Yogachudamani Upanishad

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Die Yogachudamani Upanishad oder auch Yogachudamanyupanishad (Sanskrit: योगचूडामण्युपनिषद् yoga-cūḍāmaṇy-upaniṣad f.) die "Kronjuwel (Chudamani) des Yoga" genannte Upanishad, ist ein Teil der indischen Heiligen Schriften, die Veda genannt werden. Die Yogachudamani Upanishad gehört zum Samaveda und wird den Yoga Upanishaden zugeordnet.

Die Yogachudamani Upanishad ist trotz ihrer formalen Zugehörigkeit zur Shruti ein kompilierter Text, insofern der Großteil ihrer Verse aus anderen, älteren Werken zusammengetragen und in teilweise neuer Anordnung übernommen wurden. Diese sind in den meisten Fällen das Goraksha Shataka (Version 1 und 2, welche wiederum auf die Goraksha Paddhati zurückgehen), und die Hatha Yoga Pradipika (die ebenfalss auf Verse der Goraksha Paddhati zurückgreift). Eine detaillierte Übersicht hierzu gibt die Konkordanz der Verse der Yogachudamani Upanishad, des Goraksha Shataka (Version 1 und 2) und der Hatha Yoga Pradipika.

Inhaltsverzeichnis

Yogachudamani Upanishad Übersetzung, Sanskrit Text Devanagari und Umschrift, Wort-für-Wort-Übersetzung

Vorbemerkungen zum Text

Die Yogachudamani Upanishad ist für die Erforschung der Hatha Yoga-Texte, die im engeren Zusammenhang der Tradition der Natha-Yogis stehen, insofern von besonderem Interesse, als sie viele wichtige Lesarten und Varianten bietet, die dem Gesamtverständnis dieser Textgruppe dienen. Große Textpassagen sind nahezu identisch mit zusammenhängenden Abschnitten der Version 1 bzw. 2 des Goraksha Shataka bzw. der noch älteren Goraksha Paddhati, teilweise in derselben, teilweise in geänderter Versfolge. Für ein besseres Textverständnis sind daher einige textkritische Anmerkungen und Bezüge zum Goraksha Shataka, zur Goraksha Paddhati sowie zur Hatha Yoga Pradipika erforderlich.

Vers 1: Einleitung

Ich werde nun, mit dem Wunsch den Yogis zu nützen, den Kronjuwel des Yoga verkünden, ein Mysterium, das (hinsichtlich des Erreichens der) höchsten Befreiung Erfolg gewährt, und von den besten Kennern des Yoga verehrt wird.


योगचूडामणिं वक्ष्ये योगिनां हितकाम्यया |
कैवल्यसिद्धिदं गूढं सेवितं योगवित्तमैः || १ ||
yoga-cūḍāmaṇiṃ vakṣye yogināṃ hita-kāmyayā |
kaivalya-siddhidaṃ gūḍhaṃ sevitaṃ yoga-vittamaiḥ || 1 ||
yoga-chudamanim vakshye yoginam hita-kamyaya |
kaivalya-siddhidam gudham sevitam yoga-vittamaiḥ || 1 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

yoga-cūḍāmaṇim : den Kronjuwel (Chudamani) des Yoga
vakṣye : ich werde verkünden, lehren (vac)
yoginām : der Yogis (Yogin)
hita-kāmyayā : mit dem Wunsch für den Nutzen (Hitakamya)
kaivalya-siddhidam : der (hinsichtlich des Erreichens der) höchsten Befreiung ("Alleinheit", Kaivalya) Erfolg gewährt (Siddhida)
gūḍham : geheim, ein Geheimnis, Mysterium (Gudha)
sevitam : verehrt, aufgesucht, benutzt (Sevita)
yoga-vit-tamaiḥ : von den besten (-tama) Kennern des Yoga (Yogavid)

Anmerkung: Der erste Halbvers der Yogachudamani Upanishad ist offenbar an deren Textvorlage, die Goraksha Paddhati (1.3) angelehnt, wo es ganz ähnlich heißt: gorakṣa-saṃhitāṃ vakti yogināṃ hita-kāmyayā | "Er lehrt (vakti) mit dem Wunsch den Yogis zu nützen die (Vers-)Sammlung des Goraksha (Goraksha Samhita)". Eine weitere Adaption an GP 1.3 ist Vers 4 der Version 2 des Goraksha Shataka: gorakṣaḥ śatakaṃ vakti yogināṃ hita-kāmyayā | "Goraksha lehrt (nun) mit dem Wunsch den Yogis zu nützen (eine Sammlung von) einhundert (Versen, Shataka)".

Vers 2: Die sechs Glieder des Hatha Yoga

Körperstellung, Atemkontrolle, das Zurückhalten (der Sinne), Konzentration, Meditation und Versenkung - dies sind die sechs Glieder des Yoga.


आसनं प्राणसंरोधः प्रत्याहारश्च धारणा |
ध्यानं समाधिरेतानि योगाङ्गानि भवन्ति षट् || २ ||
āsanaṃ prāṇa-saṃrodhaḥ pratyāhāraś ca dhāraṇā |
dhyānaṃ samādhir etāni yogāṅgāni bhavanti ṣaṭ || 2 ||
asanam prana-samrodhah pratyaharash cha dharana |
dhyanam samadhir etani yogangani bhavanti shat || 2 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

āsanam : Körperstellung, Sitzhaltung (Asana)
prāṇa-samrodhaḥ : Atemkontrolle (Pranasamrodha)
pratyāhāraḥ : das Zurückhalten (der Sinne, Pratyahara)
ca : und (Cha)
dhāraṇā : Konzentration (Dharana)
dhyānam : Meditation (Dhyana)
samādhiḥ : Versenkung (Samadhi)
etāni : dies (Etad)
yogāṅgāni : Bestandteile, Glieder des Yoga (Yoganga)
bhavanti : sind (bhū)
ṣaṭ : die sechs (Shash)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Varianten als Vers 2 der Version 1 des Goraksha Shataka überliefert (vgl. auch die dortige Anm. zu diesem Vers), außerdem mit fast identischem Wortlaut als Vers 7 in der Version 2 des Goraksha Shataka.

Pranasamrodha (prāṇa-saṃrodhaḥ) ist ein Synonym für Pranayama. Es bedeutet soviel wie "Kontrolle über den Atem bzw. die Lebensenergie Prana", wörtlich jedoch das "Anhalten (Samrodha) des Atems (Prana)", und bezieht sich folglich insbesondere auf die Atemverhaltungen (Kumbhaka).

In YCU 120 wird eine Definition des Wortes pratyāhāraḥ im Sinne des "Rückzugs der Sinne von ihren äußeren Sinnesobjekten" gegeben (vgl. auch Yogasutra 2, 54). Eine hiervon abweichende Definition von Pratyahara gibt Vers 55 der Version 1 des Goraksha Shataka.

Die drei im vorliegenden Vers letztgenannten Glieder des Hatha Yoga, Dharana, Dhyana und Samadhi, werden in der Yogachudamani Upanishad allerdings nicht behandelt.

Vers 3 - 4: Siddhasana und Kamalasana. Kenntnis des feinstofflichen Körpers

Die eine (Sitzhaltung) wird perfekter Sitz (Siddhasana) genannt, die andere Lotussitz (Kamalasana). Wer die sechs Energiezentren, die sechzehn Stützen, die drei Arten von Meditationsobjekten, und die fünf Räume in seinem Körper nicht kennt, wie kann dessen Erfolg möglich sein?


एकं सिद्धासनं प्रोक्तं द्वितीयं कमलासनम् ||
षट्चक्रं षोडशाधारं त्रिलक्ष्यं व्योमपञ्चकम् || ३ ||
स्वदेहे यो न जानाति तस्य सिद्धिः कथं भवेत् |
ekaṃ siddhāsanaṃ proktaṃ dvitīyaṃ kamalāsanam ।
ṣaṭ-cakraṃ ṣoḍaśādhāraṃ tri-lakṣyaṃ vyoma-pañcakam || 3 ||
sva-dehe yo na jānāti tasya siddhiḥ kathaṃ bhavet |
ekam siddhasanam proktam dvitiyam kamalasanam |
shat-chakram shodashadharam tri-lakshyam vyoma-panchakam || 3 ||
sva-dehe yo na janati tasya siddhih katham bhavet |


Wort-für-Wort-Übersetzung

ekam : die eine (Sitzhaltung, Eka)
siddhāsanam : perfekter Sitz (Siddhasana)
proktam : wird genannt (Prokta)
dvitīyam : die andere ("zweite", Dvitiya)
kamalāsanam : Lotussitz (Kamalasana)
ṣaṭ-cakram : die sechs (Shash) Energiezentren ("Räder", Chakra)
ṣoḍaśādhāram : die sechzehn (Shodasha) Stützen, Konzentrationspunkte Adhara)
tri-lakṣyam : die drei Arten von Meditationsobjekten (Trilakshya)
vyoma-pañcakam : die fünf Räume (Vyoma Panchaka)
sva-dehe : im eigenen (Sva) Körper (Deha)
yaḥ : der, wer (Yad)
na : nicht (Na)
jānāti : kennt (jñā)
tasya : dessen (Tad)
siddhiḥ : Erfolg (Siddhi)
katham : wie (Katham)
bhavet : kann (möglich) sein (bhū)

Anmerkungen: An dieser Stelle wird der kompilative Charakter der Yogachudamani Upanishad bereits deutlich. Vers 3 ist aus Teilen zweier Verse des Goraksha Shataka zusammengesetzt: Der erste Halbvers stellt den zweiten Halbvers von Vers 7 der 1. Version des GŚ dar. Der vollständige Vers lautet wie folgt:

āsanebhyaḥ samastebhyo dvayam eva viśiṣyate |
ekaṃ siddhāsanaṃ proktaṃ dvitīyaṃ kamalāsanam || 7 ||

"Von allen Körperstellungen (Asana) zeichnen sich zwei (Dvaya) besonders aus: die eine wird perfekter Sitz (Siddhasana) genannt, die andere Lotussitz (Kamalasana)." GŚ 1, 7

Der zweite Halbvers von YCU 3 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 4 nahezu wörtlich dem 13. Vers der Version 2 des Goraksha Shataka:

ṣaṭ-cakraṃ ṣoḍaśādhāraṃ tri-lakṣ(y)aṃ vyoma-pañcakam |
sva-dehe ye na jānanti kathaṃ sidhyanti yoginaḥ || 13 ||

"Wie können diejenigen Yogis, die die sechs Energiezentren, die sechzehn Stützen, die drei Arten von Meditationsobjekten, und die fünf Räume in ihrem Körper nicht kennen, ans Ziel gelangen?" GŚ 2, 13

Ein ganz ähnlicher Vers wird in der ebenfalls dem Goraksha zugeschriebenen Siddha Siddhanta Paddhati (2.31) überliefert, wo allerdings von neun statt sechs Chakras die Rede ist:

nava-cakraṃ kalādhāraṃ tri-lakṣyaṃ vyoma-pañcakam |
samyag etan na jānāti sa yogī nāma-dhārakaḥ ||

"Einer, der die neun (Nava) Energiezentren (Chakra), die sechzehn (Kala) Stützen (Adhara), die drei Arten von Meditationsobjekten (Trilakshya), und die fünf Räume (Vyoma Panchaka) nicht vollständig kennt, der ist nur dem Namen nach (Namadharaka) ein Yogi."

Bei den sechs Chakras der Yogachudamani Upanishad dürfte es sich um die bekannten sechs unteren feinstofflichen Energiezentren Muladhara Chakra, Svadhisthana Chakra, Manipura Chakra, Anahata Chakra, Vishuddhi Chakra und Ajna Chakra handeln. Die neun Chakras, sechzehn Adharas, drei Arten von Meditationsobjekten (Trilakshya) und fünf Räume (Vyoma Panchaka) werden im Artikel Siddha Siddhanta Paddhati ausführlicher beschrieben.

Im Sinne einer gut lesbaren und verständlichen Übersetzung werden hier und im Folgenden die inhaltlich zusammengehörigen Halbverse der Yogachudamani Upanishad zusammengestellt. Derselben Praxis folgt auch Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der YCU, indem er die Textpassagen nach inhaltlichen Kriterien unterteilt und kommentiert, unabhängig von der mechanisch durchgeführten Verszählung, die er beibehält. Diese von der inhaltlichen Gliederung des Textes abweichende Verszählung betrifft nahezu das gesamte erste Drittel der YCU und endet mit Vers 39 (zu weiteren Textbezügen vgl. weiter unten die Konkordanz der Verse der Yogachudamani Upanishad, des Goraksha Shataka (Version 1 und 2), der Goraksha Paddhati und der Hatha Yoga Pradipika).

Vers 4 - 5: Die Chakras - Anzahl der Blütenblätter

Adhara, "die Grundlage", hat vier Blütenblätter, und Svadhishthana, "die Stätte des Selbst", hat sechs Blütenblätter. In der Nabelgegend ist ein Lotus mit zehn Blütenblättern, und in der Herzgegend ein (Rad) mit zwölf Speichen.


चतुर्दलं स्यादाधारं स्वाधिष्ठानं च षड्दलम् || ४ ||
नाभौ दशदलं पद्मं हृदये द्वादशारकम् |
catur-dalaṃ syād ādhāraṃ svādhiṣṭhānaṃ ca ṣaḍ-dalam || 4 ||
nābhau daśa-dalaṃ padmaṃ hṛdaye dvā-daśārakam |
chatur-dalam syad adharam svadhishthanam cha shad-dalam || 4 ||
nabhau dasha-dalam padmam hridaye dva-dasharakam |


Wort-für-Wort-Übersetzung

catur-dalam : vierblättrig (Chaturdala)
syāt : ist ("sei", as)
ādhāram : die Grundlage, Stütze (Adhara)
svādhiṣṭhānam : die Stätte des Selbst (Svadhishthana)
ca : und (Cha)
ṣaḍ-dalam : sechsblättrig (Shaddala)
nābhau : in der Nabelgegend ("am Nabel", Nabhi)
daśa-dalam : zehnblättriger (Dashadala)
padmam : (ist ein) Lotus (Padma)
hṛdaye : in der Herzgegend ("im Herzen", Hridaya)
dvā-daśārakam : ein (Rad mit) zwölf (Dvadasha) Speichen (Araka)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 4 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 5 nahezu wörtlich dem 15. Vers der Version 2 des Goraksha Shataka. Dort heißt es im vierten Pada sūrya-saṅkhya-dalaṃ hṛdi "in der Herzgegend (Hrid, ist ein Lotus) mit einer Anzahl (Sankhya) von zwölf ('Sonne', Surya) Blütenblättern (Dala)".

Es handelt sich der Reihe nach um das Muladhara Chakra, Svadhishthana Chakra, Manipura Chakra und Anahata Chakra. Der sich auf das Herzzentrum beziehende Ausdruck dvā-daśārakam enthält das Wort Araka "Radspeiche", was besonders gut zur ursprünglichen Bedeutung von Chakra - "Rad" - passt. Sehr wahrscheinlich ist die Vorstellung von rotierenden Rädern, deren unterschiedliche Speichenzahl der entsprechenden Anzahl der damit in Verbindung stehenden Keimsilben (Bija) bzw. Buchstaben (Akshara) des Sanskrit Alphabets entspricht, der symbolischen Darstellung der Chakras durch Lotusblüten (Padma) mit einer entsprechenden Anzahl von Blütenblättern (Dala) vorausgegangen.

So heißt es bspw. im Yogasutra (3.29): nābhi-cakre kāya-vyūha-jñānam "(Durch Samyama) auf das Nabelzentrum (Nabhi Chakra, entsteht) Kenntnis (Jnana) über die Bestandteile (Vyuha) des Körpers (Kaya)".

Vers 5 - 6: Die Chakras - Anzahl der Blütenblätter

(Im Kehlbereich ist ein Rad) mit sechzehn Speichen, genannt das Reine, und in der Mitte der Augenbrauen ein zweiblättriger (Lotus). An der Öffnung zum Absoluten (Brahmarandhra), am großen Weg (d.h. an Sushumna gelegen), ist ein (Lotus) mit tausend Blütenblättern.


षोडशारं विशुद्धाख्यं भ्रूमध्ये द्विदलं तथा || ५ ||
सहस्रदलसङ्ख्यातं ब्रह्मरन्ध्रे महापथि |
ṣoḍaśāraṃ viśuddhākhyaṃ bhrū-madhye dvi-dalaṃ tathā || 5 ||
sahasra-dala-saṅkhyātaṃ brahma-randhre mahā-pathi |
shodasharam vishuddhakhyam bhru-madhye dvi-dalam tatha || 5 ||
sahasra-dala-sankhyatam brahma-randhre maha-pathi |


Wort-für-Wort-Übersetzung

ṣoḍaśāram : (im Kehlbereich ein Rad mit) sechzehn (Shodasha) Speichen (Ara)
viśuddhākhyam : mit der Bezeichnung (Akhya) das Reine (Vishuddha)
bhrū-madhye : in der Mitte der Augenbrauen (Bhrumadhya)
dvi-dalam : (ein) zweiblättriger (Lotus, (Dvidala)
tathā : und (Tatha)
sahasra-dala-saṅkhyātam : (ein Lotus, der) tausend Blütenblätter (Sahasradala) hat ("zählend", Sankhyata)
brahma-randhre : an der Öffnung zum Absoluten, an der Fontanelle (Brahmarandhra)
mahā-pathi : am großen Weg (Mahapatha); oder: an bzw. entlang der Sushumna

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 5 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 6 weitestgehend dem 16. Vers der Version 2 des Goraksha Shataka (vgl. die dortige Anm.). Dort heißt es im ersten Pada kaṇṭhe syāt ṣoḍaśa-dalaṃ "Im Kehlbereich (Kantha) ist (ein Lotus) mit sechzehn Blütenblättern (Shodashadala)". Es handelt sich entsprechend um das Vishuddha Chakra, Ajna Chakra und Sahasrara Chakra.

Damit wurden in diesem und dem vorangehenden Vers die sieben Haupt-Chakras genannt. Interessanterweise hieß es in Vers 3 "Wer die sechs Energiezentren ... in seinem Körper nicht kennt ...", was möglicherweise ein Hinweis darauf ist, dass das Sahasrara Chakra genannte siebte Chakra sich außerhalb bzw. oberhalb des physischen Körpers befindet.

Vers 6 - 7: Adhara, Svadhishthana und Yonisthana

Adhara, "die Grundlage", ist das erste Energiezentrum (Chakra), Svadhishthana, "die Stätte des Selbst", das zweite. Zwischen diesen beiden befindet sich Yonisthana, "der Ort des Ursprungs", der Kamarupa, "die Natur des Verlangens" (oder: "jede beliebige Gestalt annehmend"), genannt wird.


आधारं प्रथमं चक्रं स्वाधिष्ठानं द्वितीयकम् || ६ ||
योनिस्थानं द्वयोर्मध्ये कामरूपं निगद्यते |
ādhāraṃ prathamaṃ cakraṃ svādhiṣṭhānaṃ dvitīyakam || 6 ||
yoni-sthānaṃ dvayor madhye kāma-rūpaṃ nigadyate |
adharam prathamam chakram svadhishthanam dvitiyakam || 6 ||
yoni-sthanam dvayor madhye kama-rupam nigadyate |


Wort-für-Wort-Übersetzung

ādhāram : die Grundlage, Stütze (Adhara)
prathamam : (ist) das erste (Prathama)
cakram : Energiezentrum ("Rad", Chakra)
svādhiṣṭhānam : die Stätte des Selbst (Svadhishthana)
dvitīyakam : (ist) das zweite (Dvitiyaka)
yoni-sthānam : (ist) der Ort des Ursprungs (Yonisthana), die Stelle (Sthana) des Dammes, Beckenbodens ("des Ursprungs", Yoni)
dvayoḥ : dieser beiden (Dva)
madhye : in der Mitte (Madhya)
kāma-rūpam : die Natur ("Form") des Verlangens, jede beliebige Gestalt (Kamarupa)
nigadyate : der genannt wird (ni + gad)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 6 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 7 Wort für Wort Vers 10 der Version 1 und Vers 17 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie Vers 16 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati.

Adhara ist ein Synonym für Muladhara, das Wurzelzentrum. Yonisthana bedeutet die Region des Beckenbodens, das Perineum. Kamarupa ist auch der Name einer Region im indischen Bundesstaat Assam, in der sich ein bedeutender Tempelkomplex der Shakti-Verehrung befindet.

Vers 7 - 8: Symbolik des Adhara (Muladhara Chakra)

In der Gegend des Anus befindet sich ein Verlangen (Kama) genannter vierblättriger Lotus. In dessen Mitte, so wird es gelehrt, befindet sich ein Dreieck (Yoni), das von den Vollkommenen als Kamakhya gepriesen wird.


कामाख्यं तु गुदस्थाने पङ्कजं तु चतुर्दलम् || ७ ||
तन्मध्ये प्रोच्यते योनिः कामाख्या सिद्धवन्दिता |
kāmākhyaṃ tu guda-sthāne paṅkajaṃ tu catur-dalam || 7 ||
tan-madhye procyate yoniḥ kāmākhyā siddha-vanditā |
kamakhyam tu guda-sthane pankajam tu chatur-dalam || 7 ||
tan-madhye prochyate yonih kamakhyha siddha-vandita |


Wort-für-Wort-Übersetzung

kāmākhyam : (ist) ein den Namen (Akhya) Verlangen (Kama) habender
tu : aber, jedoch (Tu)
guda-sthāne : in der Gegend (Sthana) des Anus (Guda)
paṅkajam : Lotus (Pankaja)
tu : aber, jedoch
catur-dalam : vierblättriger (Chaturdala)
tan-madhye : in dessen (Tad) Mitte (Madhya)
procyate : wird erwähnt, gelehrt (pra + vac)
yoniḥ : ein (als Dreieck dargestelltes) weibliches Genital (Yoni)
kāmākhyā : Kamakhya ("Name des Verlangens")
siddha-vanditā : das von den Vollkommenen (Siddha) gepriesen, verehrt (Vandita) wird

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 7 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 8 mit einigen Lesarten Vers 11 der Version 1 sowie Vers 18 der Version 2 des Goraksha Shataka, ebenso Vers 17 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati. Dort heißt es im ersten Pada ādhārākhye guda-sthāne bzw. ādhārākhyaṃ guda-sthānaṃ, woraus sich ergibt, dass sich in der Anusgegend das Adhara genannte (Akhya) erste Chakra, also das Muladhara Chakra befindet.

Die zweimalige Verwendung der Partikel tu "aber, jedoch" im ersten Halbvers der YCU ist insofern auffällig, als tu in metrischen Texten häufig die bloße Funktion eines Lückenfüllers hat. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die Lesung des Goraksha Shataka die ursprünglichere ist, da der Text beider Versionen ohne tu auskommt.

Das Neutrum kāmākhyam, das in der Lesart der Yogachudamani Upanishad im ersten Pada steht, ist der Name eines heiligen Ortes, an dem die Göttin Durga als Kāmākhyā (Femininum, "Name des Verlangens") verehrt wird. Zur Bedeutung und Symbolik der im Muladhara Chakra befindlichen Kamakhya genannten Yoni vgl. die Anm. zu Vers 11 der Version 1 des Goraksha Shataka. Auch Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der YCU, versteht sie als Repräsentation der Kundalini Shakti, d.h. der als "Schlangenkraft" im Muladhara Chakra wohnenden Göttin.

Vers 8 - 9: Symbolik des Adhara (Muladhara Chakra)

In der Mitte dieses (Dreiecks) befindet sich ein großes Linga, das nach Westen (d.h. in Richtung der Sushumna) ausgerichtet ist. Wer den Lichtkreis im Bereich des Nabels, (leuchtend) wie ein Edelstein, kennt, der ist ein Kenner des Yoga.


तस्य मध्ये महालिङ्गं पश्चिमाभिमुखं स्थितम् || ८ ||
नाभौ तु मणिवद्बिम्बं यो जानाति स योगवित् |
tasya madhye mahā-liṅgaṃ paścimābhimukhaṃ sthitam || 8 ||
nābhau tu maṇi-vad bimbaṃ yo jānāti sa yoga-vit |
tasya madhye maha-lingam pashchimabhimukham sthitam || 8 ||
nabhau tu mani-vad bimbam yo janati sa yoga-vit |


Wort-für-Wort-Übersetzung

tasya : des (als Dreieck dargestellten weiblichen Genitals, Tad)
madhye : in der Mitte (Madhya)
mahā-liṅgam : ein großes Linga ("männliches Glied", Mahalinga)
paścimābhimukham : das nach hinten ("Westen", Pashchima) ausgerichtet (Abhimukha) ist
sthitam : befindet sich (Sthita)
nābhau : im (Bereich des) Nabel(s, Nabhi)
tu : aber, jedoch (Tu)
maṇi-vat : wie (Vat) ein (leuchtender) Edelstein (Mani)
bimbam : den Lichtkreis ("Mondscheibe", Bimba)
yaḥ : wer (Yad)
jānāti : kennt (jñā)
saḥ : der (Tad)
yoga-vit : (ist) ein Kenner des Yoga (Yogavid)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 8 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 9 mit einigen Lesarten Vers 12 der Version 1 sowie Vers 19 der Version 2 des Goraksha Shataka, ebenso Vers 18 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati.

Dieser Vers bietet zwei Verständnisschwierigkeiten, einmal syntaktischer und einmal inhaltlicher Art. Das Demonstrativpronomen tasya "dessen" kann sich nur auf ein Maskulinum oder Neutrum beziehen, wofür nur der kāmākhyam genannte "Lotus" (paṅkajam), also das Adhara in Frage kommt (vgl. den ersten Halbvers des vorangehenden Verses 7 - 8). Die Lesung beider Versionen des Goraksha Shataka lautet hingegen yoni-madhye "inmitten der Yoni" statt tasya madhye "inmitten des (Adhara)", d.h. das hier beschriebene Linga befindet sich in dem die Yoni symbolisierenden Dreieck, das sich wiederum im Muladhara Chakra befindet. Möglicherweise steht die Lesung tasya nur fälschlich für tasyā, die Sandhiform von tasyāḥ "deren", womit der syntaktische Bezug auf das Femininum yoniḥ im vorangehenden Vers erfüllt wäre.

Im zweiten Halbvers scheint in der Yogachudamani Upanishad ein Überlieferungsfehler vorzuliegen: Da es hier um die Symbolik des auch Adhara genannten Muladhara Chakra geht, passt der Ausdruck nābhau tu "im Nabel(bereich) hingegen" nicht so recht hierher (das Nabelzentrum wird erst in Vers 12 - 13 behandelt). Das Goraksha Shataka liest dafür mastake, d.h. der Lichtkreis (bimbam) befindet sich am "Kopf" des in der Yoni befindlichen mahā-liṅgaṃ (vgl. die Anm. zu Vers 12 der Version 2 des Goraksha Shataka). Die Partikel tu ist an dieser Stelle wieder bloßer Lückenfüller (vgl. Vers 7 - 8).

Vers 9 - 10: Symbolik des Adhara (Muladhara Chakra)

Unterhalb des Linga befindet sich ein Dreieck, die Stätte des Feuers, die wie ein Blitzstrahl aufleuchtet und die Farbe glühenden Goldes hat.


तप्तचामीकराभासं तडिल्लेखेव विस्फुरत् || ९ ||
त्रिकोणं तत्पुरं वह्नेरधो मेढ्रात्प्रतिष्ठितम् |
tapta-cāmīkarābhāsaṃ taḍil-lekheva visphurat || 9 ||
tri-koṇaṃ tat puraṃ vahner adho meḍhrāt pratiṣṭhitam |
tapta-chamikarabhasam tadil-lekheva visphurat || 9 ||
tri-konam tat puram vahner adho medhrat pratishthitam |


Wort-für-Wort-Übersetzung

tapta-cāmīkarābhāsam : von der Farbe (Abhasa) glühenden (Tapta) Goldes (Chamikara)
taḍil-lekhā : ein Blitzstrahl (Tadillekha)
iva : wie (Iva)
visphurat : aufscheinend, leuchtend (vi + sphur)
tri-konam : ein Dreieck (Trikona)
tat : das (Tad)
puram : (ist) die Stätte ("Stadt", Pura)
vahneḥ : des Feuers (Vahni)
adhaḥ  : unterhalb (Adhas)
meḍhrāt : vom männlichen Glied (Medhra)
pratiṣṭhitam : befindet sich (Pratishthita)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 9 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 10 wortwörtlich Vers 20 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie Vers 19 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati. Vers 13 der Version 1 hat im dritten Pada die Lesung catur-asraṃ puraṃ "die viereckige Stätte (des Feuers)" statt tri-koṇaṃ tat puraṃ.

Die Verse GŚ 1, 11-13 zusammengenommen beschreiben die häufig dargestellten Bestandteile der Symbolik des Wurzelchakras: vierblättriger Lotus, Viereck (Chaturasra), Dreieck (Yoni) und Linga. In der vorliegenden Version ist allerdings von einem (weiteren) Dreieck (Trikona) die Rede, das sich (statt des Vierecks in GŚ 1, 13) unterhalb des Linga (Medhra) befindet, was von der üblichen Symbolik des Wurzelchakras abweicht.

Vers 10 - 11: Das höchste Licht

Wenn (dieses) höchste, unendliche, nach allen Richtungen strahlende Licht (im Zustand) der Versenkung erblickt wird, dann gibt es (für den Yogi) in der (endgültigen) großen Vereinigung keinen (erneuten) Daseinswandel mehr.


समाधौ परमं ज्योतिरनन्तं विश्वतोमुखम् || १० ||
तस्मिन्दृष्टे महायोगे यातायातो न विद्यते |
samādhau paramaṃ jyotir anantaṃ viśvato-mukham || 10 ||
tasmin dṛṣṭe mahā-yoge yātāyāto na vidyate |
samadhau paramam jyotir anantam vishvato-mukham || 10 ||
tasmin drishte maha-yoge yatayato na vidyate |


Wort-für-Wort-Übersetzung

samādhau : in der Versenkung (Samadhi)
paramam : (erscheinende) höchste (Parama)
jyotiḥ : Licht (Jyotis)
anantam : unendliche, grenzenlose (Ananta)
viśvato-mukham : das überallhin strahlt ("nach allen Seiten gewandt ist", Vishvatomukha)
tasmin : (wenn) es (Tad)
dṛṣṭe : gesehen, wahrgenommen wird (Drishta)
mahā-yoge : in der großen Vereinigung (Mahayoga)
yātāyātaḥ : einen, für den es Entstehen und Vergehen, Daseinswandel gibt ("Kommen und Gehen", Yatayata)
na : nicht (Na)
vidyate : es gibt (vid)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 10 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 11 beinahe Wort für Wort Vers 21 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie Vers 20 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati. Dort steht im vierten Pada das Neutrum yātāyātaṃ statt yātāyātaḥ (Maskulinum). Ersteres bedeutet "Kommen und Gehen" und könnte sich auf das Entstehen und Vergehen, den Daseinswandel beziehen. Die maskuline Form der Yogachudamani Upanishad bezieht sich vielleicht auf den (hier nicht ausdrücklich erwähnten) Yogi, für den es im Mahayoga kein erneutes "Kommen und Gehen", also keinen künftigen Daseinswandel mehr gibt. Das Kompositum mahā-yoge "im großen Yoga" könnte hier ein Synonym für Mahasamadhi sein, d.h. das willentliche endgültige Verlassen des Körpers und Eingehens ins Absolute. Für einen solchen Yogi gibt es keine Wiedergeburt mehr.

Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der YCU, versteht yātāyātaḥ ebenfalls als "Kommen und Gehen" (d.h. wie ein Neutrum) und bezieht es auf das Aus- und Einströmen der Lebensenergie durch Ida und die anderen Nadis (... tasya punar iḍādi-mārgeṇa yātāyāto na vidyate). Dies deutet darauf hin, dass Prana dann kontinuierlich nur noch durch die Sushumna fließt, und die übrigen Nadis ihren Zweck verlieren. In diesem Sinne heißt es in Hatha Yoga Pradipika 4.18:

dvā-saptati-sahasrāṇi nāḍī-dvārāṇi pañjare |
suṣumṇā śāmbhavī śaktiḥ śeṣās tv eva nirarthakāḥ || 4.18 ||

"Im Körper (Panjara) gibt es 72 000 Tore (Dvara für Prana in Form von feinstofflichen Energie-)Kanälen (Nadi). Die Sushumna ist die göttliche (Shambhavi) Energie (Shakti), die übrigen (Kanäle) sind (so gut wie) nutzlos." (HYP 4.18)

Vers 11 - 12: Svadhishthana Chakra

Mit dem Wort Selbst (Sva) wird die Lebensenergie (Prana) bezeichnet, und Svadhishthana, "die Stätte des Selbst", hat diese zur Basis (d.h. ist deren Sitz). Weil die Stätte des Selbst (bzw. des Prana) die Grundlage (des männlichen Gliedes) ist, wird (dieses Energiezentrum) auch nach dem männlichen Glied benannt.


स्वशब्देन भवेत्प्राणः स्वाधिष्ठानं तदाश्रयम् || ११ ||
स्वाधिष्ठानाश्रयादस्मान्मेढ्रमेवाभिधीयते |
sva-śabdena bhavet prāṇaḥ svādhiṣṭhānaṃ tad-āśrayam || 11 ||
svādhiṣṭhānāśrayād asmān meḍhram evābhidhīyate |
sva-shabdena bhavet pranah svadhishthanam tad-ashrayam || 11 ||
svadhishthanashrayad asman medhram evabhidhiyate |


Wort-für-Wort-Übersetzung

sva-śabdena : mit dem Wort (Shabda) Selbst (Sva)
bhavet : sei (bezeichnet, bhū)
prāṇaḥ : der Lebensatem, die Lebensenergie (Prana)
svādhiṣṭhānam : die Stätte des Selbst (das zweite Energiezentrum bzw. Chakra, Svadhishthana)
tad-āśrayam : hat diesen (Lebensatem, Tad) zur Basis ("als Stütze", Ashraya)
svādhiṣṭhānāśrayāt : weil die Stätte des Selbst/der Lebensenergie (Svadhishthana) die Grundlage (Ashraya, des männlichen Gliedes) ist
asmāt : deshalb (Idam)
meḍhram : (als) männliches Glied, Penis (Medhra)
eva : ebenso (Eva)
abhidhīyate : wird bezeichnet (abhi + dhā)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 11 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 12 wortwörtlich Vers 21 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati und mit einigen Lesarten Vers 14 der Version 1 (vgl. die dortige Anm.) sowie Vers 22 der Version 2 des Goraksha Shataka.

Der Kommentator Upanishad Brahma Yogin erklärt, dass der Penis (Medhra) durch einen "Lebensnerv" (Prana-Nadi) mit dem Svadhishthana in Verbindung steht, und daher diese Benennung gerechtfertigt ist: meḍhrasya prāṇa-nāḍitvāt svādhiṣṭhānāśrayatvaṃ yujyate.

Aus der ebenfalls dem Goraksha zugeschriebenen Siddha Siddhanta Paddhati (2.13) geht hervor, dass Medhradhara (meḍhra + ādhāra, "Penis-Stütze") eine andere Bezeichnung für das Svadhishthana Chakra ist. In der SSP wird es als das vierte von insgesamt sechzehn Adharas (vgl. YCU 3-4) beschrieben und in Verbindung mit der Technik Vajroli gebracht, die der Kontrolle des Samenflusses (Bindustambhana) dient.

Vers 12 - 13: Manipuraka Chakra

Der Kanda, der an dieser Stelle von der Sushumna wie eine Perle von einem Faden durchzogen wird, dieses Energiezentrum in der Nabelgegend wird "Edelsteinflut" (Manipuraka) genannt.


तन्तुना मणिवत्प्रोतो योऽत्र कन्दः सुषुम्णया || १२ ||
तन्नाभिमण्डले चक्रं प्रोच्यते मणिपूरकम् |
tantunā maṇi-vat proto yo'tra kandaḥ suṣumṇayā || 12 ||
tan nābhi-maṇḍale cakraṃ procyate maṇi-pūrakam |
tantuna mani-vat proto yo'tra kandah sushumnayā || 12 ||
tan nabhi-mandale chakram prochyate mani-purakam |


Wort-für-Wort-Übersetzung

tantunā : von einem Faden (Tantu)
maṇi-vat : wie (Vat) eine Perle, ein Edelstein (Mani)
protaḥ : durchzogen wird (Prota)
yaḥ : der, welcher (Yad)
atra : hier, an dieser Stelle (Atra)
kandaḥ : der Kanda ("die Knolle, Zwiebel")
suṣumṇayā : von Sushumna
tat : dieses (Tad)
nābhi-maṇḍale : am Nabelkreis, im Nabelbereich (Nabhi-Mandala)
cakram : Energiezentrum ("Rad", Chakra)
procyate : wird genannt (pra + vac)
maṇi-pūrakam : Nabelzentrum ("Edelsteinflut", Manipuraka)

Anmerkung: Der zweite Halbvers von YCU 12 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 13 fast wortwörtlich Vers 15 der Version 1 (vgl. die dortige Anm.) sowie Vers 23 der Version 2 des Goraksha Shataka, ebenso Vers 22 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati. In der Lesung der Yogachudamani Upanishad werden Kanda und Manipuraka einander praktisch gleichgesetzt.

Vers 13 - 14: Anahata Chakra

So wandert die Individualseele solange (im Daseinswandel) umher, wie sie in dem zwölfspeichigen großen Energiezentrum, das frei von Verdienst und Schuld ist, die (eigene) Wirklichkeit nicht findet.


द्वादशारे महाचक्रे पुण्यपापविवर्जिते || १३ ||
तावज्जीवो भ्रमत्येवं यावत्तत्त्वं न विन्दति |
dvādaśāre mahā-cakre puṇya-pāpa-vivarjite || 13 ||
tāvaj jīvo bhramaty evaṃ yāvat tattvaṃ na vindati |
dvadashare maha-cakre punya-papa-vivarjite || 13 ||
tavaj jivo bhramaty evam yavat tattvam na vindati |


Wort-für-Wort-Übersetzung

dvādaśāre : in dem zwölfspeichigen (Dvadashara)
mahā-cakre : großen Energiewirbel, Energiezentrum ("großem Rad", Mahachakra)
puṇya-pāpa-vivarjite : frei (Vivarjita) von Verdienst (Punya) und Schuld (Papa)
tāvat : solange (Tavat)
jīvaḥ : das Leben, das Lebensprinzip, die Individualseele (Jiva)
bhramati : wandert, irrt umher (bhram)
evam : so, in dieser Weise (Evam)
yāvat : wie (Yavat)
tattvam : das Selbst, die Wirklichkeit ("Sosein", Tattva)
na : nicht (Na)
vindati : sie findet (vid)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 13 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 14 bis auf eine minimale Lesart Vers 24 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie Vers 23 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati. Dort heißt es im 3. Pada eva "gewiss" statt evam.

Die Anzahl 12 der "Speichen" des "großen Rades" sowie die Stellung dieses Verses im Text zeigen, dass hier vom Herzzentrum bzw. Anahata Chakra die Rede ist. Zur Symbolik von "Rad" (Chakra) und "Lotus" (Padma) vgl. die Anm. zu Vers 4-5.

Der Kommentator Upanishad Brahma Yogin erklärt, dass die Individualseele (Jiva), die ihren Sitz (Asana) im Herzen (Hrid) hat, nur solange (Avadhi) existiert (Sat) und im Kreislauf (Mandala) des Daseinswandel (Samsara) herumirrt, wie in ihr Unwissenheit (Ajnana) über das eigene Selbst (Sva) herrscht: svājñānāvadhi jīvo hṛd-āsanaḥ san saṃsāra-maṇḍale paribhramati.

Vers 14 - 15: Kanda, der Ursprung der Nadis

Oberhalb vom männlichen Glied und unterhalb des Nabels befindet sich der Kanda genannte, wie ein Vogelei geformte Ursprung (der Nadis). Dort entspringen 72 000 feinstoffliche Energiekanäle (Nadi).


ऊर्ध्वं मेढ्रादधो नाभेः कन्दयोनिः खगाण्डवत् || १४ ||
तत्र नाड्यः समुत्पन्नाः सहस्राणि द्विसप्ततिः |
ūrdhvaṃ meḍhrād adho nābheḥ kanda-yoniḥ khagāṇḍa-vat || 14 ||
tatra nāḍyaḥ samutpannāḥ sahasrāṇi dvi-saptatiḥ |
urdhvam medhrad adho nabheh kanda-yoniḥ khaganda-vat || 14 ||
tatra nadyah samutpannah sahasrani dvi-saptatih |


Wort-für-Wort-Übersetzung

ūrdhvam : oberhalb (Urdhva)
meḍhrāt : vom männlichen Glied (Medhra)
adhaḥ : unterhalb (Adhas)
nābheḥ : des Nabels (Nabhi)
kanda-yoniḥ : der Kanda (genannte) Ursprung (der Nadis, Kanda-Yoni)
khagāṇḍa-vat : wie (Vat) ein Vogelei (geformt, Khaga-Anda)
tatra : dort (Tatra)
nāḍyaḥ : feinstoffliche Energiekanäle, Nerven (Nadi)
samutpannāḥ : entspringen ("werden geboren", Samutpanna)
sahasrāṇi dvi-saptatiḥ : 72 000 (Dvisaptati Sahasra)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 14 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 15 wortwörtlich Vers 16 der Version 1 (vgl. die dortige Anm.) sowie mit einer minimalen Lesart Vers 25 der Version 2 des Goraksha Shataka und Vers 24 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati.

Aus dem in der Yoga Tarangini Tika gegebenen Kommentar zu Goraksha Paddhati 1.28 (~ YCU 18cd/19ab) geht hervor, dass die drei wichtigsten Nadis, also Ida, Pingala und Sushumna, dem Muladhara Chakra entspringen, und die übrigen Nadis (Gandhari usw.) vom Kanda des Nabelzentrums (Nabhi Chakra), d.h. dem Manipura Chakra ausgehen.

Vers 15 - 16: Die wichtigsten Nadis

Unter diesen Tausenden von feinstoffliche Energiekanälen (Nadi), die die Lebensenergie (Prana) transportieren, werden 72 (besonders) erwähnt. Von diesen werden die wichtigsten zehn am häufigsten gelehrt.


तेषु नाडिसहस्रेषु द्विसप्ततिरुदाहृता || १५ ||
प्रधानाः प्राणवाहिन्यो भूयस्तासु दश स्मृताः |
teṣu nāḍi-sahasreṣu dvi-saptatir udāhṛtā || 15 ||
pradhānāḥ prāṇa-vāhinyo bhūyas tāsu daśa smṛtāḥ |
teshu nadi-sahasreshu dvi-saptatir udahrita || 15 ||
pradhanah prana-vahinyo bhuyas tasu dasha smritaḥ |


Wort-für-Wort-Übersetzung

teṣu : unter diesen (Tad)
nāḍi-sahasreṣu : Tausenden (Sahasra) von feinstoffliche Energiekanälen, Nerven (Nadi)
dvi-saptatiḥ : 72 (Dvisaptati)
udāhṛtā : wird erwähnt (Udahrita)
pradhānāḥ : die wichtigsten (Pradhana)
prāṇa-vāhinyaḥ : die die Lebensenergie ("den Lebensatem", Prana) mit sich führen, transportieren (Vahin)
bhūyaḥ : am häufigsten ("am meisten", Bhuyas)
tāsu : unter diesen (Tad)
daśa : zehn (Dasha)
smṛtāḥ : werden gelehrt ("erinnert", Smrita)

Anmerkung: Der zweite Halbvers von YCU 15 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 16 nahezu wortwörtlich Vers 17 der Version 1 (vgl. die dortige Anm.) sowie Vers 26 der Version 2 des Goraksha Shataka und Vers 25 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati.

Vers 16 - 17: Die zehn wichtigsten Nadis

(Diese zehn wichtigsten Nadis sind:) Ida, Pingala, und als dritte Sushumna, Gandhari, Hastijihva, Pusha und Yashasvini ...


इडा च पिङ्गला चैव सुषुम्णा च तृतीयगा || १६ ||
गान्धारी हस्तिजिह्वा च पूषा चैव यशस्विनी |
iḍā ca piṅgalā caiva suṣumṇā ca tṛtīyagā || 16 ||
gāndhārī hasti-jihvā ca pūṣā caiva yaśasvinī |
ida cha pingala chaiva sushumna ca tritiyaga || 16 ||
gandhari hasti-jihva cha pusha chaiva yashasvini |


Wort-für-Wort-Übersetzung

iḍā : Ida
ca : und (Cha)
piṅgalā : Pingala
ca : und
eva : ebenso ("so", Eva)
suṣumṇā : Sushumna
ca : und
tṛtīya-gā : verläuft (ga) als dritte (Tritiya)
gāndhārī : Gandhari
hasti-jihvā : Hastijihva
ca : und
pūṣā : Pusha
ca : und
eva : ebenso
yaśasvinī : Yashasvini

Anmerkung: Der zweite Halbvers von YCU 16 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 17 nahezu wortwörtlich Vers 18 der Version 1 sowie Vers 27 der Version 2 des Goraksha Shataka und sowie Vers 26 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati.

Vers 17 - 18: Die zehn wichtigsten Nadis

... Alambusa, Kuhu, und als zehnte wird Yashasvini gelehrt. Dieses große Netzwerk aus feinstofflichen Energiekanälen (Nadi) sollte den Yogis immer bekannt sein.


अलम्बुसा कुहूश्चैव शङ्खिनी दशमी स्मृता || १७ ||
एतन्नाडीमहाचक्रं ज्ञातव्यं योगिभिः सदा |
alambusā kuhūś caiva śaṅkhinī daśamī smṛtā || 17 ||
etan nāḍī-mahā-cakraṃ jñātavyaṃ yogibhiḥ sadā |
alambusa kuhush chaiva shankhini dashami smrita || 17 ||
etan nadi-maha-chakram jnatavyam yogibhih sada |


Wort-für-Wort-Übersetzung

alambusā : Alambusa
kuhūś : (Kuhu)
ca : und (Cha)
eva : ebenso ("so", Eva)
śaṅkhinī : Shankhini
daśamī : als zehnte (Dashama)
smṛtā : wird gelehrt ("erinnert", Smrita)
etat : dieses (Etad)
nāḍī-mahā-cakram : große (Maha) Netzwerk ("Menge", Chakra) aus feinstofflichen Energiekanälen, Nerven (Nadi)
jñātavyam : ist zu kennen, zu verstehen (Jnatavya)
yogibhiḥ : von den Yogis (Yogin)
sadā : jederzeit, immer (Sada)

Anmerkung: Der zweite Halbvers von YCU 17 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 18 nahezu wortwörtlich Vers 19 der Version 1 und Vers 28 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie Vers 27 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati. Dort heißt es im dritten Pada nāḍi-mayaṃ cakraṃ "aus den feinstofflichen Energiekanälen (Nadi) bestehende (Maya) Netzwerk (Chakra)" statt nāḍī-mahā-cakram.

Vers 18 - 19: Ida, Pingala, Sushumna und Gandhari

Ida befindet sich auf der linken Seite, und auf der rechten Pingala. Sushumna wiederum befindet sich in der Mitte, und Gandhari endet im linken Auge.


इडा वामे स्थिता भागे दक्षिणे पिङ्गला स्थिता || १८ ||
सुषुम्णा मध्यदेशे तु गान्धारी वामचक्षुषि |
iḍā vāme sthitā bhāge dakṣiṇe piṅgalā sthitā || 18 ||
suṣumṇā madhya-deśe tu gāndhārī vāma-cakṣuṣi |
ida vame sthita bhage dakshine pingala sthita || 18 ||
sushumna madhya-deshe tu gandhari vama-chakshushi |


Wort-für-Wort-Übersetzung

iḍā : Ida
vāme : auf der linken (Vama)
sthitā : befindet sich (Sthita)
bhāge : Seite ("Teil", Bhaga)
piṅgalā : Pingala
dakṣiṇe : auf der rechten (Dakshina)
sthitā : befindet sich
suṣumṇā : Sushumna
madhya-deśe : im mittleren Raum, in der Leibesmitte (Madhyadesha)
tu : aber, wiederum (Tu)
gāndhārī : Gandhari
vāma-cakṣuṣi : (endet) im linken (Vama) Auge (Chakshus)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 18 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 19 nahezu wortwörtlich Vers 20 der Version 1 und Vers 29 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie Vers 28 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati.

Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers ergänzt, dass die drei erstgenannten Nadis, also Ida, Pingala und Sushumna, aus den drei (Traya) Ecken (Kona) der im Muladhara Chakra befindlichen (dreieckigen) Yoni entspringen (vgl. Vers 7cd-8ab): etan nāḍī-trayaṃ mūlādhāra-gata-yonyāḥ koṇa-trayāt samudbhūtam. Die übrigen der zehn Haupt-Nadis (Gandhari usw.) entspringen (Udbhuta) dem Kanda des Nabelzentrums (Nabhi Chakra), d.h. dem Manipura Chakra (vgl. Vers 12cd-13ab): anyās tu nābhi-cakra-kandād udbhūtāḥ.

Vers 19 - 20: Hastijihva, Pusha, Yashasvini und Alambusha

Hastijihva endet im rechten Auge, und Pusha im rechten Ohr. Yashasvini endet im linken Ohr, und Alambusa im Mund.


दक्षिणे हस्तिजिह्वा च पूषा कर्णे तु दक्षिणे || १९ ||
यशस्विनी वामकर्णे चानने चाप्यलम्बुसा |
dakṣiṇe hasti-jihvā ca pūṣā karṇe tu dakṣiṇe || 19 ||
yaśasvinī vāma-karṇe cānane cāpy alambusā |
dakshine hasti-jihva cha pusha karne tu dakshine || 19 ||
yashasvini vama-karne chanane chapy alambusa |


Wort-für-Wort-Übersetzung

dakṣiṇe : (endet) im rechten (Auge, Dakshina)
hasti-jihvā : Hastijihva
ca : und (Cha)
pūṣā : Pusha
karṇe : Ohr (Karna)
tu : aber (Tu)
dakṣiṇe : im rechten
yaśasvinī : Yashasvini
vāma-karṇe : im linken (Vama) Ohr
ca : und
ānane : im Mund (Anana)
ca : und
api : auch (Api)
alambusā : Alambusa

Anmerkung: Der zweite Halbvers von YCU 19 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 20 mit ein paar nur die Partikeln betreffende Lesarten Vers 21 der Version 1 und Vers 30 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie Vers 29 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati.

Vers 20 - 21: Kuhu und Shankhini

Kuhu endet im Bereich des männlichen Gliedes, und Shankhini im Bereich des Wurzelzentrums (Anus). Auf diese Weise führen die feinstofflichen Energiekanäle (Nadi) im einzelnen zu ihren jeweiligen Körperöffnungen.


कुहूश्च लिङ्गदेशे तु मूलस्थाने तु शङ्खिनी || २० ||
एवं द्वारं समाश्रित्य तिष्ठन्ते नाडयः क्रमात् |
kuhūś ca liṅga-deśe tu mūla-sthāne tu śaṅkhinī || 20 ||
evaṃ dvāraṃ samāśritya tiṣṭhante nāḍayaḥ kramāt |
kuhush cha linga-deshe tu mula-sthane tu shankhini || 20 ||
evam dvaram samashritya tishthante nadayah kramat |


Wort-für-Wort-Übersetzung

kuhūḥ : Kuhu
ca : und (Cha)
liṅga-deśe : (endet) im Bereich (Desha) des männlichen Gliedes (Linga)
tu : aber, wiederum (Tu)
mūla-sthāne : (endet) im Bereich des Wurzelzentrums (Mulasthana)
tu : aber
śaṅkhinī : Shankhini
evam : so, auf diese Weise (Evam)
dvāram : zu der (jeweiligen) Körperöffnung ("Tür", Dvara)
samāśritya : indem sie hinführen ("sich hinbegeben habend", sam + ā + śri)
tiṣṭhante : existieren (sthā)
nāḍayaḥ : die feinstofflichen Energiekanäle, Nerven (Nadi)
kramāt : der Reihe nach, im einzelnen (Krama)

Anmerkung: Der zweite Halbvers von YCU 20 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 21 nahezu wortwörtlich Vers 22 der Version 1 (vgl. die dortige Anm.) und Vers 30 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati sowie Vers 31 der Version 2 des Goraksha Shataka. Dort heißt es im vierten Pada daśa nāḍikāḥ "die zehn feinstofflichen Energiekanäle".

Vers 21 - 22: Ida, Pingala und Sushumna

Ida, Pingala und Sushumna, die fortwährend die Lebensenergie (Prana) transportieren, münden in (ihre zugehörige) Körperöffnung. Ihre jeweiligen Gottheiten sind der Mond, die Sonne und das Feuer.


इडापिङ्गलासौषुम्णाः प्राणमार्गे च संस्थिताः || २१ ||
सततं प्राणवाहिन्यः सोमसूर्याग्निदेवताः |
iḍā-piṅgalā-sauṣumṇāḥ prāṇa-mārge ca saṃsthitāḥ || 21 ||
satataṃ prāṇa-vāhinyaḥ soma-sūryāgni-devatāḥ |
ida-pingala-saushumnah prana-marge ca samsthitah || 21 ||
satatam prana-vahinyah soma-suryagni-devatah |


Wort-für-Wort-Übersetzung

iḍā-piṅgalā-sauṣumṇāḥ : Ida, Pingala und Saushumna (Sushumna)
prāṇa-mārge : in (ihre zugehörige) Körperöffnung ("Pfad der Lebensenergie" Prana-Marga)
ca : und (Cha)
saṃsthitāḥ : enden, münden, führen ("gerichtet auf" Samsthita)
satatam : fortwährend, stets (Satata)
prāṇa-vāhinyaḥ : die die Lebensenergie ("den Lebensatem", Prana) mit sich führen, transportieren (Vahin)
soma-sūryāgni-devatāḥ : (deren) Gottheiten (Devata) der Mond (Soma), die Sonne (Surya) und das Feuer (Agni) sind

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 21 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 22 nahezu wortwörtlich Vers 31 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati, Vers 32 der Version 2 (vgl. die dortige Anm.) sowie in großen Stücken Vers 23 der Version 1 des Goraksha Shataka (letztere liest mit vertauschter Abfolge beider Halbverse).

Ida führt zum linken Nasenloch, Pingala führt zum rechten Nasenloch, und Sushumna führt zum Brahmarandhra, der Fontanelle am Scheitelpunkt des Kopfes. Saushumna ist ein Synonym für Sushumna.

Vers 22 - 23: Die zehn Haupt- bzw. Neben-Vayus

Prana, Apana, Samana, Vyana und Udana, sowie Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya (sind die Haupt- bzw. Neben-)Vayus ("Winde").


प्राणापानसमानाख्या व्यानोदानौ च वायवः || २२ ||
नागः कूर्मोऽथ कृकरो देवदत्तो धनञ्जयः |
prāṇāpāna-samānākhyā vyānodānau ca vāyavaḥ || 22 ||
nāgaḥ kūrmo'tha kṛkaro deva-datto dhanañ-jayaḥ |
pranapana-samanakhya vyanodhanau cha vayavah || 22 ||
nagah kurmo'tha krikaro deva-datto dhanan-jayaḥ |


Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇāpāna-samānākhyāḥ : namens (Akhya) Prana ("Atem, Lebenshauch, Leben"), Apana und Samana
vyānodānau : Vyana und Udana
ca : und (Cha)
vāyavaḥ : die Lebensenergien ("Winde", Vayu)
nāgaḥ : Naga ("Schlange, Schlangendämon")
kūrmaḥ : Kurma ("Schildkröte")
atha : und
kṛkaraḥ : Krikara ("Rebhuhn")
deva-dattaḥ : Devadatta ("der Gottgegebene")
dhanañ-jayaḥ : Dhananjaya ("der Reichtümer gewinnt")

Anmerkung: Der zweite Halbvers von YCU 22 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 22 nahezu wortwörtlich Vers 32 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati und Vers 33 der Version 2 sowie mit einigen Lesarten Vers 24 der Version 1 des Goraksha Shataka.

Vers 23 - 24: Sitz der fünf Haupt-Vayus

Prana befindet sich stets in der Brust, Apana in der Region des Anus, Samana ist in der Nabelgegend, Udana befindet sich in der Kehle, und Vyana ist im ganzen Körper. Dies sind die fünf Haupt-Vayus.


हृदि प्राणः स्थितो नित्यमपानो गुदमण्डले || २३ ||
समानो नाभिदेशे तु उदानः कण्ठमध्यगः |
व्यानः सर्वशरीरे तु प्रधानाः पञ्च वायवः || २४ ||
hṛdi prāṇaḥ sthito nityam apāno guda-maṇḍale || 23 ||
samāno nābhi-deśe tu udānaḥ kaṇṭha-madhyagaḥ |
vyānaḥ sarva-śarīre tu pradhānāḥ pañca vāyavaḥ || 24 ||
hridi pranah sthito nityam apano guda-mandale || 23 ||
samano nabhi-deshe tu udanah kantha-madhyagaḥ |
vyanah sarva-sharire tu pradhanah pancha vayavah || 24 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

hṛdi : in der Brust, in der Herzgegend ("im Herzen", Hrid)
prāṇaḥ : Prana
sthitaḥ : befindet sich (Sthita)
nityam : stets, immer (Nitya)
apānaḥ : Apana
guda-maṇḍale : in der Region ("Umkreis", Mandala) des Anus (Guda)
samānaḥ : Samana
nābhi-deśe : in der Gegend (Desha) des Nabels (Nabhi)
tu : aber, dagegen (Tu)
udānaḥ : Udana
kaṇṭha-madhyagaḥ : befindet sich in ("geht inmitten", Madhyaga) der Kehle (Kantha)
vyānaḥ : Vyana
sarva-śarīre : im ganzen (Körper) Körper (Sharira)
tu : aber, wiederum (Tu)
pradhānāḥ : als die wichtigsten (Pradhana)
pañca : (die) fünf
vāyavaḥ : Körperwinde, Lebenswinde ("Winde", Vayu)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 23 entspricht zusammen mit Vers 24 mit einigen Lesarten Vers 34 einschließlich dem ersten Halbvers von Vers 35 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie Vers 33 einschließlich dem ersten Halbvers von Vers 34 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati.

Der Hiatus (d.h. der Stimmabsatz zwischen den beiden u) zwischen dem 3. und 4. Pada markiert die Padagrenze und ist nicht ungewöhnlich für späte Sanskrittexte aus dem Bereich des Hatha Yoga und Tantra. Bei korrekter Anwendung der Regeln des Sandhi verschmelzen die beiden u in tu udānaḥ zu tūdānaḥ, wodurch jedoch das Metrum gestört würde.

Vers 25: Funktionen der fünf Neben-Vayus

Naga wird in Bezug auf das Aufstoßen gelehrt, und Kurma in Bezug auf das Öffnen der Augen. Krikara bewirkt das Niesen, und Devadatta ist in Bezug auf das Gähnen zu kennen.


उद्गारे नाग आख्यातः कूर्म उन्मीलने स्मृतः |
कृकरः क्षुत्करो ज्ञेयो देवदत्तो विजृम्भणे || २५ ||
udgāre nāga ākhyātaḥ kūrma unmīlane tathā |
kṛkaraḥ kṣut-karo jñeyo deva-datto vijṛmbhaṇe || 25 ||
udgare naga akhyatah kurma unmilane tatha |
krikarah kshut-karo jneyo deva-datto vijrimbhane || 25 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

udgāre : in Bezug auf das Aufstoßen (Udgara)
nāgaḥ : Naga ("Schlange, Schlangendämon")
ākhyātaḥ : wird gelehrt ("angegeben", Akhyata)
kūrmaḥ : Kurma ("Schildkröte")
unmīlane : in Bezug auf das Aufschlagen der Augen (Unmilana)
tathā : und (Tatha)
kṛkaraḥ : Krikara ("Rebhuhn")
kṣut-karaḥ : bewirkt das Niesen (Kshutkara)
jñeyaḥ : ist zu kennen (Jneya)
deva-dattaḥ : Devadatta ("der Gottgegebene")
vijṛmbhaṇe : in Bezug auf das Gähnen (Vijrimbhana)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit kleineren Lesarten als Vers 36 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie als Vers 35 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert.

Vers 26: Funktionen der fünf Neben-Vayus

Dhananjaya durchdringt den ganzen (Körper) und verlässt diesen auch nicht, wenn er tot ist. Diese (Neben- bzw. Haupt-Vayus) zirkulieren als (spezifische) Arten der Lebensenergie in allen feinstofflichen Energiekanälen.


न जहाति मृतं वापि सर्वव्यापी धनञ्जयः |
एते नाडीषु सर्वासु भ्रमन्ते जीवजन्तवः || २६ ||
na jahāti mṛtaṃ vāpi sarva-vyāpī dhanañ-jayaḥ |
ete nāḍīṣu sarvāsu bhramante jīva-jantavaḥ || 26 ||
na jahati mritam vapi sarva-vyapi dhanan-jayah |
ete nadishu sarvasu bhramante jiva-jantavah || 26 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

na : nicht (Na)
jahāti : verlässt ()
mṛtam : den toten (Körper, Mrita)
vā' : schließlich ("oder", Va)
api : auch, sogar (Api)
sarva-vyāpī : der den ganzen (Körper, Sarva) durchdringt (Vyapin)
dhanañ-jayaḥ : Dhananjaya ("der Reichtümer gewinnt")
ete : diese (Körperwinde, Etad)
nāḍīṣu : feinstofflichen Energiekanälen, Nerven (Nadi)
sarvāsu : in allen (Sarva)
bhramante : fließen, verlaufen ("durchwandern", bhram)
jīva-jantavaḥ : als Arten ("Wesen", Jantu) des Lebens, der Lebensenergie (Jiva)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit kleineren Lesarten als Vers 37 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie als Vers 36 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Der zweite Halbvers entspricht sinngemäß dem zweiten Halbvers von Vers 25 der Version 1 des Goraksha Shataka.

Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der YCU, erklärt jīva-jantavaḥ mit jīva-rūpiṇaḥ "in Form, Gestalt (Rupin) des Lebens (Jiva)", was der Lesung von GŚ 2, 37 entspricht. Man könnte jīva° auch im Sinne des "Lebensatems" bzw. der "Lebensenergie" (Prana) und °jantavaḥ "Wesen" im Sinne von °jātayaḥ "Arten" (Jati) auffassen.

Vers 27: Das Lebensprinzip (Jiva), Prana und Apana

So wie ein Ball, der mit langem Arm (zu Boden) geschleudert wird, wieder aufspringt, genauso steht das von Prana und Apana bewegte Lebensprinzip (Jiva) nicht still.


आक्षिप्तो भुजदण्डेन यथोच्चलति कन्दुकः |
प्राणापानसमाक्षिप्तस्तथा जीवो न तिष्ठति || २७ ||
ākṣipto bhuja-daṇḍena yathoccalati kandukaḥ |
prāṇāpāna-samākṣiptas tathā jīvo na tiṣṭhati || 27 ||
akshipto bhuja-dandena yathocchalati kandukah |
pranapana-samakshiptas tatha jivo na tishthati || 27 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

ākṣiptaḥ : der geworfen, geschleudert wird ("geworfen wurde", Akshipta)
bhuja-daṇḍena : mit geradem, langem Arm ("Arm-Stock", Bhujadanda)
yathā : so wie (Yatha)
uccalati : aufspringt, zurückprallt (ud + cal)
kandukaḥ : ein Ball, Spielball (Kanduka)
prāṇāpāna-samākṣiptaḥ : das von Prana und Apana geworfen, heftig bewegt wird wird ("geworfen wurde", Samakshipta)
tathā : genauso (Tatha)
jīvaḥ : das Leben, das Lebensprinzip, die Individualseele (Jiva)
na : nicht (Na)
tiṣṭhati : bleibt stehen, steht still (sthā)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 38 der Version 2 des Goraksha Shataka und als Vers 37 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati sowie mit kleineren Lesarten als Vers 27 der Version 1 des Goraksha Shataka überliefert.

Vers 28: Das Lebensprinzip (Jiva), Prana und Apana

Weil das Lebensprinzip (Jiva) sich in der Gewalt von Prana und Apana befindet, bewegt es sich entlang der linken und rechten Energiebahn abwärts und aufwärts. Aufgrund seiner Unstetheit wird es nicht wahrgenommen.


प्राणापानवशो जीवो ह्यधश्चोर्ध्वं च धावति |
वामदक्षिणमार्गाभ्यां चञ्चलत्वान्न दृश्यते || २८ ||
prāṇāpāna-vaśo jīvo hy adhaś cordhvaṃ ca dhāvati |
vāma-dakṣiṇa-mārgābhyāṃ cañcalatvān na dṛśyate || 28 ||
pranapana-vasho jivo hy adhash chordhvam cha dhavati |
vama-dakshina-margabhyam chanchalatvan na drishyate || 28 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇāpāna-vaśaḥ : in der Gewalt (Vasha) von Prana und Apana
jīvaḥ : das Leben, das Lebensprinzip, die Individualseele (Jiva)
hi : gewiss, weil (Hi)
adhaḥ : nach unten (Adhas)
ca : und (Cha)
ūrdhvam : nach oben (Urdhva)
ca : und
dhāvati : bewegt sich ("läuft", dhāv)
vāma-dakṣiṇa-mārgābhyām : entlang des linken (Vama) und rechten (Dakshina) Pfades (Marga)
cañcalatvāt : aufgrund seiner Unstetheit, Beweglichkeit (Chanchalatva)
na : nicht (Na)
dṛśyate : es wird wahrgenommen, bemerkt ("gesehen", dṛś)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einer minimalen Lesart im 3. Pada (vāma-dakṣiṇa-mārgeṇa statt °mārgābhyāṃ) als Vers 39 der Version 2 und als Vers 28 der Version 1 des Goraksha Shataka sowie als Vers 38 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert.

Vers 29: Das Lebensprinzip (Jiva) und die Gunas

So wie ein mit einem Strick angebundener Falke wieder herangezogen wird, wenn er weggeflogen ist, genauso wird das Lebensprinzip (Jiva), solange es an die Stricke (Guna) der Urnatur gebunden ist, von Prana und Apana hin und her gezogen.


रज्जुबद्धो यथा श्येनो गतोऽप्याकृष्यते पुनः |
गुणबद्धस्तथा जीवः प्राणापानेन कर्षति || २९ ||
rajju-baddho yathā śyeno gato'py ākṛṣyate punaḥ |
guṇa-baddhas tathā jīvaḥ prāṇāpānena kaṛṣati || 29 ||
rajjubaddho yatha shyeno gato'py akrishyate punah |
guna-baddhas tatha jivah pranapanena karshati || 29 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

rajju-baddhaḥ : ein mit einem Strick (Rajju) angebundener (Baddha)
yathā : so wie (Yatha)
śyenaḥ : Falke (Shyena)
gataḥ : (wenn) er weggeflogen ist ("weggegangen", Gata)
api : auch, sogar (Api)
ākṛṣyate : herangezogen, mit sich fortgezogen wird (ā + kṛṣ)
punaḥ : wieder (Punar)
guṇa-baddhaḥ : (wenn) es an die Stricke (der Urnatur, Guna) gebunden (Baddha) ist
tathā : genauso (Tatha)
jīvaḥ : das Leben, das Lebensprinzip, die Individualseele (Jiva)
prāṇāpānena : mit Prana und Apana
karṣati : zieht (seine Bahn, kṛṣ)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit der Lesart kṛṣyate "wird gezogen von" statt karṣati "zieht mit" als Vers 40 der Version 2 und als Vers 29 der Version 1 des Goraksha Shataka sowie als Vers 39 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert.

Der Vergleich zielt auf einen Jagdfalken ab, den der Falkner an einer Leine hält. Die Gunas sind Tamas, Rajas und Sattva, die drei Bestandteile bzw. "Eigenschaften" der Urnatur (Prakriti). Das Wort guṇa bedeutet auch "Schnur, Strick".

Vers 30 - 31: Prana und Apana

Weil das Lebensprinzip (Jiva) sich in der Gewalt von Prana und Apana befindet, bewegt es sich abwärts und aufwärts. Der Apana zieht den Prana, und der Prana zieht den (wörtl.: "mit dem" !) Apana. Wer diese beiden, die sich jeweils oben und unten befinden, kennt, der ist ein Kenner des Yoga.


प्राणापानवशो जीवो ह्यधश्चोर्ध्वं च गच्छति |
अपानः कर्षति प्राणं प्राणोऽपानेन कर्षति || ३० ||
ऊर्ध्वाधः संस्थितावेतौ यो जानाति स योगवित् |
prāṇāpāna-vaśo jīvo hy adhaś cordhvaṃ ca gacchati |
apānaḥ karṣati prāṇaṃ prāṇo'pānena karṣati || 30 ||
ūrdhvādhaḥ saṃsthitāv etau yo jānāti sa yoga-vit |
pranapana-vasho jivo hy adhash chordhvam cha gachchhati |
apanah karshati pranam prano'panena karshati || 30 ||
urdhvadhah samsthitav etau yo janati sa yoga-vit |


Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇāpāna-vaśaḥ : in der Gewalt (Vasha) von Prana und Apana
jīvaḥ : das Leben, das Lebensprinzip, die Individualseele (Jiva)
hi : gewiss, weil (Hi)
adhaḥ : nach unten (Adhas)
ca : und (Cha)
ūrdhvam : nach oben (Urdhva)
ca : und
gacchati : bewegt sich ("geht", gam)
apānaḥ : der Apana
karṣati : zieht (kṛṣ)
prāṇam : den Prana
prāṇaḥ : der Prana
apānena : mit dem Apana
karṣati : zieht (seine Bahn)
ūrdhvādhaḥ : oben (Urdhva) und (Unten)
saṃsthitau : befindlichen, gelegenen (Samsthita)
etau : diese beiden (Etad)
yaḥ : wer (Yad)
jānāti : kennt, weiß (jñā)
saḥ : der (Tad)
yoga-vit : (ist) ein Kenner des Yoga (Yogavid)

Anmerkungen: Der erste Halbvers ist eine Wiederholung aus Vers 28 (dort lautet das Verb dhāvati "läuft" statt gacchati "geht"). Der zweite Halbvers von YCU 30 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 31 nahezu wortwörtlich Vers 29 der Version 1 sowie mit zwei Lesarten Vers 41 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie Vers 40 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati. Dort heißt es im vierten Pada saṃyojayati "bringt (diese beiden) zusammen" statt yo jānāti sa.

Die Lesung prāṇo'pānena (Instr.) karṣati (YCU 30d) "der Prana zieht mit dem Apana" ist vermutlich ein Überlieferungsfehler, denn in allen anderen Versionen dieses Verses heißt es prāṇo'pānaṃ (Akk.) ca karṣati "und der Prana zieht den Apana", was der Umkehrung der vorangehenden Ausage apānaḥ karṣati prāṇaṃ "der Apana zieht den Prana" entspricht und in diesem Kontext zweifellos gemeint ist.

Laut Vers 23 (cd) befindet sich der Prana "oben" im Herzen (hṛdi) und der Apana "unten" im Anusbereich (guda-maṇḍale).

In der Hatha Yoga Pradipika 2.47 wird erklärt, dass die Vereinigung von Apana und Prana, die durch das gleichzeitige Setzen von Mula Bandha und Jalandhara Bandha erreicht wird, dem Alterungsprozess entgegenwirkt:

apānam ūrdhvam utthāpya prāṇaṁ kaṇṭhād adho nayet |
yogī jarā-vimuktaḥ san ṣoḍaśābda-vayā bhavet || 47 ||

"Indem der Yogi Apana (durch Mula Bandha) aufwärts zieht und Prana (durch Jalandhara Bandha) von der Kehle (Kantha) abwärts leitet, wird er vom Alter (Jara) befreit und einem Sechzehnjährigen gleich." (HYP 2.47)

Vers 31 - 32: Ajapa

Mit dem Laut HA(M) geht das Leben hinaus, mit dem Laut SA tritt es wieder (in den Körper) ein. "Ham-sa Ham-sa" - so rezitiert das Lebensprinzip dieses Mantra ohne Unterlass.


हकारेण बहिर्याति सकारेण विशेत्पुनः || ३१ ||
हंसहंसेत्यमुं मन्त्रं जीवो जपति सर्वदा |
ha-kāreṇa bahir yāti sa-kāreṇa viśet punaḥ || 31 ||
haṃsa-haṃsety amuṃ mantraṃ jīvo japati sarvadā |
ha-karena bahir yati sa-karena vishet punah || 31 ||
hamsa-hamsety amum mantram jivo japati sarvada |


Wort-für-Wort-Übersetzung

ha-kāreṇa : mit (der Silbe) HA(M, Hakara)
bahiḥ : hinaus (Bahis)
yāti : geht ()
sa-kāreṇa : mit (der Silbe) SA(H, Sakara)
viśet : tritt ein (viś)
punaḥ : wieder (Punar)
haṃsa-haṃsa : Hamsa-Hamsa
iti : so (Iti)
amum : dieses (Adas)
mantram : Mantra
jīvaḥ : das Lebensprinzip (die Individualseele, Jiva)
japati : rezitiert (jap)
sarvadā : immer, stets (Sarvada)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 31 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 32 wortwörtlich Vers 42 der Version 2 des Goraksha Shataka und Vers 41 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati.

Der erste Halbvers entspricht mit den Lesarten haṃ-kāreṇa und saḥ-kāreṇa der Gheranda Samhita (5.86cd), der 4. Pada erscheint in GhS 5.87d (vgl. die Anm. zu Vers 40 der Version 1 des Goraksha Shataka).

Die Anneinanderreihung der Verbindung dieser beiden Silben haṃ und saḥ ergibt nach den Lautregeln des Sandhi haṃ-so haṃ-so haṃ-so "Selbst, Selbst ... (Hamsa = Atman)" bzw. so'haṃ so'haṃ so'haṃ "Dieser (Tad) bin ich (Aham) ...", womit die Seele bzw. das Selbst (Atman) gemeint ist.

Vers 32 - 33: Ajapa

Innerhalb eines Tages und einer Nacht rezitiert das Lebensprinzip entsprechend der Anzahl von 21 600 (Ein- und Ausatmungen) dieses Mantra ohne Unterlass.


षट्शतानि दिवारात्रौ सहस्राण्येकविंशतिः || ३२ ||
एतत्सङ्ख्यान्वितं मन्त्रं जीवो जपति सर्वदा |
ṣaṭ-śatāni divā-rātrau sahasrāṇy eka-viṃśatiḥ || 32 ||
etat-saṅkhyānvitaṃ mantraṃ jīvo japati sarvadā |
shat shatani diva-ratrau sahasrany eka-vimshatih || 32 ||
etat-sankhyanvitam mantram jivo japati sarvada |


Wort-für-Wort-Übersetzung

ṣaṭ-śatāni : sechshundert (Shatshata)
divā-rātrau : innerhalb eines Tages und einer Nacht, innerhalb von 24 Stunden (Divaratri)
sahasrāṇy eka-viṃśatiḥ : 21 000 (Sahasra Ekavimshati)
etat-saṅkhyānvitaṃ : dieser (Etad) Anzahl (Sankhya) entsprechend (Anvita)
mantram : (dieses) Mantra
jīvaḥ : das Lebensprinzip (die Individualseele, Jiva)
japati : rezitiert (jap)
sarvadā : immer, stets (Sarvada)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 32 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 33 nahezu wortwörtlich Vers 43 der Version 2 des Goraksha Shataka und Vers 42 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati (dort heißt es tv aho-rātre statt divā-rātrau im ersten Pada). Der erste Halbvers sowie der 4. Pada entspricht zudem wortwörtlich Gheranda Samhita 5.87, die im dritten Pada ajapāṃ nāma gāyatrīṃ liest (vgl. YCU 33 sowie die Anm. zu Vers 40 der Version 1 des Goraksha Shataka).

Die Anzahl von 21 600 Atemzügen innerhalb von 24 Stunden bzw. 86 400 Sekunden entspricht einer durchschnittlichen Atemfrequenz von 4 Sekunden, d.h. 15 Zyklen von Ein- und Ausatmung pro Minute.

Vers 33 - 34: Ajapa

Diese Ajapa genannte Gayatri verleiht den Yogis allzeit Befreiung. Durch den bloßen Vorsatz, dieser (Gayatri aufmerksam und dauerhaft zu lauschen), befreit man sich von allen Leiden.


अजपा नाम गायत्री योगिनां मोक्षदा सदा || ३३ ||
अस्याः सङ्कल्पमात्रेण सर्वपापैः प्रमुच्यते |
ajapā nāma gāyatrī yogināṃ mokṣadā sadā || 33 ||
asyāḥ saṅkalpa-mātreṇa sarva-pāpaiḥ pramucyate |
ajapa nama gayatri yoginam mokshada sada || 33 ||
asyah sankalpa-matrena sarva-papaih pramuchyate |


Wort-für-Wort-Übersetzung

ajapā : Ajapa
nāma : namens (Nama)
gāyatrī : Gayatri
yoginām : den Yogis (Yogin)
mokṣa-dā : verleiht () Befreiung, Erlösung (Moksha)
sadā : immer, jederzeit, allzeit (Sada)
asyāḥ : dieser (Gayatri, Idam)
saṅkalpa-mātreṇa : durch den bloßen (Matra) Vorsatz, Entschluss (Sankalpa)
sarva-pāpaiḥ : von allen (Sarva) Übeln, Leiden, Sünden (Papa)
pramucyate : man wird befreit, befreit sich (pra + muc)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 33 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 34 nahezu wortwörtlich Vers 44 der Version 2 des Goraksha Shataka und Vers 43 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati (dort heißt es mokṣa-dāyinī statt mokṣadā sadā im zweiten Pada).

Ajapa (a-japā) bedeutet wörtlich "Nicht-Murmeln" (eines Gebetes) und bezieht sich auf das "natürliche Mantra", das durch den spontanen Prozess der Ein- und Ausatmung von selbst entsteht (vgl. den vorangehenden Vers 32-33).

Als Gayatri wird im Allgemeinen ein Versmaß (Chhandas) von dreimal acht Silben bezeichnet. Das bekannteste und beliebteste Gayatri-Mantra ist die an den Sonnengott Savitri gerichtete 10. Strophe der Hymne Rigveda 3,62 (tat savitur vareṇyaṃ...), der bei ihrer Rezitation die Formel (Vyahriti) oṃ bhūr bhuvaḥ svaḥ vorangestellt wird.

Vers 34 - 35: Ajapa

Ein Wissen, das dieser Ajapa gleicht, (oder) ein Gebet, das dieser Ajapa gleicht, (oder) eine Einsicht, die dieser Ajapa gleicht, gab es nie und wird es nie geben.


अनया सदृशी विद्या अनया सदृशो जपः |
अनया सदृशं ज्ञानं न भूतं न भविष्यति || ३४ ||
anayā sadṛśī vidyā anayā sadṛśo japaḥ || 34 ||
anayā sadṛśaṃ jñānaṃ na bhūtaṃ na bhaviṣyati |
anaya sadrishi vidya anaya sadrisho japah || 34 ||
anaya sadrisham jnanam na bhutam na bhavishyati |


Wort-für-Wort-Übersetzung

anayā : dieser (Ajapa, Idam)
sadṛśī : ähnlich, gleich (Sadrisha)
vidyā : ein Wissen (Vidya)
anayā : dieser (Ajapa)
sadṛśo : ähnlich, gleich (Sadrisha)
japaḥ : ein Gebet, Mantra (Japa)
anayā : dieser (Ajapa)
sadṛśam : ähnlich, gleich (Sadrisha)
jñānam : eine Erkenntnis, Einsicht (Jnana)
na : nicht (Na)
bhūtam : es gab ("ist gewesen", Bhuta)
bhaviṣyati : es wird geben ("wird sein", bhū)
na : nicht

Anmerkung: Der zweite Halbvers von YCU 34 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 35 wortwörtlich Vers 45 der Version 2 des Goraksha Shataka.

Vers 35 - 36: Ajapa

Die Gayatri ist aus der Kundalini hervorgegangen und erhält den Lebensatem. Diese Lehre vom Lebensatem ist eine große Wissenschaft. Wer sie kennt, ist ein Kenner des Yoga.


कुण्डलिन्यां समुद्-भूता गायत्री प्राणधारिणी || ३५ ||
प्राणविद्या महाविद्या यस्तां वेत्ति स योगवित् |
kuṇḍalinyāṃ samudbhūtā gāyatrī prāṇa-dhāriṇī || 35 ||
prāṇa-vidyā mahā-vidyā yas tāṃ vetti sa yoga-vit |
kundalinyam samudbhuta gayatri prana-dharini || 35 ||
prana-vidya maha-vidya yas tam vetti sa yoga-vit |


Wort-für-Wort-Übersetzung

kuṇḍalinyām : in der Kundalini ("Schlangenkraft")
samudbhūtā : entstanden (Samudbhuta)
gāyatrī : die Gayatri
prāṇa-dhāriṇī : erhält, trägt den Lebensatem (Prana)
prāṇa-vidyā : die Lehre vom Lebensatem (Pranavidya)
mahā-vidyā : (ist) eine große Wissenschaft (Mahavidya)
yaḥ : wer (Yad)
tām : sie, diese (Tad)
vetti : kennt (vid)
saḥ : der (Tad)
yoga-vit : (ist) ein Kenner des Yoga (Yogavid)

Anmerkung: Der zweite Halbvers von YCU 35 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 36 fast wortwörtlich Vers 46 der Version 2 des Goraksha Shataka. Dort steht statt dem Lokativ kuṇḍalinyāṃ lediglich der Ablativ kuṇḍalinyāḥ.

Vers 36 - 37: Sitz der Kundali

Oberhalb des Kanda liegt Kundali, die Schlangenkraft. Achtfach geringelt, verschließt sie mit ihrem Maul stets die Öffnung des Tors zum Brahman.


कन्दोर्ध्वे कुण्डली शक्तिरष्टधा कुण्डलाकृतिः || ३६ ||
ब्रह्मद्वारमुखं नित्यं मुखेनाच्छाद्य तिष्ठति |
kandordhve kuṇḍalī śaktir aṣṭa-dhā kuṇḍalākṛtiḥ || 36 ||
brahma-dvāra-mukhaṃ nityaṃ mukhenācchādya tiṣṭhati |
kandordhve kundali shaktir ashta-dha kundalakritih || 36 ||
brahma-dvara-mukham nityam mukhenachchhadya tishthati |


Wort-für-Wort-Übersetzung

kandordhve : oberhalb (Urdhva) des Kanda
kuṇḍalī : die Kundali
śaktiḥ : die Kraft, Energie (Shakti)
aṣṭa-dhā : achtfach (Ashtadha)
kuṇḍalākṛtiḥ : in Kreise gelegt ("in der Form Akriti von Ringen Kundala")
brahma-dvāra-mukham : die Öffnung, den Eingang (Mukha) des Tors zum Brahman, zum Absoluten (Brahmadvara)
nityam : immer, stets (Nitya)
mukhena : mit dem Maul (Mukha)
ācchādya : verdeckend, verschließend (ā + chad)
tiṣṭhati : liegt ("befindet sich", sthā)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 36 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 37 fast wortwörtlich Vers 47 der Version 2 des Goraksha Shataka (dort steht statt des Lokativs kandordhve der Akkusativ kandordhvaṃ) sowie mit drei Lesarten Vers 30 der Version 1 des Goraksha Shataka (vgl. die dortige Anm.)

Laut YCU 14-15 (sowie Hatha Yoga Pradipika 3.107) befindet sich der Kanda oberhalb vom männlichen Glied und unterhalb des Nabels, d.h. der Sitz der Kundalini "oberhalb des Kanda" befände sich in der Nabelgegend.

Auch im Yoga Yajnavalkya, einem autoritativen, wenngleich weniger bekannten Text des Hatha Yoga, wird der Sitz der Kundalini im Bereich des Nabelzentrums angegeben (YY 4.21):

tasyordhvaṃ kuṇḍalinī-sthānaṃ nābhes tiryag athordhvataḥ |
aṣṭa-prakṛti-rūpā sā aṣṭa-dhā kuṇḍalī-kṛtā || 3.49 ||

"Oberhalb des (Nabelzentrums) ist der Sitz der Kundalini (Kundalinisthana), um den Nabel (Nabhi) herum und darüber." Gemäß ("in Form", Rupa) ihrer acht(fachen) Natur (Prakriti) ist sie achtfach (Ashtadha) geringelt (YY 4.21).

Dies widerspricht allerdings der allgemein verbreiteten Ansicht, dass sich die Kundalini im Muladhara Chakra befindet. So heißt es in der Shiva Samhita (2.21-23), die Kundali sitze im Adhara genannten Lotus (Padma), der sich zwei Fingerbreit oberhalb des Anus (Guda) und zwei Fingerbreit unterhalb des männlichen Glieds (Medhra) befindet.

Über die achtfache Aufteilung der (niederen) Natur (Prakriti), auf die sich möglicherweise die achtfache Natur der Kundalini bezieht, heißt es in der Bhagavad Gita (BhG 7.4):

bhūmir āpo 'nalo vāyuḥ khaṃ mano buddhir eva ca |
ahaṅkāra itīyaṃ me bhinnā prakṛtir aṣṭadhā || 7.4 ||

"Erde (Bhumi), Wasser (Ap), Feuer (Anala), Wind (Vayu), Äther (Kha), Geist (Denken, Manas), Intellekt (Vernunft, Buddhi) und Ego (Ichbewusstsein, Ahankara) - so ist meine achtfach aufgeteilte Natur (Prakriti)." (BhG 7.4)

Vers 37 - 38: Sitz der Kundali

Während sie mit ihrem Maul die Tür verschließt, durch welche der Weg zum Brahman, der frei von Leid ist, zu erreichen ist, schläft die höchste Herrin.


येन द्वारेण गन्तव्यं ब्रह्मद्वारमनामयम् || ३७ ||
मुखेनाच्छाद्य तद्-द्वारं प्रसुप्ता परमेश्वरी |
yena dvāreṇa gantavyaṃ brahma-dvāram anāmayam || 37 ||
mukhenācchādya tad dvāraṃ prasuptā parameśvarī |
yena dvarena gantavyam brahma-dvaram anamayam || 37 ||
mukhenachchhadya tad dvaram prasupta parameshvari |


Wort-für-Wort-Übersetzung

yena : durch welche (Yad)
dvāreṇa : Tür (Dvara)
gantavyam : zu erreichen ist ("zu begehen ist", Gantavya)
brahma-dvāram : der Weg ("Tor") zum Brahman, zum Absoluten (Brahmadvara)
anāmayam : der frei von Leid ist ("ohne Krankheit", Anamaya)
mukhena : mit (ihrem) Mund (Mukha)
ācchādya : verschließend ("bedeckend", ā + chad)
tat : diese (Tad)
dvāram : Tür (Dvara)
prasuptā : schläft (Prasupta)
parameśvarī : die höchste Herrin (Parameshvari, d.h. die Kundalini)

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 37 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 38 fast wortwörtlich Vers 48 der Version 2 des Goraksha Shataka (dort steht statt brahma-dvāram im zweiten Pada brahma-sthānam). Während mit letzterer Lesung das Brahmarandhra gemeint ist, bezieht sich brahma-dvāram hier auf die (Öffnung der) Sushumna.

In der Gheranda Samhita (3.51) heißt es in diesem Zusammenhang: kuṇḍalinyāḥ prabodhena brahma-dvāraṃ vibhedayet "Durch das Erwecken (Prabodha) der Kundalini soll man das Tor zum Brahman öffnen".

In der Hatha Yoga Pradipika (3.106) erscheint dieser Vers ebenfalls in fast identischer Form, mit den Lesarten mārgeṇa (statt dvāreṇa), brahma-sthānam (statt brahma-dvāram), und nirāmayam (statt anāmayam) im ersten Halbvers.

Vers 38 - 39: Erweckung der Kundali

Ist die Kundali durch den Kontakt mit dem (inneren) Feuer erwacht, indem sie willentlich vermittels des Atems in Bewegung gesetzt wurde, wandert sie mit einem Körper wie eine Nadel entlang der Sushumna aufwärts.


प्रबुद्धा वह्नियोगेन मनसा मरुता सह || ३८ ||
सूचीवद् गात्रमादाय व्रजत्यूर्ध्वं सुषुम्णया |
prabuddhā vahni-yogena manasā marutā saha || 38 ||
sūcī-vad gātram ādāya vrajaty ūrdhvaṃ suṣumṇayā |
prabuddha vahni-yogena manasa maruta saha || 38 ||
suchi-vad gatram adaya vrajaty urdhvam sushumnaya |


Wort-für-Wort-Übersetzung

prabuddhā : (ist die Kundali) erwacht (Prabuddha)
vahni-yogena : durch den Kontakt (Yoga) mit dem (inneren) Feuer (Vahni)
manasā : willentlich, mit dem Willen (Manas)
marutā : mit dem Atem ("Wind", Marut)
saha  : zusammen, in Verbindung (Saha)
sūcī-vat: wie (Vat) eine Nadel (Suchi)
gātram: einem Körper Gatra)
ādāya : mit ("genommen habend", Adaya)
vrajati : bewegt sich, wandert (vraj)
ūrdhvam : nach oben, aufwärts (Urdhva)
suṣumṇayā : entlang der Sushumna

Anmerkungen: Der zweite Halbvers von YCU 38 entspricht zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 39 fast wortwörtlich Vers 49 der Version 2 des Goraksha Shataka (dort steht statt gātram "einen Körper" guṇam "einen Faden") sowie mit einigen weiteren Lesarten Vers 31 der Version 1 des Goraksha Shataka (vgl. die dortige Anm.)

Vers 39: Erweckung der Kundali

So wie man eine Tür (oder) ein Haus vermöge eines Schlüssels aufschließt, genau so öffnet der Yogi das Tor zur Befreiung mit Hilfe der Kundalini.


उद्घाटयेत्कवाटं तु यथा कुञ्चिकया गृहम् |
कुण्डलिन्या तथा योगी मोक्षद्वारं प्रभेदयेत् || ३९ ||
udghāṭayet kavāṭaṃ tu yathā kuñcikayā gṛham |
kuṇḍalinyā tathā yogī mokṣa-dvāraṃ prabhedayet || 39 ||
udghatayet kavatam tu yathā kunchikaya griham |
kundalinya tatha yogi moksha-dvaram prabhedayet || 39 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

udghāṭayet : (man) aufschließen kann, aufschließt (ud + ghaṭ)
kavāṭam : eine Tür (Kavata)
tu : aber (Tu)
yathā : (so) wie (Yatha)
kuñcikayā : mit einem Schlüssel (Kunchika)
gṛham : ein Haus (Griha)
kuṇḍalinyā : mit der Kundalini
tathā : (genau) so (Tatha)
yogī : der Yogi (Yogin)
mokṣa-dvāraṃ : das Tor zur Befreiung (Mokshadvara)
prabhedayet : kann öffnen, öffnet ("zerspalten", pra + bhid)

Anmerkungen: Der zweite und dritte Halbvers von YCU 39 entspricht fast wortwörtlich Vers 51 der Version 2 des Goraksha Shataka (dort steht kapāṭaṃ statt kavāṭaṃ und haṭhāt statt gṛham). Dieser Vers wird auch mit minimalen Lesarten in der Hatha Yoga Pradipika (3.105) überliefert.

In der Gheranda Samhita (3.51) erscheint dieser Vers mit ein paar weiteren Lesarten im zweiten Halbvers:

udghāṭayet kavāṭaṃ ca yathā kuñcikayā haṭhāt |
kuṇḍalinyāḥ prabodhena brahma-dvāraṃ vibhedayet || 3.51 ||

"So wie man eine Tür (Kavata) vermöge eines Schlüssels (Kunchika) aufschließt, genau so öffnet man durch das Erwachen (Prabodha) der Kundalini das Tor (Dvara) zum Brahman." (GhS 5.51)

Mit dem "Tor zum Brahman" (brahma-dvāram) bzw. dem "Tor zur Befreiung" (mokṣa-dvāram) ist die Sushumna gemeint.

Vers 40: Pranayama: Vereinigung von Prana und Apana

Ein Mensch, der einen stabilen Lotussitz eingenommen hat, beide Hände (auf dem Schoß) ineinander legt, das Kinn fest auf die Brust presst (und somit Jalandhara Bandha setzt), und über das (Brahman) meditiert, dabei immer wieder Apana, den nach unten fließenden Lebenshauch, aufwärts lenkt (indem er Mula Bandha setzt), und den eingeatmeten Lebenshauch (nachdem er ihn angehalten hat) wieder ausatmet, erlangt durch das Erwachen der göttlichen Energie (Shakti) eine unvergleichliche Einsicht (in die Wirklichkeit).


कृत्वा सम्पुटितौ करौ दृढतरं बद्ध्वाथ पद्मासनं
गाढं वक्षसि सन्निधाय चुबुकं ध्यानं च तच्चेष्टितम् |
वारं वारमपानमूर्ध्वमनिलं प्रोच्चारयेत्पूरितं
मुञ्चन्प्राणमुपैति बोधमतुलं शक्तिप्रबोधान्नरः || ४० ||
kṛtvā sampuṭitau karau dṛḍhataraṃ baddhvātha padmāsanaṃ
gāḍhaṃ vakṣasi sannidhāya cubukaṃ dhyānaṃ ca tac ceṣṭitam |
vāraṃ vāram apānam ūrdhvam anilaṃ proccārayet pūritaṃ
muñcan prāṇam upaiti bodham atulaṃ śakti-prabodhān naraḥ || 40 ||
kritva samputitau karau dridhataram baddhvatha padmasanam
gadham vakshasi sannidhaya chubukam dhyanam cha tach cheshtitam |
varam varam apanam urdhvam anilam prochcharayet puritam
munchan pranam upaiti bodham atulam shakti-prabodhan narah || 40 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kṛtvā : legend ("machend", kṛ)
sampuṭitau : (in Form einer halbkugelförmigen Schale) ineinander ("zusammengefügt", Samputita)
karau : beide Hände (Kara)
dṛḍhataram : sehr fest, stabil (Dridha)
baddhvā : eingenommen habend ("gebunden, aufgebaut habend", badh)
atha : dann (Atha)
padmāsanam : den Lotussitz (Padmasana)
gāḍham : fest, kräftig (drückend, Gadha)
vakṣasi : auf die Brust (Vakshas)
sannidhāya : legend (sam + ni + dhā)
cubukam : das Kinn (Chubuka)
dhyānam : die Meditation Dhyana)
ca : und (Cha)
tac-ceṣṭitam : ist gerichtet ("gibt sich ab", (Cheshtita) auf das (Brahman, Tad)
vāraṃ vāram : immer wieder, wiederholt (Vara)
apānam : Apana, den nach unten fließenden
ūrdhvam : aufwärts (Urdhva)
anilam : Atem, Lebenshauch ("Wind", Anila)
proccārayet : er lenke ("lasse ertönen", pra + ud + car)
pūritam : (nach der Atemverhaltung) den eingeatmenten ("gefüllten", Purita)
muñcan : ausatmend ("frei gebend", muc)
prāṇam : den nach oben fließenden Lebensatem (Prana)
upaiti : erlangt, erreicht (upa + i)
bodham : Erkenntnis, Einsicht, Wachheit (Bodha)
atulam : unvergleichliche (Atula)
śakti-prabodhāt : durch das Erwachen (Prabodha) der Energie (Shakti, d.h. der Kundalini)
naraḥ : ein Mensch (Nara)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 52 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie in der Hatha Yoga Pradipika (1.50) überliefert.

Hier geht es um die Vereinigung von Prana und Apana durch das Setzen von Jalandhara Bandha und Mula Bandha, also um die Praxis von Pranayama. Brahmananda, der Kommentator der HYP, erläutert in diesem Zusammenhang, dass durch die Vereinigung (Aikya "Einheit") von Prana und Apana die Kundalini erwacht, und aufgrund dessen die Lebensenergie (Prana) durch den Kanal der Sushumna zum Brahmarandhra aufsteigt. Wenn sie da anlangt, erfolgt die Bewegungslosigkeit (Sthairya) des Geistes (Chitta), und infolge dessen wird durch den sich ergebenden Samyama das Selbst (Atman) unmittelbar erfahren (Sakshatkara).

Das (Tad), worüber man meditieren soll, ist laut Brahmananda entweder die Form (Rupa) der jeweiligen eigenen (Sva) Gottheit (Ishtadevata) oder (vā) das Brahman: 'tat sva-sveṣṭa-devatā-rūpaṃ brahma vā.

Vers 41: Ernährungsrichtlinien für intensive Pranayamapraxis

Er reibe seine Glieder mit dem durch die Anstrengung (des Pranayama) entstandenen Schweiß ein. Während (der so praktizierende Yogi) Scharfes, Saures und Salziges meidet, soll er Nahrung zu sich nehmen, die mit Milch(produkten) zubereitet ist.


अङ्गानां मर्दनं कृत्वा श्रमसञ्जातवारिणा |
कट्वम्ललवणत्यागी क्षीरभोजनमाचरेत् || ४१ ||
aṅgānāṃ mardanaṃ kṛtvā śrama-sañjāta-vāriṇā |
kaṭv-amla-lavaṇa-tyāgī kṣīra-bhojanam ācaret || 41 ||
anganam mardanam kritva shrama-sanjata-varina |
katv-amla-lavana-tyagi kshira-bhojanam acharet || 41 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

aṅgānām : der Glieder (Anga)
mardanam : das Einreiben (Mardana)
kṛtvā : er führe aus ("gemacht habend", kṛ)
śrama-sañjāta-vāriṇā  : mit dem Schweiß ("Wasser", Vari), der durch die Anstrengung (Shrama) entstandenen ist (Jata)
kaṭv-amla-lavaṇa-tyāgī : (während er) Scharfes (Katu), Saures (Amla) und Salziges (Lavana) meidet ("aufgibt", Tyagin)
kṣīra-bhojanam : (mit) Milchprodukten ("Milch" zubereitete, Kshira) Nahrung (Bhojana)
ācaret : verzehre er (ā + car)

Anmerkung: Dieser Vers entspricht mit geringfügigen Lesarten im ersten Halbvers Vers 53 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie Vers 50 der Version 1 des Goraksha Shataka.

Vers 42: Yogische Lebensführung

Ein Yogi, der Enthaltsamkeit pflegt, maßvoll isst, und dessen höchstes Ziel der Yoga ist, wird nach Ablauf eines Jahres ein Vollkommener - hierüber gibt es keinen Zweifel.


ब्रह्मचारी मिताहारी योगी योगपरायणः |
अब्दादूर्ध्वं भवेत्सिद्धो नात्र कार्या विचारणा || ४२ ||
brahma-cārī mitāhārī yogī yoga-parāyaṇaḥ |
abdād ūrdhvaṁ bhavet siddho nātra kāryā vicāraṇā || 42 ||
brahma-chari mitahari yogi yoga parayanah |
abdad urdhvam bhavet siddho natra karya vicharana || 42 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

brahma-cārī : der Enthaltsamkeit pflegt ("im Brahman wandelt", Brahmacharin)
mitāhārī : der maßvoll isst ("dessen Nahrung maßvoll ist", Mitaharin)
yogī : ein Yogi (Yogin)
yoga-parāyaṇaḥ : dessen höchstes Ziel, Hauptzweck (Parayana) der Yoga ist
abdāt : einem Jahr (Abda)
ūrdhvam : nach (Urdhva)
bhavet : wird, ist (bhū)
siddhaḥ : ein Vollkommener (Siddha)
na : nicht (Na)
atra : hierüber (Atra)
kāryā  : ist angebracht ("ist zu tun", Karya)
vicāraṇā : ein Zweifeln ("Bedenken", Vicharana)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit der Lesart tyāgī "freigebig" (statt yogī) im zweiten Pada als Vers 54 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie in gleicher Lesart in der Hatha Yoga Pradipika (1.59) überliefert.

Vers 43: Definition von Mitahara

Wer schön milde (ölige), süße Nahrung zu (sich nimmt), wobei ein Viertel (des Magens) leer bleibt, und zur Freude Shivas isst, wird als einer bezeichnet, dessen Nahrung maßvoll ist.


सुस्निग्धमधुराहारश्चतुर्थांशावशेषितः |
भुञ्जते शिवसंप्रीत्या मिताहारी स उच्यते || ४३ ||
su-snigdha-madhurāhāraś caturthāṃśāvaśeṣitaḥ |
bhuñjate śiva-saṃprītyā mitāhārī sa ucyate || 43 ||
su-snigdha-madhuraharash chaturthamshavasheshitah |
bhunjate shiva-sampritya mitahari sa uchyate || 43 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

su-snigdha-madhurāhāraḥ : schön milde, weiche, feuchte (Susnigdha) süße (Madhura) Nahrung (Ahara zu sich nehmend ("habend")
caturthāṃśāvaśeṣitaḥ : den vierten (Chaturtha) Teil (Amsha des Magens) frei, leer lassend (Avasheshita)
bhuñjate : (wer) isst (bhuj)
śiva-samprītyā : zur Freude (von), für die Befriedigung (von), aus Liebe (zu, Sampriti) Shiva
mitāhārī : einer, dessen Nahrung maßvoll ist (Mitaharin)
saḥ : der, ein solcher (Tad)
ucyate : wird genannt (vac)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit geringfügigen Lesarten als Vers 55 der Version 2 des Goraksha Shataka (vgl. die dortige Anm.) sowie in der Hatha Yoga Pradipika (1.60) überliefert.

Die beiden Nominative im ersten Halbvers deuten darauf hin, dass das Verb bhuñjate "isst" hier ohne logisches Objekt (Karman) gebraucht wird (unpersönliche Konstruktion), und die beiden Komposita als Bahuvrihis, d.h. adjektivische Komposita zu verstehen sind, die sich auf ein zu ergänzendes yaḥ "wer" beziehen.

Im Ayurveda bedeutet snigdha (Snigdha) weich, mild (d.h. nicht scharf gewürzt), ölig, fetthaltig. Eine solche Nahrung sorgt für die nötige innere "Schmierung", die der Austrocknung des Körpers durch eine intensive, erhitzende Pranayama-Praxis entgegenwirkt. Die süße (Madhura) Geschmacksrichtung (Rasa) hat wiederum einen kühlenden (Shita) Effekt.

Vers 44: Sitz der Kundali

Oberhalb des Kanda liegt Kundali, die Schlangenkraft, achtfach geringelt. (Sie führt) stets zur Gefangenschaft der Verwirrten, und schenkt den Yogis Befreiung.


कन्दोर्ध्वे कुण्डली शक्तिरष्टधा कुण्डलाकृतिः |
बन्धनाय च मूढानां योगिनां मोक्षदा सदा || ४४ ||
kandordhve kuṇḍalī śaktir aṣṭa-dhā kuṇḍalākṛtiḥ |
bandhanāya ca mūḍhānāṃ yogināṃ mokṣadā sadā || 44 ||
kandordhve kundali shaktir ashta-dha kundalakritih |
bandhanaya cha mudhanam yoginam mokshada sada || 44 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kandordhve : oberhalb (Urdhva) des Kanda
kuṇḍalī : die Kundali
śaktiḥ : die Kraft, Energie (Shakti)
aṣṭa-dhā : achtfach (Ashtadha)
kuṇḍalākṛtiḥ : in Kreise gelegt ("in der Form Akriti von Ringen Kundala")
bandhanāya : (sie führt) zur Gefangenschaft ("Bindung" an die Wiedergeburt, Bandhana)
ca : und, aber (Cha)
mūḍhānām : der Verwirrten (Mudha)
yoginām : den Yogis (Yogin)
mokṣadā : schenkt () Befreiung, Erlösung (Moksha)
sadā : immer, stets, allzeit (Sada)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit geringfügigen Lesarten als Vers 56 der Version 2 des Goraksha Shataka (vgl. die dortige Anm.) sowie in stärker abweichendem Wortlaut in Hatha Yoga Pradipika (3.107) überliefert.

Der Sitz der Kundali(ni) wurde bereits in Vers 36 - 37 beschrieben (vgl. die dortige Anm.), dessen erster Halbvers identisch mit dem erstern Halbvers des vorliegenden Shloka ist (vgl. auch Vers 30 der Version 1 des Goraksha Shataka).

Vers 45: Mudras und Bandhas

Derjenige Yogi, der Mahamudra, Nabhomudra, Odyana (Uddiyana Bandha), Jalandhara (Bandha) und Mula Bandha kennt, ist eine Person, die der Erlösung würdig ist.


महामुद्रा नभोमुद्रा ओड्याणं च जलन्धरम् |
मूलबन्धं च यो वेत्ति स योगी मुक्तिभाजनम् || ४५ ||
mahā-mudrā nabho-mudrā oḍyāṇaṃ ca jalandharam |
mūla-bandhaṃ ca yo vetti sa yogī mukti-bhājanam || 45 ||
maha-mudra nabho-mudra odyanam cha jalandharam |
mula-bandham cha yo vetti sa yogi mukti-bhajanam || 45 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

mahā-mudrā : Mahamudra (Maha Mudra)
nabho-mudrā : Nabhomudra (Nabho Mudra)
oḍyāṇam : Uddiyana (Uddiyana Bandha)
ca : und (Cha)
jalandharam : Jalandhara (Jalandhara Bandha)
mūla-bandham : Mulabandha (Mula Bandha)
ca : und
yaḥ : wer (Yad)
vetti : kennt (vid)
saḥ : dieser (Tad)
yogī : Yogi (Yogin)
mukti-bhājanam : (ist) eine Person ("Gefäß", Bhajana), die der Erlösung, Befreiung (Mukti) würdig ist

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit der Lesart uḍḍīyānaṃ (statt oḍyāṇaṃ ca) als Vers 57 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit der Lesart siddhi-bhājanam "ein Gefäß für die übernatürlichen Fähigkeiten" (statt mukti-bhājanam) als Vers 32 der Version 1 des Goraksha Shataka (vgl. auch die dortige Anmerkung) überliefert. In beiden Versionen stehen alle fünf Mudras und Bandhas im Akkusativ (mahā-mudrāṃ nabho-mudrām ...), da das Verb vetti "kennt" die aktive Konstruktion verlangt, bei der das logische Objekt (Karman) im Akkusativ steht. In der YCU wiederum stehen diese fünf Objekte im Nominativ, was im Sinne einer korrekten Syntax so verstanden werden kann, dass ein im Akkusativ stehendes Demonstrativpronomen tāni "diese (Mudras und Bandhas)" zu ergänzen ist: "... der (diese) kennt ...".

Diese in YCU 45, GŚ 1, 32 und GŚ 2, 57 gegebene Aufzählung der Mudras und Bandhas erscheint in der gleichen Reihenfolge in der Gheranda Samhita (3.1, Uddiyana ist ein Synonym für Odyana), wo sie noch um Maha Bandha, Mahavedha und Khechari erweitert wird:

mahā-mudrā nabho-mudrā uḍḍīyānaṃ jalandharam |
mūla-bandhaṃ mahā-bandhaṃ mahā-vedhaś ca khe-carī || 3.1 ||

In den Versen 3.2-3 der Gheranda Samhita werden weitere Mudras aufgeführt, so dass ihre Zahl dort insgesamt 25 erreicht: pañca-viṃśati-mudrāś ca siddhidā iha yoginām "... sind die 25 Mudras, die hier (gelehrt werden und) den Yogis übernatürliche Fähigkeiten (Siddhi) verleihen".

Die oben erwähnte syntaktische Inkonsistenz (Objekt in aktiver Konstruktion im Nominativ statt Akkusativ) erklärt sich mit großer Wahrscheinlichkeit daraus, dass der Kompilator der Yogachudamani Upanishad seinen Vers 45 aus zwei Texten zusammengestellt hat: Der erste Halbvers stammt aus GhS 3.1 (dort stehen die Nominative mahā-mudrā nabho-mudrā ...), wobei uḍḍīyānaṃ durch oḍyāṇaṃ ca ersetzt wurde (Odyana ist ein Synonym für Uddiyana). Der zweite Halbvers ist Wort für Wort GŚ 2, 57 bzw. GŚ 1, 32 entnommen. Dort stehen die fünf Substantive im ersten Halbvers allerdings korrekt im Akkusativ, was der Kompilator der YCU entweder übersehen, oder aber bewusst in Kauf genommen hat, da der Wortlaut sonst noch näher am Goraksha Shataka gelegen hätte.

Vers 46: Mula Bandha

Man presse mit der Ferse gegen den Beckenboden, kontrahiere den Anus und ziehe so den Apana aufwärts. Dies wird Mula Bandha genannt.


पार्ष्णिघातेन सम्पीड्य योनिमाकुञ्चयेद्दृढम् |
अपानमूर्ध्वमाकृष्य मूलबन्धोऽयमुच्यते || ४६ ||
pārṣṇi-bhāgena sampīḍya yonim ākuñcayed dṛḍham |
apānam ūrdhvam ākṛṣya mūla-bandho'yam ucyate || 46 ||
parshni-ghatena sampidya yonim akunchayed dridham |
apanam urdhvam akrishya mula-bandho'yam uchyate || 46 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

pārṣṇi-ghātena : mit der Ferse (Parshni) im Anschlag ("Schlag", Ghata)
sampīḍya : während man presst ("gepresst habend", sam + pīḍ)
yonim : den Beckenboden, Damm, das Perineum (Yoni)
ākuñcayet : man kontrahiere, ziehe zusammen (ā + kuñc)
dṛḍham : fest (Dridha)
apānam : den Apana
ūrdhvam : aufwärts, nach oben (Urdhva)
ākṛṣya : während man zieht ("gezogen habend", ā + kṛṣ)
mūla-bandho : Mulabandha ("Wurzel-Verschluss", Mula Bandha)
ayam : dies (Ayam)
ucyate : wird genannt (vac)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit geringfügigen Lesarten als Vers 81 der Version 2 des Goraksha Shataka, als Vers 37 der Version 1 des Goraksha Shataka sowie in Hatha Yoga Pradipika 3.61 überliefert. In all diesen drei Versionen heißt es im ersten Pada pārṣṇi-bhāgena "mit einem Teil (Bhaga) der Ferse" statt pārṣṇi-ghātena, sowie am Ende des zweiten Pada gudam "den Anus" statt dṛḍham, womit ausdrücklich auf das Kontrahieren des Anus (Guda) verwiesen wird.

Auffällig ist auch, dass die Yogachudamani Upanishad hier und in den folgenden Versen von der in Vers 45 gegebenen Reihenfolge der Aufzählung der fünf Mudras bzw. Bandhas abweicht (die mit Maha Mudra beginnt und mit Mula Bandha endet), wohingegen beide Versionen des Goraksha Shataka diese in der in Lehrtexten üblichen Stringenz beibehalten. Dies kann als ein Hinweis dafür angesehen werden, dass die YCU durch eine (moderate) Neuordnung des Lehrstoffes (sowie die Einfügung eigener Lesarten, s.o.) eine Art "Originalität" anstrebt, die den kompilativen Charakter des Textes ein wenig verdeckt.

Vers 47: Mula Bandha

Wenn Mula Bandha beständig (praktiziert wird, geschieht) die Vereinigung von Apana und Prana. (Deshalb,) sowie aufgrund der Verringerung von (angesammeltem) Urin und Stuhl, wird sogar ein Greis wieder jung.


अपानप्राणयोरैक्यं क्षयान्मूत्रपुरीषयोः |
युवा भवति वृद्धोऽपि सततं मूलबन्धनात् || ४७ ||
apāna-prāṇayor aikyaṃ kṣayān mūtra-purīṣayoḥ |
yuvā bhavati vṛddho'pi satataṃ mūla-bandhanāt || 47 ||
apana-pranayor aikyam kshayan mutra-purishayoh |
yuva bhavati vriddho'pi satatam mula-bandhanat || 47 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

apāna-prāṇayoḥ : der abwärts fließenden Energie (Apana) und der aufwärts fließenden Energie (Prana)
aikyam : die Vereinigung, Einheit (Aikya)
kṣayāt : aufgrund der Verringerung (Kshaya)
mūtra-purīṣayoḥ : von Urin (Mutra) und Stuhl (Purisha)
yuvā : jung (Yuvan)
bhavati : wird (bhū)
vṛddhaḥ : ein Alter, Greis (Vriddha)
api : auch, sogar (Api)
satatam : stets, beständig (praktiziert, Satata)
mūla-bandhanāt : aufgrund von Mulabandha ("Wurzel-Verschluss", Mula Bandha))

Anmerkung: Dieser Vers wird fast wortwörtlich als Vers 82 der Version 2 des Goraksha Shataka (dort stehen zwei Ablative: aikyāt kṣayān) sowie in der Hatha Yoga Pradipika (3.65) überliefert (dort stehen zwei Nominative: aikyaṃ kṣayo). Die Lesung der Yogachudamani Upanishad übernimmt aus beiden Lesarten jeweils einen Nominativ und einen Ablativ.

Vers 48: Uddiyana Bandha

Aufgrund dessen der große Vogel (Prana) unermüdlich (in der Sushumna) auffliegt, eben dieses Oddiyana (Uddiyana Bandha) ist wie ein Löwe gegenüber dem Elefanten des Todes.


ओड्याणं कुरुते यस्मादविश्रान्तं महाखगः |
ओड्डियाणं तदेव स्यान्मृत्युमातङ्गकेसरी || ४८ ||
oḍyāṇaṃ kurute yasmād aviśrāntaṃ mahā-khagaḥ |
oḍḍiyāṇaṃ tad eva syān mṛtyu-mātaṅga-kesarī || 48 ||
uddinam kurute yasmad avishrantam maha-khagah |
uddiyanam tad eva syan mrityu-matanga-kesari || 48 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

oḍyāṇam : das Auffliegen (in der Sushumna, Odyana hier im Sinne von Uddina zu verstehen)
kurute : macht (kṛ)
yasmāt : aufgrund dessen (Yasmat)
aviśrāntam : unermüdlich, unablässig (Avishranta)
mahā-khagaḥ : der große (Maha) Vogel ("der im Luftraum geht", d.h. Prana, Khaga)
oḍḍiyāṇam : Oddiyana (im Sinne von Uddiyana, das "Auffliegenlassen")
tat : dies (Tad)
eva : eben, gerade, genau (Eva)
syāt : ist ("soll sein", (as)
mṛtyu-mātaṅga-kesarī : (wie) ein Löwe (Kesarin, gegenüber) dem Elefanten (Matanga) des Todes (Mrityu)

Anmerkungen: Dieser Vers wird fast wortwörtlich als Vers 77 der Version 2 des Goraksha Shataka (dort heißt es uḍḍīnam und uḍḍīyānam statt oḍyānam und oḍḍiyānam) überliefert, desgleichen in der Gheranda Samhita 3.10 mit der Lesung uḍḍīyānaṃ tv asau bandho im 3. Pada. Die ersten drei Padas entsprechen Hatha Yoga Pradipika 3.56 a-c, der 4. Pada entspricht Hatha Yoga Pradipika 3.57 d (vgl. auch Vers 35 der Version 1 des Goraksha Shataka).

Dieser Vers gibt eine traditionelle Herleitung der Bezeichnung Uddiyana Bandha von der mit ud präfigierten Wurzel ḍī "auf-fliegen", womit das Auffliegen des "großen Vogels Prana" gemeint ist, oder physiologisch ausgedrückt das Anheben des Zwerchfells und der Bauchorgane. Dieser Deutung wird insbesondere der Ausdruck uḍ-ḍīnam gerecht, der wörtlich das "Auffliegen" bedeutet. Mit der in YCU 48 verwendeten Lesart oḍyāṇam funktioniert diese etymologisch-grammatische Herleitung strenggenommen nicht, da dieser Begriff anderen Ursprungs ist (s.u.).

Weitere synonyme Begriffe sind uḍḍīyāna, uḍyāna (HYP 3.6), sowie die im vorliegenden Vers der Yogachudamani Upanishad erscheinenden Bezeichnungen oḍyāna und oḍḍiyāna. Insbesondere die Varianten uḍyāna (so Shiva Samhita 4. 24, 72 u. 73) und oḍyāna weisen darauf hin, dass sich der Name dieses Verschlusses (Bandha) historisch mit großer Wahrscheinlichkeit von den Prakritbezeichnungen einer udyāna (Sanskrit: "Garten") genannten Örtlichkeit herleitet, deren ursprüngliche Lage im Distrikt Swat des heutigen Pakistan vermutet wird. Udyana bzw. Odyana war ein berühmtes Zentrum des buddhistischen Tantra.

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass in der dem Goraksha zugeschriebenen Siddha Siddhanta Paddhati (2.14) ein sogenanntes Odyanadhara als das fünfte von insgesamt sechzehn Adharas genannt wird, das sich im Bereich unterhalb des Nabels befindet (zur Verortung von heiligen Plätzen der äußeren Welt im Körper des Yogis vgl. die Anm. zu Vers 11 der Version 1 des Goraksha Shataka).

Dass der "große Vogel" (mahā-khagaḥ) der Prana ist, der in der Sushumna durch die Praxis von Uddiyana Bandha zum "auffliegen" gebracht wird, wird aus Hatha Yoga Pradipika 3.55 ersichtlich:

baddho yena suṣumṇāyāṃ prāṇas tūḍḍīyate yataḥ |
tasmād uḍḍīyanākhyo'yaṃ yogibhiḥ samudāhṛtaḥ || 3.55 ||

"Weil mit diesem (Bandha) die Lebensenergie (Prana) in der Sushumna festgehalten wird (und darin) auffliegt, deshalb wurde dieser Verschluss von den Yogis mit der Bezeichnung Uddiyana benannt." (HYP 3.55)

Vers 49: Uddiyana Bandha

Das vom Bauch weg nach hinten Ausdehnen, unterhalb des Nabels, wird Odyana Verschluss (Uddiyana Bandha) genannt. Dort im Bauchbereich wird dieser Verschluss ausgeführt.


उदरात्पश्चिमं तानमधो नाभेर्निगद्यते |
ओड्याणमुदरे बन्धस्तत्र बन्धो विधीयते || ४९ ||
udarāt paścimaṃ tānam adho nābher nigadyate |
oḍyāṇam udare bandhas tatra bandho vidhīyate || 49 ||
udarat pashchimam tanam adho nabher nigadyate |
odyanam udare bandhas tatra bandho vidhiyate || 49 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

udarāt : vom Bauch weg (Udara)
paścimam : nach hinten (Pashchima)
tānam : das Ausdehnen (Tana)
adhaḥ : unterhalb (Adhas)
nābheḥ : des (Nabhi)
nigadyate : wird genannt (ni + gad)
oḍyāṇam : Odyana (d.h. Uddiyana)
udare : im Bauch (Udara)
bandhaḥ : Verschluss (Bandha)
ayam : dieser (Ayam)
tatra : dort (Tatra)
bandhaḥ : Verschluss
vidhīyate : wird praktiziert, ausgeführt, vorgeschrieben (vi + dhā)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 78 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert, desgleichen erscheint der erste Halbvers in der Gheranda Samhita 3.10. Der erste und dritte Pada entspricht weitestgehend Hatha Yoga Pradipika 3.57 a + c, der 4. Pada entspricht Hatha Yoga Pradipika 3.56 d.

Der Begriff Odyana (Uddiyana) bezieht sich auch auf einen Bereich im Körper, der sich etwas unterhalb des Nabels (adho nābheḥ) befindet und als Odyanadhara bekannt ist (vgl. die Anm. zu YCU 48). Somit bedeutet Odyana Bandha (Uddiyana Bandha) ursprünglich wohl das "Kontrahieren" (Bandha) der Od(di)yana bzw. Ud(di)yana genannten Körperregion.

Vers 50: Jalandhara Bandha

Weil es den im Kopf entstandenen, herabfließenden Nektar zurückhält, deshalb (heißt es) Jalandhara Bandha. (Es ist ein Mittel zum) Vertreiben einer Menge von Leiden der Kehle.


बध्नाति हि शिरोजातमधोगामि नभोजलम् |
ततो जालन्धरो बन्धः कण्ठदुःखौघनाशनः || ||
badhnāti hi śiro-jātam adho-gāmi nabho-jalam |
tato jālandharo bandhaḥ kaṇṭha-duḥkhaugha-nāśanaḥ || 50 ||
badhnati hi shiro-jatam adho-gami nabho-jalam |
tato jalandharo bandhah kantha-duhkhaugha-nashanah || 50 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

badhnāti : es zurückhält (badh)
hi : weil (Hi)
śiro-jātam : den im Kopf (Shiras) entstandenen (Jata)
adho-gāmi : herabfließenden (Adhas-Gamin)
nabho-jalam : Nektar ("Himmels-Wasser", Nabhas-Jala)
tataḥ : deshalb (Tatas)
jālandharaḥ : Jalandhara
bandhaḥ : Bandha ("Verschluss")
kaṇṭha-duḥkhaugha-nāśanaḥ : (ein Mittel zum) Vertreiben (Nashana) einer Menge (Ogha) von Leiden (Duhkha) der Kehle (Kantha)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit zwei Lesarten als Vers 79 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit einer Lesart in der Hatha Yoga Pradipika 3.71 überliefert. Diese beiden Versionen lesen im ersten Pada sirā-jālam "das Netzwerk (Jala) der (feinstofflichen) Kanäle (Sira)" statt śiro-jātam. Auch in Shiva Samhita 4.60 wird in einem ähnlichen Vers dieses Netzwerk der Nadis erwähnt (sirā ist ein Synonym zu śirā):

baddhvā gala-śirā-jālaṃ hṛdaye cibukaṃ nyaset |
bandho jālan-dharaḥ prokto devānām api dur-labhaḥ || 4.60 ||

"Das Netzwerk (Jala) der (feinstofflichen) Kanäle (Sira) in der Kehle (Gala) unterbindend, setze man das Kinn (Chibuka) auf die Brust (Hridaya). Dieser Verschluss (Bandha) wird Jalandhara genannt. Er ist selbst den Göttern (Deva) wertvoll." (ŚS 4.60)

Mit dem Nektar bzw. "Himmels-Wasser" (nabho-jalam) ist der vom Gaumen herabfließende "Mondnektar" (Piyusha, Chandra-Amrita) gemeint, vgl. den folgenden Vers 51 sowie Vers 55 der Version 1 des Goraksha Shataka.

Vers 51: Jalandhara Bandha

Wenn Jalandhara Bandha ausgeführt wird, und angesichts des (damit einhergehenden) Vertreibens einer Menge von Leiden der Kehle, fällt der Nektar nicht ins Feuer (der Verdauung), und auch der Lebenshauch (Vayu) breitet sich nicht (in die anderen feinstofflichen Kanäle) aus.


जालन्धरे कृते बन्धे कण्ठसङ्कोचलक्षणे |
न पीयूषं पतत्यग्नौ न च वायुः प्रकुप्यति || ५१ ||
jālan-dhare kṛte bandhe kaṇṭha-duḥkhaugha-nāśane |
na pīyūṣaṃ pataty agnau na ca vāyuḥ pradhāvati || 51 ||
jalan-dhare krite bandhe kantha-duhkhaugha-nashane |
na piyusham pataty agnau na cha vayuh pradhavati || 51 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

jālandhare : Jalandhara (das "Festhalten des Netzes, das Auffangen des Wassers")
kṛte : (wenn) ausgeführt wird (Krita)
bandhe : der Verschluss (Bandha)
kaṇṭha-duḥkhaugha-nāśane : angesichts des Vertreibens (Nashana) einer Menge (Ogha) von Leiden (Duhkha) der Kehle (Kantha)
na : nicht (Na)
pīyūṣam : der Nektar (Piyusha)
patati : fällt (pat)
agnau : ins Feuer (Agni)
na : nicht
ca : und, auch (Cha)
vāyuḥ : der Lebenshauch ("Wind", Vayu)
pradhāvati : verbreitet sich ("verläuft sich", pra + dhāv)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit zwei Lesarten als als Vers 36 der Version 1 sowie als Vers 80 der Version 2 des Goraksha Shataka, desgleichen in Hatha Yoga Pradipika 3.72 überliefert. All diese Texte lesen im ersten Pada kaṇṭha-saṅkoca-lakṣaṇe "der durch das Zusammenziehen (Sankocha) der Kehle (Kantha) gekennzeichnet (Lakshana) ist" statt kaṇṭha-duḥkhaugha-nāśane (eine in einen Lokativ verwandelte Wiederholung aus YCU 50), sowie im vierten Pada prakupyati "wird erregt" statt pradhāvati. Die Lesung kaṇṭha-saṅkoca-lakṣaṇe, die eine kurzgefasste Definition (Lakshana) von Jalandhara Bandha enthält, findet sich allerdings auch in mehreren Handschriften der Yogachudamani Upanishad.

Brahmananda, der Kommentator der HYP, erklärt na ca vāyuḥ prakupyati (wörtl.: "der Wind wird nicht erregt") dahingehend, dass Prana (Vayu) dadurch nicht in andere Kanäle (Nadis) gelangt: nāḍyantare vāyor gamanaṃ ... na karoti. Die Lesung na ca vāyuḥ pradhāvati von YCU 51 lässt sich auch in dieser Weise verstehen: "der Lebenshauch (Vayu) breitet sich nicht (in die anderen feinstofflichen Kanäle) aus". Eine weitere mögliche Übersetzung wäre: "der Atem steht still (wörtl.: läuft nicht)", d.h. Ein- und Ausatmung sind unterbunden, was ja bei Jalandhara Bandha der Fall ist.

Vers 52: Khechari Mudra

Die zurückgebogene Zunge wird in den Nasenrachenraum eingeführt, und der Blick wird zwischen die Brauen gerichtet. Dies ist Khechari Mudra.


कपालकुहरे जिह्वा प्रविष्टा विपरीतगा |
भ्रुवोरन्तर्गता दृष्टिर्मुद्रा भवति खेचरी || ५२ ||
kapāla-kuhare jihvā praviṣṭā viparītagā |
bhruvor antar-gatā dṛṣṭir mudrā bhavati khe-carī || 52 ||
kapala-kuhare jihva pravishta viparitaga |
bhruvor antar-gata drishtir mudra bhavati khe-chari || 52 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kapāla-kuhare : in die Höhlung (Kuhara) des Schädels (Kapala)
jihvā : Zunge (Jihva)
praviṣṭā : (wird) eingeführt (Pravishta)
viparītagā : die zurückgebogene (Viparitaga)
bhruvoḥ : beide Brauen (gerichtet, Bhru)
antar-gatā : zwischen ("im Innern befindlich", Antargata)
dṛṣṭiḥ : der Blick (Drishti)
mudrā : (dieses) Siegel (Mudra)
bhavati : ist (bhū)
khe-carī : Khechari ("die im Himmel wandelnde")

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 34 der Version 1 sowie als Vers 64 der Version 2 des Goraksha Shataka, desgleichen in Hatha Yoga Pradipika 3.32 überliefert. Die Gheranda Samhita (3.27) liest im dritten Pada bhruvor madhye gatā dṛṣṭir.

Vers 53: Khechari Mudra

Für denjenigen, der Khechari Mudra kennt, existieren weder Krankheit noch Tod oder Schlaf, weder Hunger noch Durst oder Ohnmacht.


न रोगो मरणं तस्य न निद्रा न क्षुधा तृषा |
न च मूर्च्छा भवेत्तस्य यो मुद्रां वेत्ति खेचरीम् || ५३ ||
na rogo maraṇaṃ tasya na nidrā na kṣudhā tṛṣā |
na ca mūrcchā bhavet tasya yo mudrāṃ vetti khe-carīm || 53 ||
na rogo maranam tasya na nidra na kshudha trisha |
na cha murchchha bhavet tasya yo mudram vetti khe-charim || 53 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

na : nicht (Na)
rogaḥ : Krankheit (Roga)
maraṇam : Tod (Marana)
tasya : für denjenigen (Tad)
na : nicht
nidrā : Schlaf (Nidra)
na : nicht
kṣudhā : Hunger (Kshudha)
tṛṣā : Durst (Trisha)
na : nicht
ca : und (Cha)
mūrcchā : Ohnmacht, Bewusstlosigkeit, geistige Betäubung (Murchha)
bhavet : existiert (bhū)
tasya : für denjenigen
yaḥ : welcher, der (Yad)
mudrām : das Siegel (Mudra)
vetti : kennt (vid)
khe-carīm : (namens) Khechari

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 65 der Version 2 des Goraksha Shataka'überliefert, sowie in der Hatha Yoga Pradipika (3.39) mit der Lesart tandrā "Mattigkeit" (statt tasya) im ersten Pada. In der Gheranda Samhita (3.28) werden die Wirkungen von Khechari Mudra in ganz ähnlichen Worten beschrieben:

na ca mūrcchā kṣudhā tṛṣṇā naivālasyaṃ prajāyate |
na ca rogo jarā mṛtyur deva-dehaṃ prapadyate || 3.28 ||

"(Aufgrund der Praxis von Khechari Mudra) entstehen weder Ohnmacht (Murchha) noch Hunger (Kshudha), Durst (Trishna) oder Trägheit (Alasya), weder Krankheit (Roga) noch Alter (Jara) oder Tod (Mrityu). Man erlangt den Körper (Deha) eines Gottes (Deva)." (GhS 3.28)

Vers 54: Khechari Mudra

Derjenige, der Khechari Mudra kennt, wird weder von Krankheit gepeinigt, noch von Handlungen befleckt, noch wird er von irgend jemandem oder irgend etwas gebunden.


पीड्यते न च रोगेण लिप्यते न स कर्मभिः |
बध्यते न च केनापि यो मुद्रां वेत्ति खेचरीम् || ५४ ||
pīḍyate na ca rogeṇa lipyate na sa karmabhiḥ |
badhyate na ca kenāpi yo mudrāṃ vetti khe-carīm || 54 ||
pidyate na cha rogena lipyate na sa karmabhih |
badhyate na cha kenapi yo mudram vetti khe-charim || 54 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

pīḍyate : wird gequält, gepeinigt (pīḍ)
na : nicht (Na)
ca : und (Cha)
rogeṇa : von Krankheit (Roga)
lipyate : wird befleckt (lip)
na : nicht
saḥ : der, dieser (Yogi, Tad)
karmabhiḥ : von Handlungen (dem Gesetz der Tatvergeltung, Karman)
badhyate : wird gebunden, zurückgehalten, unterdrückt (badh)
na : nicht
ca : und
kenāpi (kena + api) : von irgend (Api) jemandem (Ka), von irgend etwas (Kim)
yaḥ : welcher, der (Yad)
mudrām : das Siegel (Mudra)
vetti : kennt (vid)
khe-carīm : (namens) Khechari

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Varianten als Vers 66 der Version 2 des Goraksha Shataka (mit der Lesart śokena "von Schmerz, Kummer, Sorgen" statt rogeṇa im ersten Pada), sowie in der Hatha Yoga Pradipika (3.40) überliefert. Sowohl GŚ wie auch HYP lesen im dritten Pada bādhyate na saḥ kālena "er wird nicht vom Tod (bzw. der Zeit, Kala) bedrängt" statt badhyate na ca kenāpi.

Die Form kenāpi setzt sich aus kena + api zusammen. Das Fragepronomen kena kann sowohl vom Maskulinum Ka "wer, welcher" als auch vom Neutrum Kim "was, welches" abgeleitet sein, so dass beides gemeint sein kann: "von irgend jemandem" und "von irgend etwas".

Vers 55: Khechari Mudra

Weil der Geist sich (dabei) im leeren Raum (zwischen den Augenbrauen aufhält, und) weil sich die Zunge im leeren Raum (des Schädels befindet), genau deshalb wird Khechari Mudra (unter diesem Namen) von allen Vollkommenen hoch geschätzt.


चित्तं चरति खे यस्माज्जिह्वा चरति खे यतः |
तेनैव खेचरी मुद्रा सर्वसिद्धनमस्कृता || ५५ ||
cittaṃ carati khe yasmāj jihvā carati khe yataḥ |
tenaiva khecarī mudrā sarva-siddha-namas-kṛtā || 55 ||
chittam charati khe yasmaj jihva charati khe yatah |
tenaiva khechari mudra sarva-siddha-namas-krita || 55 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

cittam : der Geist (Chitta)
carati : sich aufhält ("bewegt", car)
khe : im leeren Raum (zwischen den Augenbrauen, Kha)
yasmāt : weil (Yasmat)
jihvā : (und) die Zunge (Jihva)
carati : sich aufhält ("bewegt")
khe : im leeren Raum (des Schädels)
yataḥ : weil (Yad)
tena : deshalb, daher (Tad)
eva : nur, eben, genau (Eva)
khecarī mudrā : (Khechari Mudra)
sarva-siddha-namas-kṛtā : wird von allen (Sarva) Vollkommenen (Siddha) hoch geschätzt, verehrt (Namaskrita)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit kleineren Varianten als Vers 67 der Version 2 des Goraksha Shataka (mit der Lesart gatā "befindet sich" statt yataḥ im zweiten Pada) überliefert, ebenso in der Hatha Yoga Pradipika (3.41), deren Wortlaut im zweiten Halbvers etwas stärker abweicht:

cittaṃ carati khe yasmāj jihvā carati khe gatā |
tenaiṣā khe-carī nāma mudrā siddhair nirūpitā || 3.41 ||

"Weil der Geist sich (dabei) im leeren Raum (zwischen den Augenbrauen) aufhält, und sich die Zunge im leeren Raum (des Schädels) befindet, deshalb wurde sie von allen Vollkommenen mit dem Namen Khechari Mudra bezeichnet." (HYP 3.41)

Vers 56: Bindu

Der männliche Same wiederum ist die Ursache der Körper. In diesem (Samen) sind die (feinstofflichen) Kanäle begründet, die (alle) Körper nähren, vom Scheitel bis zur Sohle.


बिन्दुमूलशरीराणि सिरा यत्र प्रतिष्ठिताः |
भावयन्ति शरीराणि आपादतलमस्तकम् || ५६ ||
bindu-mūla-śarīrāṇi sirā yatra pratiṣṭhitāḥ |
bhāvayantī śarīrāṇi ā-pāda-tala-mastakam || 56 ||
bindu-mula-sharirani sira yatra pratishthitah |
bhavayanti sharirani a-pada-tala-mastakam || 56 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

bindu-mūla-śarīrāṇi : die Körper (Sharira) haben den männlichen Samen ("Tropfen", Bindu) zur Ursache ("Wurzel", Mula)
sirāḥ : die (feinstofflichen) Kanäle, Adern, Nerven, Gefäße (Sira)
yatra : wo, auf diesem (Samen, Yatra)
pratiṣṭhitāḥ : sind begründet, haben ihre Ursache, beruhen (Pratishthita)
bhāvayanti : nähren ("beleben", bhū)
śarīrāṇi : die Körper
yāḥ : welche (Yad)
ā-pāda-tala-mastakam : von (ā) den Fußsohlen (Padatala) bis zum Kopf (Mastaka)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 68 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Der Plural śarīrāṇi "die Körper" (GŚ 2, 68 hat den Singular śarīram) könnte sich allgemein auf den Körper jedes Yogis beziehen, oder die drei Körper meinen, d.h. den grobstofflichen physischen Körper (Sthula Sharira), den feinstofflichen Astralkörper (Linga Sharira bzw. Sukshma Sharira) und den Kausalkörper (Karana Sharira).

In der Hatha Yoga Pradipika 3.90 wird im Kontext der Vajroli genannten Praxis (HYP 3.83-91) in Bezug auf die Bedeutung des männlichen Samens eine ähnliche Aussage gemacht:

cittāyattaṃ nṛṇāṃ śukraṃ śukrāyattaṃ ca jīvitam |
tasmāc chukraṃ manaś caiva rakṣaṇīyaṃ prayatnataḥ || 3.90 ||

"Der Samen (Shukra) der Männer (Nri) ist vom Geist (Chitta) abhängig (Ayatta), und das Leben (Jivita) ist von Samen abhängig. Daher sollte sowohl der Samen als auch der Geist sorgfältig behütet (Rakshaniya) werden." (HYP 3.90)

Vers 57: Bindu

Wer mit Khechari Mudra die Öffnung hinter dem weichen Gaumen verschlossen hat, dessen Samen erschöpft sich nicht, selbst wenn er von einer Geliebten umarmt wird.


खेचर्या मुद्रितं येन विवरं लम्बिकोर्ध्वतः |
न तस्य क्षीयते बिन्दुः कामिन्यालिङ्गितस्य च || ५७ ||
khe-caryā mudritaṃ yena vivaraṃ lambikordhvataḥ |
na tasya kṣīyate binduḥ kāminyāliṅgitasya ca || 57 ||
khecharya mudritam yena vivaram lambikordhvatah |
na tasya ksharate binduh kaminyalingitasya cha || 57 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

khe-caryā : durch Khechari (Mudra)
mudritam : verschlossen ("versiegelt") wurde (Mudrita)
yena : durch welchen (Yogi, Yad)
vivaram : das Loch, die Öffnung (Vivara)
lambikordhvataḥ : hinter ("oberhalb", Urdhva) dem (weichen) Gaumen (Lambika)
na : nicht (Na)
tasya : dessen (Tad)
kṣīyate : erschöpft sich (kṣar)
binduḥ : Samen ("Tropfen", Bindu)
kāminyā : von einer Geliebten, (jungen) Liebhaberin (Kamini)
āliṅgitasya : (wenn er) umarmt wird (Alingita)
ca : sogar (Cha)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit der Lesart kṣarate "fließt" (statt kṣīyate) im 3. Pada als Vers 69 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert, sowie in der Hatha Yoga Pradipika (3.42) mit der Lesart āśleṣitasya (statt āliṅgitasya) im 4. Pada.

Man könnte vivaraṃ lambikordhvataḥ auch mit "die Öffnung hinter dem Gaumenzäpfchen (Lambika)" übersetzen. Brahmananda, der Kommentator der HYP, versteht lambikā hier als Gaumen (Talu): lambikā tālu.

Vers 58: Bindu

Solange der Samen im Körper verbleibt, wieso sollte es dann eine Furcht vor dem Tod geben? Solange wie Nabho Mudra (Khechari Mudra) praktiziert wird, solange fließt der Samen nicht.


यावद्बिन्दुः स्थितो देहे तावन्मृत्युभयं कुतः |
यावद्बद्धा नभोमुद्रा तावद्बिन्दुर्न गच्छति || ५८ ||
yāvad binduḥ sthito dehe tāvan mṛtyu-bhayaṃ kutaḥ |
yāvad baddhā nabho-mudrā tāvad bindur na gacchati || 58 ||
yavad binduh sthito dehe tavan mrityu-bhayam kutah |
yavad baddha nabho-mudra tavad bindur na gachchhati || 58 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

yāvat : wenn ("solange wie", Yavat)
binduḥ : der Samen ("Tropfen", Bindu)
sthito : verbleibt ("beständig ist", Sthira)
dehe : im Körper (Deha)
tāvat : dann ("genau solange", Tavat)
mṛtyu-bhayaṃ : (käme) Angst, Furcht (Bhaya) vor dem Tod (Mrityu)
kutaḥ : woher (Kutas)
yāvat : solange wie (Yavat)
baddhā : gehalten wird ("gebunden", Baddha)
nabho-mudrā : Nabho Mudra (d.h. Khechari Mudra)
tāvat : genau solange (Tavat)
binduḥ : der Samen
na : nicht (Na)
gacchati : fließt ("geht", gam)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 70 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Der erste Halbvers erscheint im Kontext der Vajroli genannten Praxis nahezu wortwörtlich als zweiter Halbvers von Hatha Yoga Pradipika 3.89:

su-gandho yogino dehe jāyate bindu-dhāraṇāt |
yāvad binduḥ sthiro dehe tāvat kāla-bhayaṃ kutaḥ || 3.89 ||

"Aufgrund des Zurückhaltens (Dharana) des Samens (Bindu) entsteht ein Wohlgeruch (Sugandha) im Körper (Deha) des Yogis. Solange der Samen im Körper verbleibt, wieso sollte es dann eine Furcht (Bhaya) vor dem Tod (Kala) geben?." (HYP 3.89)

Die Bezeichnung Nabho Mudra wird hier als Synonym für Khechari Mudra gebraucht, vgl. die Verse 32 und 34 (nebst Anm.) der Version 1 des Goraksha Shataka.

Der vorliegende Vers erscheint mit einigen Varianten auch im Anandakanda (1.20.95), einem medizinisch-alchemistischen Werk aus dem 13. Jahrhundert, wo er im Kontext von Khechari Mudra steht:

yāvac chukraṃ sthiraṃ dehe tāvat kāla-bhayaṃ na hi |
yena baddhā nabho-mudrā bījas tasya na gacchati || 20.95 ||

"Solange der Samen (Shukra) im Körper (Deha) verbleibt, gibt es gewiss keine Furcht (Bhaya) vor dem Tod (Kala). Wer Nabho Mudra (Khechari Mudra) praktiziert, dessen Samen (Bija) fließt nicht." (ĀK 1.20.95)

Vers 59: Bindu

Sogar wenn der Samen gefallen und entflammt ist, (da er) das Feuer (den "Ort der Yoni") erreicht hat, geht er wieder nach oben, indem er nach Kräften durch Yoni Mudra kontrolliert wird.


ज्वलितोऽपि यथा बिन्दुः सम्प्राप्तश्च हुताशनम् |
व्रजत्यूर्ध्वं गतः शक्त्या निरुद्धो योनिमुद्रया || ५९ ||
jvalito'pi yathā binduḥ samprāptaś ca hutāśanam |
vrajaty ūrdhvaṃ gataḥ śaktyā niruddho yoni-mudrayā || 59 ||
jvalito'pi yatha binduh sampraptash cha hutashanam |
vrajaty urdhvam gatah shaktya niruddho yoni-mudraya || 59 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

jvalitaḥ : entflammt ist (Jvalita)
api : sogar (Api)
yathā : wenn ("sobald", Yatha)
binduḥ : der Samen ("Tropfen", Bindu)
samprāptaḥ : erreicht hat (Samprapta)
ca : und (Cha)
hutāśanam : das Feuer (Hutashana, d.h. Yonisthana, den "Ort der Yoni")
vrajati : er geht (wieder, (vraj)
ūrdhvam : nach oben, aufwärts (Urdhva)
gataḥ : gefallen ("gegangen", Gata)
śaktyā : mit Kraft, nach Kräften (Shakti)
niruddhaḥ : kontrolliert ("zurückgehalten", Niruddha)
yoni-mudrayā : durch Yoni Mudra (d.h. Vajroli Mudra)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit drei Lesarten als Vers 71 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie in der Hatha Yoga Pradipika 3.43 überliefert. Letztere liest im 2. Pada yoni-maṇḍalam "den Bereich der Vagina" statt hutāśanam "das Feuer".

Brahmananda, der Kommentator der HYP, erklärt yoni-maṇḍalam mit yoni-sthānam ("Ort der Yoni"). Er beschreibt Yoni Mudra als ein Kontrahieren (Akunchana) des Penis (Medhra) und bemerkt, dass damit (etena) auf Vajroli Mudra (vgl. HYP 3.83-91) verwiesen wird (Suchita): yoni-mudrayā meḍhrākuñcana-rūpayā etena vajrolī mudrā sūcitā. Weiter führt er aus, dass der Samen über den Weg (Marga) der Sushumna nach oben, d.h. zum Bindusthana, dem "Ort des Samens", gelangt: suṣumnā-mārgeṇa bindu-sthānaṃ gacchati.

Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der YCU, erklärt hutāśanam ("das Feuer") ganz im Sinne Brahmanandas mit yoṣid-yoni-maṇḍalam "den Bereich (Mandala) der Vagina (Yoni) der Frau (Yoshit)".

Vers 60: Bindu und Rajas

Der Same ist wiederum von zweierlei Art: weißlich und rötlich. Den weißlichen nennt man männlichen Samen, den rötlichen Menstrualblut.


स पुनर्द्विविधो बिन्दुः पाण्डरो लोहितस्तथा |
पाण्डरं शुक्रमित्याहुर्लोहिताख्यं महारजः || ६० ||
sa punar dvi-vidho binduḥ pāṇḍaro lohitas tathā |
pāṇḍaraṃ śuklam ity āhur lohitākhyaṃ mahā-rajaḥ || 60 ||
sa punar dvi-vidho binduh pandaro lohitas tatha |
pandaram shuklam ity ahur lohitakhyam maha-rajah || 60 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

saḥ : der, dieser (Tad)
punaḥ : wiederum, nun (Punar)
dvi-vidhaḥ : ist von zweierlei Art (Dvividha)
binduḥ : Samen ("Tropfen", Bindu)
pāṇḍaraḥ : weiß, weißlich (Pandara)
lohitaḥ : rot, rötlich (Lohita)
tathā : und, sowie (Tatha)
pāṇḍaram : den weißen (Pandara)
śuklam : männlichen Samen, Sperma (Shukla "der Weiße" im Sinne von Shukra)
iti : so (Iti)
āhuḥ : man nennt ("sie nennen", āh)
lohitākhyam : heißt (Akhya) der rote (Lohita)
mahā-rajaḥ : Menstrualblut ("große Monatsregel", Maharajas)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 72 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert (diese liest śukram statt śuklam). Sinngemäß finden sich die hier gemachten Aussagen auch im jeweils 2. Halbvers des Anandakanda 1.20.97-98. Dort heißt es:

bījas tu dvi-vidhaḥ proktaḥ śukraṃ caiva mahā-rajaḥ || 20.97 cd || ...
śukraṃ tu śveta-varṇaṃ syāt pravālābhaṃ rajaḥ smṛtam || 20.98 cd ||

"Der Same (Bija) wird wiederum als von zweierlei Art gelehrt: männlicher Samen (Shukra) und Menstrualblut (Maharajas)." (ĀK 1.20.97 cd)

"Der männliche Samen ist von weißer (Shveta) Farbe (Varna), und das Menstrualblut (Rajas) wird als korallenfarbig (Pravala-Abha) gelehrt." (ĀK 1.20.98 cd)

Vers 61: Bindu und Rajas

Das Menstrualblut, das einem Stück Zinnober gleicht, befindet sich im Sitz der Sonne. Der männliche Samen befindet sich im Sitz des Mondes. Die Vereingung dieser beiden ist sehr schwer zu erreichen.


सिन्दूरव्रातसङ्काशं रविस्थानस्थितं रजः |
शशिस्थानस्थितं शुक्लं तयोरैक्यं सुदुर्लभम् || ६१ ||
sindūra-vrāta-saṅkāśaṃ ravi-sthāna-sthitaṃ rajaḥ |
śaśi-sthāna-sthitaṃ śuklaṃ tayor aikyaṃ su-dur-labham || 61 ||
sindura-vrata-sankasham ravi-sthana-sthitam rajah |
shashi-sthana-sthitam shuklam tayor aikyam su-dur-labham || 61 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

sindūra-vrāta-saṅkāśam : einem Stück ("Haufen", Vrata) Zinnober (Sindura) gleichend (Sankasha)
ravi-sthāna-sthitam : befindet sich (Sthita) im Sitz ("Ort", Sthana) der Sonne (Ravi)
rajaḥ : das Menstrualblut (Rajas)
śaśi-sthāna-sthitam : befindet sich im Sitz ("Ort") des Mondes (Shashin)
śuklam : der männliche Samen ("Tropfen", Shukla im Sinne von Shukra)
tayoḥ : dieser beiden (Tad)
aikyam : die Einheit, Vereingung, Verbindung (Aikya)
su-durlabham : ist sehr schwer zu erlangen, erreichen (Sudurlabha)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 73 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert (diese liest im ersten Pada sindūra-drava-saṅkāśam "das flüssigem Zinnober gleicht" statt sindūra-vrāta-saṅkāśam und im dritten Pada binduḥ "Tropfen" statt śuklam).

Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der YCU, erklärt, dass sich der "Sitz der Sonne" über der linken Augenbraue und der "Sitz des Mondes" über der rechten Augenbraue befindet. In manchen Traditionen gilt der "Sitz der Sonne" (Ravisthana) auch als Synonym für das Nabelzentrum (Manipura Chakra) und der "Sitz des Mondes" (Shashisthana bzw. Chandrasthana) als Synonym für das Kehlzentrum (Vishuddhi Chakra).

Vers 62: Bindu und Rajas

Der männliche Samen ist (der Gott) Brahma - das Menstrualblut ist Shakti. Der männliche Samen ist der Mond - das Menstrualblut ist die Sonne. Aufgrund der Vereinigung dieser beiden wird der höchste Bewusstseinszustand erlangt.


बिन्दुर्ब्रह्मा रजः शक्तिर्बिन्दुरिन्दू रजो रविः |
उभयोः सङ्गमादेव प्राप्यते परमं पदम् || ६२ ||
bindur brahmā rajaḥ śaktir bindur indū rajo raviḥ |
ubhayoḥ saṅgamād eva prāpyate paramaṃ padam || 62 ||
bindur brahma rajah shaktir bindur indu rajo ravih |
ubhayoh sangamad eva prapyate paramam padam || 62 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

binduḥ : der männliche Samen ("Tropfen", Bindu)
brahmā : (ist der Gott) Brahma
rajaḥ : das Menstrualblut (Rajas)
śaktiḥ : (ist) Shakti (die "Energie")
binduḥ : der männliche Samen
induḥ : (ist) der Mond (Indu)
rajaḥ : das Menstrualblut
raviḥ : (ist) die Sonne (Ravi)
ubhayoḥ : dieser beiden (Ubha)
saṅgamāt : aufgrund der Vereinigung (Sangama)
eva : nur, eben (Eva)
prāpyate : wird erreicht, erlangt (pra + āp)
paramam : der höchste (Parama)
padam : (Bewusstseins-)Zustand ("Ort", Pada)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit der Lesart binduḥ śivo "der männliche Samen ist Shiva" (statt bindur brahmā) im ersten Pada als Vers 74 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Setzt man für die Sonne (Ravi) die Silbe Ha und für den Mond (Indu) die Silbe Tha ein, so ist deren Vereinigung Ha-Tha-Yoga.

Vers 63: Bindu und Rajas

Und sobald das Menstrualblut durch das Inbewegungsetzen der (Schlangen-)Kraft in Verbindung mit dem Atem angetrieben wird, vereinigt sich der männliche Samen (für) immer (mit ihm). Dann wird der Körper (des Yogi) göttlich.


वायुना शक्तिचालेन प्रेरितं तु महारजः |
याति बिन्दुः सदैकत्वं भवेद्दिव्यं वपुस्तदा || ६३ ||
vāyunā śakti-cālena preritaṃ ca yathā rajaḥ |
yāti binduḥ sadaikatvaṃ bhaved divyaṃ vapus tadā || 63 ||
vayuna shakti-chalena preritam cha yatha rajah |
yati binduh sadaikatvam bhaved divyam vapus tada || 63 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

vāyunā : in Verbindung mit dem Atem ("Wind", Vayu)
śakti-cālena : durch das Inbewegungsetzen (Chala im Sinne von Chalana) der (Schlangen-)Kraft (Shakti, d.h. Kundalini)
preritam : angetrieben wird (Prerita)
ca : und, aber (Cha)
yathā : sobald ("wie", Yatha)
rajaḥ : das Menstrualblut ("Monatsregel", Rajas)
yāti : gelangt ("geht", )
binduḥ : der männliche Samen ("Tropfen", Bindu)
sadā : (für) immer (Sada)
ekatvam : zur Einheit (Ekatva)
bhavet : wird (bhū)
divyam : himmlich, göttlich (Divya)
vapuḥ : der Körper (Vapus)
tadā : dann (Tada)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 75 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert (diese liest śakti-cāreṇa statt śakti-cāleṇa im ersten Pada). Hier wird auf die Praxis von Shakti Chalana verwiesen, bei der die Kundalini erweckt und entlang der Sushumna nach oben bewegt wird (vgl. Hatha Yoga Pradipika 3.104 ff. und Gheranda Samhita 3.52 ff.).

Der vorliegende Vers erscheint mit einigen Varianten auch im Anandakanda (1.20.100), einem medizinisch-alchemistischen Werk aus dem 13. Jahrhundert, wo er im Kontext von Khechari Mudra steht (vgl. auch die Anm. zu Vers 70):

marutā śakti-cāreṇa rajaś cordhvaṃ praṇīyate |
aikyaṃ tad bindunā yāti tadā divyaṃ vapur bhavet || 20.100 ||

"Durch das Inbewegungsetzen der (Schlangen-)Kraft in Verbindung mit dem Atem (Marut) wird das Menstrualblut (Rajas) aufwärts gelenkt und vereinigt sich mit dem männlichen Samen (Bindu). Dann wird der Körper (des Yogi) göttlich." (ĀK 1.20.100)

Vers 64: Bindu und Rajas

Der männliche Samen steht in Verbindung mit dem Mond - das Menstrualblut steht in Verbindung mit der Sonne. Wer die Einheit (in Form) der Homogenität dieser beiden erfährt, der ist ein Kenner des Yoga.


शुक्रं चन्द्रेण संयुक्तं रजः सूर्य-समन्वितम् |
तयोः समरसैकत्वं यो जानाति स योगवित् || ६४ ||
śuklaṃ candreṇa saṃyuktaṃ rajaḥ sūrya-samanvitam |
tayoḥ sama-rasaikatvaṃ yo jānāti sa yoga-vit || 64 ||
shuklam chandrena samyuktam rajah surya-samanvitam |
tayoh sama-rasaikatvam yo janati sa yoga-vit || 64 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

śukram : der männliche Samen (Shukla "der Weiße" im Sinne von Shukra)
candreṇa : mit dem Mond (Chandra)
saṃyuktam : steht in Verbindung, bezieht sich auf (Samyukta)
rajaḥ : das Menstrualblut (Rajas)
sūrya-samanvitam : steht in Verbindung (Samanvita) mit der Sonne (Surya)
tayoḥ : dieser beiden (Tad)
sama-rasaikatvam : die Identität und Einheit, oder: die Einheit (Ekatva, in Form) der Homogenität ("Geschmacks-Gleichheit", Samarasatva)
yaḥ : wer (Yad)
jānāti : kennt, erfährt (jñā)
saḥ : der (Tad)
yoga-vit : (ist) ein Kenner des Yoga (Yogavid)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit einigen kleineren Lesarten im ersten Halbvers als Vers 76 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert (diese liest śukraṃ statt śuklaṃ).

Vers 65: Maha Mudra

Das Reinigen des Netzwerkes der feinstofflichen Energiekanäle, das Bewegen von Mond und Sonne, sowie das Austrocknen von (physischen, geistigen und emotionalen) Giften wird Maha Mudra genannt.


शोधनं नाडिजालस्य चालनं चन्द्रसूर्ययोः |
रसानां शोषणं चैव महामुद्राभिधीयते || ६५ ||
śodhanaṃ nāḍi-jālasya cālanaṃ candra-sūryayoḥ |
rasānāṃ śoṣaṇaṃ caiva mahā-mudrābhidhīyate || 65 ||
shodhanam nadi-jalasya chalanam chandra-suryayoh |
rasanam shoshanam chaiva maha-mudrabhidhiyate || 65 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

śodhanam : das Reinigen (Shodhana)
nāḍi-jālasya : des Netzes (Jala) der feinstofflichen Energiekanäle (Nadi)
cālanam : das Bewegen, Inbewegungsetzen (Chalana)
candra-sūryayoḥ : von Mond (Chandra) und Sonne (Surya)
rasānām : der Gifte, Leidenschaften ("Säfte", Rasa)
śoṣaṇam : das Austrocknen (Shoshana)
ca : und (Cha)
eva : ebenso (Eva)
mahā-mudrā : Mahamudra (das "große Siegel")
abhidhīyate : wird genannt (abhi + dhā)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 58 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert.

Das Bewegen bzw. Inbewegungsetzen (Chalana) von Mond (Chandra) und Sonne (Surya) bezieht sich auf die wechselseitige Stimulierung von Ida und Pingala, vgl. Vers 67.

Mit dem Austrocknen der Gifte bzw. "Säfte" (rasānāṃ śoṣaṇam) ist möglicherweise neben der Neutralisierung physischer, d.h. in Nahrungsmitteln enthaltener Gifte (vgl. Vers 68) auch das Ausmerzen von Gelüsten, Begierden und Stimmungen gemeint, die sich im Gemüt des Yogi wie "Gifte" auswirken. Das Wort Rasa bedeutet u.a. "Saft, Geschmack(srichtung), Begierde, Gift", aber auch "Lebenselixier".

Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der Yogachudamani Upanishad, versteht Rasa hier im Sinne von Dosha: śarīra-stha-duṣṭa-vāta-pittādi-rasānāṃ śoṣaṇa-karam "(Mahamudra) bewirkt das Austrocknen der im Körper (Sharira) befindlichen verdorbenen (Dushta) Säfte Vata, Pitta usw.".

Vers 66: Maha Mudra

Man presse mit der linken Ferse kontinuierlich den Beckenboden und halte den ausgestreckten rechten Fuß mit beiden Händen. Man drücke das Kinn an die Brust, nachdem man eingeatmet hat, (halte den Atem an und) setze Jalandhara Bandha und Mula Bandha, und atme (ohne Bandhas) langsam aus. Dies wird das Große Siegel (Maha Mudra) genannt, das die Krankheiten der Menschen vernichtet.


वक्षोन्यस्तहनुः प्रपीड्य सुचिरं योनिं च वामाङ्घ्रिणा
हस्ताभ्यामनुधारयन्प्रसरितं पादं तथा दक्षिणम् |
आपूर्य श्वसनेन कुक्षियुगलं बद्ध्वा शनै रेचये-
त्सेयं व्याधिविनाशिनी सुमहती मुद्रा नृणां प्रोच्यते || ६६ ||
vakṣo-nyasta-hanuḥ prapīḍya su-ciraṃ yoniṃ ca vāmāṅghriṇā
hastābhyām anudhārayan prasaritaṃ pādaṃ tathā dakṣiṇam |
āpūrya śvasanena kukṣi-yugalaṃ baddhvā śanai recayet
seyaṃ vyādhi-vināśinī su-mahatī mudrā nṛṇāṃ procyate || 66 ||
vaksho-nyasta-hanuh prapidya su-chiram yonim cha vamanghrina
hastabhyam anudharayan prasaritam padam tatha dakshinam |
apurya shvasanena kukshi-yugalam baddhva shanai rechayet
seyam vyadhi-vinashini su-mahati mudra nrinam prochyate || 66 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

vakṣo-nyasta-hanuḥ : das Kinn (Hanu) auf die Brust (Vakshas) gedrückt (Nyasta)
prapīḍya : indem man presst ("gepresst habend", pra + pīḍ)
su-ciram : lange, kontinuierlich ("sehr lange", Suchira)
yonim : den Beckenboden, das Perineum (Yoni)
ca : und (Cha)
vāmāṅghriṇā : mit der linken (Vama) Ferse ("Fuß", Anghri)
hastābhyām : mit beiden Händen (Hasta)
anudhārayan : haltend, ergreifend (anu + dhā, viell. irrtümlich für *avadhārayan)
prasaritam : den ausgestreckten (Prasarita)
pādam : Fuß (Pada)
tathā : und ("ebenso", Tatha)
dakṣiṇam : rechten (Dakshina)
āpūrya : nachdem man (die Lungen) gefüllt hat ("gefüllt habend", ā + pṛ/pṝ)
śvasanena : mit dem Atem (Shvasana)
kukṣi-yugalam : die beiden (Yugala) Körperöffnungen ("Höhlungen", Kukshi)
baddhvā : (und) nachdem man verschlossen hat ("gebunden habend", badh)
śanaiḥ : langsam (Shanais)
recayet : man atme aus (ric)
seyam (sā + iyam) : diese (Tad "sie" + Iyam "diese hier")
vyādhi-vināśinī : die Krankheiten, Leiden (Vyadhi) vernichtende (Vinashin)
su-mahatī : das überaus machtvolle (Sumahat)
mudrā : Siegel (Mudra)
nṛṇām : der Menschen (Nri)
procyate : wird genannt (pra + vac)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 59 in der Version 2 und als Vers 33 in der Version 1 des Goraksha Shataka überliefert.

Mahamudra, das "große Siegel", wird hier su-mahatī mudrā "das überaus machtvolle Siegel" genannt. Eine weitere Bedeutung von Mudra ist "Verschluss, Schloss", was auf die Verbindung mit den Bandhas wie Jalandhara Bandha ("Kehl-Verschluss") usw. hinweist.

Der Wortlaut āpūrya śvasanena kukṣi-yugalaṃ baddhvā śanai recayet im dritten Pada kann in zweierlei Weise verstanden werden: Entweder konstruiert man das Absolutivum āpūrya "gefüllt habend, füllend" mit kukṣi-yugalam "die zwei Höhlungen" (was im Sinne eines Duals einfach "Bauch" bedeutet), dann hieße es: "Nachdem man den Bauch mit Atem gefüllt hat, halte man (die Luft) an, und atme langsam aus." Man kann kukṣi-yugalam aber auch mit dem Absolutivum baddhvā "zubindend, verschließend" konstruieren, was hieße, dass die "zwei Höhlungen bzw. Körperöffnungen" (d.h. Kehle und Anus) verschlossen werden sollen, also dass zwei Bandhas gesetzt werden sollen: "Nachdem man eingeatmet hat, setze man die beiden Bandhas (wobei die Luft angehalten wird), und atme langsam aus".

Der erste Bandha ist Jalandhara Bandha, wobei das Kinn an die Brust gedrückt (vakṣo-nyasta-hanuḥ) und somit die Kehle bzw. Luftröhre verschlossen wird. Das Setzen von Jalandhara Bandha im Zusammenhang mit Mahamudra wird einhellig in der Shiva Samhita (4.17), der Hatha Yoga Pradipika (3.11), sowie der Gheranda Samhita (3.7) gelehrt. Nur in der HYP (3.11) wird indirekt auf einen zweiten Bandha, nämlich Mula Bandha (das Kontrahieren des Beckenbodens und Verschließen des Anus) verwiesen, wie Brahmananda, der Kommentator der HYP, nahelegt: der Ausdruck dhārayed vāyum ūrdhvataḥ "man ziehe den Lebenshauch (Vayu) nach oben" bedeute, diesen durch das Setzen von Mula Bandha in die Sushumna zu ziehen: vāyuṃ … suṣumnāyāṃ dhārayet; anena mūla-bandhaḥ sūcitaḥ.

Die Hatha Yoga Pradipika (3.15) fügt hinzu, dass danach Mahamudra seitenvertauscht (d.h. mit dem ausgestreckten linken Bein) für dieselbe Dauer erneut praktiziert werden soll. In der Gheranda Samhita (3.7) wir zusätzlich die Konzentration des Blickes auf die Mitte (Madhya) der Brauen (Bhru), also das "dritte Auge", empfohlen: bhruvor madhye nirīkṣayet.

In Vers 69 werden einige Krankheiten (Vyadhi) aufgezählt, die durch die Praxis von Mahamudra vertrieben werden.

Vers 67: Maha Mudra

Nachdem man (Maha Mudra) auf der linken Seite praktiziert hat, übe man noch einmal auf der rechten Seite. Sobald die Anzahl (der auf beiden Seiten praktizierten Atemverhaltungen) gleich ist, löse man das Siegel auf.


चन्द्रांशेन समभ्यस्य सूर्यांशेनाभ्यसेत्पुनः |
यावत्तुल्या भवेत्सङ्ख्या ततो मुद्रां विसर्जयेत् || ६७ ||
candrāṃśena samabhyasya sūryāṃśenābhyaset punaḥ |
yā tulyā tu bhavet saṅkhyā tato mudrāṃ visarjayet || 67 ||
chandramshena samabhyasya suryamshenabhyaset punah |
ya tulya tu bhavet sankhya tato mudram visarjayet || 67 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

candrāṃśena : auf der Seite ("Teil", Amsha) des Mondes (Chandra, d.h. links, wo Ida verläuft)
samabhyasya : nachdem man praktiziert hat (sam + abhi + as)
sūryāṃśena : auf der Seite ("Teil", Amsha) der Sonne (Surya), d.h. rechts, wo Pingala verläuft)
abhyaset : soll man üben (abhi + as)
punaḥ : wieder, noch einmal (Punar)
 : sobald ("welche", Yad)
tulyā : gleich (Tulya)
tu : jedoch, aber (Tu)
bhavet : ist ("sei", bhū)
saṅkhyā : die Anzahl (der auf beiden Seiten praktizierten Atemverhaltungen (Sankhya)
tataḥ : dann (Tatas)
mudrām : das Siegel (Mudra, d.h. Mahamudra)
visarjayet : löse man (vi + sṛj)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 60 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie in der Hatha Yoga Pradipika (3.15) überliefert.

Vers 68: Maha Mudra

(Für einen, der Maha Mudra praktiziert, gibt es) nichts Heilsames oder Unheilsames. Alle Geschmacksrichtungen, sogar Ungenießbares, was zuviel gegessen wurde, und schreckliche Gifte werden verdaut, als ob sie Nektar wären.


नहि पथ्यमपथ्यं वा रसाः सर्वेऽपि नीरसाः |
अतिभुक्तं विषं घोरं पीयूषमिव जीर्यति || ६८ ||
na-hi pathyam apathyaṃ vā rasāḥ sarve’pi nīrasāḥ |
ati-bhuktaṃ viṣaṃ ghoraṃ pīyūṣam iva jīryati || 68 ||
na-hi pathyam apathyam va rasah sarve’pi nirasah |
ati-bhuktam visham ghoram piyusham iva jiryati || 68 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

na-hi : nicht (Nahi)
pathyam : (etwas, das) heilsam, gesund (ist, Pathya)
apathyam : unheilsam, ungesund (Apathya)
 : oder (Va)
rasāḥ : Geschmack(srichtungen, Rasa)
sarve : alle (Sarva)
api : auch, sogar (Api)
nīrasāḥ : (Nahrungsmittel, die) ohne Geschmack, saftlos, ungenießbar (geworden sind, Nirasa)
ati-bhuktam : was zuviel gegessen wurde (Atibhukta)
viṣam : Gift (Visha)
ghoram : schreckliches (Ghora)
pīyūṣam : Nektar (Piyusha)
iva : wie (Iva)
jīryati : (werden bzw.) wird verdaut (jṝ)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit der Lesart api muktaṃ "freigesetzt" (statt ati-bhuktaṃ) als Vers 61 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit der Lesart api bhuktaṃ "gegessen" in der Hatha Yoga Pradipika (3.16) überliefert.

Vers 69: Maha Mudra

Krankheiten wie Tuberkulose, Lepra, Verstopfung, Unterleibsgeschwulste und Verdauungsprobleme nehmen für den ein Ende, der Maha Mudra praktiziert.


क्षयकुष्ठगुदावर्तगुल्माजीर्णपुरोगमाः |
तस्य रोगाः क्षयं यान्ति महामुद्रां तु योऽभ्यसेत् || ६९ ||
kṣaya-kuṣṭha-gudāvarta-gulmājīrṇa-purogamāḥ |
tasya rogāḥ kṣayaṃ yānti mahā-mudrāṃ tu yo'bhyaset || 69 ||
kshaya-kushtha-gudavarta-gulmajirna-purogamah |
tasya rogah kshayam yanti maha-mudram tu yo'bhyaset || 69 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kṣaya-kuṣṭha-gudāvarta-gulmājīrṇa-purogamāḥ : angefangen mit ("angeführt von", Purogama) Schwindsucht, Tuberkulose (Kshaya), Aussatz, Lepra (Kushtha), Verstopfung ("Darm-Verdrehung", Gudavarta), krankhafte Anschwellung im Unterleib, Unterleibsgeschwulst (Gulma), Verdauungsprobleme (Ajirna)
tasya : für diesen (Yogi, Tad)
rogāḥ : Krankheiten Roga)
kṣayam : ein Ende (Kshaya)
yānti : nehmen ("gehen zu", )
mahā-mudrām : das große Siegel (Mahamudra)
tu : aber, jedoch (Tu)
yaḥ : wer (Yad)
abhyaset : praktiziert, übt (abhi + as)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit der Lesart rogāḥ "Krankheiten" statt doṣāḥ im dritten Pada als Vers 62 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie in der Hatha Yoga Pradipika (3.17) überliefert.

Vers 70: Maha Mudra

Somit wurde das große Siegel (Maha Mudra) gelehrt, das den Menschen (die es praktizieren) große Zauberkräfte verschafft. Es ist äußerst geheim zu halten und darf nicht an irgend jemanden (der dafür ungeeignet ist) weitergegeben werden.


कथितेयं महामुद्रा महासिद्धिकरी नृणाम् |
गोपनीया प्रयत्नेन न देया यस्य कस्यचित् || ७० ||
kathiteyaṃ mahā-mudrā mahā-siddhi-karī nṛṇām |
gopanīyā prayatnena na deyā yasya kasya-cit || 70 ||
kathiteyam maha-mudra maha-siddhi-kari nrinam |
gopaniya prayatnena na deya yasya kasya-chit || 70 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kathitā : gelehrt ist (somit, Kathita)
iyam : dieses (Iyam)
mahā-mudrā : große Siegel (Mahamudra)
mahā-siddhi-karī : das große Zauberkräfte (Mahasiddhi) verschafft ("bewirkt", Kara)
nṛṇām : den Menschen (die es praktizieren, Nri)
gopanīyā : es ("sie") ist geheim zu halten (Gopaniya)
prayatnena : äußerst sorgsam (Prayatna)
na : nicht (Na)
deyā : ist es ("sie") weiterzugeben (Deya)
yasya kasya-cit : an irgend jemand (beliebigen, der dafür ungeeignet ist, Yad Ka Chid)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich in der Hatha Yoga Pradipika (3.17) sowie mit der Lesart sarva-siddhi-karī "die alle übernatürlichen Fähigkeiten verschafft" (statt mahā-siddhi-karī) im zweiten Pada als Vers 63 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert.

Vers 71: OM Japa

An einem einsamen Ort den Lotussitz eingenommen habend, Körper und Hals gerade haltend, mit auf die Nasenspitze gerichtetem Blick, rezitiere man den unvergänglichen Laut OM.


पद्मासनं समारुह्य समकायशिरोधरः |
नासाग्रदृष्टिरेकान्ते जपेदोङ्कारमव्ययम् || ७१ ||
padmāsanaṃ samāruhya sama-kāya-śiro-dharaḥ |
nāsāgra-dṛṣṭir ekānte japed oṅ-kāram avyayam || 71 ||
padmasanam samaruhya sama-kaya-shiro-dharaḥ |
nasagra-drishtir ekante japed on-karam avyayam || 71 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

padmāsanam : den Lotussitz (Padmasana)
samāruhya : eingenommen habend ("bestiegen habend", sam + ā + ruh)
sama-kāya-śiro-dharaḥ : Körper (Kaya) und Hals (Shirodhara) gerade (haltend, Sama)
nāsāgra-dṛṣṭiḥ : mit auf die Nasenspitze (Nasagra gerichtetem) Blick (Drishti)
ekānte : an einem einsamen Ort (Ekanta)
japet : man rezitiere (jap)
oṅ-kāram : Laut OM (Omkara)
avyayam : den unvergänglichen (Avyaya)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 83 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert.

Vers 72: Vier Zustände des Bewusstseins

Vishva (das Wachbewusstsein) ist sich immer des Grobstofflichen bewusst, Taijasa (das Traumbewusstsein) ist sich des Feinstofflichen bewusst, und Prajna (das Tiefschlafbewusstsein) ist sich der Glückseligkeit bewusst. (Der vierte Zustand ist) der Zeuge all (dieser Bewusstseinszustände und) geht über sie hinaus.


विश्वो हि स्थूलभुङ्नित्यं तैजसः प्रविविक्तभुक् |
आनन्दभुक्तथा प्राज्ञः सर्वसाक्षीत्यतः परः || ७२ ||
viśvo hi sthūla-bhuṅ nityaṃ taijasaḥ pravivikta-bhuk ।
ānanda-bhuk tathā prājñaḥ sarva-sākṣīty ataḥ paraḥ || 72 ||
vishvo hi sthula-bhun nityam taijasah pravivikta-bhuk ।
ananda-bhuk tatha prajnah sarva-sakshity atah parah || 72 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

viśvaḥ : das Wachbewusstsein ("das Weltliche", Vishva)
hi : gewiss (Hi)
sthūla-bhuk : nimmt wahr ("genießt", bhuj) das Grobstoffliche (Sthula)
nityam : immer, stets (Nitya)
taijasaḥ : das Traumbewusstsein ("das Lichtvolle, Leidenschaftliche", Taijasa)
pravivikta-bhuk : nimmt wahr ("genießt", bhuj) das Feinstoffliche (Pravivikta)
ānanda-bhuk : nimmt wahr ("genießt", bhuj) Glückseligkeit (Ananda)
tathā : und (Tatha)
prājñaḥ : das Tiefschlafbewusstsein ("das Einsichtsvolle", Prajna)
sarva-sākṣī : der Zeuge von allem (Sarvasakshin)
iti : so (genannt, Iti)
ataḥ : davon (Atas)
paraḥ : ist jenseits (Para)

Anmerkungen: Die ersten drei Padas von YCU 72 entsprechen wortwörtlich Mandukya Upanishat Karika 1.3, einem von Gaudapada in Versform verfassten Kommentar zur Mandukya Upanishad. Die vollständige Karika lautet:

viśvo hi sthūla-bhuṅ nityaṃ taijasaḥ pravivikta-bhuk ।
ānanda-bhuk tathā prājñas tridhā bhogaṃ nibodhata ||

"Vishva (das Wachbewusstsein) ist sich immer des Grobstofflichen bewusst, Taijasa (das Traumbewusstsein) ist sich des Feinstofflichen bewusst, und Prajna (das Tiefschlafbewusstsein) ist sich der Glückseligkeit bewusst - vernehmt, dass die Wahrnehmung (Bhoga) dreifach ist." (MUK 1.3)

Der vierte Pada von YCU 72 erinnert an MUK 1.12 d, wo es heißt: turyaṃ tat sarva-dṛk sadā "der vierte (Bewusstseinszustand, Turya) erschaut stets alle (anderen Bewusstseinszustände, Sarvadrish)".

Mandukya Upanishat Karika 1.3 bezieht sich auf Mandukya Upanishad 2 - 6, wo die vier Bewusstseinszustände Wach-, Traum-, Tiefschlaf- und Allbewusstsein beschrieben werden. Diese vier Zustände werden als "vier Füße" des (einen) Selbst (Atman) bezeichnet, welches mit dem Brahman identisch ist. So heißt es in MU 2:

sarvaṃ hy etad brahmāyam ātmā brahma so 'yam ātmā catuṣ-pāt ||

"All dies ist gewiss das Brahman. Dieses Selbst ist das Brahman. Dieses Selbst hat vier Füße (Chatushpad)." (MU 2)

Die vier Füße bzw. Bewusstseinszustände des Selbst werden in der Mandukya Upanishad als Vaishvanara, Taijasa, Prajna und als der vierte Zustand bzw. das (absolute) Selbst (Atman) bezeichnet. Das Bewusstsein im Wachzustand (Jagrat) ist nach außen gerichtet und nimmt die grobstoffliche Welt wahr. Im Schlaf- bzw. Traumzustand (Svapna) ist es nach innen gerichtet und nimmt die subtile Welt der Gedanken, Gefühle und Vorstellungen bzw. Träume wahr. Im Tiefschlaf (Sushupti) ist das Bewusstsein reine Glückseligkeit.

Diese drei Bewusstseinszustände können den drei "Körpern" grobstofflicher (physischer) Körper (Sthula Sharira), feinstofflicher Astralkörper (Linga Sharira bzw. Sukshma Sharira) und Kausalkörper (Karana Sharira) zugeordnet werden. Der vierte und höchste Bewusstseinszustand (Turiya) ist sich all dieser anderen Bewusstseinszustände bewusst - er ist in diesem Sinne "allsehend" (Sarvadrish) bzw. "allwissend" (Sarvajna) - und geht darüber hinaus.

Vers 73: Pranava

Der Urklang OM (der identisch mit dem höchsten Bewusstseinszustand ist) weilt allezeit in allen Lebewesen zum Zwecke der Erfahrung. Obwohl er (bedingungslose) Freude ist, ist er in Hinsicht auf alle (anderen) Bewusstseinszustände gleichmütig.


प्रणवः सर्वदा तिष्ठेत्सर्वजीवेषु भोगतः |
अभिरामस्तु सर्वासु ह्यवस्थासु ह्यधोमुखः || ७३ ||
praṇavaḥ sarvadā tiṣṭhet sarva-jīveṣu bhogataḥ |
abhirāmas tu sarvāsu hy avasthāsu hy adho-mukhaḥ || 73 ||
pranavah sarvada tiṣṭhet sarva-jiveshu bhogatah |
abhiramas tu sarvasu hy avasthasu hy adho-mukhah || 73 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

praṇavaḥ : der Urklang OM (Pranava)
sarvadā : immer, stets, allezeit (Sarvada)
tiṣṭhet : weilt (sthā)
sarva-jīveṣu : in allen (Sarva) Lebewesen, Individualseelen (Jiva)
bhogataḥ : zum Zwecke der Erfahrung ("Genuss", Bhoga)
abhirāmaḥ : Freude, Wonne (Abhirama)
tu : wohl, zwar (Tu)
sarvāsu : in Hinsicht auf alle (Sarva)
hi : gewiss (Hi)
avasthāsu : (anderen) Zustände (des Bewusstseins, Avastha)
hi : gewiss
adho-mukhaḥ : gleichmütig, losgelöst ("mit nach unten gerichtetem Gesicht", Adhomukha)

Anmerkungen: Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der YCU, erklärt, dass praṇavaḥ (OM) hier im Sinnes des höchsten Bewusstseinszustandes (Turiya), des allgegenwärtigen Zeugenbewusstseins (Sakshin), zu verstehen sei. Der Ausdruck adho-mukhaḥ ("mit nach unten gerichtetem Gesicht") stehe wiederum in der Bedeutung von udāsīnaḥ "gleichmütig" (Udasina), d.h. der Zeuge "steht über" den drei anderen Bewusstseinszuständen Jagrat, Svapna und Sushupti (vgl. Vers 72 nebst Anm.).

Die Hauptaussage der Mandukya Upanishad, die diesem Abschnitt der YCU offenbar zugrundliegt, besteht darin, dass alles (Sarva) die (unvergängliche) Silbe (Akshara) OM ist, und somit auch das Selbst (Atman) identisch mit OM ist:

oṃ ity etad akṣaram idaṃ sarvaṃ ... | "OM - diese Silbe ist alles dies." (MU 1)
so 'yam ātmādhyakṣaram oṃkāraḥ | ... "Dieses Selbst ist die Silbe OM." (MU 8)
... evam oṃkāra ātmaiva | ... "Auf diese Weise ist das Selbst (identisch mit) OM." (MU 12)

In Yogasutra (1.27) heißt es entsprechend, die Silbe OM (Pranava) bringe die Bedeutung Ishvaras, der als eine von jeglichem Leid freie Form des Selbst (Purusha, YS 1.24) bezeichnet wird, zum Ausdruck (Vachaka): tasya vācakaḥ praṇavaḥ || (YS 1.27)

Ebenso heißt es in Mandukya Upanishat Karika 1.28:

praṇavaṃ hīśvaraṃ vidyāt sarvasya hṛdi saṃsthitam |

"Mann soll die Silbe OM (Pranava) als Gott (Ishvara) erkennen, der sich im Herzen (Hrid) von allem befindet." (MUK 1.28 ab)

Gaudapada sagt in Mandukya Upanishat Karika 1.9, dass einige meinen, der Zweck (Artha) der Schöpfung (Srishti) sei die Erfahrung ("Genuss", Bhoga des Selbst). Andere wiederum seien der Ansicht, der Zweck der Schöpfung sei nur ein Spiel (des Göttlichen, Krida, d.h. Lila):

bhogārthaṃ sṛṣṭir iti anye krīḍārtham iti cāpare | (MUK 1.9 ab)

Auch im Yogasutra (2.18) heißt es, die Schöpfung bzw. die sinnlich erfahrbare Welt (Drishya) dient dem Zwecke (Artha) der Erfahrung (Bhoga) und der Erlösung (Apavarga):

... bhogāpavargārthaṃ dṛśyam || (YS 2.18)

Vers 74: Drei Lautbestandteile von Pranava

Der Laut A bezieht sich auf den Wachzustand und ist bei allen Wesen im Auge lokalisiert. Der Laut U bezieht sich auf den Traumzustand und ist in der Kehle lokalisiert. Der Laut M bezieht sich auf den Tiefschlaf und ist im Herzen lokalisiert.


अकारो जाग्रति नेत्रे वर्तते सर्वजन्तुषु |
उकारः कण्ठतः स्वप्ने मकारो हृदि सुप्तितः || ७४ ||
akāro jāgrati netre vartate sarva-jantuṣu |
ukāraḥ kaṇṭhataḥ svapne makāro hṛdi suptitaḥ || 74 ||
akaro jagrati netre vartate sarva-jantushu |
ukarah kanthatah svapne makaro hridi suptitah || 74 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

akāraḥ : der Laut A (Akara)
jāgrati : (bezieht sich auf den) Wachzustand (Jagrat)
netre : im Auge (Netra)
vartate : befindet sich (vṛt)
sarva-jantuṣu : in allen (Sarva) Wesen (Jantu)
ukāraḥ : der Laut U (Ukara)
kaṇṭhataḥ : in der Kehle (Kantha)
svapne : (bezieht sich auf den) Traumzustand (Svapna)
makāraḥ : der Laut M (Makara)
hṛdi : im Herzen (Hrid)
suptitaḥ : (bezieht sich auf den) Tiefschlaf (Supti im Sinne von Sushupti)

Anmerkungen: Hier werden die drei Lautbestandteile der Silbe OM, A - U - M, in Beziehung zu den drei Bewusstseinszuständen und ihrem jeweiligen Sitz im Körper gebracht. Mandukya Upanishat Karika 1.2 macht hinsichtlich der körperlichen Verortung der drei Zustände ähnliche, wenngleich leicht abweichende Aussagen:

dakṣiṇākṣi-mukhe viśvo manasy antas tu taijasaḥ |
ākāśe ca hṛdi prājñas tridhā dehe vyavasthitaḥ ||

"(Die drei Bewusstseinszustände) sind dreifach im Körper (Deha) verortet: Vishva (das Wachbewusstsein) befindet sich in der Öffnung (Mukha) des rechten (Dakshina) Auges (Akshi). Taijasa (das Traumbewusstsein) befindet sich wiederum im Inneren (Antar) des Geistes (Manas). Und Prajna (das Tiefschlafbewusstsein) befindet sich im leeren Raum (Akasha) im Herzen (Hrid)." (MUK 1.3)

Vers 75 - 76: Drei Lautbestandteile von Pranava

Der Laut A repräsentiert Rajas, die Farbe Rot, den Gott Brahma sowie Bewusstheit. Der Laut U repräsentiert Sattva, die Farbe Weiß und den Gott Vishnu. Der Laut M repräsentiert Tamas, die Farbe Schwarz und den Gott Rudra.


अकारो राजसो रक्तो ब्रह्मा चेतन उच्यते |
उकारः सात्त्विकः शुक्लो विष्णुरित्यभिधीयते || ७५ ||
मकारस्तामसः कृष्णो रुद्रश्चेति तथोच्यते |
akāro rājaso rakto brahmā cetana ucyate |
ukāraḥ sāttvikaḥ śuklo viṣṇur ity abhidhīyate || 75 ||
makāras tāmasaḥ kṛṣṇo rudraś ceti tathocyate |
akaro rajaso rakto brahma chetana uchyate |
ukarah sattvikah shuklo vishnur ity abhidhiyate || 75 ||
makaras tamasah krishno rudrash cheti tathocyate |


Wort-für-Wort-Übersetzung

akāraḥ : der Laut A (Akara)
rājasaḥ : rajasisch, von Rajas ("Leidenschaft, Aktivität") bestimmt (Rajasa)
raktaḥ : rot (Rakta)
brahmā : Brahma
cetanaḥ : bewusst, wahrnehmend, intelligent (Chetana)
ucyate : wird genannt, gelehrt (vac)
ukāraḥ : der Laut U (Ukara)
sāttvikaḥ : sattvisch, von Sattva ("Güte, Lichthaftigkeit") bestimmt (Sattvika)
śuklaḥ : weiß (Shukla)
viṣṇuḥ : Vishnu
iti : so (Iti)
abhidhīyate : wird genannt, bezeichnet (abhi + dhā)
makāraḥ : der Laut M (Makara)
tāmasaḥ : tamasisch, von Tamas ("Finsternis, Trägheit") bestimmt (Tamasa)
kṛṣṇaḥ : schwarz (Krishna)
rudraḥ : Rudra
ca : und, aber (Cha)
iti : so
tathā : und (Tatha)
ucyate : wird genannt, gelehrt

Anmerkungen: Die drei Lautbestandteile der Silbe OM, A - U - M, werden hier in Beziehung zu den drei Gunas, den damit verbundenen Farben und der hinduistischen Göttertrinität Brahma, Vishnu und Rudra (Shiva) gebracht. Diese drei Götter repräsentieren den Vorgang der Schöpfung, den Erhalt derselben und deren Zerstörung bzw. Auflösung in ihre Grundbestandteile.

Rajas, Sattva und Tamas gelten als die drei Grundbestandteile (Guna) der Schöpfung (Prakriti) und werden durch die Farben Rot, Weiß und Schwarz symbolisiert. Rajas steht auf der geistigen Ebene für Unruhe und Leidenschaft und auf der stofflichen Ebene für Aktivität (Kriya), Bewegung und Energie. Sattva bedeutet einerseits geistige Ausgeglichenheit und Balance und andererseits Lichthaftigkeit und Erhellung (Prakasha). Tamas steht für (geistige und stoffliche) Finsternis und Trägheit sowie für Schwere und Stillstand bzw. Beständigkeit (Sthiti, vgl. Yogasutra 2.18).

Des weiteren wird der (rajasische) Laut A hier mit dem bewussten (Chetana) Zustand assoziiert, der dem Wachzustand (Jagrat) entspricht (vgl. den vorangehenden Vers 74). Analog dazu steht der in der Mitte befindliche (sattvische) Laut U für das Unterbewusste bzw. den Traumzustand (Svapna) und der (tamasische) Laut M für das Unbewusste bzw. den traumlosen Tiefschlaf (Sushupti).

Vers 76 - 77: Drei Lautbestandteile von Pranava

Brahma ist aus dem Urklang OM hervorgegangen, Hari ist aus dem Urklang OM hervorgegangen, Rudra ist aus dem Urklang OM hervorgegangen, denn der Urklang OM ist die höchste Realität.


प्रणवात्प्रभवो ब्रह्मा प्रणवात्प्रभवो हरिः || ७६ ||
प्रणवात्प्रभवो रुद्रः प्रणवो हि परो भवेत् |
praṇavāt prabhavo brahmā praṇavāt prabhavo hariḥ || 76 ||
praṇavāt prabhavo rudraḥ praṇavo hi paro bhavet |
pranavat prabhavo brahma pranavat prabhavo harih || 76 ||
pranavat prabhavo rudrah pranavo hi paro bhavet |


Wort-für-Wort-Übersetzung

praṇavāt : aus dem Urklang OM (Pranava)
prabhavaḥ : (ist) der Ursprung (Prabhava)
brahmā : (der Gottheit) Brahma
praṇavāt : aus dem Urklang OM
prabhavaḥ : (ist) der Ursprung
hariḥ : (der Gottheit) Hari
praṇavāt : aus dem Urklang OM
prabhavaḥ : (ist) der Ursprung
rudraḥ : (der Gottheit) Rudra
praṇavaḥ : der Urklang OM
hi : denn, gewiss (Hi)
paraḥ : die höchste Realität, die Allseele (Para)
bhavet : ist ("sei", bhū)

Vers 77 - 78: Drei Lautbestandteile von Pranava

Brahma löst sich im Laut A auf, Hari löst sich im Laut U auf, und Rudra löst sich im Laut M auf. (Dann) leuchtet nur noch der Urlaut OM (als höchste Realität).


अकारे लीयते ब्रह्मा उकारे लीयते हरिः || ७७ ||
मकारे लीयते रुद्रः प्रणवो हि प्रकाशते |
akāre līyate brahmā ukāre līyate hariḥ || 77 ||
makāre līyate rudraḥ praṇavo hi prakāśate |
akare liyate brahma ukare liyate harih || 77 ||
makare liyate rudrah pranavo hi prakashate |


Wort-für-Wort-Übersetzung

akāre : im Laut A (Akara)
līyate : löst sich auf, verschwindet ()
brahmā : (die Gottheit) Brahma
ukāre : im Laut U (Ukara)
līyate : löst sich auf, verschwindet
hariḥ : (die Gottheit) Hari
makāre : im Laut M (Makara)
līyate : löst sich auf, verschwindet
rudraḥ : (die Gottheit) Rudra
praṇavaḥ : der Urklang OM (Pranava)
hi : nur, allein (Hi)
prakāśate : erscheint, leuchtet, ist sichtbar (pra + kāś)

Anmerkungen: Die drei Gottheiten Brahma, Hari (Vishnu) und Rudra (Shiva) bzw. die Kräfte von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung des Universums entstehen aus Pranava (vgl. Vers 76-77) und verschwinden wieder in die Bestandteile von Pranava - A, U und M - und mit ihnen die drei Gunas Rajas, Sattva und Tamas (vgl. Vers 75-76) sowie die drei Bewusstseinszustände Wachzustand (Jagrat), Traumzustand (Svapna) und Tiefschlaf (Sushupti, vgl. Vers 74).

So bleibt aus Sicht der Upanishaden sowohl auf der kosmischen Ebene der Schöpfung (nach deren Auflösung, Pralaya) als auch auf der individuellen Ebene des Bewusstseins (beim Erreichen des höchsten Zustandes, Turiya) nur Pranava - die heilige Silbe OM - als höchste Wirklichkeit (Para, vgl. Vers 76-77) zurück.

Als höchste Wirklichkeit (Para bzw. Para Brahman ist Pranava nicht mehr als Klang oder Schwingung erfahrbar, da er jenseits aller Eigenschaften ist (Nirguna Brahman). Im Zustand der Schöpfung wiederum ist Pranava als Apara Brahman bzw. Saguna Brahman erfahrbar, vgl. Mandukya Upanishat Karika 1.26:

praṇavo hy aparaṃ brahma praṇavaś ca paraḥ smṛtaḥ |

"Die Silbe OM (Pranava) wird als immanent (Apara) und transzendent (Para) gelehrt." (MUK 1.26 ab)

Vers 78 - 79: Pranava und Anahata Nada

Bei den Wissenden strebt Pranava aufwärts, bei den Unwissenden strebt er abwärts. Wahrlich, so verhält es sich mit dem Pranava. Wer ihn erkannt hat, der ist ein Kenner der Veden. Bei den Wissenden strebt er in seiner Form als unangeschlagener Ton aufwärts.


ज्ञानिनामूर्ध्वगो भूयादज्ञानीनामधोमुखः || ७८ ||
एवं वै प्रणवस्तिष्ठेद्यस्तं वेद स वेदवित् |
अनाहतस्वरूपेण ज्ञानिनामूर्ध्वगो भवेत् || ७९ ||
jñāninām ūrdhvago bhūyād ajñānīnām adho-mukhaḥ || 78 ||
evaṃ vai praṇavas tiṣṭhed yas taṃ veda sa veda-vit |
anāhata-sva-rūpeṇa jñāninām ūrdhvago bhavet || 79 ||
jnaninam urdhvago bhuyad ajnaninam adho-mukhah || 78 ||
evam vai pranavas tishthed yas tam veda sa veda-vit |
anahata-sva-rupena jnaninam urdhvago bhavet || 79 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

jñāninām : bei den Wissenden, Selbstverwirklichten (Jnanin)
ūrdhvagaḥ : strebt aufwärts, ist nach oben gerichtet (Urdhvaga)
bhūyāt : ist ("sei, soll sein", bhū)
ajñānīnām : bei den Unwissenden (metrisch für ajñāninām, Ajnanin)
adho-mukhaḥ : strebt abwärts, ist nach unten gerichtet (Adhomukha)
evam : so, in dieser Weise (Evam)
vai : gewiss, wahrlich (Vai)
praṇavaḥ : der Urklang OM (Pranava)
tiṣṭhet : besteht fort, hat Bestand, verhält sich (sthā)
yaḥ : wer (Yad)
tam : ihn (Tad)
veda : kennt, erkannt hat (vid)
saḥ : der (Tad)
veda-vit : (ist) ein Kenner der Veden, Vedakenner (Vedavid)
anāhata-sva-rūpeṇa : in seiner Form (Svarupa) als unangeschlagener (Ton, Anahata)
jñāninām : bei den Wissenden, Selbstverwirklichten
ūrdhvagaḥ : aufwärtsstrebend, nach oben gerichtet
bhavet : ist ("sei", soll sein bhū)

Anmerkungen: Die "Wissenden" sind diejenigen, die ihre wahre Natur als Atman, der identisch mit Brahman bzw. Pranava ist, erkannt haben. Bei ihnen strebt Pranava "nach oben", d.h. seine Erkenntnis als transzendenter Urgrund von allem führt zur Erlösung. Hierbei ist die Meditation auf den "unangeschlagener Ton" (Anahata Nada) hilfreich, der hier als subtile, nichtstoffliche Repräsentation des Pranava erwähnt wird. Bei den Unwissenden, die ihre wahre Natur noch nicht erkannt haben, führt die Rezitation von Pranava "nach unten", d.h. sie bleiben weiterhin im Kreislauf der Wiedergeburt verstrickt. So heißt es in Mandukya Upanishat Karika 1.27:

sarvasya praṇavo hy ādir madhyam antas tathaiva ca |
evaṃ hi praṇavaṃ jñātvā vyaśnute tad anantaram ||

"Die Silbe OM (Pranava) ist der Anfang (Adi), die Mitte (Madhya) und das Ende (Anta) von allem (Sarva). Wer den Pranava in dieser Weise erkannt hat, der erreicht das Höchste (Tad) unmittelbar darauf." (MUK 1.27)

Noch ein Wort zur Metrik: die Form ajñānīnām (Gen. Pl. von ajñānin) ist ungrammatisch und müsste eigentlich ajñāninām (mit kurzem i) lauten. Das lange ī steht hier aus metrischen Gründen, die besagen, dass im zweiten Viertel (Pada) eines Shloka (Anushtubh) als zweite, dritte und vierte Silbe nicht eine Abfolge einer Länge, gefolgt von einer Kürze und einer weiteren Länge (– υ – Ra-Gana) stehen darf. Dies wäre allerdings bei der Form ajñāninām (– – υ –) der Fall.

Eine sowohl grammatisch als auch metrisch korrekte Form wäre ajñānānām "bei den Unwissenden, Unerfahrenen" (abgeleitet vom Adjektiv ajñāna Ajnana), was aber in den Handschriften nicht belegt zu sein scheint. Der Genitiv Plural ajñānīnām ließe sich formal von einem nicht weiter bezeugten Stamm *ajñāni- (statt ajñānin) herleiten.

Vers 80: Pranava und Anahata Nada

Wie ein ununterbrochener Strom von Öl, wie der langandauernde Klang einer Glocke - so ist der (unangeschlagene) Ton von Pranava, und die Essenz dieses Tons wird das Absolute (Brahman) genannt.


तैलधारामिवाच्छिन्नं दीर्घघण्टानिनादवत् |
प्रणवस्य ध्वनिस्तद्वत्तदग्रं ब्रह्म चोच्यते || ८० ||
taila-dhārām ivācchinnaṃ dīrgha-ghaṇṭā-nināda-vat |
praṇavasya dhvanis tad-vat tad-agraṃ brahma cocyate || 80 ||
taila-dharam ivachchhinnam dirgha-ghanta-ninada-vat |
pranavasya dhvanis tad-vat tad-agram brahma chocyate || 80 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

taila-dhārām (besser: taila-dhāram) : Strom von Öl, Ölguss (Tailadhara)
iva : wie (Iva)
acchinnam : ein kontinuierlicher, ununterbrochener (Achchhinna)
dīrgha-ghaṇṭā-nināda-vat : (oder) wie (Vat) der langandauernde, ausgedehnte (Dirgha) Klang (Ninada) einer Glocke (Ghanta)
praṇavasya : des Urklangs OM (Pranava)
dhvaniḥ : (ist der unangeschlagene) Ton (Dhvani)
tad-vat : so (Tadvat)
tad-agram : dessen (Tad) Essenz ("Spitze", Agra)
brahma : das Absolute (Brahman)
ca : und, aber (Cha)
ucyate : wird genannt (vac)

Anmerkung: Die in den verschiedenen Textausgaben einheitliche Lesung taila-dhārām (Akk. Sg. f.) ist ungrammatisch, da sie sich syntaktisch nur auf das Adjektiv acchinnam (Nom. Sg. n.) beziehen kann, mit dem sie in Kasus, Numerus und Genus übereinstimmen muss. Die grammatisch (und gleichfalls metrisch) korrekte Lesung wäre somit das auch in den Wörterbüchern bezeugte Neutrum taila-dhāram (Nom. Sg. n.).

Der erste Halbvers entspricht wortwörtlich Uttara Gita 1,24ab sowie Dhyanabindu Upanishad 18ab und 37ab, alle lesen gemäß der verfügbaren Ausgaben einheitlich taila-dhārām (!).

Vers 81: Pranava und Anahata Nada

Die Essenz dieses (unangeschlagenen Tons) ist lichtvoll und nicht durch Worte auszudrücken, weil sie subtiler als der Verstand ist. Wer diesen (unangeschlagenen Ton), den die edlen Weisen wahrgenommen haben, erkannt hat, der ist ein Kenner der Veden.


ज्योतिर्मयं तदग्रं स्यादवाच्यं बुद्धिसूक्ष्मतः |
ददृशुर्ये महात्मानो यस्तं वेद स वेदवित् || ८१ ||
jyotir-mayaṃ tad-agraṃ syād avācyaṃ buddhi-sūkṣmataḥ |
dadṛśur ye mahātmāno yas taṃ veda sa veda-vit || 81 ||
jyotir-mayam tad-agram syad avachyam buddhi-sukshmatah |
dadrishur ye mahatmano yas tam veda sa veda-vit || 81 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

jyotir-mayam : aus Licht bestehend, lichtvoll (Jyotirmaya)
tad-agram : dessen (Tad) Essenz ("Spitze", Agra)
syāt : ist ("sei", as)
avācyam : unaussprechlich, nicht durch Worte auszudrücken (Avachya)
buddhi-sūkṣmataḥ : weil sie subtiler, feinstofflicher (Sukshma) als der Verstand, Intellekt (Buddhi) ist
dadṛśuḥ : haben erschaut, wahrgenommen (dṛś)
ye : diejenigen, jene (Yad)
mahātmānaḥ : großen Seelen, edlen Weisen (Mahatman)
yaḥ : wer (Yad)
tam : ihn, diesen (unangeschlagenen Ton, Tad)
veda : kennt, erkannt hat (vid)
saḥ : der (Tad)
veda-vit : (ist) ein Kenner der Veden, Vedakenner (Vedavid)

Vers 82: Hamsa

Im Wachzustand erscheint das Selbst (Hamsa) in der Mitte zwischen beiden Augen. Der Laut(bestandteil) SA(H) wird Khechari genannt (und entspricht) gewiss (der Bedeutung) des Wortes TVAM ("Du" in der Aussage TAT TVAM ASI "DAS bist DU").


जाग्रन्नेत्रद्वयोर्मध्ये हंस एव प्रकाशते |
सकारः खेचरी प्रोक्तस्त्वंपदं चेति निश्चितम् || ८२ ||
jāgran-netra-dvayor madhye haṃsa eva prakāśate |
sa-kāraḥ khe-carī proktas tvaṃ-padaṃ ceti niścitam || 82 ||
jagran-netra-dvayor madhye hamsa eva prakashate |
sa-karah khe-chari proktas tvam-padam cheti nishchitam || 82 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

jāgran-netra-dvayoḥ : den beiden (Dvaya) Augen (Netra) im Wachzustand (Jagrat)
madhye : zwischen, in der Mitte von (Madhya)
haṃsaḥ : das Selbst, die Seele (Hamsa)
eva : gewiss (Eva)
prakāśate : erscheint, leuchtet, offenbart sich (pra + kāś)
sa-kāraḥ : der Laut SA(H, Sakara)
khe-carī : Khechari ("die im Himmel wandelnde")
proktaḥ : wird genannt (Prokta)
tvaṃ-padam : das Wort (Pada) Du (Tvam)
ca : und (Cha)
iti : so (Iti)
niścitam : gewiss, sicher (Nishchita)

Anmerkungen: Die "Mitte zwischen beiden Augen" bezieht sich auf das Stirnchakra (Bhrumadhya bzw. Ajna Chakra). Der Bezug des Wachzustands (Jagrat) zu den Augen wurde bereits im Vers 74 hergestellt.

Die symbolische Bedeutung von Hamsa (Nom. Sg. haṃsaḥ) in Verbindung mit der natürlichen Aus- und Einatmung im Rahmen der Praxis von Ajapa wurde in den Versen 31-36 erklärt. Hier und im nächsten Vers 83 werden weitere symbolische Zuordnungen zu den beiden Silben HA(M) und SA(H) gemacht.

So bezieht sich SA(H) einerseits auf Khechari (vgl. Verse 52-55), andererseits auf das Wort TVAM "Du" in der "großen Aussage"" (Mahavakya) TAT TVAM ASI "DAS bist DU" (Chandogya Upanishad 6.8.7). TVAM bezieht sich hierbei auf das individalisierte Bewusstsein im Gegensatz zum absoluten Bewusstsein TAT.

Vers 83: Hamsa

Der Laut(bestandteil) HA(M) ist das absolute Bewusstsein und (entspricht) gewiss (der Bedeutung) des Wortes TAT ("DAS" in der Aussage TAT TVAM ASI "DAS bist DU"). Der Laut(bestandteil) SA(H) wird als das individalisierte Bewusstsein angesehen, in Wirklichkeit ist es gewiss identisch mit (dem durch die Silbe) HAM (ausgedrückten absoluten Bewusstsein).


हकारः परमेशः स्यात्तत्पदं चेति निश्चितम् |
सकारो ध्यायते जन्तुर्हकारो हि भवेद्ध्रुवम् || ८३ ||
ha-kāraḥ parameśaḥ syāt tat-padaṃ ceti niścitam |
sa-kāro dhyāyate jantur ha-kāro hi bhaved dhruvam || 83 ||
ha-karah parameshah syat tat-padam cheti nishchitam |
sa-karo dhyayate jantur ha-karo hi bhaved dhruvam || 83 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

ha-kāraḥ : der Laut HA(M, Hakara)
parameśaḥ : das höchste Selbst, der HERR, Shiva, das absolute Bewusstsein (Paramesha)
syāt : ist ("sei", as)
tat-padam : das Wort (Pada) DAS (Tad)
ca : und (Cha)
iti : so (Iti)
niścitam : gewiss, sicher (Nishchita)
sa-kāraḥ : der Laut SA(H, Sakara)
dhyāyate : wird angesehen, betrachtet als, meditierend identifiziert mit (dhyā)
jantuḥ : die Individualseele, das individalisierte Bewusstsein ("Geschöpf, Mensch", Jantu)
ha-kāraḥ : der Laut HA(M, d.h. das absolute Bewusstsein)
hi : gewiss, in der Tat, in Wirklichkeit (Hi)
bhavet : ist ("sei", bhū)
dhruvam : gewiss (Dhruva)

Anmerkungen: Dieser Vers führt die symbolische Deutung von Hamsa aus Vers 82 fort: HA(M) wird mit dem absoluten Bewusstsein gleichgesetzt, auf welches das Wort TAT "DAS" in der "großen Aussage"" (Mahavakya) TAT TVAM ASI "DAS bist DU" (Chandogya Upanishad 6.8.7) verweist.

SA(H) symbolisiert zunächst das individalisierte Bewusstsein bzw. die "Individualseele", wobei Jantu "Wesen" im Sinne von Jiva "Leben(sprinzip)" steht. Nach dieser scheinbaren Trennung von individalisiertem und absoluten Bewusstsein wird dann erklärt, das diese beiden letztlich identisch sind, d.h. SA(H) und HA(M) sind nicht wirklich getrennt, sobald man das nonduale Bewusstsein (Advaita) erreicht hat.

Vers 84: Jiva und Atman

Das individalisierte Bewusstsein wird durch die Sinne (an den Daseinswandel) gebunden, das absolute Bewusstsein hingegen wird nicht gebunden. Durch Identifikation wird (das Bewusstsein) zur Individualseele, durch Nichtidentifikation wird es frei.


इन्द्रियैर्बध्यते जीव आत्मा चैव न बध्यते |
ममत्वेन भवेज्जीवो निर्ममत्वेन केवलः || ८४ ||
indriyair badhyate jīva ātmā caiva na badhyate ।
mamatvena bhavej jīvo nirmamatvena kevalaḥ || 84 ||
indriyair badhyate jiva atma chaiva na badhyate ।
mamatvena bhavej jivo nirmamatvena kevalah || 84 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

indriyaiḥ : durch die Sinne (Indriya)
badhyate : wird gebunden (badh)
jīvaḥ : die Individualseele, das individalisierte Bewusstsein (Jiva)
ātmā : das Selbst, das absolute Bewusstsein (Atman)
ca : und (Cha)
eva : gewiss (Eva)
na : nicht (Na)
badhyate : wird gebunden
mamatvena : durch Identifikation, Anhaftung (Mamatva)
bhavet : ist, wird ("sei", bhū)
jīvaḥ : die Individualseele, das individalisierte Bewusstsein
nirmamatvena : durch Nichtidentifikation, Nichtanhaftung (Nirmamatva)
kevalaḥ : frei, erlöst, rein (Kevala)

Anmerkung: Jiva steht hier im Sinne von Jivatman, der "Individualseele", dem individualisierten Bewusstsein bzw. Selbst, und Atman steht im Sinne von Paramatman, der "Allseele" bzw. dem Absoluten Bewusstsein bzw. Selbst. Die wörtliche Bedeutung von Atman lautet "Selbst".

Der eigentliche Grund für die Bindung (Bandha) an den Daseinswandel (Samsara) ist die Identifikation (Mamatva), die zu einer Begrenzung des Selbst aufgrund seiner Unwissenheit um seine wahre Natur führt. Befreiung (Moksha) wiederum besteht in der Auflösung jeglicher Identifikation, welche nur durch die Erkenntnis der wahren Natur (Svarupa) des Selbst zustande kommt.

Vers 85: OM Japa

Das höchste Licht, OM, (ist der Klang) in dessen (drei) Bestandteilen die (drei) Welten Erde, Luftraum und Himmel, und die (drei) Gottheiten Mond, Sonne und Feuer enthalten sind.


भूर्भुवः स्वरिमे लोकाः सोमसूर्याग्निदेवताः |
यस्य मात्रासु तिष्ठन्ति तत्परं ज्योतिरोमिति || ८४ ||
bhūr bhuvaḥ svar ime lokāḥ soma-sūryāgni-devatāḥ |
yasya mātrāsu tiṣṭhanti tat paraṃ jyotir om iti || 84 ||
bhur bhuvah svar ime lokah soma-suryagni-devatah |
yasya matrasu tishthanti tat param jyotir om iti || 84 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

bhūḥ : Erde (Bhur)
bhuvaḥ : Luftraum (Bhuvas)
svaḥ  : Himmel (Svar)
ime : diese (Idam)
lokāḥ : Welten (Loka)
soma-sūryāgni-devatāḥ : die Gottheiten (Devata) Mond (Soma), Sonne (Surya) und Feuer (Agni)
yasya : dessen (Yad)
mātrāsu : in den Lautbestandteilen (Matra)
tiṣṭhanti : sich befinden, existieren (sthā)
tat : das (Tad)
param : höchste (Para)
jyotiḥ : Licht (Jyotis)
om : OM
iti  : so (Iti)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 84 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert.

Der Ausdruck paraṃ jyotiḥ, wörtlich "das höchste Licht", bedeutet im übertragenen Sinne auch "die höchste Intelligenz, der höchste Geist, die höchste Wahrheit".

Die drei lautlichen Bestandteile (Matra) von OM sind A (Akara), U (Ukara) und M (Makara, vgl. Vers 74). Sie symbolisieren der Reihe nach die drei Welten Erde (Bhur), Luftraum (Bhuvas) und Himmel (Svar).

OM, das hier das "höchste Licht" genannt wird, manifestiert sich aus upanishadischer Sicht in den drei Welten wie folgt: auf der Erde als Feuer (Agni), im Luft- bzw. Zwischenraum als Mond(licht Soma), und im Himmel als Sonne(nlicht Surya), wobei auch der "Himmel" als eine relative Sphäre gilt. Das Absolute - paraṃ jyotiḥ ist hier synonym mit Atman bzw. Brahman - wohnt all diesen drei Welten inne (ist "immanent") und geht zugleich über sie hinaus (ist "transzendent").

Die drei Welten können auch als Erfahrungsebenen verstanden werden, die den drei Bewusstseinszutänden Wachzustand (Jagrat / Erde), Traumzustand (Svapna / Zwischenraum) und Tiefschlaf (Sushupti / Himmel) entsprechen (vgl. Vers 74).

Vers 86: OM Japa

Das höchste Licht, OM, (ist der Klang) worin die (drei Laut-)Bestandteile (als die Energien) Brahmas, Rudras und Vishnus in dreierlei Weise (als) Handlung, Wunsch und Erkenntnis enthalten sind.


क्रिया चेच्छा तथा ज्ञानं ब्राह्मी रौद्री च वैष्णवी |
त्रिधा मात्रास्थितिः यत्र तत्परं ज्योतिरोमिति || ८६ ||
kriyā cecchā tathā jñānaṃ brāhmī raudrī ca vaiṣṇavī |
tridhā mātrā-sthitiḥ yatra tat paraṃ jyotir om iti || 86 ||
kriya chechchha tatha jnanam brahmi raudri cha vaishnavi |
tridha matra-sthitih yatra tat param jyotir om iti || 86 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kriyā : Handlung, Aktivität (Kriya)
ca : und (Cha)
icchā : Wunsch, Verlangen, Wille (Ichchha)
tathā : sowie (Tatha)
jñānam : Erkenntnis (Jnana)
brāhmī : die zu Brahma gehörige (Brahmi)
raudrī : die zu Rudra gehörige (Raudri)
ca : und
vaiṣṇavī : die zu Vishnu gehörige (Vaishnavi)
tridhā : in dreierlei Weise (Tridha)
mātrā-sthitiḥ : die Existenz, das Sich-Befinden, Vorhandensein (Sthiti) der Lautbestandteile (Matra)
yatra : worin (Yatra)
tat : das (Tad)
param : höchste (Para)
jyotiḥ : Licht (Jyotis)
om : OM
iti  : so (Iti)

Anmerkungen: Dieser Vers wird nahezu wortwörtlich als Vers 86 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Dieses liest im dritten Pada śaktiḥ sthitā "(worin) sich die Energien befinden" statt mātrā-sthitiḥ.

Gemäß der hier gegebenen Zuordnung manifestiert sich die Energie Brahmas als Handlung (Kriya), die Energie Rudras als Wunsch bzw. Wille (Ichchha), und die Energie Vishnus als Erkenntnis (Jnana), entsprechend der Wirkungen der drei Gunas Rajas, Tamas und Sattva (vgl. Vers 74-75).

Die Energien (Shakti) der entsprechenden Götter bzw. Gottheiten werden ikonographisch als Göttinnen dargestellt, bspw. als Sarasvati, Parvati und Lakshmi. Das tantrische Götterpaar par excellence ist Shiva (symbolisiert das Bewusstsein bzw. den Wahrnehmenden) und Shakti (symbolisiert die Energie bzw. das Wahrgenomme).

Dieselbe Triade von Ichchha, Jnana und Kriya wird im Trika genannten philosophischen System des tantrischen kaschmirischen Shivaismus benutzt, um drei grundlegende Manifestationen der göttlichen Energie (Shakti) zu bezeichnen: Ichchha ist hier die Energie des "Willens" bzw. Impulses, der am Anfang eines Prozesses steht, Jnana ist die Energie der Klarheit bzw. Bewusstwerdung, bevor eine Handlung umgesetzt wird, und Kriya ist die Energie des eigentlichen Handelns bzw. des Ausagierens, das den Prozess abschließt.

Vers 87: OM Japa

Dieses soll man beständig mit der Stimme rezitieren, mit dem Körper üben, und mit dem Geist beständig rezitieren. Das ist das höchste Licht, (der Klang) OM.


वचसा तज्जपेन्नित्यं वपुषा तत्समभ्यसेत् |
मनसा तज्जपेन्नित्यं तत्परं ज्योतिरोमिति || ८७ ||
vacasā taj japen nityaṃ vapuṣā tat samabhyaset |
manasā tat japen nityaṃ tat paraṃ jyotir om iti || 87 ||
vachasa taj japen nityam vapusha tat samabhyaset |
manasa tat japen nityam tat param jyotir om iti || 87 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

vacasā : mit der Stimme (Vach)
tat : dieses (Tad)
japet : man soll rezitieren (jap)
nityam : immer, beständig (Nitya)
vapuṣā : mit dem Körper (Vapus)
tat : dieses
samabhyaset : üben, praktizieren, (sam + abhi + as)
manasā : mit dem Geist (Manas)
tat : dieses
japet : man soll rezitieren
nityam : immer, beständig
tat : das (Tad)
param : höchste (Para)
jyotiḥ : Licht (Jyotis)
om : OM
iti  : so (Iti)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Varianten als Vers 88 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Dieses liest im ersten Pada taj jayed bījaṃ "Diese Keimsilbe soll man sich (mit der Stimme) aneignen", und im dritten Pada tat smaren nityaṃ "über diese (Keimsilbe) soll man (mit dem Geist) meditieren" statt taj japen nityaṃ.

Stimme, Körper und Geist sollen beständig auf den Urklang OM eingestimmt werden: auch während der Asanapraxis soll man OM rezitieren und über seine Bedeutungen, d.h. über die in den Lauten A, U und M enthaltenen Aspekte der damit verbundenen Bewusstseinszustände usw. (s. Verse 74-78 und 85-86), meditieren.

Vers 88: OM Japa

(Sei er) rein oder auch unrein - wer die Silbe OM beständig rezitiert wird nicht von Sünde befleckt, so wie ein Lotusblatt vom Wasser (nicht benetzt wird).


शुचिर्वाप्यशुचिर्वापि यो जपेत्प्रणवं सदा |
न स लिप्यति पापेन पद्मपत्त्रमिवाम्भसा || ८८ ||
śucir vāpy aśucir vāpi yo japet praṇavaṃ sadā |
na sa lipyati pāpena padma-pattram ivāmbhasā || 88 ||
shucir vapy ashucir vapi yo japet pranavam sada |
na sa lipyati papena padma-pattram ivambhasa || 88 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

śuciḥ : rein (Shuchi)
 : oder (Va)
api : auch (Api)
aśuciḥ : unrein (Ashuchi)
 : oder
api : auch
yaḥ : wer (Yad)
japet : rezitiert (jap)
praṇavam : die Silbe OM (Pranava)
sadā : immer, beständig (Sada)
na : nicht (Na)
saḥ : der (Tad)
lipyati : wird beschmutzt, befleckt (lip, hier im Sinne der Passivform lipyate)
pāpena : von Übel, Sünde (Papa)
padma-pattram : ein Lotusblatt (Padmapattra)
iva : (so) wie (Iva)
ambhasā : vom Wasser (Ambhas)

Anmerkungen: Dieser Vers wird nahezu wortwörtlich als Vers 89 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Dieses liest im dritten Pada lipyate na sa statt na sa lipyati. Mit dieser Variante erscheint der zweite Halbvers dieses Shloka wortwörtlich als zweiter Halbvers von Bhagavad Gita 5.10:

brahmaṇy ādhāya karmāṇi saṅgaṃ tyaktvā karoti yaḥ |
lipyate na sa pāpena padma-pattram ivāmbhasā || 5.10 ||

"Wer handelt, indem er seine Handlungen (Karman) dem Brahman darbringt und Anhaftung (Sanga) aufgibt, der wird vom Übel (Papa) nicht befleckt, so wie ein Lotusblatt (Padmapattra) nicht vom Wasser (Ambhas) benetzt wird." (BhG 5.10)

Weil Wasser von einem Lotusblatt aufgrund dessen Oberflächenstruktur abperlt, ohne daran haften zu bleiben, wird die geringe Benetzbarkeit seiner Oberfläche als "Lotoseffekt" bezeichnet.

Die Form lipyati "wird beschmutzt" ist streng genommen ungrammatisch, da hier die Endung -ti (3. Person Singular Aktiv bzw. Parasmaipada) an den Passivstamm lipya- tritt. Die korrekte Form lipyate (3. Person Sg. (Indikativ Präsens Passiv der Verbalwurzel lip "bestreichen, beschmieren, verunreinigen", 6. bzw. Tud Klasse) findet sich wiederum in der Version des Goraksha Shataka, wobei aus Gründen der Metrik die Wortstellung verändert ist. Derartige, zumeist metrisch bedingte irreguläre Passivformen wie lipyati sind in der epischen und tantrischen Sanskritliteratur keine Seltenheit.

Vers 89: Pranayama

Ist der Atem unstet, ist der Samen unstet. (Ist der Atem) unbeweglich, ist (auch der Samen) unbeweglich, und der Yogi erlangt (innere und äußere) Bewegungslosigkeit. Darum soll er den Atem anhalten.


चले वाते चलो बिन्दुर्निश्चले निश्चलो भवेत् |
योगी स्थाणुत्वमाप्नोति ततो वायुं निरुन्धयेत् || ९ ||
cale vāte calo bindur niścale niścalo bhavet |
yogī sthāṇutvam āpnoti tato vāyuṃ nirundhayet || 89 ||
chale vate chalo bindur nishchale nishchalo bhavet |
yogi sthanutvam apnoti tato vayum nirundhayet || 89 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

cale : unstet, beweglich (Chala)
vāte : (ist der) Atem ("Wind", Vata)
calaḥ : unstet, beweglich
binduḥ : (ist) der Samen (Bindu)
niścale : (der Atem) unbeweglich (Nishchala)
niścalaḥ : (der Samen) unbeweglich
bhavet : ist, wird (bhū)
yogī : (und) der Yogi (Yogin)
sthāṇutvam : Bewegungslosigkeit (Sthanutva)
āpnoti : erreicht (āp)
tataḥ : daher, deshalb (Tatas)
vāyum : den Atem, ("Wind", Vayu)
nirundhayet : er soll kontrollieren, anhalten ("einsperren", ni + rudh, im Sinne von nirodhayet)

Anmerkungen: Dieser Vers wird nahezu wortwörtlich als Vers 90 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert (dieses liest im vierten Pada nirodhayet statt nirundhayet), sowie mit einer wichtigen Lesart in der Hatha Yoga Pradipika (2.2): Dort heißt es cale vāte calaṃ cittam niścale niścalaṃ bhavet "Ist der Atem unstet, ist der Geist (Chitta) unstet. (Ist der Atem) unbeweglich, ist (auch der Geist) unbeweglich".

In Vers 39 der Version 1 des Goraksha Shataka heißt es wiederum cale vāte calaṃ sarvam... "Ist der Atem unstet, ist alles (Sarva) unstet. (Ist der Atem) unbeweglich, ist (alles) unbeweglich" (vgl. die dortige Anm.). Diese Version hat zudem im vierten Pada die Verbform nibandhayet "er soll kontrollieren, anhalten" anstelle der eigentlich ungrammatischen Form nirundhayet, die in der YCU im Sinne von nirodhayet (ni + Kausativ der Verbalwurzel rudh), 7. bzw. Rudh Klasse) gebraucht wird. Dennoch kommt die Form nirundhayet bspw. in Texten über Alchimie (Rasashastra) aus dem 13. Jh. vor.

Vers 90: Pranayama

Solange wie der Lebensatem sich im Körper befindet, solange verlässt das Leben (den Körper) nicht. Das Hinausgehen des Lebensatems bedeutet den Tod. Darum soll man den Atem anhalten.


यावद्वायुः स्थितो देहे तावज्जीवो न मुञ्चति |
मरणं तस्य निष्क्रान्तिस्ततो वायुं निरुन्धयेत् || ९० ||
yāvad vāyuḥ sthito dehe tāvaj jīvo na muñcati |
maraṇaṃ tasya niṣkrāntis tato vāyuṃ nirundhayet || 90 ||
yavad vayuh sthito dehe tavaj jivo na munchati |
maranam tasya nishkrantis tato vayum nirundhayet || 90 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

yāvat : solange wie (Yavat)
vāyuḥ : der (Lebens-)Atem, Prana ("Wind", Vayu)
sthitaḥ : sich befindet (Sthita)
dehe : im Körper (Deha)
tāvat : solange (Tavat)
jīvaḥ : das Leben, die Individualseele (Jiva)
na : nicht (Na)
muñcati : verlässt, lässt im Stich (muc)
maraṇam : (bedeutet) Sterben, Tod (Marana)
tasya : dieses (Lebensatems, Tad)
niṣkrāntiḥ : das Hinausgehen, Weichen, Verschwinden (Nishkranti)
tataḥ : daher, deshalb (Tatas)
vāyum : den Atem, ("Wind", Vayu)
nirodhayet : man soll kontrollieren, anhalten ("einsperren", ni + rudh)

Anmerkungen: Dieser Vers wird nahezu wortwörtlich als Vers 91 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert (dieses liest im zweiten Pada mucyate "entrinnt" statt muñcati und im vierten Pada nirodhayet statt nirundhayet), sowie mit einer weiteren Lesart in der Hatha Yoga Pradipika (2.2): Dort heißt es im zweiten Pada jīvanam ucyate "wird Leben (Jivana) genannt" statt jīvo na mucyate. Diese Lesart ergibt sich in der Devanagarischrift übrigens allein durch die An- bzw. Abwesenheit der Vokalisation o über dem Konsonanten va (वो vo vs. व va): जीवोनमुच्यते vo na mucyate vs. जीनमुच्यते vanam ucyate. Die Worttrennung innerhalb eines Halbverses wird in traditionellen Devanagari-Manuskripten nicht abgebildet, d.h. die einzelnen Silben bzw. Aksharas werden lückenlos aneinandergereiht.

Vers 91: Pranayama

Solange wie der Lebensatem im Körper festgehalten wird, solange verlässt das Leben (den Körper) nicht. Solange wie der Blick in der Mitte beider Brauen ruht, solange gibt es keine Furcht vor dem Tod.


यावद्बद्धो मरुद्देहे तावज्जीवो न मुञ्चति |
यावद्दृष्टिर्भ्रुवोर्मध्ये तावत्कालभयं कुतः || ९१ ||
yāvad baddho marud dehe tāvaj jīvo na muñcati |
yāvad dṛṣṭir bhruvor madhye tāvat kāla-bhayaṃ kutaḥ || 91 ||
yavad baddho marud dehe tavaj jivo na munchati |
yavad drishtir bhruvor madhye tavat kala-bhayam kutah || 91 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

yāvat : solange wie (Yavat)
baddhaḥ : festgehalten ("festgebunden") wird (Baddha)
marut : der Atem, Prana ("Wind", Marut)
dehe : im Körper (Deha)
tāvat : solange (Tavat)
jīvaḥ : das Leben, die Individualseele (Jiva)
na : nicht (Na)
muñcati : verlässt, lässt im Stich (muc)
yāvat : solange wie
dṛṣṭiḥ : der Blick (Drishti)
bhruvoḥ : beider Brauen (Bhru)
madhye : in der Mitte, zwischen (Madhya)
tāvat : solange (Tavat)
kāla-bhayam : Furcht (Bhaya) vor dem Tod ("Zeit", Kala)
kutaḥ : woher (sollte kommen, Kutas)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit Ausnahme des zweiten Pada wortwörtlich als Vers 92 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Dort heißt es yāvac cittaṃ nirāmayam "solange wie der Geist (Chitta) still (wörtl.: frei von Krankheit Niramaya) ist". In der Hatha Yoga Pradipika (2.40) steht an dieser Stelle nirākulam "nicht verwirrt" statt nirāmayam. Die Lesung tāvaj jīvo na muñcati der YCU ist eine wortwörtliche Wiederholung aus Vers 90.

Das "Festhalten" des Atems bzw. der Lebensenergie (Prana) bezieht sich auf die Technik der Atemverhaltung (Kumbhaka).

Vers 92: Pranayama

Daher widmet sich sogar der Gott Brahma, aus Furcht vor zuwenig (Lebens-)Zeit, eifrig der Atemkontrolle (Pranayama), und ebenso die Yogis und Weisen. Darum soll man den Atem anhalten.


अल्पकालभयाद्ब्रह्मा प्राणायामपरो भवेत् |
योगिनो मुनयश्चैव ततः प्राणान्निरोधयेत् || ९२ ||
alpa-kāla-bhayād brahmā prāṇāyama-paro bhavet |
yogino munayaś caiva tataḥ prāṇān nirodhayet || 92 ||
alpa-kala-bhayad brahma pranayama-paro bhavet |
yogino munayash chaiva tatah pranan nirodhayet || 92 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

alpa-kāla-bhayāt : aufgrund der Furcht (Bhaya) vor zuwenig (Alpa Lebens-)Zeit (Kala)
brahmā : (sogar der Gott) Brahma
prāṇāyāma-paraḥ : widmet sich eifrig (Para) der Atemkontrolle (Pranayama)
bhavet : ist ("sei", bhū)
yoginaḥ : die Yogis (Yogin)
munayaḥ : die Weisen (Muni)
ca : und (Cha)
eva : ebenso (Eva)
tataḥ : deshalb, daher (Tatas)
prāṇān : die Lebenshauche (Pl.), die Lebensenergie(n, Prana)
nirodhayet : man soll kontrollieren, anhalten ("einsperren", ni + rudh)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit ein paar Lesarten als Vers 38 der Version 1 sowie als Vers 93 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Dort heißt es im zweiten Pada prāṇāyāma-parāyaṇaḥ "widmet sich eifrig der Atemkontrolle (Pranayama-Parayana)" statt prāṇāyama-paro bhavet. GŚ 1, 38 liest im vierten Pada tataḥ prāṇaṃ nibandhayet und GŚ 2, 93 liest tato vāyuṃ nirodhayet statt tataḥ prāṇān nirodhayet.

In der Hatha Yoga Pradipika (2.39) heißt es ganz ähnlich:

brahmādayo’pi tri-daśāḥ pavanābhyāsa-tat-parāḥ |
abhūvann antaka-bhayāt tasmāt pavanam abhyaset || 2.39 ||

"Sogar die dreißig Götter (Tridasha), beginnend mit Brahma, sind aus Furcht (Bhaya) vor dem Tod (Antaka) eifrig der Atempraxis (Pavana-Abhyasa) hingegeben. Daher übe man die (Beherrschung des Lebens-)Windes (Pavana)." (HYP 2.39)

Vers 93: Pranayama

Der Atem (Hamsa) geht durch den linken und rechten Nasengang 26 Fingerbreiten weit nach draußen. (Daher) wird die Atemregelung (Pranayama) vorgeschrieben.


षड्विंशदङ्·गुलीर्हंसः प्रयाणं कुरुते बहिः |
वामदक्षिणमार्गेण प्राणायामो विधीयते || ९३ ||
ṣaḍ-viṃśad-aṅgulīr haṃsaḥ prayāṇaṃ kurute bahiḥ |
vāma-dakṣiṇa-mārgeṇa prāṇāyāmo vidhīyate || 93 ||
shad-vimshad-angulir hamsaḥ prayanaṃ kurute bahih |
vama-dakshina-margena pranayamo vidhiyate || 93 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

ṣaḍ-viṃśad-aṅgulīḥ : (im Ausmaß von) 26 (Shadvimshat) Fingerbreiten (Anguli)
haṃsaḥ : der Atem, die Individualseele ("Ganter", Hamsa)
prayāṇam : eine Bewegung ("Gang", Prayana)
kurute : macht (kṛ)
bahiḥ : nach draußen (Bahis)
vāma-dakṣiṇa-mārgeṇa : durch den linken (Vama) und rechten (Dakshina) Gang, Kanal ("Weg", Marga)
prāṇāyāmaḥ : Atemkontrolle (Pranayama)
vidhīyate : wird praktiziert, ausgeführt, vorgeschrieben (vi + dhā)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit ein paar Lesarten als Vers 40 der Version 1 sowie als Vers 94 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Dort heißt es im ersten Pada ṣaṭ-triṃśad-aṅgulo "36 Finger(breiten, Angula)" statt ṣaḍ-viṃśad-aṅgulīr und im dritten Pada tataḥ prāṇo'bhidhīyate "Daher (Tatas) wird er Atem (Prana) genannt" statt prāṇāyāmo vidhīyate.

Der Vers erklärt anhand eines Wortspiels, warum der Atem prāṇa heißt: nämlich anhand des ähnlich lautenden Wortes prayāṇa, das "Aufbruch, Abreise, Gang" bedeutet. Diese etymologisch nicht ganz korrekte Erklärung (prāṇa kommt von der Sanskrit Verbalwurzel) an "atmen" mit Präfix pra) verweist auf die Länge bzw. Reichweite des Atems bei der Ausatmung, wobei hier die Entfernung, die der der Atem sich von der Nase wegbewegt, mit 36 Fingerbreiten angegeben wird.

In diesem Zusammenhang ist die Gheranda Samhita (5.89-90) besonders interessant, wo die unterschiedliche Reichweite (und damit die Intensität bzw. "Tiefe") des Atems bei der Ausatmung entsprechend bestimmter körperlicher Zustände bzw. Aktivitäten angegeben wird:

dehād bahir-gato vāyuḥ sva-bhāvād dvādaśāṅguliḥ || 5.89 ||
śayane ṣoḍaśāṅgulyo bhojane viṃśatis tathā |
catur-viṃśāṅguliḥ panthe nidrāyāṃ triṃśad-aṅguliḥ |
maithune ṣaṭ-triṃśad uktaṃ vyāyāme ca tato'dhikam || 5.90 ||

"Der aus dem Körper (Deha) ausgetretene Atem (Vayu, misst) im natürlichen Zustand (Svabhava) 12 Fingerbreiten (Anguli), beim Liegen (Shayana) 16 Fingerbreiten, und beim Essen (Bhojana) 20 Fingerbreiten. Beim Gehen (Pantha, misst) er 24 Fingerbreiten, im Schlaf (Nidra) 30 Fingerbreiten, beim Geschlechtsverkehr (Maithuna) wird er mit 36 (Fingerbreiten) angegeben, und bei körperlicher Anstrengung (Vyayama geht er noch) darüber hinaus." (GhS 5.89-90)

Ein weiteres Wort für Atem bzw. das damit in Verbindung stehende Lebensprinzip ist haṃsa, was wörtlich "Gans", im übertragenen Sinne auch die Individualseele (Jiva) bedeutet, denn für die von Leben zu Leben "wandernde" Seele stand im alten Indien symbolisch die wandernde Wildgans. Auch hier gibt die Gheranda Samhita (5.86-87) einen Hinweis, was es mit der Bezeichnung haṃsaḥ auf sich hat:

haṃ-kāreṇa bahir yāti saḥ-kāreṇa viśet punaḥ || 5.86 ||
ṣaṭ śatāni divā-rātrau sahasrāṇy eka-viṃśatiḥ |
ajapāṃ nāma gāyatrīṃ jīvo japati sarvadā || 5.87 ||

"Mit dem Laut ham geht das Leben hinaus, mit dem Laut sah tritt es wieder (in den Körper) ein. Innerhalb eines Tages (Diva) und einer Nacht (Ratri) rezitiert das Lebensprinzip (die Individualseele, Jiva) immer 21 600 mal dieses Ajapa genannte Gayatri-Mantra." (GhS 5.86-87)

Die Anzahl von 21 600 Atemzügen innerhalb von 24 Stunden bzw. 86 400 Sekunden entspricht einer durchschnittlichen Atemfrequenz von 4 Sekunden, d.h. 15 Zyklen von Ein- und Ausatmung pro Minute.

Vers 94: Pranayama

Wenn das gesamte Netzwerk der feinstofflichen Energiekanäle, das voller Verunreinigungen war, gereinigt ist, dann wird der Yogi fähig, die Lebensenergie (im Körper) festzuhalten (bzw.: den Atem anzuhalten).


शुद्धिमेति यदा सर्वं नाडीचक्रं मलाकुलम् |
तदैव जायते योगी प्राणसङ्ग्रहणक्षमः || ९४ ||
śuddhim eti yadā sarvaṃ nāḍī-cakraṃ malākulam |
tadaiva jāyate yogī prāṇa-saṅgrahaṇa-kṣamaḥ || 94 ||
shuddhim eti yada sarvam nadi-chakram malakulam |
tadaiva jayate yogi prana-sangrahana-kshamah || 94 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

śuddhim : zur Reinheit (Shuddhi)
eti : gelangt ("geht", i)
yadā : wenn (Yada)
sarvam : das ganze, gesamte (Sarva)
nāḍī-cakram : Netzwerk ("Menge", Chakra) aus feinstoffliche Energiekanälen, Nerven (Nadi)
malākulam : voller (Akula) Verunreinigungen (Mala)
tadā : dann (Tada)
eva : erst, genau (Eva)
jāyate : wird (jan)
yogī : der Yogi (Yogin)
prāṇa-saṅgrahaṇa-kṣamaḥ : fähig (Kshama, hinsichtlich) des Festhaltens, Kontrollierens ("Ergreifens", Sangrahana) des Lebensatems, der Lebensenergie (Prana)

Anmerkung: Dieser Vers wird nahezu wortwörtlich als Vers 95 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der YCU, erklärt hierzu, dass insbesondere die Fähigkeit (Shakti) zur Praxis von Kevala Kumbhaka entsteht bzw. gemeint sei: kevala-kumbhaka-śaktir bhavati.

Vers 95: Wechselatmung: Einatmung links

Der Yogi, der den Lotussitz (Padmasana) eingenommen hat, soll durch das linke Nasenloch einatmen, (den Atem) nach Vermögen anhalten, und durch das rechte Nasenloch wieder ausatmen.


बद्धपद्मासनो योगी प्राणं चन्द्रेण पूरयेत् |
धारयेद्वा यथाशक्त्या भूयः सूर्येण रेचयेत् || ९५ ||
baddha-padmāsano yogī prāṇaṃ candreṇa pūrayet |
dhārayed vā yathā-śaktyā bhūyaḥ sūryeṇa recayet || 95 ||
baddha-padmasano yogi pranam chandrena purayet |
dharayed va yatha-shaktya bhuyah suryena rechayet || 95 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

baddha-padmāsanaḥ : der den Lotussitz (Padmasana) eingenommen ("gebunden", Baddha) hat
yogī : der Yogi (Yogin)
prāṇam : den Atem (Prana)
candreṇa : durch den Mond(kanal, das linke Nasenloch, Chandra)
pūrayet : atme ein ("fülle", pṛ/pṝ)
dhārayet : man halte (den Atem) an (dhṛ)
 : oder, wahlweise (Va hier nur verstärkend gebraucht)
yathā-śaktyā : nach Vermögen ("wie es in seiner Macht steht", Yathashakti)
bhūyaḥ : wieder (Bhuyas)
sūryeṇa : durch den Sonne(nkanal, das rechte Nasenloch, Surya)
recayet : atme aus ("leere", ric)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit ein paar Lesarten als Vers 43 der Version 1, als Vers 96 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie in der Hatha Yoga Pradipika (2.7) überliefert. Dort heißt es im dritten Pada dhārayitvā yathā-śakti "nachdem er (den Atem) nach Vermögen (Yathashakti) angehalten hat" statt dhārayed vā yathā-śaktyā.

Der Vers steht in der Hatha Yoga Pradipika (2.7) im Kontext der Reinigung (Shuddhi) der feinstofflichen Energiekanäle (Nadi) von Verunreinigungen (Mala), also der Reinigungs- bzw. Wechselatmung (Nadi Shodhana, vgl. HYP 2.7-20). Der Ausdruck "Mond" (Chandra) steht für Ida, den im linken Nasenloch endenden "Mondkanal", der Ausdruck "Sonne" (Surya) steht für Pingala, den im rechten Nasenloch endenden "Sonnenkanal".

Das Kompositum baddha-padmāsanaḥ bezieht sich hier als adjektivisches Kompositum (Bahuvrihi) auf yogī und bedeutet "(ein Yogi) der den Lotussitz (Padmasana) eingenommen (Baddha) hat". Obwohl laut der in Vers 9 der Version 1 des Goraksha Shataka bzw. Hatha Yoga Pradipika (1.46) gegebenen Beschreibung im vollständigen Padmasana die hinter dem Rücken gekreuzten Arme bzw. Hände die großen Zehen festhalten - was Baddha Padmasana, dem "gebundenen Lotussitz" entspricht - dürfte für die Ausführung von Atemtechniken wie der Reinigungsatmung dennoch der einfache Lotussitz gemeint sein, da zumindest die rechte Hand für das Verschließen des jeweiligen Nasenlochs benötigt wird. Dies bekräftigt auch ein Vers der Gheranda Samhita (5.38), der ebenfalls im Kontext der Reinigung der Nadis (Nadishuddhi) steht:

upaviśyāsane yogī padmāsanaṃ samācaret |
gurvādi-nyāsanaṃ kṛtvā yathaiva guru-bhāṣitam |
nāḍī-śuddhiṃ prakurvīta prāṇāyāma-viśuddhaye || 5.38 ||

"Nachdem er sich auf seine Sitzunterlage (Asana) gesetzt hat, nehme der Yogi den Lotussitz (Padmasana) ein, rezitiere einen Gruß an (seinen eigenen) und andere Meister (Guru), so wie es vom Meister gelehrt wurde, und beginne mit der Reinigung (Shuddhi) der feinstofflichen Energiekanäle (Nadi) für die Vervollkommnung ("Reinheit", Vishuddhi) der Praxis der Atemregulation (Pranayama)." (GhS 5.38)

Vers 96: Wechselatmung: Einatmung links mit Visualisierung

Indem (der Yogi) auf das (visualisierte) Abbild des Mondes, der dem Nektarmeer und dem Weiß der Kuhmilch gleicht, meditiert, sei er bei der (Praxis der) Atemregulierung (bzw.: in der Atemverhaltung) voller Wonne.


अमृतोदधिसङ्काशं गोक्षीरधवलोपमम् |
ध्यात्वा चन्द्रमसं बिम्बं प्राणायामे सुखी भवेत् || ९६ ||
amṛtodadhi-saṅkāśaṃ go-kṣīra-dhavalopamam |
dhyātvā candramasaṃ bimbaṃ prāṇāyāme sukhī bhavet || 96 ||
amritodadhi-sankasham go-kshira-dhavalopamam |
dhyatva chandramasam bimbam pranayame sukhi bhavet || 96 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

amṛtodadhi-saṅkāśam : der dem Nektarmeer (Amritodadhi) gleicht (Sankasha)
go-kṣīra-dhavalopamam : der dem Weiß (Dhavala) der Kuhmilch (Gokshira) gleicht (Upama)
dhyātvā : indem er meditiert, sich vorstellt, visualisiert ("meditiert habend", dhyā)
candramasam : des Mondes (evtl. für cāndramasam Chandramasa)
bimbam : auf das (visualisierte) Abbild (Bimba)
prāṇāyāme : bei der Atemregulierung, Atemverhaltung (Pranayama)
sukhī : glücklich, voller Wohlbehagen (Sukhin)
bhavet : er werde, sei (bhū)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 44 der Version 1 bzw. Vers 97 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Letztere liest im zweiten Pada go-kṣīra-rajatopamam "der Kuhmilch (Gokshira) oder Silber (Rajata) gleicht (Upama)" statt go-kṣīra-dhavalopamam. Im dritten Pada steht dort der Genitiv candramaso statt des etwas fragwürdigen, sich auf bimbaṃ beziehenden Adjektivs candramasaṃ (statt cāndramasam). GŚ 1, 44 liest an dieser Stelle candra-mayaṃ.

Der Vers bezieht sich direkt auf den vorangehenden Vers 95, der den ersten Teil der Wechselatmung beschreibt: während man durch das linke Nasenloch, also den Mondkanal (Chandra bzw. Ida) einatmet, den Atem anhält, und dann wieder rechts ausatmet, soll man in der beschriebenen Weise den Mond visualisieren. In der Gheranda Samhita (5.43) wird ergänzt, das der Yogi den Mond (mit geschlossenen Augen) an der Nasenspitze visualisieren soll. Auch über die relative Dauer der Phasen der Ein- und Ausatmung sowie der Atemverhaltung macht die Gheranda Samhita (5.39-40) konkrete Angaben: die Einatmung soll 16 Matras dauern, die Atemverhaltung 64 Matras, und die Ausatmung 32 Matras. Dies entspricht dem häufig praktizieren Verhältnis von 1 : 4 : 2.

nāsāgre śaśadhṛg-bimbaṃ dhyātvā jyotsnā-samanvitam |
ṭhaṃ-bījaṃ ṣoḍaśenaiva iḍayā pūrayen marut || 5.43 ||

"Während (der Yogi) an der Nasenspitze (Nasagra) die Mondscheibe (Shashadhrik-Bimba), die vom Mondschein (Jyotsna) umgeben ist, visualisiert, atme er mit dem Bijamantra ṭhaṃ genau 16 (Zählzeiten lang) durch das linke Nasenloch (Ida) ein." (GhS 5.43)

Diese Form der Wechselatmung in Verbindung mit der Wiederholung eines Bijamantras wird in der Gheranda Samhita (5.36) sa-manur nāḍī-śuddhiḥ, d.h. "Reinigung der Nadis (Nadishuddhi) in Verbindung mit einem Mantra (Samanu)", genannt.

Vers 97: Wechselatmung: Einatmung rechts mit Visualisierung

Indem (der Yogi) auf die im Bereich des Herzens (visualisierte) Sonnenscheibe als ein verehrungswürdiges, funkelndes, leuchtendes schönes Licht meditiert, sei er bei der (Praxis der) Atemregulierung (bzw.: in der Atemverhaltung) voller Wonne.


प्रज्वलज्ज्वलनज्वालापुञ्जमादित्यमण्डलम् |
ध्यात्वा नाभिस्थितं योगी प्राणायामे सुखी भवेत् || ९७ ||
sphurat-prajvala-saj-jvālā-pūjyam āditya-maṇḍalam |
dhyātvā hṛdi sthitaṃ yogī prāṇāyāme sukhī bhavet || 97 ||
sphurat-prajvala-saj-jvala-pujyam aditya-mandalam |
dhyatva hridi sthitam yogi pranayame sukhi bhavet || 97 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

sphurat-prajvala-saj-jvālā-pūjyam : verehrungswürdig (Pujya) durch ihr funkelndes, (sphur) leuchtendes (Prajvala) schönes ("gute", Sat) Licht (Jvala)
āditya-maṇḍalam : auf die (visualisierte) Sonnenscheibe (Adityamandala)
dhyātvā : indem er meditiert, sich vorstellt, visualisiert ("meditiert habend", dhyā)
hṛdi : im Herzen (Hrid)
sthitam : die sich befindet (Sthita)
yogī : der Yogi (Yogin)
prāṇāyāme : bei der Atemregulierung, Atemverhaltung (Pranayama)
sukhī : glücklich, voller Wohlbehagen (Sukhin)
bhavet : werde er, sei er (bhū)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 46 der Version 1 bzw. Vers 99 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Dort heißt es im ersten Halbvers prajvalaj-jvalana-jvālā-puñjam ... "als eine Menge (Punja) Licht (Jvala) eines brennenden (pra + jval) Feuers (Jvalana)" statt sphurat-prajvala-saj-jvālā-pūjyam ..., und im dritten Pada nābhi-sthitaṃ "die sich im Nabel (Nabhi) befindet" statt hṛdi sthitaṃ. Die Lesung der YCU ist insofern ungewöhnlich, als die innere "Sonne" in den Hatha Yoga-Texten in der Regel in der Nabelgegend verortet wird, wie bspw. in Vers 57 der Version 1 des Goraksha Shataka, wo es im Zusammenhang der Praxis von Viparita Karani heißt: nābhi-deśe bhavaty eko bhāskaro dahanātmakaḥ ... "In der Region (Desha) des Nabels (Nabhi) existiert eine immer brennende Sonne (Bhaskara) ...".

Dieser Vers bezieht sich auf den zweiten Teil der Wechselatmung: während man durch das rechte Nasenloch, also den Sonnenkanal (Surya bzw. Pingala) einatmet, den Atem anhält, und dann wieder links ausatmet, soll man in der beschriebenen Weise im Bereich des Herzens die Sonne visualisieren (vgl. Vers 45 der Version 1 bzw. Vers 98 der Version 2 des Goraksha Shataka).

Die in den Versen 96 und 97 im Zusammenhang der Wechselatmung gelehrte innerliche Visualisierung der Mond- bzw. Sonnenscheibe bezieht sich möglicherweise auch nur auf die Phase der Atemverhaltung, wenn man nämlich Pranayama im engsten Wortsinn als "das Anhalten des Atems (Prana)", also Kumbhaka versteht, vgl. die Anm. zu Vers 4 der Version 1 des Goraksha Shataka, wo Pranasamyama (d.h. Pranayama) als das zweite der sechs Glieder des Hatha Yoga aufgezählt wird.

Vers 98: Wechselatmung mit Visualisierung

Wenn (der Yogi) den Atem durch das linke Nasenloch (Ida) einzieht, soll er, nachdem er ihn maßvoll (angehalten hat), wieder durch das andere Nasenloch ausatmen. Wenn er den Atem durch das rechte Nasenloch (Pingala) eingezogen hat, soll er ihn anhalten, und dann durch das linke (Nasenloch) ausatmen. (Indem er) in dieser Weise in Verbindung mit der (jeweiligen) Meditation auf (eines der) beiden (innerlich visualisierten) Lichtkugeln von Sonne und Mond (praktiziert), werden sämtliche (feinstofflichen) Energiekanäle des Yogi innerhalb von zwei Monaten gereinigt.


प्राणं चेदिडया पिबेन्नियमितं भूयोऽन्यथा रेचयेत्
पीत्वा पिङ्गलया समीरणमथो बद्ध्वा त्यजेद्वामया |
सूर्यचन्द्रमसोरनेन विधिना बिन्दुद्वयं ध्यायतः
शुद्धा नाडिगणा भवन्ति यमिनो मासद्वयादूर्ध्वतः || ९८ ||
prāṇaṃ ced iḍayā piben niyamitaṃ bhūyo'nyathā recayet
pītvā piṅgalayā samīraṇam atho baddhvā tyajed vāmayā |
sūrya-candramasor anena vidhinā bindu-dvayaṃ dhyāyataḥ
śuddhā nāḍi-gaṇā bhavanti yamino māsa-dvayād ūrdhvataḥ || 98 ||
pranam ched idaya piben niyamitam bhuyo’nyatha rechayet
pitva pingalaya samiranam atho baddhva tyajed vamaya |
surya-chandramasor anena vidhina bindu-dvayam dhyayatah
shuddha nadi-gana bhavanti yamino masa-dvayad urdhvatah || 98 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇam : den Atem, die Lebensenergie (Prana)
ced : wenn (Ched)
iḍayā : durch Ida (den Mondkanal, das linke Nasenloch)
pibet : man einatmet (den Atem "einsaugt", )
niyamitam : den (bei gefüllter Lunge) angehaltenen ("beschränkten" Atem, Niyamita)
bhūyaḥ : wieder (Bhuyas)
anyathā : auf andere Weise (d.h. durch das andere Nasenloch, Anyatha)
recayet : man soll ausatmen (ric)
pītvā : nachdem man eingeatmet hat (“eingesaugt” hat, )
piṅgalayā : durch Pingala (den Sonnenkanal, das rechte Nasenloch)
samīraṇam : den) Atem ("Wind", Samirana)
atho : nun, dann (Atha U)
baddhvā : nachdem man angehalten hat (bandh)
tyajet : man entlasse (ihn, tyaj)
vāmayā : durch den linken (Kanal, das linke Nasenloch, Vama)
sūrya-candramasoḥ : von Sonne (Surya) und Mond (Chandramas)
anena : auf diese (Idam)
vidhinā : Art (und Weise, Vidhi)
bindu-dvayam : auf die beiden (Dvaya) Lichtpunkte, -kugeln (Bindu)
dhyāyataḥ : (in Verbindung) mit der Meditation (Dhyana)
śuddhāḥ : rein (Shuddha)
nāḍi-gaṇāḥ : die Scharen (Gana) der feinstofflichen Energie-)Kanäle, (Nadi)
bhavanti : werden (bhū)
yaminaḥ : des sich zügelnden (Yogis, Yamin)
māsa-dvayāt : zwei ("einer Zweiheit von", Dvaya) Monat(en, Masa)
ūrdhvataḥ : nach (Urdhva)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit ein paar Lesarten als Vers 100 der Version der Version 2 des Goraksha Shataka sowie in der Hatha Yoga Pradipika (2.10). Letztere liest im dritten Pada bimba-dvayam "die beiden Abbilder (von Sonne und Mond)" statt bindu-dvayam, wobei mit Bindu entweder dirket auf die beiden innerlich visualisierten (symbolischen) Abbilder von Sonne und Mond bezug genommen wird (Bindu kann auch ein innerlich wahrgenommenes Licht bedeuten), oder es sind die beiden in YCU 60 erwähnten Arten des Bindu (Shukra und Maharajas) gemeint (vgl. YCU 60 bzw. GŚ 2, 72). Diese haben ihren Sitz jeweils in der körperlichen Entsprechung von "Mond" und "Sonne" (vgl. YCU 61 bzw. GŚ 2, 73).

In HYP 2.10 fehlt dieser Aspekt der Meditation bzw. Visualisierung. Dort heißt es im dritten Pada sūrya-candramasor anena vidhinābhyāsaṃ sadā tanvatāṃ, wobei sich "Sonne" und "Mond" wieder auf Pingala und Ida im ersten Halbvers beziehen: "(der Yogis), die in dieser Weise die Praxis (Abhyasa) von Sonnen- und Mond(kanal) kontinuierlich ausüben ...".

Im Übrigen heißt es in HYP 2.10 im vierten Pada māsa-trayād ūrdhvataḥ "innerhalb von drei (Traya) Monaten", ebenso liest Vers 100 des 1. Shataka der Goraksha Paddhati.

Vers 99: Resultate der Wechselatmung

Aufgrund der Reinigung der (feinstofflichen Energie-)Kanäle kann man den Atem nach Belieben anhalten, das Verdauungsfeuer wird entfacht, der innere Klang wird offenbar, und (umfassende) Gesundheit stellt sich ein.


यथेष्टधारणं वायोरनलस्य प्रदीपनम् |
नादाभिव्यक्तिरारोग्यं जायते नाडिशोधनात् || ९९ ||
yatheṣṭa-dhāraṇaṃ vāyor analasya pradīpanam |
nādābhivyaktir ārogyaṃ jāyate nāḍi-śodhanāt || 99 ||
yatheshta-dharanam vayor analasya pradipanam |
nadabhivyaktir arogyam jayate nadi-shodhanat || 99 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

yatheṣṭa-dhāraṇam : das Anhalten (Dharana) nach Belieben ("wie gewünscht", Yatheshta)
vāyoḥ : des Atems, von Prana ("Windes", Vayu)
analasya : des (Verdauungs-)Feuers (Anala)
pradīpanam : das) Auflodern, Entfachen (Pradipana)
nādābhivyaktiḥ : das Offenbarwerden, Erscheinen (Abhivyakti) des inneren ("unangeschlagenen") Klanges (Nada)
ārogyam : Gesundheit ("Nichtkrankheit", Arogya)
jāyate : entsteht (jan)
nāḍi-śodhanāt : aufgrund der Reinigung der (feinstofflichen Energie-)Kanäle (Nadi Shodhana)

Anmerkung: Dieser Vers wird Wort für Wort als Vers 101 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie in Hatha Yoga Pradipika (2.20) überliefert. Dort heißt es lediglich yatheṣṭaṃ dhāraṇam statt yatheṣṭa-dhāraṇam (Adverb im Kompositum).

Vers 100: Pranayama: Atemverhaltung

Solange der Atem (Prana) sich (während der Atemverhaltung) im Körper befindet, soll Apana (durch das Setzen von Mulabandha) kontrolliert (d.h. aufwärts gezogen) werden. Die Maßeinheit (der Atemverhaltung) bemisst sich nach einer (natürlichen) Ein- und Ausatmung. (Während der Atemverhaltung) verbleiben (Prana und Apana, sich) nach oben und unten (bewegend), im leeren Raum (des "Herzens" bzw. Brustkorbs; oder: Während der Atemverhaltung) verweilt (der Yogi) im leeren Raum (des Herzens, der sich) nach oben und unten (erstreckt).


प्राणो देहस्थितो यावदपानं तु निरुन्धयेत् |
एकश्वासमयी मात्रा ऊर्ध्वाधो गगने स्थितिः || १०० ||
prāṇo deha-sthito yāvad apānaṃ tu nirundhayet |
eka-śvāsa-mayī mātrā ūrdhvādho gagane sthitiḥ || 100 ||
prano deha-sthito yavad apanam tu nirundhayet |
eka-shvasa-mayi matra urdhvadho gagane sthitih || 100 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇaḥ : der Atem (Prana)
deha-sthitaḥ : die sich im Körper (Deha) befindet (Sthita)
yāvat : solange (Yavad)
apānam : den Apana
tu : aber, wiederum Tu
nirundhayet : man soll kontrollieren, anhalten ("einsperren", ni + rudh, im Sinne von nirodhayet)
eka-śvāsa-mayī : bemisst sich nach ("besteht aus", Maya) einer (Eka) Ein- und Ausatmung ("Atemzug", Shvasa)
mātrā : das Maß, die Maßeinheit (der Atemverhaltung, Matra)
ūrdhvādhaḥ : aufwärts, (nach) oben (Urdhva) und abwärts, (nach) unten (Adhas)
gagane : im inneren leeren Raum ("Himmel", Gagana)
sthitiḥ : das Bestehen, Sichbefinden, Verweilen (Sthiti)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen stärker abweichenden Lesarten als Vers 42 der Version 1 des Goraksha Shataka sowie als Vers 1 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Dort heißt es jeweils:

prāṇo deha-sthito vāyur āyāmas tan-nibandhanam |
eka-śvāsa-mayī mātrā tad-yogo gaganāyate || 1, 42 ||

"Der Atem (Prana) ist die im Körper (Deha) befindliche Luft (Vayu). Kontrolle (Ayama) ist das Zurückhalten (Nibandhana) des Atems. Die (dafür gebräuchliche) Maßeinheit (Matra) bemisst sich nach einer (natürlichen) Ein- und Ausatmung (Shvasa). Der (richtige) Gebrauch (Yoga) dieser (Maßeinheit) führt zur Erfahrung des Höchsten ("Himmels", Gagana)." (GŚ 1, 42)

prāṇo dehe sthito vāyur apānasya nirodhanāt |
eka-śvāsana-mātreṇodghāṭayed gagane gatim || 2, 1 ||

"Aufgrund des Zurückhaltens (Nirodhana) des Ausatems (Apana) verbleibt der Prana (genannte) Atem (Vayu) im Körper (Deha). Vermittels eines einzigen (Eka) Atemzuges (Shvasana) soll (der Yogi) den Weg (Gati) in den Himmel (Gagana) öffnen." (GP 2, 1)

Angesichts dieser beiden Lesarten erscheint die Variante der YCU als schwierig, wenn nicht auf einem Überlieferungsfehler beruhend. Eine weitere Lesart der YCU im vierten Pada, die sich wiederum mehr an der Lesung der GP orientiert, lautet ūrdhvayor gagane gatiḥ "(Während der Atemverhaltung) bewegen sich die beiden nach oben (strebenden, d.h. Prana und Apana?) im leeren Raum (des "Herzens" bzw. Brustkorbs)."

Der Kommentator Brahmananda zitiert in seinem Kommentar zu Hatha Yoga Pradipika 2.12 eine ganze Reihe von Textstellen, die mehr Licht auf die Matra geanannte Maßeinheit der Pranayamapraxis werfen. Eine der von ihm angeführten Definitionen stammt aus der Yoga Chintamani, einem ebenfalls dem Goraksha Natha zugeordneten Text. Dort wird gesagt, das ein mātrā als Maßeinheit des Pranayama die Zeit sei, in der ein schlafender Mann einmal aus- und einatmet. Brahmananda ergänzt, dass 6 Atemzüge (Shvasa, d.h. 6 Atemzyklen von Ein- und Ausatmung) ein Pala ergeben. Ein pala entspricht wiederum 24 Sekunden, womit ein śvāsa genannter Atemzyklus eine Dauer von 4 Sekunden hat.

Vers 101: Drei Atemphasen des Pranayama

So besteht die (Praxis der) Atemregulation, in Verbindung mit (einer Dauer von) zwölf Zählzeiten (pro Einatmung) bestehend in der heiligen Silbe OM, aus Ausatmung, Einatmung und Atemverhaltung.


रेचकः पूरकश्चैव कुम्भकः प्रणवात्मकः |
प्राणायामो भवेदेवं मात्राद्वादशसंयुतः || १०१ ||
recakaḥ pūrakaś caiva kumbhakaḥ praṇavātmakaḥ |
prāṇāyāmo bhaved evaṃ mātrā-dvādaśa-saṃyutaḥ || 101 ||
rechakah purakash chaiva kumbhakah pranavatmakah |
pranayamo bhaved evam matra-dvadasha-samyutah || 101 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

recakaḥ : Ausatmung (Rechaka)
pūrakaḥ : Einatmung (Puraka)
ca : und (Cha)
eva : ebenso ("so", Eva)
kumbhakaḥ : Atemverhaltung (Kumbhaka)
praṇavātmakaḥ : deren Wesen (Atmaka) die heilige Silbe ॐ (Pranava) ist, bestehend in der heiligen Silbe OM
prāṇāyāmaḥ : die Atemkontrolle, Atemregulation (Pranayama)
bhavet : besteht ("sei", bhū)
evam : so, in dieser Weise (Evam)
mātrā-dvādaśa-saṃyutaḥ : verbunden (Samyuta) mit (einer Dauer von) zwölf (Dvadasha) Zählzeiten (Matra)

Anmerkungen: Dieser Vers wird fast wortwörtlich als Vers 47 der Version 1 des Goraksha Shataka überliefert (diese liest im dritten Pada) tredhā "aus drei Teilen" statt evam.

Der Vers benennt die drei Phasen eines vollständigen Pranayama, das aus Einatmung (Puraka), Atemverhaltung (Kumbhaka) und Ausatmung (Rechaka) besteht. Die beiden Adjektive praṇavātmakaḥ "deren Wesen die heilige Silbe OM ist" und mātrā-dvādaśa-saṃyutaḥ "verbunden mit (einer Dauer von) zwölf Zählzeiten" können sich syntaktisch sowohl auf prāṇāyāmaḥ, also den gesamten Zyklus, beziehen, oder aber auf jeweils eine der genannten drei Phasen recakaḥ, pūrakaḥ oder kumbhakaḥ.

In Vers 103 wird erklärt, dass sich die Angabe der Dauer von 12 Matras und die damit verbundene (innerliche) Rezitation der Silbe OM (möglicherweise pro Matra à 4 Sekunden, vgl. die Anm. zu Vers 100) auf die Phase der Einatmung (Puraka) bezieht.

Vers 102: Pranayama

Die Yogis sollten sich stets (der Funktionen von) Sonnen- und Mondkanal (d.h. von Pingala und Ida) bewusst sein. Diese befreien (in der Pranayamapraxis) in Verbindung mit (einer Dauer von) zwölf Zählzeiten (in Form von 12 mal OM) von einer Menge Krankheiten.


मात्राद्वादशसंयुक्तौ दिवाकरनिशाकरौ |
दोषजालमबध्नन्तौ ज्ञातव्यौ योगिभिः सदा || १०२ ||
mātrā-dvā-daśa-saṃyuktau divākara-niśākarau |
doṣa-jālam abadhnantau jñātavyau yogibhiḥ sadā || 102 ||
matra-dva-dasha-samyuktau divakara-nishakarau |
dosha-jalam abadhnantau jnatavyau yogibhih sada || 102 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

mātrā-dvā-daśa-saṃyuktau : verbunden (Samyukta) mit (einer Dauer von) zwölf (Dvadasha) Zählzeiten (Matra)
divākara-niśākarau : der Sonne(nkanal, Divakara) und der Mond(kanal, Nishakara)
doṣa-jālam (Edition doṣā-jālam) : eine Menge ("ein Netz", Jala) von krankheitserzeugenden Faktoren, Krankheiten (Dosha)
abadhnantau : sind auflösend, befreiend ("nicht bindend", a-badh)
jñātavyau : sind zu kennen (Jnatavya)
yogibhiḥ : von den Yogapraktizierenden (Yogin)
sadā : immer, stets (Sada)

Anmerkungen: Dieser Vers wird fast wortwörtlich als Vers 3 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Diese liest im dritten Pada apa-ghnantau "vertreibend, verscheuchend" (apa + han) statt a-badhnantau "nicht bindend", das vermutlich auf einem Überlieferungsfehler beruht. Die Übersetzung "(auf)lösend, befreiend" ist dem Kontext geschuldet, im Sanskrit ist diese Bedeutung strenggenommen nicht möglich.

Bereits in den Versen 98 und 99 wurde deutlich, dass die Reinigungsatmung (Nadi Shodhana) die feinstofflichen Kanäle (Nadi) von Verunreinigungen (Mala) bzw. einem Übermaß oder Ungleichgewicht der Doshas Vata, Pitta und Kapha reinigt.

Vers 103: Pranayama: Verhältnis der Atemphasen

Die Einatmung führe man zwölf (OM lang) aus, die Atemverhaltung sei 16 (OM lang), und die Ausatmung zehn Omkara (lang) - dies wird Atemregulation (Pranayama) genannt.


पूरकं द्वादशं कुर्यात्कुम्भकं षोडशं भवेत् |
रेचकं दश चोङ्कारः प्राणायामः स उच्यते || १०३ ||
pūrakaṃ dvā-daśaṃ kuryāt kumbhakaṃ ṣo-ḍaśaṃ bhavet |
recakaṃ daśa coṅ-kāraḥ prāṇāyāmaḥ sa ucyate || 103 ||
purakam dva-dasham kuryat kumbhakam sho-dasham bhavet |
rechakam dasha chon-karah pranayamah sa uchyate || 103 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

pūrakam : die Einatmung (Puraka)
dvā-daśam : zwölf (Dvadasha)
kuryāt : man führe aus (kṛ)
kumbhakam : die Atemverhaltung (Kumbhaka)
ṣo-ḍaśam : sechzehn (Shodasha)
bhavet : soll sein (bhū)
recakam : die Ausatmung (Rechaka)
daśa : zehn (Dasha)
ca : und (Cha)
oṅ-kāraḥ : OM (lang, Omkara)
prāṇāyāmaḥ : Atemregulation (Pranayama)
saḥ : das (Tad)
ucyate : wird genannt (vac)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit einigen grammatischen Varianten als Vers 4 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Dort heißt es:

pūrake dvā-daśī kuryāt kumbhake ṣo-ḍaśī bhavet |
recake daśa oṅ-kārāḥ prāṇāyāmaḥ sa ucyate || GP 2, 4 ||

Vers 104: Drei Stufen des Pranayama: Dauer der Einatemphasen

Auf der niedrigsten Stufe besteht die Zählzeit aus zwölf (OM), auf der mittleren Stufe wird sie doppelt so hoch gelehrt, und auf der höchsten Stufe wird sie dreimal so hoch gelehrt - so lautet die Festlegung (der Dauer der Einatemphase) der Atemregulation.


अधमे द्वादशा मात्रा मध्यमे द्विगुणा मता |
उत्तमे त्रिगुणा प्रोक्ता प्राणायामस्य निर्णयः || १०४ ||
adhame dvā-daśā mātrā madhyame dvi-guṇā matā |
uttame tri-guṇā proktā prāṇāyāmasya nirṇayaḥ || 104 ||
adhame dva-dasha matra madhyame dvi-guna mata |
uttame tri-guna prokta pranayamasya nirnayah || 104 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

adhame : auf der niedrigsten (Stufe, Adhama)
dvā-daśā : besteht aus zwölf (Dvadasha)
mātrā : die Zählzeit ("Maßeinheit", Matra)
madhyame : auf der mittleren (Stufe, Madhyama)
dvi-guṇā : die doppelte (Zählzeit, Dviguna)
matā : wird gelehrt (Mata)
uttame : auf der höchsten (Stufe, Uttama)
tri-guṇā : die dreifache (Zählzeit, Triguna)
proktā : wird gelehrt (Prokta)
prāṇāyāmasya : der Atemkontrolle, Atemverhaltung (Pranayama)
nirṇayaḥ : (das ist) die Festlegung (Nirnaya)

Anmerkungen: Dieser Vers wird fast wortwörtlich als Vers 5 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati sowie mit einigen Lesarten als Vers 48 der Version 1 des Goraksha Shataka überliefert.

Da im vorangehenden Vers 103 die Einatmung mit einer Dauer von zwölf OM, die Atemverhaltung mit einer Dauer von 16 OM, und die Ausatmung mit einer Dauer von zehn OM angegeben wurde (was somit der niedrigsten Stufe entspricht), ergibt sich für die mittlere Stufe ein Verhältnis von 24 : 32 : 20 und für die höchste Stufe ein Verhältnis von 36 : 48 : 30 Zählzeiten bzw. Omkara.

In der Gheranda Samhita (5.56) wird ebenfalls zwischen drei Stufen des Pranayama bzw. der Länge der Atemphasen unterschieden, allerdings in einer Abstufung von 12, 16 und 20 Zählzeiten pro Einatmung:

uttamā viṃśatir mātrā madhyamā ṣoḍaśī smṛtā |
adhamā dvādaśī mātrā prāṇāyāmās tridhā smṛtāḥ || 5.56 ||

"Die Atemkontrolle (Pranayama) wird als von dreierlei Art gelehrt: die höchste (Uttama, Stufe dauert) 20 Zählzeiten (pro Einatmung), die mittlere (Madhyama, Stufe) wird mit 16 Zählzeiten angegeben, und die niedrigste (Adhama, Stufe dauert) 12 Zählzeiten (Matra)." (GhS 5.56)

Da sich in der Gheranda Samhita (vgl. 5.50-52) das Verhältnis Einatmung : Atemverhaltung : Ausatmung wie 1 : 4 : 2 verhält, ergibt sich dort wiederum für die niedrigste Stufe ein Verhältnis von 12 : 48 : 24, für die mittlere Stufe ein Verhältnis von 16 : 64 : 32, und für die höchste Stufe ein Verhältnis von 20 : 80 : 40 Zählzeiten (Matra).

Vers 105: Drei Stufen des Pranayama: Wirkungen

Auf der niedrigsten Stufe (der Atemverhaltung) entsteht Schwitzen, auf der mittleren Stufe entsteht Zittern, und auf der höchsten Stufe erreicht man den (höchsten) Ort - daher soll man den Atem anhalten.


अधमे स्वेदजननं कम्पो भवति मध्यमे |
उत्तमे स्थानमाप्नोति ततो वायुं निरुन्धयेत् || १०५ ||
adhame sveda-jananaṃ kampo bhavati madhyame |
uttame sthānam āpnoti tato vāyuṃ nirundhayet || 105 ||
adhame sveda-jananam kampo bhavati madhyame |
uttame sthanam apnoti tato vayum nirundhayet || 105 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

adhame : auf der niedrigsten (Stufe, Adhama)
sveda-jananam : das Hervorbringen (Janana) von Schweiß (Sveda)
kampaḥ : ein Zittern (Kampa)
bhavati : entsteht ("wird", bhū)
madhyame : auf der mittleren (Stufe, Madhyama)
uttame : auf der höchsten (Stufe, Uttama)
sthānam : den (höchsten) Ort, Zustand; vollkommene Ruhe (Sthana)
āpnoti : man erreicht (āp)
tataḥ : daher, deshalb (Tatas)
vāyum : den Atem, ("Wind", Vayu)
nirundhayet : man soll kontrollieren, anhalten ("einsperren", ni + rudh, im Sinne von nirodhayet)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 6 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati sowie mit einer stärker abweichenden Lesung im 2. Pada als Vers 49 der Version 1 des Goraksha Shataka überliefert. Die GP liest wie folgt:

adhame codyate gharmaḥ kampo bhavati madhyame |
uttiṣṭhaty uttame yogī tato vāyuṃ nirodhayet || 2, 6 ||

"Auf der niedrigsten (Stufe) wird (innere) Hitze (Gharma) angefacht, auf der mittleren entsteht Zittern (Kampa), und auf der höchsten (Stufe) erhebt sich (uttiṣṭhati) der Yogi (von seiner Unterlage, oder: zum Brahmarandhra) - daher soll man den Atem (Vayu) anhalten." (GP 2, 6)

Die Bedeutung des Verbs uttiṣṭhati (ud + sthā) "er steht auf, erhebt sich, steigt auf, springt auf" kann in diesem Vers in zweierlei Weise verstanden werden: in wörtlicher Bedeutung wäre gemeint, dass der Yogi von seiner Sitzunterlage "abhebt", d.h. es wird das Phänomen der Levitation beschrieben. In übertragener Bedeutung wäre gemeint, dass der Yogi in seinem Bewusstsein entlang der Wirbelsäule zum höchsten Punkt, dem Brahmarandhra, aufsteigt.

Auch in der Hatha Yoga Pradipika 2.12 sowie der Gheranda Samhita (5.57) werden die Wirkungen der drei genannten Stufen der Atemverhaltung beschrieben, wobei jeweils eine der beiden genannten Verständnismöglichkeiten von uttiṣṭhati zum Tragen kommt. In der HYP heißt es dazu:

kanīyasi bhavet svedaḥ kampo bhavati madhyame |
uttame sthānam āpnoti tato vāyuṃ nibandhayet || 2.12 ||

"Auf der niedrigsten (Stufe) entsteht Schweiß (Sveda), auf der mittleren Zittern (Kampa), und auf der höchsten (Stufe) erreicht man den (höchsten) Ort (Sthana) - daher man soll den Atem (Vayu) anhalten." (HYP 2.12)

Brahmananda, der Kommentator der HYP erklärt hierzu, dass man auf der höchsten (Uttama) Stufe der Atemverhaltung das Brahmarandhra, den "Öffnung zum Brahman" genannten Ort (Sthana), erreicht: uttame prāṇāyāme sthānam brahma-randhram āpnoti. Eine weitere Bedeutung von sthāna ist "vollkommene Ruhe", d.h. das "Stillstehen" des Geistes.

In der Gheranda Samhita (5.57) heißt es wiederum:

adhamāj jāyate gharmo meru-kampaś ca madhyamāt |
uttamāc ca bhūmi-tyāgas tri-vidhaṃ siddhi-lakṣaṇam || 5.57 ||

"Die Erscheinungsformen (Lakshana) der (durch Atemverhaltung erlangten) übernatürlichen Fähigkeiten (Siddhi) sind von dreierlei Art: durch die niedrigste (Form) entsteht Hitze (Gharma), durch die mittlere das Zittern (Kampa) der Wirbelsäule ("des Berges Meru"), und durch die höchste (Form) entsteht das Verlassen (Tyaga) des Erdbodens (Bhumi)." (GhS 5.57)

Vers 106: Pranayama

Der Yogi, der den Lotussitz (Padmasana) eingenommen hat, soll, nachdem er seinen Lehrer als Shiva verehrt hat, allein und mit auf die Nasenspitze gerichtetem Blick die Atemkontrolle (Pranayama) praktizieren.


बद्धपद्मासनो योगी नमस्कृत्य गुरुं शिवम् |
नासाग्रदृष्टिरेकाकी प्राणायामं समभ्यसेत् || १०६ ||
baddha-padmāsano yogī namas-kṛtya guruṃ śivam |
nāsāgra-dṛṣṭir ekākī prāṇāyāmaṃ samabhyaset || 106 ||
baddha-padmasano yogi namas-kritya gurum shivam |
nasagra-drishtir ekaki pranayamam samabhyaset || 106 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

baddha-padmāsanaḥ : der den Lotussitz (Padmasana) eingenommen ("gebunden", Baddha) hat
yogī : der Yogi (Yogin)
namas-kṛtya : nachdem er gegrüßt, verehrt hat (Namas-kṛ)
gurum : den Lehrer, Meister (Guru)
śivam : (als) Shiva
nāsāgra-dṛṣṭiḥ : mit auf die Nasenspitze (Nasagra gerichtetem) Blick (Drishti)
ekākī : allein (Ekakin)
prāṇāyāmam : die Atemkontrolle, Verlängerung des Atems (Pranayama)
samabhyaset : soll praktizieren, üben (sam + abhi + as)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 41 der Version 1 des Goraksha Shataka sowie mit der Lesung bhrū-madhye dṛṣṭiḥ (wohl für: bhrū-madhya-dṛṣṭiḥ) "mit dem Blick auf der Mitte der Brauen (Bhrumadhya)" statt nāsāgra-dṛṣṭiḥ im 3. Pada als Vers 7 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati Lesung überliefert.

Das Kompositum baddha-padmāsanaḥ bezieht sich hier als adjektivisches Kompositum (Bahuvrihi) auf yogī und bedeutet "(ein Yogi) der den Lotussitz (Padmasana) eingenommen (Baddha) hat." Dessen Ausführung wird in Vers 9 der Version 1 bzw. Vers 12 der Version 2 des Goraksha Shataka beschrieben (dort als Kamalasana), wobei ausdrücklich der auf die Nasenspitze gerichtete Blick erwähnt wird, außerdem das auf die Brust gedrückte Kinn. Zudem sollen die hinter dem Rücken gekreuzten Arme bzw. Hände die großen Zehen festhalten, was wiederum Baddha Padmasana, dem "gebundenen Lotussitz" entspricht. Für die Ausführung von Atemtechniken, bei denen durch jeweils ein Nasenloch geatmet wird, kommt allerdings nur der einfache Lotussitz in Frage.

Vers 107: Pranayama und Meditation über das Selbst

Nachdem (der Yogi) die neun Körperöffnungen fest verschlossen und den Atem angehalten hat, soll er seine Konzentration fest auf das höchste Selbst (?) richten, und (Prana) zusammen mit Apana und dem Feuer (der Verdauung) in der vorgeschriebenen Weise mit Hilfe der göttlichen (Kundalini-)Energie in Bewegung setzen und zum Scheitel(chakra) leiten. Solange er dort, vertieft in die Meditation auf das Selbst, unbeweglich verweilt, genau solange (braucht von ihm) der Umgang mit den großen Seelen nicht gepriesen werden (da er selbst im Absoluten verweilt).


द्वाराणां नव सन्निरुध्य मरुतं बद्ध्वा दृढां धारणां
नीत्वा कालमपानवह्निसहितं शक्त्या समं चालितम् |
आत्मध्यानयुतस्त्वनेन विधिना विन्यस्य मूर्ध्नि स्थिरं
यावत्तिष्ठति तावदेव महतां सङ्गो न संस्तूयते || १०७ ||
dvārāṇāṃ nava sannirudhya marutaṃ baddhvā dṛḍhāṃ dhāraṇāṃ
nītvā kālam apāna-vahni-sahitaṃ śaktyā samaṃ cālitam |
ātma-dhyāna-yutas tv anena vidhinā vinyasya mūrdhni sthiraṃ
yāvat tiṣṭhati tāvad eva mahatāṃ saṅgo na saṃstūyate || 107 ||
dvaranam nava sannirudhya marutam baddhva dridham dharanam
nitva kalam apana-vahni-sahitam shaktya samam chalitam |
atma-dhyana-yutas tv anena vidhina vinyasya murdhni sthiram
yavat tishthati tavad eva mahatam sango na samstuyate || 107 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

dvārāṇām : (Körper-)Öffnungen ("Tore", Dvara)
nava : die neun (Nava)
sannirudhya : nachdem man verschlossen hat ("verschlossen habend", sam + ni + rudh)
marutam : den Atem, die Lebensenergie ("Wind", Marut)
baddhvā : nachdem man angehalten hat ("gebunden habend", badh)
dṛḍhām : feste, intensive, kontinuierliche (Dridha)
dhāraṇām : Konzentration, Ausrichtung des Geistes (Dharana)
nītvā : führend, lenkend ("geführt habend", )
kālam : auf das höchste Selbst ("die Zeit, den Tod", Kala im Sinne von Turya-Atman s. Anm. ?)
apāna-vahni-sahitam : zusammen (Sahita) mit Apana und dem (Verdauungs-)Feuer (Agni)
śaktyā : durch die göttliche (Kundalini-)Energie (Shakti)
samam : in der richtigen Weise (Sama)
cālitam : in Bewegung versetzt (Chalita)
ātma-dhyāna-yutaḥ : vereinigt, verbunden (Yuta) mit der Meditation, Kontemplation (Dhyana) auf das Selbst (Atman)
tu : aber (Tu)
anena : auf, durch diese (Idam)
vidhinā : Weise, Methode (Vidhi)
vinyasya : lenkend, richtend ("gelenkt habend", vi + ni + as)
mūrdhni : auf das Scheitel-(Chakra, "auf den Kopf", Murdhan)
sthiram : unbeweglich, dauerhaft (Sthira)
yāvat : solange wie (Yavat)
tiṣṭhati : er still steht, ruht (sthā)
tāvat : solange (Tavat)
eva : genau (Eva)
mahatām : der großen (Seelen, Mahat)
saṅgaḥ : der Umgang, Verkehr (Sanga)
na : nicht (Na)
saṃstūyate : wird gepriesen, gelobt (sam + stu)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen wichtigen Lesarten als Vers 9 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Angesichts dieser Lesarten erscheinen die meisten Varianten der YCU eher als Überlieferungs- bzw. Kopierfehler, wie bspw. an der Lesung nītvā kālam im 2. Pada deutlich wird, wo die GP nītvākāśam "in den leeren Raum (Akasha) leitend" liest (ebenso Viveka Martanda 112).

Die Übersetzer und Kommentatoren dieses Verses der YCU erklären den an dieser Stelle schwierigen, wohl nur auf dem Verlesen des Akshara ल la für श śa beruhenden Akkusativ Sg. m. kālam (wörtl.: "die Zeit, den Tod") einerseits als "divine element, kundalini" (Übers. Swami Satyadharma, Munger, Bihar School of Yoga), andererseits als turyātmānam, "das höchste Selbst (Atman), dessen Wesen transzendentes Bewusstsein (Turya) ist" (Kommentar von Upanishad Brahma Yogin).

Hier folgt die in der Goraksha Paddhati überlieferte Version dieses Verses (die abweichenden Lesarten sind zur Verdeutlichung fett hervorgehoben):

dvārāṇāṃ navakaṃ nirudhya marutaṃ pītvā dṛḍhaṃ dhāritaṃ
nītvākāśam apāna-vahni-sahitaṃ śaktyā samuccālitam |
ātma-sthāna-yutas tv anena vidhivad vinyasya mūrdhni dhruvaṃ
yāvat tiṣṭhati tāvad eva mahatāṃ saṅghena saṃstūyate || 2, 9 ||

"Nachdem (der Yogi) die neun (Navaka) Körperöffnungen fest verschlossen hat, den Atem eingesogen (pītvā) und fest (Dridha) angehalten (Dharita) hat, soll er ihn zusammen mit Apana und dem Feuer (der Verdauung), in Bewegung gesetzt (Samuchchalita) mit Hilfe der göttlichen (Kundalini-)Energie, in den leeren Raum (Akasha des Herzens*) leiten. Indem er, verbunden mit der Heimstatt des Selbst (Atman-Sthana), in der vorgeschriebenen Weise (Vidhivat die Kundalini) zusammen mit dem (Prana) im Scheitel(chakra) kontinuierlich (Dhruva) sammelt (vinyasya), wird er, genau solange wie er dort (in absoluter Stille) verweilt, von der Gemeinschaft (Sangha) der großen Seelen gepriesen." (GP 2, 9)

*Georg Feuerstein legt in seiner englischen Übersetzung der Goraksha Paddhati nahe, dass hier der leere Raum im Herzen (Chidakasha) gemeint sein könnte "... having conducted it to the "space" (âkâsha) [of the heart?] ... (The Yoga Tradition: It's History, Literature, Philosophy and Practice, Hohm Press 2015).

Vers 108: Lob des Pranayama

Auf diese Weise wird Pranayama zu einem (reinigenden) Feuer, das den Brennstoff der Sünden verzehrt. Pranayama wird von den Yogis eine gewaltige Brücke über den Ozean der weltlichen Existenz genannt.


प्राणायामो भवेदेवं पातकेन्धनपावकः |
भवोदधिमहासेतुः प्रोच्यते योगिभिः सदा || १०८ ||
prāṇāyāmo bhaved evaṃ pātakendhana-pāvakaḥ |
bhavodadhi-mahā-setuḥ procyate yogibhiḥ sadā || 108 ||
pranayamo bhaved evam patakendhana-pavakah |
bhavodadhi-maha-setuh prochyate yogibhih sada || 108 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇāyāmaḥ : die Atemkontrolle, Atemregulierung (Pranayama)
bhavet : wird ("kann werden", bhū)
evam : auf diese Weise (Evam)
pātakendhana-pāvakaḥ : zu einem (reinigenden) Feuer (Pavaka) für den Brennstoff (Indhana) der Sünden (Pataka)
bhavodadhi-mahā-setuḥ : eine gewaltige (Maha) Brücke (Setu) über den Ozean der weltlichen Existenz (Bhavodadhi)
procyate : es wird genannt (pra + vac)
yogibhiḥ : von den Yogis (Yogin)
sadā : immer, stets (Sada)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit kleineren Lesarten als Vers 53 der Version 1 des Goraksha Shataka überliefert. Dort lautet es im dritten Pada enombudhi-mahā-setuḥ "eine gewaltige Brücke über den Ozean (Ambudhi) der Sünden (Enas)" statt bhavodadhi-mahā-setuḥ, das die YCU mit Vers 10 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati gemeinsam hat.

Vers 109: Zweck von Asana, Pranayama und Pratyahara

Durch die Körperstellungen vernichtet der Yogi Krankheiten, durch die Atemkontrolle vernichtet er Sünde, und durch das Zurückziehen (der Sinne von ihren Sinnesobjekten) befreit er sich von geistigen Ablenkungen.


आसनेन रुजो हन्ति प्राणायामेन पातकम् |
विकारं मानसं योगी प्रत्याहारेण मुञ्चति || १०९ ||
āsanena rujaṃ hanti prāṇāyāmena pātakam |
vikāraṃ mānasaṃ yogī pratyāhāreṇa muñcati || 109 ||
asanena rujam hanti pranayamena patakam |
vikaram manasam yogi pratyaharena munchati || 109 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

āsanena : durch die Körperstellung(en), Sitzhaltung(en, Asana)
rujam : Krankheit (Ruj)
hanti : vernichtet (han)
prāṇāyāmena : durch die Atemkontrolle (Pranayama)
pātakam : Sünde (Pataka)
vikāram : Störung, Aufregung ("Veränderung", Vikara)
mānasam : von mentaler, geistiger (Manasa)
yogī : der Yogi (Yogin)
pratyāhāreṇa : durch das Zurückhalten, Zurückziehen (der Sinne, Pratyahara)
muñcati : befreit sich ("lässt los", muc)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit kleineren Lesarten als Vers 54 der Version 1 des Goraksha Shataka überliefert. Dort lautet es im vierten Pada sarvadā "jederzeit, immer" statt muñcati, das die YCU mit Vers 11 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati gemeinsam hat.

In YCU 120 wird eine Definition des Wortes Pratyahara im Sinne des "Rückzugs der Sinne von ihren äußeren Sinnesobjekten" gegeben.

Vers 110: Zweck von Dharana, Dhyana und Samadhi

Durch die Konzentrationsübungen erlangt (der Yogi) Festigkeit des Geistes, (durch Meditation) einen wunderbaren Bewusstseinszustand, und in der Versenkung, wo er gute und schlechte Handlungen (und deren Folgen) hinter sich lässt, erlangt er die Erlösung.


धारणाभिर्मनोधैर्यं याति चैतन्यमद्भुतम् |
समाधौ मोक्षमाप्नोति त्यक्त्वा कर्म शुभाशुभम् || ११० ||
dhāraṇābhir mano-dhairyaṃ yāti caitanyam adbhutam |
samādhau mokṣam āpnoti tyaktvā karma śubhāśubham || 110 ||
dharanabhir mano-dhairyam yāti chaitanyam adbhutam |
samadhau moksham apnoti tyaktva karma shubhashubham || 110 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

dhāraṇābhir : durch die Konzentration(sübungen, Dharana)
mano-dhairyam : Festigkeit, Beständigkeit, Ruhe (Dhairya) des Geistes (Manas)
yāti : er erlangt ("gelangt zu", )
caitanyam : Bewusstsein(szustand, Chaitanya)
adbhutam : einen wunderbaren (Adbhuta)
samādhau : in der Versenkung (Samadhi)
mokṣam : Erlösung (Moksha)
āpnoti : er erreicht, erlangt (āp)
tyaktvā : indem er aufgibt, loslässt ("verlassen habend", tyaj)
karma : Handlungen (und deren Folgen, Karman)
śubhāśubham : gute und schlechte (Shubhashubha)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten im ersten Halbvers als Vers 12 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert, der wie folgt lautet:

dhāraṇābhimato dhairyaṃ dhyānāc caitanyam adbhutam |

"(Ein Yogi), der den Konzentrationsübungen zugetan ist (Abhimata, erlangt) Festigkeit (des Geistes, und) durch Meditation (Dhyana) einen wunderbaren Bewusstseinszustand." (GP 2, 12ab)

Die Verse 109 und 110 nehmen auf den 2. Vers der YCU bezug, wo die sechs Glieder des Hatha Yoga aufgezählt werden. Im vorliegenden Vers 110 fehlt Dhyana, das fünfte Glied, daher wird es vom Komentator Upanishad Brahma Yogin dem Kontext gemäß ergänzt: dhyānena yāti "durch Meditation erlangt er ...".

Vers 111: Verhältnis von Pranayama, Pratyahara und Dharana

Durch 12 (Zyklen der) Atemkontrolle wird das Zurückhalten (der Sinne bzw. des inneren Nektars) definiert. Durch 12 (Zyklen) des Zurückhaltens entsteht verheißungsvolle Konzentration.


प्राणायामद्विषट्केन प्रत्याहारः प्रकीर्तितः |
प्रत्याहारद्विषट्केन जायते धारणा शुभा || १११ ||
prāṇāyāma-dvi-ṣaṭkena pratyāhāraḥ prakīrtitaḥ |
pratyāhāra-dvi-ṣaṭkena jāyate dhāraṇā śubhā || 111 ||


pranayama-dvi-shatkena pratyaharah prakirtitah |
pratyahara-dvi-shatkena jayate dharana shubha || 111 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇāyāma-dvi-ṣaṭkena : durch zwei (mal Dvi) sechs (Shatka Zyklen der) Atemkontrolle (Pranayama)
pratyāhāraḥ : das Zurückhalten (des inneren Nektars, Pratyahara)
prakīrtitaḥ : wird definiert ("bezeichnet", Prakirtita)
pratyāhāra-dvi-ṣaṭkena : durch zwei (mal) sechs des Zurückhaltens (des inneren Nektars)
jāyate : entsteht (jan)
dhāraṇā : Konzentration (Dharana)
śubhā : verheißungsvolle (Shubha)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit einer Lesart als Vers 13 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Dort heißt es im vierten Pada jñāyate "wird anerkannt als" statt jāyate.

Zur Bedeutung von Pratyahara vgl. die Anm. zu Vers 109.

Vers 112: Verhältnis von Dharana, Dhyana und Samadhi

Eine Anzahl von zwölf Konzentration(szyklen) wird von den Yogakundigen Meditation genannt. Eine Anzahl von zwölf Meditation(szyklen) wird als Versenkung bezeichnet.


धारणा द्वादश प्रोक्तं ध्यानं योगविशारदैः |
ध्यानद्वादशकेनैव समाधिरभिधीयते || ११२ ||
dhāraṇā dvā-daśa proktaṃ dhyānaṃ yoga-viśāradaiḥ |
dhyāna-dvā-daśakenaiva samādhir abhidhīyate || 112 ||
dharana dva-dasha proktam dhyanam yoga-visharadaih |
dhyana-dva-dashakenaiva samadhir abhidhiyate || 112 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

dhāraṇā : Konzentration(szyklen, Dharana)
dvā-daśa : (eine Anzahl von) zwölf (Dvadasha)
proktam : wird genannt (Prokta)
dhyānam : Meditation (Dhyana)
yoga-viśāradaiḥ : von den Yogakundigen (Visharada)
dhyāna-dvā-daśakena : eine Anzahl von zwölf (Dvadashaka) Meditation(szyklen)
eva : gewiss (Eva)
samādhiḥ : Versenkung (Samadhi)
abhidhīyate : wird bezeichnet als (abhi + dhā)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit kleineren Lesarten im ersten Halbvers als Vers 14 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert.

In den Versen 111 und 112 werden fünf Glieder (Anga) des Hatha Yoga (vgl. Vers 2) derart zueinander ins Verhältnis gesetzt, dass das jeweils folgende den zwölffachen "Wert" des vorangehenden hat. Folgt man den in den Versen 103 und 104 gemachten quantitativen Angaben, so besteht ein Pranayama der höchsten (Uttama) Stufe bzw. Intensität aus 36 : 48 : 30 Zählzeiten bzw. Omkara, das macht 114 Matras à 4 s, das sind 456 s bzw. 7 min 36 s. Ein Pratyahara entspricht der zwölffachen Dauer (456 x 12 = 5472) usw., so dass sich rein rechnerisch folgende Übersicht ergibt:

1 Pranayama 1 Pratyahara 1 Dharana 1 Dhyana 1 Samadhi
Sekunden 456 5472 65664 787968 9455616
Minuten 7,6 91,2 1094,4 13132,8 157593,6
Stunden - 1,52 18,24 218,88 2626,56
Tage - - - 9,12 109,44

Ein rein quantitatives Verständnis dieser Aussagen verbietet sich allerdings schon daher, dass eine Vertiefung der Konzentration (Dharana) und Meditation (Dhyana) bis hin zur Versenkung (Samadhi) vor allem eine qualitative Weiterentwicklung der geistigen Vervollkommnung innerhalb der Yogapraxis darstellt (vgl. Yogasutra 3.1-3). Insofern bieten sich hier zwei Interpretationen an:

Das regelmäßige (quantitative), in Matras bemessene Praktizieren des Pranayama befähigt bei einer gewissen Intensität (Uttama) und Dauer (12 x 456 s = 91,2 min) zum "Rückzug der Sinne" bzw. "Zurückhalten des Nektars" (Pratyahara). Gelingt dies mit einer gewissen Regelmäßigkeit ("12 mal"), so wird man mit dem Zustand der Konzentration (Dharana) vertraut. Wird diese zu einer zuverlässig erreichbaren Bewusstseinsqualität, stellt sich Meditation (Dhyana) ein, und aus dieser folgt bei weiterer kontinuierlicher Praxis die Versenkung (Samadhi).

Ebenso könnte man sagen, die Praxis von Samadhi "wiegt" genauso viel wie zwölf Dhyana usw., d.h. je fortgeschrittener und stabiler der erreichte Bewusstseinszustand, um so weniger muss sich der Yogi anstrengen, die vorangehenden Phasen zu erreichen. Diese ergeben sich vielmehr mühelos die eine aus der anderen, und der angestrebte Zustand der Nichtdualität (Advaita) wird wieder zum natürlichen (Sahaja) Zustand des Praktizierenden. Dann dient die Praxis (Sadhana), sofern sie überhaupt noch nötig ist, weniger dem Erreichen, sondern vielmehr dem Integrieren des höchsten Bewusstzustandes (Turiya) in alle Lebensbereiche und Zustände (Avastha).

Vers 113: Das höchste Licht

Wenn (dieses) höchste, unendliche, nach allen Richtungen strahlende Licht (im Zustand) der Versenkung erblickt wird, dann gibt es (für den Yogi) weder Handlung noch das Gesetz der Tatvergeltung oder (erneuten) Daseinswandel.


समाधौ परमं ज्योतिरनन्तं विश्वतोमुखम् |
तस्मिन्दृष्टे क्रिया कर्म यातायातो न विद्यते || ११३ ||
samādhau paramaṃ jyotir anantaṃ viśvato-mukham |
tasmin dṛṣṭe kriyā karma yātāyāto na vidyate || 113 ||
samadhau paramam jyotir anantam vishvato-mukham |
tasmin drishte kriya karma yatayato na vidyate || 113 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

samādhau : in der Versenkung (Samadhi)
paramam : (erscheinende) höchste (Parama)
jyotiḥ : Licht (Jyotis)
anantam : unendliche, grenzenlose (Ananta)
viśvato-mukham : das überallhin strahlt ("nach allen Seiten gewandt ist", Vishvatomukha)
tasmin : (wenn) es (Tad)
dṛṣṭe : gesehen, wahrgenommen wird (Drishta)
kriyā : Handlung (Kriya)
karma : (das Gesetz der) Tatvergeltung (Karman)
yātāyātaḥ : einen, für den es Entstehen und Vergehen, Daseinswandel gibt ("Kommen und Gehen", Yatayata)
na : nicht (Na)
vidyate : es gibt (vid)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit kleineren Lesarten als Vers 15 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati sowie als Vers 21 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Derselbe Vers erschien bereits nahezu wortwörtlich als der zweite Halbvers von YCU 10 zusammen mit dem ersten Halbvers von Vers 11, wobei lediglich im dritten Pada mahā-yoge "in der großen Vereinigung" statt kriyā-karma steht. Dieser doppelt erscheinende Vers innerhalb ein und desselben Textes verweist einmal mehr auf den kompilativen Charakter der Yogachudamani Upanishad.

Vers 114: Konzentration auf die höchste Wirklichkeit mit Shanmukhi Mudra

Eine Sitzposition (Guptasana) einnehmend, bei der beide Fersen das Glied verdecken, die Öffnungen der Ohren, Augen und Nasengänge mit den Fingern verschließend, soll man die durch den Mund eingeatmete Luft anhalten und im Brustbereich (Prana) mit Apana (zusammenführen und dann) im Scheitel(chakra) unbeweglich (durch Konzentration) festhalten. Auf diese Weise erreicht ein hervorragender Yogi Gleichheit mit der außergewöhnlichen (höchsten) Wirklichkeit, den Geist auf diese ausgerichtet haltend.


संबद्ध्वासनमेढ्रमङ्घ्रियुगलं कर्णाक्षिनासापुट-
द्वारानङ्गुलिभिर्नियम्य पवनं वक्त्रेण वा पूरितम् |
बद्ध्वा वक्षसि बह्वपानसहितं मूर्ध्नि स्थिरं धारये-
देवं याति विशेषतत्त्वसमतां योगीश्वरस्तन्मनः || ११४ ||
saṃbaddhvāsana-meḍhram aṅghri-yugalaṃ karṇākṣi-nāsā-puṭa-
dvārān aṅgulibhir niyamya pavanaṃ vaktreṇa vā pūritam |
baddhvā vakṣasi bahv-apāna-sahitaṃ mūrdhni sthiraṃ dhārayed
evaṃ yāti viśeṣa-tattva-samatāṃ yogīśvaras tan-manaḥ || 114 ||
sambaddhvasana-medhram anghri-yugalam karnakshi-nasa-puta-
dvaran angulibhir niyamya pavanam vaktrena va puritam |
baddhva vakshasi bahv-apana-sahitam murdhni sthiram dharayed
evam yati vishesha-tattva-samatam yogishvaras tan-manah || 114 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

saṃbaddhvā : eingenommen habend ("gebunden, aufgebaut habend", sam + badh)
āsana-meḍhram : eine Sitzposition (Asana), (oberhalb) des Gliedes (Medhra)
aṅghri-yugalam : beide (Yugala) Fersen, Knöchel ("Füße" Anghri anlegend)
karṇākṣi-nāsā-puṭa-dvārān : die Öffnungen ("Tore", Dvara) der Ohren (Karna), Augen (Akshi) und Nasengänge (Nasaputa)
aṅgulibhiḥ : mit den Fingern (Anguli)
niyamya : verschließend ("unterdrückt habend", ni + yam)
pavanam : Atem ("Wind", Pavana)
vaktreṇa : durch den Mund (Vaktra)
 : und, bzw. ("oder", Va)
pūritam : den eingeatmenten ("gefüllten", Purita)
baddhvā : nachdem man angehalten hat ("gebunden habend", badh)
vakṣasi : im Brustbereich (Vakshas)
bahv-apāna-sahitam : zusammen (Sahita) mit reichlich (Bahu) Apana
mūrdhni : im Scheitel-(Chakra, "auf dem Kopf", Murdhan)
sthiram : unbeweglich, dauerhaft (Sthira)
dhārayet : er halte, konzentriere (dhṛ)
evam : so, in dieser Weise (Evam)
yāti : erreicht ("geht zu", )
viśeṣa-tattva-samatām : Gleichheit, Identität (Samata) mit der außergewöhnlichen (Vishesha) Wirklichkeit ("Sosein", Tattva)
yogīśvaraḥ : der hervorragende Yogin ("Fürst unter den Yogis", Yogishvara)
tan-manaḥ : mit darauf gerichtetem Geist (Tanmanas)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen wichtigen Lesarten als Vers 16 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Diese hat im ersten Pada statt des Absolutivums saṃbaddhvā das PPP saṃbaddha (Sambaddha) innerhalb des etwas ungewöhnlichen Kompositums saṃbaddhāsana-meḍhram. Die Kommentatoren dieses Verses stimmen darin überein, dass es sich hierbei um eine Variante von Siddhasana handelt. Bei dieser werden beide Füße vor bzw. über das Glied gelegt, wobei die Fersen gegen das Schambein drücken und so das Svadhishthana Chakra stimulieren. Diese Variante wird auch Guptasana, die "verdeckende Sitzhaltung" genannt (Hatha Yoga Pradipika 1.38-39).

Das Verschließen von Ohren, Augen und Nasenlöchern (und nach erfolgter Einatmung auch des Mundes) mit den Fingern beider Hände ist als Shanmukhi Mudra bekannt.

Anstelle des Kompositums bahv-apāna-sahitam liest GP vahny-apāna-sahitam "zusammen mit dem Feuer (Vahni der Verdauung) und Apana", was insofern die ursprünglichere Lesung zu sein scheint, da bereits in YCU 107 (gleichlautend mit GP 2, 9) in einem ähnlichen Zusammenhang das Kompositum apāna-vahni-sahitam gebraucht wird.

Ein wichtiger Teil der hier beschriebenen komplexen Technik ist die Vereinigung von Prana und Apana, was insbesondere durch das nach oben Lenken von Apana vermittels Mulabandha geschieht (vgl. YCU 40). Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der YCU, erklärt, dass in diesem Zusammenhang Bandhatraya zur Anwendung kommt (bandha-traya-pūrvakam "nach dem Setzen der drei Verschlüsse"), also nach der Einatmung sowohl Mulabandha, Jalandhara Bandha und Uddiyana Bandha zu setzen sind.

Vers 115: Die Entstehung des inneren Klanges

Wenn der Atem (d.h. Prana) in den leeren Raum (der Sushumna) eingetreten ist, dann entsteht ein mächtiger Klang, wie der von Glocken und anderen Musikinstrumenten. Das wird die Erlangung des inneren ("unangeschlagenen") Klanges genannt.


गगनं पवने प्राप्ते ध्वनिरुत्पद्यते महान् |
घण्टादीनां प्रवाद्यानां नादसिद्धिरुदीरिता || ११५ ||
gaganaṃ pavane prāpte dhvanir utpadyate mahān |
ghaṇṭādīnāṃ pravādyānāṃ nāda-siddhir udīritā || 115 ||
gaganam pavane prapte dhvanir utpadyate mahan |
ghantadinam pravadyanam nada-siddhir udirita || 115 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

gaganam : den leeren Raum ("Himmel", Gagana)
pavane : (wenn) der Atem ("Wind", Pavana)
prāpte : erreicht hat (Prapta)
dhvaniḥ : Ton, Klang (Dhvani)
utpadyate : entsteht (ut + pad)
mahān : ein mächtiger, gewaltiger (Mahat)
ghaṇṭādīnām : wie Glocken (Ghanta) usw. ("zum Anfang habend", Adi)
pravādyānām : von Musikinstrumenten (Pravadya)
nāda-siddhiḥ : die Erlangung (Siddhi) des inneren ("unangeschlagenen") Klanges (Nada)
udīritā : (das) wird genannt (Udirita)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit zwei Lesarten als Vers 17 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Dort heißt es im vierten Pada tadā siddhir adūrataḥ "dann (Tada) ist die Vollkommenheit (Siddhi) nicht mehr fern (Aduratas)" statt nāda-siddhir udīritā.

Bereits in den Versen 79 und 80 wurde in Verbindung mit der Silbe OM (Pranava) auf den unangeschlagenen (Anahata) Ton, der u.a. dem langandauernden Klang einer Glocke gleicht (dīrgha-ghaṇṭā-nināda-vat) eingegangen. In Vers 99 wurde das Offenbarwerden des inneren Klanges (nādābhivyaktiḥ) als Ergebnis der Reinigung der feinstofflichen Energiekanäle (nāḍi-śodhanāt ) erwähnt.

In der Hatha Yoga Pradipika (4.68) wird ausdrücklich gesagt, dass der innere Klang in der Sushumna entsteht:

śravaṇa-puṭa-nayana-yugala-ghrāṇa-mukhānāṃ nirodhanaṃ kāryam |
śuddha-suṣumṇā-saraṇau sphuṭam amalaḥ śrūyate nādaḥ || 4.68 ||

"Die Ohren (Shravana), die Augen (Nayana), die Nase (Ghrana) und der Mund (Mukha) sollen verschlossen werden. Dann hört man deutlich einen reinen (Amala) Klang (Nada) im Kanal (Sarani) der gereinigten (Shuddha) Sushumna." (HYP 4.68)

Brahmananda, der Kommentator der HYP erklärt hierzu, dass im Zusammenhang mit der Meditation auf den inneren Klang (Nadanusandhana) das Verschließen von Ohren, Augen, Nase und Mund vermittels Shanmukhi Mudra gelehrt wird: ṣaṇ-mukhī-mudrayā nādānusandhānam āha.

In der Regel wird die Wahrnehmung des inneren Klanges mit dem (an der Sushumna gelegenen) Herz- bzw. Anahata Chakra in Verbindung gebracht, das nach dem "unangeschlagenen Ton" (Anahata Nada) benannt ist. Auch Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der YCU, erklärt hier das Wort gaganam, das wörtlich "Himmel" bedeutet, als den "im Herzen (Hridaya) beschlossenen (Avachchhinna) ungeteilten (Avyakrita) Raum": hṛdayāvacchinnāvyākṛta-gaganam.

Vers 116: Pranayama: Gesundheitliche Folgen richtiger und mangelnder Praxis

Durch richtige Atemkontrolle kommt die Vernichtung aller Krankheiten zustande. Denjenigen, die keine Atemkontrolle praktizieren, entstehen alle möglichen Krankheiten.


प्राणायामेन युक्तेन सर्वरोगक्षयो भवेत् |
प्राणायामवियुक्तेभ्यः सर्वरोगसमुद्गमः || ११६ ||
prāṇāyāmena yuktena sarva-roga-kṣayo bhavet |
prāṇāyāma-viyuktebhyaḥ sarva-roga-samudbhavaḥ || 116 ||
pranayamena yuktena sarva-roga-kshayo bhavet |
pranayama-viyuktebhyah sarva-roga-samudbhavah || 116 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇāyāmena : Atemkontrolle (Pranayama)
yuktena : durch angemessene, richtige (Yukta)
sarva-roga-kṣayaḥ : die Vernichtung (Kshaya) aller (Sarva) Krankheiten (Roga)
bhavet : kommt zustande, wird sein (bhū)
prāṇāyāma-viyuktebhyaḥ : für diejenigen, die keine Atemkontrolle praktizieren ("ermangelnd", Viyukta)
sarva-roga-samudbhavaḥ : die Entstehung (Samudbhava) aller Krankheiten

Anmerkung: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten in der Hatha Yoga Pradipika (2.16) sowie als Vers 18 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Dort heißt es im dritten Pada jeweils ayuktābhyāsa-yogena "durch die Anwendung (Yoga) unangemessener (Ayukta) Übungspraktiken (Abhyasa) " statt prāṇāyāma-viyuktebhyaḥ, d.h. es wird ausdrücklich auf die Gefahren unangemessener Pranayamapraxis hingewiesen.

Vers 117: Pranayama: Gesundheitliche Folgen falscher Praxis

Aufgrund der Missachtung der richtigen Atempraxis entstehen die verschiedentlichsten Krankheiten (und Störungen wie) Schluckauf, Husten, Asthma sowie Kopf-, Ohren- und Augenschmerzen.


हिक्का कासस्तथा श्वासः शिरःकर्णाक्षिवेदनाः |
भवन्ति विविधा रोगाः पवनव्यत्ययक्रमात् || ११७ ||
hikkā kāsas tathā śvāsaḥ śiraḥ-karṇākṣi-vedanāḥ |
bhavanti vividhā rogāḥ pavana-vyatyaya-kramāt || 117 ||
hikka kasas tatha shvasah shirah-karnakshi-vedanah |
bhavanti vividha rogah pavana-vyatyaya-kramat || 117 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

hikkā : Schluckauf (Hikka)
kāsaḥ : Husten (Kasa)
tathā : und, ebenso (Tatha)
śvāsaḥ : Asthma (Shvasa)
śiraḥ-karṇākṣi-vedanāḥ : Kopf- (Shiras), Ohren- (Karna) und Augenschmerzen (Akshi-Vedana)
bhavanti : entstehen (bhū)
vividhāḥ : die verschiedentlichsten (Vividha)
rogāḥ : Krankheiten (Roga)
pavana-vyatyaya-kramāt : aufgrund der Missachtung ("Verkehrung", Vyatyaya) der Praxis (Krama) hinsichtlich des Atems ("Windes", Pavana)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten in der Hatha Yoga Pradipika (2.17) sowie als Vers 19 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Dort heißt es im vierten Pada entsprechend pavanasya prakopataḥ "aufgrund einer Übererregung (Prakopa) des (Atem-)Windes" (aus ayurvedischer Sicht ist der Dosha Vata gemeint) bzw. pavanasya vyatikramāt "durch Vernachlässigung (Vyatikrama) der Atem(regeln)" statt pavana-vyatyaya-kramāt.

Vers 118: Pranayama: Allmähliche Zähmung des Atems

So wie ein Löwe, ein Elefant oder ein Tiger ganz allmählich gehorsam wird, genau so wird es auch der Atem, wenn er richtig behandelt wird. Anderenfalls tötet er den Praktizierenden.


यथा सिंहो गजो व्याघ्रो भवेद्वश्यः शनैः शनैः |
तथैव सेवितो वायुरन्यथा हन्ति साधकम् || ११८ ||
yathā siṃho gajo vyāghro bhaved vaśyaḥ śanaiḥ śanaiḥ |
tathaiva sevito vāyur anyathā hanti sādhakam || 118 ||
yatha simho gajo vyaghro bhaved vashyah shanaih shanaih |
tathaiva sevito vayur anyatha hanti sadhakam || 118 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

yathā : wie (Yatha)
siṃhaḥ : ein Löwe (Simha)
gajaḥ : ein Elefant (Gaja)
vyāghraḥ : ein Tiger (Vyaghra)
bhavet : wird (bhū)
vaśyaḥ : gehorsam, folgsam (Vashya)
śanaiḥ śanaiḥ : ganz langsam, ganz allmählich (Shanais)
tathā : so (Tatha)
eva : genau (Eva)
sevitaḥ : (richtig, respektvoll) behandelt (Sevita)
vāyuḥ : der Atem, Prana ("Wind", Vayu)
anyathā : anderenfalls (Anyatha)
hanti  : er tötet (han)
sādhakam : den Praktizierenden (Sadhaka)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich in der Hatha Yoga Pradipika (2.15) sowie mit einem abweichenden zweiten Halbvers als Vers 20 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Dort heißt es anyathā hanti yoktāraṃ tathā vāyur asevitaḥ "Anderenfalls tötet (der Löwe usw.) den Dompteur (Yoktri). Genauso (tötet) der Atem, wenn er nicht richtig behandelt (Asevita) wird, (den Praktizierenden)".

Vers 119: Pranayama: Bedeutung achtsamen Praktizierens

Man soll sehr aufmerksam ausatmen, sehr aufmerksam einatmen, und sehr aufmerksam den Atem anhalten. Auf diese Weise kann man Vollkommenheit erreichen.


युक्तं युक्तं त्यजेद्वायुं युक्तं युक्तं प्रपूरयेत् |
युक्तं युक्तं प्रबध्नीयादेवं सिद्धिमवाप्नुयात् || ११९ ||
yuktaṃ yuktaṃ tyajed vāyuṃ yuktaṃ yuktaṃ prapūrayet |
yuktaṃ yuktaṃ prabadhnīyād evaṃ siddhim avāpnuyāt || 119 ||
yuktam yuktam tyajed vayum yuktam yuktam prapurayet |
yuktam yuktam prabadhniyad evam siddhim avapnuyat || 119 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

yuktaṃ yuktam : ganz angemessen, sehr aufmerksam (Yukta)
tyajet : man entlasse (tyaj)
vāyum : den Atem ("Wind", (Vayu)
yuktaṃ yuktam : ganz angemessen, sehr aufmerksam
prapūrayet : man atme ein (pra + pṝ)
yuktaṃ yuktam : ganz angemessen, sehr aufmerksam
prabadhnīyāt : man halte an ("binde fest", pra + badh)
evam : so, auf diese Weise (Evam)
siddhim : Vollkommenheit, Erfolg (Siddhi)
avāpnuyāt : man kann erreichen (āp)

Anmerkungen: Dieser Vers wird beinahe wortwörtlich in der Hatha Yoga Pradipika (2.18) sowie als Vers 21 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. In letzterer heißt es im vierten Pada adūrataḥ "(ist die Vollkommenheit) nicht mehr fern (Aduratas)" statt avāpnuyāt.

Brahmananda, der Kommentator der HYP ergänzt, dass das Anhalten kumbh) des Atems mit dem Setzen von Jalandhara Bandha usw. (Adi), d.h. von Mulabandha und Uddiyana Bandha verbunden (Yukta) ist: jālandhara-bandhādi-yuktaṃ badhnīyāt kumbhayet.

Vers 120: Definition von Pratyahara

Das Zurückziehen der Augen und übrigen (Sinne), die zu ihren jeweiligen Sinnesobjekten schweifen, (von diesen Sinnesobjekten) wird Pratyahara ("Rückzug der Sinne") genannt.


चरतां चक्षुरादीनां विषयेषु यथाक्रमम् |
तत्प्रत्याहरणं तेषां प्रत्याहरः स उच्यते || १२० ||
caratāṃ cakṣur-ādīnāṃ viṣayeṣu yathā-kramam |
tat-pratyāharaṇaṃ teṣāṃ pratyāharaḥ sa ucyate || 120 ||
charatam chakshur-adinam vishayeshu yatha-kramam |
tat-pratyaharanam tesham pratyaharah sa uchyate || 120 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

caratām : der abschweifenden, wandernden (car)
cakṣur-ādīnām : Augen (Cakshus) usw. ("zum Anfang habend", Adi)
viṣayeṣu : zu den Sinnesobjekten (Vishaya)
yathā-kramam : der Reihe nach, jeweils (Yathakrama)
tat-pratyāharaṇam : das Zurückhalten, Zurückziehen (Pratyaharana) von diesen (Sinnesobjekten, Tad)
teṣām : dieser (Sinnesorgane, Tad)
pratyāhāraḥ : Zurückhalten, Zurückziehen (der Sinne, Pratyahara)
saḥ : das (Tad)
ucyate : wird genannt, heißt (vac)

Anmerkungen: Dieser Vers wird beinahe wortwörtlich als Vers 22 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Der zweite Halbvers erscheint ebenso fast Wort für Wort in Vers 55 der Version 1 des Goraksha Shataka (sowie Goraksha Paddhati 2, 30), wo eine gänzlich andere Definition von Pratyahara gegeben wird:

candrāmṛta-mayīṃ dhārāṃ pratyāhārati bhāskaraḥ |
tat-pratyāharaṇaṃ tasya pratyāhāraḥ sa ucyate || 55 ||

"Die (in der Nabelgegend befindliche) Sonne (Bhaskara) zieht den Strom (Dhara) des Mondnektars (Chandra-Amrita) an sich. Das Zurückhalten (Pratyaharana) dieses (Nektarstroms) von der Sonne wird Pratyahara genannt." (GŚ 1, 55 ~ GP 2.30)

Vers 121: Zweck von Pratyahara

So wie die Sonne am Abend ihr Licht zurückzieht, (genauso) soll der Yogi, der (Pratyahara,) das dritte Glied (des Hatha Yoga) praktiziert, sich von geistigen Ablenkungen zurückziehen.


यथा तृतीयकाले तु रविः प्रत्याहरेत्प्रभाम् |
तृतीयाङ्गस्थितो योगी विकारं मानसं हरेत् || १२१ ||
yathā tṛtīya-kāle tu raviḥ pratyāharet prabhām |
tṛtīyāṅga-sthito yogī vikāraṃ mānasaṃ haret || 121 ||
yatha tritiya-kale tu ravih pratyaharet prabham |
tritiyanga-sthito yogi vikaram manasam haret || 121 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

yathā : so wie (Yatha)
tṛtīya-kāle : am Abend, zur Abendzeit ("zur dritten Tageszeit", Tritiya-Kala)
tu : aber (Tu)
raviḥ : die Sonne (Ravi)
pratyāharet : zurückzieht (prati + ā + hṛ)
prabhām : den Glanz, das Licht (Prabha)
tṛtīyāṅga-sthitaḥ : der sich im dritten (Tritiya) Glied (des Yoga Anga) befindet (Stha)
yogī : der Yogi (Yogin)
vikāram : Störung, Aufregung ("Veränderung", Vikara)
mānasam : von mentaler, geistiger (Manasa)
haret : soll zurückziehen (hṛ)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit zwei kleineren Lesarten als Vers 23 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati überliefert. Dort heißt es im ersten Pada tṛtīya-kāla-stho "die in der dritten Tageszeit befindliche (Sonne)" statt tṛtīya-kāle tu.

Der Vers knüpft an YCU 109 an, wo es hieß, dass ein Yogi sich durch das Zurückziehen (der Sinne von ihren Sinnesobjekten) von geistigen Ablenkungen befreit: vikāraṃ mānasaṃ yogī pratyāhāreṇa muñcati.

Vers 24 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati gibt im Anschluss an den vorliegenden Vers das berühmte Gleichnis von der Schildkröte, die ihre Glieder einzieht:

aṅga-madhye yathāṅgāni kūrmaḥ saṅkocayed dhruvam |
yogī pratyāhared evam indriyāṇi tathātmani || 2, 24 ||

"So wie eine Schildkröte (Kurma) ihre Glieder (Anga) in ihren Panzer ("Körpermitte", Anga-Madhya) zurückzieht, ebenso soll der Yogi seine Sinne (Indriya) in sich selbst (Atman) zurückziehen." (GP 2, 24)

Abschluss

So lautet die (Yogachudamani) Upanishad.


इत्युपनिषत् ||
ity upaniṣat ||
ity upanishat ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

iti : so (lautet, Iti)
upaniṣat : die Upanishad

Anmerkungen: Hiermit endet die Yogachudamani Upanishad. Von den im zweiten Vers aufgeführten sechs Gliedern des Hatha Yoga behandelt sie allerdings nur die ersten drei, nämlich Körperstellung, Sitzhaltung (Asana), Atemkontrolle (Pranasamrodha, d.h. Pranayama) und den Rückzug der Sinne (Pratyahara) ausführlich. Die verbleibenden drei Glieder, Konzentration (Dharana), Meditation (Dhyana) und Versenkung (Samadhi), werden nur erwähnt.

Sanskrit Text Yogachudamani Upanishad

(Version aus The Yoga Upanishads With the Commentary of Sri-Upanishad-Brahma-Yogin, Adyar Library, Madras 1920)

॥ yoga-cūḍāmaṇy-upaniṣat ॥

yoga-cūḍāmaṇiṃ vakṣye yogināṃ hita-kāmyayā ।

kaivalya-siddhidaṃ gūḍhaṃ sevitaṃ yoga-vittamaiḥ ॥ 1 ॥

āsanaṃ prāṇa-saṃrodhaḥ pratyāhāraś ca dhāraṇā ।

dhyānaṃ samādhir etāni yogāṅgāni bhavanti ṣaṭ ॥ 2 ॥

ekaṃ siddhāsanaṃ proktaṃ dvitīyaṃ kamalāsanam ।

ṣaṭ-cakraṃ ṣoḍaśādhāraṃ tri-lakṣyaṃ vyoma-pañcakam ॥ 3 ॥

sva-dehe yo na jānāti tasya siddhiḥ kathaṃ bhavet ।

catur-dalaṃ syād ādhāraṃ svādhiṣṭhānaṃ ca ṣaḍ-dalam ॥ 4 ॥

nābhau daśa-dalaṃ padmaṃ hṛdaye dvā-daśārakam ।

ṣoḍaśāraṃ viśuddhākhyaṃ bhrū-madhye dvi-dalaṃ tathā ॥ 5 ॥

sahasra-dala-saṅkhyātaṃ brahma-randhre mahā-pathi ।

ādhāraṃ prathamaṃ cakraṃ svādhiṣṭhānaṃ dvitīyakam ॥ 6 ॥

yoni-sthānaṃ dvayor madhye kāma-rūpaṃ nigadyate ।

kāmākhyaṃ tu guda-sthāne paṅkajaṃ tu catur-dalam ॥ 7 ॥

tan-madhye procyate yoniḥ kāmākhyā siddha-vanditā ।

tasya madhye mahā-liṅgaṃ paścimābhimukhaṃ sthitam ॥ 8 ॥

nābhau tu maṇi-vad bimbaṃ yo jānāti sa yoga-vit ।

tapta-cāmīkarābhāsaṃ taḍil-lekheva visphurat ॥ 9 ॥

tri-koṇaṃ tat puraṃ vahner adho meḍhrāt pratiṣṭhitam ।

samādhau paramaṃ jyotir anantaṃ viśvato-mukham ॥ 10 ॥

tasmin dṛṣṭe mahā-yoge yātāyāto na vidyate ।

sva-śabdena bhavet prāṇaḥ svādhiṣṭhānaṃ tad-āśrayam ॥ 11 ॥

svādhiṣṭhānāśrayād asmān meḍhram evabhidhīyate ।

tantunā maṇi-vat proto yo'tra kandaḥ suṣumnayā ॥ 12 ॥

tan nābhi-maṇḍale cakraṃ procyate maṇi-pūrakam ।

dvā-daśāre mahā-cakre puṇya-pāpa-vivarjite ॥ 13 ॥

tāvaj jīvo bhramaty evaṃ yāvat tattvaṃ na vindati ।

ūrdhvaṃ meḍhrād adho nābheḥ kanda-yoniḥ khagāṇḍa-vat ॥ 14 ॥

tatra nāḍyaḥ samutpannāḥ sahasrāṇi dvi-saptatiḥ ।

teṣu nāḍī-sahasreṣu dvi-saptatir udāhṛtā ॥ 15 ॥

pradhānāḥ prāṇa-vāhinyo bhūyas tāsu daśa smṛtāḥ ।

iḍā ca piṅgalā caiva suṣumnā ca tṛtīyagā ॥ 16 ॥

gāndhārī hasti-jihvā ca pūṣā caiva yaśasvinī ।

alambusā kuhūś caiva śaṅkhinī daśamī smṛtā ॥ 17 ॥

etan nāḍī-mahācakraṃ jñātavyaṃ yogibhiḥ sadā ।

iḍā vāme sthitā bhāge dakṣiṇe piṅgalā sthitā ॥ 18 ॥

suṣumnā madhya-deśe tu gāndhārī vāma-cakṣuṣi ।

dakṣiṇe hasti-jihvā ca pūṣā karṇe tu dakṣiṇe ॥ 19 ॥

yaśasvinī vāma-karṇe cānane cāpy alambusā ।

kuhūś ca liṅga-deśe tu mūla-sthāne tu śaṅkhinī ॥ 20 ॥

evaṃ dvāraṃ samāśritya tiṣṭhante nāḍayaḥ kramāt ।

iḍā-piṅgalā-sauṣumnāḥ prāṇa-mārge ca saṃsthitāḥ ॥ 21 ॥

satataṃ prāṇa-vāhinyaḥ soma-sūryāgni-devatāḥ ।

prāṇāpāna-samānākhyā vyānodānau ca vāyavaḥ ॥ 22 ॥

nāgaḥ kūrmo'tha kṛkaro deva-datto dhanañ-jayaḥ ।

hṛdi prāṇaḥ sthito nityam apāno guda-maṇḍale ॥ 23 ॥

samāno nābhi-deśe tu udānaḥ kaṇṭha-madhyagaḥ ।

vyānaḥ sarva-śarīre tu pradhānāḥ pañca-vāyavaḥ ॥ 24 ॥

udgāre nāga ākhyātaḥ kūrma unmīlane tathā ।

kṛkaraḥ kṣut-karo jñeyo deva-datto vijṛmbhaṇe ॥ 25 ॥

na jahāti mṛtaṃ vāpi sarva-vyāpī dhanañ-jayaḥ ।

ete nāḍīṣu sarvāsu bhramante jīva-jantavaḥ ॥ 26 ॥

ākṣipto bhuja-daṇḍena yathoccalati kandukaḥ ।

prāṇāpāna-samākṣiptas tathā jīvo na tiṣṭhati ॥ 27 ॥

prāṇāpāna-vaśo jīvo hy adhaścordhvaṃ ca dhāvati ।

vāma-dakṣiṇa-mārgābhyāṃ cañcalatvān na dṛśyate ॥ 28 ॥

rajju-baddho yathā śyeno gato'py ākṛṣyate punaḥ ।

guṇa-baddhas tathā jīvaḥ prāṇāpānena karṣati ॥ 29 ॥

prāṇāpāna-vaśo jīvo hy adhaścordhvaṃ ca gacchati ।

apānaḥ karṣati prāṇaṃ prāṇo'pānena karṣati ॥ 30 ॥

ūrdhvādhaḥ-saṃsthitāv etau yo jānāti sa yoga-vit ।

ha-kāreṇa bahir yāti sa-kāreṇa viśet punaḥ ॥ 31 ॥

haṃsa-haṃsety amuṃ mantraṃ jīvo japati sarvadā ।

ṣaṭ-śatāni divā-rātrau sahasrāṇy eka-viṃśatiḥ ॥ 32 ॥

etat-saṅkhyānvitaṃ mantraṃ jīvo japati sarvadā ।

ajapā nāma gāyatrī yogināṃ mokṣadā sadā ॥ 33 ॥

asyāḥ saṅkalpa-mātreṇa sarva-pāpaiḥ pramucyate ।

anayā sadṛśī vidyā anayā sadṛśo japaḥ ॥ 34 ॥

anayā sadṛśaṃ jñānaṃ na bhūtaṃ na bhaviṣyati ।

kuṇḍalinyāṃ samudbhūtā gāyatrī prāṇa-dhāriṇī ॥ 35 ॥

prāṇa-vidyā mahā-vidyā yas tāṃ vetti sa veda-vit ।

kandordhve kuṇḍalī-śaktir aṣṭadhā kuṇḍalākṛtiḥ ॥ 36 ॥

brahma-dvāra-mukhaṃ nityaṃ mukhenācchādya tiṣṭhati ।

yena dvāreṇa gantavyaṃ brahmad-vāram anāmayam ॥ 37 ॥

mukhenācchādya tad dvāraṃ prasuptā parameśvarī ।

prabuddhā vahni-yogena manasā marutā saha ॥ 38 ॥

sūci-vad gātram ādāya vrajaty ūrdhvaṃ suṣumnayā ।

udghāṭayet kavāṭaṃ tu yathā kuñcikayā gṛham ।
kuṇḍalinyā tathā yogī mokṣa-dvāraṃ prabhedayet ॥ 39 ॥

kṛtvā saṃpuṭitau karau dṛḍhataraṃ baddhvātha padmāsanaṃ

gāḍhaṃ vakṣasi saṃnidhāya cubukaṃ dhyānaṃ ca tacceṣṭitam ।

vāraṃ vārama pānam ūrdhvam anilaṃ procchārayet pūritaṃ

muñcan prāṇam upaiti bodham atulaṃ śakti-prabhāvān naraḥ ॥ 40 ॥

aṅgānāṃ mardanaṃ kṛtvā śrama-saṃjāta-vāriṇā ।

kaṭv-amla-lavaṇa-tyāgī kṣīra-bhojanam ācaret ॥ 41 ॥

brahma-cārī mitāhārī yogī yoga-parāyaṇaḥ ।

abdād ūrdhvaṃ bhavet siddho nātra kāryā vicāraṇā ॥ 42 ॥

su-snigdha-madhurāhāraś caturthāṃśāvaśeṣitaḥ ।

bhuñjate śiva-saṃprītyā mitāhārī sa ucyate ॥ 43 ॥

kandordhve kuṇḍalī-śaktir aṣṭadhā kuṇḍalākṛtiḥ ।

bandhanāya ca mūḍhānāṃ yogināṃ mokṣadā sadā ॥ 44 ॥

mahā-mudrā nabho-mudrā oḍyāṇaṃ ca jalandharam ।

mūla-bandhaṃ ca yo vetti sa yogī mukti-bhājanam ॥ 45 ॥

pārṣṇi-ghātena saṃpīḍya yonim ākuñcayed dṛḍham ।

apānam ūrdhva mākṛṣya mūla-bandho'yam ucyate ॥ 46 ॥

apāna-prāṇayor aikyaṃ kṣayān mūtra-purīṣayoḥ ।

yuvā bhavati vṛddho'pi satataṃ mūla-bandhanāt ॥ 47 ॥

oḍyāṇaṃ kurute yasmād aviśrāntaṃ mahā-khagaḥ ।

oḍḍiyāṇaṃ tad eva syān mṛtyu-mātaṅga-kesarī ॥ 48 ॥

udarāt paścimaṃ tāṇam adho nābher nigadyate ।

oḍyāṇam udare bandhas tatra bandho vidhīyate ॥ 49 ॥

badhnāti hi śiro-jātam adhogāmi nabho-jalam ।

tato jālan-dharo bandhaḥ kaṇṭha-duḥkhaugha-nāśanaḥ ॥ 50 ॥

jālan-dhare kṛte bandhe kaṇṭha-duḥkhaugha-nāśane (l.v.: kaṇṭha-saṅkoca-lakṣaṇe) ।

na pīyūṣaṃ pataty agnau na ca vāyuḥ pradhāvati ॥ 51 ॥

kapāla-kuhare jihvā praviṣṭā viparītagā ।

bhruvor antar-gatā dṛṣṭir mudrā bhavati khe-carī ॥ 52 ॥

na rogo maraṇaṃ tasya na nidrā na kṣudhā tṛṣā ।

na ca mūrcchā bhavet tasya yo mudrāṃ vetti khe-carīm ॥ 53 ॥

pīḍyate na ca rogeṇa lipyate na sa karmabhiḥ ।

badhyate na ca kenāpi yo mudrāṃ vetti khe-carīm ॥ 54 ॥

cittaṃ carati khe yasmāj jihvā carati khe yataḥ ।

teneyaṃ khe-carī mudrā sarva-siddha-namas-kṛtā ॥ 55 ॥

bindu-mūla-śarīrāṇi sirā yatra pratiṣṭhitāḥ ।

bhāvayantī śarīrāṇi ā-pāda-tala-mastakam ॥ 56 ॥

khe-caryā mudritaṃ yena vivaraṃ lambikordhvataḥ ।

na tasya kṣīyate binduḥ kāminyāliṅgitasya ca ॥ 57 ॥

yāvad binduḥ sthito dehe tāvan mṛtyu-bhayaṃ kutaḥ ।

yāvad baddhā nabho-mudrā tāvad bindur na gacchati ॥ 58 ॥

jvalito'pi yathā binduḥ saṃprāptaś ca hutāśanam ।

vrajaty ūrdhvaṃ gataḥ śaktyā niruddho yoni-mudrayā ॥ 59 ॥

sa punar dvi-vidho binduḥ pāṇḍaro lohitas tathā ।

pāṇḍaraṃ śuklam ity āhur lohitākhyaṃ mahā-rajaḥ ॥ 60 ॥

sindūra-vrāta-saṅkāśaṃ ravi-sthāna-sthitaṃ rajaḥ ।

śaśi-sthāna-sthitaṃ śuklaṃ tayor aikyaṃ su-durlabham ॥ 61 ॥

bindur brahmā rajaḥ śaktir bindur indū rajo raviḥ ।

ubhayoḥ saṅgamād eva prāpyate paramaṃ padam ॥ 62 ॥

vāyunā śakti-cālena preritaṃ ca yathā rajaḥ ।

yāti binduḥ sadaikatvaṃ bhaved divya-vapus tadā ॥ 63 ॥

śuklaṃ candreṇa saṃyuktaṃ rajaḥ sūrya-samanvitam ।

tayoḥ sama-rasaikatvaṃ yo jānāti sa yoga-vit ॥ 64 ॥

śodhanaṃ nāḍi-jālasya cālanaṃ candra-sūryayoḥ ।

rasānāṃ śoṣaṇaṃ caiva mahā-mudrābhidhīyate ॥ 65 ॥

vakṣo-nyasta-hanuḥ prapīḍya su-ciraṃ yoniṃ ca vāmāṅghriṇā

hastābhyām anudhārayan prasaritaṃ pādaṃ tathā dakṣiṇam ।

āpūrya śvasanena kukṣi-yugalaṃ baddhvā śanai recayet

seyaṃ vyādhi-vināśinī su-mahatī mudrā nṛṇāṃ procyate ॥ 66 ॥

candrāṃśena samabhyasya sūryāṃśenābhyaset punaḥ ।

yā tulyā tu bhavet saṅkhyā tato mudrāṃ visarjayet ॥ 67 ॥

na-hi pathyam apathyaṃ vā rasāḥ sarve'pi nīrasāḥ ।

atibhuktaṃ viṣaṃ ghoraṃ pīyūṣam iva jīryate ॥ 68 ॥

kṣaya-kuṣṭha-gudāvarta-gulmājīrṇa-puro-gamāḥ ।

tasya rogāḥ kṣayaṃ yānti mahā-mudrāṃ tu yo'bhyaset ॥ 69 ॥

kathiteyaṃ mahā-mudrā mahā-siddhi-karī nṛṇām ।

gopanīyā prayatnena na deyā yasya kasya-cit ॥ 70 ॥

padmāsanaṃ samāruhya sama-kāyaśiro-dharaḥ ।

nāsāgra-dṛṣṭir ekānte japed oṅ-kāram avyayam ॥ 71 ॥

oṃ nityaṃ śuddhaṃ buddhaṃ nirvikalpaṃ nirañjanaṃ nirākhyātam anādi-nidhanam ekaṃ turīyaṃ yad bhūtaṃ bhavad bhaviṣyat parivartamānaṃ sarvadā'navacchinnaṃ paraṃ brahma | tasmāj jātā parā śaktiḥ svayaṃ-jyotir-ātmikā । ātmana ākāśaḥ saṃbhūtaḥ । ākāśād vāyuḥ । vāyor agniḥ । agner āpaḥ । adbhyaḥ pṛthivī । eteṣāṃ pañca-bhūtānāṃ patayaḥ pañca sadā-śiveśvara-rudra-viṣṇu-brahmāṇaś ceti । teṣāṃ brahmaviṣṇu-rudrāś cotpatti-sthiti-laya-kartāraḥ । rājaso brahmā sāttviko viṣṇus tāmaso rudra iti | ete trayo guṇa-yuktāḥ । brahmā devānāṃ prathamaḥ saṃbabhūva । dhātā ca sṛṣṭau viṣṇuś ca sthitau rudraś ca nāśe bhogāya candraḥ (iti) prathamajā babhūvuḥ । eteṣāṃ brahmaṇo lokā deva-tiryaṅ-nara-sthāvarāś ca jāyante । teṣāṃ manuṣyādīnāṃ pañca-bhūta-samavāyaḥ śarīram । jñāna-karmendriyair jñāna-viṣayaiḥ prāṇādi-pañca-vāyu-mano-buddhi-cittāhaṅ-kāraiḥ sthūla-kalpitaiḥ so'pi sthūla-prakṛtir-ity ucyate । jñāna-karmendriyair jñāna-viṣayaiḥ prāṇādi-pañca-vāyu-mano-buddhibhiś ca sūkṣma-stho'pi liṅga mevety ucyate । guṇa-traya-yuktaṃ kāraṇam । sarveṣām evaṃ trīṇi śarīrāṇi vartante । jāgrat-svapna-suṣupti- turīyāś cety avasthāś catasraḥ tāsām avasthānām adhipatayaś catvāraḥ puruṣā viśva-taijasa-prājñātmānaś ceti ।

viśvo hi sthūla-bhuṅ nityaṃ taijasaḥ pravivikta-bhuk ।

ānanda-bhuk tathā prājñaḥ sarva-sākṣīty ataḥ paraḥ ॥ 72 ॥

praṇavaḥ sarvadā tiṣṭhet sarva-jīveṣu bhogataḥ ।

abhirāmas tu sarvāsu hy avasthāsu hy adho-mukhaḥ ॥ 73 ॥

akāra ukāro makāraś ceti trayo varṇās trayo vedās trayo lokās trayo guṇās trayo (trīṇy) akṣarāṇi evaṃ praṇavaḥ prakāśate ।

akāro jāgrati netre vartate sarva-jantuṣu ।

ukāraḥ kaṇṭhataḥ svapne makāro hṛdi suptitaḥ ॥ 74 ॥

virāḍ viśvaḥ sthūlaś cākāraḥ । hiraṇyagarbhas taijasaḥ sūkṣmaś ca ukāraḥ । kāraṇāvyākṛta--prājñaś ca makāraḥ ।

akāro rājaso rakto brahmā cetana ucyate ।

ukāraḥ sāttvikaḥ śuklo viṣṇur ity abhidhīyate ॥ 75 ॥

makāras tāmasaḥ kṛṣṇo rudraś ceti tathocyate ।

praṇavāt prabhavo brahmā praṇavāt prabhavo hariḥ ॥ 76 ॥

praṇavāt prabhavo rudraḥ praṇavo hi paro bhavet ।

akāre līyate brahmā (hy) ukāre līyate hariḥ ॥ 77 ॥

makāre līyate rudraḥ praṇavo hi prakāśate ।

jñāninām ūrdhvago bhūyād ajñānīnām adho-mukhaḥ ॥ 78 ॥

evaṃ vai praṇavas tiṣṭhed yas taṃ veda sa veda-vit ।

anāhata-sva-rūpeṇa jñāninām ūrdhvago bhavet ॥ 79 ॥

taila-dhārām ivācchinnaṃ dīrgha-ghaṇṭā-nināda-vat ।

praṇavasya dhvanis tad-vat tad-agraṃ brahma cocyate ॥ 80 ॥

jyotir-mayaṃ tad-agraṃ syād avācyaṃ buddhi-sūkṣmataḥ ।

dadṛśur ye mahātmāno yas taṃ veda sa veda-vit ॥ 81 ॥

jāgran-netra-dvayor madhye haṃsa eva prakāśate ।

sakāraḥ khe-carī proktas tvaṃ-padaṃ ceti niścitam ॥ 82 ॥

hakāraḥ parameśaḥ syāt tat-padaṃ ceti niścitam ।

sakāro dhyāyate jantur hakāro hi bhaved dhruvam ॥ 83 ॥

indriyair badhyate jīva ātmā caiva na badhyate ।

mamatvena bhavej jīvo nirmamatvena kevalaḥ ॥ 84 ॥

bhūr bhuvaḥ svar ime lokāḥ soma-sūryāgni-devatāḥ ।

yasya mātrāsu tiṣṭhanti tat paraṃ jyotir om iti ॥ 85 ॥

icchā kriyā tathā jñānaṃ brāhmī raudrī ca vaiṣṇavī ।

tridhā mātrā-sthitir yatra tat paraṃ jyotir om iti ॥ 86 ॥

vacasā taj japen nityaṃ vapuṣā tat samabhyaset ।

manasā taj japen nityaṃ tat paraṃ jyotir omi ti ॥ 87 ॥

śucir vāpy aśucir vāpi yo japet praṇavaṃ sadā ।

na sa lipyati pāpena padma-pattram ivāmbhasā ॥ 88 ॥

cale vāte calo bindur niścale niścalo bhavet ।

yogī sthāṇutvam āpnoti tato vāyuṃ nirundhayet ॥ 89 ॥

yāvad vāyuḥ sthito dehe tāvaj jīvo na muñcati ।

maraṇaṃ tasya niṣkrāntis tato vāyuṃ nirundhayet ॥ 90 ॥

yāvad baddho marud dehe tāvaj jīvo na muñcati ।

yāvad dṛṣṭir bhruvor madhye tāvat kāla-bhayaṃ kutaḥ ॥ 91 ॥

alpa-kāla-bhayād brahmā prāṇāyama-paro bhavet ।

yogino munayaś caiva tataḥ prāṇān nirodhayet ॥ 92 ॥

ṣaḍ-viṃśad-aṅgulīr haṃsaḥ prayāṇaṃ kurute bahiḥ ।

vāma-dakṣiṇ-amārgeṇa prāṇāyāmo vidhīyate ॥ 93 ॥

śuddhim eti yadā sarvaṃ nāḍī-cakraṃ malākulam ।

tadaiva jāyate yogī prāṇa-saṅgrahaṇa-kṣamaḥ ॥ 94 ॥

baddha-padmāsano yogī prāṇaṃ candreṇa pūrayet ।

dhārayed vā yathā-śaktyā bhūyaḥ sūryeṇa recayet ॥ 95 ॥

amṛtodadhi-saṅkāśaṃ go-kṣīra-dhavalopamam ।

dhyātvā candramasaṃ bimbaṃ prāṇāyāme sukhī bhavet ॥ 96 ॥

sphurat-prajvala-saj-jvālā-pūjyam āditya-maṇḍalam ।

dhyātvā hṛdi sthitaṃ yogī prāṇāyāme sukhī bhavet ॥ 97 ॥

prāṇaṃ ced iḍayā piben niyamitaṃ bhūyo'nyathā recayet

pītvā piṅgalayā samīraṇam atho baddhvā tyajed vāmayā ।

sūryā-candramasor anena vidhinā bindu-dvayaṃ dhyāyataḥ

śuddhā nāḍi-gaṇā bhavanti yamino māsa-dvayād ūrdhvataḥ ॥ 98 ॥

yatheṣṭa-dhāraṇaṃ vāyor analasya pradīpanam ।

nādābhivyaktir ārogyaṃ jāyate nāḍi-śodhanāt ॥ 99 ॥

prāṇo deha-sthito yāvad apānaṃ tu nirundhayet ।

eka-śvāsa-mayī mātrā ūrdhvādho gagane sthitiḥ ॥ 100 ॥

recakaḥ pūrakaś caiva kumbhakaḥ praṇavātmakaḥ ।

prāṇāyāmo bhaved evaṃ mātrā-dvā-daśa-saṃyutaḥ ॥ 101 ॥

mātrādvā-daśa-saṃyuktau divākara-niśākarau ।

doṣā-jālam abadhnantau jñātavyau yogibhiḥ sadā ॥ 102 ॥

pūrakaṃ dvā-daśaṃ kuryāt kumbhakaṃ ṣo-ḍaśaṃ bhavet ।

recakaṃ daśa coṅ-kāraḥ prāṇāyāmaḥ sa ucyate ॥ 103 ॥

adhame dvā-daśā mātrā madhyame dvi-guṇā matā ।

uttame tri-guṇā proktā prāṇāyāmasya nirṇayaḥ ॥ 104 ॥

adhame sveda-jananaṃ kampo bhavati madhyame ।

uttame sthānam āpnoti tato vāyuṃ nirundhayet ॥ 105 ॥

baddha-padmāsano yogī namas-kṛtya guruṃ śivam ।

nāsāgra-dṛṣṭir ekākī prāṇāyāmaṃ samabhyaset ॥ 106 ॥

dvārāṇāṃ nava sannirudhya marutaṃ baddhvā dṛḍhāṃ dhāraṇāṃ

nītvā kālam apāna-vahni-sahitaṃ śaktyā samaṃ cālitam ।

ātma-dhyāna-yutas tv anena vidhinā vinyasya mūrdhni sthiraṃ

yāvat tiṣṭhati tāvad eva mahatāṃ saṅgo na saṃstūyate ॥ 107 ॥

prāṇāyāmo bhaved evaṃ pātakendhana-pāvakaḥ ।

bhavodadhi-mahā-setuḥ procyate yogibhiḥ sadā ॥ 108 ॥

āsanena rujaṃ hanti prāṇāyāmena pātakam ।

vikāraṃ mānasaṃ yogī pratyāhāreṇa muñcati ॥ 109 ॥

dhāraṇābhir mano-dhairyaṃ yāti caitanyam adbhutam ।

samādhau mokṣam āpnoti tyaktvā karma śubhāśubham ॥ 110 ॥

prāṇāyāma-dvi-ṣaṭkena pratyāhāraḥ prakīrtitaḥ ।

pratyāhāra-dvi-ṣaṭkena jāyate dhāraṇā śubhā ॥ 111 ॥

dhāraṇā dvā-daśa proktaṃ dhyānaṃ yoga-viśāradaiḥ ।

dhyāna-dvā-daśakenaiva samādhir abhidhīyate ॥ 112 ॥

samādhau paramaṃ jyotir anantaṃ viśvato-mukham ।

tasmin dṛṣṭe kriyā-karma yātāyāto na vidyate ॥ 113 ॥

saṃbaddhvāsana-meḍhram aṅghri-yugalaṃ karṇākṣi-nāsā-puṭa-

dvārān aṅgulibhir niyamya pavanaṃ vaktreṇa vā pūritam ।

baddhvā vakṣasi bahv-apāna-sahitaṃ mūrdhni sthiraṃ dhārayed

evaṃ yāti viśeṣa-tattva-samatāṃ yogīśvarās tan-manaḥ ॥ 114 ॥

gaganaṃ pavane prāpte dhvanir utpadyate mahān ।

ghaṇṭādīnāṃ pravādyānāṃ nāda-siddhir udīritā ॥ 115 ॥

prāṇāyāmena yuktena sarva-roga-kṣayo bhavet ।

prāṇāyāma-viyuktebhyaḥ sarva-roga-samudbhavaḥ ॥ 116 ॥

hikkā kāsas tathā śvāsaḥ śiraḥ-karṇākṣi-vedanāḥ ।

bhavanti vividhā rogāḥ pavana-vyatyaya-kramāt ॥ 117 ॥

yathā siṃho gajo vyāghro bhaved vaśyaḥ śanaiḥ śanaiḥ ।

tathaiva sevito vāyur anyathā hanti sādhakam ॥ 118 ॥

yuktaṃ yuktaṃ tyajed vāyuṃ yuktaṃ yuktaṃ prapūrayet ।

yuktaṃ yuktaṃ prabadhnīyād evaṃ siddhim avāpnuyāt ॥ 119 ॥

caratāṃ cakṣur-ādīnāṃ viṣayeṣu yathā-kramam ।

tat pratyāharaṇaṃ teṣāṃ pratyāharaḥ sa ucyate ॥ 120 ॥

yathā tṛtīya-kāle tu raviḥ pratyāharet prabhām ।

tṛtīyāṅga-sthito yogī vikāraṃ mānasaṃ haret ॥ 121 ॥

ity upaniṣat ।

Konkordanz der Verse der Yogachudamani Upanishad, des Goraksha Shataka (Version 1 und 2), der Goraksha Paddhati, der Hatha Yoga Pradipika und weiterer Texte

Aus dieser Übersicht wird ersichtlich, dass der Großteil der Verse (genauer 90 %) der Yogachudamani Upanishad aus anderen, älteren Werken zusammengetragen und in teilweise neuer Anordnung übernommen wurden. Diese sind in den meisten Fällen das Goraksha Shataka (Version 1 und 2), welches wiederum auf die Goraksha Paddhati zurückgeht, und die Hatha Yoga Pradipika. Nur 11 der insgesamt 121 Verse der YCU (Verse 73-79, 81-84, die sich hauptsächlich mit dem Pranava befassen) konnten bisher noch nicht in anderen Texten aufgefunden werden.

Die Buchstaben ab / cd (ef) bezeichnen die vier (bzw. sechs) Versviertel (Pada). Aufgrund der in einigen Teilen von GŚ 1/2, GP und HYP abweichenden Versteilung und -numerierung der YCU ergibt es sich, dass manche der Verse der YCU zwei Halbversen von GŚ 1/2, GP bzw. HYP entsprechen. So bedeutet YCU 7 ab / cd GŚ 1 = 10 cd / ~ 11 ab, dass der erste Halbvers (ab) der YCU identisch (=) mit dem zweiten Halbvers (cd) von GŚ 1, 10 ist, und der zweite Halbvers von YCU 7 (cd) ähnlich (~) dem ersten Halbvers (ab) von GŚ 1, 11 ist.

Abkürzungen:

  • YCU Yogachudamani Upanishad
  • GŚ 1 Goraksha Shataka (Version 1)
  • GŚ 2 Goraksha Shataka (Version 2)
  • GP Goraksha Paddhati
  • VM Viveka Martanda
  • YTṬ Yoga Tarangini Tika
  • HYP Hatha Yoga Pradipika
  • GhS Gheranda Samhita
  • SSP Siddha Siddhanta Paddhati
  • UG Uttara Gita
  • BhG Bhagavad Gita
  • DhBU Dhyanabindu Upanishad
  • MUK Mandukya Upanishat Karika
  • ab / cd erstes und zweites / drittes und viertes Versviertel
  • ef fünftes und sechstes Versviertel
  • = ist identisch mit
  • ~ ist ähnlich, weicht mehr oder weniger stark ab von


YCU GŚ 1 GŚ 2 GP VM YTṬ HYP weitere Texte
1 ab ~ 4 ab ~ 1.3 ab ~ 1.4 ab
2 ~ 4 ~ 7 ~ 1.6 ~ 6 ~ 1.7
3 ab / cd = 7 cd ~ 10 cd / ~ 13 ab = 1.9 cd / ~ 1.12 ab = 12 cd / = 1.10 cd / ~ 1.13 ab / ~ SSP 2.31 ab
4 ab / cd ~ 13 cd / = 15 ab ~ 1.12 cd / = 1.14 ab / ~ 17 ab ~ 1.13 cd / = 1.15 ab ~ SSP 2.31 cd /
5 ab / cd ~ 15 cd / ~ 16 ab ~ 1.14 cd / ~ 1.15 ab ~ 17 cd / ~ 18 ab ~ 1.15 cd / ~ 1.16 ab
6 ab / cd / = 10 ab ~ 16 cd / = 17 ab ~ 1.15 cd / = 1.16 ab ~ 18 cd / ~ 19 ab ~ 1.16 cd / ~ 1.17 ab
7 ab / cd = 10 cd / ~ 11 ab = 17 cd / ~ 18 ab = 1.16 cd / ~ 1.17 ab ~ 19 cd / ~ 20 ab ~ 1.17 cd / ~ 1.18 ab
8 ab / cd = 11 cd / ~ 12 ab ~ 18 cd / ~ 19 ab ~ 1.17 cd / ~ 1.18 ab ~ 20 cd / ~ 21 ab ~ 1.18 cd / ~ 1.19 ab
9 ab / cd ~ 12 cd / ~ 13 ab ~ 19 cd / = 20 ab ~ 1.18 cd / = 1.19 ab ~ 21 cd / = 22 ab ~ 1.19 cd / = 1.20 ab
10 ab / cd ~ 13 cd = 20 cd / ~ 21 ab = 1.19 cd / ~ 1.20 ab = 22 cd / ~ 23 ab = 1.20 cd / ~ 1.21 ab
11 ab / cd / = 14 ab ~ 21 cd / = 22 ab ~ 1.20 cd / ~ 1.21 ab ~ 23 cd / ~ 25 ab ~ 1.21 cd / ~ 1.22 ab
12 ab / cd ~ 14 cd / ~ 15 ab ~ 22 cd / ~ 23 ab = 1.21 cd / ~ 1.22 ab ~ 25 cd / ~ 26 ab = 1.22 cd / ~ 1.23 ab
13 ab / cd ~ 15 cd ~ 23 cd / = 24 ab ~ 1.22 cd / = 1.23 ab ~ 26 cd / = 27 ab ~ 1.23 cd / = 1.24 ab
14 ab / cd / = 16 ab = 24 cd / = 25 ab ~ 1.23 cd / ~ 1.24 ab ~ 27 cd / = 28 ab ~ 1.24 cd / = 1.25 ab
15 ab / cd = 16 cd / ~ 17 ab ~ 25 cd / ~ 26 ab ~ 1.24 cd / ~ 1.25 ab = 28 cd / = 29 ab ~ 1.25 cd / = 1.26 ab
16 ab / cd ~ 17 cd / ~ 18 ab ~ 26 cd / ~ 27 ab = 1.25 cd / ~ 1.26 ab = 29 cd / ~ 30 ab = 1.26 cd / ~ 1.27 ab
17 ab / cd = 18 cd / = 19 ab = 27 cd / = 28 ab = 1.26 cd / = 1.27 ab = 30 cd / = 31 ab = 1.27 cd / = 1.28 ab
18 ab / cd ~ 19 cd / ~ 20 ab ~ 28 cd / ~ 29 ab ~ 1.27 cd / ~ 1.28 ab ~ 31 cd / ~ 32 ab ~ 1.28 cd / ~ 1.29 ab
19 ab / cd = 20 cd / ~ 21 ab = 29 cd / ~ 30 ab = 1.28 cd / ~ 1.29 ab = 32 cd / ~ 33 ab = 1.29 cd / ~ 1.30 ab
20 ab / cd ~ 21 cd / ~ 22 ab ~ 30 cd / ~ 31 ab ~ 1.29 cd / ~ 1.30 ab ~ 33 cd / ~ 34 ab ~ 1.30 cd / = 1.31 ab
YCU GŚ 1 GŚ 2 GP VM YTṬ HYP weitere Texte
21 ab / cd ~ 22 cd / ~ 23 cd ~ 31 cd / ~ 32 ab ~ 1.30 cd / ~ 1.31 ab ~ 34 cd / ~ 35 ab ~ 1.31 cd / ~ 1.32 ab
22 ab / cd = 23 ab / ~ 24 ab ~ 32 cd / ~ 33 ab = 1.31 cd / ~ 1.32 ab = 35 cd / ~ 36 ab = 1.32 cd / ~ 1.33 ab
23 ab / cd ~ 24 cd = 33 cd / ~ 34 ab ~ 1.32 cd / ~ 1.33 ab = 36 cd / ~ 37 cd = 1.33 cd / ~ 1.34 ab
24 ab / cd ~ 34 cd / ~ 35 ab = 1.33 cd / ~ 1.34 ab ~ 38 ab / ~ 38 cd = 1.34 cd / ~ 1.35 ab
25 ~ 36 ~ 1.35 ~ 39 ~ 1.36
26 ab / cd / ~ 25 cd ~ 37 ~ 1.36 ~ 40 ~ 1.37
27 ~ 27 = 38 = 1.37 = 41 = 1.38
28 ~ 26 ~ 39 ~ 1.38 ~ 42 ~ 1.39
29 ~ 28 ~ 40 ~ 1.39 ~ 43 ~ 1.40
30 ab / cd ~ 26 ab / ~ 29 ab / ~ 41 ab ~ 1.38 ab / ~ 1.40 ab ~ 42 ab / ~ 44 ab ~ 1.39 ab / ~ 1.41 ab
31 ab / cd = 29 cd ~ 41 cd / = 42 ab ~ 1.40 cd / = 1.41 ab ~ 44 cd / = 45 ab ~ 1.41 cd / = 1.42 ab / ~ GhS 5.86 cd
32 ab / cd = 42 cd / ~ 43 ab = 1.41 cd / ~ 1.42 ab = 45 cd / = 46 ab = 1.42 cd / ~ 1.43 ab = GhS 5.87 d / = 87 ab
33 ab / cd ~ 43 cd / = 44 ab ~ 1.42 cd / = 1.43 ab ~ 46 cd / = 47 ab ~ 1.43 cd / = 1.44 ab / ~ GhS 5.87 c
34 ab / cd ~ 44 cd / = 45 ab
35 ab / cd = 45 cd / ~ 46 ab
36 ab / cd / = 30 ab = 46 cd / ~ 47 ab
37 ab / cd ~ 30 cd = 47 cd / ~ 48 ab / ~ 3.106 ab
38 ab / cd / ~ 31 ab = 48 cd / = 49 ab ~ 3.106 cd
39 ab / cdef ~ 31 cd ~ 49 cd / ~ 51 / ~ 3.105
40 ~ 52 ~ 1.50
YCU GŚ 1 GŚ 2 GP VM YTṬ HYP weitere Texte
41 ~ 50 ~ 53
42 ~ 54 ~ 1.59
43 ~ 55 ~ 1.60
44 ~ 56 ~ 3.107
45 ~ 32 ~ 57
46 ~ 37 ~ 81 ~ 3.61
47 ~ 82 ~ 3.65
48 abc / d / = 35 d ~ 77 ~ 3.56 abc / = 57 d
49 ac / d ~ 78 ~ 3.57 ac / ~ 56 d
50 ~ 79 ~ 3.71
51 ~ 36 ~ 80 ~ 3.72
52 = 34 = 64 = 3.32
53 = 65 ~ 3.39
54 ~ 66 ~ 3.40
55 ~ 67 ~ 3.41
56 ~ 68
57 ~ 69 ~ 3.42
58 ab / cd = 70 ~ 3.89 cd
59 ~ 71 ~ 3.43
60 ~ 72
YCU GŚ 1 GŚ 2 GP VM YTṬ HYP weitere Texte
61 ~ 73
62 ~ 74
63 ~ 75
64 ~ 76
65 = 58
66 ~ 33 ~ 59
67 ~ 60 ~ 3.15
68 ~ 61 ~ 3.16
69 ~ 62 ~ 3.17
70 ~ 63 = 3.18
71 = 83
72 abc = MUK 1.3 abc
73
74
75
76
77
78
79
80 ab = UG 1.24 ab; = DhBU 18 ab, 37 ab
YCU GŚ 1 GŚ 2 GP VM YTṬ HYP weitere Texte
81
82
83
84
85 = 84
86 ~ 86
87 ~ 88
88 cd ~ 89 ~ BhG 5.10 cd
89 ~ 39 ~ 90 ~ 2.2
90 ~ 91 ~ 2.3
91 ~ 92 ~ 2.40
92 ~ 38 ~ 93 ~ 2.39
93 ~ 40 ~ 94
94 = 95
95 ~ 43 ~ 96 ~ 2.7
96 ~ 44 ~ 97
97 ~ 46 ~ 99
98 ~ 100 ~ 2.10
99 = 101 = 2.20
100 ~ 42
YCU GŚ 1 GŚ 2 GP VM YTṬ HYP weitere Texte
101 ~ 47
102
103
104 ~ 48
105 ab / c ~ 49 ab / c
106 = 41
107
108 ~ 53
109 ~ 54
110
111
112
113 ~ 21
114
115
116 ~ 2.16
117 ~ 2.17
118 = 2.15
119 ~ 2.18
120 cd ~ 55 ab
121

Zum Übersetzer

Die Übersetzung, Wort-für-Wort-Übersetzung und Anmerkungen stammen von dem Indologen Dr. phil. Oliver Hahn. Er ist unter anderem Autor für Yoga Wiki, Seminarleiter, Yogalehrer, Übersetzer, Lektor und Autor eines Online Sanskrit Kurses.

Weblinks

Siehe auch