Sukadev Interview Yoga Aktuell Oktober 2007

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In der Ausgabe Oktober 2007 erschien in der Zeitschrift Yoga Aktuell ein Interview mit Sukadev Volker Bretz. Es ging dabei sehr viel über Sukadev, seinen Werdegang, sein Selbstbild, seine Aufgaben, über die Entwicklung von Yoga Vidya. Das Interview wurde so geführt, dass Nina Haisken die Interviewfragen geschickt hat, und Sukadev sie schriftlich beantwortet hat. Hier das vollständige Interview, das in dieser Yoga Zeitschrift erschienen ist:

Einleitung des Interviews

Yoga Vidya e.V. ist in der europäischen Yogalandschaft fast jedem ein Begriff. Der 1992 gegründete Verein umfasst heute neben dem Hauptsitz im Teutoburger Wald und einem Seminarhaus im Westerwald fast 50 Yoga Vidya Stadtzentren. Mit jährlich 51.000 Übernachtungen und über 1400 Seminarangeboten ist das Haus Yoga Vidya in Horn-Bad Meinberg Europas größtes Yoga- und Ayurveda-Seminarhaus. Kürzlich hat Yoga Vidya e.V. die Lippeklinik in Bad Meinberg erworben, wodurch die Kapazität des Zentrums auf 600 Betten ausgebaut werden kann und es somit zum weltweit größten Yoga- Seminarhaus außerhalb Indiens wird. Sukadev Bretz ist Gründer und Geschäftsführer von Yoga Vidya. Yoga aktuell stellte ihm einige Fragen.

Die Interviewfragen

Spirituelle Erfahrungen als Kind

In Ihrer Biographie ist zu lesen, dass Sie schon als Kind spirituelle Erfahrungen hatten. Woran erinnern Sie sich da speziell?

Als 4- und 5-Jähriger hatte ich öfters Lichterfahrungen, Engelsvisionen, Träume von Jesus, das Gefühl, meinen Körper zu verlassen und irgendwo mit meiner Umgebung eins zu sein. Im Gebet hatte ich oft die Erfahrung einer großen Nähe zu Gott.

Überflieger

In Schule und Studium waren Sie ein so genannter Überflieger, schlossen in Rekordzeiten und mit Bestnoten ab. Führen Sie dies u.a. darauf zurück, dass Sie sich schon in jungen Jahren mit Techniken zur Entfaltung des geistigen Potentials befassten?

Ab dem Alter von 8 Jahren hatte ich irgendwie das Gefühl, dass ich einmal eine wichtige Aufgabe haben würde, und dass dafür die geistigen Fähigkeiten wichtig sein würden. So übte ich systematisch nach einer Reihe von Büchern Techniken zur Konzentrations-, Willens- und Gedächtnisschulung. Ich entwickelte eine Faszination dafür, meinem Geist immer neue Aufgaben zu stellen, wie z.B. ein Buch in 2 Stunden zu lesen und den Inhalt wiedergeben zu können, jeden Tag ein ganzes Buch durchzulesen, alle deutschen, chinesischen und römischen Kaiser mit ihren Regierungsdaten auswendig zu lernen etc. Ich war mir dabei stets bewusst, dass nicht das, was ich lernte, von Wichtigkeit war, sondern die Schulung des Geistes. Ebenso trainierte ich Fähigkeiten wie ohne Wecker zu einer festen Zeit aufzuwachen, mich zu einer exakten Zeit an etwas Bestimmtes zu erinnern. Zusammen mit einem Schulkameraden machte ich parapsychologische Experimente. Als Jugendlicher hatte ich ein Pferd und wollte die Welt erfahren wie mein Pferd. Ich dachte, ich kann zwar nicht in den Geist des Pferdes schauen, aber ich kann mal probieren, ohne Wortgedanken bewusst zu sein. Diese Übung brachte mir fast mystische Einheitserfahrungen. Und ich lernte, meinem Pferd telepathisch Kommandos zu geben. Aus der heutigen Perspektive würde ich sagen: das waren Übungen aus dem Raja Yoga, dem Yoga der Geisteskontrolle, die mir vielleicht aus einem früheren Leben geläufig waren. Sicherlich haben diese Übungen dann dazu beigetragen, dass ich zwei Klassen übersprungen habe, in einem Semester die Zwischenprüfung für BWL absolvierte und mit 20 Diplomkaufmann war.

Initialzündung für das Yoga

Was war die Initialzündung für Ihren yogischen Weg?

.: Zunächst kamen ab dem 13. Lebensjahr die Fragen nach dem Sinn des Lebens: Wer bin ich? Was ist die Welt? Gibt es Gott? Hat Schicksal einen Sinn? Warum gibt es so viel Leiden? Über das Lesen der Bücher von Hermann Hesse kam ich zur Psychologie C.G. Jungs, zum Buddhismus und zur Mystik. Dann las ich ab dem Alter von 16 Jahren Bücher zu verschiedensten spirituellen, esoterischen und mystischen Wegen und praktizierte Meditation und andere geistige Übungen anhand von Büchern. Als ich dann mit 17 Jahren zum Studium nach München kam, fand ich den Weg ins Sivananda Yoga Zentrum und hatte schon beim ersten Besuch das Gefühl, irgendwie zuhause angekommen zu sein. Da die Meditationstechniken und Hatha Yoga Übungen sehr schnell tiefe Wirkung zeigten, übe ich seitdem sehr regelmäßig.

Yoga und Esoterik

Ihre Kenntnisse des Yoga und anderer esoterischer Disziplinen scheinen sehr breit gefächert und profund zu sein. Ist dieses Wissen manchmal auch ein Ballast – wie eine Art Schatz, den ein Mensch allein gar nicht ausgeben kann?

Breite Kenntnisse sind ein gutes Mittel gegen die Engstirnigkeit, den eigenen Weg für den allein richtigen zu halten oder in seinem Tümpel steckenzubleiben. Ich weiß, dass es viele Wege gibt und bemühe mich, die Logik und die Wirkungsweise verschiedener Systeme zu verstehen. So strebe ich eine Hochachtung für die Lehrer und Schüler verschiedenster Traditionen an. Und indem ich den eigenen Weg von verschiedenen Perspektiven aus immer wieder neu hinterfrage, vertiefe ich mein Verständnis des Yoga und lerne immer wieder neue Weisen, Yoga weiterzugeben.

Yoga Wissen verbreiten

Sehen Sie es als Ihre Aufgabe an, dieses Wissen an möglichst viele Menschen weiterzugeben?

1987 und 1992 hatte ich intensive Visionen von Swami Sivananda, dem Meister meines Meisters Swami Vishnu-devananda. Ich verstand darin, dass Yoga in der entstehenden Weltkultur des globalen Dorfes eine wichtige Rolle spielen würde, dass Yoga eine große Bedeutung haben würde, wenn das entstehende Zeitalter ein friedvolles sein sollte. So sehe ich tatsächlich als meine Aufgabe, mit dazu beizutragen, dass Yoga von möglichst vielen Menschen geübt wird. Ich meine, dass dabei dem Hatha Yoga mit seinen Asanas (Körperstellungen) Pranayama (Atemübungen) und Tiefenentspannung eine besondere Bedeutung zukommt. Viele Menschen haben in ihrer Kindheit/Jugend keine Unterstützung für ihre spirituellen Sehnsüchte bekommen, und wie ein Mantel von Verspannung und Ablenkung darüber gelegt. Hatha Yoga hilft, dass diese Verspannungen sich lösen, dass der Mensch seine Achtsamkeit nach innen richtet, die Sprache der Seele hörbar werden kann. Wenn jemand dann eine „Ader“ dafür hat, wird er durch das Üben von Hatha Yoga zur Spiritualität gebracht und kommt so zu den geistigeren Yoga Wegen wie Jnana, Bhakti und Raja Yoga, oder finden ihre spirituelle Heimat in Buddhismus oder auch wieder im Christentum. Andere haben vielleicht kein solches Verlangen nach Spiritualität. Ich meine, dass die Gesellschaft als Ganzes in jedem Fall davon profitiert: Menschen, die entspannt sind, werden zufriedener mit sich und der Welt sein. Dies trägt zum Frieden als Ganzes bei.

Ich sehe für die nächsten Jahrzehnte große Chancen und Gefahren: Erstmals in der bekannten Geschichte kann Hunger dauerhaft von der Erde verschwinden. In immer mehr Teilen der Erde wird Krieg undenkbar. Die Zahl der Länder, in denen Menschenrechte geachtet werden, Religionsfreiheit und Demokratie herrscht, steigt. Es ist denkbar, dass es in 30-40 Jahren eine Welt ohne Hunger, Kriege und Unterdrückung gibt. Andererseits kann über nuklearen Terrorismus Kampf der Kulturen mit ABC-Waffen, Umweltkatastrophen und Missbrauch des technischen Fortschritts in Gentechnik, Hirnmanipulation und künstlicher Intelligenz das jetzt bekannte Leben auf der Erde eliminiert werden. Wenn eine ausreichend große Minderheit inneren Frieden entwickelt, Gedanken des Friedens aussendet, zum Kanal von Lichtenergie wird, könnte die positive Vision Möglichkeit werden.

Hatha Yoga kann dazu beitragen. Viele Menschen kommen zum Hatha Yoga wegen Gesundheit, für Entspannung, für mehr Energie, Kreativität, wegen Schönheit oder einfach, weil Hatha Yoga „in“ ist. Es hilft, dass wissenschaftliche Forschung das offizielle „ok“ gibt, indem sie die unglaublichen Gesundheitswirkungen der regelmäßigen Yoga-Übung dokumentiert. Über Hatha Yoga kommen Menschen zu einer spirituellen Erfahrung, die vielleicht nie daran gedacht hätten, in eine Kirche zu gehen, ein religiöses Buch zu lesen, nach Gott zu streben. Der Mensch heute ist praktisch veranlagt: Er will etwas tun, das ihm schon bald eine Erfahrung bringt. Er will sich nicht auf die Zeit nach dem Tod vertrösten lassen. Yoga führt bald zu einer lebendigen Erfahrung. So führt Yoga viele Menschen erst zur Spiritualität, kann in sich ein Übungsweg zum Höchsten sein, und die verschiedenen Religionen bereichern.

Hatha Yoga kann dabei eine Vorbeugemaßnahme gegen Fundamentalismus sein: Recht praktizierter Hatha Yoga führt zur Wahrnehmung von dem, was im Inneren angelegt ist. Hatha Yoga öffnet das Herz auch für den anderen und seine Wahrheit. So hilft Hatha Yoga für tolerante Spiritualität.

Krishna sagt in der Bhagavad Gita, dass Gott sich in jedem Zeitalter aufs Neue inkarniert. Dabei nimmt Gott das Charakteristische jeden Zeitalters an. Ein Charakteristikum unseres Zeitalters ist die Demokratie. So ist es wahrscheinlich, dass im neu entstehenden Zeitalter sich Gott nicht in einer einzigen menschlichen Gestalt manifestiert sondern in jedem Einzelnen. Yoga kann Menschen reinigen, sie durchlässig, entspannt machen. So kann höhere Inspiration sich in jedem auf seine individuelle Weise manifestieren.

All das sind Gründe, weshalb ich meine, dass Yoga noch viel weiter verbreitet werden kann, sollte und werden wird.

Schüler von Swami Vishnu-devananda

Sie sind ein Schüler Swami Vishnu-devanandas, fühlen sich ihm und Swami Sivananda noch heute eng verbunden. Warum gründeten sie mit dem Verein Yoga Vidya eigene Zentren, die nicht den Sivananda Zentren angehören?

Ich sehe mich hier in der Tradition von Swami Vishnu-devananda: Er lernte 12 Jahre bei Swami Sivananda. Swami Vishnu hatte viele Ideen zur Weitergabe des Yoga, die in der Divine Life Society nicht geklappt hätten. So ging er 1957 nach Amerika und gründet dort im Alter von 30 Jahren eigene Zentren gründete, die nicht den von Swami Sivananda gegründeten Divine Life Society Zentren angehörten. Einige Schüler von Swami Sivananda machten dies: Swami Satyananda gründete die Bihar School of Yoga und die Satyananda Zentren, Swami Satchidananda die „Integral Yoga Institutes“. So lernte ich 12 Jahre bei Swami Vishnu-devananda, bevor ich mit 30 Jahren die Yoga Vidya Zentren gründete. Echte Gründe sind schwer zu finden. Es spielte eine Rolle, dass die Vorstandsmitglieder in den Sivananda Yoga Vedanta Zentren alle mindestens 20 Jahre älter waren als ich, Swamis (Mönche) waren und ich nicht, dass ich eher demokratisch-partizipatorische Organisationsstrukturen bevorzugte und Yoga in einer Breite und Tiefe weitergeben wollte, was bei den anderen und auch bei Swami Vishnu-devananda auf Widerstand stieß. Letztlich habe ich mich aber geführt gefühlt. Das Schöne ist, dass die Schüler von Swami Sivananda freundlich und respektvoll miteinander umgehen, auch wenn sie verschiedenen Vereinen angehören. So haben wir enge Kontakte mit der von Swami Sivananda gegründeten Divine Life Society, Yoga Vidya organisiert regelmäßig Gruppenreisen in den Sivananda Ashram Rishikesh, und Swamis von dort besuchen uns. Ich habe gute und herzliche Kontakte mit Swami Durgananda und Swami Sivadasananda vom Vorstand der Sivananda Yoga Zentren. Wir besuchen uns gegenseitig. Ein Leitmotiv von Swami Vishnu-devananda war ja: Einheit in Verschiedenheit.

Yoga Vidya und Sivananda Yoga Vedanta

Inwiefern unterscheidet sich das Angebot bei Yoga Vidya von dem der Sivananda Zentren?

Das Angebot bei Yoga Vidya geht mehr in die Breite und mehr in die Tiefe. Bei Yoga Vidya haben wir die von Swami Vishnu-devananda gelehrte Grundreihe, manchmal „Rishikesh-Reihe“ genannt, in verschiedene Richtungen weiterentwickelt und angepasst. So gibt es (1) therapeutische Reihen, wie z.B. Yoga für den Bauch, Yoga für den Kopf, Yoga gegen Allergien, Yoga fürs Herz (ohne Umkehrstellungen), Yoga bei psychischen Störungen etc. Dieser therapeutische Bereich entwickelt sich gerade, auch in Zusammenarbeit mit Therapeuten vom Kaivalya Dhama Institute und dem Vivekananda Kendra, z.Z. besonders weiter. (2) Yoga für bestimmte Altersstufen, wie z.B. Yoga für Schwangere, für 3-5-Jährige, für 6-10-Jährige, für 11-13-Jährige, für Jugendliche, Hormonyoga für Frauen in den Wechseljahren, Seniorenyoga, Yoga im Rollstuhl. (3) Yoga für Sportler, wie z.B. Yoga Vidya Fitnessreihe besonders für Krafttraining und Kondition, Yoga Vidya Bodywork mit Partner-Asanas zur schnellen Steigerung der Flexibilität. (4) Spirituell ausgerichtete Reihen wie Yoga für Energieaktivierung und Chakra-Öffnung, Yoga mit Affirmationen zur geistigen Entwicklung, Hatha Yoga als Ganzkörpergebet, philosophisch ausgerichtetes Hatha Yoga.

Aufbauend auf einer Yogalehrer Grund-Ausbildung gibt es dann Weiterbildungsseminare für all diese speziellen Yoga Reihen.

Ein zweiter Schwerpunkt bei Yoga Vidya ist die Verbindung mit anderen Übungssystemen, wie z.B. Yoga und Ayurveda, Yoga und Thai Massage, Yoga und westliche Psychotherapie. Als drittes gibt es bei Yoga Seminare und Ausbildungen von einer besonderen Tiefe: Wir haben Kundalini Intensivseminare mit sehr intensiver Praxis, die sehr schnell zu einer sehr intensiven Erfahrung führen, Meditation Schweige-Retreats, Mantra-Intensivwochen und Asana-Workshops, die bis zu 6 Stunden am Stück gehen können. Wir haben mindestens 3-jährige Vollzeit-Acharya Studiengänge und den Yoga Vidya Visharada Studiengang, der über 1800 Unterrichtseinheiten hat und mindestens 4 Jahre dauert, indem die Teilnehmer alle wichtigen Yoga Schriften kennen lernen und sehr tief in die Spiritualität des Yoga kommen. Das Besondere bei Yoga Vidya ist sicherlich die Breite und die Tiefe des Angebots, das dabei immer den Kern des klassischen Yoga nach Swami Sivananda beibehält.

Bei Yoga Vidya ist sehr charakteristisch, dass der Yogalehrer sehr auf die Bedürfnisse des Schülers eingeht bzw. den Schüler ermutigt, besonders auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten.

Yoga Vidya auf Wachstumskurs

Yoga Vidya ist weiterhin auf Wachstumskurs. Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung der „Yogaszene“ ein – wird die Zahl der Praktizierenden weiterhin sprunghaft ansteigen oder ist irgendwann ein Sättigungsgrad erreicht? Und welche Rolle werden neue Yogastile wie Power Yoga etc. spielen?

Laut einer Umfrage von Focus praktizieren zur Zeit 2,5 Millionen Menschen in Deutschland regelmäßig. 80% der Deutschen stehen dem Yoga positiv gegenüber. Da können also noch viele Menschen mit regelmäßiger Yoga Praxis beginnen. Ich halte eine Verdoppelung bis Verdreifachung der regelmäßig Übenden in den nächsten Jahren für möglich. Eine Stärke des Yoga ist seine Anpassungsfähigkeit an die Bedürfnisse der Menschen. So wird es immer wieder neue Arten geben, Yoga zu praktizieren. Allerdings steht Yoga in Deutschland doch mehr für Entspannung und meditative Bewegung. So glaube ich nicht, dass anstrengende Yoga-Stile wie Power-Yoga in Deutschland eine zu große Rolle spielen werden.

Nächste Projekte bei Yoga Vidya

Wir hoffen, in den nächsten Monaten ein drittes Yoga Seminarhaus an Ost- oder Nordsee zu eröffnen. Außerdem sollen bis Ende des Jahres noch ein paar weitere Yoga Vidya Stadtzentren eröffnet werden. Im Haus Yoga Vidya Bad Meinberg wollen wir das Angebot der Yoga Therapie ausbauen, sowohl für Betroffene als auch als Weiterbildung für Yogalehrer. Und in 2-3 Jahren wollen wir ein Yoga Retreat-Haus in Süddeutschland aufmachen für intensive Yoga Seminare, Meditations-Retreats und andere Intensiv-Praktiken. Ebenso wollen wir uns in Zusammenarbeit mit Universitäten noch mehr auf dem Gebiet der Yoga Forschung engagieren.

Leben im Ashram

Sie leben seit Jahren in Ashram-Verhältnissen. Ist das nicht manchmal anstrengend? Und wie lässt es sich mit dem Eheleben vereinbaren?

Ich lebe seit 25 Jahren in Yoga Zentren und Ashrams. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Ein spirituelles Leben in dem Arbeit, spirituelle Praxis und Unterrichten in einer spirituellen Atmosphäre integriert sind, und wo man mit anderen spirituellen praktischen Idealisten zusammen lebt, was könnte es Besseres geben? Und meine Frau arbeitet ja auch bei Yoga Vidya seit bald 14 Jahren mit. Wir haben unsere regelmäßigen gemeinsamen freien Nachmittage, haben ein kleines Apartment, in dem wir meistens zu zweit unsere Mahlzeiten zu uns nehmen und auch in einem kleinen privaten Meditationsraum zusammen (oder allein) praktizieren können. Und dann nehmen wir uns zwischendurch immer wieder mal Zeit für einen gemeinsamen Spaziergang, auch zusammen mit unserem wunderbaren Hund, ein australischer Kelpie. Allein schwinge ich mich gerne auch mal einfach aufs Fahrrad, fahre hier für eine halbe oder eine Stunde (und manchmal auch einen ganzen Tag lang) durch die wunderschöne Gegend, bzw. meditiere irgendwo an einem Kraftplatz in der Natur. So haben wir eine gute Mischung aus Privatsphäre und Gemeinschaft.

Immer gleicher Tagesablauf?

Gibt es nie Tage, an denen es ermüdend wird, an denen man sich nach einem „ganz normalen“ Leben in Privatsphäre sehnt und keine Lust hat, schon morgens mit den anderen zu chanten?

Ich muss zugeben, das hat es bei mir wirklich nicht gegeben. Das Leben in einer Yoga Gemeinschaft ist für mich immer ideal gewesen.

Vorbild und Galionsfigur

Sie sind für viele Yogapraktizierende Vorbild und Galionsfigur, haben auch viel organisatorische und finanzielle Verantwortung. Wird der Druck nicht manchmal groß? Wie gehen Sie mit der Situation um?

Ich sehe mich selbst nur als Instrument. Ich bitte Gott und Meister Sivananda um Führung. Und wenn mal wieder eine finanzielle Krise kommt, und die gibt es bei uns immer wieder, oder es unter den Mitarbeitern immer mal wieder menschelt, dann gebe ich die Verantwortung weiter an Gott und den Meister. Ich bemühe mich zwar, das zu tun, was zu tun ist, weiß aber, dass ich nur ein Instrument bin, und dass letztlich geschieht, was geschehen soll. So kann ich ruhig schlafen und meditieren inmitten von allem…

Urlaub...

Wann haben Sie das letzte Mal Urlaub gemacht?

Im Januar/Februar zusammen mit meiner Frau drei Wochen lang im Sivananda Ashram in Rishikesh Indien. Meist fahren wir 1-2 Mal im Jahr für 1-3 Wochen in Urlaub, mal weiter weg, mal nicht so weit weg, mal Urlaub als intensive spirituelle Praxis, mal eine Mischung aus Wandern, spiritueller Praxis und Schwimmen.

Eigene Sadhana?

Haben Sie selbst noch Zeit zum Unterrichten und für die eigene Sadhana im klassischen Sinn? Oder bleibt dafür durch die mit der Geschäftsführung verbundenen Aufgaben wenig Gelegenheit?

Wir haben bei Yoga Vidya sehr gute und verantwortungsvolle Mitarbeiter, die den großen Teil der Leitungsaufgaben selbstständig übernehmen. Ich bin da mehr koordinierend und inspirierend als „geschäftsführend“ tätig. Ich verbringe täglich etwa 1-2 Stunden vor dem PC und ca. 2-3 Stunden in diversen Besprechungen und Telefonaten, welche natürlich auch spirituelle Unterweisung enthalten. Morgens und/oder abends leite ich in Bad Meinberg den gemeinsamen “Satsang“ mit Gruppenmeditation, Mantra-Singen und Vortrag und übe jeden Tag meine 1-3 Stunden Asanas, Pranayama und individuelle Meditation. Ab und zu ziehe ich mich für ein paar Tage, Wochen oder Monate für intensivere Praxis zurück. An 4-5 Monaten im Jahr leite ich Yogalehrer Ausbildungs-, Weiterbildungs- oder Intensivseminar-Wochen oder reise durch einige Yoga Vidya Zentren für Vorträge, Workshops und Seminare. Den Rest des Jahres leite ich (außerhalb der Urlaubszeit…) jeden Freitag bis Sonntag ein Wochenendseminar im Haus Yoga Vidya Bad Meinberg oder Westerwald. Und zwischendurch schreibe ich jedes Jahr ein Buch. Die meisten Menschen sind es vermutlich gewohnt, Arbeit, Yoga Praxis, Privatleben und Unterricht voneinander zu trennen. Für mich verschmilzt letztlich alles in einem integrierten Yoga-Leben.

Essenz des Yoga

Ein Versuch, die Essenz des Yoga in Worte zu fassen – wie würden Sie sie benennen?

Yoga heißt Harmonie, Erweckung und Einheit. Yoga verhilft, mit dem Bekannten in Harmonie zu leben, das noch nicht Bekannte zu verwirklichen und letztlich zur höchsten Einheit zu kommen.

Vision

Haben Sie eine spezielle Vision?

Stellen wir uns doch mal eine Welt vor, in der Yoga einen selbstverständlichen Platz im globalen Dorf bekommt. Kinder üben schon im Kindergarten Yoga. Yoga ist im Schulunterricht integriert und hilft Studenten, den Uni-Stress straffer Lehrpläne in intellektuelle Herausforderung kreativ umzuwandeln. Yoga wird in Physiotherapie, in Rehakliniken, in Altersheimen, in die Psychotherapie, in alle Fitnesszentren, im Leistungssport eingesetzt. Politiker meditieren vor den Gemeinderats-, Landtags- und Bundestags-Sitzungen zusammen. Es gibt ein breites Spektrum von verschiedensten Yoga Richtungen, die sich alle gegenseitig achten und wissen, dass es daneben noch viele andere Übungssysteme gibt. Menschen achten sich gegenseitig und wissen, dass es verschiedene Wege zu Gott oder zur inneren Wahrheit jedes Einzelnen gibt. Menschen haben die Kraft und Inspiration, kreativ voller Liebe und Energie die Herausforderungen des Alltags anzugehen, ohne vom Alltag getrieben zu sein. Eine solche Welt ist möglich. Dazu kann jeder einzelne einen kleinen oder größeren Teil beitragen.

Siehe auch

Sukadev Interview Yoga Aktuell September 2005

Weblinks