Identifikation

Aus Yogawiki
Version vom 5. August 2020, 10:24 Uhr von Sanatani (Diskussion | Beiträge) (Viveka Chudamani - Aus Identifikation kommt Verhaftung)

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Identifikation bedeutet, sich mit irgendetwas gleichzusetzen. In der spirituellen Sichtweise ist sogar die Gleichsetzung (Identifikation) nicht real, da man zunächst schauen müsste, wer das „Ich“ ist, das „sich“ gleichsetzt, identifiziert. Wenn das Ich, wie die Weisen sagen, reines Bewusstsein ist, dann ist jegliche Identifikation mit einem Objekt nicht real. Das erste Objekt, mit dem wir uns in dieser Welt identifizieren, ist der Körper, aber auch er ist als solcher nur ein Objekt.

Identifikation mit dem Körper?

Die Identifikation mit dem Körper bringt auch die Identifikation mit bestimmten Rollen mit sich und den Erfahrungen, die dieser Körper macht, mit Besitz, den ein Körper vermeintlich anhäufen kann oder auch nicht. Die Identifikation geht aber auch in feinere Bereiche hinein, in die Identifikation mit Energie (Prana), mit Gefühlen, Gedanken, mit Fähigkeiten und mit der daraus scheinbar resultierenden Persönlichkeit.

Identifikation mit dem Körper

Niederschrift eines Podcasts (2014) von Sukadev

Jnana Yoga: Wer bin ich?

Jnana Yoga, der Yoga des Wissens, kann man auch für mehr Gelassenheit anwenden. Dazu gehört auch, dass du lernst, dass du bist nicht dein Körper bist. Swami Sivananda drückt es folgendermaßen aus: "Frage dich, wer bin ich? Erkenne dein Selbst und sei frei." Wer bist du? ist eine der entscheidenden Fragen im Jnana Yoga und ein Weg dorthin zu kommen ist die Subjekt–Objekt-Analyse. Das Subjekt beobachtet, tut etwas, ist aktiv. Das Objekt ist das Instrument des Tuns und das, mit dem etwas getan wird, und auch das, was beobachtet werden kann. Eine Frage ist dann:"Bin ich der Körper?"

Das ist zunächst einmal eine banale Frage und Menschen die mit Yoga und spirituellen Fragen bisher wenig zu tun haben, würden natürlich sagen, natürlich ich bin der Körper. Aber bin ich der Körper? Ich will das nicht zu sehr ausbauen aber einige wichtige Gedankengänge dazu: Du bist derjenige, der beobachtet, du bist nicht das, was beobachtet werden kann. Nimm z.B. deine rechte Hand. Du kannst deine rechte Hand beobachten. Du kannst sie anschauen, Du kannst sie riechen, Du kannst sie fühlen, Du kannst sie abschlecken und so schmecken. Du kannst die rechte Hand bewegen, Du kannst Fingerbewegungen machen, also kannst du sagen, ich bewege die Hand. Ich beobachte die Hand. Es gibt ein Ich, welches die Hand beobachtet. Also bin ich nicht die Hand.

Angenommen, dir geschieht etwas, du hast einen Unfall und die Hand muss amputiert werden. Wer bist du? Du bist immer noch du. Oder anders ausgedrückt, du hast immer noch das gleiche Ich. Das wird sich nicht ändern, nur weil du deine Hand nicht mehr hast. Du wirst vielleicht entsetzt sein, du wirst vielleicht traurig sein. Es wird vielleicht viele Operationen geben müssen, vielleicht bekommst du die Hand von jemand anderem. Es gibt ja schon Handtransplantationen, ber du bleibst immer noch Du.

Genauso kannst du weitergehen. Bin ich die Füße? Natürlich auch nicht. Du kannst auch die Füße beobachten, du kannst die Füße spüren, du kannst die Füße bewegen, die Füße werden älter, die Füße können auch mal Unfälle haben, du bleibst immer das Ich. An dem Gefühl „ich bin ich“ oder am Bewusstsein „Ich“ ändert sich nichts, egal was mit den Händen und den Füßen passiert. Und so könnte man jetzt weitergehen. Bist du der Bauch? Bist du die Brust? Du kannst alles beobachten. Es geht sogar noch weiter.

Körperbewusstsein und außerkörperliche Erfahrungen

Wenn du in der Meditation voranschreitest kann es passieren, dass du dein Körperbewusstsein verlierst. Es gibt die sogenannten "außerkörperlichen Erfahrungen". In der tiefen Meditation spürst du plötzlich nicht mehr den Körper. Du spürst dich als Bewusstsein außerhalb des Körpers. Es kann sogar zu einer sogenannten autoskopischen Erfahrung kommen, d. h. du kannst deinen Körper von oben beobachten. Es ist sogar möglich, dass du deinen Körper soweit verlässt, dass du Erfahrungen außerhalb des Körpers machst und Wissen bekommst, von etwas, was du gar nicht mit deinen physischen Sinnen hättest sehen können. Es gibt Menschen, die ihren Körper verlassen haben, sie haben ihn von oben gesehen und sind so in den Nachbarraum gegangen. Oder sie haben etwas im Raum von oben gesehen, was von unten gar nicht sichtbar ist. Das Bewusstsein existiert unabhängig vom Körper und du bist Bewusstsein ohne den Körper.

Desweiteren gibt es die sogenannten "Nahtoderfahrungen". Menschen erzählen, dass sie zwar klinisch tot waren, sie hatten einen Herzstillstand, sind aber wieder zurückgekommen, und sie erzählen, wie sie während ihres Herzstillstandes aus ihrem Körper herausgeschleudert wurden, die Welt von oben gesehen haben. Zum Teil können sie beschreiben, was die Ärzte mit ihnen gemacht haben. Manche können sogar erläutern, was im Nachbarraum für Gespräche geführt wurden, was beispielsweise die Angehörigen gesagt haben. Also es gibt Bewusstsein ohne den Körper. Du bist nicht wirklich dein Körper, du bist Bewusstsein jenseits des Körpers. So kannst du dir bewusst werden, ich bin nicht der Körper. Ich bin Bewusstsein. Ich bin nicht begrenzt auf den Körper.

Körperbilder

Selbst wenn du nicht so weit gehen willst, und man kann ja auch durchaus die Nahtoderfahrungen und die außerkörperlichen Erfahrungen hirnphysiologisch deuten. Selbst wenn du also nicht so weit gehen willst, dass du nicht der Körper bist, kannst du zumindest lernen, dich nicht zu sehr zu identifizieren mit dem momentanen Zustand deines Körpers oder mit deinem Bild von deinem Körper. Viele Menschen haben ja ein Bild ihres Körpers. Sie sehen, wie der Körper jetzt ist, und sie haben ein Bild wie der Körper jetzt sein müsste. Viele Spannungen und viel Ärger, viel Gereiztheit, viele Ängste kommen aus der Diskrepanz aus diesen drei Dingen. Die Tatsache, wie dein Körper jetzt gerade ist, das Bild, wie dein Körper gerade ist und das Bild wie, dein Körper sein sollte. Wir können auch noch als viertes das Bild dazu nehmen, das andere von deinem Körper haben und das Bild, das andere von deinem Körper haben sollten.

Das klingt jetzt noch ein bisschen komplizierter, ist es auch, denn der Mensch macht sich zum Teil das Leben schwer. Menschen haben eigenartige Bilder von ihrem Körper. Manche Menschen denken, dass ihre zu groß Nase ist, manche denken, dass ihre Brüste zu groß sind, manchen ist ihr Bauch zu groß, manche denken, die Brüste sind zu klein, manche denken, sie sind zu hager, andere glauben, sie sind zu klein. Das ist ein Bild von deinem Körper. Du kannst dir deinen Körper anschauen und kannst schauen, wie ist denn mein Körper, wenn ich ihn etwas objektiver sehe? Und dann kannst du überlegen: Wie denke ich, dass mein Körper ist? Dann kannst du auch deinen Partner fragen oder andere fragen. Und dann wirst du feststellen, dass dein Körper erheblich schöner ist, als du denkst.

Die meisten Menschen sehen die Körper der anderen recht positiv, positiver als die meisten Menschen sich selbst sehen. Es geht aber noch weiter. Du hast dann auch noch eine Vorstellung, wie dein Körper sein sollte. Die meisten Menschen denken, dass ihr Körper dünner sein müsste. Manche Menschen denken, er müsste brauner oder heller sein, müsste mehr oder weniger Haare haben, usw. Du kannst dir bewusst machen, welche Bilder du von dir hast, welche Sollbilder, und was du denkst, was andere von dir denken. Manche Menschen haben ein Bild davon, was andere Menschen von einem denken sollen und was andere Menschen von einem denken. Du kannst dir erst einmal bewusst werden, wie diese ganzen Bilder in dir zustande gekommen sind oder wie sie sind und wie sie sich unterscheiden.

Also, wenn das Aussehen deines Körpers und die Beschaffenheit deines Körpers eine Quelle von Unruhe, von Ängsten ist, dann kannst du darüber nachdenken. Du kannst überlegen, wie ist mein Körper tatsächlich? Dann kannst du überlegen, wie sehe ich meinen Körper? Dann kannst du überlegen, was denke ich, wie andere meinen Körper sehen? Und du könntest auch darüber nachden, ob due das etwas gelassener angehen könntest. Du kennst ja auch andere Menschen. Es gibt kleinere Menschen, größere Menschen, es gibt Menschen mit längeren Haaren, kürzeren Haaren, mehr Haaren, weniger Haaren, grauen Haaren und andersfarbigen Haaren. Es gibt Menschen mit dunklerer Hautfarbe und hellerer Hautfarbe. Letztlich ist das nicht so erheblich, ob du dich glücklich fühlst oder nicht. Es gibt dicke Menschen, die glücklich sind, und es gibt dünne Menschen, die glücklich sind. Überlege, wie du hier Spannungen abbauen kannst.

Um ein besseres Körperbild und ein besseres Körpergefühl zu bekommen, ist natürlich Hatha Yoga ein guter Weg. Im Hatha Yoga lernst du, deinen Körper wahrzunehmen. Im Hatha Yoga lernst du, mit deinem Körper umzugehen, und du lernst, dass dein Körper, so wie er jetzt ist, auch eine Quelle von angenehmen Erfahrungen sein kann. Der Körper verändert sich. Jetzt hast du ein gewisses Alter, vor ein paar Jahren warst du jünger und dein Körper war anders. Dein Körper wird im Laufe des Lebens anders werden, es wird Krankheiten geben, es mag Unfälle geben oder einfach nur die natürlichen Alterungsprozesse. Das ist ganz natürlich. Indem du akzeptierst, dass dein Körper durch verschiedenste Veränderungen hindurch geht, kannst du lernen, gelassener zu sein. Du kannst mit deinem Körper spielerisch umgehen, und du kannst auch feststellen, dass dein Körper mal besser, mal weniger gut funktioniert.

Swami Brahmananda

Ich kannte mal einen Jnana Yogi namens Swami Brahmananda. Swami Brahmananda war einer der Schüler von Swami Sivananda, und er gehörte zu den Jnana Yogis, also denjenigen, die diesen philosophischen Yogaweg der Frage „Wer bin ich?“ sehr weit gebracht haben. Und er hatte hohe Verwirklichung erreicht. Als ich ihn kannte, war er schon Ende 80. Er hatte schon durchaus gesundheitliche Schwierigkeiten, aber er hatte jeden Tag oder sogar zwei Mal am Tag Vorträge und Meditationen angeleitet, und er saß auch kreuzbeinig. Und manchmal ging das besser, manchmal ging das weniger gut. Er ging damit spielerisch um. Ich kann mich erinnern, einmal sagte er, mal sehen wie dieser Körper heute funktionieren kann. Dann probierte er aufzustehen. Als es schwierig war aufzustehen, sagte er: "oh dieser Körper braucht heute etwas Hilfe.“ Und dann hat er uns hilfesuchend angeschaut. Zwei haben sich rechts und links neben ihn gestellt, haben ihn hochgehoben, und dann konnte er anschließend gehen, und manchmal hat er gesagt: „Dieser Körper braucht Übung, lasst ihn alleine gehen.“ Und ein andermal hat er gesagt: „Heute kann dieser Körper nicht alleine gehen, kann mir jemand helfen?“ Und er nahm das alles humorvoll, er war jeden Tag neugierig, wie funktioniert mein Körper heute? Und man konnte sehen, es machte keinen Unterschied für sein Glücksgefühl aus, ob es seinem Körper besser ging oder weniger gut ging. Er verließ schließlich vor ein paar Jahren seinen Körper im Alter von 99 Jahren. Aber bis dahin lehrte er alle, die mit ihm zusammen waren, wie man altern kann, und wie man im Alter glücklich sein kann, egal wie gut der Körper funktioniert oder nicht.

Der Körper als Auto

Überlege, wie ist das Bild von meinm Körper? Wie sehr bin ich fixiert auf ein Bild? Inwieweit ist Identifikation mit meinem Körper ein Problem? Und wenn du verschiedene Krankheiten oder Einschränkungen durch deinen Körper hast, dann sei dir dessen bewusst, dass dein Körper letztlich nur ein Fahrzeug ist. Vielleicht hast du auch ein Auto und vielleicht funktioniert dein Auto nicht so gut. In Deutschland repariert man immer alles. Ich hab einige Zeit in Indien verbracht. Dort haben Menschen zum Teil abenteuerliche Autos. Ich war mal mit einem Taxifahrer ein Weile unterwegs, und alle eins bis zwei Stunden musste er stehenbleiben, denn das Auto fing an zu stottern. Er musste irgendwas an seinem Motor machen und dann ging es wieder weiter. Er hat sich nicht darüber aufgeregt, wenn das Auto angefangen hat zu stottern. Er lächelte und manchmal musste er nur mit der Hand gegen den Kühler, oder ich weiß nicht wohin, hauen, und dann ging es wieder weiter.

Er ging sehr entspannt mit seinem Auto um, das nicht in einem guten Zustand war. Er konnte es sich nicht leisten, das Auto generalüberholen zu lassen, aber es funktionierte soweit. Er konnte nicht sehr schnell fahren, er musste sich immer wieder drum kümmern, und manchmal musste er auch Wasser nachfüllen, sehr viel häufiger, als ich es bei deutschen Autos gewohnt war. Aber es ging irgendwie. So ähnlich kann es auch sein, dass du einen solchen Körper hast. Der Körper funktioniert vielleicht mal besser, mal weniger gut und vielleicht hast du einen Körper, der nicht so gut funktioniert. Es heißt zwar, dass du irgendwann diesen physischen Körper verlassen wirst, du wirst sterben, und dann bekommst du irgendwann einen neuen Körper, der dann vielleicht besser funktionieren wird.

Jetzt hast du aber diesen Körper und so schnell kannst du ihn nicht austauschen. Du kannst natürlich einiges tun, um ihn generalzuüberholen: du kannst dich gesund ernähren, du kannst Körperübungen machen, du kannst Yoga üben, du kannst Naturheilkunde ausprobieren, du kannst natürlich auch die Schulmedizin ausprobieren. Es gibt glücklicherweise viele Möglichkeiten. Aber nicht alles ist machbar. Lerne, mit deinem Körper spielerischer umzugehen. So kannst du sehr viel gelassener sein.

Viveka Chudamani - Aus Identifikation kommt Verhaftung

Lebe dein Leben mit Begeisterung aber verhaftungslos

- Kommentar zum Viveka Chudamani Vers 138 von Sukadev Bretz -

Der aus Unwissenheit geblendete Mensch hält ein Ding für etwas, was es nicht ist. Aus fehlendem Unterscheidungsvermögen verwechselt er eine Schlange mit einem Seil. Durch diese falsche Vorstellung entstehen irrtümliche Wege. Höre zu mein Freund. Verhaftung entsteht, wenn man an dem Nicht-Selbst festhält.

Wir sind einerseits das unsterbliche Selbst und andererseits haben wir einen Körper. Die Frage ist, warum identifizieren wir uns damit? Das wäre doch gar nicht notwendig.

Identifikation – Bindung – Verhaftung – Leid

Angenommen du mietest ein Auto, dann identifizierst du dich nicht damit. Du gibst es später wieder zurück und hast auch kein Problem, das Auto wieder loszulassen. Aber angenommen du kaufst ein Auto, dann kommt langsam Verhaftung daran. Und wenn nach ein paar Jahren dem Auto etwas passiert, dann hast du Probleme.

Oder wenn jemand sich lustig macht über dein Auto, dann trifft dich das irgendwie. So ähnlich ist es mit deinem Körper. Du hast ihn so lange du denken kannst. Yogis würden sagen du hast schon viele Körper gehabt, aber du kannst dich nur an diesen einen Körper erinnern. Aber so wenig wie du dein Auto bist – selbst wenn dein Großvater es dir zu deiner Geburt geschenkt hätte und du es gar nicht anders wüsstest als dass es das Auto gibt, trotzdem wärst du nicht das Auto – sowenig bist du auch dieser Körper. Aber du denkst: dies ist mein Körper, und daraus entsteht Identifikation. Daraus entsteht Bindung, daraus entsteht Verhaftung, und aus Verhaftung entsteht Leid.

Die fünf Kleshas - Yogasutra

Und so geht es mit vielem. Du identifizierst dich mit etwas, daraus entsteht Bindung, daraus entstehen Mögen und Nichtmögen, daraus entsteht Leid. So sagt es Patanjali auch im Yoga Sutra im 2. Kapitel, wo er über die Kleshas spricht. Kleshas sind die Ursachen des Leidens.

  • Und er sagt es beginnt mit Avidya – Unwissenheit.
  • Es geht weiter mit Asmita – Identifikation.
  • Aus Identifikation kommt dann Raga – das bedeutet mögen oder auch Bindung,
  • und Dvesha – das bedeutet Ablehnung beziehungsweise Abneigung.
  • Und daraus entsteht dann AbhiniveshaAngst, im engeren Sinne die Angst vor dem Vergehen, im weiteren Sinn alle Ängste und in noch weiterem Sinn alle möglichen Emotionen.

Es fängt zum Beispiel mit deinem Körper an. Du denkst ich bin das unsterbliche Selbst, aber irgendwann vergisst du es – Avidya. Du identifizierst dich mit dem Körper und denkst `das bin ich`. Daraus entsteht mögen: es möge dem Körper gut gehen, möge der Körper schöne Kleidung haben, mögen andere positiv über meinen Körper sprechen - schöne Haut, schöne Haare, schöne Nase, schöne Körperhaltung und so weiter. Und dann geht es weiter, dann willst du bestimmte Dinge nicht – Dvesha. Du willst nicht, dass der Körper schmerzt, du willst nicht, dass Krankheiten kommen, du willst nicht, dass andere sagen du bist zu dick, du bist zu dünn, deine Nase ist zu klein, zu groß. Und du hast Abhinivesha – im engeren Sinne Angst vor dem Tod. Der Körper vergeht irgendwann. Und wenn du dich mit dem Körper identifizierst, dann weißt du der Körper vergeht. Aus der Angst vor dem Tod entstehen alle möglichen weiteren Dinge.

Andere Identifikationen

Identifikation mit der Arbeitstelle

Es gibt noch andere Identifikationen. Du kannst dich zum Beispiel mit deiner Arbeitsstelle identifizieren. Du hast einen tollen Posten, denkst ich bin jetzt der Projektleiter, der beste Projektleiter in der Firma. Du hast also erstmal vergessen, dass du das unsterbliche Selbst bist. Und das du einfach einen Job hast. Du identifizierst dich damit. Die Arbeitgeber lieben es, wenn die Arbeitnehmer sich mit dem Job identifizieren. Du magst, dass andere dich für deine Arbeit loben: „wow was du alles leistest, wie großartig du bist“. Und du magst natürlich nicht nur Anerkennung sondern auch eine gewisse Belohnung – Raga.

Du hast aber auch Abneigungen. Wehe wenn jemand anders diesen Job bekäme. Wehe du merkst jemand anders ist besser als du. Oder der Chef lobt jemand anderen mehr als dich – Dvesha. Und dann kommt auch Abhinivesha – Furcht vor dem Vergehen. Das Projekt kann zu Ende gehen, jemand anders kann deinen Job bekommen, die Firma kann Pleite gehen. Es kann dir ein Unfall passieren und du kannst die Arbeit nicht mehr machen. Du könntest psychisch erkranken. Deine Frau könnte schwer erkranken, so dass du nicht mehr genügend Zeit hättest. Dein Mann mag vielleicht umziehen wollen… Angst vor dem Vergehen.

Identifikation mit Intelligenz

Du kannst dich auch identifizieren mit deiner Klugheit. Zuerst vergisst du, dass du das unsterbliche Selbst bist - Avidya. Dann folgt Asmita – du identifizierst dich als jemand klugen, mit einem großen Intellekt, einem klaren Geist – Identifikation. Du magst natürlich, dass du deinen Intellekt auch einsetzen kannst, dass du brillieren kannst. Dass du einen Job hast, mit dem tatsächlich zeigen kannst, wie klug du bist. Und willst natürlich auch dafür gelobt werden. Du willst natürlich auch nicht etwas oder zu viel tun, was banal und stupide ist. Du willst deinen Intellekt zeigen und beweisen. Daraus folgt Dvesha – du magst es nicht, stupide Arbeit zu machen. Du magst auch keine stupide Konversation oder Smalltalk. Du möchtest intelligente Gespräche führen.

Du magst auch nicht mit Menschen umgehen, die vielleicht zu emotional sind, oder die Dinge nicht einsehen können, die lange brauchen um etwas zu verstehen. Im Lauf des Lebens kann es aber sein, dass deine intellektuellen Fähigkeiten abnehmen. Du spürst Abhinivesha – die Furcht vor dem Vergehen. Du merkst, es gibt andere die klüger sind als du. Vielleicht entdeckst du plötzlich, dass du etwas vergisst, dass dein Gedächtnis nicht mehr so klar ist, dass du Dinge nicht mehr so klar verstehst, dass es jüngere Menschen gibt, die schneller denken als du. Und dann siehst du jemanden, deinen Vater oder deine Mutter oder einen Onkel vielleicht, die Demenz haben. Was wirst du sein, wenn du deine Fähigkeiten verlierst?

Und so kommt alles Leiden, Patanjali nennt es Klesha, aus Avidya – Nichtwissen, Asmita – Identifikation, Raga und Dvesha – Mögen/ Verhaftung und Nichtmögen /Ablehnung, und schließlich Abhinivesha – die Angst /Furcht vor dem Vergehen.

Wo immer du leidest ist eine Identifikation

Jetzt überlege selbst: Womit identifizierst du dich? Was sind deine Verhaftungen? Wo kommt daraus Mögen und Nichtmögen? Und wo ist Angst vor dem Vergehen. Im Grunde genommen wann immer du leidest, ist auch eine Identifikation. Ohne Identifikation gibt es nicht wirklich Leiden.

Daher werde dir bewusst, wo sind deine Identifikationen. Wenn du an irgendetwas leidest überlege woher kommt das Leiden – nicht im Sinne wer hat es mir zugefügt und was ist mit Mutter und Vater und Kindheit – sondern:

  • Wo ist die Identifikation?
  • Wo ist das Nichtwissen?
  • Welche Wünsche habe ich?
  • Welche Ablehnungen habe ich?
  • Welche Ängste entstehen daraus?

Und dann gehe zu deinem wahren Selbst. Schaue alles mitfühlend an und sei dir bewusst: Sat Chit Ananda Svarupoham. Was auch immer geschieht, in der Tiefe meines Wesens bin ich reines Selbst – Sein Wissen Glückseligkeit.

Der Körper als Instrument und Fahrzeug der Seele

Niederschrift eines Podcasts (2014) von Sukadev

Kriya Yoga

Ich möchte hier den Kriya Yoga und die Kleshas auf den Umgang mit dem Körper übertragen. Du erinnerst dich, die Kleshas waren: Avidya – Unwissenheit, Asmita – Identifikation, Raga – Mögen, Dvesha – Nichtmögen, Abinivesha – Ängste. Angenommen du identifizierst dich mit deinem Körper, dann hast du schon vergessen, wer du wirklich bist, denn du bist Bewusstsein. Du bist Bewusstsein, das voller Freude, voller Wonne und voller Liebe ist. Du bist Bewusstsein, das diesen Körper als Fahrzeug nutzt. Wenn du jetzt aber diesen Körper als dein "Ich" bezeichnest und dich identifizierst, dann hast du natürlich Wünsche für diesen Körper. Du willst, dass dieser Körper gesund ist, dass er schön aussieht. Du willst, dass Menschen diesen Körper bewundern. Du willst nicht, dass andere diesen Körper für nicht schön halten. Du reagierst vielleicht sogar allergisch darauf, wenn jemand abfällig über deine Frisur und deine Nase spricht oder über deinen Mund, deine Lippen, deine Kleidung, wie auch immer.

Wenn du dich mit deinem Körper identifzierst, willst du ihn vielleicht auch schön kleiden, du willst, dass er gut aussieht. Du hast aber auch Angst, dass dein Körper krank werden könnte. Wenn du eine leichte Erkältung hast, dann befürchtest du Schlimmes. Wenn du die ersten Falten siehst, hast du Angst davor, dass alle möglichen Alterserscheinungen frühzeitig kommen. Du hast Angst vor einem Unfall oder ähnlichem. Erkenne, dass du nicht dieser Körper bist, zumindest bist du nicht auf diesen Körper beschränkt. Und auch dein Glücksgefühl hängt sehr viel weniger ab von den Fähigkeiten deines Körpers als du denkst.

Glücksforschung

Es gibt ja inzwischen auch eine Glücksforschung, die durchaus belegt, dass Menschen nicht so viel glücklicher sind, wenn ihr Körper so viel besser funktioniert. Man kann im Gegenteil sogar feststellen, dass das Glück recht unabhängig davon ist. Man hat sogar festgestellt, dass Menschen die eine Behinderung entwickeln, insbesondere wenn diese Behinderung nicht fortschreitend ist, sondern wenn einmal eine Behinderung kommt im Leben eines Menschen, dass der Mensch danach trotz seiner Behinderung genauso glücklich ist, wie er vor der Behinderung war. Und Menschen werden durchaus auch im Alter glücklicher. Nach einigen Untersuchungen sind Menschen im Alter zwischen 50 und 60 glücklicher als Menschen zwischen 20 und 30, wenn der Körper so viel gesünder ist.

Dein Glücksgefühl hängt also nicht wirklich von deinem Körper ab. Du kannst dich davon lösen. Du kannst mit dem Körper ein entspannteres Verhältnis eingehen und dir bewusst machen, dass dieser Körper ein phantastisches Instrument ist, ein Fahrzeug für deine Seele. Du nutzt diesen Körper, um Erfahrungen zu sammeln. Du nutzt diesen Körper, um gute Dinge zu bewirken. Du kümmerst dich aber auch um deinen Körper. Das ist das, was manche Menschen missverstehen. Sie denken, wenn man sich nicht mit dem Körper identifiziert, dann würde man sich weniger gut um ihn kümmern. Du kümmerst dich auch um dein Fahrrad, auch wenn du weißt, dass du nicht nicht dein Fahrrad bist.

Dein Körper ist deine Wohnung in dieser Welt

Du kümmerst dich um deine Wohnung, auch wenn du weißt, dass du nicht deine Wohnung bist. Du kümmerst dich um Dein Handy und gehst sorgfältig damit um, auch wenn du weißt, dass du nicht dein Handy bist. Ähnlich wie Handy oder Fahrrad ist der Körper dein Fahrzeug und dein Instrument. Ähnlich wie deine Wohnung, wohnst du auch in deinem Körper. Du kannst natürlich sagen, dass du in deinem Körper sehr viel beständiger bist als in deiner Wohnung. Das mag sein, aber du kannst auch, in der Meditation deinen Körper verlassen, und die Yogis behaupten, dass du jede Nacht im Schlaf deinen Körper verlässt. Jede Nacht gehst du in eine andere Dimension, in eine andere Wirklichkeit ein. Und morgens gehst du in deinen Körper zurück. Bewusstsein ist ohne Körper möglich. Lerne also, mit deinem Körper etwas gelassener und entspannter umzugehen. Nimm den Körper so wie er ist, sieh ihn als Fahrzeug, sieh ihn als Tempel der Seele an. Sieh den Körper als Wohnung der Seele an, kümmere dich um deinen Körper, aber sei nicht identifiziert mit deinem Körper.

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Siehe auch

Literatur

Seminare

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