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Wissenschaft


Der indische Yoga Meister Swami Sivananda schrieb in den 40er Jahren zum Thema „Wissenschaft und Spiritualität“:

Nun noch ein Wort über die Wissenschaft. Träger derselben sind Adwaita-Vedantins oder Nicht-Dualisten. Sie sagen: »Es gibt nur eine Substanz in dieser Welt, das ist das Elektron. Die ganze Welt ist eine Anhäufung von Energie.« Diese ist der Gott der Wissenschaftler. Energie ist aber auch der Gott der Shaktas. Die Wissenschaftler haben die physische Welt erforscht. Sie haben Methoden entdeckt, mit denen sie die Naturkräfte beherrschen. Psychologen machen ihre Experimente auf dem seelisch-geistigen Gebiet und versuchen die Kräfte dort zu beherrschen. Die Psychologie ist ein Zweig des Raja-Yoga, der die Beherrschung der Gedanken lehrt. Eine eingehende Erforschung und Enthüllung durch die Wissenschaft bringt den Menschen Gott näher. Denn wer gab den Elektronen die Kraft, was liegt diesen Elektronen zugrunde? Welches ist die Kraft, die vier Teile Stickstoff mit einem Teil Sauerstoff verbunden hat? Wer hat die Gesetze der Natur aufgestellt, welche Intelligenz bewegt die Natur? Wer ist das primum mobile? Das Studium der physischen Kräfte und Gesetze, das Verständnis der Denkfunktionen und der mentalen Gesetze genügen nicht, um uns vollkommen zu machen. Wir sollten eindringen in die tiefere Schicht, die hinter diesen Namen und Formen und hinter allen physischen und mentalen Erscheinungen liegt. Erst dann werden wir wahrhaft vollkommen sein, Meister oder vollentwickelte Adepten, Arhatas oder Buddhas.

Können uns wissenschaftliche Entdeckungen wirklich glücklich machen - das ist die Frage aller Fragen. Was hat uns die Wissenschaft gegeben? Zweifellos hat sie eine Fülle von Erkenntnissen im physischen Bereich gesammelt. Dieses Wissen aber ist leere Schale im Vergleich zu der Erkenntnis des Selbst, Brahma-Vidya oder Para-Vidya. Alle Wissenschaften gründen auf dem Wissen des Atma. Bist du heute wirklich glücklich? Kann der elektrische Ventilator, das Flugzeug oder das Radio uns den wirklichen Frieden bringen, nach dem der Geist dürstet? Wir sind der Wissenschaft und den Wissenschaftlern dankbar, die mit ganzem Einsatz arbeiten, um Erfindungen und Entdeckungen zu machen. Sie geben uns Bequemlichkeiten. Die Elektrizität tut viel Gutes. Sie pumpt das Wasser, fährt uns zum obersten Stockwerk, kocht unser Essen, bringt uns nach London oder Paris. Die Wissenschaft hat Reisen und Kommunikationen leicht und schnell gemacht. Sie hat einige Vorteile, doch die Nachteile überwiegen. Das Leben ist sehr kostspielig und anspruchsvoll geworden, und der Mensch ist voller Unruhe, und hat immer mehr Bedürfnisse. Der Lebensstandard ist sehr gewachsen und die Vergnügungen verschlingen das Geld. Die Menschen haben den Sinn ihres Lebens verloren und gehen in Selbsttäuschung durch die Welt der Sinneswahrnehmungen. Befriedigung der Sinne ist zum Ziel des Lebens geworden. Dies alles ist das Ergebnis des verschwenderischen Lebens, das die wissenschaftlichen Erfindungen der westlichen Zivilisationen ermöglicht haben. Überall Rastlosigkeit und Ansprüche.

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Wissenschaft und Yoga - gegensätzliche Welten?

Artikel von R. W., erschienen im Yoga Vidya Journal Nr. 15, Frühjahr 2006. Entstanden aus einer Niederschrift eines Vortrags bei einem Kongress „Yoga und Meditation“ bei Yoga Vidya Bad Meinberg

Gemeldet habe ich mich zu diesem Kongress mit dem Angebot, in einem Workshop oder Arbeitskreis von meinen persönlichen Erfahrungen als Wissenschaftler und Yogalehrer zu berichten. Als ich mich dann im Kongressprogramm unversehens als Redner für den Eröffnungsvortrag wieder fand, schien mir, dass dafür ein lockeres Plaudern über meine Erfahrungen nicht ganz angemessen sei. Deshalb müssen sie sich nun einen Vortrag zumuten lassen. Um diese Zumutung aber in Grenzen zu halten, werde ich mehrfach eine Denkpause einlegen. Dann haben sie und ich Gelegenheit, uns kurz zu sammeln und die Eingangsübung zu wiederholen. Beginnen will ich mit dem, was angekündigt war und nun in den Untertitel gerutscht ist: dem Biographischen. Es folgen dann vier Blicke auf das Thema. Als erstes will ich zeigen, dass Wissenschaftler, vor allem in Deutschland, Yoga und Meditation ganz verbreitet für etwas Irrationales und damit Unwissenschaftliches halten. Als zweites werde ich auf begründete Zweifel eingehen, die in der neueren philosophischen Diskussion an der vermeintlichen Rationalität der Wissenschaft vorgebracht worden sind. Als zweites will ich aus meiner Sicht Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Verhältnis von Yoga und Wissenschaft aufzeigen. Als viertes schließlich möchte ich von einigen neueren Entwicklungen im Verhältnis von Wissenschaft und Yoga berichten. Sie lassen darauf hoffen, dass sich westliche Wissenschaft und östliche Weisheitslehren und Meditationsschulen allmählich doch für einander öffnen und zu einem wechselseitig fruchtbaren Austausch gelangen könnten. Ein noch winziger Hoffnungsschimmer ist die „Society for Meditation and Meditation Research“, die diesen Kongress mit veranstaltet. Die Widerstände gegen einen Wandel sind freilich stark und der Weg, sie zu überwinden wird lang und beschwerlich sein. Machen wir uns da nichts vor!

Nun aber erst zum Persönlichen

Von 1974 bis zur Pensionierung im Februar 2003 habe ich an der Uni Bremen Arbeitsrecht gelehrt. Mit nur einer längeren Unterbrechung bin ich meinen Aufgaben in Forschung und Lehre nach besten Kräften nachgekommen. Schon seit meiner Studentenzeit habe ich mich der politischen Linken zugeordnet, jedoch ohne Bindung an eine Partei. Seit 1972 bin ich Gewerkschaftsmitglied.

Weltanschaulich hielt ich mich bis in mein 50stes Lebensjahr für einen am Marxismus orientierten Atheisten, war aber eher ein nicht ganz ungläubiger Nichtchrist. Wenn ich noch während meiner Lehrtätigkeit in den neunziger Jahren Yogalehrer wurde und zwar in der spirituellen Tradition der Meister des Himalayas, so hat das mit der bereits erwähnten Unterbrechung zu tun und die war durch eine einschneidende Lebenskrise erzwungen.

In der Mitte meines 50. Lebensjahrs brach die Fassade des linken und dennoch durchaus erfolgreichen Akademikers schlagartig zusammen. Meine Ehe war längst zerbrochen. Die Hoffnungen, sie wieder kitten zu können, zerschlugen sich endgültig im Juli 1988, als ich kurz vor einer geplanten Forschungsreise nach Japan auch körperlich und psychisch zusammenbrach: Diagnose Gehirntumor. Vor und während der 4 Std. dauernden Operation hatte mein Leben - wie mir der operierende Arzt später sagte - an einem seidenen Faden gehangen. Diese Erfahrung forderte einige Tage nach der OP meinen Lebensmut heraus und führte noch in der Klinik zu dem Entschluss, mich und mein Leben von Grund auf zu ändern. Schon ab Februar 1989 besuchte ich Yogakurse und praktizierte täglich morgens eine Stunde lang oder auch länger Yogaübungen. Daneben hätten sie mich damals in psychotherapeutischen Sitzungen und als zumeist einzige männliche Teilnehmerin in einer Frauentanzgruppe und beim Tango Argentino treffen können.

Als ich nach der erzwungenen Pause, körperlich noch gezeichnet, meine Tätigkeit an der Uni wieder aufnahm, merkte ich schon bald an den Blicken meiner Kolleginnen und Kollegen, dass sie mich mindestens für wunderlich, wenn nicht gar für leicht anormal hielten, für einen mit einem Dachschaden.

Für einige meiner Kollegen war das Maß dann offenbar voll, als sich folgendes ereignete: vom Bremer Regionalfernsehen wurde ich für einen gesundheitspolitischen Beitrag um ein Interview zu der Frage gebeten, wie sich mein Leben durch Krankheit und Operation verändert habe. Dieses Interview wurde auf meinen Vorschlag nach einer kurzen Tanzsequenz im Kreise meiner Frauengruppe aufgezeichnet und war sehr kurz. Denn ich sagte sinngemäß eigentlich nur, dass ich - wie man ja sehen könne - meine Lebenszeit jetzt anders und intensiver nutze und mir meine Arbeit nicht mehr das Wichtigste im Leben sei.

Vermutlich in Reaktion auf dieses Interview fragte einer meiner Jurakollegen bei einer auf Gesundheitswissenschaft spezialisierten Kollegin an, ob noch normal sei, was ich da triebe. Die Kollegin, die mich gut kannte, informierte mich, ohne den Namen zu nennen. Sie hatte ihm gesagt, er solle mich selbst fragen. Ich weiß bis heute nicht, wer es war und auch nicht was ich geantwortet hätte, habe aber von da an in meinem Fachbereich frei nach dem Motto gelebt: "Ist der Ruf erst ruiniert….."

Nach ca. zwei Jahren der Yogapraxis entschloss ich mich, eine Ausbildung zum Yogalehrer aufzunehmen. Zu dieser Zeit war trotz erster positiver Erfahrungen auch in meinem Kopf noch die Sperre, dass es sich beim Yoga um etwas Irrationales handele. Vor allem die Meditation hielt ich für unvereinbar mit meiner Verpflichtung auf die wissenschaftliche Rationalität. Wie würde ich den Spagat zwischen diesen beiden gegensätzlichen Welten aushalten?

Mit dieser bangen Frage fuhr ich im Februar 1992 in das erste Ausbildungswochenende am "Himalaya Institut für Yogawissenschaft und Philosophie". Wegen dieses Namens meinte ich, mit meinen Zweifeln hier am besten aufgehoben zu sein. Schon am ersten Tag erfüllte sich meine Erwartung voll. Bis heute begleitet mich seitdem die Botschaft des Ausbildungsleiters, Wolfgang Bischoff. Er begann zwar seinen Einführungsvortrag mit einem für mich damals noch befremdlichen Sprechgesang, einem Mantra, befremdlich, weil ich da das Irrationale des Yoga auf mich zukommen sah, doch schloss er den Vortrag mit den Worten: "Glaub mir kein Wort, bezweifle alles, was ich sage, aber mach die Übungen, die ich dir empfehle und überprüfe selbst!" Das entsprach voll meinem Credo als Wissenschaftler! In Ahrensburg lernte ich nicht nur Yoga-Übungen und erste Meditationen, sondern erhielt auch Kenntnisse über die indische Philosophie, vor allem über die Yoga-, Samkhya- und Vedantaphilosophie. Hinzu kamen Anstöße, auch über Grundfragen von Wissenschaft und Philosophie des Westens nachzudenken, die mich seit meinem Studium kaum noch beschäftigt hatten. Vor allem bewegte mich die Frage: Was eigentlich ist Wissenschaft? Da war ich nun viele Jahre beruflich als Wissenschaftler tätig gewesen, aber kaum je war mir diese Frage in den Sinn gekommen oder gestellt worden. Nun konnte und wollte ich sie nicht länger verdrängen. Damit bin ich über das Persönliche des Unterthemas beim Sachlichen und beim Thema angekommen.

Wissenschaft und Yoga – gegensätzliche Welten?

Dazu zwei Vorbemerkungen: 1. Soweit im Folgenden von Yoga die Rede ist, meint das für mein Verständnis immer auch die Meditation in einer denkbar breiten Palette von Übungsmethoden. Denn Yoga zielt – das muss ich hier nicht näher ausführen - in allen seinen Teilen letztlich auf die Meditation als der obersten Stufe des achtstufigen Weges nach Patanjali.

Seinem Yoga Sutra zufolge dienen die körperlichen Übungen (Asanas) nur dem Zweck, Menschen auf die Meditation vorzubereiten. Sie sollen befähigt werden, über eine längere Zeit im aufrechten Sitz zu meditieren, ohne durch körperliche und mentale Störungen abgelenkt zu werden. Dem gleichen Zweck dienen die Übungen mit dem Atem und der Lebensenergie (Pranayama) und das Zurückziehen der Sinne von den Objekten der äußeren Welt (pratyahara). Wegen der zentralen Rolle der Meditation im Yoga nach Patanjali prägte mein Lehrer, Sri Swami Rama, einer der bedeutendsten Yogis des vorigen Jahrhunderts, die Definition: „Yoga is meditation in action“ zu dt. „Yoga ist Meditation im Handeln“ oder auch „ist Achtsamkeit im Handeln“.

2. Unmittelbar beziehen sich meine Ausführungen zwar nur auf den Yoga. Doch stehen sie für das Verhältnis der Wissenschaft zu anderen spirituellen Lehren und Meditationspraktiken.

1. Blick: Yoga und Wissenschaft.

Auf den ersten Blick scheint es aus der Perspektive beider – des Yoga wie der Wissenschaft - keine einander fremderen Welten zu geben als eben diese beiden. Wie suspekt vielen Wissenschaftlern alle östlichen Weisheitslehren und alles ist, was mit Meditation zusammenhängt, mag folgendes Zitat aus dem philosophischen Beitrag eines Professors der Paläobiologie und Geologie belegen:

„Heute tauchen vereinzelt Missionare des Irrationalen in der Ethnologie und Anthropologie auf, kann in der Philosophie die Ablehnung der reinen, der wissenschaftlichen Ratio zu einem Plädoyer für die Einbeziehung der Mystik und Meditation (…) werden. Selbst in den auf nüchterne Sachlichkeit so bedachten Naturwissenschaften sägen heute einige dem Irrationalen Zuneigende eifrigst am eigenen Ast. Nicht zuletzt eine Reihe von Physikern, die sich (…) in den Irrgarten ostasiatischer Mystik oder in parapsychologische, dubiose Winkel verirrt haben!“

In den Anmerkungen zu dieser Textstelle erfahren wir, was und wen er damit u. a. meint:

„Gewisse Abschnitte in C. F. Weizsäcker: Der Garten des Menschlichen.“

Sollte sich der große Physiker und Philosoph von Weizsäcker wirklich ins Irrationale verirrt haben? Genügt als Beleg dafür, dass Weizsäcker u. a. Vorworte zu zwei spirituellen Büchern geschrieben, ein Interview über seine Meditationserfahrungen gegeben und beides in seinem Buch veröffentlicht hat? Dieser Angriff richtet sich nicht nur gegen von Weizsäcker, sondern gegen mehrere ebenfalls namentlich genannte Wissenschaftler wie z. B. Fritjof Capra. Vor den Augen unseres Gewährsmannes tut sich offenbar ein großer Sumpf an Irrationalität auf, in dem die von ihm vertretene Lehre, rein rationale Wissenschaft zu versinken droht. Eine Satire möchte man schreiben, wenn die Sache nicht ernst wäre. Denn diese Äußerungen stehen stellvertretend für das Denken vieler Wissenschaftler, die das nur nicht so dankenswert offen und deutlich sagen. Meine eigenen Erfahrungen belegen das. Yogis und Meditierende aller Traditionen haben aber – wenn ich recht sehe - ihrerseits ein mindestens distanziertes Verhältnis zur anderen Seite, zur Wissenschaft. Diese Distanz scheint in den Erfahrungen und in der Einstellung Meditierender zu wurzeln: „Ich weiß, welche Erfahrungen ich im Meditieren mache und ich weiß auch, dass ich weiß oder dass ich nichts weiß. Das brauche ich mir doch von einem Wissenschaftler nicht auch noch bescheinigen zu lassen.“ Verkannt wird dabei die gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft für die Akzeptanz und damit auch für die Verbreitung der Meditation und anderer spiritueller Praktiken in breiten Kreisen der Bevölkerung, die wir dafür gewinnen wollen. Verkannt wird dabei auch, wie wichtig die wissenschaftliche Akzeptanz in unseren Breiten ist, um etwa die Anerkennung von Meditation als wirksame Gesundheitsprävention oder gar als Heilverfahren zu erlangen, mit der Folge, dass gegebenenfalls die Kassen für die Kosten ihrer klinischen und therapeutischen Anwendung aufzukommen hätten.

2. Blick: Kritik der wissenschaftlichen Vernunft

Unter diesem Titel veröffentlichte Kurt Hübner 1977, damals Professor für Philosophie an der Universität Kiel, ein umfängliches philosophisches Werk. Darin weist er gestützt auf Analysen anscheinend rein rationaler Argumentation der Mathematik und auf wissenschaftliche Methoden und Ergebnisse der Geschichtswissenschaft nach, wie unhaltbar die zumeist ungeprüfte Annahme ist, dass in der Wissenschaft ausschließlich und allein das Prinzip der Rationalität regiere.

Hübner bezieht sich auf die griechische Mythologie, aus der heraus sich heutige Philosophie und Wissenschaft überhaupt erst entwickelt haben und in der er eine eigene Rationalität ausmacht. Im Vergleich dazu verdeutlicht er, wie stark rational nicht begründbare Elemente selbst noch die heutige Wissenschaft prägen. Umfängliche Zitate aus Hübners Werk will ich ihnen und mir ersparen. Die können sie in der gedruckten ausführlicheren Fassung nachlesen. Hier nur zwei Zitate aus Hübners Schlussfolgerung am Ende seiner gründlichen Analyse:

„Nichts wäre (….) falscher, als dem Mythos, wie das oft geschieht, Irrationalität zu unterstellen, dem die Wissenschaft als etwas Rationales entgegentritt.“ An späterer Stelle der Zusammenfassung schreibt Hübner: Es gibt (….) keinen theoretisch zwingenden Grund anzunehmen, dass alle Welt mythische Sichtweisen als solche, (.....) ins Reich des Märchens verbannen muss, wenn sie nicht (…..) den Verstand verlieren will.“

In einer H. gewidmeten Festschrift „Zur Kritik der wissenschaftlichen Rationalität“ (1986) haben sich mehrere Philosophen seiner Kritik angeschlossen und seine Argumentation in die eine oder andere Richtung ausgebaut. Für Nachweise und Zitate verweise ich sie ebenfalls auf die schriftliche Fassung. So schreibt Kockelmans, ein amerikanischer Philosophieprofessor, mit Bezug auf die Sozialwissenschaft u. a.: Man sollte s. E. erkennen, „dass es mythische Dimensionen sowohl in der Wissenschaft als auch in der Philosophie gibt.“ In der Wissenschaft erblickt er sie - ganz ähnlich wie Hübner - in „tief eingewurzelten Überzeugungen (…), für die (bis jetzt) keine rationale Rechtfertigung gegeben worden ist“.

Während Hübner noch zwischen Wissenschaft und Mythos klar unterscheidet und nur Vergleichbares in beiden ausmacht, geht MacCormac, ein Wissenschaftstheoretiker aus den USA, noch einen Schritt weiter. Er behauptet, dass bestimmte vermeintlich wissenschaftlich bewiesene Tatsachen selbst eine Art Mythos sind. Wissenschaftler bedienen sich nämlich zur Erklärung und Deutung ihrer Befunde nicht selten „grundlegender Metaphern“. Gemeint sind damit bildhaft beschreibende Vergleiche, wie etwa das Bild vom Urknall als dem Beginn der Entstehung des Kosmos: Wodurch unterscheidet sich diese von den Wissenschaftlern als Tatsache betrachtete und verbreitete Theorie vom Urknall eigentlich noch von den vielen mythischen und religiösen Erklärungen, etwa dem der Bibel: „Am Anfang war das Wort …“, wofür auch gesagt werden kann: Am Anfang war der Laut, oder war die Schwingung oder war die Idee, die zur Schwingung und zum Wort oder auch zum Knall wurde. Nun mag man hier einwenden: dass bei Hübner und den anderen Autoren nur vom Mythos die Rede ist, nicht aber von der Mystik, der Meditation, und von östlichen Weisheitslehren. Wichtig sind die im Vergleich zum Mythos vorgetragenen Zweifel am Ausschließlichkeitsanspruch der Wissenschaft auf Rationalität vor allem deshalb, weil in der wissenschaftlichen Kritik an vermeintlich irrationalen Lehren Mythos und Meditation in einen Topf geworfen werden. Dafür erinnere ich an das obige Zitat aus dem Beitrag des Paläobiologen, der ja ausdrücklich auch die Meditation dem Verdacht der Irrationalität unterstellt hat.

3. Blick: Was ist Wissenschaft? Was haben Yoga und Meditation mit ihr gemeinsam? Worin unterscheiden sie sich von Wissenschaft?

Was ist Wissenschaft

„Wissenschaft“ - so das dtv-Lexikon - ist „der Inbegriff des durch Forschung, Lehre, und überlieferte Literatur gebildeten, geordneten, begründeten, für gesichert erachteten Wissens einer Zeit; auch die für seinen Erwerb typische, methodisch-systematische Forschungs- und Erkenntnisarbeit, sowie ihr organisatorisch-institutioneller Rahmen“

Dieser Begriff ist mit dem Bezug auf das „Wissen einer Zeit“ zeitlos gültig. Er lässt selbst noch die von Kirche und Kleru dogmatisierten mittelalterlichen Lehren über die Welt und den Kosmos als Wissenschaft gelten. Denn auch das war das „Wissen einer Zeit“ gewonnen durch die damals „typische systematische Erkenntnisarbeit“ der Bibelexegese und der Dogmatisierung von biblischen Textstellen. Auch diese Erkenntnisarbeit war eingebunden in einen „organisatorisch- institutionellen Rahmen“, wie ihn eben die damalige Kirche mit ihren Priesterseminaren und Klöstern bot. Da wäre es ein Leichtes, das Studium und die Weitergabe des Yoga und der ihm zugrunde liegenden Basistexte der klassischen indischen Philosophie in den zahlreichen indischen Ashrams und außerindischen Yogalehrer-Ausbildungszentren ebenfalls unter dem oben zitierten Begriff von Wissenschaft zu fassen. So einfach will ich es ihnen und mir nicht machen. Denn sicher würden wir in der heutigen Situation beiden nicht gerecht, wollten wir Wissenschaft und Yoga ohne weitere Umstände gleichsetzen! Fragen wir also weiter.

Was ist Wissenschaft heute? Was haben Yoga und Meditation mit heutiger Wissenschaft gemein und was unterscheidet sie voneinander?

Heutige Wissenschaft umfasst das systematische Bemühen um objektive Erkenntnis bzw. intersubjektiv nachprüfbares Wissen. Als objektiv und nachprüfbar gilt dabei nur, was unter gleichen Bedingungen von anderen Forschern nachgeprüft werden kann. Ferner umfasst auch heutige Wissenschaft alles, was als Ergebnis dieses Bemühens an geschichtlich aufgehäuftem Wissen bereit liegt. Hinsichtlich ihrer Gegenstände bezieht sie sich mit dem Streben nach Erkenntnis auf das gesamte Spektrum der gegenständlichen, mit den Sinnen wahrnehmbaren Welt. Dazu gehört auch der Mensch als Teil dieser Welt. Zerlegt in kleine und kleinste Teilaspekte betrachtet Wissenschaft diese Gegenstände in zahlreichen Zweig- und Unterdisziplinen. Wie stark vielfach fraktioniert Wissenschaft heute ist, will ich nur an einigen Beispielen verdeutlichen:

1. In der Medizin gibt es heute fast schon für jedes Organ, jedes Krankheitsbild und jeden Körperteil darauf spezialisierte medizinische Teildisziplin. (Anästhesie, Allergologie, HNO, Kardiologie, Nephrologie, Onkologie, Proktologie, usw,..) Werfen sie dafür einmal nur einen Blick in die Ärztetafel im Telefonbuch.

2. In der Psychologie begegnen uns u. a. die Allgemeine, die Entwicklungs-, Familien- und Sozial-, Sport- und Bewegungs- und sogar die Arbeits- und Technikpsychologie, wobei man sich fragt: Geht es hier um eine eigene Psyche der Technik?

3. Noch bunter ist das Bild in der Soziologie. Kaum ein Gegenstand der sozialen Welt, der noch nicht mit dem Anhängsel „Soziologie“ in den Rang einer eigenen wissenschaftlichen Teildisziplin erhoben worden wäre: (Familien-, Arbeits- und Industrie-, Rechts-, Medizin-, Verwaltungs- und Organisations, Wissens und Kultur- Politische - und Filmsoziologie bis hin zur Soziologie des Geschlechterverhältnisses.

4. Für meine eigene frühere Disziplin die Rechtswissenschaft könnte ich ihnen ebenfalls ein breites Spektrum an Teildisziplinen auflisten, das fast schon ans Skurrile grenzt.

5. Kaum anders ist das Bild in den so genannten exakten Naturwissenschaften.

6. Soweit es in allen Zweigen der Wissenschaft um menschliche Erkenntnis geht, stehen alle immer auch vor der Frage nach dem erkennenden Subjekt, dem Menschen und seinen Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis. Das sind zentrale Fragestellungen u. a. der Philosophie, der Erkenntnistheorie und der Psychologie und neuerdings der Kognitionswissenschaft.

Auch im Yoga geht es um Erkenntnis. Doch zielt Erkenntnis im Meditieren als der obersten Stufe des Yogaweges vorrangig auf Selbsterkenntnis bzw. auf die Erkenntnis des Selbst oder - in der buddhistischen Begrifflichkeit - des Nichtselbst als das Wesen der menschlichen Persönlichkeit. Nur in diesem Zusammenhang richtet sie sich auch auf die gegenständliche Welt als dem Ort und Raum der menschlichen Existenz und Befindlichkeit. Deswegen haben große Meditationsmeister aller Richtungen und Schulen immer wieder darauf hingewiesen, dass sie über die Erkenntnis des Mikrokosmos der menschlichen Persönlichkeit zugleich auch ein tiefes Wissen über den Makrokosmos erlangt haben, bzw. über das, was - mit Goethe - die Welt im Innersten zusammenhält.

Ebenso wie in der Wissenschaft gibt es auch im Yoga und in allen anderen Schulen und Traditionen der Meditation einen reichen Schatz geschichtlich aufgehäuften Wissens. Denn alle großen Meister haben ihre Erfahrungen und ihr im Zustand der Meditation gewonnenes Wissen der Nachwelt in spirituellen Schriften überliefert. Einige dieser Schriften sind mehrere tausend Jahre alt, wie etwa die Veden und Upanishaden Indiens, die als die ältesten Schriften der Menschheit überhaupt gelten.

Auf dieser beschreibenden Ebene sind also Wissenschaft und Meditation durchaus noch mit einander vergleichbar. Doch deuten sich hier bereits Unterschiede in Bezug auf die Gegenstände und Methoden der Erkenntnis an.

Unterschiede zwischen Wissenschaft und Yoga

Der Mensch als Objekt der Erkenntnis

Im gängigen Wissenschaftsverständnis dienen den Wissenschaftlern die gegenständliche Welt und der Kosmos, aber auch die Menschen als Objekte ihrer Forschungen und zwar in der oben beschriebenen nach Fachdisziplinen parzellierten Weise. Der Wissenschaftler als das forschende Subjekt betrachtet also den Menschen als Objekt seines Bemühens um Erkenntnis. Subjekt und Objekt der Erkenntnis sind hier getrennt.

Auf dem Übungs- und Erkenntnisweg des Yoga ist jeder nach Wissen strebende Mensch zugleich Subjekt und Objekt seines Bemühens um Erkenntnis. Die in der Wissenschaft übliche Trennung ist hier also aufgehoben. Dabei betrachtet sich der meditierende Mensch von vornherein in seiner ganzheitlichen Existenz als Wesen aus Körper, Seele und Geist mit dem Atem als Bindeglied zwischen diesen Dreien und eingebettet in Natur, Welt und Kosmos sowie in gesellschaftliche Zusammenhänge.

Instrumente und Methoden der Erkenntnis: Verstand und Objektivität versus Introspektion und Intuition

Heutige Wissenschaft strebt nach überprüfbarem, objektivem Wissen und meint dafür allein auf den Verstand setzen zu dürfen, auf die menschliche Ratio. Man kann diesen Zusammenhang auch so formulieren:

Weil heutige Wissenschaft ausschließlich auf Rationalität setzt, lässt sie nur solche Methoden als wissenschaftlich gelten, mit denen die Ergebnisse intersubjektiv überprüft werden können. Das ist zugleich der eigentliche Grund für die Zergliederung des in seiner Ganzheit lebenden Menschen in unterschiedliche Teilaspekte, die von gegeneinander abgegrenzten wissenschaftlichen Disziplinen je gesondert untersucht werden. Mit diesen Verfahren verbinden Wissenschaftler die Hoffnung, in der je getrennten Untersuchung des Zerteilten irgendwie einmal zur Rekonstruktion des Ganzen zu gelangen, die Teilerkenntnisse also wie in einem Puzzle zum Ganzen zusammensetzen zu können.

Tatsächlich aber gibt es auf kaum einem Gebiet heute noch einen Wissenschaftler, der sich umfassend in allen Zweigdisziplinen seines Fachs auskennt. Erst recht ist niemand mehr in der Lage, alle Wissenschaften zu überschauen. Die Spezialisierung schreitet munter weiter voran und das Gegenmittel der „interdisziplinären Zusammenarbeit“ greift nur teilweise und langsam.

Yoga und Meditation lehnen – so wie ich die Grundlagentexte und die Nyaya-Philosophie, eine der sieben Hauptschulen der indischen Philosophie verstehe - den Rationalität rationalen Weg der Erkenntnis durchaus nicht ab. Denn auch Meditierende leben in dieser Welt der Erscheinungen und Dualitäten und darin benötigen wir Menschen den Verstand, um uns orientieren und angemessen handeln zu können. Doch wird den in der Wissenschaft bevorzugten quantitativen und den schon scheel angesehe]en qualitativen Erkenntnisverfahren in den Basistexten der Yogaphilosophie ein nur begrenzter Erkenntniswert in Bezug auf die materielle Welt der Erscheinungen zugebilligt. Die großen Meister der Meditation halten dafür, dass auf diesem Wege weder das Wesen der Menschen erkannt werden kann noch das der Welt und des Kosmos. Denn das Wesen oder das Ganze] ist nicht etwa nur mehr, sondern etwas anderes als die Summe der Teile. Es kann nur in der Innenschau mittels Intuition, nicht aber rational erfasst werden.

Deshalb bedient sich Yoga der systematischen Innenschau, der Introspektion, wenn man diesen Begriff nicht auf das verkürzt, was die „Introspektionisten“ des beginnenden 20. Jhs. darunter verstanden. Im Yoga und in der Meditation werden Praktizierende systematisch angeleitet, ihre Achtsamkeit nach innen zu richten und in der Innenschau die Kraft der Intuition zur Erlangung von Selbsterkenntnis und von Erkenntnissen über die äußere Welt und ihre Befindlichkeit in ihr zu nutzen. In der Wissenschaft wird dagegen die Introspektion heute rundweg als unwissenschaftlich abgelehnt, weil sie angeblich keine Möglichkeit böte, objektive Erkenntnisse zu erlangen, die sich nach den gleichen Methoden durch andere überprüfen lassen. Dagegen ließe sich schon Folgendes einwenden:

Werden mehrere Menschen nach den gleichen Methoden im Meditieren angeleitet, dann können mit einiger Übung – wie wir wissen - alle die gleichen oder vergleichbare Erfahrungen machen. Wäre das nicht mit gleichem Recht als intersubjektive Nachprüfung anzuerkennen wie die Wiederholung einer qualitativen soziologischen oder psychologischen Studie, in der sich die Forscher der teilnehmenden Beobachtung bedienen? Neuerdings aber wachsen mit wissenschaftlichen Methoden und Verfahren zur Untersuchung der Strukturen und Vorgänge im Gehirn die Chancen, mit allgemein anerkannten wissenschaftlichen Verfahren wenigstens ansatzweise darzustellen, wie sich Yoga und Meditation auf die Funktionen des Gehirns auswirken.

Die Intuition wird von der Wissenschaft ebenfalls abgewehrt und kaum je in ihrer Bedeutung auch für die Wissenschaft anerkannt, geschweige denn im wissenschaftlichen Prozess systematisch genutzt. Dabei trägt sie zur Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse vielleicht sogar mehr und anderes bei als der Verstand. Nur wenige Wissenschaftler aber sind so souverän wie Albert Einstein, sich offen zur Intuition als dem eigentlichen Vater ihrer Entdeckung zu bekennen. Einstein hat in einem Brief oder Gespräch einmal sinngemäß gesagt, dass ihm die Relativitätstheorie auf einem Spaziergang in den Bergen plötzlich aufgegangen sei. Nur um sie in Worte zu fassen, habe er danach seinen Verstand anstrengen müssen.

Wenn die meisten Wissenschaftler mit der Intuition Probleme haben, so liegt das m. E. daran, dass sich, was sie sei, weder einfach definieren noch rational erklären lässt. Man mag sie als unmittelbare Eingebung beschreiben oder als das innere Aufleuchten einer Idee, woher auch immer sie kommen mag. Wer je in seinem Leben bei welcher Gelegenheit auch immer eine solche Eingebung hatte, der weiß, dass sie sich mit aller Kraft des Verstandes aus ihrem Versteck nicht hervorlocken lässt. Im Gegenteil: je mehr wir den Verstand anstrengen, ein bestimmtes Problem zu lösen, desto mehr scheint sich die Lösung zu verbergen. Geben wir alle Anstrengung auf und legen eine Ruhepause ein oder gehen wir erst einmal – wie Einstein – spazieren oder auch schlafen, so geschieht es nicht selten genug, oft auch am frühen Morgen kurz vor oder nach dem Aufstehen, dass sich plötzlich ein Aha-Erlebnis einstellt und wir die Lösung gefunden haben. Diese Erfahrung hat – so denke ich - jeder von ihnen selbst schon gemacht.

Die Intuition entspringt ganz augenscheinlich einer anderen Quelle als das verstandesmäßige Denken. Sie leuchtet zumeist unangekündigt auf und woher sie kommt, ist eine offene Frage. Steigt sie aus unserem eigenen inneren Selbst auf oder wird sie uns von einer höheren, göttlichen Kraft außerhalb von uns eingegeben, oder von einem All-Bewusstsein, das zugleich in uns und außerhalb von uns ist? Dazu mag sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Besonders intensiv – so meine Erfahrung - macht sich Intuition bemerkbar, wenn ich in die Stille gehe und meditiere. Sie ist daher für mich recht eigentlich ein Kind der Stille und der Meditation. Diese auf der Erfahrung beruhende Einsicht machen sich alle Wege der Meditation zunutze. Sie bedienen sich in systematischer Weise der Intuition als Quelle der Erkenntnis. Und daher vermitteln alle Schulen den Menschen die Fähigkeit, willentlich die Sinne von der äußeren Welt zurückzuziehen und in das Schweigen der Worte und der Gedanken zu gehen, und damit in jene Stille, die dem Denken vorausgeht und aus der allein die Stimme der Intuition zu uns zu sprechen beginnt.

Neuere Tendenzen einer Annäherung von Wissenschaft und Meditation

Alle Schulen des Yoga und der Meditation haben ihr Wissen Jahrhunderte lang wie eine Art Geheimlehre behandelt. Nur an speziell vorbereitete eingeweihte Schüler wurde das Wissen jeweils von einem Meister direkt weiter gegeben. Nach und nach aber haben Yoga und Meditation in Indien einen anerkannten Platz auch im wissenschaftlichen Bereich erhalten.

Einen Rückschritt gab es dann während der kolonialen Unterdrückung des Landes. Doch ist das Band zwischen Yoga und Wissenschaft in Indien nie völlig abgerissen. Nach dem Sieg der Unabhängigkeitsbewegung wurden die Bande in moderner Gestalt wieder belebt und nach und nach fester geknüpft.

Inzwischen gibt es einige vom Staat als Universitäten anerkannte Yogahochschulen, in denen anders als in den üblichen Ashrams Yoga und Meditation nicht nur unterrichtet werden, sondern zugleich auch Gegenstände der Forschung sind, zum Beispiel die Yoga-Universität der Sivananda-Tradition in Munger und das Swami Rama-Yoga-Gurukulam in Rishikesh.

Der Westen begann sich erst seit dem 19. Jahrhundert nach und nach für Yoga und Meditation zu interessieren. Erste Berichte über den Yoga gelangten durch Reisende und durch Verwaltungsbeamte der britischen Kolonialmacht in den Westen. Verstärkt nahm das Interesse dann zu als die ersten großen Yogameister seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in den Westen kamen und Yoga und Meditation hier zu verbreiten begannen. Beide galten allerdings lange Zeit als zwei verschiedene Dinge. Yoga wurde mit Nachwirkungen bis heute getrennt von der Meditation als eine Art von spezieller Gymnastik betrachtet und im Hatha Yoga verbreitet so unterrichtet.

Der Weg des Yoga in den Westen begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Erst rund 70 Jahre später begann sich die Wissenschaft des Westens für Yoga und Meditation zu interessieren, anfangs vor allem in den USA. Nach und nach öffneten sich hier anerkannte große private Forschungsstätten, Kliniken und Universitätsinstitute für Forschungen über Yoga und Meditation. Dieser Prozess nahm in den siebziger Jahren des 20. Jhd. einen größeren Aufschwung.

Grob gesagt kann damit die wissenschaftliche Forschung über Yoga und Meditation in den USA heute auf eine Geschichte von ca. 35 Jahren zurückblicken. Doch sind bereits in dieser relativ kurzen Zeit unzählige Studien von Psychologen und Medizinern über die präventiven gesundheitlichen Wirkungen des Yoga und der Meditation durchgeführt worden. An großen Kliniken wie u. a. an der Herzspezialklinik von Dr. Dean Ornish wurden beide auch auf ihre [Therapie|therapeutischen]] Wirkungen hin erprobt. Die Ergebnisse dazu sind in vielen Begleituntersuchungen dokumentiert worden.

Mit einiger Verzögerung schwappte das wissenschaftliche Interesse am Yoga dann seit dem Beginn der 80er Jahre nach Europa herüber, kam aber in Deutschland so ziemlich zuletzt an, nämlich erst Ende der 80er Jahre. Immerhin gibt es auch in Deutschland nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt eine sich langsam etablierende Yoga- und Meditationsforschung. Die erst im Juli 2000 gegründete Society for Meditation and Meditation Research hat bereits drei wissenschaftliche Kongresse durchgeführt bzw. mit veranstaltet (2001 in Heidelberg, 2002 in Bochum und 2004 in Köln). Dieser Kongress hier ist nun der vierte.

Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts gibt es weltweit ein stärker zunehmendes wissenschaftliches Interesse an Yoga und Meditation. In Bibliographien aus neuerer Zeit werden über 900 zumeist englischsprachige empirische Studien und theoretische Arbeiten nachgewiesen und zwar über 300 allein zum Thema Stressbewältigung durch Yoga und Meditation. Etwa gleich groß ist die Anzahl der psychologischen und medizinischen Studien über Yoga für Kinder und Jugendliche und über Yoga und Meditation für alte Menschen. Diese Bibliographien wurden in den USA erstellt und erfassen einigermaßen vollständig nur die englischsprachige Literatur, nicht aber Studien in anderen Sprachen.

Stützten sich wissenschaftliche Untersuchungen anfangs zumeist auf die Befragung Praktizierender, auf psychologische Tests und auf andere relativ weiche Methoden der Untersuchung und Datenerhebung, so hat die Forschung auf diesem Gebiet seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts einen qualitativen Sprung getan und so eine neue Stufe erreicht.

EEG-Verfahren zur Messung der Gehirnströme und Bild gebende Verfahren zur Untersuchung der Gehirnaktivitäten im Zustand der Meditation in Kernspingeräten erlauben zwar noch keinen perfekten Einblick in das, was im Gehirn Meditierender vorgeht. Sie lassen aber nach und nach immer deutlicher erkennen, dass Meditation gehirnphysiologische Wirkungen hat, die als erhöhte geistige Wachheit und Konzentration bei gleichzeitiger tiefster Entspannung zu deuten sind.

Das ist in meinen Worten eines der wichtigsten Ergebnisse einer noch nicht publizierten, aber schon zur Veröffentlichung angenommenen bibliographischen Studie von Cahn und Polich, zweier amerikanischer Wissenschaftler von der University of California und vom renommierten Scripps Research Institute. Die Autoren haben nahezu 350 neuere und neueste empirische Studien vergleichend ausgewertet.

Ein großer Teil davon gilt den im EEG und im Kernspin messbaren Wirkungen der Meditation auf die Aktivitäten des Gehirns. Die auch nur grob gekürzte Wiedergabe von Details ihrer Ergebnisse will ich den Fachwissenschaftlern überlassen, weil das zu sehr ins Fachspezifische geht, von dem andere hier im Saal, wie vor allem Ulrich Ott, der deutsche Spezialist auf diesem Gebiet der Forschung, mehr verstehen als ich. Hier nur einige kurze Zitate aus der Zusammenfassung in Übersetzung:

Um die klinische Anwendbarkeit solcher Methoden der Meditation voran bringen zu können, sei „eine Fortsetzung derartiger Untersuchungen und die vergleichende Bewertung ihrer Ergebnisse notwendig.“

„Eine große Herausforderung für die Grundlagenforschung zur Meditation verbleibt die eindeutige quantitative Unterscheidung und topographische Darstellung des Unterschieds zwischen Meditation und Zuständen beginnenden Tiefschlafs. (……..)“

„Obwohl eine umfassende empirische und theoretische Grundlage noch fehlt, ist jedenfalls eindeutig, dass „die Funktionsweise des zentralen Nervensystems durch Meditation beeinflusst“ wird. Der spezifische Nutzen meditativer Praktiken in Verbindung mit psychologischen und neuropharmakologischen Therapien ist eine große Triebkraft für künftige Studien.“

Die Ergebnisse solcher Studien sind auch in populärwissenschaftlichen Berichten schon verbreitet worden. So z. B. in dem Artikel „Die neuronale Erleuchtung“ von Ulrich Kraft in „Gehirn und Geist“ Heft 10 2005, S.12 ff. Selbst Tagezeitungen wie die Süddeutsche haben dieses Thema bereits aufgegriffen, SZ 68. Ausgabe, 2005 S.11 „Mönche in der Magnetröhre“ ebenfalls von Ulrich Kraft.

Auch an deutschen Universitäten gibt es inzwischen Wissenschaftler, die sich im Kontext von Forschungen über die Funktionsweise des Gehirns (wie z. B. über Neurokognition) für die Wirkungen der Meditation auf die Funktionen des Gehirns interessieren. Anstatt Meditationsforschung weiterhin pauschal abzulehnen und für Rufschädigung zu halten, nehmen sie Forschungen dazu auf und betreuen Diplom- und Doktorarbeiten zu dieser Thematik.

Große Meditationsmeister, wie z. B. der Dalai Lama und Sri Swami Veda Bharati, die beide in engem Austausch miteinander stehen, unterstützen die Bemühungen der Wissenschaft. Sie stellen sich selbst für Untersuchungen der Zustände ihres Bewusstseins in der Meditation zur Verfügung und fordern ihre Schüler auf, das ebenfalls zu tun. Dieser Aufforderung bin ich in Bremen vor vier Wochen nachgekommen. Von hier aus möchte ich Meditierende aller Richtungen mit längeren Erfahrungen, aber auch Anfänger in der Meditation dringend bitten, sich im Interesse der an dieser Thematik arbeitenden Nachwuchswissenschaftler ebenfalls auf eine solche Untersuchung einzulassen. Für mich war es eine Erfahrung, die mich auch ganz persönlich bereichert und auf meinem Weg vorangebracht hat. Vor allzu großen Erwartungen in diese Forschungen – so denke ich - muss gewarnt werden. Die hier anwesenden Wissenschaftler, die schon jetzt an derartigen Studien arbeiten oder sie unterstützen, wissen besser als ich um die Möglichkeiten und Grenzen dessen, was auch mit den neuesten Apparaturen technisch machbar ist. Eines, so scheint mir, kann jetzt schon gesagt werden: Das Eigentliche, worum es der Meditation geht, die subjektive Erfahrung des willentlich herbeigeführten anderen, höheren Zustands des Bewusstseins, wie immer man den in den |unterschiedlichen Traditionen bezeichnen mag - Samadhi oder Satori oder Befreiung - wird für die Wissenschaftler ein Geheimnis bleiben. Was es subjektiv bedeutet, in den Zustand des Samadhi oder in die große Leere einzutreten, diese Erfahrung erschließt sich nur dem, der die meditative Reise in das nahe liegende und dennoch unbekannte Innere antritt.

Eigene Erfahrung als Yogalehrer und Wissenschaftler

Zusammenfassung meiner eigenen Erfahrungen in zwei Sätzen: Ich kann als Wissenschaftler Yoga betreiben und Yogalehrer sein, ohne mich von der Wissenschaft lossagen und meinen rationalen Verstand an der Garderobe abgeben zu müssen. Ich gewinne sogar etwas auch für die Wissenschaft Wichtiges hinzu: eine verstärkte intuitive Kraft, die in meinen Meditationen von Zeit zu Zeit mit kleineren oder größeren Erkenntnissen aufleuchtet! Der anfangs befürchtete Spagat ist für mich inzwischen ein erträgliches Stehen auf beiden Beinen.

Mit Persönlichem habe ich begonnen und damit will ich schließen. Warum ich nach meiner Tumoroperation den spirituellen Weg eingeschlagen habe und nicht wieder in die alten Geleise zurück geraten bin, wie man das immer wieder von Menschen nach ähnlich einschneidenden Erfahrungen hört, mag mit der folgenden Geschichte zusammenhängen. Sie deutet darauf hin, dass ich schon seit meiner Schulzeit auf dem spirituellen Weg war, ohne das selbst zu wissen.

Albrecht Haushofer, ein bedeutender Wissenschaftler und Dichter, den die Nazis wegen Zugehörigkeit zum Widerstand zum Tode verurteilt und in Moabit hingerichtet haben, hat in seiner Todeszelle wunderbare Sonette geschrieben, darunter eines auf eine Mücke, die er im ersten Impuls erschlagen wollte, dann aber ruhig beobachtete, während sie sich von seinem Blut nährte. Die letzten Zeilen dieses Gedichts lauten:

„Wir sind ja beide, Mensch und Mücke, nichts als kleine Schatten eines großen Lichts“.

Beeindruckt von diesem Gedicht habe ich als Schüler 1957 ein Jahr vor dem Abitur vom Spätherbst an täglich im Erdkundezimmer, das ich damals verwaltete, eine Mücke genährt. Beim ersten Mal habe ich meinen Finger unmerklich langsam an sie angenähert, bis sie aufsprang, stach und zu saugen begann. Als sie rundum gesättigt war, setzte sie sich wieder auf ihren Platz am Fenster und dort saß sie von da an immer, bis ich morgens kam und ihr wieder meinen Finger anbot. Am Tag vor den Weihnachtsferien habe ich sie mittags vor dem Verlassen der Schule noch einmal saugen lassen und als ich im Januar wieder in die Schule kann, lag sie tot auf dem Fensterbrett genau unter der Stelle, wo sie vergeblich auf meinen Finger gewartet haben mag.

Kann mir irgend jemand erklären, warum ich von da an in meinem ganzen Leben von Mücken in den verschiedensten nahen und fernen Gegenden der Welt fast immer nur dann gestochen worden bin, und zwar selbst in den dicksten Schwärmen, wenn ich es ihnen angeboten oder mindestens mental erlaubt habe? Könnte das kausal mit meiner Blutspende an die Mücke in meiner Schulzeit zusammenhängen? Und um welche Art von Kausalität handelt es sich? Um eine im Sinne der Naturwissenschaft? Hat mein Handeln eine auf mich bezogene genetische Stechhemmung in allen Mückenarten der Welt bewirkt? Oder folgen die Mücken einer Art Moralkodex, der ihnen verbietet, ohne Einwilligung das Blut von Wohltätern der Spezies anzuzapfen? Oder hat meine Mücke damals stellvertretend für ihre Artgenossen einen Vertrag mit mir geschlossen, besiegelt mit meinem Blut, an den sich alle Mücken der Welt bis heute halten, weil sie anders als wir Menschen von Natur aus vertragstreu sind? Die wenigen Ausnahmen, die es auch gegeben hat, erkläre ich mir damit, dass mich diese Mücken irrtümlich für einen anderen Menschen oder gar für ein Tier gehalten haben. Warum sollten sich nicht auch Mücken irren? Selbst Wissenschaftlern geht es ja oft nicht anders. Ist doch die Geschichte der Wissenschaft zugleich auch die Geschichte wissenschaftlicher Irrtümer. Leider sind nur wenige Wissenschaftler zu Lebzeiten so selbstkritisch wie jener in den Geschichten des weisen Brecht vom Herrn Keuner. Der antwortete auf die Frage, was er tue: "Ich bereite gerade meinen nächsten Irrtum vor"!

Schlussentspannung: Atemachtsamkeit R. W.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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