Vollzug von bloßem Trinken. Sie ist eine historische Textaussage, keine heutige Verpflichtung zum Getränkeritual.
16.111
mahārādhanaśīlasya mayy evāsaktacetasaḥ |
tasmāt saṃ pūjayed devi sarvayogābhivṛddhaye || 16.111 ||
Gemeint ist derjenige, der sich der großen Verehrung widmet und dessen Geist allein an mir hängt. Deshalb soll man die Verehrung vollziehen, Göttin, damit sich alle Yogas entfalten.
Anmerkung: Der erste Halbvers schließt an die Genitivkonstruktion der vorherigen Verse an. Mayy evāsakta folgt Mallinsons Emendation.
16.112
madirānandito yogī yogaṃ yuñjīta nityadā |
vijane janturahite sarvopadravavarjite || 16.112 ||
Durch Madira erfreut, soll der Yogi stets Yoga üben: an einem einsamen Ort ohne Lebewesen, frei von allen Störungen,
Anmerkung: Die Orts- und Sitzbeschreibung setzt sich in 113 fort. Die Aussage bleibt als Bestandteil der historischen Ritualpraxis kenntlich.
16.113
mṛdvāsanam samāsthāya svagurūktaprakārataḥ |
saṃtarpya śivam īśānaṃ devīṃ devāṃ ś ca sarvaśaḥ || 16.113 ||
einen weichen Sitz einnehmen und nach der Unterweisung seines eigenen Gurus Shiva, den Herrn, die Göttin und alle Götter sättigen.
Anmerkung: Mṛdvāsanam samāsthāya folgt Mallinsons Emendation. Devīṃ devāṃś ca unterscheidet die Göttin und die Götter; die ältere Wiedergabe nur als „Göttinnen“ entfällt.
16.114
tatprasādena labhate samyagjñānam akhaṇḍitam |
etad yogaṃ mayākhyātaṃ kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi || 16.114 ||
Durch ihre Gunst erlangt er rechte, ungeteilte Erkenntnis. Diesen Yoga habe ich dir erklärt. Was möchtest du darüber hinaus hören?
Anmerkung: Mayākhyātam, „von mir erklärt“, wird ausdrücklich wiedergegeben. Der anschließende Kolophon dieser Arbeitsfassung bleibt nach Sensharma; Mallinsons Anhang führt unmittelbar noch 17.1 an.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ ṣoḍaśaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 16 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 17: Khechari-Zusammenkunft, Lehrerwahl und Einweihung
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Mallinson 2003, Anhang C, S. 298–301.
|| saptadaśaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 17.
śrīdevy uvāca
Die ehrwürdige Göttin sprach:
17.1
śambho sadbhāvaṃ saṃlabhya jaya candrārdhaśekhara |
tvayā śrīkhecarīvidyāsādhanaṃ guhyam īritam || 17.1 ||
Shambhu, nachdem die rechte innere Haltung erlangt ist: Heil dir, der du den Halbmond als Scheitelzier trägst! Du hast die geheime Verwirklichung der ehrwürdigen Khechari-Vidya erklärt.
Anmerkung: Mallinson emendiert sadbhāva zu sadbhāvaṃ. Das Absolutiv saṃlabhya nennt sein Subjekt nicht ausdrücklich; die Übersetzung lässt deshalb offen, ob das Erlangen auf die sprechende Göttin bezogen ist. Sadbhāva kann auch den wahren Seinszustand bezeichnen.
17.2
saṃ siddhaṃ kena mārgeṇa khecarīmelanaṃ labhet |
tan me brūhi jagannātha paramānandanandita || 17.2 ||
Auf welchem Weg lässt sich die voll verwirklichte Khechari-Zusammenkunft erlangen? Sage mir dies, Herr der Welt, du von höchster Wonne Erfüllter!
Anmerkung: Saṃsiddham ist eine Konjektur Mallinsons; die Anrede nandita folgt J₆. Dadurch ist die Frage grammatisch klarer als in Sensharmas Fassung.
śrībhairava uvāca
Der ehrwürdige Bhairava sprach:
17.3
śṛṇu guhyaṃ mahādevi sarvatantreṣu gopitam |
khecarīmelanaṃ loke mahāyogīndrasevitam || 17.3 ||
Höre das Geheimnis, große Göttin, das in allen Tantras verborgen ist: die Khechari-Zusammenkunft, die in der Welt von den großen Herren der Yogis aufgesucht wird.
17.4
khecarīṇām iyaṃ vidyā sadyaḥpratyayakārikā |
sarvasiddhipradā devi jarāmaraṇanāśinī || 17.4 ||
Diese Vidya der Khecharis bringt sogleich ein Erfahrungszeichen hervor. Sie gewährt alle Vollendungen, Göttin, und vernichtet nach der Lehre Alter und Tod.
Anmerkung: Khecarīṇām ist ein Genitiv Plural; die Vidya wird den Raumwandlerinnen zugeordnet. Pratyaya bezeichnet hier ein Zeichen der Wirksamkeit oder eine bestätigende Erfahrung.
17.5
†dārchād† brahmakapāṭasya paśūnāṃ dūramārgagā |
asiddhānām api ca yā yogināṃ parameśvari || 17.5 ||
Wegen †dārchād† der Brahma-Tür liegt ihr Weg für die gebundenen Wesen fern, ebenso für noch nicht vollendete Yogis, höchste Herrin.
Anmerkung: Dārchād bleibt auch bei Mallinson unverständlich und mit Cruces markiert. Die ältere Deutung als „Durchbrecherin“ wird nicht übernommen. Der übrige Satz beschreibt eine schwer zugängliche Kraft, die in den folgenden Versen weiter bestimmt wird.
17.6
brahmadhāma parityajya āyātā nāsikāpatham |
bhittvā brahmakapāṭaṃ tu yadā dhruvapadaṃ vrajet || 17.6 ||
Nachdem sie die Wohnstätte Brahmas verlassen hat, gelangt sie auf den Weg der Nase. Wenn sie dann die Brahma-Tür durchbricht und den festen Ort erreicht,
Anmerkung: Der Satz wird in Vers 7 abgeschlossen. Die Bewegungsfolge bleibt erhalten; es wird keine zusätzliche Körperstelle in den Wortlaut eingefügt.
17.7
tadā syāt paramānandaṃ saṃvidbhāvaikakāraṇam |
jñānaṃ tathā ca vijñānaṃ tatprasādāt sphuraty api || 17.7 ||
entsteht höchste Wonne, die einzige Ursache für den Zustand bewussten Erkennens. Durch ihre Gunst leuchten Wissen und unterscheidende Erkenntnis auf.
Anmerkung: Saṃvidbhāvaikakāraṇam ist der nun belegte Wortlaut. Die grammatisch unebene Verbindung mit paramānandam wird dem erkennbaren Zusammenhang nach wiedergegeben.
17.8
evaṃ yoge kriyāyāṃ ca sthitā sakalakāmadā |
cidrūpā kuñcikā nāma durvijñeyā surāsuraiḥ || 17.8 ||
So ist sie im Yoga und im rituellen Handeln gegenwärtig und erfüllt alle Wünsche. Sie besteht aus Bewusstsein und heißt „Schlüssel“; selbst Götter und Dämonen können sie nur schwer erkennen.
Anmerkung: Kuñcikā bedeutet „Schlüssel“. Die Deutung als Bewusstseinskraft beruht ausdrücklich auf cidrūpā.
17.9
evaṃ kuṇḍalinīśaktir ūrdhvādho ’nekadhā gatā |
tatsthe yogaḥ padasthe hi aṇimādiprasādhakaḥ || 17.9 ||
So bewegt sich Kundalini-Shakti auf vielfache Weise nach oben und unten. Der Yoga an dem Ort, an dem sie sich befindet, bewirkt nach der Lehre Anima und die weiteren Fähigkeiten.
Anmerkung: Tatsthe … padasthe bleibt syntaktisch knapp. Anima ist die Fähigkeit, sich äußerst klein zu machen; eine vollständige Siddhi-Liste wird hier nicht ergänzt.
17.10
tāni sthānāni vakṣyāmi yathā yeṣu ca siddhidā |
mūlādhāraṃ catuḥpatro bindus trivalayānvitaḥ || 17.10 ||
Ich werde jene Orte erklären und wie sie an ihnen Vollendung gewährt. Muladhara ist vierblättrig; sein Bindu ist mit drei Ringen versehen.
Anmerkung: Die Zuordnung des Bindu zum Muladhara gibt den Zusammenhang wieder; die wechselnden grammatischen Geschlechter des Sanskrit bleiben ein Textmerkmal.
17.11
gamāgamasamopeta ādhārākhyaḥ śikhiprabhaḥ |
guhyāntaṃ ṣaḍdalaṃ dīptam ṣaḍbinduḥ parikīrtitam || 17.11 ||
Mit Kommen und Gehen verbunden, heißt er Adhara und glänzt wie Feuer. Am Ende des Schambereichs wird ein leuchtender sechsblättriger Ort mit sechs Bindus gelehrt.
Anmerkung: Gamāgamasamopeta ādhārākhyaḥ śikhiprabhaḥ folgt Mallinsons ausdrücklich ausgewiesenen Emendationen. Kommen und Gehen werden nicht ohne weiteres mit bestimmten Atemrichtungen gleichgesetzt. Der neue sechsblättrige Ort wird in Vers 12 benannt.
17.12
taptajāmbūnadābhāsaṃ svādhiṣṭhānaṃ hi tad bhavet |
nābhimadhyagataṃ śuddhaṃ dvādaśāraṃ śaśiprabham || 17.12 ||
Dieser heißt Svadhishthana und glänzt wie glühendes Gold. In der Mitte des Nabels liegt ein reiner, zwölfspeichiger und mondglänzender Ort,
Anmerkung: Tapta, „erhitzt/glühend“, folgt Mallinsons Emendation der verderbten sapta-Fassungen. Die ältere Wiedergabe „siebenfaches Goldleuchten“ entfällt. Die Benennung des Nabelorts folgt in 13.
17.13
maṇipūrakasaṃjñānam ardhacandrasya madhyagam |
anāhataṃ daśāraṃ tu brahmarandhrāntagaṃ sadā || 17.13 ||
der Manipura genannt wird und in der Mitte eines Halbmondes liegt. Anahata aber hat zehn Speichen und reicht stets bis ins Brahmarandhra.
Anmerkung: Maṇipūrakasaṃjñānam ist Mallinsons Konjektur; daśāram, „zehnspeichig“, ersetzt die von Sensharma vorgeschlagene „Wonne-Essenz“. Die ungewöhnliche Lageangabe des Anahata wird nicht nach einem modernen Chakraschema berichtigt.
17.14
śuddhasphaṭikasaṃkāśaṃ bhāvayen nādarūpakam |
ṣoḍaśāraṃ mahāpadmaṃ trikoṇaṃ kaṇṭham āśritam || 17.14 ||
Man soll es wie reinen Kristall und als Klanggestalt vergegenwärtigen. Am Hals befindet sich ein großer sechzehnspeichiger Lotus mit einem Dreieck,
Anmerkung: Nādarūpakam, „Klanggestalt“, ist eine Emendation Mallinsons; die Handschriften bieten nādapūrakam. Der Satz setzt sich in 15 fort.
17.15
pūrṇacandranibhākāraṃ viśuddhaṃ mokṣadāyakam |
pañcakūṭamahatsthānaṃ vidyutkoṭisamaprabham || 17.15 ||
der die Gestalt des Vollmondes hat, rein ist, Vishuddha heißt und Befreiung gewährt. Darauf folgt der große Ort mit fünf Spitzen, der wie zehn Millionen Blitze strahlt.
Anmerkung: Viśuddha ist zugleich Beschreibung und Name. Die Beziehung des nachfolgenden fünffachen Ortes zur Ajna-Beschreibung wird erst in 16–17 weiter entfaltet.
17.16
madhyadinārkasaṃkāśaṃ bhāvayed bindurūpakam |
sa tu nānātanor madhye śaktir vyomaprabhedinī || 17.16 ||
Man soll ihn als Bindu und strahlend wie die Mittagssonne vergegenwärtigen. Inmitten der vielgestaltigen Erscheinung liegt die Shakti, die den Raum durchbricht.
Anmerkung: Nānātanoḥ ist der Genitiv von nānātanu, „vielgestaltig“. Das Bezugswort ist knapp; eine zusätzliche anatomische Gestalt wird nicht ergänzt. Madhyadina folgt Mallinsons Emendation.
17.17
jvālantī pañcadhā randhre seyam ājñā prakīrtitā |
brahmā viṣṇuś ca rudraś ca īśvaraś ca sadāśivaḥ || 17.17 ||
Fünffach in der Öffnung leuchtend, wird diese Kraft Ajna genannt. Brahma, Vishnu, Rudra, Ishvara und Sadashiva werden aufgezählt,
Anmerkung: Der Satz geht in die Aufzählung von Vers 18 über. Eine eindeutige Zuordnung jedes Gottes zu einem bestimmten Chakra wird hier nicht eigenständig ergänzt.
17.18
pṛthivyādīni randhrāṇi pañcapañcakam eva ca |
tathā ca koṣṭhakāḥ pañca svādhiṣṭhānādayaḥ smṛtāḥ || 17.18 ||
ebenso die Öffnungen mit Erde und den weiteren Prinzipien und eine fünffache Fünfergruppe. Als fünf Kammern gelten Svadhishthana und die weiteren Orte.
Anmerkung: Der neue Wortlaut hat randhrāṇi, „Öffnungen“, statt des in Sensharmas Druck unverständlichen nirandhrāṇi. Die fünffache Fünfergruppe wird nicht mit einer fremden Liste aufgefüllt.
17.19
eteṣu sthānabhedeṣu pṛthag dhyānaṃ śivoditam |
tatraikam api cābhyasya yogī syād ajarāmaraḥ || 17.19 ||
Für diese verschiedenen Orte hat Shiva jeweils eine eigene Meditation gelehrt. Indem der Yogi auch nur eine davon übt, wird er nach der Verheißung frei von Alter und Tod.
17.20
abhyāsenaiva naśyanti pāpā janmasahasrajāḥ |
melanāt śivatāṃ yāti sumahān khecarādhipaḥ || 17.20 ||
Durch Übung schwinden die aus tausend Geburten stammenden Verfehlungen. Durch die Zusammenkunft erreicht der große Herr der Raumwandelnden das Shiva-Sein.
Anmerkung: Abhyāsa und melana bleiben als verschiedene Größen erkennbar. Die Aussagen sind Wirkungsversprechen des Textes.
17.21
svatantraḥ sarvalokeṣu gatir avyāhatā bhavet |
avijñāya ca yaḥ kuryād guruvākyāmṛtaṃ vinā || 17.21 ||
Er ist in allen Welten unabhängig und kann sich ungehindert bewegen. Wer jedoch ohne Verständnis und ohne den Nektar des Guru-Wortes praktiziert,
Anmerkung: Der folgende Vers schließt die Warnung ab.
17.22
bhakṣyate so ’cirād devi yoginībhir na saṃśayaḥ |
ya idaṃ paramaṃ śāstraṃ granthataś cārthatas tataḥ || 17.22 ||
wird nach der Warnung bald von Yoginis verzehrt, Göttin; daran bestehe kein Zweifel. Wer dagegen diese höchste Schrift ihrem Wortlaut und ihrem Sinn nach empfängt,
Anmerkung: Die Drohung gehört zum historischen Schutz der geheimen Überlieferung. Sie wird nicht als tatsächliche Gefahr für heutige Leser behauptet. Die positive Aussage setzt sich in 23 fort.
17.23
guruvaktrāt tu labhyeta sa parāṃ siddhim āpnuyāt |
ya idaṃ paramaṃ guhyaṃ khecarīmelakaṃ dadet || 17.23 ||
und zwar aus dem Mund des Gurus, erlangt höchste Vollendung. Wer dieses höchste Geheimnis, die Khechari-Zusammenkunft, weitergibt,
Anmerkung: Die Aussage über den Lehrer wird in 24 beendet. Dadet bleibt als unregelmäßige Verbform der Edition erhalten.
17.24
sa eva hi gurur devi nānyo ’sti parameśvari |
idaṃ guhyatamaṃ śāstraṃ paśūnāṃ yaḥ pradāpayet || 17.24 ||
dieser allein ist der Guru, Göttin; einen anderen gibt es hier nicht, höchste Herrin. Wer jedoch diese geheimste Schrift einem gebundenen Wesen vermittelt,
Anmerkung: Paśu ist eine traditionsinterne Bezeichnung für ein noch gebundenes Wesen; das anschließende Prüfungskriterium steht in 25.
17.25
aparīkṣitavṛttasya sa śīghraṃ naśyati priye |
bahudhā kliśyamānāya bhaktāyānanyacetase || 17.25 ||
dessen Verhalten nicht geprüft wurde, geht nach der Warnung rasch zugrunde, Geliebte. Einem Menschen aber, der sich vielfach abmüht, hingebungsvoll und mit ungeteilter Aufmerksamkeit,
Anmerkung: Der Genitiv aparīkṣitavṛttasya ist syntaktisch uneben; sein Bezug zum Empfänger ist aus dem Zusammenhang erschlossen. Der Satz wird in 26 fortgesetzt.
17.26
ekānte vijane sthāne pravaktavyaṃ vipaścitā |
vyākhyānakāle kartavyaḥ pūjāvidhir †aśāḍhyataḥ† || 17.26 ||
soll ein Kundiger die Lehre an einem einsamen, abgeschiedenen Ort erklären. Zur Zeit der Auslegung ist die rituelle Verehrung zu vollziehen; ihre Bestimmung †aśāḍhyataḥ† bleibt unverständlich.
Anmerkung: Die ältere Wiedergabe „zunächst“ war durch den Druckvorschlag bedingt. Mallinson belässt die schwierige Wortform mit Cruces; sie wird hier nicht übersprungen.
17.27
kulāmṛtaiś ca māṃ saiś ca kastūrīcandanādibhiḥ |
raktavastre samādhāya vidyāpustakam ādarāt || 17.27 ||
Mit Kula-Nektaren, Fleisch, Moschus, Sandelholz und weiteren Stoffen soll das Buch der Vidya verehrt werden, nachdem es ehrfürchtig auf ein rotes Tuch gelegt wurde.
Anmerkung: Das Verb der Verehrung folgt in 28. Die materiellen Gaben werden nicht ausschließlich symbolisch gedeutet.
17.28
pūjayet pūrvavidhinā tato vyākhyānaṃ ācaret |
athavā yady aśaktas tu mānasena kalāmṛtaiḥ || 17.28 ||
Man soll es nach der zuvor gelehrten Weise verehren und anschließend auslegen. Ist jemand dazu nicht imstande, darf die Verehrung mit innerlich vorgestellten Kala-Nektaren erfolgen,
Anmerkung: Athavā yady aśaktas tu ist in den Jodhpur-Zeugen belegt. Die zuvor unklare Bedingung ist dadurch lesbar: eine innere Alternative bei fehlender Möglichkeit zur äußeren Verehrung. Der Satz setzt sich in 29 fort.
17.29
saṃtarpya pūjya vijane vyākhyānaṃ guptam ācaret |
…gatenaiva bhāvenārādhya pustakam || 17.29 ||
indem man es sättigt und verehrt und die geheime Auslegung an einem abgeschiedenen Ort vollzieht. Das Buch wird mit einer inneren Haltung verehrt, deren nähere Bestimmung am Anfang des zweiten Halbverses fehlt.
Anmerkung: Die Edition verzeichnet hier vier fehlende Silben. Sensharmas Vorschlag ekacitta wird nicht in den neuen Grundtext übernommen. Die Lücke wird mit … angezeigt; ihr Umfang von vier Silben ist aus Mallinsons Zeichenfolge dokumentiert. Bhāvena folgt seiner Emendation.
17.30
śṛṇuyād vijane deśe tadjñair yukto ’thavā priye |
pūrvoktavidhinā devi svagurūktaprakārataḥ || 17.30 ||
An einem abgeschiedenen Ort soll man zuhören, oder im Kreis von Menschen, die diese Lehre kennen, Geliebte; dabei gilt das zuvor gelehrte Verfahren nach der Unterweisung des eigenen Gurus.
Anmerkung: Tadjñair yuktaḥ heißt „mit deren Kennern verbunden“ und korrigiert die ältere Wiedergabe als „Kenner der Wirklichkeit“. Die Abfolge mit Vers 31 bleibt gewahrt.
17.31
samabhyasya yathānyāyaṃ dvādaśābdam atandritaḥ |
paryaṭet pṛthivīm enāṃ yatra syān melako guruḥ || 17.31 ||
Nachdem der Schüler zwölf Jahre lang ordnungsgemäß und unermüdlich geübt hat, soll er diese Erde durchwandern, um den Guru der Zusammenkunft zu finden.
Anmerkung: Dvādaśābdam, „zwölf Jahre“, ist nach den Jodhpur-Zeugen belegt. Der Text stellt diese Vorbereitung neben die in 43 behauptete unmittelbare Wirkung des melana.
17.32
taṃ dṛṣṭvā sarvabhāvena samārādhya prayatnataḥ |
ātmaniḥśreyasakaraṃ tenoktaṃ samyag ācaret || 17.32 ||
Wenn er ihn gefunden hat, soll er ihn mit ganzem Wesen und sorgfältig verehren. Was jener zum höchsten Wohl des eigenen Selbst lehrt, soll er gewissenhaft ausführen.
Anmerkung: Ātmaniḥśreyasakaram folgt Mallinsons Emendation. Niḥśreyasa bezeichnet das höchste Heil.
17.33
jñānayuktaṃ tu mātaṅgam api kuryād guruṃ priye |
jñānavijñānahīnaṃ tu ṣaṭkarmastham api tyajet || 17.33 ||
Selbst einen wissenden Matanga soll man zum Guru machen, Geliebte. Wer aber weder Wissen noch unterscheidende Erkenntnis besitzt, den soll man verlassen, auch wenn er die sechs Pflichten vollzieht.
Anmerkung: Mātaṅga bezeichnet hier einen sozial niedrig eingeordneten Menschen. Ṣaṭkarman kann die sechs brahmanischen Pflichten meinen; die Gleichsetzung mit sechs Hatha-Reinigungen wäre hier nicht begründet. Die Kenntnis der Lehre wird ausdrücklich höher gewichtet als der soziale Rang.
17.34
yatra yatra viśiṣṭārthaṃ tatra tatra samāśrayet |
yasya haste sthitaṃ divyaṃ vidyāpustakam īśvari || 17.34 ||
Wo immer eine besondere Einsicht zu finden ist, dort soll man Zuflucht suchen. Wer das göttliche Buch der Vidya in seiner Hand trägt, Herrin,
Anmerkung: Die folgende Aussage beschreibt die Würde des Buchträgers. Die Lesart haste ist durch die Jodhpur-Zeugen gesichert.
17.35
tasya mūrtigataṃ devi sakalaṃ jñānasāgaram |
yadā yo granthataś cedam arthataś ca vadiṣyati || 17.35 ||
in dessen Gestalt befindet sich, Göttin, der ganze Ozean des Wissens. Wer diese Lehre ihrem Wortlaut und ihrem Sinn nach darlegt,
Anmerkung: Sakalam, „ganz“, folgt A; J₆/J₇ haben sakulam. Die ältere Wiedergabe „mitsamt dem Kula“ wird für diesen Editionswortlaut aufgegeben. Die Überleitung yadā yaḥ bleibt knapp; der Satz endet in 36.
17.36
aśeṣeṇa jagaddhātri sa eva paramo guruḥ |
sarvajñena śivenoktaṃ idaṃ janmārbudair api || 17.36 ||
und zwar ohne Auslassung, Weltenmutter, der ist der höchste Guru. Diese Lehre wurde vom allwissenden Shiva ausgesprochen und ist selbst in ungezählten Geburten,
Anmerkung: Arbuda ist ein großes Zahlwort. Der Plural legt hier keine genau berechenbare Dauer fest. Die Satzergänzung folgt in 37.
17.37
durlabhaṃ śāstrasāraṃ tu divyajñānaprakāśakam |
dvāv imau puruṣau loke siddhaḥ sādhaka eva ca || 17.37 ||
schwer zu erlangen: Sie ist der Kern der Schriften und offenbart göttliche Erkenntnis. Zwei Arten von Menschen gibt es in der Welt: den Vollendeten, Siddha, und den Übenden, Sadhaka.
17.38
abhyāsenaiva satataṃ yaḥ sarvaṃ parivartate |
abhīpsur ātmanaḥ siddhiṃ sa yogī sādhakaḥ smṛtaḥ || 17.38 ||
Wer durch beständige Übung alles durchläuft und Vollendung für sich selbst erstrebt, dieser Yogi wird Sadhaka genannt.
Anmerkung: Yaḥ sarvaṃ und abhīpsur folgen Mallinsons Emendationen. Parivartate kann „sich bewegen, durchlaufen, sich beschäftigen“ bedeuten; „alles“ wird nicht zu einer bestimmten Zahl von Yogastufen ausgebaut.
17.39
samyag abhyasya vijñāya yaḥ samaṃ melanaṃ caret |
sarvasādhāraṇatvena vikalpakuṭilojjitaḥ || 17.39 ||
Wer recht geübt und erkannt hat und die Zusammenkunft in gleicher Weise vollzieht, auf einer allen gemeinsamen Grundlage und frei von der Verschlungenheit unterscheidenden Denkens,
Anmerkung: Sarvasādhāraṇatvena wird als gemeinsame Grundlage verstanden. Samaṃ lässt die genaue Art des Gleichseins offen. Die Edition bietet vikalpakuṭilojjitaḥ; das Ende ist als Variante der Verbindung mit ujjhita, „aufgegeben“, verstanden. Die in Sensharmas Druck unleserlichen Reste entfallen mit dem Quellenwechsel.
17.40
kartā bhartā ca saṃhartā nityatṛpto nirāmayaḥ |
paśyaty ātmāvibhedena jagad etac carācaram || 17.40 ||
ist Schöpfer, Erhalter und Auflöser, stets erfüllt und frei von Leid. Er sieht diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt als vom eigenen Selbst ungetrennt.
Anmerkung: Ātmāvibhedena wird als „ohne Trennung vom Selbst“ verstanden; ātmā ist hier kein eigenständiges Subjekt. Die Aussage charakterisiert den in 39 begonnenen Siddha.
17.41
sa yogī sarvavic chrīmān siddha ity ucyate budhaiḥ |
sādhako bahujanmānte prayāti paramaṃ padam || 17.41 ||
Diesen allwissenden, glückverheißenden Yogi nennen die Kundigen einen Siddha. Der Sadhaka erreicht den höchsten Ort nach vielen Geburten.
17.42
devaiḥ sudurlabhāṃ siddhiṃ siddho yāti na saṃśayaḥ |
tasmād abhyasya yatnena khecarīmelanaṃ caret || 17.42 ||
Der Siddha erreicht eine selbst für die Götter äußerst schwer zugängliche Vollendung, daran besteht nach dem Text kein Zweifel. Deshalb soll man sorgfältig üben und die Khechari-Zusammenkunft vollziehen.
17.43
melanād apy anabhyāsī sarvaṃ labhati pārvati |
tasmād abhyāsahīno ’pi melāt syād ajarāmaraḥ || 17.43 ||
Durch die Zusammenkunft erlangt auch ein Mensch ohne Übung alles, Parvati. Darum wird selbst der Übungslose durch die Zusammenkunft frei von Alter und Tod.
Anmerkung: Beide ausdrücklichen Aussagen über fehlende Übung werden bewahrt. Sie stehen in einer nicht aufgelösten Spannung zu der zwölfjährigen Vorbereitung in 31.
17.44
yadā saṃmilati guruḥ śiṣyaṃ melanakarmaṇi |
saṃyojayiṣyati śive tadaivaṃ samudācaret || 17.44 ||
Wenn der Guru zusammentrifft und den Schüler in den Vollzug der Zusammenkunft einführen will, Göttin, soll er folgendermaßen verfahren.
Anmerkung: Saṃmilati folgt Mallinsons Emendation von saṃmelati. Der Wechsel zwischen Präsens und Futur wird im Deutschen als Absicht im bevorstehenden Ritual wiedergegeben.
17.45
ekānte vijane sthāne paśudṛṣṭer agocare |
pūjāyogyāni vastūni sādhayet parameśvari || 17.45 ||
An einem einsamen, abgeschiedenen Ort außerhalb des Blicks der Uneingeweihten soll er die für die Verehrung geeigneten Gegenstände bereitstellen, höchste Herrin.
Anmerkung: Paśu wird hier dem initiatorischen Zusammenhang entsprechend als „Uneingeweihter“ wiedergegeben.
17.46
susnigdhe ca susaṃ mṛṣṭe gomayenopalepite |
cāruvastravitānāḍhye sarvopadravavarjite || 17.46 ||
Der Ort soll glatt und angenehm, gut gereinigt und mit Kuhdung bestrichen sein, mit einem schönen Stoffbaldachin versehen und frei von allen Störungen.
Anmerkung: Die Jodhpur-Zeugen tragen die Lesarten gomayenopalepite und cāruvastravitānāḍhye; die frühere Unklarheit zur Ausstattung ist damit behoben.
17.47
vīreṇa madakarpūralaghusindūrareṇubhiḥ |
vṛttaṣaṭkoṇa†vasvāra†vṛttabhūvalayojjvalam || 17.47 ||
Mit Vira sowie mit Pulvern aus Mada, Kampfer und feinem Zinnober soll ein Mandala entstehen: strahlend durch Kreis, Sechseck, †vasvāra†, einen weiteren Kreis und die Erdumgrenzung.
Anmerkung: Die Konstruktion setzt sich in 48 fort. Vīra und mada sind nicht sicher identifizierte Stoffbezeichnungen. Vasvāra steht bei Mallinson unter Cruces; eine Deutung als acht Speichen bleibt unsicher. Deshalb wird daraus kein verlässlicher Mandala-Plan abgeleitet. Sensharmas Ergänzung aguru wird nicht übernommen.
17.48
kārayen maṇḍalaṃ devi tatrāpi kalaśaṃ nyaset |
pūrayed divyatoyena ratnagarbhaṃ savastrakam || 17.48 ||
Dieses Mandala soll er herstellen, Göttin, und darauf einen Krug setzen. In ihn legt er Edelsteine, versieht ihn mit einem Tuch und füllt ihn mit göttlichem Wasser.
Anmerkung: Divya wird wörtlich wiedergegeben; der Vers selbst beschreibt keine zusätzliche Weihehandlung.
17.49
mālyadhūpasamāyuktaṃ darpaṇālaṃ kṛtaṃ priye |
tatra pañca mahāratnān nyased vidyāṃ ca pūrvavat || 17.49 ||
Der Krug wird mit Girlanden und Räucherwerk versehen und mit einem Spiegel geschmückt, Geliebte. Dort soll man die fünf großen Edelsteine und die Vidya wie zuvor einsetzen.
Anmerkung: Der Vers nennt keine einzelnen Edelsteinsorten. Nyāsa der Vidya kann ihre rituelle Einsetzung mittels Mantra bezeichnen; der genaue Vollzug wird hier nicht zusätzlich ausgeführt.
17.50
tadagre devi sādhāraṃ pātraṃ pūrṇaṃ kalāmṛtaiḥ |
pūrvavat parisaṃ skṛtya pūrvoktavidhinācaret || 17.50 ||
Davor soll ein Gefäß auf einer Unterlage stehen, Göttin, gefüllt mit Kala-Nektaren. Nachdem es wie zuvor rituell bereitet wurde, verfährt man nach der schon gelehrten Ordnung.
Anmerkung: Sādhāram folgt J₆; die früher unebene Gefäßbeschreibung ist damit verständlicher.
17.51
pūjāvasāne deveśi tatprasādapavitritam |
snāpayet kalaśenāṅgaṃ parāmṛtadhiyā guruḥ || 17.51 ||
Am Ende der Verehrung soll der Guru den durch ihre Gunst gereinigten Körper mit dem Wasser des Kruges baden, Herrin der Götter, und dieses Wasser als höchsten Nektar vergegenwärtigen.
Anmerkung: Prasāda kann Gunst oder eine geweihte Gabe bedeuten. Dass der Körper des Schülers gemeint ist, ergibt sich aus dem Einweihungszusammenhang; das Wort śiṣya steht hier nicht ausdrücklich.
17.52
vinā snānaprasādābhyāṃ kalyānam ayutair api |
na sidhyati maheśāni khecarīmelakaṃ priye || 17.52 ||
Ohne Bad und Gunst kommt die Khechari-Zusammenkunft nicht zur Vollendung, große Herrin, Geliebte, selbst bei Zehntausenden. Der zusätzliche Ausdruck kalyānam bleibt in diesem Zusammenhang unklar.
Anmerkung: Mallinson druckt kalyānam, während Sensharma kalpānām vorschlägt. Die frühere Übersetzung „Zehntausende von Weltzeitaltern“ wird deshalb nicht übernommen. Die Bezugsgröße der Zahl ayuta ist im gewählten Text nicht sicher angegeben.
17.53
tasmāt sarvaprayatnena tat prasādaṃ sahābhidham |
sasnānaṃ dāpayed vidyāṃ nānyathā siddhibhāg bhavet || 17.53 ||
Deshalb soll man mit aller Sorgfalt diesen Prasada samt seiner Benennung und mit dem Bad vermitteln und die Vidya übergeben. Auf andere Weise erlangt man keinen Anteil an der Vollendung.
Anmerkung: Sahābhidham wird vorläufig als „mitsamt der Benennung“ verstanden; die folgende Namensgebung stützt den Zusammenhang, sichert aber nicht jede grammatische Einzelheit. Die Edition enthält hier keine von Sensharma vermutete zusätzliche Textlücke.
17.54
snāpayitvā śivaṃ devi yogasthāne viśeṣavit |
pañcāśadvarṇamālāṃ ca sthale vā darpaṇe ’thavā || 17.54 ||
Nachdem der Kundige Shiva am Yoga-Ort gebadet hat, Göttin, soll er die Reihe der fünfzig Laute anbringen: auf einer Fläche oder auf einem Spiegel,
Anmerkung: Der Sanskrittext hat śivam, nicht śiṣyam. Eine rituelle Identifikation des Schülers mit Shiva ist möglich, wird aber nicht als geänderte Lesart eingeführt. Die materielle Ausführung folgt in 55.
17.55
pade vā candane divye tal likhen na tu bhūtale |
śiṣyahastena deveśi tatra puṣpaṃ pramocayet || 17.55 ||
oder an einem geeigneten Platz beziehungsweise auf göttlichem Sandel soll er sie schreiben, jedoch nicht auf den bloßen Erdboden. Durch die Hand des Schülers soll eine Blume darauf fallengelassen werden, Herrin der Götter.
Anmerkung: Pade vā und divye folgen den Jodhpur-Zeugen. Die ältere Ergänzung „auf einem Blatt“ nach Sensharmas Vorschlag patre entfällt. Candane kann einen Sandelträger oder Sandel als Schreibstoff meinen; die genaue materielle Ausführung bleibt offen.
17.56
yasmin varṇe nipatitaṃ puṣpaṃ tadvarṇapūrvakam |
nāma cānandanāthāntaṃ dāpayed gurur īśvari || 17.56 ||
Der Guru soll einen Namen geben, der mit dem Laut beginnt, auf den die Blume gefallen ist, und mit „Anandanatha“ endet, Herrin.
Anmerkung: Die Namensendung ānandanātha ist ausdrücklich genannt. Puṣpam ist eine Emendation Mallinsons.
17.57
śaktināma ca saṃprekṣya parāmbāntaṃ pradāpayet |
pūrvaṃ prasādaṃ saṃdagdhamahāpātakasaṃcayaḥ || 17.57 ||
Auch den Namen der Shakti soll er nach Betrachtung geben, mit der Endung „Paramba“. Durch den vorausgehenden Prasada ist die Ansammlung der schweren Verfehlungen verbrannt,
Anmerkung: Śaktināma ca ist Mallinsons Konjektur, parāmbāntam seine Emendation der gestörten Zeugentexte. Diese Grundlage erlaubt nun eine nachvollziehbare Wiedergabe der zweiten Namensgebung. Welche Frau beziehungsweise Ritualpartnerin im Einzelfall gemeint ist, wird hier nicht ausdrücklich gesagt.
17.58
punaś ca kalaśāsekāt parāmṛtatanur bhavet |
bhūyaś ca nāmagrahaṇāt śivasāmyaḥ prajāyate || 17.58 ||
und durch die anschließende Besprengung aus dem Krug wird der Körper zu höchstem Nektar. Durch das Empfangen des Namens entsteht nach der Lehre Gleichheit mit Shiva.
Anmerkung: Die Aussage über das durch Prasada Gereinigte setzt die zweite Hälfte von 57 fort.
17.59
evaṃ kṛte śive śiṣyo yogyo melanakarmaṇi |
anyathā parameśāni tad evānarthakṛd bhavet || 17.59 ||
Wenn dies so vollzogen ist, Göttin, ist der Schüler für den Vollzug der Zusammenkunft geeignet. Andernfalls wird eben diese Handlung zum Unheil, höchste Herrin.
Anmerkung: Tad evānarthakṛd ist der durch die kritische Edition gestützte Wortlaut. Die frühere Wiedergabe mit „Freude der Götter“ entfällt; sie beruhte auf einer anderen, von Sensharma vorgeschlagenen Textgestaltung.
17.60
iti siddhatanuḥ siddho yad yad bhāvam upāsate |
tat tat phalaṃ ca pratyakṣaṃ bhaviṣyati na saṃśayaḥ || 17.60 ||
So mit vollendetem Körper versehen, verehrt der Siddha eine Gestalt oder einen Zustand nach dem anderen. Die jeweils zugehörige Frucht wird unmittelbar sichtbar, daran besteht nach dem Text kein Zweifel.
Anmerkung: Bhāva kann eine Gestalt, einen Zustand oder eine innere Haltung bezeichnen. Die unregelmäßige Pluralform upāsate bei singularischem Subjekt wird bewahrt.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ saptadaśaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 17 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 18: Shakti-Aufstieg, Erkenntnis und die unvergängliche Mondinsel
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Mallinson 2003, Anhang C, S. 302–305.
|| aṣṭādaśaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 18.
śrībhairava uvāca
Der ehrwürdige Bhairava sprach:
18.1
iti †sarvajñapāśād† yas tīrṇaḥ saṃsārasāgarāt |
bhuñjīta svecchayā bhogān svecchayā yogam abhyaset || 18.1 ||
Wer so aus dem Ozean des Daseinskreislaufs ans andere Ufer gelangt ist – der Text fügt die problematische Bestimmung „aus der Fessel des Allwissenden“ hinzu –, darf nach eigenem Willen die Genüsse erfahren und nach eigenem Willen Yoga üben.
Anmerkung: Sarvajñapāśād, wörtlich etwa „aus der Fessel des Allwissenden“, ist bereits in der Edition als problematisch gekennzeichnet. Die zweimalige Aussage svecchayā wird nicht eingeschränkt oder ausgelassen. Die wörtliche Bedeutung steht nun auch in der Übersetzung; damit ist ihre inhaltliche Schwierigkeit nicht behoben.
18.2
upādeyaḥ priyo yasmāt kaulike priyamelakaḥ |
ataḥ kuryād anuṣṭhānaṃ śāktam āṇavam eva vā || 18.2 ||
Weil der Geliebte zu erlangen ist und im Kaulika die Zusammenkunft mit dem Geliebten stattfindet, soll man entweder eine auf Shakti bezogene oder eine auf das begrenzte Einzelwesen bezogene Übung vollziehen.
Anmerkung: Priya, „Geliebter“, und priyamelaka sind hier Bezeichnungen innerhalb des Kaula-Kontexts; ihr genauer personaler Bezug bleibt offen. Śākta und āṇava werden wörtlich unterschieden. Śāktam āṇavam folgt J₆ und klärt die gestörte Lesung der anderen Zeugen.
18.3
atyantavijane sthāne sarvopadravavarjite |
nitāntaṃ manaso ramye hṛdyadhūpasugandhini || 18.3 ||
An einem ganz einsamen Ort, frei von allen Störungen, der dem Geist überaus angenehm ist und wohltuend nach Räucherwerk duftet,
Anmerkung: Die Ortsbeschreibung setzt sich in 4 fort.
18.4
vikīrṇapuṣpaprakarasindūrādisurañjite |
gurumaṇḍalakaṃ kṛtvā bhaktimān yogam abhyaset || 18.4 ||
mit ausgestreuten Blumenmengen und mit Zinnober und weiteren Stoffen schön gefärbt, soll man den Kreis des Gurus errichten und hingebungsvoll Yoga üben.
Anmerkung: Gurumaṇḍalaka wird als ritueller Guru-Kreis verstanden. Der Vers allein legt dessen genaue Gestalt nicht fest.
18.5
sthiram āsanam āsīnaḥ sakalīkṛṭavigrahaḥ |
jitaśvāso jitamanā jitakarmā jitendriyaḥ || 18.5 ||
In einem festen Sitz verweilend, den Körper durch die rituelle Sakalikarana-Handlung bereitet, soll der Yogi Atem, Geist, Handeln und Sinne gemeistert haben.
Anmerkung: Sakalīkṛtavigraha bezeichnet einen rituell mit seinen Gliedern ausgestatteten beziehungsweise mittels Mantra bereiteten Körper. „Fest“ bezieht sich ausdrücklich auf den Sitz.
18.6
niyojyaṃ ghaṇṭikārandhre … |
adhastāc cintayec cakram ākrāntādhāramaṇḍalam || 18.6 ||
In die Öffnung beim Gaumenzäpfchen ist etwas einzufügen; die folgende Verszeile fehlt. Unterhalb soll man einen Kreis vergegenwärtigen, der den Bereich der Grundlage umfasst.
Anmerkung: In 6b fehlen nach allen drei Zeugen acht Silben. Welches Objekt eingesetzt wird, wird im erhaltenen Wortlaut nicht genannt; die Zunge wird deshalb nicht als vorhandenes Sanskritwort ergänzt. Ākrāntādhāra folgt den Jodhpur-Zeugen.
18.7
tatra madhye samoddīptāṃ mūlaśaktiṃ vibhāvayet |
prāṇān nirudhyordhvamukhīṃ nayed bhittvā ṣaḍambujān || 18.7 ||
In seiner Mitte soll man die hell aufleuchtende Urkraft vergegenwärtigen. Indem die Lebenshauche angehalten werden, wird sie aufwärtsgerichtet geführt und durchbricht die sechs Lotusse.
Anmerkung: Der Vers beschreibt eine historische innere Körperpraxis. Mūlaśakti wird als Urkraft wiedergegeben; eine zusätzliche Liste der sechs Lotusse steht hier nicht.
18.8
ekībhūtā hi nādākhyā cakrabhedakrameṇa ca |
taḍidvalayasaṃkāśāṃ sphuratkiraṇarūpiṇīm || 18.8 ||
Durch das schrittweise Durchbrechen der Chakras wird sie eins und heißt Nada: leuchtend wie ein Ring aus Blitzen, ihre Gestalt besteht aus strahlenden Lichtstrahlen.
Anmerkung: Die Formen ekībhūtā und tadidvalayasaṃkāśām wechseln grammatisch die Konstruktion; die Übersetzung verbindet die erhaltenen Beschreibungen.
18.9
cihnayā ca nirālambe śūnyatejomaye pare |
brahmadvārasya garbhe tu visargākhye vilīyate || 18.9 ||
Durch ein Zeichen löst sie sich im Höchsten auf, das ohne Stütze und von leerem Licht erfüllt ist, im Innern der Brahma-Tür, das Visarga heißt.
Anmerkung: Cihnayā, „durch ein Zeichen“, wird wörtlich bewahrt; welches Zeichen gemeint ist, erläutert der Vers nicht. Visarga bedeutet „Aussendung, Entlassung“ und ist hier ein technischer Orts- oder Zustandsname.
18.10
tato rasanayodbhedya praviśed brahmaṇaḥ padam |
tasmin kulāmṛtaṃ divyaṃ pītvā bhūyo viśet kulam || 18.10 ||
Dann durchbricht der Yogi die Tür mit der Zunge und tritt in die Stätte Brahmas ein. Nachdem er dort den himmlischen Kula-Nektar getrunken hat, tritt er wieder in das Kula ein.
Anmerkung: Kula kann in diesem Zusammenhang den verkörperten Bereich oder das tantrische Kraftgefüge bezeichnen. Die räumliche Bewegung wird nicht durch eine zusätzliche moderne Körpererklärung ersetzt.
18.11
tena prāsitamātreṇa parāṃ siddhim avāpnuyāt |
yogamūle svake sthāne bhūyas tasmāt samutthitā || 18.11 ||
Allein durch dessen Genuss soll er höchste Vollendung erlangen. Von dort steigt die Kraft erneut auf, an ihrer eigenen Stätte in der Wurzel des Yoga,
Anmerkung: Der zweite Halbvers nimmt die feminine Kraftbeschreibung wieder auf und setzt sich in 12 fort.
18.12
pṛthivyādhārasaṃ kocād ekoccārakrameṇa tu |
etad vāgīsvarībījaṃ rahasyaṃ saṃprakāśitam || 18.12 ||
indem die Erdgrundlage zusammengezogen wird, im Ablauf einer einzigen Lautentfaltung. Damit ist das geheime Bija der Vagishvari offenbart.
Anmerkung: Uccāra bezeichnet eine Lautentfaltung beziehungsweise ein Aufsteigen des Lautes. Der Vers schreibt keine ausdrücklich ausgeschriebene Bija-Silbe aus; diese wird nicht ergänzt.
18.13
vyākhyātā khecarīmudrā tasyā bandho ’yam eva hi |
etasyā bandhamātreṇa bhāgyahīno ’pi sidhyati || 18.13 ||
Die Khechari-Mudra ist erklärt; eben dies ist ihr Bandha. Schon durch diesen Bandha erlangt selbst ein vom Glück verlassener Mensch Vollendung.
Anmerkung: Bandha bedeutet „Bindung, Verschluss“. Der Ausdruck wird nicht mit einem beliebigen später standardisierten Bandha gleichgesetzt.
18.14
melakaṃ khecarīṇāṃ ca divyaveṣo ’bhijāyate |
amunā saṃpradāyena yatra yatra vilīyate || 18.14 ||
Es kommt zur Zusammenkunft mit den Khecharis und zu einer göttlichen Erscheinung. Wo immer der Yogi sich nach dieser Überlieferung auflöst,
Anmerkung: Die Edition liest divyaveṣa, „göttliche Erscheinung/Gestalt“, nicht divyāveśa, „göttliche Besessenheit“. Der Satz wird in 15 fortgesetzt.
18.15
tatra tatra parānandarūpam eva prakāśate |
sarvaśāstrārthavettā ca saubhāgyaṃ paramaṃ tathā || 18.15 ||
dort offenbart sich nichts als die Gestalt höchster Wonne. Er wird zum Kenner des Sinnes aller Schriften und erlangt höchstes Glück.
Anmerkung: Der erste Halbvers charakterisiert den jeweils erreichten Zustand; der zweite nennt die dem Yogi zugeschriebenen Ergebnisse.
18.16
kāvyaṃ ca sarvabhāṣābhiḥ sālaṃ kārapadojvalam |
karoti līlayā yogī rudraśaktiprabhāvataḥ || 18.16 ||
Durch die Wirkkraft von Rudras Shakti dichtet der Yogi spielend in allen Sprachen, mit kunstvollen Ausdrucksmitteln und glänzenden Worten.
Anmerkung: Sālaṃkārapadojvalam ist als Beschreibung poetischer Gestaltung verstanden. Die Edition emendiert die Endung zu -jvalam.
18.17
anenaiva prayogena sarvamātrāḥ sphuranti hi |
āṇavāḥ śāmbhavāḥ śāktā ye †kety† uccarati priye || 18.17 ||
Durch eben diese Anwendung treten alle Matras hervor: die auf das Einzelwesen, auf Shambhu und auf Shakti bezogenen, welche er, Geliebte, ausspricht. Die verbindende Wortfolge †kety† bleibt unverständlich.
Anmerkung: Mātrā kann Lautmaß, Lauteinheit oder einen begrenzten Kraftanteil meinen. Die drei Gruppen āṇava, śāmbhava und śākta sind deutlich lesbar; die syntaktische Verbindung am Ende ist gestört.
18.18
maṇipūre layād vaśyaṃ śāntiśrīpuṣṭituṣtayaḥ |
ākarṣaṇaṃ purakṣobho bhavanty eva hi siddhayaḥ || 18.18 ||
Durch Auflösung im Manipura entstehen nach der Lehre Macht über andere, Frieden, Glück, Gedeihen, Zufriedenheit, Anziehung und die Erschütterung einer Stadt als Siddhis.
Anmerkung: Purakṣobha ist wörtlich „Erschütterung einer Stadt“. Die transgressive Wirkungsbehauptung wird weder ausgelassen noch zu einer harmlosen Meditationstechnik umgedeutet.
18.19
anāhate tu saṃ līno yogī granthivibhedanāt |
girīṇāṃ pātanaṃ devi kuryād mṛtyoś ca vañcanam || 18.19 ||
Wenn sich der Yogi im Anahata auflöst und den Knoten durchbricht, kann er nach dem Text Berge zu Fall bringen und den Tod überlisten, Göttin.
Anmerkung: Vañcanam folgt Mallinsons Emendation der Endung. Die Aussage ist ein traditionelles Siddhi-Versprechen.
18.20
viśuddhe ’py amṛtādhāre yogas tu syād asaṃśayaḥ |
kṣuttṛṣādāhanirmukto jarārogavivarjitaḥ || 18.20 ||
Auch im Vishuddha, dem Nektarspeicher, findet gewiss Yoga statt: Der Yogi wird als frei von Hunger, Durst und Brennen beschrieben, frei von Alter und Krankheit.
Anmerkung: Die Lesart ’py ist Mallinsons Emendation. Die Aufzählung der behaupteten Wirkungen bleibt erhalten.
18.21
ājñāsthānagato yogī trailokyam api paśyati |
trikālajñaḥ svayaṃ karttā sa eva parameśvaraḥ || 18.21 ||
Wenn der Yogi die Ajna-Stätte erreicht, sieht er sogar die drei Welten. Er kennt die drei Zeiten, ist selbst der Handelnde und eben dadurch der höchste Herr.
Anmerkung: Trikālajña bezeichnet die Kenntnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die höchste Stellung ist eine Aussage des Textes über seinen vollendeten Yogi.
18.22
atītaṃ vetti nābhistho varttamānaṃ hṛdi sthitaḥ |
ājñāsthānagato yogī sarvaṃ jānāti sarvadā || 18.22 ||
Am Nabel verweilend erkennt er das Vergangene, im Herzen verweilend das Gegenwärtige. An der Ajna-Stätte erkennt der Yogi stets alles.
Anmerkung: Die dritte Aussage lautet ausdrücklich „alles“, nicht nur „die Zukunft“. Die frühere Zweierfolge wird daher nicht zu einem symmetrischen Dreierschema erweitert.
18.23
adhunā conmanībhāvaḥ paratattvopalabdhaye |
pāramparyakramāyāto brahmāṇḍodaramadhyagaḥ || 18.23 ||
Nun folgt der Zustand Unmani zur Erfassung der höchsten Wirklichkeit, durch die Folge der Überlieferung weitergegeben, in der Mitte des Inneren des Welteneis gelegen.
Anmerkung: Unmanī bezeichnet einen Zustand jenseits des gewöhnlichen Denkens. Der enge Satzbau verbindet Überlieferung und inneren Ort; das Weltenei ist ein Begriff des Textes.
18.24
yal liṅgādhāramadhyasthaṃ madhye śaktyaṅkurānvitam |
yavamātrapramāṇaṃ tu trikoṇākṛtim uttamam || 18.24 ||
In der Mitte der Grundlage des Linga liegt das Höchste, mit einem Keim der Shakti in seiner Mitte: von der Größe eines Gerstenkorns und von dreieckiger Gestalt.
Anmerkung: Yava, „Gerstenkorn“, folgt den Jodhpur-Zeugen. Liṅga wird als technischer Ausdruck beibehalten; eine ausschließlich körperanatomische Deutung wäre hier zu eng.
18.25
niṣkalaṃ yat paraṃ tejaḥ parasya parasaṃsthitam |
javamaṇīndriyaṃ yadvat visphuraś caiva dṛśyate || 18.25 ||
Es ist das höchste, ungeteilte Licht, im Höchsten des Höchsten gelegen. Der zweite Halbvers vergleicht seine Erscheinung mit einem Aufblitzen, enthält aber die nicht sicher verständliche Folge javamaṇīndriyam.
Anmerkung: Die Wortgruppe wird weder zu einer eindeutigen Augenbewegung noch zu einer bestimmten Edelsteingestalt ergänzt. Visphuraś ist eine Emendation Mallinsons; die gesamte Konstruktion bleibt schwierig. Zählung: Mallinson 25 = Sensharmas Druckposition 25a.
18.26
tathākṛtir bhavet tasya mīlanonmīlanāni ca |
prathamaṃ bhedayec cakraṃ nābhijaṃ nāḍibhir yutam || 18.26 ||
So ist seine Gestalt, mit Schließen und Öffnen. Zunächst soll der Yogi den am Nabel entstandenen, mit Nadis verbundenen Kreis durchbrechen.
Anmerkung: „Schließen und Öffnen“ setzt den schwierigen Vergleich aus 25 fort. Dieser Vers ist Sensharmas zweite Druckstelle mit der Nummer 25; die neue Zählung folgt Mallinson. Zählung: Mallinson 26 = Sensharmas Druckposition 25b.
18.27
tadūrdhve hṛdayāvasthaṃ cakraṃ vai kulasaṃjñakam |
hṛccakraṃ bhedayet paścāt kaṇṭhacakraṃ tataḥ śanaiḥ || 18.27 ||
Darüber liegt der Kreis im Herzen, der Kula heißt. Den Herzkreis soll er durchbrechen und danach langsam den Halskreis.
Anmerkung: Kaṇṭhacakram ist Mallinsons Emendation von kaṇṭhaṃ vaktram. Es wird keine weitere, im Vers nicht genannte Chakra-Stufe ergänzt.
18.28
tadūrdhve lambikāṃ bhedya nāsāgraṃ tu tato nayet |
nāsāgrāt śvāsasaṃbhinnaṃ bhrūmadhye saṃniveśayet || 18.28 ||
Darüber durchbricht er das Gaumenzäpfchen und führt die Kraft dann zur Nasenspitze. Von der Nasenspitze aus bringt er sie, mit dem Atem verbunden, zwischen die Augenbrauen.
Anmerkung: Nāsāgrāt folgt Mallinsons Emendation. Das weibliche Kraftobjekt ist aus dem fortlaufenden Satz erschlossen; die Verben werden nicht als heutige Selbstanleitung formuliert.
18.29
śvāsena sahitaṃ bījaṃ tejorūpaṃ lalāṭake |
gatvā lakṣaṃ lalāṭasthaṃ praviśet sūryasaṃnibham || 18.29 ||
Das mit dem Atem verbundene, lichtgestaltige Bija gelangt in die Stirn und tritt in das dort befindliche, sonnenähnliche Ziel ein.
Anmerkung: Lakṣam wird als „Ziel“ verstanden; die Edition ändert die Form nicht zu lakṣyam. Die Bewegung setzt den vorherigen Vers fort.
18.30
kuñcikāḍhyaṃ tataḥ sūkṣmā …ṇu ca sūkṣmakam |
udghāṭayet tato dvāraṃ śivadvārārgalaṃ mahat || 18.30 ||
Dann folgt ein mit dem Schlüssel verbundener, feiner Vorgang; ein Teil der ersten Zeile fehlt. Danach soll der große Riegel der Shiva-Tür geöffnet werden.
Anmerkung: In 30b verzeichnet die Edition drei fehlende Silben vor dem erhaltenen ṇu. Auch die Konstruktion sūkṣmā … sūkṣmakam bleibt dadurch unvollständig. Die Lücke wird nicht aus bekannten Yogaschemata ergänzt.
18.31
bindudvārārgalaṃ bhittvā durbhedyaṃ tridaśair api |
brahmāṇḍodaram ity uktaṃ yoginīsiddhasevitam || 18.31 ||
Nachdem der Riegel der Bindu-Tür durchbrochen ist, den selbst die Götter schwer durchbrechen können, gelangt man zu dem, was das Innere des Welteneis heißt und von Yoginis und Siddhas aufgesucht wird.
Anmerkung: Die Eintrittsbewegung ist aus dem Satzanschluss erschlossen. Tridaśa bezeichnet die Götter.
18.32
tad etad aṅgulotsedhaṃ kapāle saṃ vyavasthitam |
praveśāt sparśanaṃ tatra bālānām iva jāyate || 18.32 ||
Dieses liegt im Schädel und ist einen Finger breit hoch. Beim Eintritt entsteht dort eine Berührung wie bei Kindern.
Anmerkung: Kapāle, „im Schädel“, folgt J₆. Der Vergleich mit Kindern bleibt im Text knapp; eine zusätzliche Erklärung durch die Fontanelle wäre eine Deutung, kein übersetztes Wort.
18.33
śaktitattvāvabodho hi vijñānaṃ siddhasādhanam |
paratattvāvabodhaś ca jñānaṃ mohaprasādhanam || 18.33 ||
Das Erwachen zur Shakti-Wirklichkeit ist unterscheidende Erkenntnis und bewirkt Vollendung. Das Erwachen zur höchsten Wirklichkeit ist Wissen und heißt hier „Verwirklichung der Verblendung“.
Anmerkung: Der letzte Ausdruck lautet mohaprasādhanam und steht inhaltlich quer zur positiven Aussage. Die naheliegende Verbesserung zu einem Befreiungsbegriff wird ohne weiteren Textzeugen nicht eingesetzt. Die wörtliche Übersetzung macht das Problem sichtbar.
18.34
bhuktimuktyor dvayor hetuḥ paramānandatāṃ gataḥ |
jīvanmuktim avāpnoti vatsarārdhān na saṃśayaḥ || 18.34 ||
Wer höchste Wonne erreicht hat, die sowohl Genuss als auch Befreiung bewirkt, erlangt nach einem halben Jahr Befreiung zu Lebzeiten; daran besteht nach dem Text kein Zweifel.
Anmerkung: Bhukti und mukti werden ausdrücklich beide genannt. Die Halbjahresfrist wird nicht als heutige Tatsachenbehauptung verstanden.
18.35
prāptadvādaśakenaiva śivasāmyabalaḥ priye|
sarvārthakṛtyaṃ sūkṣmatvaṃ sarvajñatvaṃ viśuddhatā || 18.35 ||
Mit dem Erreichen der Zwölfheit besitzt er die Kraft der Gleichheit mit Shiva, Geliebte: die Fähigkeit, alle Ziele zu verwirklichen, Feinheit, Allwissenheit und Reinheit,
Anmerkung: Dvādaśaka nennt eine Zwölfergröße ohne ausgedrückte Zeiteinheit. Der Anschluss mit der Jahresfrist in 38 macht eine zeitliche Deutung möglich, rechtfertigt aber keine stillschweigende Einfügung in den Sanskrittext. Die Liste läuft in 36 weiter.
18.36
nityānandasvabhāvatvaṃ sarvavyāpitvam eva ca |
aṇimā laghimā prāptiḥ prākāmyaṃ garimā tathā || 18.36 ||
immerwährende Wonne als eigenes Wesen und Allgegenwart; ferner Anima, Laghima, Prapti, Prakamya und Garima,
Anmerkung: Die anschließend als acht bezeichneten Siddhis beginnen hier: Kleinheit, Leichtigkeit, Erreichen, Erfüllung des Begehrten und Schwere. Die weitere Aufzählung folgt in 37.
18.37
īśitvaṃ ca vaśitvaṃ ca yac ca kāmāvasāyitā |
syān mahāsiddhayas tv etā aṣṭau vijñānayonayaḥ || 18.37 ||
Herrschaft, Gewalt über andere und die uneingeschränkte Verwirklichung des eigenen Willens. Dies sind die acht großen Siddhis, die aus unterscheidender Erkenntnis hervorgehen,
Anmerkung: Īśitva, vaśitva und kāmāvasāyitā schließen die Liste. Der Satz endet erst in 38.
18.38
yoginaḥ saṃpravartante vatsarāt parameśvari |
athāparaṃ pravakṣyāmi sādhanaṃ paramaṃ priye || 18.38 ||
und beim Yogi nach einem Jahr in Erscheinung treten, höchste Herrin. Nun werde ich eine weitere höchste Verwirklichungsweise erklären, Geliebte,
Anmerkung: Die ausdrückliche Jahresfrist gehört noch zur vorausgehenden Siddhi-Liste. Das nächste Verfahren beginnt im zweiten Halbvers.
18.39
vidhinānutthitaṃ pūrvaṃ mayā ca varavarṇini |
anyeṣāṃ devidevānāṃ brahmādīnāṃ ca durlabham || 18.39 ||
die mit mir selbst und einer früheren regelgemäßen Ausführung verbunden wird, schöne Göttin. Die betreffende Verbform ist gestört. Für andere Göttinnen und Götter, Brahma und die übrigen, ist sie schwer zugänglich.
Anmerkung: Vidhinānutthitam lässt sich nicht sicher zu anuṣṭhitam, „ausgeführt“, verbessern; eine Trennung als an-utthita würde einen anderen Sinn ergeben. Der erste Halbvers bleibt daher ausdrücklich nur teilweise übersetzt.
18.40
bindujīvajalākrāntaṃ vartulaṃ candramaṇḍalam |
binduprāṇānilākrāntaṃ trikoṇaṃ vahnimaṇḍalam || 18.40 ||
Rund ist der Mondkreis, erfüllt vom Lebenswasser des Bindu. Dreieckig ist der Feuerkreis, erfüllt vom Lebensatemwind des Bindu.
Anmerkung: Jīvajala und prāṇānila werden als unterschiedliche Größen wiedergegeben. Der Text verbindet Wasser und Wind mit verschiedenen Mandala-Formen.
18.41
āpūrya vāmayā nāḍyā muñced dakṣiṇayā bahiḥ |
punar dakṣiṇayāpūrya bahuśo vāmayā tyajet || 18.41 ||
Durch die linke Nadi wird eingeatmet und durch die rechte nach außen ausgeatmet. Wiederum wird durch die rechte eingeatmet und mehrfach durch die linke ausgeatmet.
Anmerkung: Bahuśaḥ steht ausdrücklich im zweiten Halbvers. Diese historische Atemanweisung wird nicht durch zusätzliche moderne Zählverhältnisse ergänzt.
18.42
evaṃ viśuddhanāḍīkaḥ kumbhakānāṃ śataṃ śatam |
kuryād bahiś ca haṃ sena sahajenāntarasthitam || 18.42 ||
Mit so gereinigten Nadis soll der Yogi jeweils hundert Atemanhaltungen ausführen. Die folgende Anweisung verbindet einen äußeren Vorgang mit Hamsa und einen inneren mit dem angeborenen Prinzip; der genaue Satzbau bleibt unklar.
Anmerkung: Śataṃ śatam bedeutet „jeweils hundert“. Bahiś ca haṃsena sahajenāntarasthitam bleibt syntaktisch uneben; die Übersetzung fügt keine vermeintlich sichere Kombination äußerer und innerer Atemverschlüsse ein.
18.43
sa paśyati jagat kīrṇaṃ tejasaḥ paramāṇubhiḥ |
dṛṣṭeti pratyayaṃ kuryāt pratyekam ayutaṃ yadā || 18.43 ||
Er sieht die Welt mit feinsten Lichtteilchen erfüllt. Die Gewissheit „gesehen!“ soll entstehen; wenn er jeweils zehntausend vollzieht,
Anmerkung: Pratyekam ayutam ist Mallinsons Emendation. Die Bezugsgröße der Zehntausend wird nicht erneut genannt; sie steht im Zusammenhang der zuvor beschriebenen Wiederholungen. Die Wahrnehmung setzt sich in 44 fort.
18.44
tadā paśyati nāsāgre hṛdayendūjjvalam ahaḥ |
tayoḥ saṃcintayed aikyaṃ tatrātmānaṃ sa paśyati || 18.44 ||
sieht er an der Nasenspitze das Licht, das vom Mond im Herzen erhellt wird. Er soll die Einheit beider vergegenwärtigen; darin sieht er sich selbst.
Anmerkung: Hṛdayendūjjvalam ahaḥ folgt Mallinsons Emendation. Ahas wird hier als Lichtglanz verstanden; die Einheit verbindet die beiden zuvor bezeichneten inneren Wahrnehmungsorte.
18.45
atimagnaṃ manaḥ kuryāt tasmin puryaṣṭakātmake |
tataḥ sa priyasāṅgatyād rudratām āpya dīpyati || 18.45 ||
Den Geist soll er ganz in dieses aus der achtteiligen Stadt Bestehende versenken. Dann erlangt er durch die Gemeinschaft mit dem Geliebten das Rudra-Sein und erstrahlt.
Anmerkung: Puryaṣṭaka, die „achtteilige Stadt“, bezeichnet den subtilen psychischen Körper; eine konkrete Liste seiner acht Bestandteile wird hier nicht gegeben. Priyasāṅgatya heißt Gemeinschaft mit dem Geliebten.
18.46
śaktibandhaprayogeṇa saptarātraṃ nirodhakaḥ |
kodaṇḍadvayamadhyasthaṃ bindunādena bhedayet || 18.46 ||
Durch die Anwendung des Shakti-Bandha erfolgt sieben Nächte lang ein Zurückhalten. Was in der Mitte zweier Bögen liegt, soll mit Bindu und Nada durchbrochen werden.
Anmerkung: Nirodhakaḥ nennt hier das Zurückhalten ohne ausgedrücktes Objekt. Kodaṇḍadvaya bedeutet „zwei Bögen“; ihre genaue Zuordnung wird nicht ergänzt. Die historische Anweisung ist keine Empfehlung zu einer solchen heutigen Atem- oder Körperpraxis.
18.47
evam abhyasatas tasya pratyayaḥ saṃprajāyate |
yāmamātrād dhruvaṃ tyaktvā gagane bhavati sthitaḥ || 18.47 ||
Bei dieser Übung entsteht ein bestätigendes Erfahrungszeichen: Nach nur einer Nacht- beziehungsweise Tageswache verlässt er den festen Ort und befindet sich im Raum.
Anmerkung: Yāma ist ein Achtel des Tages mit Nacht, gewöhnlich etwa drei Stunden. Dhruva, „der feste Ort“, wird nicht ohne ausdrückliche Ortsbestimmung mit einem einzelnen Chakra identifiziert.
18.48
dvādaśānte dinārdhena dṛṣṭvā sākṣān maheśvaram |
saṃ prāpya priyasāṅgatyaṃ śivasāyujyam āpnuyāt || 18.48 ||
Nachdem er nach einem halben Tag am Dvadashanta Maheshvara unmittelbar geschaut und Gemeinschaft mit dem Geliebten erlangt hat, erreicht er Vereinigung mit Shiva.
Anmerkung: Dvādaśānta bezeichnet einen traditionellen Ort „am Ende von zwölf“; seine konkrete Vermessung wird in diesem Vers nicht angegeben. Die Zeitangabe „halber Tag“ bleibt vom Ortsnamen getrennt.
18.49
sukham āsanam āsīnaḥ sakalīkṛtavigrahaḥ |
kiṃ cid abhyunnatorasko mayūrāñcitamastakaḥ || 18.49 ||
Der Yogi sitzt in einer bequemen Haltung, seinen Körper rituell bereitet, die Brust etwas angehoben und den Kopf wie ein Pfau geneigt.
Anmerkung: Mayūrāñcitamastaka beschreibt die Kopfhaltung durch den Pfauenvergleich. Eine präzise moderne Ausführungsform wird daraus nicht ergänzt.
18.50
visrastāṃ saḥ sthiro bhūtvā rasanāṃ ghaṇṭikābile |
saṃyojya parameśāni dhyānaṃ kuryāj jitendriyaḥ || 18.50 ||
Mit gelösten Schultern und fest verweilend setzt er die Zunge in die Öffnung beim Gaumenzäpfchen und meditiert mit beherrschten Sinnen, höchste Herrin.
Anmerkung: Die Körperbeschreibung gehört zum historischen Textzusammenhang; sie wird ohne Erweiterung durch anatomische Eingriffe wiedergegeben.
18.51
atyantanipuṇaṃ kuryāṭ suṣumṇāntargataṃ manaḥ |
śaktikṣobhāt tatas tasya paro ’bhivyajyate dhvaniḥ || 18.51 ||
Den Geist soll er äußerst fein in die Sushumna eintreten lassen. Durch die Erregung der Shakti offenbart sich ihm dann der höchste Klang.
Anmerkung: Śaktikṣobhāt folgt J₆. Die übrigen Zeugen haben abweichende grammatische Formen; der kausale Zusammenhang ist damit klarer.
18.52
tad eva sahajaṃ bījaṃ tatra saṃyojayen manaḥ |
kṣaṇāt kṣoṇīṃ parityajya gagane bhavati sthiraḥ || 18.52 ||
Dies ist das angeborene Bija; darin soll er den Geist sammeln. In einem Augenblick verlässt er die Erde und verweilt fest im Raum.
Anmerkung: Sahaja, „angeboren/natürlich“, folgt den Jodhpur-Zeugen. Die Flug- beziehungsweise Raumverheißung wird als Textaussage bewahrt.
18.53
muhūrtād vīkṣate sarvaṃ tejomayam idaṃ jagat |
yāmamātraṃ tadā tejas tad eva paripaśyati || 18.53 ||
Nach einem Muhurta sieht er diese ganze Welt als lichtgestaltig. Eine Wache lang betrachtet er dann eben dieses Licht.
Anmerkung: Ein Muhurta ist im üblichen Zeitsystem ein Dreißigstel des Tages mit Nacht, etwa 48 Minuten. Die Zeitwörter werden nicht gleichgesetzt.
18.54
tadā tasya nivartante nikhilāś cittavṛttayaḥ |
†yāmalaṃ † yamasaṃkalpo yadā sthāṇuvad āsthitaḥ || 18.54 ||
Dann kommen alle Bewegungen seines Geistes zur Ruhe. Wenn er wie ein Pfosten reglos dasteht, wird ein auf Yama bezogener Entschluss genannt; die vorausgehende Form †yāmalam† bleibt unverständlich.
Anmerkung: Yamasaṃkalpa wird wörtlich als auf Yama bezogener Entschluss belassen; ob der Todesgott oder eine technische Bedeutung gemeint ist, bleibt offen. Die Edition markiert yāmalam als verderbt.
18.55
yadā brahmāṇḍabhāṇḍasthaṃ sarvaṃ pratyakṣam īkṣate |
ahorātreṇa sarvāṇi sākṣāt tattvāni paśyati || 18.55 ||
Er schaut alles unmittelbar, was im Gefäß des Welteneis enthalten ist. Innerhalb eines Tages und einer Nacht sieht er sämtliche Wirklichkeitsprinzipien selbst.
Anmerkung: Tattva wird hier als Wirklichkeitsprinzip wiedergegeben. Ahorātra benennt ausdrücklich Tag und Nacht zusammen.
18.56
tadrūpaś cet †pariṣatas† tadāsau jāyate śivaḥ |
niyojya ghaṇṭikārandhre rasanāṃ niścalātmikām || 18.56 ||
Wenn er jene Gestalt besitzt, wird er zu Shiva; die Bedingung †pariṣatas† ist nicht sicher verständlich. Dann setzt er die Zunge unbeweglich in die Öffnung beim Gaumenzäpfchen,
Anmerkung: Die erste Hälfte bleibt auch in der kritischen Edition problematisch. Die zweite Hälfte beginnt die folgende Visualisation.
18.57
bhrūmadhye cakṣuṣī nyasya sthiraṃ kṛtvā mano hṛdi |
kṣīrodārṇavanirmagnaṃ padmadvayapuṭīkṛtam || 18.57 ||
richtet beide Augen auf die Mitte zwischen den Augenbrauen und festigt den Geist im Herzen. Er vergegenwärtigt sich als im Milchozean versunken und von zwei Lotussen umschlossen,
Anmerkung: Die Akkusative der zweiten Hälfte werden mit vicintayet in 59 verbunden. Die Sinneseinstellung und das innere Bild werden unterschieden.
18.58
pibantaṃ brahmarandhreṇa kṣīradhārāmṛtaṃ himam |
romakūpair vinirgatya koṭiśaḥ kṣīrabindubhiḥ || 18.58 ||
während er durch das Brahmarandhra den kühlen Nektar eines Milchstroms trinkt; aus seinen Haaröffnungen treten Millionen und Abermillionen Milchtropfen aus,
Anmerkung: Das Satzsubjekt beim Austreten ist knapp; die Vorstellung des im Milchstrom befindlichen Körpers wird bis 59 fortgesetzt. Koṭiśaḥ bezeichnet vielfache Zehnmillionenmengen.
18.59
abhedyapāṇḍurāntastham ivātmānaṃ vicintayet |
ajarāmaratām eti māsamātraṃ na saṃśayaḥ || 18.59 ||
und so soll er sich wie im Innern einer undurchdringlichen weißen Hülle vorstellen. Nach nur einem Monat erlangt er nach der Verheißung Freiheit von Alter und Tod, daran besteht kein Zweifel.
Anmerkung: Abhedyapāṇḍurāntastham folgt Mallinsons Emendation der Zeugentexte. „Hülle“ verdeutlicht das räumliche Innen des beschriebenen Weißen, ohne ein zusätzliches Sanskritnomen zu behaupten.
18.60
māsāvadhi maheśāni yogam ekaṃ śivoditam |
dine dine dviyāmāntaṃ yāmāntaṃ vā samuccaret || 18.60 ||
Einen Monat lang, große Herrin, soll man eine der von Shiva gelehrten Yogamethoden Tag für Tag bis zum Ende zweier Wachen oder einer Wache entfalten.
Anmerkung: Die Alternative zweier oder einer Wache wird bewahrt. Die Angaben beschreiben den historischen Text; sie sind kein gegenwärtiger Übungsplan.
18.61
ekenaiva tu yogena bhuvanāntam anuvrajet |
dvitīyena tu yogena saptadvīpāvadhiṃ vrajet || 18.61 ||
Mit der einen Yogamethode gelangt man bis zum Ende der Welt, mit der zweiten bis zur Grenze der sieben Kontinente.
Anmerkung: Dvitīyena und ekena beziehen sich auf verschiedene zuvor gelehrte Verfahren. Die „sieben Kontinente“ gehören zur traditionellen Kosmographie.
18.62
tṛtīyena tu yogena śivaloke mahīyate |
atītya sakalān lokān pṛthagbhogān prabhujya ca || 18.62 ||
Mit der dritten Yogamethode wird man in der Shiva-Welt verherrlicht. Nachdem der Yogi alle Welten überschritten und ihre unterschiedlichen Genüsse erfahren hat,
Anmerkung: Prabhujya folgt den Jodhpur-Zeugen. Die Aussage setzt sich in 63 fort.
18.63
śarīrāya mahāyogī candradvīpe sukhaṃ vaset |
śrīdevy uvāca
akṣayaṃ nātha kaṃ lokaṃ vada deva maheśvara || 18.63 ||
wohnt der große Yogi glücklich auf der Mondinsel; die Bestimmung „für den Körper“ bleibt unklar. Die ehrwürdige Göttin sprach: „Welche Welt ist unvergänglich, Herr? Sage es, Gott, großer Herr!“
Anmerkung: Der Sprecherwechsel steht tatsächlich zwischen den beiden Halbversen. Śarīrāya ist ein syntaktisch nicht sicher aufgelöster Dativ; eine Ergänzung wie „nach Aufgabe des Körpers“ wäre unbelegt. Mahāīśvara im älteren Druck wird durch das von Mallinson edierte maheśvara ersetzt.
śrībhairava uvāca
Der ehrwürdige Bhairava sprach (Sprecherangabe von Mallinson ergänzt):
18.64
sarvaṃ pūrvaṃ mayākhyātaṃ kiṃ na budhyasi pārvati |
trailokyaṃ kṣayate sarvaṃ sahasrayugaparyaye || 18.64 ||
Alles habe ich zuvor erklärt; weshalb verstehst du es nicht, Parvati? Die gesamte Dreiwelt vergeht nach Ablauf von tausend Weltzeitaltern.
Anmerkung: Die Sprecherangabe „Der ehrwürdige Bhairava sprach“ steht in Mallinsons Edition in eckigen Klammern und wird hier ausdrücklich als editorische Ergänzung, nicht als überlieferte Zeile bezeichnet. Sensharmas erste Druckstelle 67 entspricht diesem Vers. Zählung: Mallinson 64 = Sensharmas Druckposition 67a.
18.65
kalpākhyaṃ brahmaṇaḥ sthānaṃ vaikuṇṭhaṃ caiva vaiṣṇavam |
kailāśaṃ rudrasaṃsthānaṃ kṣīyate ca mahākṣaye || 18.65 ||
Auch der Kalpa genannte Ort Brahmas, Vishnus Vaikuntha und Kailasha, Rudras Wohnstätte, vergehen beim großen Untergang.
Anmerkung: Die ungewöhnliche Bezeichnung kalpākhya wird beibehalten. Der gewählte Wortlaut liest kailāśaṃ mit ś. Dies ist Sensharmas erste Druckstelle 68. Zählung: Mallinson 65 = Sensharmas Druckposition 68a.
18.66
akṣayaṃ candradvīpaṃ tu yatra devī kulāmbikā |
tiṣṭhate ca mayā sārdhaṃ satyaṃ satyaṃ mahātape || 18.66 ||
Unvergänglich aber ist die Mondinsel, auf der die Göttin Kulambika mit mir zusammen weilt: Wahrlich, wahrlich, du von großer Askese!
Anmerkung: Kulāmbikā folgt A; J₆ und J₇ bieten kujāṃvikā. Die Namensvariante wird nicht stillschweigend mit einer anderen Göttin gleichgesetzt.
18.67
yoginyas tatra yā devi siddhāś ca varavarṇini |
icchārūpadharāḥ sarve sarve cāmoghaśaktayaḥ || 18.67 ||
Die Yoginis und Siddhas dort, Göttin, du Schöne, nehmen alle nach eigenem Willen Gestalt an; die Kraft aller ist unfehlbar.
Anmerkung: Dies ist Sensharmas zweite Druckstelle 67. Die Unfehlbarkeit gehört zur mythischen Beschreibung dieser Bewohner. Zählung: Mallinson 67 = Sensharmas Druckposition 67b.
18.68
svatantrāś ca svarūpāś ca sarve kubjeśvaraprabhāḥ |
kim atra bahunoktena jalpitena punaḥ punaḥ || 18.68 ||
Alle sind unabhängig, in ihrer eigenen Gestalt und von Kubjeshvaras Glanz. Was soll hier noch viel gesagt und immer wieder erzählt werden?
Anmerkung: Kubjeśvaraprabhāḥ kann „mit Kubjeshvaras Glanz“ beziehungsweise „Kubjeshvara gleich leuchtend“ heißen. Dies ist Sensharmas zweite Druckstelle 68. Der Beleg für den Namen bleibt von einer weitergehenden Traditionszuweisung unterschieden. Zählung: Mallinson 68 = Sensharmas Druckposition 68b.
18.69
kṣayapātavihīnaṃ tu candradvīpaṃ varānane |
tatkṣaye yauvanānandaḥ krīḍate svecchayā priye || 18.69 ||
Die Mondinsel ist frei von Vergehen und Fall, Schönangesichtige. „Bei ihrem Vergehen spielt Jugendwonne nach eigenem Willen“, heißt der folgende Halbvers, Geliebte.
Anmerkung: Tatkṣaye, „bei dessen Vergehen“, widerspricht der unmittelbar vorher genannten Unvergänglichkeit. Yauvanānandaḥ, „Jugendwonne“, kann ein Name oder eine Zustandsbezeichnung sein. Die widersprüchliche Fügung wird nicht zu einer glatten Jenseitsbeschreibung verbessert.
18.70
kalpakoṭiśatais tasya kṣayo naiva prajāyate |
na ca sāṃsārikā vyāptis tasya bhūyaḥ pravartate || 18.70 ||
Auch nach hundert Koṭi von Weltzeitaltern entsteht für ihn kein Untergang, und die Erfassung durch den Daseinskreislauf setzt bei ihm nicht erneut ein.
Anmerkung: Hundert Koṭi entsprechen nach gewöhnlicher Zählung einer Milliarde. Der Plural der Sanskritform dient einer sehr großen Zeitangabe. Die Verneinung der Rückkehr in den Samsara bleibt ausdrücklich.
18.71
paśumārgasthito nityaṃ yoniyonyantaraṃ vrajet |
tasmāt sarvaprayatnena guruṃ toṣya maheśvari || 18.71 ||
Wer auf dem Weg der gebundenen Wesen bleibt, gelangt stets von einem Mutterschoß in den nächsten. Deshalb soll der Mensch mit aller Sorgfalt den Guru erfreuen, höchste Herrin,
Anmerkung: Der Satz wird in 72 beendet. Die Geburtssymbolik beschreibt den Daseinskreislauf.
18.72
praboddhavyam idaṃ śāstraṃ saṃsāraṃ tartum icchatā |
yena siddhim avāpnoti satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ || 18.72 ||
und diese Schrift verstehen lernen, wenn er den Daseinskreislauf überqueren möchte. Durch sie erlangt er Vollendung: wahrlich, wahrlich, daran besteht nach dem Text kein Zweifel.
Anmerkung: Praboddhavyam ist die unregelmäßige Schreibweise der Edition; die Bedeutung „zu verstehen/zu erlernen“ ist erkennbar. Die doppelte Bekräftigung wird bewahrt.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ aṣṭādaśaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 18 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 19: Nektar, Körper und Kosmos
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 132–134.
|| ekonaviṃśaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 19.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 211–213; Sanskritseiten 132–134.[19]
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
19.1
akṛtābhyāsayuktānāṃ yogināṃ siddhim icchatām |
dhyānayogaṃ pravakṣyāmi jarāmṛtyugadāpaham || 19.1 ||
Für die Yogis, die noch keine Übung erlangt haben und Vollendung wünschen, werde ich den Meditationsyoga erläutern, der Alter, Tod und Krankheit beseitigen soll.
Anmerkung: Akṛtābhyāsa folgt der im Druck durch eingeklammertes ā hergestellten Lesung. Die Wortverbindung akṛtābhyāsayukta ist ungewöhnlich; „noch keine Übung erlangt“ bleibt eine vorsichtige Deutung.
19.2
akalaṅkojjvalat śītakiraṇābhodarasthitam |
śarīraṃ cintayen māsād valīpalitanāśanam || 19.2 ||
Man soll den Körper im Inneren eines makellos leuchtenden, dem kühlen Mondstrahl gleichen Bereichs betrachten. Nach einem Monat soll dies Falten und graues Haar beseitigen.
Anmerkung: Die Wortfolge śītakiraṇābhodarasthitam ist im Druck mit Fragezeichen versehen. Der genaue Bezug des Vergleichs bleibt unsicher; ein bestimmtes Chakra wird nicht ergänzt.
19.3
śuddhenduvimbamadhye śravantam amṛtaṃ smaret |
amṛtena svakaṃ deham āpādatalamastakam || 19.3 ||
In der Mitte der reinen Mondscheibe soll man sich den fließenden Nektar vergegenwärtigen und den eigenen Körper, von den Fußsohlen bis zum Scheitel, von diesem Nektar durchdrungen sehen.
Anmerkung: Die Druckformen vimba und śravantam werden erhalten. Der zweite Halbvers setzt sich in 19.4 fort.
19.4
snāpyamānaṃ smared aṅgaṃ tarpayet sudhayā tathā |
tadardhamātrā … svaṃ saukumāryaṃ gadakṣayam || 19.4 ||
Man soll den Körper als gebadet vergegenwärtigen und die Glieder mit dem Nektar sättigen. Danach folgen Angaben über eine halbe Zeitspanne, Zartheit des eigenen Körpers und das Vergehen von Krankheit; ein Teil des Satzes fehlt im Druck.
Anmerkung: Die Auslassungspunkte stehen bereits in der Ausgabe. Weder ihre Länge noch der fehlende Wortlaut oder die genaue Zeitangabe lassen sich daraus bestimmen.
19.5
valīpalitanāśaś ca bhaviṣyati surārcite |
kañjanāśād adhodeśe karārdhād ūrdhvam eva ca || 19.5 ||
Falten und graues Haar werden verschwinden, von den Göttern Verehrte. Der zweite Halbvers enthält eine beschädigte Ortsbestimmung: kañjanāśād sowie „im unteren Bereich“ und „oberhalb eines halben Kara“.
Anmerkung: Die anatomische Ausgangsstelle von kañjanāśād ist nicht sicher deutbar. Kara kann ein Handmaß sein; eine bestimmte moderne Längenangabe wird nicht eingesetzt.
19.6
pūrvoktamaṇḍalau śītasudhāvṛṣṭisamanvitau |
mūlabījojjvalat śītasudhāvṛṣṭivinirgateḥ || 19.6 ||
Die beiden zuvor genannten Mandalas sind vom Regen kühlen Nektars erfüllt. Das Wurzelbija leuchtet; damit wird das Hervortreten des kühlen Nektarregens verbunden.
Anmerkung: Der Alternativscan bestätigt die beiden Dualformen maṇḍalau und samanvitau. Die zweite Zeile bleibt in ihren Kasusanschlüssen uneben. Mūlabīja ist die Wurzelsilbe; eine bestimmte Silbe wird hier nicht ergänzt.
19.7
sudhāsāgarasaṃllīnāṃ bhasarantaḥ vibhāvayet |
antaraṅgam aśeṣaṃ tu brahmarandhrendunirgateḥ || 19.7 ||
Man soll das gesamte Innere als in ein Meer von Nektar eingetaucht vergegenwärtigen, der aus dem Mond an der Brahma-Öffnung hervorgeht. Die Druckform bhasarantaḥ lässt sich nicht sicher übersetzen.
Anmerkung: Bhasarantaḥ steht im Druck mit Fragezeichen. Brahmarandhra bezeichnet in diesem yogischen Körperbild die obere Öffnung am Scheitel.
19.8
parāmṛtaibrahmarandhrā nāḍīvilaniveśitaiḥ |
tarpayet ātmano bījaṃ devatāś ca śive dhiyā || 19.8 ||
Mit dem höchsten Nektar, der von der Brahma-Öffnung in die Hohlräume der Nadis eintritt, soll man in der Vorstellung die eigene Keimsilbe und die Gottheiten sättigen, Shiva-Göttin.
Anmerkung: Die Form parāmṛtai wird nicht normalisiert. Die Übersetzung versteht den ersten Halbvers als eine instrumentale Bestimmung zum Sättigen.
19.9
antaraṅgam aśeṣaṃ tu tatsudhāvṛṣṭipūritam |
paribhāvya salomākha mārgakoṭivinirgateḥ || 19.9 ||
Nachdem man das gesamte Innere als von diesem Nektarregen erfüllt vergegenwärtigt hat, folgt eine Aussage über sein Hervortreten aus zahllosen Wegen. Das Wort salomākha bleibt unklar.
Anmerkung: Salomākha ist bereits im Druck fragend markiert. Eine Ergänzung zu „Haarporen“ wäre naheliegend, ist durch diese Lesung jedoch nicht sicher getragen.
19.10
sudhāvṛṣṭibhir ekaṃ ca vāhyābhyantarayoḥ smaret |
tanmadhye samullīnam ātmadehaṃ tadātmakam || 19.10 ||
Man soll innen und außen als eines unter dem Regen des Nektars vergegenwärtigen und den eigenen Körper mitten darin aufgelöst sehen, ganz von dessen Wesen erfüllt.
Anmerkung: Tat im Kompositum tanmadhye folgt der Druckverbesserung von tatra. Vāhya ist die gedruckte Form für das äußere Gebiet.
19.11
tarpayed ātmasudhayā brahmāṇḍam akhilaṃ śive |
tatsudhāvṛṣṭisaṃtṛptaṃ paramānandadhīmayam || 19.11 ||
Shiva-Göttin, man soll das ganze Weltall mit dem Nektar des eigenen Selbst sättigen und es als von diesem Nektarregen erfüllt betrachten, als Bewusstsein höchster Glückseligkeit.
Anmerkung: Brahmāṇḍa bedeutet wörtlich „Brahma-Ei“, hier das Weltall. Die meditative Aussage wird nicht als physikalische Kosmologie verstanden.
19.12
brahmāṇḍam akhilaṃ cedaṃ ātmadehaṃ vicintayet |
veṣṭayet sudhayā devi priyaḥ susnigdhaśītayā || 19.12 ||
Man soll dieses ganze Weltall als den eigenen Körper betrachten und ihn mit dem sehr sanften, kühlen Nektar umhüllen, Göttin. Die eingeschobene Druckform priyaḥ bleibt in ihrem Bezug unklar.
Anmerkung: Die syntaktisch auffällige Form priyaḥ wird nicht zu einer besser passenden Anrede oder Adverbialform verbessert.
19.13
anena devi yogena ṣaṇmāsād ajarāmaraḥ |
lohitaṃ navamaṃ varṇaṃ savindum amṛtātmakaṃ || 19.13 ||
Durch diesen Yoga soll man nach sechs Monaten alterslos und unsterblich werden, Göttin. Es folgt die Betrachtung des roten neunten Lautes, mit Bindu versehen und von Nektarwesen.
Anmerkung: Der zweite Halbvers führt in die folgende Vergegenwärtigung ein. Savindu ist die Druckform. Welches Zählsystem den „neunten Laut“ bestimmt, wird hier nicht ergänzt.
19.14
netrayoḥ parisaṃcintya tatsudhāvṛṣṭiraśmibhiḥ |
brahmāṇḍam akhilaṃ dhyāyed ātmadehaṃ samarpitam || 19.14 ||
Nachdem man in den beiden Augen die Strahlen dieses Nektarregens vergegenwärtigt hat, soll man das ganze Weltall meditieren, dem eigenen Körper anvertraut beziehungsweise in ihn hineingegeben.
Anmerkung: Die vergrößerte Nachprüfung bestätigt parisaṃcintya, „nachdem man vergegenwärtigt hat“. Es handelt sich hier nicht um eine Anweisung zum tatsächlichen Benetzen der Augen. Die genaue Beziehung von ātmadehaṃ und samarpitam bleibt deutungsbedürftig.
19.15
trivarṣadhyānayogena nirvikalpena cetasā |
samarasāntalokāni samajanma ca dṛśyate || 19.15 ||
Durch drei Jahre Meditationsyoga mit einem von begrifflicher Unterscheidung freien Bewusstsein wird eine Schau von Welten und Geburt verheißen. Die Ausdrücke samarasāntalokāni und samajanma lassen sich in dieser Form nicht sicher bestimmen.
Anmerkung: Die erste Zeile ist verständlich, die zweite sprachlich beschädigt. Es wird keine konkrete Welt- oder Wiedergeburtenlehre aus ihr rekonstruiert.
19.16
payaḥ payomayāmbhodhau līnam ātmakalevaram |
nityaṃ cintayato varṣāt syād valīpalitakṣayaḥ || 19.16 ||
Wer seinen eigenen Leib ständig als in einem Ozean aus Wasser aufgelöst betrachtet, dem sollen nach einem Jahr Falten und graues Haar vergehen.
Anmerkung: Payaḥ kann Wasser oder Milch bedeuten. Ohne einen eindeutigen weiteren Hinweis wird hier „Wasser“ gewählt; die alternative Vorstellung eines Milchozeans bleibt möglich.
19.17
brahmarandhrāmṛtadhārāsravat parasudhāmṛtaiḥ |
saṃsicyamānaṃ ṣaṇmāsāt dhyāyan dehaṃ jarāṃ jayet || 19.17 ||
Wer den Körper als mit dem höchsten Nektar begossen meditiert, der in einem Strom aus der Brahma-Öffnung fließt, soll nach sechs Monaten das Altern überwinden.
Anmerkung: Die zusammengesetzte Anfangsform ist grammatisch uneben, der beschriebene Nektarstrom jedoch erkennbar.
19.18
svadehaṃ candrasaṃkāśaṃ akalaṅkaṃ sudhāmayam |
dhyāyan varṣārdhito yogī valīpalita tra bhavet || 19.18 ||
Der Yogi soll den eigenen Körper als dem Mond gleich, makellos und von Nektar erfüllt meditieren. Nach einem halben Jahr wird eine Wirkung auf Falten und graues Haar genannt; der Schluss ist verderbt.
Anmerkung: Tra ist die im Druck mit Fragezeichen versehene Schlussform. Eine Negation oder ein Wort für Beseitigung wird an dieser Stelle nicht ergänzt.
19.19
†sata†candrasamo vidyāt sakalaṅkāmṛtāplutam |
mūlādi brahmarandhrāntaṃ ṣaṭpadmeṣu prabhāvayet || 19.19 ||
Von der Wurzel bis hinauf zur Brahma-Öffnung soll man die Vergegenwärtigung in den sechs Lotuszentren vollziehen. Die erste Zeile enthält eine beschädigte Mondbezeichnung; außerdem wird etwas als mit Flecken versehen und von Nektar überflutet beschrieben.
Anmerkung: Vidyāt folgt dem fragenden Druckvorschlag für vivāt. Der klarere Scan bestätigt candrasamo; die vorherige Ablesung candramo hatte sa ausgelassen. Der davorstehende Wortteil bleibt unsicher und ist deshalb markiert. Auch sakalaṅka ist problematisch; „hundert Monde“ oder „makellos“ werden nicht als gesicherte Aussage eingesetzt. Sakalaṅka heißt im vorliegenden Wortlaut „mit Flecken versehen“. Dies wird jetzt ausdrücklich übersetzt; der Unterschied zu akalaṅka, „makellos“, in 19.18 bleibt erhalten.
19.20
vedaṣaṭdalasūryendu kalā dviśatasaṃkhyayā |
patrair akṣarasaṃlīnair amṛtaikākṛteṣu ca || 19.20 ||
Es folgt eine Aufzählung mit Veda, sechs Blättern, Sonne, Mond und Kalas sowie der Zahl zweihundert; genannt werden außerdem Blätter, in denen Laute aufgehen, und aus Nektar bestehende Gestalten. Der Zusammenhang lässt keine verlässliche Gesamtübersetzung zu.
Anmerkung: Die Ausgabe setzt Fragezeichen nach vedaṣaṭdalasūryendu und amṛtaikākṛteṣu. Es wird daraus keine Liste von Chakra-Blattzahlen konstruiert.
19.21
ekatra cintayet teṣāṃ maṇḍalānām anukramāt |
avacchinnadhārāvad brahmāṇḍāvadhi pārvati || 19.21 ||
Parvati, man soll die Mandalas der Reihe nach an einem Ort zusammen betrachten, wie einen unterbrochenen Strom bis an die Grenze des Weltalls.
Anmerkung: Avacchinnadhārāvad folgt dem gedruckten Verbesserungsvorschlag. Die geläufigere Vorstellung eines „ununterbrochenen“ Stroms würde anavacchinna voraussetzen; dieses an wird nicht hinzugefügt.
19.22
prajvalat koṭicandrābhaṃ ātmadehaṃ tadātmakam |
cintayed amṛtāsiktāṃ yogī yogaprasiddhaye || 19.22 ||
Zur Vollendung des Yoga soll der Yogi den eigenen Körper als aufleuchtend wie zehn Millionen Monde vergegenwärtigen, von jenem Wesen erfüllt und mit Nektar benetzt.
Anmerkung: Die feminine Endung von amṛtāsiktāṃ ist im Zusammenhang mit dehaṃ uneben und bleibt erhalten. Koṭi wird als zehn Millionen wiedergegeben.
19.23
ṣaṇmāsād valipalitādīn nāśayec ca gadān api |
vāñchātyaṃtargatā yānti duḥkhān mucyeta vai viṣāt || 19.23 ||
Nach sechs Monaten soll man Falten, graues Haar und Krankheiten beseitigen. Der zweite Halbvers verheißt Befreiung von Leiden und Gift; seine anfängliche Wortfolge vāñchātyaṃtargatā ist jedoch nicht sicher deutbar.
Anmerkung: Valipalitādīn folgt dem fragenden Druckvorschlag für valiśaityādīn. Auch die im Druck fragend markierte Folge vāñchātyaṃtargatā bleibt offen. Die Konsonantenfolge tya folgt der erneuten Bildablesung; der Satzanschluss bleibt unsicher.
19.24
sāt sarvajñatāprāptir athād īśvarasaṃnibhaḥ |
khecaratvaṃ bhaved devi aṇimādiprapūjitam || 19.24 ||
Es wird das Erlangen von Allwissenheit verheißen und ein Zustand, der dem Herrn gleicht. Göttin, es entsteht das Sichbewegen im Raum, ausgezeichnet durch Kleinwerden und weitere Vollkommenheiten.
Anmerkung: Der Druck verbessert sa zu sā vor t und ergibt damit das unklare sāt. Aṇimā ist die Siddhi des Kleinwerdens. Die einleitende Anschlussform bleibt unübersetzt.
19.25
vibhidya yoginīdvāraṃ vāgīśvaryā sukhāsanaḥ |
kumbhakāvadhi saṃjāpya gamāgamavibhedataḥ || 19.25 ||
In einer bequemen Sitzhaltung soll man mit Vagishvari das Yogini-Tor durchdringen und bis zur Grenze des Atemanhaltens rezitieren, entsprechend der Unterscheidung von Kommen und Gehen.
Anmerkung: Der Text nennt weder die genaue Lautform der Vagishvari noch eine moderne Atemdauer. Gamāgama kann hier Atembewegungen bezeichnen; die Deutung bleibt am yogischen Zusammenhang orientiert.
19.26
ṣaṇmāsād valipalitaṃ nāśayed vatsaratrayāt |
sarvajñaguṇasaṃtṛpto dvādaśābdād dhi prabhuḥ |
jarāmṛtyugadais tyakto bhaviṣyati na saṃśayaḥ || 19.26 ||
Nach sechs Monaten soll man Falten und graues Haar beseitigen; nach drei Jahren ist man von den Eigenschaften eines Allwissenden erfüllt. Nach zwölf Jahren wird man ein Herr, frei von Alter, Tod und Krankheit – daran besteht nach Aussage des Textes kein Zweifel.
Anmerkung: Der Schlussvers hat drei Langzeilen und trägt die Nummer 26. Die englische Inhaltszusammenfassung der Ausgabe nennt 27 Verse; der hier geprüfte Sanskritdruck endet bei 26.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ ekonaviṃśaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 19 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 20: Yogische Fähigkeiten und Zeit
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Sensharma 1994, Sanskritseiten 135–137.
|| viṃśaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 20.
Erneut am klareren Scan geprüft: PDF 214–216; Sanskritseiten 135–137.[20]
20.1
kārmukadvayamadhyasthaṃ maihiraṃ maṇḍalaṃ priye |
dhyāyen māsāvadhi tadā rogayumakṣayaṃ nayet || 20.1 ||
Geliebte, man soll einen Monat lang die Sonnenscheibe zwischen zwei Bogen meditieren. Dadurch soll der Untergang von Krankheit herbeigeführt werden; die Druckform rogayuma ist jedoch nicht sicher deutbar.
Anmerkung: Maihiraṃ steht im Druck mit Fragezeichen und wird im Zusammenhang als Sonnenbezeichnung verstanden. Die beiden Bogen werden nicht ohne Beleg mit einem bestimmten Körperteil gleichgesetzt.
20.2
ṣaṇmāsād indrasāmyaḥ syād abdād viṣṇusamo bhavet |
ṣaḍvarṣād rudrasāmyaḥ syād daśābdād atisaṃprabhaḥ || 20.2 ||
Nach sechs Monaten soll man Indra gleichen, nach einem Jahr Vishnu; nach sechs Jahren soll man Rudra gleichen und nach zehn Jahren überaus strahlend sein.
Anmerkung: Viṣṇu und atisaṃprabhaḥ folgen den Druckverbesserungen von viṇu und atiprabha. Die Zeiten werden als Wirkungsversprechen der Schrift wiedergegeben.
20.3
jāyate niyatātmā cet satyaṃ sūryānubhāvanam |
… raktāmṛtapariplutam || 20.3 ||
Wenn man selbstbeherrscht ist, entsteht die wirkliche Vergegenwärtigung der Sonne. Nach einer gedruckten Lücke folgt die Bestimmung „von rotem Nektar ganz überflutet“.
Anmerkung: Die Auslassungspunkte gehören zur Ausgabe. Was von rotem Nektar überflutet ist und wie es an den vorigen Satz anschließt, lässt sich nicht sicher ergänzen.
20.4
dhyāyan varṣārdhamātreṇa jāyate hy ajarāmaraḥ |
mūlādhāre smared devi jvalantaṃ ravimaṇḍalam || 20.4 ||
Wer so meditiert, soll schon nach einem halben Jahr alterslos und unsterblich werden. Göttin, man soll im Muladhara eine flammende Sonnenscheibe vergegenwärtigen.
Anmerkung: Hier steht Muladhara ausdrücklich im Text. Das Wirkungsversprechen wird nicht als heutige Tatsachenbehauptung wiedergegeben.
20.5
tatprabhāpaṭalaṃ vyāptaṃ śarīraṃ paricintayet |
nedeha brahmarandhre ca dhyāyed hṛtkamale ’pi ca || 20.5 ||
Man soll den Körper als vom Lichtschein dieser Scheibe erfüllt betrachten und auch an der Brahma-Öffnung und im Herzlotus meditieren. Die Anfangsform nedeha im zweiten Halbvers bleibt unklar.
Anmerkung: Der Avagraha vor api folgt der eingeklammerten Ergänzung im Druck. Nedeha wird nicht zu einer vermeintlich sicheren Ortsangabe verbessert.
20.6
mūle bimbe ca chaṭṛvaṃ brahmarandhragataṃ tathā |
anyonyaprabhayā śiladhān śaraiḥ kramāt smaret || 20.6 ||
Es werden eine Scheibe an der Wurzel und eine an der Brahma-Öffnung genannt; man soll sie der Reihe nach in ihrem gegenseitigen Lichtschein vergegenwärtigen. Die Wortfolgen chaṭṛvaṃ und śiladhān śaraiḥ sind in dieser Form nicht zuverlässig deutbar.
Anmerkung: Die erste unklare Form steht im Druck mit Fragezeichen. Kramāt folgt dem dort vorgeschlagenen Ersatz für kasamāt. Der Satz wird nicht zu einer ausgearbeiteten Visualisationsanleitung ergänzt.
20.7
tanmayaṃ cintayed dehe hṛdyāmāntaṃ dine dine |
ṣaṇmāsād aṇimādīnām ādhipatyam avāpnuyāt || 20.7 ||
Tag für Tag soll man im Körper etwas als ganz von jenem Licht erfüllt betrachten; die Ortsbestimmung hṛdyāmāntaṃ bleibt unklar. Nach sechs Monaten soll man die Herrschaft über Kleinwerden und weitere Siddhis erlangen.
Anmerkung: Hṛdyāmāntaṃ folgt dem eingeklammerten Druckvorschlag für hiyamāntaṃ. Die Stelle wird nicht als bestimmte Strecke oder als modernes Körpermaß ausgelegt.
20.8
sarvajñatvaṃ ca labhate trivarṣāt sūryasaṃnibhaḥ |
ta … vītaḥ smarej jīvaṃ jvalad dīpaśikhākṛtim || 20.8 ||
Nach drei Jahren erlangt man Allwissenheit und gleicht der Sonne. Nach einer Lücke fordert der Text dazu auf, das lebendige Selbst in der Gestalt einer leuchtenden Lampenflamme zu vergegenwärtigen.
Anmerkung: Zwischen ta und vītaḥ stehen im Druck Auslassungspunkte. Eine syntaktische Verbindung wird nicht ergänzt.
20.9
tṛḍbādhāvalipālityamṛtyuvyādhibhayaṃ haret |
varṣāt sarvajñako bhūtvā vased †yomākaṃṇordhūke† || 20.9 ||
Man soll die Qual des Durstes, Falten, Ergrauen sowie die Furcht vor Tod und Krankheit beseitigen. Nach einem Jahr soll man allwissend werden und in einem unsicher bezeichneten Bereich verweilen; dieser letzte Ausdruck ist nicht sicher deutbar.
Anmerkung: Die letzte Wortfolge ist im Druck mit Fragezeichen versehen. Der klarere Scan zeigt den Anfang yomā-, nicht yogā-. Die übrige Folge ist vorläufig als kaṃṇordhūke gelesen; aus ihr wird kein Ortsname und keine gesicherte Körperzuordnung abgeleitet.
20.10
†sarvāmaraśiroratnāṅghridvayapaṅkajaḥ† |
sarvaguṇasaṃpūrṇaḥ sapiṇḍo bhavati priye || 20.10 ||
Geliebte, die beiden Lotusfüße stehen in Beziehung zu den Edelsteinen auf den Häuptern aller Götter; der Yogi wird mit allen Vorzügen erfüllt und ein Sapiṇḍa, ein Angehöriger gemeinsamer Leiblichkeit oder Verwandtschaft.
Anmerkung: Die Anfangsfolge lautet sarvāmaraśiro- mit kurzem a vor ś. Die anschließende Konsonantenfolge um ratna und aṅghri ist auch am zweiten Scan nicht sicher lesbar; der gesamte erste Halbvers bleibt deshalb als vorläufige Ablesung markiert. Das Bild der Lotusfüße und der Edelsteine auf den Häuptern der Götter ist erkennbar. Sapiṇḍa wird nicht zu einem anderen Wort verbessert.
20.11
sahasrakiraṇāntastham ātmānaṃ susthiraṃ smaret |
brahmarandhraparaṃ bimbaṃ bhāvayan nirvikalpadhīḥ || 20.11 ||
Mit einem von begrifflicher Unterscheidung freien Bewusstsein soll man das eigene Selbst beständig im Inneren des Tausendstrahligen vergegenwärtigen und die Scheibe oberhalb der Brahma-Öffnung betrachten.
Anmerkung: „Tausendstrahlig“ ist hier die Sonne. Paraṃ kann „oberhalb“ oder „jenseits“ bedeuten; der räumliche Bezug bleibt am Visualisationszusammenhang orientiert.
20.12
tadraśmijālaiḥ saṃchinnaṃ deham īśvari bhāvayet |
tābhyām āveṣṭitaṃ dehaṃ tejorūpaṃ varānane || 20.12 ||
Herrin, man soll den Körper als von den Netzen jener Strahlen durchschnitten vergegenwärtigen; von beiden umhüllt ist er von Lichtgestalt, schön Angesichtige.
Anmerkung: Der Druck bietet saṃchinnaṃ, „durchschnitten“, und die Dualform tābhyām, „von beiden“. Die genaue Rückbeziehung der beiden Größen ist nicht eindeutig; „benetzt“ wird nicht als Ersatz eingesetzt.
20.13
dīptaṃ dīpaśikhākāraṃ bimbadvayapuṭīkṛtam |
dubhidhi tejondragataṃ bhāvayet kumbhakāvadhi || 20.13 ||
Man soll die leuchtende, einer Lampenflamme gleiche Gestalt, von den beiden Scheiben eingeschlossen, bis an die Grenze des Atemanhaltens vergegenwärtigen. Die Wortfolge dubhidhi tejondragataṃ bleibt unklar.
Anmerkung: Die Ausgabe markiert diese Wortfolge mit einem Fragezeichen. Weder ihre fehlenden Bezüge noch eine Atemdauer werden ergänzt.
20.14
brahmadvārārgalaṃ bhittvā suṣirordhvai mukhena ca |
śītalāmṛtakalloladhārāvṛṣṭikulāmṛtam || 20.14 ||
Nachdem man den Riegel am Brahma-Tor durchbrochen hat, folgt eine Aussage über die Öffnung und den kühlen Nektar: Wogen, Ströme und Regen von Kula-Nektar werden genannt.
Anmerkung: Suṣirordhvai folgt dem eingeklammerten Druckvorschlag. Der genaue Instrumental- oder Richtungsbezug dieses Wortes ist beschädigt. Die erste Zeile wird nicht in eine mechanische Körperanweisung aufgelöst. Der Alternativscan bestätigt den zuvor ausgelassenen r-Laut vor dhv; die Endung bleibt uneben.
20.15
pītvā pītvārkarandhreṇa tatsudhāvṛṣṭimoditam |
cintayed ātmano rūpaṃ jyotirliṅgavad āsthitam || 20.15 ||
Nachdem man wiederholt durch die Sonnenöffnung getrunken hat, soll man die eigene, von diesem Nektarregen beglückte Gestalt vergegenwärtigen, aufgerichtet wie ein Lichtlinga.
Anmerkung: Arkarandhra wird wörtlich als „Sonnenöffnung“ wiedergegeben. Jyotirliṅga bezeichnet hier eine leuchtende Linga-Gestalt in der Meditation.
20.16
tadaṇḍābhyantaraṃ sarvamṛtāpūritaṃ smaret |
tatra madhyagato yogī gandhākhyaguṇapūritam || 20.16 ||
Man soll das Innere jenes Eies als von Nektar erfüllt vergegenwärtigen. Der Yogi befindet sich in dessen Mitte; genannt wird das Erfülltsein von der „Geruch“ genannten Eigenschaft.
Anmerkung: Sarvamṛtāpūritaṃ folgt der Druckverbesserung von sarvaṃ amṛtapūritaṃ. „Ei“ kann im Zusammenhang den visualisierten Kosmos bezeichnen. Der syntaktische Bezug des letzten Ausdrucks ist uneben.
20.17
sarvādhāram aśeṣaṃ tu dharātattvaṃ na vismaret |
vāṇyāntaṃ suguṇādhārā jalatattvam aśeṣakam || 20.17 ||
Man soll das gesamte Erdprinzip, die Grundlage von allem, nicht vergessen. Anschließend wird das gesamte Wasserprinzip genannt, zusammen mit der unklaren Bestimmung vāṇyāntaṃ suguṇādhārā.
Anmerkung: Dharātattvaṃ folgt der Druckkorrektur. Die fragend markierte Wortfolge der zweiten Zeile wird nicht zu einer bestimmten Geschmacksqualität ergänzt.
20.18
tathā rūpaguṇodāraṃ tejastattvam aśeṣakam |
netratrayeṣu sañcintya sparśākhyaguṇapūritam || 20.18 ||
Ebenso soll man das gesamte Feuerprinzip, reich an der Eigenschaft sichtbarer Gestalt, in den drei Augen betrachten; anschließend folgt das von der Berührungsqualität Erfüllte.
Anmerkung: Die zweite Bestimmung führt in das Windprinzip des folgenden Verses über. Die drei Augen werden wie im Text genannt; eine anatomische Auslegung wird nicht hinzugefügt.
20.19
vāyutattvam aśeṣaṃ tu śvāsamātraṃ smarec chive |
śabdākhyaguṇasaṃyuktaṃ vyomatattvam aśeṣakam || 20.19 ||
Shiva-Göttin, man soll das gesamte Windprinzip als den Atem selbst vergegenwärtigen; das gesamte Raumprinzip ist mit der „Klang“ genannten Eigenschaft verbunden.
20.20
śrutisthāne smared yogī saśarīratya vāhyakān |
jvālāṇḍamadhyasaṃllīnaṃ dehaṃ viśvamayaṃ smaret || 20.20 ||
Der Yogi soll das Raumprinzip an der Stätte des Hörens vergegenwärtigen. Die Folge saśarīratya vāhyakān bleibt unklar. Den Körper soll er als im Inneren eines flammenden Eies aufgelöst und als die ganze Welt umfassend betrachten.
Anmerkung: Die erste Aussage setzt 20.19 fort. Die beschädigte Wortfolge wird weder weggelassen noch zu einer bestimmten äußeren Körperzone ergänzt.
20.21
svadehamadhyasaṃllīnaṃ brahmāṇḍam idam avyayam |
layādipralayāntaṃ ca graset kālaṃ ca līlayā || 20.21 ||
Dieses unvergängliche Weltall ist in die Mitte des eigenen Körpers eingegangen. Spielerisch soll man die Zeit verschlingen, von Laya bis Pralaya, den hier genannten Formen der Auflösung.
Anmerkung: Layādi ist die Drucklesung. Laya und pralaya bezeichnen beide Auflösung; die frühere Wiedergabe des ersten Gliedes als „Aufgehen“ war zu frei. Ihre genaue Differenzierung bleibt offen. Das Verschlingen der Zeit gehört zum inneren kosmischen Bild des Textes.
20.22
ekībhāvena sudṛḍhaṃ baddhvā padmāsanaṃ smaret |
cintayet kālakaluṣair muktadehaṃ nirāmayam || 20.22 ||
Man soll sich fest in den Lotussitz begeben und im Zustand des Einsseins vergegenwärtigen. Den Körper soll man als von den Befleckungen der Zeit befreit und unversehrt betrachten.
Anmerkung: Padmāsana ist hier ausdrücklich genannt. Die Übersetzung beschreibt die historische Textaussage.
20.23
tadā tad aṇḍam īśāni smaren suṣira varjitam |
tadā kālabhayaṃ grastvā śivavat svecchayā vaset || 20.23 ||
Dann soll man jenes Ei, Herrin, als ohne Öffnung vergegenwärtigen. Hat man die Furcht vor der Zeit verschlungen, soll man wie Shiva nach eigenem Willen verweilen.
Anmerkung: Suṣira steht im Druck fragend; es wird als „Öffnung“ verstanden. Śivavat svecchayā folgt der dortigen Worttrennung und Verbesserung.
20.24
anena devi dhyānena vañcayet kālam āgatam |
pṛthivyādīni tattvāni svīkṛtya syān nirāmayaḥ || 20.24 ||
Durch diese Meditation, Göttin, soll man die herangekommene Todeszeit überlisten. Indem man die Prinzipien von Erde an in sich aufnimmt, soll man unversehrt sein.
Anmerkung: Svīkṛtya und syāt beziehungsweise vor nirāmayaḥ syān folgen den Druckverbesserungen. Kāla umfasst hier Zeit und Tod.
20.25
dhyānasyāsya samāsena phalaṃ ca śṛṇu pārvati |
sphoṭayec chailavṛkṣādīn śoṣayej jaladhīśvarān || 20.25 ||
Höre nun, Parvati, in Kürze die Frucht dieser Meditation: Man soll Felsen, Bäume und anderes zersprengen und die als jaladhīśvara bezeichneten Herren der Meere austrocknen können.
Anmerkung: Sphoṭayec chaila folgt dem Druckvorschlag. Der Alternativscan zeigt jaladhīśvarān, wörtlich „Herren der Meere“. Dieser ungewöhnliche Ausdruck als Objekt des Austrocknens bleibt stehen; die frühere Glättung zu „große Meere“ war nicht hinreichend begründet.
20.26
karoti līlayā cāgni jalānilavāraṇam |
śabdatattvaṃ japed yogī jarāmaraṇavarjitaḥ || 20.26 ||
Spielerisch soll er Feuer, Wasser und Wind abwehren können. Der Yogi rezitiert das Klangprinzip und ist von Alter und Tod frei, heißt es.
Anmerkung: Cāgni folgt dem Druckersatz für kāgni. Der klarere Scan zeigt japed, „soll rezitieren“, nicht jayed, „soll bezwingen“. Die ungewöhnliche Verbindung von Rezitation und Klangprinzip wird textnah bewahrt; eine konkrete Mantraform wird nicht ergänzt.
20.27
trikālajñaḥ svayaṃ kartā sarvavyādhitvam āpnuyāt |
mṛtakotthāpanaṃ devi dagdhasañjīvanaṃ mahat || 20.27 ||
Er soll die drei Zeiten kennen und selbst handelnder Urheber sein. Die gedruckte Form sarvavyādhitvam bedeutet dem Wortlaut nach „das Von-allen-Krankheiten-betroffen-Sein“ und ist hier offenkundig problematisch. Es folgen große Wirkungsversprechen: Tote aufzurichten und Verbranntes wiederzubeleben, Göttin.
Anmerkung: Die Ausgabe korrigiert trikālajña zu trikālajñaḥ. Sarvavyādhitvam wird nicht stillschweigend in eine Aussage über Macht oder Krankheitsfreiheit verwandelt. Der klarere Scan bestätigt dagegen dagdhasañjīvanam: Wiederbelebung des Verbrannten. Die frühere Ablesung mit r statt s war falsch.
20.28
sṛṣṭisthitilayādhīśaḥ sarvatra samadarśanaḥ |
parakāyapraveśaś ca khecaratvaṃ viśuddhatā || 20.28 ||
Er soll Herr über Schöpfung, Bestand und Auflösung sein und überall mit gleichem Blick schauen. Genannt werden das Eintreten in einen fremden Körper, das Sichbewegen im Raum und Reinheit.
Anmerkung: Parakāyapraveśaś ca folgt der im Druck verbesserten Kasusform. Die Aussagen gehören zum überlieferten Siddhi-Katalog.
20.29
kṣuttṛṣādāhanirmukto svo … chayā vaśet |
aprameyabalo yogī durvijñeyamatiḥ prabhuḥ || 20.29 ||
Der Yogi soll vom Brennen von Hunger und Durst frei sein, unermessliche Kraft besitzen, schwer zu ergründen in seinem Denken und ein Herr sein. In der ersten Zeile fehlt ein Stück der Aussage über sein Verweilen oder seine Selbstbestimmung.
Anmerkung: Die Lücke und das folgende Fragezeichen sind im Druck vorhanden. Die Visarga-Ergänzung in matiḥ und prabhuḥ folgen den Druckverbesserungen; eine Ergänzung zu svecchayā wird nicht eingesetzt.
20.30
ṣaṇmāsād dhyānayogena nityayuktena pārvati |
satyaṃ satyaṃ punaḥ satyaṃ satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
mahākṣayeṣv api ca vai kṣayaṃ naiva prajāyate || 20.30 ||
Nach sechs Monaten beständig gepflegten Meditationsyoga, Parvati, soll dies geschehen. Wahr, wahr, wiederum wahr, wahr, wahr – kein Zweifel: Selbst bei den großen Weltuntergängen soll für ihn kein Untergang eintreten.
Anmerkung: Drei Langzeilen im Druck. Die fünffache Bekräftigung und die Verneinung naiva werden ausdrücklich erhalten. Ṣaṇmāsād folgt der Druckergänzung d.
20.31
itthaṃ saṃhata savicitraviṣayasya aśeṣaviśvātmanaḥ
saṃvid bhāvamaṇī sakāraṇamahāyoge ciraṃ tiṣṭhataḥ |
merau sarvavarṇavi culakavat khadyotavad bhāskare
brahmāṇḍavadahāni … kautukaṃ yoginaḥ || 20.31 ||
Der Schlussvers spricht vom Yogi, der lange im großen Yoga verweilt, vom Bewusstsein als einem Juwel der Vergegenwärtigung und vom Selbst der ganzen Welt. Er stellt Meru einem kleinen Hohlmaß und die Sonne einem Glühwürmchen gegenüber. Der gedruckte Satz ist beschädigt und lückenhaft; eine zusammenhängende Übersetzung wäre ohne weiteren Zeugen nicht verlässlich.
Anmerkung: Saṃhata, bhāvamaṇī und khadyotavat folgen den eingeklammerten Druckvorschlägen. Mehrere Kasusverbindungen und die Folge brahmāṇḍavadahāni bleiben unklar; die Punkte vor kautukaṃ stehen bereits in der Ausgabe. Dieser Vers gilt ausdrücklich nicht als vollständig übersetzt.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ viṃśaḥ paṭalaḥ ||
So endet Kapitel 20 der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 22, Vers 24: Kula und der höchste Purusha
Quelle des Einzelzitats: Kiss 2020, S. 435. Die übrigen Kapitelteile sind nicht enthalten.
22.24
kulayoṣit kulaṃ tyaktvā paraṃ puruṣam eti sā |
nirlakṣyaṃ nirguṇaṃ caiva kularūpavivarjitam || 22.24 ||
Die Frau aus einer edlen Familie verlässt ihr Kula und geht zu dem höchsten Purusha: Er ist nicht als Gegenstand wahrnehmbar, ohne Eigenschaften und frei von Kula und Gestalt.
Anmerkung: Kiss 2020, S. 435, zitiert diesen Vers ausdrücklich als Matsyendrasaṃhitā 22.24. Nirlakṣyam ist seine Emendation für das überlieferte nirlajjam, „schamlos“. Kula bezeichnet im Bild die Familie und kann in der yogischen Deutung zugleich den Körper meinen. Kiss deutet die Frau als Kundalini. Der von ihm zum Vergleich gedruckte Vers Nityāṣoḍaśikārṇava 4.14 hat nirlakṣaṇam; dieser abweichende Wortlaut wird nicht in den Matsyendra-Text übernommen.
Kapitel 27: Amari-Bad und rituelle Stoffe
Redaktionelle Inhaltsüberschrift; Grundlage: Mallinson 2003, Anhang C, S. 306–307.
|| saptaviṃśaḥ paṭalaḥ ||
Kapitel 27.
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
27.1
kṣetrajñānavihīnas tu bāhyacakramanāḥ kṣamaḥ |
sarvatīrthādhikaṃ snānaṃ yogī devi samācaret || 27.1 ||
Wer die heiligen Orte nicht kennt, seinen Geist auf den äußeren Ritualkreis richtet und dazu befähigt ist, soll als Yogi, Göttin, das Bad vollziehen, das alle heiligen Badeplätze übertrifft.
Anmerkung: Kṣetra kann hier sowohl einen heiligen Ort als auch den rituell erschlossenen Körper bezeichnen; bāhyacakra heißt wörtlich „äußerer Kreis“. Die Lesart bāhya folgt bei Mallinson den Jodhpur-Zeugen, während A vāghra bietet.
27.2
lokeśaḥ keśavo rudraḥ īśaś caiva sadeśvaraḥ |
nigadyante ca viṅmūtrarajorecakasārakāḥ || 27.2 ||
Lokesha, Keshava, Rudra, Isha und Sadeshvara werden als Kot, Urin, Rajas, Recaka und Saraka bezeichnet.
Anmerkung: Rajas bezeichnet im hier von Kiss 2020, S. 429, besprochenen Kontext Menstruationsblut; recaka und sāraka bleiben als nicht sicher identifizierte Stoffnamen stehen. Der Druck bietet sadeśvara, nicht stillschweigend sadāśiva. Kiss 2020 zitiert die Stoffreihe mit denselben Konsonanten und Vokallängen.
27.3
dṛḍhalāvaṇyaśauklyaghnadehasthairyagada†kṣamaḥ† |
kramād amī praṇaśyanti kriyate vidhinā yadi || 27.3 ||
Festigkeit, Anmut, Helligkeit, das Vernichten, die Beständigkeit des Körpers und Krankheiten werden in einer gestörten Wortverbindung genannt. „Diese vergehen der Reihe nach, wenn es vorschriftsmäßig ausgeführt wird“: So lautet der zweite Halbvers; worauf „diese“ verweist, ist nicht sicher zu bestimmen.
Anmerkung: Mallinson markiert kṣamaḥ mit Cruces. Auch die Gliederung des vorausgehenden Kompositums erlaubt keine verlässliche zusammenhängende Übersetzung; Wirkungen werden deshalb nicht aus späteren Versen zurückergänzt.
27.4
divyānujaḥ suraśreṣṭhaḥ sūto yajño hariḥ svayam |
atiduṣṭaḥ svayaṃ rudro lebhe īśaḥ suradravam || 27.4 ||
Der himmlisch Nachgeborene, der Beste der Götter, Suta und das Opfer werden genannt, ebenso Hari selbst und der überaus Schlimme, Rudra selbst. Der Schluss lautet: „Isha erlangte die Götterflüssigkeit“; die Zuordnung der vorausgehenden Bezeichnungen bleibt unklar.
Anmerkung: Sūta kann Quecksilber bezeichnen; ohne sichere Auflösung der Stoffnamen wird diese Bedeutung nicht zum einzigen Sinn erklärt. Die Folge divyānujaḥ … yajñaḥ und ihre Beziehung zu den fünf Substanzen ist ungeklärt. Rudro und īśaḥ suradravam sind ausdrücklich Mallinsons Emendationen.
27.5
sadāśivo varo jñeyas teṣāṃ kramam imaṃ śṛṇu |
vijane janturahite supātre cāmarīrasam || 27.5 ||
Sadashiva soll als der Vorzügliche erkannt werden. Höre nun die Reihenfolge dieser Stoffe: An einem abgeschiedenen Ort ohne Lebewesen wird Amari-Flüssigkeit in ein geeignetes Gefäß gegeben.
Anmerkung: Der zweite Halbvers ist ein nominaler Satzanfang, dessen Handlungsverb aus Vers 6 verständlich wird. Amarīrasa ist ein ritueller Stoffname; die nachfolgenden Angaben bestimmen eine Mischung und rechtfertigen keine Gleichsetzung mit nur einer Substanz.
27.6
tatra mehanajaṃ sāraṃ kṛtvā caivādipuṣpakam |
piṅgalīvālukaṃ vāri samyag oṃ kārasaṃ bhavam || 27.6 ||
Dort werden die aus dem Geschlechtsorgan hervorgehende Essenz, die erste Blüte sowie das Wasser namens Pingalivaluka hineingegeben, das recht aus dem Om-Laut hervorgeht.
Anmerkung: Mehana kann das Geschlechtsorgan bezeichnen; ādipuṣpaka ist wörtlich die „erste Blüte“, hier eine verhüllende Stoffbezeichnung. Piṅgalīvāluka und der Ursprung aus oṃkāra sind nicht sicher aufgelöst. Die Übersetzung bewahrt die Benennungen, ohne eine sichere Rezeptur vorzutäuschen.
27.7
tathā mathanajaṃ divyaṃ brahmarandhravinirgatam |
ekīkṛtya dharātoyaiḥ saṃ skṛtya ca yathāvidhi || 27.7 ||
Ebenso wird das himmlische, aus dem Quirlen hervorgehende und aus dem Brahmarandhra ausgetretene Mittel hinzugefügt. Alles wird mit den Wassern der Erde vereinigt und vorschriftsmäßig zubereitet.
Anmerkung: Mathana bedeutet „Quirlen, Reiben“. Dharātoya ist wörtlich „Erdwasser“; die genaue rituelle Bedeutung bleibt offen. Brahmarandhra bezeichnet die „Öffnung Brahmas“.
27.8
karpūrakuṅkumādīni tasmin vinyasya melayet |
tena pramardayed deham āpādatalamastakam || 27.8 ||
Kampfer, Safran und weitere Stoffe werden hineingegeben und vermischt. Mit der Mischung soll der Körper von den Fußsohlen bis zum Scheitel eingerieben werden.
Anmerkung: Die Übersetzung gibt eine historische Ritualanweisung wieder. Die Edition emendiert tasmin und pramardayet; die Lesungen sind nicht eigene Ergänzungen dieser Bearbeitung.
27.9
nāsajaṃ †nāstyakaṃ † kuryād ajarāmaraphalāptaye |
māsena devadeveśi nityam antaḥ pradarśayet || 27.9 ||
Es folgt eine Anwendung des aus der Nase Stammenden, die als †nāstyaka† bezeichnet ist, um Freiheit von Alter und Tod zu erlangen. Nach einem Monat soll man es täglich „im Inneren zeigen“; der genaue Ablauf ist nicht sicher verständlich.
Anmerkung: Nāstyakam bleibt auch in der kritischen Edition als verderbt markiert. Antaḥ pradarśayet wird wörtlich wiedergegeben. Eine moderne Deutung als bestimmte Nasenbehandlung wäre ohne weiteren Textbeleg zu weitgehend.
27.10
valīpalitanāśaś ca dṛḍhalāvaṇyam eva ca |
bhaviṣyati maheśāni nāḍīśuddhir gadakṣayaḥ || 27.10 ||
Falten und graue Haare sollen verschwinden, beständige Anmut soll entstehen, große Herrin; ebenso werden die Reinigung der Nadis und das Schwinden von Krankheiten verheißen.
Anmerkung: Die hier und im Folgenden genannten körperlichen Wirkungen sind Aussagen der Schrift.
27.11
anena vidhinā devi nirvikalpena cetasā |
yaś caret tasya saṃ siddhir jāyate hy ajarāmaraḥ || 27.11 ||
Wer dieses Verfahren, Göttin, mit einem von Zweifeln freien Geist vollzieht, erlangt nach der Lehre Vollendung und wird frei von Alter und Tod.
Anmerkung: Nirvikalpa bedeutet hier im Zusammenhang des Ritualvertrauens „ohne zweifelnde Unterscheidung“; es wird nicht automatisch als Name eines bestimmten Samadhi-Zustands verstanden.
27.12
kṣetratīrthamaye dehe yat tīrthaṃ śivanirgatam |
sarvapāpakṣayakaraṃ valīpalitanāśanam || 27.12 ||
In dem Körper, der aus heiligen Orten und Badeplätzen besteht, liegt jener aus Shiva hervorgegangene heilige Badeplatz: Er beseitigt alle Verfehlungen und vernichtet Falten und graue Haare.
Anmerkung: Die prädikative Fortsetzung karoti steht erst in Vers 13. Die deutsche Wiedergabe macht den Zusammenhang kenntlich, ohne eine neue Sanskritzeile einzusetzen.
27.13
karoti nātra saṃ dehas trikālābhyaṅgayogataḥ |
ṣaṇmāsāl labhate satyam ajarāmaratāṃ priye || 27.13 ||
Dies bewirkt er durch die Anwendung des Einreibens zu drei Tageszeiten, daran besteht nach dem Text kein Zweifel. Innerhalb von sechs Monaten erlangt man wahrhaft Freiheit von Alter und Tod, Geliebte.
Anmerkung: „Dies“ knüpft an die Wirkungen in Vers 12 an. Trikāla nennt drei Zeiten; welche Tageszeiten gemeint sind, wird hier nicht ausgeführt.
27.14
trikālodvartanād varṣād valīpalitahā bhavet |
ekakālaprayogena trivarṣād ajarāmaraḥ || 27.14 ||
Durch Einreiben zu drei Tageszeiten wird man nach einem Jahr zum Überwinder von Falten und grauen Haaren; bei Anwendung zu einer Tageszeit wird man nach drei Jahren frei von Alter und Tod.
Anmerkung: Mallinson liest tri- nach A und J₇; J₆ hat dvi-, also zwei Zeiten. Die unterschiedlichen Fristen in 13 und 14 werden bewahrt und nicht vereinheitlicht.
27.15
vikalpo nātra kartavyas tarhi siddhir na jāyate |
avikalpapravṛttasya yoginaḥ siddhir uttamā || 27.15 ||
Dabei soll kein Zweifel entstehen, denn dann tritt die Vollendung nicht ein. Für den Yogi, der ohne Zweifel handelt, ist die Vollendung die höchste.
Anmerkung: Diese Aussage beschreibt die innere Voraussetzung, die der historische Text seinem Ritual zuschreibt.
27.16
sarvapāpakṣayaś caiva saukumāryaṃ prajāyate |
divyaṃ śivamayaṃ tīrthaṃ tīrthakoṭiphalapradam || 27.16 ||
Alle Verfehlungen schwinden, und Zartheit entsteht. Dieser himmlische, von Shiva erfüllte heilige Badeplatz gewährt die Frucht von zehn Millionen heiligen Badeplätzen.
Anmerkung: Koṭi wird hier als zehn Millionen wiedergegeben; die große Zahl gehört zur Lobpreisung des Rituals.
27.17
rātrau pātrāntare sarvaṃ kuryād yogī samāhitām |
candanaṃ kuṅkumaṃ kuṣṭhaṃ hāridraṃ gomayaṃ tilam || 27.17 ||
Nachts soll der Yogi gesammelt alles in einem weiteren Gefäß zusammenbringen: Sandelholz, Safran, Kushtha, Haridra, Kuhdung und Sesam;
Anmerkung: Die Stoffliste wird in Vers 18 fortgesetzt. Kuṣṭha und hāridra sind Pflanzen- beziehungsweise Drogenbezeichnungen, hier bewusst ohne ungesicherte botanische Artbestimmung. Samāhitām ist im Sanskrit grammatisch uneben; der Sinn der Sammlung wird auf den Yogi bezogen.
27.18
karpūram aguruṃ candraṃ guggulaṃ kaṅgukāghṛtam |
gandhakaṃ ca samāloḍya prātar dehaṃ pramardayet || 27.18 ||
Kampfer, Aguru, Chandra, Guggulu, Kangu-Ghee und Schwefel werden damit vermischt. Am Morgen soll er den Körper damit einreiben.
Anmerkung: Aguru ist eine aromatische Holzsubstanz, guggulu eine Harzsubstanz. Candra, wörtlich „Mond“, und kaṅgukāghṛta sind hier nicht sicher identifiziert; sie werden nicht durch moderne Zutaten ersetzt. Gandhaka heißt Schwefel. Eine sichere Deutung sämtlicher Bestandteile fehlt.
27.19
anena vidhinā māsāt sūryakalpo bhaven naraḥ |
valīpalitanirmukto jāyate hy ajarāmaraḥ || 27.19 ||
Nach diesem Verfahren wird ein Mensch innerhalb eines Monats der Sonne gleich. Frei von Falten und grauen Haaren wird er, so die Verheißung, alterslos und unsterblich.
27.20
rātrau kṛtvā maheśāni pātre sarvāmarīsudhām |
tālakaṃ kanakaṃ gandhaṃ rudrākṣaṃ ca manaḥśilām || 27.20 ||
Nachts soll er, große Herrin, in einem Gefäß den gesamten Amari-Nektar bereitstellen; dazu werden Talaka, Kanaka, eine Duftsubstanz, Rudraksha und Manahshila genommen.
Anmerkung: Tālaka bezeichnet gewöhnlich das arsenhaltige Mineral Auripigment, manaḥśilā das ebenfalls arsenhaltige Realgar. Kanaka kann Gold oder eine verhüllende Pflanzenbezeichnung meinen; gandha heißt allgemein Duft oder Duftstoff. Die Benennungen bleiben im Text, ohne daraus eine heutige Stoff- oder Anwendungsanweisung zu machen.
27.21
piṣṭvā saṃ loḍya svadehaṃ mardayet prātar utthitaḥ |
māsād bhavati deveśi satyaṃ pāvakasaṃ nibhaḥ || 27.21 ||
Nachdem er diese Stoffe zerrieben und vermischt hat, soll er nach dem morgendlichen Aufstehen seinen Körper damit einreiben. Innerhalb eines Monats wird er, Herrin der Götter, wahrhaft dem Feuer gleich.
Anmerkung: Svadeham folgt Mallinsons Emendation des in den Zeugen gebotenen saṃdeham.
27.22
valīpalitanirmuktaḥ siddhiḥ syād ajarāmarā |
divā saṃ kṣipya pātrāntaḥ sāyaṃ mardanam ācaret || 27.22 ||
Frei von Falten und grauen Haaren stellt sich eine alterslose, unsterbliche Vollendung ein. Wenn die Mischung tagsüber im Gefäß zusammengebracht wurde, soll das Einreiben am Abend erfolgen.
Anmerkung: Die Geschlechter der Satzglieder im ersten Halbvers sind uneben; die Verbindung von siddhi mit ajarāmarā wird im Deutschen bewahrt.
27.23
ghṛṣṭvā guggulunā dhūpaṃ vastrāvṛtatanau dadet |
saṃ dagdhagomayaṃ bhasma melayitvāmarīrase || 27.23 ||
Nach dem Einreiben soll der in ein Tuch gehüllte Körper mit Guggulu beräuchert werden. Ferner wird Asche aus verbranntem Kuhdung mit Amari-Flüssigkeit vermischt;
Anmerkung: Der zweite Halbvers setzt sich in Vers 24 fort. Die Lesart saṃdagdha ist eine Emendation Mallinsons.
27.24
saṃ miśronmattakarasaṃ tena dehaṃ pramardayet |
mardanād eva ṣaṇmāsāj jāyate hy ajarāmaraḥ || 27.24 ||
Die Mischung enthält den Saft des Unmattaka. Mit ihr soll der Körper eingerieben werden. Allein durch solches Einreiben wird man, so der Text, nach sechs Monaten frei von Alter und Tod.
Anmerkung: Unmattaka, wörtlich „berauschend/verrückt machend“, bezeichnet gewöhnlich den giftigen Stechapfel. Der historische Stoffname wird weder verharmlost noch zu einer symbolischen Zutat umgedeutet.
27.25
sarvato viṣanāśaś ca bhaviṣyati na saṃ śayaḥ |
yo nityaṃ mardayed enaṃ dvādaśāntam akhaṇḍitam || 27.25 ||
Auch die Vernichtung von Gift auf jede Weise wird verheißen, daran besteht nach dem Text kein Zweifel. Wer dieses Mittel täglich und ohne Unterbrechung bis zum Ende von zwölf anwendet,
Anmerkung: Dvādaśāntam nennt hier keine ausdrückliche Zeiteinheit. Im Kontext liegt ein Zeitraum nahe; „zwölf Jahre“ oder „zwölf Monate“ wird deshalb nicht als gesicherte Angabe ergänzt. Der Satz endet in Vers 26.
27.26
sarvapāpavinirmuktaḥ sarvavyādhivivarjitaḥ |
ajaraś cāmaro bhūtvā jīved ācandratārakam || 27.26 ||
wird von allen Verfehlungen frei und bleibt von allen Krankheiten verschont. Alterslos und unsterblich geworden, lebt er nach der Verheißung so lange wie Mond und Sterne.
Anmerkung: Dieser Vers fehlt im Handschriftenzeugen A; Mallinsons Edition enthält ihn nach den Jodhpur-Zeugen. Die deutsche Fortsetzung bezieht sich auf den in 25 genannten Menschen.
27.27
avikalpamatir devi yaḥ sadā mardayet tanum |
tasya na vyādhijā bhītir na jarāmṛtyuto ’pi ca || 27.27 ||
Wer seinen Körper stets mit einem von Zweifeln freien Geist einreibt, Göttin, fürchtet weder die Krankheit noch Alter und Tod.
27.28
anena devi snānena sarvatīrthaphalodayaḥ |
bhavati nātra saṃ dehaḥ satyaṃ satyaṃ mayoditam || 27.28 ||
Durch dieses Bad, Göttin, geht die Frucht aller heiligen Badeplätze auf. Daran besteht nach der Schrift kein Zweifel: „Wahrlich, wahrlich, ich habe es gesagt.“
Anmerkung: Die doppelte Bekräftigung satyaṃ satyam wird ausdrücklich wiedergegeben.
27.29
paśupāśaprabaddhāś ca śivajñānaparāṅmukhāḥ |
divyāmarīsudhāsnānaṃ na vindanti bahirmukhāḥ || 27.29 ||
Wer durch die Fesseln des gebundenen Wesens gefangen und von der Erkenntnis Shivas abgewandt ist, dessen Blick nach außen geht, findet dieses Bad im himmlischen Amari-Nektar nicht.
Anmerkung: Paśu und pāśa bilden ein bewusstes Wortpaar: das gebundene Wesen und seine Fesseln. Die Übersetzung wahrt die Wertung der Schrift, ohne sie auf heutige Menschen anzuwenden.
27.30
aprakāśyatamaṃ cedaṃ rahasyaṃ te prakāśitam |
śivenodāhṛtaṃ devi nāparīkṣya pradāpayet || 27.30 ||
Dieses Geheimnis, das ganz besonders verborgen zu halten ist, wurde dir offenbart. Die von Shiva ausgesprochene Lehre, Göttin, soll niemandem ohne vorherige Prüfung weitergegeben werden.
Anmerkung: Die Lehre ist das im zweiten Halbvers nur mitgedachte Objekt. Aparīkṣya bedeutet „ohne geprüft zu haben“; eine bestimmte soziale Zugehörigkeit wird hier nicht als Prüfungskriterium genannt.
Schlusskolophon
iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ saptaviṃśaḥ paṭalaḥ
So endet das siebenundzwanzigste Kapitel der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 28: Überlieferte Stofflehre und Wirkungsversprechen
Aus Mallinsons vollständigem Apparat erschlossene Lesefassung des Matsyendra-Zeugen J₆. Die 16 Abschnittsüberschriften sind redaktionell und nennen Parallelstellen der Khecarividya (KhV), keine erfundenen originalen Versnummern. Die Binnenzählung des Manuskripts ist aus dem Apparat nur teilweise erkennbar. Die historischen Mittel enthalten auch giftige Stoffe; die Textwiedergabe dient dem Studium und ist keine heutige Anwendungsempfehlung.
īśvara uvāca
Ishvara sprach:
Textabschnitt: KhV 4.1
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 289; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
atha te saṃpravakṣyāmi sudivyān oṣadhāni ca |
uṣadhena vinā yogī na kva cit siddhim eṣyati ||
Nun werde ich dir die überaus göttlichen Mittel erklären. Ohne ein solches Mittel wird der Yogi nirgends Vollendung erlangen.
Anmerkung: Die Lesefassung folgt hier und im folgenden Kapitel dem von Mallinson für J₆ nachgewiesenen Wortlaut, einschließlich der von der kritischen Khecarividya-Fassung abweichenden Formen sudivyān, oṣadhāni und uṣadhena. Die Gleichsetzung mit Kapitel 28 ist durch Handschriftenbeschreibung und Kolophon belegt. Die Abschnittsbezeichnungen sind Konkordanzangaben, keine originalen Matsyendra-Versnummern.
Textabschnitt: KhV 4.2
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 289–290; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
bhikṣṇattamāṅgaparikalpitanāmadheya
tatpatrapuṣpaphaladaṇḍasamūlacūrṇam |
takrāraṇālapayasā madhuśarkarādyair
dadyāt pṛthak kavalitaṃ rasamaṇḍalāni |
pālityahānim atisatvam udāravīryam
utsāharogaharaṇāni ca samyag eva ||
Eine Pflanze wird durch einen Namen umschrieben, der mit dem Haupt verbunden ist; die Anfangsform bhikṣṇa ist unklar. Ihre Blätter, Blüten, Früchte, Stängel und Wurzeln sollen pulverisiert und gesondert mit Buttermilch, Aranala, Milch, Honig, Zucker und weiteren Stoffen portionsweise gegeben werden. Rasamaṇḍalāni bleibt dabei unverständlich. Als Wirkungen werden das Schwinden grauer Haare, große Stärke und hohe Wirkkraft genannt; die Verbindung von Tatkraft und Krankheitsbeseitigung ist grammatisch gestört.
Anmerkung: J₆: bhikṣṇa-, -nāmadheya ohne Schluss-Anusvara und atisatvam mit einfachem t. Die kritische Khecarividya-Fassung setzt teils andere Formen ein; sie werden nicht in die Matsyendra-Lesefassung übertragen. Aranala ist eine saure Flüssigkeit beziehungsweise ein Sauergetränk; eine genaue Zubereitung steht hier nicht. Die sechs langen Zeilen werden nicht zu zwei Kurzzeilen umgeformt. Die Verbindung bhikṣṇattamāṅga ergibt sich aus der im Apparat getrennt ausgewiesenen Lesart bhikṣṇa- vor -ttamāṅga; sie wird nicht zu einem glatten Pflanzennamen verbessert.
Textabschnitt: KhV 4.3
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 290; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
karṇe varāho nayane garutmān
akhaṃḍadaṃtaś ca bhavec ca vajram |
yuvā mahāmārutasāmyavego
jīvec ca yāvad dharaṇīndutārāḥ ||
Im Hören wird er einem Eber, im Sehen Garuda gleich; seine Zähne bleiben unversehrt und werden wie ein Vajra. Jung und so schnell wie ein gewaltiger Wind lebt er nach der Verheißung so lange wie Erde, Mond und Sterne.
Anmerkung: Die Anusvara-Schreibungen akhaṃḍa und daṃta folgen dem für die Matsyendra-Gruppe nachgewiesenen Apparatwortlaut. Dieser hat eine andere Zahnformel als der Khecarividya-Haupttext; dessen zusätzliche Fingernägel werden nicht eingeschoben. Vajra bedeutet hier äußerste Härte, wörtlich „Donnerkeil/Diamant“.
Textabschnitt: KhV 4.4
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 290–291; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
vārāhīkandacūrṇa ghṛtaguḍasahitaṃ bhakṣayet puṣṭivṛdhyau
takre durnāmanāśas tv atha punar api gokṣīrake kuṣṭanāśaḥ |
taccūrṇaṃ śarkarādyair madhum api ca payaḥ pāyayec ca dvikālam
dvau varṣo kṛṣṇakeśī valipalitaharo varṣabhedī śarīre ||
Pulver aus der Varahi-Knolle wird mit Ghee und Rohrzucker eingenommen, um Gedeihen und Wachstum zu bewirken. Mit Buttermilch soll es die „schlechte Benennung“, eine Krankheitsbezeichnung, beseitigen, mit Kuhmilch Hautkrankheit. Jenes Pulver mit Zucker und weiteren Stoffen, Honig und Milch wird zu zwei Zeiten zum Trinken gegeben. Zwei Jahre werden genannt, dazu schwarzes Haar und das Schwinden von Falten und grauem Haar; die Schlussbeschreibung varṣabhedī śarīre bleibt unklar.
Anmerkung: Vārāhī ist ein Pflanzenname, keine hier gesicherte Artbestimmung. Die unebenen J₆-Formen cūrṇa, puṣṭivṛdhyau, dvau varṣo und kuṣṭa ohne Aspiration bleiben erhalten. Durnāman kann Hämorrhoiden bezeichnen; es wird nicht als gegenwärtige Diagnose verwendet. Varṣabhedī wird nicht zur Lesart eines anderen Textzweigs geändert.
Textabschnitt: KhV 4.5
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 291; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
eraṃḍaphalatailena triphalā guggulena ca |
gandhakaṃ bhakṣayet prājño jarādāriḍyanāśanam ||
Der Kundige soll Schwefel zusammen mit dem Öl der Eranda-Frucht, Triphala und Guggulu einnehmen. Dies wird als Mittel gegen Alter und Armut beschrieben.
Anmerkung: J₆ bietet dāriḍya, eine unregelmäßige Form des Armutsbegriffs; A und J₇ haben dāridra. Triphala und Guggulu sind Sammel- beziehungsweise Stoffnamen. Die Beschreibung gehört zur historischen Pharmakologie des Textes und ist keine Empfehlung zur Einnahme von Schwefel oder anderen genannten Stoffen.
Textabschnitt: KhV 4.6a–c mit Zusatz
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 291; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
aśvagandhā tilā māṣāḥ sarkarā viśvasarpiṣāḥ |
māsamātraprayogeṇa hastinā saha yudhyate ||
Ashvagandha, Sesam, schwarze Bohnen, Zucker, Vishva und Ghee werden genannt. Nach nur einem Monat der Anwendung kämpft man nach der Verheißung mit einem Elefanten.
Anmerkung: Der Zusatz hastinā saha yudhyate ist ausdrücklich für die Matsyendra-Gruppe μ nachgewiesen; danach steht im vollständigen Apparat die Nummer 5. Die Schreibungen sarkarā und prayogeṇa folgen diesem Apparat. Viśva ist eine verhüllende Drogenbezeichnung, oft für Ingwer; sarpiṣāḥ ist grammatisch uneben.
Textabschnitt: Zusatz nach KhV 4.6c
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 291; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
triphalā puṣkaro vrāhmī niḥsākotilalaṃśanī |
punar navā vṛddhatārā na yayuḥ snehamiśritā ||
Triphala, Pushkara, Vrahmi und die unklare Folge niḥsākotilalaṃśanī werden genannt, außerdem Punarnava und Vriddhatara, mit einer fetten Substanz vermischt. Die Verbindung na yayuḥ lässt sich in dieser Zutatenfolge nicht sicher übersetzen.
Anmerkung: Dieser ganze Zusatz ist für μ belegt; im vollständigen Apparat folgt darauf die Nummer 6. Die Pflanzenbenennungen und die ungeklärte Wortverbindung werden nicht mit einer modernen Standardrezeptur ersetzt. Vrāhmī bleibt die im Apparat geschriebene Form.
Textabschnitt: Zusatz und KhV 4.6d–7b
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 291–292; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
ṣaṇmāsāhārayogena naro maravaraṃ labhet |
pañcabhiḥ pacamāsena prāpyate ’maratā priye ||
Durch sechsmonatige Einnahme soll der Mensch Maravara erlangen; der Ausdruck ist unklar. Mit fünf wird nach der folgenden Aussage Unsterblichkeit erreicht, Geliebte; die Zeitangabe pacamāsena ist gestört.
Anmerkung: Naro maravaraṃ labhet ist die Matsyendra-Lesart, nicht die Khecarividya-Aussage über das Ausbleiben von Krankheit und Tod. Pacamāsena kann auf pañcamāsena, „in fünf Monaten“, zielen, wird aber ohne stille Buchstabenergänzung bewahrt. Worauf „mit fünf“ verweist, lässt der Wortlaut offen.
Textabschnitt: KhV 4.7c–8b
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 292; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
gandhakaṃ triphalākuṣṭhaṃ madhuratrayamelitam |
bhakṣayet prātar utthāya ṣaṇmāsād valipālihā ||
Schwefel, Triphala und Kushtha, mit den drei süßen Stoffen vermischt, sollen nach dem morgendlichen Aufstehen eingenommen werden. Nach sechs Monaten soll dies Falten und graue Haare beseitigen.
Anmerkung: Die Gruppierung der Zutaten folgt dem Zusammenhang; die Kasus sind knapp. Das madhuratraya wird an dieser Stelle nicht ausgeschrieben. Eine nur in anderen Khecarividya-Zeugen stehende Erläuterung der drei Stoffe wird hier nicht ergänzt.
Textabschnitt: KhV 4.8c–9
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 292; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
pāradaṃ gandhakaṃ devi tālakaṃ ca manaḥśilā |
kuyaṣṭikāyaṣṭirajo rudrākṣaṃ muṇḍikārajaḥ |
trimadhuplutam āsvādya vatsarā khecaro bhavet ||
Quecksilber, Schwefel, Göttin, Talaka und Manahshila, Pulver aus Kuyashtika und Yashti, Rudraksha und Mundika-Pulver werden genannt. Mit den drei süßen Stoffen durchtränkt und genossen, sollen sie nach einem Jahr den Menschen zum Raumwandler machen.
Anmerkung: Kuyaṣṭikā ist nicht sicher identifiziert. Die J₆-Form vatsarā wird zeitlich im Sinne des in A belegten vatsarāt verstanden, aber im Sanskrit nicht geändert. Talaka und Manahshila sind arsenhaltige Mineralien. Die Überlieferung einer solchen Stoffliste belegt weder ihre Unbedenklichkeit noch ihre Wirkung.
Textabschnitt: KhV 4.10
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 292–293; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
bhṛṅgaṃ samūlaṃ pariśoṣya cūrṇaṃ
kṛṣṇās tilā hy āmalakaṃ tadardham |
madhutrayaiḥ khādati yas trivarṣaṃ
na vyādhayo nāpi jarā na mṛtyu ||
Bhringa wird samt Wurzel getrocknet und zu Pulver gemacht; hinzu kommen schwarzer Sesam und halb so viel Amalaki. Wer dies drei Jahre lang mit den drei süßen Stoffen verzehrt, kennt nach der Lehre weder Krankheiten noch Alter noch Tod.
Anmerkung: Die Dreijahresfrist stammt ausdrücklich aus dem Matsyendra-Zweig. Kṛṣṇās tilā und mṛtyu ohne Visarga bleiben als unebene Zeugenschreibungen erhalten. Die schwarze Farbe wird auf den Sesam bezogen; die botanische Art von Bhringa wird hier nicht als zusätzlich geprüfte Tatsache festgelegt.
Textabschnitt: KhV 4.11
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 293; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
niṃrguṃḍīpatram ekaikaṃ trikālaṃ paribhāvayet |
dvādaśāśad bhave devi jarāmaraṇavarjitaḥ ||
Je ein Blatt der als Nimgumdi geschriebenen Pflanze soll zu drei Zeiten behandelt oder vergegenwärtigt werden. Dann wird Freiheit von Alter und Tod verheißen, Göttin; die vorangestellte Zwölferangabe ist sprachlich gestört.
Anmerkung: Die Lesefassung bewahrt niṃrguṃḍī, paribhāvayet und dvādaśāśad bhave nach dem vollständigen Apparat. Paribhāvayet heißt nicht ohne Weiteres „essen“; gerade hier weicht der Matsyendra-Zweig vom Khecarividya-Haupttext ab. Eine sichere Einnahmeanweisung oder Jahreszahl wird nicht daraus hergestellt.
Textabschnitt: Zusatz nach KhV 4.11d
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 293; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
kumārīpatram ekaikaṃ trikālaṃ paribhakṣayet |
dvādaśābdā bhaved devi jarāmaraṇavarjitaḥ ||
Je ein Blatt der Kumari soll zu drei Zeiten gegessen werden. Nach zwölf Jahren werde man frei von Alter und Tod, Göttin.
Anmerkung: Der ganze Zusatz ist für μ belegt und steht nicht im fortlaufenden Khecarividya-Haupttext. Dvādaśābdā ist eine unregelmäßige Form des Zwölfjahresausdrucks; sie bleibt erhalten. Kumārī ist ein Pflanzenname, der hier ohne ergänzte Artbestimmung wiedergegeben wird.
Textabschnitt: KhV 4.12
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 293–294; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
nirguṇḍyanalamuṇḍānāṃ sāmyaṃ saṃsādhayed rajaḥ |
śarkarāghṛtamadhvaktaṃ vatsarād valipālihā ||
Aus Nirgundi, Anala und Munda wird ein Pulver zu gleichen Teilen bereitet. Mit Zucker, Ghee und Honig bestrichen, soll es nach einem Jahr Falten und graue Haare beseitigen.
Anmerkung: Die Aufgliederung nirguṇḍī–anala–muṇḍa folgt dem für J₆ nachgewiesenen Kompositum. Die Pflanzen sind damit noch nicht sämtlich botanisch sicher bestimmt. Sāmyam bezeichnet Gleichheit der Anteile; es wird nicht durch das samam des Khecarividya-Haupttextes ersetzt.
Textabschnitt: KhV 4.13 mit Zusatz in J₆/J₇
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 129 und 294; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
māṣānnamuhakaṃ svarṇe tālakaṃ rudralocanam |
madhutrayayutaṃ varṣād ajarāmaraṇapradā |
upāmṛdgandhakaṃ svarṇaṃ tālakaṃ bhadralocanam |
madhutrayayutaṃ varṣāj ajarāmaraṇapradā ||
Die erste Zeile nennt die gestörte Folge māṣānnamuhakam, Gold, Talaka und Rudralochana. Mit den drei süßen Stoffen verbunden, soll die Mischung nach einem Jahr Freiheit von Alter und Tod verleihen. Es folgt eine weitere Zutatenreihe mit dem unklaren upāmṛd, Schwefel, Gold, Talaka und Bhadralochana. Wieder heißt es, dass sie mit den drei süßen Stoffen nach einem Jahr Freiheit von Alter und Tod verleihe.
Anmerkung: Der Zusatz nach KhV 4.13b ist im kritischen Apparat S. 129 ausdrücklich für J₆/J₇ ausgewiesen, fehlt aber als eigener Zusatzvermerk im vollständigen Apparat S. 294. Beide Apparate wurden daher zusammen berücksichtigt. Die Wiederholung der Wirkungszeile bleibt erhalten. Māṣānnamuhakam, svarṇe und varṣāj sind die für J₆ ausgewiesenen Formen; die genaue Deutung der Zutatenreihe bleibt offen.
Textabschnitt: KhV 4.14
Mallinson 2003, vollständiger Apparat S. 294; Lesungen des Matsyendra-Zeugen J₆.
rasaṃ śālmaliniryāsaṃ gandhakaṃ madhuratrayaiḥ |
bhakṣayet prātar utthāya ṣaṇmāsād ajarāmaraḥ ||
Rasa, den Saft beziehungsweise Harzaustritt des Shalmali-Baums und Schwefel soll man mit den drei süßen Stoffen nach dem morgendlichen Aufstehen einnehmen. Nach sechs Monaten wird Freiheit von Alter und Tod verheißen.
Anmerkung: Rasa kann in alchemistischen Rezepten Quecksilber bezeichnen; die Lesefassung erhält den mehrdeutigen Stoffnamen. Die nur im Khecarividya-Zweig γ belegte Aufzählung der drei süßen Stoffe wird nicht übernommen. Damit endet der im Apparat durchgehend nachgewiesene Matsyendra-Abschnitt.
Schlusskolophon
iti śrīmatsyeṃdrasaṃhitāyāṃ aṣṭāviṃśapaṭalaḥ
So endet das achtundzwanzigste Kapitel der ehrwürdigen Matsyendra Samhita. Die Anusvara-Schreibung im Werknamen folgt dem Apparat.
Kapitel 40, Verse 1ab und 29–69: Kula-Ordnung und Maya
Außer dem ergänzenden Halbvers 40.1ab aus Kiss 2011 sind die Verse 1–28 nicht enthalten. Ab 29 folgt die Fassung Kiss 2020.
40.1ab
atha devi pravakṣyāmi kulācāravidhikramam
Nun, Göttin, werde ich die geordnete Vorschrift des Kula-Verhaltens erklären.
Anmerkung: Nur der bei Kiss 2011, Anm. 14, S. 192, zitierte erste Halbvers 40.1ab ist aufgenommen. 40.1cd–28 sind nicht erfasst. Die digitale Textwiedergabe wurde geprüft, das zugehörige Seitenbild nicht beschafft.
40.29
ataḥ paraṃ śṛṇu śive kulācārasya nirṇayam |
samprāpya siddhasaṃtānaṃ guruṃ daivaṃ sadā yajet || 40.29 ||
Höre nun, o Shiva, die Darlegung der Lebens- und Ritualordnung des Kula. Wer Zugang zur Überlieferung der Vollendeten gefunden hat, soll den Guru stets als göttlich verehren.
Anmerkung: Siddhasaṃtāna bezeichnet hier eine Überlieferungslinie der Siddhas, der spirituell Vollendeten. Kula bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als Familie: Es umfasst eine tantrische Traditions- und Ritualgemeinschaft. Die Anrede śive richtet sich an die Göttin.
40.30
gurupūjārato yogī parāṃ siddhim avāpnuyāt |
guroḥ khaṭvāṃ tathā śayyāṃ vastram ābharaṇāni ca || 40.30 ||
Ein Yogi, der sich der Verehrung des Gurus widmet, kann die höchste Vollendung erlangen. Was das Bettgestell des Gurus, sein Lager, sein Gewand und seinen Schmuck betrifft, so gilt die im folgenden Vers ausgesprochene Regel.
Anmerkung: Die Aufzählung und ihr übergeordnetes Verb reichen bis Vers 31. Siddhi kann sowohl Vollendung als auch eine besondere Fähigkeit bezeichnen.
40.31
pādukāṃ chattram ajinaṃ pātram anyad athāpi vā |
pādena spṛśate yas tu śire dhṛtvāṣṭakaṃ japet || 40.31 ||
Dasselbe gilt für seine Sandale, seinen Schirm, sein Fell, seine Schale oder irgendeinen anderen Gegenstand: Wer etwas davon mit dem Fuß berührt, soll es auf den Kopf legen und achtmal rezitieren.
Anmerkung: Der Gegenstand der Rezitation wird in diesem Vers nicht ausdrücklich benannt; deshalb wird kein bestimmtes Mantra ergänzt. Die Lesung śire dhṛtvāṣṭakaṃ ist eine Konjektur der verwendeten Edition.
40.32
gurunindāparaṃ dṛṣṭvā ghātayed athavā śapet |
sthānaṃ vā tat parityajya gacched yady akṣamo bhavet || 40.32 ||
Sieht er jemanden, der den Guru schmäht, soll er ihn schlagen oder verfluchen. Oder er soll diesen Ort verlassen und fortgehen, wenn er dazu nicht imstande ist.
Anmerkung: Ghātayet hat ein gewaltsames Bedeutungsspektrum bis hin zu „töten lassen“. Die hier gewählte Wiedergabe „schlagen“ verharmlost nicht den Gewaltcharakter der historischen Aussage. Sie begründet keine heutige Verpflichtung zu Gewalt oder zur Unterdrückung berechtigter Kritik.
40.33
kulapūjāṃ na nindeta yoginaṃ yoginīm api |
unmattāṃ puṣṭitāṃ nārīṃ surākumbhaṃ śivaṃ gurum || 40.33 ||
Er soll weder die Kula-Verehrung noch einen Yogi oder eine Yogini herabsetzen; ebenso wenig eine berauschte oder wohlgenährte Frau, das Weingefäß, Shiva oder den Guru.
Anmerkung: Puṣṭitā heißt ungefähr „genährt, gekräftigt“; die besondere Bedeutung im Zusammenhang mit nārī bleibt unsicher. Die Übersetzung legt sich nicht auf „schwanger“ fest.
40.34
nindanād bhraśyate sadyaḥ paratreha ca pārvati |
paśumārgaṃ na seveta paśūcchiṣṭaṃ na kāmayet || 40.34 ||
Durch solche Schmähung fällt er unverzüglich, hier wie jenseits, o Parvati. Er soll dem Weg der Gebundenen nicht folgen und ihre Speisereste nicht begehren.
Anmerkung: Paśu, wörtlich „Tier“, ist hier ein traditionsinterner Ausdruck für den gebundenen beziehungsweise nicht in diesen Kult eingeweihten Menschen. Die abwertende Einteilung wird als Textaussage wiedergegeben.
40.35
yoginīmelanaṃ kāryaṃ na seveta paśustriyam |
nocchiṣṭaṃ paśave dadyāt na nārīṃ nindayet kvacit || 40.35 ||
Er soll eine Begegnung mit den Yoginis suchen und sich nicht mit einer nicht eingeweihten Frau vereinigen. Er soll einem nicht Eingeweihten keine Speisereste geben und niemals eine Frau schmähen.
Anmerkung: Seveta hat hier durch den Zusammenhang der Verse 38–39 einen sexuellen Sinn. Die Begegnung mit Yoginis ist zugleich ein Begriff des tantrischen Ritualmilieus.
40.36
ekībhāvaṃ prakurvīta pṛthagbhāvaṃ na kārayet |
vṛthā pānaṃ na kurvīta na vṛthā māṃsabhakṣaṇam || 40.36 ||
Er soll Einheit verwirklichen und keine Getrenntheit herstellen. Er soll nicht zwecklos trinken und nicht zwecklos Fleisch essen.
Anmerkung: Die beiden letzten Aussagen stehen im Zusammenhang der Ritualordnung; sie sind keine pauschale Aufforderung zum Konsum.
40.37
asaṃskṛtaṃ na piben madyaṃ tatpūtaṃ māṃsam āgraset |
na kuryān mantragoṣṭhīṣu śaucam ācamanādikam |
yadi kuryāt pramādena yoginīśāpa āpatet || 40.37 ||
Ungeweihten Wein soll er nicht trinken; Fleisch soll er essen, nachdem es durch diesen Wein gereinigt worden ist. In Mantra-Versammlungen soll er keine Reinigung, kein rituelles Wasserschlürfen und dergleichen vollziehen. Tut er es aus Unachtsamkeit, wird ihn der Fluch der Yoginis treffen.
Anmerkung: Der Vers besteht aus drei Langzeilen. Mantragoṣṭhīṣu und śauca sind hier nicht eindeutig: Gemeint sein können Versammlungen beziehungsweise Rezitationszusammenkünfte und Reinheitsverrichtungen, möglicherweise auch das Verrichten der Notdurft. Die deutsche Wiedergabe hält diese Unsicherheit offen.
40.38
bhuñjīyād yat striyaṃ devi śivaśaktyātmabhāvayā |
yoginīṃ sevayen nityaṃ māyāṃ vā pāśavīṃ na ca || 40.38 ||
Wenn er eine Frau genießen möchte, o Göttin, indem er sich und sie als Shiva und Shakti vergegenwärtigt, soll er sich stets mit einer Yogini oder einer Maya vereinigen, niemals jedoch mit einer Pashavi.
Anmerkung: Śivaśaktyātmabhāvayā ist eine ausdrücklich unsichere Konjektur der Edition. Maya und Pashavi sind hier Bezeichnungen von Partnerinnentypen, die der folgende Dialog erläutert.
devy uvāca |
Die Göttin sprach:
40.39
kā nārī yoginī deva kā māyā kā ca pāśavī |
etāsāṃ saṃgame doṣaṃ guṇaṃ ca vada bhairava || 40.39 ||
Welche Frau ist eine Yogini, o Gott, welche eine Maya und welche eine Pashavi? Sage mir, Bhairava, welchen Nachteil und welchen Vorzug die Vereinigung mit ihnen hat.
bhairava uvāca |
Bhairava sprach:
40.40
kulamārgagatā nārī paśumārgavivarjitā |
mādhvīmadasamādhmātā paśupāśavivarjitā || 40.40 ||
Die Frau, die den Kula-Weg betreten hat, den Weg der Gebundenen meidet, vom Rausch des berauschenden Getränks erfüllt und von den Fesseln der Gebundenheit frei ist, wird im folgenden Vers als Yogini bestimmt.
Anmerkung: Der zweite Halbvers fehlt nach dem Apparat in Jc und im Wellcome-Zeugen; die Edition stützt ihn auf Ja und Jb und emendiert samādhyātā zu samādhmātā. Die Definition reicht bis 41ab.
40.41
madirānandacetaskā yoginī śivaśāsane |
vikalpakuṭilā pāpā kulācāraparāṅmukhī || 40.41 ||
Ist ihr Geist von der Freude des Weins erfüllt, heißt sie in Shivas Lehre Yogini. Die andere dagegen ist durch unterscheidende Vorstellungen verkehrt, handelt schlecht und wendet sich von der Kula-Ordnung ab.
Anmerkung: Ab der zweiten Langzeile beginnt die Definition der Pashavi, die Vers 42 fortsetzt. Die wertenden Ausdrücke gehören zur Stimme des historischen Textes.
40.42
śivanindāparā devi tatsaparyāvirodhinī |
pāśavī sā mayākhyātā māyākhyāṃ śṛṇu suvrate || 40.42 ||
Sie schmäht Shiva und widersetzt sich seiner Verehrung, o Göttin: Diese habe ich als Pashavi bezeichnet. Höre nun von derjenigen, die Maya heißt, du deinen Gelübden Getreue.
40.43
sarvalakṣaṇasampannā kularūpavivarjitā |
bhāvagamyā maheśāni yā sā māyā nigadyate || 40.43 ||
Die mit allen günstigen Kennzeichen ausgestattet ist, der Kula und Gestalt fehlen und die durch innere Vergegenwärtigung zugänglich ist, o Maheshani: Sie wird Maya genannt.
Anmerkung: Kula kann Familie, Traditionsgemeinschaft oder Körperzusammenhang, rūpa Gestalt oder Schönheit bezeichnen. Bhāva bezeichnet hier eine innere Vergegenwärtigung, die auch Empfindung einschließt. Ob eine ausschließlich vorgestellte Partnerin oder eine durch Visualisation als Göttin wahrgenommene menschliche Partnerin gemeint ist, lässt sich mit diesem Vers allein nicht entscheiden.
devy uvāca |
Die Göttin sprach:
40.44
yā māyā rūparahitā kulahīnā maheśvara |
yoginaḥ saṃgamas tasyāḥ kathaṃ bhavati tad vada || 40.44 ||
Die Maya ist ohne Gestalt und ohne Kula, o Maheshvara. Sage mir: Wie kommt die Vereinigung des Yogis mit ihr zustande?
bhairava uvāca |
Bhairava sprach:
40.45
śṛṇu devi pravakṣyāmi māyayā saṃgam adbhutam |
yad amoghaṃ maheśāni durvijñeyam utāparaiḥ || 40.45 ||
Höre, o Göttin: Ich werde die wunderbare Vereinigung mit Maya darlegen. Sie bleibt nicht ohne Frucht, o Maheshani, und ist für andere schwer zu verstehen.
Anmerkung: Wer mit den „anderen“ gemeint ist, wird durch die anschließende erste Langzeile von Vers 46 näher bestimmt.
40.46
yogasiddhivihīnaiś ca yogibhiḥ suranāyaki |
sugupte mandire mantrī mṛdvāsanaparigrahaḥ || 40.46 ||
Auch für Yogis, denen die Vollendung im Yoga fehlt, ist sie schwer verständlich, o Führerin der Götter. In einem gut verborgenen Raum soll der Mantra-Kundige einen weichen Sitz nehmen.
Anmerkung: Mṛdvāsanaparigrahaḥ bedeutet wörtlicher „mit einem weichen Sitz versehen“. Das eigentliche Verb der Visualisation folgt in Vers 47.
40.47
bhāvayec ca svam ātmānaṃ parameśvaravigraham |
kāmeśvaram ivādyantaṃ sūryāyutasamaprabham || 40.47 ||
Er soll sich selbst als die Gestalt des höchsten Herrn vergegenwärtigen, wie Kameshvara, strahlend wie zehntausend Sonnen. Die nähere Bestimmung durch ādyantam bleibt in der gedruckten Lesart unklar.
Anmerkung: Die Edition druckt ivādyantaṃ. Daraus ergibt sich nicht ohne Weiteres die in ihrer englischen Übersetzung gewählte Bedeutung „ohne Anfang und Ende“; eine Negation wird hier nicht stillschweigend ergänzt. Ayuta wird mit „zehntausend“ wiedergegeben. Diese Texteinheit ist wegen ādyantam nicht abschließend übersetzbar.
40.48
cārumañjīrakeyūrakuṇḍalāṅgadabhūṣitam |
mudrikāchannahīrādikirīṭamukuṭojjvalam || 40.48 ||
Er ist mit schönen Fußreifen, Oberarmreifen, Ohrringen und Armspangen geschmückt; Ringe, überkreuzter Brustschmuck und weitere Zierden, Diadem und Krone lassen ihn erstrahlen.
Anmerkung: Die Aufzählung enthält sich teilweise überschneidende Schmuckbegriffe. Channahīra bezeichnet nach der Deutung der Edition einen über der Brust gekreuzten Schmuck beziehungsweise Schnüre; der Ausdruck wird nicht zu „verborgener Diamant“ umgedeutet.
40.49
prasannavadanaṃ kāntaṃ tāmbūlāpūritādharam |
madirānandacetaskaṃ paramānandavigraham || 40.49 ||
Sein Gesicht ist heiter und schön, seine Lippen sind von Betel erfüllt. Sein Geist ruht in der Freude des Weins; seine Gestalt ist höchste Glückseligkeit.
40.50
navayauvanasampannaṃ sarvalakṣaṇabhūṣitam |
svavāmabhāgavinyastamahājagavakārmukam || 40.50 ||
Er steht in frischer Jugend und trägt alle günstigen Kennzeichen. An seiner linken Seite befindet sich der große Ajagava-Bogen.
Anmerkung: Mahājagava ist eine unsichere Konjektur der Edition. Die Handschriften bieten abweichende, hier nicht sicher deutbare Formen. Der Name des Bogens ist deshalb nicht unabhängig abgesichert.
40.51
dakṣabhāgojjvalatpañcaśaram indīvaradyutim |
nīlotpalalasanmālābhūṣitoraskam īśvaram || 40.51 ||
An seiner rechten Seite glänzen fünf Pfeile; sein Schimmer gleicht dem blauen Lotus. Eine leuchtende Girlande aus blauen Lotusblüten schmückt die Brust des Herrn.
40.52
madena kṣubdhahṛdayam īṣāsmitamukhāmbujam |
evaṃ dhyāyec ciraṃ yogī svaśarīraṃ śivātmakam || 40.52 ||
Sein Herz ist vom Rausch bewegt, ein leises Lächeln liegt auf seinem Lotusgesicht. So soll der Yogi seinen eigenen Körper lange als von Shivas Wesen erfüllt betrachten.
Anmerkung: Mada kann Rausch, Erregung und sinnliches Hochgefühl bezeichnen; die Übersetzung legt sich nicht ausschließlich auf Alkohol fest.
40.53
candanāgarukarpūrakuraṅgajayakuṅkumaiḥ |
adhivāsitasarvāṅgaṃ cāruvaktravirājitam || 40.53 ||
Alle seine Glieder duften nach Sandelholz, Adlerholz, Kampfer, dem hier wohl als Moschus gemeinten kuraṅgajaya und Safran; sein schönes Gesicht strahlt.
Anmerkung: Die Bedeutung „Moschus“ für kuraṅgajaya ist kontextuell plausibel, lexikalisch aber nicht gesichert. Das unsichere Wort bleibt deshalb zusätzlich in der Übersetzung sichtbar.
40.54
ratnadvīpāyutayutaṃ gehe sattalpamadhyagam |
tatra svavāmabhāgasthāṃ śaktiṃ bhuvanamohinīm || 40.54 ||
Von zehntausend Juweleninseln umgeben befindet er sich in einem Haus auf einem schönen Lager. Dort soll er an seiner linken Seite Shakti vergegenwärtigen, die die Welt bezaubert.
Anmerkung: Der Vers wechselt von der Beschreibung des Gottes zur Beschreibung der Göttin. Die deutsche Verb-Ergänzung macht diesen Anschluss kenntlich; sie ergänzt keinen Sanskrittext.
40.55
sarvalakṣaṇasampannāṃ navayauvanagocarām |
nīlālakasamābaddhamālālolupaṣaṭpadām || 40.55 ||
Sie besitzt alle günstigen Kennzeichen und steht in frischer Jugend. Bienen verlangen nach der Girlande, die in ihre dunklen Locken gebunden ist.
Anmerkung: Nīlālaka und mālālolupa beruhen hier auf Konjekturen der Edition; die überlieferten Formen sind beschädigt beziehungsweise schwer verständlich.
40.56
kastūrīsāndrakarpūratilakāṃ kamalekṣaṇām |
kuṇḍalāṅgadakeyūragraiveyādivibhūṣitām || 40.56 ||
Ihr Stirnzeichen besteht aus Moschus und dichtem Kampfer; ihre Augen gleichen Lotusblüten. Ohrringe, Armspangen, Oberarmreifen, Halsschmuck und weitere Zierden schmücken sie.
40.57
akalaṅkaniśānāthasadṛśaśrīmukhāmbujām |
tāmbūlāpūrṇavadanāṃ svarṇakumbhopamastanīm || 40.57 ||
Ihr schönes Lotusgesicht gleicht dem fleckenlosen Mond. Ihr Mund ist mit Betel gefüllt; ihre Brüste gleichen goldenen Krügen.
40.58
divyānulepavastrāḍhyāṃ vistīrṇajaghanāntarām |
cārūrujaṅghāṃ saundaryasārasarvasvavigrahām || 40.58 ||
Sie ist reich mit göttlichen Salben und Gewändern versehen, mit weit geöffnetem Schoß. Schön sind ihre Schenkel und Unterschenkel; ihre Gestalt verkörpert die ganze Essenz der Schönheit.
Anmerkung: Jaghanāntara ist in der Edition emendiert. Die anatomisch konkrete Beschreibung wird im Ritualzusammenhang wiedergegeben und nicht ausschließlich symbolisch ausgelegt.
40.59
sarvalāvaṇyasaundaryasārasarvasvavigrahām |
mañjīrāñcitapādāḍhyāṃ divyamālyānulepanām |
madirāsvādamuditāṃ madanāviṣṭavigrahām || 40.59 ||
Ihre Gestalt verkörpert die ganze Essenz aller Anmut und Schönheit. Ihre Füße sind mit Fußreifen geschmückt; sie trägt göttliche Girlanden und Salben. Der Genuss des Weins erfreut sie, Liebesverlangen erfüllt ihre Gestalt.
Anmerkung: Die erste Langzeile wiederholt und erweitert die Schlussbeschreibung aus Vers 58. Sie steht im gedruckten Sanskrit und wird hier mitübersetzt, obwohl die englische Übersetzung des Aufsatzes sie nicht gesondert wiedergibt. Keine Umnummerierung wird vorgenommen.
40.60
vilāsavibhramāṃ kāntāṃ dhyāyet śaktiṃ maheśvari |
āśliṣya cumbanādīni yogī samyak samācaret || 40.60 ||
Als die Geliebte, lebhaft im Spiel ihrer Anmut, soll er Shakti betrachten, o Maheshvari. Der Yogi soll sie umarmen und Küsse und dergleichen in angemessener Weise vollziehen.
40.61
dhyāne bahiḥ susaṃsnigdhaṃ tayā saṃgaṃ samācaret |
gajahastaṃ kṣipet tasyāḥ śrīmanmadanamandire || 40.61 ||
Während der inneren Betrachtung soll er sich äußerlich sehr zärtlich mit ihr vereinigen. An ihrem erhabenen Tempel der Liebe soll er den „Elefantenrüssel“ anlegen.
Anmerkung: Der „Tempel der Liebe“ bezeichnet hier den Genitalbereich. Gajahasta ist eine technische Bezeichnung für eine Handanwendung; die Übersetzung bewahrt den Wortlaut, ohne daraus eine heutige praktische Anleitung zu entwickeln. Das Nebeneinander von dhyāne und bahiḥ spricht gegen eine unbesehen ausschließlich symbolische Wiedergabe.
40.62
mantram enaṃ smared yogī madaṃ yāvad vimuñcati |
bhautikavyoma †lā aiṃḍi† kevalārṇas tu bhautike || 40.62 ||
Der Yogi soll dieses Mantra im Gedächtnis halten, bis er den Erguss entlässt. Es folgen die Lautbezeichnungen bhautika und vyoma, die verderbte Folge †lā aiṃḍi† sowie die Worte „einzelner Laut“, tu und „bei bhautika“.
Anmerkung: Der zweite Halbvers ist schon in der kritischen Edition als verderbt gekennzeichnet. Er ist eine verschlüsselte Lautanweisung, kein zuverlässig rekonstruierbares fortlaufendes Mantra. Die unsichere Folge wird unverändert überliefert. Eine abschließende Übersetzung beziehungsweise Entschlüsselung ist nicht möglich; aus der Randnotiz eines Zeugen wird kein angeblich gesicherter Mantratext eingesetzt.
40.63
aparo vahni vāmākṣi bindu yukto maheśvari |
calepadaṃ calapadam citrepadam anantaram || 40.63 ||
Als Weiteres folgen vahni und vāmākṣi, verbunden mit bindu, o Maheshvari; danach das Wort cale, das Wort cala und unmittelbar darauf das Wort citre.
Anmerkung: Vahni, vāmākṣi und bindu dienen hier als Lautbezeichnungen. Die Wiedergabe bewahrt ihre Stellung im Druck und ergänzt die in Vers 62 beschädigte Mantrafolge nicht.
40.64
retopadaṃ muñcapadayugaṃ pūrvabījā vilomagāḥ |
evaṃ krameṇa yo yogī māyāsaṃgaṃ samācaret || 40.64 ||
Dann folgen das Wort reto, zweimal das Wort muñca und die vorherigen Keimsilben in umgekehrter Reihenfolge. Für den Yogi, der in dieser Abfolge die Vereinigung mit Maya vollzieht, gilt die anschließende Anweisung.
Anmerkung: Reto und muñca bedeuten in diesem Zusammenhang etwa „Samen“ und „entlasse“. Der erste Halbvers ist überzählig. Die Rückwärtsfolge der Bijas lässt sich wegen der beschädigten Ausgangsfolge nicht sicher angeben.
40.65
tadvīryaṃ svarṇakarpūrakuṅkumādiviloḍitam |
svadehaṃ mardayet kāntiś candravat samprajāyate || 40.65 ||
Mit seinem Samen, vermischt mit Gold, Kampfer, Safran und weiteren Stoffen, soll er den eigenen Körper einreiben. Sein Glanz wird dann, so die Schrift, dem des Mondes gleichen.
Anmerkung: Die Rezeptur gehört zur historischen Ritualdarstellung. Die Übersetzung gibt das Wirkungsversprechen des Textes wieder und bestätigt keine körperliche Wirkung.
40.66
samūlāṃ brahmamaṇḍūkīṃ chāyāśuṣkāṃ prasādhayet |
mṛdvīkārasasaṃmiśrāṃ śarkarāghṛtamelitām || 40.66 ||
Er soll brahmamanduki samt Wurzel, im Schatten getrocknet, zubereiten, mit Traubensaft vermischt und mit Zucker und geklärter Butter verbunden.
Anmerkung: Die botanische Identität von brahmamaṇḍūkī ist hier nicht gesichert. Die Wiedergabe des Pflanzennamens ist keine Bestimmung einer heute verwendbaren Heilpflanze.
40.67
trimāsaṃ bhakṣayet kālatrayam akṣapramāṇakam |
annapānaṃ payaḥ pītvā nāsya śukraḥ kṣayaṃ vrajet || 40.67 ||
Drei Monate lang soll er dies zu den drei Tageszeiten in einer Portion vom Maß eines aksha verzehren. Milch dient ihm dabei als Speise und Trank; sein Samen, so die Aussage, soll nicht schwinden.
Anmerkung: Akṣa ist eine historische Größenangabe, hier etwa die Größe eines Spielwürfels beziehungsweise der als Würfel verwendeten Frucht. Eine Umrechnung in eine moderne Dosis ist nicht begründet. Die Verbindung von annapānam und payaḥ ist syntaktisch gedrängt.
40.68
śatavarṣasahasrāntaṃ yadi saṃgaṃ samācaret |
nāsya prakṣīyate satyaṃ navatvāptyai tanoḥ priye || 40.68 ||
Selbst wenn er bis zum Ablauf von hunderttausend Jahren die Vereinigung vollzöge, würde sein Samen wahrlich nicht aufgebraucht. Dies dient der Erneuerung des Körpers, o Geliebte – so lautet das Versprechen des Textes.
Anmerkung: Śatavarṣasahasra wird als hundertmal tausend Jahre verstanden. Die Übersetzung übernimmt die konkrete Zahl und deutet sie zugleich als historisches Wirkungsversprechen, nicht als überprüfte Lebensdauer.
40.69
rasāyanam idaṃ guhyam anyeṣāṃ na prakāśayet |
etad rahasyaṃ vyākhyātaṃ durlabhaṃ siddhasaṃtatau |
gurukāruṇyasaṃlakṣyaṃ kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi || 40.69 ||
Dieses geheime Mittel der Erneuerung soll er anderen nicht offenbaren. Dieses Geheimnis ist nun dargelegt: selbst in der Überlieferung der Vollendeten schwer zu erlangen und durch das Mitgefühl des Gurus zu erkennen. Was möchtest du noch hören?
Anmerkung: Rasāyana bezeichnet hier ein Mittel oder Verfahren zur Erneuerung beziehungsweise Verjüngung. Der Vers hat drei Langzeilen und führt zum Kapitelabschluss.
Schlusskolophon
|| iti śrīmatsyendrasaṃhitāyāṃ catvāriṃśaḥ paṭalaḥ ||
So endet das vierzigste Kapitel der ehrwürdigen Matsyendra Samhita.
Kapitel 44, Fragment aus Vers 27: Überlieferungsrichtungen
Quelle des Fragmentzitats: Mallinson 2003, S. 2, Anm. 3 (PDF-Seite 6); am Seitenbild geprüft. Die übrigen Kapitelteile und der nicht zitierte Rest von Vers 27 sind nicht enthalten.
44.27
etat te paramāmnāyam auttaraṃ paścimānvayam
Dies ist für dich die höchste, übergeordnete Überlieferung, die der westlichen Tradition folgt.
Anmerkung: Hier ist nur die von Mallinson 2003, S. 2, Anm. 3 (PDF-Seite 6), ausdrücklich als Matsyendrasaṃhitā 44.27 zitierte Wortfolge aufgenommen. Über den erhaltenen Umfang des Kapitels in den Handschriften wird damit keine neue Aussage getroffen. Sie umfasst zwei achtsilbige Versfüße; ihre Stellung innerhalb des ganzen Verses ist im Zitat nicht angegeben. Deshalb werden keine Buchstaben a–d zugeordnet und keine fehlenden Halbverse ergänzt. Āmnāya bezeichnet eine tradierte Lehre beziehungsweise Überlieferungsrichtung. Auttara wird hier entsprechend Mallinsons Deutung als „übergeordnet“ verstanden; das Wort kann auch einen Bezug zum Norden ausdrücken. Paścimānvaya benennt die Verbindung mit der westlichen Tradition. Aus diesem einzelnen Zitat folgt keine eindeutige Zuordnung sämtlicher Kapitel zu einer Schule. Die unebene Akkusativform paramāmnāyam bleibt im Sanskrit stehen.
Kapitel 54, Vers 15cd: Weitergabe der Vidya
Quelle des Halbverses: Kiss 2011, Anm. 14, S. 192; digitale Textwiedergabe. Die übrigen Kapitelteile sind nicht enthalten.
54.15cd
tasmāt parīkṣya dātavyā vidyaiṣā kulaśāsane
Deshalb soll diese Vidya innerhalb der Kula-Unterweisung erst nach einer Prüfung weitergegeben werden.
Anmerkung: Nur der bei Kiss 2011, Anm. 14, S. 192, zitierte zweite Halbvers 54.15cd ist zugänglich. Der erste Halbvers und die übrigen Kapitelteile werden nicht ergänzt. Vidyā kann die geheime Lehre und ihre Mantraform bezeichnen; das Objekt des Prüfens wird in diesem Halbvers nicht ausdrücklich genannt. Die digitale Textwiedergabe wurde geprüft, das zugehörige Seitenbild nicht beschafft.
Kapitel 55, Verse 42–44: Schlussrahmen
Quelle: Sensharma 1994, Einleitung S. 2, mit ausdrücklich belegter Ergänzung in 42cd aus Kiss 2011, Anm. 14. Die übrigen Kapitelteile sind nicht enthalten.
55.42
iti śambhumukhāt kṛtvā śatakoṭipravistaram |
kulāmnāyam aśeṣaṃ tu tasmād uddhṛtya sārayet || 55.42 ||
„So, aus Shambhus Mund …“: Die ganze Kula-Überlieferung, in hundert Kotis ausgebreitet, soll man daraus herausheben und auf ihren Wesenskern bringen. Der Satzanfang mit kṛtvā, „nachdem man gemacht hat“, bleibt in dieser Lesung syntaktisch unklar.
Anmerkung: Grundlage: Sensharma 1994, Einleitung S. 2, Zitat des Schlussrahmens. Der Druck hat tasya und anschließend eine Punktlücke. Der zweite Halbvers wird nach dem ausdrücklich als 55.42cd zitierten Wortlaut bei Kiss 2011, Anm. 14, S. 192, ergänzt: tasmād uddhṛtya sārayet. Kṛtvā im ersten Halbvers bleibt unverändert. Śatakoṭi bedeutet wörtlich hundert mal zehn Millionen; die Einheit des Umfangs wird nicht ergänzt. Die Einleitung nennt zuvor Kapitel 55, druckt am Zitatende aber I, 42–44. Die Zuordnung zu 55 wird durch Kiss’ Zitat 55.42 gestützt.
55.43
matsyendreṇa kṛtaṃ cedam āgamaṃ paramārthataḥ |
śivaśāsanam ākarṇya matsyanāthena (?) yoginā || 55.43 ||
Und diese Überlieferung wurde ihrem eigentlichen Sinn nach von Matsyendra geschaffen, nachdem der Yogi Matsyanatha Shivas Unterweisung gehört hatte.
Anmerkung: Sensharma 1994, Einleitung S. 2. Kṛtam und āgamam stehen im Druck in unregelmäßiger Kongruenz. Matsyendra und Matsyanatha werden als unterschiedliche Namensformen wiedergegeben; das gedruckte Fragezeichen bei Matsyanatha bleibt erhalten. Eine Gleichsetzung beider Namen wird nicht in den Sanskrittext eingefügt.
55.44
colendrāya purā gītaṃ tenedaṃ pratipāditam |
śrīmaccolendranāthena bhūtale yogasiddhaye || 55.44 ||
Einst wurde dies dem Chola-Herrscher vorgetragen. Von ihm, dem ehrwürdigen Cholendranatha, wurde es auf Erden zur Vollendung im Yoga dargelegt.
Anmerkung: Sensharma 1994, Einleitung S. 2. Gīta, wörtlich „gesungen“, bezeichnet hier die Weitergabe der Lehre. Der Text nennt Cholendranatha, nicht ausdrücklich den Namen Goraksha.
Schlusskolophon
iti matsyendrasaṃhitāyāṃ pañcapañcāśat paṭalaḥ | samāpta (m) / sampūrṇam |
So endet das fünfundfünfzigste Kapitel der Matsyendra Samhita. Beendet; abgeschlossen. Der Abschlussvermerk folgt dem Zitat in Sensharmas Einleitung, nicht einer eigenen Einsicht in die Handschrift.
Zum Weiterlesen
Mit diesen ergänzenden Texten endet der Umfang dieser Teilausgabe. Der Hauptartikel verbindet die einzelnen Themen und erläutert die Überlieferung sowie die Grenzen des Textangebots. Die 108 ausgewählten Verse bieten einen thematischen Zugang ausschließlich in deutscher Übersetzung. Oder schaue dir den Devanagari Text an.
- ↑ Debabrata Sensharma (Hrsg.): Matsyendra Samhita: Ascribed to Matsyendranatha. Part I. Bibliotheca Indica 318. The Asiatic Society, Calcutta 1994. Digitalisat.
- ↑ James Mallinson: The Khecarīvidyā of Ādinātha: A Critical Edition and Annotated Translation. DPhil-Dissertation, Balliol College, University of Oxford. Benutzte PDF-Fassung: Titelblatt 14. August 2003; Einreichungsblatt Trinity Term 2001. 336 PDF-Seiten. Anhänge B und C mit eigenen Editionen der Matsyendra Samhita. Digitalisat.
- ↑ Csaba Kiss: A Sexual Ritual with Māyā in Matsyendrasaṃhitā 40. In: Śaivism and the Tantric Traditions. Brill 2020, S. 426–450; Sanskrittext S. 429–441. Nachweis und Seitenansicht.
- ↑ Csaba Kiss: The Matsyendrasaṃhitā. In: David N. Lorenzen / Adrián Muñoz (Hrsg.), Yogi Heroes and Poets: Histories and Legends of the Nāths. SUNY Press, Albany 2011, S. 143–162; gesonderte Anmerkungen S. 188–198, hier Anm. 6 und 14. Publikationsnachweis.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Jason Birch: „Premodern Yoga Traditions and Ayurveda“. In: History of Science in South Asia 6 (2018), S. 1–83, hier S. 58, Anm. 254. DOI und Aufsatz. Das Zitat verweist auf Kiss 2009, S. 250.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.
- ↑ Zweites Digitalisat desselben Drucks: Sensharma 1994, klarerer Scan. Ein zusätzlicher Scan ist kein unabhängiger Textzeuge.