Pankl: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Pankl''', auch '''Paingala Upanishad''' (Sanskrit: पैङ्गलोपनिषद्, ''Paiṅgalopaniṣad'' f.), ist eine [[Upanishad]], die in der [[Oupnek'hat]]-Sammlung aufgeführt wird. Auf [[Paingala]]s Frage nach dem Tun und Verhalten eines Befreiten gibt ihm [[Yajnavalkya]] darauf Antwort.
weiterleitung [[Paingala Upanishad]]
 
[[Datei:Mitte-Juli-Mond Vollmond 0181.jpg|thumb|"Seelen wechseln ihr Haus mondgleich, wenn erlöst, sind sie ohne Haus." Zitat: Pankl]]
 
Die '''Paingala Upanishad''' (Sanskrit: पैङ्गलोपनिषद्, ''Paiṅgalopaniṣad'') gehört zu den [[Samanya Vedanta Upanishad|allgemeinen Vedanta-Upanishaden]] und wird in der [[Muktika Upanishad|Muktika-Liste]] als Nummer 59 dem [[Shukla Yajurveda|Weißen Yajurveda]] zugeordnet. In einem Lehrgespräch bittet der Schüler [[Paingala]] den Weisen [[Yajnavalkya]] um das höchste Geheimnis des [[Kaivalya]]. Die Antwort führt von der Entfaltung des Kosmos über die drei Körper, die fünf [[Koshas]] und die Bewusstseinszustände bis zur unmittelbaren Erkenntnis: [[Atman]] und [[Brahman]] sind nicht verschieden.
 
Besonders klar beschreibt die Schrift den inneren Weg von [[Shravana]] über [[Manana]] und [[Nididhyasana]] bis zum [[Samadhi]]. Philosophisches Studium soll nicht bei Begriffen stehenbleiben. Durch sorgfältige Unterscheidung, Meditation und das Durchschauen falscher Identifikation wird die Aussage „[[Tat Tvam Asi]] – Das bist du“ zur lebendigen Erfahrung. Befreiung bedeutet dann nicht Flucht aus dem Leben, sondern Freiheit vom Irrtum, nur Körper, Rolle, Gedanke oder vergängliche Erfahrung zu sein.
 
[[Datei:Vedanta-medit.jpg|thumb|Die Paingala Upanishad verbindet genaue Selbsterforschung mit stiller Meditation über den Atman.]]
 
Für heutige Übende zeigt der Text, wie [https://www.yoga-vidya.de/yoga/ Yoga] als Weg der Ganzheit und [https://www.yoga-vidya.de/meditation/ Meditation] als unmittelbare Erforschung des Bewusstseins zusammenwirken. Kosmologische Modelle und traditionelle Wirkungsverheißungen werden quellengetreu wiedergegeben, aber historisch eingeordnet. Entscheidend bleibt die verwandelnde Einsicht, dass das Licht des Bewusstseins in allen Zuständen gegenwärtig ist.
 
== Paingala Upanishad – Sanskrit (IAST), Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung ==
Die Studienfassung folgt der vierkapitligen Langfassung mit 12, 18, 12 und 31 nummerierten Einheiten. Jede Einheit steht einzeln und besitzt unmittelbar darunter eine eigene Übersetzung und eine vollständige Worterklärung. Lange Prosaverse bleiben als die in der benutzten Ausgabe nummerierten Sinneinheiten erhalten; es gibt keine Sammelübersetzungen mehrerer Nummern.
 
'''Textzuordnung Paingala Upanishad'''<br>
śuklayajurvedīya sāmānya upaniṣat ||<br>
 
'''Eine allgemeine Vedanta-Upanishad des Weißen Yajurveda.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''śukla-yajurvedīya'' – zum Weißen Yajurveda gehörig; ''sāmānya'' – allgemein, nicht sektarisch gebunden; ''upaniṣat'' – Upanishad, vertrauliche geistige Lehre.
 
'''Traditioneller Eröffnungsvers Paingala Upanishad'''<br>
paiṅgalopaniṣadvedyaṃ paramānandavigraham | paritaḥ kalaye rāmaṃ paramākṣaravaibhavam ||<br>
 
'''Ich vergegenwärtige mir ringsum Rama, dessen Gestalt höchste Glückseligkeit ist, der durch die Paingala Upanishad erkannt wird und die Herrlichkeit des höchsten unvergänglichen Lautes verkörpert.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''paiṅgala-upaniṣat-vedyam'' – durch die Paingala Upanishad zu erkennen; ''parama-ānanda-vigraham'' – von der Gestalt höchster Glückseligkeit; ''paritaḥ kalaye'' – ich vergegenwärtige mir allseits; ''rāmam'' – Rama; ''parama-akṣara-vaibhavam'' – die Herrlichkeit des höchsten unvergänglichen Lautes beziehungsweise Brahman.
 
'''Eröffnendes Shanti-Mantra Paingala Upanishad'''<br>
oṃ pūrṇamadaḥ pūrṇamidaṃ pūrṇātpūrṇamudacyate | pūrṇasya pūrṇamādāya pūrṇamevāvaśiṣyate || oṃ śāntiḥ<br>
śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
 
'''Om. Jenes ist vollständig; dieses ist vollständig. Aus dem Vollständigen geht das Vollständige hervor. Nimmt man vom Vollständigen das Vollständige, bleibt allein das Vollständige. Om. Frieden, Frieden, Frieden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''oṃ'' – Om; ''pūrṇam adaḥ'' – jenes ist vollständig; ''pūrṇam idam'' – dieses ist vollständig; ''pūrṇāt'' – aus dem Vollständigen; ''pūrṇam udacyate'' – geht das Vollständige hervor; ''pūrṇasya'' – vom Vollständigen; ''pūrṇam ādāya'' – das Vollständige genommen habend; ''pūrṇam eva avaśiṣyate'' – bleibt allein das Vollständige; ''śāntiḥ'' – Frieden, dreimal angerufen.
 
=== Erstes Kapitel – Brahman, Prakriti und kosmische Entfaltung ===
 
'''Vers 1.1 Paingala Upanishad'''<br>
atha ha paiṅgalo yājñavalkyamupasametya dvādaśavarṣaśuśrūṣāpūrvakaṃ paramarahasyakaivalyamanubrūhīti<br>
papraccha || 1 ||<br>
 
'''Nachdem Paiṅgala sich Yajnavalkya genähert und ihm zuvor zwölf Jahre lang gedient hatte, bat er: „Lehre mich das höchste Geheimnis des [[Kaivalya]], der vollkommenen Freiheit.“'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''atha ha'' – nun, wahrlich; ''paiṅgalaḥ'' – Paiṅgala; ''yājñavalkyam upasametya'' – nachdem er sich Yajnavalkya genähert hatte; ''dvādaśa-varṣa'' – zwölf Jahre; ''śuśrūṣā-pūrvakam'' – nach vorausgegangenem hingebungsvollem Dienst; ''parama-rahasya-kaivalyam'' – das höchste Geheimnis der vollkommenen Befreiung; ''anubrūhi'' – lehre, erkläre ausführlich; ''iti papraccha'' – so fragte er.
 
'''Vers 1.2 Paingala Upanishad'''<br>
sa hovāca yājñavalkyaḥ sadeva somyedamagra āsīt | tannityamuktamavikriyaṃ satyajñānānandaṃ paripūrṇaṃ<br>
sanātanamekamevādvitīyaṃ brahma || 2 ||<br>
 
'''Yajnavalkya sprach: „O Sanfter, am Anfang war dies allein das Seiende. Dieses [[Brahman]] ist ewig frei, unveränderlich, Wahrheit, Erkenntnis und Glückseligkeit, vollkommen, anfangslos und immerwährend, das Eine ohne ein Zweites.“'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''sa ha uvāca yājñavalkyaḥ'' – Yajnavalkya sprach; ''sat eva'' – allein das Seiende; ''somya'' – o Sanfter; ''idam agre āsīt'' – dies war am Anfang; ''tat'' – dieses; ''nitya-muktam'' – ewig frei; ''avikriyam'' – unveränderlich; ''satya-jñāna-ānandam'' – Wahrheit, Erkenntnis und Glückseligkeit; ''paripūrṇam'' – vollkommen erfüllt; ''sanātanam'' – anfangslos und immerwährend; ''ekam eva advitīyam'' – einzig, ohne ein Zweites; ''brahma'' – Brahman.
 
'''Vers 1.3 Paingala Upanishad'''<br>
tasminmaruśuktikāsthāṇusphaṭikādau jalaraupyapuruṣarekhādivallohitaśuklakṛṣṇaguṇamayī guṇasāmyānirvācyā<br>
mūlaprakṛtirāsīt | tatpratibimbitaṃ yattatsākṣicaitanyamāsīt || 3 ||<br>
 
'''In ihm bestand die nicht beschreibbare [[Mula Prakriti|Urnatur]], in der die drei Eigenschaften – rot, weiß und schwarz – im Gleichgewicht waren, ähnlich wie Wasser in der Wüste, Silber im Perlmutt, eine menschliche Gestalt in einem Pfosten oder Farblinien im Kristall erscheinen. Was sich in ihr spiegelte, war das Bewusstsein des Zeugen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''tasmin'' – in ihm, im Brahman; ''maru-śuktikā-sthāṇu-sphaṭika-ādau'' – in Wüste, Perlmutt, Pfosten, Kristall und Ähnlichem; ''jala-raupya-puruṣa-rekhā-ādi-vat'' – wie Wasser, Silber, eine Person, Linien und dergleichen; ''lohita-śukla-kṛṣṇa-guṇa-mayī'' – aus den roten, weißen und schwarzen Qualitäten, also Rajas, Sattva und Tamas, bestehend; ''guṇa-sāmya'' – Gleichgewicht der Gunas; ''anirvācyā'' – nicht in Worte zu fassen; ''mūla-prakṛtiḥ āsīt'' – die Urnatur bestand; ''tat-pratibimbitam'' – das darin Gespiegelte; ''yat tat'' – was dieses war; ''sākṣi-caitanyam āsīt'' – war das Zeugenbewusstsein.
 
'''Vers 1.4 Paingala Upanishad'''<br>
sā punarvikṛtiṃ prāpya sattvodriktā'vyaktākhyāvaraṇaśaktirāsīt | tatpratibimbitaṃ<br>
yattadīśvaracaitanyamāsīt | sa svādhīnamāyaḥ sarvajñaḥ sṛṣṭisthitilayānāmādikartā jagadaṅkurarūpo bhavati<br>
svasminvilīnaṃ sakalaṃ jagadāvirbhāvayati | prāṇikarmavaśādeṣa paṭo yadvat prasāritaḥ prāṇikarmakṣayāt<br>
punastirobhāvayati | tasminnevākhilaṃ viśvaṃ saṃkocitapaṭavadvartate || 4 ||<br>
 
'''Als die Urnatur sich wandelte und [[Sattva]] überwog, wurde sie zur verhüllenden Kraft namens Avyakta. Das darin gespiegelte Bewusstsein ist das Ishvara-Bewusstsein. [[Ishvara]] beherrscht seine Maya, ist allwissend, Urheber von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung und der Keim des Weltalls. Er bringt die in ihm aufgelöste Welt zur Erscheinung. Entsprechend dem Karma der Lebewesen entfaltet sie sich wie ein Tuch; wenn dieses Karma erschöpft ist, zieht er sie wieder ein. Die ganze Welt ruht dann in ihm wie ein zusammengerolltes Tuch.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''sā punaḥ vikṛtim prāpya'' – als sie wiederum eine Wandlung erlangte; ''sattva-udriktā'' – mit überwiegendem Sattva; ''avyakta-ākhyā āvaraṇa-śaktiḥ'' – die verhüllende Kraft namens das Unmanifestierte; ''tat-pratibimbitam'' – das darin Gespiegelte; ''īśvara-caitanyam'' – Ishvara-Bewusstsein; ''saḥ svādhīna-māyaḥ'' – er, dessen Maya unter eigener Herrschaft steht; ''sarvajñaḥ'' – allwissend; ''sṛṣṭi-sthiti-layānām ādi-kartā'' – erster Urheber von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung; ''jagat-aṅkura-rūpaḥ'' – von der Gestalt des Weltkeims; ''svasmin vilīnam'' – in ihm aufgelöst; ''sakalam jagat āvirbhāvayati'' – lässt die ganze Welt hervortreten; ''prāṇi-karma-vaśāt'' – entsprechend dem Karma der Lebewesen; ''eṣaḥ paṭaḥ yadvat prasāritaḥ'' – wie dieses Tuch entfaltet wird; ''prāṇi-karma-kṣayāt'' – durch das Schwinden ihres Karmas; ''punaḥ tirobhāvayati'' – lässt er sie wieder verschwinden; ''tasmin eva'' – in ihm allein; ''akhilam viśvam'' – das gesamte Weltall; ''saṃkocita-paṭa-vat vartate'' – besteht wie ein zusammengerolltes Tuch.
 
'''Vers 1.5 Paingala Upanishad'''<br>
īśādhiṣṭhitāvaraṇaśaktito rajodriktā mahadākhyā vikṣepaśaktirāsīt | tatpratibimbitaṃ<br>
yattaddhiraṇyagarbhacaitanyamāsīt | sa mahattattvābhimānī spaṣṭāspaṣṭavapurbhavati || 5 ||<br>
 
'''Aus der von Ishvara getragenen verhüllenden Kraft entstand bei Überwiegen von [[Rajas]] die projizierende Kraft namens Mahat. Das in ihr gespiegelte Bewusstsein ist das Bewusstsein Hiranyagarbhas. Mit Mahat identifiziert, besitzt Hiranyagarbha eine zugleich manifeste und unmanifeste Gestalt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''īśa-adhiṣṭhita-āvaraṇa-śaktitaḥ'' – aus der von Ishvara getragenen Verhüllungskraft; ''rajas-udriktā'' – mit überwiegendem Rajas; ''mahat-ākhyā'' – Mahat genannt; ''vikṣepa-śaktiḥ āsīt'' – entstand die projizierende Kraft; ''tat-pratibimbitam'' – das darin Gespiegelte; ''hiraṇyagarbha-caitanyam'' – Hiranyagarbha-Bewusstsein; ''saḥ mahat-tattva-abhimānī'' – er, der sich mit dem Prinzip Mahat identifiziert; ''spaṣṭa-aspaṣṭa-vapuḥ'' – mit manifester und unmanifester Gestalt; ''bhavati'' – wird, ist.
 
'''Vers 1.6 Paingala Upanishad'''<br>
hiraṇyagarbhādhiṣṭhitavikṣepaśaktitastamodriktāhaṃkārābhidhā sthūlaśaktirāsīt | tatpratibimbitaṃ<br>
yattadvirāṭcaitanyamāsīt | sa tadabhimānī spaṣṭavapuḥ sarvasthūlapālako viṣṇuḥ pradhānapuruṣo bhavati |<br>
tasmādātmana ākāśaḥ saṃbhūtaḥ | ākāśādvāyuḥ | vāyoragniḥ | agnerāpaḥ | adbhyaḥ pṛthivī | tāni pañca<br>
tanmātrāṇi triguṇāni bhavanti || 6 ||<br>
 
'''Aus der von Hiranyagarbha getragenen Projektionskraft entstand bei Überwiegen von [[Tamas]] die grobe Kraft namens Ahamkara. Das darin gespiegelte Bewusstsein ist das Virat-Bewusstsein. Mit Ahamkara identifiziert, besitzt Virat eine manifeste Gestalt und wird zu Vishnu, dem höchsten kosmischen Menschen und Beschützer alles Grobstofflichen. Aus dem Selbst entstand Raum, aus Raum Luft, aus Luft Feuer, aus Feuer Wasser und aus Wasser Erde. Diese fünf feinen Elemente tragen die drei Gunas in sich.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''hiraṇyagarbha-adhiṣṭhita-vikṣepa-śaktitaḥ'' – aus der von Hiranyagarbha getragenen Projektionskraft; ''tamas-udriktā'' – mit überwiegendem Tamas; ''ahaṃkāra-abhidhā sthūla-śaktiḥ'' – die grobe Kraft namens Ichprinzip; ''tat-pratibimbitam'' – das darin Gespiegelte; ''virāṭ-caitanyam'' – Virat-Bewusstsein; ''saḥ tad-abhimānī'' – er, der sich damit identifiziert; ''spaṣṭa-vapuḥ'' – von manifester Gestalt; ''sarva-sthūla-pālakaḥ'' – Beschützer alles Groben; ''viṣṇuḥ pradhāna-puruṣaḥ'' – Vishnu, der höchste Puruṣa; ''tasmāt ātmanaḥ'' – aus diesem Selbst; ''ākāśaḥ sambhūtaḥ'' – entstand der Raum; ''ākāśāt vāyuḥ'' – aus dem Raum die Luft; ''vāyoḥ agniḥ'' – aus der Luft das Feuer; ''agneḥ āpaḥ'' – aus dem Feuer die Wasser; ''adbhyaḥ pṛthivī'' – aus den Wassern die Erde; ''tāni pañca tanmātrāṇi'' – diese fünf Tanmatras; ''tri-guṇāni'' – von den drei Gunas geprägt; ''bhavanti'' – sind.
 
'''Vers 1.7 Paingala Upanishad'''<br>
sraṣṭukāmo jagadyonistamoguṇamadhiṣṭhāya sūkṣmatanmātrāṇi bhūtāni sthūlīkartuṃ so'kāmayata | sṛṣṭeḥ<br>
parimitāni bhūtānyekamekaṃ dvidhā vidhāya punaścaturdhā kṛtvā svasvetaradvitīyāṃśaiḥ pañcadhā saṃyojya<br>
pañcīkṛtabhūtairanantakoṭibrahmāṇḍāni tattadaṇḍocitacaturdaśabhuvanāni<br>
tattadbhuvanocitagolakasthūlaśarīrāṇyasṛjat || 7 ||<br>
 
'''Die Weltursache wollte schaffen. Sie gründete sich auf Tamas und beschloss, die feinen Tanmatras zu groben Elementen zu verdichten. Dazu wurde jedes teilbare Element in zwei Hälften geteilt, die eine Hälfte nochmals in vier Teile, und jeder Eigenanteil mit Anteilen der vier anderen Elemente verbunden. Aus den so verfünffachten Elementen entstanden unzählige Welteier, die jeweils vierzehn Welten sowie die zu ihnen passenden Sphären und grobstofflichen Körper enthalten.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''sraṣṭu-kāmaḥ'' – schaffen wollend; ''jagat-yoniḥ'' – Ursprung der Welt; ''tamo-guṇam adhiṣṭhāya'' – auf dem Tamas-Guna beruhend; ''sūkṣma-tanmātrāṇi bhūtāni'' – die Elemente als feine Tanmatras; ''sthūlī-kartum'' – grob zu machen; ''saḥ akāmayata'' – er beabsichtigte; ''sṛṣṭeḥ parimitāni bhūtāni'' – die für die Schöpfung bestimmten Elemente; ''ekam ekam dvidhā vidhāya'' – jedes einzelne zweiteilend; ''punaḥ caturdhā kṛtvā'' – die Hälfte wiederum vierteilend; ''sva-sva-itara-dvitīya-aṃśaiḥ'' – mit dem Eigenanteil und den Anteilen der jeweils anderen; ''pañcadhā saṃyojya'' – fünffach verbindend; ''pañcīkṛta-bhūtaiḥ'' – durch die verfünffachten Elemente; ''ananta-koṭi-brahmāṇḍāni'' – unzählige Millionen Welteier; ''tad-tad-aṇḍa-ucita-caturdaśa-bhuvanāni'' – die jedem Weltei entsprechenden vierzehn Welten; ''tad-tad-bhuvana-ucita-golaka-sthūla-śarīrāṇi'' – die den jeweiligen Welten entsprechenden Sphären und groben Körper; ''asṛjat'' – erschuf er.
 
'''Vers 1.8 Paingala Upanishad'''<br>
sa pañcabhūtānāṃ rajoṃśāṃścaturdhā kṛtvā bhāgatrayātpañcavṛttyātmakaṃ prāṇamasṛjat | sa teṣāṃ<br>
turyabhāgena karmendriyāṇyasṛjat || 8 ||<br>
 
'''Er teilte den Rajas-Anteil der fünf Elemente in vier Teile und schuf aus der Gesamtheit von drei Teilen den Prana mit seinen fünf Funktionen. Aus dem vierten Teil erschuf er die Handlungsorgane.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''saḥ'' – er; ''pañca-bhūtānām rajaḥ-aṃśān'' – die Rajas-Anteile der fünf Elemente; ''caturdhā kṛtvā'' – viergeteilt habend; ''bhāga-trayāt'' – aus drei Teilen; ''pañca-vṛtti-ātmakam prāṇam'' – den Prana mit fünf Tätigkeitsweisen; ''asṛjat'' – erschuf; ''teṣām turya-bhāgena'' – aus deren viertem Teil; ''karma-indriyāṇi'' – die Handlungsorgane.
 
'''Vers 1.9 Paingala Upanishad'''<br>
sa teṣāṃ sattvāṃśaṃ caturdhā kṛtvā bhāgatrayasamaṣṭitaḥ pañcakriyāvṛttyātmakamantaḥkaraṇamasṛjat | sa<br>
teṣāṃ sattvaturīyabhāgena jñānendriyāṇyasṛjat || 9 ||<br>
 
'''Er teilte den Sattva-Anteil dieser Elemente in vier Teile und schuf aus der Gesamtheit von drei Teilen das innere Instrument mit seinen fünf Tätigkeitsweisen. Aus dem vierten Sattva-Anteil erschuf er die Erkenntnisorgane.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''teṣām sattva-aṃśam'' – ihren Sattva-Anteil; ''caturdhā kṛtvā'' – viergeteilt habend; ''bhāga-traya-samaṣṭitaḥ'' – aus der Gesamtheit dreier Teile; ''pañca-kriyā-vṛtti-ātmakam'' – mit fünf Funktionen tätig; ''antaḥkaraṇam'' – das innere Instrument; ''asṛjat'' – erschuf er; ''sattva-turīya-bhāgena'' – aus dem vierten Sattva-Teil; ''jñāna-indriyāṇi'' – die Erkenntnis- beziehungsweise Sinnesorgane.
 
'''Vers 1.10 Paingala Upanishad'''<br>
sattvasamaṣṭitaḥ indriyapālakānasṛjat | tāni sṛṣṭānyaṇḍe prācikṣipat | tadājñayā samaṣṭyaṇḍaṃ vyāpya<br>
tānyatiṣṭhan | tadājñayā'haṃkārasamanvito virāṭ sthūlānyarakṣat | hiraṇyagarbhastadājñayā<br>
sūkṣmāṇyapālayat || 10 ||<br>
 
'''Aus der Gesamtheit des Sattva schuf er die Gottheiten, welche die Organe lenken, und setzte sie in das Weltei ein. Auf sein Gebot durchdrangen sie das kosmische Ganze und nahmen dort ihren Platz ein. Virat, mit Ahamkara verbunden, beschützte auf sein Gebot die groben Dinge; Hiranyagarbha behütete die feinen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''sattva-samaṣṭitaḥ'' – aus der Gesamtheit des Sattva; ''indriya-pālakān'' – die Lenker der Organe; ''asṛjat'' – erschuf er; ''tāni sṛṣṭāni'' – diese Erschaffenen; ''aṇḍe prācikṣipat'' – setzte er in das Weltei ein; ''tad-ājñayā'' – auf sein Gebot; ''samaṣṭi-aṇḍam vyāpya'' – das kosmische Weltei durchdringend; ''tāni atiṣṭhan'' – nahmen sie ihren Platz ein; ''ahaṃkāra-samanvitaḥ virāṭ'' – Virat, mit Ahamkara verbunden; ''sthūlāni arakṣat'' – beschützte die groben Dinge; ''hiraṇyagarbhaḥ'' – Hiranyagarbha; ''sūkṣmāṇi apālayat'' – behütete die feinen Dinge.
 
'''Vers 1.11 Paingala Upanishad'''<br>
aṇḍasthāni tāni tena vinā spandituṃ ceṣṭituṃ vā na śekuḥ | tāni cetanīkartuṃ so'kāmayata<br>
brahmāṇḍabrahmarandhrāṇi samastavyaṣṭimastakānvidārya tadevānuprāviśat | tadā jaḍānyapi tāni<br>
cetanavatsvakarmāṇi cakrire || 11 ||<br>
 
'''Ohne ihn konnten die Wesen im Weltei weder schwingen noch handeln. Um sie zu beleben, durchbrach er das kosmische Brahmarandhra und die Scheitelöffnungen aller Einzelwesen und trat selbst in sie ein. Da verrichteten sogar die zuvor leblosen Gebilde ihre eigenen Tätigkeiten wie Bewusste.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''aṇḍa-sthāni tāni'' – jene im Weltei befindlichen Wesen; ''tena vinā'' – ohne ihn; ''spanditum'' – sich zu regen, zu schwingen; ''ceṣṭitum vā'' – oder tätig zu sein; ''na śekuḥ'' – vermochten nicht; ''tāni cetanī-kartum'' – um sie bewusst beziehungsweise lebendig zu machen; ''saḥ akāmayata'' – beabsichtigte er; ''brahmāṇḍa-brahmarandhrāṇi'' – das Brahmarandhra des Weltalls; ''samasta-vyaṣṭi-mastakān'' – die Scheitel aller Einzelwesen; ''vidārya'' – durchbrochen habend; ''tad eva anuprāviśat'' – trat er selbst in sie ein; ''tadā'' – da; ''jaḍāni api'' – sogar die leblosen; ''cetanavat'' – wie bewusste Wesen; ''sva-karmāṇi cakrire'' – verrichteten ihre eigenen Tätigkeiten.
 
'''Vers 1.12 Paingala Upanishad'''<br>
sarvajñeśo māyāleśasamanvito vyaṣṭidehaṃ praviśya tayā mohito jīvatvamagamat |<br>
śarīratrayatādātmyātkartṛtvabhoktṛtvatāmagamat jāgratsvapnasuṣuptimūrcchāmaraṇadharmayukto<br>
ghaṭīyantravadvigno jāto mṛta iva kulālacakranyāyena paribhramatīti || 12 ||<br>
 
'''Der allwissende Ishvara trat, mit einem Hauch von Maya verbunden, in den individuellen Körper ein; durch Maya getäuscht, nahm er den Zustand des [[Jiva]] an. Durch die Identifikation mit den drei Körpern wurde er zum Handelnden und Erfahrenden. Mit Wachen, Traum, Tiefschlaf, Ohnmacht und Tod verbunden, kreist er erregt wie ein Schöpfwerk oder ein Töpferrad umher und erscheint bald geboren, bald gestorben.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''sarvajña-īśaḥ'' – der allwissende Herr; ''māyā-leśa-samanvitaḥ'' – mit einem Anteil von Maya verbunden; ''vyaṣṭi-deham praviśya'' – in den Einzelkörper eingetreten; ''tayā mohitaḥ'' – von ihr getäuscht; ''jīvatvam agamat'' – gelangte in den Jiva-Zustand; ''śarīra-traya-tādātmyāt'' – durch Gleichsetzung mit den drei Körpern; ''kartṛtva-bhoktṛtvatām'' – Handelndsein und Erfahrendsein; ''jāgrat-svapna-suṣupti-mūrcchā-maraṇa-dharma-yuktaḥ'' – mit Wachen, Traum, Tiefschlaf, Ohnmacht und Tod verbunden; ''ghaṭī-yantra-vat udvignaḥ'' – aufgewühlt wie ein Schöpfwerk; ''jātaḥ mṛtaḥ iva'' – wie geboren und gestorben; ''kulāla-cakra-nyāyena'' – nach Art eines Töpferrades; ''paribhramati'' – kreist umher; ''iti'' – so.
 
'''Schlussformel des ersten Kapitels Paingala Upanishad'''<br>
iti paiṅgalopaniṣadi prathamo'dhyāyaḥ || 1 ||<br>
 
'''Damit endet das erste Kapitel der Paingala Upanishad.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''iti'' – so, damit; ''paiṅgala-upaniṣadi'' – in der Paingala Upanishad; ''prathamaḥ adhyāyaḥ'' – das erste Kapitel.
 
=== Zweites Kapitel – Körper, Hüllen und Bewusstseinszustände ===
 
'''Vers 2.1 Paingala Upanishad'''<br>
atha paiṅgalo yājñavalkyamuvāca sarvalokānāṃ sṛṣṭisthityantakṛdvibhurīśaḥ kathaṃ jīvatvamagamaditi || 1<br>
||<br>
 
'''Paiṅgala fragte Yajnavalkya: „Wie konnte Ishvara, der allgegenwärtige Schöpfer, Erhalter und Auflöser aller Welten, in den Zustand eines Jiva gelangen?“'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''atha'' – darauf; ''paiṅgalaḥ yājñavalkyam uvāca'' – Paiṅgala sprach zu Yajnavalkya; ''sarva-lokānām'' – aller Welten; ''sṛṣṭi-sthiti-anta-kṛt'' – Schöpfer, Erhalter und Beender; ''vibhuḥ īśaḥ'' – der allgegenwärtige Herr; ''katham'' – wie; ''jīvatvam agamat'' – gelangte er zum Jiva-Sein; ''iti'' – so.
 
'''Vers 2.2 Paingala Upanishad'''<br>
sa hovāca yājñavalkyaḥ sthūlasūkṣmakāraṇadehodbhavapūrvakaṃ jīveśvarasvarūpaṃ vivicya kathayāmīti<br>
sāvadhānenaikāgratayā śrūyatām | īśaḥ pañcīkṛtamahābhūtaleśānādāya vyaṣṭisamaṣṭyātmakasthūlaśarīrāṇi<br>
yathākramamakarot | kapālacarmāntrāsthimāṃsanakhāni pṛthivyaṃśāḥ | raktamūtralālāsvedādikamapāmaṃśāḥ |<br>
kṣuttṛṣṇoṣṇamohamaithunādyā agnyaṃśāḥ | pracāraṇottāraṇāśvāsādikā vāyvaṃśāḥ | kāmakrodhādayo vyomāṃśāḥ |<br>
etatsaṃghātaṃ karmaṇi saṃcitaṃ tvagādiyuktaṃ bālyādyavasthābhimānāspadaṃ bahudoṣāśrayaṃ sthūlaśarīraṃ<br>
bhavati || 2 ||<br>
 
'''Yajnavalkya antwortete: „Ich werde die Natur von Jiva und Ishvara unterscheiden und dabei die Entstehung des groben, feinen und kausalen Körpers erklären; höre aufmerksam und gesammelt. Ishvara nahm kleine Anteile der verfünffachten großen Elemente und bildete daraus die individuellen und kosmischen groben Körper. Schädel, Haut, Gedärme, Knochen, Fleisch und Nägel gehören zum Erdanteil; Blut, Urin, Speichel, Schweiß und Ähnliches zum Wasseranteil; Hunger, Durst, Wärme, Verblendung und Geschlechtstrieb zum Feueranteil; Fortbewegung, Heben und Atmen zum Luftanteil; Verlangen, Zorn und Ähnliches zum Raumanteil. Dieses durch angesammeltes Karma gebildete Gefüge, das mit Haut und Weiterem versehen, Grundlage der Identifikation mit Kindheit und anderen Lebenszuständen und Sitz vieler Mängel ist, heißt grober Körper.“'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''sa ha uvāca yājñavalkyaḥ'' – Yajnavalkya sprach; ''sthūla-sūkṣma-kāraṇa-deha-udbhava-pūrvakam'' – beginnend mit der Entstehung des groben, feinen und kausalen Körpers; ''jīva-īśvara-svarūpam'' – das Wesen von Jiva und Ishvara; ''vivicya kathayāmi'' – unterscheidend werde ich erklären; ''sāvadhānena ekāgratayā śrūyatām'' – es werde aufmerksam und einpünktig gehört; ''īśaḥ'' – Ishvara; ''pañcīkṛta-mahābhūta-leśān ādāya'' – kleine Anteile der verfünffachten großen Elemente nehmend; ''vyaṣṭi-samaṣṭi-ātmaka-sthūla-śarīrāṇi'' – individuelle und kosmische grobe Körper; ''yathākramam akarot'' – bildete der Reihe nach; ''kapāla-carma-antra-asthi-māṃsa-nakhāni'' – Schädel, Haut, Gedärme, Knochen, Fleisch und Nägel; ''pṛthivī-aṃśāḥ'' – Erdanteile; ''rakta-mūtra-lālā-sveda-ādikam'' – Blut, Urin, Speichel, Schweiß und Ähnliches; ''apām aṃśāḥ'' – Anteile des Wassers; ''kṣut-tṛṣṇā-uṣṇa-moha-maithuna-ādyāḥ'' – Hunger, Durst, Wärme, Verblendung, Geschlechtstrieb und Weiteres; ''agni-aṃśāḥ'' – Feueranteile; ''pracāraṇa-uttāraṇa-śvāsa-ādikāḥ'' – Fortbewegung, Heben, Atmen und Ähnliches; ''vāyu-aṃśāḥ'' – Luftanteile; ''kāma-krodha-ādayaḥ'' – Verlangen, Zorn und Weiteres; ''vyoma-aṃśāḥ'' – Raumanteile; ''etat-saṃghātam'' – dieses Gefüge; ''karmaṇi saṃcitam'' – durch angesammeltes Karma; ''tvak-ādi-yuktam'' – mit Haut und Weiterem versehen; ''bālya-ādi-avasthā-abhimāna-āspadam'' – Grundlage der Identifikation mit Kindheit und anderen Zuständen; ''bahu-doṣa-āśrayam'' – Sitz vieler Mängel; ''sthūla-śarīram bhavati'' – ist der grobe Körper.
 
'''Vers 2.3 Paingala Upanishad'''<br>
athāpañcīkṛtamahābhūtarajoṃśabhāgatrayasamaṣṭitaḥ prāṇamasṛjat | prāṇāpānavyānodānasamānāḥ prāṇavṛttayaḥ<br>
| nāgakūrmakṛkaradevadattadhanañjayāḥ upaprāṇāḥ | hṛdāsananābhikaṇṭhasarvāṅgāni sthānāni |<br>
ākāśādirajoguṇaturīyabhāgena karmendriyamasṛjat | vākpāṇipādapāyūpasthāstadvṛttayaḥ |<br>
vacanādānagamanavisargānandāstadviṣayāḥ | evaṃ bhūtasattvāṃśabhāgatrayasamaṣṭito'ntaḥkaraṇamasṛjat |<br>
antaḥkaraṇamanobuddhicittāhaṃkārāstadvṛttayaḥ | saṃkalpaniścayasmaraṇābhimānānusaṃdhānāstadviṣayāḥ |<br>
galavadananābhihṛdayabhrūmadhyaṃ sthānam | bhūtasattvaturīyabhāgena jñānendriyamasṛjat |<br>
śrotratvakcakṣurjihvāghrāṇāstadvṛttayaḥ | śabdasparśarūparasagandhāstadviṣayāḥ |<br>
digvātārkapraceto'śvivahnīndropendramṛtyukāḥ | candro viṣṇuścaturvaktraḥ śaṃbhuśca karaṇādhipāḥ || 3 ||<br>
 
'''Aus der Gesamtheit dreier Rajas-Anteile der noch nicht verfünffachten großen Elemente schuf Ishvara den Prana. Prana, Apana, Vyana, Udana und Samana sind seine Hauptfunktionen; Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya die Neben-Pranas. Ihre Sitze sind Herz, After, Nabel, Kehle und der ganze Körper. Aus dem vierten Rajas-Anteil entstanden die Handlungsorgane: Sprache, Hände, Füße, Ausscheidungs- und Zeugungsorgan; ihre Aufgaben sind Sprechen, Ergreifen, Gehen, Ausscheiden und Lust. Aus der Gesamtheit dreier Sattva-Anteile entstand das innere Instrument. Dessen Tätigkeitsformen sind inneres Organ, Denken, Urteilskraft, Gedächtnisspeicher und Ichprinzip; ihre Aufgaben sind Vorstellen, Entscheiden, Erinnern, Sich-Zuschreiben und fortgesetztes Nachforschen. Als Sitze gelten Kehle, Gesicht, Nabel, Herz und Augenbrauenmitte. Aus dem vierten Sattva-Anteil entstanden die Erkenntnisorgane: Ohr, Haut, Auge, Zunge und Nase; ihre Gegenstände sind Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Geruch. Richtungen, Wind, Sonne, Varuna, Ashvins, Feuer, Indra, Upendra, Tod, Mond, Vishnu, der Viergesichtige und Shambhu werden als lenkende Gottheiten genannt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''apañcīkṛta-mahābhūta-rajoṃśa-bhāga-traya-samaṣṭitaḥ'' – aus der Gesamtheit dreier Rajas-Anteile der unverfünffachten großen Elemente; ''prāṇam asṛjat'' – schuf er den Prana; ''prāṇa-apāna-vyāna-udāna-samānāḥ'' – Prana, Apana, Vyana, Udana und Samana; ''prāṇa-vṛttayaḥ'' – Prana-Funktionen; ''nāga-kūrma-kṛkara-devadatta-dhanañjayāḥ'' – Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya; ''upaprāṇāḥ'' – Neben-Pranas; ''hṛd-āsana-nābhi-kaṇṭha-sarvāṅgāni'' – Herz, After, Nabel, Kehle und alle Glieder; ''sthānāni'' – Sitze; ''ākāśa-ādi-rajo-guṇa-turīya-bhāgena'' – aus dem vierten Rajas-Anteil von Raum und den übrigen Elementen; ''karma-indriyam asṛjat'' – schuf er das System der Handlungsorgane; ''vāk-pāṇi-pāda-pāyu-upasthāḥ'' – Sprache, Hände, Füße, Ausscheidungs- und Zeugungsorgan; ''tad-vṛttayaḥ'' – dessen Funktionen beziehungsweise Formen; ''vacana-ādāna-gamana-visarga-ānandāḥ'' – Sprechen, Ergreifen, Gehen, Ausscheiden und Lust; ''tad-viṣayāḥ'' – deren Aufgaben; ''bhūta-sattvāṃśa-bhāga-traya-samaṣṭitaḥ'' – aus der Gesamtheit dreier Sattva-Anteile der Elemente; ''antaḥkaraṇam asṛjat'' – schuf er das innere Instrument; ''antaḥkaraṇa-mano-buddhi-citta-ahaṃkārāḥ'' – inneres Organ, Denken, Urteilskraft, Gedächtnisspeicher und Ichprinzip; ''saṃkalpa-niścaya-smaraṇa-abhimāna-anusandhānāḥ'' – Vorstellen, Entscheiden, Erinnern, Sich-Zuschreiben und Nachforschen; ''gala-vadana-nābhi-hṛdaya-bhrūmadhyam'' – Kehle, Gesicht, Nabel, Herz und Augenbrauenmitte; ''bhūta-sattva-turīya-bhāgena'' – aus dem vierten Sattva-Anteil der Elemente; ''jñāna-indriyam asṛjat'' – schuf er das System der Erkenntnisorgane; ''śrotra-tvak-cakṣus-jihvā-ghrāṇāḥ'' – Ohr, Haut, Auge, Zunge und Nase; ''śabda-sparśa-rūpa-rasa-gandhāḥ'' – Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Geruch; ''dik-vāta-arka-pracetas-aśvi-vahni-indra-upendra-mṛtyukāḥ'' – Richtungen, Wind, Sonne, Varuna, Ashvins, Feuer, Indra, Upendra und Tod; ''candraḥ viṣṇuḥ caturvaktraḥ śambhuḥ ca'' – Mond, Vishnu, der Viergesichtige und Shambhu; ''karaṇa-adhipāḥ'' – Lenker der Organe.
 
'''Vers 2.4 Paingala Upanishad'''<br>
athānnamayaprāṇamayamanomayavijñānamayānandamayāḥ pañcakośāḥ | annarasenaiva bhūtvā'nnarasenābhivṛddhi<br>
prāpyānnarasamayapṛthivyāṃ yadvilīyate so'nnamayakośaḥ | tadeva sthūlaśarīram | karmendriyaiḥ saha<br>
prāṇādipañcakaṃ prāṇamayakośaḥ | jñānendriyaiḥ saha mano manomayakośaḥ | jñānendriyaiḥ saha<br>
buddhirvijñānamayakośaḥ | etatkośatrayaṃ liṅgaśarīram | svarūpājñānamānandamayakośaḥ | tat kāraṇaśarīram<br>
|| 4 ||<br>
 
'''Es gibt fünf [[Koshas]]: die Nahrungs-, Lebensenergie-, Geist-, Erkenntnis- und Glückseligkeitshülle. Was aus Nahrung entsteht, durch Nahrung wächst und sich in die aus Nahrung bestehende Erde auflöst, ist die Nahrungshülle, der grobe Körper. Die fünf Pranas mit den Handlungsorganen bilden die Pranahülle; der Geist mit den Erkenntnisorganen die Geisthülle; die Buddhi mit den Erkenntnisorganen die Erkenntnishülle. Diese drei bilden den feinen Körper. Die Unkenntnis der eigenen Wesensnatur ist die Glückseligkeitshülle; sie ist der kausale Körper.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''atha'' – nun; ''annamaya-prāṇamaya-manomaya-vijñānamaya-ānandamayāḥ'' – Nahrungs-, Prana-, Geist-, Erkenntnis- und Glückseligkeitshülle; ''pañca kośāḥ'' – fünf Hüllen; ''anna-rasena eva bhūtvā'' – allein aus der Essenz der Nahrung entstanden; ''anna-rasena abhivṛddhim prāpya'' – durch Nahrung Wachstum erlangend; ''anna-rasa-maya-pṛthivyām yat vilīyate'' – was sich in die aus Nahrung bestehende Erde auflöst; ''saḥ annamaya-kośaḥ'' – das ist die Nahrungshülle; ''tad eva sthūla-śarīram'' – eben das ist der grobe Körper; ''karma-indriyaiḥ saha prāṇa-ādi-pañcakam'' – die fünf Pranas mit den Handlungsorganen; ''prāṇamaya-kośaḥ'' – die Pranahülle; ''jñāna-indriyaiḥ saha manaḥ'' – der Geist mit den Erkenntnisorganen; ''manomaya-kośaḥ'' – die Geisthülle; ''jñāna-indriyaiḥ saha buddhiḥ'' – die Buddhi mit den Erkenntnisorganen; ''vijñānamaya-kośaḥ'' – die Erkenntnishülle; ''etat kośa-trayam'' – diese drei Hüllen; ''liṅga-śarīram'' – der feine Körper; ''svarūpa-ajñānam'' – Unwissenheit über die eigene Natur; ''ānandamaya-kośaḥ'' – Glückseligkeitshülle; ''tat kāraṇa-śarīram'' – das ist der kausale Körper.
 
'''Vers 2.5 Paingala Upanishad'''<br>
atha jñānendriyapañcakaṃ karmendriyapañcakaṃ prāṇādipañcakaṃ viyadādipañcakamantaḥkaraṇacatuṣṭayaṃ<br>
kāmakarmatamāṃsyaṣṭapuram || 5 ||<br>
 
'''Die fünf Erkenntnisorgane, fünf Handlungsorgane, fünf Haupt-Pranas, fünf Elemente, vier Funktionen des inneren Instruments sowie Verlangen, Karma und Dunkelheit bilden die „Stadt der Acht“ – den zusammengesetzten Bereich leiblicher Erfahrung.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''jñāna-indriya-pañcakam'' – die Fünfheit der Erkenntnisorgane; ''karma-indriya-pañcakam'' – die Fünfheit der Handlungsorgane; ''prāṇa-ādi-pañcakam'' – die Fünfheit der Pranas; ''viyat-ādi-pañcakam'' – die fünf Elemente, beginnend mit Raum; ''antaḥkaraṇa-catuṣṭayam'' – die vierfache innere Instanz; ''kāma-karma-tamāṃsi'' – Verlangen, Karma und Dunkelheit; ''aṣṭa-puram'' – die achtgliedrige Stadt.
 
'''Vers 2.6 Paingala Upanishad'''<br>
īśājñayā virājo vyaṣṭidehaṃ praviśya buddhimadhiṣṭhāya viśvatvamagamat | vijñānātmā cidābhāso viśvo<br>
vyāvahāriko jāgratsthūladehābhimānī karmabhūriti ca viśvasya nāma bhavati || 6 ||<br>
 
'''Auf Ishvaras Gebot trat Virat in den individuellen Körper ein, nahm die Buddhi als Grundlage und wurde zum Vishva des Wachzustands. Erkenntnisselbst, Spiegelbewusstsein, Vishva, empirisches Selbst, Identifizierter mit dem groben Wachkörper und karmisch Hervorgebrachter sind seine Bezeichnungen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''īśa-ājñayā'' – auf Ishvaras Gebot; ''virājaḥ'' – Virat; ''vyaṣṭi-deham praviśya'' – in den individuellen Körper eingetreten; ''buddhim adhiṣṭhāya'' – die Buddhi als Grundlage nehmend; ''viśvatvam agamat'' – erlangte den Zustand Vishva; ''vijñāna-ātmā'' – Erkenntnisselbst; ''cit-ābhāsaḥ'' – Spiegelung des Bewusstseins; ''viśvaḥ'' – Vishva, das Wachbewusstsein; ''vyāvahārikaḥ'' – das empirische Selbst; ''jāgrat-sthūla-deha-abhimānī'' – mit dem groben Wachkörper identifiziert; ''karma-bhūḥ'' – aus Karma entstanden; ''iti ca'' – und so; ''viśvasya nāma bhavati'' – lauten die Namen Vishvas.
 
'''Vers 2.7 Paingala Upanishad'''<br>
īśājñayā sūtrātmā vyaṣṭisūkṣmaśarīraṃ praviśya mana adhiṣṭhāya taijasatvamagamat | taijasaḥ prātibhāsikaḥ<br>
svapnakalpita iti taijasasya nāma bhavati || 7 ||<br>
 
'''Auf Ishvaras Gebot trat der Sutratman in den individuellen feinen Körper ein, nahm den Geist als Grundlage und wurde zu Taijasa. „Taijasa“, „scheinbare Wirklichkeit“ und „im Traum entworfen“ sind seine Bezeichnungen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''īśa-ājñayā'' – auf Ishvaras Gebot; ''sūtra-ātmā'' – der Fadenselbst, Sutratman; ''vyaṣṭi-sūkṣma-śarīram praviśya'' – in den individuellen feinen Körper eingetreten; ''manaḥ adhiṣṭhāya'' – den Geist als Grundlage nehmend; ''taijasatvam agamat'' – erlangte den Taijasa-Zustand; ''taijasaḥ'' – der Leuchtende; ''prātibhāsikaḥ'' – zur scheinbaren Wirklichkeit gehörig; ''svapna-kalpitaḥ'' – im Traum entworfen; ''iti taijasasya nāma'' – so lauten Taijasas Namen.
 
'''Vers 2.8 Paingala Upanishad'''<br>
īśājñayā māyopādhiravyaktasamanvito vyaṣṭikāraṇaśarīraṃ praviśya prājñatvamagamat | prājño'vicchinnaḥ<br>
pāramārthikaḥ suṣuptyabhimānīti prājñasya nāma bhavati || 8 ||<br>
 
'''Auf Ishvaras Gebot trat das mit dem unmanifestierten Maya-Begrenzungsgrund verbundene Bewusstsein in den individuellen Kausalkörper ein und wurde zu Prajna. „Prajna“, „ungeteilt“, „letztgültig“ und „mit dem Tiefschlaf identifiziert“ sind seine Bezeichnungen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''īśa-ājñayā'' – auf Ishvaras Gebot; ''māyā-upādhiḥ'' – mit Maya als begrenzender Bedingung; ''avyakta-samanvitaḥ'' – mit dem Unmanifestierten verbunden; ''vyaṣṭi-kāraṇa-śarīram praviśya'' – in den individuellen kausalen Körper eingetreten; ''prājñatvam agamat'' – erlangte den Prajna-Zustand; ''prājñaḥ'' – Prajna; ''avicchinnaḥ'' – ungeteilt; ''pāramārthikaḥ'' – zur höchsten Wirklichkeit gehörig; ''suṣupti-abhimānī'' – mit dem Tiefschlaf identifiziert; ''prājñasya nāma'' – Prajnas Bezeichnungen.
 
'''Vers 2.9 Paingala Upanishad'''<br>
avyaktaleśājñānācchāditapāramārthikajīvasya tattvamasyādivākyāni brahmaṇaikatāṃ<br>
jagurnetarayorvyāvahārikaprātibhāsikayoḥ || 9 ||<br>
 
'''Aussagen wie „Das bist du“ verkünden die Einheit des letztgültigen Jiva, der durch die Unwissenheit eines kleinen Anteils des Unmanifestierten verhüllt ist, mit Brahman – nicht die Einheit der empirischen oder bloß erscheinenden Persönlichkeitsformen als solcher.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''avyakta-leśa-ajñāna-ācchādita'' – von der Unwissenheit eines Anteils des Unmanifestierten verhüllt; ''pāramārthika-jīvasya'' – des letztgültigen Jiva; ''tat tvam asi-ādi-vākyāni'' – Aussagen wie „Das bist du“; ''brahmaṇā ekatām jaguḥ'' – verkünden die Einheit mit Brahman; ''na itarayoḥ'' – nicht diejenige der beiden anderen; ''vyāvahārika-prātibhāsikayoḥ'' – des empirischen und des nur scheinbaren Selbst.
 
'''Vers 2.10 Paingala Upanishad'''<br>
antaḥkaraṇapratibimbitacaitanyaṃ yattadevāvasthātrayabhāgbhavati | sa jāgratsvapnasuṣuptyavasthāḥ prāpya<br>
ghaṭīyantravadvigno jāto mṛta iva sthito bhavati || 10 ||<br>
 
'''Das im inneren Instrument gespiegelte Bewusstsein durchläuft die drei Zustände. Wenn es Wachen, Traum und Tiefschlaf annimmt, erscheint es wie ein bewegtes Schöpfwerk: bald beunruhigt, bald geboren, bald wie tot.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''antaḥkaraṇa-pratibimbita-caitanyam'' – das im inneren Instrument gespiegelte Bewusstsein; ''yat tat eva'' – eben dieses; ''avasthā-traya-bhāk bhavati'' – wird zum Teilhaber an den drei Zuständen; ''saḥ'' – es; ''jāgrat-svapna-suṣupti-avasthāḥ prāpya'' – Wachen, Traum und Tiefschlaf erlangend; ''ghaṭī-yantra-vat udvignaḥ'' – wie ein Schöpfwerk bewegt; ''jātaḥ'' – geboren; ''mṛtaḥ iva'' – wie tot; ''sthitaḥ bhavati'' – erscheint befindlich.
 
'''Vers 2.11 Paingala Upanishad'''<br>
atha jāgratsvapnasuṣuptimūrcchāmaraṇādyavasthāḥ pañca bhavanti | tattaddevatāgrahānvitaiḥ<br>
śrotrādijñānendriyaiḥ śabdādyarthaviṣayagrahaṇajñānaṃ jāgradavasthā bhavati | tatra bhrūmadhyaṃ gato jīva<br>
āpādamastakaṃ vyāpya kṛṣiśravaṇādyakhilakriyākartā bhavati | tattatphalabhuk ca bhavati | lokāntaragataḥ<br>
karmārjitaphalaṃ sa eva bhuṅkte | sa sārvabhaumavadvyavahārācchrānta antarbhavanaṃ praveṣṭuṃ<br>
mārgamāśritya tiṣṭhati || 11 ||<br>
 
'''Es gibt fünf Zustände: Wachen, Traum, Tiefschlaf, Ohnmacht und Tod. Wachen ist das Erkennen von Klang und anderen Gegenständen durch die Erkenntnisorgane, die von ihren jeweiligen Gottheiten unterstützt werden. Der Jiva verweilt dabei zwischen den Augenbrauen, durchdringt den Körper vom Fuß bis zum Scheitel, führt alle Tätigkeiten wie Arbeiten und Hören aus und erfährt ihre Folgen – auch später in anderen Welten. Vom weltlichen Verkehr ermüdet wie ein Herrscher, sucht er den Weg in sein inneres Haus.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''jāgrat-svapna-suṣupti-mūrcchā-maraṇa-ādi-avasthāḥ'' – die Zustände Wachen, Traum, Tiefschlaf, Ohnmacht und Tod; ''pañca bhavanti'' – sind fünf; ''tad-tad-devatā-graha-anvitaiḥ'' – mit dem Einfluss der jeweiligen Gottheiten versehen; ''śrotra-ādi-jñāna-indriyaiḥ'' – durch die Erkenntnisorgane, beginnend mit dem Ohr; ''śabda-ādi-artha-viṣaya-grahaṇa-jñānam'' – Erkenntnis durch Erfassen von Klang und anderen Gegenständen; ''jāgrat-avasthā'' – Wachzustand; ''tatra bhrū-madhyam gataḥ jīvaḥ'' – dabei befindet sich der Jiva in der Augenbrauenmitte; ''āpāda-mastakam vyāpya'' – vom Fuß bis zum Scheitel durchdringend; ''kṛṣi-śravaṇa-ādi-akhila-kriyā-kartā'' – Handelnder aller Tätigkeiten wie Arbeiten und Hören; ''tad-tat-phala-bhuk'' – Erfahrender der jeweiligen Folgen; ''loka-antara-gataḥ'' – in eine andere Welt gelangt; ''karma-arjita-phalam'' – die durch Karma erworbene Frucht; ''saḥ eva bhuṅkte'' – eben er erfährt sie; ''sārvabhauma-vat'' – wie ein Weltherrscher; ''vyavahārāt śrāntaḥ'' – vom weltlichen Verkehr ermüdet; ''antar-bhavanam praveṣṭum'' – um das innere Haus zu betreten; ''mārgam āśritya tiṣṭhati'' – sucht und hält sich an den Weg.
 
'''Vers 2.12 Paingala Upanishad'''<br>
karaṇoparame jāgratsaṃskārotthaprabodhavadgrāhyagrāhakarūpasphuraṇaṃ svapnāvasthā bhavati | tatra viśva<br>
eva jāgradvyavahāralopānnāḍīmadhyaṃ caraṃstaijasatvamavāpya vāsanārūpakaṃ jagadvaicitryaṃ svabhāsā<br>
bhāsayanyathepsitaṃ svayaṃ bhuṅkte || 12 ||<br>
 
'''Wenn die Sinneswerkzeuge ruhen, leuchten – durch Wachprägungen hervorgerufen – Formen des Erkannten und Erkennenden auf: Das ist der Traumzustand. Vishva lässt den Wachverkehr zurück, bewegt sich als Taijasa inmitten der Nadis, erhellt aus eigener Leuchtkraft die aus Eindrücken geformte Vielfalt der Traumwelt und erfährt sie nach eigenem Wunsch.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''karaṇa-uparame'' – beim Zur-Ruhe-Kommen der Organe; ''jāgrat-saṃskāra-uttha'' – aus Wachprägungen entstanden; ''prabodha-vat'' – wie ein Erkennen; ''grāhya-grāhaka-rūpa-sphuraṇam'' – Aufleuchten in der Form des Erkannten und Erkennenden; ''svapna-avasthā'' – Traumzustand; ''tatra viśvaḥ eva'' – dort eben Vishva; ''jāgrat-vyavahāra-lopāt'' – durch Wegfall des Wachverkehrs; ''nāḍī-madhyam caran'' – inmitten der Nadis wandernd; ''taijasatvam avāpya'' – Taijasa-Sein erlangend; ''vāsanā-rūpakam jagat-vaicitryam'' – die aus Eindrücken bestehende Weltvielfalt; ''sva-bhāsā bhāsayan'' – durch eigenes Licht erhellend; ''yathā-īpsitam'' – nach Wunsch; ''svayam bhuṅkte'' – erfährt er selbst.
 
'''Vers 2.13 Paingala Upanishad'''<br>
cittaikakaraṇā suṣuptyavasthā bhavati | bhramaviśrāntaśakuniḥ pakṣau saṃhṛtya nīḍābhimukha yathā gacchati<br>
tathā jīvo'pi jāgratsvapnaprapañce vyavahṛtya śrānto'jñānaṃ praviśya svānandaṃ bhuṅkte || 13 ||<br>
 
'''Im Tiefschlaf ist allein das Citta tätig. Wie ein vom Umherfliegen ermüdeter Vogel die Flügel einzieht und zum Nest fliegt, so zieht sich der Jiva nach seinen Erfahrungen in Wach- und Traumwelt ermüdet in die Unwissenheit zurück und genießt seine eigene Glückseligkeit.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''citta-eka-karaṇā'' – mit dem Citta als einzigem Organ; ''suṣupti-avasthā'' – Tiefschlafzustand; ''bhrama-viśrānta-śakuniḥ'' – ein vom Umherstreifen ermüdeter Vogel; ''pakṣau saṃhṛtya'' – die beiden Flügel einziehend; ''nīḍa-abhimukham yathā gacchati'' – wie er dem Nest zufliegt; ''tathā jīvaḥ api'' – ebenso auch der Jiva; ''jāgrat-svapna-prapañce vyavahṛtya'' – nachdem er in Wach- und Traumwelt tätig war; ''śrāntaḥ'' – ermüdet; ''ajñānam praviśya'' – in Unwissenheit eintretend; ''sva-ānandam bhuṅkte'' – erfährt seine eigene Glückseligkeit.
 
'''Vers 2.14 Paingala Upanishad'''<br>
akasmānmudgaradaṇḍādyaistāḍitavadbhayājñānābhyāmindriyasaṃghātaiḥ kampanniva mṛtatulyā mūrcchā bhavati ||<br>
14 ||<br>
 
'''Ohnmacht gleicht dem Tod: Die Gesamtheit der Sinne zittert gleichsam infolge von Furcht und Nichtwissen, als wäre sie unerwartet von Hammer, Stock oder Ähnlichem getroffen worden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''akasmāt'' – plötzlich; ''mudgara-daṇḍa-ādyaiḥ'' – durch Hammer, Stock und Ähnliches; ''tāḍita-vat'' – wie geschlagen; ''bhaya-ajñānābhyām'' – durch Furcht und Unwissenheit; ''indriya-saṃghātaiḥ'' – mit der Gesamtheit der Sinne; ''kampan iva'' – gleichsam zitternd; ''mṛta-tulyā'' – dem Tod ähnlich; ''mūrcchā bhavati'' – Ohnmacht entsteht.
 
'''Vers 2.15 Paingala Upanishad'''<br>
jāgratsvapnasuṣuptimūrcchāvasthānāmanyābrahmādistambaparyantaṃ sarvajīvabhayapradā sthūladehavisarjanī<br>
maraṇāvasthā bhavati || 15 ||<br>
 
'''Der von Wachen, Traum, Tiefschlaf und Ohnmacht verschiedene Zustand, der allen Lebewesen von Brahma bis zum Grashalm Furcht bereitet und den groben Körper ablegt, ist der Tod.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''jāgrat-svapna-suṣupti-mūrcchā-avasthānām anyā'' – von Wachen, Traum, Tiefschlaf und Ohnmacht verschieden; ''brahmā-ādi-stamba-paryantam'' – von Brahma bis zum Grashalm; ''sarva-jīva-bhaya-pradā'' – allen Lebewesen Furcht bereitend; ''sthūla-deha-visarjanī'' – den groben Körper ablegend; ''maraṇa-avasthā bhavati'' – ist der Todeszustand.
 
'''Vers 2.16 Paingala Upanishad'''<br>
karmendriyāṇi jñānendriyāṇi tattadviṣayānprāṇānsaṃhṛtya kāmakarmānvita avidyābhūtaveṣṭito jīvo dehāntaraṃ<br>
prāpya lokāntaraṃ gacchati | prākkarmaphalapākenāvartāntarakīṭavadviśrānti naiva gacchati || 16 ||<br>
 
'''Der Jiva zieht Handlungs- und Erkenntnisorgane, ihre Gegenstände und die Pranas zusammen. Von Unwissenheit und feinen Elementen umhüllt sowie von Verlangen und Karma begleitet, nimmt er einen anderen Körper an und gelangt in eine andere Welt. Weil früheres Karma zur Frucht reift, findet er wie ein Insekt in einem Strudel keine Ruhe.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''karma-indriyāṇi jñāna-indriyāṇi'' – Handlungs- und Erkenntnisorgane; ''tad-tad-viṣayān'' – ihre jeweiligen Gegenstände; ''prāṇān saṃhṛtya'' – die Pranas zusammenziehend; ''kāma-karma-anvitaḥ'' – von Verlangen und Karma begleitet; ''avidyā-bhūta-veṣṭitaḥ'' – von Unwissenheit und feinen Elementen umhüllt; ''jīvaḥ'' – der Jiva; ''deha-antaram prāpya'' – einen anderen Körper erlangend; ''loka-antaram gacchati'' – geht in eine andere Welt; ''prāk-karma-phala-pākena'' – durch das Reifen früherer Karmafrüchte; ''āvarta-antara-kīṭa-vat'' – wie ein Insekt im Strudel; ''viśrāntim na eva gacchati'' – gelangt niemals zur Ruhe.
 
'''Vers 2.17 Paingala Upanishad'''<br>
satkarmaparipākato bahūnāṃ janmanāmante nṛṇāṃ mokṣecchā jāyate | tadā sadgurūmāśritya cirakālasevayā<br>
bandhaṃ mokṣaṃ kaścitprayāti || 17 ||<br>
 
'''Wenn gutes Karma herangereift ist, erwacht nach vielen Geburten im Menschen das Verlangen nach Befreiung. Dann nimmt er Zuflucht zu einem [[Guru|wahren Lehrer]]; durch lange Zeit hingebungsvollen Dienstes gelangt einer von vielen aus Bindung zur Befreiung.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''sat-karma-paripākataḥ'' – durch das Heranreifen guten Karmas; ''bahūnām janmanām ante'' – am Ende vieler Geburten; ''nṛṇām mokṣa-icchā jāyate'' – entsteht in Menschen der Wunsch nach Befreiung; ''tadā'' – dann; ''sad-gurum āśritya'' – zu einem wahren Guru Zuflucht nehmend; ''cira-kāla-sevayā'' – durch lange Zeit des Dienens; ''bandham'' – die Bindung; ''mokṣam'' – die Befreiung; ''kaścit prayāti'' – einer von vielen erreicht.
 
'''Vers 2.18 Paingala Upanishad'''<br>
avicārakṛto bandho vicārānmokṣo bhavati | tasmātsadā vicārayet | adhyāropāpavādataḥ svarūpaṃ<br>
niścayīkartuṃ śakyate | tasmātsadā vicārayejjagajjīvaparamātmano jīvabhāvajagadbhāvabādhe pratyagabhinnaṃ<br>
brahmaivāvaśiṣyata iti || 18 ||<br>
 
'''Bindung entsteht durch fehlende Untersuchung, Befreiung durch unterscheidendes Erforschen. Deshalb soll man immer forschen. Durch die Methode von Zuschreibung und anschließender Zurücknahme lässt sich die wahre Natur bestimmen. Darum prüfe man beständig Welt, Jiva und höchstes Selbst: Wenn die Vorstellungen von Jiva und Welt aufgehoben sind, bleibt allein das vom inneren Selbst ungetrennte Brahman.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''avicāra-kṛtaḥ bandhaḥ'' – durch Nicht-Untersuchung verursachte Bindung; ''vicārāt mokṣaḥ'' – durch Erforschung Befreiung; ''tasmāt sadā vicārayet'' – deshalb soll man stets untersuchen; ''adhyāropa-apavādataḥ'' – durch Zuschreibung und Zurücknahme; ''svarūpam niścayī-kartum'' – die eigene Wesensnatur sicher festzustellen; ''śakyate'' – ist möglich; ''jagat-jīva-paramātmanoḥ'' – hinsichtlich Welt, Jiva und höchstem Selbst; ''jīva-bhāva-jagat-bhāva-bādhe'' – bei Aufhebung der Vorstellungen von Jiva und Welt; ''pratyak-abhinnaṃ brahma eva'' – allein das vom inneren Selbst ungetrennte Brahman; ''avaśiṣyate'' – bleibt zurück; ''iti'' – so.
 
'''Schlussformel des zweiten Kapitels Paingala Upanishad'''<br>
iti paiṅgalopaniṣadi dvitīyo'dhyāyaḥ || 2 ||<br>
 
'''Damit endet das zweite Kapitel der Paingala Upanishad.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''iti'' – so, damit; ''paiṅgala-upaniṣadi'' – in der Paingala Upanishad; ''dvitīyaḥ adhyāyaḥ'' – das zweite Kapitel.
 
=== Drittes Kapitel – Mahavakya, Samadhi und Befreiung ===
 
'''Vers 3.1 Paingala Upanishad'''<br>
atha hainaṃ paiṅgalaḥ papraccha yājñavalkyaṃ mahāvākyavivaraṇamanubrūhīti || 1 ||<br>
 
'''Darauf bat Paiṅgala Yajnavalkya: „Lehre mich die genaue Bedeutung der [[Mahavakya|großen upanishadischen Aussagen]].“'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''atha ha enam'' – darauf, ihn; ''paiṅgalaḥ papraccha'' – Paiṅgala fragte; ''yājñavalkyam'' – Yajnavalkya; ''mahāvākya-vivaraṇam'' – die Erläuterung der großen Aussagen; ''anubrūhi'' – lehre sie ausführlich; ''iti'' – so.
 
'''Vers 3.2 Paingala Upanishad'''<br>
sa hovāca yājñavalkyastattvamasi tvaṃ tadasi tvaṃ brahmāsyahaṃ brahmāsmītyanusaṃdhānaṃ kuryāt || 2 ||<br>
 
'''Yajnavalkya sprach: „Man soll sich beständig vergegenwärtigen: ‚Das bist du‘, ‚Du bist Das‘, ‚Du bist Brahman‘ und ‚Ich bin Brahman‘.“'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''sa ha uvāca yājñavalkyaḥ'' – Yajnavalkya sprach; ''tat tvam asi'' – Das bist du; ''tvam tat asi'' – du bist Das; ''tvam brahma asi'' – du bist Brahman; ''aham brahma asmi'' – ich bin Brahman; ''iti anusandhānam kuryāt'' – so soll man fortgesetzte Betrachtung üben.
 
'''Vers 3.3 Paingala Upanishad'''<br>
tatra pārokṣyaśabalaḥ sarvajñatvādilakṣaṇo māyopādhiḥ saccidānandalakṣaṇo jagadyonistatpadavācyo bhavati<br>
| sa evāntaḥkaraṇasaṃbhinnabodho'smatpratyayāvalambanastvaṃpadavācyo bhavati | parajīvopādhimāyāvidye<br>
vihāya tattvaṃpadalakṣyaṃ pratyagabhinnaṃ brahma || 3 ||<br>
 
'''Das Wort „Tat“ bezeichnet die nur mittelbar erkannte, mannigfaltig erscheinende Weltursache, die durch Allwissenheit und weitere Eigenschaften gekennzeichnet ist, Maya als begrenzende Bedingung besitzt und von Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit geprägt ist. Dasselbe Bewusstsein, durch das innere Instrument differenziert und Stütze der Ichvorstellung, wird durch „Tvam“ bezeichnet. Lässt man Maya und Avidya, die Begrenzungen des höchsten und des individuellen Selbst, beiseite, so ist die in „Tat“ und „Tvam“ gemeinte Wirklichkeit das vom inneren Selbst ungetrennte Brahman.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''tatra'' – dabei; ''pārokṣya-śabalaḥ'' – mittelbar erkannt und mannigfaltig bestimmt; ''sarvajñatva-ādi-lakṣaṇaḥ'' – durch Allwissenheit und weitere Merkmale gekennzeichnet; ''māyā-upādhiḥ'' – mit Maya als Begrenzungsgrund; ''sat-cit-ānanda-lakṣaṇaḥ'' – durch Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit gekennzeichnet; ''jagat-yoniḥ'' – Ursprung der Welt; ''tat-pada-vācyaḥ'' – unmittelbare Wortbedeutung von „Tat“; ''saḥ eva'' – eben dieses Bewusstsein; ''antaḥkaraṇa-sambhinna-bodhaḥ'' – durch das innere Instrument differenziertes Erkennen; ''asmat-pratyaya-avalambanaḥ'' – Grundlage der Ichvorstellung; ''tvam-pada-vācyaḥ'' – unmittelbare Wortbedeutung von „Tvam“; ''para-jīva-upādhi'' – Begrenzungen des höchsten und des individuellen Selbst; ''māyā-avidye vihāya'' – Maya und Avidya beiseitelassend; ''tat-tvam-pada-lakṣyam'' – die indirekt gemeinte Bedeutung der Wörter Tat und Tvam; ''pratyak-abhinnaṃ brahma'' – das vom inneren Selbst ungetrennte Brahman.
 
'''Vers 3.4 Paingala Upanishad'''<br>
tattvamasītyahaṃ brahmāsmīti vākyārthavicāraḥ śravaṇaṃ bhavati | ekāntena śravaṇārthānusaṃdhānaṃ mananaṃ<br>
bhavati | śravaṇamanananirvicikitsye'rthe vastunyekatānavattayā cetaḥsthāpanaṃ nididhyāsanaṃ bhavati |<br>
dhyātṛdhyāne vihāya nivātasthitadīpavaddhyeyaikagocaraṃ cittaṃ samādhirbhavati || 4 ||<br>
 
'''Das Erforschen der Aussagebedeutung von „Das bist du“ und „Ich bin Brahman“ ist [[Shravana]], hörendes Studium. Die Bedeutung des Gehörten in der Zurückgezogenheit weiterzuverfolgen ist [[Manana]], Nachdenken. Den Geist mit ungeteilter Stetigkeit auf die durch Hören und Nachdenken zweifelsfrei erkannte Wirklichkeit auszurichten ist [[Nididhyasana]], tiefe Kontemplation. Wenn der Geist die Trennung von Meditierendem und Meditation loslässt und wie eine Lampe an einem windstillen Ort einzig beim Meditationsgegenstand verweilt, ist dies [[Samadhi]].'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''tat tvam asi iti aham brahma asmi iti'' – „Das bist du“ und „Ich bin Brahman“; ''vākya-artha-vicāraḥ'' – Untersuchung der Aussagebedeutung; ''śravaṇam'' – Hören und Studium; ''ekāntena'' – in Abgeschiedenheit, ausschließlich; ''śravaṇa-artha-anusandhānam'' – fortgesetzte Betrachtung der Bedeutung des Gehörten; ''mananam'' – reflektierendes Nachdenken; ''śravaṇa-manana-nirvicikitsye arthe'' – bei der durch Hören und Nachdenken zweifelsfrei erkannten Bedeutung; ''vastuni'' – in der Wirklichkeit; ''ekatānavattayā'' – mit ununterbrochener Gleichförmigkeit; ''cetaḥ-sthāpanam'' – Festhalten des Geistes; ''nididhyāsanam'' – tiefe Kontemplation; ''dhyātṛ-dhyāne vihāya'' – Meditierenden und Meditationsvorgang aufgebend; ''nivāta-sthita-dīpa-vat'' – wie eine Lampe an windstillem Ort; ''dhyeya-eka-gocaram cittam'' – der Geist, dessen einziges Feld das Meditierte ist; ''samādhiḥ bhavati'' – ist Samadhi.
 
'''Vers 3.5 Paingala Upanishad'''<br>
tadānīmātmagocarā vṛttayaḥ samutthitā ajñātā bhavanti | tāḥ smaraṇādanumīyante | ihānādisaṃsāre saṃcitāḥ<br>
karmakoṭayo'nenaiva vilayaṃ yānti | tato'bhyāsapāṭavātsahasraśaḥ sadāmṛtadhārā varṣati | tato<br>
yogavittamāḥ samādhiṃ dharmameghaṃ prāhuḥ | vāsanājāle niḥśeṣamamunā pravilāpite karmasaṃcaye puṇyapāpe<br>
samūlonmūlite prākparokṣamapi karatalāmalakavadvākyamapratibaddhāparokṣasākṣātkāraṃ prasūyate | tadā<br>
jīvanmukto bhavati || 5 ||<br>
 
'''Dann entstehen auf den Atman gerichtete Bewusstseinsbewegungen, die währenddessen nicht gegenständlich erkannt, sondern später aus der Erinnerung erschlossen werden. Durch sie lösen sich unzählige, im anfangslosen Samsara angesammelte Karmas auf. Mit wachsender Meisterschaft der Übung ergießen sich immerfort tausendfache Ströme des Unsterblichkeitsnektars; die besten Yogakenner nennen diesen Samadhi „Dharma-Wolke“. Wenn dadurch das Geflecht der Neigungen restlos aufgelöst und das angesammelte gute wie schlechte Karma samt Wurzel beseitigt ist, führt die zuvor nur mittelbar verstandene Aussage ungehindert zu unmittelbarer Erkenntnis – klar wie eine Frucht auf der Handfläche. Dann ist der Mensch [[Jivanmukta]], zu Lebzeiten befreit.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''tadānīm'' – dann; ''ātma-gocarāḥ vṛttayaḥ'' – auf den Atman gerichtete Bewusstseinsbewegungen; ''samutthitāḥ'' – entstanden; ''ajñātāḥ bhavanti'' – werden nicht gegenständlich erkannt; ''tāḥ smaraṇāt anumīyante'' – sie werden aus der Erinnerung erschlossen; ''iha anādi-saṃsāre'' – hier im anfangslosen Daseinskreislauf; ''saṃcitāḥ karma-koṭayaḥ'' – angesammelte Myriaden von Karmas; ''anena eva vilayam yānti'' – lösen sich allein dadurch auf; ''abhyāsa-pāṭavāt'' – durch Meisterschaft in der Übung; ''sahasraśaḥ'' – tausendfach; ''sadā amṛta-dhārāḥ varṣanti'' – regnen beständig Nektarströme; ''yoga-vittamāḥ'' – die besten Kenner des Yoga; ''samādhim dharma-megham prāhuḥ'' – nennen den Samadhi Dharma-Wolke; ''vāsanā-jāle'' – wenn das Netz der Neigungen; ''niḥśeṣam pravilāpite'' – restlos aufgelöst ist; ''karma-saṃcaye'' – wenn der Karmavorrat; ''puṇya-pāpe'' – Gutes und Schlechtes; ''sa-mūla-unmūlite'' – mitsamt der Wurzel ausgerissen ist; ''prāk-parokṣam api vākyam'' – die zuvor nur mittelbar verstandene Aussage; ''karatala-āmalaka-vat'' – wie eine Myrobalanenfrucht auf der Handfläche, vollkommen deutlich; ''apratibaddha-aparokṣa-sākṣātkāram prasūyate'' – bringt ungehinderte unmittelbare Verwirklichung hervor; ''tadā jīvanmuktaḥ bhavati'' – dann wird er zu Lebzeiten befreit.
 
'''Vers 3.6 Paingala Upanishad'''<br>
īśaḥ pañcīkṛtabhūtānāmapañcīkaraṇaṃ kartuṃ so'kāmayata | brahmāṇḍatadgatalokānkāryarūpāṃśca kāraṇatvaṃ<br>
prāpayitvā tataḥsūkṣmāṅgaṃ karmendriyāṇi prāṇāṃśca jñānendriyāṇyantaḥkaraṇacatuṣṭayaṃ caikīkṛtya sarvāṇi<br>
bhautikāni kāraṇe bhūtapañcake saṃyojya bhūmiṃ jale jalaṃ vahnau vahniṃ vāyau vāyumākāśe cākāśamahaṃkāre<br>
cāhaṃkāraṃ mahati mahadavyakte'vyaktaṃ puruṣe krameṇa vilīyate | virāḍḍhiraṇyagarbheśvarā<br>
upādhivilayātparamātmani līyante || 6 ||<br>
 
'''Ishvara beschloss, die verfünffachten Elemente wieder zu entflechten. Er führte das Weltei, die darin liegenden Welten und alle Wirkungen in ihren Ursachenstand zurück, vereinigte die feinen Organe, Handlungsorgane, Pranas, Erkenntnisorgane und die vier Teile des inneren Instruments und führte alles Elementhafte in die fünf Ursachen-Elemente zurück. In der Reihenfolge löst sich Erde in Wasser, Wasser in Feuer, Feuer in Luft, Luft in Raum, Raum in Ahamkara, Ahamkara in Mahat, Mahat in das Unmanifestierte und dieses in Purusha auf. Mit dem Schwinden ihrer Begrenzungen gehen Virat, Hiranyagarbha und Ishvara in das höchste Selbst ein.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''īśaḥ'' – Ishvara; ''pañcīkṛta-bhūtānām apañcīkaraṇam'' – Entflechtung der verfünffachten Elemente; ''kartum akāmayata'' – beabsichtigte zu vollziehen; ''brahmāṇḍa-tad-gata-lokān'' – das Weltei und die darin befindlichen Welten; ''kārya-rūpān ca'' – und die Wirkungsformen; ''kāraṇatvam prāpayitvā'' – in den Ursachenzustand zurückführend; ''sūkṣma-aṅgam'' – die feinen Glieder; ''karma-indriyāṇi prāṇān ca jñāna-indriyāṇi'' – Handlungsorgane, Pranas und Erkenntnisorgane; ''antaḥkaraṇa-catuṣṭayam'' – die Vierheit des inneren Instruments; ''ekīkṛtya'' – vereinigend; ''sarvāṇi bhautikāni'' – alles aus Elementen Bestehende; ''kāraṇe bhūta-pañcake saṃyojya'' – mit seiner Ursache, den fünf Elementen, verbindend; ''bhūmim jale'' – Erde in Wasser; ''jalam vahnau'' – Wasser in Feuer; ''vahnim vāyau'' – Feuer in Luft; ''vāyum ākāśe'' – Luft in Raum; ''ākāśam ahaṃkāre'' – Raum in Ahamkara; ''ahaṃkāram mahati'' – Ahamkara in Mahat; ''mahat avyakte'' – Mahat im Unmanifestierten; ''avyaktam puruṣe'' – das Unmanifestierte in Purusha; ''krameṇa vilīyate'' – löst sich der Reihe nach auf; ''virāṭ-hiraṇyagarbha-īśvarāḥ'' – Virat, Hiranyagarbha und Ishvara; ''upādhi-vilayāt'' – durch Auflösung ihrer Begrenzungen; ''paramātmani līyante'' – gehen im höchsten Selbst auf.
 
'''Vers 3.7 Paingala Upanishad'''<br>
pañcīkṛtamahābhūtasaṃbhavakarmasaṃcitasthūladehaḥ karmakṣayātsatkarmaparipākato'pañcīkaraṇaṃ prāpya<br>
sūkṣmeṇaikībhūtvā kāraṇarūpatvamāsādya tatkāraṇaṃ kūṭasthe pratyagātmani vilīyate | viśvataijasaprājñāḥ<br>
svasvopādhilayātpratyagātmani līyante || 7 ||<br>
 
'''Der grobe Körper, aus den verfünffachten Elementen entstanden und durch angesammeltes Karma gebildet, wird bei erschöpftem Karma und gereifter Lauterkeit entflechtet, mit dem feinen Körper vereint, in den kausalen Zustand zurückgeführt und schließlich in seiner Ursache, dem unwandelbaren inneren Selbst, aufgelöst. Vishva, Taijasa und Prajna gehen mit der Auflösung ihrer jeweiligen Begrenzungen in das innere Selbst ein.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''pañcīkṛta-mahābhūta-sambhava'' – aus den verfünffachten großen Elementen entstanden; ''karma-saṃcita-sthūla-dehaḥ'' – der durch angesammeltes Karma gebildete grobe Körper; ''karma-kṣayāt'' – bei Erschöpfung des Karmas; ''sat-karma-paripākataḥ'' – durch Reifung guten Karmas; ''apañcīkaraṇam prāpya'' – Entflechtung erlangend; ''sūkṣmeṇa ekībhūtvā'' – mit dem Feinen eins geworden; ''kāraṇa-rūpatvam āsādya'' – in den Ursachenzustand gelangend; ''tat-kāraṇam'' – seine Ursache; ''kūṭasthe pratyagātmani'' – im unwandelbaren inneren Selbst; ''vilīyate'' – löst sich auf; ''viśva-taijasa-prājñāḥ'' – Vishva, Taijasa und Prajna; ''sva-sva-upādhi-layāt'' – durch Auflösung ihrer jeweiligen Begrenzungen; ''pratyagātmani līyante'' – gehen im inneren Selbst auf.
 
'''Vers 3.8 Paingala Upanishad'''<br>
aṇḍaṃ jñānāgninā dagdhaṃ kāraṇaiḥsaha paramātmani līnaṃ bhavati | tato brāhmaṇaḥ samāhito bhūtvā<br>
tattvaṃpadaikyameva sadā kuryāt | tato meghāpāye'ṃśumānivātmāvirbhavati || 8 ||<br>
 
'''Das Weltei, vom Feuer der Erkenntnis verbrannt, geht mitsamt seinen Ursachen im höchsten Selbst auf. Deshalb soll der nach Brahman Strebende gesammelt bleiben und sich stets der Einheit der Bedeutungen von „Tat“ und „Tvam“ vergewissern. Dann tritt der Atman hervor wie die Sonne, wenn die Wolken gewichen sind.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''aṇḍam'' – das Weltei; ''jñāna-agninā dagdham'' – vom Erkenntnisfeuer verbrannt; ''kāraṇaiḥ saha'' – mitsamt den Ursachen; ''paramātmani līnam bhavati'' – geht im höchsten Selbst auf; ''tataḥ brāhmaṇaḥ'' – deshalb der Brahman-Erkennende; ''samāhitaḥ bhūtvā'' – gesammelt geworden; ''tat-tvam-pada-aikyam'' – die Einheit der durch Tat und Tvam bezeichneten Wirklichkeiten; ''eva sadā kuryāt'' – soll stets verwirklicht werden; ''tataḥ'' – dann; ''megha-apāye'' – wenn die Wolken schwinden; ''aṃśumān iva'' – wie die strahlende Sonne; ''ātmā āvirbhavati'' – tritt der Atman hervor.
 
'''Vers 3.9 Paingala Upanishad'''<br>
dhyātvā madhyasthamātmānaṃ kalaśāntaradīpavat | aṅguṣṭhamātramātmānamadhūmajyoti rūpakam || 9 ||<br>
 
'''Man meditiere über den Atman in der Mitte des Herzens wie über eine Lampe im Inneren eines Gefäßes: daumengroß in der Vorstellung und von der Gestalt eines rauchlosen Lichtes.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''dhyātvā'' – meditiert habend, man meditiere; ''madhyastham ātmānam'' – den in der Mitte befindlichen Atman; ''kalaśa-antara-dīpa-vat'' – wie eine Lampe im Inneren eines Gefäßes; ''aṅguṣṭha-mātram ātmānam'' – den Atman von Daumengröße; ''adhūma-jyoti-rūpakam'' – von der Gestalt eines rauchlosen Lichtes.
 
'''Vers 3.10 Paingala Upanishad'''<br>
prakāśayantamantaḥsthaṃ dhyāyetkūṭasthamavyayam | dhyāyannāste muniścaiva cāsupterāmṛtestu yaḥ || 10 ||<br>
 
'''Man meditiere über den innerlich leuchtenden, unwandelbaren Kutastha. Der Weise, der so bis zum Einschlafen und bis zum Tod in Meditation verweilt, bleibt in dieser Schau gegründet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''prakāśayantam'' – leuchtend, erhellend; ''antaḥ-stham'' – im Inneren befindlich; ''dhyāyet'' – man meditiere; ''kūṭastham'' – den unwandelbaren Kutastha; ''avyayam'' – unvergänglich; ''dhyāyan āste'' – meditierend verweilt; ''muniḥ'' – der Weise; ''ca eva'' – und wahrlich; ''ā-supteḥ'' – bis zum Schlaf; ''ā-mṛteḥ tu'' – und bis zum Tod; ''yaḥ'' – wer.
 
'''Vers 3.11 Paingala Upanishad'''<br>
jīvanmuktaḥ sa vijñeyaḥ sa dhanyaḥ kṛtakṛtyavān | jīvanmuktapadaṃ tyaktvā svadehe kālasātkṛte |<br>
viśatyadehamuktatvaṃ pavano'spandatāmiva || 11 ||<br>
 
'''Er ist als zu Lebzeiten befreit zu erkennen; gesegnet ist er und hat das zu Tuende vollbracht. Wenn sein Körper der Zeit anheimfällt und der Zustand der Befreiung im Körper endet, geht er in körperlose Freiheit ein, wie der Wind in Regungslosigkeit.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''jīvanmuktaḥ'' – zu Lebzeiten befreit; ''saḥ vijñeyaḥ'' – als solcher ist er zu erkennen; ''saḥ dhanyaḥ'' – er ist gesegnet; ''kṛta-kṛtyavān'' – er hat das zu Tuende vollbracht; ''jīvanmukta-padam tyaktvā'' – den Zustand der Befreiung im Körper verlassend; ''sva-dehe kāla-sāt-kṛte'' – wenn der eigene Körper der Zeit anheimgefallen ist; ''viśati'' – geht er ein; ''adeha-muktatvam'' – in körperlose Befreiung; ''pavanaḥ aspandatām iva'' – wie der Wind in Regungslosigkeit.
 
'''Vers 3.12 Paingala Upanishad'''<br>
aśabdamasparśamarūpamavyayaṃ tathā'rasaṃ nityamagandhavacca yat | anādyanantaṃ mahataḥ paraṃ dhruvaṃ<br>
tadeva śiṣyatyamalaṃ nirāmayam || 12 ||<br>
 
'''Zurück bleibt allein das Reine und Leidlose: ohne Klang, Berührung und Gestalt, unvergänglich, ohne Geschmack und Geruch, ewig, ohne Anfang und Ende, jenseits von Mahat und unwandelbar.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''aśabdam'' – ohne Klang; ''asparśam'' – ohne Berührung; ''arūpam'' – ohne Gestalt; ''avyayam'' – unvergänglich; ''arasam'' – ohne Geschmack; ''nityam'' – ewig; ''agandhavat'' – ohne Geruch; ''yat'' – welches; ''anādi-anantam'' – ohne Anfang und Ende; ''mahataḥ param'' – jenseits von Mahat; ''dhruvam'' – unwandelbar, beständig; ''tad eva śiṣyati'' – eben das bleibt zurück; ''amalam'' – fleckenlos; ''nirāmayam'' – leid- und krankheitslos.
 
'''Schlussformel des dritten Kapitels Paingala Upanishad'''<br>
iti paiṅgalopaniṣadi tṛtīyo'dhyāyaḥ || 3 ||<br>
 
'''Damit endet das dritte Kapitel der Paingala Upanishad.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''iti'' – so, damit; ''paiṅgala-upaniṣadi'' – in der Paingala Upanishad; ''tṛtīyaḥ adhyāyaḥ'' – das dritte Kapitel.
 
=== Viertes Kapitel – Der Zustand des Erkennenden ===
 
'''Vers 4.1 Paingala Upanishad'''<br>
atha hainaṃ paiṅgalaḥ papraccha yājñavalkyaṃ jñāninaḥ kiṃ karma kā ca sthitiriti || 1 ||<br>
 
'''Darauf fragte Paiṅgala Yajnavalkya: „Welche Handlung bleibt dem Erkennenden, und wie ist sein innerer Zustand?“'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''atha ha enam'' – darauf, ihn; ''paiṅgalaḥ papraccha'' – Paiṅgala fragte; ''yājñavalkyam'' – Yajnavalkya; ''jñāninaḥ'' – für den Erkennenden; ''kim karma'' – welche Handlung; ''kā ca sthitiḥ'' – und welcher Zustand; ''iti'' – so.
 
'''Vers 4.2 Paingala Upanishad'''<br>
sa hovāca yājñavalkyaḥ | amānitvādisaṃpanno mumukṣurekaviṃśatikulaṃ tārayati | brahmavinmātreṇa<br>
kulamekottaraśataṃ tārayati || 2 ||<br>
 
'''Yajnavalkya sprach: „Ein nach Befreiung Strebender, der Demut und die weiteren Tugenden besitzt, führt einundzwanzig Generationen hinüber. Ein wirklicher Brahmankenner allein führt einhunderteine Generationen hinüber.“ Diese traditionelle Verheißung preist die überpersönliche Wirkung verwirklichter Erkenntnis.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''sa ha uvāca yājñavalkyaḥ'' – Yajnavalkya sprach; ''amānitva-ādi-sampannaḥ'' – mit Demut und den weiteren Tugenden ausgestattet; ''mumukṣuḥ'' – der nach Befreiung Strebende; ''ekaviṃśati-kulam'' – einundzwanzig Generationen beziehungsweise Familienglieder; ''tārayati'' – führt hinüber; ''brahmavit-mātreṇa'' – allein dadurch, dass er Brahmankenner ist; ''kulam ekottara-śatam'' – einhunderteine Generationen; ''tārayati'' – führt er hinüber.
 
'''Vers 4.3 Paingala Upanishad'''<br>
ātmānaṃ rathinaṃ viddhi śarīraṃ rathameva ca | buddhiṃ tu sārathiṃ viddhi manaḥ pragrahameva ca || 3 ||<br>
 
'''Erkenne den [[Atman]] als den Fahrgast und den Körper als Wagen. Erkenne die Buddhi als Wagenlenker und den Geist als Zügel.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''ātmānam rathinam viddhi'' – erkenne den Atman als Wagenfahrer beziehungsweise Fahrgast; ''śarīram ratham eva ca'' – und den Körper als den Wagen; ''buddhim tu sārathim viddhi'' – erkenne aber die Buddhi als Wagenlenker; ''manaḥ pragraham eva ca'' – und den Geist als Zügel.
 
'''Vers 4.4 Paingala Upanishad'''<br>
indriyāṇi hayānāhurviṣayāṃsteṣu gocarān | jaṅgamāni vimānāni hṛdayāni manīṣiṇaḥ || 4 ||<br>
 
'''Die Weisen nennen die Sinne die Pferde und ihre Gegenstände die Wege, auf denen sie laufen. Die Herzen sind die beweglichen Gefährte.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''indriyāṇi hayān āhuḥ'' – die Sinne nennen sie Pferde; ''viṣayān teṣu gocarān'' – die Sinnesgegenstände ihre Weidegründe beziehungsweise Wege; ''jaṅgamāni vimānāni'' – die sich bewegenden Fahrzeuge; ''hṛdayāni'' – die Herzen; ''manīṣiṇaḥ'' – die Weisen.
 
'''Vers 4.5 Paingala Upanishad'''<br>
ātmendriyamanoyuktaṃ bhoktetyāhurmaharṣayaḥ | tato nārāyaṇaḥ sākṣāhṛdaye supratiṣṭhitaḥ || 5 ||<br>
 
'''Die großen Rishis nennen den mit Sinnen und Geist verbundenen Atman den Erfahrenden. Deshalb ist [[Narayana]] selbst fest im Herzen gegründet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''ātma-indriya-mano-yuktam'' – der Atman, mit Sinnen und Geist verbunden; ''bhoktā iti āhuḥ'' – wird Erfahrender genannt; ''mahāṛṣayaḥ'' – von den großen Rishis; ''tataḥ'' – deshalb; ''nārāyaṇaḥ sākṣāt'' – Narayana selbst, unmittelbar; ''hṛdaye su-pratiṣṭhitaḥ'' – ist fest im Herzen gegründet.
 
'''Vers 4.6 Paingala Upanishad'''<br>
prārabdhakarmaparyantamahinirmokavadvyavaharati | candravaccarate dehī sa muktaścāniketanaḥ || 6 ||<br>
 
'''Bis das Prarabdha-Karma erschöpft ist, bewegt sich der Befreite im Körper wie eine Schlange in ihrer bereits abgestreiften Haut. Körpertragend und doch frei, wandert er wie der Mond umher und hat kein festes Zuhause.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''prārabdha-karma-paryantam'' – bis zum Ende des bereits wirksam gewordenen Karmas; ''ahi-nirmoka-vat'' – wie die abgestreifte Haut einer Schlange; ''vyavaharati'' – bewegt er sich, handelt er; ''candra-vat carate'' – wandert wie der Mond; ''dehī'' – der Körpertragende; ''saḥ muktaḥ'' – er ist frei; ''aniketanaḥ'' – ohne feste Wohnstätte.
 
'''Vers 4.7 Paingala Upanishad'''<br>
tīrthe śvapacagṛhe vā tanuṃ vihāya yāti kaivalyam | prāṇānavakīrya yāti kaivalyam || 7 ||<br>
 
'''Ob er den Körper an einem heiligen Ort oder im Haus eines gesellschaftlich Ausgegrenzten verlässt: Nachdem er die Pranas abgelegt hat, gelangt er zum Kaivalya, zur vollkommenen Freiheit.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''tīrthe'' – an einem heiligen Ort; ''śvapaca-gṛhe vā'' – oder im Haus eines „Hundefleischkochenden“, einer historischen Bezeichnung für gesellschaftlich Ausgegrenzte; ''tanum vihāya'' – den Körper verlassend; ''prāṇān avakīrya'' – die Pranas entlassend beziehungsweise ablegend; ''yāti kaivalyam'' – gelangt er zur vollkommenen Freiheit.
 
'''Vers 4.8 Paingala Upanishad'''<br>
taṃ paścāddigbaliṃ kuryādathavā khananaṃ caret | puṃsaḥ pravrajanaṃ proktaṃ netarāya kadācana || 8 ||<br>
 
'''Danach soll man seinen Leib den Himmelsrichtungen übergeben oder ihn bestatten. Die Wandermönchschaft wird in dieser historischen Vorschrift dem dafür geeigneten Menschen, nicht unterschiedslos jedem, zugesprochen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''tam paścāt'' – ihn beziehungsweise seinen Leib danach; ''dik-balim kuryāt'' – soll man den Richtungen als Gabe überlassen; ''athavā khananam caret'' – oder eine Bestattung in der Erde vollziehen; ''puṃsaḥ'' – für den Menschen beziehungsweise Mann; ''pravrajanam proktam'' – der Auszug in die Entsagung ist gelehrt; ''na itarāya kadācana'' – niemals für einen anderen, nach der historischen Regel.
 
'''Vers 4.9 Paingala Upanishad'''<br>
nāśaucaṃ nāgnikāryaṃ ca na piṇḍaṃ nodakakriyā na kuryātpārvaṇādīni brahmabhūtāya bhikṣave || 9 ||<br>
 
'''Für einen Bettelmönch, der Brahman geworden ist, soll es weder rituelle Unreinheit noch Feuerzeremonie, weder Reisbällchen- noch Wasserritus und auch keine periodischen Totengedenkriten geben.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''na aśaucam'' – keine rituelle Unreinheit; ''na agni-kāryam ca'' – und keine Feuerhandlung; ''na piṇḍam'' – keine Reisbällchen-Opfergabe; ''na udaka-kriyā'' – kein Wasserritus; ''na kuryāt'' – man soll nicht vollziehen; ''pārvaṇa-ādīni'' – periodische Riten und ähnliche Zeremonien; ''brahma-bhūtāya'' – für den zu Brahman Gewordenen; ''bhikṣave'' – für den Bettelmönch.
 
'''Vers 4.10 Paingala Upanishad'''<br>
dagdhasya dahanaṃ nāsti pakvasya pacanaṃ yathā | jñānāgnidagdhadehasya na ca śrāddhaṃ na ca kriyā || 10<br>
||<br>
 
'''Wie bereits Verbranntes nicht noch einmal verbrannt und bereits Gekochtes nicht erneut gekocht wird, so gibt es für den, dessen Leib im Erkenntnisfeuer verbrannt ist, weder Shraddha noch Bestattungsritus.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''dagdhasya dahanam na asti'' – für das Verbrannte gibt es kein erneutes Verbrennen; ''pakvasya pacanam yathā'' – wie für das Gekochte kein erneutes Kochen; ''jñāna-agni-dagdha-dehasya'' – für den, dessen Körper im Feuer der Erkenntnis verbrannt ist; ''na ca śrāddham'' – weder Totengedenkopfer; ''na ca kriyā'' – noch Ritualhandlung.
 
'''Vers 4.11 Paingala Upanishad'''<br>
yāvaccopādhiparyantaṃ tāvacchuśrūṣayedgurum | guruvadgurubhāryāyāṃ tatputreṣu ca vartanam || 11 ||<br>
 
'''Solange eine begrenzende Bedingung fortbesteht, soll man dem Guru dienen. Gegenüber der Frau des Gurus und seinen Kindern soll man sich mit derselben Achtung wie gegenüber dem Guru verhalten.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''yāvat ca upādhi-paryantam'' – solange und bis die begrenzende Bedingung endet; ''tāvat śuśrūṣayet gurum'' – so lange soll man dem Guru dienen; ''guru-vat'' – wie gegenüber dem Guru; ''guru-bhāryāyām'' – gegenüber der Frau des Gurus; ''tat-putreṣu ca'' – und gegenüber seinen Kindern; ''vartanam'' – soll das Verhalten sein.
 
'''Vers 4.12 Paingala Upanishad'''<br>
śuddhamānasaḥ śuddhacidrūpaḥ sahiṣṇuḥ so'hamasmi sahiṣṇuḥ so'hamasmīti prāpte jñānena vijñāne jñeye<br>
paramātmani hṛdi saṃsthite dehe labdhaśāntipadaṃ gate tadā prabhāmanobuddhiśūnyaṃ bhavati || 12 ||<br>
 
'''Wer reinen Geistes, von der Natur reinen Bewusstseins und geduldig ist und in Erkenntnis und unmittelbarer Einsicht zu „Ich bin Er“ gelangt, wer das erkennbare höchste Selbst im Herzen gegründet und im Körper den Zustand des Friedens gewonnen hat, wird zu reinem Leuchten, frei von Geist und unterscheidendem Denken.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''śuddha-mānasaḥ'' – reinen Geistes; ''śuddha-cid-rūpaḥ'' – von der Natur reinen Bewusstseins; ''sahiṣṇuḥ'' – geduldig, standhaft; ''saḥ aham asmi'' – ich bin Er; ''iti prāpte'' – wenn dies erlangt ist; ''jñānena vijñāne'' – durch Erkenntnis in unmittelbarer Einsicht; ''jñeye paramātmani'' – im erkennbaren höchsten Selbst; ''hṛdi saṃsthite'' – das im Herzen gegründet ist; ''dehe labdha-śānti-padam gate'' – wenn im Körper der Zustand des Friedens gewonnen ist; ''tadā'' – dann; ''prabhā'' – Leuchten; ''mano-buddhi-śūnyam'' – frei von Geist und Buddhi; ''bhavati'' – wird er.
 
'''Vers 4.13 Paingala Upanishad'''<br>
amṛtena tṛptasya payasā kiṃ prayojanam | evaṃ svātmānaṃ jñātvā vedaiḥ prayojanaṃ kiṃ bhavati |<br>
jñānāmṛtatṛptayogino na kiñcitkartavyamasti | tadasti cenna sa tattvavidbhavati | dūrastho'pi na<br>
dūrasthaḥ piṇḍavarjitaḥ piṇḍastho'pi pratyagātmā sarvavyāpī bhavati || 13 ||<br>
 
'''Wozu braucht, wer vom Nektar gesättigt ist, noch Milch? Wozu dienen die Veden dem, der auf diese Weise sein eigenes Selbst erkannt hat? Für den Yogi, der vom Erkenntnisnektar erfüllt ist, bleibt nichts zu tun. Meint er, etwas zur Vollendung tun zu müssen, ist er noch kein Kenner der Wirklichkeit. Obwohl das innere Selbst fern erscheint, ist es nicht fern; obwohl es im Körper gegenwärtig ist, ist es nicht auf den Körper begrenzt, denn es ist alldurchdringend.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''amṛtena tṛptasya'' – für den vom Nektar Gesättigten; ''payasā kim prayojanam'' – welchen Zweck hat Milch; ''evam sva-ātmānam jñātvā'' – das eigene Selbst so erkannt habend; ''vedaiḥ prayojanam kim'' – welchen Zweck haben die Veden; ''jñāna-amṛta-tṛpta-yoginaḥ'' – für den vom Erkenntnisnektar gesättigten Yogi; ''na kiñcit kartavyam asti'' – es gibt nichts zu tun; ''tat asti cet'' – wenn etwas zu tun bleibt; ''na saḥ tattva-vit bhavati'' – ist er kein Kenner der Wirklichkeit; ''dūra-sthaḥ api na dūra-sthaḥ'' – obwohl fern, ist es nicht fern; ''piṇḍa-varjitaḥ'' – frei von Begrenzung auf den Körper; ''piṇḍa-sthaḥ api'' – obwohl im Körper befindlich; ''pratyagātmā'' – das innere Selbst; ''sarva-vyāpī bhavati'' – ist alldurchdringend.
 
'''Vers 4.14 Paingala Upanishad'''<br>
hṛdayaṃ nirmalaṃ kṛtvā cintayitvāpyanāmayam | ahameva paraṃ sarvamiti paśyetparaṃ sukham || 14 ||<br>
 
'''Nachdem man das Herz geläutert und über das leidlose Eine meditiert hat, soll man erkennen: „Ich allein bin das Höchste und das Ganze.“ Das ist höchste Glückseligkeit.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''hṛdayam nirmalam kṛtvā'' – das Herz rein gemacht habend; ''cintayitvā api'' – und meditiert habend; ''anāmayam'' – über das Leidlose; ''aham eva'' – ich allein; ''param sarvam'' – bin das Höchste und das Ganze; ''iti paśyet'' – so soll man schauen; ''param sukham'' – höchste Glückseligkeit.
 
'''Vers 4.15 Paingala Upanishad'''<br>
yathā jale jalaṃ kṣiptaṃ kṣīre kṣīraṃ ghṛte ghṛtam | aviśeṣo bhavettadvajjīvātmaparamātmanoḥ || 15 ||<br>
 
'''Wie Wasser, das in Wasser gegossen wird, Milch in Milch und Ghee in Ghee keinen Unterschied mehr zeigen, so besteht kein Unterschied zwischen individuellem Selbst und höchstem Selbst.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''yathā'' – wie; ''jale jalam kṣiptam'' – in Wasser gegossenes Wasser; ''kṣīre kṣīram'' – Milch in Milch; ''ghṛte ghṛtam'' – Ghee in Ghee; ''aviśeṣaḥ bhavet'' – unterschiedslos wird; ''tadvat'' – ebenso; ''jīva-ātma-paramātmanoḥ'' – zwischen Jivatman und Paramatman.
 
'''Vers 4.16 Paingala Upanishad'''<br>
dehe jñānena dīpite buddhirakhaṇḍākārarūpā yadā bhavati tadā vidvānbrahmajñānāgninā karmabandhaṃ nirdahet<br>
|| 16 ||<br>
 
'''Wenn der Körper durch Erkenntnis erhellt ist und die Buddhi die Gestalt des ungeteilten Einen angenommen hat, soll der Weise die Karmabindung im Feuer der Brahman-Erkenntnis verbrennen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''dehe jñānena dīpite'' – wenn der Körper durch Erkenntnis erhellt ist; ''buddhiḥ akhaṇḍa-ākāra-rūpā'' – die Buddhi von der Gestalt des Ungeteilten; ''yadā bhavati'' – wenn sie wird; ''tadā vidvān'' – dann der Weise; ''brahma-jñāna-agninā'' – durch das Feuer der Brahman-Erkenntnis; ''karma-bandham'' – die Bindung des Karmas; ''nirdahet'' – soll vollständig verbrennen.
 
'''Vers 4.17 Paingala Upanishad'''<br>
tataḥ pavitraṃ parameśvarākhyamadvaitarūpaṃ vimalāmbarābham | yathodake toyamanupraviṣṭaṃ tathātmarūpo<br>
nirupādhisaṃsthitaḥ || 17 ||<br>
 
'''Dann steht er rein, im nichtdualen Wesen dessen, was „höchster Herr“ genannt wird, strahlend wie ein makelloser Himmel. Wie Wasser in Wasser eingeht, ruht er in der Gestalt des Selbst, frei von allen begrenzenden Bedingungen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''tataḥ'' – dann; ''pavitram'' – rein; ''parameśvara-ākhyam'' – höchster Herr genannt; ''advaita-rūpam'' – von nichtdualer Gestalt; ''vimala-ambara-ābham'' – dem fleckenlosen Himmel gleich; ''yathā udake toyam anupraviṣṭam'' – wie Wasser in Wasser eingegangen ist; ''tathā'' – ebenso; ''ātma-rūpaḥ'' – von der Gestalt des Selbst; ''nirupādhi-saṃsthitaḥ'' – frei von begrenzenden Bedingungen gegründet.
 
'''Vers 4.18 Paingala Upanishad'''<br>
ākāśavatsūkṣmaśarīra ātmā na dṛśyate vāyuvadantarātmā | sa bāhyamabhyantaraniścalātmā jñānolkayā paśyati<br>
cāntarātmā || 18 ||<br>
 
'''Der Atman ist von feiner Gestalt wie der Raum und wird nicht gesehen; das innere Selbst ist unsichtbar wie der Wind. Es ist innen und außen und in sich unbewegt. Mit der Fackel der Erkenntnis schaut das innere Selbst.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''ākāśa-vat sūkṣma-śarīraḥ ātmā'' – der Atman von feiner Gestalt wie der Raum; ''na dṛśyate'' – wird nicht gesehen; ''vāyu-vat antarātmā'' – das innere Selbst ist wie der Wind; ''saḥ bāhyam abhyantaram'' – es ist außen und innen; ''niścala-ātmā'' – das unbewegte Selbst; ''jñāna-ulkayā'' – mit der Fackel der Erkenntnis; ''paśyati'' – schaut; ''ca antarātmā'' – das innere Selbst.
 
'''Vers 4.19 Paingala Upanishad'''<br>
yatra yatra mṛto jñānī yena vā kena mṛtyunā | yathā sarvagataṃ vyoma tatra tatra layaṃ gataḥ || 19 ||<br>
 
'''Wo immer und durch welche Todesart ein Erkennender stirbt, dort geht er ein wie der allgegenwärtige Raum.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''yatra yatra'' – wo immer; ''mṛtaḥ jñānī'' – der Erkennende stirbt; ''yena vā kena mṛtyunā'' – durch welche Todesart auch immer; ''yathā sarva-gatam vyoma'' – wie der alldurchdringende Raum; ''tatra tatra'' – eben dort; ''layam gataḥ'' – ist er in Auflösung eingegangen.
 
'''Vers 4.20 Paingala Upanishad'''<br>
ghaṭākāśamivātmānaṃ vilayaṃ vetti tattvataḥ | sa gacchati nirālambaṃ jñānālokaṃ samantataḥ || 20 ||<br>
 
'''Er erkennt in Wahrheit, dass das Selbst sich wie der Raum in einem zerbrechenden Topf nicht vernichtet, sondern in seine unbegrenzte Weite eingeht. So gelangt er zum allseitigen, stützenlosen Licht der Erkenntnis.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''ghaṭa-ākāśam iva'' – wie der Raum im Topf; ''ātmānam'' – das Selbst; ''vilayam vetti'' – erkennt er dessen Aufgehen; ''tattvataḥ'' – der Wahrheit gemäß; ''saḥ gacchati'' – er gelangt; ''nirālambam'' – zum Stützenlosen; ''jñāna-ālokam'' – Erkenntnislicht; ''samantataḥ'' – allseitig.
 
'''Vers 4.21 Paingala Upanishad'''<br>
tapedvarṣasahasrāṇi ekapādasthito naraḥ | etasya dhyānayogasya kalāṃ nārhati ṣoḍaśīm || 21 ||<br>
 
'''Selbst wenn ein Mensch tausend Jahre lang auf einem Bein Askese übte, erreichte dies nicht den sechzehnten Teil dieses Dhyana Yoga.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''tapet'' – er möge Askese üben; ''varṣa-sahasrāṇi'' – tausend Jahre; ''eka-pāda-sthitaḥ'' – auf einem Bein stehend; ''naraḥ'' – ein Mensch; ''etasya dhyāna-yogasya'' – dieses [[Dhyana Yoga]]; ''kalām'' – einen Teil; ''na arhati'' – erreicht nicht, kommt nicht gleich; ''ṣoḍaśīm'' – dem sechzehnten.
 
'''Vers 4.22 Paingala Upanishad'''<br>
idaṃ jñānamidaṃ jñeyaṃ tatsarvaṃ jñātumicchati | api varṣasahasrāyuḥ śāstrāntaṃ nādhigacchati || 22 ||<br>
 
'''Wer alles begrifflich erfassen will – „Dies ist Erkenntnis, dies das Erkennbare“ –, gelangt selbst bei tausendjährigem Leben nicht ans Ende der Lehrwerke.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''idam jñānam'' – dies ist Erkenntnis; ''idam jñeyam'' – dies ist das zu Erkennende; ''tat sarvam'' – all das; ''jñātum icchati'' – will er wissen; ''api'' – selbst; ''varṣa-sahasra-āyuḥ'' – einer mit tausendjähriger Lebensdauer; ''śāstra-antam'' – das Ende der Lehrwerke; ''na adhigacchati'' – erreicht nicht.
 
'''Vers 4.23 Paingala Upanishad'''<br>
vijñeyo'kṣaratanmātro jīvitaṃ vāpi cañcalam | vihāya śāstrajālāni yatsatyaṃ tadupāsyatām || 23 ||<br>
 
'''Zu erkennen ist allein die unvergängliche Wirklichkeit; das körperliche Leben dagegen ist unstet. Darum lasse man das Geflecht der Lehrwerke hinter sich und verehre das, was wahr ist.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''vijñeyaḥ'' – zu erkennen ist; ''akṣara-tanmātraḥ'' – allein das Unvergängliche als wahres Wesen; ''jīvitam vā api'' – das Leben dagegen; ''cañcalam'' – unstet; ''vihāya'' – zurücklassend; ''śāstra-jālāni'' – die Geflechte der Lehrwerke; ''yat satyam'' – das, was wahr ist; ''tat upāsyatām'' – das soll verehrt und meditiert werden.
 
'''Vers 4.24 Paingala Upanishad'''<br>
anantakarma śaucaṃ ca japo yajñastathaiva ca | tīrthayātrābhigamanaṃ yāvattattvaṃ na vindati || 24 ||<br>
 
'''Vielfältige Handlungen, Läuterungsregeln, Japa, Opfer und Pilgerfahrten haben ihren vorbereitenden Platz nur so lange, wie die Wirklichkeit noch nicht erkannt ist.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''ananta-karma'' – zahllose Handlungen; ''śaucam ca'' – und Reinheit beziehungsweise Läuterungsregeln; ''japaḥ'' – Mantrawiederholung; ''yajñaḥ tathā eva ca'' – ebenso das Opfer; ''tīrtha-yātrā-abhigamanam'' – das Unternehmen von Pilgerreisen; ''yāvat'' – solange; ''tattvam na vindati'' – man die Wirklichkeit nicht erkennt.
 
'''Vers 4.25 Paingala Upanishad'''<br>
ahaṃ brahmeti niyataṃ mokṣaheturmahātmanām | dve pade bandhamokṣāya na mameti mameti ca || 25 ||<br>
 
'''Das beständige Bewusstsein „Ich bin Brahman“ ist für große Seelen die Ursache der Befreiung. Zwei kurze Vorstellungen führen zu Bindung beziehungsweise Freiheit: „mein“ und „nicht mein“.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''aham brahma iti'' – „Ich bin Brahman“; ''niyatam'' – beständig, fest; ''mokṣa-hetuḥ'' – Ursache der Befreiung; ''mahātmanām'' – für die großen Seelen; ''dve pade'' – zwei Wörter beziehungsweise Vorstellungen; ''bandha-mokṣāya'' – für Bindung und Befreiung; ''na mama iti'' – „nicht mein“; ''mama iti ca'' – und „mein“.
 
'''Vers 4.26 Paingala Upanishad'''<br>
mameti badhyate janturnirmameti vimucyate | manaso hyunmanībhāve dvaitaṃ naivopalabhyate || 26 ||<br>
 
'''Durch „mein“ wird das Lebewesen gebunden, durch Freiheit vom Besitzanspruch wird es befreit. Wenn der Geist in den Zustand jenseits des gewöhnlichen Denkens, Unmani, eingeht, wird keine Zweiheit mehr wahrgenommen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''mama iti'' – durch „mein“; ''badhyate jantuḥ'' – wird das Lebewesen gebunden; ''nirmama iti'' – durch „ohne Mein“, frei von Besitzanspruch; ''vimucyate'' – wird es befreit; ''manasaḥ hi'' – wenn der Geist wahrlich; ''unmanī-bhāve'' – im Zustand jenseits des gewöhnlichen Denkens; ''dvaitam'' – Zweiheit; ''na eva upalabhyate'' – überhaupt nicht wahrgenommen wird.
 
'''Vers 4.27 Paingala Upanishad'''<br>
yadā yātyunmanībhāvastadā tatparamaṃ padam | yatra yatra mano yāti tatra tatra paraṃ padam || 27 ||<br>
 
'''Wenn der Unmani-Zustand eintritt, ist das die höchste Stätte. Wohin auch immer der Geist dann geht, überall ist für ihn die höchste Stätte.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''yadā yāti'' – wenn er gelangt; ''unmanī-bhāvaḥ'' – der Unmani-Zustand; ''tadā'' – dann; ''tat paramam padam'' – ist das die höchste Stätte; ''yatra yatra manaḥ yāti'' – wohin immer der Geist geht; ''tatra tatra'' – dort überall; ''param padam'' – die höchste Stätte.
 
'''Vers 4.28 Paingala Upanishad'''<br>
tatra tatra paraṃ brahma sarvatra samavasthitam | hanyānmuṣṭibhirākāśaṃ kṣudhārtaḥ khaṇḍayettuṣam |<br>
nāhaṃbrahmeti jānāti tasya muktirna jāyate || 28 ||<br>
 
'''Überall ist das höchste Brahman in gleicher Weise gegenwärtig. Eher könnte ein Hungernder den Raum mit Fäusten zerschlagen und sich von leeren Spelzen nähren, als dass jemand Befreiung erlangte, der nicht erkennt: „Ich bin Brahman.“'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''tatra tatra'' – dort überall; ''param brahma'' – das höchste Brahman; ''sarvatra samavasthitam'' – ist überall gleichermaßen gegenwärtig; ''hanyāt muṣṭibhiḥ ākāśam'' – er könnte den Raum mit Fäusten schlagen; ''kṣudhārtaḥ'' – ein vom Hunger Gequälter; ''khaṇḍayet tuṣam'' – könnte Spelzen zerkleinern beziehungsweise davon leben; ''na aham brahma iti jānāti'' – wer nicht erkennt „Ich bin Brahman“; ''tasya muktiḥ na jāyate'' – für den entsteht keine Befreiung.
 
'''Vers 4.29 Paingala Upanishad'''<br>
ya etadupaniṣadaṃ nityamadhīte so'gnipūto bhavati | sa vāyupūto bhavati | sa ādityapūto bhavati | sa<br>
brahmapūto bhavati | sa viṣṇupūto bhavati | sa rudrapūto bhavati | sa sarveṣu tīrtheṣu snāto bhavati | sa<br>
sarveṣu vedeṣvadhīto bhavati | sa sarvavedavratacaryāsu carito bhavati | tenetihāsapurāṇānāṃ rudrāṇāṃ<br>
śatasahasrāṇi japtāni phalāni bhavanti | praṇavānāmayutaṃ japtaṃ bhavati | daśa pūrvāndaśottarānpunāti |<br>
sa paṅktipāvano bhavati | sa mahānbhavati |<br>
brahmahatyāsurāpānasvarṇasteyagurutalpagamanatatsaṃyogipātakebhyaḥ pūto bhavati || 29 ||<br>
 
'''Wer diese Upanishad täglich studiert, gilt der Überlieferung zufolge als durch Agni, Vayu, Sonne, Brahma, Vishnu und Rudra geläutert, als in allen heiligen Gewässern gebadet, in allen Veden unterwiesen und in allen vedischen Gelübden bewährt. Ihm werden die Früchte hunderttausendfacher Rezitation von Itihasas, Puranas und Rudra-Hymnen sowie zehntausendfacher Pranava-Wiederholung zugesprochen. Er reinige zehn Generationen vor und zehn nach sich, heilige die Tischgemeinschaft und werde groß. Auch von den schwersten genannten Verfehlungen und von schuldhafter Mitwirkung daran werde er geläutert. Solche Phalashruti-Aussagen sind traditionelle Lobpreisung des Studiums, kein Ersatz für Verantwortung, Recht oder Wiedergutmachung.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''yaḥ etad upaniṣadam nityam adhīte'' – wer diese Upanishad täglich studiert; ''saḥ agni-pūtaḥ bhavati'' – wird durch Agni geläutert; ''vāyu-pūtaḥ'' – durch Vayu geläutert; ''āditya-pūtaḥ'' – durch die Sonne geläutert; ''brahma-pūtaḥ'' – durch Brahma geläutert; ''viṣṇu-pūtaḥ'' – durch Vishnu geläutert; ''rudra-pūtaḥ'' – durch Rudra geläutert; ''sarveṣu tīrtheṣu snātaḥ'' – in allen heiligen Gewässern gebadet; ''sarveṣu vedeṣu adhītaḥ'' – in allen Veden unterwiesen; ''sarva-veda-vrata-caryāsu caritaḥ'' – in allen vedischen Gelübden gewandelt; ''tena'' – durch ihn; ''itihāsa-purāṇānām rudrāṇām'' – der Itihasas, Puranas und Rudra-Hymnen; ''śata-sahasrāṇi japtāni'' – hunderttausendfache Rezitationen; ''phalāni bhavanti'' – deren Früchte entstehen; ''praṇavānām ayutam japtam'' – zehntausend Pranava-Rezitationen; ''daśa pūrvān'' – zehn frühere Generationen; ''daśa uttarān'' – zehn spätere Generationen; ''punāti'' – reinigt er; ''paṅkti-pāvanaḥ'' – die Tischgemeinschaft heiligend; ''mahān bhavati'' – wird groß; ''brahma-hatyā'' – Tötung eines Brahmanen; ''surā-pāna'' – Trinken berauschenden Alkohols; ''svarṇa-steya'' – Diebstahl von Gold; ''guru-talpa-gamana'' – Verkehr mit der Frau des Gurus; ''tat-saṃyogi-pātakebhyaḥ'' – und von den Verfehlungen der Beteiligung daran; ''pūtaḥ bhavati'' – wird er geläutert.
 
'''Vers 4.30 Paingala Upanishad'''<br>
tadviṣṇoḥ paramaṃ padaṃ sadā paśyanti sūrayaḥ | divīva cakṣurātatam || 30 ||<br>
 
'''Die Seher schauen immer jene höchste Stätte Vishnus, die sich wie ein Auge am Himmel ausbreitet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''tat viṣṇoḥ'' – jene Vishnus; ''paramam padam'' – höchste Stätte; ''sadā paśyanti'' – schauen immer; ''sūrayaḥ'' – die Seher, Weisen; ''divi iva'' – wie am Himmel; ''cakṣuḥ ātatam'' – ein ausgebreitetes Auge.
 
'''Vers 4.31 Paingala Upanishad'''<br>
tadviprāso vipanyavo jāgṛvāṃsaḥ samindhate | viṣṇoryatparamaṃ padam | oṃ satyamityupaniṣad || 31 ||<br>
 
'''Die wachen, erkenntnisreichen Weisen entzünden und erhellen jene höchste Stätte Vishnus. Om. Wahrheit – so lautet die Upanishad.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''tat viprāsaḥ'' – jene Weisen beziehungsweise inspirierten Brahmanen; ''vipanyavaḥ'' – erkenntnisreich, beredt; ''jāgṛvāṃsaḥ'' – wach; ''samindhate'' – entzünden, erhellen; ''viṣṇoḥ yat paramam padam'' – jene höchste Stätte Vishnus; ''oṃ'' – Om; ''satyam'' – Wahrheit; ''iti upaniṣat'' – so lautet die Upanishad.
 
'''Schließendes Shanti-Mantra Paingala Upanishad'''<br>
oṃ pūrṇamadaḥ pūrṇamidaṃ pūrṇātpūrṇamudacyate | pūrṇasya pūrṇamādāya pūrṇamevāvaśiṣyate || oṃ śāntiḥ<br>
śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
 
'''Om. Jenes ist vollständig; dieses ist vollständig. Aus dem Vollständigen geht das Vollständige hervor. Nimmt man vom Vollständigen das Vollständige, bleibt allein das Vollständige. Om. Frieden, Frieden, Frieden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''oṃ'' – Om; ''pūrṇam adaḥ'' – jenes ist vollständig; ''pūrṇam idam'' – dieses ist vollständig; ''pūrṇāt'' – aus dem Vollständigen; ''pūrṇam udacyate'' – geht das Vollständige hervor; ''pūrṇasya'' – vom Vollständigen; ''pūrṇam ādāya'' – das Vollständige genommen habend; ''pūrṇam eva avaśiṣyate'' – bleibt allein das Vollständige; ''śāntiḥ'' – Frieden, dreimal angerufen.
 
'''Schlussformel Paingala Upanishad'''<br>
iti paiṅgalopaniṣatsamāptā ||<br>
 
'''Damit ist die Paingala Upanishad beendet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''iti'' – so, damit; ''paiṅgala-upaniṣat'' – die Paingala Upanishad; ''samāptā'' – ist beendet, abgeschlossen.
 
'''Redaktioneller Hinweis:''' Die deutsche Übersetzung und die Wort-für-Wort-Erläuterungen wurden für diesen Artikel neu erstellt. Sanskrit-Komposita und feste Aufzählungen werden in der Worterklärung als grammatisch zusammengehörige Sinngruppen behandelt. Offensichtliche Satz- und Trennfehler der elektronischen Vorlagen wurden anhand der Vergleichsausgaben berichtigt; bei unsicheren philosophischen Ausdrücken bleibt die Übersetzung bewusst nahe am Sanskrit.
 
== Paingala Upanishad: Datierung, Überlieferung, Inhalt und Bedeutung ==
 
=== Name, Einordnung und Textgestalt ===
 
Der Name ''Paiṅgala'' bezeichnet den Schüler, der in der Schrift [[Yajnavalkya]] befragt. Die Upanishad wird als allgemeine [[Vedanta]]-Upanishad geführt und in der Muktika-Sammlung dem [[Shukla Yajurveda]] zugeordnet. Handschriften sind auch unter der Bezeichnung ''Paiṅgalopaniṣad'' überliefert. Daneben wird in der Forschung auf eine kürzere, dem [[Atharvaveda]] zugerechnete Textform hingewiesen. Die vorliegende Langfassung besitzt vier Kapitel.
 
Bei ihrer Zählung ist Genauigkeit wichtig. Manche elektronische Wiedergaben drucken nur die metrischen Strophen des dritten und vierten Kapitels mit Ziffern und behandeln den übrigen Text als ungezählte Prosa. Andere traditionelle Druckausgaben gliedern dieselbe Langfassung fortlaufend in '''12, 18, 12 und 31 Einheiten''', insgesamt also 73 nummerierte Lehrabschnitte. Dieser Artikel folgt dieser feineren, editionsgebundenen Zählung. Lange Prosaverse bleiben einzelne überlieferte Einheiten; sie werden weder in künstliche Scheinverse zerlegt noch mit Nachbarversen zu einer Sammelübersetzung verbunden. Das eröffnende und das schließende Shanti-Mantra sowie die Kapitel- und Schlussformeln stehen zusätzlich in eigenen Blöcken.
 
Die Sanskrit-Documents-Fassung weist einzelne offensichtliche Übertragungsfehler und Auslassungen auf. Deshalb wurde sie mit einer ausführlicheren Devanagari-Ausgabe verglichen. So enthält die hier verwendete Fassung im ersten Kapitel ausdrücklich die vierzehn Welten und im zweiten Kapitel auch die Definition des [[Manomaya Kosha]], die in der kürzeren elektronischen Wiedergabe fehlt. Offensichtliche Trenn- und Schreibfehler wurden behutsam normalisiert; inhaltlich schwierige Lesarten wurden nicht stillschweigend modernisiert.
 
=== Datierung und geschichtlicher Ort ===
 
Autor und genaue Entstehungszeit sind nicht bekannt. Die systematische Verbindung älterer upanishadischer Motive mit ausgearbeiteter Advaita-Terminologie weist auf eine nachklassische Upanishad hin. Häufig wird ihre erhaltene Gestalt in das frühe Mittelalter eingeordnet. Einzelne Lehrstücke können älter sein als die abschließende Redaktion. Hinweise auf einen Text oder eine Lehrtradition namens Paiṅgala in der frühen Vedanta-Literatur erlauben keine auf das Jahr genaue Datierung der heute vorliegenden vier Kapitel.
 
Die Paingala Upanishad gehört damit in eine Entwicklungsphase, in der ältere Aussagen der [[Mukhya Upanishaden]] systematisch miteinander verbunden wurden. Sie übernimmt Schöpfungsreihen, das Modell der fünf Hüllen, die Analyse von Wachen, Traum und Tiefschlaf, die Wagenmetapher sowie mehrere Mahavakyas und ordnet sie einem konsequent nichtdualen Befreiungsweg zu.
 
=== Aufbau der vier Kapitel ===
 
Das '''erste Kapitel''' beginnt mit Paiṅgalas Bitte um das Geheimnis des Kaivalya. Yajnavalkya beschreibt Brahman als ewig frei, unveränderlich, vollkommen und eines ohne Zweites. In ihm erscheint Mula Prakriti mit den drei [[Gunas]]. Über verhüllende und projizierende Kraft entfalten sich Ishvara, Hiranyagarbha, Virat, die feinen und groben Elemente sowie der gesamte Kosmos. Der Eintritt des Bewusstseins in den individuellen Körper erklärt, wie der eine Zeuge scheinbar zum handelnden und erfahrenden Jiva wird.
 
Das '''zweite Kapitel''' wendet die kosmische Lehre auf den Menschen an. Es unterscheidet groben, feinen und kausalen Körper, Haupt- und Neben-Pranas, Handlungs- und Erkenntnisorgane, das innere Instrument und die fünf Koshas. Anschließend beschreibt es Vishva, Taijasa und Prajna sowie Wachen, Traum, Tiefschlaf, Ohnmacht und Tod. Der Kreislauf endet nicht durch bloße Ritualität, sondern durch den Wunsch nach Befreiung, die Hinwendung zum Guru und beständige Selbsterforschung.
 
Das '''dritte Kapitel''' erläutert die Mahavakyas. Es unterscheidet die vordergründigen Bedeutungen von „Tat“ und „Tvam“ von ihrer gemeinsamen, durch die begrenzenden Bedingungen hindurch erkannten Bedeutung. Daraus entsteht eine klare Übungsfolge: Hören, Nachdenken, tiefe Kontemplation und Samadhi. Danach schildert die Schrift die Rücknahme der kosmischen Entfaltung und den Übergang von [[Jivanmukti]] zu körperloser Befreiung.
 
Das '''vierte Kapitel''' fragt nach Lebensweise und Zustand des Erkennenden. Die aus der [[Katha Upanishad]] bekannte Wagenmetapher wird aufgenommen: Körper ist der Wagen, Buddhi der Lenker, Geist der Zügel, Sinne die Pferde und Atman der Fahrgast. Der Befreite bleibt bis zum Ende des Prarabdha Karma im Körper, ist aber nicht mehr an ihn gebunden. Die Verse münden in die Aussage „Ich bin Brahman“, in die Überwindung des Besitzdenkens und in die Erfahrung, dass Brahman überall gegenwärtig ist.
 
=== Philosophische Schlüsselbegriffe ===
 
Die Schöpfungslehre ist keine zweite, von Brahman unabhängige Wirklichkeit. Mula Prakriti, Maya, Avarana Shakti und Vikshepa Shakti erklären, wie das unveränderliche Bewusstsein als vielfältige Welt erscheinen kann. Die Bilder von Wasser in der Wüste, Silber im Perlmutt und einer Gestalt im Pfosten zeigen: Erscheinung wird erfahren, besitzt aber nicht dieselbe Wirklichkeitsstufe wie ihre Grundlage.
 
Die drei kosmischen Bewusstseinsformen – Ishvara, Hiranyagarbha und Virat – entsprechen den individuellen Formen Prajna, Taijasa und Vishva. Damit verbindet die Schrift Makrokosmos und Mikrokosmos. Doch ihr Ziel ist nicht die bloße Beherrschung eines komplizierten Modells. Alle Zuordnungen sollen schließlich in die Erkenntnis führen, dass das Bewusstsein, welches die Zustände bezeugt, selbst von keinem Zustand begrenzt wird.
 
Besonders bedeutsam ist die ausdrücklich genannte Methode von [[Adhyaropa]] und [[Apavada]]: Zunächst werden hilfreiche Begriffe und Modelle zugeschrieben, anschließend werden ihre Begrenzungen zurückgenommen. Was übrigbleibt, ist nicht ein neues gedankliches Objekt, sondern das von allen Erfahrungen ungetrennte Bewusstsein selbst.
 
=== Beziehung zu älteren Upanishaden und zum Yoga ===
 
„Tat Tvam Asi“ stammt aus der [[Chandogya Upanishad]], „Aham Brahmasmi“ aus der [[Brihadaranyaka Upanishad]]. Die fünf Koshas erinnern an die [[Taittiriya Upanishad]], die drei Bewusstseinszustände an die [[Mandukya Upanishad]] und die Wagenmetapher an die [[Katha Upanishad]]. Die Paingala Upanishad zitiert und verbindet diese Lehren in einer eigenen systematischen Sprache.
 
Die Bezeichnung ''Dharma-Megha-Samadhi'' berührt den Sprachgebrauch des [[Yoga Sutra]] des [[Patanjali]]. Dennoch bleibt der philosophische Rahmen der Schrift advaitisch: Samadhi dient der unmittelbaren Erkenntnis der schon immer bestehenden Einheit, nicht der Erzeugung eines neuen Selbst. [https://www.yoga-vidya.de/meditation/ Meditation] vertieft hier das durch Shravana und Manana geklärte Verständnis.
 
[[Datei:Meditation_Licht_Herz_Anahata_Chakra_strahlen.jpg|thumb|Das Bild der rauchlosen Lampe im Herzen steht für das unveränderliche Licht des Bewusstseins.]]
 
=== Bedeutung für heutige Yoga Aspiranten ===
 
Für den heutigen [[Yoga Aspirant]]en ist die klare Reihenfolge der Praxis besonders wertvoll. Zuerst wird aufmerksam gehört und gelesen. Dann prüft man die Lehre mit Vernunft und eigener Erfahrung. Anschließend lässt man die erkannte Bedeutung in tiefer Kontemplation wirksam werden. So kann Meditation mehr sein als Entspannung: Sie wird zur Erforschung dessen, was in Wachen, Traum und Tiefschlaf unverändert gegenwärtig ist.
 
Die fünf Hüllen können dabei als Instrument der Selbstbeobachtung dienen. Körper, Energie, Gefühle und Gedanken, Urteilsvermögen und selbst tiefe Ruhe sind erfahrbare Schichten; keine von ihnen allein ist der unveränderliche Zeuge. Diese Unterscheidung soll nicht zur Ablehnung des Körpers führen. Sie kann vielmehr helfen, Körper und Psyche verantwortlich zu pflegen, ohne das eigene Wesen auf sie zu reduzieren.
 
Historische Aussagen über Geschlecht, Bestattungsriten, Generationenverdienst oder die Tilgung schwerer Verfehlungen gehören in ihren vormodernen religiösen Kontext. Sie sind weder naturwissenschaftliche Tatsachen noch Freibriefe von ethischer und rechtlicher Verantwortung. Ihre spirituelle Aussage liegt darin, Erkenntnis als eine Kraft zu würdigen, die über das isolierte Individuum hinaus wirkt und ein Leben tiefgreifend verwandelt.
 
=== Bedeutung für Yogalehrer und spirituelle Begleiter ===
 
Für [[Yogalehrer]] zeigt der Text, wie wichtig die Verbindung von Studium, Praxis und verantwortlicher Auslegung ist. Begriffe wie Prana, Kosha oder Bewusstseinszustand dürfen nicht vorschnell mit modernen anatomischen oder psychologischen Kategorien gleichgesetzt werden. Sie gehören zu einem soteriologischen Modell, das auf Befreiung zielt.
 
Ein guter Lehrer hilft Schülern, zwischen dem Wortlaut einer historischen Quelle, ihrer traditionellen Deutung, einer symbolischen Lesart und unmittelbar überprüfbarer Erfahrung zu unterscheiden. Er fördert keine Abhängigkeit, sondern reife Selbsterforschung, ethisches Handeln und innere Freiheit. Die Aussage „Ich bin Brahman“ ist dabei kein Aufblasen des persönlichen Ego, sondern das Durchschauen seiner Begrenztheit.
 
=== Bleibende Botschaft ===
 
Die Paingala Upanishad führt von der größten kosmischen Entfaltung zum stillen Licht im eigenen Herzen. Alles, was entsteht, sich verändert und vergeht, wird beobachtet. Das beobachtende Bewusstsein selbst lässt sich nicht als begrenzter Gegenstand greifen. Wenn die falsche Gleichsetzung mit Körper, Rollen und wechselnden Zuständen endet, bleibt das Vollständige, das niemals wirklich geteilt war.
 
So verstanden lädt die Schrift zu einer zugleich nüchternen und tiefen Praxis ein: höre sorgfältig, denke ehrlich nach, meditiere ausdauernd und lasse Erkenntnis im Alltag Gestalt annehmen. Das Ziel ist keine außergewöhnliche Selbstdarstellung, sondern Freiheit, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und die stille Gewissheit der Einheit.
 
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== Paingala Upanishad – vollständiger Text in Devanagari ==
 
शुक्लयजुर्वेदीय सामान्य उपनिषत् ॥<br>
 
पैङ्गलोपनिषद्वेद्यं परमानन्दविग्रहम् । परितः कलये रामं परमाक्षरवैभवम् ॥<br>
 
ॐ पूर्णमदः पूर्णमिदं पूर्णात्पूर्णमुदच्यते । पूर्णस्य पूर्णमादाय पूर्णमेवावशिष्यते ॥ ॐ शान्तिः शान्तिः<br>
शान्तिः ॥<br>
 
=== Erstes Kapitel – Brahman, Prakriti und kosmische Entfaltung ===
 
अथ ह पैङ्गलो याज्ञवल्क्यमुपसमेत्य द्वादशवर्षशुश्रूषापूर्वकं परमरहस्यकैवल्यमनुब्रूहीति पप्रच्छ ॥ १ ॥<br>
 
स होवाच याज्ञवल्क्यः सदेव सोम्येदमग्र आसीत् । तन्नित्यमुक्तमविक्रियं सत्यज्ञानानन्दं परिपूर्णं<br>
सनातनमेकमेवाद्वितीयं ब्रह्म ॥ २ ॥<br>
 
तस्मिन्मरुशुक्तिकास्थाणुस्फटिकादौ जलरौप्यपुरुषरेखादिवल्लोहितशुक्लकृष्णगुणमयी गुणसाम्यानिर्वाच्या<br>
मूलप्रकृतिरासीत् । तत्प्रतिबिम्बितं यत्तत्साक्षिचैतन्यमासीत् ॥ ३ ॥<br>
 
सा पुनर्विकृतिं प्राप्य सत्त्वोद्रिक्ताऽव्यक्ताख्यावरणशक्तिरासीत् । तत्प्रतिबिम्बितं<br>
यत्तदीश्वरचैतन्यमासीत् । स स्वाधीनमायः सर्वज्ञः सृष्टिस्थितिलयानामादिकर्ता जगदङ्कुररूपो भवति<br>
स्वस्मिन्विलीनं सकलं जगदाविर्भावयति । प्राणिकर्मवशादेष पटो यद्वत् प्रसारितः प्राणिकर्मक्षयात्<br>
पुनस्तिरोभावयति । तस्मिन्नेवाखिलं विश्वं संकोचितपटवद्वर्तते ॥ ४ ॥<br>
 
ईशाधिष्ठितावरणशक्तितो रजोद्रिक्ता महदाख्या विक्षेपशक्तिरासीत् । तत्प्रतिबिम्बितं<br>
यत्तद्धिरण्यगर्भचैतन्यमासीत् । स महत्तत्त्वाभिमानी स्पष्टास्पष्टवपुर्भवति ॥ ५ ॥<br>
 
हिरण्यगर्भाधिष्ठितविक्षेपशक्तितस्तमोद्रिक्ताहंकाराभिधा स्थूलशक्तिरासीत् । तत्प्रतिबिम्बितं<br>
यत्तद्विराट्चैतन्यमासीत् । स तदभिमानी स्पष्टवपुः सर्वस्थूलपालको विष्णुः प्रधानपुरुषो भवति । तस्मादात्मन<br>
आकाशः संभूतः । आकाशाद्वायुः । वायोरग्निः । अग्नेरापः । अद्भ्यः पृथिवी । तानि पञ्च तन्मात्राणि त्रिगुणानि<br>
भवन्ति ॥ ६ ॥<br>
 
स्रष्टुकामो जगद्योनिस्तमोगुणमधिष्ठाय सूक्ष्मतन्मात्राणि भूतानि स्थूलीकर्तुं सोऽकामयत । सृष्टेः परिमितानि<br>
भूतान्येकमेकं द्विधा विधाय पुनश्चतुर्धा कृत्वा स्वस्वेतरद्वितीयांशैः पञ्चधा संयोज्य<br>
पञ्चीकृतभूतैरनन्तकोटिब्रह्माण्डानि तत्तदण्डोचितचतुर्दशभुवनानि तत्तद्भुवनोचितगोलकस्थूलशरीराण्यसृजत् ॥ ७ ॥<br>
 
स पञ्चभूतानां रजोंशांश्चतुर्धा कृत्वा भागत्रयात्पञ्चवृत्त्यात्मकं प्राणमसृजत् । स तेषां तुर्यभागेन<br>
कर्मेन्द्रियाण्यसृजत् ॥ ८ ॥<br>
 
स तेषां सत्त्वांशं चतुर्धा कृत्वा भागत्रयसमष्टितः पञ्चक्रियावृत्त्यात्मकमन्तःकरणमसृजत् । स तेषां<br>
सत्त्वतुरीयभागेन ज्ञानेन्द्रियाण्यसृजत् ॥ ९ ॥<br>
 
सत्त्वसमष्टितः इन्द्रियपालकानसृजत् । तानि सृष्टान्यण्डे प्राचिक्षिपत् । तदाज्ञया समष्ट्यण्डं व्याप्य<br>
तान्यतिष्ठन् । तदाज्ञयाऽहंकारसमन्वितो विराट् स्थूलान्यरक्षत् । हिरण्यगर्भस्तदाज्ञया सूक्ष्माण्यपालयत् ॥<br>
१० ॥<br>
 
अण्डस्थानि तानि तेन विना स्पन्दितुं चेष्टितुं वा न शेकुः । तानि चेतनीकर्तुं सोऽकामयत<br>
ब्रह्माण्डब्रह्मरन्ध्राणि समस्तव्यष्टिमस्तकान्विदार्य तदेवानुप्राविशत् । तदा जडान्यपि तानि<br>
चेतनवत्स्वकर्माणि चक्रिरे ॥ ११ ॥<br>
 
सर्वज्ञेशो मायालेशसमन्वितो व्यष्टिदेहं प्रविश्य तया मोहितो जीवत्वमगमत् ।<br>
शरीरत्रयतादात्म्यात्कर्तृत्वभोक्तृत्वतामगमत् जाग्रत्स्वप्नसुषुप्तिमूर्च्छामरणधर्मयुक्तो<br>
घटीयन्त्रवद्विग्नो जातो मृत इव कुलालचक्रन्यायेन परिभ्रमतीति ॥ १२ ॥<br>
 
इति पैङ्गलोपनिषदि प्रथमोऽध्यायः ॥ १ ॥<br>
 
=== Zweites Kapitel – Körper, Hüllen und Bewusstseinszustände ===
 
अथ पैङ्गलो याज्ञवल्क्यमुवाच सर्वलोकानां सृष्टिस्थित्यन्तकृद्विभुरीशः कथं जीवत्वमगमदिति ॥ १ ॥<br>
 
स होवाच याज्ञवल्क्यः स्थूलसूक्ष्मकारणदेहोद्भवपूर्वकं जीवेश्वरस्वरूपं विविच्य कथयामीति सावधानेनैकाग्रतया<br>
श्रूयताम् । ईशः पञ्चीकृतमहाभूतलेशानादाय व्यष्टिसमष्ट्यात्मकस्थूलशरीराणि यथाक्रममकरोत् ।<br>
कपालचर्मान्त्रास्थिमांसनखानि पृथिव्यंशाः । रक्तमूत्रलालास्वेदादिकमपामंशाः । क्षुत्तृष्णोष्णमोहमैथुनाद्या<br>
अग्न्यंशाः । प्रचारणोत्तारणाश्वासादिका वाय्वंशाः । कामक्रोधादयो व्योमांशाः । एतत्संघातं कर्मणि संचितं<br>
त्वगादियुक्तं बाल्याद्यवस्थाभिमानास्पदं बहुदोषाश्रयं स्थूलशरीरं भवति ॥ २ ॥<br>
 
अथापञ्चीकृतमहाभूतरजोंशभागत्रयसमष्टितः प्राणमसृजत् । प्राणापानव्यानोदानसमानाः प्राणवृत्तयः ।<br>
नागकूर्मकृकरदेवदत्तधनञ्जयाः उपप्राणाः । हृदासननाभिकण्ठसर्वाङ्गानि स्थानानि । आकाशादिरजोगुणतुरीयभागेन<br>
कर्मेन्द्रियमसृजत् । वाक्पाणिपादपायूपस्थास्तद्वृत्तयः । वचनादानगमनविसर्गानन्दास्तद्विषयाः । एवं<br>
भूतसत्त्वांशभागत्रयसमष्टितोऽन्तःकरणमसृजत् । अन्तःकरणमनोबुद्धिचित्ताहंकारास्तद्वृत्तयः ।<br>
संकल्पनिश्चयस्मरणाभिमानानुसंधानास्तद्विषयाः । गलवदननाभिहृदयभ्रूमध्यं स्थानम् । भूतसत्त्वतुरीयभागेन<br>
ज्ञानेन्द्रियमसृजत् । श्रोत्रत्वक्चक्षुर्जिह्वाघ्राणास्तद्वृत्तयः । शब्दस्पर्शरूपरसगन्धास्तद्विषयाः ।<br>
दिग्वातार्कप्रचेतोऽश्विवह्नीन्द्रोपेन्द्रमृत्युकाः । चन्द्रो विष्णुश्चतुर्वक्त्रः शंभुश्च करणाधिपाः ॥ ३ ॥<br>
 
अथान्नमयप्राणमयमनोमयविज्ञानमयानन्दमयाः पञ्चकोशाः । अन्नरसेनैव भूत्वाऽन्नरसेनाभिवृद्धि<br>
प्राप्यान्नरसमयपृथिव्यां यद्विलीयते सोऽन्नमयकोशः । तदेव स्थूलशरीरम् । कर्मेन्द्रियैः सह प्राणादिपञ्चकं<br>
प्राणमयकोशः । ज्ञानेन्द्रियैः सह मनो मनोमयकोशः । ज्ञानेन्द्रियैः सह बुद्धिर्विज्ञानमयकोशः । एतत्कोशत्रयं<br>
लिङ्गशरीरम् । स्वरूपाज्ञानमानन्दमयकोशः । तत् कारणशरीरम् ॥ ४ ॥<br>
 
अथ ज्ञानेन्द्रियपञ्चकं कर्मेन्द्रियपञ्चकं प्राणादिपञ्चकं वियदादिपञ्चकमन्तःकरणचतुष्टयं<br>
कामकर्मतमांस्यष्टपुरम् ॥ ५ ॥<br>
 
ईशाज्ञया विराजो व्यष्टिदेहं प्रविश्य बुद्धिमधिष्ठाय विश्वत्वमगमत् । विज्ञानात्मा चिदाभासो विश्वो<br>
व्यावहारिको जाग्रत्स्थूलदेहाभिमानी कर्मभूरिति च विश्वस्य नाम भवति ॥ ६ ॥<br>
 
ईशाज्ञया सूत्रात्मा व्यष्टिसूक्ष्मशरीरं प्रविश्य मन अधिष्ठाय तैजसत्वमगमत् । तैजसः प्रातिभासिकः<br>
स्वप्नकल्पित इति तैजसस्य नाम भवति ॥ ७ ॥<br>
 
ईशाज्ञया मायोपाधिरव्यक्तसमन्वितो व्यष्टिकारणशरीरं प्रविश्य प्राज्ञत्वमगमत् । प्राज्ञोऽविच्छिन्नः<br>
पारमार्थिकः सुषुप्त्यभिमानीति प्राज्ञस्य नाम भवति ॥ ८ ॥<br>
 
अव्यक्तलेशाज्ञानाच्छादितपारमार्थिकजीवस्य तत्त्वमस्यादिवाक्यानि ब्रह्मणैकतां<br>
जगुर्नेतरयोर्व्यावहारिकप्रातिभासिकयोः ॥ ९ ॥<br>
 
अन्तःकरणप्रतिबिम्बितचैतन्यं यत्तदेवावस्थात्रयभाग्भवति । स जाग्रत्स्वप्नसुषुप्त्यवस्थाः प्राप्य<br>
घटीयन्त्रवद्विग्नो जातो मृत इव स्थितो भवति ॥ १० ॥<br>
 
अथ जाग्रत्स्वप्नसुषुप्तिमूर्च्छामरणाद्यवस्थाः पञ्च भवन्ति । तत्तद्देवताग्रहान्वितैः<br>
श्रोत्रादिज्ञानेन्द्रियैः शब्दाद्यर्थविषयग्रहणज्ञानं जाग्रदवस्था भवति । तत्र भ्रूमध्यं गतो जीव आपादमस्तकं<br>
व्याप्य कृषिश्रवणाद्यखिलक्रियाकर्ता भवति । तत्तत्फलभुक् च भवति । लोकान्तरगतः कर्मार्जितफलं स एव भुङ्क्ते<br>
। स सार्वभौमवद्व्यवहाराच्छ्रान्त अन्तर्भवनं प्रवेष्टुं मार्गमाश्रित्य तिष्ठति ॥ ११ ॥<br>
 
करणोपरमे जाग्रत्संस्कारोत्थप्रबोधवद्ग्राह्यग्राहकरूपस्फुरणं स्वप्नावस्था भवति । तत्र विश्व एव<br>
जाग्रद्व्यवहारलोपान्नाडीमध्यं चरंस्तैजसत्वमवाप्य वासनारूपकं जगद्वैचित्र्यं स्वभासा भासयन्यथेप्सितं स्वयं<br>
भुङ्क्ते ॥ १२ ॥<br>
 
चित्तैककरणा सुषुप्त्यवस्था भवति । भ्रमविश्रान्तशकुनिः पक्षौ संहृत्य नीडाभिमुख यथा गच्छति तथा जीवोऽपि<br>
जाग्रत्स्वप्नप्रपञ्चे व्यवहृत्य श्रान्तोऽज्ञानं प्रविश्य स्वानन्दं भुङ्क्ते ॥ १३ ॥<br>
 
अकस्मान्मुद्गरदण्डाद्यैस्ताडितवद्भयाज्ञानाभ्यामिन्द्रियसंघातैः कम्पन्निव मृततुल्या मूर्च्छा भवति ॥ १४ ॥<br>
 
जाग्रत्स्वप्नसुषुप्तिमूर्च्छावस्थानामन्याब्रह्मादिस्तम्बपर्यन्तं सर्वजीवभयप्रदा स्थूलदेहविसर्जनी<br>
मरणावस्था भवति ॥ १५ ॥<br>
 
कर्मेन्द्रियाणि ज्ञानेन्द्रियाणि तत्तद्विषयान्प्राणान्संहृत्य कामकर्मान्वित अविद्याभूतवेष्टितो जीवो<br>
देहान्तरं प्राप्य लोकान्तरं गच्छति । प्राक्कर्मफलपाकेनावर्तान्तरकीटवद्विश्रान्ति नैव गच्छति ॥ १६ ॥<br>
 
सत्कर्मपरिपाकतो बहूनां जन्मनामन्ते नृणां मोक्षेच्छा जायते । तदा सद्गुरूमाश्रित्य चिरकालसेवया बन्धं मोक्षं<br>
कश्चित्प्रयाति ॥ १७ ॥<br>
 
अविचारकृतो बन्धो विचारान्मोक्षो भवति । तस्मात्सदा विचारयेत् । अध्यारोपापवादतः स्वरूपं निश्चयीकर्तुं<br>
शक्यते । तस्मात्सदा विचारयेज्जगज्जीवपरमात्मनो जीवभावजगद्भावबाधे प्रत्यगभिन्नं ब्रह्मैवावशिष्यत इति ॥ १८ ॥<br>
 
इति पैङ्गलोपनिषदि द्वितीयोऽध्यायः ॥ २ ॥<br>
 
=== Drittes Kapitel – Mahavakya, Samadhi und Befreiung ===
 
अथ हैनं पैङ्गलः पप्रच्छ याज्ञवल्क्यं महावाक्यविवरणमनुब्रूहीति ॥ १ ॥<br>
 
स होवाच याज्ञवल्क्यस्तत्त्वमसि त्वं तदसि त्वं ब्रह्मास्यहं ब्रह्मास्मीत्यनुसंधानं कुर्यात् ॥ २ ॥<br>
 
तत्र पारोक्ष्यशबलः सर्वज्ञत्वादिलक्षणो मायोपाधिः सच्चिदानन्दलक्षणो जगद्योनिस्तत्पदवाच्यो भवति । स<br>
एवान्तःकरणसंभिन्नबोधोऽस्मत्प्रत्ययावलम्बनस्त्वंपदवाच्यो भवति । परजीवोपाधिमायाविद्ये विहाय<br>
तत्त्वंपदलक्ष्यं प्रत्यगभिन्नं ब्रह्म ॥ ३ ॥<br>
 
तत्त्वमसीत्यहं ब्रह्मास्मीति वाक्यार्थविचारः श्रवणं भवति । एकान्तेन श्रवणार्थानुसंधानं मननं भवति ।<br>
श्रवणमनननिर्विचिकित्स्येऽर्थे वस्तुन्येकतानवत्तया चेतःस्थापनं निदिध्यासनं भवति । ध्यातृध्याने विहाय<br>
निवातस्थितदीपवद्ध्येयैकगोचरं चित्तं समाधिर्भवति ॥ ४ ॥<br>
 
तदानीमात्मगोचरा वृत्तयः समुत्थिता अज्ञाता भवन्ति । ताः स्मरणादनुमीयन्ते । इहानादिसंसारे संचिताः<br>
कर्मकोटयोऽनेनैव विलयं यान्ति । ततोऽभ्यासपाटवात्सहस्रशः सदामृतधारा वर्षति । ततो योगवित्तमाः समाधिं<br>
धर्ममेघं प्राहुः । वासनाजाले निःशेषममुना प्रविलापिते कर्मसंचये पुण्यपापे समूलोन्मूलिते प्राक्परोक्षमपि<br>
करतलामलकवद्वाक्यमप्रतिबद्धापरोक्षसाक्षात्कारं प्रसूयते । तदा जीवन्मुक्तो भवति ॥ ५ ॥<br>
 
ईशः पञ्चीकृतभूतानामपञ्चीकरणं कर्तुं सोऽकामयत । ब्रह्माण्डतद्गतलोकान्कार्यरूपांश्च कारणत्वं प्रापयित्वा<br>
ततःसूक्ष्माङ्गं कर्मेन्द्रियाणि प्राणांश्च ज्ञानेन्द्रियाण्यन्तःकरणचतुष्टयं चैकीकृत्य सर्वाणि भौतिकानि<br>
कारणे भूतपञ्चके संयोज्य भूमिं जले जलं वह्नौ वह्निं वायौ वायुमाकाशे चाकाशमहंकारे चाहंकारं महति<br>
महदव्यक्तेऽव्यक्तं पुरुषे क्रमेण विलीयते । विराड्ढिरण्यगर्भेश्वरा उपाधिविलयात्परमात्मनि लीयन्ते ॥ ६ ॥<br>
 
पञ्चीकृतमहाभूतसंभवकर्मसंचितस्थूलदेहः कर्मक्षयात्सत्कर्मपरिपाकतोऽपञ्चीकरणं प्राप्य सूक्ष्मेणैकीभूत्वा<br>
कारणरूपत्वमासाद्य तत्कारणं कूटस्थे प्रत्यगात्मनि विलीयते । विश्वतैजसप्राज्ञाः<br>
स्वस्वोपाधिलयात्प्रत्यगात्मनि लीयन्ते ॥ ७ ॥<br>
 
अण्डं ज्ञानाग्निना दग्धं कारणैःसह परमात्मनि लीनं भवति । ततो ब्राह्मणः समाहितो भूत्वा तत्त्वंपदैक्यमेव सदा<br>
कुर्यात् । ततो मेघापायेऽंशुमानिवात्माविर्भवति ॥ ८ ॥<br>
 
ध्यात्वा मध्यस्थमात्मानं कलशान्तरदीपवत् । अङ्गुष्ठमात्रमात्मानमधूमज्योति रूपकम् ॥ ९ ॥<br>
 
प्रकाशयन्तमन्तःस्थं ध्यायेत्कूटस्थमव्ययम् । ध्यायन्नास्ते मुनिश्चैव चासुप्तेरामृतेस्तु यः ॥ १० ॥<br>
 
जीवन्मुक्तः स विज्ञेयः स धन्यः कृतकृत्यवान् । जीवन्मुक्तपदं त्यक्त्वा स्वदेहे कालसात्कृते ।<br>
विशत्यदेहमुक्तत्वं पवनोऽस्पन्दतामिव ॥ ११ ॥<br>
 
अशब्दमस्पर्शमरूपमव्ययं तथाऽरसं नित्यमगन्धवच्च यत् । अनाद्यनन्तं महतः परं ध्रुवं तदेव शिष्यत्यमलं निरामयम्<br>
॥ १२ ॥<br>
 
इति पैङ्गलोपनिषदि तृतीयोऽध्यायः ॥ ३ ॥<br>
 
=== Viertes Kapitel – Der Zustand des Erkennenden ===
 
अथ हैनं पैङ्गलः पप्रच्छ याज्ञवल्क्यं ज्ञानिनः किं कर्म का च स्थितिरिति ॥ १ ॥<br>
 
स होवाच याज्ञवल्क्यः । अमानित्वादिसंपन्नो मुमुक्षुरेकविंशतिकुलं तारयति । ब्रह्मविन्मात्रेण कुलमेकोत्तरशतं<br>
तारयति ॥ २ ॥<br>
 
आत्मानं रथिनं विद्धि शरीरं रथमेव च । बुद्धिं तु सारथिं विद्धि मनः प्रग्रहमेव च ॥ ३ ॥<br>
 
इन्द्रियाणि हयानाहुर्विषयांस्तेषु गोचरान् । जङ्गमानि विमानानि हृदयानि मनीषिणः ॥ ४ ॥<br>
 
आत्मेन्द्रियमनोयुक्तं भोक्तेत्याहुर्महर्षयः । ततो नारायणः साक्षाहृदये सुप्रतिष्ठितः ॥ ५ ॥<br>
 
प्रारब्धकर्मपर्यन्तमहिनिर्मोकवद्व्यवहरति । चन्द्रवच्चरते देही स मुक्तश्चानिकेतनः ॥ ६ ॥<br>
 
तीर्थे श्वपचगृहे वा तनुं विहाय याति कैवल्यम् । प्राणानवकीर्य याति कैवल्यम् ॥ ७ ॥<br>
 
तं पश्चाद्दिग्बलिं कुर्यादथवा खननं चरेत् । पुंसः प्रव्रजनं प्रोक्तं नेतराय कदाचन ॥ ८ ॥<br>
 
नाशौचं नाग्निकार्यं च न पिण्डं नोदकक्रिया न कुर्यात्पार्वणादीनि ब्रह्मभूताय भिक्षवे ॥ ९ ॥<br>
 
दग्धस्य दहनं नास्ति पक्वस्य पचनं यथा । ज्ञानाग्निदग्धदेहस्य न च श्राद्धं न च क्रिया ॥ १० ॥<br>
 
यावच्चोपाधिपर्यन्तं तावच्छुश्रूषयेद्गुरुम् । गुरुवद्गुरुभार्यायां तत्पुत्रेषु च वर्तनम् ॥ ११ ॥<br>
 
शुद्धमानसः शुद्धचिद्रूपः सहिष्णुः सोऽहमस्मि सहिष्णुः सोऽहमस्मीति प्राप्ते ज्ञानेन विज्ञाने ज्ञेये<br>
परमात्मनि हृदि संस्थिते देहे लब्धशान्तिपदं गते तदा प्रभामनोबुद्धिशून्यं भवति ॥ १२ ॥<br>
 
अमृतेन तृप्तस्य पयसा किं प्रयोजनम् । एवं स्वात्मानं ज्ञात्वा वेदैः प्रयोजनं किं भवति ।<br>
ज्ञानामृततृप्तयोगिनो न किञ्चित्कर्तव्यमस्ति । तदस्ति चेन्न स तत्त्वविद्भवति । दूरस्थोऽपि न दूरस्थः<br>
पिण्डवर्जितः पिण्डस्थोऽपि प्रत्यगात्मा सर्वव्यापी भवति ॥ १३ ॥<br>
 
हृदयं निर्मलं कृत्वा चिन्तयित्वाप्यनामयम् । अहमेव परं सर्वमिति पश्येत्परं सुखम् ॥ १४ ॥<br>
 
यथा जले जलं क्षिप्तं क्षीरे क्षीरं घृते घृतम् । अविशेषो भवेत्तद्वज्जीवात्मपरमात्मनोः ॥ १५ ॥<br>
 
देहे ज्ञानेन दीपिते बुद्धिरखण्डाकाररूपा यदा भवति तदा विद्वान्ब्रह्मज्ञानाग्निना कर्मबन्धं निर्दहेत् ॥ १६<br>
॥<br>
 
ततः पवित्रं परमेश्वराख्यमद्वैतरूपं विमलाम्बराभम् । यथोदके तोयमनुप्रविष्टं तथात्मरूपो निरुपाधिसंस्थितः ॥<br>
१७ ॥<br>
 
आकाशवत्सूक्ष्मशरीर आत्मा न दृश्यते वायुवदन्तरात्मा । स बाह्यमभ्यन्तरनिश्चलात्मा ज्ञानोल्कया पश्यति<br>
चान्तरात्मा ॥ १८ ॥<br>
 
यत्र यत्र मृतो ज्ञानी येन वा केन मृत्युना । यथा सर्वगतं व्योम तत्र तत्र लयं गतः ॥ १९ ॥<br>
 
घटाकाशमिवात्मानं विलयं वेत्ति तत्त्वतः । स गच्छति निरालम्बं ज्ञानालोकं समन्ततः ॥ २० ॥<br>
 
तपेद्वर्षसहस्राणि एकपादस्थितो नरः । एतस्य ध्यानयोगस्य कलां नार्हति षोडशीम् ॥ २१ ॥<br>
 
इदं ज्ञानमिदं ज्ञेयं तत्सर्वं ज्ञातुमिच्छति । अपि वर्षसहस्रायुः शास्त्रान्तं नाधिगच्छति ॥ २२ ॥<br>
 
विज्ञेयोऽक्षरतन्मात्रो जीवितं वापि चञ्चलम् । विहाय शास्त्रजालानि यत्सत्यं तदुपास्यताम् ॥ २३ ॥<br>
 
अनन्तकर्म शौचं च जपो यज्ञस्तथैव च । तीर्थयात्राभिगमनं यावत्तत्त्वं न विन्दति ॥ २४ ॥<br>
 
अहं ब्रह्मेति नियतं मोक्षहेतुर्महात्मनाम् । द्वे पदे बन्धमोक्षाय न ममेति ममेति च ॥ २५ ॥<br>
 
ममेति बध्यते जन्तुर्निर्ममेति विमुच्यते । मनसो ह्युन्मनीभावे द्वैतं नैवोपलभ्यते ॥ २६ ॥<br>
 
यदा यात्युन्मनीभावस्तदा तत्परमं पदम् । यत्र यत्र मनो याति तत्र तत्र परं पदम् ॥ २७ ॥<br>
 
तत्र तत्र परं ब्रह्म सर्वत्र समवस्थितम् । हन्यान्मुष्टिभिराकाशं क्षुधार्तः खण्डयेत्तुषम् । नाहंब्रह्मेति<br>
जानाति तस्य मुक्तिर्न जायते ॥ २८ ॥<br>
 
य एतदुपनिषदं नित्यमधीते सोऽग्निपूतो भवति । स वायुपूतो भवति । स आदित्यपूतो भवति । स ब्रह्मपूतो भवति । स<br>
विष्णुपूतो भवति । स रुद्रपूतो भवति । स सर्वेषु तीर्थेषु स्नातो भवति । स सर्वेषु वेदेष्वधीतो भवति । स<br>
सर्ववेदव्रतचर्यासु चरितो भवति । तेनेतिहासपुराणानां रुद्राणां शतसहस्राणि जप्तानि फलानि भवन्ति ।<br>
प्रणवानामयुतं जप्तं भवति । दश पूर्वान्दशोत्तरान्पुनाति । स पङ्क्तिपावनो भवति । स महान्भवति ।<br>
ब्रह्महत्यासुरापानस्वर्णस्तेयगुरुतल्पगमनतत्संयोगिपातकेभ्यः पूतो भवति ॥ २९ ॥<br>
 
तद्विष्णोः परमं पदं सदा पश्यन्ति सूरयः । दिवीव चक्षुराततम् ॥ ३० ॥<br>
 
तद्विप्रासो विपन्यवो जागृवांसः समिन्धते । विष्णोर्यत्परमं पदम् । ॐ सत्यमित्युपनिषद् ॥ ३१ ॥<br>
 
ॐ पूर्णमदः पूर्णमिदं पूर्णात्पूर्णमुदच्यते । पूर्णस्य पूर्णमादाय पूर्णमेवावशिष्यते ॥ ॐ शान्तिः शान्तिः<br>
शान्तिः ॥<br>
 
इति पैङ्गलोपनिषत्समाप्ता ॥<br>
 
== Paingala Upanishad – vollständiger Text nur in IAST ==
 
śuklayajurvedīya sāmānya upaniṣat ||<br>
 
paiṅgalopaniṣadvedyaṃ paramānandavigraham | paritaḥ kalaye rāmaṃ paramākṣaravaibhavam ||<br>
 
oṃ pūrṇamadaḥ pūrṇamidaṃ pūrṇātpūrṇamudacyate | pūrṇasya pūrṇamādāya pūrṇamevāvaśiṣyate || oṃ śāntiḥ<br>
śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
 
=== Erstes Kapitel – Brahman, Prakriti und kosmische Entfaltung ===
 
atha ha paiṅgalo yājñavalkyamupasametya dvādaśavarṣaśuśrūṣāpūrvakaṃ paramarahasyakaivalyamanubrūhīti<br>
papraccha || 1 ||<br>
 
sa hovāca yājñavalkyaḥ sadeva somyedamagra āsīt | tannityamuktamavikriyaṃ satyajñānānandaṃ paripūrṇaṃ<br>
sanātanamekamevādvitīyaṃ brahma || 2 ||<br>
 
tasminmaruśuktikāsthāṇusphaṭikādau jalaraupyapuruṣarekhādivallohitaśuklakṛṣṇaguṇamayī guṇasāmyānirvācyā<br>
mūlaprakṛtirāsīt | tatpratibimbitaṃ yattatsākṣicaitanyamāsīt || 3 ||<br>
 
sā punarvikṛtiṃ prāpya sattvodriktā'vyaktākhyāvaraṇaśaktirāsīt | tatpratibimbitaṃ<br>
yattadīśvaracaitanyamāsīt | sa svādhīnamāyaḥ sarvajñaḥ sṛṣṭisthitilayānāmādikartā jagadaṅkurarūpo bhavati<br>
svasminvilīnaṃ sakalaṃ jagadāvirbhāvayati | prāṇikarmavaśādeṣa paṭo yadvat prasāritaḥ prāṇikarmakṣayāt<br>
punastirobhāvayati | tasminnevākhilaṃ viśvaṃ saṃkocitapaṭavadvartate || 4 ||<br>
 
īśādhiṣṭhitāvaraṇaśaktito rajodriktā mahadākhyā vikṣepaśaktirāsīt | tatpratibimbitaṃ<br>
yattaddhiraṇyagarbhacaitanyamāsīt | sa mahattattvābhimānī spaṣṭāspaṣṭavapurbhavati || 5 ||<br>
 
hiraṇyagarbhādhiṣṭhitavikṣepaśaktitastamodriktāhaṃkārābhidhā sthūlaśaktirāsīt | tatpratibimbitaṃ<br>
yattadvirāṭcaitanyamāsīt | sa tadabhimānī spaṣṭavapuḥ sarvasthūlapālako viṣṇuḥ pradhānapuruṣo bhavati |<br>
tasmādātmana ākāśaḥ saṃbhūtaḥ | ākāśādvāyuḥ | vāyoragniḥ | agnerāpaḥ | adbhyaḥ pṛthivī | tāni pañca<br>
tanmātrāṇi triguṇāni bhavanti || 6 ||<br>
 
sraṣṭukāmo jagadyonistamoguṇamadhiṣṭhāya sūkṣmatanmātrāṇi bhūtāni sthūlīkartuṃ so'kāmayata | sṛṣṭeḥ<br>
parimitāni bhūtānyekamekaṃ dvidhā vidhāya punaścaturdhā kṛtvā svasvetaradvitīyāṃśaiḥ pañcadhā saṃyojya<br>
pañcīkṛtabhūtairanantakoṭibrahmāṇḍāni tattadaṇḍocitacaturdaśabhuvanāni<br>
tattadbhuvanocitagolakasthūlaśarīrāṇyasṛjat || 7 ||<br>
 
sa pañcabhūtānāṃ rajoṃśāṃścaturdhā kṛtvā bhāgatrayātpañcavṛttyātmakaṃ prāṇamasṛjat | sa teṣāṃ<br>
turyabhāgena karmendriyāṇyasṛjat || 8 ||<br>
 
sa teṣāṃ sattvāṃśaṃ caturdhā kṛtvā bhāgatrayasamaṣṭitaḥ pañcakriyāvṛttyātmakamantaḥkaraṇamasṛjat | sa<br>
teṣāṃ sattvaturīyabhāgena jñānendriyāṇyasṛjat || 9 ||<br>
 
sattvasamaṣṭitaḥ indriyapālakānasṛjat | tāni sṛṣṭānyaṇḍe prācikṣipat | tadājñayā samaṣṭyaṇḍaṃ vyāpya<br>
tānyatiṣṭhan | tadājñayā'haṃkārasamanvito virāṭ sthūlānyarakṣat | hiraṇyagarbhastadājñayā<br>
sūkṣmāṇyapālayat || 10 ||<br>
 
aṇḍasthāni tāni tena vinā spandituṃ ceṣṭituṃ vā na śekuḥ | tāni cetanīkartuṃ so'kāmayata<br>
brahmāṇḍabrahmarandhrāṇi samastavyaṣṭimastakānvidārya tadevānuprāviśat | tadā jaḍānyapi tāni<br>
cetanavatsvakarmāṇi cakrire || 11 ||<br>
 
sarvajñeśo māyāleśasamanvito vyaṣṭidehaṃ praviśya tayā mohito jīvatvamagamat |<br>
śarīratrayatādātmyātkartṛtvabhoktṛtvatāmagamat jāgratsvapnasuṣuptimūrcchāmaraṇadharmayukto<br>
ghaṭīyantravadvigno jāto mṛta iva kulālacakranyāyena paribhramatīti || 12 ||<br>
 
iti paiṅgalopaniṣadi prathamo'dhyāyaḥ || 1 ||<br>
 
=== Zweites Kapitel – Körper, Hüllen und Bewusstseinszustände ===
 
atha paiṅgalo yājñavalkyamuvāca sarvalokānāṃ sṛṣṭisthityantakṛdvibhurīśaḥ kathaṃ jīvatvamagamaditi || 1<br>
||<br>
 
sa hovāca yājñavalkyaḥ sthūlasūkṣmakāraṇadehodbhavapūrvakaṃ jīveśvarasvarūpaṃ vivicya kathayāmīti<br>
sāvadhānenaikāgratayā śrūyatām | īśaḥ pañcīkṛtamahābhūtaleśānādāya vyaṣṭisamaṣṭyātmakasthūlaśarīrāṇi<br>
yathākramamakarot | kapālacarmāntrāsthimāṃsanakhāni pṛthivyaṃśāḥ | raktamūtralālāsvedādikamapāmaṃśāḥ |<br>
kṣuttṛṣṇoṣṇamohamaithunādyā agnyaṃśāḥ | pracāraṇottāraṇāśvāsādikā vāyvaṃśāḥ | kāmakrodhādayo vyomāṃśāḥ |<br>
etatsaṃghātaṃ karmaṇi saṃcitaṃ tvagādiyuktaṃ bālyādyavasthābhimānāspadaṃ bahudoṣāśrayaṃ sthūlaśarīraṃ<br>
bhavati || 2 ||<br>
 
athāpañcīkṛtamahābhūtarajoṃśabhāgatrayasamaṣṭitaḥ prāṇamasṛjat | prāṇāpānavyānodānasamānāḥ prāṇavṛttayaḥ<br>
| nāgakūrmakṛkaradevadattadhanañjayāḥ upaprāṇāḥ | hṛdāsananābhikaṇṭhasarvāṅgāni sthānāni |<br>
ākāśādirajoguṇaturīyabhāgena karmendriyamasṛjat | vākpāṇipādapāyūpasthāstadvṛttayaḥ |<br>
vacanādānagamanavisargānandāstadviṣayāḥ | evaṃ bhūtasattvāṃśabhāgatrayasamaṣṭito'ntaḥkaraṇamasṛjat |<br>
antaḥkaraṇamanobuddhicittāhaṃkārāstadvṛttayaḥ | saṃkalpaniścayasmaraṇābhimānānusaṃdhānāstadviṣayāḥ |<br>
galavadananābhihṛdayabhrūmadhyaṃ sthānam | bhūtasattvaturīyabhāgena jñānendriyamasṛjat |<br>
śrotratvakcakṣurjihvāghrāṇāstadvṛttayaḥ | śabdasparśarūparasagandhāstadviṣayāḥ |<br>
digvātārkapraceto'śvivahnīndropendramṛtyukāḥ | candro viṣṇuścaturvaktraḥ śaṃbhuśca karaṇādhipāḥ || 3 ||<br>
 
athānnamayaprāṇamayamanomayavijñānamayānandamayāḥ pañcakośāḥ | annarasenaiva bhūtvā'nnarasenābhivṛddhi<br>
prāpyānnarasamayapṛthivyāṃ yadvilīyate so'nnamayakośaḥ | tadeva sthūlaśarīram | karmendriyaiḥ saha<br>
prāṇādipañcakaṃ prāṇamayakośaḥ | jñānendriyaiḥ saha mano manomayakośaḥ | jñānendriyaiḥ saha<br>
buddhirvijñānamayakośaḥ | etatkośatrayaṃ liṅgaśarīram | svarūpājñānamānandamayakośaḥ | tat kāraṇaśarīram<br>
|| 4 ||<br>
 
atha jñānendriyapañcakaṃ karmendriyapañcakaṃ prāṇādipañcakaṃ viyadādipañcakamantaḥkaraṇacatuṣṭayaṃ<br>
kāmakarmatamāṃsyaṣṭapuram || 5 ||<br>
 
īśājñayā virājo vyaṣṭidehaṃ praviśya buddhimadhiṣṭhāya viśvatvamagamat | vijñānātmā cidābhāso viśvo<br>
vyāvahāriko jāgratsthūladehābhimānī karmabhūriti ca viśvasya nāma bhavati || 6 ||<br>
 
īśājñayā sūtrātmā vyaṣṭisūkṣmaśarīraṃ praviśya mana adhiṣṭhāya taijasatvamagamat | taijasaḥ prātibhāsikaḥ<br>
svapnakalpita iti taijasasya nāma bhavati || 7 ||<br>
 
īśājñayā māyopādhiravyaktasamanvito vyaṣṭikāraṇaśarīraṃ praviśya prājñatvamagamat | prājño'vicchinnaḥ<br>
pāramārthikaḥ suṣuptyabhimānīti prājñasya nāma bhavati || 8 ||<br>
 
avyaktaleśājñānācchāditapāramārthikajīvasya tattvamasyādivākyāni brahmaṇaikatāṃ<br>
jagurnetarayorvyāvahārikaprātibhāsikayoḥ || 9 ||<br>
 
antaḥkaraṇapratibimbitacaitanyaṃ yattadevāvasthātrayabhāgbhavati | sa jāgratsvapnasuṣuptyavasthāḥ prāpya<br>
ghaṭīyantravadvigno jāto mṛta iva sthito bhavati || 10 ||<br>
 
atha jāgratsvapnasuṣuptimūrcchāmaraṇādyavasthāḥ pañca bhavanti | tattaddevatāgrahānvitaiḥ<br>
śrotrādijñānendriyaiḥ śabdādyarthaviṣayagrahaṇajñānaṃ jāgradavasthā bhavati | tatra bhrūmadhyaṃ gato jīva<br>
āpādamastakaṃ vyāpya kṛṣiśravaṇādyakhilakriyākartā bhavati | tattatphalabhuk ca bhavati | lokāntaragataḥ<br>
karmārjitaphalaṃ sa eva bhuṅkte | sa sārvabhaumavadvyavahārācchrānta antarbhavanaṃ praveṣṭuṃ<br>
mārgamāśritya tiṣṭhati || 11 ||<br>
 
karaṇoparame jāgratsaṃskārotthaprabodhavadgrāhyagrāhakarūpasphuraṇaṃ svapnāvasthā bhavati | tatra viśva<br>
eva jāgradvyavahāralopānnāḍīmadhyaṃ caraṃstaijasatvamavāpya vāsanārūpakaṃ jagadvaicitryaṃ svabhāsā<br>
bhāsayanyathepsitaṃ svayaṃ bhuṅkte || 12 ||<br>
 
cittaikakaraṇā suṣuptyavasthā bhavati | bhramaviśrāntaśakuniḥ pakṣau saṃhṛtya nīḍābhimukha yathā gacchati<br>
tathā jīvo'pi jāgratsvapnaprapañce vyavahṛtya śrānto'jñānaṃ praviśya svānandaṃ bhuṅkte || 13 ||<br>
 
akasmānmudgaradaṇḍādyaistāḍitavadbhayājñānābhyāmindriyasaṃghātaiḥ kampanniva mṛtatulyā mūrcchā bhavati ||<br>
14 ||<br>
 
jāgratsvapnasuṣuptimūrcchāvasthānāmanyābrahmādistambaparyantaṃ sarvajīvabhayapradā sthūladehavisarjanī<br>
maraṇāvasthā bhavati || 15 ||<br>
 
karmendriyāṇi jñānendriyāṇi tattadviṣayānprāṇānsaṃhṛtya kāmakarmānvita avidyābhūtaveṣṭito jīvo dehāntaraṃ<br>
prāpya lokāntaraṃ gacchati | prākkarmaphalapākenāvartāntarakīṭavadviśrānti naiva gacchati || 16 ||<br>
 
satkarmaparipākato bahūnāṃ janmanāmante nṛṇāṃ mokṣecchā jāyate | tadā sadgurūmāśritya cirakālasevayā<br>
bandhaṃ mokṣaṃ kaścitprayāti || 17 ||<br>
 
avicārakṛto bandho vicārānmokṣo bhavati | tasmātsadā vicārayet | adhyāropāpavādataḥ svarūpaṃ<br>
niścayīkartuṃ śakyate | tasmātsadā vicārayejjagajjīvaparamātmano jīvabhāvajagadbhāvabādhe pratyagabhinnaṃ<br>
brahmaivāvaśiṣyata iti || 18 ||<br>
 
iti paiṅgalopaniṣadi dvitīyo'dhyāyaḥ || 2 ||<br>
 
=== Drittes Kapitel – Mahavakya, Samadhi und Befreiung ===
 
atha hainaṃ paiṅgalaḥ papraccha yājñavalkyaṃ mahāvākyavivaraṇamanubrūhīti || 1 ||<br>
 
sa hovāca yājñavalkyastattvamasi tvaṃ tadasi tvaṃ brahmāsyahaṃ brahmāsmītyanusaṃdhānaṃ kuryāt || 2 ||<br>
 
tatra pārokṣyaśabalaḥ sarvajñatvādilakṣaṇo māyopādhiḥ saccidānandalakṣaṇo jagadyonistatpadavācyo bhavati<br>
| sa evāntaḥkaraṇasaṃbhinnabodho'smatpratyayāvalambanastvaṃpadavācyo bhavati | parajīvopādhimāyāvidye<br>
vihāya tattvaṃpadalakṣyaṃ pratyagabhinnaṃ brahma || 3 ||<br>
 
tattvamasītyahaṃ brahmāsmīti vākyārthavicāraḥ śravaṇaṃ bhavati | ekāntena śravaṇārthānusaṃdhānaṃ mananaṃ<br>
bhavati | śravaṇamanananirvicikitsye'rthe vastunyekatānavattayā cetaḥsthāpanaṃ nididhyāsanaṃ bhavati |<br>
dhyātṛdhyāne vihāya nivātasthitadīpavaddhyeyaikagocaraṃ cittaṃ samādhirbhavati || 4 ||<br>
 
tadānīmātmagocarā vṛttayaḥ samutthitā ajñātā bhavanti | tāḥ smaraṇādanumīyante | ihānādisaṃsāre saṃcitāḥ<br>
karmakoṭayo'nenaiva vilayaṃ yānti | tato'bhyāsapāṭavātsahasraśaḥ sadāmṛtadhārā varṣati | tato<br>
yogavittamāḥ samādhiṃ dharmameghaṃ prāhuḥ | vāsanājāle niḥśeṣamamunā pravilāpite karmasaṃcaye puṇyapāpe<br>
samūlonmūlite prākparokṣamapi karatalāmalakavadvākyamapratibaddhāparokṣasākṣātkāraṃ prasūyate | tadā<br>
jīvanmukto bhavati || 5 ||<br>
 
īśaḥ pañcīkṛtabhūtānāmapañcīkaraṇaṃ kartuṃ so'kāmayata | brahmāṇḍatadgatalokānkāryarūpāṃśca kāraṇatvaṃ<br>
prāpayitvā tataḥsūkṣmāṅgaṃ karmendriyāṇi prāṇāṃśca jñānendriyāṇyantaḥkaraṇacatuṣṭayaṃ caikīkṛtya sarvāṇi<br>
bhautikāni kāraṇe bhūtapañcake saṃyojya bhūmiṃ jale jalaṃ vahnau vahniṃ vāyau vāyumākāśe cākāśamahaṃkāre<br>
cāhaṃkāraṃ mahati mahadavyakte'vyaktaṃ puruṣe krameṇa vilīyate | virāḍḍhiraṇyagarbheśvarā<br>
upādhivilayātparamātmani līyante || 6 ||<br>
 
pañcīkṛtamahābhūtasaṃbhavakarmasaṃcitasthūladehaḥ karmakṣayātsatkarmaparipākato'pañcīkaraṇaṃ prāpya<br>
sūkṣmeṇaikībhūtvā kāraṇarūpatvamāsādya tatkāraṇaṃ kūṭasthe pratyagātmani vilīyate | viśvataijasaprājñāḥ<br>
svasvopādhilayātpratyagātmani līyante || 7 ||<br>
 
aṇḍaṃ jñānāgninā dagdhaṃ kāraṇaiḥsaha paramātmani līnaṃ bhavati | tato brāhmaṇaḥ samāhito bhūtvā<br>
tattvaṃpadaikyameva sadā kuryāt | tato meghāpāye'ṃśumānivātmāvirbhavati || 8 ||<br>
 
dhyātvā madhyasthamātmānaṃ kalaśāntaradīpavat | aṅguṣṭhamātramātmānamadhūmajyoti rūpakam || 9 ||<br>
 
prakāśayantamantaḥsthaṃ dhyāyetkūṭasthamavyayam | dhyāyannāste muniścaiva cāsupterāmṛtestu yaḥ || 10 ||<br>
 
jīvanmuktaḥ sa vijñeyaḥ sa dhanyaḥ kṛtakṛtyavān | jīvanmuktapadaṃ tyaktvā svadehe kālasātkṛte |<br>
viśatyadehamuktatvaṃ pavano'spandatāmiva || 11 ||<br>
 
aśabdamasparśamarūpamavyayaṃ tathā'rasaṃ nityamagandhavacca yat | anādyanantaṃ mahataḥ paraṃ dhruvaṃ<br>
tadeva śiṣyatyamalaṃ nirāmayam || 12 ||<br>
 
iti paiṅgalopaniṣadi tṛtīyo'dhyāyaḥ || 3 ||<br>
 
=== Viertes Kapitel – Der Zustand des Erkennenden ===
 
atha hainaṃ paiṅgalaḥ papraccha yājñavalkyaṃ jñāninaḥ kiṃ karma kā ca sthitiriti || 1 ||<br>
 
sa hovāca yājñavalkyaḥ | amānitvādisaṃpanno mumukṣurekaviṃśatikulaṃ tārayati | brahmavinmātreṇa<br>
kulamekottaraśataṃ tārayati || 2 ||<br>
 
ātmānaṃ rathinaṃ viddhi śarīraṃ rathameva ca | buddhiṃ tu sārathiṃ viddhi manaḥ pragrahameva ca || 3 ||<br>
 
indriyāṇi hayānāhurviṣayāṃsteṣu gocarān | jaṅgamāni vimānāni hṛdayāni manīṣiṇaḥ || 4 ||<br>
 
ātmendriyamanoyuktaṃ bhoktetyāhurmaharṣayaḥ | tato nārāyaṇaḥ sākṣāhṛdaye supratiṣṭhitaḥ || 5 ||<br>
 
prārabdhakarmaparyantamahinirmokavadvyavaharati | candravaccarate dehī sa muktaścāniketanaḥ || 6 ||<br>
 
tīrthe śvapacagṛhe vā tanuṃ vihāya yāti kaivalyam | prāṇānavakīrya yāti kaivalyam || 7 ||<br>
 
taṃ paścāddigbaliṃ kuryādathavā khananaṃ caret | puṃsaḥ pravrajanaṃ proktaṃ netarāya kadācana || 8 ||<br>
 
nāśaucaṃ nāgnikāryaṃ ca na piṇḍaṃ nodakakriyā na kuryātpārvaṇādīni brahmabhūtāya bhikṣave || 9 ||<br>
 
dagdhasya dahanaṃ nāsti pakvasya pacanaṃ yathā | jñānāgnidagdhadehasya na ca śrāddhaṃ na ca kriyā || 10<br>
||<br>
 
yāvaccopādhiparyantaṃ tāvacchuśrūṣayedgurum | guruvadgurubhāryāyāṃ tatputreṣu ca vartanam || 11 ||<br>
 
śuddhamānasaḥ śuddhacidrūpaḥ sahiṣṇuḥ so'hamasmi sahiṣṇuḥ so'hamasmīti prāpte jñānena vijñāne jñeye<br>
paramātmani hṛdi saṃsthite dehe labdhaśāntipadaṃ gate tadā prabhāmanobuddhiśūnyaṃ bhavati || 12 ||<br>
 
amṛtena tṛptasya payasā kiṃ prayojanam | evaṃ svātmānaṃ jñātvā vedaiḥ prayojanaṃ kiṃ bhavati |<br>
jñānāmṛtatṛptayogino na kiñcitkartavyamasti | tadasti cenna sa tattvavidbhavati | dūrastho'pi na<br>
dūrasthaḥ piṇḍavarjitaḥ piṇḍastho'pi pratyagātmā sarvavyāpī bhavati || 13 ||<br>
 
hṛdayaṃ nirmalaṃ kṛtvā cintayitvāpyanāmayam | ahameva paraṃ sarvamiti paśyetparaṃ sukham || 14 ||<br>
 
yathā jale jalaṃ kṣiptaṃ kṣīre kṣīraṃ ghṛte ghṛtam | aviśeṣo bhavettadvajjīvātmaparamātmanoḥ || 15 ||<br>
 
dehe jñānena dīpite buddhirakhaṇḍākārarūpā yadā bhavati tadā vidvānbrahmajñānāgninā karmabandhaṃ nirdahet<br>
|| 16 ||<br>
 
tataḥ pavitraṃ parameśvarākhyamadvaitarūpaṃ vimalāmbarābham | yathodake toyamanupraviṣṭaṃ tathātmarūpo<br>
nirupādhisaṃsthitaḥ || 17 ||<br>
 
ākāśavatsūkṣmaśarīra ātmā na dṛśyate vāyuvadantarātmā | sa bāhyamabhyantaraniścalātmā jñānolkayā paśyati<br>
cāntarātmā || 18 ||<br>
 
yatra yatra mṛto jñānī yena vā kena mṛtyunā | yathā sarvagataṃ vyoma tatra tatra layaṃ gataḥ || 19 ||<br>
 
ghaṭākāśamivātmānaṃ vilayaṃ vetti tattvataḥ | sa gacchati nirālambaṃ jñānālokaṃ samantataḥ || 20 ||<br>
 
tapedvarṣasahasrāṇi ekapādasthito naraḥ | etasya dhyānayogasya kalāṃ nārhati ṣoḍaśīm || 21 ||<br>
 
idaṃ jñānamidaṃ jñeyaṃ tatsarvaṃ jñātumicchati | api varṣasahasrāyuḥ śāstrāntaṃ nādhigacchati || 22 ||<br>
 
vijñeyo'kṣaratanmātro jīvitaṃ vāpi cañcalam | vihāya śāstrajālāni yatsatyaṃ tadupāsyatām || 23 ||<br>
 
anantakarma śaucaṃ ca japo yajñastathaiva ca | tīrthayātrābhigamanaṃ yāvattattvaṃ na vindati || 24 ||<br>
 
ahaṃ brahmeti niyataṃ mokṣaheturmahātmanām | dve pade bandhamokṣāya na mameti mameti ca || 25 ||<br>
 
mameti badhyate janturnirmameti vimucyate | manaso hyunmanībhāve dvaitaṃ naivopalabhyate || 26 ||<br>
 
yadā yātyunmanībhāvastadā tatparamaṃ padam | yatra yatra mano yāti tatra tatra paraṃ padam || 27 ||<br>
 
tatra tatra paraṃ brahma sarvatra samavasthitam | hanyānmuṣṭibhirākāśaṃ kṣudhārtaḥ khaṇḍayettuṣam |<br>
nāhaṃbrahmeti jānāti tasya muktirna jāyate || 28 ||<br>
 
ya etadupaniṣadaṃ nityamadhīte so'gnipūto bhavati | sa vāyupūto bhavati | sa ādityapūto bhavati | sa<br>
brahmapūto bhavati | sa viṣṇupūto bhavati | sa rudrapūto bhavati | sa sarveṣu tīrtheṣu snāto bhavati | sa<br>
sarveṣu vedeṣvadhīto bhavati | sa sarvavedavratacaryāsu carito bhavati | tenetihāsapurāṇānāṃ rudrāṇāṃ<br>
śatasahasrāṇi japtāni phalāni bhavanti | praṇavānāmayutaṃ japtaṃ bhavati | daśa pūrvāndaśottarānpunāti |<br>
sa paṅktipāvano bhavati | sa mahānbhavati |<br>
brahmahatyāsurāpānasvarṇasteyagurutalpagamanatatsaṃyogipātakebhyaḥ pūto bhavati || 29 ||<br>
 
tadviṣṇoḥ paramaṃ padaṃ sadā paśyanti sūrayaḥ | divīva cakṣurātatam || 30 ||<br>
 
tadviprāso vipanyavo jāgṛvāṃsaḥ samindhate | viṣṇoryatparamaṃ padam | oṃ satyamityupaniṣad || 31 ||<br>
 
oṃ pūrṇamadaḥ pūrṇamidaṃ pūrṇātpūrṇamudacyate | pūrṇasya pūrṇamādāya pūrṇamevāvaśiṣyate || oṃ śāntiḥ<br>
śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
 
iti paiṅgalopaniṣatsamāptā ||<br>
 
== Paingala Upanishad – vollständige deutsche Übersetzung ==
 
'''Textzuordnung Paingala Upanishad'''<br>
Eine allgemeine Vedanta-Upanishad des Weißen Yajurveda.<br>
'''Traditioneller Eröffnungsvers Paingala Upanishad'''<br>
Ich vergegenwärtige mir ringsum Rama, dessen Gestalt höchste Glückseligkeit ist, der durch die Paingala Upanishad erkannt wird und die Herrlichkeit des höchsten unvergänglichen Lautes verkörpert.<br>
'''Eröffnendes Shanti-Mantra Paingala Upanishad'''<br>
Om. Jenes ist vollständig; dieses ist vollständig. Aus dem Vollständigen geht das Vollständige hervor. Nimmt man vom Vollständigen das Vollständige, bleibt allein das Vollständige. Om. Frieden, Frieden, Frieden.<br>
 
=== Erstes Kapitel – Brahman, Prakriti und kosmische Entfaltung ===
 
'''Vers 1.1 Paingala Upanishad'''<br>
Nachdem Paiṅgala sich Yajnavalkya genähert und ihm zuvor zwölf Jahre lang gedient hatte, bat er: „Lehre mich das höchste Geheimnis des [[Kaivalya]], der vollkommenen Freiheit.“<br>
 
'''Vers 1.2 Paingala Upanishad'''<br>
Yajnavalkya sprach: „O Sanfter, am Anfang war dies allein das Seiende. Dieses [[Brahman]] ist ewig frei, unveränderlich, Wahrheit, Erkenntnis und Glückseligkeit, vollkommen, anfangslos und immerwährend, das Eine ohne ein Zweites.“<br>
 
'''Vers 1.3 Paingala Upanishad'''<br>
In ihm bestand die nicht beschreibbare [[Mula Prakriti|Urnatur]], in der die drei Eigenschaften – rot, weiß und schwarz – im Gleichgewicht waren, ähnlich wie Wasser in der Wüste, Silber im Perlmutt, eine menschliche Gestalt in einem Pfosten oder Farblinien im Kristall erscheinen. Was sich in ihr spiegelte, war das Bewusstsein des Zeugen.<br>
 
'''Vers 1.4 Paingala Upanishad'''<br>
Als die Urnatur sich wandelte und [[Sattva]] überwog, wurde sie zur verhüllenden Kraft namens Avyakta. Das darin gespiegelte Bewusstsein ist das Ishvara-Bewusstsein. [[Ishvara]] beherrscht seine Maya, ist allwissend, Urheber von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung und der Keim des Weltalls. Er bringt die in ihm aufgelöste Welt zur Erscheinung. Entsprechend dem Karma der Lebewesen entfaltet sie sich wie ein Tuch; wenn dieses Karma erschöpft ist, zieht er sie wieder ein. Die ganze Welt ruht dann in ihm wie ein zusammengerolltes Tuch.<br>
 
'''Vers 1.5 Paingala Upanishad'''<br>
Aus der von Ishvara getragenen verhüllenden Kraft entstand bei Überwiegen von [[Rajas]] die projizierende Kraft namens Mahat. Das in ihr gespiegelte Bewusstsein ist das Bewusstsein Hiranyagarbhas. Mit Mahat identifiziert, besitzt Hiranyagarbha eine zugleich manifeste und unmanifeste Gestalt.<br>
 
'''Vers 1.6 Paingala Upanishad'''<br>
Aus der von Hiranyagarbha getragenen Projektionskraft entstand bei Überwiegen von [[Tamas]] die grobe Kraft namens Ahamkara. Das darin gespiegelte Bewusstsein ist das Virat-Bewusstsein. Mit Ahamkara identifiziert, besitzt Virat eine manifeste Gestalt und wird zu Vishnu, dem höchsten kosmischen Menschen und Beschützer alles Grobstofflichen. Aus dem Selbst entstand Raum, aus Raum Luft, aus Luft Feuer, aus Feuer Wasser und aus Wasser Erde. Diese fünf feinen Elemente tragen die drei Gunas in sich.<br>
 
'''Vers 1.7 Paingala Upanishad'''<br>
Die Weltursache wollte schaffen. Sie gründete sich auf Tamas und beschloss, die feinen Tanmatras zu groben Elementen zu verdichten. Dazu wurde jedes teilbare Element in zwei Hälften geteilt, die eine Hälfte nochmals in vier Teile, und jeder Eigenanteil mit Anteilen der vier anderen Elemente verbunden. Aus den so verfünffachten Elementen entstanden unzählige Welteier, die jeweils vierzehn Welten sowie die zu ihnen passenden Sphären und grobstofflichen Körper enthalten.<br>
 
'''Vers 1.8 Paingala Upanishad'''<br>
Er teilte den Rajas-Anteil der fünf Elemente in vier Teile und schuf aus der Gesamtheit von drei Teilen den Prana mit seinen fünf Funktionen. Aus dem vierten Teil erschuf er die Handlungsorgane.<br>
 
'''Vers 1.9 Paingala Upanishad'''<br>
Er teilte den Sattva-Anteil dieser Elemente in vier Teile und schuf aus der Gesamtheit von drei Teilen das innere Instrument mit seinen fünf Tätigkeitsweisen. Aus dem vierten Sattva-Anteil erschuf er die Erkenntnisorgane.<br>
 
'''Vers 1.10 Paingala Upanishad'''<br>
Aus der Gesamtheit des Sattva schuf er die Gottheiten, welche die Organe lenken, und setzte sie in das Weltei ein. Auf sein Gebot durchdrangen sie das kosmische Ganze und nahmen dort ihren Platz ein. Virat, mit Ahamkara verbunden, beschützte auf sein Gebot die groben Dinge; Hiranyagarbha behütete die feinen.<br>
 
'''Vers 1.11 Paingala Upanishad'''<br>
Ohne ihn konnten die Wesen im Weltei weder schwingen noch handeln. Um sie zu beleben, durchbrach er das kosmische Brahmarandhra und die Scheitelöffnungen aller Einzelwesen und trat selbst in sie ein. Da verrichteten sogar die zuvor leblosen Gebilde ihre eigenen Tätigkeiten wie Bewusste.<br>
 
'''Vers 1.12 Paingala Upanishad'''<br>
Der allwissende Ishvara trat, mit einem Hauch von Maya verbunden, in den individuellen Körper ein; durch Maya getäuscht, nahm er den Zustand des [[Jiva]] an. Durch die Identifikation mit den drei Körpern wurde er zum Handelnden und Erfahrenden. Mit Wachen, Traum, Tiefschlaf, Ohnmacht und Tod verbunden, kreist er erregt wie ein Schöpfwerk oder ein Töpferrad umher und erscheint bald geboren, bald gestorben.<br>
 
'''Schlussformel des ersten Kapitels Paingala Upanishad'''<br>
Damit endet das erste Kapitel der Paingala Upanishad.<br>
 
=== Zweites Kapitel – Körper, Hüllen und Bewusstseinszustände ===
 
'''Vers 2.1 Paingala Upanishad'''<br>
Paiṅgala fragte Yajnavalkya: „Wie konnte Ishvara, der allgegenwärtige Schöpfer, Erhalter und Auflöser aller Welten, in den Zustand eines Jiva gelangen?“<br>
 
'''Vers 2.2 Paingala Upanishad'''<br>
Yajnavalkya antwortete: „Ich werde die Natur von Jiva und Ishvara unterscheiden und dabei die Entstehung des groben, feinen und kausalen Körpers erklären; höre aufmerksam und gesammelt. Ishvara nahm kleine Anteile der verfünffachten großen Elemente und bildete daraus die individuellen und kosmischen groben Körper. Schädel, Haut, Gedärme, Knochen, Fleisch und Nägel gehören zum Erdanteil; Blut, Urin, Speichel, Schweiß und Ähnliches zum Wasseranteil; Hunger, Durst, Wärme, Verblendung und Geschlechtstrieb zum Feueranteil; Fortbewegung, Heben und Atmen zum Luftanteil; Verlangen, Zorn und Ähnliches zum Raumanteil. Dieses durch angesammeltes Karma gebildete Gefüge, das mit Haut und Weiterem versehen, Grundlage der Identifikation mit Kindheit und anderen Lebenszuständen und Sitz vieler Mängel ist, heißt grober Körper.“<br>
 
'''Vers 2.3 Paingala Upanishad'''<br>
Aus der Gesamtheit dreier Rajas-Anteile der noch nicht verfünffachten großen Elemente schuf Ishvara den Prana. Prana, Apana, Vyana, Udana und Samana sind seine Hauptfunktionen; Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya die Neben-Pranas. Ihre Sitze sind Herz, After, Nabel, Kehle und der ganze Körper. Aus dem vierten Rajas-Anteil entstanden die Handlungsorgane: Sprache, Hände, Füße, Ausscheidungs- und Zeugungsorgan; ihre Aufgaben sind Sprechen, Ergreifen, Gehen, Ausscheiden und Lust. Aus der Gesamtheit dreier Sattva-Anteile entstand das innere Instrument. Dessen Tätigkeitsformen sind inneres Organ, Denken, Urteilskraft, Gedächtnisspeicher und Ichprinzip; ihre Aufgaben sind Vorstellen, Entscheiden, Erinnern, Sich-Zuschreiben und fortgesetztes Nachforschen. Als Sitze gelten Kehle, Gesicht, Nabel, Herz und Augenbrauenmitte. Aus dem vierten Sattva-Anteil entstanden die Erkenntnisorgane: Ohr, Haut, Auge, Zunge und Nase; ihre Gegenstände sind Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Geruch. Richtungen, Wind, Sonne, Varuna, Ashvins, Feuer, Indra, Upendra, Tod, Mond, Vishnu, der Viergesichtige und Shambhu werden als lenkende Gottheiten genannt.<br>
 
'''Vers 2.4 Paingala Upanishad'''<br>
Es gibt fünf [[Koshas]]: die Nahrungs-, Lebensenergie-, Geist-, Erkenntnis- und Glückseligkeitshülle. Was aus Nahrung entsteht, durch Nahrung wächst und sich in die aus Nahrung bestehende Erde auflöst, ist die Nahrungshülle, der grobe Körper. Die fünf Pranas mit den Handlungsorganen bilden die Pranahülle; der Geist mit den Erkenntnisorganen die Geisthülle; die Buddhi mit den Erkenntnisorganen die Erkenntnishülle. Diese drei bilden den feinen Körper. Die Unkenntnis der eigenen Wesensnatur ist die Glückseligkeitshülle; sie ist der kausale Körper.<br>
 
'''Vers 2.5 Paingala Upanishad'''<br>
Die fünf Erkenntnisorgane, fünf Handlungsorgane, fünf Haupt-Pranas, fünf Elemente, vier Funktionen des inneren Instruments sowie Verlangen, Karma und Dunkelheit bilden die „Stadt der Acht“ – den zusammengesetzten Bereich leiblicher Erfahrung.<br>
 
'''Vers 2.6 Paingala Upanishad'''<br>
Auf Ishvaras Gebot trat Virat in den individuellen Körper ein, nahm die Buddhi als Grundlage und wurde zum Vishva des Wachzustands. Erkenntnisselbst, Spiegelbewusstsein, Vishva, empirisches Selbst, Identifizierter mit dem groben Wachkörper und karmisch Hervorgebrachter sind seine Bezeichnungen.<br>
 
'''Vers 2.7 Paingala Upanishad'''<br>
Auf Ishvaras Gebot trat der Sutratman in den individuellen feinen Körper ein, nahm den Geist als Grundlage und wurde zu Taijasa. „Taijasa“, „scheinbare Wirklichkeit“ und „im Traum entworfen“ sind seine Bezeichnungen.<br>
 
'''Vers 2.8 Paingala Upanishad'''<br>
Auf Ishvaras Gebot trat das mit dem unmanifestierten Maya-Begrenzungsgrund verbundene Bewusstsein in den individuellen Kausalkörper ein und wurde zu Prajna. „Prajna“, „ungeteilt“, „letztgültig“ und „mit dem Tiefschlaf identifiziert“ sind seine Bezeichnungen.<br>
 
'''Vers 2.9 Paingala Upanishad'''<br>
Aussagen wie „Das bist du“ verkünden die Einheit des letztgültigen Jiva, der durch die Unwissenheit eines kleinen Anteils des Unmanifestierten verhüllt ist, mit Brahman – nicht die Einheit der empirischen oder bloß erscheinenden Persönlichkeitsformen als solcher.<br>
 
'''Vers 2.10 Paingala Upanishad'''<br>
Das im inneren Instrument gespiegelte Bewusstsein durchläuft die drei Zustände. Wenn es Wachen, Traum und Tiefschlaf annimmt, erscheint es wie ein bewegtes Schöpfwerk: bald beunruhigt, bald geboren, bald wie tot.<br>
 
'''Vers 2.11 Paingala Upanishad'''<br>
Es gibt fünf Zustände: Wachen, Traum, Tiefschlaf, Ohnmacht und Tod. Wachen ist das Erkennen von Klang und anderen Gegenständen durch die Erkenntnisorgane, die von ihren jeweiligen Gottheiten unterstützt werden. Der Jiva verweilt dabei zwischen den Augenbrauen, durchdringt den Körper vom Fuß bis zum Scheitel, führt alle Tätigkeiten wie Arbeiten und Hören aus und erfährt ihre Folgen – auch später in anderen Welten. Vom weltlichen Verkehr ermüdet wie ein Herrscher, sucht er den Weg in sein inneres Haus.<br>
 
'''Vers 2.12 Paingala Upanishad'''<br>
Wenn die Sinneswerkzeuge ruhen, leuchten – durch Wachprägungen hervorgerufen – Formen des Erkannten und Erkennenden auf: Das ist der Traumzustand. Vishva lässt den Wachverkehr zurück, bewegt sich als Taijasa inmitten der Nadis, erhellt aus eigener Leuchtkraft die aus Eindrücken geformte Vielfalt der Traumwelt und erfährt sie nach eigenem Wunsch.<br>
 
'''Vers 2.13 Paingala Upanishad'''<br>
Im Tiefschlaf ist allein das Citta tätig. Wie ein vom Umherfliegen ermüdeter Vogel die Flügel einzieht und zum Nest fliegt, so zieht sich der Jiva nach seinen Erfahrungen in Wach- und Traumwelt ermüdet in die Unwissenheit zurück und genießt seine eigene Glückseligkeit.<br>
 
'''Vers 2.14 Paingala Upanishad'''<br>
Ohnmacht gleicht dem Tod: Die Gesamtheit der Sinne zittert gleichsam infolge von Furcht und Nichtwissen, als wäre sie unerwartet von Hammer, Stock oder Ähnlichem getroffen worden.<br>
 
'''Vers 2.15 Paingala Upanishad'''<br>
Der von Wachen, Traum, Tiefschlaf und Ohnmacht verschiedene Zustand, der allen Lebewesen von Brahma bis zum Grashalm Furcht bereitet und den groben Körper ablegt, ist der Tod.<br>
 
'''Vers 2.16 Paingala Upanishad'''<br>
Der Jiva zieht Handlungs- und Erkenntnisorgane, ihre Gegenstände und die Pranas zusammen. Von Unwissenheit und feinen Elementen umhüllt sowie von Verlangen und Karma begleitet, nimmt er einen anderen Körper an und gelangt in eine andere Welt. Weil früheres Karma zur Frucht reift, findet er wie ein Insekt in einem Strudel keine Ruhe.<br>
 
'''Vers 2.17 Paingala Upanishad'''<br>
Wenn gutes Karma herangereift ist, erwacht nach vielen Geburten im Menschen das Verlangen nach Befreiung. Dann nimmt er Zuflucht zu einem [[Guru|wahren Lehrer]]; durch lange Zeit hingebungsvollen Dienstes gelangt einer von vielen aus Bindung zur Befreiung.<br>
 
'''Vers 2.18 Paingala Upanishad'''<br>
Bindung entsteht durch fehlende Untersuchung, Befreiung durch unterscheidendes Erforschen. Deshalb soll man immer forschen. Durch die Methode von Zuschreibung und anschließender Zurücknahme lässt sich die wahre Natur bestimmen. Darum prüfe man beständig Welt, Jiva und höchstes Selbst: Wenn die Vorstellungen von Jiva und Welt aufgehoben sind, bleibt allein das vom inneren Selbst ungetrennte Brahman.<br>
 
'''Schlussformel des zweiten Kapitels Paingala Upanishad'''<br>
Damit endet das zweite Kapitel der Paingala Upanishad.<br>
 
=== Drittes Kapitel – Mahavakya, Samadhi und Befreiung ===
 
'''Vers 3.1 Paingala Upanishad'''<br>
Darauf bat Paiṅgala Yajnavalkya: „Lehre mich die genaue Bedeutung der [[Mahavakya|großen upanishadischen Aussagen]].“<br>
 
'''Vers 3.2 Paingala Upanishad'''<br>
Yajnavalkya sprach: „Man soll sich beständig vergegenwärtigen: ‚Das bist du‘, ‚Du bist Das‘, ‚Du bist Brahman‘ und ‚Ich bin Brahman‘.“<br>
 
'''Vers 3.3 Paingala Upanishad'''<br>
Das Wort „Tat“ bezeichnet die nur mittelbar erkannte, mannigfaltig erscheinende Weltursache, die durch Allwissenheit und weitere Eigenschaften gekennzeichnet ist, Maya als begrenzende Bedingung besitzt und von Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit geprägt ist. Dasselbe Bewusstsein, durch das innere Instrument differenziert und Stütze der Ichvorstellung, wird durch „Tvam“ bezeichnet. Lässt man Maya und Avidya, die Begrenzungen des höchsten und des individuellen Selbst, beiseite, so ist die in „Tat“ und „Tvam“ gemeinte Wirklichkeit das vom inneren Selbst ungetrennte Brahman.<br>
 
'''Vers 3.4 Paingala Upanishad'''<br>
Das Erforschen der Aussagebedeutung von „Das bist du“ und „Ich bin Brahman“ ist [[Shravana]], hörendes Studium. Die Bedeutung des Gehörten in der Zurückgezogenheit weiterzuverfolgen ist [[Manana]], Nachdenken. Den Geist mit ungeteilter Stetigkeit auf die durch Hören und Nachdenken zweifelsfrei erkannte Wirklichkeit auszurichten ist [[Nididhyasana]], tiefe Kontemplation. Wenn der Geist die Trennung von Meditierendem und Meditation loslässt und wie eine Lampe an einem windstillen Ort einzig beim Meditationsgegenstand verweilt, ist dies [[Samadhi]].<br>
 
'''Vers 3.5 Paingala Upanishad'''<br>
Dann entstehen auf den Atman gerichtete Bewusstseinsbewegungen, die währenddessen nicht gegenständlich erkannt, sondern später aus der Erinnerung erschlossen werden. Durch sie lösen sich unzählige, im anfangslosen Samsara angesammelte Karmas auf. Mit wachsender Meisterschaft der Übung ergießen sich immerfort tausendfache Ströme des Unsterblichkeitsnektars; die besten Yogakenner nennen diesen Samadhi „Dharma-Wolke“. Wenn dadurch das Geflecht der Neigungen restlos aufgelöst und das angesammelte gute wie schlechte Karma samt Wurzel beseitigt ist, führt die zuvor nur mittelbar verstandene Aussage ungehindert zu unmittelbarer Erkenntnis – klar wie eine Frucht auf der Handfläche. Dann ist der Mensch [[Jivanmukta]], zu Lebzeiten befreit.<br>
 
'''Vers 3.6 Paingala Upanishad'''<br>
Ishvara beschloss, die verfünffachten Elemente wieder zu entflechten. Er führte das Weltei, die darin liegenden Welten und alle Wirkungen in ihren Ursachenstand zurück, vereinigte die feinen Organe, Handlungsorgane, Pranas, Erkenntnisorgane und die vier Teile des inneren Instruments und führte alles Elementhafte in die fünf Ursachen-Elemente zurück. In der Reihenfolge löst sich Erde in Wasser, Wasser in Feuer, Feuer in Luft, Luft in Raum, Raum in Ahamkara, Ahamkara in Mahat, Mahat in das Unmanifestierte und dieses in Purusha auf. Mit dem Schwinden ihrer Begrenzungen gehen Virat, Hiranyagarbha und Ishvara in das höchste Selbst ein.<br>
 
'''Vers 3.7 Paingala Upanishad'''<br>
Der grobe Körper, aus den verfünffachten Elementen entstanden und durch angesammeltes Karma gebildet, wird bei erschöpftem Karma und gereifter Lauterkeit entflechtet, mit dem feinen Körper vereint, in den kausalen Zustand zurückgeführt und schließlich in seiner Ursache, dem unwandelbaren inneren Selbst, aufgelöst. Vishva, Taijasa und Prajna gehen mit der Auflösung ihrer jeweiligen Begrenzungen in das innere Selbst ein.<br>
 
'''Vers 3.8 Paingala Upanishad'''<br>
Das Weltei, vom Feuer der Erkenntnis verbrannt, geht mitsamt seinen Ursachen im höchsten Selbst auf. Deshalb soll der nach Brahman Strebende gesammelt bleiben und sich stets der Einheit der Bedeutungen von „Tat“ und „Tvam“ vergewissern. Dann tritt der Atman hervor wie die Sonne, wenn die Wolken gewichen sind.<br>
 
'''Vers 3.9 Paingala Upanishad'''<br>
Man meditiere über den Atman in der Mitte des Herzens wie über eine Lampe im Inneren eines Gefäßes: daumengroß in der Vorstellung und von der Gestalt eines rauchlosen Lichtes.<br>
 
'''Vers 3.10 Paingala Upanishad'''<br>
Man meditiere über den innerlich leuchtenden, unwandelbaren Kutastha. Der Weise, der so bis zum Einschlafen und bis zum Tod in Meditation verweilt, bleibt in dieser Schau gegründet.<br>
 
'''Vers 3.11 Paingala Upanishad'''<br>
Er ist als zu Lebzeiten befreit zu erkennen; gesegnet ist er und hat das zu Tuende vollbracht. Wenn sein Körper der Zeit anheimfällt und der Zustand der Befreiung im Körper endet, geht er in körperlose Freiheit ein, wie der Wind in Regungslosigkeit.<br>
 
'''Vers 3.12 Paingala Upanishad'''<br>
Zurück bleibt allein das Reine und Leidlose: ohne Klang, Berührung und Gestalt, unvergänglich, ohne Geschmack und Geruch, ewig, ohne Anfang und Ende, jenseits von Mahat und unwandelbar.<br>
 
'''Schlussformel des dritten Kapitels Paingala Upanishad'''<br>
Damit endet das dritte Kapitel der Paingala Upanishad.<br>
 
=== Viertes Kapitel – Der Zustand des Erkennenden ===
 
'''Vers 4.1 Paingala Upanishad'''<br>
Darauf fragte Paiṅgala Yajnavalkya: „Welche Handlung bleibt dem Erkennenden, und wie ist sein innerer Zustand?“<br>
 
'''Vers 4.2 Paingala Upanishad'''<br>
Yajnavalkya sprach: „Ein nach Befreiung Strebender, der Demut und die weiteren Tugenden besitzt, führt einundzwanzig Generationen hinüber. Ein wirklicher Brahmankenner allein führt einhunderteine Generationen hinüber.“ Diese traditionelle Verheißung preist die überpersönliche Wirkung verwirklichter Erkenntnis.<br>
 
'''Vers 4.3 Paingala Upanishad'''<br>
Erkenne den [[Atman]] als den Fahrgast und den Körper als Wagen. Erkenne die Buddhi als Wagenlenker und den Geist als Zügel.<br>
 
'''Vers 4.4 Paingala Upanishad'''<br>
Die Weisen nennen die Sinne die Pferde und ihre Gegenstände die Wege, auf denen sie laufen. Die Herzen sind die beweglichen Gefährte.<br>
 
'''Vers 4.5 Paingala Upanishad'''<br>
Die großen Rishis nennen den mit Sinnen und Geist verbundenen Atman den Erfahrenden. Deshalb ist [[Narayana]] selbst fest im Herzen gegründet.<br>
 
'''Vers 4.6 Paingala Upanishad'''<br>
Bis das Prarabdha-Karma erschöpft ist, bewegt sich der Befreite im Körper wie eine Schlange in ihrer bereits abgestreiften Haut. Körpertragend und doch frei, wandert er wie der Mond umher und hat kein festes Zuhause.<br>
 
'''Vers 4.7 Paingala Upanishad'''<br>
Ob er den Körper an einem heiligen Ort oder im Haus eines gesellschaftlich Ausgegrenzten verlässt: Nachdem er die Pranas abgelegt hat, gelangt er zum Kaivalya, zur vollkommenen Freiheit.<br>
 
'''Vers 4.8 Paingala Upanishad'''<br>
Danach soll man seinen Leib den Himmelsrichtungen übergeben oder ihn bestatten. Die Wandermönchschaft wird in dieser historischen Vorschrift dem dafür geeigneten Menschen, nicht unterschiedslos jedem, zugesprochen.<br>
 
'''Vers 4.9 Paingala Upanishad'''<br>
Für einen Bettelmönch, der Brahman geworden ist, soll es weder rituelle Unreinheit noch Feuerzeremonie, weder Reisbällchen- noch Wasserritus und auch keine periodischen Totengedenkriten geben.<br>
 
'''Vers 4.10 Paingala Upanishad'''<br>
Wie bereits Verbranntes nicht noch einmal verbrannt und bereits Gekochtes nicht erneut gekocht wird, so gibt es für den, dessen Leib im Erkenntnisfeuer verbrannt ist, weder Shraddha noch Bestattungsritus.<br>
 
'''Vers 4.11 Paingala Upanishad'''<br>
Solange eine begrenzende Bedingung fortbesteht, soll man dem Guru dienen. Gegenüber der Frau des Gurus und seinen Kindern soll man sich mit derselben Achtung wie gegenüber dem Guru verhalten.<br>
 
'''Vers 4.12 Paingala Upanishad'''<br>
Wer reinen Geistes, von der Natur reinen Bewusstseins und geduldig ist und in Erkenntnis und unmittelbarer Einsicht zu „Ich bin Er“ gelangt, wer das erkennbare höchste Selbst im Herzen gegründet und im Körper den Zustand des Friedens gewonnen hat, wird zu reinem Leuchten, frei von Geist und unterscheidendem Denken.<br>
 
'''Vers 4.13 Paingala Upanishad'''<br>
Wozu braucht, wer vom Nektar gesättigt ist, noch Milch? Wozu dienen die Veden dem, der auf diese Weise sein eigenes Selbst erkannt hat? Für den Yogi, der vom Erkenntnisnektar erfüllt ist, bleibt nichts zu tun. Meint er, etwas zur Vollendung tun zu müssen, ist er noch kein Kenner der Wirklichkeit. Obwohl das innere Selbst fern erscheint, ist es nicht fern; obwohl es im Körper gegenwärtig ist, ist es nicht auf den Körper begrenzt, denn es ist alldurchdringend.<br>
 
'''Vers 4.14 Paingala Upanishad'''<br>
Nachdem man das Herz geläutert und über das leidlose Eine meditiert hat, soll man erkennen: „Ich allein bin das Höchste und das Ganze.“ Das ist höchste Glückseligkeit.<br>
 
'''Vers 4.15 Paingala Upanishad'''<br>
Wie Wasser, das in Wasser gegossen wird, Milch in Milch und Ghee in Ghee keinen Unterschied mehr zeigen, so besteht kein Unterschied zwischen individuellem Selbst und höchstem Selbst.<br>
 
'''Vers 4.16 Paingala Upanishad'''<br>
Wenn der Körper durch Erkenntnis erhellt ist und die Buddhi die Gestalt des ungeteilten Einen angenommen hat, soll der Weise die Karmabindung im Feuer der Brahman-Erkenntnis verbrennen.<br>
 
'''Vers 4.17 Paingala Upanishad'''<br>
Dann steht er rein, im nichtdualen Wesen dessen, was „höchster Herr“ genannt wird, strahlend wie ein makelloser Himmel. Wie Wasser in Wasser eingeht, ruht er in der Gestalt des Selbst, frei von allen begrenzenden Bedingungen.<br>
 
'''Vers 4.18 Paingala Upanishad'''<br>
Der Atman ist von feiner Gestalt wie der Raum und wird nicht gesehen; das innere Selbst ist unsichtbar wie der Wind. Es ist innen und außen und in sich unbewegt. Mit der Fackel der Erkenntnis schaut das innere Selbst.<br>
 
'''Vers 4.19 Paingala Upanishad'''<br>
Wo immer und durch welche Todesart ein Erkennender stirbt, dort geht er ein wie der allgegenwärtige Raum.<br>
 
'''Vers 4.20 Paingala Upanishad'''<br>
Er erkennt in Wahrheit, dass das Selbst sich wie der Raum in einem zerbrechenden Topf nicht vernichtet, sondern in seine unbegrenzte Weite eingeht. So gelangt er zum allseitigen, stützenlosen Licht der Erkenntnis.<br>
 
'''Vers 4.21 Paingala Upanishad'''<br>
Selbst wenn ein Mensch tausend Jahre lang auf einem Bein Askese übte, erreichte dies nicht den sechzehnten Teil dieses Dhyana Yoga.<br>
 
'''Vers 4.22 Paingala Upanishad'''<br>
Wer alles begrifflich erfassen will – „Dies ist Erkenntnis, dies das Erkennbare“ –, gelangt selbst bei tausendjährigem Leben nicht ans Ende der Lehrwerke.<br>
 
'''Vers 4.23 Paingala Upanishad'''<br>
Zu erkennen ist allein die unvergängliche Wirklichkeit; das körperliche Leben dagegen ist unstet. Darum lasse man das Geflecht der Lehrwerke hinter sich und verehre das, was wahr ist.<br>
 
'''Vers 4.24 Paingala Upanishad'''<br>
Vielfältige Handlungen, Läuterungsregeln, Japa, Opfer und Pilgerfahrten haben ihren vorbereitenden Platz nur so lange, wie die Wirklichkeit noch nicht erkannt ist.<br>
 
'''Vers 4.25 Paingala Upanishad'''<br>
Das beständige Bewusstsein „Ich bin Brahman“ ist für große Seelen die Ursache der Befreiung. Zwei kurze Vorstellungen führen zu Bindung beziehungsweise Freiheit: „mein“ und „nicht mein“.<br>
 
'''Vers 4.26 Paingala Upanishad'''<br>
Durch „mein“ wird das Lebewesen gebunden, durch Freiheit vom Besitzanspruch wird es befreit. Wenn der Geist in den Zustand jenseits des gewöhnlichen Denkens, Unmani, eingeht, wird keine Zweiheit mehr wahrgenommen.<br>
 
'''Vers 4.27 Paingala Upanishad'''<br>
Wenn der Unmani-Zustand eintritt, ist das die höchste Stätte. Wohin auch immer der Geist dann geht, überall ist für ihn die höchste Stätte.<br>
 
'''Vers 4.28 Paingala Upanishad'''<br>
Überall ist das höchste Brahman in gleicher Weise gegenwärtig. Eher könnte ein Hungernder den Raum mit Fäusten zerschlagen und sich von leeren Spelzen nähren, als dass jemand Befreiung erlangte, der nicht erkennt: „Ich bin Brahman.“<br>
 
'''Vers 4.29 Paingala Upanishad'''<br>
Wer diese Upanishad täglich studiert, gilt der Überlieferung zufolge als durch Agni, Vayu, Sonne, Brahma, Vishnu und Rudra geläutert, als in allen heiligen Gewässern gebadet, in allen Veden unterwiesen und in allen vedischen Gelübden bewährt. Ihm werden die Früchte hunderttausendfacher Rezitation von Itihasas, Puranas und Rudra-Hymnen sowie zehntausendfacher Pranava-Wiederholung zugesprochen. Er reinige zehn Generationen vor und zehn nach sich, heilige die Tischgemeinschaft und werde groß. Auch von den schwersten genannten Verfehlungen und von schuldhafter Mitwirkung daran werde er geläutert. Solche Phalashruti-Aussagen sind traditionelle Lobpreisung des Studiums, kein Ersatz für Verantwortung, Recht oder Wiedergutmachung.<br>
 
'''Vers 4.30 Paingala Upanishad'''<br>
Die Seher schauen immer jene höchste Stätte Vishnus, die sich wie ein Auge am Himmel ausbreitet.<br>
 
'''Vers 4.31 Paingala Upanishad'''<br>
Die wachen, erkenntnisreichen Weisen entzünden und erhellen jene höchste Stätte Vishnus. Om. Wahrheit – so lautet die Upanishad.<br>
 
'''Schließendes Shanti-Mantra Paingala Upanishad'''<br>
Om. Jenes ist vollständig; dieses ist vollständig. Aus dem Vollständigen geht das Vollständige hervor. Nimmt man vom Vollständigen das Vollständige, bleibt allein das Vollständige. Om. Frieden, Frieden, Frieden.<br>
'''Schlussformel Paingala Upanishad'''<br>
Damit ist die Paingala Upanishad beendet.<br>
 
== Die fünf wichtigsten Empfehlungen der Paingala Upanishad für ernsthafte Aspiranten ==
 
'''1. Verbinde Shravana, Manana und Nididhyasana.'''<br>
Lies eine kurze Passage genau, denke ihre Aussage selbstständig durch und sitze anschließend still mit ihrer wesentlichen Bedeutung. So wird Studium zur gelebten [[Meditation]].<br>
 
'''2. Unterscheide den Zeugen von den wechselnden Zuständen.'''<br>
Beobachte beim Wachen und vor dem Einschlafen: Körperempfindung, Gedanke und Stimmung verändern sich; das Licht, in dem sie erkannt werden, bleibt gegenwärtig.<br>
 
'''3. Nutze die fünf Koshas als Landkarte, nicht als Dogma.'''<br>
Pflege Körper, [[Prana]], Geist und Unterscheidungskraft. Frage zugleich, ob eine dieser erfahrbaren Schichten dein ganzes Wesen ausmacht.<br>
 
'''4. Prüfe „mein“ und „nicht mein“ im Alltag.'''<br>
Erkenne, wo Besitzdenken, Rechthaben und Rollenidentifikation Enge erzeugen. Übe Loslassen, ohne Verantwortung oder liebevolle Bindung zu verleugnen.<br>
 
'''5. Lass Erkenntnis ethisch sichtbar werden.'''<br>
Nicht außergewöhnliche Erfahrungen, sondern Wahrhaftigkeit, Demut, Mitgefühl und Freiheit von zwanghaftem Begehren zeigen, ob die nichtduale Einsicht das Leben verwandelt.<br>
 
==Pankl (Paingala Upanishad) mit Erläuterungen von Paul Deussen==
'''Artikel aus "Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda“ in der Übersetzung von Paul Deussen, herausgegeben von Peter Michel, Marix Verlag, 2. Auflage, 2007, Wiesbaden, S. 1013 - 1015.'''
 
===Einleitung===
Den Text dieser bisher, soviel uns bekannt, vergebens gesuchten [[Upanishad]] haben wir als einen Teil der in der [[Muktika]]-Sammlung als Nr. 59 aufgenommenen Paingala Upanishad aufgefunden. Der erste [[Adhyaya]] dieses inhaltreichen Werkes behandelt in einer aus [[Vedanta]] und [[Samkhya]]m gemischten, vielfach an den [[Vedantasara]] erinnernden, Anschauung die Kosmologie, der zweite ebenso die Physiologie, der dritte die "großen [[Wort]]e", namentlich [[Tat Tvam Asi]] und die [[Frucht]] ihrer [https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/meditation/ Meditation], der vierte endlich die [[Freiheit]] des [[Erlösung|Erlösten]]. Dem Eingange dieses vierten Adhyaya entstammt der Text der Pankl des [[Oupnek'hat]], welcher freilich im [[Sanskrit]]-Original merkwürdig zusammenschrumpft. Der Vergleich desselben (wie wir ihn hier, möglichst wörtlich und ohne Rücksicht auf den Oupnek'hat, wiedergeben) mit Anquetils Übersetzung liefert ein gutes Beispiel der großen Freiheit, mit welcher die persischen Übersetzer den Urtext behandelt haben.
 
===Pankl===
Da befragte [[Paingala]] den [[Yajnavalkya]]: "Welches ist das Werk und welches das Verhalten ([[Sthiti]]) des Wissenden?"
 
Da sprach Yajnavalkya: "Der mit [[Freiheit]] von Eigendünkel begabte Erlösungsuchende errettet einundzwanzig Stammglieder ([[kula]]m); der Brahmanwissende aber errettet hierdurch allein hundertundein Stammglieder.
 
:Ein Wagenfahrer ist, wisse,
:Der [[Atman]], Wagen ist der [[Körper|Leib]],
:Den Wagen lenkend ist [[Buddhi]],
:[[Manas]], wisse, der Zügel ist.<ref>Kath. 3, 3. die folgenden Verse sind Kath. 3, 4 in erweiterter Form.</ref>
 
:Die [[Sinne]], heißt es, sind Rosse,
:Die Sinnendinge ihre Bahn;
:Als Götterwagen, leichtfliegend,
:Sehen [[Weise]] die [[Herz]]en an.
 
:Aus Atman, Sinnen und Manas
:Das Gefügte "Genießer" heißt (Kath. 3,4).
:Durch ihn, unmittelbar faßlich,
:Weilt im [https://www.yoga-vidya.de/seminarsuche/herz Herzen] [[Narayana]].
 
:Nach angefang'nen Werks Ablauf
:Ist sein Tun vergleichbar der Schlangenhaut.
:[[Seele]]n wechseln ihr Haus mondgleich<ref>Candravac carate dehi, sa muktas ca aniketanah. Wie der Mond jede Nacht in einem anderen Mondhaus wohnt, so die Seele bei jedem Leben in einem anderen Leib. Im Oupnek'hat ist der Vers an unrechte Stelle geraten und völlig mißverstanden: se ipsum potest — similem lunae lumini effectum — ex obscuritate monscientiae liberatum facere.</ref>,
:Wenn erlöst, sind sie ohne Haus.
 
Mag er den Leib verlassen an einem ge[[heilig]]ten Ort oder in der Hütte eines Hundefleisch-Essenden, - er geht zur Absolutheit ein. Er schüttelt die Lebenshauche ab und geht zur Absolutheit ein.
 
:Mag man ihn hinterher spenden
:Dem Luftraum, oder scharren ein,
:Niemals ein solcher [[Mann]] wandert
:Zu abermaliger [[Geburt]].
 
:Nicht Feuerbrauch, nicht Unreinsein (Manu 11,184),
:Nicht [[Pinda Upanishad|Mehlkloß]], Wasserspende nicht,
:Nicht Totenspenden hat nötig,
:Wer als [[Bhikshu]] zu [[Brahman]] ward!
 
:Wozu kochen, was schon gar ist?
:Wozu brennen, was schon verbrannt?
:Wo die Erkenntnisglut verbrannt
:Den Leib, bedarf's der Bräuche nicht!
 
:Bis man entwuchs der Welttäuschung,
:Soll dem [[Lehrer]] gehorchen man,
:Soll auch dem Lehrer gleich achten
:Lehrers Gattin und [[Kind]]er stets.
 
Doch reines Herzens und zu reinem [[Geist]] geworden, spreche man: 'ich bin er' mit [[Gelassenheit]], - 'ich bin er' mit Gelassenheit."
 
{{#ev:youtube|rfv8aAq_1qQ}}
 
 
===Fußnoten===
<references/>
 
==Siehe auch==
*[[Oupnek'hat]]
*[[Bark'he soukt]]
*[[Upanishad]]
*[[Veden]]
*[[Mahavakya]]
*[[Hinduismus]]
*[[Jnana Yoga]]
*[[Vedanta]]
*[[Vedanta Schulen]]
*[[Indische Philosophiesysteme]]
 
==Literatur==
*[https://www.yoga-vidya.de/yoga-buch/krishnananda/upanishaden/ Kostenloses Online-Buch Upanishaden von Swami Krishananda]
*[https://www.yoga-vidya.de/yoga-buch/andere-autoren/upanishaden/ Klassische Upanishaden - Die Weisheit des Yoga von Paul Deussen, 1980]
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p597_Das-Kronjuwel-der-Unterscheidung-von-Shri-Shankaracharya/ Das Kronjuwel der Unterscheidung von Shri Shankaracharya, Kommentar von Emanuel Meyer, 2002 ]
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p484_Vedanta-----Der-Ozean-der-Weisheit/&XTCsid=a793ba3e94d6e68c68e3244b0615a13f Swami Vivekananda, Vedanta - Der Ozean der Weisheit]
*Wilfried Huchzermeyer: ''Die heiligen Schriften Indiens - Geschichte der Sanskrit-Literatur.'' (edition-sawitri.de)  ISBN 3-931172-22-8
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p927_Vedanta-fuer-Anfaenger/ Vedanta für Anfänger von Swami Sivananda]
*Heinrich Zimmer: Philosophie und Religion Indiens, Suhrkamp, 2001
*Mylius, Klaus: Sanskrit – Deutsch. Deutsch – Sanskrit. Wörterbuch; Harrassowitz Verlag, Wiesbaden, 2005
* Paul Deussen: ''Sechzig Upanishad's des Veda''. Leipzig 1905; Nachdrucke bei Motilal Banarsidass.
* K. Narayanasvami Aiyar: ''Thirty Minor Upanishads''. Madras 1914.
* S. Radhakrishnan: ''The Principal Upanishads''. George Allen & Unwin, London 1953.
* [https://sanskritdocuments.org/doc_upanishhat/paingala.html Paingala Upanishad bei Sanskrit Documents] – Sanskritvergleich und Rahmentexte.
* [https://upanishads.org.in/otherupanishads/20 Paingala Upanishad bei Upanishads.org.in] – verwendete fein gegliederte Langfassung mit 73 nummerierten Einheiten.
* [https://www.wisdomlib.org/hinduism/book/thirty-minor-upanishads/d/doc217008.html K. Narayanasvami Aiyars englische Übersetzung, Kapitel 1] – Vergleichsübersetzung; Folgeseiten enthalten Kapitel 2 bis 4.
* [https://archive.org/details/sechzigupanishad00deusuoft Paul Deussen: ''Sechzig Upanishad's des Veda'' – Digitalisat]
* [https://www.yoga-vidya.de/yoga-buch/krishnananda/upanishaden/ Upanishaden – Online-Buch von Swami Krishnananda]
 
==Weblinks==
*[http://www.yoga-vidya.de/Yoga--Artikel/art_veden.html Veden aus „Göttliche Erkenntnis“  von Swami Sivananda]
*[http://www.yoga-vidya.de/Yoga--Artikel/Art-Artikel/art_upanishaden.html Upanishaden, Artikel aus "Göttliche Erkenntnis" von Swami Sivananda]
 
==Seminare==
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==Multimedia==
'''Klassische Schriften des Yoga: Veden, Upanishaden, Smritis, Puranas und Itihasas'''
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'''Jnana Yoga und Vedanta Einführung'''
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'''Vom Begrenzten zum Unendlichen - Geschichten aus den Upanishaden'''
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'''111 Geschichten aus den Upanishaden'''
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[[Kategorie:Upanishaden]]
[[Kategorie:Schriften]]
[[Kategorie:Hinduismus]]
[[Kategorie:Vedanta]]
[[Kategorie:Meditation]]
[[Kategorie:Deussen Upanishaden]]
[[Kategorie:Samanya Vedanta Upanishad]]

Version vom 31. August 2026, 16:06 Uhr

weiterleitung Paingala Upanishad